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Monika Arlt · Liane Kaven Lars Klingberg · Nikolaus Sander (Hrsg.)
50 Jahre Berliner Singakademie
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2013 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Marijke Topp, Berlin Gesamtgestaltung: typegerecht, Berlin Schrift: Warnock Pro 9,7/13 pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978 -3 -95410 -023 -1 www.bebra-wissenschaft.de
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Inhalt
Vorwort der Herausgeber
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Grußwort von Klaus Wowereit
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Grußwort von Hans Pischner
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Grußwort von Ekkehard Klemm
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Grußwort von Peter Schreier
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Grußwort von Georg Katzer
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CAROLI N DENZ
50 Jahre Berliner Singakademie
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H ANS PISCHNER
Die Gründung der Berliner Singakademie war ein wichtiges Signal
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V ER A REINER
Erinnerungen
49
ACHI M ZIMMER M AN N
50 Jahre Berliner Singakademie
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DETLEF GIES E
Oratorien, Kantaten, Psalmen, Lieder: Die Mendelssohn-Pflege der Berliner Singakademie
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FR AN K SCHNEIDER
… Der Regen fließt nach unten …
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THOM AS OTTO
Medea in Berlin
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DIETM A R HILLER
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Mein Frack in Geschichte und Gegenwart
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Konzertchronologie
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Repertoire
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Mitglieder
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Ehemalige Mitglieder
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Abbildungsnachweis
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Vorwort der Herausgeber
Im geteilten Berlin waren die meisten Institu tionen des öffentlichen Lebens doppelt vorhanden. Was in einer Stadthälfte nicht als historische Erbschaft existierte, weil es sich – zufällig – auf der anderen Seite befand, musste mühsam neu errichtet werden. Da die historische Mitte der Stadt zu Ost-Berlin gehörte, war der Bedarf an Neugründungen im Westen größer. So mussten hier eine Universität, eine Akademie der Künste, mehrere Bibliotheken und viele Museen neu geschaffen werden. Institutionen, die es nur im Westen gab, wurden wiederum in der östlichen Stadthälfte neu errichtet, darunter ein Tierpark, ein Konzerthaus – und 1963 eine Singakademie. Die Initiative zur Gründung ging von Hans Pischner aus. Weil »bürgerliche« Vereine in der DDR – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht existieren durften, musste der neue Chor einen staatlichen Träger erhalten. Diese Funktion erfüllte in den ersten Jahren die Deutsche Staatsoper Berlin. Glücklicherweise war diese Anbindung für den Chor keine Notlösung, im Gegenteil: Die Singakademie konnte davon enorm profitieren – nicht nur durch die Nutzung der Infrastruktur des Opernhauses Unter den Linden, sondern auch durch die Nähe zu den dort tätigen Sängerinnen und Sängern. Zu DDR-Zeiten nahm der Chor die Tradition der Sing-Akademie zu Berlin für sich
in Anspruch. Das ging so weit, dass in Programmheften als Gründungsjahr das Jahr 1791 angegeben wurde; die tatsächliche Gründung von 1963 wurde hingegen meist nur als »Wiedererrichtung« bezeichnet – als hätte die alte Sing-Akademie irgendwann aufgehört zu existieren. Dass diese Praxis damals den Unmut der Sing-Akademie auslöste, war nur folgerichtig. Dennoch wäre es unangemessen, in der Orientierung an der Tradition der alten Sing-Akademie eine Fehlentwicklung zu sehen. Denn dem künstlerischen Profil des Chores brachte diese Ausrichtung einen großen Gewinn; man denke nur an die unter allen bisherigen Direktoren besonders intensive Mendelssohn-Pflege. Andere Schwerpunkte haben sich im Laufe der Entwicklung des Chores neu herausgebildet, vor allem die breite Eisler-Pflege. In der Zeit nach 1990 konnte sich die Berliner Singakademie im Musikleben der deutschen Hauptstadt als nicht mehr wegzudenkende Größe etablieren. Dabei ließ die Qualität der Aufführungen des Chores die Frage nach der Legitimität der Existenz zweier Singakademien in Berlin zunehmend in den Hintergrund treten. Nach nunmehr 50 Jahren soll mit der vorliegenden Festschrift ein kleines Stück Musikgeschichte Berlins dokumentiert werden. Nicht zuletzt wollen wir an Persönlichkeiten 7
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erinnern, die die Berliner Singakademie künstlerisch geprägt haben. Es werden alle Konzerte seit der Gründung des Chores – samt der mitwirkenden Solisten, Orchester und Dirigenten – dokumentiert, ebenso alle bisher aufgeführten Werke. So lässt sich nachlesen, wie künstlerisch vielseitig der Chor sich darstellte und welch großes Repertoire er bewältigte.
Viele Mitwirkende haben dazu beigetragen, dass diese Festschrift erscheinen kann. Die Herausgeber bedanken sich bei allen von ihnen, insbesondere aber bei den Autoren, die der Berliner Singakademie ihre Beiträge zum Geschenk gemacht haben.
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Grußwort von Klaus Wowereit
Die Berliner Singakademie feiert ihr 50 -jähriges Bestehen. Sie zählt zu den bedeutendsten und renommiertesten Berliner Laienchören. Herzlichen Glückwunsch! Das Jubiläum ist ein guter Grund zum Feiern. Dem Chor, der kurze Zeit nach dem Bau der Mauer gegründet wurde, gelang es nicht nur, im Ostteil der Stadt die Tradition der historischen »Singe-Akademie zu Berlin« zu bewahren, sondern bis heute mit künstlerischer Qualität und viel Engagement seiner Mitglieder immer wieder neue Akzente im Musikleben Berlins zu setzen. Die Sängerinnen und Sänger der Singakademie haben es zu einer Virtuosität gebracht, die weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus in aller Welt geschätzt wird. Seit seiner Gründung standen und stehen die geistliche Oratorienmusik des 19. Jahrhunderts und die Pflege des Werkes Mendelssohn Bartholdys im Fokus der Chorarbeit. Mit Leidenschaft, Liebe zur Musik und Hingabe widmen sich die Mitglieder der Singakademie aber auch der zeitgenössischen Chormusik. Die kontinuierliche Zusammenarbeit mit namhaften Klangkörpern unserer Stadt stellt die Singakademie dabei immer wieder vor große Herausforderungen, verleiht ihr aber zugleich auch einen besonderen Glanz. Die wechselvolle Geschichte Berlins in den vergangenen fünf Jahrzehnten stellte die Berli-
ner Singakademie vor zahlreiche Bewährungsproben und bot ihr manch neue Chance. Dass diese nach der Wiedervereinigung beherzt genutzt wurden, ist insbesondere auch Achim Zimmermann zu danken, der den Chor seit fast 25 Jahren leitet. Ihm und allen Mitgliedern des Chores gilt zum Jubiläum ein ganz besonderes Dankeschön. Vier bis fünf eigenverantwortliche chorsinfonische Konzerte im Jahr, zahlreiche Engagements darüber hinaus und Gastspiele im europäischen und außereuropäischen Ausland legen Zeugnis ab vom großen ehrenamtlichen Engagement der Sängerinnen und Sänger. Dies und die Tatsache, dass sich die Singakademie längst in die Herzen der Berlinerinnen und Berliner gesungen hat, ist die beste Grundlage für die nächsten mindestens 50 Jahre. In diesem Sinne wünsche ich den Sängerinnen und Sängern der Berliner Singakademie weiterhin viel Freude an der Musik und dem Publikum unvergessliche Konzerterlebnisse. Nochmals herzlichen Glückwunsch und weiterhin alles Gute.
Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister von Berlin 9
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Grußwort von Hans Pischner
Als wir im September 1963 die Berliner Singakademie neu gründeten, konnte ich nicht ahnen, dass es mir vergönnt sein wird, zu ihrem 50. Geburtstag meine Glückwünsche persönlich zu übermitteln. Daran dachte ich in diesen Tagen, als ich in der Nikolaikirche (damals noch Ruine) ein sehr schönes A-cappella-Konzert, unter anderem mit der Johannes-Passion von Heinrich Schütz, und eine Woche später im Konzerthaus (damals auch noch Ruine) der JohannesPassion von Johann Sebastian Bach lauschen durfte.
Wir wollten damals ein Beispiel schaffen für die Wiederbelebung der Singakademien. Ein Neuanfang in der Staatsoper unter den Linden gegenüber dem alten Gebäude der Singakademie bot sich an, um in der Berliner Klassischen Tradition zu bleiben. Wie schön, dass wir heute noch viele bedeutende künstlerische Höhepunkte zum 50. Geburtstag der Singakademie genießen können.
Herzlichen Glückwunsch!
Prof. Dr. Hans Pischner
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Grußwort von Ekkehard Klemm
Sehr geehrte Damen und Herren der Berliner Singakademie, zum 50. Jubiläum der Gründung der Berliner Singakademie übermittle ich Ihnen die herzlichsten Glückwünsche! Es ist mir eine Freude und Ehre, dies in vielerlei Funktion zu tun. Als Künstlerischer Leiter der Singakademie Dresden, die ein ganz ähnliches Profil zwischen Tradition und Moderne verfolgt, schaue ich mit Bewunderung auf Ihre Aufführungen der Werke Eislers, Dessaus, Katzers, Zapfs und vieler anderer. Auch bei traditionelleren Namen wagen Sie immer wieder Unbekanntes von Reichardt, Fasch, Crüger, E. T. A. Hoffmann oder Zelter. Auf solche Weise wird Tradition lebendig gehalten, hinterfragt und gleichzeitig neu geprägt. Als Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden möchte ich Ihnen zurufen: Wenn es Chöre wie den Ihrigen nicht gäbe, stünde es schlecht um die Musik, ihr Publikum und besonders um den Musikernachwuchs in Deutschland. Die leistungsfähigen Chöre des Landes sind der Garant für eine lebendige Verwurzelung der Musik ›in der
Fläche‹, um die etwas strapazierte Formulierung aufzugreifen. Sängerinnen und Sänger, die mit unseren bedeutenden professionellen Orchestern zusammenarbeiten und selbst wichtige künstlerische Impulse setzen, sind die Multiplikatoren des Musiklandes. Dass Musikstudierende aus aller Welt nach Deutschland kommen, ist untrennbar mit dieser guten und wichtigen Tradition verbunden. Als neu gewählter Präsident des VDKC gratuliere ich einem aktiven und besonders leistungsstarken Mitgliedschor! Es erfüllt mich mit Freude und Stolz, Sie in unserem Verband zu wissen und damit auch von Ihren Erfahrungen und vielfältigen Initiativen profitieren zu können. Möge dieser Austausch zum beiderseitigen Vorteil weiter aktiviert werden! Als Freund und Kollege umarme ich aus der Ferne voller Hochachtung Achim Zimmermann, mit dem ich acht Jahre gemeinsame Kruzianerzeit in Dresden verbracht habe und dessen Arbeit in Berlin nicht anders als maßstabsetzend genannt werden kann! Und als Dirigent füge ich an: Danke und Gratulation, dass Sie sich in 50 Jahren mit Hel11
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mut Koch, Dietrich Knothe und Achim Zimmermann drei prägende Künstler gewählt und ihnen stets die Treue gehalten haben. 50 Jahre und nur drei ›Trainer‹ – welcher Fußballverein könnte eine solche Bilanz vorweisen?! Kontinuität und Stetigkeit sowie Aufgeschlossenheit und Lust zum Experiment werden auch die nächsten 50 Jahre prägen – dazu wünsche ich Ihnen von Herzen künstlerischen Erfolg und wundervolle musikalische Begegnungen!
In Verbundenheit Ihr
Professor Ekkehard Klemm Rektor Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden Präsident des VDKC
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Grußwort von Peter Schreier
Der Berliner Singakademie bin ich in meinem Leben oft mit großer Freude begegnet. Alleine schon die Neugründung des Chores vor 50 Jahren im Ostteil der Stadt Berlin war ein Grund, sich zu freuen. Konnte doch so endlich auch bei uns ein Laienchor damit beginnen, die großen Werke der Oratorienliteratur einzustudieren und sie mit immer größerem Erfolg aufzuführen. Stets gerne habe ich diesen Chor, der unter der Leitung von Helmut Koch begann, seine Arbeit mit Dietrich Knothe fortsetzte und den Achim Zimmermann schließlich mit hohem musikalischen Sachverstand und großer Leidenschaft in das wiedervereinte Berlin führte, musikalisch begleitet. Zwischen 1970 und 2009, dem Jahr, in dem wir zum 25. Male die Wiedereröffnung des Konzerthauses feierten, habe ich die Singakademie mehrfach dirigiert, noch öfter habe ich als Solist mit ihr musiziert. Mozart, Haydn und
immer wieder Johann Sebastian Bach standen im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Arbeit. Wer dies so viele Jahre wie ich getan hat, beobachtet natürlich durchaus auch mit kritischem Blick und hört mit kritischem Ohr, wie sich dieser Chor entwickelt hat, wie er probt und wie er die Aufführungen gestaltet. Mich hat es nie gereut; besser gesagt: Ich bin stets allen Einladungen, die an mich aus der Singakademie ergangen sind, gerne gefolgt. Immer konnte ich mich darauf verlassen, dass dieser Chor verantwortungsbewusst, sorgfältig und mit Freude sich der Musik widmete, die er aufführte, immer den Absichten nachspürend, welche die Schöpfer der Werke in ihre Partituren bannten. Gerne bin ich ihr Ehrenmitglied. Ich gratuliere der Berliner Singakademie zum 50. Geburtstag: Bleibt lebendig, kreativ und leidenschaftlich! Dient der Musik!
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Und das Schöne blüht nur im Gesang – Gruß an die Berliner Sing akademie zum 50. »Der Sinn für Musik und Gesang ist in keinem Lande verbreitet wie in Deutschland. Und das ist auch etwas.« So angeblich Goethe zu Eckermann. Es gibt in Europa zwar noch sangesfreudigere Nationen als die Deutschen, aber die Menge der Chöre hierzulande vom Männergesangsverein älterer Bier liebender Herren bis zum Laienchor auf quasi professionellem Niveau ist enorm, innerhalb der Verbände im Deutschen Musikrat ist der Chorverband der zahlenmäßig stärkste. Und den Verband Deutscher Konzertchöre gibt es auch noch. Allein in Berlin gibt es eine Vielzahl von nichtprofessionellen Chören hoher Qualität, und die Berliner Singakademie besetzt auf dieser Skala ohne Zweifel einen Spitzenplatz. Diesen hohen Standard seit 50 Jahren zu halten, gelingt nur mit Engagement und hoher Probendisziplin jedes einzelnen Sängers, da muss manches andere privat zurückgestellt werden, denn Chorgesang ist eine Ensembleleistung, in die sich jedes Mitglied einbringen muss. Es ist wie in einer marschierenden Kolonne, der Langsamste bestimmt das Tempo. Seit der Gründung vor nunmehr 50 Jahren bereichert der Chor in glücklicher Verbindung mit der Staatsoper
und dem Konzerthaus das Berliner Musikleben durch mustergültige Aufführungen gewichtiger Werke. Die deutsche Oratorienliteratur der letzten 300 Jahre ist äußerst reich, besonders, wenn wir noch den »englischen« Händel hinzuzählen, genug Stoff also für weitere 50 Jahre. Umso erstaunlicher und für mich erfreulicher war, dass mir die Berliner Singakademie für das Jahr 2002 einen großen Kompositionsauftrag erteilte. So hatte ich das Glück der intensiven Zusammenarbeit mit dem Chor, die in einer wundervollen Uraufführung meines Oratoriums Medea in Korinth (Libretto: Christa und Gerhard Wolf ) gipfelte. Besonders schön zu erleben war die Aufgeschlossenheit der Sänger vom Beginn der Proben an, was auch dem Dirigenten Achim Zimmermann zu danken war, der den Chor behutsam, aber beharrlich über manche Klippe der Neuen Musik geleitete. Meine herzliche Gratulation zum Jubiläum und viele weitere verdiente Erfolge wünscht
Georg Katzer
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Carolin Denz
50 Jahre Berliner Singakademie 1963 bis 2013
Die Berliner Singakademie e. V. ist als einer der großen Oratorienchöre Berlins aus dem Musikleben der Stadt nicht wegzudenken. Ihr Repertoire zeichnet sich sowohl durch chorsinfonische Werke als auch A-cappellaLiteratur aus und umfasst eine epochen geschichtliche Spannweite von Chorwerken Bachs und Händels bis hin zu Uraufführungen zeitgenössischer Werke. Ihre Gründung erfolgte am 22. September 1963 auf Initiative von Hans Pischner, der Helmut Koch zum ersten Direktor berief. In ihrer konzeptionellen sowie künstlerischen Ausrichtung sieht sich die Berliner Singakademie in der Tradition der »Singe-Accademie zu Berlin« stehend, die am 24. Mai 1791 von Carl Christian Friedrich Fasch, Komponist und Hofkapellmeister Friedrichs II., gegründet wurde. Von dieser Vereinigung mit anfangs nur neun Sängerinnen und Sängern ging eine immense Anziehungskraft aus, sodass die Mitgliederzahl schnell auf circa 200 anstieg. Der Chor probte zunächst in den Räumlichkeiten der Akademie der Künste, die jenem letztendlich auch seinen Namen gab. Eine feste Heimstätte im Kastanienwäldchen am Kupfergraben wurde dann auf Initiative von Faschs Schüler Carl Friedrich Zelter, der nach Faschs Tod 1800 den Direktorenposten übernommen hatte, errichtet. Zelter führte den Chor noch bis zu seinem Tod
1832 weiter, dann wurde Carl Friedrich Rungenhagen von den Mitgliedern zum Direktor gewählt – zur Enttäuschung des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy, der gehofft hatte, dass die Wahl auf ihn fallen würde. Rungenhagen, der, wie auch die späteren Direktoren, an dem von Zelter geprägten Profil des Chores festhielt, übergab das Amt 1851 an Eduard Grell (1800 –1886). Dessen Nachfolger waren Martin Blumner (1876 –1900), Georg Schumann (1900 –1950) und Mathieu Lange (1950 –1973), der den Chor nach Ende des Zweiten Weltkrieges mühevoll wieder aufbaute. Da das Haus im Kastanienwäldchen von den Besatzungsbehörden beschlagnahmt worden war, mussten sowohl die Probenarbeit als auch die Konzerte in provisorische Räume in den Westen der Stadt, nach Kreuzberg, verlegt werden. Ein erneuter Rückschlag erfolgte durch den Bau der Mauer am 13. August 1961, der einschneidende künstlerische Veränderungen mit sich brachte. Die Sing-Akademie zu Berlin wurde um circa 100 im Osten ansässige Mitglieder dezimiert. Mathieu Lange konnte die künstlerische Arbeit trotz dieser erschwerten Umstände aufrecht erhalten. Auch im Osten der Stadt wollte man die Tradition des ältesten deutschen gemischten Chores fortführen und gründete daraufhin im Jahre 1963 die Berliner Singakademie. 15
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Ära Helmut Koch: 1963 bis 1975 Die erste konzeptuelle Ausarbeitung grundsätzlicher Strukturen und Ziele der Berliner Singakademie wurde am 14. Februar 1962 unter dem Titel »Zur Bildung einer Berliner Volkssingakademie« schriftlich festgehalten. Der Magistrat von Groß-Berlin sprach sich jedoch zunächst gegen eine solche Gründung aus und ließ das Vorhaben zeitweise stagnieren. Neben Hans Pischner hielt Eberhard Rebling, Direktor an der »Deutschen Hochschule für Musik« (heute »Hochschule für Musik Hanns Eisler«) an der Gründung fest und betonte die Wichtigkeit dieses Projekts während eines Gesprächs im Berliner Rathaus 1963. Schließlich war es jedoch Pischner, der mit Unterstützung des damaligen Ministers für Kultur, Hans Bentzien, die Initiative ergriff, um die Umsetzung seiner Idee voranzutreiben. Er hatte zwischen 1954 und 1956 die Leitung der Hauptabteilung Musik im Ministerium für Kultur und von 1956 bis 1963 die Position als Stellvertreter des Ministers für Kultur inne. Dank seines beruflichen Wechsels zur »Deutschen Staatsoper«, deren Intendant er von 1963 bis 1984 war, konnte er eine Angliederung des Chores an dieses Haus beschließen. Die Staatsoper konnte über die finanzielle Absicherung hinaus logistische Rahmenbedingungen wie einen Probenraum und einen Konzertsaal zur Verfügung stellen. In künstlerischer Hinsicht förderte sie die Zusammenarbeit mit dem staatsopereigenen Orchester, der Staatskapelle, wodurch Aufführungen großer chorsinfonischer Werke ermöglicht wurden. Auf der Suche nach einem Direktor für die Singakademie griff Pischner auf seine bisher geknüpften Kontakte zurück und konnte Helmut Koch (* 5. April 1908, † 26. Januar 1975)
Helmut Koch in den 1960 er Jahren
für diese Position gewinnen. Koch gilt als einer der ersten, die sich intensiv für den Aufbau der »sozialistischen Musikkultur« einsetzten. Ab 1945 beim Berliner Rundfunk als Aufnahmeleiter und Programmgestalter tätig, gründete er dort noch im selben Jahr die »Solistenvereinigung« sowie das »Kammerorchester« und im Jahre 1948 den »Großen Chor des Berliner Rundfunks«, die alle unter seiner Leitung zu Spitzenensembles avancierten. Darüber hinaus ist sein Name mit der Händel-Renaissance untrennbar verbunden. Als Beginn der offiziellen Händel-Pflege in der DDR gelten die ersten Händel-Festspiele in Halle im Jahre 1952. Bis zu seinem Tode 1975 dirigierte Koch dort die jährlichen Oratorienaufführungen. Durch seine Vorliebe für das Œuvre Händels setzte er ebenfalls im Repertoire der Singakademie ei-
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23. Händel-Festspiele in Halle, 1974
Heinrich Moser, 1964
nen Schwerpunkt auf diese Werke. Auch über die Berliner Singakademie hinaus förderte Koch die Chorsinfonik. Als langjähriger Vorsitzender des Chorausschusses der DDR galt sein besonderes Engagement der Laienchorbewegung, deren Stützpfeiler die Singakademien bilden sollten. Koch sah die Gründung von 15 Singakademien in der DDR als ein durchaus realistisches Ziel an. Sie sollten zum einen den geistig-kulturellen Austausch fördern und zum anderen über eine hohe künstlerische Qualität verfügen. Mittels der Angliederung an die Staatsoper konnte ebenfalls der Posten des Vizedirektors und Dirigenten der Berliner Singakademie mit Heinrich Moser, stellvertretender Chordirektor der Staatsoper, besetzt werden. Bereits im Jahre 1966 wurde er in seinem Amt bei der Berliner 17
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Singakademie durch Dietrich Knothe abgelöst. Mit der Einberufung einer weiteren Instanz, dem Kuratorium, wurde Pischners Vorhaben auf künstlerischer und kulturpolitischer Ebene zusätzlich abgesichert. Dieses Gremium bestand aus insgesamt zwölf Mitgliedern, die sich für die »sozialistische Musikkultur« in besonderem Maße einsetzten und auch eine Rolle bei der Vergabe von Auftragswerken spielten. Unter ihnen waren Ernst Hermann Meyer, Ruth Zechlin, Günter Kochan, Kurt Schwaen, Joachim Werzlau, Ingeborg Wenglor, Gerhard Bab und Gerhard Räker. Die Verbindung mit der Deutschen Staatsoper ermöglichte eine Zusammenarbeit mit den dort tätigen Solisten sowie mit dem Dramaturgen Horst Richter, und die Verbindung zum DDR-Rundfunk machte die Kooperation mit dem »Kammerorchester Berlin« möglich. Offiziell wurde die Gründung der Berliner Singakademie im April 1963 bekanntgegeben. Interessierte Sängerinnen und Sänger konnten sich in den darauffolgenden Wochen einer musikalischen Eignungsprüfung unterziehen, um bei positivem Ergebnis in den Chor aufgenommen zu werden. Von circa 300 Interessenten wurden letztendlich ungefähr 200 aufgenommen. Neben den Chorproben, die wöchentlich dienstags und freitags von 19 bis 22 Uhr in den Räumen der Staatsoper stattfanden, wurden Stimmbildung sowie Unterricht in Musiktheorie und Musikgeschichte angeboten. Die Mitglieder der Singakademie besaßen ein Durchschnittsalter von 25 bis 30 Jahren und entstammten den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Neben der Aufnahme herausragender Laiensänger sollte die Einbindung ausgebildeter Berufssänger als Garant für ein musikalisch hohes Niveau dienen. Diese waren eigentlich bei der Deutschen
Bestätigung des Probevorsingens ( 31.5.1963 )
Staatsoper, beim Großen Chor sowie bei der Solistenvereinigung des Berliner Rundfunks angestellt, sangen aber in der Singakademie unentgeltlich mit. Nach dieser langen Vorbereitungszeit – von der Idee der Gründung bis zum ersten Vorsingen – wurde die Berliner Singakademie am Sonntag, dem 22. September 1963, um 15 Uhr im Apollosaal der Staatsoper festlich eröffnet. Dieser Tag wird seitdem als Gründungsdatum angesehen. Auf der Vorschlagsliste der einzuladenden Gäste standen nahezu alle in der Politik sowie der Kulturarbeit führenden Persönlichkeiten, eine Anzahl von insgesamt 54 Personen. Wie aus dem Programm hervorgeht, hielten beim Festakt selbst Kulturminister Hans Bentzien sowie Hans Pischner eine Ansprache. Zeitungen berichteten dar-
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Probe mit Helmut Koch in der Staatsoper
über hinaus über eine Glückwunschrede des Stadtrats Fritz Wolff. Die musikalischen Programmpunkte konnte die Singakademie noch nicht selbst übernehmen, da die Probenarbeit erst am darauffolgenden Freitag, dem 27. September 1963, um 19 Uhr beginnen sollte. Die musikalische Gestaltung übernahmen deshalb die Solistenvereinigung und der Große Chor des Berliner Rundfunks unter der Leitung von Helmut Koch. Ebenso wirkten Kammersängerin Ingeborg Wenglor und Gertraud Prenzlow mit. Hervorzuheben ist auch die feierliche Übergabe der ersten Mitgliedskarte von Hans Pischner an seinen Freund und Kollegen Helmut Koch als Zeichen der Verwirklichung ihrer gemeinsamen künstlerischen Ziele. Auch die Berliner Öffentlichkeit hatte die Entstehung der Singakademie mit großer Auf-
merksamkeit verfolgt. Die Eröffnungsfeier gab dann den Ausschlag für eine weitreichende Berichterstattung, die sich über die DDR hinweg bis in den Westen Deutschlands erstreckte. Zeichnete sich die in Ostdeutschland überaus große Anzahl an Pressemeldungen und -berichten durch eine ausnahmslos positive Bewertung der Gründung aus, entfachte diese im Westen eine geradezu gegenteilige Reak tion und führte zu einer ersten Konfrontation zwischen der Berliner Singakademie und der West-Berliner Sing-Akademie zu Berlin. In der ostdeutschen Berichterstattung war insbesondere die Anknüpfung an die Tradition der Sing-Akademie zu Berlin hervorgehoben worden, was in einigen Artikeln zu einer vollkommenen Unterschlagung der fortbestehenden westlichen Sing-Akademie führte. In der 19
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1964 Konzertkritik II. Nichtöffentliches Konzert am 31. Mai 1964 im Funkwerk Köpenick mit Werken verschiedener Komponisten
[…] Dieser in zweifacher Hinsicht junge Chor, noch jung in der Dauer seines Bestehens und jung im Durchschnittsalter der Sänger, das 25 bis 30 Jahre beträgt, hat in der verhältnismäßig kurzen Zeit seit der Gründung unter seinem Dirigenten Heinrich Moser wirklich ganze Arbeit geleistet. Er überraschte nicht nur mit einem abwechslungsreichen, anspruchsvollen Programm, sondern vor allem durch seinen schon erstaunlich homogenen, vollen und schön geformten Klang. Sicherheit der Intonation, klare Artikulation und gute Atemtechnik, all das ist schon in hohem Maße zu beobachten, desgleichen die erlebnisstarke Gestaltung der Wiedergaben und die polyphone Ausprägung der teilweise ziemlich schwierigen Sätze. […] S.: 204 Sänger und ein reiches Programm, in: Berliner Zeitung vom 7. April 1964
westlichen Presse riefen diese inkorrekten Angaben heftige Kritik hervor. Darüber hinaus erschienen zwei umfassende Artikel in den West-Berliner Zeitungen Die Welt (3. Mai 1963) und Die Welt am Sonntag (23. Februar 1964). Im Zentrum beider Berichte stand auf der einen Seite die finanziell schlechtere Situation der Sing-Akademie zu Berlin im Gegensatz zur Berliner Singakademie. Laut M athieu Lange führe sein West-Berliner Chor nur noch »ein Schattendasein« und könne einen
Konkurrenzkampf nur schwer aufnehmen. Die Berliner Singakademie hätte demnach schon bei ihrer Gründung das Ziel verfolgt, die Sing-Akademie zu Berlin zu verdrängen. Sie wäre aufgrund ihrer besseren finanziellen Lage zu größerer Präsenz im Musikleben fähig und könnte so, auch international, den eigentlich der West-Berliner Sing-Akademie zustehenden Platz einnehmen. Auf der anderen Seite wurde das politische Manöver, das hinter der Gründung der Berliner Singakademie vermutet wurde, nämlich allein »Kulturpropaganda für die SED« zu betreiben, stark verurteilt. Diese Vorwürfe, allen voran der von Lange geäußerte, die Gründung der Berliner Singakademie basiere auf einer angestrebten Konkurrenz zur Sing-Akademie zu Berlin, rief ein Interview im Kulturteil der Berliner Zeitung mit Koch hervor, in dem er Stellung dazu nahm. Hierin betonte er mehrmals, dass die Gründung aus der Absicht, etwas »substanzmäßig Neues« zu schaffen und sich in »künstlerisch-moralischer Verpflichtung« für die Pflege des kulturellen Erbes einzusetzen, entstanden sei. Die Berliner Singakademie sei grundsätzlich nicht auf Kosten anderer Chöre ins Leben gerufen worden und im Besonderen nicht in der Verfolgung rivalisierender Interessen gegenüber der Sing-Akademie zu Berlin. Wie hier bereits deutlich wird, entstand die Berliner Singakademie in einer politisch höchst zugespitzten Lage. Neben den bisher erwähnten Intentionen der Gründung müssen demnach ebenso die indirekten kulturpolitischen Einflüsse beachtet werden. In der gesamten Entwicklung des Musiklebens der DDR nahm die Sowjetunion eine Vorbildfunktion ein. Sowohl im institutionellen Aufbau des Kulturlebens als auch in der Festlegung
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