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Einzelveröffentlichungen der Brandenburgischen Historischen Kommission e. V. Bd. XX Einzelveröffentlichung des Brandenburgischen Landeshauptarchivs Herausgegeben von Klaus Neitmann Bd. XXII

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Klaus Neitmann | Hartwig Walberg (Hrsg.)

 Brandenburgischer Historischer Städteatlas

Eberswalde bearbeitet von Kristina Hübener, Alexander Walberg und Jenny Wiese

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Projekt und Drucklegung wurden gefördert durch das Ministerium für ­Infrastruktur und Landesplanung, Land Brandenburg, und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Land Brandenburg

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und ­strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD -ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2019 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Katrin Endres, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin Schriften: Bliss 10/15 pt, Arnhem Druck und Bindung: Elbedruckerei, Wittenberg ISBN 978 -3 -95410 -231- 0 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt KL AUS NEITMANN | HART WIG WALBERG

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Vorwort der Herausgeber JENNY WIESE

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Die Gründung der Stadt Eberswalde aus archäologischer Sicht KRISTINA HÜBENER

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Eberswalde – Abriss der geschichtlichen Entwicklung ALEX ANDER WALBERG

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Einführung in den Kartenteil

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Beschreibung der Karten

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Anhang Quellen- und Literaturverzeichnis Abbildungsnachweis Die Bearbeiter Dank

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Vorwort der Herausgeber

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blühte die deutsche und europäische Stadtgeschichtsforschung auf und entwickelte sich zu einem gewichtigen eigenständigen Forschungszweig innerhalb der Geschichtswissenschaft. Mit dem historischen Städteatlas hat sie ein neues, modernes Instrumentarium zur Verdeutlichung ihrer Anliegen und zur Darbietung ihrer Ergebnisse geschaffen. Die Atlasarbeit hat in Europa mittlerweile eine annähernd fünfzigjährige Tradition. In dieser Zeitspanne sind inzwischen über 500 historische Städte untersucht und dargestellt worden. Der Kartenkanon der Atlanten folgt den Richtlinien der International Commission for the History of Towns (ICHT), wodurch eine weitgehende Übereinstimmung und Vergleichbarkeit der Ergebnisse garantiert ist. Im Mittelpunkt des vereinbarten Kanons stehen die Edition der ersten exakten Vermessung der Stadt im 19. Jahrhundert, des sogenannten Urkatasters, sowie die Wiedergabe weiterer topographischer Karten für den historischen Stadtkern und das städtische Umland. Deutsche Städte nehmen in der Gesamtmenge der bisher insgesamt 500 bearbeiteten Städte einen besonders großen Anteil ein: Allein die Hälfte der europäischen Stadtatlanten erschien im Rahmen des Deutschen Historischen, des Hessischen, des Rheinischen sowie des Westfälischen Städteatlas. Für das Gebiet des Landes Brandenburg in seinen heutigen Grenzen erschienen allerdings nur zwei 1993 bearbeitete Städte (Potsdam und Brandenburg a. d. Havel) in der Herausgeberschaft des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster, denen seitdem keine weiteren mehr folgten. Unter diesen Umständen und im Hinblick auf ihre langjährigen ertragreichen Bemühungen um die Erstellung von wissenschaftlich fundierten Stadtgeschichtswerken lag es für die Brandenburgische Historische Kommission e. V. nahe, die Anfertigung eines »Brandenburgischen Historischen Städteatlas« in ihr Forschungsprogramm aufzunehmen. Nach mehrjährigen Anstrengungen und unter Überwindung erheblicher Schwierigkeiten wird jetzt dessen erste Ausgabe mit der Stadt Eberswalde vorgelegt. Die Überlegungen zu einem eigenen brandenburgischen Atlaswerk begannen mit der Suche nach Städten, die aufgrund der Überlieferungslage als auch ihres historischen Ranges für ein solches Projekt geeignet erschienen. Eine erste Liste von Städten zur Vorbereitung einer Auswahl wurde 2015 zusammengestellt, woraufhin Recherchen in den Kartenbeständen von Archiven, Bibliotheken und Katasterämtern zur Klärung der Quellenlage folgten. Am Ende wurde die Entscheidung für Eberswalde getroffen, das sich sowohl mit seinem Kartenbestand als auch mit seiner Geschichte als früh industrialisierte Stadt mit mittelalterlichen Wurzeln anbot. Die Brandenburgische Historische Kommission e. V. erfreute sich in der Folgezeit zur Verwirklichung ihres Vorhabens der tatkräftigen Unterstützung der Fachhochschule Potsdam (Fachbereich Informationswissenschaften) und insbesondere des Brandenburgischen Landes-

Vorwort der Herausgeber

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hauptarchivs, dessen Förderung die Bearbeitung der vorgenommenen Aufgabe maßgeblich ermöglichte. Mit Alexander Walberg M. A. war seit Beginn des Unternehmens ein junger Historiker für die Recherchearbeiten, für die analoge und digitale kartographische Bearbeitung der Altkarten und der thematischen Karten sowie für die wissenschaftliche Redaktion verantwortlich. In seinem Beitrag in diesem Band erläutert er den Kartenteil des vorliegenden Städteatlas. Einen archäologischen Blick auf die Stadtgeschichte liefert der einleitende Aufsatz von Dr. des. Jenny Wiese. Dr. Kristina Hübener hat einen mit zahlreichen Karten und Abbildungen illustrierten Text zur Stadtgeschichte Eberswaldes beigesteuert. Für die Erarbeitung des historischen Städteatlas Eberswalde konnte einerseits auf die bei bereits bestehenden Projekten gemachten Erfahrungen nutzbringend zurückgegriffen werden. Dabei ist die Vernetzung mit der ICHT und der Kontakt zum Institut für vergleichende Städtegeschichte hervorzuheben. Für Brandenburg wurden andererseits Anpassungen an die lokalen Gegebenheiten vorgenommen. Die vorliegende Publikation präsentiert sich insofern in einer eigenen »brandenburgischen« Aufmachung. Gewählt wurde eine handliche, gebundene Variante mit wenigen großformatigen Karten. Den Mittelpunkt stellt die Neuzeichnung und Edition der Urkatasterkarte auf Basis der ersten exakten Vermessung und der Urkatasterbücher aus dem 19. Jahrhundert dar. Zur Vorbereitung der Buchpublikation wurden Text- und Bilddaten digital erfasst und weiterverarbeitet. Diese digitalen Atlasdaten stehen der künftigen historischen Städteatlasarbeit als Forschungsdaten ebenfalls zur Verfügung. Die Veröffentlichung wendet sich an einen möglichst breiten Interessentenkreis – in Eberswalde, in Brandenburg und darüber hinaus. Sie soll der brandenburgischen, deutschen und internationalen Stadt- und Landesgeschichtsforschung topographische Grundlagen zur Verfügung stellen, die bisher nicht oder nur verstreut erreichbar waren, und sie soll mit ihrer Darbietungsform die Stadt und die Stadtentwicklung neu und anschaulich sehen lehren. Ein großer Dank gilt allen Personen, Behörden und Institutionen, die zum Erscheinen beigetragen haben. An erster Stelle sind die drei Bearbeiter zu erwähnen, ohne deren Bereitschaft und Ausdauer der Plan der Herausgeber nicht hätte realisiert werden können. Vor Ort standen das Kreisarchiv und die Katasterbehörde des Kreises Barnim sowie das Stadt- und Kreismuseum dem Projekt mit Rat und Tat zur Seite. Das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung sowie das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg haben mit ihrer großzügigen Förderung den Abschluss der Arbeiten und die Drucklegung ermöglicht. Das Ergebnis wird in der Schriftenreihe »Einzelveröffentlichung des Brandenburgischen Landeshauptarchivs« herausgebracht und ist damit zugleich ein weiteres Zeugnis für die seit vielen Jahren bestehende enge und fruchtbare Zusammenarbeit beider Seiten zur Weiterführung der brandenburgischen Landesgeschichtsforschung. Mit der vorliegenden Publikation zur Stadt Eberswalde im Brandenburgischen Historischen Städteatlas ist ein vielversprechender Anfang gemacht worden. Brandenburg ist nun mit einem eigenen Historischen Städteatlas in Deutschland vertreten. Die Herausgeber haben daher mit Vorarbeiten für die Bearbeitung weiterer brandenburgischer Städte begonnen. Im Namen der Brandenburgischen Historischen Kommission und des Brandenburgischen Landeshauptarchivs Prof. Dr. Klaus Neitmann   Prof. Dr. Hartwig Walberg

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Die Gründung der Stadt Eberswalde aus archäologischer Sicht JENNY WIESE

Eberswalde wird erstmals im Jahr 1276 namentlich als Ausstellungsort einer Urkunde für die Stadt Friedland in den Quellen erwähnt.1 Zu diesem Zeitpunkt muss der Ort somit bereits als städtisches Gefüge bestanden haben.2 Das tatsächliche Jahr der Stadtgründung ist bisher allerdings weder durch historische noch archäologische Quellen eindeutig zu verifizieren. Hinweise zu den Ursprüngen der Stadt gibt jedoch eine Grenzbriefurkunde3, die durch den askanischen Landesfürsten und Förderer der Stadt Albrecht III. im Jahr 1300 ausgestellt wurde. Auch das Weihedatum der Stadtpfarrkirche Maria-Magdalenen, das nach einem Altarfund ermittelt wurde, verweist darauf, dass Eberswalde bereits um 1250 ein Ort mit städtischem Charakter gewesen sein muss.4 Aus dem markgräflichen Grenzbrief vom 24. August 1300, in dem Eberswalde bereits als »Marktort« mit Rathaus benannt wird, lässt sich ebenfalls schließen, dass es sich nicht um die Neugründung einer Stadt handelte.5 Nach urkundlicher Erwähnung, Provenienz und Etymologie kann mit einer Überprägung des Dorfes »Eversberg« gerechnet werden, welches sich ausweislich des Grenzbriefs zusammen mit der Ortschaft »Jacobisdorf« bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts innerhalb der Gemarkungsgrenzen der Stadt »Everswolde« befand.6 Im archäologischen Kontext ließ sich bisher keine der beiden Dorfsiedlungen nachweisen. Dennoch stimmen die um 1300 festgesetzten Gemarkungsgrenzen Eberswaldes im weitesten Sinne noch mit den heutigen überein, weshalb anzunehmen ist, dass zumindest Eversberg in der späteren Stadt aufgegangen ist.7 Den Schriftzeugnissen lässt sich entnehmen, dass die Anlage der Dörfer im durch Markgraf Otto II. bereits 1198 beanspruchten Grenzgebiet zu Pommern in engem Zusammenhang mit der Errichtung einer Kette von Grenzburgen stand.8 So erfolgte neben der Errichtung von Burganlagen in Liebenwalde, Hohenfinow und Biesenthal auch der Bau einer Anlage auf dem etwas höher gelegenen Hausberg im Süden des späteren Altstadtbereichs. Der Stadtkern wurde günstig in der Finowniederung angesiedelt. Er lag unmittelbar an der Furt einer von Leipzig kommenden und über Berlin und Angermünde weiter Richtung Stettin verlaufenden Handelsstraße (via regia).9 Gegen Ende des 13. Jahrhunderts verdichten sich aus archäologischer Sicht die Hinweise darauf, dass ein Um- und Ausbau der Stadt geplant und zumindest teilweise umgesetzt worden ist. Dennoch zählte Eberswalde nicht unbedingt zu den bedeutenden Städten in der Mark, nachdem die Burganlage auf dem Hausberg nach Beilegung der Grenzstreitigkeiten mit Pommern ihre Bedeutung verlor.10 Bereits im 14. Jahrhundert fiel die Anlage wüst. Trotzdem hatte Markgraf Albrecht III. ein reges Interesse an der Stadt, in der er sich häufig aufhielt und deren Ausbau er somit offensichtlich auch protegierte.11 In diesem Zusammenhang sind mehrere von ihm veranlasste Altarstiftungen in der Stadtpfarrkirche St. Maria-Magdalenen im Zentrum der Altstadt zwischen 1294 und 1300 zu nennen.12 Auch die Umfassung

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Die Eberswalder Altstadt aus der Luft. Darüber liegt eine Durchzeichnung des ältesten erhaltenen Katasterplans der Stadt von Johann Euchler, 1723. Deutlich wird, dass die Hauptachsen der Stadt kaum verschoben wurden. Die orange Markierung zeigt die Grabungsfläche »An der Töpferstraße«, die grüne die Grabungsflächen »Am Pavillonplatz«.

des Stadtareals mit einer Mauer, die erstmalig 1317 schriftlich erwähnt wird, geht vermutlich bereits auf sein Wirken gegen Ende des 13. Jahrhunderts zurück. Archäologisch fassen lässt sich der Stadtausbau bereits ab etwa 1250.13 Klarer wird die Befundlage aber erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Bei Untersuchungen in der Töpferstraße (vor 1723 »Knüppeldamm«)14 im nordöstlichen Altstadtbereich konnten die aus Eichenholzschwellbalken errichteten Hausgrundrisse von 13 dreischiffigen Hallenhäusern ausgegraben werden.15 Alle giebelständig zum Straßenverlauf ausgerichtet, befanden sich die in Fachwerkbauweise errichteten Gebäude hauptsächlich frei stehend auf abgeteilten Streifenparzellen.16 Die auffällig gute Holzerhaltung unter Luftabschluss im Wasser verweist auf ein Problem, das bereits zur Bauzeit bestanden haben muss: besonders der nördliche Teil der Eberswalder Altstadt war und ist durch Schichtenwassereinschlüsse geprägt.

Rechte Seite oben: Auszug aus dem Grabungsplan an der Töpferstraße. Zu erkennen sind die hölzernen Grundrisse der dreischiffigen Hallenhäuser Nr. 3, 4 und 5, die ursprünglich in einer Bauflucht an der Töpferstraße lagen.

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Rechte Seite unten: Blick auf die Grabungsfläche an der Töpferstraße, Häuser 3 und 4. Die Ausgräber hatten immer wieder mit Schichtenwassereinbrüchen zu kämpfen, was Abpumpmaßnahmen notwendig machte. Bereits im Mittelalter wurden in diesem Bereich verstärkt Reisig und Kies aufgeschüttet, um den Boden tragfähig zu machen. Dies gelang nur mäßig, was bis zu zwei Meter lange, in die Erde eingeschlagene Gründungspfähle bezeugen, die die Grundschwellen der Häuser in Position halten sollten.

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Rekonstruktionsvorschlag des dreischiffigen Hallenhauses Nummer 4 aus der Töpferstraße anhand der archäologischen Befundlage.

Von den Hängen des südlich an die Stadt grenzenden Barnimplateaus läuft stetig Regenwasser hinab und staut sich dann in der Finowniederung.17 Die Folge ist ein wenig tragfähiger Baugrund. Wohl aus diesem Grund hat man im Vorfeld des Hausbaus umfangreiche Bodenverbesserungsmaßnahmen in der Töpferstraße durchgeführt, indem Reisig und Kies aufgeschüttet wurden.18 Zusätzlich teilte ein von West nach Ost verlaufender Entwässerungsgraben den Altstadtbereich, um die zur Finowniederung hin tiefer liegenden Stadtbereiche, zu denen auch die Töpferstraße gehört, vor Hochwasser zu schützen.19 Die Regelmäßigkeit der Parzellen und auch die recht einheitliche Bebauung des Areals legen eine geplante Erweiterung des Stadtgebietes nahe. Die zahlreich jahrringdatierten Hölzer der dreischiffigen Hallenhausbauten verweisen dabei im Mittel auf einen Bauzeitraum nach dem Jahr 1284. Offenbar erfolgte der Ausbau allerdings nicht flächendeckend in einem Zuge, wie die Analyse der Holzproben zeigte. Viele der verbauten Hölzer wurden in einem Zeitraum zwischen den Jahren 1284 und 1300 geschlagen, einige wenige vor oder um 1250 und ein weiterer Teil in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Bei den beprobten Hölzern handelt es sich weitestgehend um tragende Elemente, die im Zusammenhang mit der Ersterrichtung der Gebäude gestanden haben und nicht etwa zu Reparaturzwecken ausgetauscht wurden. Erfuhr Eberswalde gegen Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts also einen geplanten Ausbau, so ist anhand der archäologischen und naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse

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zu ermitteln, dass dieser Plan nicht stringent, sondern nur verzögert umgesetzt werden konnte. Hier kann auf einen Zusammenhang mit dem wiederum systematischen Aufsiedlungsvorgang der Ostgebiete, der bereits durch Markgraf Otto I. initiiert und bis in die 1260er Jahre betrieben worden ist, geschlossen werden. Bereits ab 1200 begannen Zuwanderer, die Talgrandregionen der Hochflächen des Barnim zu besiedeln.20 Dreischiffige Hallenhäuser, wie sie in der Töpferstraße gefunden wurden, sind in ihrer Grundform spätestens seit der Eisenzeit aus ländlichen Siedlungen bekannt.21 Eine Transformierung in den städtischen Kontext steht aber in enger Verbindung mit zahlreichen Stadtgründungen im 12. und 13. Jahrhundert. 22 Historische und archäologische Quellen belegen einen Zuzug westlicher Bevölkerungsgruppen aus den Rheinregionen, aus Holland und Flandern. 23 Aus den

Übersichtsplan über die Fläche 2, Planum 2, der Grabung »am Pavillonplatz«. Im Vergleich zur Abbildung auf S. 15 oben zeigt sich hier die wesentlich dichtere Bebauung. Auf kleinerer Fläche reihen sich die hölzernen Grundrisse von mindestens vier Gebäuden aneinander, die oft nur durch eine schmale Traufgasse voneinander getrennt waren.

Niederlanden ist der Bautyp des dreischiffigen Hallenhauses bereits seit dem 11. Jahrhundert aus ländlichen Siedlungen belegt. Für die Bevölkerungsgenese Eberswaldes bedeutet dies, dass hier Zuwanderer ihre bekannten Siedlungsmuster beibehielten und in den Ausbau der Stadt integriert oder zumindest das Wissen um den Bau solcher Hauskomplexe weitergetragen haben. Das Altstadtgefüge des 13. und frühen 14. Jahrhunderts teilt sich klassischerweise in den bereits besprochenen großzügigeren Ausbaubereich im Nordosten der Stadt und einen Stadtkern mit kleinen und dicht bebauten Parzellen, wie Ausgrabungen am Pavillonplatz gezeigt haben. Der Pavillonplatz lag im Altstadtzentrum in unmittelbarer Nähe zu Kirche und Marktplatz.

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Übersichtsplan Parzelle 4 mit Haus 4 in der Töpferstraße. Der Hofbereich der Parzelle wird in nordwestlicher und südöstlicher Richtung von einem Spaltbohlenzaun eingefasst (grün). Wie die Datierung der einzelnen Spaltbohlen ergab, wurde der Zaun mindestens bis in das 15. Jahrhundert hinein immer wieder erneuert. Erst mit dem Katasterplan von 1723 (schwarze Linie) lässt sich zweifelsfrei sagen, dass die mittelalter­liche Parzellierung aufgegeben wurde.

Auf ihm wurden insgesamt 33 Komplexe hölzerner Bebauung freigelegt, wobei die Gebäude grundlegend »dicht an dicht« standen und eine klare Parzellierung nicht feststellbar war.24 Darüber hinaus lag eine deutlich höhere Diversität an Bautypen vor als in der Töpferstraße. Aus den Bauhölzern vom Pavillonplatz wurden etwa 200 Dendroproben genommen, die den Bauzeitraum grob zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert eingrenzen. Eine Besonderheit war auch hier die außerordentlich gute Erhaltung der Bauhölzer durch die natürliche Konservierung im Grundwasser. Die genaue dendrochronologische Auswertung der hölzernen Hausbefunde beider Grabungen hat gezeigt, dass in Eberswalde offensichtlich unter konsequenter Wiederverwendung bereits verbaut gewesenen Materials vermutlich in mindestens drei Etappen neu gebaut wurde. 25 Die Bauhölzer, die in die Zeit um oder sogar vor 1250 datieren, stammen zweifelsfrei aus der Stadtgründungsphase. Nach 1280 muss es eine zweite größere Bauphase in der Stadt gegeben haben, die vermutlich auf das Wirken Markgraf Albrechts III. zurückging. Davon zeugen besonders viele Bauhölzer, die in den 1280er und 1290er Jahren geschlagen wurden. Bei den Gebäuden in der Töpferstraße wurden die Hölzer älterer Gebäude zum Bau neuer Häuser wiederverwendet, sodass der eigentliche Ausbau anderenorts stattgefunden haben muss. Infrage käme hierfür das Areal am Pavillonplatz im Stadtzentrum. Hier wurden in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts alte Bauten bis auf die Grundschwellen abgetragen und gänzlich neue Gebäude errichtet. Zeitlich passt diese dritte Bauphase mit der urkundlich erwähnten Verlegung des Marktzolls aus Hohenfinow nach Eberswalde zusammen.26 Es liegt nahe, dass die Bauten aus der Töpferstraße dann aus den Hölzern der Gebäude, die ursprünglich am Pavillonplatz standen, errichtet wurden.

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Weiterhin lässt sich belegen, dass sich die Grundstücksaufteilung in der Töpferstraße zumindest bis in das 15. Jahrhundert nicht grundlegend geändert hat.27 Davon zeugen Ausbesserungsarbeiten in den archäologisch dokumentierten Spaltbohlenzäunen der Parzellenabgrenzungen in der Töpferstraße. Erst aus dem Jahr 1723 liegt ein Stadtplan von Johann Christoph Euchler vor, der deutliche Verschiebungen in der Aufteilung des Stadtgefüges der Gründungsphase hin zur Neuzeit erkennen lässt. Eine Regelmäßigkeit im Verlauf des Straßennetzes ist aber bis heute erkennbar geblieben.

Die Gründung der Stadt Eberswalde aus archäologischer Sicht

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Abfall oder Aufbewahrung? In einer engen Traufgasse zwischen zwei Häusern am Pavillonplatz fand sich bei den Ausgrabungen diese Ansammlung gut erhaltener mittelalterlicher Drechselschalen und Keramikgefäße. Warum sie in der Traufgasse abgelegt wurden und sich nicht im Inneren eines Hauses befanden, ist unklar. Viele Gefäße waren noch nicht beschädigt, sodass deren Einordnung als »Abfall« fragwürdig erscheint.

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Nr. Fundplatz 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Bollwerk/Friedensbrücke (2012/13) Friedensbrücke/Breite Str./ Eisenbahnstr. (2017) Sandfang/Kanalbau Bollwerkstr. (1997) Schmutzwasserleitung Töpferstr. (2016) Rummelplatz/Rathauspassagen (1994; 1995; 1999) Töpferstr. 2 (2017/18) Hof der Adlerapotheke (1997) Museumsanbau/Steinstr. 3a (1992/93; 1993; 1995/96; 2012) Schmutzwasserleitung Kreuzstr. (1996/97) Neubebauung Quartier Goethe-/Steinstr. (1998)

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Ausbau Steinstr./An der Friedensbrücke (2009) Steinstr. 14 (2004) Kreuzstr. 20 (1996) Mauerstr. 8/9 (2015) Jüdenstr. 2 (1999) Regenwasserleitung Jüdenstr. (1999) Jüdenstr. 17 (1999) Nagelstr. 25 (1996) Sanierung östliche Brautstr. (2009) Pavillonplatz/Neubau Kreishaus (2000) Brautstr. 8 -10 (2000/01) Teilsanierung Erich-Schuppan-Str./Brautstr. (2008) Nagelstr. 23 (2000/01) Kirchstr. 29 (1999/2000)

25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38

Neugestaltung Kirchenhang (2012/13) Regenwasserleitung Pfeilstr. (1999) Kirchstr. 7/Hochvergnügen (1991) Regenwasserleitung Salomon-Goldschmidt-Str. (2010) Salomon-Goldschmidt-Str. 8 -15 (2003 - 06) Kirchstr. 5 (1996) Kirchstr. 2 (2016) Schweizer Str. 18 (2004) Schweizer Str. 17 (2004) Schweizer Str. 13 (2001) Schweizer Str./Spielplatz Parz. 104 (2000) Schweizer Str. 9 -11 (1998) Schweizer Str. 9 (1998/99) Medienverlegung Nagelstr. (1998; 1999)

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Anmerkungen   1 Adolph Friedrich Riedel (Bearb.), Codex diplomaticus Brandenburgensis. Sammlung der Urkunden, Chroniken und sonstigen Quellenschriften für die Geschichte der Mark Brandenburg und ihrer Regenten, Bd. 2, Berlin 1838 –1869, S. 124. Im Folgenden als »CDB« bezeichnet.   2 Alexander Sachse, Die Gründung der Stadt Eberswalde, in: Christian Popp/Joachim Stephan (Hrsg.), An Elbe und Oder. Beiträge zur brandenburgischen Landesgeschichte. Winfried Schich zum 70. Geburtstag, Einhausen 2008, S. 54.   3 CDB, Bd. 12, S. 484 f. Original: BLHA , Rep. 8 Eberswalde U1.   4 Ebd., S. 49.   5 K. Jürgen Endtmann/Ingrid Fischer/Rolf Schmidt, Eberswalde und seine Landschaft im Wandel der Jahrtausende, in: Stadt Eberswalde (Hrsg.), Heimatkundliche Beiträge 8, Eberswalde 2004, S. 9.   6 Alexander Sachse, Eberswalde – Entstehung der Stadt nach den schriftlichen Quellen, in: Stadt Eberswalde (Hrsg.), Eberswalder Ausgrabungs(Ge)schichten. Archäologie und Geschichte einer märkischen Stadt, Eberswalde 2004, S. 11.   7 Gebhard Falk, Historische Entwicklung vom 12. Jahrhundert bis 1945, in: Frauke Gränitz/Luisa Grundmann/Rolf Schmidt (Hrsg.), Um Eberswalde, Chorin und den Werbellinsee. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Eberswalde, Hohenfinow und Joachimsthal, Köln 2008, S. 211; Christof Krauskopf, Archäologie in Eberswalde, in: Stadt Eberswalde (Hrsg.), Eberswalder Ausgrabungs-(Ge)schichten, S. 12.   8 Helmut Assing, Die Landesherrschaft der Askanier, Wittelsbacher und Luxemburger (Mitte des 12. bis Anfang des 15. Jahrhunderts), in: Ingo Materna/Wolfgang Ribbe (Hrsg.), Brandenburgische Geschichte, Berlin 1995, S. 110.   9 Gerd Heinrich, Handelsstraßen des Mittelalters. 1300 – 1375 – 1600, Berlin 1980, S.  4 f. Bereits in M Z Topographia Electorat(us) Brandenburgici et Ducatus Pomeraniae. (et)c. das ist Beschreibung der Vornembsten und bekantisten Stätte und Plätz in dem hochlöblichsten Churfürstenthum und March Brandenburg, und dem Hertzogtum Pom(m)eren : zu sampt einem doppelten Anhang, 1 Vom Lande Preußen und Pomerellen 2 Von Lifflande und Selbige beruffenisten Orten, S.  53. Online-Ressource: https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/ metsresolver/PPN796239711. 10 Alexander Sachse, Eberswalde – Entstehung der Stadt nach den schriftlichen Quellen, S. 15. 11 Ebd., S. 12 f. 12 CDB, Bd. 12, S. 283 f. 13 Jenny Wiese, Etappen einer Stadtgeschichte. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg, Jg. 2017. Wünsdorf 2019, S. 98 –102. 14 Rudolf Schmidt, Geschichte der Stadt Eberswalde. Bd. 1: Bis zum Jahre 1740, Eberswalde 1939, S. 4. 15 Christof Krauskopf/Jenny Wiese, Altholz oder Stapelholz? Wiederverwendung und Lagerung von Bauholz im Mittelalter am Beispiel der Holzbefunde aus Eberswalde, in: Ulrich Klein/Matthias Untermann (Hrsg.), Vom Schicksal der Dinge. Spolie – Wiederverwendung – Recycling (= Mitteilungen DGAMN, Bd. 26), Paderborn 2014, S. 131 ff.; Jenny Wiese, Haus und Hof. Eine mittelalterliche Parzelle im Stadtkern von Eberswalde, Lkr. Barnim, in: Archäologie in Berlin und Brandenburg, Jg. 2012, S. 25 ff.; Jenny Wiese, Hausbau und Hausnutzung im mittelalterlichen Eberswalde. Analytische und siedlungstopographische Studie zum Bauen, Leben und Wirtschaften im 13. bis 15. Jahrhundert. Dissertation an der BTU Cottbus-Senftenberg 2017, im Druck. 16 Jenny Wiese, Etappen einer Stadtgeschichte. 17 Siehe hierzu Jürgen Endtmann, Einzeldarstellung C17 NSG »Nonnenfließ-Schwärzetal«, in: Frauke Gränitz/Luisa Grundmann/Rolf Schmidt (Hrsg.), Um Eberswalde, Chorin und den Werbellinsee. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Eberswalde, Hohenfinow und Joachimsthal, Köln 2008, S. 244 ff. 18 Peter Kranendonk, Grabungsbericht. Bericht zu den Ausgrabungen am »Rummelplatz« in Eberswalde. AIDZ, HK1995:862, S. 15. 19 Rudolf Schmidt, Geschichte der Stadt Eberswalde, S. 19 f. 20 Antje Faustmann/Alexander Sachse, Historisch-Archäologisches Inventar der Stadt Eberswalde. 21 Herbert Schröder, Bauernhäuser, Bauernhöfe mit ihren Bergeräumen in Nordwestdeutschland, Jütland und den Niederlanden. Bau- und Gefügegeschichte bäuerlicher Hauptwirtschaftsgebäude aus dem Bereich des Hallenhauses, archäologische Funde und Parallelen zu anderen frühen Holzkonstruktionen, Frankfurt a. M. 1999, S. 25. 22 Michaela Jansen, Baulicher Wandel – städtischer Wandel. Die bauliche Umgestaltung der Stadt im 12. Jahrhundert, in: Karsten Igel (Hrsg.), Wandel der Stadt um 1200. Die bauliche und gesellschaftliche Transformation der Stadt im Hochmittelalter, Stuttgart 2013, S. 13 f. 23 Winfried Schich, Es kamen disse von Suawen, iene von Rine. Zur Herkunft der Zuwanderer in der Mark Brandenburg im 12. und 13. Jahrhundert, in: Klaus Neitmann/Jürgen Theil (Hrsg.), Die Herkunft der Brandenburger. Sozial- und mentalitätsgeschichtliche Beiträge zur Bevölkerung Brandenburgs vom hohen Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert, Potsdam 2001, S. 22 f. 24 Vgl. Holger Rode, Grabungsbericht. Bodendenkmalpflegerische Dokumentation Eberswalde, Pavillonplatz ­Neubau Kreishaus. AIDZ, 2004:1257; Jenny Wiese, Hausbau und Hausnutzung im mittelalterlichen Eberswalde. 25 Vgl. ebd. 26 CDB, Bd. 12, S. 288. 27 Jenny Wiese, Knüppeldamm 4  – Eine mittelalterliche Adresse in der Altstadt Eberswaldes, in: Eberswalder ­Jahrbuch 2013, S. 28.

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Eberswalde – Abriss der geschichtlichen Entwicklung1 KRISTINA HÜBENER

Allgemeine Entwicklungen – Lage und Verwaltung Eberswalde liegt ca. 50 Kilometer nordöstlich von Berlin entfernt in der Mitte des Landkreises Barnim. Die sich heute über annähernd zehn Kilometer entlang des Finowkanals hinziehende Kreisstadt Eberswalde mit ihren rund 53.000 Einwohnern ist aus mehreren Orten hervorgegangen: dem Dorf Heegermühle und den eigenständigen Gemeinden Messingwerk, Eisenspalterei, Wolfswinkel und Kupferhammer.2 Im Osten befindet sich das namensgebende Eberswalde.3 Nach Mitte des 13. Jahrhunderts kam es zur Gründung der Stadt Eberswalde. Der Name der Stadt unterlag verschiedenen Abwandlungen: 1276 Everswolde, 1292 Euerswolde, 1307 nova civitate Everswolde, 1375 Eberswalde vel Nova Civitas, 1377 Neustad, Nyerstad, Nuwenstad, 1448 Nyenstad alias Euerswold; bis ins 19. Jahrhundert hieß sie meist Neustadt-Eberswalde, seit 1877 Eberswalde, seit 1970 Eberswalde-Finow und seit 1993 bis heute wieder Eberswalde. Die Stadt liegt am nördlichen Rand des Barnim im Eberswalder Urstromtal, die zum Teil hüglige Umgebung weist eine Fülle landschaftlicher Schönheit auf. Sie ist auf fast allen Seiten von großen Waldgebieten umgeben, sodass Eberswalde zu Recht als »Märkische Waldmetropole« bezeichnet wird. Mit ihren Forsten von fast 30.000 Hektar erinnert die Landschaft an die Wald- und Bergregionen des Harzes und der Sächsischen Schweiz. Das Klima ist gleichmäßig und mild. Vorgeschichtliche germanische und slawische Funde weisen auf eine frühe Besiedlung des Gebietes hin, wobei der Eberswalder Goldfund aus dem Ortssteil Finow von besonderer Bedeutung ist.4 Dabei handelte es sich um einen bronzezeitlichen Fund, der aus 81 teils reich verzierten Goldgegenständen besteht und der bis heute zu den bedeutendsten seiner Art auf mitteleuropäischem Boden zählt. 1913 waren Arbeiter auf dem Gelände der Firma Hirsch AG in der Messingwerksiedlung auf ein mit Gold gefülltes Tongefäß gestoßen. Der Fund, der in die ausgehende Bronzezeit – 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr. – datiert wurde, ist mit einem Gewicht von 2,54 Kilogramm bis zum heutigen Tage der größte urgeschichtliche Goldschatz, den man in Deutschland fand.5 Archäologische Spuren hinterließen später auch die Slawen, die sich im Zuge der Völkerwanderung ab 600 v. Chr. im Finowtal niederließen und das Gebiet bis zur deutschen Kolonisation besiedelten.6 Ein befestigter Wohnplatz von ihnen soll direkt gegenüber dem heutigen Altstadtbereich am Nordufer der hier über eine Furt günstig zu passierenden Finow gelegen haben. Belege dafür gibt es bislang jedoch nicht. Ebenso prägend wie für die Entstehung der Mark Brandenburg, die als die eigentliche »Wiege Preußens« bezeichnet wird, sind die Grafen von Ballenstedt – die späteren Askanier – auch für Eberswalde.

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Das erste Foto des am 16. Mai 1913 in Messingwerk bei Eberswalde gehobenen Goldschatzes.

Stadtsiegel Eberswalde.

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Der Ort entstand an einer Handelsstraße, die, von Schlesien kommend, über eine Furt der Finow bei der Mündung der Schwärze führte. Auf dem »Haus-« oder »Schloßberg« wurde Anfang des 13. Jahrhunderts – etwa gleichzeitig mit Oderberg – eine Burg der askanischen Markgrafen von Brandenburg als Anlage nach kolonialem Schema in einem Straßengittersystem mit einer Ausdehnung von 360 x 400 Meter erbaut. Die Askanier erwarben um 1230 weite Teile des »Barnim« und festigten in den darauffolgenden Jahren ihre Macht. Im Zuge dieser Eroberungen begann der Prozess der mittelalterlichen Stadtentstehung. Eberswalde wurde erstmalig 1276 als Ausstellungsort einer markgräflichen Urkunde erwähnt.7 Zwischen Schloßberg und Finow entstand nur wenige Jahre später – vermutlich nach 1284 – eine Marktsiedlung, die Markgraf Albrecht III. zur Stadt erweiterte, wobei schon vorher bestehende deutsche Siedlungen – das Dorf Jacobsdorf und die Marktsiedlung Ebersberg – einbezogen und überbaut wurden.8 Der Markgraf weilte mehrfach in Eberswalde. Sechzehn Jahre später – am 24. August 1300 – erfolgte durch Albrecht III. in der Grenzbriefurkunde eine rechtliche Anerkennung der schon entwickelten mittelalterlichen Stadt (civitas).9 Der Ort sollte auch für seine Nachfolger weiterhin von Interesse sein. Wichtige Entscheidungen für ihre Entwicklung waren die 1306 erfolgte Erteilung des Marktzolls und der Zollfreiheit zu Lande und zu Wasser sowie zehn Jahre darauf die Erhebung der Eberswalder Kirche zur Mutterkirche gegenüber dem Dorf Heegermühle. Die landesherrliche Förderung fand ein Jahr später in der Verleihung des Stapelrechts bzw. des Rechts der Warenniederlage ihren Höhepunkt. Markgraf Woldemar verlegte damit den Frachtverkehr auf den Straßen von Frankfurt und Berlin über Niederfinow nach Eberswalde, das nunmehr für alle Oderschiffe Umladestelle wurde. Dies bewirkte sowohl eine wirtschaftliche Stärkung der Stadt als auch deren rechtliche Aufwertung. Bereits seit 1308 gehörte die

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Stadt den Bünden der mittelmärkischen Städte an. Impulsgebend für die weitere Entwicklung des städtischen Lebens war das Jahr 1326. Hier erwarb der städtische Rat die niedere Gerichtsbarkeit, ab 1431 erhielt man die Obergerichte. Eberswalde galt als das wirtschaftliche Zentrum des Oberbarnim. Zur Pflege der Kranken und Siechen, aber auch zur Beherbergung von Durchreisenden diente ab 1322 das Heilig-Geist-Hospital. Später, um die Mitte des 14. Jahrhunderts, übernahmen die vor den Stadttoren neu errichteten Hospitäler St. Gertrud an der Ausfallstraße im Süden und St. Georg an der Ausfallstraße nach Norden diese Aufgaben.10 Nach dem Aussterben der Askanier 1320 brachen schwere Zeiten für die Markgrafschaft und auch für ihre Städte an. Es galt, sich zu schützen. Eberswalde selbst erhielt 1322 eine Befestigung, die aus einer massiven Mauer aus Feld- und Backsteinen mit 34 Weichhäusern, einem Turm, zwei Toranlagen, Wällen und Wassergräben bestand. Im Jahr darauf schlossen sich die Städte Brandenburg, Rathenow, Nauen, Spandau, Berlin-Cölln, Mittenwalde, Cöpenick, Bernau, Eberswalde, Altlandsberg, Strausberg, Müncheberg, Fürstenwalde, Frankfurt, Sommerfeld, Guben, Beeskow, Luckau, Görzke, Beelitz und Treuenbrietzen zu einem Landfriedensbund zusammen. 1370 entstand mit dem Eberswalder Stadtgut das Kämmereivorwerk.

Georgskapelle.

Die Mark Brandenburg, die Kaiser Karl IV. aus dem Haus der Luxemburger am 15. August 1373 für eine halbe Million Gulden erworben hatte, wurde in seinem Landbuch erstmals aus-

führlich beschrieben. Verzeichnet werden 72 größere Städte (civitas), 51 Kleinstädte, Burgen und Burgsiedlungen sowie 11 schloss- und burggesessene Familien des Adels (nobiles).11 Hier wurde erstmalig der Name Neustadt-Eberswalde verwendet. Eine wilde Jagd nach Änderung der Verhältnisse setzte nach dem Tode Karls IV. ein.

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Sogenannter »Grenzbrief« Markgrafs Albrecht III. In ihm legt er die Gemarkungsgrenzen der civitatis Everswolde (zweite Zeile) fest. Eberswalde 1300.

Die Entwicklung bis 1700 Das Jahr 1415 geht in die brandenburgische Geschichte als Jahr des Dynastiewechsels ein: Am 30. April 1415 verlieh König Sigismund auf dem Konzil in Konstanz Friedrich VI. die Würde eines Markgrafen, Kurfürsten und Erzkämmerers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Zwei Jahre später – am 18. April 1417 – empfing Markgraf Friedrich I. von ihm die feierliche Belehnung mit der Mark Brandenburg und allen Rechtstiteln. Schon die ersten Hohenzollern förderten Eberswalde, sie bestätigten ihre Rechte, urkundeten in der Stadt, nahmen Lehnseide entgegen und belehnten. Die Stadt erteilte den Landesherren finanzielle Vorschüsse und erhielt dafür neue Rechte, so z. B. die Stadtgerichtsbarkeit. Als 1499 in der Oberstadt ein Brand ausbrach, wurde bis auf das Rathaus, zwei steinerne Kurfürstenhäuser und die Kirche – Dach, Turm und Glocken waren ebenfalls betroffen – die gesamte Stadt vernichtet. Hinzu kamen Hungersnot und Pest, die Bevölkerung hatte 505 Tote zu beklagen. Die Verbundenheit zur Stadt wurde 1502 deutlich, als Kurfürst Joachim I. eine neue Glocke, die noch heute im Kirchturm hängt, stiftete. Dennoch erlebte die Stadt im 16. Jahrhundert eine wirtschaftliche Blüte. Von Beginn an war das städtische Leben durch verschiedene Gewerbe geprägt, so sind Schuster, Bäcker, Fleischer, Tuchmacher und später Getreide-, Loh-, Holzschneide-, Walk- und Papiermühlen nachweisbar. Mit dem Wiederaufbau der Stadt ist auch die Entwicklung der ersten Industrien verbunden. Es

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Förmliche Belehnung Friedrichs VI. von Nürnberg mit der Mark am 18 . April 1417. Zeichnung aus einer zeitgenössischen Kopie der Chronik des Konstanzer Konzils (1414 -1418) von Ulrich von Richental.

entstanden 1500 eine Walkmühle und 1532 eine Lohmühle. Im selben Jahr wurde westlich der Stadt, am Ufer der Schwärze, die erste Papiermühle in der Mark Brandenburg gebaut. Beliefert wurden vor allem der kurfürstliche Hof sowie die Städte Berlin und Frankfurt an der Oder, wo sich zu jener Zeit der Buchdruck etabliert hatte. Fast zugleich wurden, ebenfalls an der Schwärze, zwei Kupferhämmer errichtet. Weitere Produktionsstätten waren Eisenhämmer, Ziegeleien und eine Abdeckerei. Kurfürst Joachim Friedrich kaufte 1603 die beiden Kupferhämmer auf und verlegte diese zwei Kilometer nordwestlich an das Ufer der Finow. Ausschlaggebend für den Standortwechsel waren die Planungen zum Kanalausbau der Finow, der als ein Höhepunkt des benannten wirtschaftlichen Aufschwungs angesehen werden kann. Zwei Jahre später wurde mit den Arbeiten begonnen. 1620 ermöglichte dann der erste Finowkanal eine schiffbare Verbindung zwischen Havel und Oder. Nur wenige Kilometer flussaufwärts, nahe dem Dorf Heegermühle – heute Finow – ließ der Kurfürst 1606 einen Eisenhammer errichten. Auch hier boten sich durch die Möglichkeit der Wasserkraftnutzung sowie durch den Holzreichtum des Gebiets günstige Voraussetzungen für den Betrieb. Hinzu kam, dass der Kurfürst sämtliche in der Mark bestehende Kupferschmieden per Edikt verpflichtete, ihr Kupfer aus Eberswalde zu beziehen. Die in diesem Umfeld entstehende Wohnsiedlung wurde 1838 zu einer eigenen ländlichen Gemeinde erhoben. Daneben erzeugte ab 1499 die Brauindustrie u. a. den »Eberswalder Fuhrmatz«, ein Braunbier, welches in 42 Orten der Umgebung zwangsläufig ausgeschenkt werden musste, denn

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Bewerbung der Königs-Quelle um 1900.

Werbung für den Luftkurort Eberswalde, um 1900.

Anfang des 16. Jahrhunderts wurden aufgrund einer landesherrlichen Verfügung diese Orte verpflichtet, das eigene Braugewerbe einzustellen und nur noch Eberswalder Bier zu beziehen. Eine eigene Malzmühle wurde angelegt. Neben Bernau hatte sich die Stadt schon bald als Braustadt einen Namen gemacht. 1572 rühmte der kurfürstliche Leibarzt Leonhart Thurneisser den ersten Eberswalder Gesundbrunnen. Fast fünfhundert Jahre später – um 1905 – war Eberswalde mit rund 23.000 Einwohnern nicht nur die größte Stadt des Oberbarnimer Kreises, sondern im Tourismus der damaligen Zeit als Bade-, Brunnen- und Luftkurort, als Ort der Sommerfrische, angepriesen.12

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Papiermanufaktur Spechthausen im Jahr 1787.

Der Reformation schlossen sich die brandenburgischen Kurfürsten mit Rücksicht auf ihre traditionell kaisertreue Haltung zunächst nur zögerlich an. Sie stärkte im Ergebnis die Stellung des Fürsten, der nun zum Oberhaupt seiner Landeskirche aufstieg und damit seinen Domänenbesitz durch die Einziehung reicher Kirchengüter kräftig vermehrte. Ein mächtiger Widerpart entstand dem Landesherrn mit den Landständen, bestehend aus Prälaten, Ritterschaft und Städten. Mit ihren Ständeversammlungen u. a. in der Kurmark übten sie insbesondere ihr Steuerbewilligungs- und Beschwerderecht aus und nahmen durch ihre Beteiligung an der Finanzverwaltung maßgeblichen Einfluss auf die Politik des Kurfürsten. So gesehen war die Phase bis zum Dreißigjährigen Krieg von wirtschaftlicher, infrastruktureller und gesellschaftlicher Bedeutsamkeit – die Stadt durchlief bis dahin eine durchaus Erfolg versprechende Entwicklung. Um 1564 zählte man in Eberswalde insgesamt 1.100 Einwohner, davon 216 Bürger, die sich bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges auf 1.200 steigerten.13 Der mittelalterliche Stadtkern umfasste das Gebiet zwischen der heutigen Goethe-, Nagel-, und Bollwerkstraße. In seinem Grundriss lässt sich bis heute die Entstehung Eberswaldes als planmäßige Stadtanlage sehr gut erkennen.14

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