Kirchen des Havellandes (Leseprobe)

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Andreas Kitschke

Kirchen des Havellandes Herausgegeben von Werner Bader und Ingrid Bargel

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Dieses Buch ist entstanden mit freundlicher Unterstützung von

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des ­Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Über­ setzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren ­elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2011 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Gesamtgestaltung: typegerecht berlin, Berlin Schrift: Celeste 9,5 pt Druck und Bindung: Dami Editorial & Printing Services ISBN 978-3-937233-78-9 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhaltsverzeichnis GruĂ&#x;wort

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Geleitwort

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Vorwort

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Einleitung

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Kirchen des Havellandes

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Anhang Personenregister Literatur Glossar Abbildungsnachweis Dank Der Autor

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Grußwort Kein Geringerer als Theodor Fontane widmete im Jahre 1873 den dritten Band seiner »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« dem Havelland. Dem großen Fontane verdankt das Havelland nicht nur eine ausführliche, historische Abhandlung über die Wenden und die Gründung der Mark Brandenburg im Jahre 1157 durch Albrecht den Bären. Fontane hebt auch die Bedeutung der Zisterzienser für die Mark hervor und beschreibt trefflich eine einmalige Fluss- und Kulturlandschaft. Vor allem aber setzte er dem Havelland am Beispiel zahlreicher Wegstationen ein besonderes literarisches Denkmal. In der Veröffentlichung des vorliegenden informativen Nachschlagewerkes im be.bra wissenschaft verlag, das der Kulturförderverein Mark Brandenburg e.V. verwirklicht hat, spiegelt sich eine neue Aufmerksamkeit für die Kirchengebäude im öffentlichen Bewusstsein. Das Interesse an den Gotteshäusern nimmt die fundamentale Bedeutung der Dorfkirchen für das Sozialge­ füge im ländlichen Raum auf und würdigt damit den Beitrag der Kirchengemeinden zu einem gelingenden

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Leben im Havelland. Generationen vor uns haben ihre Beheimatung im Glauben und in der Region durch den Bau oder die Pflege der Kirchen zum Ausdruck gebracht. Davon zeugen die Kirchtürme im Landschaftsbild, die Friedhöfe um die Kirche herum und das Geläut der Glocken. So freue ich mich mit den Menschen im Havelland, den Mitgliedern der örtlichen Kirchengemeinden ­sowie den Touristen und Gästen dieser einzigartigen Landschaft über die vorliegende Veröffentlichung. Mein Dank gilt allen, die sich in der zurückliegenden Zeit mit Nachdruck und Beharrlichkeit für dieses große Ziel eingesetzt haben, besonders Frau Ingrid Bargel, deren Idee, dies Buch zu schaffen, nun Wirklichkeit ­geworden ist. Dem Kirchenbuch wünsche ich einen breiten Leserkreis.

Bischof Dr. Markus Dröge Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

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Geleitwort Als der berühmteste aller märkischen Wanderer, der Dichter Theodor Fontane um 1870 mit dem fast hymnischen Gruß »Grüß Gott Dich, Heimat!« ins Havelland zurückkehrte und sich auf Wanderschaft durch Stadt und Land begab, da ließ er sich in der Regel zualler­ erst die Kirche aufschließen, denn die Pfarrer, Küster oder Kantoren wussten oft viel zu erzählen von der Geschichte ihres Ortes. Vor allem aber erzählten die Kirchen selbst. Sie waren stets steinerne Zeugen von Glanz und Elend unserer märkischen Geschichte, und sie sind es noch immer. So hat Theodor Fontane bis heute viele Nachahmer gefunden, Menschen, die aus nah und fern ins Havelland kommen, oft mit Fontanes Wanderungen im Gepäck, um die alten Kirchen zu besichtigen, und die sich damit zugleich auf Exkursion in die Kirchen- und Kunstgeschichte begeben. In Zukunft werden viele ­zusätzlich das Buch »Kirchen des Havellandes« im ­Gepäck haben, in dem sie oftmals alles Wissenswerte über die Geschichte der Kirchen und ihre Ausstattung finden. Zwar sind in diesem Buch nicht die Kirchen des Havellandes, wie es Theodor Fontane umgrenzt, aber sämtliche Kirchen der havelländischen Evange­ lischen Kirchenkreise Nauen-Rathenow und Falkensee enthalten. Kirchen sind aber nicht nur touristische Sehenswürdigkeiten oder Geschichtszeugen, Kunstgegenstände und -gefäße, Kirchen wurden erbaut als »Gotteshäuser«, als Orte, in denen von jeher die Begegnung zwischen dem allmächtigen Gott und den oft ohnmächtigen Menschen stattfindet. In unseren »Offenen Kirchen« suchen Menschen Ruhe und Besinnung, wollen

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ein stilles Gebet sprechen, eine Kerze anzünden oder einen tiefen Stoßseufzer zum Himmel schicken. Nicht zu vergessen sind die vielen, die sich Sonntag für Sonn­tag von den Glocken zum Gottesdienst rufen lassen und sich unter dem Kreuz als christliche Gemeinde versammeln und die zusammen mit vielen neu entstandenen Fördervereinen die Hauptlast bei der Erhaltung der oft sehr alten Gebäude tragen. Aber sie tun dies gern, weil sie wissen: Menschen brauchen Kirchen als Tore zum Himmel, als Orte, an denen sie mit dem Herrn über Himmel und Erde Kontakt aufnehmen ­können in Lob und Dank, mit Bitte und Klage. Dazu möge dieses Buch dienen, dass Menschen aus der Nähe und der Ferne über die zahlreichen Dorf- und Stadtkirchen im Havelland einen Zugang finden zu ­ihrer eigenen Geschichte und Kultur und zur faszinierenden Geschichte des christlichen Glaubens in dieser Region. Unser Dank gilt dem Initiator und Herausgeber Werner Bader, seiner unermüdlichen Mitarbeiterin ­Ingrid Bargel, dem Autor Andreas Kitschke und seinen zahlreichen Zuarbeitern aus den Kirchengemeinden sowie dem be.bra verlag in Berlin.

Dr. Bernhard Schmidt Vorsitzender der Kollegialen Leitung des ­Evangelischen Kirchenkreises Falkensee Thomas Tutzschke Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Nauen-Rathenow

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Vorwort Wer mit offenen Augen und offenem Herzen durch die havelländischen Dörfer geht, der stößt überall auf besondere Zeugnisse unserer Geschichte und Kultur. Zu den schönen und eindrucksvollen Zeugnissen der Baugeschichte gehören die Kirchen in der Region, die großen und kleinen, die Backstein- und die Fachwerkkirchen. Sie stehen meist in der Mitte des Dorfes und sind in der Regel die schönsten Bauwerke im Ort. Ihr Glockengeläut bestimmte für lange Zeit den Tagesablauf, zeigte Arbeitsbeginn und Feierabend an und ruft noch heute musikalisch – harmonisch – Heimatgefühle wach. Die Kirchen waren jahrhundertelang Mittelpunkt des geistigen Dorflebens und rechtfertigen den sprichwörtlichen Satz: Man soll die Kirche im Dorf lassen. Dahinter steht der Wunsch Maß zu halten, auf dem Boden zu bleiben und in aller Demut nach oben zu streben. Dieses Sprichwort, die Kirche im Dorf lassen, geht von moralischen Kategorien aus, die wir heute nicht selten nötig hätten. Dem Kulturförderverein Mark Brandenburg e.V. ist es seit Langem ein Bedürfnis, die Kirchen des Havellandes in einem Buch zu dokumentieren. Werner Bader, Vorsitzender des Kulturfördervereins, Journalist und Buchautor, ist der Initiator dieses Projekts. In der »Galerie im Grafenstall« in Bredow-Dorf Görne werden in einer Ausstellung auf 160 Großformaten Fotos aller Kirchen gezeigt. Der Rathenower Fotograf Torsten Lemke hat in zweijähriger Arbeit und in einer sehr guten künstlerischen Qualität die Fotos angefertigt, in de-

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nen das jeweils Typische herausgearbeitet ist. Mit­ herausgeberin des Bandes ist Ingrid Bargel, von der die Idee stammt, die Kirchen in einem Buch zu dokumentieren. Sie hat auch die Wanderausstellung mit dem Thema »Kinder, Kirche, Kirchturmspitze« geschaffen. 130 Kinder haben dafür »ihre« Kirche gezeichnet, so, wie sie sie sehen. Der vorliegende Bild-Band von Kirchen des Havellandes ist ein wertvolles kultur- und zeithistorisches Dokument, das offenbart: Die Kirche bleibt im Dorf, sie spielt als Gotteshaus und als Kulturstätte in den märkischen Orten nach wie vor eine wichtige, meist die wichtigste Rolle. Viele der Kirchen sind wieder restauriert und damit in alter Schönheit hergestellt. Zu danken ist Andreas Kitschke für seine sachkundigen Texte und Torsten Lemke für seine eindrucksvollen Fotografien. Danken möchten wir aber auch allen anderen, die das Werk bis zu seiner Fertigstellung begleitet haben, besonders der Mittelbrandenburgischen Sparkasse für ihre Unterstützung. Beides, Bilder und Texte, bringen dem Leser die havelländischen Kirchen näher – sowohl als sakrale Bauten als auch als mit Leben gefüllte Stätten unserer Religion, die unsere Geschichte geprägt hat. »Kirchen des Havellandes« möchte informieren und erbauen – und so selbst ein Dokument von Dauer sein.

Werner Bader, Ingrid Bargel Herausgeber

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Ostprignitz Ruppin

A 24 Fehrbellin

Wutzetz

Tarmow

Lentzke

Ruppiner Kanal

B 96

Großderschau Hakenberg Karwesee Betzin Dechtow

Strohdehne

Brunne Rhinow

Stölln

Kleßen

Wolsier Spaatz Parey

Wassersuppe Landin Ferchesar

B 188

Kriele

Bützer

Wagenitz

Senzke

Damme Liepe

Buckow

Gräningen

B5

Mögelin

Mützlitz

B 273

Garlitz

Groß Behnitz Klein Behnitz

Schwanebeck

Pausin Wansdorf Oder-Havel-Kanal Schönwalde

Markee Markau

Gohlitz Niebede Wachow Tremmen

Zeestow

Wernitz

Wustermark Dyrotz Hoppenrade

Etzin

Jerchel

Bötzow

Nauen

Buschow

Milow

Sachsen-Anhalt

Lietzow

Bredow

Premnitz Döberitz

Vieritz

Berge

A 111

Perwenitz

Paaren im Glien A 10

Möthlow

Barnewitz

Grünefeld

Kienberg

Selbelang Retzow Ribbeck

Nennhausen Bamme

Paulinenaue

Pessin

Rathenow

Buckow

Börnicke

Brädikow

Kotzen

Stechow

Havel

Zollchow

Haage

Semlin

Böhne

A 10

Tietzow

Königshorst

Witzke

Göttlin

Schmetzdorf

Warsow

Görne

B 102

Grütz

Großwudicke

Flatow

Vietznitz

Havel Hohennauen

Steckelsdorf

B 273

Friesack

Prietzen

Gülpe

Oberhavel Linum

Buchow-Karpzow

Brieselang Falkensee Rohrbeck Elstal B 5 Dallgow-Döberitz

Seeburg

Falkenrehde

Bahnitz

Zachow Gutenpaaren

B 102

Möthlitz Nitzahn

Ketzin

Paretz

Paaren

Staaken

Spandau

Priort

Kartzow Satzkorn Fahrland

Berlin

Groß Glienicke

Havel

Knoblauch

Havel B1

B 273 A 10

B1

Brandenburg an der Havel

B2

Potsdam

Potsdam Mittelmark A 115 A2

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Einleitung Das vorliegende Buch widmet sich havelländischen Kirchen – ihrer Entstehung und wechselhaften Geschichte im Wandel der Zeitläufte. Der territoriale ­Umfang des behandelten Gebiets war im Wesentlichen durch die zuvor bereits in einer Ausstellung gezeigten Kirchenfotos von Torsten Lemke vorgegeben. Auf Wunsch einiger Kirchengemeinden wurde es indes noch erweitert, sodass nun 137 Kirchen vorgestellt werden. Zusätzlich fanden F ­ otografien anderer Bild­ autoren sowie einige Zeichnungen aus den Bauakten, vereinzelt auch historische Aufnahmen Verwendung, die zum überwiegenden Teil noch nie veröffentlicht wurden. Die beschriebene Region stimmt nicht genau mit den Grenzen der heutigen politischen Verwaltungseinheit des Landkreises Havelland überein. Im Kern sind die Kirchen des Kirchenkreises Nauen-­Rathenow und des Kirchenkreises Falkensee erfasst. Einige Orte im Westen gehören zwar politisch zum ­Havelland, kirchlich jedoch zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (Propstsprengel Stendal-Magdeburg). Nach Osten sind Orte, die heute zu den Stadt­gebieten Potsdams und Berlins gehören, hinzugenommen worden. Die historisch ebenfalls zum Havelland gehörenden Orte um Brandenburg/Havel, Werder, Pots­dam und Oranienburg sind ausgespart, da sie heute zu anderen Landkreisen gehören oder kreisfrei sind. Der besseren Übersicht wegen wurden die Beiträge in alphabetischer Reihenfolge der Ortsnamen und ­jeweils etwa nach folgendem Schema abgefasst: Der Historie und Baubeschreibung folgt die Darstellung der liturgischen und künstlerischen Ausstattung, abschließend werden die Orgeln und Glocken vorgestellt. Als Orgelsachverständigem der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) war mir besonders daran gelegen, diese sonst in der bau- und kunstgeschichtlichen Literatur oft stiefmütterlich ­behandelten Instrumente zu würdigen. Die zi-

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tierten Glockeninschriften sind Zeitdokumente eigener Art, die bewusst nicht kommentiert wurden. Die Recherche erfolgte in den einschlägigen, leider (vor allem in puncto Orgeln und Glocken) nicht immer zuverlässigen Nachschlagewerken, der heimatkund­ lichen und baugeschichtlichen Literatur und im Internet. In einigen Fällen wurden Akten zurate gezogen, um Einzelheiten, die in der Literatur bisher unterschiedlich dargestellt wurden, zu klären. Die Quellen sind jeweils am Ende der monografischen Darstel­ lungen angegeben. Der Prolog ist nur skizzenhaft ab­ gefasst, weil der wesentliche Zweck des Buches in der Vorstellung der einzelnen Kirchenbauten liegt. Ich selbst war überrascht, welche Schätze der Bildenden Kunst sich in äußerlich unscheinbaren Got­ teshäusern der Region finden lassen. Oft wollten sich die Patronatsherren benachbarter Kirchen gegenseitig bei der Ausschmückung übertreffen. Dagegen nehmen sich die unter landesherrlichem Patronat erbauten ­Kirchen häufig bescheiden aus, zumal die branden­ burgisch-preußischen Herrscher seit 1613 dem bilderfeindlichen reformierten Glauben anhingen. Auch von Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg, von Brandkatastrophen und von den Verlusten, die beide Weltkriege auch ohne Bombentreffer anrichteten, ist zu berichten. Der Verfall während des kirchenfeindlichen DDRRegimes kommt ebenso zur Sprache wie das seit der Wiedervereinigung vielerorts sichtbare Hoffnungszeichen sanierter Kirchen. Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass dies zumeist von den nichtchristlichen Einwohnern mitgetragen wird, die erkannt haben, dass die Kirchen, oft die ältesten oder doch auffallendsten Bauten eines Gemeinwesens, als kulturelle und geschichtliche Zeugnisse einen Wert besitzen, der weit über das religiöse Moment hinausgeht. Mögen sich stets aufs Neue Menschen finden, die sich ihrer annehmen und sie pflegen, damit auch künftige Generationen an ihnen Freude haben.

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Einleitung

Das Havelland Der Name der Landschaft, deren Kirchenbauten hier betrachtet werden sollen, wurde 1216 als »Havelant« erstmals urkundlich erwähnt. Namensgeber des Gebietes war die Havel, ein schon 789 als »Habola« schriftlich beurkundeter, 341 Kilometer langer Fluss. Auf ihn bezieht sich der Name des slawischen Stammes der Heveller, welcher während der Völkerwanderung um 600 in das zuvor von germanischen Semnonen bewohnte Territorium vordrang und es neu besiedelte. Die Havel durchströmt den nordwestlichen Bereich des Landes Brandenburg U-förmig. Von den Quellen an der Grenze zu Mecklenburg ausgehend, wendet sie sich zunächst nach Süden, fließt an Oranienburg und Spandau vorbei, um sich vor allem bei Potsdam in Richtung der alten »Chur- und Hauptstadt Brandenburg« hin und wieder seenartig zu erweitern. Weiter führt sie durch den Nordwesten des Havellandes und mündet schließlich bei Havelberg, das heute zu Sachsen-Anhalt gehört, in die Elbe. An den heutigen Landkreis Havelland grenzt nordwestlich der Landkreis Ostprignitz-Ruppin, nordöstlich der Landkreis Ober­ havel mit der Kreisstadt Oranienburg. Im Osten reicht er an Berlin heran, weiter südlich an die kreisfreien Städte Potsdam und Brandenburg/Havel sowie den Landkreis Potsdam-Mittelmark. Während des Wendenkreuzzuges errichteten die Herren von Jerichow in Friesack eine Herrschaft, ­wurden aber im 13. Jahrhundert von den Askaniern verdrängt, die ihren Machtanspruch durch Vögte ­sichern ließen. Solche gab es in Rathenow, Spandau und Fahrland, wohl auch in Potsdam. Im 16. Jahrhundert bildete das Havelland einen Unterkreis der mittelmärkischen ­Ritterschaft, deren bedeutendste Vertreter in den beiden ­folgenden Jahrhunderten die alteingesessenen Adelsgeschlechter von Bredow, von der Hagen, von Ribbeck, von Stechow und von Zieten waren. Über Jahrhunderte hatten sie die Guts-, Gerichts- und Patronatsherrschaft zahlreicher Städtchen und Dörfer des Havel­landes inne, die letzten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Ein im Norden des Havellandes gelegenes, über Jahrhunderte kaum betretbares Moorgebiet, das Havelländische Luch, wurde schließlich für die Landwirtschaft nutzbar gemacht. König Friedrich Wilhelm I. ließ das Luchgebiet 1718–25 nach Plänen des Oberjägermeisters Samuel von Hertefeld und des Ingenieuroffiziers Carl Stoltze durch ein Grabensystem trockenlegen und die Vorwerke Seelenhorst (1721), Nordhof (1732), Lobeof­ sund (1736) und Sandhorst (1737/38) errichten. Mangelshorst folgte (1747/48). Das bisherige Ahrendshorst erhielt nach einem Besuch des Herrschers 1719 den Namen Königshorst. Ein Butterfass im Wappen erinnert an die 1732 in Nordhof angelegte, durch einen Holländer gegründete »Königliche Butterakademie«, in welcher die Bauerntöchter der Gegend im Handwerk der Butter- und Käseherstellung unterrichtet wurden. Das Kanalsystem ist mit dem Havelländischen Großen Hauptkanal und dem Kleinen Haupt- und Grenzkanal verbunden, die beide in den Rhin münden. Dieser entspringt bei Rheinsberg und fließt bei Rhinow in die Havel, ist aber über den Ruppiner und Oranienburger Kanal auch nach Osten mit der Havel verbunden. In der preußischen Geschichtsschreibung bleibt diese Kulturleistung in der Wahrnehmung immer hinter der zwar ebenfalls unter dem »Soldatenkönig« 1737 begonnenen, doch erst 1747–62 unter Friedrich dem Großen realisierten Landgewinnung durch Eindeichung des Oderbruchs zurück. War das Havelland bis dahin vor allem landwirtschaftlich geprägt, so siedelte sich im 19. Jahrhundert auch Industrie an. Rathenow wurde weithin als Stadt der optischen Industrie bekannt. Zu DDR-Zeiten entstand in Premnitz aus der seit 1915 bestehenden chemischen Fabrik ein Chemiefaserwerk mit zeitweise über 7.000 Beschäftigten. Die Kreise Ost- und Westhavelland mit Nauen und Rathenow als Kreisstädten wurden 1816 gebildet. 1920 mussten die Stadt Spandau und sechs weitere Orte des Kreises Osthavelland an Groß-Berlin abgegeben werden. Rathenow war von 1925 bis 1952 kreisfreie Enklave. 1935 und 1939 wurden insgesamt elf Orte nach Potsdam eingemeindet. Unter Verlust einiger weiterer

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Einleitung

Gebiete im Südwesten entstanden 1952 die Landkreise Nauen und Rathenow. Die letzte Gebietsreform fand am 26. Oktober 2003 ihren Abschluss. Seitdem gehören zum Landkreis Havelland die Städte Falkensee, Friesack, Ketzin, Nauen, Premnitz, Rathenow und Rhinow. In einige dieser Städte wurden umliegende Orte eingemeindet. Amtsfreie Gemeinden sind Brieselang, Dallgow-Döberitz, Milower Land, Schönwalde-Glien und Wustermark. Die kleineren Gemeinden sind in den Ämtern Friesack, Nennhausen und Rhinow zusammengefasst. Die Bevölkerungsentwicklung ist entgegen dem ­allgemeinen Trend in Brandenburg leicht ansteigend. 1990 waren es etwa 132.000 Einwohner, 2010 mehr als 155.000. Während Premnitz, Rathenow, Milower Land, Rhinow und Friesack größere Bevölkerungsrückgänge zu verzeichnen haben, stieg die Einwohnerzahl in den Berlin nahen Gemeinden Dallgow-Döberitz und Fal­ kensee stark an.

Geschichtlicher Abriss Die Christianisierung der seit der Zeit der Völkerwanderung von Slawen besiedelten Gegend begann unter Kaiser Otto I., der während der Ostexpansion 948 die Bistümer Brandenburg und Havelberg gründete. Allerdings trieb ein Slawenaufstand 983 die Deutschen ­wieder aus dem Land. Unter dem askanischen Markgrafen Albrecht dem Bären aus dem Hause der Grafen von Ballenstedt, der seit 1134 die Mark beherrschte, nahm der christliche Einfluss rasch zu. Viele der Slawenfürsten ließen sich taufen. Um 1157 siedelten sich Bauern, Kaufleute und Handwerker aus den askanischen Stammlanden im Harz, in Nordthüringen und Schwaben an. Der Sohn Albrechts, Markgraf Otto I., gründete 1180 die Zisterzienserabtei Lehnin als Hauskloster und Grablege, die es auch unter den ersten Hohenzollern noch war. Etwa 200.000 Menschen wurden bis ins zweite Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts im Brandenburgischen ansässig, oft innerhalb oder gleich neben den bestehenden slawischen Siedlungen.

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Den Askaniern folgten 1323 bis 1411 die Wittelsbacher und Luxemburger, die jedoch wenig für die Landesentwicklung taten, sodass sich das Raubrittertum ausbreiten konnte. Zu deren Inbegriff wurden die Quitzows. Um ihren Einflussbereich weiter auszudehnen, trieben es Dietrich von Quitzow auf Friesack und sein Bruder Johann von Quitzow besonders übel, befehdeten die umliegenden Dörfer und eroberten mehrere Städte. Der von Kaiser Sigismund als Statthalter eingesetzte Burggraf Friedrich VI., erster Hohenzoller in der Mark, obsiegte während des »Raubritterfeldzuges« und wurde daraufhin 1415 zum Markgrafen Friedrich I. von Brandenburg ernannt. Zudem wurde er Erzkämmerer des Reiches und erhielt die Kurfürstenwürde. Dieser Herrscher schuf eine Zentralgewalt, die ein selbstbewusstes Bürgertum nicht duldete. So zwang er die brandenburgischen Hansestädte (unter ihnen BerlinCölln, Brandenburg/Havel, Frankfurt/Oder, Havelberg, Kyritz, Perleberg, Pritzwalk, Salzwedel, Seehausen, Stendal, Tangermünde und Werben/Elbe), aus diesem mächtigen Handelsverband auszutreten, worauf viele von ­ihnen in die Bedeutungslosigkeit fielen. 1506 gründete Kurfürst Joachim I. in Frankfurt/Oder die Viadrina, die erste brandenburgische Universität. Der Thesenanschlag des Augustinermönchs Martin ­Luther an der Wittenberger Schlosskirche am Vorabend des Allerheiligenfestes 1517 löste dann eine Reformationsbewegung aus, welche in die Kirchenspaltung mündete. Joachim I. suchte das Eindringen der »neuen Lehre« in das Kurfürstentum Brandenburg zu verhindern – schließlich war sein Bruder Albrecht als Erzbischof von Magdeburg und Mainz ein hoher katholischer Würdenträger. Am 1. November 1539 bekannte sich Joachim II. durch die Annahme des heiligen Abendmahls in Gestalt von Brot und Wein aus der Hand des Bischofs Matthias von Jagow in der Spandauer Nikolaikirche und am Folgetag im Berliner Dom offiziell zur lutherischen Lehre. Ablasshandel und Zölibat waren passé, die äußere Form der Gottesdienste wandelte sich dagegen kaum, sogar der Reliquienkult wurde weiter ge-

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pflegt. Doch durch die Schaffung des Amtes eines Generalsuperintendenten 1540, die Einrichtung eines Konsistoriums 1543 und die Bildung von Kirchenkreisen wurde die Landeskirche, deren »summus episcopus« (oberster ­Bischof) der Landesherr war, neu strukturiert. Das bis ins Mittelalter zurückreichende Kirchenpatronat gewann in der Renaissancezeit an Bedeutung. In vielen Fällen belehnte der Landesfürst treue Vasallen mit der Gutsherrschaft und zugleich mit dem Kirchenpatronat der märkischen Dörfer. Sie hatten die Pflicht, die Baulast zu tragen sowie Pfarrer und Schulbedienstete zu unterhalten, was hauptsächlich in Form von Naturalien erfolgte. Andererseits erhielten sie durch das Präsentationsrecht auch Einfluss auf die Besetzung dieser Stellen. In manchen Gegenden entwickelte sich ein regelrechter Wettstreit der Patronatsherren, ihre Kirchen würdig auszustatten. Beispiele für ausgeprägte Renaissance-Epitaphien finden sich in Groß Glienicke, Hohennauen, Kotzen, Milow, Nennhausen, Stölln und ­Vieritz. Eine neue kirchenpolitische Situation entstand 1613 mit dem Übertritt des Kurfürsten Johann Sigismund zur reformierten (calvinistischen) Lehre. Er verzichtete dabei auf die Anwendung des geltenden Rechtsgrundsatzes »cuius regio eius religio« [wessen die Regierung, dessen die Religion]. Trotzdem vollzog natürlich ein Teil seines Hofstaates diesen Schritt nach, wiewohl die Lutheraner in der Mehrheit blieben. Indes wurden die vom Herrscherhaus patronierten Kirchen – auch die lutherischen – zumeist sehr schlicht ausgestaltet, zumal die reformierte Tradition dies vorgab. Vor allem aus konfessionellen Gründen setzen 1618 kriegerische Auseinandersetzungen ein, die 30 Jahre andauern und Deutschland in seiner Entwicklung um Generationen zurückwerfen sollten. Viele Kirchen wurden während des Dreißigjährigen Krieges verwüstet oder fielen Brandschatzungen zum Opfer. Seit 1640 regierte Kurfürst Friedrich Wilhelm über ein künstliches Staatsgebilde, das aus drei Landesteilen, dem souveränen Herzogtum Preußen (später Ostpreußen), der Kurmark (Mark Brandenburg) sowie den rheinischen Territorien (Herzogtum Kleve, Grafschaf-

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ten Mark und Ravensberg), bestand. Im Dezember 1674, während das kurfürstliche Heer am Niederrhein kämpfte, fielen schwedische Truppen in die Mark ein. Sie galten als unbesiegbar, bis das brandenburgische Heer am 15. Juni 1675 (nach julianischem Kalender) das von ihnen besetzte Rathenow befreite. Als die Schweden drei Tage später in der Schlacht bei Fehr­ bellin eine kriegsentscheidende Niederlage erlitten, ging das Havelland endgültig in die Geschichtsschreibung ein. Dem nunmehrigen »Großen« Kurfürsten widmete die dankbare Stadt Rathenow 1738 ein Denkmal, das der Schlüter-Schüler Johann Georg Glume nach dem Modell von Barthelémy Damart schuf. An die Schlacht bei Fehrbellin erinnerte erst 1800 ein Denkmal, das der bekannte preußische Schulreformer auf Schloss Reckahn Friedrich Eberhard von Rochow dort errichten ließ, wo die schwedische Kampflinie durchbrochen werden konnte, nämlich auf der Feldflur des Dorfes Hakenberg. Ein zweites, wesentlich größeres folgte 1875–79 auf jener Anhöhe, auf der die brandenburgischen Geschütze gestanden hatten. Das als Aussichtsturm begehbare und als Siegessäule gestaltete, fast 35 Meter hohe Monument wurde nach dem Entwurf von Paul Spieker unter Leitung von Kreisbaumeister Heinrich von Lancizolle errichtet. Albert Wolff schuf sowohl die in einer Nische befindliche Porträtbüste des Großen Kurfürsten nach Andreas Schlüter aus Carraramarmor als auch das Modell für den Bronzenachguss der bekrönenden Victoria nach Christian Daniel Rauch. Nachdem die Schweden abgezogen waren, trieb der Große Kurfürst die »Repeuplierung« des Landes energisch voran. Das am 8. November (julian. 29. Oktober) 1685 von ihm erlassene »Edikt von Potsdam« sollte bald zu einem Synonym brandenburgischer Toleranzund Einwanderungspolitik werden. Unter Friedrich I., der Preußen 1701 zum Königreich erhob, versuchten der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz und der Hofprediger Daniel Ernst Jablonski, eine Kirchenunion zwischen den Reformierten und Lutheranern herbeizuführen, was jedoch misslang. Der Bau von »Simultankirchen« für beide Konfessionen,

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den auch Friedrich Wilhelm I. betrieb, zielte in dieselbe Richtung. 1736 erließ er eine Verordnung »aus seinem Cabinet, daß in den lutherischen Kirchen das ­Absingen der Kirchengebete, der Einsetzungsworte des Abendmahls, und des Segens, nebst den aus dem Pabst­thum herrührenden Chorröcken, Caseln und Meßgewanden, allenthalben in seinen Landen, auf eine gute Art, und ohne viel Geräusch, abgeschaffet werden sollen«. Der reformierte Einfluss des Königshauses auf die Lutheraner ging sogar so weit, dass es keine Lichter auf dem Altar mehr gab. Friedrich der Große war kein frommer Mann, sondern in Glaubensfragen eher gleichgültig. Eine tolerante Haltung gegenüber den verschiedenen christlichen Konfessionen hatte für das Einwanderungsland Preußen geradezu existentielle Bedeutung. Als man den ­König zur Abschaffung katholischer Schulen in Ostpreußen drängen wollte, schrieb er an den Rand der Eingabe: »[…] die Religionen Müßen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein ­jeder nach Seiner Faßon Selich werden.« Diese popu­ läre Randbemerkung steht im Kontext zu Friedrichs Meinung, mit der er seiner Zeit weit voraus war: »Der Herrscher hat keinerlei Recht über die Denkungsart der Bürger. Toleranz ist für die Gemeinschaft, in der sie eingeführt ist, dermaßen vorteilhaft, daß sie das Glück des Staates begründet.« In seinem »Politischen Testament« erklärte er 1752: »Ich bin in gewisser Weise der Papst der Lutheraner und von den Reformierten das Oberhaupt der Kirche.« Mit den erstarkenden patriotischen Strömungen im Preußen des frühen 19. Jahrhunderts ging eine religiöse Erweckungsbewegung einher. Friedrich Wilhelm III., der sich wie kaum einer seiner Vorgänger als Oberhaupt der Staatskirche fühlte, ließ am 28. August 1806 den seit der Reformationszeit üblichen Titel »geist­ licher Inspector« durch »Superintendent« ersetzen. Auf seine Initiative vom 20. März 1811 gehen auch der schwarze Talar und das Barett als Amtstracht der evangelischen Pastoren zurück. Die Veröffentlichung der vom Hofprediger Rulemann Friedrich Eylert verfass-

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ten, für beide Konfessionen gültigen Agende (Gottesdienstordnung) rief 1816 Widerspruch hervor. Schleiermacher und andere namhafte Theologen überarbeiteten sie. Unter Teilnahme des Königs wurde die Union am 31. Oktober 1817, dem 300. Jahrestag der Reforma­ tion, in der Potsdamer Garnisonkirche vollzogen. Sie hat in den ehemals preußischen Gebieten bis heute Bestand. Für den protestantischen Kirchenbau jener Zeit hatte die Vereinigung beider Konfessionen erkennbare Folgen. Überwog bis dahin das schlicht-reformierte Element, das jede bildliche Darstellung ablehnte, so schmückten bald wenigstens Kruzifix und Leuchterpaar den Altartisch der oft hörsaalähnlichen Gotteshäuser. Friedrich Wilhelm IV. skizzierte höchstpersönlich zahlreiche architektonische Vorgaben für die etwa 300 unter seiner Regierung entstandenen Kirchenbauten. Dass den Architekten durchaus Raum zu eigenem Gestalten blieb, andererseits die königliche Einflussnahme den Projekten nicht zum Nachteil gereichte, belegen Stülers Worte anlässlich einer Gedenkrede auf den König im Jahr 1861: »Wenn nun auch bei diesen Bauten der Basilikenform so oft als thunlich Eingang verschafft wurde und in vielen zur Genehmigung vorgelegten Entwürfen […] diese Form mit kräftigen Strichen Allerhöchster Hand sich eingetragen findet und augenscheinlich die Verhältnisse des Inneren und Aeußeren überraschend verbesserte, so erfreute er sich doch gern der Gelegenheit, auch andere Gestaltungen anzuwenden, um den Kirchenbau nicht einem todten Schematismus anheimfallen zu lassen. […] Daher wählte er auch unter den für die Verhältnisse und die Oertlichkeit passenden Stilauffassungen.« Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, der am 18. Januar 1871 im Schloss zu Versailles in der Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser gipfelte, bedeutete eigentlich bereits das Ende Preußens als selbständiger Staat; es ging im Deutschen Reich auf. Die am 10. September 1873 erlassene »evangelische Kirchengemeinde- und Synodalordnung« gewährte eine weitgehende kirchliche Selbstverwaltung durch Einführung der aus vier bis zwölf Personen gebildeten

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­ emeindekirchenräte. Am 1. Oktober 1874 wurde der G Kirche die Führung der Personenstandsregister entzogen und auf Standesämter übertragen. Die Architektur dieser Epoche, die man bald geringschätzig mit »Eklektizismus« umschrieb, ging mit dem Kaiserreich zu Ende. Die Architekten bedienten sich zwar vieler Stilzitate, fanden aber dennoch eigenständige Lösungen für diese Bauaufgabe. Es bleibt vor allem festzuhalten, dass auf diese Weise Sakralbauten entstanden, die auch von vornherein als solche erkennbar sind. Noch vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich mit der Heimatschutzbewegung eine andere architektonische Strömung, die zwar auch auf Fortführung der ­hergebrachten Bautraditionen setzte, doch vordergründige Stilzitate zu meiden suchte. Zwischen den Weltkriegen begann für viele Architekten aber bereits ein Wandel – weg von althergebrachten Formen und hin zu schnörkelloser, sachlicher Formensprache. Während der SED-Herrschaft verfielen zahlreiche Kirchen, da keine Mittel und Baukapazitäten zur Verfügung gestellt wurden. Die Zahl der Christen nahm beständig ab, und die wenigen Gemeindeglieder konnten den Erhalt ihrer Gotteshäuser finanziell nicht leisten. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 wurden in vielen Orten die vom Verfall bedrohten Kirchen gerettet, obwohl nur noch wenige Einwohner Glieder von Kirchengemeinden sind. Mancherorts bedarf es jedoch noch immer größerer Anstrengungen, um diese die meisten Ortsbilder prägenden Bauwerke und ihre oft wertvolle Ausstattung wieder in einen guten Zustand zu bringen.

Die zeitliche Einordnung der Kirchen Im Kernbestand reichen die Rathenower St. MarienAndreas-Kirche und die Dorfkirche in Seeburg bis ins 12. Jahrhundert zurück; wenig jünger sind die Dorfkirchen in Buckow bei Großwudicke, Bützer, FalkenseeSeegefeld, Schmetzdorf, Spaatz und Wachow.

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Als Kirchen des hohen und späten Mittelalters sind beispielsweise die Gotteshäuser in Dallgow, Börnicke und Selbelang erhalten. Besonders hervorzuheben und mit Gewölben ausgestattet sind die ehemaligen Wallfahrtskirchen in Buckow bei Nennhausen und Tremmen sowie die Stadtkirchen St. Jacobi in Nauen und St. Nikolai in Berlin-Spandau. Oft unter Nutzung der erhaltenen Umfassungsmauern entstanden in der späten Renaissancezeit die Dorfkirchen in Buchow-Karpzow, Falkensee-Falkenhagen, Groß Glienicke, Kleßen (der Fachwerkbau von 1698 wurde 1913 massiv erneuert), Möthlitz, Nitzahn, Satzkorn (im Kern aus dem 13. Jahrhundert), Vieritz, Vietznitz und Warsow. Beeindruckende Altäre, Kanzeln und Taufen der Renaissancezeit sind beispielsweise in Börnicke, Dechtow, Falkensee-Seegefeld, Hohennauen, Klessen, Möthlow und Spaatz erhalten. In der Barockzeit neu erbaut wurden die Fachwerkkirchen in Ferchesar (mit einem Turm von 1907), Görne, Karwesee, Klein Behnitz (1984 in alter Form neu ­errichtet), Knoblauch, Markee, Milow, Priort, Semlin und Wolsier. Als charakteristische, massive Putzbauten entstanden die Dorfkirchen in Berge, Brunne, Dyrotz, Großwudicke, Niebede, Pausin, Ribbeck (1887 erweitert), Schönwalde-Glien, Wagenitz, Wansdorf und Wustermark. Die Großderschauer Kirche kann ihr Vorbild, die Potsdamer Garnisonkirche, nicht verleugnen. Unter Verwendung älterer Bauteile entstanden in jener Zeit auch die Dorfkirchen in Bötzow, Fahrland, Gohlitz, Hohennauen, Kotzen, Kriele, Landin, Markau, Nennhausen, Pessin, Retzow, Staaken, Stechow und Zachow sowie die Stadtkirche in Rhinow. Das früheste Beispiel neugotischer Formensprache – und in dieser Form einzigartig – war 1797 die Umgestaltung der Paretzer Dorfkirche. Ihr Chorbau ist dem 12. Jahrhundert zuzurechnen und gehört somit zu den frühesten Kirchenbauten der hier betrachteten Gegend. Friedrich Wilhelm III. ließ das Gotteshaus im Jahr seines Regierungsantritts mit Stilzitaten der damals als Geschichtszeugnis »wiederentdeckten« Marienburg ­gestalten (die dreidimensional wirkende Ausmalung wurde 2008–10 rekonstruiert). In der ersten

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Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich der Klassizismus in Preußen ausprägte, entstanden die Kirchen in Damme, Friesack (nach dem Zweiten Weltkrieg vereinfacht wieder aufgebaut), Garlitz, Grütz, Mützlitz, Perwenitz, Premnitz, Senzke, Steckelsdorf, Stölln, Tarmow, Witzke und Zollchow. Im Kirchenbau blieb es vorerst bei den beiden erwähnten Neostilen, wie die nach der Reichsgründung erbauten neoromanischen Kirchen in Betzin, Göttlin, Gülpe, Hoppenrade, Nauen St. Peter und Paul, Schwanebeck und Strodehne zeigen, die jedoch oft reicher gestaltet sind, als ihre älteren »Schwestern«. Einen Sonderfall stellt der an der Kartzower Kirche angewandte Übergangsstil dar. Neogotisch präsentieren sich die Dorfkirchen in Hakenberg, Liepe und Paaren im Glien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es ein Nebeneinander von Neoromanik und Neogotik. Aus dieser Zeit stammen die neoromanischen Dorf­ kirchen in Bredow, Buschow, Döberitz und Wernitz (der Turm ist von 1907/08) sowie die neogotischen in Böhne, Fehrbellin, Flatow, Gutenpaaren, Lentzke, ­Lietzow, Linum, Parey und Zeestow. Beispiele für die Gestaltungsweise des Heimatstils sind die Kirchen in Falkenrehde, Gräningen, Groß Behnitz, Grünefeld und Mögelin. Die nach einem Brand 1915 sofort in alter Form wieder aufgebaute ­Barock-Kirche in Königshorst ist ein Sonderfall. Auch die 1939/40 erbaute und mit der Innenausstattung aus Döberitz versehene Kirche in Haage dürfte der Tradi­ tionslinie des Heimatstils entstammen. Die auf herkömmliche Formen verzichtende Moderne kündigte sich bereits an, als 1911 die katholische Kirche Rosenkranzkönigin in Ketzin, zwar aus Backstein, jedoch bereits in leicht expressionistischen Formen, erbaut wurde. Diese Entwicklung führt über die 1917 als Friedhofskapelle errichtete Rathenower Auferstehungskirche zu den kubisch-sachlichen Kirchen­ bauten in Brieselang, Elstal, Falkensee-Falkenhagen, St. Konrad, Falkensee-Neufinkenkrug, Paulinenaue und der aus einer umgestalteten Fabrikhalle entstandenen Lutherkirche in Rathenow.

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Im Havelland sind verhältnismäßig wenige Kirchen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen, so die Kirche in Barnewitz (1974 wurde sie vereinfacht wiederhergestellt), die ehrwürdige St. Marien-Andreas-Kirche in Rathenow (sie war 1959 wieder nutzbar und wurde nach 1990 weiter rekonstruiert) und die Dorfkirche in Seeburg, deren Wiederaufbau erst nach der Wiedervereinigung gelang. Der 1945 zerschossene Glockenturm der Etziner Dorfkirche ist bis heute nicht ersetzt. Die Kirchen in Bahnitz, Brädikow (den Turm ausgenommen), Jerchel und Tietzow verfielen derart, dass sie abgerissen werden mussten. In Wutzetz wurde der Turm reduziert, in Möthlow völlig abgetragen. Und ein ganzes Dorf, Knoblauch bei Ketzin (nicht zu verwechseln mit dem in diesem Buch beschriebenen gleichnamigen Ort), ging 1967 unter, als sich ein unterirdisches Erdgaslager als undicht erwies. Die Kirche war allerdings schon 1945 von der Sowjetarmee zerstört worden. Aus kirchlicher Sicht Erfreuliches gibt es aber auch aus der DDR-Zeit zu berichten: 1952 wurde in Dallgow eine erste neue katholische Kirche gebaut. Ein »Husarenstück« war der Bau der Schilfdachkapelle im WestBerliner Teil von Groß Glienicke, der vom DDR-Gebiet aus initiiert wurde. In Kienberg entstand 1962 die Dietrich-Bonhoeffer-Kapelle, im gleichen Jahr in Steckelsdorf die katholische Kirche St. Josef. Weitere katholische Gotteshäuser wurden in 1970 Brieselang und 1978 in Premnitz gebaut. Der jüngste evangelische Kirchenbau entstand 2008 in Falkensee-Falkenhöh. Er war notwendig geworden, weil diese Stadt seit der deutschen Wiedervereinigung rasant gewachsen war. Hatte sie 1993 noch 22.000 Einwohner, so waren es 2006 schon mehr als 40.000 und Falkensee die größte Stadt des Havellandes.

Orgeln im Havelland Instrumente des berühmten Berliner Orgelbauers ­Joachim Wagner blieben in Bötzow und Schönwalde erhalten, Werke seiner Schüler Marx und Scholze in

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Brunne, Gutenpaaren, Kotzen, Schmetzdorf (verändert), Selbelang und Zollchow. Sie befinden sich in unterschiedlichem, teils schlechtem Zustand. Die Orgel in Gohlitz ist das Meisterstück des in Brandenburg ansässigen Johann Wilhelm Grüneberg. Eine wertvolle Orgel aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in Wachow noch vorhanden. Sie wurde von Johann Simon Buchholz in Berlin erbaut. Werke vom Potsdamer Orgelbauer Gottlieb Heise sind in Perwenitz und Tarmow überkommen. Die oft gemeinschaftlich wirkenden Potsdamer Orgelbauer Carl Ludwig Gesell und Carl Schultze lieferten viele Instrumente ins Havelland, von denen die Werke in Börnicke, Grünefeld, Paretz und Wolsier noch existieren. Auch die Nennhausener Orgel stammt von Gesell, wurde aber von dessen Sohn Carl Eduard Ge­ sell erweitert. Von diesem sind darüber hinaus die Ins­ trumente in Dechtow, Kartzow, Liepe, Paaren im Glien, Satzkorn und Wernitz (die vom Verfall bedroht ist) erhalten. Der Orgelbauer Friedrich Wilhelm Wäldner und sein Sohn Ferdinand Wäldner aus Halle/Saale wurden ebenfalls in dieser Gegend tätig. Erhalten sind ihre Orgeln in Bamme, Böhne, Döberitz, Gräningen, Milow und Möthlitz. Einer der produktivsten Orgelbauer jener Zeit war Friedrich Hermann Lütkemüller aus Wittstock. Von ihm erbaute Orgeln gibt es in Buckow bei Großwu­ dicke, Großderschau, Gülpe, Hoppenrade, Kriele (nur Reste erhalten), Retzow, Rohrbeck, Semlin, Spaatz, ­Steckelsdorf, Stölln, Tarmow, Wansdorf, Warsow und Zollchow. Von Wilhelm Heerwagen aus Klosterhäseler erbaute Instrumente finden wir noch heute in Fehr­ bellin, Ferchesar, Hakenberg, Markee und Nauen. In Niebede befindet sich ein Werk des Niemegker Orgelbauers Gottfried Wilhelm Baer, in Markau eines von dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm Lobbes. Vom ­Begründer der bekannten Potsdamer Orgelbauwerkstatt Alexander Schuke sind pneumatische Orgeln in Falkenrehde, Flatow, Garlitz, Groß Glienicke, Guten­ paaren, Hohennauen, Königshorst, Paaren (Potsdam), Prietzen, Rhinow und Strodehne (abgängig) erhalten.

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Die Potsdamer Orgelbauanstalt Schuke, zwischen 1933 und 1953 von den Brüdern Karl und Hans-­Joachim Schuke gemeinschaftlich, danach von letzterem allein geleitet und von 1972 bis 1989 »Volkseigener Betrieb«, lieferte mehrere Orgeln in das Havelland. Die SchukeInstrumente in Berge, Elstal und in der Auferstehungskirche Rathenow sind bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Später folgten die Orgeln in BuchowKarpzow, Dallgow-Döberitz, Falkensee-Falkenhagen (evangelische und katholische Kirche), Falkensee-Neufinkenkrug und -Seegefeld, Premnitz, in der Lutherkirche Rathenow sowie in Friesack. Von der 1950 in West-Berlin gegründeten Werkstatt von Karl Schuke stammen die Orgeln in Groß Glie­ nicke (Schilfdachkapelle) und Priort. Die Firma Sauer aus Frankfurt/Oder lieferte die Orgeln in Dallgow-Döberitz (katholische Kapelle), Haage, Klein Behnitz und Paulinenaue. Die Bautzener Firma Eule ist mit kleinen Instrumenten in Falkensee-Falkenhöh und Mögelin vertreten und erbaute 1996 die große Orgel in St. Nikolai Berlin-Spandau.

Havelländische Glocken Wie in ganz Deutschland haben die beiden Weltkriege auch im Havelland durch die Requirierung zahlreicher Glocken für die Rüstungsproduktion eine bittere Auslese unter den Geläuten gehalten. Wegen ihres ­außerordentlich hohen kulturhistorischen Wertes sind oft wenigstens die jeweils frühesten Bronzeglocken verschont geblieben. Die ältesten, mittelalterlichen ­Glocken der Gegend, deren Gießer unbekannt sind, ­finden sich in Markau (14. Jahrhundert), Stechow (14. Jahrhundert), Rathenow, St. Marien-Andreas (um 1400), Dyrotz (1401), Möthlow (15. Jahrhundert), Retzow (15. Jahrhundert), Buchow-Karpzow (1440 und 16. Jahrhundert), Gutenpaaren (1511 und undatiert), Knoblauch (1517), Parey (1578), Rohrbeck (1533), Selbelang (1462), Wolsier (1526); weitere undatierte gibt es in Berge, Gräningen (zwei Glocken), Hohennauen, Karwesee (zwei Glocken), Nennhausen, Nitzahn, Paaren

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im Glien, Pausin und Prietzen (je zwei Glocken), Semlin, Wagenitz, Warsow, Wassersuppe, Zachow und Zollchow (spätmittelalterlich). Nur äußerst selten sind vollständige mittelalterliche Geläute noch vorhanden, so in Bötzow (vier Glocken, im 14. Jahrhundert, 1418, 1500 und 1593 gegossen), in Stölln (drei Glocken 15. Jahrhundert, 1515), in Kotzen (drei Glocken von 1557, 1567 und 1623) und in Möthlitz (drei Glocken, 1579, 1615, 1616). Namentlich bekannt sind Gießer seit dem frühen 16. Jahrhundert. Von Andreas Moldenhauer (Vater und Sohn) aus Brandenburg/Havel gegossene Glocken sind in Bahnitz (1507), Liepe (1559), Linum (1558) und Schmetzdorf (1564) erhalten. Nickel Dietrich aus Lothringen ist mit einer Glocke in Ketzin, St. Petri (1555), vertreten. Caspar Havelant lieferte eine Glocke für Kotzen (1567), Joachim Jendrich aus Havelberg eine für Milow (1575), Hans Ohlmann aus Magdeburg für Möthlitz (1579) und Jost Bodeker aus Warburg für Retzow (1599). Der bekannte Gießer Heinrich Borstelmann aus Magdeburg hinterließ Glocken in Bahnitz (1590), Bötzow (1593), Klessen (1594), Linum (1597), Möthlitz (1615 und 1516) und Hohennauen (1614). Auch aus dem 17. Jahrhundert sind einige Glocken erhalten, so von Urban Schober aus Magdeburg in Vieritz (1602) und Buckow bei Nennhausen (1607), von Caspar Brewe aus Sondershausen in Kotzen (1623). In Vieritz gibt es ein Geläut, das aus der Renaissancezeit stammt. Von den drei Glocken wurde eine 1602 von Heinrich Borstelmann, die anderen 1650 von Simon Kolle aus Brandenburg/Havel und 1655 von Jacob Neuwert aus Berlin gegossen. Franz Sebastian Voillard aus Lothringen schuf eine Glocke für Barnewitz (1662), Jacob Wenzel aus Magdeburg eine für Göttlin (1690). Aus der Werkstatt der Stück-(Geschütz-) und Glockengießerfamilie Heintze in Spandau und Berlin, die über viele Generationen tätig war, stammen Glocken in Wustermark (1668), Landin (1675), Paretz (1724) und Schwanebeck (1751). Von Otto Ehlers aus Berlin ist eine Glocke in in Betzin (1706) erhalten. Von Johann Jacobi, dem berühmten Gießer des Bronzedenkmals

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des Großen Kurfürsten in Berlin, stammt eine Glocke in Spandau, St. Nikolai (1703), und eine in Flatow (1717). In Nauen, St. Jacobi, sind zwei Glocken (1746) von seinem Sohn Heinrich Julius Jacobi erhalten. Ebenfalls in Berlin ansässig war Johann Friedrich Thiele, dessen Glocken in Betzin (1750), Gülpe (1777) und Börnicke (1800) überkommen sind. Aus dem 19. Jahrhundert ist von Johann Christian Meyer aus Berlin eine Glocke in Dyrotz (1805) vertreten. Vom berühmten Berliner Stück- und Glockengießer Johann Carl Hackenschmidt, der zahlreiche Glocken ins Havelland lieferte, gibt es lediglich eine Glocke in Grütz (1815) und zwei in Mützlitz (1852). Von seinen Söhnen stammt eine Glocke in Großderschau (1861). Auch von Hackenschmidts Konkurrenten, der Glockengießerfamilie Bachmann aus Berlin, sind nur zwei Glocken erhalten, in Damme (1839) und Zeestow (1848). Die Familie Collier aus Zehlendorf (heute Stadtbezirk in Berlin) hat ebenfalls über mehrere Generationen Bronzeglocken hergestellt. Hiervon sind Glocken in Klein Behnitz (1865), Pessin (1867), Wustermark (1878), Kriele (1890) und Brädikow (1896) erhalten. Der Stettiner Carl Friedrich Voß lieferte Glocken für Wansdorf (1872) und Potsdam-Paaren (1873), sein Sohn Carl Voß für Wernitz (1881) und Königshorst (1914). Der Enkel Erich Voß gründete in Hennickendorf bei Berlin eine eigene Firma, aus der ein dreistimmiges Bronzegeläut in Elstal (1937) erhalten ist. Die ältesten erhaltenen Gusseisenglocken des Havellandes sind die beiden 1821 in der Königlichen Eisengießerei Berlin für Steckelsdorf hergestellten. Der Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation, eine 1842 von Jacob Meyer und Eduard Kühne gegründete Fabrik, meldete 1852 ein Patent zur Herstellung von Glocken aus Gussstahl an. Schon bald fanden die Stahlglocken aus dem Bochumer Verein weite Verbreitung, weil sie bedeutend kostengünstiger als herkömmliche Bronzeglocken waren. Doch in der Klangqualität reichen sie nicht an jene heran. Dreistimmige Bochumer Stahlgeläute befinden sich in Staaken (1869), Böhne (1870), Dallgow-Döberitz (1875), Falkenrehde (1894) und Falkensee-Falkenhagen

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(1920), zweistimmige in Friesack (1919), Bützer (1923), Groß Behnitz (1924) und Seeburg (1925). Eine Bochumer Glocke kam 1929 auch nach Döberitz (Ortsteil von Premnitz). Nach dem Ersten Weltkrieg kooperierten einige ­Glockengießer mit Eisengießereien und stellten als ­Ersatzglocken für die im Krieg requirierten Bronze­ glocken solche aus Eisenhartguss her. Ihre Legierung ist eine andere als jene der Bochumer Stahlglocken und ihre Haltbarkeit begrenzt. Vollständige Geläute wurden nur selten geliefert, zumeist waren es einzelne Glocken, um die abgelieferten Bronzeglocken zu er­ setzen. Aus der Gießerei in Lauchhammer stammen Hartgussglocken in Senzke (zwei Glocken, 1920), Brunne (zwei Glocken, 1922) und in Bredow (eine Glocke, undatiert). Die Firma Ulrich & Weule aus Bokenem/Harz lieferte Glocken nach Satzkorn (drei Glocken, 1921) und Paaren im Glien (1922). Auch der renommierte Apoldaer Gießer Franz August Schilling koopererierte seit 1918 mit der Eisengießerei von Gottfried Lattermann in Morgenröthe-Rautenkranz, um Ersatzglocken aus Hartguss herzustellen. Von dort stammen Glocken in Priort (zwei Glocken, 1920), Fahrland (drei Glocken, 1921), Falkensee-Seegefeld (zwei Glocken, 1925), Strodehne (zwei Glocken, 1923 und 1960), Fehrbellin (drei Glocken, 1925), Hakenberg (zwei Glocken, 1925), Falkensee-Neufinkenkrug (drei Glocken, 1926), Brädikow (1954), Falkensee-Falken­ höh (1955), Groß Glienicke (Schilfdachkapelle, 1956), Grünefeld (drei Glocken, 1958), Königshorst (zwei Glo-

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cken, 1964), Markau (zwei Glocken, 1964) und Wernitz (1966). Aus Hemelingen bei Bremen lieferte die Familie Otto Bronzeglocken für die katholischen Kirchen in Nauen, St. Georg (drei Glocken, 1906) und Ketzin, Rosenkranzkönigin (1933). Bronzeglocken der Firma Schilling aus Apolda blieben in Tietzow (1923), Mögelin (zwei Glocken, 1929), Markee (1934) und Etzin (1935) bewahrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden dort auch die Bronzeglocken für Rohrbeck (zwei Glocken, 1956 und 1977), Schönwalde (1979) und Dallgow-Döberitz (katholische Kirche, 1981). Auch in neuerer Zeit sind wieder Bronzeglocken für das Havelland gegossen worden. Die traditionsreiche Gießerei Petit & Gebrüder Edelbrock aus Gescher/ Westfalen schuf bronzene Glocken für Spandau, St. ­Nikolai (drei große Glocken, 1965 und 1990 gegossen), und Ketzin, St. Petri (zwei Glocken, 2005). Rudolf Perner aus Passau vervollständigte 2009 mit zwei Glocken das Geläut der katholischen Kirche Rosenkranzkönigin in Ketzin. Ebenfalls aus Bronze schuf die Gießerei Rincker im Sinnkreis 2001 zwei große Glocken für die St. Marien-Andreas-Kirche in Rathenow, die nun wieder über ein stattliches, dreistimmiges Bronzegeläut verfügt. Dieselbe Firma goss bereits 1993 vier Glocken für Nauen, St. Jacobi, die mit den beiden von 1746 das umfangreichste melodische Geläut des Havellandes ­bilden. Andreas Kitschke Autor

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Bahnitz

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Bahnitz Evangelische Dorfkirche Evangelisches Kirchspiel Nitzahn, Kirchenkreis Elbe-Fläming Propstsprengel Stendal-Magdeburg, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland Kirchweihe am 19. Juni 1982 Das Dorf Bahnitz ist seit 2004 Ortsteil der neuen ­Gemeinde Milower Land. Ein Pfarrer war es, dem die ­erste urkundliche Erwähnung 1225 von »Banthyz« galt. Somit muss es um diese Zeit schon eine Kirche gegeben haben. Ob es indessen jene erste war, die 1777 als baufällig beschrieben und im Folgejahr abgerissen wurde, ist nicht mehr zu erfahren. Der folgende, statt­ liche spätbarocke Kirchenbau wurde 1782 eingeweiht. Sein im Erdgeschoss mit paarigen Lisenen und darüber mit gekuppelten Pilastern geschmückter Westturm trug eine konkav geschwungene Haube mit dekorativen Uhrgaupen an allen vier Seiten und auf der überkuppelten Laterne eine Wetterfahne mit der Jahres­ zahl 1780. Von großem Reparaturbedarf war 1871 die Rede, und 1891 war die hölzerne Turmhelmkonstruktion ­völlig verrottet. Nachdem offenbar wiederholt nur notdürf­tige Instandsetzungen ausgeführt worden wa-

Kirche Bahnitz in heutiger Gestalt

ren, befand sich das Gotteshaus 1962 in einem einsturzgefährdeten Zustand. Die wenigen Christen in der 300-Seelen-Gemeinde sahen sich nicht imstande, die Kirche zu retten. In den folgenden Jahren wurde das Kirchenschiff bis 1969 sukzessive abgetragen, ebenso der Turm bis auf einen etwa fünf Meter hohen Rest. Nach Entwürfen des Potsdamer Architekten Albert Gimsa wurde dieser Turmkubus mit einer offenen Eingangshalle sowie einem asymmetrischen Satteldach versehen und im Inneren zu einer Gottesdienststätte ausgebaut, der wohl kleinsten Kirche im Land Brandenburg. Der nur 14 Quadratmeter große Raum ist mit einer hölzernen Empore versehen und verfügt über 33 Stuhlplätze. Das Antrittspodest der Emporentreppe dient zugleich als »Altarraum« und Kanzelstandort. In einer zurückgesetzten Glockenstube im Giebel des Kirchleins hängen die beiden Bronzeglocken, die einzig an den Vorgängerbau erinnern. Die ältere (Ø 58 cm) wurde 1505 von Andreas Moldenhauer d. Ä. in Brandenburg/Havel, gegossen. Die andere, von einem Magdeburger Meister gegossene (Ø 67 cm) zeigt ein Relief des Heiligen Georg mit dem Drachen und die

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Kirche Bahnitz von Süden, um 1930

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Bamme

Umschrift »verbum domini manet in eternum · anno 1590 · heinrich borstelman« (Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit). Quellen: Borgmann/Sebastian 1994, S. 5; Jerichow 1898, S. 272, 431, 433 f.; Möschner 2003, S. 11.

Bamme Evangelische Dorfkirche Evangelische Reformationsgemeinde Westhavelland Kirchenkreis Nauen-Rathenow (Region VII), EKBO Kirchenbau 1730–35

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Die urkundliche Ersterwähnung des Ortes, der seit 2003 Ortsteil von Nennhausen ist, fällt in das Jahr 1334. Das älteste Bauwerk in Bamme ist nicht die Kirche, sondern eine gut erhaltene hölzerne Bockwindmühle aus dem Jahr 1569. Guts- und Patronatsherren des Dorfes waren von 1541 bis 1686 die von Lochow, dann die von Briest. Rochus von Rochow erbte es schließlich 1821.

Die Kirche wurde 1730–35 in ihrer heutigen Gestalt aus einem Vorgängerbau als massiver Putzbau umgestaltet und mit Korbbogenfenstern versehen. Der dreiseitige Ostschluss war schon 1708 angefügt worden. Ältester Teil der Kirche ist der Turmunterbau von 1588. Der verbretterte, eingezogene Turmaufsatz erhielt 1756 ein Uhrwerk und wurde 1853 mit einem spitzen, schiefergedeckten Helm versehen. Die flache Decke des Kirchenraumes zeigt Stuck­ reliefs von Putten mit Spruchbändern und eine Strahlenglorie. Ein 1735 datierter Kanzelaltar, den Tischlermeister Christoph Frentsche aus Ketzin schuf, ist mit Säulen und Akanthusschnitzereien verziert. Auf dem gesprengten Giebel befinden sich die Skulpturen zweier Posaunenengel. Das Altarleuchterpaar aus Messing ist auf 1679 datiert. Der achtseitige neugotische Taufstein entstammt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Orgel mit sechs Registern auf einem Manual und Pedal, für die man über 40 Jahre Geld gesammelt hatte, ist ein 1886 von Ferdinand Wäldner aus Halle/ Saale erbautes Werk. Die 1917 beschlagnahmten ZinnProspektpfeifen wurden erst 1938 von den Potsdamer Orgelbauern Karl Schuke und Hans-Joachim Schuke durch solche aus Zink ersetzt. Das Instrument wurde 1999 instand gesetzt und erstmals mit einem elektrischen Gebläse versehen. 1703 erhielt Bamme eine von Christoph von Lochow gestiftete und von Johann Jacob Schultz in Berlin gegossene Bronzeglocke, die 1917 zusammen mit einer zweiten für die Rüstungsproduktion beschlagnahmt und 1929 durch ein Stahlgussgeläut in c-Moll ersetzt wurde. Davon zeugt die Inschrift der größeren Stahlglocke: »dem feind zu wehren ward ich entsandt in bronze 1916 und gott zu ehren ich neu entstand in stahl 1929.« Auf der kleineren ist zu lesen: »den gefallenen zum bleibenden gedächtnis, den lebenden zur steten erinnerung.« Quellen: BLHA Potsdam, Rep. 2 A II Westhavelland, Nr. 105; BKD 1979, S. 403; Borgmann/Sebastian 1994, S. 6 f.; Dehio 2000, S. 43 f.; DKPB WHL 1913, S. 7; Schmidt 1917, S. 134; Seemann 2008; Wolff 1920, S. 83.

Kirche Bamme von Nordwesten

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Barnewitz

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Barnewitz Evangelische Dorfkirche Evangelische Reformationsgemeinde Westhavelland Kirchenkreis Nauen-Rathenow (Region VII), EKBO Kirchenbau 1744, Wiederherstellung zum 21. April 1974 Am Südrand des Havelländischen Luchs gelegen, fand Barnewitz 1289 erstmals urkundliche Erwähnung. Der Ortsname soll aus dem slawischen »born« (Kiefer) hervorgegangen sein. Seit 2003 gehört Barnewitz zur Gemeinde Märkisch Luch. Die im 13. Jahrhundert aus Feldsteinen errichtete Kirche wurde 1581–83 umgebaut. Die Umfassungswände wurden 1743/44 mit Backsteinmauerwerk erhöht und mit größeren Fensteröffnungen versehen. Ein über dem Westgiebel ansetzender, innen von zwei toskanischen Säulen getragener Fachwerkturm mit Haube und Laterne trug eine Wetterfahne mit der Jahreszahl 1744. Eine gründliche Instandsetzung folgte 1837, eine Neuausmalung wurde durch Robert Sandfort 1908 vorgenommen. Einem Brand durch Kriegseinwirkung fiel am 18. April 1944 das gesamte historische Interieur zum Opfer, darunter auch die 1794 errichtete Westempore mit einer Barock-Orgel mit neun Registern auf einem Manual und Pedal aus dem Schülerkreis des bedeutendsten preußisch-barocken Orgelbauers Joachim Wagner. Zwischen 1967 und 1974 wurde das Gotteshaus stark vereinfacht wieder aufgebaut und mit ­Gemeinderäumen unterteilt. Dabei verzichtete man auf die Wiederherstellung des westlichen barocken Fachwerkdachturmes. Das steile, östlich abgewalmte Satteldach trägt in Giebelnähe einen kleinen achtsei­ tigen Dachreiter mit Spitzhelm. In der Ostwand ist eine kleine gotische Dreifenstergruppe als Blindfenster erhalten. Der eigentliche, etwa 80 Personen fassende Kirchenraum wurde 1974 mit Altartisch, Predigtpult und Taufe aus Holz ausgestattet. Eine 1662 von Franz Sebastian Voillard aus Lothringen gegossene Bronzeglocke hängt in einem Glockenstuhl neben der Kirche.

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Kirche Barnewitz von Südosten Quellen: BLHA Potsdam, Rep. 2 A II Westhavelland, Nr. 118; BKD 1979, S. 403; Borgmann/Sebastian 1994, S. 8; Dehio 2000, S. 46; DKPB WHL 1913, S. 7 f.; Mehlhardt 17; Schmidt 1917, S. 112; Seemann 2008; Wolff 1920, S. 83.

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Berge Evangelische Dorfkirche St. Peter und Paul Evangelischer Pfarrsprengel Berge Kirchenkreis Nauen-Rathenow (Region V), EKBO Kirchweihe am 14. September 1744 Das an der Bundesstraße 5 (Berlin–Hamburg) liegende, 1292 erstmals urkundlich genannte Berge ist seit 2003 Ortsteil von Nauen. Die Kirche wurde 1744 unter Aufsicht des Landbauinspectors, zwei Jahre darauf zum kurmärkischen Oberbauinspector ernannten Christian Friedrich Feldmann errichtet. Auf den Grundmauern einer Wehrkirche entstand nun ein verputzter Rechtecksaal mit Seg-

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Berge

Kirche Berge von Süden

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mentbogenfenstern. Statt des bereits 1770 baufälligen hölzernen Turmes setzte man vor den Westgiebel einen massiven quadratischen Turm mit Gratkuppel und achtseitiger hölzerner Laterne, die in eine welsche Haube ausläuft. Er wurde am 29. August 1776 fertig­ gestellt. Eine Reparatur und Neueindeckung des Turmes erfolgte 1885, eine weitere Instandsetzung 1926. Während der Kampfhandlungen in den letzten Kriegstagen 1945 bekam der Turm sechs Volltreffer. Die Beseitigung der Kriegsschäden erfolgte bis 1952. Turminstandsetzungen wurden 1977 (nach einem am 12. Juli 1973 durch Blitzschlag verursachten Brand) und 1993/94 vorgenommen. Umfassende Renovierungen erfuhr die Kirche 1860 (Innenrenovierung, Vergrößerung der Orgelempore zu beiden Seiten), 1910, 1966 (Außenputz) und 1975–77 (Innenraum). Der flach gedeckte Kirchenraum birgt den Kanzelaltar aus dem Vorgängerbau, den der Patronatsherr Botho von Hake 1685 stiftete. Ihn zieren gewundene Säulen, Akanthuslaub und Schnitzfiguren: am Kanzelcorpus Moses, Johannes und Matthäus, an den Außenseiten die Patrone des Gotteshauses, Petrus

und Paulus, über dem Schalldeckel das Stifterwappen und als Bekrönung der auferstandene Christus. Das Predellagemälde zeigt Jesus, von zwei Engeln begleitet. An beiden Seiten schließen sich galerieähnliche Emporen mit den Zehn Geboten und Bibelzitaten an den Brüstungsfeldern an. Zwei Rundbogenportale führen zu Sakristei und Pastorenstuhl. Die 1860 vom Bildhauer Wilhelm Koch in Potsdam aus Kunststein gefertigte Taufe wurde 1993 restauriert. Die Orgelempore ist mit der nördlichen, ehemaligen Knechteempore verbunden, der das Südportal und die Amtsempore gegenüberliegen. An der Nordwand befindet sich ein aus der 1975 abgerissenen Dorfkirche Tietzow stammender barocker Kanzelaltar von 1719. An der Ostwand hinter dem Altar befindet sich der Grabstein des Amtmannes David Gottlob Marquart, dessen Gruft unter dem Altarraum, vor der Taufe, liegt. Während der Herstellung eines Heizungsanbaues 1935/36 wurde eine weitere Gruft wiederentdeckt. Zwei mumifizierte Erwachsene in der Turmgruft, wohl vom Ende des 16. Jahrhunderts, machte man 1969 der Öffentlichkeit zugänglich. Unter dem Altarraum fanden sich zwölf Kindersärge. Im Turmraum fanden 1995 die Gedenktafeln für die Gefallenen der Kriege 1813–15, 1870/71 und der beiden Weltkriege ihren Platz. Auf dem Kirchenboden ist noch eine Anzahl von teils stark beschädigten, verzier-

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ten Totenkronenbrettern erhalten, die einst nach alter Sitte im Kirchenraum an Verstorbene erinnerten. Außen am Turm sind Grabdenkmäler erhalten; an der Westseite für Sophia von Bosen »in Gott selich entschlafen beneben ihrem Sohnlein ihres Alters im 28 Jahr«, für Wichmann I. von Hake und dessen Tochter Maria sowie an der Südseite für eine weitere Tochter Wichmanns, Elisabeth von Hacke, für Ludwig III. von Hake und dessen Schwiegertochter Anna Margarethe von Hacke, geb. von Rochow. An der südlichen Außenseite der Kirche gibt es noch eine weitere Grabplatte für Johann Christian Zesch, der 1746 zum Feldprediger des durch Christoph Wilhelm von Kalkstein angeführten Infanterieregiments berufen worden war und von 1753 bis zu seinem Tod als Pfarrer in Berge wirkte. Eine Orgel errichtete der Bäckermeister und auto­ didaktische Orgelbauer Tobias Turley aus Treuenbrietzen 1815 mehr schlecht als recht. Der mit fünf zur Mitte aufsteigenden Pfeifenfeldern versehene Prospekt bietet noch ein barockes Erscheinungsbild. Seit 1938 befindet sich im alten Gehäuse ein pneumatisches Werk mit zwölf Registern auf zwei Manualen und ­Pedal von Karl und Hans-Joachim Schuke aus Potsdam (opus 172), das 2001 instand gesetzt wurde. Die beiden größeren von einst drei mittelalterlichen Bronzeglocken sind bis heute erhalten. Dagegen musste die kleinste Glocke mit der Inschrift »ave maria gracia« (Gegrüßet seist Du gnadenvolle Maria) 1912 umgegossen werden (Ø 64 cm) und fiel 1917 der Requirierung zum Opfer. Die große Glocke (Ø 121 cm) ist am Hals mit einer Perlschnur verziert, die 18 Medaillons zeigt. Dargestellt sind u.a. die Verkündigung Mariae und Szenen aus dem Leben, der Passion und der Auf­ erstehung Jesu. Die kleinere Glocke (Ø 99 cm) ist dagegen, abgesehen von zwei Profilkanten am Schlagring, völlig schmucklos.

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Betzin Evangelische Dorfkirche Evangelischer Pfarrsprengel Karwesee Kirchenkreis Nauen-Rathenow (Region III), EKBO Kirchenbau 1886/87 Am Südrand des Ländchens Bellin gelegen, wurde »Butsin« (von slawisch »bucina« = Buchenwald) 1294 erstmals urkundlich erwähnt. Es befand sich bis 1553 im Besitz des Bistums Havelberg, seitdem gehörte es zum Amt Fehrbellin. Zu einem Ortsteil von Fehrbellin wurde Betzin 2003. Über die früheren Dorfkirchen erfahren wir aus dem Protokoll des Bauführers Fraenkel zur Grundsteinlegung vom 23. August 1886: »Das erste Gotteshaus, welches wohl im ersten Jahrtausend nach Christus entstanden war, soll nach mündlicher Überlieferung im Jahre 1695 abgebrannt und darauf ein neues im einfachsten Fachwerkstile errichtet worden sein. Anfang dieses Jahrhunderts zeigte sich indessen das Gebäude schon baufällig, so daß an eine ausgedehnte Instandsetzung gedacht werden mußte. Ein Entwurf

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Quellen: BLHA Potsdam, Rep. 2 A II Westhavelland, Nr. 134, 135, 136, 137; BLHA Potsdam, Rep. 2, 2 Bauregister, Nr. 1394, 1395; BKD 1979, S. 203; Dehio 2000, S. 68; DKPB WHL 1913, S. 12 f.; Mehlhardt 1; Minke 1984, S. 85; Mit der Kleinbahn 1912; Schulte 2001, S. 353–355; Seemann 2008; Tutzschke 2004; Wolff 1920, S. 83.

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zum Umbau wurde 1834 von Zimmermeister Thür in Fehrbellin angefertigt, aber erst 1842 schritt man zur Ausführung desselben […].« Es folgte am 25. Februar 1884 der Entwurf des Kreisbaumeisters Heinrich von Lancizolle für einen Kirchenneubau, der vom Kreisbauinspektor Emil Gette in Potsdam nochmals überarbeitet wurde. Die Ausführungspläne vom 4. Mai 1885 revidierten der Regierungs- und Baurat Otto Lorenz und der Dezernent für Kirchenbau im preußischen Handelsministerium, Friedrich Adler. Am 1. April 1886 begann man, die neuromanische Kirche aus rotem Backstein auf dem schmalen Dorf­ anger zu bauen, wofür das Konsistorium im Januar 1887 eine Beihilfe von 10.000 Mark bewilligte. Der ­Bauplatz bedingte die von der üblichen Orientierung abweichende Ausrichtung des Altars nach Süden, wo sich der eingezogene Rechteckchor befindet. Da er überwölbt wurde, ist er mit Strebepfeilern versehen, während das Langhaus durch Lisenen in drei Joche unterteilt wurde. Über dem mit kleinen runden Fenstern versehenen Erdgeschoss läuft als Gurtgesims ein Deutsches Band um, in Emporenhöhe liegen große Rund­ bogenfenster. Der zu beiden Seiten von viertelzylin­ drischen, zweigeschossigen Anräumen (Bahrenkammer, Treppenturm) begleitete Glockenturm ragt vor der Nordfassade empor. Der Kirchenbaudezernent im preußischen Handelsministerium, der Geheime Oberbaurat Friedrich Adler berichtet: »Das Schiff hat eine Holzdecke mit sichtbarer Construction erhalten, die Apsis [Chor] ist mit einem Kreuzgewölbe überdeckt. Ebenfalls überwölbt ist der als Vorhalle dienende Erdgeschossraum des Thurmes. Die Kirche wurde in einfachen romanischen Formen aus Ziegeln erbaut, ihre innere Ausstattung ist sehr schlicht gehalten, die Kanzel von Eichenholz hergestellt, der Altar aus Ziegeln gemauert und mit Decken bekleidet, der Taufstein nach vorhandenem Muster aus gebranntem Thon von March in Charlottenburg bezogen. Die Altarnische hat einen reicheren Schmuck durch drei farbige Glasfenster erhalten, von welchen die beiden ersteren einfache Teppichmuster,

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Kirche Betzin, Entwurfszeichnung mit Korrekturen

das mitt­lere eine Rosette mit dem ›Ecce homo‹ zeigt.« Der expressionistische Eindruck ließ die Entstehungszeit dieses Glasgemäldes zweifelhaft erscheinen, ist ­jedoch durch das Zitat von Adler aus dem Jahr 1890 belegt. 2001 wurde die Darstellung mit dem dornengekrönten Haupt Jesu durch die Glasmalerin Tanja Schölzel in Berlin restauriert. Das Kirchendach wurde 2002 neu gedeckt. Zur weiteren Ausstattung gehört eine guss­eiserne Gedenktafel für die Gefallenen aus der Gemeinde in den Befreiungskriegen 1813–15. Den neubarocken Kronleuchter stifteten Pfarrer Albrecht Jungck und ­seine Frau 1909. Während es im Vorgängerbau keine Orgel gegeben hatte, erhielt die neue Kirche 1887 ein Instrument mit sechs Registern auf einem Manual und Pedal von Carl Eduard Gesell aus Potsdam, von dem die Prospektzeichnung erhalten ist. Es wurde jedoch 1977 während Renovierungsarbeiten abgebaut und ist nicht mehr vorhanden. Im Glockenturm hingen bis 1917 zwei barocke Bronzeglocken aus dem Vorgängerbau, die beide in Berlin

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gegossen wurden. Die größere (Ø 84 cm) fertigte Otto Ehlers 1706, die kleinere (Ø 58 cm) Johann Friedrich Thiele 1750. Die beiden heutigen Glocken wurden 1925 aus Eisenhartguss hergestellt. Quellen: BLHA Potsdam, Rep. 2 A II Osthavelland, Nr. 149, 150, 151, 152, 156; BLHA Potsdam, Rep. 2 A Regierung Potsdam, Karten Nr. 4418; Adler 1890, S. 541 f.; Bardey 1892, S. 435; BKD 1979, S. 220; Denkmaltopographie OPR 2003, S. 185–188; Elze, Betzin; Klauke/Martin 2003, S. 83; Schmidt 1917, S. 116; Seemann 2008; Wolff 1920, S. 59.

Böhne Evangelische Dorfkirche Evangelische Kirchengemeinde Milow Kirchenkreis Nauen-Rathenow (Region VIII), EKBO Kirchenbau 1838 Kirche Böhne von Süden

Erstmals urkundlich erwähnt wurde »Bone« im Jahr 1370. Es ist seit 2002 ein Ortsteil von Rathenow. Im 19. Jahrhundert wurde der Ort mehrmals von ­Katastrophen heimgesucht. 1829 bis 1831 war der ­Großteil der Feldmark durch das Hochwasser der ­Havel überschwemmt, Missernten waren die Folge. Noch schwerer traf es Böhne 1836, als am späten Abend des 28. August ein Feuer in der Scheune des Schmiedemeisters Ohst ausbrach. Innerhalb einer Dreiviertelstunde stand das Dorf in Flammen. Nahe­ zu alle Höfe, das Pfarrhaus, die Kirche und die Schule brannten ab. Verschont blieben die zwei Gutsgehöfte mit Gesindehaus, die Häuser des Mühlen-, Tischlerund eigenartigerweise auch des Schmiedemeisters, das unmittelbar neben der Scheune stand, von der alles ausgegangen war. König Friedrich Wilhelm III. und die Städte Berlin, Brandenburg, Magdeburg und Rathenow unterstützten die Bewohner mit zusammen 1.000 Talern. Beim Wiederaufbau wurden zwei breite, sich kreuzende Straßen angelegt. Schule und Pfarrhaus waren im Jahr 1837 wieder aufgebaut, danach folgte die Kirche. Das 1838 in schlichten neugotischen Formen als roter Backsteinbau errichtete Gotteshaus erhielt

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­ inen Westturm mit abgeschrägten Kanten und gee drungener Pyramidenspitze. Das flach gedeckte Innere umzieht an der N ­ ord-, West- und Südseite eine klassizistische Empore. Im Rahmen einer Renovierung anlässlich des 150. Kirchenjubiläums entfernte man 1988 den Kanzelaltar und verwendete Teile davon zu einem Predigtpult. Das beeindruckende große Altarkruzifix mit großer Christusgestalt entstammt einer katholischen Grabstelle. Die Orgel mit zehn Registern auf einem Manual und Pedal wurde 1839 von Friedrich Wilhelm Wäldner aus Halle/Saale erbaut und 2001 durch die Alexander Schuke Potsdam Orgelbau GmbH restauriert. Ihr klassizistischer Prospekt wird aus einem großen Mittelfeld und zwei flankierenden schmalen Pfeifenfeldern gebildet. Im Turm befindet sich heute ein dreistimmiges, 1870 vom Bochumer Verein gegossenes Stahlgussgeläut sowie ein 1839 hergestelltes mechanisches Uhrwerk.

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Quellen: BKD 1979, S. 403; Böhne 2000; Dehio 2000, S. 94; Borgmann/Sebastian 1994, S. 9; Seemann 2008.

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Börnicke Evangelische Dorfkirche Evangelische Kirchengemeinde Börnicke Kirchenkreis Nauen-Rathenow (Region IV), EKBO Kirchenbau im 15. Jahrhundert

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Der Ortsname des 1355 erstmals erwähnten, doch schon in der Bronzezeit besiedelten Dorfes Börnicke soll sich vom Östfälischen herleiten und »kleiner Brunnen« bedeuten, da man von einer Gründung durch Siedler aus dem Harzvorland ausgeht. Die Kirche inmitten des Dorfes ist ein spätgotischer Backsteinsaal aus dem 15. Jahrhundert, worauf der östliche Blendengiebel hinweist. Ein südlich angefügter, verputzter Vorbau ist wie wohl auch der verbretterte Dachturm mit Zeltdach im Westen um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden. Bei dieser Gelegenheit wurden die Fenster korbbogig vergrößert. Das Innere wird von einer flachen Decke mit umlaufender Voute überdeckt. Der mit der Inschrift »renovatum 1604« versehene Renaissance-Altar, dessen Retabel mit reichem Roll- und Beschlagwerk geschmückt ist,

Kirche Börnicke, Altarraum

wurde 1739 restauriert und farblich neu gefasst. Die Predella ziert die Szene der Taufe Jesu im Jordan, die stilistisch dem niederländischen Manierismus zuzuordnen ist. Darüber erscheint ein Gnadenstuhlrelief; seitlich rahmen zwei Säulenpaare Nischen mit den Skulpturen, die ebenso wie Statuetten der vier Evan­ gelisten vom früheren Altar aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts stammen. Er war einer Heiligen, vielleicht Maria, gewidmet und wurde 1604 »evangelisch« umgearbeitet. Dabei schuf man die Gottesmutter mit dem Jesusknaben durch Hinzufügung von zwei wei­ teren Kindergestalten zur Personifikation der Liebe (Caritas) um. Die assistierenden weiblichen Heiligen ließ man zu den vier Evangelisten werden, indem ihre Attribute durch Buch und Bart ersetzt wurden. Die Renaissance-Kanzel, ebenfalls um 1600 hergestellt, zeigt am polygonalen Corpus Bilder der Evangelisten zwischen Ecksäulen und an der Rückwand die Darstellung Christi als Weltenrichter. Auf der Westempore befindet sich die 1850 von Carl Ludwig Gesell aus Potsdam erbaute Orgel mit acht Registern auf einem Manual und Pedal. Im Turm hängt heute nur noch eine von einst drei Bronzeglocken. Zwei nach 1880 von Gustav Collier in Zehlendorf (Berlin) gegossene wurden 1917 für die Waffenproduktion beschlagnahmt. Die größte und äl-

Kirche Börnicke von Süden

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teste, noch heute im Turm befindliche Glocke (Ø 120 cm) wurde 1800 von Johann Friedrich Thiele in Berlin gegossen. Quellen: BLHA Potsdam, Rep. 2 A Karten, Nr. 4417; BLHA Potsdam, Rep. 2 A II Osthavelland, Nr. 165, 166, 167, 174; BKD 1979, S. 203; Dehio 2000, S. 96; Minke 1984, S. 17; Schmidt 1917, S. 152; Seemann 2008; Wolff 1920, S. 59.

Bötzow Evangelische Dorfkirche St. Nikolai Evangelische Kirchengemeinde Bötzow Kirchenkreis Nauen-Rathenow (Region IV), EKBO Kirchenbau im 15. Jahrhundert/Turmbau 1757 Mit der Fertigstellung des Schlosses für die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, Louise Henriette aus dem Hause Oranien, wurde die märkische Stadt Böt­ zow 1652 in Oranienburg umbenannt. Doch sollte der alte Ortsname nicht völlig untergehen. Kurfürst Friedrich III., der spätere erste preußische König, erwarb 1694 ein nicht weit entferntes Dorf, das 1355 erstmals als Cossebant [Cotzeband] erwähnt worden war. Nun erhielt es den Namen Bötzow. Seit 2002 gehört der bis dahin selbständige Ort zur neu gegründeten Gemeinde Oberkrämer. Mit dem Bau der Kirche dieses heutigen Bötzow, ­einem aus behauenen Feldsteinen errichteten Saalbau mit polygonalem Ostschluss und einem quadratischen Westturm, ist um 1380 begonnen worden. In der Südostwand ist eine spätgotische Sakramentsnische erhalten. Das Tragwerk des steilen, im Osten abgewalmten Kirchendaches konnte dendrochronologisch auf 1429 datiert werden. Vor dem Westgiebel ragte in ganzer Breite des Kirchenschiffes ein mächtiger, massiver Turm auf, der wohl eine respektable Spitze trug. Bis in das 17. Jahrhundert: »1632 d. 28. Juny entstand Nachmittags um 3 Uhr ein grosser Sturmwind, mit ­Regen u. Gewitter begleitet, welcher der Thurm zu

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Kirche Bötzow von Süden

­ ozeband umwarff u. viele Bäume aus der Erde riß.« K Der heutige Turmabschluss, bestehend aus einem hohlgeschweiften Zeltdach mit hoher, verbretterter Laterne, wurde 1757 aufgesetzt, wovon die Jahreszahl in der Wetterfahne kündet. Der Chronist Daniel Friedrich Schulze, Inspector [= Superintendent] an St. Nikolai in Spandau, überliefert auch einige Nachrichten über die zum Sprengel ­gehörenden Dörfer. Lucas Hieronymus Hasse, seit 1703 Prediger in Bötzow, war »ein eifriger Mann und der sich der Kirche und Kirchen Güter treulich angenommen, auch Pfarre und Kirche in bessere Verfassung gesezet. Bald nach seinem Anzuge wurde die Boe­ zowsche Kirche bis auf die untere Mauern heruntergerissen und theils durch Schenkung König Friedrich I, theils durch eine Anleihe, theils durch milde Beyträge Durchreisender wiederauferbauet, welches ohne Orgel, über 500 Thlr. kostete.« Bötzow lag bis zum Bau der Berlin–Hamburger Chaussee (der heutigen B 5) 1832 an der Poststraße Berlin–Aarhus. So wundert es nicht, dass außen an der Bötzower Kirche ein Inschriftgrabstein des Hamburger

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Kirche Bötzow, Wagner-Orgel

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Kaufmannes Johannes Christoph Grabe angebracht ist, der 1716 auf der Durchreise starb. Die kelchförmige Sandsteintaufe von 1579 mit Wappen und Diamantbossen an der Cupa ist eine Stiftung des Patrons Ludwig von der Groeben, seiner Mutter Ursula, geb. von Klitzing, seiner Ehefrau Anna, geb. von Oppen, und deren Mutter Katharina, geb. von Dhie­ren. Obwohl Ludwig von der Groeben in der Meseberger Kirche beigesetzt wurde, befindet sich im Bötzower Turmraum ein figürlicher Grabstein für ihn. Als man 1704 den Altar abbrach, fand man einen topf­ähnlichen, grünen Reliquienbehälter, in dem auch ein fast unleserliches Pergament der Weiheurkunde das Patrozinium der Kirche – St. Nikolaus – verriet. Bei den anschließenden Umbauten sind die Fenster ­barock überformt und vergrößert worden, der Innenraum erhielt eine geputzte flache Decke. Der 1706 errichtete Emporen-Kanzelaltar ist geschmückt mit weinlaubumrankten Säulen und spannungsvoll ausladendem Akanthusschmuck sowie einem Abendmahlsgemälde unter dem Corpus und einem Gemälde der Ausgießung des Heiligen Geistes an

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der Unterseite des kronenförmigen Schalldeckels, auf dem die von Strahlen umgebenen Initialen des königlichen Patrons »FR« (Fridericus Rex) erscheinen. Im Frühjahr 1931 begannen umfangreiche Restaurierungsarbeiten. Für den Einbau einer Warmluftheizung errichtete man an der Südseite einen Anbau aus Feldsteinmauerwerk, um das historische Bauwerk nicht zu beeinträchtigen. Auch wurden zwei in der Barockzeit zugemauerte gotische Chorfenster wieder freigelegt, zwischen denen man Engelfresken mit Spruchbändern fand. Unter der Tünche von 1704 fanden sich noch ­weitere Reste einer um 1430 entstandenen figürlichen Wandmalerei, die offenbar einst den ganzen Raum ­umzog. So sind Fragmente einer Marienkrönung, ein Bischof mit Krummstab und der Jünger Johannes zu erkennen. Die Wandbilder wurden von dem Kirchenmaler Robert Sandfort aufgefrischt, der auch den gesamten Kirchenraum mit einer ornamentalen farblichen Neufassung versah. Die hufeisenförmige Westempore auf toskanischen Säulen entstand 1740/42 zugleich mit der Orgel, vor welcher sie weit in den Raum vorschwingt. Das Instrument mit acht Registern auf einem Manual und Pedal wurde 1741/42 von Joachim Wagner für 300 Taler erbaut. Die am Gehäuse befindliche Jahreszahl 1743 betrifft die Vollendung der Farbfassung und Vergoldung. Im Verlauf der folgenden 100 Jahre kam es mehrfach zu Reparaturen. Eine erste Dispositionsänderung nahm Carl Ludwig Gesell aus Potsdam 1862 vor; in den 1920er Jahren folgten weitere. 1938 wurde die Orgel durch die Brüder Karl und Hans-Joachim Schuke instand gesetzt und dabei die ursprüngliche Disposi­ tion wiederhergestellt. Das Instrument befindet sich in einem guten, spielbaren Zustand, sollte jedoch in ­absehbarer Zeit denkmalgerecht restauriert werden. In Bötzow ist eines der wertvollsten Geläute der Mark Brandenburg zu finden. Es besteht aus vier Bronzeglocken: einer 1418 gegossenen (Ø 106 cm) mit der Inschrift: »o rex gl[ori]e veni cum pace. s. v. anno d. [omini] mccccviii in die visitationis marie orta.« (O ­König der Herrlichkeit, komm mit Frieden! s. v. Im Jahre des Herrn 1418 am Tage der Heimsuchung Marias

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