Bioterra Januar/Februar 2019

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G Ä R T N E R N

G E S T A L T E N

G E N I E S S E N

MARKTFRISCH EXKLUSIVE TOMATENSAMEN

FRÜHE BLÜTE EIN GANZER GARTEN VOLLER LENZROSEN

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E D IT O RIAL

IM TEA M

Liebe Leserin, lieber Leser Aus Lehm sollen wir gemacht worden sein durch einen göttlichen Baumeister. Wie man sich auch dazu stellt, das Zusammenwirken von irdischer Materie und himm­lischem Licht ist zweifellos die Basis des Lebens, in Gestalt eines fruchtbaren Bodens. Wäre er lediglich mineralisch zusammengesetzt, Urs Streuli wäre nicht viel heraus­zuholen aus purem Gartenberater Bioterra Lehm oder Sand. Eine Gartenerde, die nur aus mithilfe von Licht gebildeten pflanz­ lichen Stoffen besteht, ist ebenso einseitig. Hochbeetbesitzer singen am Bioterra-Beratungstelefon häufig ein Lied davon.

ATLANT BIERI Er beherrscht die Kunst, komplexe Inhalte einfach und unterhaltsam zu vermitteln. Wissenschaftsjournalist Atlant Bieri nimmt uns mit auf die Reise unter die Erde, in die Welt der Bodenlebewesen. Seite 26.

Lange bevor es auf dieser Erde gärtnernde Zweibeiner gab, mischten unter anderem Regenwürmer Humus und Lehm in ihrem Darm zu Krümeln. Ohne diesen Vorgang ist ein auf lange Zeit funktionierender Kreislauf zwischen pflanzlichem Wachsen und Vergehen nach wie vor nicht möglich. Etliche Jahrtausende später entdeckten in klimatisch gemässigten Zonen Menschen die Vorteile des Ackerns gegenüber dem Sammeln. Damit begann ein Konflikt: Nutzung versus Bodenfruchtbarkeit. Was im heutigen Einsatz von Maschinen, mineralischen Düngern und Pestiziden mündete, welche allesamt die Bodenfruchtbarkeit im Handumdrehen zerstören. Wenn ich mit diesem Wissen in meinen Garten gehe, stellt sich mir die Frage: Wie geht es der obersten Erdschicht? Tue ich alles, um ihre Fruchtbarkeit zu erhalten? Als Gartenberater möchte man ein Maximum an Erfahrung sammeln, um diese weitergeben zu können. Denn fast täglich beklagt sich jemand über schlechten Wuchs, wenig Ertrag, und dies trotz Kompostgaben, Mulchen und anderem mehr.

TOMATEN ÜBER ALLES Autorin und Bioterra-Ehrenmitglied Ute Studer hat mit der ehemaligen «Bioterra»-Chefredaktorin Doris Guarisco über ihre Leidenschaft zu Tomaten gesprochen. Und über ihr neues Buch, das ebenfalls Tomaten zum Thema hat. Seite 40.

Die Diagnose ist meist recht klar: Der Boden leidet unter einem Burn-out. Was? Jetzt auch der Boden? Ja, so ists. Wenn äusserlich nichts fehlt, die Leistungsfähigkeit aber stark sinkt, braucht die Gartenerde eine dreijährige Auszeit unter einem grünen Mäntelchen. Denn: Die Wiese ist die Mutter des Ackers. Das vielschichtige Thema «Lebendiger Boden» wird uns 2019 begleiten. Schwerpunktmässig in dieser Ausgabe, punktuell immer wieder in den kommenden Monaten.

Herzlich, Urs Streuli Gartenberater Bioterra

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ANDREA MENDLER Sie sagt von sich, sie sei eine Gartengeniesserin. Und Bio gehöre seit der Kindheit in ihr Leben. Angestellt im Zürcher Büro Häberli, hat die Grafikdesignerin unsere neue Serie «Vom Blatt zur Wurzel» illustriert. Seite 45.

TITELBILD: GABRIELA BRÄNDLE

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I NHA L T

BIO - UND N AT URG A R T EN

Gartenwissen Sorgfältige Bodenpflege, biologische Nährstoffe, Pflanzenschutz ........................................................ 4 Saison Acht Seiten aktuelle Gartentipps für Bio-, Naturgarten und Balkon ........................................................ 6 Frühe Blüte Zu Besuch im Helleborus-Garten von Barbara Scalabrin in Alten ZH ......................................................14

In den schönsten Farben und Formen blühen bei Barbara Scalabrin Lenzrosen. Wie es zu dieser Leidenschaft kam, warum die wenigsten einen botanisch präzisen Namen tragen und welchen Boden Hellebori brauchen, um sich zu vermehren, hat sie uns verraten SEITE 14

LEBENDIGER BODEN

Wunderwelt Wer unter der Erde lebt und was ein Gartenboden zum Gedeihen braucht ...................................................... 26 Das Gespräch Interview mit dem Agronomen und Biologen Paul Mäder (FiBL) zur langfristigen Bodenfruchtbarkeit .....................................................32

BODEN

GEMÜSEGARTEN

Tomaten Ute Studers Suche nach ganz besonderen Sorten. Mit Buch- und Saatgut-Angebot ..................................................... 40 NEUE SERIE:

Vom Blatt zur Wurzel Wie sich die Saison von Gemüse und Früchten verlängern lässt ...................................................... 45

Neue Serie Buchautorin Esther Kern über das zweite Leben des Kohls SEITE 45

Jahresthema Was Millionen von Bodenlebewesen unter der Erde leisten S E I T E 2 6

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Warum Bio-Böden noch nach 40 Jahren produktiv sind SEITE 32 .......................................... ..... . .............

REZEP TE

Urdinkel Judith Gmür-Stalders Rezepte und ihre Liebe zu diesem Getreide. Mit Angebot ...................................................... 48

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P OR T R ÄT

Bastiaan Frich Was den «Weltacker»-ProjektInitiator antreibt ...................................................... 54 RUBRIKEN Notizen: Ute Studers Seite....................... 24 Gartenberatung....................................... 39 Vorschau/Impressum....................................56 Bioterra leben........................................... 57 Leserservice/Bestelltalon........................ 60

Porträt Bastiaan Frichs Engagement für den «Weltacker» bei Basel SEITE 54

F O T O S : B E N E D I K T D I T T L I , K AT H A R I N A N Ü E S C H , S T E FA N WA LT E R , A N N A S C H R A M E K - S C H N E I D E R , ILLUSTRATION: ANDREA MENDLER

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Inspirationen Winterliche Rezepte mit Urdinkel, süss und pikant SEITE 48

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SAISON —

Leberblümchen – SEITE 8 Antreiben von Blütenzweigen – SEITE 9 Kiwi-Schnitt – SEITE 10 Kartoffeln im Karton – SEITE 11 Topinambur-Waffel-Rezept – SEITE 11 Säulenobst – SEITE 12 Samen sichten – SEITE 13 Von Ute Studer und Jochen Elbs-Glatz

Krokusse im Topf

VERBLÜHT – UND WAS NUN? Krokusse und andere vorgetriebene Frühblüher werden oft schon ab Januar im Handel angeboten. Sie erfreuen uns mit ihrer frühen Blüte und welken leider auch schnell wieder. Statt sie zu entsorgen, besser austopfen und bei frostfreiem Wetter in den Garten setzen.

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FOTO: GAP-PHOTOS

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S A I S ON

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Tipp des Biogärtners

PUFFBOHNEN ‘AGUA DULCE’ Buchtipp

NEUE PFLANZEN AUS GEMÜSEABFALL Regrowing – Nachzucht von Gemüse – ist das Thema dieses Buches. Es zeigt, wie man aus vermeintlichem Gemüseabfall neue Pflanzen ziehen kann. Romanasalat, Frühlingszwiebeln, Lauch oder Chinakohl treiben nach dem Abschneiden wieder aus und können als zweite Ernte genutzt werden. Andere Pflanzen wie Topinambur, Süsskartoffeln oder Meerrettich werden im Garten oder in Töpfen weiter kultiviert. Schon eine Fensterbank reicht aus, um einige der Gemüse-Experimente nachzumachen. Regrow your Veggies, M. Raupach, F. Lill, Ulmer-Verlag, Stuttgart 2018, Fr. 21.90, Bestelltalon Seite 63.

Adrian Bettschen von der Demeter-Gärtnerei Artha Samen empfiehlt Puffbohnen ‘Agua dulce’. Vica faba (Bild unten) sind sowohl in südlichen Ländern wie bei unseren nördlichen Nachbarn ein beliebtes Gemüse. In den letzten Jahren wurden sie auch in der Schweiz populär. Je früher die Puffbohnen in die Erde kommen, desto widerstandsfähiger und standfester werden sie. Sie gedeihen selbst auf schweren, feuchten Böden. Ab Ende Februar Erde mit Kompost versorgen, dann mit Aussäen beginnen – spätere Aussaaten verlausen leicht: Rillen von 4 bis 6 cm Tiefe ziehen, alle 10 bis 15 cm eine Bohne hineinlegen. Zwischen den Reihen 40 cm Abstand lassen. Rillen mit Erde bedecken. Sind die Bohnen etwa 40 cm hoch, werden sie angehäufelt. Geerntet wird drei Monate nach der Aussaat. Adrian Bettschen, Artha-Samen-Gärtnerei Münsingen, www.arthasamen.ch

Kornelkirschen

FRÜHER NEKTAR FÜR INSEKTEN Die einheimische Kornelkirsche Cornus mas öffnet ihre gelben Büschelblüten in günstigen Lagen noch im Winter, bereits Ende Februar. Ihr süsser Honigduft lockt erste Insekten an, die auf der Suche nach Nektar sind. Je nach Witterung kann die Blüte bis zu vier Wochen dauern.

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S A IS ON

Hepatica nobilis

GEFÄHRDETES LEBERBLÜMCHEN In der freien Natur sind die ab März erscheinenden, hübschen Blaublüher bereits zu seltenen Kostbarkeiten geworden und stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Daher sollte man die Leberblümchen keinesfalls pflücken oder gar am Naturstandort ausgraben.

Duftwicken

VORZIEHEN FÜR FRÜHE BLÜTE Wer sich eine Wolke von lilablauen Blüten wünscht, kann die duftenden Dauerblüher ab Ende Februar in speziellen Sorten auf der Fensterbank vorziehen. Werden die Samen der Duftwicken Lathyrus odoratus mindestens 24 Stunden in Wasser vorgeweicht, erhöht sich die Keimrate. Danach werden die Körner 2 cm tief in Töpfe mit Aussaaterde gedrückt. Besonders schöne, duftende blaue Blüten zeigen die Sorten ‘Blue Ripple’ in zartem Blau bis zu Creme-Tönen (Bild), ‘Matucana’, eine alte Sorte mit violett-dunkelblauen Blüten, sowie die zart blauviolett-rosafarbene ‘Ballerina Blue’.

Gartenkids

LEUCHTENDES MINI-IGLU Nur wenn der Schnee nass ist und gut zusammenpappt, lässt sich damit auch etwas bauen. Für das leuchtende Mini-Iglu wird mit einer Kehricht- oder Schneeschaufel zunächst ein Hügel gemacht. Die Höhe des Bergs hängt von der Ausdauer der Kinder und von der vorhandenen Schneemenge ab. Schnee gut festklopfen, damit er kompakt zusammenhält. Dann vorsichtig aushöhlen, sodass Teelichter hineingestellt werden können. Mit Ästen sorgfältig zusätzliche Löcher ins Iglu stechen, aus denen dann das Kerzenlicht strahlen kann. Mit Zapfen, Hagebutten, kleinen Steinen oder Stöckchen zusätzlich noch Muster auf den Schneeberg zeichnen und sich so lange daran freuen, bis das Iglu wieder geschmolzen ist.

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Buch

GEMÜSE AUS GROSSMUTTERS GARTEN Ein Bilderbuch für Kinder, die gärtnern wollen. Die kleine Sophie kennt Gemüse zuerst nur aus dem Supermarkt. Dann aber verbringt sie häufig Zeit bei den Grosseltern und lernt in deren Garten, was alles zu tun ist, damit man schmackhafte Erbsen, Mais, Kartoffeln, Tomaten, Peperoni und Gurken ernten und essen kann. Sie sät Radieschen, pflanzt Salate, darf mulchen und giessen. Sie erlebt das ganze Gartenjahr und beobachtet auch Marienkäfer und Regenwürmer. Dieses wunderschön illustrierte Büchlein steckt voller reizender Details und macht Kindern Lust auf eigenes Gärtnern. Was wächst denn da? Gerda Müller, Verlag Beltz&Gelberg, 2018, Fr. 10.90, Bestelltalon Seite 63.

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FOTO: GAP-PHOTOS, ILLUSTRATION: ANNA-LEA GUARISCO

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S A I S ON

Buch

VOM UMGANG MIT UNGELIEBTEM WILDKRAUT Entfernen oder wachsen lassen? Sind Unkräuter Vagabunden ohne Grenzen, Wildpflanzen mit wertvollen Inhaltsstoffen oder fleissige Gartenhelfer? Viele Anregungen und Profitipps in diesem Buch zeigen auf, wie man mit den ungebetenen Gästen im Garten am besten umgeht. Unkraut kann als Zeigerpflanze für die Bodenbeschaffenheit agieren, man kann die Unkräuter im Garten kennenlernen und Gegenstrategien entwickeln oder mit biologischen Mitteln und speziellen Gartengeräten den Wildwuchs in Schach halten. In ausführlichen Porträts erfährt man mehr über diese wenig populären Gartenbewohner. Das Unkrautbuch, Erkennen – Nutzen – Entfernen, Jutta Langheineken, blv–Verlag, München 2018, Fr. 18.90, Bestelltalon Seite 63.

Januarfreuden

BLÜTENZWEIGE ANTREIBEN

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Muscari

TRAUBENHYAZINTHEN Die Gattung Muscari wächst heute mit etwa zehn Arten und diversen Sorten in unseren Gärten und erfreut uns mit Blüten über mehrere Monate hinweg. Nachfolgend vier Traubenhyazinthen, die nicht so bekannt sind. Eine blüht bereits ab März, zwei erfreuen uns sogar bis in den Mai: Muscari paradoxum (1) blüht schwarz-blau von April bis in den Mai hinein. Muscari macrocarpum ‘Golden Fragrance’ (2) leuchtet gelb-violett von März bis April. Muscari armeniacum ‘Peppermint’(3) blüht in hauchzartem Hellblau im April. Muscari comosum, die violettblaue Wildart (4), streckt ihr Köpfchen von April bis Mai aus der Erde.

FOTO: GAP-PHOTOS

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Barbarazweige werden sie genannt, wenn sie, am 4. Dezember geschnitten, an Weihnachten blühen. Leider fällt die Anzucht dann aber in eine nicht gerade stressfreie Zeit, und die blühenden Zweige konkurrieren mit Adventskranz, Christbaum, Hyazinthengläsern und Amaryllis. Jetzt im Januar lassen sich Kirschen, Sauerkirschen, Äpfel, Birnen, Aprikosen, Zwetschgen, Mirabellen, Kornelkirschen und Schlehen gut antreiben. Ehe die Zweige in die Vase gestellt werden, baden sie über Nacht an einem kühlen Ort in kaltem Wasser. So überstehen sie die trockene Wohnungsluft besser und blühen nach zwei bis drei Wochen.

Saisonstart

KALTKEIMER AUSSÄEN Kaltkeimer unter den Stauden wie Tränendes Herz Lamprocapnos spectabilis, Steinbrech Saxifraga und Frauenmantel Alchemilla können jetzt ausgesät werden. Wichtig: Ihre Saatschalen im Freien vor Mäuse- oder Vogelfrass geschützt aufstellen.

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HE L L E B O RU S-G ARTE N

Perfekt gefüllt, ein gepunkteter Helleborus ohne Namen.

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HELLEBORUS - GA RTE N

BLÜHENDE POESIE im Winter Sie blühen früh im Jahr, in den schönsten Farben und ­Formen. Bei Barbara Scalabrin in Alten ZH erfreuen sie das Auge in grosser Vielfalt. Lenzrosen. Die Geschichte einer Leidenschaft.

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HE L L E B O RU S-G ARTE N

In der Schweiz kommen vier von fünfzehn Arten der Gattung Helleborus wild vor. Von Sarah Fasolin

Gleich bei der Eingangstüre steht Tiffany: weisses Röckchen mit purpurnen Punkten. Eine Schönheit, an der man nicht ohne Bewunderung vorbeigeht. Barbara Scalabrin hatte ihr auch nicht widerstehen können. Und obwohl die Gartenliebhaberin schon Hunderte, ja Tausende Hellebori im Garten hat, hat sie letzthin auch noch Tiffany gekauft. Denn ein richtiges Gärtnerherz hat immer irgendwo Platz für neue Pflanzen. Tiffany steht noch im Topf und wartet, bis sie im Garten einziehen darf. Sie wird eine der wenigen sein mit Namensschildchen, denn die meisten Lenzrosen, die hier leben und blühen, haben keine Namen. Es sind ­sogenannte Orientalis-Hybriden, die durch wilde Kreuzungen entstanden sind. Trotz ihrer immensen Zahl freut sich ­Barbara Scalabrin an jeder einzelnen Blüte. Es ist eine Liebe, die schon lange währt und die auf ganz romantische Art und Weise ihren Anfang nahm. Vor 30 Jahren nämlich war Barbara Scalabrin zusammen mit ihrem Mann Claus im Hasliberg auf einer Wanderung. Auf dem Weg von Reuti nach Meiringen begegneten sie am Waldrand einigen verlassenen Christrosen, die wohl als Samen aus einem nahe

gelegenen Garten hierher gelangt waren. Barbara und Claus Scalabrin blieben stehen, konnten sich an den vielen verschiedenen Blüten kaum sattsehen und vor allem konnten sie sie nicht vergessen. Nach ein paar Wochen kehrten sie deshalb zurück, um Samen zu sammeln und diese im eigenen Garten auszusäen. Sie sind noch immer da, im obersten Teil des Scalabrin-Gartens, der sich auf verschiedenen Stufen am Hang vor dem Haus ausdehnt. Ein Spaziergang durch den Garten von Barbara Scalabrin ist gleichzeitig auch eine Begegnung mit ihrer ganz persönlichen Helleborus-Lenzrose-Geschichte. Denn nachdem sich die Sämlinge aus dem Berner Oberland gut etabliert hatten, war bei Barbara Scalabrin der Sammlergeist geweckt. Auf Reisen durch England in Gärten und Gärtnereien lernte sie dies Pflanzengattung immer besser kennen. Bei der berühmten englischen Helleborus-Züchterin Elizabeth Strangman erstand sie erste, besondere Exemplare in sattem Purpur, warmem Gelb und königlichem Weiss. Manche haben viele Punkte, andere einen dunklen Rand, die sogenannten Picotee. Die Vielfalt ist riesig, wen wunderts, dass eine neue Schönheit

Gestaltet haben Scalabrins ihren Garten selbst. Nur die Hecke (hinten) war die Idee einer Gartenarchitektin.

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FOTO: BENEDIKT DITTLI

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B E RGE LL

Dieser Sämling ist das Geschenk einer Amerikanerin.

Gefüllter Helleborus ‘Yellow Double’.

FOTOS: BENEDIKT DITTLI

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Auch Galanthus schätzt Barbara Scalabrin.

Gelbe Auslesen sind unter Sammlern gesucht.

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NO T IZ E N

WO VÖGEL GERN ZU GAST SIND Das Lied der Vögel Wir Vögel habens wahrlich gut, wir fliegen, hüpfen, singen. Wir singen frisch und wohlgemut, dass Wald und Feld erklingen. Wir sind gesund und sorgenfrei und finden, was uns schmecket; wohin wir fliegen, wos auch sei, ist unser Tisch gedecket … Und weckt uns früh der Sonnenschein, dann schwingen wir ’s Gefieder, wir fliegen in die Welt hinein und singen unsre Lieder. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874)

Von Ute Studer

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chen und viele selbst gesammelte Wildblumen- und Gräsersamen ergänzt. Ich band Meisenknödel und Futterringe an das Balkongeländer und die Rankgerüste, um den fütterungsgewohnten Vögeln schon mal zu signalisieren, dass es hier etwas zu fressen gab. Die Ersten, die kamen, waren die Meisen. Die Kohlmeisen beäugten das Futter, schnappten schnell einen Sonnen­ blumenkern, um ebenso geschwind mit der Beute auf einen Baumast zu fliegen und dort den Kern aufzuhacken und sein Inneres aufzupicken. Eine ganz verwegene Kohlmeise blieb allerdings auf dem Häuschen sitzen, hackte dort die Kerne auf und dachte sich wohl, das spare Kraft. Das gefiel aber einer Blaumeise nicht. Diese stürzte sich wie ein Kamikazeflieger auf die arme Kohlmeise und begann sie mit dem Schnabel zu attackieren, worauf die viel grössere Kohlmeise schleunigst das Feld räumte. Blaumeisen machen das, was ihnen an Körpergrösse gegenüber Rivalen fehlt, durch Frechheit wett. Die Blaumeise liess sich erst von dem viel grösseren Gelbschnabel-Amselmann verdrängen, der mit einer nonchalanten Selbstverständlichkeit in der Mitte des Futterhäuschens landete, um sich dann die Rosinen herauszupicken.

Ein winterlicher Spass ist das Vogelfüttern. Ausser den ­stehen gelassenen Samenständen der Stauden und Gräser, neben Beeren und Hagebutten, fanden meine Wintervögel in der Vergangenheit täglich eine Zusatzration im Futterhäuschen. Nachdem ich aber letztes Jahr eine futterfreudige ­Gartennachbarin bekommen hatte, die in ihrem Garten ­bereits im September vier Futterhäuschen aufstellte, eimerweise Vogelfutter heranschleppte, zwei Mal täglich die Futterplätze wieder auffüllte, dazu nahezu alle verfügbaren Zweige mit Fettringen und Meisenknödeln behängte, liess ich meine Futterstation enttäuscht im Keller. Die überladene nachbarliche Fresswelt zog alle Vögel der Umgebung an, mein Garten wurde sozusagen vogelfrei.

Doch dann war es ganz schnell zu Ende mit meiner Vogelhausidylle. Ein Pärchen Türkentauben nahm den Futterplatz in Besitz. Sie landeten schon am frühen Morgen mit so kräftigem Flügelschlag und lautem Gurren auf dem Balkon­ geländer, dass alle anderen Reissaus nahmen. Dann frassen sie seelenruhig ungestört das halbe Vogelhaus leer. Sie nahmen keine Rücksicht auf Ordnung, zerstreuten An­gefressenes rundherum, koteten rücksichtslos alles voll und verteidigten ihr Futterrevier gegen jeden Versuch hungriger Vögelchen, wenigstens am Boden noch ein paar Brosamen aufzupicken. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Die ­Fütterung wurde eingestellt.

Nach einer Zeit des Schmollens überlegte ich mir, meinen Balkon – er liegt weit genug entfernt von der fütterungs­ begeisterten Gartennachbarin – so einzurichten, dass ich die kleinen Piepmätze von der Küche aus beobachten konnte, wenn mein Garten mir schon keine Vogelbegegnungen mehr erlaubte. Gott sei Dank war noch Spätherbst, und ein paar sonnige Tage halfen mir beim Einrichten des Vogelrestaurants. Bündel mit Strauchschnitt vom Garten wurden so am Balkongitter befestigt, dass die Vögel denken mussten, das sei ihr Landebaum. Ich stellte das Futterhaus auf den Gartentisch vor dem Balkonfenster. Dann streute ich verschiedenartiges Futter hinein. Sonnenblumenkerne, Hanf, Erdnussbruch, Haferflocken, Rosinen und klein geschnittenes Dörrobst waren die Grundlage und wurden durch Apfelstück-

Bei meinem nächsten frostigen Gartenbesuch jedoch begann mein Herz zu jubilieren, denn ein ganzer Trupp von Distelfinken turnte auf dem Skelett der hohen Eselsdistel herum. Die bunten, fast wie Clowns aussehenden Vögel mit dem roten Gesicht, dem schwarz-weiss-braunen Gefieder und den knallgelben Streifen auf den Flügeln fressen, wie ihr Name besagt, gerne Distelsamen. Sie nehmen aber auch mit Wegwarte, Karde, Witwenblumen, Mohn und Skabiosen vorlieb. Von diesen Samenständen quillt mein Garten nur so über, sodass ich vermute, diese Clowns noch lange im Garten turnen zu sehen, wie sie kopfüber Samen picken und mit ihrer fröhlichen Farbigkeit den winterlichen Garten zum Leben bringen. Und von mir aus können sie dann auch noch zum Dessert das Fast-Food-Lokal der Nachbarin besuchen.

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NOTI Z E N

NAHRHAFTE LANDSCHAFT ERSCHAFFEN

Von Jochen Elbs-Glatz

Die Winterfütterung der Vögel im Garten wird von den sonst eher gestrengen Ornithologen empfohlen, seit sie dazu beiträgt, Vogelpopula­ tionen zu erhalten. Noch vor Kurzem war da viel von natürlicher Auslese, dem Überleben nur der Gesündesten und ähnlich Darwinistischem die Rede. Inzwischen werfen unsere Landschaften und Wälder, die uns umgebende Kulturlandschaft, oft fälschlich «die Natur» genannt, unsere Gärten und Parkplätze nicht mehr genug Nahrung für eine artenund individuenreiche Vogelfauna ab. Gut, wenn Meisenknödel und Sonnen­ blumenkerne über den Winter helfen. Besser wäre es indes, eine nahrhafte Landschaft zu pflanzen. Dipl. Ing. Dr. Michael Machatschek, heute Leiter der Forschungsstelle für Landschaftsund Vegetationskunde in Hermagor/ Kärnten, hat die Sache als Wander­ forscher gründlich untersucht. In seinem inzwischen vierbändigen Werk «Nahrhafte Landschaft» zeigt er, was alles in der Landschaft gesammelt und zu Nahrung gemacht werden kann. Statt zu sammeln, kann gepflanzt und dadurch Vögeln und anderen Tieren ein ­nachwachsendes Nahrungs­ potenzial geschaffen werden. Platz dafür ist in jedem Garten. Die Natur­ gärtner fordern hier sicher gleich eine radikale Umstellung und die ausschliessliche Verwen­ dung heimischer Gewächse. Es ist aber schon viel

ILLUSTRATION: CORINNA STAFFE

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gewonnen, wenn eine Vogelbeere neben der Forsythie zu stehen kommt oder abgängige Edelrosen durch hage­buttentragende ersetzt werden. Mancher Thuja weicht Liguster und Eberesche. Allein ein wenig Nachläs­ sigkeit, ein wenig bis zum Frühling überdauernde Unauf­geräumtheit schafft nahrhafte Landschaft. Unbeschnittene Sonnenhüte und Rudbeckien, herumliegende Cosmeen, ein paar Karden und andere Disteln da und dort sind ein

Festschmaus für die Vögel. Ältere Bäume mit rissiger Rinde und Flechtenbart bieten Insektenfressern wie Meisen Räuplein und überwinternde Puppen. Aus kleinen Bereicherungen wächst schliesslich grosser Reichtum, nicht nur an Vogelwinterfutter. Doch auch hier ist nicht allen alles gleich: Aus den roten Vogelbeeren von Viburnum opulus, die dem Vogel guttun, lässt sich eine angeblich wohlschmeckende Konfitüre bereiten, die nur den einen Nachteil hat, nach Erbrochenem zu riechen.

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BO D E NLE B E W E SE N

Erste 30 cm

Asseln 100 − 300 Fressen u. a. abgestorbene Rückstände von Pflanzen.

Webspinnen 100 − 300

Tausendfüsser 100 − 500

Ernähren sich von Insekten.

Käferlarven 100 − 600

Sc 10

Essen organisches Material.

Beseitigen verrottete Pflanzenteile.

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Enchyträen 25 000 − 75 000

Springschwänze 130 000 − 380 000

Sind zwischen 5 mm und 30 mm lang und fressen verrottetes Pflanzenmaterial.

Können sich nur bedingt durch den Boden graben. Darum sind sie auf Hohlräume und Poren in der Erde angewiesen. Ihre Nahrung besteht aus Aas und Exkrementen.

2 Milben 250 000 − 750 000 Neben Raubmilben, die andere Lebewesen fressen, gibt es solche, die sich von Pilzen und Aas ernähren.

Su vie

KLEINLEBEWESEN IN 1 M² BODEN UND WAS SIE FRESSEN

Regenwürmer 100 − 600

Bis zu 2 Metern

Zerren Blätter und Pflanzenteile unter die Erde, lassen sie verrotten und essen sie später.

In allen Bodentiefen

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Flagellaten: 100 Millionen − 10 Milliarden pro zwei Kubikmeter

Bakterien: Milliarden 0,1 − 1,2 Kilogramm pro zwei Kubikmeter

Diese einzelligen Kleinst­lebewesen kommen in grosser Menge vor. Mit ihren Geisseln strudeln sie Nahrungspartikel herbei und verankern diese im Boden.

Leben im dünnen Wasserfilm, der die Bodenpartikel umgibt, an Wurzel­oberflächen oder auf Pilzen. Sie ernähren sich von totem Tier- und Pflanzenmaterial.

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INFOGRAFIK: BENEDIKT DITTLI

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BODENLEBE WE S E N

Fliegenlarven 100 − 1000 Schnecken 100 − 300

Zersetzen verfaulende Pflanzen- und Tierkadaver.

Vertilgen gerne schwache Pflanzen.

Nematoden 2,5 − 7,5 Millionen Findet man in feuchten

Substraten. Ihr Menüplan ist vielfältig, umfasst u. a. Algen, Pilze und Aas.

Wunderwelt BODEN Auf ihm wachsen Pflanzen, brüten und weiden Tiere. In ihm wohnen Milliarden von Lebewesen. Wer in ihm lebt und was ein guter Gartenboden zum Gedeihen braucht.

Von Atlant Bieri Pilze: Millionen 0,1 − 1,8 Kilogramm pro zwei Kubikmeter Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus lebenden und abgestorbenen Pflanzen.

Der Boden ist die Grundlage für das Wachstum unserer Nutzpflanzen. Und Heimgärtner setzen nebst Gemüse und Früchten auch Stauden, Gräser, Sträucher und vieles mehr in ihn. Doch nicht nur alles Pflanzliche wurzelt im Untergrund, auch das Wasser kommt von dort. Es wird in den Hohlräumen des Bodens, sogenannten Poren, gespeichert. Diese Poren – sie machen die Hälfte des Bodens aus – speichern Regenoder Schmelzwasser wie ein gigantischer Schwamm. Dadurch werden gleich zwei Funktionen erfüllt: • Erstens fliesst das Wasser nur sehr langsam aus dem Boden ab. Darum

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GE M Ü S E G ARTE N

Passion FÜR TOMATEN

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Jahrelang träumte sie von geschmackvollen Tomaten in allen Formen und Farben aus dem eigenen Biogarten. Deshalb machte sich Ute Studer auf die Suche nach besonderen Sorten und der besten Anbauweise. Ihre Erfahrungen und Tipps hat sie nun im Buch «Tomatenlust» festgehalten.

Von Doris Guarisco

Als Kind hat Ute Studer in ihrer Heimat im nördlichen Deutschland bei Köln erstmals sonnengereifte und süsse Fleischtomaten gekostet. Diese Pomodori gab es im Laden beim Italiener. Ein Genuss, den sie danach viele Jahre vermissen sollte. «Was es später in meiner Studienzeit sommers und winters in Supermärkten als Tomaten zu kaufen gab, ignorierte ich.» Ute Studer wollte keine uniformen Tomaten ohne Geschmack essen, die auf Glaswolle-Substrat im geheizten Gewächshaus wuchsen, mit Schläuchen künstlich betropft und mit gezüchteten Hummelvölkern bestäubt. Erst in den 1980er-Jahren erlebte sie ihr erstes Tomatenglück in ihrem eigenen Garten, mitten in Zürich, mit Samen von der biodynamischen Gärtnerei Sativa. Damals hatte das Unternehmen mit Sitz im zürcherischen Rheinau unter anderem Sorten von Pro Specie Rara wie ‘Money Maker’ oder ‘Selma’ im Angebot. Das zweite Glück bescherte ihr Andres Sprecher, damals Leiter der Bioterra-Regionalgruppe Basel, als er in der Zeitschrift erstmals Saatgut von farbigen Sorten zum Bestellen ausschrieb. «Das war der Hammer! Eine noch unbekannte Welt eröffnete sich mir», erinnert sie sich. Wie Ute Studer war auch der Biologe den Pomodori verfallen. In seinem Büchlein «Alles Tomaten», das von Bioterra 2001 herausgegeben wurde, erzählte Sprecher unter anderem von seiner Hingabe zu den Liebesäpfeln und stellte 100 Sorten in allen Farben und Formen vor. Eine absolute Neuheit damals. «Die gelben ‘Gälschnaps’ und ‘Yellow Brandywine’ waren die ersten nicht roten Fleischtomaten in meinem Garten und brachten mich zum Staunen.» Sie wuchsen in ihrem ersten aus alten Fenstern zusammengeschusterten Glashaus.

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2 1 Einzelne Früchte der russischen Fleischtomate ‘Ispolin’ werden bis 1000 g schwer. 2 Die blauviolett-rosarot abreifende ‘Blue Pitts’ ist sehr robust und schmeckt fruchtig süss. 3 Eine der schönsten und köstlichsten Tomaten überhaupt – die ‘Orange Russian 117’. 4 Typisch für die ‘Green Sausage’ sind ihre grün-gelben Streifen.

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5 Schmeckt vorzüglich und ist ein Blickfang – ‘Indigo Kumquat’. 6 An den Stielen der ‘Black Plum’ sieht man die Sollbruchstelle. 7 ‘Green Grapes’Kirschtomaten werden nur bis 1.5 m hoch. 8 Die Pflaumentomate ‘Roter Afghan’ trägt viele schmackhafte Früchte.

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Ute Studer im Tomatenglück.

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«Weitermachen wie bisher ist keine Option» Welternährung greif- und fühlbar machen: Der «Weltacker» bei Basel zeigt, was auf den Äckern der Welt wächst – und wie wir das beeinflussen. Initiator Bastiaan Frich zieht mit konstruktiven Ansätzen die Fäden.

Text: Gabriela Bonin

Hinter ihm steht ein Wald, vor ihm liegt Kulturland. Bastiaan Frich, 31, sitzt auf einer Bank in Nuglar SO. «Ich bin gerne in Übergangsbereichen», sagt er. Während des Sprechens schaut er in die Ferne. Er redet schnell, aber ohne Hast. Fakten um Fakten führt er an: Etwa über das Leid, das via die globale Welternährungslage geschaffen werde, über den Weltagrar­ bericht von 2008, der bereits vor elf Jahren aufgezeigt habe, dass «weitermachen wie bisher keine Option» sei (siehe Box). Dazwischen lässt Frich sein Herz sprechen: über mehr Frie­ den auf der Welt, mehr Freude und Wertschätzung für alle. Von der Bank her blicken wir auf ein Feld, auf dem fünfzig verschiedene Kulturen gedeihen, etwa Soja, Mais und Reis, Tabak und Baumwolle sowie einige ­wenige Gemüsearten. Das ist der sogenannte «2000 m² Weltacker». Er stellt in Kleinst­ version ein Abbild der globalen Agrarflächen dar: «Achtzig Prozent der weltweiten Anbau­flächen werden von Gross­ bauern genutzt», erklärt Frich, «zwanzig Prozent von Klein­ bauern.» Die grossen Monokulturen dienen, vom Reis abge­ sehen, zum Grossteil als Tierfutter, Energie und Sprit. Die Kulturen der Kleinbauern sorgen mehrheitlich für die Erzeu­ gung von Nahrung und nebenbei für hohe Biodiversität. Die Zahlen sprechen für sich: Die Ackerbewirtschaftung ist global in Schieflage. Als er dies erkannt habe, so Frich, drängte es ihn zum Handeln: «Mir ist wichtig, Alternativen und ­Perspektiven aufzuzeigen.» Sieht er sich als Weltverbesserer? Was ist sein Beruf? Die langweiligste Bezeichnung für ihn sei Biologe, antwortet er. Elf Semester hat er einst studiert, sich zudem in gewaltfreier Kommunikation und Permakultur ausgebildet. Rasch entwickelte er sich dabei zu einem Netzwerker, Brückenbauer, Kommunikator und Mutmacher – dank Intellekt, Unterneh­ mungsgeist und Achtsamkeit. Man könne ihn auch «Aktivist» oder «Revolutionär» nennen, aber das sei negativ belegt. Lieber bezeichne er sich als «kulturell und kreativ schaffen­ den Friedens- und Wahrheitskünstler».

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Mindestens so eindrücklich wie all dies aus ihm ­he­raussprudelt, zeigen die Pflanzen auf dem Weltacker, was das konkret bedeutet: Man kann sie anfassen, fühlen, riechen, überschauen: Mit allen Sinnen erfährt man hier, wie die Welt ihren Bodenreichtum nutzt – und ausnutzt. Dazu haben er und die Mitglieder seines Vereins «Urban Agriculture Basel» die weltweite Ackerfläche durch die Anzahl aller Erdenbürger geteilt. Das ergibt rund 2000 Quadratmeter. So viel Ackerland würde jedem einzelnen Menschen rechnerisch in seinem ­Leben zustehen. Mit so viel nutzbarer Erde müsste er für sei­ ne Ernährung auskommen. So gross ist denn auch das kulti­ vierte Feld in Nuglar. Darauf sind die Kulturen in dem Ver­ hältnis angepflanzt, wie sie weltweit angebaut werden. Info-Tafeln erklären die komplexe Lage auf einfache Weise. Aufklärung ist denn auch ein grosses Anliegen von Frich: «Die globale Ernährungslage ist intransparent. Lakonisch fügt er hinzu: «Darum muss man vor den Missständen noch nicht einmal die Augen verschliessen.» Mit dem Weltacker schaffe man Transparenz. Diese solle zu einem freudigeren, achtsameren Umgang mit der Natur anregen – und zu einem bewussteren Konsumverhalten, denn «jede Mahlzeit und ­jeder Einkauf ist ein Auftrag an die Landwirtschaft». Mit dem Bildungsprojekt Weltacker ist Frich als Teil einer inter­ nationalen Initiative aktiv: Weltäcker sind auch in Deutsch­ land, ­Schweden, Schottland, Syrien, der Türkei, China und Kenia entstanden. In der Schweiz wollen Frich und sein Team im Mai 2019 einen zweiten Weltacker in Attiswil BE eröffnen. Damit nicht genug: Zwar ist er bereits Initiant, Vorstands­ mitglied, Gründer, Präsident diverser, zum Teil prämierter, auch internationaler Projekte im Bereich Ernährung und Ökologie, aber er sprudelt nur so vor Ideen. «Ich kann meine inneren Ressourcen gut nutzen», sagt er. Auch schöpfe er aus seinem Tun neue Kraft: «Ich bin ein pragmatischer Realist und zugleich ein Hardcore-Optimist.» Höchste Priorität in seinem Leben hätten seine Familie, seine Freunde, sein ­«Tribe», sagt der Vater von zwei Kindern. «Mit meinem Sohn streife ich oft durch die Natur. Wir suchen gern unseren ­Zauberplatz auf. Ich staune täglich ob der Wunder der Natur.» Es scheint, als ob die Atmosphäre auf dem Weltacker auch dieses Staunen an die Besucher weitergeben könnte. Der «2000 m2 Weltacker» befindet sich im solothurnischen Nuglar, nur wenige Kilometer von Liestal entfernt. Informationen: www.urbanagriculturebasel.ch, www.2000m2.ch und www.nuglar­ gaerten.ch. Bastiaan Frich entwickelte sein Engagement aufgrund des Weltagrarberichtes von 2008. Informationen und Lösungsansätze: www.weltagrarbericht.de

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LESERANGEBOTE 1

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LESERANGEBOT: FUTTERHÄUSER UND NISTKASTEN – HERGESTELLT IN DER SCHWEIZ

Unsere Futterhäuser für Vögel werden in geschützten Werkstätten in der Schweiz hergestellt und eignen sich für die Winterfütterung von Brut- und Gastvögeln in unseren Gärten. Bitte beachten Sie die Fütterungs­ empfehlungen der Schweizerischen Vogelwarte Sempach sowie Birdlife Schweiz. Das Merkblatt legen wir der Lieferung der Futterhäuser bei.

NEU Bausatz Vogelnistkasten für Höhlenbrüter Blau-, Kohlmeise, Kleiber und andere Höhlenbrüter können in diesem Kasten nisten. Der Bausatz wird von der Stiftung Brändi aus unbehandeltem Schweizer Holz (FSC) hergestellt. Unter Anleitung Erwachsener können auch Kinder das Vogelhaus zusammensetzen. Für die Montage ist ein TorxSchraubenzieher nötig (nicht in der Lieferung enthalten). Die spezielle Form dieses Nistkastens hat den Vorteil, dass Altvögel dank dem Vorbau nicht direkt zu den Jungen gelangen. Damit werden die Kleinen bei Schlechtwetter weniger durch die hereingebrachte Nässe unterkühlt, können aber leichter hinaus­gelangen. Zudem schützt der Vorbau die Brut vor Katzen und Mardern. 30 mm Einflugloch für Kohlmeise, Trauerschnäpper, Feldsperling, Wendehals, 25 mm Wechselplättchen für Nonnen-, Tannen-, Blau- und Haubenmeise Masse: 21 cm × 30 cm × 18,5 cm (B × L × H) Preis: Fr. 45.– (49.–)

Neu: Vogelfutterhaus «Emmental» Vogelfutterhaus aus Schweizer Tannenholz (100 % FSC), braun lasiert, gedeckt mit Schindeln, zwei Futterstellen mit Plexiglasscheiben und Futterkeil. Dieses Haus kann mithilfe der Pfahlhalterung sowohl auf einen 3-Bein-Ständer montiert als auch an der Ringschraube aufgehängt werden. Aussenmasse: 410 × 350 × 300 mm, Preis: Fr. 59.– (65.–)

Vogelfutterhaus «Rigi» Vogelfutterhaus zum Aufhängen aus gehobeltem Schweizer Tannenholz (100 % FSC), Dach grün gebeizt, Unterteil natur. Dach aufklappbar zum leichten Nachfüllen und Reinigen. Futterautomat mit zwei Futterplätzen und einem Futterkeil für optimale Futterverteilung. Aussenmasse: 240 × 200 × 180 mm Preis: Fr. 17.– (19.–)

Vogelfutterhaus «Afrika» Unterteil aus gehobeltem Schweizer Tannenholz (100 % FSC), braun lasiert, mit naturbelassenem Roggenstrohdach. Dach aufklappbar zum einfachen Nachfüllen und Reinigen. Futterautomat mit zwei Futterplätzen und einem Futterkeil für optimale Futterverteilung. Das Futterhaus hat eine Metallaufhängung. Durchmesser: 340 mm, Höhe: 350 mm Preis: Fr. 57.– (63.–)

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Bestelltalon Seite 63

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LESERANGEBOT: SAATGUT VON 15 TOMATENSORTEN AUS DEN BIOGÄRTEN VON UTE STUDER UND TRUDI BORSOS

Jede Samentüte enthält, je nach Sorte, 5 bis 10 Samen. Da es sich um Raritäten handelt, ist das Angebot mengenmässig beschränkt. Maximal können 7 verschiedene Sorten bestellt werden. Eine Samentüte kostet 2 Franken.

Tomaten sind nur per Talon aus der Zeitschrift erhältlich, keine Telefon-, E-Mail- oder OnlineBestellungen.

‘Roter Spitzel’ Frucht: Grosse, lange, spitz zulaufende Pflaumentomate, mild-aromatisch | Farbe: Rot | Habitus: Bis 2 m hoch, reich tragend, robust | Gewicht: 100–200 g | Reifezeit: Mittel | Herkunft: Deutschland

‘Lea’ Frucht: Mittelgrosse, runde, saftige Kirschtomate mit kräftig-würzigem Geschmack | Farbe: Rot | Habitus: 2–3 m hoch, reich tragend, robust | Gewicht: 10–30 g | Reifezeit: Mittel | Herkunft: USA

‘Teardrops‘ Frucht: Mittelgrosse, tropfenförmige Kirschtomate, würzig, süss | Farbe: Rot | Habitus: Bis 2,5 m hoch, reich tragend, robust | Gewicht: 15–20 g | Reifezeit: Mittel | Herkunft: China

‘Green Sausage’ Frucht: Mittelgrosse, länglich-ovale Pflaumentomate, würzig-aromatisch | Farbe: Dunkelgrün, hellgrün und ockergelb gestreift | Habitus: Kompakter, buschiger Wuchs bis 1,6 m, reich tragend, platzfest, robust, lange lagerfähig, gut als Ampeltomate | Gewicht: 10–50 g | Reifezeit: Mittel | Herkunft: USA

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‘Slowenisches Ochsenherz’ Frucht: Grosse, leicht gerippte Ochsenherztomate, würzig-aromatisch | Farbe: Rot | Habitus: Bis 2 m hoch, reich tragend | Gewicht: 200–400 g | Reifezeit: Spät | Herkunft: Slowenien

‘St. Pierre‘ Frucht: Mittelgrosse, flach-runde Fleischtomate, sehr fruchtig und süss | Farbe: Rot | Habitus: 1,5 m hoch, reich tragend, robust | Gewicht: 250–350 g | Reifezeit: Mittel | Herkunft: Klassische alte Sorte aus Frankreich

‘Arburznij’ Frucht: Mittelgrosse, flachrunde Fleischtomate mit sehr gutem Geschmack | Farbe: Rot-braun-grün Habitus: Bis 1,8 m hoch, reich tragend | Gewicht: 150–300 g | Reifezeit: Mittel | Herkunft: Kroatien

‘Costoluto Fiorentino‘ Frucht: Flach-runde, gerippte Fleischtomate, sehr fruchtig-süss | Farbe: Rot | Habitus: Bis 2,5 m hoch, robust, reich tragend | Gewicht: 250–300 g | Reifezeit: Früh | Herkunft: Italien, Toskana 1781

‘Rote Zora‘ Frucht: Mittelgrosse, länglich-ovale Pflaumentomate mit mild-süssem Geschmack | Farbe: Rosarot | Habitus: Stark wüchsig bis 2,5 m hoch, robust, reich tragend, sortentypisch: leicht eingerollte ‘Gelbe Dattelwein‘ Blätter | Gewicht: 50–200 g | Frucht: Kleine, ovale bis birnenReifezeit: Mittel | Herkunft: D förmige, saftig-süsse Kirschtomate | Farbe: Gelb | Habitus: Bis 2,5 m hoch, reich tragend | Gewicht: 8–10 g | Reifezeit: Früh | Herkunft: Deutschland

‘Paul Robeson’ Frucht: Mittelgrosse, flach-runde, leicht gerippte Fleischtomate, süsser, fruchtiger Geschmack | Farbe: Braun-rot-oliv | Habitus: Bis 1,8 m, robust, reich tragend | Gewicht: 100–250 g | Reifezeit: Mittel | Herkunft: Russland

‘42 Days’ Frucht: Mittelgrosse, runde Kirschtomate, süss, aromatisch | Farbe: Rot | Habitus: Kompakter, buschiger Wuchs von 0,6 m hoch, robust, gut für Topfkultur | Gewicht: 50–100 g | Reifezeit: Sehr früh | Herkunft: USA

‘Absinth’ Frucht: Mittelgrosse, flach-runde, gerippte Fleischtomate, sehr aromatisch | Farbe: Smaragdgrün | Habitus: Bis 1,8 m hoch | Gewicht: 200–400 g | Reifezeit: Mittel | Herkunft: USA

‘Balkonstar‘ Frucht: Mittelgrosse, runde Kirschtomate, süss, aromatisch | Farbe: Rot | Habitus: 40–60 cm hoch, reich tragend, kompakter, buschiger Wuchs, platzfest, gut für Topfkultur | Gewicht: 20–30 g | Reifezeit: Früh | Herkunft: Deutschland

‘Green Grapes’ Frucht: Kleine, oval-runde, würzige, super-aromatische Kirschtomate | Farbe: Gelblich-grün | Habitus: Bis 1,5 m hoch, reich tragend, robust | Gewicht: 10–30 g | Reifezeit: Mittel Herkunft: USA |

Merkblatt Tomaten Fachliches Know-how und Hinweise für einen erfolgreichen Anbau von gesunden und aromatischen Tomaten. A5-Hochformat, 7 Seiten, Preis: Fr. 4.– (5.–). Bestelltalon Seite 63

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