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Baumeister Zeitschrift f체r Architektur 107. Jahrgang November 2010

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D 15 EUR A, L 17 EUR CH 23 SFR

Wohnstadt Zwischen Monument und Ensemble Pro und contra: Marco Polo Tower in Hamburg Interview: Wolf D. Prix im Gespr채ch


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Schlingernder Stapel Marco Polo Tower in Hamburg Behnisch Architekten In B7 hatten wir uns kontrovers mit einem Thermalbad in der Schweiz auseinandergesetzt. Auch dieses Wohnhochhaus in der Hamburger HafenCity provoziert unterschiedliche Kommentare und ist eine Auseinandersetzung wert.

Es geht auch anders. Zwar beschr채nkt sich das Experiment HafenCity auf den St채dtebau, aber der Marco Polo Tower ragt neben der Unilever-Verwaltung auch als Architektur-Fanal aus der Konvention der popul채ren Hamburger Bauordnung.


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Marco Polo Tower in Hamburg

Pro: Unten eng verschieben, nach oben ausschwärmen von Gert Kähler

„Ick bün all‘ door!“ rief der Igel, als er den armen Hasen hetzte, bis dieser tot umfiel – Kleinkrieg im Tierreich. „Wi sünd all‘ door!“ rufen die ersten Bewohner am Strandkai (wenn sie denn Plattdeutsch können), obwohl dessen Bebauung erst für Ende 2014 vorgesehen ist. Dass der Marco Polo Tower bereits jetzt bewohnt werden kann, hat angenehme Aspekte für sie: Sie können sich an der schönen Aussicht die Elbe abwärts erfreuen. In den nächsten Jahren müssen sie allerdings in den unteren Geschossen hautnah erleben, wie ihnen diese sukzessive zubetoniert wird. Wohnen unter Seinesreichen Der niederländische Lebensmittelkonzern Unilever hatte es eilig mit dem Neubau seiner Deutschlandzentrale (siehe B11/2009), nachdem er festgestellt hatte, man müsse aus dem alten Hochhaus ausziehen. Die HafenCity, Hamburgs Vorzeigeprojekt, sollte der neue Standort sein. Am Strandkai, direkt am Ufer der Elbe, sollte die Mischung aus Arbeitsplatz & Ambiente exemplarisch realisiert werden, und Unilever ließ sich darauf ein: Sie akzeptierten die Verbindung von Arbeit und Wohnen, obwohl sie eigentlich nur das Haus der Arbeit brauchten; dafür musste die Stadt akzeptieren, dass der Bau vorgezogen wurde. Das Bürohaus wurde mit einer öffentlichen Passage und den Terrassen am Elbufer zum höchst attraktiven Ort. Und der Wohnturm wurde gleich mitprojektiert, selbst wenn die Gehälter der Angestellten schwerlich zum Kauf der Wohnungen ausreichen. Denn die Preise der Eigentumswohnungen liegen nach Aussage der HafenCity GmbH im Luxusbereich, „in Einzelfällen, wie exklusiven Penthouses, kostet der Quadratmeter über 10 000 Euro“. Na und? Die Frage ist nicht, ob es Luxuswohnungen gibt, sondern ob den Preisen ein angemessener Wert gegenübersteht. Nun betrachtet den jeder auf seine Art. Aber ich würde hier gern wohnen, wenn ich es mir leisten könnte (selbst dieser Artikel hier wird mich dem Ziel nicht näher bringen!). Das einzige, was mich stören würde, sind die anderen Bewohner – die sind alle so reich! Im übrigen zeigen soziologische Untersuchungen, dass sich in der HafenCity eine durchaus bürgerliche Mittelschicht ansiedelt, mit Kinderzahlen wie in anderen, vergleichbaren Stadtteilen – das Vorurteil des Reichengettos dort bedient zwar postpubertäre Sozialismus-Fantasien, lässt sich aber durch die Realität widerlegen. Was die Anhänger jener Fantasien allerdings noch nie gestört hat.

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Eine Ikone in der neuen Stadtmauer Was derzeit zwischen Strandkai und Elbbrücken entsteht, ist Hamburgs neue Seaside. Jedem, der mit Bahn oder Auto von Süden her die Stadt erreicht und nicht im Tunnel der A7 verschwindet, präsentiert sie sich in einigen Jahren nicht mehr als Hafenbrache mit den historisch bedeutsamen, ersten modernen Hafenanlagen, mit denen man aber nicht mehr so recht etwas anzufangen wusste. Demnächst zeigt sich hier eine neue „Stadtmauer“ aus hellen, etwa sieben Geschosse hohen Häusern. Darin haben diejenigen Glück, die mehr dürfen, nämlich entweder als Elbphilharmonie in der Höhe zu den Kirchtürmen aufschließen oder, um die gerade noch sichtbar zu lassen, bis zu 55 m hoch als Turm in der Stadtmauer emporragen. Der Marco Polo Tower gehört dazu. Also ein Wohnturm mit Fernwirkung, die heute viel stärker auffällt als später, wenn die Wand geschlossen ist. Dieser Turm fächert sich nach oben auf, weil oben der Blick immer schöner (und die jeweils darunter liegende Wohnung im Sommer verschattet) wird. Die Grundrisse beruhen auf einem simplen Muster, einem Erschließungskern im Zentrum, von dem aus windmühlenartig die Wohnungstrennwände laufen. Die Aufteilung ist frei; die Wohnungen können fast beliebig aufgeteilt werden. In den obersten Geschossen gibt es Maisonnette-Wohnungen. Das Prinzip ist: Das Eckige muss in das Geschwungene, das durch die fließenden Linien der Balkonbrüstungen gebildet wird – sie prägen die Form des Turms. Drinnen individuell, draußen unkonventionell Geliefert werden nur aussteifende Wände, Kern, Außenwand und -räume – alles andere wird individuell von Innenausstattern entwickelt: „Ausstattungslinien“, die es sonst eher im Automobilbau gibt und auch hier Zusatzkosten verursachen. Aber das soll Privatsache bleiben, und ob der Adolf Loos‘sche „arme reiche Mann“ nicht doch unglücklich wird bei so viel Design, überlassen wir ihm. Aber die Außenwirkung können wir ihm nicht überlassen. Wäsche wird er (oder seine Geliebte) nicht auf dem Balkon aufhängen, so dass der Turm als elegantes Signal eines neuen Wohnens am Wasser steht, die Beton-Fertigteile makellos, wenn auch der Hamburger Regen – doch, es gibt ihn noch, obwohl er in der HafenCity abgeschafft werden soll! – sein Teil dazu beitragen wird, den Turm irdischer werden zu lassen. Zur Zeit wohnen erst rund 1500 Menschen in der HafenCity. Das so ersehnte städtische Leben wird vor allem aus den unablässigen Touristenströmen gespeist; jede Stadtrundfahrt macht inzwischen dort Halt, weil der neue Stadtteil offenbar attraktiv ist, zumindest streitfähig. Wo gibt es das schon im modernen Städtebau? Da muss Stuttgart 21 noch lange für stricken! Aber wo viele andere Wohnbauten konventionell wirken, das Experiment „HafenCity“ sich auf den Städtebau beschränkt, da zeigt dieser Turm: Es geht auch anders. Unhamburgisch, wenn man den roten Klinker erwartet. Hamburgisch, wenn der Blick in die weite Welt schweifen darf, wo die Geschäfte gemacht werden. ●


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Die Investition lohnt sich: Mit der Höhe, wo die aussichtsreichen Wohnungen teurer werden, vergrößert sich die Grundfläche. Die gewohnte tektonische Ordnung scheint außer Kraft gesetzt.


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Marco Polo Tower in Hamburg

Contra: Baumkuchenspitzen, kinderlos von Gerwin Zohlen

Ein Statement zum Marco Polo Tower, dem jüngsten Hui-Spektakel der notorischen HafenCity in Hamburg? Wozu denn, wieso denn, warum bloß? Bezahlt wird’s doch eh! Pfeffersäcke haben immer irgendwo ein stilles Depot! Elbphilharmonie, zigmal teurer als angekündigt, aber nur die Presse regt sich auf. Der erste Bürgermeister tritt dennoch zurück, weil ihm die Finanzen um die Ohren fliegen und er die 300 Millionen zusätzliche Philharmoniemäuse eigentlich für die soziale Stadt, Universität, U-Bahn oder meinethalben auch Kita- und Schulreparaturen gebraucht hätte. Offensichtlich fand er aus der Symbolpolitik des philharmonischen Musikspeichers nicht mehr heraus. Also k.o. und Handtuch in der 6. Runde. Schon recht, ich habe Ole von Beust nicht befragt oder auf Sylt belauscht und reime mir alles nur zusammen. Aber wer heute durch die HafenCity läuft, hört eben auch einiges von „gestreckten“ Bauprojekten, die nicht der Finanzkrise, sondern den immer höher schlagenden Finanzwellen der Elbphilharmonie geschuldet sind. Pittoresk sieht der neue Stadtteil nur von oben oder von einem der schmucken Elbdampfer aus. Zu Fuß entdeckt man die B-Ware berühmter Architekten; beliebte Gimmicks der Moderne, gläsern aufgerissene Wände, gläserne Brüstungen, gläserne Terrassen, gläserne Wintergärten. Und wenn die allfälligen bodenlangen Seiden- oder Chintzvorhänge mal nicht vorgezogen sind, kann man sich auch schon mal an nackten Tatsachen erfreuen. Wenn sie denn erfreuen! Lebt Stadt? Macht Architektur glücklich? Auch staunt man über die alltägliche Leere in den hübschen Sträßchen. Das ehrgeizige Stadtbauprojekt sollte als Beweis einer heute und mit modernsten Architekturmitteln noch herstellbaren Urbanität dienen, west aber so still und tot vor sich hin wie alle gated communities sonst auch. Das liegt an den Top-Preisen, die hier für Wohnflächen verlangt werden. Paradoxerweise dürften sie mit ein Grund sein, weswegen überhaupt gekauft wird, denn solche Preise zahlen vor allem Leute, die sich aus Sicherheitsgründen gleich noch ein oder zwei Apartments in Dubai und New York oder Moskau und Shanghai zulegen, damit sie gegebenenfalls nicht auf der Straße stehen! Meist sind sie mehr im Flugzeug unterwegs als auf dem Strandkai. Und für diese Klientel ist auch der Marco Polo Tower entworfen: prominent schon aus dem Flugzeug zu erkennen, mit prominentem Elbblick, auf der Landzunge prominent geschützt vor zudringlichen Besuchern. Oder wie Makler

Dampfermotiv, spielerisch gestapelt. Dass das Gebäude hervorragend detailliert ist, muss auch der Kritiker, dem diese auffallende Sonderform des Städtischen zuwider ist, zugeben.

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stabreimend beten: Lage, Lage, Lage. Das einzig Störende für Käuferaugen könnte die Nachbarschaft zum UnileverHaus des nämlichen Architekten sein. Wer mag schon neben einem Haus in Frischhaltefolie wohnen, die mit einer ganzen Orgie von stählernen Druckstäben in Form gehalten wird! Das geht beim Steak im Supermarkt heute schon eleganter. Dafür weisen die Wohnungsgrundrisse eine im Marketing kräftig angepriesene Freiheit auf. Man darf sie buchstäblich nehmen: frei von allen Setzungen und Vorschlägen des Architekten. Dafür Tortenstücke, die für sogenannte „Designlinien“ der Inneneinrichtung vorgehalten werden und den Gestehungspreis noch mal rasch ins Unermessliche treiben. Das nennt man Cleverness beim Einsammeln der Goldkrümel, aber von Architektur sollte man hier nicht ernsthaft reden – wobei ich gegen die Goldkrümel persönlich natürlich keine Einwände hätte. Gold allein macht bekanntlich nicht unglücklich. Eine Demonstration des Modernen als Architektur-Wellness? Zugegeben, die vorgefertigten Betonelemente der versetzt gerundeten Balkonbrüstungen beim Marco Polo Tower sehen von Nahem gut aus, Reste vom Architektenethos sind hier bemerkbar. Huschhusch ist der Turm offensichtlich nicht zusammengeschraubt. Aber die Form, die Großform! Ein Trichter, auf der Nadel balancierend. Wozu? Dass die modernen Bautechnologien die alten statischen Gesetze des Materials außer Kraft gesetzt haben, begutachten wir seit 100 Jahren. Langsam ödet solche Demonstration von Modernität nur noch an, weil sie angesichts der wirtschaftlichen, politischen, ach, der ökologischen Weltlage komplett überholt und zum Historismus der Moderne verkommen ist. Um es auf eine Plattformel zu bringen: Je härter die Weltlage, desto softer, weicher und organischer scheinen die Architekturformen à la mode zu werden. Nur nicht anecken, sondern soft touch und ein bisschen Gaze, damit die Wirklichkeit verschwindet oder erträglich bleibt. Ein kluger Philosoph hat das mal die Ästhetik des intrauterinen Rückkehrwunschs genannt; der Fötus schwimmt geborgen und geschützt im Fruchtwasser, gedämpft nur klingt der Beat der Wirklichkeit heran. Eben daran erinnert all das weich gespülte und handsome abgeschliffene Design unserer Tage, von den hübschen Hochhäusern bis zu den bescheuerten Geländewagen in der Stadt, ob von Audi oder Porsche, von Behnisch oder Graft. Nüchtern besehen sieht der Marco Polo Tower mit seiner zentralen Erschließungsstange aus wie ein unversehens aufgesteckter Baumkuchen, von dem nachts Zuckerspitzen gebrochen werden können; Zuckerguss aus Kindertagen. Und wenn die Melancholie des Sonnenuntergangs abends auf die Balkonterrassen fällt, erkennt mancher vielleicht ein Stück aus Walter Benjamins „Haschexperimenten in Marseille“. Kinder werden die schöne Betrachtung gewiss nicht stören, dazu sind die Wohnungen denn doch zu kostbar. ●


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Auch hier gilt wie beim Handy: „Ich nehme nur die Flats, die ich brauche.” Das Atrium (linke Seite) empfängt mit der Eleganz eines Luxus-Hotels. Eine Wohnung im zehnten Geschoss haben Behnisch Architekten eingerichtet.


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Bauherr: Projektgesellschaft Marco Polo Tower GmbH & Co. KG Architekten: Behnisch Architekten, Stuttgart Stefan Behnisch, David Cook, Martin Haas www.behnisch.com Mitarbeiter: Katja Knaus, Anja Willmann, Anna Bilinska, Hie Gown Ohh, Zheng Sun, Konstantin August, Su Jeong Park, Andreas Gerlsbeck, Stefan Sindlinger Tragwerksplaner: Weber Poll, Hamburg HLS: Heinze Stockfisch Grabis + Partner, Hamburg Bauphysik: ITA Ingenieurgesellschaft für Technische Akustik mbH, Weimar, Legefeld Horstmann + Berger, Altensteig Fassadenplaner: Prof. Michael Lange Ingenieurgesellschaft mbH, Hamburg Brandschutz: hhpberlin, Berlin Lichttechnik: Licht01 Lighting Design, Hamburg Landschaftsgestaltung: EMBT, Barcelona Fertigstellung: 2010 Standort: Hübener Straße 1, Hamburg Dachdeckung: www.universum-dachbau.de; www.luks-voigt.de Fassadensystem: www.lindner-group.com Rohbau: www.bss.ag Fliesen: www.fliesen-baas.de

Wenn es denn so wäre: Arbeiten bei Unilever (links) und gleich daneben im Marco Polo Tower wohnen. Was sagt die WorkLife-Balance dazu?

Fotos: Roland Halbe, Stuttgart


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Linke Seite: Lageplan M 1 : 2500, Schnitt M 1 : 750

Grundrisse M 1 : 500

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