Erinnern und Vergessen (Leseprobe)

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Hefte zur Geschichte der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Herausgegeben von Thomas Beddies und Heinz-Peter Schmiedebach Heft 3

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LISA GLAUER · WOLFGANG KNAPP

Erinnern und  Vergessen Zwischen Medizin und Kunst

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Gefördert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

Die Umschlagseite vorn zeigt ein Filmstill von Tina Griffith aus ihrer Arbeit »Phantombild der Widerständigen« von 2017.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2018 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Katrin Endres, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Minion Pro 10,5/14 pt Druck und Bindung: Elbe Druckerei, Wittenberg ISBN 978-3-95410-222-8 ISSN 2568-5368 www.bebra-wissenschaft.de

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Wolfgang Knapp GEDENKEN IN DER GEGENWART ASPEKTE EINER INTERDISZIPLINÄREN KOOPERATION ­Z WISCHEN KUNST, MEDIZINGESCHICHTE UND MEDIZIN

Sollte man sich an die Entwicklung eines weiteren Gedenkortes im Kontext medizinisch unterstützter nationalsozialistischer Gewalttaten in Berlin heranwagen – mit der Perspektive, vielleicht Jahrzehnte an diesem Thema zu arbeiten? Das war eine der Fragen, die sich am Ende eines mehrjährigen Recherche- und Ausstellungsprojektes zwischen dem Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität, dem Medizinhistorischen Museum der Charité (BMM) und dem Institut für Kunst im Kontext der Universität der Künste Berlin (UDK) nach der Ausstellungseröffnung zu einem vorherigen Projekt »Sterben Wollen – Denkraum Suizid« im September 2009 stellten. Parallel dazu wurde erwogen, das wenig beachtete Thema »Medizin und Folter« in Kooperation zu bearbeiten. Die Tatsache, dass es zu diesem Zeitpunkt noch keinen zentralen Gedenkort auf dem Gelände der Charité zur Beteiligung von Charité-Angehörigen an medizinischen Gräueltaten im Natio­nalsozialismus gab, war schließlich ausschlaggebend für die Beschäftigung mit diesen noch immer nicht umfassend bearbeiteten Verbrechen. Das Angebot im Rahmen meines interdisziplinären ProjektForums im postgradualen Masterstudiengang »Art in Context« motivierte zunächst sechs Studierende, sich zu beteiligen; alle ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Vor dem Beginn der Kooperation mit der Charité hatten sie recherchiert, welche menschenfeindlichen und totalitären Ereignisse und Aktivitäten es in der Geschichte ihrer Herkunftsländer (Frankreich, Griechenland, Israel, Türkei, Ungarn, USA) gegen marginalisierte Gruppen und Minderheiten 5

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gab. Eine israelische Studentin, die wegen dieses Studiums nach Berlin gekommen war, verließ die Arbeitsgruppe nach einigen Monaten, weil sie in der Stadt und in ihrem unmittelbaren sozialen und professionellen Umfeld ihrer Auskunft nach nur noch als Gedenk-Spezialistin wahrgenommen wurde, und ihre sonstigen künstlerischen Arbeiten kaum noch Berücksichtigung fanden. Weitere Recherchen der AG konzentrierten sich auf die Lage von Gedenkorten im urbanen Raum (öffentliche, zentrale, leicht zugängliche oder eher verborgene Orte, solche mit reglementiertem oder freiem Zugang) und die in künstlerischen Gedenk-Kontexten dominant verwendeten und an Dauer orientierten Materialien wie Stahl, Bronze, Beton, Terrakotta, Klinker, Hartgestein oder auf tabuisierte weiche, flexible, stark farbige oder geräuschintensive Werkstoffe – als schlössen sich scheinbar trivialästhetische Konnotationen und historisch-politisches Gedenken im Grundsatz gegenseitig aus. Dabei sollte die Frage nach der ökologischen Nachhaltigkeit von Material ebenfalls im Blickfeld bleiben. Wichtig waren die Recherchen zu den Momenten des sozialen und kulturellen Gebrauchs von Gedenkorten jenseits jährlich wiederkehrender Feiern. Das schon in vorangegangenen Projekten begonnene Fragen nach einer Ethik für die Künste (darf Kunst unter dem Schutzschild der »künstlerischen Freiheit« alles?) setzten wir auch bei diesem Vorhaben fort. Daraus ließen sich auch emotionale Konnotationen ermitteln: Können durch Gestaltung und Auswahl des Ortes einer Denkmalinszenierung bestimmte Verhaltensweisen und innere Haltungen ausgelöst, bewirkt werden? Wie sind die Gedenkorte entstanden – durch regionalen oder internationalen Druck, durch betroffene Opfergruppen, im eigenen Auftrag von beteiligten Organisationen, Institutionen und Unternehmen? Welche Erinnerungsformen werden den historischen Untaten im Kontext von Gedenken gerecht: ruhiges Innehalten, Provokation, Entrüstung, Trauer, Zorn, Wut, Ohnmachtsgefühle angesichts von 6

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schwer fassbarem menschlichen Fehlverhalten? Gelingt das, wenn die Symbole der NS-Zeit dekonstruiert werden, wenn einzelne historisch dokumentierte forscherische Verbrechen stellvertretend an einem Gedenkort thematisiert werden? Wie kann ein Gedenkort wirksam bleiben, wenn es immer weniger Zeitzeugen mit leidvollen Erfahrungen als Opfer medizinischen Handels in der NS-Zeit gibt? Erinnerungsorte zu den Verbrechen während des Nationalsozialismus sind integraler Bestandteil von Tourismus und CityBranding geworden. Wie können Orte des Gedenkens gestaltet sein, die über ein »Ich-war-hier-Selfie« hinausreichen? Wie können Gedenkorte vor politisch motiviertem Vandalismus geschützt werden? Können Denkmäler die Entwicklung zukunftsorientierter respektvoller Arbeitsweisen in den Künsten und Wissenschaften beeinträchtigen, weil sie die menschliche Fähigkeit zu vergessen negieren? Kommt nicht vor dem Erinnern das Vergessen? Gibt es ein Anrecht auf Vergessen? In einer Pilotphase künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Thema können diese Fragen nicht abschließend bearbeitet werden. Diese Fragen bleiben wichtig – für jeden Entwurf erneut. Eine große Herausforderung war die Diskussion, wie die Idee der Nichtabgeschlossenheit von Gedenken in eine künstlerische Realisierung integriert werden kann. Wie kann man einen solchen Ort dynamisch gestalten, damit neue Forschungsergebnisse und künstlerische Transformationen sich auf dem Stand gegenwärtigen Wissens angemessen repräsentieren? Der Aspekt, wie wissenschaftliche Arbeitsweisen und forscherisches Handeln auch in der Gegenwart verantwortlich und respektvoll betrieben werden können, wurde hier immer bedeutender. Dabei ist besonders zu beachten, dass die Künste das medizinhistorische Wissen nicht nur instrumentell, als Informationsoutput für die künstlerischen Übersetzungen in alltäglichen Lebenswelten nutzen. Dies ist verbunden mit der Frage, wie künstlerische Arbeitsweisen oder Ausstellun7

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gen nicht nur funktionell im Sinne einer dekorativen Illustration historischer und medizinischer Forschungsergebnisse verstanden werden können und beinhaltet schließlich auch die Frage welche Auswirkungen es hat, wenn sich, wie in dieser Kooperation, künstlerisches und wissenschaftliches Handeln begegnen. In einer zweijährigen Pilot-Phase arbeitete die AG im Selbstauftrag eher im Verborgenen. So konnte sich die inhaltliche Konsolidierung in geschützten akademischen Zwischenräumen entwickeln und ungestört die eigenen Arbeitshorizonte konturieren. Zunächst war an die Entwicklung eines zentralen Gedenkortes auf dem Charité-Campus in Berlin-Mitte gedacht. Die Verlagerung des Erinnerns und Gedenkens aus den Versorgungs-, Forschungsund Verwaltungsarchitekturen heraus in die freie Fläche sollte die physische Zugänglichkeit erleichtern und auch vorübergehendes Interesse von Passanten wecken, die das Gelände auf dem Weg zu anderen Orten nur durchqueren wollen. Beteiligt an der ersten künstlerischen Initiativgruppe waren schließlich Anne Moirier (temporäre Installation und Performance im öffentlichen Raum), Persefoni Myrtsou (Bildhauerei, Video-Installation), Orkun Sahin (Radio, Film und Fernsehen, Regie, Autorschaft) Amanda Vietta (Malerei, Ausstellungsdesign) und Barbara Antal (Fotografie und visuelle Kommunikation) im Rahmen meines Interdisziplinären Projekt-Forums am Institut für Kunst im Kontext. Seitens der Charité waren Prof. Dr. Thomas Beddies (Politik, Medizingeschichte), Prof. Dr. Petra Fuchs (Pädagogik, Medizingeschichte) und Prof. Dr. Thomas Schnalke (Medizin, Medizingeschichte) im Gründungsteam. Die Ergebnisse der Pilot-Phase wurden 2011 mit einer Abschlusspräsentation erstmals öffentlich vorgestellt. Dabei wurden die Künstlerinnen und Künstler und ihre Entwürfe in dreifacher Weise konfrontiert: mit einer Fachtagung mit medizinischem und medizinhistorischem Schwerpunkt, durch Gespräche mit Protagonisten aus Kunst und 8

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Design und in Gesprächen mit Besucherinnen und Besuchern des Medizinhistorischen Museums. Als Folge dieser drei öffentlichen Ereignisse und der positiven Reaktionen entstand eine offizielle Kooperation, die zwischen der Charité – Universitätsmedizin Berlin, vertreten durch den Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, und der Universität der Künste Berlin, vertreten durch ihren Präsidenten Prof. Martin Rennert, vertraglich vereinbart wurde. Der Fokus der Kooperation verschob sich von der Idee eines zentralen Gedenkortes aus der Pilotphase zu einem Gedenkpfad für das Gelände der Charité, der verschiedene Ereignisorte und Institute miteinander in Verbindung setzen sollte – basierend auf medizinhistorischen Forschungsergebnissen des Instituts für Geschichte der Medizin der Charité. Diese umfangreichen Recherchen und die Modifikation des künstlerischen Gedenk-Konzepts erforderte die Gründung einer erweiterten interdisziplinären CharitéUdK-AG mit Dr. Gerda Fabert, Dr. Lisa Glauer, Dr. Judith Hahn, Laura Hottenrott, Lea Münch, Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach und Rachel Seeling. Nach einer intensivierten Forschungsphase erarbeitete diese Gruppe das inhaltliche Konzept für ein Auswahlverfahren mit künstlerischer und wissenschaftlicher Ausrichtung. Sein Fokus: einen Gedenkpfad auf dem Gelände des CharitéCampus zu realisieren. In einer dem Verfahren vorausgehenden öffentlichen Diskussion, bei der das Konzept und der finanzielle Rahmen vorgestellt wurde, fand eine Entscheidung für die Ausschreibung durchaus kontroverse Beachtung. Als Voraussetzung für eine Beteiligung war formuliert, dass sich die Ausschreibung hauptsächlich an interdisziplinär arbeitende Teams richtete. Dieses Spezifikum in den Bedingungen weicht ab von der bisherigen Praxis, in der bei realisierten Gedenkorten mit dieser thematischen Ausrichtung in der Regel Entwürfe von Einzelpersonen aus Architektur, Design oder Kunst ausgewählt wurden. Im Ergebnis führte 9

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die Vorgabe zu einer deutlich stärkeren Beteiligung auch jüngerer künstlerisch-wissenschaftlicher Teams an dem Wettbewerb. Aus den eingereichten Beiträgen empfahl eine interdisziplinäre, altersheterogene, internationale Fachgruppe in Verbindung mit einem Beirat mit ausgewiesener Expertise im Sommer 2017 schließlich den Entwurf REMEMBER für die Realisierung. Dieser Beitrag wurde von Sharon Paz, Jürgen Salzmann und Karl-Heinz Stenz entwickelt. Für den Erinnerungspfad, der u. a. von der LottoStiftung Berlin und Spenden gefördert wurde, verband das interdisziplinäre Team Stahlstelen als Geländemarkierungen des Pfades mit einer künstlerisch gestalteten mobilen App, die von Besuchern auf eigenen oder ausgeliehenen Endgeräten unmittelbar auf dem Erinnerungspfad ohne feste Reihenfolge genutzt werden kann. Die historischen Daten, Ereignisse und filmisch animierten Szenen können auch außerhalb des Geländes, also auch zu Hause und damit in einer vertrauteren Atmosphäre angesehen und -gehört werden. Die Verpflichtung zum öffentlichen Gedenken wird relativiert und in den privaten Lebensraum hinein erweitert oder motiviert zu einem erneuten Besuch des Erinnerungspfades. Die unmittelbare Erfahrung auf dem Gelände, das Innehalten, kann sich in der Bewegung mit mobilen Informationsträgern fortsetzen und eine Kommunikation in sozialen Netzwerken und zwischen den Generationen vertiefen und andere Perspektiven eröffnen. Die technisch basierten multimedialen Verfahren in den Künsten und den Wissenschaften näherten sich hier an und entwickelten sich als Alternative zur textbasierten Wissensdokumentation und -vermittlung. Die Künste sind zunehmend an dieser Wissensproduktion beteiligt und müssen sich mit den Bildproduzenten in den Wissenschaften vergleichen lassen. Das Privileg, gesellschaftlich bedeutende Bilder zu produzieren, liegt nicht mehr allein bei den künstlerischen Disziplinen. Dennoch unterscheidet sich ein tendenziell zweckrationaler Umgang mit Bildern, Animationen 10

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oder Modellen in den Wissenschaften oder in biopolitischen Dimensionen von künstlerischen Herangehensweisen und Verbildlichungen menschlicher Existenz. Künstlerische Arbeit muss nicht allein an Fakten oder bereits Dokumentiertem orientiert sein, sondern kann interpretatorisch diese Grenzen überschreiten, um sich an einem noch nicht Gewussten, erst Erahnten abzuarbeiten. Dieser Aspekt könnte ein Grund sein, weshalb sich Medizin und Kunst, zumindest seit den Krankheiten darstellenden Skulpturen der Pharaonenzeit, immer wieder aufeinander zubewegt und kooperiert haben. In diesem komplementären interdisziplinären Austausch liegt ein stetig neu zu entdeckendes Potenzial, besonders in einer vertieften Berücksichtigung der materiellen Kultur, eine fortgesetzte interdisziplinäre Beschäftigung mit menschlichem Leben, Krankheit, Sterben und Tod eingeschlossen. Die zwischen der Universität der Künste Berlin und der Charité Universitätsmedizin Berlin entstandenen Kooperationen werden mit dem GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung fortgesetzt, hier durch die gemeinsame Beschäftigung mit einer grauenvollen Epoche medizinischen Handelns während des Natio­ nalsozialismus. Vielleicht in Zukunft sogar mit einem besonderen Hörsaal, der mit den dezentralen Gedenkorten von REMEMBER auf dem Gelände der Charité in Verbindung steht.

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Lisa Glauer AMPUTIERTE ERINNERUNG ZWISCHEN MEDIZIN UND KUNST

Im Rahmen von GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung arbeitete ich als Mitglied der interdisziplinären Gruppe von Künstler_innen, Mediziner_innen, Medizinethiker_innen und Medizinhistoriker_innen an der Entwicklung eines Auswahlverfahrens für ein künstlerisches Projekt auf dem Charité Campus Mitte mit. Eines der Ziele des mehrjährigen Projekts war die Konzipierung eines Gedenk-, Kunst- und Erinnerungsweges auf dem Gelände des großen Krankenhauses und den damit verbundenen Forschungs- und Lehranstalten, um die nationalsozialistische Vergangenheit der medizinischen Einrichtung und besonders die Rolle der Institution in diesem Zusammenhang zu reflektieren. Der Entwurf REMEMBER von Sharon Paz, Jürgen Salzmann und Karl-Heinz Stenz wurde ausgewählt und realisiert. Bereits im Ausschreibungstext wurde auf die Auswirkung des patriarchalischen Blicks auf den weiblichen Körper in der Gynäkologie und Psychiatrie1 aufmerksam gemacht. Auf meine Initiative hin interpretierten Studierende eines in Vertretung von Wolfgang Knapp durchgeführten Seminars an der Universität der Künste Berlin/Institut für Kunst im Kontext die Erforschung des Geländes für die Entwicklung eines Erinnerungswegs als Aufgabe, die mit künstlerischen Mitteln durchgeführt wird. Sie entwickelten für diesen Ort temporäre Interventionen. Aus dieser strategischen Setzung heraus konzipierten wir den Campus der Charité in BerlinMitte als Körper, der zunächst einer Anamnese (innerhalb meines Seminars »Tasten, Riechen, Hören«, 2016/17) unterzogen werden sollte. Im Rahmen einer Kooperation konnten die Resultate dieser künstlerischen Forschungsarbeit Anfang 2017 in den Räumen 12

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Das Alexanderufer, im Hintergrund die Charité. Foto: Jan Lemitz

der neuen Gesellschaft für bildende Kunst ausgestellt werden. Die künstlerischen Forschungsarbeiten bezogen sich immer wieder auf die von Historiker_innen des GeDenkOrt.Charité erarbeiteten Inhalte und transportierten sie mit der Ausstellung in eine künstlerisch interessierte Öffentlichkeit. Der Erinnerungsweg REMEMBER wurde als dezentrales künstlerisches Denkmal mit verschiedenen Stationen im öffentlichen Raum außerhalb eines komplexen Systems von Bildungs-, Forschungs- und medizinischen Innenräumen imaginiert. Der Charité Campus Mitte liegt geographisch an einem neuralgischen Punkt nahe der ehemaligen Grenze zwischen Ost-Berlin und West-Berlin, neben dem neuen Hauptbahnhof, dem Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart und dem strategisch positionierten Haus der Zukunft, dem Futurium, in dem Programmierer_innen und Künstler_innen Zukunftsprojektionen entwickeln. Das Projekt ist somit in ein engmaschiges Netzwerk repräsentativer Stadtentwicklung eingebettet, das von der aktuellen Politik und ihren Projektionen aus der Vergangenheit und in die Zukunft bestimmt wird, so dass jede Handlung, auch die Entscheidung für den Erinnerungsweg REMEMBER , ­symbolische Bedeutung 13

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Für die Ausstellung Tunnel Below/Skyjack Above – Deconstructing Border (2017, NGBK), die ich initiiert habe und an der ich als Kuratorin beteiligt war, habe ich dieses Netzwerk an der ehemaligen Grenze DDR/BRD als Collage aus architektonischen Plänen, technischen Zeichnungen sowie Lagen verbrannter Muttermilch dargestellt. 480 cm x 120 cm (8 Panels, 120 x 60 cm, 3 Lagen verbrannter/gebügelter ­Muttermilch, LED Panels, gerahmt, und Animation), Foto: Hannes Wiedemann

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An Exercise in Ekphrasis. Die Filmstills sind Teil einer Animation, die im Haus der Kulturen der Welt am 12. Juni 2017 präsentiert wurde

trägt.2 Von hoher Relevanz ist dabei auch, wie mit künstlerischer Autonomie in diesem System kulturpolitisch verfahren wird. Im Folgenden werden einige der künstlerischen Gestaltungen vorgestellt. Am 7. April 2016 durchliefen die Mitglieder des GeDenkOrt.Charité zum wiederholten Mal den halböffentlichen Raum des Charité Campus Mitte. Die beiden mit verbrannter Milch überzogenen Filmstills zeigen vor den architektonisch minimalistischen Kuben des heutigen Charité Campus Mitte vier aufrecht stehende und selbstbewusst wirkende Herren im Anzug sowie, in bequemerer Haltung, eine schick gekleidete Dame, die sich auf ihren Schirm stützt. Die Person links außen zeigt mit bestimmender Autorität auf einen Ort außerhalb des Bildes. Im zweiten Filmstill hat sich die Gruppe kaum merklich in die gezeigte Richtung orientiert. Die Gesten lassen sich als bewusste Platzierung und In-Besitznahme des Ortes für ihr Vorhaben deuten. Diese In-Besitznahme kommentiere ich aus feministischer Perspektive, indem ich sie mit Muttermilch überzeichne. Die Vorkommnisse werden in einem Re-Animationsfilm durch eine Schicht Muttermilch hindurch sichtbar. 15

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