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Winter 2009/2010

Student 2.0

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Was es bedeutet, heute ein Student zu sein.

Barcheck Iserlohn Wikipedia vs. Bibliothek Auslandssemester im Baskenland:

Nächtlicher ETA-Besuch

Im Test: E-Book-Reader Was können die digitalen Bücher?


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Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser, nach der Schulzeit bekamen wir den unumgänglichen Spruch zu hören: „Jetzt fängt der Ernst des Lebens an.“ Nun sitzen wir also in Vorlesungen über Secondary Offerings, Kulturrelativismus in den europäischen Medien und Formen der Mitarbeitermotivation. Danach, davor und parallel noch die unsäglichen Fremdwörter: Case Study, Assessment Center oder Application Deadline. Der Haushalt schmeißt sich auch nicht mehr wie von Zauberhand und ohne großes Zutun unsererseits. Ganz selbstständig und unabhängig sind wir keinesfalls, aber die sorg- und verantwortungslosen Zeiten der Klassen 5 bis 13 sind auch vorbei. Nicht mehr auf dem Schulhof fangen spielen und „den Großen“ vor die Beine laufen, beziehungsweise cool auf dem Schulhof stehen und „die Kleinen“ anmeckern, wenn sie einem vor die Beine laufen. Zukunftsplanung damals? Einen ungefähren Überblick über die nächste Woche haben. Andererseits: Mit größerer Verantwortung kommt auch größere Eigenständigkeit. Die Willkürherrschaft unter dem Staatsmotto „Solange du deine Füße!“ ist abgeschafft. Wir können ins Bett gehen, wann wir möchten, können unsere Uniaufgaben machen oder auch nicht, und, ja, manchmal gehen wir sogar raus, ohne uns warm anzuziehen. Der Rückblick auf die Schulzeit ist im Nachhinein also wehmütig-fröhlich, aber als Schüler wussten wir bis zum Schluss nicht um Vorzüge und Nachteile des Schülerlebens. Die-

Wundern sich, wie schnell die Zeit vergeht: Die beiden BiTSLicht-Chefredakteure Philine Lietzmann (rechts) und Julian Jaursch (links) mit dem Ernst des Lebens (Mitte).

se BiTSLicht-Ausgabe widmet sich daher ganz der Gattung „Student“ - damit wir im Idealfall unsere momentanen Lebensumstände etwas genauer wahrnehmen. Was ist das also, ein Student? Was macht er so? Was und wie denkt er, was beschäftigt uns? Eine vollständige Analyse von Habitat und Habitus des Forschungsobjekts ist nicht entstanden, aber die Redaktion hat viele verschiedene Facetten des Studentenlebens aufgegriffen und verarbeitet. Das seht ihr auch an unserem Titelbild mit den BiTS-Studenten Eugenia Ekhardt und Sven Hagemeier, das diesen Facettenreichtum symbolisiert: Uni, Sport, Musik, Reisen, Feiern - all das

gehört zum Studentenleben dazu. Und Vielseitigkeit bedeutet eben auch die Mischung von Arbeit und Freizeit, Verantwortung und Selbstständigkeit. Trotzdem: So richtig hat der Ernst des Lebens noch nicht begonnen. Vielleicht fängt er ja auch erst genau dann an, wenn das Leben zu Ende geht. Wann auch immer wir diesen Ernst des Lebens treffen: Bis dahin werden wir unser Studentsein weiter genießen und verteufeln. Wir freuen uns auf eure Kommentare zur 16. BiTSLicht-Ausgabe an chefredaktion@bitslicht.de und wünschen euch viel Spaß beim Lesen.

Vorstand: Carolin Becker, Sarah Gottschalk und Tom Steller

Lektorat: Wolfgang André Schmitz (Teamleiter), Sonja Baier, Julian Borchert, Sonja Gurris, Philine Lietzmann, Christoph Schneider und Tom Steller

Euer BiTSLicht-Team

Impressum BiTSLicht-Ausgabe 16, Dezember 2009 Herausgeber: BiTSLicht e.V. Reiterweg 26 58636 Iserlohn Telefon: 02371 - 776 301 Fax: 02371 - 776 503 E-Mail: chefredaktion@bitslicht.de Internet: www.bitslicht.de

Anzeigen & Marketing: Sven Hagemeier (Teamleiter), Pauline Dobek und Adrienne Hattingen

Auflage: 3.000 Stück

Layout: Julian Jaursch (Teamleiter), Jasmin AlMalat, Lydia Axt, Laura Beutel, Anna Lena Daniels, Merete Elias, Sarah Gottschalk, Philine Lietzmann, Timur Plaumann, Lena Wouters und Yasemin Yilmaz

Chefredakteure: Philine Lietzmann und Julian Jaursch

Titelbildgestaltung: Jan-Philipp Beck und Benjamin Schmauss

Redaktion: Joern Armonat, Marvin Artelt, Desirée Backhaus, Sonja Baier, Jan-Philipp Beck, Lara Behrens, Anna Lena Daniels, Carolin Dennersmann, Pauline Dobek, Merete Elias, Christian Ferreira, Sarah Gottschalk, Sonja Gurris, Adrienne Hattingen, Julian Jaursch, Michael Kleppi, Philine Lietzmann, David Lucas, Wolfgang André Schmitz, Sven Sellmann, Stephanie Titzck, Anne Welkener und Lena Wouters

BiTSLicht 16

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Inhaltsverzeichnis

Titelthema

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Vom Studentsein

Bachelor, Bildungsstreik und Berufschancen: Was bedeutet es, Student zu sein?

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Zwölf Erfahrungen...

... die ihr als BiTS-Student mal gemacht haben solltet - oder um die ihr nicht herumkommt.

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„Bibliothek“? Google mal schnell

Die BiTSLicht-Umfrage: Was halten Dozenten von Wikipedia?

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Eine (Ver-)Bindung fürs Leben

Studentenverbindungen haben lange Traditionen - und eine wechselvolle Geschichte.

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„Studenten sind spezielle Kunden.“

Die Laureate-Manager David Graves und Michael Huckaby im Interview.

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Bezahlen oder nicht bezahlen...

...das ist die Frage. Welche Vor- und Nachteile staatliche und private Hochschulen haben.

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Studentenküche für Gourmets

Wer kochen kann, ist klar im Vorteil: Der BiTSLicht-Rezeptvorschlag.

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Inhaltsverzeichnis

Heimatkunde 6 8 12 14

Was geht an der BiTS? Der große Schlagabtausch Spanischer Soloauftritt „Flexibilität ist ganz wichtig.“

Über Leben

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Barcheck Iserlohn

35 36 37 38

Nicht gaffen, sondern handeln Angst vor dem nächsten Schritt Keine Kohle mehr im Pott Dritte Welt im Paradies

Aufstieg 40 42 44

Was bin ich wert? Piraten erobern Deutschland „Es kann richtig einfach sein.“

Versuchsgebiet 32

Auf gute Nachbarschaft

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Weder Buch noch Bildschirm Das flüssige Gold für kleines Geld Rezensionen

Ansichtssache 56 58 60

Die Leiden der Angela Steinmeier Generation Was? Glossen

Geistesblitz 52

Recht auf Stadt für alle

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Das BiTSLicht-Rätsel

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Heimatkunde

Was geht an der BiTS? Alles, was bis zur nächsten Ausgabe an der BiTS los sein wird.

Internationales Flair

Vom 8. März bis zum 10. März 2010 wird die BiTS zum Schauplatz für den Studentenwettbewerb Rubicon. Internationale Studenten werden in Teams gegeneinander antreten und zum Beispiel Businesspläne erstellen oder Case Studies bearbeiten. Organisiert wird der Wettbewerb von der studentischen Unternehmensberatung b.one.

Alles glänzt, so schön neu

Trends aus den Bereichen Sport oder Film thematisiert. Am Donnerstag wird der Lokalpatriotismus großgeschrieben: Alle Neuigkeiten aus den Ressorts oder vom Campus werden im Programm „Heimatabend“ verbreitet. Und vor jeder B7-Party von 20 bis 22 Uhr sorgt ab sofort eine Sendung bereits vor dem Feiern auf dem Campus für gute Stimmung sorgen. Aber auch wenn das B7 geschlossen bleibt, wird an solchen Mittwochabenden mit einem Radiokonzert dafür gesorgt, dass keinem Hörer langweilig ist. Zukünftig werden außerdem die Tracklisten online zur Verfügung stehen, um den Namen der gehörten Lieder einfach herausfinden zu können. Die Titelthemen der Sendungen werden ebenfalls zum Nachlesen auf der Webseite veröffentlicht. Wenn ihr die neuen Formate hören möchtet, loggt euch ein auf www.bits.fm (Benutzername und Passwort sind „bitsfm“) und überzeugt euch selbst.

„Ich war hin und weg.“ Mehrere neue Sendungen, neue Plakate, eine neue Website und Sendeformate mit Professoren: Mit diesen Maßnahmen bläst BiTS.fm zum Sturm auf neue Hörer. Auch wenn die Poster mit Herrn Tücking, Frau Eckhardt und deren Sprüchen schon Kultstatus an der BiTS erreicht haben, so wird es demnächst frische BiTSLicht.de Plakate geben, um auf die VerändeSchreibt rungen beim Campusradio aufmerkuns an chefsam zu machen. redaktion@ bitslicht.de, was an der BiTS los ist ob Ressorts, Sport oder andere Veranstaltungen.

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Bereits seit diesem Semester bekommen die treuen Hörer drei neue Sendungen in regelmäßigen Abständen auf die Ohren. So liegt der Fokus am Dienstagabend von 18 bis 20 Uhr in der „Indie Nacht“ auf Bands, die zwar noch keinen Plattenvertrag haben, dafür aber die große Karriere noch vor sich. Neben der Musik werden in dieser Sendung auch aktuelle

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Das Campus Symposium wurde 2009 erstmals auch im Internet übertragen. Mehrere hundert Studenten an verschiedenen Laureate-Universitäten in Europa, Asien, Nord- und Südamerika verfolgten das Ereignis auf großen Leinwänden in ihren Unis. Teilweise organisierten die Hochschulen auch eigene Events mit Gastrednern oder Diskussionen der Studenten. Solche Kooperationen zwischen Laureate-Universitäten sollen in Zukunft ausgeweitet werden, sagt Michael Huckaby, der bei Laureate für das Marketing verantwortlich ist. „Ich war hin und weg. Diese Plattform, die BiTS-Studenten geschaffen haben, könnte zu etwas noch Größerem ausgebaut werden.“ Hauptredner der Wirtschaftskonfe-

renz, die unter dem Thema „Green Business“ stand, war Tony Blair. Obwohl das Symposium nur noch alle zwei Jahre stattfinden wird, soll es 2010 zum zehnjährigen Bestehen der BiTS wieder ein Symposium geben.

Ein Auge auf die Gäste

Zum ersten Mal in Iserlohn: Eine fremde Sprache („woll?“), eine ganz neue Atmosphäre an der Hochschule und eine völlig unbekannte Stadt. Das sind die Erfahrungen von BiTS-Erstsemestern, die nicht aus der Umgebung kommen. Aber wie ergeht es dann einem ausländischen Studenten, der ein Semester im Sauerland verbringt? Um den Gaststudenten an der BiTS die Eingewöhnung so einfach wie möglich zu gestalten, haben Eugenia Ekhardt (CMM 5) und Anne-Carolin Lambert (BMS 5) das Ressort für International Relations for Incoming Students (IRIS) gegründet. Als Aufgabe haben sie es sich gesetzt, die ausländischen Studenten zu empfangen, ihnen als Ansprechpartner bei Fragen zu helfen und Sie durch ihr Auslandssemester an der BiTS zu begleiten. Zugegeben: Noch ist die Anzahl der Studenten aus dem Ausland an der BiTS überschaubar klein. „Die BiTS muss sich noch umstellen, was internationale Studenten angeht“, sagt Eugenia Ekhardt. Ziel ist eine Erhöhung der Zahl der ausländischen Studenten. Wenn sich bald mehr Studenten von anderen Kontinenten auf dem Campus tummeln, braucht das IRIS-Ressort noch weitere Mitglieder. Meldet euch einfach bei den beiden Ressortleiterinnen, wenn ihr Interesse habt.


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Heimatkunde

Der große Schlagabtausch

Fotos: Joern Armonat

Schlag den Prof 2009: Studenten tragen Sieg gegen Professoren davon.

Der bessere „American Gladiator“ : Student Christian Becker schickte Uwe Eisermann mit einem riesigen Wattenstäbchen zu Boden.

„Hallo und herzlich willkommen, hier bei ,Schlag den Prof 2009‘. Ein spannender Wettbewerb liegt vor uns!“ - so die Begrüßungsworte des Moderators Andreas. Gemeinsam mit seiner Assistentin Steffi führte er durch Wettkampf, der von Sportund Eventmanagement-Studenten im Rahmen einer praktischen Semesterarbeit ins Leben gerufen worden war. Zu stimmungsvoller Kampfmusik waren die Gladiatoren in die Arena eingelaufen. Die Profs, vertreten durch Leslie Carrick, Thomas Rieger und Uwe Eisermann, hatten recht verschiedene Teilnahme-Motivationen. Carrick (Business English) trat

Betont locker: Das letzte Teamgespräch.

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an, um möglichst viel „Fun“ zu haben. Bei Rieger (Sportmanagement) war der sportliche Ehrgeiz Motivation genug. Eisermann (Prodekan Sport & Event Management) kündigte mit einem breiten Lächeln an, es gehe ihm „um die systematische Demontage der Studenten“.

am Punktesystem des TV-Bruders „Schlag den Raab“ auf ProSieben. Für das gewonnene erste Spiel gab es einen Punkt. Ein Sieg im zweiten

Doch auch die Vertreter der Studentenschaft waren hochmotiviert: Ilka Ohlmer (Business Psychologie) ging es allein um die Siegerehre. Markus Jaensch (Sport- & Eventmanagement) und Christian Becker (Corporate Mangement) traten an um wehzutun. Wem genau, verrieten sie nicht. Die Spielwertung orientierte sich

Spiel wurde mit zwei Punkten bewertet, im dritten mit drei, und so weiter. Insgesamt wurden so 78 Punkte auf 12 Spiele verteilt. Am Ende sollte das Team gewinnen, das sich zuerst über 39 Punkte erspielt hatte. Thomas Rieger und Markus Jaensch starteten ins erste Spiel: Eierlauf in einem Hindernissparcours mit Holzkästen und Trampolin. Beide trugen

Teamwork ist gefragt beim Blindenfußball.

Thomas Rieger feuert Lesli Carrick an.

Wer demontiert hier wen?


Heimatkunde

ihre Eier aufrecht vor sich her, ohne dass eines zerbrach. Doch am Ende konnte Student Markus Jaensch sein Ei schneller nach Hause bringen. Im zweiten Spiel mussten die Kandidaten im Wissensquiz Köpfchen beweisen. Diesmal wurde das Allgemeinwissen von Ilka Ohlmer und Uwe Eisermann getestet. Das Uniwissen, wie etwa die Gründungsjahre

staltung den Erwartungen der Zuschauer stand. Doch es folgte eine 20-minütige Pause, die trotz guten Essens- und Getränkeangebots als zu lang empfunden wurde.

von Studiengängen, war bei beiden nicht so präsent. Aber da Uwe Eisermann bei den entscheidenden Fragen schneller war, sicherte er seinem Team die ersten Punkte.

Das anschließende fünfte Spiel klang vielversprechend, denn hier sollten beide Kämpfer versuchen, ihren Gegner mit gepolsterten Schlagstöcken vom Schwebebalken zu stoßen. Aber Christian Becker gewann drei Runden „American Gladiator“ so leicht, dass er kein einziges Mal von Uwe Eisermann vom Balken gestoßen wurde. Nachdem dann das Bilderrätsel mit berühmten Persönlichkeiten von Thomas Rieger gegen Christian Becker gewonnen wurde, lagen die Profs trotzdem noch deutlich vorne.

Leslie Carrick bewies in Runde drei, dass ein Dozent das Weitspucken von Gummibärchen besser beherrschen kann als ein Student und schlug Christian Becker mit nahezu der doppelten Länge. Schon fünf Punkte für die Profs! Beim folgenden

Nun wurde die Veranstaltung etwas zäh. Nicht nur für Ilka Ohlmer und Uwe Eisermann, die Kombinationen wie Leberwurst, Apfel und Lebkuchen oder Mango, Thunfisch und Ketchup herausschmecken mussten. Die Zuschauer, die wegen eines er-

Schon neun Punkte für die Profs

Die erneute Pause wurde diesmal durch eine musikalische Einlage der Dozentenband hervorragend überbrückt. Mit Klassikern wie „Because the night“ unterhielten die Dozenten das Publikum auf hohem Musikniveau. Spiel neun war schnell ent-

Die Studenten ziehen davon. schieden. Uwe Eisermann hatte die bessere Taktik im Pedalo-Rennspiel und siegte gegen Markus Jaensch. Damit erhöhten die Profs ihren Punktestand auf 24. Interessanter wurde es, als in Spiel zehn nun alle sechs Kandidaten zum Tauziehen antraten. Wer Christian Becker kennt, weiß, warum auch hier eine schnelle Entscheidung getroffen war. Allein aufgrund seiner Statur hätte der Hüne die Profs auch alleine durch die Halle ziehen können. Und was sollte nun die Entscheidung bringen? Bierdeckelhaus bauen! Er-

Wer beweist den besseren Geschmacksinn? Ilka Ohlmer tritt gegen Uwe Eisermann an.

Blindenfußball-Match spielten Studenten und Dozenten in Zweierteams gegeneinander. Leslie Carrick wurde von Thomas Rieger übers Feld gehetzt, Ilka Ohlmer hörte auf Markus Jaensch. Beide Teams bewiesen Talent und glichen Treffer der gegnerischen Mannschaft jedes Mal aus. So wurde nach Ablauf der regulären Spielzeit ein Elfmeterschießen angesetzt. Obwohl die Studenten, vertreten durch die Kapitänin der Bits-Ladys Ilka, bravourös hielten, sorgte das spannendste Spiel der Veranstaltung für weitere Punkte auf dem Konto der Profs. Bis jetzt hielt die Veran-

neuten Lautsprecherproblems von dem guten Geschmackssinn der Studentin nichts mitbekamen, begannen sich zu langweilen. Fast unbemerkt erhöhten die Studenten auf 13 Punkte. Auch als Markus Jaensch gegen Leslie Carrick im Merkspiel antrat, hatte das Publikum nichts Besonderes zu beobachten. Zwar konnte Markus mehr Gegenstände aus dem Regal aufzählen und sicherte sich die Punkte. Doch sonderlich spannend war es nicht, dabei zuzuschauen, wie sich die Kontrahenten Gegenstände einprägten. Mit einem Punktestand von 21 gingen die Studenten nach diesem Spiel in Führung.

neut standen sich Markus Jeansch und Leslie Carrick gegenüber. Die wenigen Zuschauer, die sich diesen behäbigen Thriller ansahen, beobachteten einen Sieg der Studenten. Zum Schluss stand es 42:24 für die Studenten. Schlag den Prof 2009 endete mit einer Siegerehrung, bei der die ruhmreichen Studenten eine Urkunde erhielten. Die Zuschauer applaudierten dem Organisationsteam, den siegreichen Studenten, aber auch den geschlagenen Profs, bevor es dann nahtlos mit einer rauschenden B7-Party weiterging. Marvin Artelt

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Heimatkunde

Barcheck Iserlohn

Fotos: Adrienne Hattingen

Eine mutige und trinkfeste Gruppe Erstsemester testet die Feiermöglichkeiten der Waldstadt.

Cocktails schlürfen oder einen Absacker genießen: Die Bar des El Ambiente.

Vor dem Bewerbungsgespräch an der BiTS musste der ein oder andere angehende Student vielleicht den Atlas bemühen: Wo ist denn überhaupt dieses Iserlohn? Obwohl es die größte Stadt der Region ist, ist Iserlohn nicht gerade deutschlandweit bekannt. Und als Partyhochburg schon gar nicht. BiTSLicht wollte es wissen: Was geht des Nachts in Iserlohn? Was für eine Partyszene gibt es? Gibt es überhaupt eine? Wir testeten für euch die Bars und Clubs der beschaulichen Waldstadt. Kriterien hierbei waren die Feiertauglichkeit, das Ambiente, das dort anzutreffende Publikum und die Raucherfreundlichkeit der jeweiligen Bars. Unter der Woche ist in Iserlohn wie in jeder Kleinstadt im Bundesgebiet recht wenig los. Da muss man sich wohl weiterhin mit den B7-Partys zufrieden geben, die aber immer feuchtfröhlichen Spaß garantieren. Um sich nach dem anstrengenden Uni-Alltag gekonnt zurückzulehnen, empfehlen wir euch den Gang ins Albas. Dieser Laden bietet neben einer großen Theke, an der ihr mit

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diversen Getränken versorgt werdet, auch einen abgetrennten Raucherraum. Hier müsst ihr im Winter nicht draußen frieren und könnt sogar warme Speisen genießen. Nicht nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche ist der Besuch in der Schauburg nur zu empfehlen. Wie das Albas bietet auch die Schauburg einen exklusiven Raum für Raucher. Dienstags und sonn-

„Monday is Funday.“ tags sind hier alle Gerichte (ausgenommen Burger und Schnitzel) für studentenfreundliche 3,50 Euro zu erstehen. Sehr gut hat uns das El Ambiente gefallen. Hier genießt man leckere Cocktails und spanisches Bier. Cocktail-Hour ist sowohl donnerstags von 17 bis 21 Uhr als auch samstags von 21 bis 23 Uhr. Ab 22 Uhr dürfen auch hier die Glimmstängel angesteckt werden. Das Personal ist sehr freundlich und sorgt für ein entspanntes Ambiente. Wie das El Ambiente bietet auch das

La Siesta leckere Tapas für kleines Geld an. Jeden Tag ab 22 Uhr lockt die Happy Hour mit leckeren Cocktails. Das La Siesta findet ihr im Kinokomplex. Daher ist es besonders für einen schnellen Drink vor oder nach dem Film geeignet. Das La Cubana in Letmathe ist auch für Leute, die dort nicht ansässig sind, einen Besuch wert. Hier kann sogar ein Montagabend zu einem ausschweifenden Erlebnis werden auch für Raucher. Unter dem Motto „Monday is Funday“ haben wir bis zum Schluss mitgefeiert. Der Chef schließt in der Regel erst ab, wenn der letzte Gast gegangen ist. Wenn die Gäste für ordentlich Stimmung sorgen und etwas Glück haben, dreht er vielleicht noch die Musik auf und plötzlich hat man doch das, was man in Iserlohn nicht für möglich gehalten hat: Eine Party in der Woche. Leider haben wir es nicht mehr geschafft, gestochen scharfe Bilder zu schießen, was aber wiederum für die Qualität des La Cubana spricht. An Werktagen könnt ihr außerdem das Pura Luna oder andere Restaurants in Iserlohn besuchen. Diese


Heimatkunde

laden aber eher zu einem ruhigen Abend mit kulinarischen Genüssen ein und waren damit nicht Teil unserer Untersuchung. Völlig geschwächt, aber hochmotiviert, haben wir uns nach der anstrengenden Woche ins Wochenende gestürzt. Mit großen Erwartungen begeben wir uns in Iserlohns einzige Discothek, das LivingMK, die ebenfalls im Kinokomplex gelegen ist, und ziemlich schnell einstimmig entschieden: „Nicht mit uns!“ Das

Aspirin für das Forschungsteam Publikum ist mittelmäßig. Trägerinnen weißer Stiefel und alte Junggesellen geben sich hier die Hand. Nur mit viel Alkohol ist es im Living auszuhalten. Gut hat uns jedoch die Barkeeperin im Raucherraum gefallen, die ihre eigenen Platten auflegt. Wer auf elektronische Klänge steht und eine gute Mischung an der Theke zu sich nehmen möchte, ist hier gut aufgehoben. Ansonsten haben wir das „First Class Ticket“ ausgeschöpft: 20 Euro bezahlt und für 50 Euro… äh Mineralwasser und Kakao getrunken. Die perfekte Grundlage, um weiterzuziehen. Zwei Stunden später standen wir dann in der Schauburg. Für einen Freitagabend war es sogar recht voll, obwohl die Iserlohner offenbar lieber samstags ausgehen. Da wir im Living schon sehr stark auf liquide Mittel

gesetzt hatten, lässt sich über die Zeit in der Schauburg nur so viel sagen: Die Gruppenumarmung auf dem Weg nach Hause hat uns noch enger zusammengeschweißt und völlig vergessen lassen, dass am nächsten Tag der Henkelmann auf dem Programm stand. Oder vielleicht doch eine Vorlesung? Nach ein paar Kopfschmerztabletten für unser Forscherteam haben wir uns am Samstagabend um 22 Uhr vor dem Henkelmann getroffen. Dieser Laden ist nicht sehr bekannt und das ist eine Schande, denn ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Der Henkelmann ist Deutschlands ältester Jazzclub - und das in Iserlohn! Jeden dritten Samstag gibt es hier die Veranstaltung „London Nights“: Von Jamiroquai bis zu alten Stücken von den Fantastischen Vier oder auch den Beginnern wird jeder zum Tanzen verleitet. Der Schuppen ist perfekt für all jene, die nicht unbedingt dem Mainstream verfallen sind. Das Publikum ist bunt gemischt: Hier sieht man Mädels mit langen Rastas, trifft den einen oder anderen Hipster, einen älteren Herren mit langen grauen Haaren und der Ray Ban auf der Nase, HipHopper mit Hosen in den Kniekehlen und Normalos. Die Stimmung ist sehr gut, jeder feiert mit jedem. Die Getränke sind günstig: Ein kleiner Jägermeister (zwei Zentiliter) kostet hier 1,50 Euro. Da sich in den letzten Jahren die Anwohner über die Lautstärke beschwert haben, gehen die Veranstaltungen leider nicht mehr

bis in die Puppen. Die Raucherregelung ist hier auch noch nicht ganz durch: Mal darf man, mal nicht. Gegen drei Uhr haben wir uns dann auf den Weg in die Innenstadt gemacht. Je nach Pegel und Ambition schafft man es, in zehn Minuten wieder auf dem Innenstadtring zu sein. Etwas oberhalb vom Kino liegt das Abendrot, ein sehr schöner Laden mit lauter bunten und fröhlichen Gestalten. Vielleicht kam uns das auch um diese Uhrzeit nur so vor. Musikalisch vom Henkelmann verwöhnt, konnten wir uns dennoch nicht über die Melodien beschweren. Das Abendrot ist der ideale Laden für all jene, die gerne nach Hause gehen, wenn die Sonne aufgeht. Die Getränkepreise sind akzeptabel, ebenso wie die Stimmung. Das Abendrot veranstaltet auch ab und an Hip Hop- oder Elektropartys. Wenn man nicht gerade um acht Uhr morgens das Abendrot verlässt, dann kann man beim Dönermann gegenüber dem Kino auch um fünf Uhr morgens einen Döner oder eine Portion Pommes bekommen. Nach unseren Bitten, auch Currywurst zu bekommen, wurden wir freundlich darauf verwiesen, dass wir hier bei

Auf die Truppe kommt es an. einem Türken seien. Das sei nur erwähnt, um einmal die kulturell-kulinarischen Unterschiede der beiden Nationalitäten zu untermalen. Was wir nach unserer Studie gelernt haben: Iserlohn hat einiges zu bieten. Erstaunt waren wir auch, wie locker die Bars mit dem NichtraucherGesetz umgehen. Dass wir nicht in Dortmund oder Köln sind, wird bei einem Blick auf das Ausgehangebot klar. Aber es lässt sich hier wirklich aushalten. Und außerdem: Egal, wo man vor die Tür geht - eine gute Truppe kann jeden Abend zu einem großen Vergnügen machen. Für die, die Iserlohn dennoch nicht attraktiv finden: Ein Großraumtaxi nach Dortmund kostet um die 40 Euro, je nach Fahrer. In diesem Sinne: Work hard, party harder. Pauline Dobek &

Ideal zum Zurücklehnen nach der Uni: Das Albas - hier sind auch Raucher willkommen.

Adrienne Hattingen

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Heimatkunde

Spanischer Soloauftritt BiTSLicht sprach mit Juan Miguel Alonso, dem ersten ausländischen Studenten an der BiTS.

Juan Miguel, genannt Juanmi, kommt aus Madrid und studiert Recht und Internationales Management in Alicante. Der 25-Jährige verbringt sein Auslandssemester an der BiTS.

mer. Einige sind allerdings hochnäsig. Sie sind außerdem traditioneller: Der Mann muss die Frau erobern. In Spanien ist das anders. Wenn man viel insistiert, verscheucht man eher die Frauen. Da kommt von denen mehr.

BiTSLicht: Juanmi, was treibt dich nach Deutschland?

BiTSLicht: Was wolltest du werden, als du klein warst?

Juanmi: Ich musste herkommen, um meine beiden Abschlüsse zu bekommen. Ich hatte zwei Optionen: Deutschland und Zypern. Auf Zypern scheint nur die Sonne und hier sitze ich im Regen, aber irgendwie habe ich Deutschland doch vorgezogen.

Foto: Stephanie Titzck

Juanmi: Stierkämpfer oder Fußballprofi.

BiTSLicht: Wie gefällt es dir hier? Juanmi: Deutschland ist schön, aber ziemlich langweilig. Es ist ganz anders als Spanien. Die Kultur ist eine ganz andere und auch das Essen, die Essens- und Arbeitszeiten und das Klima sind sehr unterschiedlich. Mir ist aufgefallen, dass die Deutschen sehr gebildet sind - die beste Ausbildung in Europa habt ihr, würde ich sagen. BiTSLicht: Was kann man als Austauschstudent hier für Fächer belegen? Juanmi: Ich springe durch die Semester und habe mir aus den englischsprachigen Vorlesungen, die es gibt, einige ausgesucht. Die meisten meiner Fächer sind aus dem Business-Bereich. Einige finde ich sehr interessant: Zum Beispiel Global Media Systems oder Green Marketing. BiTSLicht: Was ist der größte Unterschied zwischen Deutschland und Spanien? Juanmi: Der größte Unterschied liegt in der Einstellung zur Arbeit. Die Deutschen arbeiten sehr viel. In Spanien arbeitet man eher, um zu leben. Hier in Deutschland lebt man, um zu arbeiten.

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Juan Miguel Alonso

BiTSLicht: Was ist das Skurrilste, was du hier erlebt hast? Juanmi: Da gibt es viele Kleinigkeiten. Zum Beispiel die Anfangszeiten der Partys. Wenn ihr aufhört zu feiern, fangen wir gerade an. Ich war außerdem vor ein paar Tagen Fußball spielen und eure Art, Fußball zu spielen, erinnert mich mehr an Rugby. Neu für mich war auch, dass mich hier alle kennen und mich „the Spanish boy“ nennen. Zu Hause gelte ich eher als schüchtern und unauffällig. BiTSLicht: Was charakterisiert die Deutschen? Juanmi: Ihr seid gebildet, verantwortungsvoll und höflich, aber kühl. Die Leute markieren die Distanzen sehr genau. Alle sind freundlich, aber man kommt schlecht an sie ran. BiTSLicht: Und was sagst du zu den deutschen Frauen? Juanmi: Sie sind hübsch. Die meisten sind freundlich zu mir, lächeln im-

BiTSLicht: Wie unterscheidet sich dein Leben hier von dem in Spanien? Juanmi: Es ist komplett anders! Hier habe ich kein Auto und kann mich nicht so frei bewegen wie daheim. Dort mache ich viel Sport, vor allem spiele ich Padel, einen spanischen Nationalsport, und Fußball. Ich bin viel mit meinen Freunden und meiner Familie zusammen. Hier bin ich oft fast den ganzen Tag allein. Aber immerhin lerne ich kochen und habe viel Zeit zum Lesen und zum fleißigen Studieren. BiTSLicht: Was wirst du von deinem Deutschlandaufenthalt nie vergessen? Juanmi: Die ersten Tage! Sie waren schrecklich! Ich habe viele Stunden vor dem PC verbracht, ohne richtig was zu tun, kannte niemandem und hatte Heimweh. Zu Hause habe ich viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen. In Spanien kann man sich quasi nicht langweilen - in Iserlohn allerdings schon. BiTSLicht: Was vermisst du am meisten von zu Hause? Juanmi: Meine Familie und meine Freunde. Sie sind ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Und ich vermisse den Jamón Ibérico, den spanischen Schinken, sehr! Stephanie Titzck


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Heimatkunde

„Flexibilität ist ganz wichtig.“ In dieser Ausgabe stellt sich BiTS-Dozent Thomas Burgartz vor.

BiTSLicht sprach mit dem Porscheliebhaber Thomas Burgartz über seine Hobbys, seine Karriere und was er an einem freien Tag macht. BiTSLicht: Was wollten Sie als Kind werden? Thomas Burgartz: Tierarzt wollte ich werden. Das ist auch eigentlich das einzige, woran ich mich erinnern kann. Diese typischen Berufe wie Feuerwehrmann oder Polizist haben mich nie interessiert. Für mich war eigentlich immer Tierarzt der klare Wunsch, aber das bin ich ja dann doch nicht geworden. (lacht)

Thomas Burgartz: Lange frühstücken, vielleicht auch noch mal ein zweites kleines Frühstück einnehmen. Dann gehe ich gerne shoppen, wenn es das Wetter hergibt. Ich gehe gerne ins Kino. Wenn es so spontan kommt, würde ich vielleicht auch gar nichts machen. Ein bisschen Sport vielleicht. BiTSLicht: In welcher Zeit hätten Sie gerne gelebt und warum? Thomas Burgartz: Ich bin gar nicht unzufrieden mit der Zeit, in der ich jetzt lebe. Spannend hätte ich es vielleicht gefunden, im Mittelalter zu leben. Da ist sicher einiges einfacher gewesen ohne die Technologie. BiTSLicht: Mit welchem Politiker würden Sie für einen Monat tauschen? Thomas Burgartz: Mit zu Guttenberg. Er ist anders. Er hat spannende Themen. Und ich glaube, dass er einfach einen sehr belebenden frischen Wind einbringen kann, wenn er bei seiner Linie bleibt und sie weiter verfolgt. BiTSLicht: Wo leben Sie und wo würden Sie am liebsten leben?

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Foto: Pauline Dobek

BiTSLicht: Was machen Sie mit einem überraschenden freien Tag?

Thomas Burgartz‘ drei Wünsche: Gesundheit, Freundschaft und Erfolg.

Thomas Burgartz: Momentan lebe ich in Dortmund. Am liebsten würde ich im Süden leben, in Italien oder Spanien. Wegen des Klimas, wegen der Landschaft, des Meers. Da werde ich auch irgendwann sicher leben… BiTSLicht: Worauf sind Sie in Ih-

„Zu Guttenberg hat spannende Themen.“ rem Leben besonders stolz? Thomas Burgartz: Auf meinen beruflichen Werdegang, den ich bis jetzt genommen habe. Und auch mit dem, was ich neben dem Dozentenberuf erreicht habe. Und dass ich immer noch Ideen habe. BiTSLicht: Wem würden Sie aus welchen Gründen einen Orden verleihen?

Thomas Burgartz: Meinen Eltern, denn sie haben mir meinen Weg ermöglicht. Und wenn nicht meinen Eltern, dann meiner ganzen Familie. BiTSLicht: Worauf achten Sie bei Menschen als erstes? Thomas Burgartz: Das Auftreten mir gegenüber. Klar, der erste Eindruck ist da schon entscheidend. Es ist nicht zu leugnen, dass man auf ein gepflegtes Äußeres achtet, aber dann auch nicht gleichzeitig arrogant wirkt. Das gesamte Erscheinungsbild ist wichtig, aber ich achte da auf keine besonderen Accessoires. BiTSLicht: Was schnellsten auf?

regt

Sie

am

Thomas Burgartz: Ignoranz, aber auch schon der Stau morgens auf dem Weg zur BiTS. Jemand, der etwas zu sein vorgibt, was er nicht ist. Auch wenn ich verschlafe, regt mich das auf. Deswegen stelle ich auch im-


Heimatkunde

mer zwei, drei Wecker.

Steckbrief: Thomas Burgartz

BiTSLicht: Wann wurden Sie das letzte Mal geblitzt und wie viele Punkte haben Sie in Flensburg?

Geburtsdatum: 10. April 1970 Größe: 1,76 Meter Sternzeichen: Widder Familienstand und Kinder: ledig, keine Kinder Beruf: Dozent an der BiTS und Consultant/Berater An der BiTS seit: Wintersemester 2003/2004 Lehrveranstaltungen: Controlling-Bereich, Marketing und kundenorientiere Veranstaltungen Lieblingsmusik: House, R’n’B, Black Music Lieblingsserien: Stromberg Lieblingsbuch: Alles von Dale Carnegie. Lieblingsfarbe: blau Lieblingsspeise und -getränk: spanisches Essen und Rotwein Lieblingstanz: Samba und Paso Doble Hobbys: Golf, Beachvolleyball, Ballsportarten generell

Thomas Burgartz: Oh, nicht viele. Vielleicht drei oder vier Punkte. Zuletzt geblitzt wurde ich vor sechs Wochen mit 20 km/h zu viel. BiTSLicht: Angenommen, Sie finden eine Wunderlampe und reiben daran. Würden Sie immer wieder dran reiben oder wären Sie mit drei Wünschen zufrieden? Thomas Burgartz: Wenn ich die Möglichkeit hätte und noch mehr Wünsche hätte, würde ich sicher noch öfter an der Lampe reiben. Aber es gibt schon drei Punkte, die ganz wichtig sind, und wenn die geregelt sind, wäre ich auch schon glücklich. Das sind Gesundheit, Freundschaften und Erfolg.

sport habe ich viel über Ausdauer, Ehrgeiz und Disziplin gelernt. Wie man mit Menschen umgeht und vor sie tritt, was nicht zu unterschätzen ist. Sportlich gesehen war sicherlich der Ehrgeiz wichtig, der bei vier- bis fünfmaligem Training pro Woche vorhanden sein muss.

hoffe nur, dass VW sich da nicht verhoben hat, denn dann wäre es für Porsche sehr schlecht. Vor allen Dingen hoffe ich, dass die Modelle sich nicht angleichen werden.

BiTSLicht: Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

BiTSLicht: Wie verlief Ihre Karriere im Tanzsport?

Thomas Burgartz: Ich denke, ich bin sehr zielstrebig, meistens flei-

Thomas Burgartz: Bis Anfang der 90er-Jahre sehr erfolgreich, der Erfolg kam auch recht schnell. Dann kam aber das Studium dazu und wenn man dann nicht kontinuierlich weiter trainiert, dann kann man das Level nicht halten. Dann muss man versuchen, das Wissen weiterzugeben. Ich habe dann den Trainerschein gemacht und viele Jahre Training gegeben, doch selbst dafür war irgendwann keine Zeit mehr. Dann hört man besser ganz auf.

Thomas Burgartz: Flexibilität ist ganz wichtig heutzutage. In viele Bereiche einzutauchen, einfach frühzeitig zu erkennen, was mir gefällt und zu mir passt, aber auch zu erkennen, was nicht zu mir passt und mir nicht gefällt. Das ist auch eine Erkenntnis. Ich habe beispielweise auch bei dem einen oder anderen in meiner Entwicklung gemerkt, dass ich da keine Lust zu habe. Man sollte nichts überstürzen, sich ruhig mal ein Jahr Zeit lassen. Ob ich jetzt mit

„Der erste Eindruck ist schon entscheidend.“ ßig, aber genauso gerne auch mal sehr faul. Ich versuche schon immer sehr zuvorkommend, hilfsbereit und offen zu sein. Das kann aber auch, das muss ich ehrlich zugeben, ganz schnell ganz eklatant in die andere Richtung gehen. Das ist vielleicht nicht immer gut, aber diese beiden Extreme habe ich. Aber nicht ohne Grund, es muss schon was passiert sein. BiTSLicht: Aus welcher Lebenserfahrung konnten Sie am meisten zehren? Thomas Burgartz: Aus den beiden Studiengängen, Ingenieurswesen und BWL, und aus der langen Zeit im Tanzsport. Meine berufliche Entwicklung ist erst seit 2008 abgeschlossen. Ich habe dabei sehr viel über die Menschen gelernt und die verschiedenen Wege, die man gehen kann. Und durch meine Eltern natürlich auch sehr viel. Aus dem Tanz-

BiTSLicht: Wie beurteilen Sie die feindliche Übernahme von Porsche durch VW? Thomas Burgartz: Als ganz schlecht. Ich glaube, dass es dem Image von Porsche, aber auch dem von VW nicht gut tut, zu einem Massenkonzern zu werden, der zu viele Marken unter sich vereint. Als eine Dachmarke sehe ich VW nicht, denn sie haben ja auch eigene Automobile. Porsche hätte sicherlich nicht an Image verloren, wenn sie eigenständig geblieben wären. Auf der anderen Seite kann ich den Schritt aber auch gut verstehen. Es hat durchaus auch Vorteile, was den Standort Deutschland betrifft, denn Deutschland steht für eine starke Automobilindustrie. Ich

BiTSLicht: Haben Sie einen Tipp für eine erfolgreiche Karriere?

„Man sollte nichts überstürzen, sich ruhig mal Zeit lassen.“ 23, 24 oder 25 fertig bin, ist eigentlich egal. Man muss darauf hören, was man gerne macht. Das ist meist auch das, was man am besten kann. Und wenn man das gefunden hat, dann kann man fortan auch richtig Gas geben und erfolgreich sein. BiTSLicht: Wem sollten wir diese Fragen als nächstes stellen? Thomas Burgartz: Gerne Kollege Stefan Stein. Pauline Dobek & Adrienne Hattingen

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Titelthema

Vom Studentsein

Foto: Bastian Fritz

Bachelor, Bildungsstreik und Berufschancen: Was bedeutet es, Student zu sein?

Im Internet organisiert, auf die Straße getragen: Vereint der Bildungsstreik - hier in Dortmund im Herbst 2009 - Deutschlands Studenten?

Dieser Artikel steht auf dem Kopf. Er beginnt mit dem Fazit: Diesen einen, allgemeingültigen Typus „Student“ gibt es heute nicht. Studenten ließen sich zwar noch nie über einen Kamm scheren, aber so heterogen wie heute waren frühere Studenten nicht. Gibt es überhaupt etwas, das alle Studenten vereint? Eine Gemeinsamkeit aller Studenten ist offensichtlich: Sie haben sich für ein Studium entschieden. Das war es aber auch schon. Manche Studenten waren schon mal selbstständig, viele kommen direkt aus der Schule, andere haben bereits eine Ausbildung. Und selbst wenn zehn Leute das gleiche Fach studieren - jeder der Kursteilnehmer geht an die Themen und das Studium auf seine eigene Weise heran. Deshalb prallen in jedem Hörsaal oder Seminarraum Welten aufeinander. Das ist nichts Neues, denn auch die Hörsäle in den vergangenen Jahrzehnten waren gefüllt mit ganz unterschiedlichen Charakteren. Damals jedoch wird es noch eher Gemeinsamkeiten gegeben haben, weil die Auswahlmöglichkeiten

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für die persönliche Gestaltung des Studentenlebens nicht so groß waren wie heute. Einige relativ junge Entwicklungen machen deutlich, warum es heute keinen Universalstudenten in Deutschland gibt. Die Anzahl der Studiengänge, der Studienorte oder der möglichen Abschlüsse ist seit Jahren enorm ge-

Individualistische Studenten... stiegen. Die Entwicklung ist wie die Umstellung vom Freundschaftsbuch auf Facebook: Es wird immer mehr und immer unübersichtlicher. Mittlerweile gibt es rund 13.500 Studiengänge. „Vor sechs Jahren waren es noch ungefähr 9.000“, sagt Michael Lecher, Redakteur des jährlich erscheinenden Studienführers „Studien- und Berufswahl“. Zwar müsse bei dieser Zahl berücksichtigt werden, dass aus einem Diplomstudiengang oft mehrere Bachelorstudiengänge geworden seien. Dennoch: „Generell ist die Zahl gestiegen. Und außer-

Die Top 5 der Was-ist-dasdenn-Studiengänge 1. Pferdekommunikation Von der Website der staatlich anerkannten Fachhochschule: „Pferde kommunizieren. Man muss nur lernen, ihnen zuzuhören.“ 2. Adaptronik Selbst nach mehrmaligen Lesen der Definition bleibt dieser Studiengang ein Rätsel. Erklärungen an chefredaktion@bitslicht.de. 3. Zerstörungsfreie Prüfung (berufsbegleitend) Die Qualität von Werkstoffen prüfen, ohne das Material zu beschädigen? Die zerstörungsfreie Prüfung macht es möglich! 4. Imaging Physics Bereitet die Studenten auf die „rasanten Fortschritte in der Sensorik“ vor. Alles klar? 5. Ökotrophologie Teil der Haushalts- und Ernährungswissenschaften, vor allem an Fachhochschulen angeboten.


Titelthema

...in immer spezielleren Studiengängen. tur, VWL, Jura und Medizin gibt es immer noch. Aber zusätzlich und im Besonderen kann der fleißige Unigänger von heute auch Urbanes Pflanzen- und Freiraum-Manage-

Johannes Strate (29), Sänger bei Revolverheld

ment, Informationsorientierte VWL, Europäische Rechtslinguistik und Medizinrecht als seine Bestimmung erkennen und diese akademisch verfolgen. Lecher gibt zu Bedenken, dass viele dieser sehr speziellen Studiengänge „Etikettenschwindel der Unis“ seien - Marketingprojekte, um sich von anderen Hochschulen zu differenzieren. Aber unabhängig davon, ob nun von alleine oder durch die Anstöße der Unis: Die akademischen und beruflichen Schwerpunkte der Studenten haben sich spezifiziert. Individuelle Studiengänge, individuelle Studenten. Worüber sollen sich ein angehender Chorleiter und ein Ver- und Entsorgungstechniker unterhalten? Vielleicht haben die bei-

Auslandssemester schweißen zusammen - aber nicht nur.

Foto: Ger1axg

den ja zufällig den gleichen Musikgeschmack oder sind Fan desselben Schriftstellers. Andernfalls wäre ein Gespräch schnell vorbei.

Studierte von 2002 bis 2005 Kulturwissenschaften auf Magister in Bremen mit den Nebenfächern Germanistik und Kunstwissenschaften. Wurde dann für Revolverheld beurlaubt. Anfang 2009 machte er seinen Bachelorabschluss. Über das Studentsein: Wenig Verantwortung, viele Freunde und Bekannte. Der Ernst des Lebens ist noch weit weg, wenn man studiert. Das war echt ein ganz nettes Lebensgefühl. Gerade wenn man auf Magister studiert, ist es nicht so, dass man von morgens bis nachts lernt. Man hat halt sehr viel Zeit und wir waren wahnsinnig viel feiern damals. Wir waren ein großer Jahrgang und deshalb war es eine nette Zeit mit tausend losen Bekanntschaften. Gerade für mich als Songschreiber war ein germanistisches Studium ganz gut, weil ich viel schreiben musste. Das sind natürlich andere Sachen, als wenn du dich zum Songschreiben hinsetzt, aber jegliche Art von Texteschreiben schult einen ja schon in seiner Schreibe. Für mich ist es sehr glücklich gelaufen, weil ich das, was ich mein Leben lang gemacht habe - nämlich Musik - zu meinem Job gemacht habe.

Studenten sind heute mobiler als noch vor zehn oder 20 Jahren. Zum einen sind die Reisemöglichkeiten durch Studententickets, über das Internet organisierte Mitfahrgelegenheiten oder das eigene Auto größer. Zudem haben Auslandsaufenthalte theoretisch das Potenzial, Studenten durch ähnliche Erlebnisse in fernen Ländern zusammenzuschweißen. In der Praxis sieht das aber so aus: „Hey, du warst also auch im Ausland! Wo denn? Ach, in Neu-Delhi! Ich war in Kanada.“ Individuelle Auslandsaufenthalte, individuelle Studenten. Die Mobilität und Internationalität könnten fast als vereinendes Merkmal gesehen werden. Aber ein Blick auf die Zahlen genügt, um das Gegenteil zu erkennen: Nur 16 Prozent aller deutschen Studenten, die 2006 an deutschen Unis immatrikuliert waren, hatten während ihres Studiums Zeit im Ausland verbracht - sei es für Praktika, Vorlesungen oder Sprachkurse. Diese Zahl ist gegenüber 2000 sogar leicht gesunken. Auslandsaufenthalte gehören in vielen Studiengängen eben noch nicht zum Standard. Apropos Standards im Curriculum. Zwar sollte die Einführung von

Martina Stangel-Meseke (46), BiTS-Dozentin

Foto: Sonja Gurris

dem haben sich die Studiengänge diversifiziert“, meint Lecher. Der Studienführer, dessen Seitenzahl sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt hat, führt natürlich weiterhin die Klassiker auf: Architek-

Studierte von 1984 bis 1989 Psychologie mit Schwerpunkt Arbeitsund Organisationspsychologie und Arbeitsrecht an der Ruhr-Universität Bochum. Über das Studentsein: Studentsein bedeutet für mich, dass Studenten sich mit ihrem Studienfach eigenständig und kritisch auseinandersetzen. Auch meine Studienzeit war charakterisiert durch ein hohes Commitment meiner Studierenden-Kohorte. Darüber hinaus gehört für mich dazu, dass Studierende die Einstellung haben, sich zu bilden und sich nicht ausbilden zu lassen. Bachelor- und Masterabschlüssen eine Vereinheitlichung und bessere Vergleichbarkeit mit sich bringen. Teilweise wurde dieses Ziel erreicht, zum Beispiel durch die einheitliche Studienzeit oder die Einführung des Credit-Point-Systems. Dennoch bleiben zwischen den Hochschulen und auch zwischen den Hochschul-

Uni, FH, Berufsakademie: Student ist nicht gleich Student. formen erhebliche Unterschiede. Das ist natürlich gewollt und auch von Vorteil, denn so können sich Hochschulen und Hochschulstandorte voneinander differenzieren. Technische Universitäten gibt es in Deutschland zwar schon lange und auch Fachhochschulen existieren seit rund 40 Jahren in der heutigen Form. Aber eine Design School, eine Unternehmerhochschule oder eine Fachhochschule für Gesundheit gab es vor einigen Jahren noch nicht nicht zu vergessen die Klassiker der pädagogischen, künstlerischen oder kirchlichen Hochschulen. Über 100

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Titelthema

Studierte in den 1960er Jahren BWL an der Betriebswirtschaftsakademie in Wiesbaden. Gründete 2000 die BiTS und ist seitdem ihr Präsident. Über das Studentsein: Ich war damals Trainee bei Unilever und hatte daher nur Zeit für ein Abendstudium. Heute bringt die Globalisierung immer neue Herausforderungen. Die Konkurrenz aus anderen Ländern ist sehr gut ausgebildet. Deswegen ist eine internationale Ausrichtung des Studiums mit einem Fokus auf Sprachen sehr wichtig. Unis und über 350 Fachhochschulen bieten deutschen Studenten heute mannigfaltige bis unüberschaubare Perspektiven: Lieber in die Forschung oder in die Wirtschaft? Für öffentliche Stellen arbeiten oder selbstständig werden? Den Fokus eher auf das Theoretische oder auf die Praxis legen? Diese Fragen stellen sich nicht erst nach dem Studium, sondern sind oftmals schon mit der Wahl der jeweiligen Hochschule zumindest im Groben beantwortet. Individuelle Hochschulformen, individuelle Studenten. An großen öffentlichen Unis kommt noch die Unterteilung in Fakultäten hinzu. Christian Poell, Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) an der Uni Köln, lernt durch seine Sprechstunden und seine Arbeit in den Ausschüssen des AStAs viele Studenten kennen. Er sieht zwar ähnliche Interessen innerhalb einer Fakultät, aber zwischen den Abteilungen kommen die Unterschiede dafür umso deutlicher zum Vorschein. „Klar steht auf all unseren Studiausweisen ‚Eingeschriebener Student‘“, sagt Poell. Aber da enden die Gemeinsamkeiten auch schon: Der Student von heute sei so und so mehr könne man nicht sagen.

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Zu den vielen verschiedenen Möglichkeiten, die Studenten beim Studienangebot, im Ausland oder bei der Hochschulwahl haben, gesellt sich eine Beschränkung: Die Studienzeit. 14 Semester Theologie und Kunstgeschichte? BWL mit fünf Semestern Pause zwischendrin? Solche Studienverläufe sind nur noch selten anzutreffen. Bachelor- und Masterstudiengänge sehen strikte Zeitvorgaben vor, die sowohl von Studenten als auch von Dozenten ernst genommen werden. In den Semesterferien sind außerdem an vielen Unis Praktika gefordert, die Nebenjobs dürfen auch nicht vergessen werden. Das Klischee vom faulen Studenten, der mehr Zeit in der Bar als in der Bibliothek verbringt, ist weiter entfernt von der Realität als die USA von ihren Klimazielen. Um aber nicht nur auf die zeitlichen Beschränkungen

Studenten 2009: Zeit ist Geld. hinzuweisen: Das Studium bietet in den allermeisten Fällen immer noch genug Zeit, um Freund-, Lieb- und Feindschaften zu entwickeln, um ab und zu abends auszugehen, um seinen Hobbys nachzugehen, um auch mal einen Abend vor dem Fernseher zu verbringen. Wenn es überhaupt eine Entwicklung gibt, die für die Mehrheit aller Studenten gilt, ist es diese: Der Fokus des Studiums liegt mehr denn je… nun ja, auf dem tatsächlichen Studium. Praktika und Freundschaften, Nebenjobs und Hobbys sind ja schön und gut - aber der Bachelor geht vor. Das mag an den straffen Curricula liegen und daran, dass die Hochschulen, die Wirtschaft und einige Studenten selbst mehr Wert auf eine klare Karriereorientierung legen. Auch die Einführung der Studiengebühren spielt hierbei eine große Rolle. Während sich Studenten oft und lange mit ihrem Studium und ihrem späteren Werdegang auseinandersetzen (und sei es nur durch die Äußerung: „Ach, ich weiß ja gar nicht, was ich machen soll!“), kommen Diskussionen über hochschulfremde Bereiche häufig zu kurz. Christian Poell berichtet, dass die meisten Fragen in seiner Studentenberatung das Prüfungsrecht, die Umstellung auf die Bachelor- und

Masterabschlüsse und die Studienfinanzierung betreffen. Dagegen ist nichts einzuwenden, da dies die Themen sind, die heute die meisten Studenten berühren. Außerdem: Nicht jeder Unigänger möchte unbedingt Teil einer großen studentischen Masse sein. Das Bild der Studenten aus den 1960er- oder 1970er-Jahren wirkt in dieser Hinsicht noch stark nach: Regelmäßige Demonstrationen, studentische Intellektuelle in Lesezirkeln oder gar ein deutschlandweit bekannter „Studentenführer“ - so etwas scheint heute unrealistisch. Die Organisation der Studenten findet eher im Internet als auf der Straße statt, aber die Beschäftigung mit den eigenen Zielen hat ohnehin Vorrang. Individuelle Perspektiven, individuelle Studenten. Heißt das, dass das Engagement von Studenten heute im Vergleich zu früher abgenommen hat? „Die Angebote sind da und oftmals wollen Studenten sich auch engagieren, aber sie haben halt keine Zeit dazu“, sagt Christian Poell. Studenten müssen sich überlegen, wofür sie die Freizeit, die ihnen zur Verfügung steht, nutzen. Und da steht eben das Studium meistens an erster Stelle. „Die Motivation, sich zu engagieren, hat in meinen Augen nachgelassen“, be-

Nicole Eisenberg, Künstlerin (70)

Foto: Karen Eisenberg

Foto: Philine Lietzmann

Dietrich Walther (67), Hochschulpräsident

Studierte in den 1960er Jahren an Kunsthochschulen in Paris und München. Lebt und arbeitet heute in Iserlohn. Über das Studentsein: Meine Klasse war sehr international, mit Leuten aus der Schweiz, England oder anderen Franzosen. So gab es immer ganz interessante Entwicklungen zwischen den Studenten. Der Professor war auch sehr philosophisch, es ging um persönliche Entdeckungen und die Idee, Kunst zu verstehen.


Titelthema

Prominenter Beleg für diese Behauptung sind die zahlreichen Studentenproteste in den vergangenen Monaten. Von Berlin bis Wien kamen tausende Studenten zusammen, um unter anderem für mehr Mitbestimmung und weniger Studiengebühren

Bildungsstreik: Egoismus oder Zusammenhalt? zu kämpfen. Hier zeigte sich deutlich ein Solidaritätsgefühl von Studenten untereinander. Andererseits wurde auch klar: Es sind fast ausschließlich hochschulpolitische Themen, die Studenten vereinen. Studentische Proteste gegen andere politische Missstände im In- oder Ausland finden zumindest nicht mehr in der Öffentlichkeit statt. Studenten müssten erkennen, dass ihre Stimme im Land Gewicht habe, meint Christian Poell: Der AStA in Köln führe oft Gespräche mit der Stadt, der Dachverband der Studentenschaften werde regelmäßig zu Sitzungen in den Bundestag eingeladen. Diese Einflussnahme von Studenten läuft zwar meist im Hintergrund ab, ohne dass Studenten oder Medien davon etwas mitbekommen. Aber Poell sagt deutlich: „Studenten haben eine Macht in den Ländern und auch auf Deutschland bezogen.

Deutschlands Studenten in Zahlen 2.128.976

Studenten insgesamt

1.398.516

Studenten an Unis

646.061

Studenten an Fachhochschulen Alle Zahlen vorläufig gültig zum Wintersemester 2009/2010. Quelle: Statistisches Bundesamt.

Bestes Beispiel dafür ist eben der Bildungsstreik.“ Wie auch immer der einzelne Student nun auch zu den Themen des Bildungsstreiks steht, eines ist klar: Die gut zwei Millionen Studenten in Deutschland können auch in der Öffentlichkeit etwas bewegen. Sie haben es geschafft, eine Problematik, die vielen Studenten ans Herz und ans Portemonnaie geht, auf die politische Tagesordnung zu setzen und sowohl Politiker als auch Medien auf ihre Seite zu ziehen. Fehler bei der Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse wurden eingestanden, Forderungen der Studenten als richtig anerkannt.

Anna Wojtachno, Studentin (21)

Aber auch die Proteste oder die Streiks sind keine Merkmale, die Studenten grundsätzlich vereinen: Erstens machen ja nicht alle Studenten mit und zweitens gibt es Streiks und Demonstrationen auch in anderen gesellschaftlichen und beruflichen Bereichen. Die Suche nach

Über das Studentsein: Im vergangenen Sommer organisierte ich eine Ausstellung mit ein paar Freunden. Am Tag nach der Eröffnung wollte ich nach Hause fahren. Dann ergab sich aber noch ein Tutorium mit meinem Professor zu meiner Bachelorarbeit. Also musste ich das noch vorbereiten. Die Ausstellungseröffnung hat dann gut geklappt und wir haben lange gefeiert, bevor es nach Hause ging. Genau das macht mein Studium aus: Es besteht aus viel Arbeit, aber gleichzeitig auch guten Freundschaften. Zu studieren bedeutet für mich, meine Interessen auf akademischer Grundlage zu vertiefen und dabei von Leuten umgeben zu sein, die ähnliche Interessen haben und das lieben, was sie tun. Student zu sein heißt für mich zwar harte Arbeit und viel lernen, aber gleichzeitig auch über sich selbst lernen - und das geht nur mit anderen.

„Sein Leben in den Griff bekommen“ einer vereinenden Eigenschaft aller Studenten scheint vergeblich. Weil Studenten so frei in ihren Entscheidungen sind: Welcher Studiengang, wohin im Auslandssemester, den Bildungsstreik unterstützen oder nicht. Und genau hier offenbart sich doch eine Gemeinsamkeit: Die Freiheit der Entscheidungen, der Meinungen, des Geistes. „Die Wunschvorstellung“, sagt Christian Poell, „ist, dass Studenten frei denken und ihre Meinung frei äußern. Ihr Leben in den Griff bekommen und kritisch über Themen nachdenken.“ Zu keiner anderen Zeit im Leben ist der Mensch geistig so unabhängig wie zur Studentenzeit. Das ist auch vom Alter abhängig. Doch das Studentsein allein führt schon zu einem Gefühl der Unabhängigkeit. Zum einen tragen Studenten genau das richtige Maß an Verantwortung: Nicht zu viel, nicht zu wenig. Nicht Bundeskanzlerin, nicht Kindergartenkind. Außerdem leben und arbeiten sie weitgehend selbstständig noch dazu in einer akademischen Atmosphäre, die im Idealfall den Geist ohnehin beansprucht. Es gibt genügend Anregungen zum Nach-

Foto: Anna Wojtachno

merkt der BWL-Student. Dennoch gibt es eine Menge Studenten, die sich in verschiedenen Organisationen inner- und außerhalb der Uni betätigen. Dass die Mehrheit der Studenten heutzutage grundsätzlich lethargisch und desinteressiert sei, verneint der AStA-Vorsitzende.

Studiert seit 2007 Kunstgeschichte in London.

denken und zur Meinungsbildung und jeder denkt, was er möchte. Als Grundschüler waren die eigenen Meinungen noch stark geprägt von den Meinungen, Wünschen und Verboten der Eltern oder Lehrer. In den höheren Klassen entwickeln sich langsam eine eigene Meinung und ein eigener Geschmack. In der Oberstufe wird diese Ausprägung noch stärker. Als Student bestehen gedanklich keinerlei Grenzen oder Abhängigkeiten mehr. Vielleicht ist es später nötig, seine Meinung so anzupassen, dass der Chef, der Verband, die Kunden, die Wähler, die Aktionäre, die Schüler, die Fans, die Geschäftspartner zufrieden gestellt werden. Als Student ist das nicht nötig. Die studentischen Gedanken sind frei. Julian Jaursch

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Titelthema

Zwölf Erfahrungen, ... ... die ihr als BiTS-Student mal gemacht haben solltet - oder um die ihr nicht herumkommt.

1.

10 Kasse an 14 Lieferforderungen buchen (oder so...) Nach einer B7-Party um 8 Uhr Vorlesung haben Die berüchtigten Partys im B7 sollen ja ab und an durchaus mal ausarten. Da kann es vorkommen, dass es direkt aus dem B7 in die erste Vorlesung geht. Für keinen der Beteiligten eine schöne Erfahrung.

Foto: Julian Borchert

Foto: Julian Borchert

2.

3.

Um den Seilersee laufen

Aus Zeitnot falsch parken

4.

5.

Ja, es ist ein Luxusproblem. Aber wenn der Parkplatz mal wieder so voll ist wie die Taschen von Bankern nach den Bonuszahlungen und die Vorlesung schon angefangen hat, dann wird eben der Bürgersteig zum Parkplatz.

BiTS.fm hören

Tretbootfahren auf dem Seilersee Naherholungsziel Nr. 1 im Sauerland? Der Seilersee! Mit seiner erstaunlichen Wasseroberfläche von 13 Hektar bietet die Callerbachtalsperre stunden-, wenn nicht tagelangen Tretbootspaß.

Foto: Jasmin Al-Malat

6.

20

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Titelthema

Vor Herrn Frielingshausens Vorlesungsraum warten Pünktlichkeit ist eine Tugend, die Herr Frielinghausen sehr hoch hält. So hoch, dass sie regelmäßig für einige Zuspätkommer unerreichbar wird. Also wird 15 Minuten vor dem Raum gewartet, bis auch wirklich alle Teilnehmer da sind.

Foto: Julian Borchert

7.

Ein Roosters-Spiel anschauen Man sollte es ja doch mal machen. Ist ja immerhin erste Liga. Und die Stimmung soll super sein. Und es ist Iserlohns bestes Eishockeyteam. Und es ist direkt um die Ecke von der BiTS.

Foto: Marco Leipold

8.

In der Mensa essen gehen

Für irgendetwas nach Dortmund fahren

10.

Foto: Mbdortmund

9.

Dass Iserlohn die Metropole des Sauerlands ist, bestreitet ja keiner. Aber es gibt eben doch nicht alles hier. Ob Party, Unibibliothek, einkaufen oder auch nur auf dem Weg nach Hause: Irgendwann kommt man an Dortmund nicht mehr vorbei.

11.

In der Bibliothek angerufen werden

12.

Nur eine einzige Vorlesung haben und trotzdem den ganzen Tag in der Uni sein

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Titelthema

„Bibliothek“? Google mal schnell Die BiTSLicht-Umfrage: Was halten Dozenten von Wikipedia?

Darf ich vorstellen? Das ist die Ulrike. Ulrike ist 26 und hat gerade im Fernsehen verfolgt, wie der neue Bundeskanzler Helmut Kohl seinen Amtseid abgelegt hat. Mal gucken, wie lange der sich wohl hält, denkt sich Ulrike.

merkt Ulrike, dass sie ihren Büchereiausweis vergessen hat. Nochmal zurück. Schließlich sitzt sie über den Büchern. Die Bibliothek verspricht völlige Ruhe und ein wissenschaftliches Ambiente. Ulrike jedoch kann

Ulrike trägt lange blonde Locken und ein Stirnband, eine Karottenhose und bunte Sweatshirts. Morgen möchte Ulrike endlich ihr Referat anfangen. Sie studiert im neunten Semester Biologie, Nebenfach organische Chemie, und muss sich in das Thema „Die C-terminale Carboxylgruppe des Ubiquitins als potenzieller Störfaktor in der ersten Aktivierungsstufe“ einarbeiten. Also verlässt sie ihre Wohnung, setzt den Walkman auf und schnipst zu Nena, während sie mit der Straßenbahn zur Uni-Bibliothek fährt. Denn Ulrike benötigt die verlässlichen, wenn auch veralteten, Informationen aus den Lehrbüchern. Letztes Mal waren sie alle ausgeliehen. Mist, jetzt be-

Suchmaschine statt Lexikon... kaum die Augen aufhalten. Jetzt einen Kaffee! Aber Ulrike hat kein Geld dabei. Und die Bücher mit nach Hause nehmen? Viel zu groß und zu schwer. Also muss Ulrike morgen noch einmal herkommen. Darf ich außerdem vorstellen? Das ist der Kevin. Kevin hat gerade im Internet gelesen, dass Angela Merkel zum zweiten Mal zur Kanzlerin gewählt worden ist. Kevin hat bei Facebook 143 Freunde, weiß zwar, was ein Walkman ist, aber nicht, wo seiner abgeblieben ist, und muss heute für die Uni ein Referat vorbereiten.

Was ist Ihrer Meinung nach der größte Nachteil von Internetenzyklopädien wie Wikipedia? 24,3

Gefahr von Autoren, die nicht vom Fach sind geringe Nachprüfbarkeit der Informationen

21,6

Gefahr von Manipulation der Artikel

21,6 18,2 14,2

falsche Informationen 0

5

10

15

20

25

Das Problem von Wikipedia scheint nicht eine erhöhte Fehleranfälligkeit zu sein - die Artikel werden schließlich von Dutzenden, wenn nicht hunderten Menschen gegengelesen. Vielmehr spielt die Tatsache eine Rolle, dass jeder dort veröffentlichen kann. Manchmal sind das wahrscheinlich Experten vom Fach - aber manchmal auch nicht. Weiterhin wurde kritisiert, dass Wikipedia einen ganzheitlichen Blick auf ein System nicht ermögliche, sondern nur Faktenwissen fördere. Außerdem sei oftmals keine Interdisziplinarität gegeben. Eine Gefahr sei, dass die Übersichtlichkeit und schnelle Verfügbarkeit der Informationen zu einer „unreflektierten Übernahme fremden Wissens“ führe. Dies sei kein wissenschaftliches Arbeiten. Einer der Befragten schlug vor: „Studierende sollten Wikipedia mitgestalten, wenn sie etwas gelernt haben, was dort noch nicht berücksichtigt ist.“

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Protagonist Kevin dürfte - im Groben - heute an vielen Hochschulen zu finden sein, Ulrike hingegen erscheint wie eine Kreatur aus einem historischen Roman. Recherchieren ohne Computer? Ohne Internet? Karottenhosen? Für viele BiTS-Dozenten dürfte Ulrike allerdings keine Unbekannte sein. Vielleicht kannten die heutigen Professoren zu ihrer Studienzeit jemanden wie Ulrike. Oder waren so wie sie. Denn 90 Prozent der 52 Dozenten, die an der BiTSLicht-Umfrage teilgenommen haben, studierte in den Achtziger und frühen Neunziger Jahren. Von breit verfügbarem Internetanschluss war zu dieser Zeit noch nicht die Rede - ganz zu schweigen von Google (1998 gegründet), Wiki-

... oder gleich Lexikon?

Angaben in Prozent. Mehrfachnennungen möglich. Insgesamt 148 Antworten. Rundungsfehler möglich.

nicht-wissenschaftliche Texte

Also setzt sich Kevin Kaffee auf und dann auf seinen Stuhl vor den Laptop. Und los geht’s mit der Recherche.

pedia (2001), YouTube (2005) oder Blogs (Ende der Neunziger entstanden). Was halten die Lehrenden also von Internetrecherche im Allgemeinen und Wikipedia im Besonderen? Um das herauszufinden, hat BiTSLicht eine Umfrage unter 52 (von 164) BiTS-Dozenten vorgenommen. Für sie waren während des Studiums die wichtigsten Rechercheinstrumente Fachbücher und -journale aus Bibliotheken. Auch elektronische Datenbanken nutzten die jetzigen Dozenten, genauso wie direkte Kontakte zu Forschungseinrichtungen. Heute ersetzt das Öffnen des Internetbrowsers den Griff zum Lexikon. Die Vor- und Nachteile dieser Entwicklung kennen viele Studenten aus der täglichen Erfahrung: Im Internet sind Informationen immer und überall schnell verfügbar, aber ihre Urheber sind oft unbekannt. Im Internet


Titelthema

Was Dozenten zur Recherche empfehlen:

Nutzen Sie selbst Internetenzyklopädien wie Wikipedia für die Erstellung von Lehrinhalten und wenn ja, wozu?

1. Bücher und Zeitschriften Ganz analog: Um die Fachliteratur aus einer Bibliothek kommt ein Student nicht herum.

Angaben in Prozent. Insgesamt 52 Antworten.

Rund 42 Prozent der Befragten gaben an, Wikipedia zu nutzen. Allerdings war der Tenor, die Onlineenzyklopädie nur als erste, schnelle und oberflächliche Übersicht anzusehen. Eine Prüfung der Informationen sei notwendig und meist gehe es darum, grundlegende Informationen nachzuschlagen. Einer der Befragten korrigiert beziehungsweise erstellt auch selbst Artikel. Ein weiterer Befragter sagte, dass Wikipedia bei der Suche nach verständlichen Formulierungen helfe. Die oftmals nicht oder nicht ausschließlich wissenschaftliche Sprache könnte sich also auch als Vorteil für Lehrende herausstellen. Weiterhin wird die Bilddatenbank von Wikipedia genutzt.

57,7

60

50

2. Onlinedatenbanken Viele Bibliotheken oder Organisationen bieten Datenbanken von Fachliteratur und Lexikoneinträgenan. Diese werden oftmals wissenschaftlich überprüft und bieten meist einen Überblick über die gesamte Fachliteratur. Nachteil: Kosten, manchmal kein direkter Zugriff auf die Texte. Im Internet zum Beispiel unter subito-doc.de, jstor.org, beat.doebe. li, search.ebscohost.com, wiso-net. de, digibib.net oder ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.

42,3 40

30

20

10

0

3. Offizielle Internetseiten Artikel aus Fachzeitschriften oder ganze Bücher sind teilweise schon kostenlos im Internet zu finden. Auch die Internetseiten von Verbänden oder Unternehmen können als Informationsquelle dienen. 4. Direktkontakt Kongressteilnahmen oder direkten Kontakt zu Unternehmen oder Forschungseinrichtungen empfehlen die Dozenten ebenfalls. gibt es Linklisten, multimediale Inhalte und Bilder - allesamt kostenlos. Dafür aber auch manchmal ungeord-

Ja

Nein

net und unübersichtlich. Aber weder eine Verteufelung noch eine Verherrlichung von Internetenzyklopädien ist gerechtfertigt. Denn sie sind momentan Teil des Studentenalltags. Genauso, wie es für Ulrike eine Selbstverständlichkeit war, Tag für Tag in die Bibliothek zu gehen und dort Fakten aus Büchern herauszusuchen, ist es für heutige Studenten wie Kevin eine Selbstverständlichkeit, mit zwei Klicks am Laptop oder am Handy an fast jede Information zu kommen. Es mag sein, dass Wikipedia zu unkritischer Recherche führen kann. Aber ist das nicht eine Gefahr von jeder Art der Recherche?

Besteht wissenschaftliches Arbeiten nicht immer darin, eine gewisse Skepsis an den Tag zu legen - egal, ob der Autor Nobelpreisträger ist oder seinen Benutzernamen aus HarryPotter-Büchern ausgesucht hat? Ulrike, Kevin und auch der kleine Linus-Jason, der aus dem Kindergarten twittert, lernen den Umgang mit verschiedenen Rechercheinstrumenten auf ihre eigene Weise. Und schließlich hängt ein sauberes Rechercheergebnis doch weiterhin vom Suchenden ab - und nicht nur vom Buch oder von Wikipedia. Julian Jaursch

Für was sollten Studenten Internetenzyklopädien wie Wikipedia nutzen? Angaben in Prozent. Mehrfachnennungen möglich. Insgesamt 81 Antworten. Rundungsfehler möglich.

61,7

erster Überblick über ein Thema 18,5

als Linkliste

13,6

als Überblick über verschiedene Meinungen zu einem Thema als Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu einem Thema

2,5

sie sollten Wikipedia gar nicht nutzen

2,5

als der Fachliteratur gleichgestelltes Rechercheinstrument

1,2 0

10

20

30

40

50

60

70

80

Knapp 80 Prozent der Befragten sagten, Studenten sollten Wikipedia weniger häufig nutzen. Aber in welchen Fällen halten die Dozenten Wikipedia für das richtige Rechercheinstrument? Die Onlineenzyklopädie taugt in ihren Augen nur als Einstieg in die Recherche - Fachliteratur ersetzt sie keinesfalls. Außerdem sagten die Dozenten, sie könne nur „als ein Puzzleteil von vielen dienen“. Auch käme es auf die jeweilige Aufgabe an. Eine Übereinstimmung mit dem Studentenalltag ist hier durchaus erkennbar: Für eine grobe Faktensammlung zu einem Thema reicht vielen Wikipedia wahrscheinlich aus, meist mit Nachprüfen bestimmter Informationen auf anderen Internetseiten. Geht es aber um weitergehende wissenschaftliche Aufgaben, muss zum Verständnis oder um Originaltexte zu nutzen ohnehin Fachliteratur konsultiert werden.

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BiTSLicht.de Die komplette Umfrage gibt es im Internet.

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Titelthema

Eine (Ver-)Bindung fürs Leben

Foto: Festschrift 100 Jahre Eisenacher Kartell

Studentenverbindungen haben lange Traditionen - und eine wechselvolle Geschichte.

Bereits 1847 fochten Verbindungen wie diese in Göttingen. Heute gehört die Mensur nicht mehr zwangsläufig zum Verbindungsleben.

Saufgelage, Fechten auf dem Dachboden, Fahnenklau: Die Vorstellungen von Studentenverbindungen sind so alt wie das Phänomen selbst. BiTSLicht beleuchtet die Geschichte und das Wesen der Verbindungen in Deutschland. Studentenverbindungen haben in Deutschland eine lange Tradition. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts schließen sich Studenten mit dem primären Ziel zusammen, Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu bilden. Diese Kontakte sind besonders nach dem Studium wichtig - sie sollen die Karriere fördern. Die Mitgliedschaft in einer Verbindung ist als Lebensbund gedacht, denn es wird erwartet, dass die Philister den Verbindungsnachwuchs auch finanziell unterstützen. Philister oder auch Alte Herren sind Verbindungsmitglieder, die ihr Studium bereits beendet haben. Bestes Beispiel dafür: Die so genannten Verbindungshäuser, in denen Mitglieder während der Studienzeit sehr günstig wohnen können. Dabei bleiben die Männer meistens unter sich. Zwar wurden seit 1899 erste Damenverbindungen gegründet, doch nach 1945 verboten

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die Alliierten zunächst alle Studentenverbindungen für fünf Jahre. Erst seit Anfang der 1980er-Jahre gibt es wieder rein weibliche studentische Netzwerke. Um 1970 entstanden erstmals gemischte Verbindungen, die aber bis heute in der Minderheit sind. Traditionell sind Studentenverbindungen Männerbünde.

„Kontakte zu anderen Verbindungen sind wichtig.“ Diese Tatsache mache es auch modernen Verbindungen schwer, Frauen Zutritt ins Netzwerk zu gewähren, erklärt Markus Schulten, Vorsitzender von BiTS Concordia: „Kontakte zu traditionellen Verbindungen sind uns sehr wichtig. Wir wollen es uns mit denen nicht verscherzen, indem wir Studentinnen aufnehmen.“ BiTS Concordia ist die erste studentische Verbindung an der BiTS in Iserlohn und existiert seit dem Sommersemester 2007. Inzwischen hat sie 23 Mitglieder und ist damit deutlich kleiner als etwa die Verbindung Corps Thuringia Jena (200 Mitglieder), die schon seit 1820 besteht und da-

mit eine der ältesten Verbindungen Deutschlands ist. Trotz der erst kurzen Geschichte legt BiTS Concordia Wert auf Bräuche und traditionelle Eigenschaften, die jede Verbindung haben muss. So hat auch Concordia eine individuelle Farbgebung, ein Wappen, ein eigenes Lied und einen Zirkel. Der Zirkel ist ein verschnörkelter, in einem Zug geschriebener Schriftzug, der die Anfangsbuchstaben des Verbindungsnamens und eines Wahlspruchs beinhaltet. Er dient als Erkennungszeichen der Verbindung. BiTS Concordia bezeichnet sich als akademische Verbindung und legt dem Namen nach ihren Schwerpunkt auf das Studium. Es gibt jedoch ganz unterschiedliche Formen studentischer Vereinigungen. Die Bekanntesten sind katholische und christliche Studentenverbindungen, Corps, Landmannschaften und Burschenschaften. Über einige wenige Burschenschaften wird von Zeit zu Zeit kontrovers diskutiert. Auch sie pflegen ihr eigenes kleines Netzwerk, nur leider mit politisch rechts gesinnten Kontakten. Das gemeinsame Feiern ist ein wichtiger Teil des Verbindungsalltags.


Titelthema

Die Nationalfarben gehen auf Verbindungen zurück. Geschehen in Deutschland maßgeblich. Die deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold tauchten

dentenverbindungen aufgenommen. Die Einstellung gipfelte 1933 in der Bücherverbrennung, die von der Deutschen Studentenschaft und dem Nationalsozialistischem Deutschen Studentenbund getragen und durchgeführt wurde. Obwohl einige ehemalige Verbi ndu ng sst udenten in der NSDAP Karriere machten, gab es auch andere, die sich an Widerstandsversuchen beteiligten. So war Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, Verbindungsbruder des Corps Saxonia Göttingen, einer der HitlerAttentäter um Graf Stauffenberg. Damals wie heute prägen Verbindungen besonders in Universitätsstädten das Studententum und haben wichtige und bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht. Sowohl Karl Marx, Konrad Adenauer und Sigmund Freud als auch Thomas Gottschalk und Jürgen Rüttgers waren Verbindungsstudenten. Foto: Alexander Zielke

Verbindungsstudenten gelten als äußerst trinkfest und stellen dies besonders bei Kneipentouren durch Studentenstädte unter Beweis. Bei der Organisation des Semesterprogramms stehen jedoch auch andere Freizeitaktivitäten auf dem Plan. „Wir gehen beispielsweise gemeinsam Fußball spielen und Go-Kart fahren oder organisieren einen Debattierabend“, sagt Markus Schulten. Besonders in früheren Zeiten waren Studentenverbindungen auch politisch aktiv und beeinflussten das

Die Farben von BiTS Concordia.

erstmals auf den Flaggen der Burschenschaften auf, die 1817 auf dem Wartburgfest für Einheit, Freiheit und Demokratie protestierten. Diese patriotischen Werte verkehrten sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend ins Negative, als ein antisemitischer Zeitgeist aufkam. So wurden Juden nicht mehr in Stu-

sonja baier & Merete Elias

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„Studenten sind spezielle Kunden.“ Die Laureate-Manager David Graves und Michael Huckaby im Interview.

BiTSLicht sprach mit David Graves, Präsident von Laureate Nordeuropa, und Michael Huckaby, Vizepräsident Globales Marketing, über die Vor- und Nachteile der BiTS, über speziellere Studiengänge und über Studenten als Kunden. BiTSLicht: Sie waren Gast beim Campus Symposium 2009. Wie war Ihr Eindruck? Michael Huckaby: Das war mein erstes Symposium und ich war völlig hin und weg. Ich dachte, ich sei beim Wirtschaftstreffen in Davos. Was mich am meisten beeindruckte, war, dass die Studenten von Anfang bis Ende daran beteiligt waren.

BiTSLicht: Laureate ist seit 2008 an der BiTS beteiligt. Wie ist das Unternehmen überhaupt auf eine kleine Uni wie die BiTS aufmerksam geworden? David Graves: Herr Walther suchte damals einen Partner, um die BiTS an einem größeren Netzwerk teilhaben zu lassen. Deutschland war eine

Nach dem Kauf wollten wir gleichzeitig kommunizieren. Region, in der Laureate ebenfalls Partner suchte. Also haben wir Herrn Walther getroffen und mit ihm eine Diskussion geführt - die ungefähr ein Jahr gedauert hat (lacht). BiTSLicht: Anfangs gab es ein Kommunikationsproblem, weil viele Studenten gar nicht wussten, dass die BiTS und Laureate Gespräche führten. Was war da los? David Graves: Zunächst einmal ging es um Vertraulichkeit, bis die Transaktion abgeschlossen war. Es

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Fotos: Campus Symposium

David Graves: Ich fand es absolut großartig. Ich war sehr stolz auf die Arbeit der Studenten.

Marketing-Chef Michael Huckaby (rechts) mit Tony Blair auf dem Campus Symposium.

war uns nicht möglich, vor dem Abschluss der Transaktion irgendetwas zu kommunizieren. Wir haben auch vor der Pressekonferenz im Januar 2008 mit den Studenten kommuniziert, aber vielleicht haben sie die Informationen nicht erhalten, weil das Semester noch nicht angefangen hatte. Wir haben versucht, die gesamte Kommunikation gleichzeitig stattfinden zu lassen. BiTSLicht: Was waren einige der Gründe, warum Laureate an der BiTS interessiert war? David Graves: Qualität ist der erste Maßstab, den wir anwenden. Wir legen außerdem Wert auf hochwertige Akkreditierungen und ein Managementteam, das sich für die Studenten einsetzt. Michael Huckaby: Ich hatte das Gefühl, dass die Dozenten an der BiTS

sehr zugänglich waren und sich gut mit den Studenten verstehen. Auch die Einrichtungen, besonders in den Medienräumen, sind sehr gut. BiTSLicht: Was waren andererseits die Punkte, die an der Hochschule verbessert werden mussten? David Graves: Eine wichtige Sache, die wir als erstes umgesetzt haben, war, einen guten Geschäftsführer zu finden. Und das haben wir mit Thorsten Bagschik erreicht. In Zukunft möchten wir den Ruf der BiTS auf nationaler Ebene steigern. Die BiTS hat eine gute regionale Bekanntheit, das zeigen unsere Untersuchungen. Außerhalb von Nordrhein-Westfalen ist sie aber noch nicht sehr bekannt. Michael Huckaby: Was die internationalen Möglichkeiten und neue Studienprogramme angeht, sollten sich


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diese den Anforderungen der Unternehmen aus der Region anpassen. Es geht aber nicht darum, etwas zu verändern, nur um etwas zu verändern. Der Fokus liegt auf den Studenten: Was sind die Bestrebungen der Studenten? Was sind ihre Erwartungen?

che Art von Mitarbeitern benötigt werden. Das ermöglicht es dem Management, dynamische Studienprogramme zu entwerfen. In einigen Fällen sind sie auf Deutschland fokussiert, in anderen Sektoren ist die internationale Erfahrung wichtig.

Michael Huckaby: Ich komme aus den USA und ich kenne Städte wie Düsseldorf oder Dortmund. Von Iserlohn ist man dort in einer halben oder einer Stunde. Das macht Studenten aus Mexiko, Brasilien, Indien, China oder den USA überhaupt nichts aus. Das ist ganz normal.

Irgendwann gibt es die BiTS auch außerhalb der Region.

David Graves: Auch wenn Iserlohn nicht so bekannt ist - Deutschland ist sehr bekannt. Und alles aus Deutschland hat einen Ruf, sehr hohe Qualität zu haben. Auch die Bildung. Es ist also nicht so schwer, Deutschland im Ausland zu vermarkten.

Hier sollen Verbindungen zu anderen Unis aus dem Laureate-Netzwerk geschaffen werden. BiTSLicht: Für ausländische Studenten dürfte es zunächst dennoch schwer sein, an die BiTS zu kommen, da die meisten Kurse ja nicht in Englisch gehalten werden. Sollen mehr englische Kurse angeboten werden oder sollen ausländische Studierende Deutsch lernen?

David Graves auf dem Campus Symposium.

BiTSLicht: Wie soll denn die Bekanntheit gesteigert werden? David Graves: Sicher wird es nationales Marketing geben, wir haben außerdem schon jetzt mehr Marketing im Internet gestartet. Wir möchten außerdem starke Beziehungen zu Gymnasien aufbauen. Auch die Medienarbeit soll verstärkt werden. BiTSLicht: Was sind die Zukunftspläne in Bezug auf die BiTS? David Graves: Irgendwann einmal wird es die BiTS auch außerhalb von Iserlohn geben. Wir hatten bereits einige Pläne, aber aufgrund der wirtschaftlichen Situation haben wir diese erst einmal auf Eis gelegt. Michael Huckaby: Die BiTS-Organisation ist momentan sehr proaktiv, um sich mit der Industrie kurzzuschließen und herauszufinden, wel-

Michael Huckaby: Ich kann es mir leicht vorstellen, dass einige Kurse zukünftig in Englisch unterrichtet werden. Ich denke aber auch, dass es international in bestimmten Gebieten ein Interesse der Studenten gibt, Deutsch zu lernen. Zum Beispiel in Osteuropa oder China und anderen Teilen Asiens. David Graves: Es scheint unter BiTS-Studenten und angehenden Studenten in Deutschland großes Interesse daran zu geben, Master-Studiengänge in Englisch zu belegen. Sobald es diese gibt, gibt es auch die Chance, die Studentenschaft auf die englischsprachige Welt auszuweiten. BiTSLicht: Wird es auch englischsprachige Bachelorprogramme geben? David Graves: Wahrscheinlich nicht hundertprozentig englische. Wir haben verschiedene Untersuchungen gemacht und die meisten Studenten möchten lieber in der zweiten Hälfte ihres Studiums englische Kurse haben. BiTSLicht: Bleibt nicht trotzdem die Schwierigkeit, ausländische Studenten für eine relativ kleine und unbekannte Stadt wie Iserlohn zu begeistern?

BiTSLicht: Also ist die Größe der Stadt kein Problem? Michael Huckaby: Momentan bin ich in der Schweiz. Eine unserer Gastgewerbeschulen, die zu den besten drei der Welt gehört, liegt in einem Dorf mit 300 Einwohnern mitten in den Alpen. Aber wegen der Ausbildung und der reichhaltigen Erfahrungen der Studenten sehe ich das nicht als Problem. BiTSLicht: Laureate ist ein Dienstleister im Bildungsbereich. Betrachten Sie Studenten als Ihre Kunden? David Graves: Ein Student ist eine spezielle Form des Kunden. Das gute daran, ein Kunde zu sein, ist, dass die Organisation eine Verpflichtung hat, dem Kunden zu dienen. Was ein Student von einem Kunden unterscheidet ist, dass er eine langfristige Beziehung mit der Uni eingeht. Wenn man es aus Kundensicht betrachtet, ist die Wahl der Hochschule der einzige „Kauf “, bei dem man eine Marke für den Rest seines Lebens trägt. Der Name deiner Uni wird ein Leben lang in deinem Lebenslauf stehen. Das ist eine spezielle Beziehung, die sich stark von allen anderen Kundenbeziehungen unterscheidet. BiTSLicht: Sehen Sie die Gefahr, dass Studenten denken, dass Laureate nur möglichst viele Studienplätze verkaufen möchte? David Graves: Für angehende Studenten sind drei Dinge bei ihrer Uniwahl entscheidend: Die spätere Berufskarriere, das Studienprogramm an sich und das Studentenleben

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Kooperation im Laureate-Netzwerk: Studenten an der Universidade Potiguar in Brasilien verfolgen die Rede von Tony Blair in Iserlohn.

drumherum. Die Gewinnorientierung oder Gemeinnützigkeit der Uni ist, glaube ich, für diese Entscheidung nicht so relevant. Michael Huckaby: In Deutschland ist mir diese Kritik bisher unbekannt. Es geht nur darum, dass die Qualität verbessert wird. Wenn eine höhere Zahl von Studenten bedeutet, dass die Qualität steigt oder ein Studienprogramm ausgebaut wird, ist das positiv. David Graves: Wir wählen hier den Mercedes-Ansatz: Man könnte versuchen, sehr billige Autos mit einem Mercedes-Stern darauf zu verkaufen. Was passiert? Jeder wird es merken und bald ist man nicht mehr

„Unternehmen brauchen Leute mit speziellen Fähigkeiten.“ Mercedes. Oder man könnte ein fantastisches Auto bauen mit dem Mercedes-Stern darauf. Was passiert? Jeder möchte es haben. Wenn wir nicht Wert auf Qualität legten, wären wir nicht an kleineren Unis interessiert. Kleine Schulen sind persönlicher und individueller. BiTSLicht: Studiengänge werden

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immer spezifischer und individueller. Kommt das aufgrund der Nachfrage der Studenten und Unternehmen oder ist es Teil der Marketingstrategie von Hochschulen? David Graves: Für mich gehört das zusammen. Um ein erfolgreiches Programm zu haben, muss es Nachfrage von Studenten und am Ende Arbeitsmöglichkeiten für sie geben. Viele Leute denken, dass es bei Marketing nur um den Massenverkauf geht. Bei unseren kleineren Schulen geht es um die richtigen Studenten, die richtigen Dozenten und ein erfolgreiches Studienprogramm - und das kann für uns auch nur aus 50 Studenten bestehen. Michael Huckaby: Ich glaube nicht, dass es darum geht, mehr Aufmerksamkeit zu erhaschen. Die Welt ist sehr viel konkurrenzbetonter. Unternehmen brauchen Leute mit speziellen Fähigkeiten. BiTSLicht: Wird die BiTS weiter wachsen? David Graves: Ich glaube, es ist gut und gesund, wenn die Uni weiter wächst. So haben wir die Ressourcen, um zum Beispiel neue Studienangebote zu schaffen oder die Ausstattung zu verbessern. Wenn wir Gewinne machen, inve-

stieren wir 90 Prozent davon wieder in die Unis. Qualität bringt Erfolg. So kann man reinvestieren, um noch bessere Qualität zu schaffen. BiTSLicht: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Studentenleben seit Ihrer Studienzeit verändert? Michael Huckaby: Weil während meiner Studienzeit [Anfang der 1990er] das Internet noch nicht so verbreitet war, war alles etwas ge-

„Qualität bringt Erfolg.“

schlossener auf die eigene Uni bezogen. Und was ich auch immer sage: Ich wünschte, ich hätte damals die internationalen Möglichkeiten gehabt, die Studenten heute haben. David Graves: Ich war in den 1970er Jahren Student, das war eine Zeit des Studentenaktivismus. Nicht, dass ich selbst so aktiv war (lacht). Aber es war einfach eine Zeit der Veränderungen. Heutige Studenten nehmen, glaube ich, das Studium ernster und fokussieren sich auf ihre Karriere. Julian Jaursch


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Bezahlen oder nicht bezahlen... ... das ist die Frage. Welche Vor- und Nachteile staatliche und private Hochschulen haben.

Wer kennt sie nicht, die ewig gleichen Vorurteile gegenüber privaten Hochschulen auf der einen, aber auch gegenüber öffentlichen Hochschulen auf der anderen Seite? Was aber ist wirklich dran an den Vorurteilen? Wie denken Studierende und Dozenten? Was sind objektive Vorund Nachteile? Hauptargument gegen Privatunis sind die hohen Kosten, die jeder Student privat aufbringen muss. Doch was steckt wirklich hinter diesem Argument? Stephan A. Jansen, Präsident der privaten Zeppelin University in Friedrichshafen, sagt, dass auch die öffentlichen Hochschulen Geld kosteten und durch den Steuerzahler finanziert würden. Kein Student zahle 100 Prozent dessen, was er durch die öffentliche Hand bekommt, in Form von Steuern und Sozialbeiträgen zurück. Außerdem gibt es Studienkredite, BAföG oder Stipendien, die eine Überbrückung ermöglichen, die man dank guter Ausbildung auch wieder refinanzieren kann. Das Geld ist also kein

Nur eine Frage des Geldes? Hinderungsgrund? Roland Schröder, Dozent an der BiTS, räumt ein, dass die Kosten „enorm hoch sind.“ Dennoch: Der Kauf eines Mittelklassewagens sei vergleichbar teuer, allerdings weniger ein Diskussionsthema als eine Investition in Bildung. Studierende privater Hochschulen sehen das allerdings bisweilen etwas anders: Miriam Manthei, Studentin an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Mettmann, kann sich die Studiengebühren nur durch die

Kooperation mit einem Unternehmen leisten. Einen Kredit hätte sie niemals aufgenommen. Private Universitäten bieten eine bessere Lehre, mehr Möglichkeiten,

Was bieten staatliche Unis?

sind effizienter organisiert und das Betreuungsverhältnis ist wesentlich besser - so ist der Tenor. Gibt es dann überhaupt ein Argument, das für die staatliche Universität spricht? Die Antwort lautet sehr deutlich: Ja. Staatliche Universitäten sind eher

Arbeitsbereichen werden an staatlichen Unis ebenfalls erleichtert. Doch was ist nun die richtige Wahl? Gibt es eine allgemeine und umfassende Antwort? Zweifelsohne festzuhalten ist, dass sowohl staatliche als auch private Hochschulen Vor- und Nachteile gegenüber der jeweils anderen Form haben. Die Größe staatlicher Universitäten wirkt auf den einen abschreckend, während sie für die anderen ein absolutes Muss ist. Die Unübersichtlichkeit von Vorlesungen mit über 400 Studierenden ist nicht jedermanns Sache - gerade, wenn man auch gerne individuelle Fragen und Ideen diskutieren möchte. Einen Mittelweg zwischen beiden

Foto: Julian Jaursch

„Eine gute Möglichkeit, sich den Abschluss zu kaufen.“ - „Teuer, aber eine bessere Lehre.“ - „Nicht so überladen - dafür aber auch keine richtige Selbstständigkeit.“ Sätze, die sicherlich jeder BiTS-Student schon gehört hat.

Abzweigung auf dem Lebensweg: Wo geht es lang für angehende Studenten?

in der Lage, den Anspruch interdisziplinärer Lehre zu erfüllen. Sie bieten vorteilhafte Forschungsmöglichkeiten und aufgrund ihrer Größe mehr und damit meist auch besseres Know-how. Sie liegen oft in großen Städten und sind Ballungszentren für Studenten: Berlin, Münster oder Köln klingen besser als Iserlohn, Friedrichshafen oder Vallendar. Großstädte ermöglichen mehr soziale Kontakte, eine Isolation der Studierenden ist unwahrscheinlich und auch das Leben außerhalb des Unibetriebs kommt nicht zu kurz. Kontakte in die Wissenschaft und das Kennenlernen von universitären

Formen gibt es noch nicht. Vielleicht entwickelt sich zukünftig Akzeptanz für die sehr hohen Kosten von Bil-

Antwort: Es gibt keine. dung. Mit den Studiengebühren hat die Politik bereits einen Schritt in diese Richtung gemacht. Ob private und staatliche Hochschulen jemals gleichberechtigt in der öffentlichen Wahrnehmung nebeneinander existieren können, ist jedoch fraglich. David Lucas

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Studentenküche für Gourmets

Fotos: Merete Elias & Philine Lietzmann

Wer kochen kann, ist klar im Vorteil: Der BiTSLicht-Rezeptvorschlag.

Gesamtpreis des Einkaufs: 7,55 Euro für vier Personen. Einige der Zutaten habt ihr auch bestimmt ohnehin schon zu Hause.

Immer nur Mensaessen geht ja auch nicht. Deswegen kocht BiTSLicht jetzt selbst. Es muss doch schließlich möglich sein, etwas zu kochen, das günstiger ist als ein Mensaessen und gleichzeitig besser schmeckt. Das Testgericht: Ravioli mit Tomaten-Pilz-Füllung und Bratäpfel als Nachtisch. Immer nur Mensaessen geht ja auch nicht. Deswegen kocht BiTSLicht jetzt selbst. Es muss doch schließlich möglich sein, etwas zu kochen, das günstiger ist als ein Mensaessen und gleichzeitig besser schmeckt. Das Testgericht: Ravioli mit Tomaten-Pilz-Füllung und Bratäpfel als Nachtisch.

Der Einkauf Auf zu Kaufland! Weil hier wahrscheinlich fast jeder einkaufen geht, kämpfen auch wir uns durch die Regalreihen, vorbei an Omas mit Trollis und nörgelnden Kindern vorm Süßigkeitenregal. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt, und das zu studentengerechten

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Preisen. Nach zwanzig Minuten sind wir, mit allen Einkäufen ausgerüstet, wieder draußen und gespannt auf

Die Einkaufsliste Für den Teig: 300 g Mehl 2 Eier Salz Für die Füllung: 1 kleine Dose Tomaten 200 g Pilze Olivenöl 1 Ast Basilikum Parmesan Schinken, statt Pilzen Für den Nachtisch: 2 große Äpfel 1 Päckchen Vanillesaucen-Pulver 500 ml Milch 1 EL Zucker 2 EL Marmelade nach Wahl oder: Nüsse, Studentenfutter, Marzipan Utensilien: Nudelholz Messer Töpfe Auflaufform Pfanne

unser Kocherlebnis. Insgesamt zahlen wir für zwei Personen 7,55 Euro. Die Zutaten würden aber auch für vier Personen reichen.

Der Teig Der Schreck einer jeden Hausfrau ist der Nudelteig. Warum sollte man den heute überhaupt noch selber machen? Weil es besser schmeckt und weil das Teiggematsche ein Riesenspaß ist. Für den Teig müssen Mehl, Eier und Salz ordentlich verknetet werden. Am besten geht das mit den Händen. Glaubt uns einfach. Der Teig muss glatt sein und darf nicht mehr an den Fingern kleben bleiben, damit man ihn gut ausrollen kann. Wenn er zu sehr klebt: Einfach so lange Mehl nachschütten und weiterkneten, bis er weich und glatt ist. Nicht aufgeben, denn irgendwann wird er garantiert so, wie er sein soll.

Die Füllung Die Füllung klingt aufwändig, ist aber im Handumdrehen fertig. Wir improvisieren, fischen die Tomaten


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Nachdem wir den Kampf mit dem Teig gewonnen haben, schneiden wir die Teigplatten in Vierecke.

aus der Dose und heben den Saft fürs Erste auf. Wer weiß, wozu der noch gut ist? Damit sie in die Nudeln passen, schneiden wir die Pilze möglichst klein und braten sie zusammen mit den zerstückelten Tomaten an. Sollte jemand der Meinung sein, ein Essen ohne Fleisch sei keine richtige Mahlzeit, kann er noch Schinken mit in die Pfanne schmeißen. Wir verzichten darauf und fügen nur etwas gehacktes Basilikum, Salz und Pfeffer hinzu.

Die Nudeln Auf welche Nudeln es hinausläuft, dürfte inzwischen klar sein: Wir machen Ravioli. Auf einer möglichst großen Fläche, zum Beispiel auf dem Schreibtisch, rollen wir den Teigklumpen mit Hilfe eines Nudelholzes und viel, viel Mehl so dünn wie möglich aus. Armmuskeln können nicht schaden.

Und die Anschaffung eines Nudelholzes ist für dieses Rezept eine Investition, die sich schnell amortisiert. Vor dem Befüllen muss der Teig in fünf mal fünf Zentimeter große Vierecke geschnitten werden. Auf diese klecksen wir mit einem Teelöffel die Füllung und falten die Nudeln zu Dreiecken, deren Ränder wir fest zusammendrücken. Sobald wir den Nachtisch vorbereitet haben, kommen die Nudeln in kochendes Salzwasser. Nach zwei Minuten sind sie gar.

Die Soße Jetzt kommt der aufgehobene Tomatensaft zum Einsatz. Wir gießen die restliche Nudelfüllung mit so viel Saft auf, wie wir Soße haben wollen, und lassen sie kurz aufköcheln. Die Nudeln mischen wir mit der Soße und bestreuen sie mit Parmesan.

Die Bratäpfel Unseren Winter-Lieblings-Nachtisch bereiten wir vor, bevor wir die Nudeln füllen - damit sie nicht matschig werden. Dazu höhlen wir mit einem dünnen Messer die Äpfel aus und füllen Marmelade hinein. Natürlich könnt ihr auch alles andere nehmen, was ihr mögt, oder was für euch traditionell dazu gehört. In einer Auflaufform kommen die Äpfel bei 180 Grad für 20 Minuten in den Ofen. Die Vanillesoße einfach nach Packungsaufschrift kochen. Ganz so schnell wie in der Mensa ging es bei uns zwar nicht. Aber nach zwei Stunden Teig rollen, schneiden und füllen schmeckte es uns gleich doppelt so gut. Merete Elias & Philine Lietzmann

Viel braucht es nicht für ein leckeres Essen - zwar geht es nicht ganz so schnell wie in der Mensa, dafür ist es selbst gemacht.

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Auf gute Nachbarschaft

Foto: Stephanie Titzck

Auslandssemester im Baskenland oder: Wenn maskierte Männer in der Nacht Sturm klingeln.

Blick vom Monte Igueldo auf die Bucht „La Concha“: Mehr als 400.000 Besucher strömen im Jahr in die baskische Küstenstadt.

Schritte im Treppenhaus. Heisere Stimmen. Schnelle spanische Worte vor der Tür - und Morgengrauen im anderen Wortsinn. Ich hatte einen ganz normalen Tag in San Sebastián, meinem Studienort für das Auslandssemester, verbracht. Wie immer war ich quer durch die 180.000-Einwohnerstadt zur Uni gelaufen und hatte nachmittags die zahlreichen Brücken und das lebhafte Zentrum der baskischen Stadt genossen. In Touri-Manier hatte ich mit meiner Mitbewohnerin einen „mosto“, einen einheimischen Traubensaft, im „Café de la Concha“ getrunken. Wir hatten an einem der drei Strände San Sebastiáns die salzige Luft der Stadt, die einst Sommerresidenz des spanischen Königshofes war, eingeatmet. Vor ein paar Stunden also hatte ich noch das leichte Leben in Donostia, wie die Stadt auf Baskisch heißt, genossen. Und nun sah ich jenes leichte Leben in meinem Kopf schon sehr schnell an mir vorbeiziehen. Jetzt, gegen vier Uhr nachts, klingelt es Sturm in unserer WG im „parte vieja“, der Altstadt, und bei einem Blick vom Balkon erspähen wir maskierte Männergestalten in Uniformen vor unserer Haustür. Wir malen uns schon aus, dass gleich die halbe ETA bei uns hereinstür-

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men und uns nacheinander umlegen wird. Genau jene ETA, die seit 50 Jahren das Baskenland zu Spaniens Krisenregion macht. In der Zeit von Spaniens Diktatur unter Franco feierte die radikale Terrororganisation ihre Geburt. Mit Francos Putsch 1936 begann der Spanische Bürgerkrieg, der die Bevölkerung in Nationalisten und Republikaner spaltete. Franco und seine Anhänger besiegten 1939 die Republikaner. Mit dem Beginn der Personaldiktatur ging die Unterdrückung der Bevölkerung, der Meinungsfreiheit und der Kultur einher.

Spaniens Unruheherd: Das Baskenland 1959 gründete sich als Reaktion darauf die Gruppe „Euskadi Ta Askatasuna“, zu Deutsch „Baskenland und Freiheit“, kurz ETA. Junge, linke Intellektuelle hatten sich zusammengeschlossen, um ihre Sprache „Euskara“ („Baskisch“) vor dem Aussterben zu bewahren, aber auch, um mit Sabotageaktionen gegen die Diktatur vorzugehen. Fast zehn Jahre lang handelte es sich aber um eine rein sozio-kulturelle Bewegung, nicht jedoch um eine Terrororganisation.

Attentate gehörten in der Anfangszeit nicht zu den Mitteln der ETA. Später aber spaltete sich die Organisation in einen politisch-militärischen und einen rein militärischen Flügel. Letzterem fielen seit dem ersten Personenattentat 1968 über 800 Menschen zum Opfer. Ziel ist es nach wie vor, die Unabhängigkeit des Baskenlandes zu erpressen. Nicht nur die drei baskischen Provinzen Spaniens, Gipuzkoa, Bizkaia und Araba, sondern auch Navarra und die Teile Frankreichs, die ethnisch dem Baskenland angehören, sollen von dem jeweiligen Staatsverband losgelöst und in einen eigenen Staat umgewandelt werden. Die ETA verfolgt dieses Ziel auf brutale Art und Weise, primär mit Autobomben und anderen Sprengstoffattentaten. Genau deswegen stehen wir nun mit mulmigem Gefühl im Bauch vor dem Spion unserer Haustür. Die Blütezeit der ETA ist jedoch längst vorbei. Bis in die Mitte der 90er-Jahre erschreckte die Terrororganisation durch blutige Attentate. Seitdem konnte die Polizei große Erfolge verbuchen und etwa 1992 die damalige Führungsspitze festnehmen. Auch die Bevölkerung lehnte sich gegen die Freiheitskämpfer auf: 1997 demonstrierten sechs Millionen Spanier unter dem Motto „Basta ya!“ („Jetzt reicht´s!“) gegen den Ter-


Über Leben

ror der ETA. Gleichzeitig wurden die 23 Drahtzieher des politischen Arms der ETA, der linksextremistischen Partei „Herri Batasuna“, zu Haftstrafen verurteilt. 1998 verkündete die ETA, offensichtlich sehr geschwächt, eine einseitige, bedingungslose und unbefristete Waffenruhe. Seither folgte eine Achterbahnfahrt zwischen Terrorwellen, kurzfristigen Waffenstillständen, Rückschlägen für die ETA durch Polizeierfolge und politisches Vorgehen. Als einschlägiges Ereignis gilt das 2002 verhängte Verbot der Partei „Herri Batasuna“. Dies bedeutete aber noch nicht das Ende der ETA, sondern ließ 2004 eine neue Terrorwelle über Spanien hereinbrechen. Nach weiteren Festnahmen durch die spanische und französische Polizei wurde die Luft dünner - nicht nur aus personeller Sicht, sondern auch in Bezug auf den Rückhalt in der Bevölkerung. „Der Umgang der Regierung mit der ETA hat sich in den

tei, die Gewalt als politisches Mittel verherrlicht, zeige klar eine Zeitenwende. Und das restriktive Parteigesetz von 2002 trägt Früchte. Im Frühling dieses Jahres, während ich die ersten Sonnenstrahlen in „SanSe“ genoss,

Regierungswechsel im Baskenland

ren Brinkmann meint, dass sowohl moderate als auch radikale Nationalisten - vielleicht sogar mehr als 50 Prozent - das „Endziel“ der ETA gutheißen. Pünktlich zum 50. Geburtstag zog die ETA im vergangen August erneut die Aufmerksamkeit auf sich: Mit vier Bomben auf der Ferieninsel Mallorca. Zwei Polizisten kamen ums Leben, 27 weitere Personen wurden verletzt. Die makabre Geburtstagsparty sollte zeigen, dass die Terrororganisation noch nicht gänzlich von der Bildfläche verschwunden ist. Gerüchte über ein neues Erstarken

letzten Jahren verändert und die Regierung geht sehr viel schärfer gegen die ETA vor“, sagt Spanien-Experte Sören Brinkmann von der Universität Erlangen-Nürnberg. Zahlreiche Polizeieingriffe habe es schon immer gegeben, aber das Verbot einer Par-

wurde das neue Regionalparlament gewählt. Aufgrund des Parteienverbots durften die Radikalnationalisten zum ersten Mal nicht an den Wahlen teilnehmen. Daraufhin fehlten der langjährigen nationalistischen Regierungspartei PNV die entscheidenden Stimmen, so dass sich eine Minderheitsregierung der Sozialisten und Konservativen durchsetzte. Sören Brinkmann hält diese Entwicklung für äußerst bedeutsam, denn die ETA-Sympathisanten waren von der Organisation dazu aufgerufen worden, leere Wahlscheine abzugeben. „Der Aufforderung folgten allerdings weniger als 100.000 Wähler. Das ist für die ETA ein schwaches Ergebnis, da sie über ein größeres potenzielles Wählervolumen verfügt“, so Brinkmann. Laut dem Terrorexperten Joachim Krause von der Universität Kiel sympathisieren rund zehn Prozent der Basken mit den Mitteln der ETA. Dies entspricht 80.000 bis 100.000 Menschen, „was nicht wenig ist.“ Sö-

Nationalisten kämpfen für das Baskenland.

„No a ETA“: So appelliert ein Banner am Rathaus in San Sebastián.

der ETA wurden laut. „Man kann die Anschlagserie als Stärke und als Schwäche auslegen. Die ETA hatte in den letzten Jahren sehr viele Verluste einzustecken. Insgesamt sehe ich die Anschläge aber mehr als einen demonstrativen Akt“, kommentiert Krause. Ein deutlicheres Urteil fällt Sören Brinkmann: „Die Anschläge sind kein Zeichen für die Stärke der Gruppierung. Es war sogar eine Überraschung, dass sie dazu überhaupt noch in der Lage war.“ Die Verhaftungen von Führungsmitgliedern und der Fund mehrerer Sprengstoffverstecke, die einen wichtigen Teil der Infrastruktur darstellten,

Fotos: Catherine Girard

„Achterbahnfahrt für die ETA“

Blutige Geburtstagsgrüße

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Über Leben

Obwohl über 800 Mitglieder der Terrororganisation inhaftiert sind, hat die ETA allerdings keine Schwierigkeiten, Nachwuchs zu rekrutieren. „Gipuzkoa, die Provinz, in der San Sebastián liegt, gilt als extrem radikal-nationalistisch. Besonders im Hinterland und in den kleinen Dörfern um die Stadt herum gibt es starke Rekrutierungstendenzen. Dort liegt klar der Fokus, während die Stadt selbst von allen möglichen Strömungen geprägt ist“, sagt Brinkmann. Diese unterschiedlichen Strömungen waren während meines Auslandssemesters genauso auffäl-

Spanier oder Baske?

Spanier wahrnehmen. Beim Besuch eines kleinen Dorfes etwas außerhalb der Stadt verstand ich kaum ein Straßenschild, weil sie ausschließlich auf Baskisch die Straßennamen verkündeten. In der Vorlesung wurden wir Austauschstudenten kaum von den Basken angesprochen. Und doch traf ich auch Menschen, die diesen Separatismus nicht verstanden. Ob er Baske oder Spanier sei, fragte ich einen Bekannten. Er antwortete, er lebe im Baskenland, sei aber Spanier. Er verstünde diese scharfe Abgrenzung gar nicht - als schlösse es sich gegenseitig aus. Meine Nachbarn in der WG in San Sebastián scheinen eben diese Abgrenzung sehr wohl zu verstehen. Denn, wie wir jetzt feststellen,

Foto: sarean.com

lig wie die Spaltung der baskischen Gesellschaft. San Sebastián lebt vom Tourismus, ist auf seine Besucher angewiesen. „Viva España - es lebe Spanien“ wurde gejubelt, als der FC Barcelona den Champions-LeagueTitel gewann. Und gleichzeitig zeigen sich die Basken zurückhaltend und verschlossen. Im Baskenland leben nicht nur Menschen, die sich als Basken fühlen, sondern auch solche, die sich selbst als

Nationalisten kämpfen für erweitertes Baskenland

Karte: Unai Fdz. de Betoño

seien sehr herbe Schläge gewesen. „Die ETA steht nun noch mehr mit dem Rücken zur Wand“, meint der Spanien-Forscher Brinkmann.

Mitglieder der Ertzaintza, der baskischen Polizei, im Einsatz.

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Das Baskenland ist ein Gebiet an der Atlantikküste, das zu Spanien und Frankreich gehört. Insgesamt leben dort heute knapp drei Millionen Menschen. Kaum ein Drittel der Bewohner sprechen allerdings die baskische Sprache. Die drei spanischen Provinzen dieser Region sind Gipuzkoa, Bizkaia und Araba im Westen. Nach den Plänen der ETA sollen auch Navarra und die drei französischen Provinzen Labourd, Nieder-Navarra und Soule zu einem zukünftigen unabhängigen Staat gehören. stürmt nicht die ETA gerade unser Wohnhaus. Im Gegenteil: Es ist die baskische Polizei, die Ertzaintza. Sie führt ein neues Gesetz aus, das jegliche öffentliche Verherrlichung der ETA oder Sympathiebekundung zu der Organisation verbietet. Darunter fällt auch die Flagge am Fenster unserer Nachbarn, wie uns nun klar wird. Die Fahne war uns schon mehrmals aufgefallen. Doch

In Gipuzkoa fühlt sich die Mehrheit baskisch. wir hatten uns nichts dabei gedacht, denn wir verstanden die baskischen Schriftzeichen nicht. Offensichtlich ist es jedoch eine separatistische Flagge, die für eine gewisse Endzielkonformität unserer Nachbarn mit der ETA spricht. Deswegen steht nun die Polizei lautstark brüllend im Treppenhaus. Deswegen sitzen meine Mitbewohnerin und ich immer noch etwas angespannt hinter unserer Wohnungstür. Schließlich rückt die Polizei ab. Was sie unseren Nachbarn um diese Uhrzeit so dringend mitteilen musste, ist mir nicht bekannt. Doch nachdem die Beamten abgerückt sind, füllt sich unser Wohnhaus wieder mit der Stille der Nacht. Besonders beruhigend finden wir es nicht, neben mutmaßlichen Terrorsympathisanten zu wohnen. Aber wir sind doch froh, ohne einen Übergriff der ETA wieder unter unsere Bettdecken zu krabbeln. Von Stephanie Titzck


Über Leben

Nicht gaffen, sondern handeln Zivilcourage: Was man tun sollte, wenn es ernst wird.

irritieren, sei sehr gering. Die Schüler vermuten, dass kein Opfer eines gewalttätigen Übergriffes in der mentalen Verfassung sei, sich an die vorgestellten Maßnahmen zu erinnern und diese dann auch anzuwenden.

Nur ein Mann geht dazwischen. Am Ende bezahlt er seine Zivilcourage mit dem Leben. Der Gewaltakt im Münchner S-Bahnhof Solln im Herbst 2009, dem Dominik Brunner zum Opfer fiel, erhitzte die Gemüter. Für sein couragiertes Verhalten erhielt er post mortem das Bundesverdienstkreuz. Wie verhält man sich am besten in einer Situation, in der man selbst Zeuge einer solchen Gewalttat wird? Die Beamten der Jugendkriminalitätsabteilung der Kreispolizei Iserlohn versuchen in Kursen, diese Situationen nachzustellen. Jugendliche bekommen von den Beamten Tipps, wie sie sich als Zeuge einer Gewalttat verhalten sollten. Eine Möglichkeit ist es, sich zu entfernen und aus sicherer Entfernung mit dem Handy Hilfe zu holen - oder andere Leute darum zu bitten. Eingreifen ist in diesen Situationen für einen Einzelnen meist zu gefährlich. Wird man selbst Opfer eines Übergriffs, solle man die Menschen konkret auf sich selbst und die Situation aufmerksam machen. Zur Ansprache von Passanten reiche dann auch ein „Sie in der roten Jacke!“ Wenn alles nichts nützt, könne man auch mit Dingen werfen, die man zur Hand hat. Außerdem solle sich das Opfer zusammenrollen, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Nach Angaben der Polizei liegt Iserlohn in der Jugendkriminalitätsstatistik als Teil des märkischen Kreises zehn Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Zum Vergleich: Oberhausen liegt als Spitzenreiter

Foto: Marvin Artelt

Die Türen des Wagons schließen sich, die S-Bahn setzt sich langsam in Bewegung. Eine Gruppe von Kindern steht mitten im vollbesetzten Wagon, redet miteinander, lacht. Drei Jugendliche fangen an, die Kinder zu beschimpfen, drohen ihnen Gewalt an. Die Menschen im Wagon unternehmen nichts.

Iserlohner Polizei gab Schülern Tipps.

mit stolzen 91 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Dieser Durchschnitt bezieht sich auf jugendliche Straftäter im Alter von acht bis unter 21 Jahren in Nordrhein-Westfalen. Ihre Zahl beläuft sich auf etwa 5.000 Straftäter unter 100.000 Einwohnern. In der Statistik begehen Schüler von Gymnasien ebenso viele Verbrechen wie Schüler von Hauptschulen - mit dem Unterschied, dass Körperverletzungen und Gewaltakte meist eher von Hauptschülern ausgehen. Studenten werden meist mit Verbrechen unter Alkoholeinfluss in Verbindung gebracht. Was aber ist von den Maßnahmen zu halten, die die Polizei empfiehlt? Im Iserlohner Gymnasium an der Stenner wird diese Frage in einem

Verbrechen von Studenten: Meist unter Alkoholeinfluss Sozialwissenschaftskurs diskutiert. Keiner der Abiturienten glaubt ernsthaft, dass Maßnahmen wie das vorgestellte Zusammenrollen oder ein Augenkontakt Erfolg zeigen. Das hat zwei Gründe: Verbrechen, die einen solchen Schutz erfordern, gingen ihrer Meinung nach von Personen aus, die zumeist stark alkoholisiert seien oder Drogen konsumiert hätten. Die Wahrscheinlichkeit, den Gegner hierbei durch Ansprache oder Augenkontakt zu beruhigen oder gar zu

Tenor der gesamten Veranstaltung war die Erkenntnis, dass Zivilcourage als Begriff schwer zu fassen ist und jeder eine subjektive Einstellung in die Definition einfließen lässt. So sei es immer davon abhängig, mit welcher Situation man sich konfrontiert sehe: Gibt es mehrere Täter oder nur einen? Ist er körperlich überlegen? Auch bei der Frage, wie man helfen soll und kann, wird heiß diskutiert. So fordern einige Schüler, dass man durchaus auch körperlich eingreifen solle - sofern dabei nicht das eigene Leben in Gefahr sei. Andere wiederum vertreten die Ansicht, niemand dürfe sich selbst gefährden. Einiges Kopfzerbrechen bereitete den etwa zwanzig Schülern auch die Frage, warum einige Menschen keine Zivilcourage zeigen. Die eigenen Antworten empfanden die Schüler als gleichermaßen schockierend und unbefriedigend: Liegt es an der falschen Erziehung? Haben die Passanten Angst, sich zu verletzen? Sind sie mit der Situation überfordert? Oder sind sie einfach nur sensationslustig und von Voyeurismus getrieben? Keine dieser Erklärungen rechtfertigt nach Meinung der Schüler das Schweigen und Wegsehen - und letztlich das Zulassen einer schrecklichen Gewalttat wie jener in München. Zivilcourage zu zeigen, soviel steht fest, ist für die Schüler unbedingt notwendig. In der Retrospektive dieser beiden Schulstunden sticht eine Besonderheit hervor: Kaum jemand, mit dem man spricht, wird sagen, dass er keine Zivilcourage zeigen würde. Warum jedoch konnte in München in einer viel besuchten S-Bahn-Station mitten am Tag ein Mann totgeschlagen werden? Marvin Artelt & David Lucas

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Über Leben

Angst vor dem nächsten Schritt Die Musikindustrie steht am Abgrund - muss aber trotzdem weitergehen.

Im Juni 2009 überraschte Dieter Gorny, Gründer der weltgrößten Musikmesse „Popkomm“, mit einem Paukenschlag die Branche: Er sagte den Branchentreff kurzerhand ab. Überraschender als die Absage selbst war für viele nur die Begründung dafür: Das Internet sei schuld. „Viele Unternehmen können es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen“, sagte Gorny. Ohne Zweifel musste die Musikindustrie in der letzten Dekade herbe finanzielle Verluste hinnehmen. Verkaufszahlen von Alben wie in den 1980er- und 1990er-Jahren werden für immer unerreichbar bleiben. Doch die schlimmste Zeit hat die Musikindustrie schon seit einigen Jahren hinter sich. Warum kam also die Absage erst jetzt im Jahr 2009 und nicht schon vor fünf Jahren? Eine Vermutung ist, dass der Zeitpunkt vor der Bundestagswahl bewusst gewählt war: Die Politik dafür solle dafür sorgen, dass das „böse“ Internet soweit eingeschränkt wird, dass es dem alten Geschäftsmodell der Musikwirtschaft nicht zu gefährlich wird. Die Major-Labels, deren Vertreter Gorny ist, fordern schon seit einiger Zeit die Einführung des sogenannten „Three Strikes“-Modell. Demnach solle jedem, der urheberrechtlich geschütztes Material herunterlädt, nach drei Verwarnungen der Internetzugang gesperrt werden. Dieses Modell ist nicht nur verfassungsrechtlich ziemlich fragwürdig. Es zeigt auch, wie sich die Musikriesen an ihr veraltetes Geschäftsmodell klammern. Schon einmal litt die Musikindustrie unter einem technischen Fortschritt, der sich im Nachhinein als ihr großer Gewinn entpuppte. Dieser tech-

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nische Fortschritt hieß Hörfunk. Ohne ihn wäre Musik heutzutage wohl nicht so allgegenwärtig. Doch auch damals gab es die Befürchtung, die Menschen würden die Musik nur noch kostenlos übers Radio hören, anstatt die Schallplatten zu kaufen. Heute würde wohl niemand mehr auf das Radio verzichten wollen - besonders nicht die Plattenbosse. Sie profitieren inzwischen sogar doppelt. Zum einen verdienen sie an den GEMA-Abgaben der Radiosender, zum

lässt man den Markt den illegalen Tauschbörsen. Und der Krieg gegen diese ist nicht zu gewinnen. Eine Lösung wäre die „Kulturflatrate“. Gemäß diesem Konzept zahlt man eine gesetzlich geregelte Pauschale auf den Internet-Anschluss und darf im Gegenzug urheberrechtlich geschützte Werke legal und uneingeschränkt herunterladen. Einen solchen Ansatz verfolgt der aus Schweden stammende Dienst „Spotify“. Mit ihm kann man legal und kostenlos mehrere Millionen Lieder aus aller Welt unbegrenzt per Stream hören - zumindest in Schweden. In Deutschland und in den meisten anderen Ländern sperren sich

Ist die Kulturflatrate die Zukunft?

Foto: Hector Milla

Das Internet hat die Musikbranche in die Bredouille gebracht. Manche glauben gar, das weltweite Datennetz mache die Musik kaputt. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

Die Benutzeroberfläche von Spotify.

anderen macht das Radio kostenlose Werbung für die Musikstücke. Statt sich also gegen das Internet zu stemmen, sollte die Technologie genutzt werden. Denn eines vergessen viele: Es wurde wohl noch nie so viel Musik gehört wie in den jetzigen Zeiten des Internets. Wenn man allerdings jedes Lied legal kaufte, wäre das eine ziemlich kostspielige Angelegenheit. Einen 160GB-MP3-Player zu befüllen, würde etwa 40.000 Euro kosten. Deutlicher kann man nicht aufzeigen, dass sich nicht nur die Hardware technisch fortentwickeln muss. Auch die Geschäftsmodelle müssen sich der Zeit anpassen. Ansonsten über-

die Plattenfirmen gegen den Dienst, der zum Teil mit Werbung, zum Teil per Pauschalabgabe finanziert wird. Die Premium-Mitgliedschaft, die mit zehn Euro monatlich zu Buche schlägt, bietet zusätzlich die Möglichkeit, die Lieder herunterzuladen und so auch ohne Internetzugang zu hören. Außerdem wird für viele gängige Mobiltelefone und MP3-Player Software angeboten, um auch unterwegs die Musik zu hören. Dieses Geschäftsmodell scheint aufzugehen. In Schweden ist Spotify die größte digitale Einnahmequelle für Musik - noch vor iTunes, dem eigentlichen Platzhirsch, wenn es um legale Musik aus dem Internet geht. Hierzulande verbauen sich die Plattenfirmen aus Angst vor neuen und innovativen Geschäftsmodellen wichtige Einnahmequellen. Sie müssen lernen, dass die legalen Musikangebote attraktiver sein müssen als die illegalen. Dann sind die Hörer auch bereit, dafür zu zahlen. Michael Kleppi


Über Leben

Keine Kohle mehr im Pott Geldsorgen im Fußball-Oberhaus: In Dortmund und Gelsenkirchen

Wir schreiben das Jahr 2004. Nach einem monatelangen Versteckspiel hat der Fußball-Branchenriese Borussia Dortmund Einblick in seine Bilanzen gewährt. Demnach droht der Borussia in diesem Sommer ein Schuldenstand von 134,7 Millionen Euro. Nur eine Zustimmung der Gläubiger zum neuen Sanierungskonzept kann den sechsmaligen Deutschen Meister nun noch vor der Pleite und einem drohenden Lizenzentzug retten. Heute, mehr als fünf Jahre nach der Krise, befindet sich der BVB finanziell wieder auf stabilerem Eis, aber die Erfolge von früher scheinen sehr weit weg. Warum geraten gerade Traditionsvereine wie Borussia Dortmund und Schalke 04 in solche Krisensituationen? Immerhin präsentieren die beiden Rivalen seit Jahren beeindruckende Zuschauerzahlen und Sponsorenverträge, von denen die meisten anderen Sportvereine Deutschlands nur träumen können. Auf große Erfolge folgten Jahre der totalen Erfolglosigkeit. Gehörten sie vor zehn Jahren noch zu den besten Mannschaften Europas, dümpeln die beiden Clubs nun im Mittelfeld der Bundesliga umher. Woher kommt dieser Wandel? Eine Antwort darauf findet sich in Herkunft der Vereine: Dem Ruhrgebiet. Nirgendwo wird Fußball so gelebt und geliebt wie hier, doch andererseits klafft auch nirgendwo anders eine so große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Die Fans sehnen Erfolge wie Meisterschaft und Champions-League-Siege herbei. Schalke als eine Randnotiz im Fußballgeschäft? Der BVB nur noch ein Mitläufer in der international eher unattraktiven Bundesliga? Für die Fans unvorstellbar. Die Besten wollen sie sein, oder zumindest die großen Bayern ärgern, an denen schon so viele gescheitert sind. Somit ist der riesige Zuschaueransturm nicht nur Segen, sondern auch Fluch. Wer 80.000 Fans hinter sich hat,

Auch Traditionsvereine wie der BVB oder Schalke sind finanziell angeschlagen.

muss ihnen auch etwas bieten, muss ihnen unvergessliche Abende auf internationalem Parkett bescheren. Abende wie der „Torfall von Madrid“ oder berauschende Auftritte der „Eurofighter“. Denn das sind Momente, an die sich die Fans noch Jahrzehnte erinnern werden. Wer einmal dort oben war, für den ist es schwer, nun gegen Mannschaften wie Mainz oder Bochum um den Heimsieg zu bangen. Der Erwartungsdruck überträgt sich nicht nur auf die Spieler auf dem Feld, sondern auch auf die Führungsetage. Schnelle Erfolge mussten her,

Der Pott verehrt König Fußball. und so setzten die Vereine jahrelang auf internationale Stars. Doch wenn sich nach Millionentransfers wie jenen von Marcio Amoroso, Orlando Engelaar oder Jefferson Farfan immer noch kein Erfolg einstellt, wird es schwer, die Löcher im Budget zu stopfen. Schließlich funktioniert das langfristig nur über Qualifikationen für die internationalen Ligen wie die Champions- oder Euroleague. Allein für das Erreichen der Gruppenphase der „Königsklasse“ Champions League erhält ein Verein mit Fernsehgeldern und Prämien rund 20 Millionen Euro. Geld, das die beiden ehemaligen Spitzenclubs drin-

gend gebraucht hätten. Ohne diese zum Teil bereits eingeplanten Gelder rutschten die Vereine in eine finanzielle Krise, der man nun mit noch teureren Transfers entrinnen wollte. Spätestens, wer zweimal den gleichen Fehler begeht, wird abgestraft. Nach erneutem Verpassen der internationalen Wettbewerbe wurden die Finanzierungsschwierigkeiten der Dortmunder bekannt. Heute befindet sich der FC Schalke 04 nach einer schwachen Saison, in der man eigentlich in die europäische Spitzenklasse stürmen wollte, in einer ähnlich misslichen Lage. Doch eine Antwort haben die Vereine schon gefunden. Denn diesmal machten sie aus der Not eine Tugend. Nicht umsonst wurde Barcelonas Präsident Joan Laporta dieses Jahr von goal.com zitiert: „Andere kaufen Weltfußballer, wir machen sie.“ Dieser Devise folgen nun auch die beiden gebeutelten Ruhrgebietsvereine. Der BVB rutschte letztes Jahr nur in letzter Sekunde aus den internationalen Qualifikationsplätzen, der S04 befindet sich momentan auf bestem Qualifikationswege. Doch auch wenn die Schwarz-Gelben oder Blau-Weißen wieder in eine Krise geraten sollten: Vereine, die 80.000 Leute hinter sich stehen haben, versinken nicht so leicht in der Mittelmäßigkeit. Joern Armonat

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Über Leben

Dritte Welt im Paradies Malaysia bietet Küsten, Kultur und Küche - ach, und studieren könnt ihr dort auch...

Das Auslandssemester naht, die Entscheidung über das Reiseziel ist allerdings noch nicht getroffen. Was tun? Gute Unis, tolle Ausflugsmöglichkeiten und abwechslungsreiche Landschaften gibt es an so vielen Orten der Weltda fällt die Wahl nicht leicht. Mittlerweile hat die BiTS auch eine Partner-Uni im fernen Südostasien, sodass BiTS-Studierende auch dort ihr Auslandssemester verbringen können. BiTSLicht präsentiert ein etwas exotisches Ziel: Malaysia.

Überall gibt es Spuren der verschiedenen Kulturen Asiens. Tauchfans kommen voll auf ihre Kosten.

Gefühl. In dem kleinen, aber umso charmanteren Hindutempel werde ich ebenso freundlich empfangen wie in den Gotteshäusern Buddhas. Der Duft von Räucherstäbchen begleitet meine Reise durch die Religionen. Der Einfluss aus verschiedenen Ländern Asiens wird auch beim Einkaufen und Essen deutlich. Mittags kann ich mich an indischem Roti- oder

Begriff „Melting Pot“ einfällt, aber er ist doch sehr bezeichnend: Ich bin im Schmelztiegel Asiens. Am nächsten Morgen sitze ich bereits wieder im Flugzeug. Ich bin auf dem Weg nach Semporna, auf der anderen Seite Borneos. Der Flug dauerte nur rund eine halbe Stunde,

Fotos: Sven Sellmann

Noch vor zwei Tagen schrieb ich in Hong Kong meine letzten Klausuren. Aber jetzt, nach dem absolvierten Semester im Ausland, beginnt meine wohlverdiente Reisezeit. Ich sitze also im Flieger beim Landeanflug auf Kota Kinabalu. Die Stadt liegt auf der Insel Borneo im östlichen Teil Malaysias. Aus dem Fenster kann ich sehen, wie die Spitze des fast 4.100 Meter hohen Mount Kinabalu maje-

mir im Flugzeug saßen, gar nicht ihren Urlaub hier verbringen. Es waren Malaien. Es wundert mich also nicht, dass in diesem Land überall Hinweise auf verschiedene Kulturen versteckt sind. Wunderschöne Moscheen reflektieren die heiße Sonne Südostasiens mit ihren weißen Minaretten und goldenen Kuppeln, sie vermitteln ein fast orientalisches

Diese Häusersiedlung im Sipadan Marine Park östlich der Insel Borneo liegt mitten in einer der besten Tauchregionen der Erde.

stätisch aus der dicken Wolkendecke ragt. In der Ferne entlädt sich ein tropisches Gewitter. Blitze zucken in kurzen Abständen über den Himmel und erhellen die Dämmerung. Zum Glück hat der Pilot das Unwetter umflogen. Am nächsten Morgen ist der Regen getrocknet und ich will erst einmal die Gegend erkunden. Erst jetzt merke ich, dass all die Chinesen, Inder, Thailänder, Philippinos und anderen Asiaten, die gestern mit

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Naan-Brot und Chicken Curry gar nicht satt essen. Auf dem PhilippinoMarkt kaufe ich die obligatorischen Souvenirs und inhaliere förmlich einen Mango-Shake nach dem nächsten. Abends esse ich in einem chinesischen Restaurant, das ebenfalls Malaien gehört. Als ich den rohen Fisch, den Schinken, die Garnelen, den Kohl und die Entenblutwürfel in den Hot Pot werfe, denke ich an den Tag zurück. Ich komme mir albern vor, als mir in dem Augenblick der

mittlerweile bin ich unterwegs zum Sipadan Marine Park. Laut meinem Reiseführer erwartet mich dort eine der besten Tauchgegenden der Erde. Der Motor des kleinen Bootes, das mich auf die Insel Mabul bringt, stottert nur so vor sich hin. Er brummt in einem Moment, dann verschluckt er sich immer wieder am dicht wachsenden Seegras. Doch der freundliche malaiische Bootsführer hat alles im Griff. Gespannt freue ich mich auf das, was kommt,


Über Leben

doch ich muss mich gedulden. So flach wie das türkisblaue Wasser zu dieser Tageszeit ist, würde die Motorschraube bei höherem Tempo die Korallenriffe zerstören. Der Malaie grinst mich an und deutet ins Wasser. Auf dem Meeresboden kann ich mit bloßem Auge etliche Seesterne entdecken. Im kristallklaren Wasser schwimmen zahllose Fische aller Farben und Größen. Als wir am Steg ankommen, werden wir lautstark von einer tobenden Kinderschar empfangen: „Hello, how are you? Where are you from?“ Die guten Sprachkenntnisse der Kleinsten hier auf dieser winzigen Insel mitten im Paradies

Glitzernde Wolkenkratzer und dritte Welt in einem Land verblüffen mich. Mein nächster Gedanke ist jedoch ein anderer, denn ich schaue mich um: Ärmliche Holzhütten, Strom aus dem Generator. Hauptnahrungsmittel sind Fisch, Reis und Früchte. Das ist nicht das Paradies, das ist die dritte Welt. Doch in den strahlenden Kinderaugen sehe ich, dass sie mit ihrem Leben ziemlich zufrieden sind. Die faszinierende Unterwasserwelt, in die ich in den folgenden zwei Tagen mehrmals eintauche, und die weißen Traumstrände verzaubern mich für den Rest der Reise. Als ich vor den Petronas Towers, den mit je 452 Metern höchsten Zwillingstürmen der Welt, in Kuala

Das Sultan Abdul Samad Gebäude in Kuala Lumpur bauten die Briten in der Kolonialzeit.

Lumpur stehe, muss ich noch einmal an meine Zeit auf Mabul denken. Schwer zu glauben, dass all dies ein Land sein soll. In der Hauptstadt, die im westlichen Teil auf der Halbinsel Malaysia liegt, ist alles so supermodern wie in Amerika oder Europa. Die Wolkenkratzer glitzern magisch in den Nachthimmel und zeigen: Es gibt in diesem Land auch reiche Menschen. Der malaiische Mineralölkonzern Petronas ist ein Fortune 500-Unternehmen mit rund 45 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz - ein ziemlich deutlicher Gegensatz zu dem Leben der Menschen auf Mabul. Einige Blocks entfernt bemerke ich, dass an diesem Land schon sehr früh fremde Nationen ein großes Interesse hatten. Imposante Bauten im Kolonialstil erinnern daran, dass Malaysia seit rund 50 Jahren vom Königreich England unabhängig ist.

Moscheen wie diese verleihen dem Besucher das Gefühl von tausendundeiner Nacht.

Ich komme mir fast vor, als wäre ich in London gelandet und stünde nun vor dem Buckingham Palace. Doch

Imposant: Die Petronas Towers bei Nacht.

die Moschee eine Straße weiter macht mir wieder bewusst, dass ich mich in einem mehrheitlich muslimischen Land befinde. Am Flughafen Kuala Lumpur vor dem Flug nach Shanghai sticht mir ein überdimensionales Werbeplakat ins Auge: „Malaysia. Truly Asia.“ Da haben die Marketingexperten aus dem malaiischen Tourismusbüros ganze Arbeit geleistet: Der offizielle Slogan fasst für mich die Vielfältigkeit dieses Landes in drei Worten perfekt zusammen. Die Kultur, die Küche, die Architektur - alles steht unter dem Einfluss Asiens und seiner sehr freundlichen Menschen. Zudem bietet Malaysia Strände, Landschaft, Berge und eine überwältigende Tiervielfalt unter und über Wasser. Und so steht nach dem Abflug für mich fest: Ich komme wieder. Garantiert. Sven SellmanN

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Aufstieg

Was bin ich wert? Tipps für das Pokerface in der Gehaltsverhandlung.

Ohne seinem Gegenüber auf die Füße zu treten, wollen beide Parteien im Bewerbungsgespräch das Beste für sich herausholen. Nur wie? BiTSLicht fragte Stefanie Hacke, Leiterin des BiTS-Career Centers, und Claudia Drießen, zuständig für Personalentwicklung und Recruiting bei der Kerkhoff Consulting GmbH. Wer unvorbereitet ein gutes Gehalt aushandeln will, hat schon verloren. Die Vorbereitung auf die Frage nach dem Gehalt ist das A und O, meint Stefanie Hacke. „Bevor ich in ein Vorstellungsgespräch gehe, muss ich mir darüber klar werden, was das K.O.-Kriterium ist: Wo würde ich ,nein‘ sagen?“ Vor allem angehende Praktikanten müssten sich überlegen, ob sie auch umsonst arbeiten würden, oder wie hoch das Praktikumsgehalt sein müsste, um wenigstens die anfallenden Kosten zu decken. Oft stelle sich die Frage, ob man sich auch ein unbezahltes Praktikum leisten könne. Beim ersten Job sollte man zuerst seine laufenden Kosten ehrlich überblicken und so seine Schmerzgren-

„Gute Vorbereitung ist das A und O.“ ze festlegen. Wer seine Steuerklasse kennt, kann außerdem genau ausrechnen, wie viel er brutto verdienen muss, um netto seinen Wunschbetrag verpulvern zu können. Dabei können Netto-Brutto-Rechner im

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Internet helfen, beispielsweise auf den Internetseiten einiger Zeitungen. Gerade wenn es um den ersten Job geht, muss man die untere Grenze des Gehalts festlegen - das hat Stefanie Hacke schon häufig beobachtet. „Wenn ich meine Grenze nicht kenne, endet die Verhandlung häufig in Peinlichkeiten.“ Seinen eigenen Wert zuverlässig zu bestimmen und noch dazu eine gute Vergleichsgrundlage zu haben,

Seinen Wert ehrlich einschätzen gestaltet sich allerdings oft schwierig. „Bei uns in Deutschland ist das Thema Gehalt ein Tabuthema, vor allem bei Frauen“, erklärt Stefanie

und Einstiegsgehälter erfragen. Erst wenn man sich über seinen Wert, seine Gehaltsvorstellungen und die branchenüblichen Löhne im Klaren ist, sollte man sich in die eigentliche Verhandlung wagen. Lässt der Personaler das Thema Geld dann im Vorstellungsgespräch links liegen, ist kurz vor Ende des Gesprächs der beste Zeitpunkt, selbst nachzufragen. „Jetzt nicht mit der Tür ins Haus fallen“, rät Claudia Drießen, zuständig für Personalentwicklung und Recruiting bei der Kerkhoff Consulting GmbH. Besser frage der Jobanwärter, wie der weitere Bewerbungsprozess aussehe und ob die Konditionen noch in diesem Gespräch oder später geklärt würden. Handelt es sich um ein unbezahltes Praktikum, könne man ruhig das

Foto: Philine Lietzmann

„Und, wie viel verdienst du so?“ Diese Frage ist der Tod fast jeder angeregten Diskussion. Es wird gejammert und geprahlt, aber eine genaue Zahl wird selten genannt. Trotzdem ist das Gehalt eine feste Größe im Leben. Deswegen müssen spätestens dann die Karten auf den Tisch, wenn man im Bewerbungsgespräch einem Personaler gegenübersitzt.

Auch Berufseinsteiger sollten sich über Gehaltsvorstellungen im Klaren sein.

Hacke. „Verlässliche Einsteigerdaten sind kaum zu finden.“ Sie rät Bewerbern zur Recherche in Absolventenblogs und Foren. Außerdem könnten Alumni und Netzwerke wie StudiVZ weiterhelfen. Dort könne man sich an Mitglieder wenden, die im gleichen Unternehmen oder in der gleichen Branche arbeiten. Das Career Center kann zusätzlich die Datenbank für Gehälter des Finanzdienstleisters MLP abrufen

zweite Gespräch abwarten, meint Stefanie Hacke. Wem das Thema wichtig sei, könne allerdings auch schon im ersten Gespräch darauf zu sprechen kommen: „Dann kann man höflich nach der Möglichkeit einer Vergütung und der Höhe fragen. Trotzdem sollte das Geld nicht im Vordergrund stehen.“ Meistens fragen jedoch die Personaler selbst nach den jeweiligen


Aufstieg

Gehaltsvorstellungen. „Die Frage ,Was stellen Sie sich denn so vor?‘ nehmen Personaler gern als Kitzler“, weiß Stefanie Hacke. Die Antwort sollte einen Verhandlungsrahmen beinhalten und zeigen, dass man vorbereitet ist. „Dann muss man den Ball zurückspielen. Zum Beispiel in-

ßen nach möglichen Karriereentwicklungen, Weiterbildungen oder Zusatzleistungen zu fragen, die das Jobangebot trotz niedrigen Einstiegsgehalts attraktiv machen könnten. Doch auch die Personalerin betont: „In letzter Konsequenz müssen Sie selbst entscheiden, ob Sie zustimmen oder ablehnen.“

Gehaltsrechner im Netz

„Was stellen Sie sich vor?“

Praktikumsbewerber, gerade im Medienbereich, machen heute die Erfahrung, dass unbezahlte Praktika in der Branche oft eine Selbstverständlichkeit sind. Ein kleiner Bonus oder ein Essenszuschuss von 30 Cent am

www.karriere.de/beruf www.nettolohn.de www.gehaltsvergleich.com www.sueddeutsche.de/jobkarriere www.stern.de/wirtschaft/job

dem man fragt ,Wie sieht es denn bei Ihnen aus?‘“, erklärt die Karriereberaterin. Claudia Drießen rät außerdem, den Ausgangsspielraum fünf bis zehn Prozent über dem Wunschgehalt anzusetzen: „Dann hat man eine gute Verhandlungsbasis.“ Doch was, wenn die angebotene Vergütung unter den Erwartungen ist? In diesem Fall kommt es auf die Situation an, meint Hacke: „Wenn man noch einen Verhandlungsspielraum hat, kann man versuchen, diesen auszureizen. Wenn nicht, sollte man nett und höflich das Gespräch beenden.“ Bevor man die Stelle jedoch vorschnell aufgibt, rät Claudia Drie-

Auf die eigenen Kompetenzen setzen Tag scheinen da schon großzügig. Selbst wenn schon in der Stellenbeschreibung angedeutet wurde, dass das Praktikum nicht bezahlt werde, kann man im Vorstellungsgespräch auf das Thema Geld zu sprechen kommen. Man könne beispielsweise andeuten, wie wichtig einem die

Im Internet haben Studenten und andere Jobanwärter die Möglichkeit, das angestrebte Einstiegsgehalt mit dem Standard der Branche zu vergleichen. Als grobe Einschätzung der Forderungen lohnt ein Blick auf folgende Seiten:

Praktikumsstelle sei, dass man sich ein unbezahltes Praktikum allerdings nicht leisten könne, wie Stefanie Hacke rät. Wenn es nötig ist, sollte man in dieser Situation auch darlegen, wofür man das Geld braucht. Geht es in der Gehaltsverhandlung um einen ersten Job, ist lamentieren allerdings tabu: „Das interessiert da keinen Menschen, wofür Sie Ihr Geld ausgeben. Besser, Sie setzen auf Kompetenzen.“ Philine Lietzmann

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Aufstieg

Piraten erobern Deutschland Spaßpartei oder Gefahr für die Etablierten? Eintagsfliege oder Dauerbrenner?

„Piratenpartei“ - das klingt wie ein unseriöser Wahlscherz. So wollten es zumindest die etablierten Parteien darstellen. Doch die Piraten konnten mit ihren Forderungen nach Datenschutz und Freiheit im Internet ihre Mitgliederzahl rasant steigern. Bei der Bundestagswahl gewannen sie eine Million Stimmen. Alles andere als ein Scherz. Doch was genau steckt dahinter? Wie Piraten sehen die jungen Männer nicht aus. Wie Politiker aber auch nicht. Daniel und Christian sind Studenten, Stefan geht sogar noch zur Schule. Hier opfern junge Menschen ihre Freizeit, um sich politisch zu engagieren. Es ist Donnerstagabend, Lagebesprechung der Iserlohner Piratenpartei. Das Bier ist alkoholfrei, die Stimmung trotzdem locker. Jung, männlich, internetaffin und gebildet - so stellt man sich den durchschnittlichen Piratenparteiwähler vor. Auf die Iserlohner Piraten trifft diese Beschreibung zu. Sie sind vier von bundesweit knapp 11.500 Mitgliedern der Piratenpartei und treffen sich zweimal im Monat zum Stammtisch im Iserlohner Café Pirates. Wa-

Piratenstammtisch auch in Iserlohn rum sie der Partei beigetreten sind? „Ich wünsche mir freien Zugang zu Informationsquellen“, sagt Christian Eichhorn. „Als Student kann ich mir beispielsweise nicht jedes Buch kaufen.“ Daniel Werner wollte etwas bewegen: „Ich war immer schon an Politik interessiert, konnte mich aber mit keiner Partei wirklich identifizieren.“ Auf der Tagesordnung stehen die Planung einer Vortragsreihe über Sicherheit im Internet sowie die Vorbereitung der anstehenden Landesmitgliederversammlung. „Die Präsentation über Cyber-Mobbing steht soweit“, sagt Stefan Bien. „Wir wollen

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unsere Kompetenzen an Eltern weitergeben, damit sie besser verstehen, was ihre Kinder im Internet machen, und sie somit besser schützen können“, erklärt Christian Eichhorn die Konzeptidee. Die Piraten wollen informieren und auf Gefahren im Netz aufmerksam machen. Doch sicherlich gehören solche Veranstaltungen auch zum nächsten Wahlkampf. Als Grund für den Erfolg der Piratenpartei bei den vergangenen Wahlen sieht Dr. Udo Vorholt, Politikwis-

Piraten bedienen neue Themen. senschaftler an der Technischen Universität Dortmund, ein Angebotsvakuum in der Parteienlandschaft. „Besonders junge Menschen fühlen sich durch die etablierten Parteien nicht mehr angesprochen und angemessen vertreten.“ Das Internet - und damit auch Fragen nach Datenschutz und Meinungsfreiheit spielen im Leben vieler junger Leute mittlerweile eine wichtige Rolle. Die großen Parteien liefern für diese Fragen aber keine Lösungen. „In diese Lücke stößt nun die Piratenpartei“, sagt Vorholt. Schon im Wahlkampf nutzte die Partei unkonventionelle Strategien. Der Internetwahlkampf war für die Mitglieder selbstverständlich, hier stellten sich die etablierten Parteien teilweise ungeschickt und dilettantisch an. Die Piraten wissen schließlich, wie man authentisch twittert und bloggt. Aber auch in der realen Welt war die Partei innovativ: In Berlin schipperten die Piraten mit einem Holzfloß über die Spree und verteilten ihre Flyer. In Iserlohn fiel die Kampagne zwar etwas sparsamer aus, war aber nicht minder erfolgreich. „Wir haben die Plakate komplett aus eigener Tasche bezahlt“, erinnert sich Daniel Werner. „Mindestens 40 bis 50 Euro hat jeder von


Fotos: Desirée Backhaus

Aufstieg

Die Iserlohner Piraten bei ihrem Stammtisch im Café „Pirates“, wo passenderweise auch die Seeräuberstatue vor dem Eingang steht.

uns ausgegeben.“ Außerdem wurden Muffins gebacken und Infostände aufgebaut, um unschlüssige Wähler mit ins Boot zu holen. „Das war zwar viel Arbeit und wir haben viel Zeit geopfert, aber es hat sich gelohnt“, sagt Matthias Schönhals-Eßmann. In Iserlohn waren 1,5 Prozent der Wähler von den Forderungen der Partei überzeugt und setzten deshalb ihr Kreuz bei den Piraten. Ihrem Wahlprogramm zufolge fordern die Piraten einen größeren

tieren, sind wir uns nach drei Stunden gerade mal einig, dass Steuern generell gut sind“, erklärt Christian Eichhorn das Problem. Doch nur, wenn sich die Piraten zu Wirtschafts-, Gesundheits- und Außenpolitik äußern, haben sie bei der nächsten Wahl die Chance, ein noch stärkeres Ergebnis zu erzielen. Aber auch von außen drohen den Piraten Gefahren. Nach ihrem Wahlerfolg und dem großen Medienecho versuchen nun auch die etablierten Parteien, Themen wie Internetzen-

Weiterentwicklung des Parteiprogramms notwendig Schutz der Privatsphäre, mehr Mitbestimmung und freie Bildung. Damit sind sie laut Udo Vorholt von der TU Dortmund keine klassische EinThema-Partei. Das sieht auch Christian Eichhorn so. Er gesteht aber auch ein, dass das Parteiprogramm weiterentwickelt werden muss: „Wir diskutieren zurzeit heftig, welche Standpunkte wir zu anderen politischen Themenbereichen einnehmen sollen.“ Das könnte für die junge Partei eine Zerreißprobe werden, denn die Gruppierung ist weder rechts noch links. „Sie ist einfach piratig“, bemüht sich Politikwissenschaftler Vorholt, die Piraten zu kategorisieren. Die Mitglieder kommen aus allen politischen Lagern. Eine einheitliche Meinung etwa zur Steuerpolitik sucht man hier vergebens. „Wenn wir vier über Steuern disku-

sur und Datenschutz aufzugreifen. „Das sind die üblichen Strategien, um Wählerstimmen zurückzugewinnen“, weiß der Politikwissenschaftler Vorholt. Aus diesem Grund sieht der Politikwissenschaftler eher pessimistisch in die Piraten-Zukunft. Die Mitglieder vergleichen die Entstehung ihrer Partei gerne mit den Anfängen der Grünen. Dem widerspricht Vorholt: „Die Grünen sind

Parallelen zu den Grünen? vor 30 Jahren aus einem sozialen Wandel heraus entstanden. Die gesellschaftlichen Veränderungen waren damals viel stärker als heute.“ Jan Treibel vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen hingegen erkennt Parallelen: „Obwohl die Grünen mit Friedens- und Umweltthematik etwas breiter aufgestellt waren, mussten sie ebenfalls zunächst ihr Themenspektrum erweitern.“ Seiner Meinung nach hätte auch die Piratenpartei die Chance, irgendwann in den Bundestag einzuziehen. Das hoffen natürlich auch die Iserlohner Piraten. „Unser erstes Ziel ist, bei der Landtagswahl 2010 die Fünf-ProzentHürde zu knacken“, sagt Stefan Bien. „Das hätte eine enorme Signalwirkung auch für andere Bundesländer.“ Desirée Backhaus &

Einige Programmpunkte der Partei.

Anna Lena Daniels

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Aufstieg

„Es kann richtig einfach sein.“ Alumnus Jobst von Paepcke erzählt, wie er sein Hobby zum Beruf gemacht hat.

Jobst von Paepcke studierte von 2004 bis 2007 Communication & Media Management an der BiTS. Heute ist er Geschäftsführer der Filmproduktionsfirma BSP Media, die sich durch diverse ActionsportEvents einen Namen gemacht hat. So organisierte BSP zum Beispiel 2006 den Red Bull Storm Chase und produzierte die dazugehörige DVD. Inhalt: Eine Dokumentation über 24 Windsurfer, die sich im Internet beworben hatten und dann im härtesten Sturm des Jahres in neun europäischen Ländern Mutter Natur herausforderten. BiTSLicht: Wieso hast du dich damals für die BiTS entschieden? Jobst von Paepcke: Ich hatte viel Vorerfahrung an staatlichen Unis. Rostock und Kiel waren meine Stationen vor der BiTS. Das lag zwar schon Jahre zurück, gab mir aber die Chance zu wissen, was ich nicht wollte. Der „familiäre“ Spirit, die Größe der Stadt und der Hochschule sowie die Aufstellung der Dozenten waren für mich entscheidend. Das recht verschulte Lernen kam mir entgegen, denn ich kann ein bisschen

Druck manchmal gut brauchen. Ich hatte mir einen starken Praxisbezug erhofft. Der wurde auch geboten, und das hat mir sehr gut gefallen. BiTSLicht: Wofür bist du der BiTS besonders dankbar? Jobst von Paepcke: Für ein Maximalmaß an Flexibilität und die gute Betreuung während des Studiums. Im Studentenforum mache ich mir damit vielleicht nicht nur Freunde einige Kommilitonen sahen das zu meiner Studienzeit anders. Bei der Kritik an der Uni oder der Mensa dachte ich so manches Mal, dass der Sinn für Realität bei den Studenten unterschiedlich ist. Im Vergleich zu

„Das Geld war immer knapp.“ öffentlichen Hochschulen ist die Betreuung an der BiTS eine glatte Eins. Da ich während des Studiums gearbeitet habe, damals in Kiel, brauchte ich oft Ausnahmeregelungen, zum Beispiel bei der Anwesenheitspflicht. Da habe ich eine sehr gute Unterstützung bekommen, sowohl von der Hochschulleitung als auch von vielen Dozenten. BiTSLicht: Was wirst du nie vergessen, wenn du an die Zeit an die BiTS denkst? Jobst von Paepcke: Dass man im Sekretariat meinen Namen kannte, dass die Autos auf dem Parkplatz fast so schick waren wie die auf der IAA, dass Herr Frielinghausen Kampfsportler ist - und es geschafft hat, mir Mathe beizubringen.

Foto: BSP

BiTSLicht: Wie bist du an deinen Beruf gekommen?

Jobst von Paepcke.

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Jobst von Paepcke: Ich bin über mein Hobby, das Filmen, dazu gekommen. Das begann schon während meiner Zivildienstzeit auf Fehmarn Ende der Neunziger. Ich

betrieb dort im Nebenjob ein Tanzlokal, in dem auch Filmabende stattfanden. Einer der Filmemacher war mein jetziger Kollege Florian Gebbert, ein sehr kreativer und umtriebiger Kerl, der sich damals einen der ersten digitalen Schnittplätze einrichten wollte. Ein teures Vorhaben. Als der Kauf anstand, war er zeitgleich mit dem Gesetz in Konflikt geraten und brauchte einen Teil des Geldes für seinen Rechtsbeistand. Eine ideale Gelegenheit für mich, zu investieren und einzusteigen. Das war der Beginn unseres Videolabels „Big Sexy Pictures“, BSP. BiTSLicht: Gab es Schlüsselerlebnis?

dafür

ein

Jobst von Paepcke: Das kam einige Jahre später. Während unserer Studienzeit in Kiel hatten wir ein paar wilde Jahre rund um das Label BSP. Das Geld war aber immer knapp. Irgendwann trennten sich unsere Wege beruflich und wir arbeiteten ein paar Jahre als Angestellte. Dann begann mein Studium in Iserlohn. Bei einem Treffen mit Florian und meiner Freundin und jetzigen Ehe-


Aufstieg

frau hatten wir zu dritt die Idee für eine Sache, die wir dann zu Papier gebracht haben. Am nächsten Tag haben wir das per E-Mail an zwei Unternehmen geschickt, die uns passend schienen.

Jobst von Paepcke: Freunde und Familie und meine Hobbys Wellenreiten, Windsurfen, Snowboarden. Das sind ziemlich zeitraubende Beschäftigungen. Gerade war ich drei

vat und beruflich Dinge zu machen, die mir Spaß machen und an die ich glaube. In der Agentur versuchen wir, immer Produkte zu verkaufen, von denen wir überzeugt sind. Es macht dann auch mehr Freude, andere davon zu überzeugen. So wird der Erfolg wahrscheinlicher und - ganz

Foto: bootz/redbullstormchase

BiTSLicht: Und hat das geklappt?

BiTSLicht: Was ist dir neben dem Beruf besonders wichtig?

Das BSP-Filmteam bei der Arbeit: Die DVD zeigt 24 Windsurfer, die einen Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 156 km/h erlebten.

Jobst von Paepcke: Am selben Tag kam der Anruf mit einer Zusage, eine Woche später war die Sache eingetütet. Ganz unbürokratisch, mit einem Umfang, der das Mehrfache dessen betrug, was wir in den Jahren zuvor zusammen umgesetzt hatten. Es kann also richtig einfach sein, wenn Inhalt, Menschen und Timing passen. Die Aktion war der Red Bull Storm Chase. Sie war der Auslöser dafür, uns als Label wieder zusammenzuschließen.

Wochen in Dänemark - dort habe ich bis auf Snowboarden alles unter einen Hut bekommen. Die Redensart

BiTSLicht: Was sind deiner Meinung nach wichtige Charaktereigenschaften für einen erfolgreichen Unternehmer?

BiTSLicht: Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Jobst von Paepcke: Da gibt es sicher bessere Ratgeber, aber mir persönlich hat ein gewisses Gefühl für Menschen geholfen und die Fähigkeit, andere Menschen von Ideen zu begeistern. Natürlich hat man nicht immer gute Ideen, dann holt man sich einen Korb. Man braucht Partner und Kollegen, die einen dort ergänzen, wo man selbst seine Schwächen hat.

„Selbst und ständig“ passt bei mir nicht - zum Glück. von „selbst und ständig“ als Beschreibung von selbstständiger Arbeit trifft bei mir zurzeit zum Glück nicht zu.

Jobst von Paepcke: Wenn ich so weitermache wie bisher, dann könnte alles so sein wie jetzt. Vielleicht reduzieren wir bei uns in der Firma ja mal den Jahresurlaub und nehmen auch im Winter die Füße vom Tisch. Dann ist die nächste Station sicher die Weltherrschaft! BiTSLicht: Hast du eine besondere Lebensphilosophie? Jobst von Paepcke: Ich versuche, pri-

wichtig - stellt einen auch zufrieden. Das lässt sich auf ganz viele Bereiche im Leben anwenden. Es schließt aber auch viele Dinge aus. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen, die das Prinzip ebenfalls verfolgen. Mein Versicherungsberater gehört genauso dazu wie mein Autoschrauber. BiTSLicht: Welche Tipps möchtest du Studenten ans Herz legen? Jobst von Paepcke: Nutzt die Praktika, um herauszufinden, was ihr gut könnt und was euch gefällt. Vertraut bei der Einschätzung eurer Fähigkeiten auf das Urteil anderer. Vertraut bei eurer Berufswahl eurem Gefühl. Es ist gut, später einen Job zu finden, der gut bezahlt ist. Und es ist gut, einen Job zu finden, der Spaß macht. Wenn ihr beides verbinden könnt, dann gebt ihr hier die nächsten Interviews und werdet mit Sicherheit viel mehr Geld verdienen als ich. Lara Behrens & Carolin Dennersmann

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Versuchsgebiet

Weder Buch noch Bildschirm Kann ein eBook-Reader das Studentenleben leichter machen? Ein Test.

Die Bedienung ist dafür intuitiv. Für den ersten Lesetest entscheide ich mich für „Per Anhalter durch die

kann man sich entweder Notizen auf einer Bildschirmtatstatur machen oder sie handschriftlich festhalten. Trotz kindlicher Freude über diese Funktionen muss ich feststellen, dass man äußerst langsam zeichnen muss, um zum Beispiel das Tafelbild eines Dozenten sauber abzumalen.

Notizen machen wie auf einer Zaubertafel

Natürlich muss man sich nicht mit den auf dem Reader installierten Büchern begnügen. Allerdings bietet Sony keinen eigenen eBook-Laden, so dass man auf die Angebote verschiedener anderer Portale wie zum

Reflexionen meiner Schreibtischlampe Teile des Textes, je nachdem, wie ich den Reader halte. Im Dunklen kann ich den Text gar nicht mehr lesen, denn eine Hintergrundbeleuchtung gibt es nicht. Trotzdem ist das Lesen mit dem Reader angenehm, sobald ich die richtige Position gefunden habe. Auch das Umblättern der Seiten funktioniert gut und zügig, wenn auch nicht so schnell wie bei einem echten Buch.

Schicker als ein Lehrbuch

Doch mit dem eBook-Reader kann man nicht nur lesen. Neben einer Suchfunktion und der Möglichkeit, Lesezeichen zu setzen, bietet dieser Reader eine Memo-Funktion. Mit einem mitgelieferten Plastikstift

Beispiel Thalia.de oder Libri.de zurückgreifen muss. Wer denkt, dass die Bücher hier billiger sind als im Laden, der ist auf dem Holzweg. Dafür gibt es inzwischen auch OnlineBibliotheken - wie onleihe.de - oder die Seiten verschiedener Stadtbibliotheken. Insgesamt ist die Auswahl an Büchern viel kleiner als im Laden oder in der Bibliothek. Vor allem für Studenten interessante Sachbücher und Nachschlagewerke wie der Mankiw sind nicht erhältlich. Dabei wären die als eBook besonders nützlich.

Foto: Julian Jaursch

Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, teste ich den eBook-Reader „PRS-600 Touch Edition“ von Sony, der seit Oktober in Deutschland verkauft wird. Auf den ersten Blick macht das Gerät auf jeden Fall mehr her als jedes Lehrbuch. Es glänzt mattschwarz und hat silberne Tasten. Das Display ist etwa so groß wie ein Taschenbuch. Dabei ist es gerade mal einen Zentimeter dick. Bevor ich das dünne Ding allerdings in Betrieb nehmen kann, muss es erst einmal laden: Vier Stunden lang, über ein USB-Kabel - und der Computer darf so lange nicht ausgeschaltet werden oder in den Ruhezustand fallen! Ganz schön nervig.

Galaxis“ von Douglas Adams. Das Bild am Anfang des Buches ist matt und verschwommen - da kann der Reader sich nicht mit einem Computer messen. Die Schrift wirkt wie auf Umweltpapier gedruckt: Schwarz auf grauem Hintergrund. Eigentlich ist sie gut lesbar, allerdings verschlucken

Foto: Philine Lietzmann

Mein Ordner wiegt gefühlte 20 Kilo. Zusätzlich schleppe ich meinen Laptop von Vorlesung zu Vorlesung, um auch die virtuellen Skripte dabei zu haben. Und ich brauche mindestens ein Buch pro Fach. Schon länger frage ich mich, ob mir nicht ein eBook-Reader nützen könnte. Oder ist es nur ein Spielzeug für „Techniknerds“, die sonst schon alles haben?

Zum gemütlichen Lesen ist der Reader auf jeden Fall geeignet - und auch in der Uni macht er sich nützlich.

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Versuchsgebiet

Sony PRS-600 Touch Edition: Daten und Fakten

Bildschirmdiagonale: 6 Zoll Abmessungen 12,1 cm x 1 cm x 17,4 cm. Gewicht: 286 g Zusätzliches Zubehör: Ladegerät, Schutzhüllen, Leselampe Kompatibel mit Mac und PC. Zu haben ab 339 Euro.

Mit der mitgelieferten Software „eBook-Library“ werden alle Notizen, Lesezeichen, Memos und Bücher verwaltet. Neue Bücher können über die Bibliothek auf den Reader importiert, Notizen und Lesezeichen auf die Festplatte des eigenen Computers oder Laptops exportiert werden. Ein Wermutstropfen ist, dass ich trotz längeren Ausprobierens keine Möglichkeit gefunden habe, Memos aus der eBook-Library zum Beispiel in ein Word-Dokument zu exportieren. Das geht nur mit Notizen, die mit einem Buch verknüpft wurden. Alles in allem ist der Reader an erster Stelle schick und nur an zweiter Stelle nützlich. Lesen kann man mit ihm super und auch die anderen Funktionen sind gut durchdacht. Aber das Erstellen von Notizen und Zeichnungen über den Touchscreen ist zu mühsam für den Gebrauch in der Uni. Philine Lietzmann

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Versuchsgebiet

Das flüssige Gold für kleines Geld BiTSLicht testet ein wichtiges Grundnahrungsmittel von Studenten auf Herz und Nieren.

Billigbier: Oftmals mit vielen Vorurteilen und schlechtem Ruf belastet. Doch was ist, wenn am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist? Ist das No-Name-Produkt vielleicht doch eine Alternative zur traditionellen Marke? BiTSLicht hat den Härtetest gemacht.

Widerwillig wandert der Blick zu den farb- und namenlosen Flaschen. Äußerlich einfach eine Katastrophe, aber die gute Nachricht: Der Preis ist nur halb so hoch. Da stellt sich die Frage: Bedeutet halber Preis auch halbe Qualität? Oder stecken die Markenbiere das restliche Geld in die Etiketten? Denn seien wir doch mal ehrlich: Wer von uns hat keine Vorurteile gegenüber den Billigbieren? Durstig und mit leicht flauem Gefühl im Magen haben wir es getestet. Unsere Einschätzungen zu den einzelnen Bieren mit der jeweiligen Platzierung könnt ihr auf diesen Seiten lesen - und damit kommen wir zu unserem Ergebnis.

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Fotos: Desirée Backhaus

Samstagabend in einem großen Supermarkt in Iserlohn: Kurz vor den Kassen steuert man noch zu den Bierregalen. Automatisch greift die Hand nach Beck’s, Warsteiner, Krombacher und Co. Doch halt! Gerade eben kam doch die letzte BiTSRechnung. Auch der Vermieter stand letzte Woche auf der Matte. Also ist Sparsamkeit angesagt.

Ist es möglich auf Markenbier zu verzichten? Wir testen fünf Billigbiersorten.

Das Ergebnis Insgesamt waren wir doch positiv überrascht von der Qualität der Billigbiere. Der befürchtete Kopfschmerz am nächsten Morgen blieb aus. Testsieger ist für uns das Dortmunder Siegelpils, allerdings mit einer Einschränkung: Mit 39 Cent kostet es gut 30 Prozent mehr als die übrigen Biersorten. Deshalb schneidet das zweitplatzierte Germania insgesamt gleich gut ab. Deutlicher Verlierer in allen Katego-

rien ist das Adelskronen Pils - sowohl geschmacklich als auch äußerlich. Trotz dieser Enttäuschung: Es muss nicht immer die teure Marke sein, da es auch durchaus billigere Alternativen gibt, die vergleichbar schmecken. Oftmals sind es aber doch das Image und das Aussehen, die uns dann im Supermarkt wieder zu der hochpreisigen Flasche greifen lassen. Desirée Backhaus & Lena Wouters

Dortmunder Siegelpils

Unsere Bewertung

Das Produkt der Radeberger Gruppe hebt sich schon äußerlich positiv von seinen Konkurrenten ab. Sowohl Flaschenform als auch Etikett sehen eleganter aus. Preislich allerdings muss man zehn Cent mehr auf die Ladentheke legen. Im Geschmack ist es herb, aber nicht zu stark. Unserer Meinung nach absolut vergleichbar mit Beck’s und eine echte Alternative. Mit diesem Bier kann man sich sehen lassen.

Preis: 0,39 € Geschmack: Leicht herb, lecker Aussehen/Etikett: Edel, elegant Wiederempfehlungswert: Platz 1 - Der Testsieger.


Versuchsgebiet

Germania

Unsere Bewertung

Ein Bier für uns Mädels. Mild im Geschmack, ähnelt es sehr den Beck’s Golds und Bit Suns dieser Welt. Dabei ist es leicht süßlich. Das Pils gehört zum kleinen Frankenthaler Brauhaus in Rheinland-Pfalz. Das Versprechen „Edel Pils“, das es auf seinem Etikett gibt, hält es zwar nicht ganz, aber es ist dennoch gut trinkbar.

Preis: 0,29 € Geschmack: Mild, leicht süß Aussehen/Etikett: Schlicht, langweilig Wiederempfehlungswert: Platz 2

Oettinger

Unsere Bewertung

Der König unter den Billigbieren. Mit 6,5 Millionen Hektolitern im Jahr verkauft die Brauerei mehr als Warsteiner und Bitburger. Im Geschmack ist es jedoch alles andere als königlich. Zunächst mild, im Nachgeschmack aus unerklärlichen Gründen etwas eisenhaltig. Auch das Etikett des Mönchengladbacher Biers besticht nicht gerade durch Schönheit. Insgesamt aber doch noch genießbar.

Preis: 0,29 €

Paderborner

Unsere Bewertung

Seit 1852 wird es im westfälischen Paderborn gebraut und gehört mittlerweile zur Warsteiner-Gruppe. Gerüchten zufolge verirrt sich schon mal der ein oder andere Tropfen des Originals in eine der Paderborner Flaschen. Wir hatten wohl das Pech, eine der normalen Flaschen zu erwischen. Geschmacklich eine Niete, da es wässrig und eintönig schmeckte.

Preis: 0,29 €

Geschmack: Mild, im Nachgeschmack eisenhaltig Aussehen/Etikett: Überladen und altbacken Wiederempfehlungswert: Platz 3

Geschmack: Wässrig Aussehen/Etikett: Hässlich Wiederempfehlungswert: Platz 4

Adelskronen

Unsere Bewertung

Wer gedacht hat, wässriger als Paderborner geht’s nicht mehr, den belehrt das Adelskronen Pils eines Besseren. Die Hausmarke des PennyDiscounters schreckt den Biergourmet schon äußerlich ab, weil es nur in PET-Flaschen erhältlich ist. Da bezahlt man auch gleich mal genauso viel für das Pfand wie für den Inhalt. Außerdem ist Adelskronen nur im Sixpack erhältlich.

Preis: 0,28 € Geschmack: Geschmacklos Aussehen/Etikett: Hallo? Plastikflasche! Wiederempfehlungswert: Platz 5

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Versuchsgebiet

Foto: Sony Pictures

Angeschaut: Mona Lisas Lächeln

Massachusetts, USA 1953: Die toughe Katherine Watson ( Julia Roberts) nimmt eine Dozentenstelle an der kunsthistorischen Fakultät des kon-

servativen Wellesley College, einer privaten Hochschule für Frauen, an. Sie vertritt ein völlig neues Frauenbild. Sie ist emanzipiert, selbstbewusst und nicht verheiratet. Sie will ihren Studentinnen zeigen, dass das Leben noch mehr als die Rolle der Hausfrau und Mutter zu bieten hat. Voller Vorfreude und mit hohen Erwartungen stürzt sie sich in die neue Arbeit. Doch ihre freie und unkonventionelle Art kommt nicht bei allen gut an. Schon bald bekommt sie nicht nur Probleme mit der Hochschulleitung, sondern auch mit Kollegen und Studentinnen. Vor allem Studentin Betty (Kirsten Dunst) macht Ärger. Für sie besteht der Sinn des Lebens darin, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Durch Katherine Watson aber lernt sie zusammen mit ihren Freundinnen Joan ( Julia Stiles) und Giselle (Maggie Gyllenhaal), neue Wege zu gehen. Auch wenn diese steiniger

sind und von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Trotzdem ist es am Ende auch Katherine Watson, die von ihren Studentinnen etwas lernt. Denn auch ihr fällt es schwer, über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken. Der Film von Regisseur Mike Newell gibt einen Einblick in die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Thematisiert werden gesellschaftliche Strukturen wie die Rolle der Frau, aber auch der Alltag von Studentinnen zu dieser Zeit. Hier wird klar, dass sich die Interessen der Studentinnen von damals nicht bedeutend von denen heutiger Studenten unterscheiden: Es geht um Liebe, Mode, Partys, Musik und das Leben. Auch wenn sich der Film zeitweise in Klischees verliert, ist er sehenswert und bringt 50er-Jahre-Feeling auf den Bildschirm. Lena Wouters

Angehört: Vampire Weekend

Vampire Weekend balancieren auf dem schmalen Grad zwischen Campusleben und Afrika. Jedem Studenten, den die Zukunftsangst befällt, können Vampire Weekend als gutes Beispiel dienen. Die

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Band fand sich am renommierten Columbia College zusammen und benannte sich nach einem Filmprojekt eines befreundeten Studenten. So überrascht es nicht, dass einige Songs das Campusleben thematisieren. Jeder, der in den Genuss das einen oder anderen Studiensemesters kommen durfte, erkennt die Situationen und Personen wieder von versnobte Grammatikpedanten („Oxford Comma“) bis hin zu dem Versuch, der amourösen Bekanntschaft der letzten durchzechten Nacht auf der Enge des Unigeländes aus dem Weg zu gehen („Campus“). Dabei erinnert die Band selbst oft an das Bild eines typischen Studenten. So gibt es beispielsweise Soli, die - ähnlich wie eine unvorbereitete

Präsentation, die doch noch gelingt - aus dem Moment heraus zu entstehen scheinen. Trotzdem oder gerade deswegen schaffen sie es, zu den Highlights der Alben zu zählen. Musikalisch gibt es zudem einige Flirts mit afrikanischem Pop (zum Beispiel in „Cape Cod Kwassa Kwassa“ und „A-Punk“) oder mit Streichern untersetzte Indiehymnen („Walcott“). Und in „I Stand Corrected“ nehmen sie auch mal fast die Ausfahrt Richtung Ballade. Vampire Weekend decken mit ihrem Debütalbum eine weit gefächerte Palette ab, die die perfekte Hintergrundbeschallung für den Studentenalltag ist. Christian Ferreira


Versuchsgebiet

Angelesen: Frag Mutti „Mama, warum sieht mein Hemd nach dem Bügeln nicht gebügelt aus?“, „Mama, was heißen die Hieroglyphen auf den Zettelchen, die im T-Shirt immer so kratzen?“, „Hups! Mama, ich hab wieder vergessen, was die Dinger bedeuten - wie krieg ich mein Hemd jetzt wieder ent-rosat?“, „Mama im Kühlschrank lebt was. Wie geht das da wieder weg?“, „Mama, wie lösch’ ich denn eigentlich meinen Herd?“ Die Beantwortung solcher oder ähnlicher Fragen ist nicht selten existentiell wichtig. Was aber tun, wenn man keine Telefon-Flatrate und keine

hilfsbereite Mama hat oder einfach zu selbstbewusst ist, um wegen jedem Kleinkram zu Hause anzurufen? Das 243 Seiten starke Survival-Paket heißt passenderweise „Frag Mutti“! Von A wie „Angebranntes“ über M wie „Motto-Partys“ bis hin zu Z wie „zu salzig“ wird die Lösung jedes studentischen Alltagsproblems idiotensicher erklärt. Die beiden Autoren Bernhard Finkbeiner und Hans-Jörg Brekle verdanken ihr gesammeltes Wissen nicht nur ihren eigenen Muttis, sondern vielmehr den unzähligen Menschen, die sich auf www.frag-mutti.de über ihre eigenen Erfahrungen ausgetauscht haben. Die Website gestalteten die beiden im Jahr 2003 - nach einem gescheiterten Versuch, stinknormale Kartoffeln zu kochen. Mit Koch-, Putz-, Wasch- und Spartipps

versorgen Finkbeiner und Brekle seitdem die hilflosen Massen und gaben wegen ihres großen Erfolgs 2006 ihr erstes Buch heraus. Es ist deutlich strukturierter und somit auch hilfreicher als die Homepage. Und sollte wirklich mal der Herd brennen, ist das Buch auch noch schneller parat! 2007 folgte das Erste-Hilfe-Paket für überforderte Heimwerker, das auch mit Tipps zu Auto und Job aufwartet: „Frag Vati“. Beide Bücher sind pfiffig geschrieben und sowohl als Nachschlagewerk als auch als leichte Lektüre gut zu gebrauchen. Besonders hilfreich sind die Bewertungen und die ergänzenden Tipps der OnlineUser, die unter jedem Ratschlag im Buch abgedruckt sind. Alles in allem also eine gelungene Investition, natürlich auch zum Verschenken. Anne Welkener

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Ansichtssache

Recht auf Stadt für alle In Hamburg kämpfen zahlreiche Initiativen gegen die Stadtplanung der Regierung.

Eingeworfene Fensterscheiben, brennende Autos, Wasserwerfer und ein Polizeihubschrauber: Was nach der Studentenbewegung von 1968 klingt, ereignete sich im Herbst 2009 in Hamburg. Dort findet alle paar Monate das Schanzenfest statt - ein Straßenfest, das von den Bewohnern des Viertels ausgerichtet wird. Eigentlich ist es eine sehr friedliche Veranstaltung, mit viel Musik, Essensständen und einem Flohmarkt auf der Straße. Das Publikum ist bunt gemischt, aber vor allem jung und links. Das Fest

Die Stadt als profitorientiertes Unternehmen?

Dabei sind es gerade die niedrigen Wohnungspreise, die den Beginn des Gentrifizierungsprozesses einleiten: Studenten und Künstler sind auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum und verändern diesen mit ihren Bedürfnissen nach und nach. Die ersten Bars und Cafés ziehen in das Viertel ein, junge Designer eröffnen erste Geschäfte und Künstler ihre Galerien. Haben sich die Veränderungen erst einmal herumgesprochen, ist auch das Interesse von Investoren geweckt. Dann beginnen diese mit Wohnungssanierungen und fordern schließlich höhere Mieten. In der Folge verändert sich die Sozialstruktur im Viertel, da ärmere Haushalte

ursprünglichen Bewohner allerdings müssen oft ihr Viertel verlassen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, greifen die Bewohner des Schanzenviertels zu Gegenmaßnahmen in Form von Protesten.

Neue Bevölkerungsstrukturen Krawalle mit fliegenden Steinen, verletzten Polizisten und Verhaftungen sind dabei zum Glück nicht die Regel. „Im letzten Jahr gab es an vielen Stellen in Hamburg Widerstand gegen die geplanten Umstrukturierungsmaßnahmen der Stadt“, hat Christoph Schäfer von St. Pauli/ Park Fiction beobachtet. Zudem gebe es eine stärkere Vernetzung der ein-

Fotos: Merete Elias

wird ohne vorherige Anmeldung bei der Stadtverwaltung organisiert und unterstützt die Protestaktionen, die im Schanzenviertel ohnehin ständig laufen: Gegen Mietpreiserhöhungen, Umstrukturierungen und die Gentrifizierung des Stadtteils. Das Schanzenviertel ist zurzeit Hamburgs absoluter Szenetreffpunkt. Es gibt zahlreiche Bars und

und heruntergekommen war. „Aber die werden weniger“, hat Christoph Schäfer beobachtet. Der Hamburger engagiert sich bei der Bürgerinitiative St. Pauli/Park Fiction, die für die Belange der Mieter auf St. Pauli kämpft und dabei auch das Geschehen in der Schanze im Blick hat. In den letzten Jahren habe die Bewohnervertreibung richtig losgelegt, so Schäfer: „Eigentlich sind schon alle ‚Ureinwohner‘ weg, weil sie sich die Mieten einfach nicht mehr leisten können.“

Die seit 1989 besetzte Rote Flora: Sinnbild für den autonomen Widerstand im Hamburger Schanzenviertel.

Kneipen hier, die Bewohner reichen von Studenten bis hin zu jungen Familien. Dazwischen gibt es ein paar Leute, die auch schon hier wohnten, als die Schanze noch unbekannt

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sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten können und besser verdienenden Zuzüglern weichen müssen. Die gestiegene Attraktivität der Gegend ist also gut für die Investoren - die

zelnen Initiativen. Dreizehn sind es an der Zahl, die sich nun regelmäßig austauschen. Dabei geht es nicht nur um das Schanzenviertel: „Es gibt beispielsweise auch eine Initiative


Ansichtssache

gegen IKEA in Altona, den Einwohnerverein St. Georg, eine Initiative Gängeviertel oder den Verein ‚Mieter helfen Mietern‘“, so Schäfer. In Hamburg brodelt es derweil also an einigen Stellen. „Die Stadtverwaltung hat ein ziemlich striktes Programm, in welches Viertel die Subkulturen hinsollen. Das soll durch niedrige Mietpreise und gezielte Vermietung an bestimmte Bevölkerungsgruppen

durch die ehrenamtliche Mitarbeit der Stadtteilbewohner. „Die neoliberale Stadtentwicklung geht in die falsche Richtung. Dem wollen wir einen Kontrapunkt entgegensetzen“, betont Christoph Schäfer: „Die Stadt wird nur als Unternehmen gesehen, das möglichst viel Geld erwirtschaften soll.“ Dadurch gingen wichtige Dinge wie der Raum für Kreativität und Entfaltung verloren, die im Cen-

zu spät ist, als das Centro vor anderthalb Jahren auf die Beine gestellt worden ist.“ In den letzten Jahren wurde einiges erreicht in Hamburg: „Dinge, die unmöglich schienen, haben wir geschafft - zum Beispiel das Projekt Park Fiction auf St. Pauli“, erzählt Schäfer. Dort sollte eine der letzten freien Flächen des Viertels von

Das Centro Sociale zwischen Schanze und Karoviertel: Kulturtreff im alten Pferdestall.

durchgesetzt werden.“ Dem gelte es etwas entgegenzusetzen: „Die Besetzung des Gängeviertels durch zahlreiche Künstler ist da eine scharfe

Widerstand an zahlreichen Stellen Verweigerung“, freut sich Schäfer. Das Gängeviertel ist schon seit Jahren eine der teuersten Hamburger Gegenden. Als zu Sanierungszwecken einige der alten Bauten abgerissen werden sollten, quartierten sich Künstler dort ein, malten und zeigten ihre Werke. „Dieses Husarenstück hatte die Stadt bestimmt nicht auf dem Zettel“, schmunzelt Schäfer. Organisierten Widerstand gegen die Umstrukturierungspolitik der Stadt gibt es in der Hansestadt noch gar nicht so lange. „Erst vor knapp zwei Jahren haben sich erste Initiativen wie ‚Es regnet Kaviar‘ gegründet, die explizit der Gentrifizierung etwas entgegensetzen wollten“, erzählt Tina Fritsche, die im Vorstand des Centro Sociale zwischen Schanzen- und Karoviertel aktiv ist. Das Centro ist ein autonomer Stadtteiltreff, der in einem ehemaligen Pferdestall residiert. Getragen wird er

tro Sociale stattfinden sollen. „Hier ist Platz für unkommerzielles und nicht konsumorientiertes Arbeiten“, sind sich Schäfer und Fritsche einig. Deshalb finden im Centro gegenüber den Büros von Werbeagenturen und Anwälten unter anderem Kindermalkurse, Fahrradworkshops und auch mal eine Walzerparade gegen die Umstrukturierung statt. Außerdem werden eine Beratung für Arbeitslose und eine wöchentliche Volksküche angeboten. All das komme bei den Bewohnern sehr gut an, sagt Schäfer: „Dabei dachte ich, dass es sowieso

einem Investor zugebaut werden. Durch ihre Initiative und zahlreiche Proteste schafften es die Bewohner des Viertels nach einem jahrelangen und zähen Kampf, die Maßnahmen abzuwenden und aus der Fläche ei-

Was ist Gentrifizierung? Andrej Holm (Uni Frankfurt) erklärt. Das Wort Gentrifizierung geht auf die Geografin Ruth Glass zurück, die in den sechziger Jahren den Londoner Stadtteil Islington untersuchte. Dort wurden die alten viktorianischen Häuser nach mehreren Jahrzehnten des Verfalls saniert und die überwiegend armen Mieter durch Besserverdienende ersetzt. Gentrifizierung findet in verschiedenen Stadien in fast allen großen Städten statt - zum Beispiel auch in Berlin in den Vierteln Prenzlauer Berg oder Kreuzberg. Idealtypisch beginnt sie mit einer Pionierphase: Junge Leute, die über hohe soziale und kulturelle Ressourcen verfügen, ziehen verstärkt in ein Wohngebiet. Sie verändern dadurch das Image des Viertels. Nun folgt der zweite Schritt des Gentrifizierungsprozesses: Ist der Ruf erst einmal besser als das Viertel, wird in der Regel das Interesse von Investoren geweckt: Bodenpreise steigen und Hausbesitzer sanieren vernachlässigte Wohnungen. Ergebnis: Das Stadtviertel wird enorm aufgewertet - aber dadurch können sich ärmere Haushalte ihre Wohnung nicht mehr leisten und werden in der dritten Phase durch besser verdienende Zuzügler ersetzt.

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Ansichtssache

nen Park zu machen. Bei der Gestaltung durften die Bürger mitbestimmen, weshalb es dort unter anderem Eisenpalmen, ein Tartanfeld mit Blumenmuster und ein wellenförmiges Rasenstück, den „Fliegenden Teppich“, gibt. Dabei waren die Protestler friedlich und organisiert - anders als die radikalen Linken, die besonders in der Schanze von sich reden machen. Erfolgreichste und wohl auch

Randale in der Schanze bekannteste Protestaktion war die Besetzung der Roten Flora. Das ehemalige Theater sollte 1989 an einen privaten Investor verkauft und zum

in Heiligendamm vor zwei Jahren durchsuchte die Bundesanwaltschaft das Gebäude wegen des Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung. Das Ermittlungsverfahren wurde jedoch eingestellt - ein Tatverdacht lag nicht vor. Gewaltsame Proteste finden auch immer mal wieder gegen die Ladenketten statt, die nach und nach in der Schanze Einzug halten. So werden die Fenster des Apple Stores regelmäßig zerstört. Auch die McDonald’sFiliale leitet unter Boykottierung: Das Fast-Food-Restaurant steht regelmäßig unter Polizeischutz. Diese Art der Protestkultur hat dazu geführt, dass die Versicherungspolicen für Glasbruchschäden im Schanzenviertel stark angestiegen sind. Erfolgreiche Protestaktionen sind allerdings auch für die Bewohner

se, dass Presse und Investoren unter Beschuss stehen“, erzählt Schäfer. Er hofft darauf, dass die BernhardNocht-Straße zum Symbol wird: „Wenn die Gentrifizierung dort gestoppt wird, kann das auch in anderen Teilen der Stadt klappen.“ Der Erfolg dieser Widerstandsbewegung am Rande von St. Pauli beruhe auch auf der Arbeitsweise der Initiatoren, glaubt Schäfer: „Die Basisarbeit, die bei vielen Bürgergruppen oft fehlt, wird hier vorbildlich betrieben. Alle werden einbezogen und kämpfen für das Recht auf Stadt für alle.“ Recht auf Stadt - das ist das Motto, unter dem der Zusammenschluss der Hamburger Initiativen gegen die Gentrifizierung steht. Der Titel geht zurück auf ein Essay von Henri Lefebvre, einen neo-marxistischen Philosophen und Stadtforscher,

Erfolg für die Protestierenden: Wo jetzt der „Fliegende Teppich“ ist, sollte gebaut werden.

Musicaltheater umgebaut werden. Daraufhin gab es Proteste von Anwohnern und autonomen Gruppen, die unter anderem das Gebäude besetzten und auch vor militanten Anschlägen auf die Baustelle nicht zurückschreckten. Als Folge gaben die Investoren die Bauarbeiten auf. Seitdem wird die Rote Flora als autonomes Kulturzentrum genutzt. Heute finden in dem mit anarchistischen und antikapitalistischen Sprüchen und Bannern verzierten Gebäude Diskussionsrunden und Konzerte statt. Im Vorfeld des G8-Gipfels

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problematisch, wie Christoph Schäfer mit Blick auf Park Fiction weiß: „Natürlich steigern wir mit solchen Aktionen auch die Attraktivität unseres Viertels weiter.“ Höhere Attraktivität heißt höhere Mieten - und das bedeutet, dass die ursprünglichen Bewohner das Viertel verlassen müssen. Dieses Phänomen ist zurzeit in Wilhelmsburg zu beobachten, nach dem Willen der Stadtplaner das nächste In-Viertel nach der Schanze: „Gerade durch die Proteste wird Wilhelmsburg interessant für Künstler und Studenten.“ Eine weitere Straße, die die Städteplaner aufwerten möchten, ist die Bernhard-Nocht-Straße. Entsprechend heißt die Anti-Organisation, die derzeit mit zahlreichen Aktionen auf sich aufmerksam macht, „No BNQ“,. „Besonders in der Presse wird viel darüber berichtet, und das in so unterstützerischer Art und Wei-

und wird heute von den Aktivisten als Schlagwort genutzt. „Eine Stadt muss Platz für alle ihre Bewohner haben und muss auch Räume anbieten, in denen Möglichkeiten geschaffen werden und Menschen sich ohne Druck entfalten können“, erklärt Christoph Schäfer. Niemand wolle in einer langweiligen Stadt leben, Kunst und Kultur müssten zwischen Kapitalismus und Konsum auch ihren Platz bekommen. Allerdings sei der soziale Aspekt, also Vertreibung und Wohnraumverlust, der beim Kampf gegen die Umstrukturierung mitschwinge, „neoliberalen Politikern“ schwer klarzumachen. Sein Programm für die nächsten paar Jahre lautet deshalb: „Man braucht eine breite soziale Bewegung außerhalb der Parlamente, um gegen diese Entwicklungen anzugehen.“ Merete Elias


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Ansichtssache

Die Leiden der Angela Steinmeier Sahen wir 2009 die Weichenstellung für das Parteiensystem der Zukunft?

Das Superwahljahr 2009 brachte herbe Verluste für CDU/CSU und SPD. Die allzu konsensorientierten Volksparteien verloren insbesondere in der Gunst jüngerer Wähler an FDP und Grüne.

kampf der ungleichen Partner, umrahmt von Studentenprotesten und journalistischer Springer-Polemik, hatte keinen Platz gelassen für eine programmatisch gespaltene Partei, die gerade einen intellektuell höchst interessanten, aber entsprechend wenig massenkompatiblen Linksliberalismus entwickelte. Geschichte wiederholt sich nicht das war bereits vor dem von Westerwelle ins „Selbstgespräch der Bundesregierung“ umgetauften TV-Duell von Angela Merkel und Frank-Walter

Foto: Achim Melde; Collage: Julian Jaursch

Vor 14 Jahren war noch alles anders. Damals, als Vizekanzler Klaus Kinkel mit übergroßer Brille die Welt bereiste, Parteichef Wolfgang Gerhardt die nächste Fünf-Prozent-Hürde fürchtete und Generalsekretär Guido Westerwelle noch dunkelgrüne Drei-

und 5er-BMW aufgebrochen. Die Mehrheitsverhältnisse haben sich verändert im Superwahljahr - auch in der Anhängerschaft der Liberalen. In der stickigen und zugigen Kesselhalle lacht man über jene, deren Parteien einmal zusammen 90 Prozent der Wählerschaft repräsentierten. „‚Nicht wahr, Frank-Walter, es war nicht alles schlecht.‘ - ‚Da hast du Recht, Angela.‘“, spottet Guido Westerwelle am Rednerpult über das bevorstehende Fernsehduell der Kanzlerin mit ihrem Vizekanzler. Der

Die deutschen Bürger wurden gleich mehrmals zur Wahlurne gebeten. Highlight war die Bundestagswahl im September.

teiler und karierte Einreiher trug. 1995, als Hans-Jürgen Beerfeltz gerade Bundesgeschäftsführer der FDP geworden war, wäre ihm das nicht passiert. Nun jedoch muss er nach einer Zigarettenpause darum kämpfen, durch die Menschenmengen den viel zu schmalen Eingang zurück ins „Alte Kesselhaus“ zu passieren. Dort, wo die FDP Anfang September an einem kühlen Spätsommerabend ihren Wahlkampfauftakt zur Bundestagswahl 2009 feiert.

„Da hast du Recht, Angela.“ Auf dem Parkplatz vor der früheren Industriehalle im Düsseldorfer Westen haben Ford Fiesta und Opel Astra die Dominanz von Audi A6

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Scherz kommt an in Zeiten großkoalitionärer Langeweile. Waren es nicht FDP und Bündnis 90/ Die Grünen, die die große Koalition gefürchtet hatten? Die erste, nicht minder zerstrittene große Koalition hatte von 1966 bis 1969 die Position von Christ- und Sozialdemokraten weiter gestärkt. Während Union und SPD bei der folgenden Bundestagswahl 1969 gemeinsam rund 89 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen konnten, war die in der Opposition nahezu unsichtbare FDP mit dem schlechtesten Bundestagswahlergebnis ihrer Geschichte abgestraft worden. Kurt Georg Kiesinger vs. Willy Brandt, ein Kanzler mit NS-Vergangenheit gegen die bis heute verehrte sozialdemokratische Lichtgestalt: Der lautstarke Wahl-

Steinmeier zu erwarten gewesen. Und bestätigt sich bei der Ausstrahlung. „Wir müssen zu neuen Werten zurückkehren“, verkündet Steinmeier vielsagend. „Neue Werte“ für die

„Rückkehr neuer Werte“ Progressiven, „Rückkehr“ für die Konservativen. Der rhetorische Ausrutscher des Vizekanzlers offenbart eine freudsche Dialektik, die selbst die Kanzlerin nicht zu übertreffen weiß. Merkel beklagt das chaotische „Durchreden“ der Interviewrunde und berichtet von „internationalen Ländern“. Zu entscheidenden inhaltlichen Auseinandersetzungen kommt es dabei nicht. Und so verwundert es nicht, dass stattdessen der


Ansichtssache

fehlenden Krawatte von Moderator Frank Plasberg und dem Illner-Neologismus der „Tigerentenkoalition“ eine erstaunliche mediale Präsenz zuteil wird.

„Wir haben die Kraft für Zusammenhalt.“ „Wir wählen die Kanzlerin.“ Was sie gleichbedeutend sieht mit: „Wir wählen die Zuversicht.“ Und ohnehin glauben die Christdemokraten, die „Kraft für Zusammenhalt“ zu haben. Bereits auf den Wahlplakaten kündigt sich an, was wenig später bei der Bundestagswahl passiert: Plötzlich scharen sich Menschen mit einem Arbeitshelm à la Steinmeier - wenn auch in gelb und blau statt rot - um

gruppe Wahlen auf einer Augenhöhe mit der SPD (16 Prozent). Mit 27 Prozent der Jungwähler-Stimmen verfehlen auch die Unionsparteien ihre Ansprüche. Die Dominanz der Selbstständigen in FDP-Reihen ist verschwunden: Alle übrigen sozialen Gruppen erreichen deutlich zweistellige Werte. Auch die Grünen sind mit zwölf bzw. 15 Prozent längst bei

„Koalition des Stillstands“ Angestellten und Beamten etabliert. „Angela Mutlos“, „Koalition des Stillstands“, die „Aussitz-Kanzlerin“: Noch ernüchternder als ihr Medienecho präsentiert sich das Wahlergebnis der einst so dominanten Volksparteien. Am Tag der Bundestagswahl repräsentierten CDU/CSU

Foto: Andreas Mühe

Foto: Dirk Vorderstraße

Abgrenzung vom politischen Gegner und inhaltliches Profil: Diese einst von CDU/CSU und SPD gepflegte Tradition übernahmen im Superwahljahr nicht nur FDP und Grüne, sondern auch „die Linke“. Trotz Verlängerung des Arbeitslosengeldes I für ältere Arbeitslose und einer außerplanmäßigen Rentenerhöhung, die CDU/CSU und SPD in der Hoffnung auf steigende Umfragewerte auf den Weg gebracht hatten, findet Parteichef Oskar Lafontaines Werben für soziale Wohltaten an einem Frühsommernachmittag in Bochum erstaunlich viel Zulauf - wenn auch nicht immer viel Applaus. „Ich

partei-Föne und FDP-Finanzhaie auf den SPD-Wahlplakaten längst NoName-Testimonials und einem mit Arbeitshelm bestückten Frank-Walter Steinmeier gewichen. Die CDU unterstellt auf ihren Großflächen:

Klare Positionierung brachte den kleinen Parteien die Wähler, die Konsensorientierung von CDU und SPD trug keine Früchte.

möchte noch einmal von der Partei ‚die Linke‘ Ihnen, den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern von Opel, unsere volle Solidarität im Kampf um die Arbeitsplätze bekunden“, ruft Lafontaine auf dem Bochumer Dr.-Ruer-Platz anlässlich des Europa-Wahlkampfs ins stille Publikum - während die Facharbeiter des vom GM-Management gebeutelten Automobilherstellers im vier Kilometer entfernten Opel-Werk an ihren Astras und Zafiras werkeln. Stattdessen finden auf den Marktplätzen des Landes andere Passagen seiner Reden Anklang. Hartz IV als „europafeindlichstes Gesetz“, die Bundesregierung als „Hehlerin des Steuerbetrugs und der Steuerhinterziehung“. Die vornehmlich älteren Zuhörer bekunden lauthals ihre Zustimmung. Drei Monate später sind die Links-

den strahlenden Westerwelle, und ohnehin wirkt die Hintergrundfarbe auf den Künast- und Trittin-Plakaten der Bündnisgrünen für manche Passanten geschmackvoller als das Hellgrün jenes Hosenanzugs, in dem die Kanzlerin von den Plakaten lächelt. Die zänkelnden Konsensparteien der großen Koalition erwachen am 27. September aus dem Traum der früheren Dominanz: FDP, Grüne, aber auch „die Linke“ haben Rekordergebnisse eingefahren. Mehr noch: Die einstigen gelben und grünen Mehrheitsbeschaffer haben in der Summe, aber auch in ihren jeweiligen Wählerstrukturen beinahe das Format einer Volkspartei erreicht. Mit 17 bzw. 14 Prozent der Wählerstimmen der 18- bis 29-Jährigen liegen FDP und Grüne laut der Forschungs-

und SPD gerade einmal 56,8 Prozent der Wähler. Mit einem polarisierenden Steuerversprechen und der öffentlichkeitswirksamen Kampfansage an die Beschneidung von Bürgerrechten haben die Liberalen gepunktet, mit klaren Konzepten zur ökologischen Volkswirtschaft brachten die Grünen zeitweise selbst Wirtschaftsmedien auf ihre Seite. Das deutsche Kuriosum eines ZweiParteien-Systems ohne Mehrheitswahlrecht ist Vergangenheit. Und auch Hans-Jürgen Beerfeltz braucht sich künftig nicht mehr um zu kleine Veranstaltungsorte für Wahlkampfauftakte zu sorgen: Er hat die Geschäftsführung der Bundes-FDP mittlerweile gegen einen Staatssekretärsposten eingetauscht. Wolfgang André Schmitz

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Ansichtssache

Generation Was? Generation Golf oder X war gestern. Die Jungen von heute sind... ja was überhaupt?

Wenn Möglichkeiten unendlich scheinen und unser Wertesystem bröckelt, wird man rastlos. Grenzen verschwimmen. Wir leben im 21. Jahrhundert - Rezession, Fernbeziehung und Leistungsdruck. Wir sind vernetzt mit der Welt und denken stets international.

die „Generation Facebook“ oder die „Generation Milchaufschäumer“ hinaus. Sie ist wie ein Puzzle: Ein geschlossenes Ganzes mit vielen unterschiedlichen Bausteinen. Eben ein bisschen von allem.

So oder so ähnlich könnte man unsere Generation beschreiben. Die Generation der 20- bis 35-Jährigen. Sie ist mehr als das. Sie lässt sich nicht in einem kurzen, knappen Statement zusammenfassen - und als DIE Generation definieren. Denn unsere Jugend besticht vor allem durch Vielfalt und Individualität.

Was ist die Generation heute ohne Handy oder Internet? Was ohne Google, Amazon oder Facebook? Seit diesem Jahr zählt die OnlineCommunity Facebook weltweit 350 Millionen Mitglieder. Wäre Facebook ein Land, es wäre das viertgrößte der Welt. Es ist eine virtuelle Gemeinschaft, in der wir uns selbst darstellen und hoffen, unsere Fremdwirkung sei durchweg positiv. Neues Profilfoto hier, verlinkte Bilder dort. Immer mit der Intention, die PseudoFreunde stets auf dem Laufenden zu halten. Und wann hast du eigentlich das letzte Mal jemanden nicht übers Internet kennen gelernt? Oder was würde aus einem Flirt, wenn man die andere Person nicht mehr „googeln“ oder im studiVZ „stalken“ könnte. Vielleicht wären sie nicht so schnell

Fotos: Nike van Dinther

Es sind die einzelnen Komponenten, die diese Generation ausmachen und ein Individuum formen. Manchmal verschwimmen sie oder ergänzen sich. Manchmal grenzen sie sich aber auch vollkommen voneinander ab oder schließen sich aus. BiTSLicht versucht in dieser Ausgabe aufzuzeigen, was diese Generation ausmacht, was ihr wichtig ist und wofür sie steht. Denn sie geht weit über

Ein bisschen Web 2.0

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zu Ende oder würden mal wieder unvoreingenommen beginnen. Unsere Generation überlässt nichts mehr dem Schicksal. Wenn man die Möglichkeit hat, den anderen „auszuchecken“, dann macht man davon auch Gebrauch. Aber wie schön wäre es, wenn wir den Dingen mal wieder ihren Lauf lassen. So völlig unvoreingenommen.

Ein bisschen Bohème Wir wollen anders sein. Wollen uns abgrenzen und das vor allem durch Kleidung und Einstellungen. Wir könnten es auch als Verlangen nach dem Lebensstil der Alternativen bezeichnen: Und dazu gehört eben auch, statt mit einem iPod und seinen signifikanten weißen Kopfhörern jetzt lieber wieder mit dem „Old School“-Walkman lässig über Flohmärkte zu schlendern oder mit dem Moleskine in den Händen in der Bahn zu sitzen. Wir kaufen Altbewährtes - was mit Qualität. Vielleicht wollen wir Opinion-Leader sein, die die Masse beeinflussen. Sollte sich einer unserer Trends durchsetzen, haben wir aber schon eine neue Nische gefunden. Denn das Letzte, was wir wollen, ist auszusehen wie die Masse.

Ein bisschen Business Wir prahlen von Auslandserfahrungen und erzählen von BusinessKontakten. Schon sehr früh schleppen wir unsere Visitenkarten überall mit hin. Wir sind eine Generation,


Ansichtssache

die vor allem für ihren Lebenslauf lebt und vergisst, Dinge für sich zu tun. Reisen werden zu Prestigeobjekten, zu einer gesellschaftlichen Zwangsjacke. Und in der, das ist allgemein bekannt, gibt es weder Freiheit noch Spaß. Denn die Erwartungen der Gesellschaft sind hoch, die eigenen noch viel höher. Es scheint, als seien wir rastlos. Immer informiert. Ständig erreichbar. Persönliche Puzzleteile: Retrocharme, Weltreisen oder digitaler Liebeskummer.

mit Räucherstäbchen-Duft: Manchmal wollen wir die Sorglosen sein. Eben die richtigen Genießer, die um sich herum alles vergessen und den Moment Moment sein lassen. Und gerade wegen des Leistungsdrucks müssen wir oft lässiger damit umgehen. So, als wäre es uns egal. Wir rebellieren auf unsere Art, ohne allerdings etwas zu bewegen. Denn es läuft schon irgendwie.

Ein bisschen Fernweh

Wir wollen die Pioniere in Sachen Technik sein. Und Materialismus hat seinen Preis. Ob Blackberry, Kindle oder MacBook. Wir sind State of the Art und zeigen das auch.

„Und nach zwei Monaten muss ich einfach weiter und noch mehr von der Welt sehen.“ Wir Rastlosen. Ob Wohnungswechsel oder der Drang, jeden Monat in ein anderes Flugzeug zu steigen. Die einen sind sicherlich ständig auf der Suche nach Neuem. Sie wollen die Welt sehen - für sich und ihren Horizont. Die anderen sind vielleicht auf der Flucht - vor sich und anstehenden Problemen.

Ein bisschen optimistisch Wir sind aufgewachsen in einer Welt, die zwar schnelllebig, aber politisch unerhört ruhig ist. Not, Krieg und Revolution kennen wir nicht. Unsere Eltern haben ja auch schließlich dafür gesorgt, dass es uns an nichts fehlt. Erzählen sie dagegen von ihrer Jugend, hört es sich an, als läge das schon Lichtjahre zurück. Wir wählen die Piraten-Partei, die FDP oder „die Linke“ - wenn wir überhaupt wählen. Unsere Generation blickt optimistisch in die Zukunft. Und wenn wir keinen Job bekommen, dann machen wir eben ein Praktikum, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder gleich eine Weltreise - warum nicht? Wir bewerben uns ja schließlich auch weltweit. Irgendwer wird uns in Zukunft schon einen gut bezahlten Job geben, der uns ausfüllt. Sarah Gottschalk

Ein bisschen „läuft“ Lass’ mal chillen. Leistungsdruck kennen wir gut. Aber wir nehmen uns auch ganz bewusst Auszeiten. Ob mit einem Beck’s in der einen Hand, mit einem Joint in der anderen oder meditierend in einem Raum, gefüllt

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Fotos: Jasmin Al-Malat

Ansichtssache

Julian zitiert Volker Racho: „Gut zitiert ist halb erfunden.“

Das grundlegende Problem mit Zitaten ist ja, dass sie nicht den eigenen Gedanken entsprungen sind. Sie sind also nur indirekt originell. Um die von Kurt Tucholsky eingeführten Begriffe zu benutzen: Der „Zitategeber“ hat eine Idee wunderbar auf den Punkt gebracht, während der „Zitatenehmer“ dann lediglich von der Genialität eines Mitmenschen lebt. Man kann sich mit Leichtigkeit aus Filmen, Büchern, Artikeln und Liedern Zitate heraussuchen, die auf die eigene Weltanschauung maßgeschneidert sind. Online-Zitatesammlungen „vermehren sich schneller als die irischen [sic!] Katholiken bei Monty Python“, wie Harald Schmidt sagen würde (zugegebenermaßen hat er diesen Vergleich damals auf die Dotcom-Unternehmen angewandt). Ein paar Ersatzzitate können auch nicht schaden, da bin ich ganz auf einer Linie mit Helmut Schmidt, der im Wahlkampf 1976 proklamierte: „Ein Plan B ist immer angebracht!“ Zunächst war ich skeptisch: Kann man wirklich eine große Idee, ein Anzeige

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großes Problem, eine große Frage in winzigen Worten ausdrücken? Kann man in simplen Sätzen erkennen, dass „die Welt nie ganz verstanden wird/Da jed’ Sekund’ ein Wunder birgt“ (Lessing)? Mit ausreichend oberflächlicher Betrachtung erkannte ich aber, dass Zitieren die einfachste Art und Weise ist, Wissen vorzutäuschen. Ich kann das Gesamtwerk eines Zitierten oder seine Biografie geflissentlich ignorieren und umgehe eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Zitat selbst. Wenn sich schon viele tausende Menschen - weitaus intelligentere, erfahrenere und vor allem bekanntere Menschen als ich - sich Gedanken zu einem bestimmten Thema gemacht haben, warum soll ich mir dann eigene Gedanken machen? Frei nach dem wie immer gut artikulierten Heinrich Lübke: „Zu vieles Denken kann manchmal die Lösungsfindungssuche behindern.“ Jemand könnte jetzt anmerken, dass Fortschritt und Dialog unter anderem dadurch ermöglicht werden, dass man sich auf die Ideen anderer beruft. Dass Zitate nur die Spitze des textlichen Eisbergs sind und zur Erforschung desselben einladen. Dass sie Reaktionen hervorrufen, die zur Bildung einer eigenen Meinung führen können. Von mir aus. Ich werde weiterhin die Vorteile ausschlachten, die es mit sich bringt, wenn man die Namen berühmter Leute in seine Texte und Gespräche einbaut. Es ist doch letztlich so, wie Goethe bereits 1823 in einem Brief an seinen späteren Vertrauten Johann Peter Eckermann geschrieben hat: „Glauben Sie ernstlich, dass nur einer jener Sätze der Wahrheit entspricht? Es irrt der Mensch so lang er strebt, Alter!“


Ansichtssache

Anna fragt: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“

Ein Jonas unterm Fenster, das neue Billy neben der Heizung, und rechts und links an der Tür sind Pax und Malm ein echtes Traumpaar. Billy kommt sogar gleich in doppelter Ausführung in den eh schon viel zu kleinen Flur. Wer jetzt keine Ahnung hat, wie diese Wohnung aussieht, ist entweder kein Student oder ein waschechter Individualist - und damit eine Seltenheit. Die Rede ist hier natürlich von Einrichtungsgegenständen aus einem gelb-blauen Möbelhaus mit vier Großbuchstaben. Nahezu jeder Student hat mindestens zwei dieser lustig klingenden Möbel in seinem Zimmer. Und genau damit stellt sich die Frage: Wohnen wir alle im gleichen Zimmer? Der Katalog ist Kult. Jedes Jahr Anfang September - und damit taktisch klug kurz vor Beginn des Wintersemesters - flattert (oder plumpst vielmehr, bei den knapp 400 Seiten) er in den Briefkasten. Perfekt inszenierte Bilder von super-trendigen Wohnwelten. Und dann die kritische Anzeige

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Analyse der eigenen vier Wände. Ergebnis: Ernüchternd. Hier sieht’s aus wie in jedem anderen Wohnheimzimmer. Nix mit Individualität oder „Entdecke die Möglichkeiten“. Denn bei Millionen verkaufter Exemplare ist Einzigartigkeit nur schwer zu erreichen. Mit Billy feiert dieses Jahr das wohl bekannteste MDF-Regal seinen 30. Geburtstag. Das bedeutet, 41 Millionen kleine oder große Billys stehen weltweit in unseren Zimmern, um hunderte von Büchern, CDs oder Kisten zu beherbergen. Ist Billy der Beweis, dass unsere Individualität schon vor langer Zeit hinter das Regal gefallen und seither verschwunden ist? Es müssten ja schon Generationen von Studenten im gleichen Zimmer leben. Nein, das kann nicht sein! Und so ist es auch nicht. Bei genauerer Betrachtung ist die Individualität nicht ganz auf der Strecke geblieben. Hoffnung besteht: Die Renaissance der Flohmärkte oder die Passion, Omis altes Inventar zu plündern. Wir kombinieren Alt mit Neu: Sperrmüllsessel mit preisgünstiger Stehlampe Duderö oder das fabrikfertige Expedit mit persönlichen Fotos. Wir wohnen also doch nicht alle gleich - ähnlich vielleicht, aber nicht gleich. Wir verpassen dem schwedischen Riesen nämlich einfach unsere persönliche Note.

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Das BiTSLicht-Rätsel Ihr habt noch nicht genug von den kopfzerbrechenden Aufgaben der Dozenten? Na dann...

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Senkrecht 1 Hauptredner beim ersten Campus Symposium (Nachname) 3 Sitz von Laureate Education (Bundesstaat) 7 Berühmtes Burschenschaftsmitglied (Nachname) 9 Frau des Hochschulpräsidenten (Vorname) 10 Moderator der D. Letterman Show (Vorname) 11 Gründer der Damenmannschaft für das ISM Soccer Master (Nachname) 13 Schnell 14 Partnerstadt von Iserlohn

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Waagerecht 2 Biblisches Restaurant am Seilersee 4 Tier, das mit Iserlohner Basketballern verbunden wird 5 Berliner Ortsteil über dem Ortsteil, der so ähnlich heißt wie der Kreis, in dem Iserlohn liegt 6 Erkennungsmerkmal von Studentenverbindungen 7 Bürgermeister von Iserlohn (zweiter Vorname) 8 Lieblingsschauspieler von Thomas Rieger (Nachname) 9 Gibt’s im Studentensekretariat 15 Anzahl der Bilder auf Seiten 36 und 37 von BiTSLicht 12 12 Ort der Nahrungsaufnahme durch Studenten 16 Farbe des Sofas im Studentenaufenhaltsraum

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Lösungswort: Die größte Uni Europas

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Ordnet für das Lösungwort die rot hinterlegten Buchstaben in einer sinnvollen Reihenfolge an. BiTSLicht.de Die Lösung findet ihr im Internet.

Anmerkung:

Leerzeichen in den Antworten ignorieren. Bitte alle Umlaute ausschreiben (Ä = AE, Ö = OE, Ü = UE).

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BiTSLicht 16, erschienen im Dezember 2009.

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