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Inhalt

Prolog

Alltag im Krieg

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Anfängliche Skepsis 52 Stolze Normalität 54 Leben mit dem Luftkrieg 57 Transporte in den Tod 60

Weg zur Macht Auf fremdem Terrain »Kampf um Berlin«

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Brutaler Triumph

Stufenweise Zerstörung

Machtübertragung Machteroberung

64 Luftschlacht um Berlin Verfolgung und Widerstand 66 Endkampf 68 Weiterleben 71

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Populäre Diktatur 26 »Selbstgleichschaltung« Beginn der Judenverfolgung 28 Hitler und die Hauptstadt 32 Die Berliner und der »Führer« 36

Nationalsozialistische Stadt Bauherr Politik 39 Größenwahnsinnige Visionen 42 »Volksgemeinschaft« und Verfolgung

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74 Karte NS-Adressen in Berlin Quellen 78 Literatur 79 Der Autor 80

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Im Sommer 1936 wird das Olympische Feuer durch die Reichshauptstadt getragen. Die Berliner sind begeistert.


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Prolog

Scheinbar endlos sind die Reihen uniformierter Männer, die vom Tiergarten her tausende Fackeln durch das Brandenburger Tor tragen. Sie passieren die drei südlichen der insgesamt fünf mit Säulen geschmückten Durchlässe und müssen dann einer kleinen Baustelle vor der Hauptdurchfahrt ausweichen. Unter den Augen ungezählter Schaulustiger setzen die Marschierer ihren Weg fort über den Pariser Platz, um an der ersten Straßenkreuzung nach Süden in die Regierungsmeile Wilhelmstraße abzubiegen. Sie ziehen an zahlreichen Ministerien des deutschen Staates vorbei, bis sie schließlich gegenüber dem Wilhelmplatz die Reichskanzlei erreichen. Dort steht, am Fenster seines neuen Arbeitszimmers im ersten Stock, der wenige Stunden zuvor ernannte Reichskanzler Deutschlands: Adolf Hitler, der »Führer« der mit Abstand stärksten Partei im Reichstag, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), grüßt die tausenden Männer, die ihm zu Ehren durch die Kälte marschieren. Einen Triumphzug wie an diesem Montagabend, dem 30. Januar 1933, haben das alte Siegestor der Hohenzollern-Dynastie und das unmittelbar angrenzende Regierungsviertel der Reichshauptstadt seit Jahrzehnten nicht erlebt.

Auch Hitler ist überwältigt von der Begeisterung, die ihm entgegenschlägt. Seinen Leibfotografen Heinrich Hoffmann fragt er: »Wo hat Goebbels nur in der kurzen Zeit die vielen Fackeln aufgetrieben?« Tatsächlich hat sich der NSDAP-Gauleiter von Berlin, erfahren im Inszenieren von eindrucksvollen Kulissen für seinen »Führer«, an diesem Nachmittag selbst übertroffen. Erst gegen 17 Uhr hat der neue Reichsinnenminister, der Nationalsozialist Wilhelm Frick, das Demonstrationsverbot aufgehoben, das bisher für das Brandenburger Tor galt. Schon zwei Stunden später versammeln sich am Kleinen Stern im Tiergarten, wo sich Bellevueallee und Charlottenburger Chaussee kreuzen, alle SA-Leute, NSDAPMitglieder und weitere Hitler-Sympathisanten, die von Goebbels’ Aufruf gehört haben. Fackeln werden verteilt, Marschkapellen und Spielmannszüge geben den Takt vor, und rhythmisch schlagen bald zehntausende Stiefel auf den Asphalt. Gegen 20.30 Uhr erreicht die Spitze des Zuges das Ziel, die Reichskanzlei; insgesamt dauert der Vorbeimarsch mehr als drei Stunden, und bis nach Mitternacht trotzen jubelnde Berliner auf dem Wilhelmplatz dem Frost. Goebbels, der an diesem Abend seine erste Rundfunkansprache überhaupt hält,


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Prolog

Zum ersten Mal wird der Fackelzug für den Propagandafilm »SA-Mann Brand« nachgestellt.

Auch die bekannteste Aufnahme des Marsches durch das Brandenburger Tor ist nachträglich inszeniert.

kommt ins Schwärmen: »Es ist für mich nur ergreifend zu sehen, wie in dieser Stadt, in der wir vor sechs Jahren mit einer Handvoll Menschen begonnen haben, wie in der Stadt wirklich das ganze Volk aufsteht, wie unten die Menschen vorbeimarschieren, Arbeiter und Bürger und Bauern und Studenten und Soldaten – eine große Volksgemeinschaft.« Noch in derselben Nacht schreibt er in sein Tagebuch: »Unendlich. Eine Million Menschen unterwegs. Der Alte [Reichspräsident Paul von Hindenburg] nimmt den Vorbeimarsch ab. Im Nebenhaus Hitler. Aufbruch! Spontane Explosion des Volkes. Unbeschreiblich. Immer neue Massen.« Der Realität näher kommt der britische Botschafter, an dessen Amtssitz in der Wilhelmstraße die Kolonnen vorbeiziehen. Sir Horace Rumbold meldet seinem Außenminister nach London: »Die Nazi-Presse behauptet, dass an die 500 000 Menschen an dem Fackelnzug teilnahmen, offensichtlich ohne zu wissen, dass 10 000, die in Sechserreihen marschieren, eine Stunde für eine solche Parade gebraucht hätten und dass für vier Stunden 50 000 die Höchstzahl darstellen.«

Unabhängig von der Zahl der Marschierer sind die wenigen originalen Fotos vom Fackelzug enttäuschend – unterbelichtet, unscharf oder verwackelt. Bewegte Bilder gibt es überhaupt nicht. Also lässt der findige und skrupellose Goebbels in den kommenden Wochen den Triumphzug gleich zweimal für die Objektive der Bildjournalisten und Kameramänner nachstellen: Einmal für den Propagandastreifen »SA-Mann Brand« und wenig später noch größer für die Produktion »Hans Westmar«, ebenfalls ein Spielfilm über den Sieg des Nationalsozialimus in Deutschland. Die meisten Fotos und sämtliche Filmaufnahmen, die vom Fackelzug durch das Brandenburger Tor bekannt sind, stammen von einem dieser beiden nachinszenierten Märsche. Von Anfang an gehören Lügen und Täuschung zum Repertoire des neuen Regimes. Demokratisch gesinnte Berliner feiern am 30. Januar 1933 nicht; ihnen ist die gute Laune vergangen, die sie noch zwei Tage zuvor beim traditionsreichen Berliner Presseball ausgelebt hatten. Der Pazifist, Schriftsteller und Hitler-Gegner Harry Graf Kessler schreibt voll Abscheu in sein Tagebuch:


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Prolog

Der Fackelzug am 30. Januar 1933. Dieses Foto ist authentisch; man erkennt wie der Zug einer kleinen Baustelle am Brandenburger Tor ausweicht.

»Berlin ist heute in einer reinen Faschingsstimmung. SA- und SS-Trupps sowie uniformierter Stahlhelm durchziehen die Straßen, auf den Bürgersteigen stauen sich die Zuschauer. (…) Der ganze Wilhelmplatz gepfropft voll mit Gaffern.« Theodor Eschenburg, Mitarbeiter eines Wirtschaftsverbandes, hört auf einer Abendgesellschaft in der Villa eines Konzernchefs die Radioreportage über den Fackelzug. Die versammelten Herren, allesamt politisch konservativ eingestellt, werden beim Hören immer schweigsamer. Der 28-jährige Eschenburg fragt in die stille Runde: »Wann werden wir Hitler wieder loswerden?« Auf eine kurze und klare Formel bringt der Berliner Maler Max Liebermann, der im Haus direkt neben dem Brandenburger Tor wohnt, an diesem

Abend seine Gefühle: »Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen muß.« Mit dem Fackelzug durch das Brandenburger Tor beginnt am Abend des 30. Januar 1933 die dunkelste Epoche in der Geschichte der deutschen Hauptstadt. Von jenem Abend geht unbeschreibliche Gewalt aus, zunächst in Deutschland, dann in Europa und schließlich weltweit. Dutzende Millionen Menschen verlieren durch den Nationalsozialismus ihr Leben, unbeschreibliche kulturelle und ökonomische Werte werden durch Hitlers Krieg zerstört. Die Spuren des Jahrzwölfs 1933 bis 1945 sind auch heute, mehr als sechs Jahrzehnte später, noch zu sehen – auch wenn die Teilung Berlins, Deutschlands und Europas inzwischen überwunden ist.

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Bauherr Politik

Nationalsozialistische Stadt

Bauherr Politik Nach eigener Aussage wäre Adolf Hitler lieber Künstler geworden als Politiker, am liebsten Baumeister. Bis heute zeugen in Berlin zahlreiche Gebäude, die ab 1933/34 entstanden, von dieser Neigung für die Architektur. Doch begann der »Führer« keineswegs sofort nach seiner Ernennung zum Reichskanzler damit, die Hauptstadt nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Die ersten großen Bauaufträge der neuen Regierung galten vielmehr der »Hauptstadt der Bewegung« München: Schon acht Wochen nach der Machtübernahme begannen Vorbereitungen für zwei gigantische Parteibauten am Königsplatz und für das »Haus der Deutschen Kunst« am Englischen Garten. Mit Projekten in der Hauptstadt dagegen hielt sich der Reichskanzler vorerst noch zurück; mit Sicherheit hatte er das »Bild vom Neubau der Stadt Berlin« nicht schon 1909 im Wiener Obdachlosenasyl im Kopf, wie er 1941 seinen Tischgästen erklärte. Auch Goebbels behauptete in seinen 1934 im Buch »Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei« veröffentlichten Tagebuch-Auszügen, der »Führer« habe bereits am 3. Februar 1932 über »einen grandiosen Umbau der Reichshauptstadt« nachgedacht und alles »im Pro-

jekt fix und fertig«. Beim Vergleich mit Goebbels’ Originalnotizen erweist sich aber, dass der Berliner Gauleiter hier wie so oft nachträglich manipuliert hat. In Wirklichkeit griffen die ersten Bauprojekte in Berlin zurück auf bereits vor Hitlers Ernennung geplante Vorhaben der Stadtverwaltung, häufig mit dem Ziel der Arbeitsbeschaffung – allerdings nicht zum allgemeinen Nutzen: Der Wohnungsbau, der bereits seit 1931 wegen der Weltwirtschaftskrise eingebrochen war, erholte sich während der Friedensjahre des Dritten Reiches nicht. Stattdessen wurden Bauarbeiter und Rohstoffe auf imageträchtige Großbauten konzentriert. Bereits in den letzten Monaten der Weimarer Republik war über einen Neubau für die Reichsbank in Mitte nachgedacht worden; im Februar 1933 schrieb die Stadt einen Architektenwettbewerb aus. Ab Oktober wurde die alte Bebauung zwischen Spreekanal und Kurstraße abgeräumt; am 5. Mai 1934 feierte die NS-Führung die Grundsteinlegung für den ersten Großbau der »neuen Zeit«. Heute beherbergt das äußerlich nahezu unveränderte Gebäude das Auswärtige Amt. Auch andere Behörden begannen bald mit teilweise gewaltigen Neubauten: Goebbels ließ eine mehrteilige Erweiterung für sein Propagandaministe-

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Bauherr Politik

Das Reichsluftfahrtministerium an der Wilhelmstraße (heute Bundesfinanzministerium) gehört zu den wichtigsten Repräsentationsbauten des Dritten Reichs.

rium errichten; die Front zur Mauerstraße ist beinahe original erhalten. Für sein Amt als Berliner Gauleiter ließ er sich 1937/38 ein Bürohaus im einst fest in kommunistischer Hand befindlichen Bezirk Friedrichshain bauen – eine bewusste Wahl, um den Sieg der NSDAP zu demonstrieren. Hermann Göring beauftragte seinen hauseigenen Architekten Ernst Sagebiel, dem neu gegründeten Reichsluftfahrtministerium eine »angemessene« Unterkunft zu schaffen: das heutige Bundesfinanzministerium an der Wilhelmstraße. Am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf errichtete sich die Deutsche Arbeitsfront in mehreren Jahren eine riesige Zentrale, in deren erhaltenen Teilen heute verschiedene Behörden residieren. In Gru-

newald ließ sich der Reichsarbeitsdienst eine mächtige Zentrale bauen (heute Umweltbundesamt), auf dem Tempelhofer Feld entstand nach Plänen von Sagebiel der damals größte Flughafen der Welt. Zu den wichtigsten Bauherren gehörte die stark aufrüstende Reichswehr (ab 1935 Wehrmacht). Für sie wurden riesige Verwaltungs- und Kasernenkomplexe gebaut, zum Beispiel in Tiergarten, Zehlendorf, Spandau und Reinickendorf. Weit über hundert bis heute erhaltene Neubauten aus den Jahren 1933 bis 1939 wurden vom Staat in Berlin errichtet. Darunter sind auch Gebäude, die scheinbar nichts mit dem nationalsozialistischen Machtanspruch zu tun haben, wie die russisch-orthodoxe Kirche in Wilmersdorf, deren Inneneinrichtung aus Goebbels’ Haushalt bezahlt wurde, und das Rathaus Tiergarten. Die bekannteste Anlage aber dürfte das Stadion für die Olympischen Spiele 1936 sein. Entgegen der Legenden, die sich um das riesige, Reichssportfeld genannte Areal ranken, hat Hitlers späterer Leibarchitekt Albert Speer keinen Einfluss auf die Gestaltung des von Werner March geplanten Baus genommen. Auch hatte der »Führer« nie vor, die Olympiade wegen der angeblich zu modernen Wirkung des Stadions kurzfristig abzusagen. Die nüchternen Steinfassaden des riesigen Ovals waren ihm zwar tatsächlich nicht monumental genug, aber Hitler wusste genau, dass das weltweit beachtete Sportereignis eine einmalige Chance der Selbstdarstellung für sein Regime war. Entsprechend inszenierten Goebbels und Speer in den ersten beiden Augustwochen 1936 Berlin als eindeutig nationalsozialistische Stadt: Pompöser Fahnenschmuck zierte alle wichtigen Straßen, die Linden auf Berlins


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Bauherr Politik

Ernst Sagebiel (Mitte), der Architekt des Flughafens Tempelhof, während der Bauarbeiten 1939.

Die Selbstinszinierung des Regimes zeigt diese Propagandadarstellung des Olympiastadions mit Zeppelin.

schönstem Boulevard mussten Flaggenmasten weichen, zehntausende Berliner hängten Hakenkreuzfahnen aus ihren Fenstern. Die Stimmung in der Reichshauptstadt während der bis dahin aufwändigsten Spiele war enthusiastisch. Das Olympiastadion und die anderen Wettkampfstätten waren jeden Tag bis auf den letzten Platz gefüllt, die Besucher jubelten erfolgreichen Sportlern ebenso zu wie dem »Führer«. Der Reichskanzler erwies sich übrigens als schlechter Sportsmann: Bei Siegen deutscher Athleten triumphierte er auf der Ehrentribüne, bei Niederlagen machte er ein finsteres Gesicht. Doch gegen den Aufstieg des farbigen US-Sprinters und vierfachen Goldmedaillengewinners Jesse Owens zum Publikumsliebling konnte auch Goebbels nichts ausrichten.

Außer dem Reichssportfeld selbst ist von den Olympischen Spielen 1936 vor allem das Olympische Dorf mehrere Kilometer westlich des Stadions, außerhalb der Stadt, erhalten geblieben – noch: Die idyllisch gelegenen gut 150 Häuser stehen seit anderthalb Jahrzehnten leer und verfallen zusehends. Es war kein Zufall, dass die Unterkünfte für die (männlichen) Sportler so weit von den Wettkampfstätten entfernt lagen: Nach der Olympiade wurden sie zum Teil einer Kasernenanlage für den nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt Döberitz. Die Athletinnen wohnten dagegen direkt auf dem Reichssportfeld. Entgegen einem weit verbreiteten Glauben gibt es keine »typische« Nazi-Architektur – wie die erhaltenen Bauten aus den

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Größenwahnsinnige Visionen

dreißiger Jahren zeigen. Ihr streng vereinfachter neoklassizistischer Stil mit viel Werkstein und kräftigen Fenstergesimsen folgte vielmehr einem Trend, der ähnlich auch in Skandinavien und sogar den USA festzustellen ist. Charakteristisch war allerdings der Bauschmuck, den diese Gebäude erhielten: Kein Architekt verzichtete auf Reichsadler in allen denkbaren Varianten, auf Hakenkreuz-Reliefs und auf Friese oder Mosaike mit Themen der NS-Ideologie. In vielen Fällen sind diese Beigaben entfernt worden, doch wenn man genauer hinschaut oder in Teilen der Gebäude sucht, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, kann man noch Spuren des martialischen Schmucks finden – bis hin zu Hakenkreuzfriesen in einem Bau in der Dorotheenstraße 93, den heute der Bundestag nutzt.

Größenwahnsinnige Visionen Untrennbar verbunden mit der nationalsozialistischen Herrschaft sind die Pläne für den Umbau Berlins zur »Welthauptstadt Germania« unter Albert Speer. Doch ranken sich viele Mythen um diese durchweg größenwahnsinnigen Visionen. So griff Hitler ursprünglich keineswegs aus eigener Initiative in die Stadtplanung ein, sondern wurde im Herbst 1933 vom Oberbürgermeister ausdrücklich um die Entscheidung in einer Sachfrage gebeten, nämlich der genauen Führung der unterirdischen S-Bahntrasse zwischen den Bahnhöfen Potsdamer Platz und Friedrichstraße. Die Gelegenheit nutzte Hitler, um von der Stadtverwaltung Pläne für die Neugestaltung der Reichshauptstadt einzufordern. Daraufhin zeichneten deren

Mitarbeiter Entwürfe für eine Nord-SüdAchse zwischen Spreebogen und Tempelhofer Feld (heute Flughafen Tempelhof) und griffen damit seit fast hundert Jahren immer wieder diskutierte Überlegungen für eine Neugliederung der westlichen Innenstadt auf. Zudem sollte eine große Ost-WestAchse geschaffen werden, die Charlottenburg und Mitte verbinden würde. Der erste Entwurf fand grundsätzlich Hitlers Zustimmung, war ihm aber viel zu bescheiden. Er wollte einen »gewaltigen Triumphbogen für das unbesiegte Heer des Weltkriegs« und eine »ganz große Versammlungshalle von 250 000 Personen Fassungsvermögen«. Doch kamen die Planungen nicht recht voran; die verantwortlichen Architekten in der Verwaltung dachten weitaus zurückhaltender (also realistischer) als der »Führer«. Erst 1936 rang sich Hitler durch, den gerade einmal 31 Jahre alten Albert Speer mit diesem »größten von allen« Bauaufträgen zu betrauen. Inzwischen waren seine Wünsche auf völlig groteske Maße gewachsen; so sollte die Nord-Süd-Achse nun gleich 120 Meter breit werden. In den folgenden Jahren vergrößerte Speer die Dimensionen noch einmal: Vergleicht man die ersten Pläne seines Büros für die Nord-Süd-Achse von 1936 mit den letzten von 1942, so wird das stets zunehmende Ausmaß deutlich. Architektonisch waren die meisten Entwürfe des Speer-Büros banal: Es handelte sich vorwiegend um gigantische Vergrößerungen der bereits in den dreißiger Jahren realisierten Bauten. Die meisten Grundrisse waren von unpraktisch großen Hallen geprägt; die Nord-Süd-Achse hätte allein durch ihre Breite einschüchternd gewirkt. Die »Große Halle«, das gewaltigste von allen Vorhaben, sollte 290 Meter


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Größenwahnsinnige Visionen

Albert Speers Modell für den Umbau Berlins zur »Welthauptstadt Germania«: Blick auf die »Große Halle« durch den »Triumphbogen«.

Gesamthöhe erreichen und eine im Durchmesser 250 Meter weite, frei tragende Kuppel bekommen. Möglicherweise könnte mit heutiger Technik und ohne Rücksicht auf die Kosten ein solches Bauwerk realisiert werden; zu Speers Zeiten war das aber technisch ausgeschlossen. Auch hätte es in allen Steinbrüchen Europas nicht genügend Werkstein für die Fassaden der an der Nord-Süd-Achse geplanten Bauten gegeben. Um dieses Problem zu lösen, kamen Speer und Heinrich Himmler überein, KZ-Häftlinge in Ziegelsteinfabriken und Steinbrüchen arbeiten zu lassen – ein Beweis dafür, dass Speer, der sich nach 1945 mit Erfolg als »guter Nazi« darstellte, in höchstem Maße in die Verbrechen des Dritten Reiches verwickelt war.

Vollendet wurde nur wenig von Speers Plänen; zu sehen ist von ihnen heute noch weniger: im Wesentlichen die Ost-WestAchse, also der Straßenzug vom TheodorHeuss-Platz (damals Adolf-Hitler-Platz) über den Ernst-Reuter-Platz (ehemals »Am Knie«), die Straße des 17. Juni (Charlottenburger Chaussee) und Unter den Linden bis zum Schlossplatz. Er wurde bis zu Hitlers 50. Geburtstag am 20. April 1939 komplett verbreitert und mit insgesamt 703 neuen Doppellampen ausgestattet, von denen heute noch einige Dutzend stehen. Dafür musste zum Beispiel das Charlottenburger Tor, eine zweiteilige TriumphtorAnlage von 1907/08, um mehrere Meter auseinandergerückt werden. Die Versetzung der Siegessäule vom Königsplatz (heute

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Größenwahnsinnige Visionen

Die Neue Reichskanzlei in der Voßstraße, Albert Speers einziger fertig gestellter Großbau.

Platz der Republik) auf den Großen Stern war dagegen eine Vorbereitung für die Nord-Süd-Achse. Damit das Symbol der preußischen Siege in den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 am neuen, wesentlich weitläufigeren Standort nicht zu klein erschien, ließ Speer kurzerhand eine vierte Säulentrommel von 6,50 Metern Höhe einfügen. Unterirdisch haben sich Teile der geplanten Straßentunnel erhalten, die Staus auf der Kreuzung von Ost-West- und Nord-Süd-Achse verhindern sollten. An der geplanten Nord-Süd-Achse ist nur ein Gebäude im Rohbau fertig gestellt worden: das »Haus des Fremdenverkehrs« am »Runden Platz«. Es stand ungefähr dort, wo heute die Potsdamer Straße an Hans Scharouns

Staatsbibliothek vorbeiführt. Für die Errichtung dieses Neubaus wurde die Ruine des »Hauses des Fremdenverkehrs« 1964 abgerissen. Der heute größte sichtbare Rest der »Germania«-Planungen ist der »Großbelastungskörper« an der General-Pape-Straße. Mit dem 32 Meter hohen Betonklotz (davon 18 Meter oberirdisch) von 135 000 Tonnen Gewicht sollte die Tragfähigkeit des Grundes getestet werden. Spurlos verschwunden ist der einzige vollendete Großbau von Albert Speer in Berlin, der allerdings nicht zu den »Germania«-Planungen gehörte: die Neue Reichskanzlei. Entgegen Speers eigener Version wurde das 420 Meter lange, überwiegend aus Gängen und Hallen bestehende Gebäude nicht innerhalb von elf Monaten geplant und errichtet. In Wirklichkeit hatte Hitler bereits seit 1934 vor, sich am Südrand der Ministergärten entlang der Voßstraße eine neue Repräsentanz zu errichten. Vorversionen der schließlich umgesetzten Pläne aus dem Büro Speer datieren von 1935, seit 1936 wurden die alten Häuser entlang der Voßstraße abgerissen, 1937 die ersten Fassadenmodelle aufgestellt. Im Januar 1938, als Speer laut seinen Memoiren erstmals von dem Projekt erfahren haben will, gab es bereits die riesige Baugrube und Fundamente. Das Gebäude, das mit allem ausgestattet war, was die Technik seinerzeit hergab, kostete die horrende Summe von alles in allem rund 90 Millionen Reichsmark – das entspräche heute knapp einer Milliarde Euro. Prunkstück war die 146 Meter lange Marmor-Galerie, der Weg zu Hitlers »Büro«, das 390 Quadratmeter groß war und in dem der Diktator Staatsgäste an seinem (übrigens erhaltenen und in der 2006 eröffneten Dauerausstellung des Deutschen His-


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»Volksgemeinschaft« und Verfolgung

Parade auf der Ost-West-Achse (heute Straße des 17. Juni) zu Ehren der aus dem Spanischen Bürgerkrieg zurückgekehrten »Legion Condor« am 6. Juni 1939.

torischen Museums im Zeughaus ausgestellten) Schreibtisch empfing. Da die »Neue Reichskanzlei« aber vor den »Germania«Planungen konzipiert worden war, erschienen ihre gewaltigen Dimensionen Hitler und Speer bald zu klein. Der Leibarchitekt entwarf einen neuen »Führerpalast« mit einer 500 Meter langen Galerie und einem 900 Quadratmeter großen »Arbeitszimmer« für Hitler; er sollte etwa dort stehen, wo sich heute das vergleichsweise bescheidene Bundeskanzleramt mit dem 142,5 Quadratmeter kleinen Kanzlerbüro befindet. Die Neue Reichskanzlei sollte nach Vollendung von »Germania« zum Sitz des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess werden. Sie überstand den Krieg beschädigt und wurde

1949 bis 1951 abgerissen. Ihr Marmor wurde unter anderem für das Sowjetische Ehrenmal in Treptow und für den U-Bahnhof Mohrenstraße verwendet; weitere Bruchstücke wurden zu einem Affenfelsen im Tierpark Friedrichsfelde verbaut.

»Volksgemeinschaft« und Verfolgung Für seine Umbaupläne brauchte Albert Speer vor allem Raum. Zwar sollte die Nord-Süd-Achse selbst vorwiegend auf jenem Areal entstehen, auf dem damals noch die Gleisanlagen des Potsdamer sowie des Anhalter Bahnhofs lagen und die heute teilweise zu Parks umgestaltet, teilweise

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»Volksgemeinschaft« und Verfolgung

Auf dem Potsdamer Platz in Berlin steht am 27. März 1936 der Verkehr still, als anlässlich einer Hitler-Rede eine Schweigeminute eingelegt wird.

ungenutzt sind. Doch für Großbauten wie das »Reichsmarschallamt« Hermann Görings, die entlang der Prachtstraße entstehen sollte, hätten Wohnviertel weichen müssen, in denen tausende Berliner lebten. Für sie musste Ersatzwohnraum beschafft werden, bevor die Planungen umgesetzt werden konnten. Die Lösung sah Hitlers Architekt in der Rassenpolitik des Regimes; im Protokoll einer offiziellen Besprechung vom 14. September 1938 heißt es: »Prof. Speer entwickelte einen Vorschlag, der darauf abzielt, die erforderlichen Großwohnungen durch zwangsweise Ausmietung von Juden freizumachen. Dieser Vorschlag ist streng vertraulich zu behandeln, da Prof. Speer zunächst die Auffassung des Führers erkunden will. Danach würden die erfor-

derlichen gesetzlichen Handhaben zu schaffen sein.« Hitler stimmte zu und Speers Mitarbeiter machten sich ans Werk. Bemerkenswert ist die Aktennotiz, weil sie acht Wochen vor der so genannten Reichskristallnacht geschrieben wurde: Sie ist der Beleg für Speers aktive, auf eigener Initiative beruhender Beteiligung an der Judenverfolgung. Im NS-Staat existierten verschiedene antisemitische Strömungen nebeneinander: Es gab die »Radau«-Antisemiten, vorwiegend SA-Leute, die ihre Vorurteile und ihre Aggressivität an den systematisch entrechteten Menschen abreagierten; sie hatten oft schon vor 1933 Juden belästigt, später überfielen und beraubten sie immer wieder jüdische Geschäfte. Julius Streichers Hetz-


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»Volksgemeinschaft« und Verfolgung

blatt Der Stürmer veröffentlichte die Namen und Anschriften von Läden in jüdischem Besitz, mehrfach wurden Geschäfte dieser Liste von »Volksgenossen« geplündert, von SA-Trupps, Hitler-Jungen und ganz normalen Bürgern. Innerhalb weniger Tage im Juni 1938 wurden zum Beispiel dem Schirmgeschäft Liechtenstein in der Königsstraße am Alexanderplatz drei Schaufenster eingeschlagen, etwa 200 bis 300 erregte Menschen erzwangen die Schließung des Krawattengeschäfts Kornblum und offensichtlich auf Verabredung hin plünderte ein wilder, nicht uniformierter Mob eines Morgens gegen fünf Uhr das »jüdische« Warenhaus Westmann in der Frankfurter Straße. Anders gelagert war der Antrieb der zweiten Gruppe, der Karrieristen – für sie war Einfallsreichtum bei judenfeindlichen Maßnahmen eine bequeme Möglichkeit, ihre NS-Gesinnung unter Beweis zu stellen; ihnen war beinahe jede bürokratische Perfidie zuzutrauen. So veranlasste der Bezirksbürgermeister von Tiergarten im September 1934, dass zum jüdischen Erntedankfest nicht mehr die traditionellen Laubhütten errichtet werden durften – aus »baupolizeilichen Gründen«. Am 19. Juli 1935 verfügte die Berliner Stadtverwaltung, dass von Juden geführte Eisdielen bereits um 19 Uhr zu schließen hatten – sie mussten also in der Hochsaison auf das abendliche Geschäft verzichten. Das Bezirksamt Steglitz verfügte im Sommer 1935, dass seine Angestellten keine Aufträge mehr an Juden vergeben und nicht mehr in jüdischen Geschäften einkaufen dürften; nicht einmal privat sollten sie noch jüdische Ärzte oder Anwälte konsultieren. Nach einem Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin von 1936 war es ein zulässiger Kündigungsgrund, dass ein (»ari-

scher«) Angestellter mit einer jüdischen Frau verheiratet war. Ab dem 15. Mai 1937 durften gesammelte Altstoffe nicht mehr an jüdische Händler verkauft werden. Und zwei Wochen später, am 3. Juni, berieten Berlins Ratsherren, wie Juden die Benutzung öffentlicher Badeanstalten schrittweise unmöglich gemacht werden könnte. Eine zentrale Anordnung wollte man mit Rücksicht auf die Wirkung im Ausland vermeiden. Neben den beiden bereits für Juden verbotenen Hallenbädern sollten nach und nach alle Bäder bis auf das in der Dennewitzstraße mit möglichst scharf formulierten antisemitischen Schildern versehen werden. Das Gleiche schlugen die Kommunalpolitiker für die Freibäder vor – mit Ausnahme des Strandbades Wannsee, denn dort amüsierten sich besonders viele ausländische Gäste. Schließlich gab es die »rationalen« Antisemiten: Sie verachteten sowohl die Radaumacher wie die kleinlichen Bürokraten, denn sie fühlten sich ihnen überlegen. Die »rationalen« Antisemiten saßen vorwiegend in der höheren Verwaltung und in Führungspositionen der Gestapo, waren häufig akademisch gebildet und wollten die deutschen Juden sozusagen »sauber« vertreiben, indem sie ihnen systematisch die Lebensgrundlagen entzogen. Dabei setzten sie auf im ganzen Reich gültige Regelwerke wie die »Nürnberger Rassegesetze« von 1935, die immer schärferen Einschränkungen für den Lebensunterhalt von Juden und die forcierte »Arisierung« jüdischen Eigentums. Speer und seine Mitarbeiter gehörten zu dieser dritten Gruppe. Von zentraler Bedeutung für die deutsche und natürlich ebenso die Berliner Gesellschaft im Dritten Reich war der Begriff

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»Volksgemeinschaft« und Verfolgung

»Volksgemeinschaft«. Er bezeichnete die Gesamtheit aller »Volksgenossen deutschen Blutes« und schloss Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle sowie alle Regimegegner aus. Spätestens seit den »Nürnberger Rassegesetzen« galt die Fürsorge des Staates nur noch den »Volksgenossen«; zu ihrem Wohl (und zum Wohl der zahlreichen Profiteure des Systems) durften und sollten »volksfremde« Personen ausgeplündert werden. In der von Anfang an häufig gewalttätig ausgelebten Judenfeindschaft hatte das NS-Regime ein Ventil für seine unzufriedenen Anhänger gefunden. Seit 1933 waren tätliche Angriffe auf Juden alltäglich geworden; allerdings bedrohten sie das Leben von deutschen Juden in der anonymen Millionenstadt Berlin immerhin etwas weniger als in Kleinstädten und vor allem als auf dem Lande. Daher zogen gerade viele Juden vom Land nach Berlin, was auch erklärt, warum die offiziell erfasste Gesamtzahl der Berliner Juden zwischen 1933 und 1935 nur geringfügig von 160 000 auf 153 000 sank, obwohl im selben Zeitraum fast 28 000 Juden aus der Reichshauptstadt emigrierten. Das allerdings war nicht leicht: Fast alle Länder sperrten sich dagegen, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen – Antisemitismus gab es nicht nur in Deutschland. Die Behörden erhöhten den Druck ihrer antijüdische Politik: Viele Zeitungen steigerten ihre Hasstiraden; die Polizei führte willkürliche »Razzien« in jüdischen Einrichtungen durch. Im Juni 1938 betonte Goebbels vor 300 leitenden Beamten: »Nicht Gesetz ist die Parole, sondern Schikane.« Doch auch die nochmals verschärfte Gangart der Regierung genügte nicht, um die Aggressivität von zehntausenden NS-Anhängern in Berlin unter Kontrolle zu bekommen. Daher

Die Synagoge in der Fasanenstraße brennt.

war Joseph Goebbels geradezu dankbar, als ein jüdischer Jugendlicher aus Hannover am 7. November 1938 in Paris einen deutschen Diplomaten niederschoss. Der Propagandaminister holte Hitlers Einverständnis ein und forderte dann seine Gefolgsleute vor Ort auf, ein Pogrom zu inszenieren; Polizei, Feuerwehr und Gestapo erhielten Befehl, nicht gegen die Gewalttäter einzuschreiten. In Berlin zogen Horden von SA-Leuten und Hitler-Jungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November durch die Straßen, schlugen Fensterscheiben ein (daher der Begriff »Reichskristallnacht«, dessen genauer Ursprung unbekannt ist), steckten Synagogen in Brand, verwüsteten jüdische Einrichtungen und verprügelten jüdische Bürger. Helga Narthorff, eine Berliner Jüdin, hielt ihre Eindrücke im Tagebuch fest: »Auf dem Kurfürstendamm lagen besudelte Schaufens-


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»Volksgemeinschaft« und Verfolgung

Verfolgte Menschen suchen 1938 beim »Hilfsverein der Juden« in Berlin Unterstützung für die Auswanderung.

terpuppen inmitten von Glasscherben. Aus leeren Fensterhöhlen flatterten Kleiderfetzen im Wind. Plünderer hatten das Bild der Zerstörung und der Gewalt noch vervollständigt. In den Geschäften lagen herausgerissene Schubladen, verstreute Wäschestücke, zertrümmerte Möbel, zerschlagenes, zertretenes Porzellan, verbeulte Hüte.« Die Schweizer Zeitung Der Bund berichtete am 11. November: »Am Kurfürstendamm und in den Nachbarstraßen verwüsten Gruppen von vier bis fünf jungen Männern, die mit Holzhämmern und Säbeln ausgerüstet sind, die jüdischen Geschäfte. (…) Vor den jüdischen Lebensmittelgeschäften verteilen junge Leute Käse und andere Lebensmittel, die sie aus den Schaufenstern entwendet haben. Die Menge sieht dem Treiben stillschweigend zu.« Die Reaktion der Berliner war tatsächlich überwiegend abwartend;

mit den »Radau«-Antisemiten machte sich niemand gern gemein, auch nicht die »karrieristischen« und schon gar nicht die »rationalen« Judenfeinde. Die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich notierte über den Morgen nach dem Pogrom: »Der Omnibusschaffner sieht mich an, als wolle er mir etwas wichtiges mitteilen. Aber dann schüttelt er nur den Kopf und schaut schuldbewußt zur Seite. Die Mitfahrenden blicken überhaupt nicht auf. Jeder macht ein Gesicht, als bäte er irgendwie um Verzeihung. (…) An der Ecke Fasanenstraße stauen sich die Menschen. Eine stumme Masse, die betreten in Richtung der Synagoge starrt, deren Kuppel von Rauchwolken umhüllt ist. ›Verfluchte Schande!‹ flüstert neben mir ein Mann. Ich sehe ihn liebevoll an.« Die Exil-SPD meldete: »Der Protest der Berliner Bevölkerung (…) war deutlich.

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»Volksgemeinschaft« und Verfolgung

Begeisterte Mitglieder des »Bundes Deutscher Mädel« feiern den »Führer«.

Er reichte vom verächtlichen Blick und der angewiderten Geste bis zum offenen Wort des Ekels und drastischer Beschimpfung.« Aber weiter ging der Protest eben meist nicht. Ruth Andreas-Friedrich vermerkte selbstkritisch: »Wir, die wir hier sitzen, im Omnibus fahren und vor Scham fast vergehen. Brüder der Scham. Genossen der Zerknirschtheit. Wenn sich aber alle schämen, wer hat denn dann die Scheiben eingeschlagen? Du warst es nicht, ich war es nicht. Wie heißt denn der X, der große Unbekannte?« Es gab Ausnahmen von der großen Teilnahmslosigkeit, mit der die Berliner auf die Ausschreitungen reagierten. Den Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld zum Beispiel, der SA-Leute daran hinderte, die Synagoge in der Oranienburger Straße

(heute Centrum Judaicum) anzustecken, dafür offiziell gerügt wurde und schließlich die unfreiwillige Frühpensionierung erhielt. Auch ein anderer, namentlich nicht bekannter Polizist zeigte Zivilcourage: Gemeinsam mit einem Unteroffizier des Heeres bewahrte er in der Weinmeisterstraße in Mitte zwei jüdische Frauen und ihre Kinder vor Übergriffen durch den Nazi-Mob. Doch solcher Mut war die Ausnahme; die meisten Berliner sahen weg oder machten höchstens in ungefährlicher Gesellschaft ihrer Missbilligung des Pogroms Luft. Zehn der dreißig Synagogen in Berlin wurden total zerstört, dreizehn weitere beschädigt. Außerdem verwüsteten die SA-Trupps mindestens sechzig private Beträume, demolierten über 1000 Geschäfte und töten mehrere Dutzend Menschen. Mehr als 12 000


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»Volksgemeinschaft« und Verfolgung

»Tag der nationalen Arbeit« am 1. Mai 1936 im Lustgarten.

Juden wurden allein in Berlin verhaftet und in KZs gebracht. Als »Wiedergutmachung« mussten die Jüdischen Gemeinden nicht nur sämtliche Versicherungsansprüche abtreten, sondern zudem eine Milliarde Reichsmark an den Staat zahlen. Nach dem Pogrom emigrierten noch einmal mehr als 30 000 Berliner Juden – praktisch jeder, der eine Chance hatte, ins Ausland zu entkommen. Nach der »Reichskristallnacht« wurde noch rücksichtsloser »arisiert« als zuvor, also jüdisches Eigentum unter Wert NS-treuen Profiteuren zugeschoben. Auf diese Weise sind viele kleine und große Vermögen in Deutschland entstanden; nur in wenigen Fällen wurde dieses Unrecht nach 1945 rückgängig gemacht oder angemessen entschädigt. In Berlin sind noch immer Ge-

richtsverfahren wegen Immobilien anhängig, die einst im Besitz jüdischer Deutscher waren – zum Beispiel hinsichtlich der Filetgrundstücke des Warenhauskonzerns Wertheim am Potsdamer und am Leipziger Platz. Für die »Volksgemeinschaft« hatte die »Arisierung« eine stabilisierende Wirkung: Wer profitieren konnte, tat das – und hielt sich fortan mit Kritik noch mehr zurück als zuvor. Insgesamt blieb die Reaktion der Berliner auf die antijüdische Gewalt 1938 ebenso verhalten wie auf die Gewalt gegen KPD und SPD im Frühjahr 1933. Es wäre anmaßend, von den damaligen Bewohnern der Hauptstadt durchweg Heldentaten verlangen zu wollen. Aber viele Zeitgenossen waren in den Jahrzehnten nach 1945 nicht einmal bereit einzuräumen, dass ihr Schweigen zumindest anrüchig war.

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Saatwinkler Damm

Spuren der NS-Herrschaft in Berlin

VOLKSPARK REHBERGE

VOLKSPARK 1 NeueJ Reichskanzlei UNGFERNHEIDE 2 Sitz des »Stellvertreters des Führers« Rudolf Heß 3 Reichsluftfahrtministerium HeChefs Reichssicherheitshauptamtes 4 Sitz des ckerdades mm und des SD (Dienstsitz Reinhard Heydrich) – Prinz-Albrecht-Palais, heute »Topographie des Terrors« 5 Redaktion, Verlag und Druckerei des »Völkischen U U Beobachters« Sie m 6 Hotel eKaiserhof nsd am mOberkommando des Heeres 7 Bendlerblock, 8 Sitz der »Euthanasie-Organisation« T4 9 Volksgerichtshof 10 Referat IV B 4 des Reichssicherheitshauptamts Jungfernheide (Dienstsitz Adolf Eichmann) 11 Zentrale der Deutschen Arbeitsfront U (Dienstsitz Robert Ley) 12 Flak- und Leitturm Zoologischer Garten AuguKaiserinsta-Allee 13 Botschaften Spaniens und Jugoslawiens 14 Botschaften Japans und Italiens 15 Flakturm im Humboldthain Dam 16 Leitturm im Humboldthain m 17 Gauleitung Gau Berlin der NSDAP und Ott o-S uh Joeseph-Goebbels-Heimstatt r-A Friedrichshain 18 Flak- und Leitturm imWestend U llee 19 Flughafen Tempelhof 20 »Großbelastungskörper« Papestraße

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17:11 Uhr

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Anhang

Schäche, Wolfgang: Architektur und Städtebau in Berlin zwischen 1933 und 1945. 2. Aufl. Berlin 1992. Ders./Szymanski, Norbert: Das Reichssportfeld. Architektur im Spannungsfeld von Sport und Macht. Berlin 2001. Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Berlin. Geschichte einer Stadt. Berlin 2001. Tobias, Fritz: Der Reichstagsbrand. Legende und Wirklichkeit. Rastatt 1962.

Tuchel, Johannes/Schattenfroh, Reinold: Zentrale des Terrors. Prinz-AlbrechtStraße 8: Hauptquartier der Gestapo. Berlin 1987. Wilderotter, Hans: Alltag der Macht. Berlin Wilhelmstraße. Berlin 1998. Willems, Susanne: Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtneubau. Berlin 2002.

Der Autor Sven Felix Kellerhoff, geboren 1971 in Stuttgart, studierte Geschichte und Medienrecht und absolvierte die Berliner Journalisten-Schule. Seit 1993 als Publizist vorwiegend für historische Themen tätig. Derzeit leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte bei der WELT.

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Leseprobe "Berlin unterm Hakenkreuz"  

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