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Verlag und Herausgeberin danken den folgenden Firmen für ihre Förderung dieses Buchs: AGROB BUCHTAL burgbad nora systems GmbH Sto AG Trevira GmbH

Lektorat: Andreas Müller, Berlin Layout, Covergestaltung und Satz: Rein Steger, Proxi, Barcelona Umschlagmotiv: Transluzenter hinterleuchteter Beton (Fabrikation Lucem); Foto: Sylvia Leydecker Übersetzung aus dem Englischen (Kapitel Cys, Wong, Lefteri, Grau, Hamilton sowie die Vorworte): Steffen Walter, Falkensee bei Berlin Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts. Dieses Buch ist auch in englischer Sprache erschienen (ISBN 978-3-0346-0680-6 gebunden, ISBN 978-3-0346-1302-6 broschiert). © 2013 Birkhäuser Verlag GmbH, Basel Postfach 44, 4009 Basel, Schweiz Ein Unternehmen von De Gruyter Gedruckt auf säurefreiem Papier, hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff. TCF ∞ Printed in Germany ISBN 978-3-0346-1579-2 gebunden ISBN 978-3-0346-1300-2 broschiert 987654321 www.birkhauser.com

In diesem Buch werden etwa bestehende Patente, Gebrauchsmuster, Warenzeichen u.ä. in der Regel nicht erwähnt. Wenn ein solcher Hinweis fehlt, heißt das nicht, dass eine Ware oder ein Warenname frei ist. Aufgrund der Vielzahl der unterschiedlichen genannten Materialien und Produkte war eine jeweilige Prüfung hinsichtlich eines eventuell vorhandenen Markenschutzes nicht möglich. Im Zuge einer einheitlichen Handhabung wurde deshalb auf die Setzung von Waren­ zeichen (z.B. ® oder TM) in der Regel verzichtet.


INHALT

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Vorwort von Simon Hamilton

Liliane Wong

Simon Hamilton & Associates, International Director des British Institute of Interior Design (BIID)

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NACHHALTIGKEIT: BRANCHENSTANDARDS UND INNOVATION

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Vorwort von Kees Spanjers

Zaanen Spanjers Architects, Past President der Dutch Association of Interior Architects (BNI)

Sylvia Leydecker

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IN BETWEEN – INNENARCHITEKTUR ZWISCHEN ARCHITEKTUR UND DESIGN

10 17 20 29 32 32 32 32 40 42 49 52

Wahrnehmung Berufsbild Corporate Design im Raum Soziale Komponente Produktdesign Gesamtkonzept Farbe Material Werte Trend Innenarchitektur spiegelt die Ära wider Aufgabentypen

67 69 72 75 76 80 81 83 85 87 87

Joanne Cys

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DIE ENTWICKLUNG EINER DISZIPLIN: LEHRE UND FORSCHUNG IM BEREICH DER INNENARCHITEKTUR

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Nachhaltigkeit durch Branchenstandards Bewertungs- und Zertifizierungssysteme Kritik und Chancen Nachhaltigkeit durch Innovation Bauen im kleinen Maßstab und der Einfluss von Ökonomie und Ökologie Fallstudie: Vier kleine Projekte in New York Modulare Verfahren Impermanenz Fallstudie: Illy Caffè Fallstudie: Toolbox, Turin Der performative Aspekt: Von der Flexibilität zur Multifunktionalität Umnutzung

Marina-Elena Wachs

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YOU HAVE TO BE INSPIRED… MODE, MUSIK, KUNST UND WISSENSCHAFT ALS INSPIRATION

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Was bedeutet “Gestalt/-gebung” und was verstehen wir unter “Qualitäten“ 101 Inspiration: Zwischen Emotion und Funktion 101 You have to be inspired… by music 102 You have to be inspired… by art 103 You have to be inspired… by fashion 114 You have to be inspired… by science

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Michael Catoir

120 LEBENSQUALITÄT 120 Quality – the quiet revolution 128 Raumqualität: Ordnung, Unordnung, Gliederung, Wegeführung 132 Mikro-Stress im Hotel: Do it simple do it stupid 136 Wohnen: Von der Stube zum Wolkenkratzer und zurück 142 Wohn- und Arbeitsqualität: The glory of bore 150 Emotionalität: Anythings goes, but…

Chris Lefteri

156

ETABLIERTE MATERIALIEN

Chris Lefteri

176

WEGE DER MATERIALINNOVATION

176 180 181 182 182 182 185 185

Stimmung Schutz Wohlbefinden Akustik Hochleistungsmaterialien Dynamische dekorative Oberflächen Kundenindividuelle Fertigung Ökologische Verantwortung

Chris Lefteri

186

RAUMBILDENDE OBERFLÄCHEN

187 193 193 193

Licht als Werkstoff Lichtdurchlässiger Beton Garn spinnen Wiederverwertung

Chris Lefteri

198

TEXTILE UND ANDERE GEWEBE

199 201 201 201 203 203

Wolle Dreidimensionale Textilien Im Laserschnittverfahren hergestellte Textilien Holztextilien und textiles Holz Metallgewebe Intelligente Hybridgewebe

Sylvia Leydecker

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NANOTECHNOLOGIE IN DER INNENARCHITEKTUR

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212 212 214 214

Was ist Nanotechnologie? Reinigung (fast) von selbst Verbesserte Raumluftqualität Hocheffiziente und schlanke Dämmung Verringerter Wärme- und Kühlbedarf durch Speichermedien Elegante und visionäre Bauformen durch UHPC Weitere Anwendungen Energieeffizientes Licht: superflach und flexibel Lack und Licht IT

Peter Ippolito

216

ÄSTHETISCHE QUALITÄTEN VON LICHT, RAUMLUFT UND AKUSTIK

212

157 Glas 161 Holz 172 Metall

217 Licht – ein sinnlicher Baustoff 220 Qualitäten des Lichts: Von Richard Kelly bis heute 226 Licht ist Emotion 230 Lichtdramaturgie 234 Kulturelle Bezüge von Licht 237 Licht und Alter 239 Lichtdesign stiftet Identität 241 Raumluft, ein unsichtbares Gestaltungsmittel 241 Komponenten von Raumluftkonzepten 242 Raumluft und Nachhaltigkeit 242 Raumluft und Innenarchitektur 244 Akustik – ein ästhetisches Gestaltungsmittel 244 Facetten der Akustik 246 Akustik ist Wohlbefinden 248 Akustik ist Kommunikation 250 Akustik-Design und Innenarchitektur Beispiele für den Einsatz der technischen Gestaltungsmittel: 253 Kantine der SPIEGEL-Gruppe in Hamburg 254 Pausenfoyer des Palace of International Forums in Taschkent

Mark Blaschitz

256 MEDIEN 258 Die Medien und die Bildenden Künste 262 Zu Hause im Cyberspace 264 Topologische Transformationen und Interspaces 266 Vom Interface zum Interspace 272 Von der intelligenten Technologie zur intelligenten Typologie

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Lars Grau

Johannes Stumpf

276 278 279 279 281 286

INFORMATIONSTECHNOLOGIE

304

Smart Home Standardisierung and Nutzererfahrung Anwendungen im Wohnbereich Öffentliche Bauten und Gewerbebauten Sinnvoll und einfach

BAUEN IM BESTAND: BARRIEREFREIHEIT UND DENKMALSCHUTZ

Johannes Stumpf

288 289 290 290 290 290 291 292 292 292 293 293 294 294 294 294 295

TECHNISCHE SYSTEME

305 Barrierefreiheit 310 Denkmalschutz 321 Zwei denkmalpflegerische Konzepte: Neues Museum und Alte Nationalgalerie, Berlin

Wärme Elektrizität und Signale Wasser, Gase, Luft Heizungsanlagen Wärmeerzeugung Wärmeverteilung Wärmeabgabe Kühlung Kälteerzeugung Verteilung und Übergabe Lüftungsanlagen Feuchte und Temperatur Luftwechsel Gesundheit und Nutzungskomfort Grundsätzliche Anlagenkonzepte Dezentrale versus zentrale Anlagenkonzepte 296 Das Kanalnetz 297 Raumlüftungssysteme 297 Luftdurchlässe 298 Sonnenschutz 298 Aktiver versus passiver Sonnenschutz 298 Abwasseranlagen 299 Gasanlagen 299 Wasseraufbereitung 299 Warm- und Trinkwasseranlagen 300 Elektrische Anlagen 300 Zentrale Energieerzeugung und -verteilung 300 Dezentrale Energieerzeugung 300 Schnittstellen im Gebäude 301 Wie die Dinge zusammenkommen: Messen, Steuern, Regeln 301 Die Feldebene 301 Die Automationsebene 301 Die Managementebene 302 Brandschutz 302 Das Brandschutzkonzept 303 Der bauliche Brandschutz 303 Der anlagentechnische Brandschutz

Johannes Stumpf

326

PROJEKTMANAGEMENT

Thomas Welter

330

INNENARCHITEKTUR OHNE GRENZEN

330 332 332 334 334

Herausforderungen Voraussetzungen Leistungen Erste Schritte Ausblick

Simon Hamilton

339

WIE INTERNATIONAL IST UNSERE ARBEIT?

348 Nachwort und Dank 349 Literatur, Messen, Verbände und andere Useful Links 350 Über die Herausgeberin und die Autoren 352 Abbildungsnachweis

REGISTER

355 Register der Gestalter und Autoren 356 Register der Projekte 358 Register der Bauaufgaben 361 Ortsregister 362 Profile

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VORWORT SIMON HAMILTON Simon Hamilton & Associates, International Director des British Institute of Interior Design (BIID)

Die Tätigkeit im Bereich der Innenarchitektur ist ein großes Geschenk – und eine in ständigem Wandel begriffene Erfahrung. Während des Studiums wird uns vermittelt, dass man alles erschaffen könne und wir unsere Ideen beharrlich weiterverfolgen sollten. Danach kommt die Realität ins Spiel. Dennoch bin ich nach wie vor überzeugt, dass es trotz der Grenzen, die durch Budgets, Gesetze und Normen, Vorgaben des Auftraggebers und enge Zeitpläne gesetzt werden, möglich ist, inspirierende, innovative und individuelle Ideen umzusetzen. In den bisher mehr als zwei Jahrzehnten im Interior Design bin ich in verschiedenen Aufgabenbereichen tätig gewesen – Arbeiten, Hotel, Gastronomie, Büro, Messen und Ausstellungen, Wohnen und Gesundheit. Über alle unterschiedlichen Anforderungen hinweg sind die Grundelemente des Entwurfsprozesses stets dieselben. Auf dem internationalen Markt kommt es darauf an, dass die zu erschaffenden Entwürfe relevant sind, angemessen und dabei ihrer Verantwortung gerecht werden. Meine Aufgaben als International Director des British Institute of Interior Design haben mich in die glückliche Lage versetzt, viele andere Designer und Designergruppen auf der ganzen Welt persönlich treffen zu können. Über alle kulturellen und sprachlichen Unterschiede hinweg gibt es zwischen all diesen Vertretern des Berufsstandes eine große Gemeinsamkeit: die vertrauten Probleme, Schwierigkeiten und Hindernisse, vor denen wir alle stehen. Das ist erleichternd und frustrierend zugleich. Die Botschaft, von der wir alle überzeugt sind und die wir immer wieder vermitteln möchten – dass Interior Design etwas Gutes bringt und unser Leben bereichert – wird nicht immer gehört. Deutlich wurde mir während meiner Reisen der immer drängender werdende Wunsch, zur „Szene“ des Interior Design zu gehören. Unzählige Veranstaltungen in Ländern wie Indien, Singapur, Russland, Brasilien und China machen das klar. Dort ist man fest entschlossen, etablierten Messen wie dem Salone Internazionale del Mobile in Mailand, der Neocon in Chicago, der Orgatec in Köln, der 100% Design in London oder Maison et Objet in Paris zu folgen. Droht eine Überfülle an Design? Unser im globalen Maßstab wachsendes Interesse am Interior Design bringt es mit sich, dass er heutzutage zunehmend als etwas Sinnstiftendes wahrgenommen wird. Zwar hält sich das Image der billigen Lösung noch immer hartnäckig, jedoch zeigen sich die Medien heute besser informiert und nehmen eine etwas weniger zynische Haltung ein. Die Bedeutung und der Einfluss guten Designs sind weithin anerkannt, insbesondere im Einzelhandel und im Hotel- und Gastronomiesektor. Ziel einer jeden Geschäftstätigkeit ist die Verbesserung der Gewinnsituation, und gerade hier kann gutes

Design einen entscheidenden Beitrag leisten. Die für Kunden geschaffenen Erlebnisse – sei es in Fast-Food-Ketten, Grand-Hotels, Flughafenlounges, Einkaufszentren, Kinos oder Restaurants – werden sorgfältig geplant und gesteuert. Dies gilt für Arbeitsplätze ebenso wie für Unterhaltungsenvironments. Unsere Lebenszeit verlängert sich, unser Lebensstandard verbessert sich, das weckt Erwartungen. In den Schwellenländern verfügt die Mittelschicht mittlerweile über die nötigen finanziellen Mittel, will dabeisein und ersehnt Veränderungen. Rasch entstehen neue Städte, Bahntrassen, Häfen und weitere Infrastruktur – aber zu welchen langfristigen Kosten? Unsere menschliche Natur lechzt nach Wandel und Fortschritt, und wir wissen, dass dieser unaufhaltsam ist. Wir sollten aus den Fehlern der Vergangenheit mit teilweise übertriebenen Wachstums- und Nachfrageprognosen lernen. Angesichts einer Rezession bislang ungekannten Ausmaßes in einem Großteil der Welt verharren wir gegenwärtig im Zustand der Angst oder gar Panik. Gestaltung kann Menschen zusammenbringen und ein besseres Leben ermöglichen – mag dieser Standpunkt auch utopisch sein. Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung auf über 7 Milliarden Menschen rückt die Erfüllung von Grundbedürfnissen zunehmend in den Vordergrund. Nahrung, Wasser und Wohnraum sind in einigen Ländern noch immer nicht gang und gäbe; Entwurfslösungen können auch hier einiges beitragen. Bei wiederholten Reisen nach Indien vermochte ich die allgegenwärtige Armut kaum mit den in oftmals nur zehn Minuten entfernten Luxushotels stattfindenden Präsentationen mit üppigem Catering zu vereinbaren. Einerseits gibt es im Land ein umfassendes Programm für Wachstum und Entwicklung, andererseits können sich angesichts der Dimension dieser Aufgabe spürbare Veränderungen erst nach längeren Zeiträumen einstellen. Indien ist nicht das einzige Land, das sich ein solches nationales Entwicklungsziel auf seine Fahne geschrieben hat. Innenraumgestaltung steht hier in der Verantwortung, die Lebensqualität für die breite Bevölkerung zu verbessern und dabei das Leben unseres Planeten Erde zu verlängern, statt ihn zu zerstören. Politische und wirtschaftliche Interessen können das Unterfangen „Nachhaltigkeit“ leicht vom Kurs abbringen. Dennoch gibt es eine Reihe von Ländern, darunter Abu Dhabi, Australien und Singapur, die eine Vorreiterrolle auf dem Gebiet der Ökologie übernehmen, statt sich nur in Lippenbekenntnissen zu ergehen. Als Botschafter des britischen Designs habe ich beim internationalen Austausch auch wahrgenommen, wie sehr die britische Ausbildung und Kreativität in diesem Bereich weltweit bewundert und gewürdigt wird, in Chicago

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oder Neu Delhi, in Paris oder Toronto, sogar in Mailand und insbesondere in Japan, was in gewisser Weise den großen Erfolg von Paul Smith in diesem Land erklären mag. In welchem Bereich der Innenarchitektur wir auch arbeiten, die zugrunde liegende Aufgabe ist stets dieselbe: Wir beginnen mit einer Vorstellung, einer Vision, etwas Einzigartiges, Schönes, Bedeutsames zu erschaffen, das zu einer Verbesserung des Bestehenden beizutragen vermag. Für einen kurzen Zeitraum zu einem Teil des Lebens oder Unternehmens Anderer zu werden, kann eine Herausforderung darstellen, aber auch lehrreich, bereichernd und inspirierend sein. Der Begriff der „Reise“ hierfür mag klischeebehaftet sein, beschreibt jedoch am treffendsten die Abfolge der Schritte, die den Planungs- und Entwurfsprozess kennzeichnen. Gerade im internationalen Raum kommt es ganz wesentlich darauf an, zur „Seele“ des Entwurfs vorzudringen. Der internationale Erfolg führender britischer Designer wie Sebastian Conran, Tricia Guild, David Linley, Paul Smith oder Lee Broom beruht auch auf ihrem Verständnis des jeweiligen lokalen Marktes. Noch wichtiger ist, dass sie mit Kompetenz, Humor und persönlicher Note eine Botschaft aussenden und eine Identität schaffen. Die Anziehungskraft sowohl altehrwürdiger wie auch maßgeschneiderter Produkte und Innenräume steht im Widerspruch zu unserem Bedürfnis nach vertrauten Marken und Identitäten, mit denen wir alltäglich bombardiert werden. Jeder stellt sein eigenes Gleichgewicht zwischen diesen konkurrierenden Welten her. Eklektische Mischungen scheinen am ehesten dem zu entsprechen, was oder wer wir sind. Der platte, unpersönliche, minimalistische, hochglanzpolierte Stil des ausgehenden 20. Jahrhunderts war mit dem leeren Versprechen verbunden, dass alle am Erfolg einer hochentwickelten Welt mit riesigen finanziellen Gewinnen teilhaben könnten. Jetzt, da die Blase wahrhaftig explodiert ist, fühlen wir uns von Ideen und Lösungen mit einem menschlicheren, intimeren Maß angezogen. Ich gehe davon aus, dass Wissenschaft und Design künftig eine viel engere Beziehung eingehen werden, als wir uns gegenwärtig unter der dicken „digitalen Decke“, unter der wir leben, vorstellen können. Um die Funktionsfähigkeit der Welt zu erhalten, dürfen wir ihre begrenzten Ressourcen nur sehr vorsichtig nutzen. Es kommt darauf an, neue Technologien und Materialien zu entdecken und zu erfinden, die für die künftigen Generationen zugänglich und realistisch anwendbar sind.


VORWORT KEES SPANJERS Zaanen Spanjers Architects, Past President der Dutch Association of Interior Architects (BNI)

Innenräume sind die Architektur der Zukunft. Design und Architektur sind keine Modetrends mehr, vielmehr sollen sie konkrete Antworten auf die Nachfrage der Nutzer und das Bedürfnis nach Wohlbefinden liefern. Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden sind zu wichtigen gesellschaftlichen Themen geworden, nicht zuletzt in der westlichen Welt, wo eine schrumpfende und alternde Bevölkerung zu einem wachsenden Bedarf an individuell und kleinmaßstäblich geplanten Wohnumgebungen führt. Besonderes Augenmerk liegt auf Konzepten der Wiederverwertung und der nachhaltigen Entwicklung. Gut konzipierte Innenräume schaffen einen Mehrwert in Bezug auf unsere Wahrnehmung und die Nutzungsqualität unseres unmittelbaren Wohnumfeldes, für unser Wohlempfinden und unsere Lebensqualität. Innenräume sind die Architektur des Wandels. Im Lebenszyklus eines Gebäudes gibt es viele Nutzer und fortlaufende Veränderungen der Sichtweisen und Präferenzen. Ein Gebäude ist nie fertig; jeder Nutzer hat die Möglichkeit, ihm seine jeweils eigene Geschichte hinzuzufügen. Innenarchitekten/Interior Designer geben der nachhaltigen Modernisierung von Gebäuden eine Form. Unter Bewahrung der besonderen, oft einzigartigen architektonischen Qualitäten sorgen wir dafür, dass sich Generation um Generation im Gebäude zu Hause fühlen kann. Innenräume sind die Architektur der Wahrnehmung. Ein Faktor, der die Wertschätzung unseres Umfeldes maßgeblich bestimmt, ist die Zeit. Das Zusammenspiel von Hell und Dunkel hat genau wie der Wechsel der Jahreszeiten eine entscheidende Wirkung auf die Wahrnehmung eines Innenraums. Auch Modeströmungen und Trends spielen eine wichtige Rolle. Wir fühlen

uns vom Neuen stimuliert, kultivieren aber auch das Bekannte und Vertraute. Grenzerweiterung ist ein einzigartiger Teil der menschlichen Natur, genau wie das Streben nach Sinn und nach Sicherheit. Auch zeigt sich bei uns das Phänomen der Gewöhnung: Viele Dinge, die uns auf den ersten Blick seltsam oder hässlich erscheinen, erfahren im Laufe der Zeit größere Wertschätzung. Dagegen ist die Alterung kein auf den Menschen beschränkter Prozess. Auch Werkstoffe unterliegen Alterung und Verschleiß. In manchen Fällen entsteht daraus eine neue Art von Schönheit, eine geschätzte oder sogar gern nachgebildete Patina. Innenräume sind die Architektur der emotionalen Kultur. In einer angenehmen und anregenden Umgebung zeigen Menschen einen höheren Grad an Engagement und erfahren mehr Freude, Zufriedenheit und Erfolg. Menschen sehnen sich nach Zugehörigkeit, Ausdruck, Erinnerung und Schönheit. Sie möchten sich mit ihrem Umfeld identifizieren. Daher sollte es Raum für Individualität und Selbstausdruck schaffen, was wiederum neue Perspektiven für Improvisation, Spontaneität, Vision und Vorstellungskraft eröffnet. Interaktive Begegnungen und ergonomische Qualität sind zentral für die Einbindung sozialpsychologischer Aspekte in das Arbeitsumfeld. Das „emotionale Haus“ kann neue Modelle der Effizienz und Produktivität unterstützen. Auch in öffentlichen Innenräumen ist es wichtig, das funktionale Potential von Wahrnehmung zu nutzen und Orte zu schaffen, die wünschenswertes Verhalten fördern. Menschen sind leicht zu beeinflussen, aber sie wollen ernst genommen werden. Innenräume sind die Architektur der Kulturgeschichte. Jenseits ihrer Rolle als funktionale Schnittstellen zwischen Nutzer und Gebäude

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sind sie Ausdruck unserer kulturellen Identitäten und Bestrebungen. Gestaltung und Dekor unserer unmittelbaren Umgebung sind Künste mit langer Tradition. Erhaltene historische Innenräume können uns mehr über die Kultur, die Modeströmungen und Vorlieben an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit vermitteln als umfassende wissenschaftliche Studien. Doch sind sie so selten wie Gemälde der Alten Meister. Innenräume verkörpern die Nutzerseite von Gebäuden, verleihen ihnen Sinn und Wert, doch diese Seite ist zugleich sehr sensibel und vergänglich. Interieurs sind Kulturträger, wir gestalten sie trotzdem oder deswegen häufig um, wenn sie aus der Zeit gefallen scheinen. Innenräume sind die Architektur der Verantwortung. Entwerfer nehmen die Folgen ihres Tuns bezüglich Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden derjenigen in den Blick, die mit hoher Wahrscheinlichkeit das Ergebnis ihrer Arbeit nutzen oder genießen werden. Dieser Blickwinkel geht weit über Stil- und Dekorfragen hinaus, er erfordert eine fundierte Ausbildung, Berufserfahrung und Offenheit für lebenslanges Lernen. Auch verlangt er nach einer Neigung zu Forschung und Entwicklung. Vor allem aber braucht er Menschenliebe. Möge dieses Buch Gestaltern bei ihrer Planungs- und Entwurfstätigkeit eine große Hilfe sein.


IN BETWEEN – INNENARCHITEKTUR ZWISCHEN ARCHITEKTUR UND DESIGN SYLVIA LEYDECKER Freude an der Arbeit lässt das Werk treff lich geraten. Aristoteles

„Der Mensch im Mittelpunkt“ – ist ein Statement, das auch im Kontext Innenarchitektur regelmäßig anzutreffen ist, denn die Wirkung der räumlichen Umwelt auf den Menschen ist enorm. Alle wissen räumliche Qualität zu schätzen – sei es durch die reine Aufenthaltsqualität oder Erleichterung der Arbeitsabläufe. Die innenarchitektonische Gestaltung beeinflusst das seelische Empfinden und das daraus resultierende Verhalten der Menschen. Sie kann eine Haltung vermitteln, Vertrauen und Geborgenheit ausstrahlen, Sicherheit geben, Angst reduzieren, entspannen, aufmuntern und trösten. Sie wirkt sich auf die Arbeitsmotivation aus, kann sorgsamen Umgang oder aber Vandalismus befördern, beruhigen oder nervös machen, kann beflügeln oder auch deprimieren. Die räumliche Gestaltung und Atmosphäre beeinflussen zweifellos Verhalten und Wohlbefinden sämtlicher Beteiligter.

InnenarchitektInnen1 werden häufig mit Interior Designern verwechselt, als „Innen-Designer“ missverstanden und, insbesondere im internationalen Kontext, auf die Rolle von „Decorators“ reduziert. Innenarchitektur bedeutet als Ganzes aber etwas anderes, etwas, wodurch professionelle Innenarchitekten sich von den genannten Klischees unterscheiden. Sie verfügen zunächst einmal mindestens über ein fundiertes Studium und bearbeiten ein breites Aufgabenspektrum, das deutlich über die besagten Luxusvillen hinausgeht. Innenarchitektur liegt in einem Grenzgebiet, in dem einerseits Architekturbüros auf einem angestammten Feld der Innenarchitektur, dem Bestand, planen und andererseits Design-Agenturen den Entwurf lukrativer Marken-Interiors übernehmen. Dieser für die Profession erst einmal problematische Zustand zeigt aber auch: Innenarchitektur ist mehr denn je gefragt.

WAHRNEHMUNG

Dreh- und Angelpunkt der innenarchitektonischen Arbeit ist der Entwurf. Die Entwürfe sind meist durch individuell unterschiedliche Ausprägungen der Gestaltung geprägt: durch eine persönliche Handschrift. Das kreative und intellektuelle Potenzial stellt sich in ein und derselben Entwurfsaufgabe immer unterschiedlich dar. In der Praxis muss jeder

Innenarchitektur wird von der Öffentlichkeit zwischen den Polen Architektur und Design wahrgenommen. Dabei wird sie gerne auf das Einrichten von luxuriösen Villen fokussiert, ihr Bild wird von TV-Interior-Formaten geprägt, und auch die Populärpresse bedient ein entsprechendes Klischee.

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Climbing de luxe: Die Kletterwand im Fitnessclub spielt mit dem Standort in Tokios ModeStadtteil – Klettern an Interior-Elementen wie Bilderrahmen, Spiegeln, Vasen und Hirschköpfen. Illoiha Omotesando Fitness Gym, Tokio, Japan; Nendo

professionell Arbeitende klar Position beziehen, wie sie oder er sich selbst und die eigene Berufsausübung definiert. Innenarchitekten besitzen die Kompetenz und das Knowhow, die Qualität der Innenarchitektur vom Privathaus bis zum Konzern zukunftsfähig zu gestalten. Die Bandbreite der Tätigkeit im Bereich Innenarchitektur ist sehr groß und reicht vom Möbeldesign, dem Produktdesign für die Industrie, über das Bauen im Bestand bis hin zum Neubau von Gebäuden.

nicht adäquat in der öffentlichen Darstellung positioniert. Zwar gibt es mehr als genug Coffee-Table-Bücher und Populärmagazine, sie weisen jedoch allesamt eine Tendenz zur Dekoration auf und die dargestellten Interiors stammen von allen möglichen Urhebern vom (Innen-)Architekturbüro über den Interior Designer hin zu Non-Professionals, „der Gattin von Mr. Wichtig“ oder dem ambitionierten KünstlerEhepaar. Kissenknicken de luxe im Eigenheim. Im Vergleich zu Architeken befinden sich Innenarchitekten deutlich in der Minderzahl – gute Innenarchitekten sind ein rares, kostbares Gut. Innerhalb der Profession sind insbesondere im Studium Frauen im Vergleich zu anderen Branchen zwar relativ stark vertreten, dies ändert sich späterhin aber im Kontext von Kind und Karriere, da der Spagat zwischen beidem nur schwer zu leisten ist. Der daraus entstehende Mangel an Innenarchitektinnen kommt leider keiner Stärkung des Berufsstandes zugute. Stattdessen entspricht dem Klischee der „Barbie als Innenarchitektin“ zuweilen, je nach Objektgröße, die Auffassung von Innenarchitektur als einer Art „Damenprogramm“. → 17

Wer gibt der Innenarchitektur in der breiten öffentlichen Wahrnehmung ein Gesicht, welches sind zeitgenössische Innenarchitektur-/Interior Design-Ikonen? Spontan fallen einem dazu vielleicht Philippe Starck und Andrée Putman ein, weiterhin als globale Design-Popstars auch Karim Rashid oder Marcel Wanders: ersterer als Universalgenie von der Nudel bis zum Hochhaus, die Zweitgenannte als Grande Dame der Innenarchitektur, die beiden letzteren als Produktdesigner, die auch im Bereich Interior tätig sind. Des Weiteren Büros wie Concrete und Nendo oder Kelly Hoppen oder Shiro Kuramata mit ihren zeitgenössischen Interiors und Eileen Gray als historischer Meilenstein und frühe Protagonistin der Innenarchitektur. Die Anzahl der „Ikonen“ ist im Vergleich zu denen der Architektur sehr überschaubar; die Innenarchitektur-Szene ist derzeit

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N AC H H A LTI G K E IT

BAUEN IM KLEINEN MASSSTAB UND DER EINFLUSS VON ÖKONOMIE UND ÖKOLOGIE

Ab in die Kiste: Jugendherberge mit Naturanschluss, viel Kiefernholz und Grün. Jugendherberge „Haus Untersberg“, Berchtesgaden, Deutschland;

Seit Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts erleben zahlreiche Industrieländer eine postindustrielle Krise. Insbesondere Europa und die Vereinigten Staaten sind aufgrund der globalen Finanzkrise mit einer ökonomischen Rezession konfrontiert. In dieser Situation ist die Knappheit der natürlichen und finanziellen Ressourcen eine der wichtigsten Fragen, auf die Gestaltungen reagieren müssen. Wird das Thema der Nachhaltigkeit in der Entwurfspraxis aus einer vorwiegend produktbezogenen Perspektive betrachtet, wird es aufgrund der „gefühlten“ zusätzlichen Kosten häufig erst einmal als wirtschaftlich nachteilig erachtet.

LAVA – Laboratory for Visionary Architecture

Früher nur von Kostenplanern praktiziert, sind Reduzierungen von Projektumfang und -größe zu einer weithin anerkannten Vorgehensweise im Sinne der Nachhaltigkeit geworden. Bei kleineren Projekten ergeben sich in der Regel niedrigere Bau- und Instandhaltungskosten und ein geringerer Energieverbrauch in der Bau- und Nutzungsphase und damit eine Senkung der CO2-Emissionen, die letztlich zu einer günstigeren CO2-Bilanz führen. Eine Verkleinerung ist jedoch nicht notwendigerweise mit geringeren Anforderungen an das Raumprogramm und die erforderlichen Funktionen gleichzusetzen. Das Bauen im kleinen Maßstab ist vielmehr mit besonderen Entwurfsaufgaben verbunden, da ein Mehr an Funktionen in einem kleineren Baukörper untergebracht werden muss. Kleine Bauten müssen flexibel ausgelegt sein, damit sie denselben Funktionsumfang wie größere Bauten gewährleisten. Aus historischer Sicht ist die Flexibilität der Grundrissplanung ein Ergebnis der Erfindung der Koksverhüttung im 18. Jahrhundert und ihres Einflusses auf die Geschichte der modernen Architektur. Die Massenproduktion von Eisen führte Mitte des 19. Jahrhunderts zur Entwicklung der Stahl­ industrie – ein existenzieller Schritt, der eine Unabhängigkeit von rein an der Lastabtragung orientierten Bauweisen bedeutete. Die Einführung des Stahlskelettbaus veränderte die Definition des Raumes nachhaltig, so dass die zuvor für die Innenraumgestaltung bestehenden Beschränkungen aufgrund der begrenzten Spannweiten der Tragglieder wesentlich gelockert wurden. Im Zuge der allgemeinen Akzeptanz des Stahlskelettbaus im Bauwesen trat an die Stelle der Ende des 19. Jahrhunderts üblichen klassischen Grundrissplanung mit einer Abfolge streng formaler Räume die neue, freie Raumplanung, bei der zahlreiche Funktionen innerhalb eines einzigen undefinierten Raumes gleichzeitig erfüllt werden konnten. Die Auswirkungen dieses Wandels auf die moderne Grundrissgestaltung haben Le Corbusier und Pierre Jeanneret 1927 in ihrem Manifest „Fünf Punkte zu einer neuen Architektur“ in Architecture Vivante beschrieben und im Entwurf des „Domino-Hauses“ dargestellt.13 Nahezu ein Jahrhundert später ist diese Freiheit und Flexibilität Herzstück der Aufgabe des Bauens im kleinen Maßstab. 76


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Der 1972 fertiggestellte Nakagin Capsule Tower von Kisho Kurokawa in Tokio ist in seiner Quintessenz der Vorläufer des kompakten, dabei jedoch auch umweltschonenden Entwerfens. Das Projekt umfasste zwei Hochhäuser, die jeweils 140 vorgefertigte „Kapseln“ aufnahmen. Für jede Kapsel sah der Entwurf bereits Einbaumöbel, ein Bad, eingebaute Haushaltsgeräte sowie eine TV- und Audioanlage vor, um die Bedürfnisse eines einzelnen Bewohners zu erfüllen. (Mehrere Bewohner oder Familien konnten mehrere Kapseln verbinden.) Als Reaktion auf den sowohl im Gewerbe- als auch im Wohnbereich bestehenden chronischen Platzmangel in Tokio sollte dieses Projekt Wohn- und Büronutzungen ermöglichen. Der Erfolg des kompakten Grundrisses von 58 m2 beruhte auf seiner räumlichen Flexibilität, die die Umsetzung der verschiedenen benötigten Funktionen ermöglichte. Im Unterschied zum traditionellen Grundriss, in dem den einzelnen Räumen jeweils eigene Funktionen zugewiesen wurden, erfüllte hier jeder Raum gleichzeitig viele Funktionen.

Flexibilität in der Nutzung: Vorhang auf und zu. Büroausbau “Blaue Fabrik“, Thalwil, Schweiz; ateliersv Innenarchitektur

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Die Hinwendung zum Kleinen ist heute ein klar erkennbarer Trend. Dies gilt sowohl für den Gewerbe- als auch für den Wohnungsbau. Beim Entwurf von Wohnungsbauprojekten stehen die heutigen Nachfolger der kompakten Apartments des Nakagin Capsule Tower für eine Abkehr von den „McMansions“ – übergroßen Vorstadthäusern, deren Maßstab und Ästhetik nicht zu ihrem Umfeld passen. Die meisten kompakten Wohngebäude von heute zeichnen sich durch die Effizienz und Flexibilität ihrer freien Grundrissgestaltung aus. Ein solide konzipierter Entwurf leistet die Erfüllung aller programmatischen Anforderungen durch Multifunktionalität. Das von Forschern und Planern in London und an der Technischen Universität München entworfene micro compact home (m-ch) veranschaulicht mit 7 m2 Nutzfläche diesen Ansatz. Das m-ch ist ein Würfel mit 2,66 m Kantenlänge, der in seinem Entwurf an die Körpergröße des Menschen und den für die grundlegenden Tätigkeiten im Haushalt benötigten Raum angepasst ist. Es wurde insbesondere für Studenten und Urlauber geplant und verfügt über zwei Doppelbetten, Stauraum, einen Schiebetisch mit Platz für bis zu fünf Personen, ein Bad und eine voll ausgestattete Küche. In einer Niedrigenergieversion wird das m-ch mit Strom aus Solarzellen und einem Windrad versorgt. Wird es nicht mehr benötigt, kann das m-ch recycelt werden und die Materialien können für einen neuen „Wohnwürfel“ verwendet werden. Die Ökobilanz – unter Berücksichtigung der Materialien, Bauweise, Herstellung und des gesamten Lebenszyklus von der Anlieferung bis zur endgültigen Entsorgung – ergab, dass die Niedrigenergieversion des m-ch das Potenzial eines „Nullemissionshauses“ aufweist.14

Viele neue Entwürfe kompakter Wohngebäude streben den Status eines „Nullenergiehauses“ an. Daneben rückt jedoch zunehmend die Verringerung der Umweltauswirkungen durch einen „intelligenteren“, weniger belastenden Lebensstil in den Fokus. Das ist in der heutigen Konsumgesellschaft ein anspruchsvolles Ziel. Das Projekt sculp(IT), ein viergeschossiges Wohn- und Bürogebäude in Antwerpen, verschreibt sich jedoch genau diesem Ansatz des „Weniger ist mehr“. Gelegen auf einem nur 2,40 m breiten Grundstück, beherbergt das Gebäude auf jeder Etage eine andere Funktion: Büro, Küche, Schlafzimmer und Bad. Anders als das micro compact home, in dem ein einziger kompakter Raum mehrere Funktionen erfüllt, übernimmt hier jeder der winzigen Grundrisse die ihm zugedachte Funktion. Ermöglicht wird das durch einen spartanischen, ja geradezu minimalistischen Ansatz.

Baulücken und schmale Gebäude mit wenig Fläche erfordern andere als herkömmliche innenarchitektonische Lösungen. Smalste woning van Antwerpen, Antwerpen, Belgien; sculp(IT)

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Wasser, Luft, Natur. Nachhaltigkeit kontra Umweltverschmutzung bewegt die Welt und hier China im Besucherzentrum f端r den Qinhu Wetland Nationalpark. Besuchererlebniszentrum im Qinhu Wetland Nationalpark, Jiangsu, China; TRIAD

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FALLSTUDIE: VIER KLEINE PROJEKTE IN NEW YORK Kleine Räume und begrenzte Budgets – die Planung von Gewerberäumen ist aufgrund der jüngsten Wirtschaftskrise dieser doppelten Beschränkung unterworfen. Einige Architekten und Innenarchitekten begreifen diese Begrenzung jedoch als Chance. Drei von dem in New York ansässigen Büro LTL Architects geplante Restaurantprojekte in Manhattan sollen hier als Beispiele dienen, um beengte räumliche Verhältnisse als Ausgangspunkt für innovative Entwurfsansätze zu verdeutlichen: der Ini Ani Coffee Shop hat eine Fläche von 33 m2 , das Dash Dogs 20 m2 und das Restaurant Tides 39 m2 .

Eine lange Theke zieht sich durch den Hot-Dog-Laden... DASH Dogs, New York City, New York, USA; LTL Architects

Materialbeschränkung und reduzierte Ausstattung fassen den kleinen Raum angenehm. INI ANI Coffee Shop, New York City, New York, USA; LTL Architects

….während hier die Wände als gestalterisches Element und Stauraum dienen. XOCOLATTI, New York City, New York, USA; de-spec

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„Statt diese Beschränkungen durch formale oder logistische Anstrengungen zu umgehen, führt ihre Zuspitzung zu einer intensiven Untersuchung der definitiven architektonischen Grenzen.“ 15 In der Wahrnehmung der Gegebenheiten als Chance für „generative Lösungen“ akzeptieren diese Entwürfe die vorgegebenen Beschränkungen und verlagern den Schwerpunkt der planerischen Tätigkeit. Hier bestanden die Grenzen sowohl in einem durch die Abmessungen der Gebäudehülle eingeschränkten Raumangebot als auch in wirtschaftlichen Notwendigkeiten hinsichtlich der Schaffung einer größtmöglichen Zahl an Plätzen, der Erschließung und der Funktionsräume. In allen hier vorgestellten Fällen wurde ein einfach strukturierter Grundriss gewählt, um die programmatischen Anforderungen optimal zu erfüllen: im Restaurant Tides eine Tischreihe mit integrierten Bänken; im Ini Ani Coffee Shop sparsam angeordnete Sitzplätze zur Differenzierung der verschiedenen Aktivitäten in der Café-Lounge; im Dash Dogs eine einzige, gerade Theke in strategischer Position, um den Kundenverkehr vom Eingang über das Bestellfenster zum Mitnahmepunkt und schließlich zum Ausgang zu leiten.

Ein vergleichbares Beispiel für die im Einzelhandelsbereich mögliche Flexibilität der Innenraumgestaltung ist das Xocolatti, eine in SoHo in Manhattan (New York) ansässige Schokoladenmanufaktur. In einem 14 m2 großen, rechteckigen Schaufenster bilden Wände aus übereinandergestapelten grünen Schokoladenschachteln eine innenliegende Membran. Diese aus teils geschlossenen, teils zur Präsentation der Süßigkeiten offenen Schachteln bestehenden Wände erfüllen gleichzeitig mehrere Funktionen: Sie sind Tapete, Auslage, Lager und kinetisches Kunstobjekt. Durch den Verkauf der Schokoladenpackungen verändert sich das Aussehen der Wand und spiegelt so die an einem Tag verkauften Produkte wider. Im Rahmen des Bauens im kleinen Maßstab versuchen sich Architekten und Innenarchitekten an immer komplexeren und erfindungsreicheren Lösungen für den Entwurf des kompakten Baukörpers. Klein bemessene Bauten sind zwar bereits wegen ihrer geringen Größe nachhaltig, diese Art der Effizienz ist jedoch nicht ihr einziger Vorteil. Im Jahr 2010 lud das Londoner Victoria and Albert Museum sieben internationale Architekten ein, im Museum kleine Bauten im Maßstab 1:1 zu entwerfen und zu realisieren. Daraus entstand die Ausstellung 1:1 – Architects Build Small Spaces, welche die Gestaltung kleiner Räume feierte. Sie untersuchte „kleine Bauten und deren Möglichkeiten, Vorstellungen der Alltagserfahrung und des privaten Raumes zu definieren und zu unterstützen.“ 16

Die Untersuchungen zu den Entwürfen konzentrieren sich stattdessen auf die Innenverkleidung, die Wände und die Fußboden- und Deckenflächen, die für die Erfüllung der Raumfunktionen nicht erforderlich sind. Diese Flächen dienen gewissermaßen als „Folie“ für Innovationen und werden als homogene „Innenmembranen“ statt als Oberflächen aufgefasst, welche auf verschiedene Arten behandelt werden können. Im Ini Ani Coffee Shop wurden zwei getrennte „Volumina mit behandelten Oberflächen“ konzipiert – eines bestehend aus in einen Stahlkäfig gepressten Streifen aus Wellpappe, das andere verputzt mit Kunststoffdeckeln von Kaffeebechern. In einem einzigen offenen Raum dienen diese Komponenten zur Definition der unterschiedlichen Atmosphären des Lounge-Bereiches mit seinen eher auf sich selbst bezogenen WLAN-Nutzern und der Bedientheke mit ihrem lebhaften Kundenverkehr und Straßenverkauf. Im Dash Dogs ist der Kundenbereich nur halb so breit wie tief. Hier dient eine im Raum angeordnete Membran dazu, physische und optische Ordnung in einem Ladenlokal mit hohem Kundenaufkommen zu schaffen. Diese Membran besteht aus einer Reihe von Stahlbändern, die von der geneigten Decke zum ebenso geneigten Fußboden durchlaufen, mit Anklängen an mechanische Personentransportsysteme. Im Restaurant Tides wurde an der Decke des Raumes eine wellenförmige topografische Landschaft aus „Seegras“ geschaffen, die aus Bambusstäbchen besteht. An den gläsernen Eingangstüren angebrachte Lichtleitfolien verzerren die von den Gästen wahrgenommene Perspektive und lenken so zusätzliche Aufmerksamkeit auf die sinnliche Wahrnehmung sich verschiebender Oberflächen.

MODULARE VERFAHREN Die Energieeffizienz des m-ch und anderer heute auf dem Markt verfügbarer kompakter Wohneinheiten beruht zu einem Großteil auf ihrer modularen Bauweise und Vorfertigung. Als Verfahren wirkt die Modularität erfolgreich Entwurfs- und Bauprozessen mit hohem Abfallaufkommen entgegen. Moderne kompakte Wohngebäude sind hauptsächlich modular aufgebaut. Wie die Nakagin-Kapseln, die ebenfalls vorgefertigt in ihre Einbaulage gehoben wurden, werden sie bereits im Werk produziert und dann an ihren Bestimmungsort transportiert. Der ökologische Ansatz des kleinen Bauens verbindet sich hier mit den Vorteilen der Vorfertigung: Reduzierung von Abfallstoffen und Bauschutt, auf ein Mindestmaß beschränkte tragende Fundamente und eine geringere Menge an grauer Energie – alle diese Faktoren tragen zu einer günstigeren CO2-Bilanz und zu einer Verringerung der Umweltbelastungen bei.

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Die modulare Bauweise wird bisher am häufigsten bei neuen Wohngebäuden eingesetzt. Ihre Vorteile zeigen sich nun aber auch im Bestand im Fall modularer Modernisierungen. Bei groß angelegten institutionellen Bauvorhaben mit hohem Wiederholungsgrad führt die Verwendung von Modulen bei der Gebäudesanierung zu einer ökonomisch und ökologisch vorteilhaften Situation. So wurden bei der Modernisierung der Haustechnik in einem Studentenwohnheim die Nasszellen im Werk vorgefertigt und durch die Fenster des Gebäudes in ihre Einbauposition gebracht. Dieses Verfahren des Austausches „Alt gegen Neu“ führte zu einer deutlichen Reduzierung der Abfallmengen und der Bauzeit. Auf individueller Ebene kann durch den Einsatz von Modulen für die Modernisierung – wie des Modular In-Home Office – ein Raumes innerhalb eines Raums geschaffen werden. Mit dem Ziel, die Heizkosten in Heimbüros zu minimieren, bietet das Modul eine innovative Low-Tech-Lösung zur Realisierung einer Zonenheizung. Nach dem Gewächshaus-Prinzip besteht die Einheit aus in Dämmstoff eingeschlagenen Holzrahmen, die als Wände für einen in den Wohnraum eingefügten Büroraum dienen. Die Modulkonfiguration nimmt auf kreative Weise die Geometrie eines vorhandenen Fensters auf. Dabei dient das Fenster als Wärme- und Frischluftquelle, und es wird eine separate Be- und Entlüftungszone innerhalb des Wohngebäudes geschaffen, wobei ein einziger Bereich gezielt auf natürliche Weise beheizt wird.

Solche nur vorübergehend eingerichteten Geschäfte haben in jüngster Zeit stark an Popularität gewonnen und sind auch unter der Bezeichnung „Pop-up-Läden“ bekannt geworden. Dabei ist das Konzept der temporären Läden nicht neu. In der Vergangenheit wurden Ladenlokale für den Verkauf saisonaler Produkte lediglich in den entsprechenden Monaten betrieben. So waren beispielsweise Geschäfte für den Verkauf von Weihnachtsartikeln nur in den vier Wochen vor Weihnachten geöffnet. Dieses am Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage orientierte Konzept wurde im Zuge der Wirtschaftskrise auf den allgemeinen Einzelhandelsmarkt zugeschnitten. In den Vereinigten Staaten verzeichnete man im ersten Halbjahr 2011 im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg der Zahl der Pop-up-Geschäfte um 14 %.17 Der temporäre Charakter der Pop-up-Läden ist häufig mit einem begrenzten Budget verbunden. Diese finanziellen Beschränkungen haben zur Entwicklung kreativer, neuartiger Nutzungen von verbreiteten Materialien, Fertigungsverfahren und Ausführungen geführt. So dienten zum Beispiel die zahlreichen Dokumenten-Archivboxen als Muster, Textur und Farbgebung für ein Pop-up-Geschäft für Herrenmoden. Für eine drei Tage dauernde Werbe-Aktion einer Bekleidungskollektion bildeten 154 Paar Strümpfe, die von der Decke bis zum Boden und in den Regalen übereinander arrangiert waren, eine Art Höhlenlandschaft aus textilen Stalaktiten und Stalagmiten. Die in London eingerichtete temporäre Buchhandlung Fold­ away Bookshop nutzt die Trageigenschaften von Karton optimal: Durch Aufeinanderstapeln und Ineinanderfalten entstanden Wände, Regale und Mobiliar. Nach der Nutzung wurden die verwendeten Materialien des Buchladens alle wiederverwertet.

IMPERMANENZ Seit Beginn der globalen Finanzkrise sind leere Schaufenster in Städten in der ganzen Welt zu einem vertrauten Anblick geworden. Im geschrumpften Immobilienmarkt hat sich ein Trend zu unbeständigen Unternehmenskonzepten entwickelt. Temporäre und mobile Läden haben in den Einzelhandel Einzug gehalten. Sie bieten den Unternehmen unterschiedliche Möglichkeiten, den Markt zu testen, ohne dabei Verpflichtungen zur Zahlung einer Miete in erheblicher Höhe einzugehen. So können Produkte ohne nennenswerte Bau- und Einrichtungskosten verkauft werden. Außerdem können sich Unternehmen, die bisher nur im Online-Bereich aktiv sind, für kurze Zeit eine reale Präsenz verschaffen oder sich in 1-a-Lagen einen temporären Standort sichern. Für Vermieter bietet sich die Chance, Mieteinnahmen zu generieren und in ansonsten leerstehenden Immobilien die Werbewirksamkeit zu erhöhen. Temporäre Bauten sind gut geeignet für den Einzelhandel, dessen Planung ohnehin von einer kurzen Nutzungsdauer ausgeht. Der kürzere Nutzungszeitraum der temporären Einrichtungen trägt aus ökonomischer und materieller Sicht zu einer Reduzierung der für Errichtung und Instandhaltung aufgewandten Energie bei.

Die Begeisterung für Pop-up-Läden hat dazu geführt, dass dieser Trend mittlerweile auch im hochpreisigen Einzelhandel angekommen ist. In jüngst eingerichteten Pop-up-Geschäften werden Produkte von Designern wie Kate Spade und Prada präsentiert. Diese Pop-up-Designerläden stehen jedoch unter keinem Umsatzdruck, vielmehr wird der temporäre Charakter als Merkmal ihrer Exklusivität genutzt und als neue Form des Marketing eingesetzt. So wurde das Pop-up-Geschäft von Prada in Paris mit erheblichem finanziellem Aufwand der Brücke Pont Mirabeau nachempfunden. Diese Entwicklung birgt neue Aufgaben für Architekten und Innenarchitekten, da auf diese Weise Produkte vom Kaffee bis zur Krawatte beworben werden sollen. Projekte dieser Art sind in der Regel von kleiner Dimension, mit großzügigem Budget ausgestattet und zu Experimentierfeldern von Entwurfsstrategien geworden, welche die Grenzen der Flexibilität erweitern.

Material und Textur stehen im Vordergrund, wenn 80.000 Bambusstäbchen auf engstem Raum platziert werden – poetisch schön. Restaurant TIDES, New York City, New York, USA; LTL Architects 83


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Mit billigstem und äußerst reduziertem Materialeinsatz ist diese Boutique zur Raumskulptur mutiert. Temporärer ConceptStore für die Kollektion von Arnsdorf Opticks, Melbourne, Australien; Edwards Moore

Out of the box: Modulare Bauweise, effizient und praktisch. RIBA Foldaway Bookshop, London, England; Campaign, Claire Curtice Publicists

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FALLSTUDIE: ILLY CAFFÈ Die jüngste Entwicklung des Filialisten Illy ist ein gutes Beispiel für diese neuen Pop-up-Läden. Zur Bewerbung von Illy Caffè, einer italienischen Gourmet-Espressomarke, wurde in Europa und in den Vereinigten Staaten eine Reihe temporärer Geschäfte eingerichtet. Im Rahmen einer Partnerschaft mit der Stiftung der Biennale di Venezia ist Illy jährlich mit einer besonderen Werbe-Aktion auf der Biennale vertreten. Hierfür richtet das Unternehmen ein temporäres Café mit entsprechender Markenpräsentation ein. Auf der im Jahr 2007 veranstalteten 52. Biennale hatte diese Installation die Form eines voll ausgestatteten Schiffscontainers mit Küche, Esszimmer, Bad, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Bibliothek, der sich auf Knopfdruck öffnete. Das vollständig aus recyclingfähigen Materialien hergestellte Café vermittelt eine Entwurfshaltung, die auf Anpassungsfähigkeit von Raum und Material setzt.

Schiffscontainer, auf Knopfdruck motorisiert und mit komplett recyclingfähiger Ausstattung als Pop-Up-Cafébar. Push Button House – Illy Caffè, Biennale Venedig, 2007, Italien; Adam Kalkin

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Space illumination: Die Installation vereint Lichtprojektion und Grafik, Licht und Sound zu einem 채sthetischen Ganzen. Installation BBASS, Gent, Belgien; SAQ Architects

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ÄSTHETISCHE QUALITÄTEN VON LICHT, RAUMLUFT UND AKUSTIK PETER IPPOLITO

LICHT – EIN SINNLICHER BAUSTOFF

Licht, Raumluft und Akustik als Gestaltungsmittel? Oft genug als bloße funktionale Notwendigkeit wahrgenommen, bietet die Integration des technischen Ausbaus, dessen ästhetische Ausdrucksmöglichkeiten sich nicht auf den ersten Blick erschließen, faszinierende Gestaltungsmöglichkeiten. Licht, Raumluft und Akustik unterstützen durch ihre Gestaltung die Führung, Zonierung und Schichtung eines Raumes und können Atmosphäre und Aussage eines Raumes maßgeblich mit prägen.

Jenseits seines funktionalen Einsatzes ist Licht eines der sinnlichsten Gestaltungsmittel des technischen Ausbaus. In all seinen Dimensionen ist es nicht nur ästhetisches Mittel, sondern ein lebendiger Baustoff, der Räumen Struktur, Inhalt und Identität – eine unverwechselbare Atmosphäre – verleihen kann.

Die Bandbreite der Gestaltungsmöglichkeiten dieser drei „Baustoffe“ ist vielfältig. Hierbei ist es wichtig, alle raumbildenden Oberflächen wie Möbel, Wand, Boden und Decke als Gestaltungspotenzial zu nutzen. Besonders die Decke ist ein oft unterschätzter Gestaltungsraum. Vielfach nur funktional genutzt, muss ihre Gestaltung als Chance gesehen werden, die Identität des Raumes zu beeinflussen. Als oftmals einzige Fläche, die niemals verdeckt werden kann, hat sie eine große Bedeutung für die ästhetische Wirkung des Raumes. Eine innovativ gestaltete Decke kann Geschichten erzählen, Sehnsüchte, Träume und Wünsche erwecken oder besänftigen. Sie aktiviert kulturelle oder persönliche Erinnerungen und schafft so eine Grundlage für die Aneignung des Raumes durch den Nutzer.

Visuelle Erscheinung, Erfahrbarkeit und Formgebung von Räumen können durch künstliches und natürliches Licht inszeniert werden. Eine gute Lichtdramaturgie setzt sich intensiv mit dem räumlichen Kontext auseinander. Sie schafft Hintergründe, begleitet Sichtachsen, verdeutlicht Zusammenhänge, stellt Elemente heraus und unterstützt die Wahrnehmungshierarchie des Raumes. Licht macht Räume erst wahrnehmbar. Um das große Potenzial des Lichts auszuschöpfen, ist es wichtig, die Wirkungen der unterschiedlichen Qualitäten des Lichts zu kennen. → 220

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Into the dark: Im Rahmen des Trailerpark-Festivals wurde die Nacht mit einem hinsichtlich Licht und Sound interaktiven Spot-Sternenhimmel inszeniert. Black Box Revelation, Kopenhagen, D채nemark; Re-Make/Re-Model Architecture

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Miaooo: Lichtstimmung in einer Tierarztpraxis abseits vom Üblichen. Tierärztliche Klinik für Kleintiere, Lübeck, Deutschland; Monz + Monz | Innenarchitektur und Design

Lines: Lichtbänder definieren subtil die Raumkonturen. New Office Design für das ICADE Premier Haus, München, Deutschland; landau + kindelbacher

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QUALITÄTEN DES LICHTS: VON RICHARD KELLY BIS HEUTE

Das „play of brilliants“ setzt emotional inspirierende Akzente auf besondere Details des Raumes. Das magische Licht fängt die Wahrnehmung des Betrachters ein und setzt brillante Highlights, die die individuelle Besonderheit eines Raumes visuell erfahrbar machen. Diese Glanzpunkte kreieren ein lebendiges, thematisch klar strukturiertes Ambiente – visuell reizvoll, informativ und interessant, darüber hinaus aber auch funktional logisch aufgebaut. Es ist der Glanz, der unsere Augen leuchten lässt, indem es unsere Sinne berührt.

Richard Kelly, einer der Pioniere der modernen Lichtgestaltung und architektonischen Ausleuchtung, der mit Architekten wie Louis Kahn am Kimbell Art Museum und Ludwig Mies van der Rohe am Seagram Building zusammenarbeitete, setzte unterschiedliche Qualitäten des Lichts gezielt ein, um Raumelementen die gewünschte Bedeutung zu geben. Mit seinen zukunftsweisenden Lichtkompositionen prägte er mehrere Generationen von Lichtdesignern und Architekten. Kellys Erkenntnisse über Architekturbeleuchtung, heute ein halbes Jahrhundert alt, sind nach wie vor gültig. Sein Lichtkonzept visualisiert Emotionen, teilt diesen Emotionen aber eine Funktion zu. So unterstützt Licht im Raum beispielsweise nicht nur das Wohlbefinden des Menschen, sondern ermöglicht auch Orientierung. Ausgangspunkt von Kellys Lichtkonzeptionen war die Wahrnehmung des Betrachters. Er verband psychologische Erkenntnisse mit Erfahrungen aus der Bühnenbeleuchtung. Der theatrale Stil seiner Lichtinszenierung verlieh dem Raum neben der ästhetischen auch eine inhaltliche Tiefe und Bedeutung.

Die drei Funktionen des Lichts lassen sich individuell miteinander kombinieren und ermöglichen so einzigartige Lichtkonzeptionen und Raumwirkungen. Der Lichtdesigner kann mit dieser Palette der Möglichkeiten jede gewünschte Facette eines Raumes, eines gewünschten Raumerlebens und damit der gesamten Innenarchitektur visuell unterstützen. Heute erweitert der Einsatz von LEDs (lichtemittierende Dioden) durch ihre charakteristischen Merkmale – Wirtschaftlichkeit und Minimalisierung in der technischen Ausführung – die Gestaltungsmöglichkeiten um ein Vielfaches. Längst hat sich die LED-Technologie seit ihrem Beginn in den 1990er Jahren über kritische Vorbehalte hinweggesetzt. Zuerst nur in sehr speziellen Gebieten genutzt, werden LEDs nun in fast allen Bereichen der Architekturbeleuchtung und für künstlerische Installationen eingesetzt und haben seit Kurzem den Weg in den Massenmarkt gefunden. LEDs zeichnen sich durch eine lange Lebensdauer und Energieeffizienz aus. Aufgrund ihrer extrem kleinen Bauform ermöglichen sie einen hochvariablen Einsatz und erzeugen im Gegensatz zu allen anderen Leuchtmitteln keine UV- und IR-Strahlung. Daher ist das Problem des Farbverlustes bei beleuchteten Kunstwerken oder auch bei bestimmten Waren durch den Einsatz von licht­ emittierenden Dioden vollkommen eliminiert. LEDs sind energieeffizient, bei beachtlichen Helligkeiten mit wenig Energieverlust und Wärmeerzeugung.

Richard Kelly teilte das Licht in die drei Grundtypen „ambient luminescence“, „focal glow“ und „play of brilliants“ ein. Der Einsatz dieser drei Grundtypen ist stilprägend und ermöglicht ein komplexes Raumerlebnis. Gezielte Lichtakzente visualisieren die jeweilige Besonderheit eines Raumes und generieren und kommunizieren räumliche und inhaltliche Informationen. Die „ambient luminescence“ bildet die Grundlage dieses Lichtkonzepts. Diffuses Licht ermöglicht dem Betrachter Orientierung, indem es den Raum mit all seinen Elementen und Objekten einheitlich und gleichmäßig ausleuchtet und diesen vollkommen ohne Schatten illuminiert. Bedeutungen, Größenverhältnisse und Formgebung verlieren ihre Wichtigkeit. Im Fokus dieses Lichts steht der pure Raum, in seiner geometrischen Dimension. Die „ambient luminescence“ erweckt ein räumliches Gefühl der Sicherheit.

Besonders die gestalterischen Vorteile der LEDs, die mit keinem anderen Leuchtmittel erzielt werden können, spielen in architektonischen Lichtkompositionen eine große Rolle. Mit lichtemittierenden Dioden können große Flächen kostengünstig mit interessanten visuellen Effekten inszeniert und zum Leben erweckt werden. Der geringe Platzbedarf – LEDs sind nahezu auf allen erdenklichen Oberflächen, Untergründen und geometrischen Formen anwendbar – lässt neue Freiheiten im Umgang mit architektonischem Licht entstehen.

Im nächsten Schritt erhält der Raum durch den „focal glow“ eine tiefere thematische Akzentuierung und ermöglicht dem Betrachter eine differenzierte Orientierung, indem wichtige von unwichtigen Informationen separiert werden. Dieser Glanz lädt konzeptionell aussagekräftige Raumelemente durch unterschiedliche Beleuchtungshelligkeitsgrade mit Bedeutung auf. Dadurch kann die Aufmerksamkeit aktiv gelenkt und ein Fokus gesetzt werden. Wie ein Spotlight im Theater kann der „focal glow“ unsere Raumwahrnehmung ordnen und akzentuieren. Es besteht auch die Möglichkeit, durch mehrere „focal glows“ innerhalb eines Raumes eine Bedeutungskette entstehen zu lassen. Der „focal glow“ erleichtert unsere Wahrnehmung.

Videoinstallationen oder Bildschirme können mit Hilfe von LEDs nicht nur Räume illuminieren und Lichteffekte kreieren, sondern auch komplexe dreidimensionale Rauminszenierungen schaffen. LEDs ermöglichen ein pulsierendes, dynamisches räumliches Spiel mit Farbe und Lichtintensität. Mit Sensoren versehen, visualisieren sie beispielsweise

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dramatische Interaktionen mit den Bewegungen passierender Menschen und generieren einen unmittelbaren Kontakt zwischen Mensch und Raum. So können Flächen lebendig gemacht und dynamisiert werden und zur dreidimensionalen Kommunikation von Inhalten dienen. Der Einsatz der LED-Technologie erzeugt auf diese Weise neue interessante Möglichkeiten der räumlichen Wahrnehmung und Darstellung. Intelligente Systeme sind in der Lage, einzelne LEDs zu kontrollieren, um die erwünschte Raumatmosphäre, Raumfarbe und Farbwärme dynamisch zu steuern. So kann tatsächlich jeder erdenkliche Inhalt, jede abstrakte grafische Information visuell dargestellt werden. LEDs, die grafische Informationen, aber auch Videoinhalte und Filme darstellen, dienen gleichermaßen der räumlichen Gestaltung wie auch der Informationsvermittlung und der Orientierung im Raum. → 226

Drama: Pointierter Lichteinsatz schafft Theateratmosphäre für ein anspruchsvolles Bühnenstück, hier ein Restaurant-Interior.

Dreamland: Das gekonnt ausgeleuchtete Schlafzimmer schafft Atmosphäre.

Restaurant Viet Hoa Mess, London, England; Vonsung

Superjacht Numptia; Achille Salvagni Architetti

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AKUSTIK – EIN ÄSTHETISCHES GESTALTUNGSMITTEL

Der Akustik ist eine poetische Komponente inhärent, die jeder Mensch intuitiv erleben und spüren kann. Alle Oberflächen des Raumes reflektieren, absorbieren oder streuen Schall. Daher besitzt jeder Raum eine individuelle Klangqualität, die im Hörer eine subjektive Empfindung auslöst. Spannend ist es, wenn ein Raum durch einen außergewöhnlichen Klang das Bewusstsein des Menschen auf das eigene Gehör lenkt. Sehbehinderte Menschen werden sehr stark durch die räumliche Klangwirkung beeinflusst und müssen die auditiven Eindrücke mit den Gegebenheiten des Raumes und seinen Funktionen in einen realistischen Zusammenhang bringen. Bei der Entwicklung eines akustischen Konzepts sollte bedacht werden, dass der raumakustische Eindruck von den subjektiven Empfindungen des individuellen Menschen geformt wird.

Die Akustik ist ein auditives Gestaltungsmittel des technischen Ausbaus, dessen ästhetische Qualitäten sich nicht vordergründig erschließen. Das scheinbare Paradox, dass die Akustik nicht nur die auditiven, sondern auch die visuellen Sinne anspricht, wird in der zeitgenössischen Gestaltung von Räumen dekonstruiert. Die Gestaltung des Raumklangs passt sich den Anforderungen der architektonischen Aussage an und stützt so die thematischen und funktionalen Inhalte und Formen des Raumes. Akustik ist ein interdisziplinäres Fach, da es physikalische und psychologische Prinzipien vereint und Erfahrungen aus der Materialienkunde aufnimmt. Wichtige Elemente der Akustik für die Innenarchitektur sind die Entstehung und die Ausbreitung des Schalls, die Korrelation zwischen architektonischen Materialien und Schall und die Auswirkungen des Schalls auf Räume und auf Menschen.

Technische Entwicklungen eröffnen vielfältige Möglichkeiten, akustische Boden-, Decken- und Wandelemente einzusetzen, die die Akustik eines Raumes verbessern und dabei zugleich den Raum auch in visueller Hinsicht bereichern. Die Symbiose von Akustik und Ästhetik kreiert ein visuelles und auditives Raumambiente. Das Zusammenwirken der Gestaltungsmittel Licht, Raumluft und Akustik erfüllt den Raum mit einer unverwechselbaren und einzigartigen Atmosphäre. Die räumliche Funktionalität spiegelt sich dabei immer im ästhetischen Konzept wider. Es werden atmosphärische Räume gestaltet, deren Ausdruckskraft von der Balance zwischen Form und Funktion, Ruhe und Energie und Dynamik und Ausstrahlung lebt.

Der Schall, der durch die Schwingung der Luftteilchen entsteht und vom Menschen wahrgenommen werden kann, wird als Luftschall bezeichnet. Menschen, Maschinen und technische Installationen erzeugen Schallwellen, die sich als Luftschall über die Luft ausbreiten. Hierbei wird zwischen Nutz- und Störschall unterschieden. Nutzschall beschreibt Stimmen eines Gesprächs oder wohlklingende Musik. Verkehrslärm und Maschinenlärm dagegen werden als Störschall bezeichnet. Architektonische und akustische Konzepte arbeiten daran, den Störschall zu minimieren und den Nutzschall zu unterstützen, so dass dieser seinen Wohlklang optimal entfalten kann.

FACETTEN DER AKUSTIK Der Klang der Musik und des gesprochenen Wortes bewegte die Menschen schon früh, sich mit Akustik auseinanderzusetzen, um die Klangqualität spezieller Räume zu verbessern. Bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. wurden in China in der Musik Tonsysteme etabliert, die heute als erste Bearbeitung akustischer Themen gelten. In der Antike beschäftigte sich der römische Architekt Vitruv mit der Ausbreitung des Schalls in Amphitheatern. Er ließ unter jedem Sitz Tongefäße anbringen, die den Schall tieffrequenter Töne absorbierten und so die Deutlichkeit der Sprechstimmen verbesserten. In der Renaissance wurden die Raumwirkung und die Raumanforderungen differenzierter untersucht, um die Verbesserung des musikalischen Klangs innerhalb eines Raumes zu erzielen. Schließlich wurden die vielseitigen akustischen Erkenntnisse ab dem 20. Jahrhundert verstärkt angewandt, um die Raumakustik zu verbessern und ein auditives Wohlempfinden zu ermöglichen.

Schwingungen, die von körperlichen Bewegungen von Materialien, Körpern und Bauteilen ausgehen, nennt man Körperschall. Körperschall wird vom Menschen nur sehr eingeschränkt wahrgenommen. Meist sind es tieffrequente Schwingungen, beispielsweise ein vorbeifahrender Zug, die vom Menschen direkt als Sinneseindruck aufgenommen werden können. Hörbar ist dann nur der sich ausbreitende Luftschall der Körper. Allerdings können Körperschallanregungen, wie zum Beispiel das Gehen auf einem nicht entkoppelten Boden, Materialien in Schwingungen versetzen. Besitzen diese Materialien eine ausreichend große Oberfläche, können sie durch ihre Körperschallimpulse die Luft zum Schwingen anregen. Diese Schwingungen sind dann vom menschlichen Gehör direkt wahrnehmbar. Auf diese Weise werden etwa die Gehgeräusche auf einer Geschossdecke an deren Unterseite akustisch wahrnehmbar. Wichtig für Innenarchitekt und Akustikplaner ist, dass sowohl die Anregung eines Bauteils mit Schallereignissen als auch dessen Schallabstrahlung durch dessen bauliche Gestaltung gleichermaßen positiv wie negativ beeinflusst werden können. Je nach gewünschtem Effekt werden Schallereignisse durch das Akustikkonzept und das architektonische Konzept unterstützt, minimiert oder weitestgehend eliminiert.

Die Nachhallzeit und die Halligkeit beschreiben die wichtigsten akustischen Kennzeichen eines Raumes. Die Zeitdauer, die ein Schall benötigt, um in einem Raum zu verklingen, wird als Nachhallzeit bezeichnet. Diese physikalische Einheit hat Auswirkungen auf den Raumklang und dessen Qualität. Die Nachhallzeit wird durch das Raumvolumen und durch den Absorptionsgrad der räumlichen Flächen beeinflusst. Ein wohlklingendes Akustikkonzept muss die

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Musik in der Luft – die perfekte Akustik sorgt fßr vollendeten Genuss und der kraftvolle dynamische Schwung scheint manifestierte Melodie zu sein. J.S. Bach Music Hall, Manchester, England; Zaha Hadid Architects

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Nachhallzeit an den Raum, seine Größe, seine geometrische Form und an seine intendierte Funktion anpassen. Ist die Nachhallzeit beim gesprochenen Wort zu lang, verklingen einzelne Silben zu lange und überlagern sich. Die Verständlichkeit wird dadurch eingeschränkt, der Zuhörer kann der Sprache nicht mehr ohne Anstrengung folgen. Bei Musik bewirkt eine zu lange Nachhallzeit, dass die einzelnen Klänge so sehr verschmelzen, dass die Musik ihre Brillanz verliert. Ist die Nachhallzeit zu kurz, trägt der Raum nicht. Vor allem bei großen Räumen werden dann die hinteren Bereiche auditiv nicht mehr erreicht, da die Lautstärke zu gering ist. Die Halligkeit bezeichnet die Akustik eines Raumes. Sie wird von der Reflexions- und Absorptionseigenschaft der raum­ abgrenzenden Flächen und Raumelemente beeinflusst und durch die Dauer der Nachhallzeit charakterisiert. Die Zeit, die ein akustisches Signal nach dessen Absenden zum Abklingen benötigt, bestimmt den subjektiven, raumakustischen Eindruck des Hörenden in seiner räumlich-zeitlich-akustischen Ausdehnung.

AKUSTIK IST WOHLEMPFINDEN Eine gute Raumakustik erzeugt ein räumliches Wohlempfinden. Sie gibt dem Menschen innerhalb eines Raumes eine Orientierung, die ihm eine Fokussierung auf das Wesentliche ermöglicht. Die Tatsache, dass die akustische Raumgestaltung nicht nur unsichtbare Mittel einsetzt, sondern auch ästhetische und haptische Materialien und Raumelemente verwendet, zeigt das schöpferische Potenzial dieses Gestaltungsmittels. Das Faszinierende ist, dass dieser technische Baustoff, der physikalischen Normen unterliegt, eine sinnliche Komponente in sich trägt. Betritt ein Mensch einen Raum, nimmt er diesen mit all seinen Sinnen intuitiv wahr. Stimmt der akustische Eindruck nicht mit dem funktionalen Raumeindruck überein, wird dies als störender Faktor empfunden. Ein Privatraum, der aufgrund seiner Akustik keinen Raum für eine intime Unterhaltung ermöglicht, wird nicht als wohnlich erlebt. Der akustische Klang und dessen Gestaltung unterstreichen auditiv und visuell die Identität eines Raumes. Dieses identitätsstiftende Element kann jede erdenkliche Räumlichkeit widerspiegeln. Eine wohlklingende Raumakustik „umarmt“ den Menschen und schmeichelt seinen Sinnen. Akustik vermag geistige, seelische und emotionale Aktionen und Empfindungen in Gang zu setzen. Sie ermöglicht, erzeugt und strukturiert Wahrnehmungsprozesse, die die intellektuelle Rezeption von Informationen und emotionale Eindrücke einschließen.

Akustik in einem Bürogebäude ist für die Arbeitsräume genauso Thema wie für Konferenz- und Empfangsbereiche. New Office Design für das ICADE Premier Haus, München, Deutschland; landau + kindelbacher

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Die Geborgenheit dieser „Höhle“ wird durch die gefaltete perforierte Oberfläche akustisch unterstützt. Wellington Airport International Passenger Terminal (“The Rock”), Wellington, Neuseeland; Studio Pacific Architecture in Zusammenarbeit mit Warren and Mahoney

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AKUSTIK IST KOMMUNIKATION Die Akustik ist ein kommunikatives Medium. Ihre mediale Komponente zeigt sich in der Fähigkeit, ein Kommunikationskanal zu sein und Inhalte zu kommunizieren und selbst zu bilden. Dies unterstreicht das Potenzial, auf zeitgenössische Einflüsse und Bedürfnisse eingehen zu können. Eine Akustik, die die Funktion des Raumes unterstützt, ermöglicht eine interaktive, menschliche Kommunikation und eine Kommunikation zwischen Mensch und Raum. Eine wohlklingende Akustik erleichtert die intellektuelle Vermittlung von Informationen. Wenn der Hörende ohne Anstrengung informative auditive Signale empfangen kann und irritierende akustische Signale gar nicht erst entstehen, entspricht die Akustik der Funktion des Raumes. Flexible Akustikkonzepte ermöglichen innerhalb eines Raumes variierende, individuelle Nutzungen mit unterschiedlichen Ansprüchen an den Raumklang. Innerhalb eines Raumes können mehrere individuelle Klangqualitäten durch eine akustische Strukturierung integriert werden. Akustische Zonen lassen sich so nach inhaltlichen und funktionalen Aspekten differenzieren und unterschiedlichen Nutzungsanforderungen anpassen. Eine auditive Raumatmosphäre, die emotionales Wohlempfinden, intellektuelle Kommunikation, kreatives Arbeiten, aber auch kontemplative Ruhe ermöglicht, bereichert das Leben um visuelle, haptische und auditive Inspirationen und verleiht dem Raum eine emotional erfahrbare Dimension und Tiefe. Akustikkonzepte müssen auf individuelle Unterschiede der Menschen eingehen. Wenn beispielsweise innerhalb eines Raumes ruhige, introvertierte Personen mit lauten, extrovertierten Personen arbeiten und kommunizieren sollen, müssen sich beide Personengruppen in diesem Ambiente wohlfühlen. Der Akustikplaner sollte dann innerhalb des Raumes akustische Zonen schaffen, so dass jedem Menschen ermöglicht wird, seiner Persönlichkeit entsprechend zu interagieren und sich wohlzufühlen. Betrachtet man die Akustik unter kulturell inspirierten Aspekten, eröffnen sich unterschiedliche auditive Vorlieben und Muster, die wiederum unterstreichen, mit welcher Sensibilität ein Akustikkonzept entwickelt werden sollte und wie bedeutend der räumliche, kulturelle, soziale, politische und gesellschaftliche Kontext ist. Die Analyse unterschiedlicher Kulturen und Nationen zeigt, dass es, ohne komplexitätsreduzierende Klischees bedienen zu wollen, teilweise tatsächlich gravierende Unterschiede in Temperament und dadurch auch im Empfinden für Lautstärken in räumlichen Umgebungen gibt. In vielen Regionen der Welt wird eine hohe Lautstärke als normal, als Zeichen von Lebensfreude und Dynamik wahrgenommen, während dies wiederum in anderen Regionen als

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störende Lärmbelästigung empfunden wird. In südlichen Ländern wird beispielsweise eine lebendige Lautstärke als raumbildendes, raumcharakterisierendes Element in die Akustikplanung mit einbezogen oder einfach nicht durch entsprechende Maßnahmen „bekämpft“. In nördlichen Ländern dagegen wird sehr großes Augenmerk darauf gelegt, dass sich die Akustik der Funktion des Raumes anpasst und eine meist ruhigere auditive Atmosphäre geschaffen wird, die keine störende Geräuschkulisse entstehen lässt. Auch die unterschiedlichen Vorlieben der Menschen in ländlichen und urbanen Gebieten sollten bei der Planung einer gelungenen Akustik bedacht werden. Innerhalb der lauten Geräuschkulisse einer großen Stadt müssen Räume akustisch anders behandelt werden, als Räume in ruhigen, ländlichen Gebieten. Sollte in urbanen Räumen der treibende Rhythmus einer pulsierenden Stadt aufgenommen werden oder sollten eher Inseln der Ruhe und Kontemplation erschaffen werden? Erfordern ländliche Regionen eher dramatische Gegensätze zur Ruhe oder soll sich genau diese Ruhe auditiv in den Räumen widerspiegeln? Eine genaue Analyse der erwünschten Zielgruppe und der funktionalen Ausrichtung von Räumen ist für die Beantwortung dieser Fragen elementar wichtig. Regionale und kulturelle Eigenheiten spielen dabei neben individuellen Wünschen eine große Rolle. Der „Baustoff“ Akustik formt Räume und ermöglicht dem Menschen durch die auditive Zonierung eine bessere Orientierung im Raum. Gerade Arbeitsbereiche mit offenen Raumstrukturen erfordern Lösungen, die die unterschiedlichen Bereiche mit dem jeweils passenden Raumklang versehen, denn nur eine angemessene Akustik fördert Konzentration und Arbeitsqualität. Die akustikgerechte Gestaltung des Mobiliars ist wichtig, da so beispielsweise inmitten eines kommunikativen Raumes durch den Einsatz schallabsorbierender Materialien Ruheinseln errichtet werden können, die innerhalb eines großen Raumes Privatsphäre und Bereiche der Kontemplation und Ruhe ermöglichen. Der Raumklang definiert also unterschiedliche Nutzungsbereiche auditiv. Die offene Raumstruktur moderner Arbeitswelten erfordert dementsprechend flexibel veränderbare Akustikkonzepte. Schalldämmkabinen oder akustisch abgeteilte Telefonzellen und spezielle Möbel bieten differenzierte Nutzungen. Ein offener Arbeitsbereich mit kurzen Wegen der Kommunikation und Teamarbeit führt zu einer Geräuschkulisse, die den Arbeitsprozess oft verlangsamt, anstatt diesen zu beflügeln. Daher müssen einzelne Raumelemente visuell und haptisch so gestaltet werden, dass flexible akustische Räume innerhalb des Arbeitsbereiches entstehen, die Konzentration, Kommunikation, Entspannung, Arbeitsqualität und Kreativität ermöglichen. In solchen Räumen sollte die Nachhallzeit kurz sein und schallreflektierende Raum­ elemente sollten mit schallabsorbierenden Materialien verkleidet werden.


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Sprayjob: Rasterdecken-Standard sorgt für die nötige Akustik – das Mobiliar billiges Vintage, standard-bürograu gesprüht, für außergewöhnliches Office-Design.

Der Konferenzraum verfügt über die angemessene Akustik.

Office 03, Amsterdam, Niederlande; i29 interior architects

Norton Rose, Frankfurt am Main, Deutschland; 100% interior Sylvia Leydecker

Kopfhörer oder Baffeldecke – beides hilft der Hörsamkeit. Google Engineering Headquarters, London, England; Penson

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A K U S TI K

AKUSTIK-DESIGN UND INNENARCHITEKTUR

Ein weiterer ästhetischer Aspekt in der Entwicklung eines Akustikkonzepts ist die Frage, ob klangliche Elemente sichtbar oder unsichtbar im Design des Raumes integriert werden. So hat die Formgebung von Wand, Boden und Decke einen entscheidenden, aber unter Umständen unmerklichen Einfluss auf die akustische Raumwirkung. Sichtbar in den räumlichen Ausbau integrierte, akustisch wirksame Oberflächen können dagegen einen Fokus setzen. Das Gleiche gilt für schallabsorbierende, schalldämmende oder schallzerstreuende Materialien: Unsichtbar im Design eingegliedert, wirken sie auf subtile Weise und ordnen sich der Gestaltung und der Nutzungsfunktion des Raumes unter. Sichtbar, in engem Zusammenspiel mit den architektonischen Elementen, kreieren sie selbst den visuellen Charakter eines Raumes. Die akustische Gestaltung wirkt dann stil- und raumbildend.

Jede Raumfunktion erfordert ein spezielles Akustikkonzept. Ist Sprache oder Musik im Fokus? Soll der Raum beruhigend wirken? Soll er ein kreatives Arbeitsklima fördern oder eher eine konzentrierte ruhige Raumatmosphäre schaffen? Wird der Raum öffentlich oder privat genutzt? Erfüllt er nur eine Funktion oder muss er multifunktional einsetzbar sein? Dies sind einige der Fragen, die bei der Entwicklung eines Raum- und Akustikkonzepts bedacht werden sollten. Einem wohlklingenden Akustikkonzept stehen mannigfaltige Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung. Je nach Bearbeitung und Einsatz der akustischen Materialien und Raumelemente ist die Klangwirkung unterschwellig oder bewusst wahrnehmbar. Materialien, die die Akustik beeinflussen, bieten, aus der Restriktion der seriellen Anfertigung gelöst, ein großes ästhetisches Gestaltungspotenzial. Perforierte Oberflächen bieten als wichtiges akustisches Werkzeug vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten, wenn hinter ihnen Absorptionsflächen untergebracht werden. Die Gestaltungsmöglichkeiten perforierter Oberflächen sind enorm. Bereits mit minimalem Aufwand kann eine unscheinbare Gipskartondecke in ein individuelles Raumelement verwandelt werden. Die Perforationen kreieren hierbei ein Muster, das die Identität eines Raumes maßgeblich mitbestimmt.

Die akustische Gestaltung des Bodens beispielsweise ist für eine angenehme Raumatmosphäre von großer Bedeutung, da der Boden im Gegensatz zur Decke vom Menschen haptisch erlebt wird. Beim Gehen über einen harten Bodenbelag produziert der Mensch Töne, die die Raumakustik beeinflussen. Um diese Töne zu eliminieren, werden Böden mit absorbierenden Materialien versehen, die den Schall dämmen. Weiche Teppichbeläge haben eine schallabsorbierende Wirkung, schmeicheln dem Auge und vermitteln durch eine angenehme Haptik Gemütlichkeit. Kein Mensch zieht dann allein durch das Überschreiten eines solchen Bodens ungewollt die Aufmerksamkeit auf sich, da der Schall der Schritte fast vollkommen gedämmt wird. Durch den Einsatz harter Bodenbeläge kann natürlich auch der gegensätzliche Effekt erzielt werden und so der Fokus auf den Boden und den darüber schreitenden Menschen gelegt werden.

Ebenso spielt die Formgebung einzelner Raumelemente für die akustische Raumwirkung eine große Rolle. Ebene Flächen etwa streuen den Schall anders als gewellte Flächen. Harte Oberflächen reflektieren den Schall, während weiche Oberflächen den Schall absorbieren. Interessant bei der akustischen Bearbeitung eines Raumes ist das spannungsvolle Zusammenspiel unterschiedlicher Texturen mit unterschiedlichen Klangqualitäten. Der Kontrast verschiedener haptischer Materialien bietet zahlreiche Möglichkeiten des Oberflächendesigns. Weich und hart, laut und leise, grob und fein, Stoffe, Leder, Teppich, Marmor, Holz, Metall: Solche unterschiedlichen Texturen und Texturqualitäten beeinflussen in zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten den Raumklang und seine ästhetische Ausformung.

Das Gestaltungsmittel Akustik stiftet Identität, indem es ein auditives Symbol für die ästhetische und funktionale Bedeutung eines Raumes entwirft. Über klangliche und ästhetische Mittel ist die Akustik in der Lage, darüber hinaus seine Besonderheit zu unterstützen.

Akustisch wirksame Paravents. Flex, Sado, Japan; Ply Project – Kenichi Sato, Material – Takizawa Veneer Co., Herstellung – Takumi Kohgei Co.

Die Entwicklung eines passenden Akustikkonzepts erfordert einen interdisziplinären Planungsprozess: Architekten, Akustiker, Elektroplaner, Innenarchitekten, Medienplaner und Nutzungsplaner sollten in einem frühen Stadium des Entwurfs ihre Kompetenzen vereinen. Die interdisziplinäre Planung verdeutlicht die Komplexität des Baustoffes Akustik: Mannigfache Möglichkeiten, mannigfache Anforderungen. Perforierte Oberflächen, Bespannungen, Vorhänge, Oberflächenmaximierung, Akustikputz, Rasterdecken, Deckensegel und Baffeldecken sind nur wenige der zahlreichen Möglichkeiten, die Akustik eines Raumes zu gestalten und zu lenken.

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A K U S TI K

Akustisch wirksame Verkleidungen, die für vielerlei Arten von Events funktionieren müssen, in einem Veranstaltungsraum. Hilton Frankfurt Airport Hotel, Frankfurt, Deutschland; JOI-Design

Blubb: Die Streuloch­ akustikdecke dieses Warteraums wurde als gestalterisches Element in das Thema „Unterwasserwelt“ eingebunden. Kinderzahnarztpraxis „Zahnarium”, Dres. Stammen & Partner, Grevenbroich, Deutschland; 100% interior Sylvia Leydecker

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LI C HT, R AU M LU F T U N D A K U S TI K

Im Gespr채ch: Die Kantine des Verlages verf체gt 체ber eine akustisch wirksame Decke aus mikroperforierten Aluminiumspiegeln, auf schallabsorbierendem Tr채germaterial aufkaschiert. Kantine DER SPIEGEL, Hamburg, Deutschland; Ippolito Fleitz Group

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LI C HT, R AU M LU F T U N D A K U S TI K

BEISPIELE FÜR DEN EINSATZ DER TECHNISCHEN GESTALTUNGSMITTEL

zueinander abgehängten Ronden aus mikroperforiertem, matt geschliffenem Aluminium, kaschiert auf schallabsorbierendem Trägermaterial. Die natürliche Lichtatmosphäre in der Kantine reagiert damit auf ihre Umgebung. Die Decke bietet funktionale Vorteile: Der Bereich über den Deckentellern wurde samt der notwendigen Haustechnikinstallation schwarz ausgeführt und damit unsichtbar gemacht; Drallauslässe und Sprinkler verschwinden visuell. Die Oberdecke wurde zusätzlich schallabsorbierend ausgeführt, um die mikroperforierten Teller in ihrer akustischen Wirkung zu ergänzen. Die Deckengestaltung vereint somit ästhetische Aspekte mit funktionalen Aspekten. Sie kreiert identitätsstiftende Elemente, nimmt den räumlichen Kontext der Umgebung auf, verbessert die Akustik durch den Einsatz schallabsorbierender Materialien und durch Oberflächengestaltung und schafft einen Glanzpunkt, der dem Auge durch warme Lichtreflexionen schmeichelt.

Eine integrierte Gestaltung der Raumelemente, der kunstvolle Einsatz von Licht, Raumluft und Ästhetik, eröffnet neue Perspektiven, indem der Raum über seine Grenzen hinweg eine endlose Zahl an möglichen Blickwinkeln kreiert. Wie hier beschrieben, bewirkt der Einsatz der technischen Gestaltungsmittel Licht, Raumluft und Akustik, dass die Aussage von Räumen unterstützt wird und durch Führung, Schichtung und Zonierung wahrnehmbar gemacht wird. Darüber hinaus verfügen diese Baustoffe über das gestalterische Potenzial, Räume mit identitätsstiftenden Elementen zu versehen. Die folgenden beiden Fallbeispiele beschreiben die ästhetischen Qualitäten dieser drei Baustoffe des technischen Ausbaus näher.

Großzügige Lichtschalen zonieren den Raum durch ihre intensive Farbigkeit. Die Farben sorgen auch an grauen Tagen für eine positive Atmosphäre im Raum. Durch dimmbare Pendelleuchten, die sich direkt über den Tischen befinden, kann das Beleuchtungsniveau stufenlos reguliert werden. Am Abend verwandeln sich die Lichtschalen in indirekt beleuchtete Lichtobjekte. Die Grundstimmung in der Kantine wird durch das warmweiße „Ambient Light“ der Pendelleuchten erzeugt. Indirektes Licht in ausgewählten Pendelleuchten beleuchtet dezent die Taler an der Decke. Fokussierte Downlights, versteckt in der Decke platziert, ergänzen durch akzentuiertes Licht die differenzierte, hochwertige Grundstimmung. Deckenintegrierte Wandfluter erhellen gleichmäßig die Wandflächen. Sie sorgen für ein ausgewogenes Verhältnis von horizontalen und vertikalen Beleuchtungsstärken und optimieren das abendliche Raumgefühl – auch als Spiegelung in den Glasflächen.

KANTINE DER SPIEGELGRUPPE IN HAMBURG Die Baustoffe Licht, Raumluft und Akustik unterstützen den besonderen Charakter der Mitarbeiterkantine des Verlagsgebäudes der SPIEGEL-Gruppe in der Hamburger HafenCity. Die Deckengestaltung vereint Funktion mit Ästhetik. Die funktionelle Komponente der Decke versteckt den gesamten technischen Apparat, Sprinkleranlage, Medientechnik, Licht, Raumluft und Akustik. Die ästhetische Komponente stiftet Identität und schafft einen Bezug zum Außenraum. Die Mitarbeiterkantine war und ist – nicht zuletzt auch wegen ihrer prominenten Lage im Gebäude und der starken Wirkung nach außen – eine Visitenkarte des Unternehmens SPIEGEL, die seine journalistische Philosophie genauso wie seine Gesprächskultur widerspiegelt. Der Grundriss der Kantine beschreibt einen großen, polygonalen Raum, dessen starke horizontale Wirkung durch das an zwei Seiten durchgehende Fensterband noch verstärkt wird. Wegen der Größe des Raumes galt es den Eindruck eines monotonen seriellen Aufbaus und von Austauschbarkeit zu vermeiden. Stattdessen ging es darum, die beim SPIEGEL über Jahrzehnte gewachsene Gesprächskultur beim Essen abzubilden. Die Mitarbeiterkantine ist ein Treffpunkt, ein Ort der Kultur und des informellen Meinungsaustauschs. Gleichzeitig waren alle funktionalen Aspekte wie Erreichbarkeit und Übersichtlichkeit zu gewährleisten.

Die runden, kommunikativen Tische bestehen aus einem schwarz gepulverten Stahlgestell, das in einer weichen Bewegung aus dem Boden zu wachsen scheint. Als Tischplatte wird eine Granitplatte aufgesetzt, die eingelaserte Rasterung auf der Oberfläche sorgt in Verbindung mit der Deckenleuchte für blendfreies brillantes Licht. Die Tische sind in drei großen Gruppen in freier Anordnung im Raum platziert und setzen so dem polygonalen Grundriss ein organisches Statement entgegen. Die Bewegungszonen sind dabei eindeutig erkennbar. In den fugenlosen Boden aus weißem Terrazzo sind drei Linien eingelassenen: Sie geben den Tischen entlang der Laufzonen Halt und dem Raum eine visuelle Struktur. Entlang dieser Linien ist in vier Bereichen ein abnehmbarer leichter Raumfilter aus weißen, vertikal abgependelten Stäben angeordnet, der das Raumluftklima beeinflusst und visuell ansprechende, transparent abgetrennte Zonen schafft.

Da der Raum flexibel nutzbar sein muss, bietet sich die Deckengestaltung als das identitätsstiftende Moment der Kantine an. Dementsprechend sowie der Assoziation aus der Lage am Hafen folgend, wurde eine matt schimmernde Decke entwickelt, die ähnlich wie Wasser das Licht reflektiert. Sie besteht aus 4203 im leichten Winkel

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INFORMATIONSTECHNOLOGIE LARS GRAU

Digitale Vortragstechnologien sind selbstverständlich. New Office Design für das ICADE Premier Haus, München, Deutschland; landau + kindelbacher

Informationstechnologie durchdringt alle Lebensbereiche einer Informationsgesellschaft. In dieser Art von Gesellschaft leben die meisten von uns. Daher ist klar, dass die Informationstechnologie großen Einfluss auf unseren Alltag hat, wie es sich auch sehr deutlich in der Innenraumgestaltung abzeichnet. Die Integration von Medien und Technologie erfordert eine enge Abstimmung zwischen Architekten, Raumgestaltern, Ingenieuren für die Automatisierung von Wohngebäuden, Medienfachleuten und Handwerkern. Da Technologie und Medien immer weiter in Innenräume, Mobiliar, Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Geräte und Materialien vordringen, erscheint eine genauere Betrachtung des Einflusses der Informationstechnologie aus Sicht des Innenarchitekten geboten.

Die Informationsgesellschaft „ist eine Gesellschaft, in der die Produktion, Verteilung, Verbreitung, Nutzung, Integration und Beeinflussung von Informationen zu den bedeutenden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aktivitäten gehört. Ziel der Informationsgesellschaft ist die Gewinnung eines internationalen Wettbewerbsvorteils durch Nutzung der Informationstechnologie auf kreative und produktive Weise.“ 1 Dabei beschränkt sich die Informationstechnologie nicht nur auf das Internet. Vielmehr ist dies der übergeordnete Begriff für die Verarbeitung von Informationen und die hierfür erforderliche Hard- und Software. Auf diesem Gebiet sind auch aktuelle und zukünftige Mensch-Computer-Schnittstellen (Human-Computer Interfaces, HCI) genauer zu betrachten.

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Die Informationsgesellschaft, wie sie sich seit den 1970er Jahren entwickelt hat, führt zu einer grundlegenden Veränderung der Art und Weise des Funktionierens von Gesellschaften. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat die Informationstechnologie viele Bereiche unseres Lebens transformiert. Es kam zu einem tiefgreifenden Wandel der Art und Weise unserer Nutzung digitaler Medien und der Interaktion mit unserem Umfeld. So hat sich die Gestaltung von PKW-Innenräumen im Laufe der vergangenen 40 Jahre im Hinblick auf die Möglichkeiten der Nutzerinteraktion völlig verändert: Während das Auto noch in den 1970er Jahren nur über wenige und physische Schnittstellen für grundlegende Funktionen verfügte, sind die Fahrzeuge von heute mobile Supercomputer, in denen der Fahrer von einer überwältigenden Zahl von Steuerelementen umgeben ist, darunter physische Schnittstellen, Sprachsteuerungen und berührungsempfindliche Elemente, die in multimodaler Interaktion zu gleicher Zeit bedient werden sollen. Auch interagiert das Auto von heute nicht nur mit Geräten wie beispielsweise Mobiltelefonen; es kommuniziert darüber hinaus mit anderen Fahrzeugen und Diensteanbietern. Dies führt unter anderem zu deutlich zuverlässigeren Stauvorhersagen und einem höheren Sicherheitsstandard.

Klar ist, dass neue Technologien nicht entstehen, weil wir sie brauchen, sondern weil wir in der Lage sind, sie zu erfinden. Die Frage lautet daher: Was ist sinnvoll? Und genau an dieser Stelle sind Designer gefragt. Ihre Rolle besteht darin, vorhandene Technologien auf vernünftige Art und Weise einzusetzen, um die bestehenden Bedürfnisse der Nutzer zu erfüllen. Klaus Krippendorff führt dazu aus: „Die Etymologie von Design geht zurück auf das lateinische ‚de‘ + ‚signare‘ und bedeutet, etwas herzustellen, es durch ein Zeichen unterscheidbar zu machen, ihm Signifikanz zu verleihen, seinen Bezug zu anderen Dingen, Besitzern, Nutzern oder Gottheiten zu bezeichnen. Ausgehend von dieser ursprünglichen Bedeutung könnte man sagen: Design heißt, Sinn zu stiften (den Dingen Sinn zu geben).“4 Insbesondere auf dem Gebiet der Innenarchitektur eröffnet die Informationstechnologie bisher ungeahnte Möglichkeiten. Die Technologie kann unseren Alltag positiv beeinflussen, indem sie seine Qualität steigert, mehr Komfort, Sicherheit und Effizienz schafft und dabei Instandhaltungszeiten, Kosten und Umweltverschmutzung reduziert. Letztlich hängt aber doch alles vom Nutzer – vom Bewohner – ab. Technische Systeme werden fortwährend komplexer, während ihre Bedienbarkeit immer einfacher werden muss, damit sie von den Menschen angenommen werden. Diese Binsenweisheit ist eine geradezu logische Nebenwirkung der Informationsgesellschaft: Die Menschen sind überfordert angesichts der Menge und Vielfalt an Informationen und Technologien. Da die Technologie für den Endanwender auch nicht mehr durchschaubar und begreifbar ist, benötigt er effiziente, gut funktionierende Lösungen, weil er zur Reparatur gar nicht mehr in der Lage ist. Also ist auf der Technologie aufbauender Komfort nötig, der durch das Design bereitgestellt wird.

Eine der Haupttriebkräfte dieses Wandels ist die fortschreitende Miniaturisierung und Vernetzung von Technologien. Dies ist es, was heute die Integration der Informationstechnologie in Gegenstände des täglichen Gebrauchs, in Textilien und andere Materialien ermöglicht. Diese Technologie entwickelt sich fort von einzelnen, stationären Geräten, die zurzeit noch unser Leben bestimmen, in eine Zukunft, in der sie allgegenwärtig und unsichtbar präsent sein wird als ständig verfügbare virtuelle Umgebung, die unsere physische Umwelt um neue Aspekte und Funktionen ergänzt. Lösungen mit hohem Integrationsgrad – wie in Kleidung eingearbeitete Computer – stehen für diesen Trend. Diese Vision der allgegenwärtigen und tiefgreifenden Informationsverarbeitung ist heute recht gut verstanden und zu einem breit angelegten Forschungsthema geworden: als „Internet der Dinge“. Der Begriff des Ubiquitous Computing beschreibt eine „unsichtbare, allgegenwärtige Informationsverarbeitung, die nicht an ein wie auch immer geartetes persönliches Gerät gebunden ist, sondern uns überall umgibt.“2 Mark Weiser, Informatiker und Forscher am Palo Alto Research Center, sah diese (R)evolution bereits vor 25 Jahren voraus, als er ausführte: „Im 21. Jahrhundert wird sich die Technologierevolution in den Alltag, in das Kleine und Unsichtbare verlagern.“3

See me: Gäste erwarten selbstverständlich mediale Vernetzung und digitale Kommunikationsmöglichkeiten während des Aufenthalts. W Hotel, London, England; Concrete Architectural Associates

Nichts Neues also? Das Neue liegt wohl darin, dass wir gerade erleben, wie die Utopie tatsächlich zur Wirklichkeit wird. Viele nehmen diese entstehende Realität in gewissem Maße als Bedrohung wahr – oder fragen zumindest, ob wir einen solchen Grad an „Komfort“ wirklich benötigen. Brauchen wir Kaffeetassen, die uns die genaue Temperatur der in ihnen enthaltenen Flüssigkeit anzeigen, oder Sitzmöbel, in denen wir unsere Mobiltelefone aufladen können?

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I N FO R M ATI O N S TEC H N O LO G I E

SMART HOME

Der Smart-Home-Markt wächst und wandelt sich fortlaufend mit den steigenden Bedürfnissen der Nutzer im Hinblick auf Komfort und vernetzte Lösungen im Wohnumfeld.7 Während er anfangs von Premium-Lösungen dominiert war, streben nun zahlreiche junge, innovative Unternehmen in den Massenmarkt und in das Do-It-Yourself-Segment und bieten einfache, kabellose Plug-and-Play-Produkte an. 8 Verschiedenste Anbieter drängen in den Markt. Smart Home ist und bleibt ein komplexes Thema – insbesondere für die Anwender. Das Problem liegt wie so oft in der Standardisierung. Gegenwärtig ist die Smart-Home-Debatte von technologischen Gesichtspunkten der Standardisierung geprägt. Die nächste echte Herausforderung besteht jedoch in Bezug auf die Nutzererfahrung: Es braucht einfache, bequeme Anwenderschnittstellen, die für viele unterschiedliche Geräte passen.

Die Innenarchitektur steht gegenwärtig vor der Herausforderung, die physische mit der virtuellen Umgebung zu verbinden. Die Raumgestalter von heute und – ganz besonders – von morgen müssen in der Lage sein, sich mit komplexen technischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen und in interdisziplinären Teams Gestaltungsaufgaben wahrzunehmen, die Verbindung und Vernetzung schaffen, um so den reichhaltigen Nutzererfahrungen im privaten und öffentlichen Raum und am Arbeitsplatz Sinn zu verleihen. In den letzten Jahren sind Begriffe wie „Smart Home“ oder „vernetztes Haus“ immer populärer geworden. Smart-Home-Lösungen oder Systeme zur Automatisierung von Wohngebäuden sollen das Wohnen einfacher gestalten und mehr Lebensqualität, Komfort und Sicherheit bieten. Dafür gibt es zahlreiche Anwendungsbereiche. Eine sinnvolle Unterscheidung kann beispielsweise zwischen „Home-Entertainment“, „Energiemanagement“ und „Steuerungen im Haushalt“ getroffen werden. Der Bereich Home-Entertainment erfüllt die Bedürfnisse des Nutzers im Hinblick auf die Vielfalt der im Wohnumfeld gewünschten Medien, die in unterschiedlichen Geräten und an mehreren Orten verfügbar sind. Das Energiemanagement ist auf Fragen der Nachhaltigkeit, ökologische und ökonomische Aspekte ausgerichtet: Heizung, Lüftung, Klimatisierung, Stromverbrauch usw. Das Thema Steuerungen im Haushalt erstreckt sich auf alle Arten von Anwendungen rund ums Haus: Sicherheitssysteme, Lichtsteuerungen, elektronische Helfer im Wohnbereich... Anhand dieser Kategorisierung wird auch bereits die Hauptaufgabe deutlich: der Bedarf an Standardisierung.

Smart building – die digitale Kontrolle über das Eigenheim ist keine Science-Fiction mehr. Flexible Vernetzung im Smart Home mit batterieloser Funktechnologie; EnOcean

Wie in vielen anderen Fällen ist auch hier Nordamerika weltweit der größte Markt mit den meisten Anbietern und den technisch ausgereiftesten Lösungen. In Europa und insbesondere in Deutschland sind ganzheitlich ausgerichtete Smart-Home-Systeme noch nicht massenmarktfähig geworden, da die Nachrüstung in Bestandsgebäuden meist als zu aufwändig betrachtet wird. In Europa werden gegenwärtig nur 20 % der Smart-Home-Lösungen in vorhandenen Gebäuden installiert, 80 % dagegen in Neubauten. 5 Asiatische Anbieter agieren meist als Zulieferer für Unternehmen in den westlichen Ländern, wohingegen es auf dem Markt nur wenige europäische und amerikanische Marken gibt. In diesem Bereich wird China in naher Zukunft nicht zu den Hauptmärkten gehören, was auch auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen ist, da beispielsweise in Amerika der Wunsch nach Sicherheitssystemen viel stärker ausgeprägt ist als in Europa oder Asien, während die Einwohner asiatischer Länder drahtlose gegenüber kabelgebundenen Lösungen bevorzugen.6

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SMART HOME

STANDARDISIERUNG UND NUTZERERFAHRUNG Aus technologischer Sicht ist der Ansatz der „zentralen Intelligenz“ am vielversprechendsten: Ein „digitaler Butler“ verfügt über das Wissen über die im Haus vorhandenen Geräte und unterschiedlichen Kommunikationskanäle. „Er“ steuert die Verbindung der einzelnen Geräte mit unterschiedlichen Netzwerken, so dass geräteunabhängige Lösungen unterstützt werden. Bei diesem Verfahren ändert sich für den Anwender beim Austausch eines Geräts grundsätzlich nichts. In verschiedenen Ländern werden gegenwärtig derartige Systeme auf nationaler Ebene entwickelt. So hat in Deutschland ein Netz von Projektpartnern kürzlich einen technologischen Standard mit dem Namen „SerCho“ 9 entwickelt – ein softwarebasierter, modular aufgebauter „Werkzeugkasten“ zur Integration von Geräten in einem herstellerunabhängigen Netzwerk. Natürlich könnte das Hardware-Gerät, das alle anderen im Haus vorhandenen Geräte mit der Außenwelt verbindet (heute bekannt als „Router“ bzw. „Internet“), auch diese Funktion übernehmen. Ein führender Anbieter von Netzwerk-Hardware, Cisco, brachte kürzlich „CloudConnect“ 10 auf den Markt, einen Dienst, der dem Anwender „zu einem beliebigen Zeitpunkt und von einem beliebigen Ort aus den Zugriff auf das Heimnetzwerk ermöglicht“ – Ausgangspunkt für weitere Szenarien des vernetzten Wohnens. In naher Zukunft wird es keinen übergreifenden internationalen Standard für Smart-Home-Lösungen geben. Daher kommt es aus Anwendersicht vor allem auf Interoperabilität und leichte Bedienbarkeit der Geräte an. Große Technologieunternehmen mit einem breit gefächerten Angebot an Geräten für den digitalen Lifestyle neigen dazu, „geschlossene Ökosysteme“ zu entwickeln, in denen ihre eigenen Geräte sehr gut miteinander funktionieren, während „fremde“ Geräte ausgeschlossen sind. Solche geschlossenen Ökosysteme einzelner Anbieter der Smart-Home-Teilsegmente werden mit großer Wahrscheinlichkeit obsolet. An ihre Stelle treten offene Plattformen für eine Vielzahl von Geräten, mit denen Ökosysteme entstehen für die nahtlose, „ubiquitäre“ Vernetzung von Menschen, Geräten, Häusern und Fahrzeugen.

ANWENDUNGEN IM WOHNBEREICH In Wohngebäuden kommt mehr und mehr Informationstechnologie zum Einsatz, so dass sie die Form von komplexen Geräten mit enormem Funktionsumfang annimmt. Tom Rodden und Steve Benford11 beschreiben die Situation dahingehend, dass „neue Aufgaben hervortreten, die von den an ihrer Planung und Gestaltung Beteiligten aufgegriffen werden müssen.“ Rodden und Benford benannten vor zehn Jahren, 2003, drei verschiedene Kategorien von Geräten für ubiquitäre Anwendungen im Wohnumfeld: Informationsgeräte („Information Appliances“), interaktive Haushaltsgegenstände („Interactive Household Objects“) und Möbel mit integrierten Zusatzfunktionen („Augmented

Sturzprophylaxe: Bodenbeläge sind durch Sensoren und digitale Kommunikation in der Lage, zur Sicherheit von Bewohnern beizutragen, hier indem sie Stürze registrieren und melden. SensFloor; Future-Shape GmbH

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I N FO R M ATI O N S TEC H N O LO G I E

Furniture“) – eine sinnvolle Aufgliederung, die auch fast zehn Jahre später noch schlüssig erscheint: „Informationsgeräte sind autarke Geräte, die netzunabhängig sind und eine spezifische Funktionalität bieten12. Viele solcher Geräte im Wohnbereich entstanden dadurch, dass interaktive Funktionen mittels standardisierter Kommunikationseinrichtungen auf vorhandene Haushaltsgeräte ‚aufgesetzt‘ wurden. Beispiele hierfür sind der Internet-Kühlschrank 13, Handheld-Geräte und andere mobile Geräte14, die spezifische Formen der Interaktion unterstützen. Interaktive Haushaltsgegenstände führen interaktive Funktionen mit existenten Haushaltsobjekten zusammen, um neue Formen der Interaktion entstehen zu lassen. Diese knüpfen häufig an den mit den Objekten verbundenen kulturellen Werten an. Beispiele hierfür sind elektronisch aufgewertete Bilderrahmen mit neuen Anzeige- und Interaktionsmöglichkeiten15, die Hinzufügung neuer Kommunikationsfunktionen zu Pinnoder Notiztafeln16 sowie Tassen mit Zusatzfunktionen17. In Möbel integrierte Zusatzfunktionen machen Möbelstücke interaktiv. Zu nennen wären hier der interaktive Tisch DiamondTouch18 und Konzepte zur Funktionserweiterung von Schränken19 und Gartenmöbeln20. Die genannten drei Ansätze unterscheiden sich hinsichtlich der Wahrnehmbarkeit der digitalen Technologie und der Art und Weise, wie diese den Bewohnern zur Verfügung steht. Die Technologie ist bei Informationsgeräten am präsentesten; der Grad der Wahrnehmbarkeit reduziert sich bei Haushaltsgegenständen und Möbeln mit Zusatzfunktionen.“21

Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren. „Gebäude werden vor Ablauf ihrer Nutzungsdauer abgerissen, wenn veraltete Systeme zu fest mit ihnen verbunden sind, um auf einfache Weise ausgetauscht zu werden.“ Die räumliche Anordnung definiert „die Innenraumabfolge – also die Position von Wänden, Decken, Böden und Öffnungen. Dabei können in dynamischen Räumen Veränderungen schon im Dreijahresrhythmus vorgenommen werden. Eine besonders statische Umgebung kann über 20 oder 30 Jahre von Veränderungen unberührt bleiben.“ Die letzte Kategorie der Einrichtungsgegenstände ist schließlich einem fortwährenden Wandel unterworfen: „Stühle, Schreibtische, Telefone, Küchengeräte, Lampen, Haarbürsten: alle Dinge, die im Tages- oder Monatsrhythmus ihren Standort wechseln. Der italienische Begriff ‚mobilia‘ und das deutsche ‚Mobiliar‘ werden hier nicht ohne Grund verwendet.“ Brand benennt auch die Hierarchie dieser Kategorien: „Der Standort dominiert die Tragkonstruktion, diese die Gebäudehülle, die Hülle die Haustechnik, diese wiederum die räumliche Anordnung und letztere die Einrichtungsgegenstände.“22 Für die Errichtung und Instandhaltung dieser sechs Ebenen sind zumeist Fachleute erforderlich, also Architekten, Bauingenieure, Designer, Handwerker und so weiter. Obwohl der Informationstechnologie ab den frühen 1980er Jahren entscheidende Entwicklungen bevorstanden, erfasste Brand bereits zum damaligen Zeitpunkt, dass die einzelnen Ebenen miteinander verzahnt sind und dass etwa Geräte in der Kategorie Einrichtungsgegenstände eng mit der zugrunde liegenden räumlichen Anordnung verbunden sind. Nicht überraschend konzentriert sich die Innenarchitektur auf Aspekte der räumlichen Anordnung und der Einrichtungsgegenstände und lässt die Ebene der Haustechnik beiseite, obwohl gerade sie im Hinblick auf Interoperabilität und Vernetzung von den aus der aufkommenden Integration der Informationstechnologie resultierenden Veränderungen betroffen ist.

Wohnumgebungen unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt von Geräten und Fahrzeugen: Sie verändern sich mit den Nutzeranforderungen, sind offen für fortlaufenden Wandel. Dieser Umstand ist Gegenstand des von Stewart Brand entwickelten Modells, welches den Entwurfsprozess um eine interessante Perspektive ergänzt. Zum Verständnis des Wandels, dem Gebäude unterworfen sind, wird dieser hier in sechs Schichten klassifiziert: Standort, Tragkonstruktion, Gebäudehülle, Haustechnik, räumliche Anordnung und Einrichtungsgegenstände (im Englischen „die sechs S“: Site, Structure, Skin, Services, Space Plan, Stuff).

In die Innenraumgestaltung sind daher alle drei Schichten einzubeziehen, um eine überzeugende Nutzererfahrung zu schaffen, die dem ubiquitären Ansatz in der Wohnumgebung entspricht: Haustechnik, räumliche Anordnung und Einrichtungsobjekte. Dabei definiert die Haustechnik die technischen Kernfunktionen und dient als Grundlage, während die räumliche Anordnung eine flexible Infrastruktur für das Funktionieren der Einrichtungsgegenstände schafft und dabei den Bewohnern Anpassungen an ihre individuellen Bedürfnisse ermöglicht.

In diesem Zusammenhang bezeichnet der Begriff des Standortes „das geografische Umfeld, den Ort und das juristisch definierte Grundstück, dessen Grenzen und Zusammenhänge Generationen von Gebäuden überdauern.“ Der Standort bezeichnet eine relativ feste Größe. Die Tragkonstruktion bezeichnet „die Gründung und tragenden Bauteile, deren Veränderung mit hohen Kosten und Risiken verbunden wäre, also nicht vorgenommen wird. Diese Elemente ‚sind‘ das Gebäude. Die Lebensdauer der Tragkonstruktion reicht von 30 bis 300 Jahren.“ Der Begriff der Gebäudehülle bezieht sich auf „die Außenflächen“, die „heute etwa alle 20 Jahre verändert werden, um mit der Mode oder Technologie Schritt zu halten oder instandgesetzt zu werden.“ Die haustechnischen Anlagen sind der „Organismus des Gebäudes: Kommunikations- und Elektroleitungen sowie Sanitärinstallationen“, ebenfalls mit einer

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Ö FFE NTLI C H E R B E R E I C H

ÖFFENTLICHE BAUTEN UND GEWERBEBAUTEN

Öffentliche Umgebungen und gewerbliche Räume unterscheiden sich von Wohnbauten in wenigen, jedoch für unser Thema entscheidenden Punkten:

Im Vergleich zum Wohnen bilden öffentliche und gewerbliche Räume einen sehr viel breiteren Anwendungsbereich. Die Aussagen zur Integration der Informationstechnologie gelten jedoch auch hier gleichermaßen.

1. Die Nutzer verfügen über keine oder nur geringe Möglichkeiten der Kontrolle über die Infrastruktur. Diejenigen, die die Anforderungen definieren, sind nicht mit denjenigen identisch, die die Räume nutzen. Daher gestaltet sich die Ermittlung der tatsächlichen Bedürfnisse schwieriger, so dass Lösungen mit höherem Standardisierungsgrad bevorzugt werden.

Bei gewerblichen Räumen, insbesondere Unternehmenssitzen, muss hier zwischen Einzelhandel und Industrie unterschieden werden. Während Unternehmenssitze, Schulungszentren und Produktionsanlagen, große Einzelhandelsimmobilien, Einkaufszentren und Warenhäuser vorwiegend groß angelegte, standardisierte Lösungen für Teamarbeit, Marketing und Kommunikation erfordern, besteht gleichzeitig ein großes Potenzial für maßgeschneiderte, innovative Lösungen des „räumlichen Branding“ – also für Orte, die den Raum als Medium nutzen, um die Marke des Unternehmens darzustellen. Oft für Flagship-Stores, Verkaufsräume oder Markengeschäfte entwickelte Lösungen können ohne Weiteres auch auf das Umfeld von Unternehmensverwaltungen aller Art übertragen werden und sollten daher für Innenarchitekten, zumal wenn sie sich zu den „Digital Natives“ zählen, von großem Interesse sein. Die Markenwerte werden hier auf ganzheitliche Weise zum Ausdruck gebracht, um die Kundenbeteiligung zu intensivieren. Innovative Technologie ermöglicht hier eine Differenzierung von den allgegenwärtigen audiovisuellen Medien. Dies gilt auch für das Ausstellungs- und Eventdesign – für temporäre Räume ebenso wie für institutionelle Einrichtungen wie Museen.

2. Die Anforderungen an Datenschutz und Privatsphäre unterscheiden sich. Technologie kann auf personalisierte oder nicht personalisierte Weise eingesetzt werden. In öffentlichen Umgebungen kehrt sich das Verhältnis zwischen Szenarien mit nur einem einzigen Nutzer und Szenarien mit mehreren/vielen Nutzern im Vergleich zum Wohnumfeld um. Dies bedeutet, dass öffentliche Räume weitergehende Aufmerksamkeit bezüglich der Vereinbarkeit von privaten und öffentlichen Nutzerszenarien erfordern, darunter auch Fragen der Integration von Technologie. 3. An der Stelle der Bewohner stehen hier unterschiedliche Nutzergruppen mit vielschichtigen Bedürfnissen. So bestehen bei Mitarbeitern, Kunden, Patienten, Besuchern und Gästen aus dem Ausland unterschiedliche Nutzeranforderungen. Daher differieren die Nutzungsszenarien in Bezug auf Mitwirkung, Authentifizierung, Leistungsangebote und Information. Als Beispiel können hier die Bedürfnisse von medizinischem Personal, Patienten und Besuchern eines Krankenhauses genannt werden.

In öffentlichen Umgebungen zeigt sich ein anderes spezifisches Merkmal: der Bedarf an personalisierten Dienstleistungen. Dies ist der Fall im Gesundheitswesen (beispielsweise in Krankenhäusern, Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen, die elektronische Patientenakten führen und telemedizinische Geräte einsetzen) ebenso wie im Hotel-, Gastronomie- und Freizeitbereich (in Hotels, Cafés und Bars, Restaurants, Fitness- und Kureinrichtungen usw.). Ebenso gilt dies für institutionelle Einrichtungen wie Ämter, Kreditinstitute, Schulen und Universitäten, Museen und Kongresszentren.

4. Bei prinzipiell gleichen Anwendungsbereichen unterscheidet sich die Fokussierung je nach Art des Umfeldes. Je größer die Räumlichkeit, desto größer auch der Bedarf an Technologie für Gebäudeautomatisierung, Energieeinsparung, Sicherheit und Kommunikation. Dagegen spielt der Entertainment-Aspekt nur eine untergeordnete Rolle. 5. Schließlich gibt es in öffentlichen und gewerblichen Umgebungen potenziell eine größere Zahl von Schnittstellen als in Wohngebäuden. Schnittstellen sind das Kernthema des Entwerfers und können hier sowohl Menschen als auch Technologien sein. In öffentlichen Räumen und Gewerbebauten sind die Entwerfer gefordert, sich mit einer größeren Zahl sowohl von Beteiligten wie auch von technischen Schnittstellen auseinanderzusetzen. → 286

Die Herausforderung bei der Umsetzung einheitlicher Lösungen in öffentlichen Umgebungen liegt darin, dass wir zwar verschiedene virtuelle Identitäten annehmen, die wir extensiv publik machen, jedoch nicht wünschen, dass unsere reale Identität verbreitet wird. Daher erfordert die Interaktion in öffentlichen Umgebungen ein standardisiertes, sicheres und zuverlässiges Verfahren der Authentifizierung, das deutlich über den uns heute vertrauten Login hinausgeht.

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ANHANG

Frame; Niederlande

VERBÄNDE/ORGANISATIONEN

Häuser Das Magazin für Architektur und Design; Deutschland

Bund Deutscher Innenarchitekten bdia.de

Intramuros International Design Magazine; Frankreich

Bundesarchitektenkammer Deutschland www.bak.de

livingetc, uk The homes magazine for modern living; Großbritannien MD Interior, Design, Architecture; Deutschland Monitor; Polen Schöner Wohnen Europas größtes Wohnmagazin; Deutschland Wallpaper* Magazine: design, interiors, architecture, fashion, art; Großbritannien

ÜBER DIE HERAUSGEBERIN UND DIE AUTOREN SYLVIA LEYDECKER, Dipl.-Ing., ist praktizierende Innenarchitektin und führt das Büro 100% interior in Köln. Sie studierte Innenarchitektur an der Fachhochschule in Wiesbaden und der Universität Trisakti in Jakarta/Indonesien. Diplom 1996 in Wiesbaden. Vor ihrer Tätigkeit als Innenarchitektin sammelte sie langjährige internationale berufliche Erfahrung bei der Deutschen Lufthansa, mit vorangehenden längeren Auslandsaufenthalten in Manchester und Paris. Heute entwirft ihr Büro Corporate Interiors, arbeitet mit dem Schwerpunkt Gesundheitswesen, aber auch im Office- und Produktdesign. Ehrenamtlich ist sie als Vizepräsidentin für den Bund Deutscher Innenarchitekten (BDIA) und bei der International Federation of Interior Architects/ Designers (IFI) engagiert. Sie ist darüber hinaus Mitglied im Deutschen Designer Club (DDC) und der Architekten für Krankenhausbau und Gesundheitswesen (AKG). In erster Linie ist sie leidenschaftliche Innenarchitektin, außerdem Designerin und Autorin zahlreicher Publikationen. Mit dem Buch Nanomaterialien in Architektur, Innenarchitektur und Design (mit Vorworten von Harold Kroto und Michael Veith; Basel, Berlin, Boston: Birkhäuser, 2008) festigte Sylvia Leydecker ihren internationalen Ruf als Expertin für den Einsatz von Nanomaterialien in der gebauten Umwelt.

European Council of Interior Architecture www.ecia.net International Federation of Interior Architects / Designers www.ifi-world.org International Interior Design Association www.IIDA.org world-architects www.world-architects.com

MESSEN 100% design London, Singapur, Tokio www.100percentdesign.com ARCHITECT@WORK INTERNATIONAL , verschiedene Länder www.architectatwork.de Architektur Biennale, Venedig www.labiennale.org BAU, München www.bau-muenchen.com Clerkenwell Design Week, London www.clerkenwelldesignweek.com Design Miami, Miami / Basel www.designmiami.com EuroShop, Düsseldorf www.euroshop.de Furniture Fair, Stockholm www.stockholmfurniturefair.com Hong Kong Business of Design Week, Hongkong www.bodw.com ICFF International Contemporary Furniture Fair, New York www.icff.com imm cologne – The international furnishing show, Köln www.imm-cologne.com Interieur, Kortrijk www.interieur.be ISH, Internationale Messe Sanitär und Heizung, Frankfurt a. M. www.ish2013.com Light and Building, Frankfurt a. M. www.light-building.com Maison et Objet, Paris www.maison-objet.com NeoCon, Chicago www.neocon.com Orgatec Modern Office & Facility, Köln www.orgatec.com

NICE TO KNOW ACTIVATED SPACE, Internetblog für Design www.activatedspaceblog.com Archello – The Business Networking Platform for the Built Environment www.archello.com Architonic, The independent resource for architecture and design www.architonic.com BauNetz, Online-Architektur­ magazin www.baunetz.de Cool Hunter, Internetplattform für Architektur und Design www.theCoolhunter.com Design your way, Resources and Inspiration for designers www.DesignYourWay.net

MARK BLASCHITZ, geb. 1965 in Graz. 1988 Co-Gründer von SPLITTERWERK, Label for Fine Arts, deren Arbeiten mehrmals auf den Biennalen von Venedig und São Paulo, auf der documenta in Kassel und anderen Ausstellungen vertreten waren und vielfach preisgekrönt wurden. Mark Blaschitz studierte Architektur, Philosophie und Soziologie, er diplomierte an der Technischen Universität Graz in Architektur und Städtebau und unterrichtet seit 1989 Architektur, Städtebau, Kunst und Design. 2009 Vertretungsprofessur für raum&designstrategien an der Kunstuniversität Linz gemeinsam mit heri&salli und Berufung als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Dort seit 2010 Leitung des Lehrstuhls für Wohnbau, Grundlagen und Entwerfen. 2012 Professur am Centro de Estudios Superiores de Diseño de Monterrey (CEDIM) in Mexiko. Seit 2012 Dekan der Fachgruppe Architektur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

DESIGNSPOTTER, Internationale Online-Designplattform www.designspotter.com DETAIL , Online-Architekturund Bauportal www.detail.de Heinze Informationsplattform für Bauprodukte, Firmenprofile und Architekturobjekte www.heinze.de Kinetic Architecture, Internetblog zu kinetischer Architektur www.kineticarchitecture.net Stylepark, Internationale Online-Plattform für Design und Architektur www.stylepark.com TreeHugger, Online-Plattform für Design www.treehugger.com

Salone Internazionale del Mobile, Mailand www.cosmit.it

MICHAEL CATOIR, geb. 1966 in Essen, ist Industrial Designer. Nach einer Schreinerlehre studierte er Industrial Design, an der Folkwang Universität der Künste

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in Essen. Nach zweijähriger Zusammenarbeit mit Andrée Putman in Paris leitete er von 2000 bis 2008 das Interior Design and Styling Department im Studio Matteo Thun & Partners in Mailand. Seit 2008 betreibt er gemeinsam mit seiner Ehefrau Elisa Catoir das Studio Catoir, Mailand und Paris für Interior Design, Produkt- und Graphikdesign. Mit dem Schwerpunkt auf Wohnen und Hotels arbeitet das Studio Catoir im gesamten Spektrum von Objekten und Innenräumen bis zu Fassaden und Corporate Identity. JOANNE CYS ist Associate Professor für Interior Architecture und Leiterin der Lehre am Fachbereich Pädagogik, Künste und Sozialwissenschaften der University of South Australia, wo sie zuvor Leiterin der Forschung und Leiterin der Graduate Studies war. Sie ist Life Fellow des Design Institute of Australia und war 2008–2010 dessen nationale Präsidentin. 2011– 2013 Mitglied des Vorstands der International Federation of Interior Architects/Designers (IFI) und Mitvorsitzende von deren Global Interiors Education Open Forum (GIEOF). Sie vertritt ihr Land im Global Design Network (GDN) und in der Asia Pacific Space Designers Alliance (APSDA), ist Mitbegründerin des Australian Interior Design Awards Program und Convenor von dessen Jury seit der Gründung 2004. Zahlreiche internationale Vorträge, kuratierte Ausstellungen und Beiträge in Fachzeitschriften sowie mehr als 50 akademische und Konferenzpublikationen sowie Buchbeiträge. LARS GRAU ist Gestalter und Dozent mit Fokus auf interaktiven Technologien. Er ist Professor für Medien- und Kommunikationsdesign an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) in Hamburg und betreibt die User Experience Design Agentur MOKIK in Berlin. Seit 1999 arbeitet er in erster Linie an der Konzeption von ganzheitlichen Nutzererlebnissen für mobile Applikationen, Web-Anwendungen, digitales Fernsehen und Interaktion im Raum. Sein Schwerpunkt liegt an der Schnittstelle zwischen Strategie, Design und Technologie sowie auf dem Forschungsgebiet der eingebetteten Interaktion. Er ist regelmäßiger Referent und Jurymitglied beim jährlichen DDC Designpreis. SIMON HAMILTON, geboren in London, studierte Interior Design in Nottingham und ist seit mehr als 20 Jahren als Interior Designer tätig. Mit seinem Büro, Simon Hamilton & Associates in London, hat er seit 2002 eine weite Spanne von Projekten in den Bereichen Arbeiten, Wohnen, Einzelhandel und Gastronomie in Großbritannien und anderen Ländern realisiert. Als International Director


ANHANG

für das British Institute of Interior Design (BIID) ist er ein Botschafter für die besten Leistungen britischen Designs in der weltweiten Community. PETER IPPOLITO studierte Architektur in Stuttgart und Chicago. Während dieser Zeit war er als Assistent von Professor Ben Nicholson, Chicago tätig und sammelte praktische Erfahrungen im Studio Daniel Libeskind, Berlin. 1999 war er Gründungsmitglied von zipherspaceworks. Aus diesem Büro ging 2002 die Ippolito Fleitz Group hervor, die er seitdem gemeinsam mit Gunter Fleitz führt. Peter Ippolito übernahm 2001– 2002 eine Vertretungsprofessur an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und Lehraufträge an der Universität Stuttgart 2004– 2008 und der Fachhochschule Biberach 2009. Er war mehrfach Mitglied von Wettbewerbsjurys und ist ein gern gesehener Vortragsredner. CHRIS LEFTERI, geboren in London, studierte Industrial Design am Central Saint Martins College of Art and Design und schloss mit dem MA bei Professor Daniel Weil am Royal College of Art, ebenfalls in London, ab. Er gilt weltweit als Autorität auf dem Gebiet von Materialien und ihrer Anwendung im Design. Seine Arbeit und seine Publikationen haben den Blick der Entwerfer und der Materialindustrie auf die Materialien nachhaltig verändert. 2001 wurde das erste seiner acht Bücher über Materialien und ihre Anwendungen im Design veröffentlicht, die in sechs Sprachen übersetzt wurden (“Materials for Inspirational Design” series, RotoVision, 2001–2007; deutsch jeweils mit dem Untertitel „Material – Herstellung – Produkte“ bei avedition). Seitdem hat das Studio Chris Lefteri Design mit Großunternehmen und führenden Designstudios in Europa, den USA und Asien eine weite Spanne von Strategien für die wirksame Integration von Materialien in den Entwurfsprozess umgesetzt. KEES SPANJERS ist Innenarchitekt, er lebt und arbeitet in Amsterdam und New York. In Amsterdam leitet er das Büro Zaanen Spanjers Architects mit Schwerpunkt in Bauten für die Kultur und öffentlichen Innenräumen, deren Arbeit vielfach ausgezeichnet wurde, u.a. mit dem Architectural Record Interiors Award. Kees Spanjers war Präsident des European Council of Interior Architects (ECIA) und kooptiertes Vorstandsmitglied der International Federation of Interior Architects/Designers (IFI). Er ist Past President und heute Ehrenmitglied des Berufsverbands der niederländischen Innenarchitekten (BNI) sowie Verfasser zahlreicher Fachbeiträge und Mitglied internationaler Gremien und Jurys.

JOHANNES STUMPF, geb. 1963, lebt und arbeitet als freier Architekt in Berlin. Sein Büro beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Baumanagement komplexer Neubau- und Denkmalpflegeprojekte und berät im internationalen Rahmen Institutionen und Unternehmen zu Fragen der Nachhaltigkeit im Bauwesen. Als stellvertretender Vorsitzender des Landeswettbewerbsausschusses der Architektenkammer Berlin engagiert er sich seit 2007 im Wettbewerbs- und Vergabewesen. Seit 2008 entwickelt er im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit in der Entwicklungshilfe unter anderem in Rumänien und Georgien Konzepte für die Schulung lokaler Energieauditoren. Als Fachautor ist Johannes Stumpf für eine Reihe deutschsprachiger Architekturzeitschriften tätig.

LILIANE WONG, geboren in Hongkong, ist Professorin und Vorsitzende des Fachbereichs Interior Architecture an der Rhode Island School of Design, wo sie seit 1998 lehrt. An der Graduate School of Design der Harvard University schloss sie ihr Architekturstudium mit dem Magister ab und machte zuvor den Bachelor in Mathematik am Vassar College. Als eingetragene Architektin praktiziert sie in Boston, Massachusetts mit ihrem eigenen Büro MWA mit Schwerpunkt Bibliotheksbau; das Bibliotheksmöbelsystem Kore hat sie mit entwickelt. Vor dem Hintergrund ihrer ehrenamtlichen Mitarbeit in Suppenküchen betont sie in der Lehre das öffentliche Engagement von Architektur und Design. Liliane Wong ist Mitbegründerin und Mitherausgeberin des Int|AR Journal, das die praktische und akademische Erkundung nachhaltiger Umgebungen durch beispielhafte Umnutzungen zum Thema hat.

DR. MARINA-ELENA WACHS, geb. 1966, ist Diplom-Industriedesi­ gnerin, Damenschneidermeisterin und Schnittdirektrice und arbeitet als interne Unternehmensberaterin, freie Autorin, Kuratorin sowie Dozentin an Design- und Kunsthochschulen. Sie promovierte 2003–2007 an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) Braunschweig interdisziplinär in den Bereichen Design und Kunstwissenschaften über das Thema des Umgangs mit Materialien in Design, Kunst und Architektur (Material Mind, Hamburg: Dr. Kovac Verlag, 2008). 2010 wurde sie als Professorin für Designtheorie an die Hochschule Niederrhein berufen. In einer Zusammenarbeit von Architekten, Lichtplanern und Designern arbeitet sie in den Bereichen Leuchten- und Möbeldesign. Marina-Elena Wachs engagiert sich in Fachverbänden und -vereinigungen wie dem Deutschen Mode- Institut (DMI), dem netzwerk mode textil, der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF) und der britischen Design History Society. Zahlreiche Vorträge und Publikationen, darunter Nachhaltiges Textiles Design / Sustainable Textile Design, Hamburg: Schaff-Verlag, 2013.

Mir sind alle Bücher zu lang. Voltaire

DR. THOMAS WELTER, geb. 1969, ist Bundesgeschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten (BDA). Er studierte Volkswirtschaftslehre und Nordamerika­ studien an der Freien Universität Berlin, war als freier Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin sowie als Lehrbeauftragter an verschiedenen Lehreinrichtungen tätig. Nach der Promotion im Fach Wirtschaftswissenschaft zum Dr. rer. pol. im Jahr 2000 wurde er Referent für Wirtschaft in der Bundesarchitektenkammer e.V., 2002 Geschäftsführer der verbandseigenen D.A.V.I.D. Deutsche Architekten Verlags- und Informationsdienste GmbH und war zuständig für das Netzwerk Architekturexport (NAX). Zahlreiche Moderationen, Vorträge und Publikationen.

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Innenräume Entwerfen  

Die Gestaltung von Innenräumen steht an der Seite der anderen entwerfenden Fachgebiete als Aufgabe für alle, die sich mit der gebauten Umwel...

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