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70. Jahrgang, 2. Folge, 2017

Dlnsp. ROL Cäcilia Kaltenböck

„... Meinen Frieden gebe ich euch!“ Angesichts der Kriegsgebiete in der Welt klingen diese Worte Jesu schwer verstehbar. Schauen wir aber genauer hin in welcher Situation Jesus diese Zusage macht: Er spricht mitten hinein in eine von Angst und Verzweiflung geplagte Jüngerschaft – versammelt im Abendmahlsaal…! Und Jesus ergänzt (Joh 20. 21): „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ Das ist auch DER Auftrag an uns! Das Thema der diesjährigen CLÖ-Delegiertentagung in Wr. Neustadt (!) hieß nicht zufällig „Krieg und Frieden“. Den Delegierten aus fast allen Bundesländern – inkl. Südtirol – wurde bewusst gemacht, dass Friede oft großer Anstrengungen und eines Dauereinsatzes – nicht nur unseres Bundesheeres – bedarf. Diesen Auftrag haben Sie, die christlichen LehrerInnen und ErzieherInnen wieder ein ganzes Schuljahr hindurch erfüllt in Ihren alltäglichen Bemühungen für und um die Ihnen Anvertrauten… So darf ich Ihnen mit Paulus wünschen: „… und der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen seid in EINEM Leibe; und: SEID DANKBAR!“ In dieser Haltung mögen Sie nach den Ferien sich erholt und gestärkt, gesund und im Frieden mit sich, Gott und der Welt – im neuen Schuljahr wieder einfinden! Dies erbittet Ihnen von IHM: Ihre Cäcilia Kaltenböck

Christlich Militärseelsorge

Lebensnah

Buch: Bildungssystem am Pranger

Engagiert

Aktion Pro-Sonderschule

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Krieg und Frieden Am Beginn des dritten Jahrtausends werden in der Welt jährlich etwa 40 Kriege gezählt, wobei die Mehrzahl davon bewaffnete Auseinandersetzungen innerhalb von Staaten oder in Gebieten sind, wo es keine staatliche Macht mehr gibt und Gewalt allgegenwärtig ist. Die seit den 1990er Jahren eskalierenden Konflikte haben fatalen Folgen für die Bevölkerung der betroffenen Regionen: Hunger, Vertreibung und Völkermord, zerfallende Staaten, Privatisierung von Gewalt, Kriegsökonomien, die Verbreitung von Waffen, transnationaler Terrorismus, organisierte Kriminalität, eine Fluchtbewegung ungeheuren Ausmaßes.

der Wirklichkeit? Kann man die realen Gewaltstrukturen des Alltags und reale Möglichkeiten einer Versöhnung im Klassenzimmer überhaupt lebendig werden lassen? Und: Kann Friedenserziehung an der Schule sich durchsetzen gegen die realen gewalttätigen Makrostrukturen wie Krieg, Fremdengewalt, Terrorgewalt und staatliche Gewalt, die allen Kindern und Jugendlichen bestätigen, dass sich Gewalt mehr lohnt als Gewaltlosigkeit? Hat Pädagogik eine Chance gegen die virtuellen Strukturen wie Mediengewalt und Computerspielgewalt, die eine Abstumpfung und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern zur Folge haben?

Konfrontiert man SchülerInnen mit der Thematik lernen sie, was Kriege in unserer gegenwärtigen Zeit kennzeichnet und sie erkennen, welche Folgen dies für viele Betroffene – insbesondere Familien und Kinder – haben kann. Und im Zentrum steht immer die Frage: Was ist Frieden? Wie kann dieser gesichert werden? Und so lernen Kinder und Jugendliche, dass es unbedingt erforderlich ist, den Frieden auf der Welt auch für ihre Zukunft zu sichern und dass sie ihr Leben nur selbstbestimmt verwirklichen können, wenn wir in einem friedlichen Europa leben, das von Wohlstand geprägt ist.

Nun: Anleitung zum Frieden stiften bedeutet Erziehung zu einem gewaltfreien Konfliktaustrag, zur Herstellung friedlicher Strukturen wie Gleichberechtigung, Demokratie und Rechtsgleichheit, zur Förderung von Sympathie-, Empathie-, Partizipations- und Dialogfähigkeit, zur Wertschätzung Anderer, zum Respekt vor dem Fremden, zur Sensibilität für die Bedürfnisse des Nächsten, des Gegners und des Fernsten.

Aber fördert solche Friedenserziehung möglicherweise nur ein idyllisches Friedensideal, nicht aber reales Friedensverhalten? Erweitert sie gar den bekannten Graben zwischen innerer Friedenseinsicht und äußerem Gewaltverhalten? Vermittelt die künstliche Unterrichtsatmosphäre mit künstlichen Fallbeispielen und Dilemmata nicht ein verzerrtes Bild

Allein eine Anleitung zur Vermeidung physischer und psychischer Gewalt genügt nicht, sondern es soll auch eine Anleitung zum Aufbau von Strukturen und Kulturen des Friedens sein – im privaten Umfeld, in der Schule. Sich einzusetzen, physische und psychische Gewalt zu verhindern und strukturelle und kulturelle Gewalt zu überwinden, sich protestierend und regulierend einzumischen – das sollte schon Kindern und Jugendlichen zugemutet werden! Dr. Gerhard Vörös

Dieter Schütz_pixelio.de

71. CLÖ-Delegiertentagung 2017


Grüß Gott … liebe Leserinnen und Leser!

Für die Organisation der bundesweiten 71. Delegiertentagung 2017 der Christlichen Lehrerschaft Österreichs vom 24.05. bis 27.05.2017 zeichneten heuer wieder „die Niederösterreicher“ verantwortlich, deren Gestaltung jährlich in der Verantwortung eines unserer Bundesländer liegt. Nachdem wir die Tagung bereits viermal1) im Norden Niederösterreichs ausrichteten, lag es auf der Hand, den Tagungsort zur Abwechslung einmal in den Süden zu verlegen. Entscheidungsprägend, Wiener Neustadt als Tagungsort zu wählen, war schließlich der Wunsch, Geschichte und Kultur der 800 Jahre alten Babenberger- (1192) und späteren Habsburger-Stadt kennen zu lernen, in der Kaiser Friedrich III. residierte und dessen Sohn Maximilian I. geboren und in der St. Georgs-Kathedrale begraben wurde. 1751/52 gründete Maria Theresia in der Kaiserlichen Burg die „Theresianische Militärakademie“. Sie ist bis heute die einzige Ausbildungsstätte für Offiziere des österreichischen Bundesheeres und damit die älteste Militärakademie der Welt. Seit einigen Jahren hat die TherMilAk auch die Anerkennung als FachhochschulStudiengang für „Militärische Führung“, wodurch die Ausbildung noch weiter aufgewertet wurde.2) Heute ist Wiener Neustadt Militärdiözese und Sitz des Militärbischofs mit dessen Bischofskirche, der St. Georgs-Kathedrale. Bei der Abendgestaltung am Anreisetag zeigte uns Militär-Dekan Bischofsvikar MMag. Dr Alexander M. Wessely, er ist auch ausgebildeter Erzieher und Schauspieler, mit zahlreichen Anekdoten und Sketches vom „braven Soldaten Schwejk“ auf, dass das Heer auch heitere Seiten haben kann.3) Besondere Höhepunkte der Tagung bildeten am „Hochfest Christi Himmelfahrt“ der gemeinsame Gottesdienst mit Militärbischof Dr. Werner Freistetter in der St. Georgs-Kathedrale und sein anschließender Besuch der Teilnehmer im Hotel, bei dem wir mit dem Bischof ins Gespräch kommen konnten. Freitags gewährte uns Brigadier Norbert Fürstenhofer, ehemaliger ABC-Abwehrchef und Schulkommandeur der ABC-Abwehrschule Österreich, in seinem Referat einen ausführlichen Einblick in die heutige Offiziersausbildung. MilSup. MMag. Stefan Gugerel, Leiter des Instituts für Religion und Frieden (www.irf.ac.at), gewährte einen Einblick in die Aufgaben der Militär-Seelsorge beim Bundesheer und verwies unter Anderem auf die vom II. Vatikanischen Konzil definierte Verantwortung des Soldaten für den Frieden auf der Welt: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er

wahrhaft zur Festigung des Friedens bei“ (Gaudium et spes, 79) Die neuen Aufgaben im Dienst an Sicherheit und Frieden erfordern die Besinnung auf jene grundlegenden ethischen Werte und Normen, denen Soldaten in rechtsstaatlichen Demokratien, vom Völkerrecht her und nach ihrem eigenen Selbstverständnis, verpflichtet sind.4) Bei der abendlichen Einladung von Landeshauptfrau Johanna MiklLeitner durften wir in deren Vertretung, unseren LSR-Präsidenten, Prof. Mag. Johann Heuras, in unserer Mitte begrüßen, dessen Anwesenheit wir als ein besonderes Zeichen seiner Wertschätzung und Würdigung unserer Gemeinschaft der Christlichen Lehrerschaft Österreichs betrachteten. Mein Dank für das Gelingen der Tagung richtet sich auch an „mein“ Team der CLE-NÖ-Landesleitung und dem ZA-APS-FCG sowie an alle Mitarbeiter im Seminarhotel „Corvinus“ für deren Einsatz und Kooperationsbereitschaft in den Phasen der Planung, Vorbereitung und Durchführung. Unser Tagungsthema „Krieg und Frieden“ wurde vielleicht von vielen erst auf den „zweiten Blick“ aufgrund der Referate von Brgd. Fürstenhofer und MilSup. MMag. Stefan Gugerel als ein zutiefst pädagogisches Thema erkannt. Die erschreckende Form zunehmender Gewalttaten, Verhetzungen in und durch die „Sozial“-Medien, Terroranschläge u.v.m. sind ein mahnendes Signal an Eltern, Schule und Erzieher von der Notwendigkeit, einer Friedens-Erziehung breiten Raum zu geben, die auch Wege zur Friedens-Bewahrung aufzeigt, begleitet von einer NeuBesinnung und Verkündigung unserer christlichen Werte und Wurzeln – anstatt sie, um vielleicht „ja niemanden zu schockieren“, verschämt aus dem öffentlichen Leben zu verbannen… (Neutralisierung christlicher Feste) Solcherlei Verhalten hat nichts mit Toleranz5) zu tun, sondern kommt einer Identitätaufgabe und Verleugnung eigener Geschichte und deren Kultur gleich, zu der keines der diversen Herkunftsländer von Migranten je bereit wäre… MMag. Gugerel verriet, dass Soldaten sich nach Einsätzen lieber dem „Militär-Pfarrer“ anvertrauen, als mit einem Psychologen zu reden. – Diese Aussage sollte uns nach-denk-lich stimmen, meint SR Friedrich Lawitzka CLE-NÖ-Landesobmann Büro: office@cle-noe.at, Privat: fritz.lawitzka@gmx.at, Homepage: www.cle-noe.at Besuchen Sie uns auch auf Facebook: /clenoe PS: Wenn wir uns nicht mehr zum Kreuz bekennen, fürchte ich, dass der Gekreuzigte sich auch nicht mehr zu uns bekennen wird... 1) 1983 St. Pölten, 1991 Hollabrunn, 2000 St. Pölten, 2008 Emmersdorf/Melk 2) www.wiener-neustadt.gv.at/stadt/geschichte/allgemeine-geschichte 3) www.canisius.at/dioezese/militaer/ueberuns 4) www.irf.ac.at/index.php?option=com_content&task=view&id=163&Itemid=10 5) CLE-Forum 4/16, S 2; siehe offizielle Toleranz-Definition


Thema

Katholische

Militärseelsorge

„Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und der Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei.“ (Gaudium et Spes, 79) Die älteste Seelsorge Die Militärseelsorge ist eine der ältesten Seelsorgeformen. Mit Beginn des 16. Jahrhunderts finden wir die Sorge der Kirche um den Berufsstand der Soldaten bereits institutionalisiert. Neu geregelt wurde die Katholische Militärseelsorge durch die Apostolische Konstitution „Spirituali Militum Curae“ vom 21. April 1986. Durch sie erfolgte die rechtliche Angleichung des Militärordinariates an die territorialen Diözesen unter Beachtung des Konkordates zwischen dem Hl. Stuhl und der Republik Österreich. Die Militärdiözese wird von einem Militärbischof geleitet. In seinem Dienst stehen ihm der Militärgeneralvikar, beratende Gremien, Bischofsvikar(e), Militärpfarrer, Militärdiakone, Pastoralassistenten, Sekretäre und zahlreiche Laien zur Seite. Im Auftrag der Kirche Militärseelsorger haben ihren Auftrag von der Kirche und üben ihre Tätigkeit im eigenen Verantwortungsbereich als Teil der kirchlichen Gesamtarbeit aus. Aus Gründen der österreichischen Tradition sind unsere Seelsorger zwar in die militärische Struktur eingegliedert, unterstehen aber in kirchlichen Belangen dem Militärbischof. Die Uniform, die sie tragen, bringt ihre Zugehörigkeit zu den Heeresangehörigen und damit die Solidarität mit ihnen zum Ausdruck.

Gastkommentar: AKTION PRO SONDERSCHULE Die Diskussion um die vermeintliche Abschaffung von Sonderschulen hat durch unqualifizierte Aussagen von unwissenden Politikern und radikalen Inklusionsbefürwortern eine Gegenbewegung ins Leben gerufen, die mit klaren sachlichen Argumenten für den Erhalt von Sonderschulen eintritt. Auf Initiative der NÖ Landeslehrer hat der NÖAAB dieses Thema aufgegriffen und mit Abgeordneten, Personalvertretern, Lehrern und Eltern mit Unterstützung der lokalen Pressemedien flächendeckend auf die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Erhalters unserer Sonderschulen hingewiesen. Mit einer Unterschriftenaktion wird dieser Forderung Nachdruck verliehen. Als NÖ Landeslehrer drängen wir deshalb auf den Erhalt der Sonderschule, weil wir aus Rückmeldungen unserer engagiert arbeitenden Kollegenschaft wissen, dass bestimmten Defiziten behinderter Kinder nur in dieser Einrichtung fachspezifisch begegnet werden kann und die Betreuung in Kleingruppen für diese Kinder die einzig richtige ist. Nur das kann eine Sonderschule mit behin-

Die verantwortliche Mitarbeit der Laien in den Militärpfarren ist durch den Pfarrgemeinderat, die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten, sowie auf Diözesanebene durch den Pastoralrat sichergestellt. Diese fördern und koordinieren die apostolische Arbeit in der Militärseelsorge und wollen die Grundanliegen des Laienapostolats in ihren Tätigkeitsbereichen verwirklichen. Die Militärdiözese wirkt auch dort, wo österreichische Truppen für den Frieden im internationalen Einsatz stehen. Die Aufgaben der Militärseelsorge sind anders geartet als die herkömmliche Gemeindeseelsorge. Als Seelsorge an den Heeresangehörigen und deren Familien wirkt sie gewissermaßen im Umfeld einer Sondersituation. Bewältigung besonderer Lebensfragen Die Militärseelsorge ist erforderlich, weil immer eine große Zahl von jungen Männern und Frauen, als Hüter und Schützer menschlicher Grundwerte in internationaler Verantwortung, unter besonderen Lebensbedingungen, ihren Dienst leisten. Die Eigenart und die speziellen Anforderungen des militärischen Dienstes werfen für sie naturgemäß auch besondere Lebens- und Gewissensfragen auf. Zu ihrer Bewältigung bieten die Militärseelsorger die Botschaft des christlichen Glaubens und ihre persönliche, seelsorgliche Hilfe an.1) 1) http://www.mildioz.at/index.php?option=com_content&task=section&id=4&Itemid=7

dertengerechter Einrichtung, vielfältigen Lernmaterialen und bestqualifizierten Fachexperten bieten. Alles andere wäre eine Verkennung der Realität in unserem derzeitigen schulischen Alltag. Sonderpädagogische Betreuung darf nicht zur Lobby einiger Fantasten werden, die nur eine einseitige Sichtweise, gestützt auf einzelne exemplarische Erfahrungen, vertreten, sondern muss der geforderten Vielfalt in diesem Bereich entsprechen. Deshalb ein klares Bekenntnis zur Freiwilligkeit in der Auswahl von sonderpädagogischer Betreuung in Form von Sonderschule, Integration und Inklusion. Ich möchte diese Ausgabe zum Anlass nehmen und allen aktiven Mitgliedern einen möglichst stressfreien Schulschluss und vor allem erholsame Sommerferien wünschen. Entschleunigung, Entspannung und Zeit für sich selbst zu haben sind wichtige Garanten für eine zufriedene Lebensführung und bauen Energie für kommende Herausforderungen auf. Allen anderen wünsche ich schöne Sommertage.

ZA-APS-FCG-Vorsitzender Helmut Ertl

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Thema

MilSup. MMag.

www.irf.ac.at

Stefan Gugerel Institut f. Religion u. Frieden Viele Menschen stellen sich heute die Frage, wie mehr Friede und Gerechtigkeit in unserer Welt verwirklicht und gesichert werden kann. Seit dem Ende des Kalten Krieges stehen wir vor neuen, oft sehr beunruhigenden Herausforderungen. Es wird immer deutlicher, dass den aktuellen Gefährdungen des Friedens (u. a. ethnische Konflikte, organisierte Kriminalität, Terrorismus) nur in solidarischer internationaler Zusammenarbeit sinnvoll begegnet werden kann: auf politischer, wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und nicht zuletzt religiöser Ebene, im Einsatz für gerechte Lebensbedingungen für alle Menschen. Auch Österreich kann sich diesen Fragen nicht entziehen. Im Rahmen der UNO und anderer internationalen Organisationen, vor allem aber als Mitglied der EU, beteiligt sich unser Land schon heute am solidarischen Einsatz für den Frieden, auch auf militärischer Ebene. Das 2. Vatikanische Konzil formuliert die Verantwortung des Soldaten für den Frieden auf der Welt sehr deutlich: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei“ (Gaudium et spes, 79). Die neuen Aufgaben im Dienst an Sicherheit und Frieden erfordern die Besinnung auf jene grundlegenden ethischen Werte und Normen, denen Soldaten in rechtsstaatlichen Demokratien, vom Völkerrecht her und nach ihrem eigenen Selbstverständnis, verpflichtet sind. Das Institut Das Institut für Religion und Frieden ist eine Einrichtung des Militärordinariats der Republik Österreich. Es wurde 1997 von Militärbischof Mag. Christian Werner gegründet, um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den aktuellen sicherheitspolitischen Veränderungen im Licht der kirchlichen Soziallehre zu fördern. Von 1997 bis zu seiner Ernennung zum Militärbischof 2015 leitete Msgr. Dr. Werner Freistetter das Institut. Militärbischof Dr. Freistetter ernannte 2015 MilOKurat MMag. Stefan Gugerel zu seinem Nachfolger als Leiter des Institutes. Gugerel, 1979 in Lilienfeld geboren, absolvierte das Studium der Katholischen Theologie und Religionspädagogik in Wien, Linz und St. Pölten und war 1997 bis 2003 Augustiner Chorherr im Stift

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Herzogenburg. Nach seinem Grundwehrdienst in Allentsteig und Wien wurde er 2006 zum Diakon und zum Priester der Militärdiözese geweiht und war seit 2007 Militärpfarrer beim Militärkommando Oberösterreich sowie von 2009 bis 2015 Militärpfarrer an der Heeresunteroffiziersakademie in Enns. Aufgaben des Instituts • wissenschaftliche Auseinandersetzung mit militärethischen Fragestellungen in interdisziplinärer Zusammenarbeit • Beitrag zur Berufsethischen Bildung (BeB) im ÖBH • Publikation von einführenden Artikeln und Materialien • Erwachsenenbildung und Öffentlichkeitsarbeit • Dokumentation • Datenbank „Dokumente christlicher Kirchen zu Frieden und Sicherheit“ (DFS) • Kooperation mit wissenschaftlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Institutionen • ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit • Beratung des Militärbischofs und der Militärpfarrer 1) Curriculum vitae MMag. Stefan Gugerel im Überblick: 1979 Geburt in Lilienfeld 1985–1989 Volksschule in St. Andrä an der Traisen 1989–1997 Gymnasium der Englischen Fräulein, St. Pölten 1997–2003 Augustiner Chorherr des Stiftes Herzogenburg 1998–2002 Studium der Katholischen Fachtheologie in St. Pölten, Linz und Wien 1998–2003 Studium der Katholischen Religionspädagogik in St. Pölten und Wien 2001–2003 Lehrgang Weltreligionen der Kontaktstelle für Weltreligionen 2003–2004 Unterrichtspraktikum im Stiftsgymnasium Melk 2004–2005 Grundwehrdienst im Österreichischen Bundesheer Seit 2005 Pastoralassistent, Diakon, schließlich Priester der Militärseelsorge mit Verwendungen beim Militärkommando Wien und Oberösterreich, der Heeresunteroffiziersakademie, in Auslandsmissionen (Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Libanon, Tschad) 2) Mitgliedschaften: Mitglied der Ökumene- und der Liturgiekommission und postuliertes Mitglied der zu gründenden Kommission Weltreligionen der Österreichischen Bischofskonferenz und der Arbeitsgemeinschaft Diözesaner Liturgiereferenten Eine Liste der Publikationen von MMag. Stefan Gugerel ist nachlesbar unter dem Link: http://www.bundesheer.at/wissen-forschung/ publikationen/person.php?id=1201 1) http://www.irf.ac.at/index.php?option=com_content&task=view&id=163&Itemid=10 2) Curriculum vitae: MMag. Stefan Gugerel


Thema

Militärseelsorge im Spannungsfeld von Krieg und Frieden, von staatlichem und kirchlichem Auftrag a) Auf der Ebene der Person Dass kaum ein Mensch mit sich selbst in absolutem Frieden lebt, scheint eine Binsenweisheit. Im Spannungsfeld gesellschaftlicher und familiärer Erwartungen, unserer geistigen und körperlichen Möglichkeiten und zuletzt unserer persönlichen Wünsche werden wir jeden Tag aufs Neue herausgefordert. Indem Militärseelsorge die Verkündigung des Evangeliums, die Feier des Glaubens und die Unterstützung der Liebe in der militärischen Sonderwelt verwirklichen hilft, trägt sie dazu bei, dem und der Einzelnen zu helfen, das eigene Leben zu gestalten. Durch die Verkündigung kommt zumindest die Botschaft zu den Menschen, dass heute erstrebenswert Dargestelltes nicht mit absoluter Gültigkeit einziger Lebenszweck ist. In LKU und Kaderfortbildung, in Exkursionen, Wallfahrten und im Kontext von Einkehrtagen können biblische und kirchliche Zielalternativen zumindest vorgestellt, in manchen Fällen auch erprobt werden. Die einzelnen können dann vielleicht dem Druck der Gegenwart die biblisch begründete Hoffnung auf Erlösung entgegenhalten. Durch die Feier der Sakramente und Sakramentalien wird dem einzelnen Mensch in persönlicher und personalisierter Weise Nähe und Zuwendung Gottes spürbar. Da das Wort ‚Sakrament‘ aus der militärischen Fachsprache stammt und den Eid auf das Feldzeichen meinte, gibt es ein Grundverständnis für den dialogischen Charakter von Liturgie: Ein Befugter ruft, Gerufene folgen und bekennen sich zum Rufer, dieser wiederum ist zu Versorgung und Schutz seiner ‚Truppe‘ aufgerufen. Auch wenn viele traditionelle Gottesdienstformen auf fast völliges Unwissen bei den jüngeren Soldaten stoßen, kann man mit schlichten Formen des Stundengebetes oder der Andacht Wesentliches ins Zentrum stellen. In der konkreten Bemühung um die besonders ‚Bedürftigen‘, sei es durch direkte Begleitung und Hilfe, sei es durch materielle Unterstützung, kann die Militärseelsorge die unbedingte (also auch nicht an Taufe oder volle Kirchengemeinschaft gebundene) Liebe Gottes zu den Menschen darstellen. Die Diakonie ist Erkennungszeichen der frühen Christen gewesen, sie bleibt es auch heute. b) Auf der Ebene der Institution Bundesheer Unabhängig vom ersten Teilbereich, der die

direkte Zuwendung der Militärseelsorge zu einzelnen Anvertrauten (Soldaten wie Zivilbediensteten) anspricht, gibt es auch eine institutionelle Dimension der Militärseelsorge, die sich in der Unterstützung der militärischen Ausbildung durch berufsethische Bildung zeigt, in der Mitwirkung am militärischen All- und Festtag im Inland (z.B.: Stabsdienst, militärische Festakte…) und in der Vernetzung des Bundesheeres mit der zivilen katholischen Kirche in Österreich. Militärseelsorge ist ein selbstverständlicher Bestandsteil der militärischen Strukturen und generiert daher ihr Wissen, wo in besonderer Weise Unterstützung nottut, selbst, indem sie am täglichen Leben in der Kaserne teilnimmt, nicht zuletzt bei den Mahlzeiten tägliche ‚Updates‘ erhält und schnell eingreifen kann. Im großen Feld der berufsethischen Bildung der Chargen, Unteroffiziere und Offiziere kann die Militärseelsorge, wenn sie qualifiziert arbeitet, wesentliche Beiträge flächendeckend (nicht nur für KatholikInnen) einbringen. Sollte ihr jedoch der Missbrauch des Unterrichts zu explizit missionarischen, diskriminierenden oder aufhetzenden Tätigkeiten nachgewiesen werden können, würde das Bundesheer schnell auf diesen Beitrag verzichten. c) Im Kontext militärischer Einsätze Auslands- oder Internationale Einsätze sind in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr in das Zentrum militärischer Ausbildung und Karriereplanung gerückt. Österreichs Beitrag auf dem internationalen Parkett ist ein wesentliches ‚Kapital‘ unserer Außenpolitik geworden. Die Militärseelsorger können als Begleiter der Soldaten im Einsatz nicht nur deren sakramentale Betreuung jederzeit sicherstellen (was vor allem im fremdsprachigen und nichtchristlichen Einsatzraum von Bedeutung werden kann), sie können mit ihrer religiösen Expertise manche Konflikte besser verstehen helfen. Mit ihrem Wissen um kirchen- und religionsgeschichtliche Prozesse können sie in Vorträgen und Einzelgesprächen helfen, Vorurteile abzubauen und Kontakte zu lokalen religiösen Autoritäten herzustellen. In der Funktion als Berater der Kommandanten in religiösen Fragen können sie damit sogar deeskalierend wirken.

Aufbau der Militärseelsorge Zur Erfüllung dieser Anliegen wurde in Österreich ein Militärordinariat errichtet, das von einem Bischof geleitet wird. Zurzeit ist dies Militärbischof Dr. Werner Freistetter. Ihm stehen ein Militärgeneralvikariat und das Institut für Religion und Frieden von Seiten des Staates zur Verfügung. Über das Generalvikariat führt der Militärbischof die Priester und Diakone im Inland und im Auslandseinsatz. Daneben steht dem Bischof, kirchlich finanziert, ein Stab von Expertinnen zur Verfügung für die Bereiche der Öffentlichkeitsarbeit, der kirchlichen Finanzverwaltung, des Diözesanarchivs und der wissenschaftlichen Beratung. Zusammenfassung Die Militärseelsorge, auf der Grundlage der Konzilskonstitution Christus Dominus Nr. 43 des CIC 1983 can. 569 und der Militärseelorgekonstitution Papst Johannes Pauls II. vom 21. April 1986 Spirtuali militum curae, sowie speziell für Österreich auf der Basis des Konkordats Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhle und der Republik Österreich von 1933/34, der von Rom approbierten Statuten des Militärordinariates für die Republik Österreich vom 21. März 1989 und der im Gefolge der Diözesansynode von 2013 durch Militärbischof Christian Werner veröffentlichten Pastoralen Leitlinien, ist ein kleiner, aber durchaus flächenwirksamer Teil der Kirche, der durch den Grundwehrdienst eine einmalige Chance bietet, weite Teile der männlichen jungen Erwachsenen erneut anzusprechen. Die Tätigkeit des Militärbischofs, der in der Militärseelsorge eingesetzten Priester und Diakone sowie Pastoralassistenten ist somit von Vorteil für die katholische Kirche in Österreich und hoffentlich auch für das Bundesheer, dessen Ziel des Schutzes und der Hilfe unabhängig von jeglichem diskriminierenden Merkmal auch der Kirche ein Anliegen ist. MilSup MMag. Stefan GUGEREL, Leiter des Instituts für Religion und Frieden 1) Da auf die geistliche Betreuung der Soldaten wegen ihrer besonderen Lebensbedingungen eine außerordentliche Sorgfalt verwandt werden muss, werde nach Möglichkeit in jedem Land ein Militärvikariat errichtet. Sowohl der Militärbischof als auch die Militärpfarrer mögen sich in einträchtiger Zusammenarbeit mit den Diözesanbischöfen eifrig dieser schwierigen Arbeit widmen. Deshalb sollen die Diözesanbischöfe dem Militärbischof genügend Priester zur Verfügung stellen, die für diese schwere Aufgabe geeignet sind. Gleichzeitig seien sie allen Bemühungen, das geistliche Wohl der Soldaten zu fördern, gewogen.

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Thema

Der Wissenschaftliche Fachlehrgang für Umweltgefahren und Katastrophenmanagement für ABC-Abwehroffiziere Ausgangslage: Die ABC-Abwehr des Österreichischen Bundesheeres wurde nach den Grundlagen des Bereichsplanes 14/ABC-Abwehr/1979 und des ABC-Abwehrkonzeptes 1997 ursprünglich im Rahmen des Raumverteidigungskonzeptes entwickelt. Dabei bildete die Zusammenarbeit mit Behörden auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene sowie mit Feuerwehren und Rettungsorganisationen im Hinblick auf die gesamtheitliche Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen einen wesentlichen Teil der Ausrichtung der Waffengattung, die auch im Landesverteidigungsplan und im Konzept der Umfassenden Landesverteidigung ihren Niederschlag fand. Die politischen Umwälzungen ab 1989 und das sich ändernde Bedrohungsbild weg vom „All-out War“(Spannochi) hin zu regionalen Konflikten, asymmetrischen und terroristischen Bedrohungen und Katastrophenszenarien hatten auch Konsequenzen für die ABC-Abwehr. Bereits die KKW-Katastrophe von Tschernobyl vom April 1986 forderte das ÖBH und die ABC-Abwehr im Rahmen einer bis dahin unbekannten Form der Assistenzleistung auf allen Ebenen und in enger Kooperation mit Behörden und wissenschaftlichen Einrichtungen. Der Einsatz der ABC-Abwehrtruppe nach dem schweren Erdbeben im Dezember 1988 in Armenien, damals Teil der Sowjetunion, war ebenfalls eine neue fachliche Herausforderung im internationalen Bereich. Letzterer hatte die Bildung der Austrian Forces Desaster Relief Unit/AFDRU und das Engagement des ÖBH in der internationalen militärischen Katastrophenhilfe zur Folge, das auch weiterhin in allen Planungsdokumenten eine wichtige Rolle spielt. 1992 führte ein Beschluss des Sicherheitsrates der VN zur Aufstellung von UNSCOM (der United Nations Special Commission), an deren Entwicklung die ABC-Abwehrtruppe personell und materiell bis 2003 wesentlichen Anteil hatte. Aufgabe dieser Kommission war das Aufspüren der Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein im Irak, deren Dokumentation und die Überwachung der Vernichtung der Waffen- und Munitionsbe-

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stände, von relevanten Waffensystemen und Fabrikationseinrichtungen. Die im Rahmen dieser Einsätze festgestellten Defizite der ABC-Abwehrtruppe im wissenschaftlichen Grundlagenbereich und in der Kommunikation mit wissenschaftlichen Einrichtungen ließen einen klaren Reformbedarf in der Ausbildung von Führungskräften und Experten erkennen. Umsetzung: 1992 begann der Kommandant der ABCAbwehrschule mit dem damaligen Leiter der Strahlenschutz-Akademie des Forschungszentrums Seibersdorf, Dr. Alfred Malasek, mit der Entwicklung einer wissenschaftlichen Zusatzfachausbildung für ABC-Abwehroffiziere, mit der wir damals völliges Neuland betraten. Ziel des Lehrganges sollte die Befähigung von Kommandanten bei Einsätzen im In- und Ausland sein, Lagen und Bedrohungen sowie eigene Handlungsmöglichkeiten richtig beurteilen zu können, Kooperationsmöglichkeiten zu erkennen und anzufordern und die erforderliche Kommunikation mit Internationalen Organisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen sicherzustellen. Keineswegs sollte dadurch eine „Verwissenschaftlichung“ von militärischen Führungskräften zu Lasten ihrer Führungsaufgabe herbeigeführt werden. Von 1995 bis 1999 fanden drei 2-semestrige „Wissenschaftliche Fachlehrgänge für Umweltgefahren und Katastrophenmanagement“ mit insgesamt 38 Teilnehmern statt. Daran nahmen auch besonders qualifizierte Unteroffiziere nach erfolgreichem Nachweis einer Studienberechtigung teil. Eine akademische Qualifizierung konnte trotz intensiver Bemühungen des Forschungszentrums Seibersdorf nicht erreicht werden. 2000 erging der Auftrag des BMLV an die ABC-Abwehrschule, die Fortsetzung des Lehrgangsprogrammes im eigenen Bereich zu planen. Hierzu wurde eine Planungsgruppe mit Vertretern der ABC-Abwehrschule, des BMLVS und der Wissenschaftskommission beim BM für Landesverteidigung und Sport gebildet, die auf Basis des UniversitätsStudiengesetzes 97, § 27 f, einen Lehrgang universitären Charakters/LUCH „Umweltgefahren und Katastrophenmanagement“ entwickelte.

Dieser Lehrgang berechtigte erfolgreiche Absolventen auf Basis der 26. MBA-Verordnung des BMBWK vom 23. 12. 2003 den Titel eines Master of Business Administration/MBA zu führen. Der MBA-Lehrgang wurde 2003 und 2006 jeweils 2-semestrig geführt. Ausbildungsort war die ABC-Abwehrschule, sowie externe Labors und Übungseinrichtungen im Inund Ausland. Das Lehrpersonal bestand aus wissenschaftlichem Fachpersonal der Schule, von Universitäten, militärischen und zivilen Experten internationaler Organisationen, sowie aus dem Bereich relevanter Industrie-Einrichtungen. Die vorwiegend nationalen, aber auch internationalen Hörer hatten 984 Ausbildungsstunden (63 SWS) zu absolvieren. Als Unterrichtsprinzip wurde Team-Teaching und Team-Arbeit festgelegt. Die Lehrgänge wurden mit einem BildungsControlling begleitet. Das Lehrgangsprogramm hatte eine entscheidende Qualitätssteigerung der Leistungsfähigkeit der ABC-Abwehrtruppe zur Folge, die auch im internationalen Bereich hohe Anerkennung fand. Alle Analysen von Lehrgängen mit ähnlichen Ansprüchen im In- und Ausland ergaben eine hervorragende Alleinstellung des österreichischen Weges. Versuche, das Programm nach 2008 fortzusetzen, scheiterten an den Sparprogrammen des ÖBH. Mittlerweile bietet die Universität Wien und die Montan-Universität Leoben ähnliche Lehrgänge an. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass dieser einmalige Versuch zur erfolgreichen Optimierung einer Waffengattung des ÖBH seine Aufgabe erfüllt hat. Es ist zu hoffen, dass künftig Verantwortliche im Ausbildungsbereich dieses Modell fortsetzen werden, sobald der Bedarf dafür gegeben ist und wahrgenommen wird.

Brigadier i.R. Norbert Fürstenhofer, ABC-Abwehrchef und Kommandant ABC-Abwehrschule a.D.


Rezension

Herbert Molzbichler:

Nachsitzen. Österreichisches Bildungssystem am Pranger. Der Autor rechnet in deutlichen Worten mit der Kurzsichtigkeit des Bildungssystems und der Schulpolitik „Made in Austria“ ab, indem er penibel alle „Baustellen“ der österreichischen Bildungslandschaft aufzeigt. Er sieht keine schlüssigen Bildungskonzepte, nur Fragmente. Eine Schar von „Experten“ etwa verkaufen ihre Ideen unter dem Aspekt der medialen Verwertbarkeit, es geht zumeist um die mediale Selbstinszenierung bestimmter Personen im Rahmen der Bildungspolitik. „Der oberflächliche Aktionismus am Markt der Eitelkeiten nimmt mitunter makabre Züge an.“ Molzbichler ist Praktiker, ein promovierter dazu, der weiß, worüber er schreibt und wenn er einen von der Politik ausgehenden gesellschaftlichen Schulterschluss aller relevanten Kräfte fordert, denn Reformen in der Bildungspolitik dürfen allein kein Selbstzweck sein! Schülerinnen und Schüler sind mehr als die Summe ihrer Lernund Leistungskompetenzen, denn der Mensch besteht nicht nur aus einer Ansammlung von Fertig- und Fähigkeiten. Das Ganze des Menschen ist eben mehr als nur die Summe seiner oder ihrer Kompetenzen. Der Autor attestiert den österreichischen Schülerinnen eine „erstaunliche Kluft zwischen hohen Selbstkonzept und realem Kompetenzmangel aus zu wenig differenzierten oder zu milden, nachsichtigen Beurteilungen“, sodass diese keine validen verlässlichen Rückmeldungen über ihre tatsächlich erbrachten Leistungen erhalten. Heute geht es den meisten Studien aber zumeist nur noch um die reine Messbarkeit von evaluierten Daten. Diese werden kategorisiert und zu Statistiken zusammengefasst ohne sich nachhaltig mit ihnen auseinanderzusetzen. Neue Bildungsprogramme werden auf die Schulstandorte losgelassen ohne den Mehrwert für den einzelnen Schüler / die Schülerin zu bestimmen – sie greifen zu kurz und sind nicht nachhaltig genug. Bildungspolitik darf nicht zu einer Baustellenpolitik verkommen, es muss jederzeit die Möglichkeit einer kritischen Reflexion eines Programms bestehen. Bildung darf nicht unter die Räder eines rein finanziell orientierten Marketings gelangen. Der Autor sieht in der Entwicklung der letzten Jahrzehnte „eine schleichende Unterwerfung der Pädagogik, der Bildung, des Wissens unter die Parameter eines neoliberalen kapitalistischen Wirtschaftssystem sowie unter die Heilslehren des New Public Managements“ und er folgert daraus, dass vor dem Hintergrund wachsender wirtschaftlicher Interessen sich das latente Spannungsverhältnis zwischen Wissen und Bildung im Sinne von Verwertungswissen und ganzheitlicher Menschenbildung verschärft.

Der Autor lässt exzellente Bildungswissenschaftler oder auch den renommierten Philosophen Konrad Paul Liessmann zu Wort kommen, der etwa beklagt, dass Bildung seit Jahren von Modebegriffen kontaminiert ist und dass eine Reform nur der Reform willen als Re-Form gelesen im Kern nichts anderes besagt, als dass sich die Form ändert, das Problem aber bleibt. Menschen sollen nicht mehr zu reflektierenden selbstbestimmten Individuen herangezogen werden sondern sollen sich allein den wirtschaftlichen Interessen diverser Konzerne beugen. Wissenschaftliche Ergebnisse werden nicht mehr valide hinterfragt, sie werden möglichst gewinnbringend an die Medienlandschaft verkauft. Der Umgang mit der Bildungslandschaft gleicht dem Autor nach einem Flipperautomaten bei dem es überall lautstark blinkt und das Bildungsprogramm wie eine Kugel in der Gegend solange herumgeschleudert wird bis es letztendlich zum TILT führt. Die Schule an sich kann nicht allein zum Rettungsanker der gesellschaftlichen und politischen Missstände sein oder werden oder diese in ausreichender Form kompensieren. Umfassend und äußerst fundiert analysiert Molzbichler die österreichische Bildungslandschaft, von der Ausbildung bis zu belastenden Aspekten des Lehrberufs, von der Autonomie über gelebte Schulkultur bis zum kompetenzorientierten Qualitätsmanagement. Er gewährt tiefe Einblicke in die Hintergründe bildungspolitischer Entscheidungen und blickt auch über der österreichischen pädagogischen Tellerrand, in dem er auf entsprechende Erfahrungen in anderen Ländern verweist. Und er scheut auch nicht davor, Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, etwa wenn er darauf verweist, dass bei all der Geschäftigkeit und der neuerdings grassierenden Reform-„Freude“ das Wesentlichste übersehen wird: dass wir in unserer Gesellschaft endlich wieder eine fruchtbare Lernkultur brauchen. Molzbichler schreibt vielen besorgten Lehrerinnen und Eltern aus der Seele!

Mag. Stephan Vörös Jg. 1980, unterrichtet am BRG Gröhrmühlgasse Wr. Neustadt www.brgg.at

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cle Forum 2/2017


Spektrum

Hinter den Kulissen Brauchen wir ein Bundesheer? Brgd. Fürstenhofer: Sicherheitspolitik gestern, heute und morgen (nach zwei Vorträgen des Brgd Fürstenhofer und einem Vortrag des Brgd Fender) Eltern und Lehrer sollten die ihnen anvertrauten Kinder schützen können, auch und gerade in natürlichen oder menschengemachten Katastrophen. 1945 wurde das Amt für Wehrwesen im Innenministerium geschaffen, unterstützt durch die W-Mächte. Erst der Staatvertrag gab Wehrhoheit zurück, doch war das Heer schlecht ausgerüstet und schlecht ausgebildet – zeigte sich vor allem 1956 und 1968. Die CSSR und Ungarn hatten chemische Waffen freigegeben, die USA drohte mit Atomwaffen. Schweiz hat die doppelte Ausstattung an Schutzräumen – am Arbeitsplatz und daheim. Je besser ein Land gerüstet ist, desto weniger wird es angegriffen!!! Das änderte sich erst unter General SPANOCCHI: Vermeiden von Schlachten, Aufteilung auf kleine Zentren: „Tausche Raum gegen Zeit“. Neutralität bleibt Lippenbekenntnis, wenn man sie nicht schützen kann wie etwa in der Schweiz. Frage nach dem bellum iustum – wofür lohnt es sich, in den Krieg zu ziehen? Diese Verantwortung fehlt in einem Berufsheer. Nach 1989 begann man mit Abrüstung: PLATTER: nur mehr 120 000 Mann und 6 Monate Grundwehrdienst. Milizübungen bis heute ausgesetzt. Kasernen, Geräte etc. wurden verkauft. Die Wende kam erst durch den Ansturm von Immigranten – wenn die Armee nicht mehr da ist, ist nichts mehr da. Die Ursachen: • Überbevölkerung in Schwarzafrika (ca. 6 bis 10 Mio. Schwarzafrikaner sind migrationsbereit), Libyen, Irak und Syrien exis-

tieren als funktionierende Staaten de facto derzeit nicht. • Syrien beruft verstärkt Männer zum Militär ein. • Die Gelder des UNHCR für Flüchtlingslager z. B. im Libanon wurden gekürzt; „Wir schaffen das“ wird als Einladung gedeutet.

chen Bakterien infizieren lässt und diverse Grenzen überschreitet). Der C-Bereich ist bereits völkerrechtlich geregelt, zumindest auf Papier.

Konsequenzen für Österreich: • Migration ist nicht demokratisch legitimiert. • Es entsteht Medien- und Meinungsdruck. • Es wird nicht unterschieden zwischen Flüchtlingen, Schutzsuchenden, Migranten. • Es entstehen Parallelgesellschaften, möglicherweise auch später politische Parteien. • Dir kulturelle Identität wird gestört, es kommt zu kultureller Inkompatibilität. • Durch Familiennachzug wird das Problem beschleunigt.

Sr. Katharina OP (Dr. Elisabeth Deifel)

Das Militär dient als Unternehmen, das das Sicherheitsbedürfnis befriedigt – das ist mit Wehrpflicht besser leistbar als mit einem Berufsheer. Die „Sicherheitsstrategie“ 2013 soll Integration fördern und Migration steuern. – Das Völkerrecht gibt dazu genug Handhabe, aber derzeit werden die völkerrechtlichen Bestimmungen permanent gebrochen (Genfer Flüchtlingskonvention, Schengen, Dublin), das muss sich rächen. Für den Zivilschutz ist besonders die ABCAbwehr bedeutsam. Atom-Abwehr verlangt gute Kenntnis von Kernphysik und Strahlenmedizin, aber auch praktisches Training des richtigen Verhaltens. Für den B-Bereich gibt es noch kein internationales Abkommen, obwohl biologische Waffen am leichtesten herstellbar sind (z.B. würde es reichen, wenn sich ein Selbstmordattentäter mit tödli-

Wenn ein Land also Frieden sichern will, braucht es ein gut ausgebildetes und gut ausgerüstetes Bundesheer.

Liebe Leser! Nach einem ereignisreichen Schuljahr wünscht das Redaktionsteam allen Kolleginnen und Kollegen schöne und erholsame Ferien- und Urlaubstage.

Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe:

Wie tickt die Jugend / Generation „What?“ 15.08.2017

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P.b.b.

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Cle forum 02 2017