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Baumeister Zeitschrift für Architektur 108. Jahrgang September 2011

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Schöne neue Bürowelt? Wie und wo wir morgen arbeiten Zehn Jahre 9 ⁄ 11 Vier New Yorker Architekten im Gespräch

Außerdem Atelier Bow-Wow, Max Dudler, Steve Jobs, Ernst May, Saskia Sassen, Ben van Berkel, Friedrich von Borries


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Skulpturale Geste auf der Höhe der Zeit UNStudio Steuerbehörde und Amt für Studentenkreditvergabe in Groningen von Peter Neitzke

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eim Entwerfen, sagt Ben van Berkel während eines Gesprächs, komme es heute darauf an, „die Gefahren des form-building“ zu erkennen.1 Über die Risiken von Entwurfsmethoden, die auf einem falsch verstandenen Parametrismusbegriff beruhen und zu eindimensionalen und leeren Formen führen, schreibt er in einem Dean’s Statement, das man auf der Homepage der Frankfurter Städelschule entdeckt, wo der Mitbegründer von UNStudio die Architekturklasse (Advanced Architectural Design) leitet: „Überall in der Welt produzieren digitale Entwurfslaboratorien einen endlosen Strom unfertiger Kompositionen in Form hektisch gekrümmter Spaghetti, unzugänglicher Blobs und, letzte Zuflucht, dünenartiger Gebilde, die entstehen, wenn man Blobs in Spaghetti verwandelt – gleich ob das Thema des parametrischen Design ein Museum ist, eine Schule, ein Bahnhof oder die Villa einer reichen Person. Oder ob das Objekt an einer Küste stehen soll, in einer Stadt oder an irgendeiner postindustriellen Peripherie.“ 2 Entscheidender für das form-building sei es, fügt er im Gespräch hinzu, zeitgemäße intelligente Lösungen zu entwickeln, um zu einer „deeper quality of architecture“ zu kommen. Eine Architektur, die progressiver sei in Bezug auf Nachhaltigkeit und Flexibilität, müsse hinsichtlich der von ihr eingesetzten Technologien in hohem Maße innovativ sein. „Otherwise you can’t play with the architecture.“ 3 Fazit: Wer heute zeitgemäß entwirft, orientiert nicht mehr allein auf das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper. Zeitgemäß entwirft, wer Themen und Parameter projektbezogen auswählt, wer deren Zusammenspiel kunstvoll zu organisieren und sie in einem architektonischen Projekt komplex zusammenzuführen weiß. Parametrismus: Das ist für Ben van Berkel eine Chiffre für diese Methode des Entwerfens. ►


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Titelthema: Schöne neue Welt der Arbeit

Ben van Berkel formuliert mit seinem Bürobau eine auffällige skulpturale Geste. Doch einen Autist bauen wollte der Niederländer nicht. Das Gebäude feiere den Kontext geradezu, sagt er.

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Zeitgemäß entwerfen heißt auch, denen, die architektonische Objekte nutzen, „zeitgemäße räumliche Erfahrungen“ zu ermöglichen. Die Architektur des Bürogebäudes, das im holländischen Groningen die Steuerbehörde und das Amt für Studentenkreditvergabe beherbergt, ist angewandte, die Grenzen des konventionell Architektonischen weit überschreitende Komplexität: Wissen aus Disziplinen, das in seinem Zusammenwirken die organisatorischen, sozialen, technischen und ästhetischen Qualitäten eines Gebäudes hervorbringt, das bereits als einer von Europas nachhaltigsten großen Bürobauten bezeichnet worden ist. Kontext Der auf den ersten Blick wie ein insulares Unikat wirkende Bau, nach dem Abriss älterer Bürobauten nachbarschaftslos, formuliert ein höchst prägnantes Merkzeichen: eine auffällige skulpturale Geste, die dem Stadteingang eine Form gibt. Wer Groningen mit dem Zug erreicht, wird sie nicht mehr vergessen. Der Grundriss antwortet auf das zur Verfügung gestellte städtische Grundstück. Sein Kontext? Das Gebäude feiere ihn geradezu, sagt Ben van Berkel. Etwa die angrenzende Waldung. Die Schnittfigur und die Terrassen bewahren das Mikroklima des geschützten Grünraums und dessen seltene Pflanzen und Vögel vor Fallwinden, wie sie in der Nähe von Hochhäusern entstehen. In naher Zukunft wird das Gebäude von einem großen öffentlichen Stadtgarten mit einem Weiher und einem multifunktionalen Pavillon mit Shops umgeben sein. Dimensionen eines Kontexts als eine Folge von Bildern, die sich in unterschiedlichsten Perspektiven auch aus dem Inneren des hochtransparenten Gebäudes wahrnehmen lassen. Was man sieht – und was man erfährt Sanft gekurvt, besteht das Gebäude aus zwei unterschiedlich hohen, auf einem gemeinsamen, mehrgeschossigen Sockel sitzenden Gebäudeteilen. Bereits der Grundriss zeigt, was das Konzept von Bürobauten konventionellen Zuschnitts unterscheidet. Im Innern lässt es sich räumlich erleben: An die Stelle der gewohnten langen, oft in Sackgassen endenden geraden Flure und nutzerspezifisch gesetzten Raumzellen treten hier offene Bewegungsräume. Sie erschließen nicht nur die Arbeits- und Aufenthaltsbereiche, die Serviceeinrichtungen, Treppenhäuser und Aufzüge, sie machen den schleifenförmigen Grundriss transparent und visuell erfahrbar. „You follow a space as a space can follow you“, sagt van Berkel. Die aerodynamische Form des 92 Meter hohen Gebäudes – an der außergewöhnlichen Schnittfigur lässt es sich ablesen – ist das Resultat umfangreicher, von technologischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen geprägter Studien. Die gerundeten Kopfpartien ebenso wie das Konzept und die Detaillierung der plastisch „atmenden“ Fassade minimieren nicht nur die Windbelastung. Mit den je nach Himmelsrichtung unterschiedlich gewinkelten und prominenten – und damit unterschiedliche Fensterhöhen und die skulpturale Figur des Gebäudes bedingenden – Spoilern (Ben van Berkel nennt sie fins, Leitwerke) wird die Zusammenfassung mehrerer Funktionen in einem einprägsamen, das architektonische Bild des Hauses charakterisierenden Detail erreicht. ►

Offene Bewegungsräume zeichnen das Konzept des Gebäudes im Inneren aus. Der schleifenförmige Grundriss wird so auch visuell erfahrbar.


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Die runden Fl채chen unter der Decke sind Beleuchtungselemente, Sprinkleranlage und Design-Statement in einem. Sie bedecken 50 Prozent der gesamten Deckenuntersicht.


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Unter den Decken sind kreisförmige, rund 50 Prozent der Flächen bedeckende Schallschutzelemente montiert, die zugleich Beleuchtungselemente und Sprinklerköpfe aufnehmen.

Die Spoiler sorgen für optimale Tageslichtumlenkung bei jahreszeitbedingt unterschiedlichen Sonnenständen; sie verschatten die darunterliegenden Fensterzonen, und sie senken die Windbelastung, indem sie die Windkräfte umlenken und, ähnlich der Schallabsorption, in den Hohlräumen der von der Fassade um 50 mm abgerückten Spoiler dämpfen. An einem Modell vorgenommene Tests ergaben, dass Windgeräusche nicht entstehen würden. Im Sommer dringt ein größerer Teil der Wärme nicht ins Innere – was den Bedarf an Kühlung reduziert. Zu den Freundlichkeiten des Entwurfs gehört, dass die vielfach in Teilzeit arbeitenden Angestellten Tageslichtwerte, Wärmezufuhr und Belüftung selbst regulieren – und bei Bedarf die Fenster öffnen können. Aktivierter Betonkern Eine weitere Besonderheit trägt erheblich zum nachhaltigen Charakter des Gebäudes bei: die Aktivierung der Betondecken für den Wärmehaushalt der Räume, verbunden mit einer auf lange Zeit angelegten unterirdischen Energiespeicherung, die Brunnenwasser unterschiedlicher Temperatur nutzt und den Bedarf an von außen bezogener Energie deutlich reduziert. Der Schnitt durch den Deckenauau zeigt die zwischen den Armierungen verlaufenden Rohre, durch welche ein Medium fließt, das im Sommer kühlt und im Winter heizt. Unter den Decken sind kreisförmige, rund 50 Prozent der Flächen bedeckende Schallschutzelemente montiert, die zugleich Beleuchtungselemente und Sprinklerköpfe aufnehmen. Sanft strömt Zuluft aus in den aufgeständerten Fußböden eingelassenen Elementen. Sie stammt aus dem im elften Geschoss über das gesamte Gebäude hinweg installierten Hochdruckventilationssystem, das den Bedarf an künstlicher Belüftung senkt. Die Absenkung der Geschosshöhe von 3,60 Meter auf 3,30 Meter macht das Gebäude insgesamt um 7,50 Meter niedriger, eine Maßnahme, die sich in einem signifikant geringeren Materialverbrauch zeigt und sich positiv auf die Energiebilanz auswirkt. PPP und Lebenszyklus Der von der staatlichen Bauagentur RGD beauftragte Bürokomplex wurde als Teil einer weitreichenden Publicprivate partnership realisiert. Entwurf, Bau, Finanzierung, Verwaltung und Wartung lagen beziehungsweise liegen in den Händen des Konsortiums DUO2 (Strukton, Ballast Nedam, John Laing), das den Bau im Laufe der zwanzigjährigen Vertragszeit an die Nutzer vermietet. Als auftragnehmendes Büro arbeitete UNStudio mit Lodewijk Baljon (Landschaftsgestaltung), Ove Arup (Tragwerk) und Studio Linse (Innenausbauberatung) zusammen. Der bei dem Projekt verfolgte Lebenszyklusansatz verlangte, dass alle relevanten Experten – Architekten, Anwälte, Installationsfachleute, Finanzberater – von Anfang an in das Projekt eingebunden waren. So sollten die hinsichtlich der Kosten wirksamsten und umweltfreundlichsten Lösungen für eine kontinuierliche Nutzung und Wartung gefunden werden. Eine Arbeitsmethode, die nicht nur zu innovativen Ideen stimuliert, sondern die Kosten über die gesamte Vertragsdauer reduziert. ●

1 Hier und passim zitiert nach einem Telefonat mit dem Architekten (2. August 2011) 2 http://bit.ly/mTrVv7 3 Ben van Berkel, zitiert nach: ICON. International Design, Architecture & Culture, Heft 097, Juli 2011


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Mies weiterdenken Max Dudler Gebäudekomplex Romeo & Julia in Frankfurt am Main von Elisabeth Blum

Mies weiterdenken“ heißt, zeitlos modern sein, ohne alle Attituden und Accessoires, die schon nach Jahren vor allem von einem sprechen: dass sie nicht aus der jeweils aktuellen, sondern aus der letzten oder vorletzten Mode des Bauens kommen. „Das Rockefeller Center ist seit 80 Jahren modern“, sagt Max Dudler 1. So ist einer seiner Ansprüche an städtebauliche Projekte, dass sie genauso zeitlos sein müssen wie die New Yorker Ikone oder Mies van der Rohes Chicagoer Türme.

Max Dudlers Antwort auf die Frage, wie die Stadt zu bauen sei, heißt verdichten und öffentliche Räume schaffen. Weitere Rockefeller-Centers bauen!

Wie die Stadt bauen? Max Dudlers zweite Antwort auf die Frage, wie die Stadt zu bauen sei, heißt verdichten und öffentliche Räume schaffen. Weitere Rockefeller-Centers bauen! Das meint der Begriff Ensemble: ein Verbund von Baukörpern, die auf die Varietät des urbanen Kontexts reagieren, unterschiedliche Höhen aufnehmen, Straßen- und Gebäudekanten weiterbauen, vor allem aber im Dialog von bestehenden und neuen Volumina städtische Räume und Zwischenräume mit öffentlichem „Gebrauchswert“ schaffen. So etwa beim Hochhausensemble Hagenholzstraße in Zürich-Oerlikon, wo Arkaden zum Platz – als vermittelnde Räume zwischen Innen- und Außenraum – im Winter ein Eisfeld umgeben werden, ganz nach dem berühmten New Yorker Vorbild. Auch das gehört zu zeitlosen Strukturen: dass sie Gastgeber sein können für wechselnde Gebrauchsformen.


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Vorausgesetzt die Einsicht, dass den meisten städtischen Häusern nicht der Status von Primadonnen zusteht – dass sie also im Sinne Aldo Rossis keine primären Elemente, sondern Teile eines Stadtgefüges sind –, erstaunt es nur auf den ersten Blick, wenn man drei in ihrem Erscheinungsbild fast zum Verwechseln ähnlichen Großprojekten von Max Dudler an drei ganz unterschiedlichen Orten begegnet: der oben erwähnten Hochhausgruppe, dem Campus Sihlpost-Areal beim Zürcher Hauptbahnhof und dem Ensemble Romeo & Julia/Westend First im Frankfurter Westend, dem Ort der Häuserkämpfe der siebziger Jahre. Max Dudler macht städtebaulich einen interessanten Versuch: Aus der Ikone Rockefeller Center wird eine Art städtebaulicher Konzeptstruktur, die vorbildhaft zeigt, wie Stadt gebaut und verdichtet wird – und wie innerhalb dieser Struktur, als urbanes Surplus weitere öffentliche Räume inmitten des Privaten entstehen. Dudler experimentiert mit Möglichkeiten des Transfers dieses Musters in unterschiedlichste Kontexte. Seine Experimente zeigen, dass dieser Transfer in gegebene dichte urbane Umgebungen wie in Frankfurt natürlich ein viel leichteres Spiel hat als beispielsweise in der (noch) öden Zürich-Oerlikoner Umgebung. Hier wird erst der übernächste Winter zeigen, ob auf dem Eisfeld New Yorker Atmosphäre Einzug hält. Dudlers Experiment geht noch einen Schritt weiter. Seine Bauten transportieren nicht nur ein städtebauliches Muster von einer Stadt zur anderen, sondern auch Struktur und Erscheinungsbild des Fassadenbaus – bis hin zum Fenstermaß. „Mies weiterbauen“ heißt hier, dass die Neuformulierung der Miesschen eingezogenen Ecke, bereichert um eine nach oben hin sich verjüngende Ausbildung der Eckprofilierung, zur Dramatisierung des tektonischen Auaus der Fassade genutzt wird. Elegant und filigran zeichnet sich so in der Vertikalen die Fassadengliederung ab: Sockel, Schaft und Attika. Minimale Plastizität Das lässt sich auch beim Gebäudekomplex Romeo & Julia an der Frankfurter Ulmenstraße besichtigen. Von weitem betonen die Gebäude mittels der zarten, sich gegen den Himmel abzeichnenden Eckmarkierungen die architektonische Formulierung ihrer Maßstäblichkeit. Minimale Plastizität. Darüber hinaus ist das Gesamtensemble der gelungene Versuch, die bestehende und die neue Bausubstanz in einen klar lesbaren, volumetrisch prägnanten Zusammenhang zu bringen. Das städtebauliche Dispositiv zeigt, wie durch die Setzung der neuen Baukörper im Zusammenspiel mit der vorhandenen Bausubstanz und der durchführenden Straße eine überzeugende Sequenz städtischer Raumfolgen und Perspektiven entsteht: überraschende Artikulationen von dialogisierenden Baukörpern, Höhensprüngen, Plätzen, Wegen und Zwischenräumen. Sie illustrieren anschaulich, was Dudler anderswo mit einem Schinkel-Zitat untermauert: Historisch handeln „ist das, welches das Neue herbeiführt und wodurch die Geschichte fortgesetzt wird“ .2 Eine modellhafte Strategie, die auch zeigt, wie Kontinuität und Weiterbau im städtischen Kontext zu verstehen sind. „Stadtgefühl, Stadtgeschichte und Stadterinnerung“ seien vor allem durch den öffentli- ►

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Die beiden Projekte von Max Dudler, „Westend First“ im Vordergrund und „Romeo & Julia“ im Hintergrund, bilden zusammen ein klar lesbares, städtebaulich prägnantes Ensemble.


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chen Raum geprägt, sagt Max Dudler, durch Plätze, Straßen und Gassen. „Unsere Gebäude müssen in Auseinandersetzung mit diesem öffentlichen Raum stehen.“ 3 Die anthrazitfarbenen Fassaden binden Romeo & Julia und Westend First, die beiden Elemente des Frankfurter Bürokomplexes, überzeugend zusammen: Auch über einen Straßenzug hinweg erscheinen sie als Teile eines urbanistischen Ganzen. Ein Ensemble städtebaulich zu interpretieren heißt auch, ihm eine zeitliche Dimension zu geben. Das Projekt in der Frankfurter Ulmenstraße, ein Umbau und Weiterbau, der die alte Bausubstanz bis auf die tragende Struktur reduziert hat, ist noch nicht zu Ende gebaut, sagt Dudler. Nicht ein weiteres Bürogebäude wird hier einen bestehenden Altbau ersetzen, sondern ein Hochhaus zum Wohnen – die „Westend-Satzung“ legt fest, dass hier kein Quadratmeter Wohnraum ohne Kompensation verschwinden darf! Das Großraumbüro funktioniert noch Fast nichts Neues gibt es vom Frankfurter Westend zu berichten, wenn es um Innenräume geht. Die Gliederung der Etagen und damit die Gestaltung der Arbeitsplätze bilden einfach die Bedürfnisse der Mieter ab. Max Dudlers Arbeit hat sich hier auf Leitdetails beschränkt. Grundsätzlich, sagt er, leiste das Großraumbüro mit eingestellten mobilen Boxen, was heutiger Büroraum erfordert: von kommunikativen Zonen bis zu einzelnen Büros. Fast schon abenteuerlich schön allerdings muss man die Handhabbarkeit der Fenster nennen: die Zweiteilung der Fassaden – eine äußere Schicht von Prallgläsern und innere Öffnungsflügel – erlaubt das Öffnen raumhoher Flügel ohne Geländer: Man hält die Hand in die über Gitter einströmende Außenluft. Keine Klimatisierung geschlossener Räume. Auf die kühle, geradezu abweisende Atmosphäre der Visualisierungen angesprochen, die seine Publikation Hohe Häuser 4 zeigt – menschenleere Räume, grau in grau, allenfalls leicht braun- oder blaustichig, in Regalen Kolonnen grauer Buchrücken, lange Schatten in fahlem Licht –, sagt Dudler: alles nur Ästhetik! Ganz anders als das dichte Geschehen, das er sich für seine Stadträume wünscht. Das visuelle Leitsystem ist in die Farben des Liftraums übersetzt. Den Etagen und Mietern sind Farben zugeordnet, die bei jedem Öffnen der Lifttüren dem Raum davor eine andere Farbnuance verleihen. In den an der Rückwand des Eingangs-Desks laufenden Textstreifen präsentieren die Firmen sich dem Publikum. Zeichen und Spuren oder gar formgenerierende Kriterien nachhaltiger Technologien sind in den Bauten von Max Dudler kaum auszumachen – auch nicht in Frankfurt. Eine zeitlos moderne Struktur und Erscheinung seien die Anforderungen der Architektur und des Städtebaus, technologische Neuerungen jene der Nachhaltigkeit. Für Dudler bleibt, dass die Einbeziehung neuer Technologien nicht zu einem „technologischen“ Gebäude führen, dass die Architektur ihren eigenen Ansprüchen der Formgebung genügen müsse. ●

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Zitiert nach einem Gespräch mit dem Architekten (August 2011) Zitiert nach Max Dudler, Kontinuität, o.O., o.J. Ebd. Max Dudler, Hohe Häuser. High-rise buildings Frankfurt am Main, Sulgen (Verlag Niggli AG) 2010

Max Dudler formuliert die berühmte Miessche Ecke neu und schmückt damit den ansonsten sachlichen Bau.


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