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Baumeister Zeitschrift für Architektur 107. Jahrgang Juli 2010

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D 15 EUR A, L 17 EUR CH 23 SFR

Leibesübungen Zwei lichte Sporthallen, ein fast fertiges Fußballstadion und ein Thermalbad, das heiß diskutiert wird


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Das nackte Stadion Impuls-Arena in Augsburg Bernhard & Kögl Architekten Fußballstadien sind reine Zweckbauten, Druckbehälter für den kochenden Hexenkessel, die meist, so der Eindruck einer aktuellen Ausstellung, wie getarnte Gasometer in der Landschaft stehen. Für exaltierte Architektur bleibt keine Gelegenheit, es zählt die Verbindung funktionaler Anforderungen mit konstruktiven Lösungen, um überhaupt ein bezahlbares Stadion zu bekommen. So wie in Augsburg. von Jochen Paul


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Impuls-Arena in Augsburg

Kick-tech: Ohne die vorgesehene Außenhülle beeindruckt das Stadion als erratische Sitzmaschine. Durch die Absenkung ließen sich die Hüllfläche minimieren und die Erschließung verkürzen.

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um Anpfiff des Zweitliga-Lokalderbys am vorletzten Spieltag regnet es Bindfäden, die Außentemperatur liegt bei gefühlten zehn Grad, und der Himmel ist so grau wie der nasse Beton des Stadions. Keine Idealbedingungen für einen unterhaltsamen Sonntagnachmittag also, und in der Tat ist die von Nervosität, zahlreichen Fouls, Fehlpässen und Ballverlusten geprägte Partie zwischen dem FC Augsburg und 1860 München über weite Strecken genauso attraktiv wie das Wetter. Zwar geht die Heimmannschaft dank eines Kopfballtreffers in der 74. Minute mit 1 : 0 als Sieger vom Platz, aber attraktiver Fußball sieht anders aus. Auch wenn die „Bild“-Zeitung eine „prima Leistung“ der Löwen gesehen haben will: Einziger Lichtblick des Nachmittags war das Stadion selbst, obwohl ihm immer noch die Fassade fehlt – die Impuls-Arena ist das günstigste 30 000-Plätze-Stadion in Deutschland. Einmal gemessen am Preis pro Sitzplatz: die Kosten für das Bauwerk liegen bei 45 Mio. Euro, inklusive Außenanlagen und Innenausbau bei 60 Mio. Euro. Dank Geothermie ist die Impuls-Arena außerdem das erste CO2-emissionsneutrale Stadion, und trotz des Wandelgangs vor den Logen auch das steilste und kompakteste. Der Atmosphäre hat die rechnergestützte Simulation des maximalen Überhöhungskoeffizienten jedenfalls gut getan. Die richtigen Partner, das richtige Kalkül Dabei waren Titus Bernhard Architekten, als sie 2005 als drittes Büro neben gmp und JSK zu dem Wettbewerb eingeladen wurden, „die totalen nobodies“ (sagt Titus Bernhard). Aber es war der Wunsch des Vereins, der nach 23 Jahren Amateurstatus seit der Saison 2006/2007 erstmals wieder in der 2. Bundesliga spielt, ein Büro aus der Region dabei zu haben. Deshalb suchte sich Bernhard für das Projekt eine Partnerschaft mit Peter Kögl, einem im Gewerbebau erfahrenen Kollegen, und bereiste wochenlang Stadien in ganz Europa. Außerdem holten sich Bernhard & Kögl noch die hbm Stadien- und Sportgaststätten GmbH dazu, die sich als einer der Marktführer im Stadienbau bestens mit Steilheit, Sichtlinien, DFB-, UEFA- und FIFA-Richtlinien auskennt.

Benjamin D., Rechtsreferendar Ich finde die Entwicklung in Augsburg sehr positiv: Seit dieser Saison spielen wir im neuen Stadion, einer modernen Arena. Für zwei Jahre Bauzeit, 45 Mio. Euro Baukosten und dafür, wo der FCA hin will, ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn ich mir ansehe, dass der TSV 1860 pro Jahr fünfeinhalb Mio. Euro Miete für die Allianz-Arena zahlt. Gegenüber dem Rosenaustadion sind die steilen Ränge eine absolute Bereicherung – auch wenn das Stadion von außen mit der fehlenden Fassade nicht ganz so schön ist.

Der vergleichsweise niedrige Kostenansatz geht auf ein konsequentes wirtschaftliches Konstruktionsraster und die verwendeten Betonfertigteile zurück. Bei einem Regelraster von acht Metern ist das Stadion konstruktiv überschaubar; bei der Dachkonstruktion entschieden sich Bernhard & Kögl Architekten für einfache Rundstützen und Fachwerkträger – gegenüber einer stützenfreien Überdeckung, bei der sämtliche auskragende Lasten unter Verwendung entsprechender Profile hätten nach außen abgetragen werden müssen. Das ergab eine Kostenersparnis von mehreren Millionen Euro. Dem gegenüber fallen die ca. 450 sichtbehinderten Plätze bei ausverkauftem Stadion nicht ins Gewicht. Ausschlag gebend für den Gewinn des Wettbewerbs aber waren drei Dinge: die extreme Kompaktheit des Stadions, die Entscheidung, das Spielfeld um acht Meter abzusenken – damit konnte die Hüllfläche des Hochbaus entsprechend geringer ausfallen –, und die Attraktivität der Fassade. Der ursprüngliche Entwurf sah als Wetterschutz eine auf Lücke gesetzte äußere Haut aus Profilit-Glas auf einer Stahlunterkonstruktion vor, die oben an die Dachkonstruktion anschließt. ►

Mit entscheidend für den Wettbewerbserfolg war die vorgeschlagene gläserne Fassade, zunächst sollten es auf Lücke montierte Profilit-Paneele sein. Aber noch fehlt die Verkleidung.

Frank K., Geschäftsführer Ich bin zwar kein Fan von Augsburg, das hat mit der hiesigen Mentalität zu tun: Die Augsburger kommen nur, solange es für den FCA gut läuft; sobald es schlecht läuft, kommen sie nicht –, aber von außen ist das neue Stadion schon mal sehr interessant. Ich bin gespannt, was drinnen ist. Allerdings ist es mit dem Auto schlecht zu erreichen, und Parkplätze gibt es wegen der vielen Einsatzfahrzeuge auch zu wenig. Warum genau die Fassade fehlt, weiß ich nicht; der Beton sieht aber ganz ordentlich aus.


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Fußballstadien sind heute kommerzielle Medienarenen. Ausgezeichnete Sicht und gedrängte Nähe sind die Voraussetzung für den Hexenkessel. Hier spielen die Zuschauer, und deren unersetzliche Mitwirkung wird durch das Fernsehen nach außen übertragen.


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Der Druck, den Kader mit Millionenbeträgen zu verstärken, hat deutlich nachgelassen. Umso wichtiger wäre es, das Stadion endlich einzukleiden – spätestens bis zur FIFA Frauen-WM 2011.

Ahmet Y., Büro- und Kommunikationskaufmann Das Stadion ist sicher keine Allianz-Arena, aber für 35 000 Zuschauer ist es echt klasse geworden: steile Ränge, kurze Wege, gute Stimmung.

Typische Fachbesucher. Auch daran muss sich die Stadion-Ästhetik orientieren. Im Zweifelsfall darf die Umgebung etwas strapazierfähiger und gröber ausfallen.

Nicht nur Äußerlichkeiten: Wann kommt die letzte Hülle? Zwar haben die Architekten mit dem FC Augsburg einen Vertrag über die Leistungsphasen eins bis acht, aber mit dem Bundesliga-Aufstieg in greifbarer Nähe waren dem Verein, der das Geld lieber für Spieler ausgeben wollte, die Kosten für die Fassade in Höhe von 5,7 Mio. Euro zu hoch. Also wurde eine Alternative entwickelt: ein Kokon aus Aluminium-Rundprofilen, die das Stadion umspinnen; darin eingeflochten mit LED-Leuchten ausgestattete DegussaKunststoffrohre, die sowohl die Grund- als auch die Effektbeleuchtung abdecken. Der Entwurf ist mit 2,5 Mio. Euro nicht nur deutlich günstiger, er greift auch intelligent die Geschichte der Stadt als Textilindustriestandort auf. Nach den beiden verlorenen Relegationsspielen gegen den 1. FC Nürnberg steht fest, dass Augsburg der zweiten Liga vorerst erhalten bleibt. Was Vorstand und Aufsichtsrat Missvergnügen bereitet, hat aber nicht nur Nachteile: Der Druck, den Kader mit Millionenbeträgen zu verstärken, hat deutlich nachgelassen. Umso wichtiger wäre es, das Stadion endlich einzukleiden – spätestens bis zur FIFA Frauen-WM 2011. Nicht nur, damit die Stadt in der Lage ist, ihrer Verantwortung als Gastgeber nachzukommen. Sondern auch, weil Stadien ein enormes identitätsstiftendes Potenzial für ihre Region entfalten können; vorausgesetzt, sie funktionieren als Icon. Der Impuls-Arena könnte das allemal gelingen – mit Fassade. ●


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Der vergleichsweise niedrige Kostenansatz geht auf ein konsequentes wirtschaftliches Konstruktionsraster und die verwendeten Betonfertigteile zur체ck.

Das Besondere der Arena ist das steile Profil der Zuschauerr채nge (oben w채hrend des Baus). Im Cateringbereich erh채lt man durch die Lichtintarsien schon eine Ahnung der geplanten Fassade.


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Bauherr: F.C. Augsburg Arena Besitz- und Betriebsgesellschaft GmbH, Augsburg Namensgeber: impuls Finanzmanagement AG, Gersthofen Nutzer: Fußballverein FC Augsburg Architekten: Bernhard & Kögl Architekten, Augsburg www.bernhard-koegl.de Projektteam: Titus Bernhard, Peter Kögl Andreas Federspiel, Sebastian Filutowski, Andrea Gehl, Wolfgang Horn Mitarbeit: Vincent Gabriel, Ulrich Himmel, Antonia Kögl, Anita Rühle, Werner Schmuck, Generalübernehmer: hbm Stadien und Sportstätten GmbH, Düsseldorf Landschaftsarchitekten: Bernhard & Kögl Architekten, Augsburg Generalübernehmer Außenanlagen: Richard Schulz Tiefbau GmbH & Co. KG, Neuburg/Donau Tragwerksplanung: Ingenieurbüro für Bauwesen Dr. Pelle, Dortmund Projektsteuerung: IB Reisch, Augsburg HLS: IGK FM Projektmanagement GmbH, Mülheim; IB Lutzenberger, Mindelheim Elektroplanung: Planungsgesellschaft Karnasch mbH, Essen Bauphysik: ISRW Dr.-Ing. Klapdor GmbH, Düsseldorf Brandschutzplanung: HHP GmbH, Braunschweig, Niederlassung Süd Fertigstellung: August 2009 Standort: Bürgermeister-Ulrich-Straße 90, Augsburg Fotos: Matthäus Eckhart, Augsburg; Jochen Paul, München

Lageplan M 1 : 10 000 Grundriss M 1 : 2000 Längsschnitt M 1 : 1125

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