Mythos Stalin (Leseprobe)

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Diktatur und Demokratie im 20. Jahrhundert, Bd. 2 Schriftenreihe der Forschungs- und Dokumentationsstelle des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur Geschichte der Diktaturen in Deutschland Herausgegeben von Stefan Creuzberger Fred Mrotzek

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Anna Becker

Mythos Stalin

Stalinismus und staatliche Geschichtspolitik im postsowjetischen Russland der Ära Putin

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2016 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Redaktion der Reihe: Stefan Creuzberger, Fred Mrotzek, Rostock Redaktion des Bandes: Sabine Grabowski, Düsseldorf Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Minion Pro 10,5/13,5 pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-95410 -036 -1 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt

Einleitung Inhaltlich-methodische Vorüberlegungen Literatur- und Quellenlage

7 9 12

Zur Vorgeschichte Stalinismus – Begriffsklärung Entstalinisierung unter Chruščëv Umgang mit dem Stalinismus in der Brežnev-Ära Stalinistisches Erbe und Gorbačëvs Perestrojka Geschichtspolitik unter El’cin

16 16 21 24 26 30

Funktion des Stalinismus im postsowjetischen Russland »Rossijskaja ideja« Zwei Erinnerungen an den Stalinismus

34 35 39

Stalinismus in den Geschichtslehrbüchern Überwindung von »übermäßigem Pluralismus« Stalinismus-Bilder im Geschichtsunterricht Gesellschaftliche Resonanz Rückkehr zur Idee eines Einheitslehrbuchs Multiethnische Narrative

46 46 52 63 66 70

Staatlich geförderte Geschichtsforschung Regierungsnahe Nichtregierungsorganisationen »Außen-Geschichtspolitik« und gesellschaftliche Rezeption

73 74 82

»Falsifizierungskommission« Entstehungskontexte Abwehr der Falsifizierungsversuche in der Praxis Auswirkungen der Kommissionstätigkeit

86 86 92 99

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Dritte »Entstalinisierungswelle« Pro-stalinistische Initiativen Verurteilung Stalins durch Putin und Medvedev »Programm zur Destalinisierung« Reaktionen der Öffentlichkeit »Entstalinisierungswelle« am Ende?

102 102 105 111 115 120

Fazit

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Anhang Quellen- und Literaturverzeichnis Abkürzungsverzeichnis Transliterationstabelle Personenregister Die Autorin

133 133 148 149 150 152

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Einleitung

Die totalitäre Diktatur Iosif Stalins hat neben dem Nationalsozialismus am nachhaltigsten die Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägt und in der Sowjetunion sowie deren Einflussbereich unzählige Opfer gefordert. Dennoch ist die Geschichte seiner Gewaltherrschaft auch mehr als 60 Jahre nach dem Tod des Diktators nicht aufgearbeitet, obwohl es im Zuge der Perestrojka ernsthafte Bemühungen in der UdSSR dazu gab. Mehr noch: Wie Umfragen in den vergangenen Jahren eindrucksvoll beweisen, gilt Stalin in breiten Bevölkerungskreisen des heutigen Russlands als eine starke und weise Führerpersönlichkeit. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts »Levada-Centr« sind positive Bewertungen seiner Rolle in der russländischen Geschichte zwischen 1998 und 2003 sogar von 19 Prozent auf 53 Prozent gestiegen.1 Die Umfrageergebnisse unter jungen Menschen sind nicht weniger bemerkenswert: Laut einer 2007 vom »Allrussländischen Zentrum zur Erforschung der öffentlichen Meinung« [VCIOM, Vserossijskij centr izučenija obščestvennogo mnenija] durchgeführten Umfrage konnten 69 Prozent der befragten 18- bis 24-Jährigen keine Verbindung zum Jahr 1937, dem Beginn des sogenannten Großen Terrors, herstellen. Doch selbst jene Jugendlichen, die mit dem Begriff »stalinistische Repressionen« etwas anfangen konnten, schienen ein verzerrtes Geschichtsbild von dieser Epoche und dem Diktator zu haben. Im Jahr 2005 sorgte eine Schülerin für Aufsehen, die im Rahmen eines von der Gesellschaft »Memorial«2 alljährlich veranstalteten Schü-

1 Vgl. Lev Gudkov: Die Fesseln des Sieges. Rußlands Identität aus der Erinnerung an den Krieg (künftig zitiert: Gudkov, Fesseln), in: Osteuropa, 55. Jg. (2005), H. 4 – 6, S. 56 –72 , hier S. 65. 2 Die Gesellschaft »Memorial« ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die sich für die Wahrung der Menschenrechte in Russland und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion einsetzt. Sie entstand als Bürgerrechtsbewegung 1988 in der Sowjetunion mit dem Ziel, die Auswirkungen der Gewaltherrschaft des Stalinismus aufzuarbeiten und der Opfer zu gedenken. Auch heute betätigt sich »Memorial« als einer der wenigen, aber wohl wichtigsten Akteure auf diesem Gebiet. Die Gesellschaft betreibt intensive Forschungs- und Bildungsarbeit zur stalinistischen Epoche; auch soziale Fürsorge für Opfer politischer Repressionen gehört zu ihren Aufgaben. Ausführlich zur Geschichte von »Memorial« siehe Elke Fein: Geschichtspolitik in Rußland. Chancen und Schwierigkeiten einer demokratischen Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit am Beispiel der Tätigkeit der Gesellschaft MEMORIAL (= Osteuropa: Geschichte, Wirtschaft, Politik, Bd. 23), Hamburg 2000 (künftig zitiert: Fein, Geschichtspolitik).

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8 Einleitung

lerwettbewerbs »Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert« einen Aufsatz über ihre in den 1940er-Jahren aus der Ukraine und dem Baltikum nach Sibirien deportierten Großeltern verfasst hatte. Auf die Frage der Projektleiterin Irina Ščerbakova »Wie ist Deine Einstellung zu Iosif Stalin?« sagte sie nach einigem Zögern: »Er war dennoch ein effektiver Manager.«3 Mittlerweile ist diese Äußerung zum geflügelten Wort geworden, wenn es gilt, Stalin zu beschreiben. Vor dem Hintergrund dieser offenbar erneuten Würdigung des sowjetischen Diktators in der russländischen Gesellschaft4 ist die Frage nach der gegenwärtigen staatlichen Geschichtspolitik und nach dem Umgang der politischen Führung mit dem Stalinismus besonders brisant. Seit jeher dient der Bezug auf die Vergangenheit dazu, die politische Ordnung zu legitimieren, kollektive Identitäten zu bilden und nicht zuletzt Loyalität zu sichern. Das gilt umso mehr nach politischen Umbrüchen. Mit dem Zerfall der UdSSR zwischen 1989 und 1991 sowie der Erosion der so­ wjetischen Identität erlebte Russland einen extremen politischen Umbruch, ja sogar einen Absturz: Aus der zweitgrößten Supermacht wurde ein krisengeschüttelter und territorial geschrumpfter Staat. Seit den 1990er-Jahren befindet sich das Land in einem Prozess der Identitätsbildung, der bis heute nicht abgeschlossen zu sein scheint, und kämpft mit den Folgen der verlorenen imperialen Größe. Anhand von ausgewählten Beispielen wird in der vorliegenden Untersuchung die offizielle Geschichtspolitik der Russländischen Föderation seit dem Machtantritt Vladimir Putins5 im Jahr 2000 bis 2014 analysiert. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Welche Rolle spielen Geschichte und speziell die Epoche des Stalinismus im postsowjetischen Russland? Wie geht die Staatsführung mit dieser Epoche um, welches Bild vom Regime und vom sowjetischen Diktator versucht sie zu vermitteln? Worauf zielt gegenwärtige Geschichtspolitik und wie wird sie heute in einem Staat, der sein Deutungsmonopol verloren hat, betrieben?

3 Imenem Stalina: pamjat’ molodych o Staline, 31.1.2009, URL: http://www.echo.msk.ru/programs/staliname/568958-echo (10.4.2013). 4 Formaler Hinweis: In der russischen Sprache gibt es zwei Termini für das Russentum: russkij [russisch] bezieht sich auf das Volk und die Sprache, rossijskij [russländisch] dagegen auf den Staat, der mehr als 100 Volksgruppen umfasst, und seine Staatsbürger. Um Verwirrungen zu vermeiden, kommt der Begriff »russisch« in dieser Studie ausschließlich im Zusammenhang mit ethnischen Russen vor. Die russischsprachigen Zitate im Haupttext sind – anders als die einschlägigen Quellen- und Literaturangaben in den Fußnoten – weitestgehend von der Verfasserin übersetzt worden. Die Verwendung russischsprachiger Eigennamen und Begriffe folgt den Regeln der wissenschaftlichen Transliteration. 5 Vladimir Putin war von 2000 bis 2008 Präsident der Russländischen Föderation und wurde im Mai 2012 erneut ins höchste Amt gewählt. In den Jahren 2008 bis 2012 war er unter Dmitrij Medvedev Premierminister sowie Vorsitzender der Partei »Einiges Russland«.

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Inhaltlich-methodische Vorüberlegungen

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Ausgehend von diesen Fragestellungen wurde folgende These entwickelt: Stalin – nicht die historische Person, sondern der Mythos – erfährt eine erneute Würdigung und genießt hohe Popularitätswerte. Dies scheint die Folge staatlicher Geschichtspolitik zu sein. Ohne den Diktator rehabilitieren zu wollen, werden ausgewählte Episoden der Stalin-Zeit instrumentalisiert, um den gegenwärtigen autoritären politischen Kurs zu legitimieren und der heterogenen russländischen Gesellschaft ein Konzept einer neuen kollektiven, staatsnationalen Identität anzubieten. Stalinismus steht symbolisch sowohl für den Terror als auch für den Sieg im Zweiten Weltkrieg und den Großmacht-Status der Sowjetunion. Die Instrumentalisierung der StalinZeit bei der Konstruktion positiv besetzter Geschichtsbilder, die patriotische Gefühle befördern sollen, geschieht um den Preis, dass stalinistische Verbrechen nicht aufgearbeitet, sondern relativiert und bagatellisiert werden.

Inhaltlich-methodische Vorüberlegungen Die Geschichtspolitik stellt ein interdisziplinäres, die Politikwissenschaft, Zeitgeschichte sowie Sozial- und Kulturwissenschaften umfassendes Forschungsfeld dar, das sich seit Mitte der 1990er-Jahre etabliert hat. Es beschreibt die öffentliche Indienstnahme von Geschichte für politische Zwecke. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei vor allem auf die öffentliche Konstruktion von Geschichts- und Identitätsbildern durch Rituale und Diskurse.6 In der Forschung setzte sich in Anlehnung an den Heidelberger Zeithistoriker Edgar Wolfrum die Definition von Geschichtspolitik als einem normativ neutralen Begriff7 durch. Unter Geschichtspolitik wird demnach eine »von verschiedenen Akteuren getragene und mit unterschiedlichen Interessen befrachtete politische Nutzung von Geschichte in der Öffentlichkeit« verstanden,

6 Dabei muss angemerkt werden, dass die begrifflich-konzeptionelle Arbeit in diesem Forschungsfeld noch nicht in vollem Maße entfaltet ist. 7 Im Zuge des sogenannten Historikerstreits, der 1986 durch Thesen von Ernst Nolte um den Stellenwert der NS-Geschichte für die Gegenwart der Bundesrepublik ausgelöst und bis 1987 unter Historikern, Publizisten, Philosophen und Politologen leidenschaftlich ausgetragen wurde, erhielt der Begriff »Geschichtspolitik« eine dauerhafte Prägung. Als einer der politischen Kampfbegriffe zur Delegitimierung der befürchteten »geistig-moralischen Wende« unter der Kanzlerschaft Helmut Kohls bezeichnete »Geschichtspolitik« ursprünglich die Instrumentalisierung der Geschichte für falsche politische Zwecke. Diese polemische Verwendung ist inzwischen in den Hintergrund gerückt, assoziativ schwingt sie dennoch immer wieder mit. Vgl. Harald Schmid: Vom publizistischen Kampfbegriff zum Forschungskonzept. Zur Historisierung der Kategorie »Geschichtspolitik«, in: Ders. (Hrsg.): Geschichtspolitik und kollektives Gedächtnis. Erinnerungskulturen in Theorie und Praxis (= Formen der Erinnerung, Bd. 41), Göttingen 2009, S. 53 –75, S. 65 f.

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10 Einleitung

mit dem Zweck, »mobilisierende, politisierende oder legitimierende Wirkungen in der politischen Auseinandersetzung zu erzielen«.8 Im Folgenden wird indes die geschichtspolitische Definition von Elke Fein übernommen, die sich zwar auf das Geschichtspolitik-Konzept von Wolfrum stützt,9 zugleich aber auch institutionelle Aspekte des Umgangs mit der Vergangenheit berücksichtigt, für die der Jenaer Historiker Norbert Frei den Begriff »Vergangenheitspolitik« geprägt hat.10 Demnach wird Geschichtspolitik definiert als »alle Maßnahmen, Strategien und öffentliche Äußerungen, die eine Bewertung nationaler Vergangenheit zum Gegenstand haben und daraus explizit praktisch-verbindliche oder implizit normative Handlungsanweisungen oder gebotene Einstellungen für die Gegenwart und die Zukunft ableiten«.11 Dieses weite Verständnis erlaubt zum einen eine breitere Darstellung des hier zu behandelnden Phänomens. Darüber hinaus wird diese Definition der gegenwärtigen politischen Situation in Russland – einer Demokratie mit zunehmend autoritären Zügen – eher gerecht. Nach Edgar Wolfrum bildet sich die offizielle Geschichtspolitik infolge einer öffentlichen Geschichtsdebatte, die über den Ausgleich der beteiligten geschichtspolitischen Interessen zur Herstellung eines geschichtsbezogenen Grundkonsenses führt.12 Wie im Folgenden gezeigt werden soll, wird die offizielle Geschichtspolitik in Russland indes etwas anders betrieben. Die nachfolgende Darstellung über die Geschichtspolitik im postsowjetischen Russland folgt einem kulturwissenschaftlichen Ansatz der Politikgeschichte.13 Demzufolge genügt es nicht, lediglich Interessenlagen und Machtkonstellationen in den Blick zu nehmen, da der Umgang mit Geschichte stark von kulturellen Faktoren beinflusst ist.14 In kulturwissenschaftlicher Perspektive steht die Wahrnehmung

8 Edgar Wolfrum: Geschichte als Politikum – Geschichtspolitik. Internationale Forschungen zum 19. und 20. Jahrhundert, in: Neue Politische Literatur, 41. Jg. (1996), H. 3, S. 377–401, S. 377.   9 Vgl. ders.: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999, S. 13–38 (künftig zitiert: Wolfrum, Geschichtspolitik). 10 Vgl. Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS -Vergangenheit (= Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte), München 1996. 11 Fein, Geschichtspolitik, S. 11. 12 Vgl. ebd., S. 12. 13 Zum theoretischen Ansatz siehe neben Wolfrum, Geschichtspolitik und Fein, Geschichtspolitik auch Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006. – Horst-Alfred Heinrich/Michael Kohlstruck (Hrsg.): Geschichtspolitik und sozialwissenschaftliche Theorie, Stuttgart 2008 (künftig zitiert: Heinrich/ Kohlstruck, Geschichtspolitik). – Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2011. 14 Vgl. Harald Schmid: Konstruktion, Bedeutung, Macht. Zum kulturwissenschaftlichen Profil einer Analyse von Geschichtspolitik, in: Heinrich/Kohlstruck, Geschichtspolitik, S. 75 –98, hier S. 92.

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Inhaltlich-methodische Vorüberlegungen

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und Deutung von Ereignissen, Aussagen und Handlungen durch den Betrachter im Mittelpunkt. Diese Zuschreibungen werden durch kulturelle Faktoren, z. B. Sozialisation, Denkstil, Umfeld, Emotionen, geprägt. Die Verbindung von kultur- und politikwissenschaftlicher Betrachtungsweise erlaubt es also, das Phänomen Geschichtspolitik umfassender zu analysieren. Die vorliegende Studie basiert methodisch auf einer systematischen Inhaltsanalyse von offiziellen Erklärungen, Reden, Stellungnahmen und Dokumenten. Darüber hinaus werden journalistische Berichterstattungen, Geschichtslehrbücher, relevante Internetportale und Umfrageergebnisse von Meinungsforschungsinstituten herangezogen. Gleichwohl ist zu beachten, dass diese Materialien nur begrenzte Aussagen über die öffentliche Resonanz auf offizielle geschichtspolitische Schritte sowie über die »Ergebnisse« dieser Bemühungen erlauben. Nicht zuletzt wegen der zeitlichen Nähe zum Untersuchungsgegenstand können in diesem Zusammenhang nur Tendenzen festgestellt werden. Schließlich bleibt festzuhalten, dass geschichtspolitische Entscheidungen des Kremls zumeist hinter den politischen Kulissen getroffen werden und die einschlägigen Dokumente darüber noch unzugänglich sind. Im Mittelpunkt der vorliegenden Studie steht der Staat als geschichtspolitischer Akteur. Darunter ist zum einen die Regierung der Russländischen Föderation (RF), zum anderen die Partei »Einiges Russland« zu verstehen, die gegenwärtig die wichtigste politische Kraft darstellt. Drittens gilt es aber auch, den – formal parteilosen – Präsidenten, dessen geschichtspolitische Positionen und Eingriffe in einem Staat mit Präsidialsystem von Bedeutung sind, in die Analyse einzubeziehen. Die Politik der Opposition sowie der regionalen Verwaltungen ist in diesem Kontext weniger relevant. Ebenfalls eine untergeordnete Rolle spielt der wissenschaftliche Wahrheitsgehalt der staatlicherseits vermittelten historischen Bilder, da die Inhalte der Geschichtspolitik immer selektiv sind. Zunächst werden der Stalinismus-Begriff und der geschichtspolitische Umgang mit der Stalin-Epoche seit dem Tod des Diktators 1953 bis zum Machtantritt Putins im Jahr 2000 erläutert. Dies dient nicht nur dem Überblick, sondern verdeutlicht zudem die Kontinuitäten in der Behandlung dieses Themas sowohl vonseiten des Staates als auch der Gesellschaft. Daran schließen sich Fragen nach der Funktion der Geschichte im Allgemeinen und nach der Rolle des Stalinismus im postsowjetischen Russland an. Des Weiteren geht es um aktuelle geschichtspolitische Maßnahmen im Bildungsbereich und darum, welches Bild vom Stalinismus und von Stalin selbst in den neuen Geschichtslehrbüchern konstruiert wird. Daraufhin gilt es, Einblick in verschiedene Projekte staatlich geförderter Geschichtsforschung zu nehmen. Diese Vorhaben, die sich als eine sowohl nach innen wie nach außen gerichtete Geschichtspolitik verstehen, sind vor allem bei regierungsnahen Stiftungen angesiedelt. In einem weiteren Abschnitt wird mit der »Kommission beim Präsidenten der RF zur Abwehr von Versuchen der Geschichtsfalsifizierung zum Nachteil der Interessen

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12 Einleitung

Russlands« ein offizielles geschichtspolitisches Gremium vorgestellt und mit seinen Aktivitäten analysiert: Abschließend widmet sich die Studie den vor allem zwischen 2009 und 2012 sichtbar gewordenen Tendenzen einer erneuten Verurteilung Stalins durch die russländische Staatsführung und dem damit einhergehenden »Destalinisierungsprojekt« aus dem Jahr 2011.

Literatur- und Quellenlage Anders als für Westeuropa und verschiedene osteuropäische Staaten gibt es bislang nur wenige Studien, die sich dezidiert mit der Geschichtspolitik und der Erinnerungskultur im heutigen Russland oder den ehemaligen Sowjetrepubliken auseinandersetzen. Erste fundierte deutschsprachige Analysen haben bislang nur Elke Fein15 und Andreas Langenohl vorgelegt.16 Fein untersucht die staatliche russländische Geschichtspolitik insbesondere im Zusammenhang mit der zivilgesellschaftlichen Organisation »Memorial«. Diese war vor allem in den 1990er-Jahren ein wichtiger geschichtspolitischer Akteur. Andreas Langenohl dagegen widmet sich am Beispiel von Oktoberrevolution, Stalinismus und Großem Vaterländischen Krieg den Erinnerungsdiskursen in der postsowjetischen Politik und Gesellschaft. 2009 erschien ein Sammelband von Lars Karl und Igor Polianski,17 der einen umfassenden Beitrag zum Verständnis der russländischen Geschichtspolitik und Erinnerungskultur leistet. Allerdings bedürfen darin mancherlei geschichtspolitische Auseinandersetzungen inzwischen einer Aktualisierung.18 Schließlich ist die Dissertation von Ludmila Lutz-Auras19 aus dem Jahr 2012 zu nennen. Im Fokus ihrer Untersuchung stehen die

15 Vgl. Fein, Geschichtspolitik. 16 Vgl. Andreas Langenohl: Erinnerung und Modernisierung. Die öffentliche Rekonstruktion politischer Kollektivität am Beispiel des Neuen Rußland (= Formen der Erinnerung, Bd. 7), Göttingen 2000. 17 Vgl. Lars Karl/Igor Polianski (Hrsg.): Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im neuen Russland (= Formen der Erinnerung, Bd. 40), Göttingen 2009 (künftig zitiert: Karl/Polianski, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur). 18 Die neuesten Forschungsergebnisse wurden auf der im Frühjahr 2012 in Moskau und München stattgefundenen Doppelkonferenz »Erinnerung an Diktatur und Krieg. Brennpunkt des kulturellen Gedächtnisses zwischen Russland und Deutschland nach 1945« vorgestellt, w ­ obei der Umgang mit den Erblasten von Diktatur und Krieg in den deutschen und russländischen Erinnerungskulturen im Fokus stand. Vgl. Andreas Wirsching u. a. (Hrsg.): Erinnerung an Diktatur und Krieg. Brennpunkt des kulturellen Gedächtnisses zwischen Russland und Deutschland nach 1945 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 107), Berlin 2015. 19 Vgl. Ludmila Lutz-Auras: »Auf Stalin, Sieg und Vaterland!« Politisierung der kollektiven Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland, Wiesbaden 2013 (künftig zitiert: Lutz-Auras, Auf Stalin).

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Literatur- und Quellenlage

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kollektive Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und deren Politisierung nach 1991. Dabei werden das Wiederaufleben von Stalins Popularität innerhalb der russländischen Gesellschaft und die nach wie vor anhaltende identitätsstiftende Relevanz des Großen Vaterländischen Krieges für das postsowjetische Russland betont. Für die russischsprachige Forschung der vergangenen Jahre sind in erster Linie die einschlägigen Publikationen von Nikolaj Koposov20 (2011) sowie von Aleksej Miller und Marija Lipman21 (2012) hervorzuheben. Koposov widmet sich der Geschichtspolitik in Russland zwischen 1985 und 2010. Er untersucht die sich verändernde Bewertung der sowjetischen Periode, vor allem der Person Stalins, und die Funktion des Kriegsmythos – letzteres bildet für ihn die Grundlage der modernen russländischen Ideologie. Der Sammelband von Miller und Lipman ist dagegen sehr breit angelegt. Er vereint geschichtspolitische Beiträge, die sich sowohl auf postkommunistische und postsowjetische Länder als auch auf Deutschland, Frankreich, Japan, auf die Türkei und auf China erstrecken. Dabei werden nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten deutlich, die russländische Geschichtspolitik mit vielen anderen Staaten, u. a. mit Frankreich und Japan, aufweist. Schließlich seien noch einige kürzere Beiträge und Artikel genannt, die sich auf geschichtspolitische Einzelaspekte konzentrieren. Hierfür stehen Arsenij Roginskij, Isabelle de Keghel, Jutta Scherrer, Nikita Sokolov, Lev Gudkov, Wolfram von Scheliha.22 Dabei fällt eines auf: Während etwa die neuesten Schulbücher für den

20 Vgl. Nikolaj Koposov: Pamjat’ strogogo režima: Istorija i politika v Rossii, Moskau 2011 (künftig zitiert: Koposov, Pamjat’). 21 Vgl. Aleksej Miller/Maria Lipman (Hrsg.): Istoričeskaja politika v XXI veke, Moskau 2012. 22 Arsenij Roginskij: Fragmentierte Erinnerung. Stalin und der Stalinismus im heutigen Russland (künftig zitiert: Roginskij, Fragmentierte Erinnerung), in: Osteuropa, 59. Jg. (2009), H. 1, ­S. 37– 44. – Ders.: Erinnerung und Freiheit. Die Stalinismus-Diskussion in der UdSSR und Russland (künftig zitiert: Roginskij, Freiheit), in: Osteuropa, 61. Jg. (2011), H. 4, S. 55 – 69. – Isabelle de Keghel/Robert Maier (Hrsg.): Auf den Kehrichthaufen der Geschichte? Der Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit (= Studien zur internationalen Schulbuchforschung. Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts, Bd. 97), Hannover 1999. – Dies.: Die Rekonstruktion der vorsowjetischen Geschichte. Identitätsdiskurse im neuen Russland (= Osteuropa: Geschichte, Wirtschaft, Politik, Bd. 38), Hamburg 2006. – Dies.: Die Staatssymbolik des neuen Russland. Traditionen – Integrationsstrategien – Identitätsdiskurse (= Analysen zur Kultur und Gesellschaft im östlichen Europa, Bd. 21), Münster 2008 (künftig zitiert: de Keghel, Staatssymbolik). – Dies.: Verordneter Abschied von der revolutionären Tradition: Der »Tag der nationalen Einheit« in der Russländischen Föderation (künftig zitiert: de Keghel, Verordneter Abschied), in: Karl/Polianski, Geschichtskultur und Erinnerungspolitik, S. 119–140. – Dies.: Na puti k »predskazuemomu« prošlomu? Kommentarij k sozdaniju komissii pro protivodejstviju popytkam fal’sifikacii istorii v Rossii (künftig zitiert: de Keghel, Na puti), in: Ab Imperio, 10. Jg. (2009), H. 3, S. 365 –387. – Dies.: Strategien des Umgangs mit den stalinistischen Repressionen in Russland seit der Perestrojka: Geschichtspolitik »von unten« (künftig zitiert, de Keghel, Strategien), in: Jahrbuch für Politik und Geschichte 2010, S. 63 –86. – Jutta Scherrer:

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14 Einleitung

Geschichtsunterricht große Beachtung finden, gibt es bis heute kaum substanzielle Untersuchungen, die sich mit den einschlägigen kremlnahen historischen Stiftungen oder den anti-stalinistischen Tendenzen in der offiziellen Geschichtspolitik der jüngeren Zeit beschäftigen. Somit bildet das Thema »Geschichtspolitik in Russland« ein bei Weitem nicht erschlossenes Untersuchungsfeld, das nachfolgend für die Zeit bis Juni 2014 aufgegriffen wird. Die für die vorliegende Studie herangezogenen offiziellen Dokumente, Erklärungen, Reden und amtlichen Stellungnahmen sind zumeist, abgesehen von den Reden Vladimir Putins in den Jahren 1999 bis 2007, nicht ediert. Allerdings sind sie auf den offiziellen Internetseiten der Staatsorgane sowie im Weblog Dmitrij Medvedevs23 abrufbar. Ihre Auswahl erfolgte nach der geschichtspolitischen Relevanz. Was die journalistische Berichterstattung anbelangt, so werden sowohl regierungsnahe als auch regierungskritische russischsprachige Medien berücksichtigt, u. a. »Parlamentskaja gazeta« [Parlamentarische Zeitung], »Rossijskaja gazeta« [Russländische Zeitung], »Novaja gazeta« [Neue Zeitung], »Kommersant« [Kommersant], »Polit.ru« und »Urokiistorii.ru« [Geschichtsstunden.ru]. Die Auswahl der Geschichtslehrbücher »Sehnsucht nach Geschichte«. Der Umgang mit der Vergangenheit im postsowjetischen Russland (künftig zitiert: Scherrer, Sehnsucht), in: Christoph Conrad/Sebastian Conrad (Hrsg.): Die Nation schreiben. Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich, Göttingen 2002, S. 165 –206. – Dies.: Ideologie, Identität und Erinnerung. Eine neue Russische Idee für Rußland? (künftig zitiert: Scherrer, Ideologie), in: Osteuropa, 54. Jg. (2004), H. 8, S. 27– 41. – Dies.: Siegesmythos versus Vergangenheitsaufarbeitung, in: Flacke, Monika (Hrsg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Bd. 2 , Berlin 2004, S. 619 – 670. – Dies.: Erinnern und Vergessen: Russlands Umgang mit (seiner) Geschichte in einer europäischen Perspektive, in: Karl/Polianski, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur, S. 23– 40. – Nikita Sokolov: Der ewige Karamzin. Geschichtsideologie aus dem Lehrbuch (künftig zitiert: Sokolov, Der ewige Karamzin), in: Osteuropa, 59. Jg. (2009), H. 1, S. 83 –95. – Ders.: Opravdanie nasilija v rossijskich učebnikach istorii. Nasilie i mifologija rossijskoj modernizacii, 8.3.2010, URL: http:// uroki­istorii.ru/current/view/2010/08/nikita-sokolov-nasilie-i-mifologiya-rossiiskoi-modernizatsii (29.1.2013) (künftig zitiert: Sokolov, Opravdanie). – Gudkov, Fesseln, S. 56 –72. – Ders.: Spiele mit Stalin: Über das Legitimationsdefizit des Putin-Regimes (künftig zitiert: Gudkov, Spiele mit Stalin), in: Berliner Debatte Initial, 24. Jg. (2013), H. 1, S. 99–108. – Wolfram von Scheliha: Die List der geschichtspolitischen Vernunft. Der polnisch-russische Geschichtsdiskurs nach 1989 (künftig zitiert: Scheliha, List der geschichtspolitischen Vernunft), in: Etienne François/Kornelia Kończal u. a. (Hrsg.): Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich (= Moderne europäische Geschichte, Bd. 3), Göttingen 2013, S. 221–263. – Ders.: Staatliche Geschichtsschreibung im Post-Imperium. Putins Einheitslehrbuch für den Geschichtsunterricht (künftig zitiert: Scheliha, Staatliche Geschichtsschreibung), in: Russland-Analysen Nr. 271 (2014), S. 2– 6, URL: http://www. laender-analysen.de/russland/pdf/RusslandAnalysen271.pdf (20.4.2014). 23 Dmitrij Medvedev war von 2008 bis 2012 Präsident der Russländischen Föderation. Seit Mai 2012 ist er unter Präsident Vladimir Putin Premierminister sowie Vorsitzender der Partei »Einiges Russland«. URL: http://blog-medvedev.livejournal.com/ (8.8.2015).

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Literatur- und Quellenlage

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wurde ausschließlich durch das Angebot der Moskauer Buchhandlungen bestimmt; die meisten von ihnen stellte Dr. Jan Foitzik vom Institut für Zeitgeschichte München/Abteilung Berlin freundlicherweise zur Verfügung. Die Umfrageergebnisse russländischer Meinungsforschungsinstitute sind den von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde und der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen gemeinsam herausgegebenen »Russland-Analysen« entnommen. Einige russischsprachige Beiträge, denen Quellencharakter zukommt, sind auf der von der Gesellschaft »Memorial« betriebenen Webseite »Urokiistorii.ru« veröffentlicht; dort finden sich auch viele weiterführende Pressemitteilungen zur gegenwärtigen Geschichtspolitik in Russland. An dieser Stelle gilt es darauf hinzuweisen, dass sich die vorliegende Studie überwiegend auf Internetressourcen stützt. Einerseits erleichtert dieser Umstand die einschlägige Recherche und bietet Zugang zu zahlreichen Quellen; andererseits birgt das Medium Internet immer auch die Gefahr, dass Links nach einer gewissen Zeit ihre Gültigkeit verlieren können und damit nicht mehr abrufbar sind. Das wiederum beeinträchtigt das wissenschaftliche Prinzip der Nachprüfbarkeit erheblich. *** An dieser Stelle sei ganz herzlich den Herausgebern der Schriftenreihe, Stefan Creuzberger und Fred Mrotzek, gedankt, die mein Buch in ihre Schriftenreihe »Diktatur und Demokratie im 20. Jahrhundert« aufgenommen haben. Besonders gilt mein Dank Sabine Grabowski, die mit großem Einsatz das Buch redaktionell betreut und mir mit vielen wertvollen Anregungen für den Text zur Seite gestanden hat. Des Weiteren ist Jan Foitzik für Bereitstellung wichtiger Materialien zu danken, ebenso wie dem Lektor Matthias Zimmermann vom be.bra wissenschaft verlag. Nicht zuletzt möchte ich meinen Freunden Sylvia und Sebastian Nagel sowie meinem Bruder Alexander Becker ganz herzlichen Dank aussprechen. Sie haben die Arbeit kritisch gelesen und waren mit ihren konstruktiven Anregungen und Gesprächen eine sehr große Hilfe.

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Zur Vorgeschichte

Stalinismus – Begriffsklärung Der Begriff »Stalinismus« beschreibt im landläufigen Sinn die Herrschaftsjahre des sowjetischen Diktators sowie das politische System unter Stalin. Außerdem wird darunter seine theoretische Motivierung verstanden, denn Stalin untermauerte seine Politik mit ideologischen Argumenten; vor allem geht es dabei um die von ihm verfochtene Theorie des »Sozialismus in einem Land«. Dennoch gibt es bis heute – trotz zahlreicher Diskussionen – keine endgültige Definition für das Phänomen, das spätestens 1927 mit der Ausschaltung politischer Opponenten Stalins begann und mit dem Tod des Diktators am 5. März 1953 endete. Hinzu kommt der Umstand, dass der Begriff des Stalinismus keine Selbstbezeichnung war. Im Gegensatz zur nationalsozialistischen gab es keine stalinistische Bewegung, und auch das Regime selbst nannte sich nicht stalinistisch. Im Gegenteil: Der sowjetische Führer bezeichnete sich stets als treuester Leninist. Beim StalinismusBegriff handelt es sich vielmehr um ein Konstrukt späterer Forschung, denn die westliche Wissenschaft – zuerst die Vergleichende Staatslehre, dann die Geschichtswissenschaft – musste zuerst analytische Kategorien entwickeln, um die von Stalin geprägte Ordnung beschreiben zu können. Dabei war der Terminus »Stalinismus« keinesfalls deskriptiv-neutral, sondern ein politischer Kampfbegriff. Geprägt durch den außersowjetischen historisch-sozialwissenschaftlichen und publizistisch-politischen Diskussionsprozess, diente er nicht nur der analytischen Beschreibung, sondern auch dem wertenden Systemvergleich.1 Die Stalinismusforschung besitzt ihre eigene Wissenschaftsgeschichte, die an dieser Stelle nicht detailliert dargestellt werden kann.2 In den 1950er- und 1960er-

1 Vgl. Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, S. 742. 2 Zusammenfassende Darstellung verschiedener Ansätze der Stalinismusforschung siehe ebd., S. 741–754. – Manfred Hildermeier: Die Sowjetunion 1917–1991 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 31), München 2001, S. 119–143 (künftig zitiert: Hildermeier, Sowjetunion). – Stefan Plaggenborg: Die wichtigsten Herangehensweisen an den Stalinismus in der westlichen Forschung (künftig zitiert: Plaggenborg, Herangehensweisen), in: Ders. (Hrsg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1998 (künftig zitiert: Plaggenberg, Stalinismus), S. 13–33. –

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Jahren dominierten zunächst wissenschaftliche Studien, die den Stalinismus methodisch ausschließlich nach den Kriterien der Totalitarismustheorie untersuchten. Das wiederum bedeutete, nachfolgende Charakteristika in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen: den exzessiven Personenkult um den Führer; eine alle Lebensbereiche umfassende Ideologie mit einer heilsbotschaftlichen Ausrichtung; ein streng hierarchisch aufgebautes, diktatorisch gelenktes, eng mit der Staatsbürokratie verflochtenes Einparteiensystem, dem nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung angehörte; die Monopolisierung aller Massenmedien und propagandistischen Agitationsmittel in den Händen von Partei und Staat; die Unterwerfung der kommunistischen Weltbewegung unter die außenpolitischen Interessen der UdSSR; eine zentral gelenkte Wirtschaft; ein von polizeilichen Kräften kontrolliertes und in Abhängigkeit von der Partei stehendes Terrornetz, das auch gegen willkürlich ausgewählte Feinde in der Gesellschaft vorgeht; Beseitigung aller bürgerlichen Freiheiten und Rechtsgarantien und umfassender Terror gegen weite Bevölkerungskreise.3 Auf diese Weise konnten zwar die Herrschaftsmechanismen im Sowjetsystem beschrieben werden – und das nicht nur für die stalinistische Periode. Allerdings blieben wichtige Aspekte weitgehend ausgeblendet, so etwa die Schwächen des Systems oder die Rolle und Funktion der Gesellschaft im Stalinismus. Im Laufe der 1970er-Jahre erschlossen Sozialhistoriker zusehend neue Untersuchungsfelder, richteten ihren Blick auf die gesellschaftspolitische Relevanz des Stalinismus und grenzten sich damit von den Vertretern des Totalitarismusansatzes in der Stalinismusforschung ab. Der wissenschaftliche Disput entbrannte dabei über die Frage nach der Trägerschaft des Systems und der Rolle Stalins. Während die Anhänger der Totalitarismustheorie vom totalen kontrollierten Staat ausgingen, in dem die unterworfene Gesellschaft allein passives Opfer des Regimes war, näherten sich seinerzeit die Sozialhistoriker aus einer anderen Perspektive dem Stalinismus. Für sie war dieser nicht ausschließlich ein politisches, sondern in erster Linie ein gesellschaftliches Phänomen. Unter dem Schlagwort »Stalinismus von unten« war es ihrer Auffassung nach nicht der Wille des Diktators oder das Programm der Bolschewiki, sondern ausschließlich die damalige Gesellschaft (Ehrgeiz von Aufsteigern, Neid von Denunzianten, Machtkampf zwischen Interessengruppen etc.), die das stalinistische System hervorgebracht hat.4 Doch seit Öffnung der russländischen Archive in

Joachim Hösler: Sowjetische und russische Interpretationen des Stalinismus, in: Stefan Plaggenborg (Hrsg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1998, S. 35– 68. 3 Vgl. Katrin Boeckh: Stalinismus in der Ukraine. Die Rekonstruktion des sowjetischen Systems nach dem Zweiten Krieg (= Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts, Reihe: Geschichte, Bd. 71), Wiesbaden 2007, S. 14 (künftig zitiert: Boeckh, Stalinismus). 4 Vgl. Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012 , S. 18 (künftig zitiert: Baberowski, Verbrannte Erde).

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den 1990er-Jahren zeigt sich, dass hier deutlich relativiert werden muss. Allerdings sind damit die Ergebnisse der sozialhistorischen Stalinismusforschung der 1970erund 1980er-Jahre nicht gänzlich überholt: Was bleibt, ist die wichtige Erkenntnis, dass der von den Vertretern der Totalitarismustheorie charakterisierte Staatsapparat der stalinistischen Sowjetunion keinesfalls so übermächtig und monolithisch war, wie lange Zeit angenommen. Der Stalinismus besaß also eine soziale Basis, die aus opportunistischen, aber auch aus aufrichtig überzeugten Helfern bestand. Die 1990er-Jahre brachten wissenschaftshistorisch betrachtet eine neue Entwicklung für die Stalinismusforschung. Nicht zuletzt unter dem Eindruck einer sich verbessernden Archivsituation im postsowjetischen Russland gelangten kulturhistorische Ausrichtungen stärker in den Mittelpunkt der Betrachtung. In dem Bemühen, »die Vergangenheit in der Subjektivität der Menschen«5 zu rekonstruieren, wurden bis dahin vernachlässigte Themen wie Alltagsleben, Mentalitäten und Vergesellschaftungsprozesse in den Blick genommen. Der Stalinismus und seine Gewaltexzesse wurden dabei als eine Folge der kulturellen Rückständigkeit erklärt, die durch stalinistische Modernisierungsversuche überwunden werden sollte.6 Damit einher ging das Bestreben, sich über biografische Forschungsansätze wieder vermehrt und ergänzend einen eigenen Zugang zum sowjetischen Regime zu erschließen, denn es liegt auf der Hand, dass eine Auseinandersetzung mit dem Stalinismus ohne den zentralen politischen Akteur nicht auskommen konnte. Insbesondere nach 1991 sind aufgrund neuer Quellen verlässlichere Aussagen zu Stalins Persönlichkeit, Lebensweise, Herrschaftsverständnis und -ausübung sowie zu seinem Geisteszustand möglich geworden, wobei diesbezüglich längst nicht alle Fragen befriedigend beantwortet werden können. Dabei bemühen sich neuere Stalin-Biografien um eine Mittelposition zwischen dem Totalitarismusparadigma und den sozialhistorischen Studien. Die herausragende Stellung des Führers als politischer Akteur wird anerkannt und zugleich kontextualisiert.7 Stärker als in früheren Studien wird »seine Herrschaftsausübung zu strukturellen Problemen in Beziehung gesetzt, die das von der Totalitarismustheorie unterstellte diktatorische ›Durchregieren‹ unmöglich machten, so etwa die Dysfunktionalität der administrativen Kommandowirtschaft und die Verselbständigung von Netzwerken und Funktionärscliquen in den Provinzen«.8 Insgesamt haben alle genannten Ansätze grundlegende Erkenntnisse zum Stalinismus erbracht, ob in Verbindung miteinander oder unabhängig voneinander. 5 Plaggenborg, Herangehensweisen, S. 28. 6 Vgl. Boeckh, Stalinismus, S. 16. 7 Vgl. Andreas Oberender: Annäherungen an einen Unfassbaren. Stalin und seine Biographien, in: Osteuropa, 62. Jg. (2012), H. 4, S. 37–51. 8 Ebd., S. 51.

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Wie bereits erwähnt, existiert keine einheitliche Definition des Regimes, dessen Legitimationsgrund und Hauptziel im »Aufbau des Sozialismus« lag. Der Göttinger Osteuropahistoriker Manfred Hildermeier fasst die wichtigsten Elemente des stalinistischen Systems folgendermaßen zusammen: »Stalinismus lässt sich am ehesten begreifen als ein gigantisches, ideologisch begründetes, die gesamte Gesellschaft veränderndes, aber primär ökonomisch orientiertes Modernisierungsexperiment auf russischem Boden9. Er versuchte sein Ziel durch extreme Zentralisierung der Macht in der Person des Diktators und von ihm abhängigen Gruppen innerhalb der Monopolpartei sowie durch rücksichtslose Konditionierung der Bevölkerung für diesen von der Macht selber nicht mehr zu trennenden Zweck bis hin zum Massenterror zu erreichen. In diesem Kern war es von der russischen Tradition des starken Staates, gering ausgeprägter gesellschaftlicher Eigenorganisation und -initiative sowie als unzureichend empfundener wirtschaftlicher Leistungskraft ebensowenig [sic!] zu lösen wie von der leninistisch-marxistischen Utopie eines nichtkapitalistischen Weges zu wirtschaftlichem Überfluss und einer nie genauer beschriebenen kommunistischen Gesellschaft.«10 Dabei bestätigen neue Quellen einen in der Geschichtswissenschaft schon lange vertretenen Standpunkt. Demnach besaß der Stalinismus mit seiner exzessiven Terror- und Gewaltkultur ein derartiges Repressionspotenzial, dass das Regime nicht nur gestärkt, sondern am Ende sogar geschwächt wurde.11 Die Archivmaterialien lassen zudem keinerlei Zweifel an der Urheberschaft des Terrors: Dieser war zentral gesteuert, er begann und endete auf Befehl Stalins und seiner Umgebung, die auch seine Durchsetzung streng kontrollierten. Stalinismus und Gewalt gehören zusammen. Der staatliche Terror war ein das System bestimmendes Element und ein universales Instrument zur Lösung jeder beliebigen politischen und sozialen Aufgabe. Der Schlüssel zur Erklärung der Gewalt ist bis heute jedoch nicht gefunden.12 Es scheint eine rational gewählte Methode zu sein, die es erlaubte, am einfachsten und effizientesten die Gesellschaft zu disziplinieren und in Angst zu halten. Doch wie Jörg Baberowski in seinem Buch »Verbrannte Erde« urteilte, liegt die Erklärung der exzessiven Gewalt auch in der Person des Diktators: Ohne seine kriminelle Energie und Bösartigkeit wäre der Terror kaum möglich gewesen.13

9 Die Beschränkung auf den »russischen Boden« trifft nicht zu, da Stalins Herrschaft auch nichtrussische Gebiete in der Sowjetunion umfasste. 10 Hildermeier, Sowjetunion, S. 143. 11 Vgl. Oleg Chlevnjuk: Die stalinistische Diktatur. Politik, Institutionen, Methoden (künftig zitiert: Chlevnjuk, Stalinistische Diktatur), in: Osteuropa, 59. Jg. (2009), H. 1, S. 45 –50, hier S. 49. 12 Das zeigt u. a. die Reaktion auf das 2012 erschienene Buch »Verbrannte Erde« von Jörg Baberowski. Siehe dazu die Diskussionsbeiträge in der Zeitschrift »Osteuropa«, 62. Jg. (2012), H. 4. 13 Vgl. Baberowski, Verbrannte Erde, S. 30.

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Obwohl der »Rote Terror« zur Liquidierung jeglicher Opposition bereits kurz nach der Oktoberrevolution 1917 ansetzte, erreichte er unter Stalin kolossale Ausmaße. Er war geradezu ein konstitutives Element während der forcierten Industrialisierung und Zwangskollektivierung der späten 1920er- und 1930er-Jahre, verbunden mit Zwangsarbeit für Millionen von Menschen im sowjetischen Straflagersystem Gulag. Stalin nahm billigend eine große Hungersnot zwischen 1932 und 1933 in Kauf, die Folge seiner Kollektivierungspolitik war, und die sechs bis acht Millionen Tote in den Sowjetrepubliken forderte. Hinzu kommen Deportationen von Angehörigen verschiedener Nationalitäten, »Säuberungen« gegen Alt-Bolschewiki, Armeeangehörige, einfache Bürger sowie die Willkür der Justiz und Denunzierungen. Allein in den Jahren des sogenannten großen Terrors, der sich auf die Jahre 1937 bis 1938 erstreckte, wurden weit über 1,7 Millionen Menschen verhaftet, von denen wiederum rund 700.000 erschossen, oder – um in der Diktion der Zeit zu bleiben – liquidiert wurden. Nach dem Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg dehnte sich der Stalinismus mit der Übertragung des sowjetischen Modells auf weite Teile Ost- und Südosteuropas aus, u. a. auf die SBZ/DDR, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien. Auch zahlreiche Bürger dieser Länder fanden sich als Opfer des Stalinregimes in sowjetischen Lagern wieder oder endeten vor einem Erschießungskommando. Selbst in der UdSSR bedeutete das Kriegsende 1945 nicht automatisch das Ende der Repressionen. Als Stalin 1953 starb, saßen rund 2,5 Millionen Inhaftierte in Straflagern. Für den gesamten Zeitraum der stalinistischen Gewaltherrschaft, sprich: für die Jahre 1929 bis 1953, muss davon ausgegangen werden, dass rund 20 Millionen Menschen im Gulag waren. Nach heutigem Kenntnisstand ist es unmöglich, eine gesicherte Opferzahl auszumachen, die Angaben schwanken zwischen 11 und 39 Millionen. Das war der Preis, den die sowjetische Bevölkerung für den Aufstieg der UdSSR zur nach den USA zweitgrößten Welt- und Supermacht zu zahlen hatte.14

14 Vgl. dazu ausführlich Chlevnjuk, Stalinistische Diktatur. – Baberowski, Verbrannte Erde. – Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus (= Schriftenreihe Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 681), Bonn 2007. – Stefan Creuzberger: Stalin. Machtpolitiker und Ideologe (= Kohlhammer-Urban-Taschenbücher, Bd. 593), Stuttgart 2009 (künftig zitiert: Creuzberger, Stalin). – Antonio Peter u. a. (Hrsg.): Die Sowjetunion im Zeichen des Stalinismus, Köln 1991. – Jürgen Zarusky (Hrsg.): Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge der Forschung (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer), München 2006. – Andrej Meduševskij: Was war der Stalinismus? Die Stalinismus-Edition des Verlags ROSSPĖN, in: Osteuropa, 62. Jg. (2012), H. 2 , S. 53 – 60. – Michael Geyer/Sheila Fitzpatrick (Eds.): Beyond Totalitarism. Stalinism and Nazism Compared, Cambridge 2009.

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Entstalinisierung unter Chruščëv Nach dem Tod des Diktators mussten sich Stalins Nachfolger der Frage stellen, was mit den für den Terror Verantwortlichen und was mit den Opfern geschehen sollte. Der Machtapparat wurde angesichts des schwierigen stalinistischen Erbes kurzerhand mit der Herausforderung konfrontiert, wie nicht zuletzt mit Blick auf die Außenwirkung mit der Stalin-Zeit offiziell umzugehen sei. Die Herrschaft Stalins und insbesondere die unter seiner Ägide ausgelösten Gewalt- und Säuberungsaktionen stellten somit eines der wichtigsten geschichtspolitischen Themen in den Jahren 1953 bis 1964 dar.15 Die ersten sogenannten Entstalinisierungsmaßnahmen wurden bereits kurz nach Stalins Tod eingeleitet, was sich für die meisten Historiker einerseits als Beruhigungsmanöver darstellt, sich andererseits aber mit dem Zwang längst überfälliger Reformen erklärt.16 So kam es schon vor dem XX. Parteitag der KPdSU und der sogenannten Geheimrede des damaligen Parteichefs und Ministerpräsidenten Nikita Chruščëv zu einem Umschwenken der sowjetischen Staats- und Parteiführung. Diese war bereits vor 1956 bemüht, die bis dahin vorherrschende stalinistische »Wachsamkeit« durch eine »sozialistische Gesetzlichkeit« zu ersetzen. In der Parteizeitung »Pravda« [Wahrheit] vom 6. April 1953 hieß es, die Bürger könnten nun wieder »ruhig und sicher arbeiten, in dem Bewußtsein, dass ihre Bürgerrechte unter dem verläßlichen Schutz der sozialistischen Gesetzlichkeit stehen«.17 Tatsächlich wurde u. a. ein Generalamnestie-Gesetz erlassen, nach dem etwa die Hälfte der damals Inhaftierten aus den Lagern entlassen, jedoch nur zum Teil rehabilitiert wurde.18 Die legendäre »Lex Kirov«, die für weite Teile des stalinistischen Terrors die gesetzliche Grundlage darstellte,19 trat im September 1953 außer Kraft. Die Zahl der politischen Gefangenen sank zwischen 1954 und 1956 um 75 Prozent.20 Im selben Jahr wurde erstmals der Geheimdienst NKVD offiziell kritisiert und dessen Kompetenzen daraufhin eingeschränkt. Allerdings wurden nicht die Straforgane für die Repressionen verantwortlich gemacht, sondern allein deren Führungspersonal,21 das 15 Vgl. Fein, Geschichtspolitik, S. 33. 16 Vgl. ebd., S. 36. 17 Zitiert nach ebd. 18 Ende der 1950er-Jahre wurde das Lagersystem der Sowjetunion komplett reformiert. 19 Durch den Beschluss des ZK der VKP(b) vom 1. Dezember 1934 wurde für konterrevolutionäre Terrorakte und Organisationstätigkeit ein Schnellverfahren in Abwesenheit des Angeklagten eingeführt, was die Umgehung der ordentlichen Gerichtsbarkeit bedeutete. 20 Vgl. Nikolas Werth: Der Gulag im Prisma der Archive. Zugänge, Erkenntnisse, Ergebnisse, in: Osteuropa, 57. Jg. (2007), H. 6, S. 9–30, hier S. 29. 21 Dem Führungspersonal gehörten der Geheimdienstchef und Innenminister Lavrentij Berija sowie Nikolaj Ežov an, der von 1936 bis 1938 die Position des Geheimdienstchefs inne hatte

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sich, so die damalige Argumentation, in Stalins Vertrauen eingeschlichen habe. Die damit einhergehenden vorsichtigen Veränderungen zielten dabei weniger auf die Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen als vielmehr darauf, das politische System zu erhalten und die Machtposition der Eliten zu stabilisieren. Den Auftakt bildete hierbei die sogenannte Geheimrede Nikita Chruščëvs »Über den Personenkult und seine Folgen«22 auf dem XX. Parteitag der KPdSU am 25. Februar 1956. Darin prangerte der Parteichef unter ständiger Berufung auf Lenin den sowjetischen Diktator Stalin an. Er machte ihn für die Massenrepressionen der vorangegangenen Jahre verantwortlich und beschuldigte ihn der »Verletzung der Prinzipien des Marxismus-Leninismus« und damit des Verstoßes gegen die Prinzipien der kollektiven Führung. Chruščëv warf Stalin politisches und militärisches Versagen während der ersten Wochen und Monate nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 vor. Selbst wenn er im Verlauf seiner Geheimrede viele Verbrechen ansprach, blieben dennoch wichtige Aspekte der stalinistischen Gewaltherrschaft ausgeklammert: die Schrecken der Kollektivierung der Landwirtschaft und die daraus resultierenden Hungersnöte, die Ermordung von Stalins politischen Gegnern, darunter Lev Trockij oder Grigorij Zinov’ev, die »Säuberung« unter den einfachen Bürgern. Chruščëv kritisierte zwar überwiegend die Repres­ sionen gegen hohe Funktionäre und machte dafür ausschließlich Stalins Person und den Personenkult um ihn verantwortlich. Das stalinistische System als solches stand allerdings nicht zur Disposition. Die Verbrechen wurden auf den angeblich krankhaften Charakter des Diktators zurückgeführt.23 Dies änderte jedoch nichts daran, dass Nikita Chruščëv seine Geheimrede mit Worten voll des Lobes und des Dankes für den »Vožd’«, den einstigen »Führer«, beendete, der allein zum Wohle des Volkes gehandelt habe. Zwar war der Inhalt der Rede nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Die in limitierter Auflage gedruckten Exemplare der Ansprache sollten deshalb nur an Parteiorganisationen im Inland und an interne Gremien der kommunistischen Parteien des sowjetischen Einflussbereichs geschickt, dort verlesen und danach vernichtet werden. Allerdings ließ sich die strikte Geheimhaltung nicht allzu lange aufrechterhalten. Schon kurz nach dem XX. Parteitag der KPdSU gelangte der Redetext ins westliche Ausland und wurde dort mit großer publizistischer Wirkung

und 1940 selbst den Repressionen zum Opfer gefallen war. Da Berija seinen Mitgenossen in der neuen kollektiven Führung zu mächtig werden drohte, wurde er als einziger aus der obersten Partei- und Staatsführung am 24. Juni 1953 verhaftet und am 23. Dezember desselben Jahres erschossen. 22 Veröffentlicht in: Reinhard Crusius u. a. (Hrsg.): Entstalinisierung. Der XX . Parteitag der ­K PdSU und seine Folgen (= Edition Suhrkamp, Bd. 609), Frankfurt am Main 1977, S. 487–537 (künftig zitiert: Crusius, Entstalinisierung). 23 Vgl. ebd., S. 509.

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veröffentlicht. Aus der sowjetischen Presse dagegen erfuhren die Bürger der UdSSR erst Monate später davon. Bis dahin existierten nur wenige »richtungsweisende« Artikel, in denen die Bevölkerung über einige Thesen Chruščëvs in abgeschwächter Form unterrichtet wurde. Gewiss blieb all dies nicht gänzlich wirkungslos: Die Reaktionen in der breiteren sowjetischen Öffentlichkeit reichten von Erleichterung bis zu Hilflosigkeit und Verwirrung. Eine erste – und gemessen an früheren Verhältnissen – relativ offene Auseinandersetzung mit dem Stalinismus bahnte sich zwar an, allerdings war dies mit einem Problem behaftet: Chruščëv machte allein Stalin und Teile seiner Mitarbeiter – vor allem aus dem Umfeld des Geheimdienstes – für die Exzesse der früheren Gewaltherrschaft verantwortlich, um somit das sowjetische System und dessen Bevölkerung von der Schuld »reinzuwaschen«. Und so überrascht es wenig, wenn fortan verharmlosend die Stalin-Ära als »Epoche des Personenkultes« bezeichnet wurde.24 Nach dem zwischenzeitlichen Abklingen der Entstalinisierungspolitik wurden stalinistische Verbrechen auf dem XXII. Parteitag der KPdSU im Oktober 1961 erneut thematisiert. Neu an der zweiten Entstalinisierungswelle war, dass der Parteikongress diese Fragen in öffentlichen Sitzungen behandelte und weitere Einzelheiten bekanntgab. Erstmals durften die Reden der Teilnehmer sogar in der Presse publiziert werden. Dabei wurde weitaus sichtbarer als zuvor entstalinisiert: Man entfernte in einer Nacht- und Nebelaktion den Sarg mit Stalins Leichnam aus dem Mausoleum und bettete den ehemaligen Diktator an die Kremlmauer um; Symbole des Stalin-Kults wurden beseitigt, Denkmäler – mit einigen Ausnahmen in Georgien – demontiert; es erfolgte eine Welle von Umbenennungen von Städten, Straßen etc. Es wurden weitere kritische Artikel, neue Untersuchungen und literarische Werke veröffentlicht. Auch folgten weitere Freilassungen und Rehabilitierungen unschuldig inhaftierter Menschen. Trotz der Ansätze zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurden auch nach dem XXII. Parteitag der KPdSU keine juristischen Schritte gegen die Verantwortlichen für die Gewalttaten eingeleitet. Zwar gab es vereinzelt halböffentliche Sanktionen gegen verantwortliche Geheimdienst-Mitarbeiter. So wurde zum Beispiel 1962 eine frühere Ordensverleihung an 700 NKVD-Offiziere »für beispielhafte Ausführung von Regierungsaufträgen« rückgängig gemacht.25 Von einer konsequenten juristischen Aufarbeitung und Bestrafung der Schuldigen konnte jedoch keine Rede sein.

24 Fein, Geschichtspolitik, S. 33. 25 Vgl. ebd, S. 61.

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Es ist letztlich unklar, ob der von Nikita Chruščëv eingeleiteten Entstalinisierung ein moralischer Impetus oder machtpolitisches Kalkül zugrunde lag.26 Vieles spricht dafür, dass ihm diese Politik dazu diente, politische Rivalen auszuschalten. An einer aufrichtigen und grundlegenden Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit konnte die damalige Kreml-Führung angesichts der dadurch drohenden Folgen für den Zusammenhalt der kommunistischen Weltbewegung kein Interesse haben. Dies hatte nicht zuletzt der Volksaufstand in Ungarn im Jahre 1956 deutlich gezeigt. Ein prägendes Problem bestand darin, dass die Stalinisten selbst die Entstalinisierer sein mussten, denn die im Stalinismus erzogenen Bürokraten blieben – mit Ausnahme der sogenannten Berija-Gruppe, die bereits 1953 ausgeschaltet worden war – auf ihren Posten.27 Auch gab es keine echten Anti-Stalinisten, die diese Aufgabe hätten erfüllen können. Sie waren allesamt liquidiert worden. Somit blieb der radikale Bruch mit der Vergangenheit aus. Die politische Führung in Moskau änderte lediglich ihre Methoden, die nun viel weniger brutal und blutig waren. Doch an ihrem Wahrheitsund Führungsanspruch hielt die Parteielite unvermindert fest. Wolfgang Leonhard, ein früherer österreichischer Exilkommunist in der UdSSR, der inzwischen zur Gruppe der Renegaten gehörte, brachte das Problem der Entstalinisierung treffend auf den Punkt, wenn er meinte: »Der XX. Parteitag hat nicht nur das Ausmaß, sondern auch die Grenzen der Entstalinisierung offenbart. Die Grenzen […] wurden da gezogen, wo sie die Herrschaft des Parteiapparates bedrohten.«28

Umgang mit dem Stalinismus in der Brežnev-Ära Nach dem Sturz des sowjetischen Ministerpräsidenten und KP-Chefs Nikita Chruščëv im Oktober 1964 fand der bis dahin noch relativ offen praktizierte Umgang mit dem stalinistischen Erbe ein jähes Ende. Von da an zeigte die neue Führungsspitze im Kreml keinerlei Interesse mehr, den anti-stalinistischen Kurs fortzusetzen. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die politische Karriere der meisten nunmehr amtierenden Funktionäre nach 1938 begonnen hatte, sie damit also die eigentlichen Profiteure der stalinistischen Säuberungen waren. Zwar wurden die wichtigsten Entstalinisierungsmaßnahmen nicht mehr angefochten, auch die meisten Rehabilitierungen blieben in Kraft. Allerdings wurde nach 1964 nur noch sehr zögerlich rehabilitiert. Allein auf

26 In der Forschung wird zwischen einer Chruščëv-freundlichen, einer funktionalen und einer Chruščëv-kritischen Interpretation der Geschehnisse unterschieden. Die Erläuterung einzelner Positionen siehe ebd., S. 47–53. 27 Vgl. Anne Herbst-Oltmanns: Entstalinisierung. Der Einzelne zählt wieder in der Sowjetunion, in: Crusius, Entstalinisierung, S. 50 – 64, hier S. 63. 28 Zitiert nach Fein, Geschichtspolitik, S. 43.

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Umgang mit dem Stalinismus in der Brežnev-Ära

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dem Gebiet der politisch-ideologischen Propaganda kam es zu einer Trendwende. Nunmehr wurden wieder verstärkt die »Verdienste« Stalins gewürdigt, was damit einherging, dessen Terrorherrschaft mehr und mehr aus dem historischen Gedächtnis zu bannen.29 Spätestens seit dem XXIII. Parteitag der KPdSU im März 1966 war das Thema stalinistische Verbrechen weitgehend wieder tabu. Zuständig für die neue Relativierung des früheren Entstalinisierungskurses der KPdSU war die ZK-Abteilung für Wissenschaft und Bildung unter der Leitung des konservativen Historikers Sergej Trapeznikov. Die Arbeit dieser Institution, so der sowjetische Politologe Georgij Arbatov, ließ sich dabei folgendermaßen charakterisieren: »Die Stalinisten erreichten dort, was sie sich auf allen Gebieten vorgenommen hatten: die Ideen des XX. und XXII. Parteitages auszulöschen und zur Apologie Stalins […] zurückzukehren. […] Gegen viele ehrliche Historiker begann eine Unterdrückungskampagne. […] In der Wissenschaft, in der Literatur und selbst in den Künsten begann erneut eine vollständige Verfälschung der Geschichte.«30 Die zentralen Themen der sowjetischen Geschichte wie die Oktoberrevolution, die Kollektivierung der Landwirtschaft, die Industrialisierung und der Zweite Weltkrieg wurden von da an in der sowjetischen Geschichtswissenschaft unkritisch reflektiert, verfälscht und – entsprechend der parteipolitischen Neuausrichtung – ideologisch angepasst. Dies ging einher mit der – ganz im Dienste der Partei – stehenden Schöpfung neuer geschichtlicher Mythen.31 Die stalinistischen Repressionen wurden fortan verschwiegen, Misserfolge des Stalin-Regimes mit vermeintlich objektiven Schwierigkeiten erklärt. Vor allem der Mythos »Großer Vaterländischer Krieg« erfuhr in der Brežnev-Ära einen Grad an unrealistischer, verfälschter Heroisierung und Beschönigung, der alles Vorangegangene in den Schatten stellte.32 Mehr noch: Stalin wurde teilweise rehabilitiert, indem man – wie schon zu dessen Lebzeiten – erneut der angeblich herausragenden Rolle des Diktators während des Krieges wieder mehr Beachtung schenkte. Auf diese Weise versuchte die Staatsführung, der so-

29 Vgl. dazu ebd., S. 73. 30 Zitiert nach ebd., S. 76. 31 Vgl. Olga Kurilo: Wandel der Erinnerungslandschaften im heutigen Russland: Zwischen so­ wjetischem und postsowjetischem Denken (künftig zitiert: Kurilo, Erinnerungslandschaften), in: Karl/Polianski, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur, S. 141–164, hier S. 143 f. 32 Vgl. dazu Bernd Bonwetsch: Der »Große Vaterländische Krieg« und seine Geschichte, in: Dietrich Geyer (Hrsg.): Die Umwertung der sowjetischen Geschichte (= Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft, Bd. 14), Göttingen 1991, S. 167–188. – Helmut Altrichter: »Der Große Vaterländische Krieg«. Zur Entstehung und Entsakralisierung eines Mythos, in: Ders. u. a. (Hrsg.): Mythen in der Geschichte (= Rombach-Wissenschaften, Reihe Historiae, Bd. 16), Freiburg im Breisgau 2004, S. 471– 493. – Stefan Creuzberger: »Ich war in einem völlig anderen Krieg.« Die sowjetische und russische Historiographie über den »Großen Vaterländischen Krieg«, in: Osteuropa, 48. Jg. (1998), H. 5, S. 505 –518.

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wjetischen Bevölkerung ein idealisiertes und ideologisiertes Bild der Vergangenheit zu vermitteln: Die sozialistische Sowjetmacht, so die Botschaft, hatte demnach ihre Überlegenheit ungebrochen unter Beweis gestellt, indem sie auch in den schwersten Schicksalsstunden der UdSSR allen Herausforderungen und Schwierigkeiten im »Kampf gegen den Faschismus« getrotzt hatte. Der Sieg über den nationalsozialistischen Aggressor galt geradezu als Beweis für die Effizienz des autoritären Staatsapparats schlechthin.33 Die Machthaber bemühten sich außerdem, eine homogene Erinnerungskultur vor allem durch die Verbannung alternativer Erinnerungen und kritischen Denkens aus der Öffentlichkeit zu schaffen. Dies manifestierte sich nicht nur in der Darstellung der historischen Ereignisse, sondern auch in der Gestaltung der Erinnerungsorte und der Verbreitung sowjetischer Symbole und Rituale.34 Die Einheitssymbolik und die Geschichtsmythen sollten dabei die Einheit des Landes und seiner Bevölkerung nach innen und außen demonstrieren. Das ist insofern von Bedeutung, als ein Großteil der Sowjetbürger, die den Krieg und den Gulag selbst nicht erlebt hatten, von den Gewalttaten der Stalin-Zeit, wenn überhaupt, nur wenig wussten. Denn bis Mitte der 1980er-Jahre war der stalinistische Terror mit seinen Völkerdeportationen, seiner besonderen Kriegsgefangenen- und KollaborateursProblematik weitgehend tabu.35

Stalinistisches Erbe und Gorbačëvs Perestrojka Mit der Politik von Perestrojka und Glasnost leitete der neue Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbačëv, nach seiner Wahl im März 1985 einen innersowjetischen Reformprozess ein, der auch für die Geschichtspolitik der kommunistischen Partei nicht folgenlos blieb.36 Die Reformer verfolgten dabei das geschichtspoli­tische Ziel, sich von weniger ruhmreichen historischen Epochen abzugrenzen und gleichzeitig positive, identitätsstiftende historische Vorbilder aus der jüngsten ­sowjetischen Vergangenheit aufzuzeigen, um damit der Perestrojka die erforderliche historische Legi-

33 Vgl. dazu Boris Dubin: Goldene Zeiten des Krieges. Erinnerungen als Sehnsucht an die Brežnev-Ära, in: Osteuropa, 55. Jg. (2005), H. 4 – 6, S. 219–233. – Dietrich Beyrau: Entstalinisierung, in: Antonio Peter u. a. (Hrsg.): Die Sowjetunion im Zeichen des Stalinismus, Köln 1991, S. 121–140. 34 Ausführlicher zum Thema vgl. Kurilo, Erinnerungslandschaften, S. 144 f. 35 Vgl. ebd., S. 145. 36 Ausführlich zum Thema vgl. Robert Davies: Perestroika und Geschichte. Die Wende in der sowjetischen Historiographie, München 1991 (künftig zitiert: Davies, Perestroika). – de Keghel, Strategien, S. 63 –86.

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timität zu verschaffen.37 Zunächst konzentrierten sich deshalb die Geschichtspolitiker vor allem darauf, die Mängel der Brežnev-Zeit zu enthüllen und die stalinistischen Verbrechen sowie die Verfälschungen der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges aufzudecken: Fragen der Massenrepressionen und Zwangsdeportationen von ethnischen Minderheiten wurden ebenso erstmals breiter öffentlich thematisiert wie die Problematik der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland und die Frage der Kollaboration mit den deutschen Aggressoren. Allmählich kam die Debatte auch auf die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages von August 1939 zu sprechen, da sich dieser 1989 zum 50. Mal jährte. In diesem Zusammenhang war klar, dass über kurz oder lang auch die Frage nach dem Geheimen Zusatzprotokoll aufgeworfen werden würde, das Osteuropa zur geteilten Einflusszone von Hitler und Stalin gemacht hatte – ein Faktum, das bis dahin von der sowjetischen Historiografie konsequent geleugnet worden war. Und so überrascht es wenig, dass im Zuge von Glasnost und Perestrojka bald auch in der so­ wjetischen Presse und im öffentlichen Diskurs die Rolle Stalins während des Großen Vaterländischen Krieges und dessen Mitverantwortung für die großen, desaströsen Niederlagen während der ersten Wochen und Monate nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 heftig diskutiert wurden. Anlässlich des 70. Jahrestages der Oktoberrevolution am 2. November 1987 lobte Michail Gorbačëv in einer Rede Stalins Industrialisierungspolitik und die Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft. Allein ihretwegen, so Gorbačëv, habe es in den 1930er-Jahren keine Alternative zu Stalin gegeben. Der Generalsekretär verteidigte auch den Hitler-Stalin-Pakt.38 Entscheidend anders war jedoch Gorbačëvs Verurteilung des Diktators und seiner Verbrechen: »Die Schuld […], die Stalin und seine engste Umgebung mit den Massenverfolgungen und der Gesetzlosigkeit vor der Partei und dem Volk auf sich geladen haben, ist riesengroß und unverzeihlich.«39 Bereits zuvor, im Februar 1987, hatte sich bei dem neuen Mann im Kreml eine veränderte geschichtspolitische Grundorientierung deutlich abgezeichnet: »Die Geschichte muß so gesehen werden, wie sie ist. Weder in der Geschichte noch in der Literatur darf es mehr vergessene Namen, weiße Flecken und verdrängte Zeiten geben.«40

37 Vgl. Stefan Creuzberger: Stalinismus und Erinnerungskultur (künftig zitiert: Creuzberger, Erinnerungskultur), in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 61. Jg. (2011), H. 49–50, S. 42–47, hier S. 43. 38 Wenig später fügte Gorbačëv allerdings hinzu, dass seine Rede keine ewigen Wahrheiten verkünden und er weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen keinerlei Beschränkungen auferlegen würde. Vgl. Fein, Geschichtspolitik, S. 84 f. 39 Zitiert nach ebd. 40 Ebd., S. 83.

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Diese Äußerungen, die eine enorme Wirkung auf die Gesellschaft und den öffentlichen Geschichtsdiskurs entfalteten, wurden zudem durch eine Reihe staatlicher geschichts- und erinnerungspolitisch relevanter Maßnahmen flankiert. Zum einen sind hier die Rehabilitierungen zu nennen. Die größte politische Tragweite besaß die Entlassung des Physikers, Menschenrechtlers, Friedensnobelpreisträgers und Mitbegründers der Gesellschaft »Memorial«, Andrej Sacharov, aus seiner Verbannung in Gorkij im Dezember 1986. Zum anderen ist die Einsetzung einer speziellen Kommission »Über die weitere Untersuchung von Materialien über die Repressionsmaßnahmen der dreißiger, vierziger und frühen fünfziger Jahre« durch das Politbüro der KPdSU im September 1987 zu erwähnen. Sie arbeitete eng mit dem Geheimdienst KGB, der Staatsanwaltschaft der UdSSR sowie den Gerichten zusammen und stellte das erforderliche Archivmaterial zur Verfügung. Auf diese Weise wurden mit Ausnahme des NKVD-Chefs Genrich Jagoda alle in den Moskauer Schauprozessen von 1936 bis 1938 Verurteilten rehabilitiert. Diese Maßnahme beschränkte sich gleichwohl zunächst allein auf Parteimitglieder, um – wie schon in früheren Jahren – den Zusammenhalt der Parteiorganisation zu festigen. Hervorgehoben werden muss in diesem Kontext aber auch die Entscheidung der sowjetischen Bildungsbehörden, im Mai 1988 die Geschichtsprüfungen an den Schulen und in den Universitäten vorübergehend abzuschaffen. Die Beibehaltung alter, unkritischer Geschichtsinterpretationen schien nicht mehr vertretbar zu sein, was faktisch das Ende der bis dahin praktizierten offiziellen Geschichtspolitik der KPdSU einleitete. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Lockerung der seit 1922 bestehenden Zensur und deren letztliche Abschaffung am 1. August 1990, womit Gorbačëvs GlasnostPolitik ihren Höhenpunkt erreichte. Das gesteigerte gesellschaftliche Verlangen, mehr und reflektierter über die eigene sowjetische Geschichte informiert zu werden, musste auf Dauer zu einem Problem für die sowjetische KP werden. Zunächst avancierte vor allem die Presse zum eigentlichen Forum der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.41 Dort erschienen regelmäßig Reportagen, in denen das Ausmaß des stalinistischen Terrors und der Repressionen enthüllt wurde. So brachte zum Beispiel die Parteizeitung »Pravda« jeden Freitag in millionenfacher Auflage eine historische Dokumentation. Generell kann festgestellt werden, dass sich die sowjetische Presse in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre in breiten Teilen der Bevölkerung einer wachsenden Beliebtheit erfreute, weil sie sich zu einem wichtigen Forum der Geschichtsaufar-

41 Beispielhaft seien genannt: »Ogonëk« [Feuerchen], »Moskovskie novosti« [Moskauer Nachrichten], »Novyj mir« [Neue Welt], »Družba narodov« [Völkerfreundschaft], »Naš sovremennik« [Unser Zeitgenosse].

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beitung entwickelte. Dies zeigte sich vor allem an den gestiegenen Auflagenzahlen.42 Auch das Fernsehen wuchs schnell in diese Rolle hinein. Es strahlte meist zur besten Sendezeit Filme über den Stalinismus und die sowjetische Geschichte aus, die immer hohe Einschaltquoten erreichten.43 Zudem wurden dort regelmäßig öffentliche Geschichtsdiskussionen mit Zeitzeugen, Journalisten sowie mit Vertretern der Kunst- und Kulturszene gezeigt. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, wie spät die Geschichtswissenschaft auf diesen Trend reagierte. Die einschlägigen historischen Fachzeitschriften gehörten anfänglich nicht zu den zentralen Austragungsorten für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. Erst 1988 wurden die Historiker mutiger und begannen, sich der öffentlichen Debatte zu stellen.44 In dieser Zeit wurde die Gesellschaft »Memorial« gegründet. Sie ist insofern von besonderer Bedeutung, als sie die Erinnerungskultur und die Geschichtspolitik in der Perestrojka-Zeit mitgeprägt und beeinflusst hat. Zwei wichtige Projekte der ersten Jahre sind hier geradezu beispielhaft: Zum einen ist es die im November 1988 organisierte »Woche des Gewissens«, die in den Räumen einer Moskauer Glühbirnenfabrik stattfand. Dabei handelte es sich um eine Ausstellung mit Fotos, Karten, Zeichnungen und anderen Dokumenten aus dem und über das Gulag-System. Die Veranstaltung war eine der ersten dieser Art im öffentlichen Raum, in der weitgehend ungehindert über die Stalin-Zeit gesprochen werden konnte.45 Der Organisation »Memorial« gelang es darüber hinaus, unter reger öffentlicher Anteilnahme am 30. Oktober 1990 am Moskauer LubjankaPlatz gegenüber der KGB-Zentrale ein »Denkmal für die Opfer des totalitären Regimes« zu errichten. Einige »Memorial«-Mitglieder wirkten überdies in staatlichen Gremien mit, etwa im Komitee für Menschenrechte, das entscheidend an der Ausarbeitung der beiden Rehabilitierungsgesetze beteiligt war.46 Auch die Tatsache, dass der Oberste Sowjet der Russländischen Föderation 1991 den 30. Oktober offiziell zum »Tag des Gedenkens an die Opfer der politischen Repression« erklärte, war vor allem auf die Initiative von »Memorial« zurückzuführen. Die im Zuge von Perestrojka und Glasnost ausgelöste Geschichtsdebatte entwickelte eine Eigendynamik, die auf Dauer kaum mehr beherrschbar war. Das galt

42 Näheres bei Fein, Geschichtspolitik, S. 111. 43 Beispiele sind der 1983 gedrehte, aber erst 1987 gezeigte Film »Pokajanie« [Die Reue] von Tengiz Abuladze und der 1988 ausgestrahlte Dokumentarfilm »Process« [Der Prozess] des Regisseurs Igor’ Beljaev. 44 Vgl. Creuzberger, Erinnerungskultur, S. 44. 45 Vgl. Fein, Geschichtspolitik, S. 169. 46 Gemeint sind das Gesetz »Über die Rehabilitierung von Völkern, die Opfer von Repressionen waren« vom 26. April 1991 sowie das Gesetz »Über die Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen« vom 18. Oktober 1991.

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umso mehr, als damit ein unaufhaltbarer Zerfall der geschichtspolitischen Autorität beziehungsweise der Deutungshoheit von KPdSU und sowjetischer Staatsführung einherging. An ihre Stelle traten alternative geschichtspolitische Konzepte und Erinnerungskulturen sowohl innerhalb der Partei als auch innerhalb der gesellschaftlichen Öffentlichkeit.47 In Bezug auf die Aufarbeitung der Geschichte und Bewertung der Person Stalins und seiner Zeit in der Gesellschaft wurde in der Ära Gorbačëv viel erreicht. Laut einer Umfrage vom Juli 1988 in Moskau meinten 55 Prozent der Befragten, Stalin habe eine negative Rolle gespielt, 31 Prozent bewerteten ihn sowohl positiv als auch negativ und weniger als ein Prozent hatten eine hohe Meinung von ihm.48 Die Ergebnisse dieser Erhebung sind insbesondere im Vergleich zu späteren Umfragen interessant, wie zu zeigen sein wird. Entgegen der ursprünglichen Idee Michail Gorbačëvs trug die Enttabuisierung der stalinistischen Periode letztlich jedoch nicht zur Stabilisierung des von ihm ausgelösten Reformprozesses bei, sondern forcierte vielmehr die vollständige politisch-ideologische Delegitimierung der KPdSU und des Sowjetsystems.49

Geschichtspolitik unter El’cin Nach Auflösung der UdSSR bemühte sich die politische Führung um den russländischen Präsidenten Boris El’cin zumindest in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre um Demokratisierung und wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Veränderungen. Der Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit und der Kommunistischen Partei stellte dabei das wichtigste geschichtspolitische Ziel der neuen Machthaber dar. Mithilfe dieser Distanzierung hoffte die neue Staatsführung sich fortan die erforderliche Legitimation für die politischen Veränderungen im Land zu verschaffen. Zugleich bemühte sich die erste postsowjetische Regierung in Moskau, in Abgrenzung zur sozialistischen UdSSR eine neue kollektive Identität zu konstruieren: So überrascht es wenig, dass der Blick nunmehr verstärkt auf Persönlichkeiten, Phänomene und Wertvorstellungen des vorrevolutionären Russlands, wie etwa die russische Orthodoxie, gerichtet wurde.50 Der Bruch mit dem historischen Erbe der Sowjetunion äußerte sich u. a. in der Einführung einer neuen Staatssymbolik, die sich auf das Russländische Imperium bezog, und in der Umbenennung von Städten und Straßen, die zumeist wieder ihre historischen Namen erhielten. Auch zahlreiche neue, 47 Vgl. Fein, Geschichtspolitik, S. 111. 48 Vgl. Davies, Perestroika, S. 234. 49 Vgl. Creuzberger, Erinnerungskultur, S. 44. 50 Zur Neubewertung der vorrevolutionären und sowjetischen Geschichte in den 1990er-Jahren siehe Jutta Scherrer, Sehnsucht, S. 165 –206.

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