EB 8809 - Bach, Orgelwerke 9

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Choralpartiten Variationen über ein Kirchenlied, meist Choralpartita genannt, sind eine mitteldeutsche Erscheinung.4 Ihre wichtigsten Vertreter sind Johann Pachelbel (1653–1706) und Georg Böhm (1661–1733); auf sie nimmt denn auch Bach Bezug. Ursprünglich waren diese Variationen wohl als meditative Hausmusik gedacht: Pachelbels Musicalische ­Sterbens-Gedancken sind eine Reaktion auf die Pest-Epidemie in Erfurt (1683), der seine Frau und seine Kinder zum Opfer fielen. Viele Choralpartiten haben einen vergleichbaren Hintergrund, man denke etwa an Böhms Partita „Ach, wie flüchtig“; wohl ­bezeichnenderweise stehen auch Bachs vier Choralpartiten in Molltonarten. Schon Philipp Spitta hat in seiner Bach-Biographie (1873) auf die stilistische Verwandtschaft der Bachschen Partiten mit jenen von Böhm hingewiesen. Da Bach im Alter von 15 Jahren in Lüneburg mit Böhm in Kontakt kam, vielleicht sogar sein Schüler war,5 lag es nahe, die Partiten als sehr frühe Bach-Werke einzuschätzen. Die späteste Partita, „Sei gegrüßet, Jesu gütig“ BWV 768, ist freilich aufgrund ihrer Pedalverwendung und der Motivkonsequenz in Art des Orgelbüchleins wahrscheinlich in die frühe Weimarer Zeit zu datieren. Zudem ist zwischen den vier Partiten eine kompositorische Entwicklung nicht von der Hand zu weisen. Als früheste Partita gilt „Ach, was soll ich Sünder machen“ BWV 770. Sie reflektiert Einflüsse von Pachelbel, Böhm und Kuhnau, aber auch aus Norddeutschland: Am Schluss bietet sie eine veritable Choralfantasie mit Tempo- und Taktwechseln und ­expressiven Kontrasten, wie sie für den jungen Bach besonders charakteristisch sind (vgl. dazu die Neumeister-Choräle). Auch die Überlieferung durch die Handschrift J. G. Walthers in einem frühen Stadium (P 802) unterstützt diese Einordnung. Die Partita „Christ, der du bist der helle Tag“ BWV 766 dürfte etwa zwei Jahre nach BWV 770 entstanden sein – auch sie trägt noch stark Böhm’sche Züge; möglicher­weise hat Bach die Freundschaft mit Böhm anlässlich seiner Lübeck-Reise von 1705/06 ­erneuert. Die Partita ist in einer Einzelhandschrift aus dem Nachlass von Christoph Graupner überliefert, in der sich ältere Notationsgewohnheiten bewahrt finden, z. B. die Auflösung von Tiefalterationen durch Kreuze. Die Partita „O Gott, du frommer Gott“ BWV 767 steht wiederum in der Handschrift P 802 zusammen mit Weimarer (Früh-)Fassungen der „18 Choräle“ im Schlussteil der Handschrift, wo Johann Tobias Krebs ausschließlich Bach-Werke kopiert hat. Zehnder ordnet sie aufgrund ihres arios-kantablen Stils, der sich auch in den Mühlhauser Kantaten findet, dem „Stilbereich um 1708“6 zu.

In derselben Abteilung der Handschrift hat Krebs auch fünf Sätze der Partita „Sei gegrüßet, Jesu gütig“ BWV 768 eingetragen, die offenbar zuerst entstanden sind: den Choral sowie die Variationen 1, 2, 4 und 10. Sie finden sich so auch in einer ebenfalls sehr alten Handschrift, die heute in Carpentras (Südfrankreich) aufbewahrt wird (online publiziert); später hat derselbe Schreiber durch Einlage neuer Blätter eine erweiterte Fassung realisiert, die freilich noch nicht die endgültige Reihenfolge darstellt. Diese wird repräsentiert durch eine Quelle (Leipzig III. 8. 17), deren Schreiber um 1740 mit Bach in Verbindung stand.7 Dieser Fassung folgen wir in unserer Ausgabe. So, wie die Partita hier erscheint, stellt sie ein Zeugnis des Weimarer Hoforganisten Bach dar – mit Anleihen am französischen Stil ebenso wie mit souverän beherrschter Kontrapunktik. Einen Beitrag zur zeitgenössischen Verzierungspraxis stellt die Abschrift von Johann Gottlieb Preller dar, auch wenn sie nicht ganz vollständig ist.8 Zu erwähnen ist schließlich, dass die Partita möglicherweise ein anderes Kirchenlied, und zwar „O Jesu, du edle Gabe“, als Grundlage hat. Darauf deutet der abweichende Titel in einer heute verschollenen, für die alte Bach-Gesamtausgabe noch zu Rate gezogenen Königsberger Handschrift (Rf α. 6, 13)9. Auch im Orgelbüchlein gibt es bei den nicht ausgeführten Orgelchorälen den Doppeltitel „Sey gegrüßet Jesu gütig oder O Jesu du edle Gabe“. Wie der niederländische Forscher Albert Clement zeigen konnte, lassen sich zwischen den zehn Strophen des Liedes und den Sätzen von Bachs Partita einige Entsprechungen finden.10 Im Anschluss an diese vier Werke sind als Anhang einige Partiten abgedruckt, bei denen Bachs Verfasserschaft mit mehr oder weniger großen Fragezeichen zu versehen ist. Sie sind zum Teil erst in Handschriften aus dem 19. Jahrhundert überliefert; die Stücke werden anonym oder unter Bachs Namen geboten. Dabei ist nicht immer erkennbar, auf wie zuverlässige Zeugen sich die Schreiber bei der Zuordnung stützen konnten. Bei den hier vorgelegten Partiten ist Bachs (Mit-)Autorschaft zumindest nicht auszuschließen; ihr Abdruck soll dazu beitragen, eine spätere Stildiskussion auf eine breitere Basis zu stellen. Die siebensätzige Partita „Ach Gott und Herr“ ist in ihrer vollständigen Form sicher von Johann Gottfried Walther komponiert worden. Die beiden Sätze 3 und 4 (BWV 693, 692a) sind jedoch mehrfach einzeln überliefert und werden in einigen Quellen Bach zugeschrieben.11 Denkbar wäre, dass diese beiden Sätze auf Vorlagen Bachs zurückgehen, die Walther bei ihm kennengelernt und dann selbst bearbeitet und in seine Partita eingefügt hat.

4 Pieter Dirksen, J. S. Bach und die Tradition der Choralpartita. In: Bach und die deutsche Tradition des Komponierens – Wirklichkeit und Ideologie; Festschrift Martin Geck zum 70. Geburtstag, Bericht über das 6. Dortmunder Bach-Symposium 2006, hrsg. von Reinmar Emans und Wolfram Steinbeck, Dortmund 2009, S. 39–48. 5 Weimarer Orgeltabulatur. Die frühesten Notenhandschriften Johann Sebastian Bachs sowie Abschriften ­seines Schülers Johann Martin Schubart – Werke von Dietrich Buxtehude, Johann Adam Reinken und ­Johann ­Pachelbel, hrsg. von Michael Maul und Peter Wollny. Faksimile-Reihe Bachscher Werke und Schriftstücke, Neue Folge, hrsg. vom Bach-Archiv Leipzig, Bd. 3, zugleich Dokumenta Musicologica, Zweite Reihe: Handschriften-Faksimiles, Bd. 39, Kassel etc. 2007. 6 Jean-Claude Zehnder, Die frühen Werke J. S. Bachs. Stil – Chronologie – Satztechnik, Basel 2009 (Schola Cantorum Basiliensis Scripta, Bd. 1), S. 312.

7 Peter Wollny, Eine unbekannte Bach-Handschrift und andere Quellen zur Leipziger Musikgeschichte in ­Weißenfels, in: Bach-Jahrbuch 2013, S. 157f. 8 Siehe Faksimile S. 17. Einige der Frühfassungen sowie der ornamentierten Sätze finden sich online. 9 Beschreibung bei Heinz-Harald Löhlein, Kritischer Bericht zu NBA Bd. IV/1, Orgelbüchlein, Kassel etc. 1983, S. 206. 10 Albert Clement, O Jesu, du edle Gabe. Studien zum Verhältnis von Text und Musik in den Choralpartiten und den kanonischen Veränderungen von Johann Sebastian Bach, Utrecht 1989. 11 Eine Quellenauflistung und -bewertung bietet Reinmar Emans, Zu Un(r)echt? Orgelchoräle J. S. Bachs von zweifelhafter Echtheit, in: Organ 4/2000, S. 25–31.