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MedGeschBd5.book Seite 2 Dienstag, 10. Februar 2004 12:27 12

Schriftenreihe zur Medizin-Geschichte des Landes Brandenburg, Bd. 5 Herausgegeben vom Landesamt f端r Soziales und Versorgung f端r die Landeskliniken Brandenburg/Havel, Eberswalde, L端bben und Teupitz sowie f端r die Ruppiner Kliniken GmbH


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Angelika Grimmberger Jens Fehlauer (Hg.)

Architektur und Psychiatrie im Wandel Beiträge zum Martin-Gropius-Bau der Landesklinik Eberswalde

be.bra wissenschaft verlag


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Herausgegeben in Verbindung mit der Brandenburgischen Historischen Kommission e.V., dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischem Landesmuseum sowie dem Schinkelzentrum der Technischen Universität Berlin.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2004 KulturBrauerei Haus S Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Redaktion des Bandes: Matthias Zimmermann Redaktion der Reihe: Kristina Hübener Umschlaggestaltung: hawemannundmosch, bureau für gestaltung, berlin Satz: Eleonora & Michael Haas, Berlin Schrift: Walbaum 9,5 pt, DIN Mittelschrift Druck und Bindung: Bosch-Druck GmbH, Ergolding

ISBN 3-937233-02-4 ISSN 1611-8456 www.bebraverlag.de


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Inhalt

Grußworte

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Vorwort

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Klaus Neitmann

Anstelle einer Einführung: Randbemerkungen zum Verhältnis von brandenburgischer Landesgeschichte und Medizingeschichte

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I. Architektur im Wandel Hans-Dieter Nägelke

Martin Philipp Gropius 1824–1880 Architekt zwischen Schinkelschule und Historismus Eva Börsch-Supan

Schinkels Architektur – Formensprache und Auswirkungen

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Jens Fehlauer

Theodor Goecke und die „Architectur socialer Wohlfahrts-Anstalten“ Die Erweiterungsbauten der Provinzial-Irrenanstalt Eberswalde (1905–1911) Roland Schneider

Denkmalgeschützte Bausubstanz und moderner Klinikbau

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Torsten Volkmann

Gärtnerische Anlagen und Freiflächengestaltung in den älteren Landesanstalten

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II. Psychiatrie im Wandel Christian Donalies

Persönliche Erinnerungen an die Landesanstalt Eberswalde 1936 bis 1952

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Bernd Eikelmann

Erinnerungen an die psychiatrische Zukunft. Aufgaben der stationären Psychiatrie gestern, heute und morgen

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Klaus-Jürgen Neumärker

Diagnostische und therapeutische Aspekte bei Essstörungen im Kindes- und Jugendalter

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Rainer Kortus

Gewalt gegen alte Menschen Die Würde des Menschen ist unantastbar

153

Jürgen Kummer/Ulrike Meier-Lieberoth

Das interdisziplinäre schlafmedizinische Zentrum der Landesklinik Eberswalde – Hoffnungsträger für Kinder und Erwachsene mit Schlafstörungen in unserer Region

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III. Anhang Abbildungsnachweis

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Autoren

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Matthias Platzeck

Grußwort

Als die komplett rekonstruierte Landesklinik wieder ihrer Bestimmung übergeben wurde, lag ein gutes Stück Arbeit hinter allen Beteiligten. Erfolgreiche Arbeit, wie man auf dem Gelände der Landesklinik selbst in Augenschein nehmen kann. Es war eine wirklich große Aufgabe, die von dem bedeutenden Architekten Martin Gropius entworfenen Gebäude der ehemaligen Provinizal-Irrenheilund Pflegeanstalt 140 Jahre nach ihrer Errichtung unter denkmalpflegerischen Aspekten wiederherzustellen und den Anforderungen moderner medizinischer Betreuung behutsam anzupassen. Doch das Werk ist gelungen, und der Kampf für Umbau statt Neubau hat sich gelohnt. Diese Erkenntnis wird in dem vorliegenden Band mit der Vielzahl hochinteressanter Beiträge noch einmal bekräftigt. Ich danke der Landesklinik ebenso wie der Brandenburgischen Historischen Kommission, dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum. Gemeinsam haben sie eine Tagung und – daraus hervorgegangen – ein Buch realisiert, das zum einen die architektonischen Besonderheiten der Anlage herausstellt und zum anderen auf die medizinische Bestimmung eingeht. Mögen von dieser Publikation nicht nur für die hier tätigen Mediziner, Schwestern und Pfleger bereichernde Information und vor allem Inspiration ausgehen! Matthias Platzeck Ministerpräsident des Landes Brandenburg

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Uwe Koch

Grußwort

Als Leiter des Referates für Denkmal- und Kulturschutz im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur war es für mich besonders erfreulich, an einer Tagung teilnehmen zu können, die sich einem besonders wichtigen Denkmal gewidmet hat, dessen Wiederherstellung in qualitativ herausragender Weise gelungen ist. Die nun vorliegende Publikationg zeigt, dass bedeutende Denkmale auch gemäß ihrer ursprünglichen funktionalen Bestimmung weiter für die Zukunft und den zeitgemäßen Anforderungen nutzbar gemacht werden können. Dem Bau der 1865 von Martin-Gropius fertiggestellten Provinzial-Irren- und Pflegeanstalt gebührt eine besondere architekturgeschichtliche Bedeutung. Die Wiedereröffnung dieser traditionsreichen Einrichtung als hochmodernes Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Neurologie ist ein Ereignis, bei dem sich erneut nachweisen lässt, dass sich Modernität und Denkmalschutz keinesfalls ausschließen. Die strengen Auflagen der Denkmalpflege waren sicher nicht immer leicht zu erfüllen. Das Ergebnis mithin überzeugt. Ein Erfolg gemeinsamer Anstrengungen der Architekten und der Denkmalpfleger, der es verdient, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Der Eberswalder Anstaltskomplex ist überdies nicht nur ein bedeutendes Zeugnis der Architekturgeschichte, sondern auch der Landesgeschichte. Er erinnert an das wichtige Engagement der kurmärkischen Stände für die Entwicklung der Fürsorge. Auf diese Bedeutungsebene geht auch das kürzlich erschienene Buch „Gropius in Eberswalde“ ausführlich ein. Besondere Verdienste beim Zustandekommen jenes Buches, der Tagung und auch dieser Veröffentlichung haben sich das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum sowie die Brandenburgische Historische Kommission e.V., insbesondere Frau Dr. Hübener, erworben. Ich wünsche dem Band viel Erfolg. Dr. Uwe Koch Referent für Referates für Denkmal- und Kulturschutz im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Land Brandenburg

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Vorwort

Medizinische Veröffentlichungen ebenso wie Abhandlungen über Architektur, Geschichte, Landschaftsbau etc. sind heute schon unüberschaubar; alljährlich findet eine große Anzahl von Vorträgen, Kongressen, Workshops und vieles mehr über die unterschiedlichsten Themen statt, und nicht zuletzt bieten Bibliotheken und Internet eine breite Palette von Informationen. Was ist das Besondere am vorliegenden Buch? Mit seinen Themenschwerpunkten Architekturgeschichte und Medizin ist es einem außergewöhnlichen Bauwerk und seiner Funktion gewidmet: der heutigen Landesklinik Eberswalde, einem Krankenhaus für Psychiatrie/Psychotherapie, Neurologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie. In den Jahren 1862 bis 1865 wurde unter Leitung des Architekten Martin Gropius die damalige Provinzial-Irren-Anstalt in Eberswalde errichtet – der erste Krankenhausbau des damals noch in dieser Hinsicht unerfahrenen, später durch weitere Krankenhausbauten und andere Projekte, wie dem Kunstgewerbemuseum in Berlin, bekannt gewordenen Architekten. Die Eberswalder Anlage ist als einzige der Anstalten im Land Brandenburg im Blocksystem errichtet und beeindruckt durch ihre großzügige, symmetrische Struktur mit Unterteilungen, Innenhöfen, Verbindungsgängen und vielen weiteren baulichen Besonderheiten. Aber nicht nur in architektonischer Hinsicht war die Klinik zum Zeitpunkt ihrer Errichtung bemerkenswert – die Hinzuziehung von drei Ärzten, darunter des späteren ersten Direktors der Anstalt Carl Moritz F. Sponholz, bereits in der Planungs- und Bauphase garantierte eine wohl durchdachte, vom damaligen fortschrittlichen Kenntnisstand der Psychiatrie und Krankenfürsorge bestimmte Funktionalität der Einrichtung mit Schaffung eines günstigen, die Genesung fördernden Heilklimas. In den folgenden Jahren der Nutzung wurden zahlreiche Erweiterungsbauten erforderlich, um die stetig wachsende Anzahl von Kranken, von denen viele chronische Leiden hatten, aufzunehmen. Fremdnutzungen erfolgten bereits während des Ersten, später auch während des Zweiten Weltkrieges und anschließend – bis 1994 – als Hospital der Roten Armee und der GUS-Truppen. Mit deren Abzug entstand die Verpflichtung, das unter Denkschmalschutz stehende Gebäude zu erhalten – was lag näher, als es seiner ursprünglichen Aufgabe, der Aufnahme und Heilung psychisch Kranker, wieder zuzuführen! Nach mehrjährigen aufwendigen Arbeiten war es nun im Herbst 2002 so weit: Der erste und zweite Bauabschnitt konnten ihrer Bestimmung übergeben werden. Die zwei Psychiatrischen und die Neurologische Klinik, die Psychiatrische Institutsambulanz, die Verwaltung und viele Funktionsbereiche sind in die neu gestalteten Räume eingezogen.

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Mit dem Symposium, das am 17. und 18. Oktober 2002 in Verbindung mit der Brandenburgischen Historischen Kommission e.V., dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalspflege und Archäologischen Landesmuseum und dem Schinkelzentrum der Technischen Universität Berlin stattfand, wollten wir die Bedeutung dieses Hauses als architektonisches Kleinod und gleichzeitig als modernes Krankenhaus mit seinen Aufgaben in der Patientenversorgung darstellen. Der erste Tag des Symposiums war historischen und denkmalpflegerischen Themen, insbesondere der Rolle des Architekten Martin Gropius gewidmet. Der zweite Symposiumstag begann mit einem sehr persönlichen Beitrag von Dr. Christian Donalies, der nicht nur über die Tätigkeit seines Vaters Dr. Gustav Donalies (Ärztlicher Direktor von 1948 bis 1961) berichtete, sondern auch viele ernsthafte und anekdotische Erinnerungen an die Zeit zwischen 1936 und 1952 einstreute. Der Tag nahm seinen Fortgang mit Beiträgen und Diskussionen über verschiedene Bereiche der Nervenheilkunde. Der vorliegende Band präsentiert die Beiträge des Symposiums, zahlreiche Abbildungen illustrieren sie. Der Text zum Schlaflabor an der Landesklinik Eberswalde mit seinen Aufgaben gibt einen Einblick in die Therapiemöglichkeiten des Hauses. Es wird damit eine sehr moderne Einrichtung für die Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen und mit dem Schlaf assoziierten Erkrankungen vorgestellt. Das Buch soll aber nicht nur das Symposium dokumentieren, sondern auch einen größeren Leserkreis mit Aspekten der baulichen und historischen Entwicklung von der „Irrenfürsorge“ zur modernen Nervenheilkunde bekannt machen. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern viel Freude bei der Lektüre. Eberswalde im Oktober 2003

Die Herausgeber

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Klaus Neitmann

Anstelle einer Einführung: Randbemerkungen zum Verhältnis von brandenburgischer Landesgeschichte und Medizingeschichte

Die Landesklinik Eberswalde bzw. ihr historischer Vorgänger, die 1865 eröffnete „Kurmärkische Provinzial-Irrenanstalt in Neustadt-Eberswalde“, ist ein Stück brandenburgischer Landesgeschichte und gehört damit zum Aufgabengebiet der Brandenburgischen Historischen Kommission. Dieser Satz klingt banal, geradezu nichtssagend, und doch steckt in ihm ein tieferer Sinn, deutet er doch die so andersartigen Verhältnisse und die größeren Zusammenhänge an, denen die Klinik einstmals ihre Entstehung und ihre langzeitige Förderung zu verdanken hatte. Der zweite Satzteil bedarf keiner langatmigen Erläuterung. Die Brandenburgische Historische Kommission, der Mitveranstalter der dem vorliegenden Sammelband voraufgegangenen Tagung, hat sich ein einziges Ziel gesetzt: sie will mit der Fachkompetenz ihrer Mitglieder, ausgewiesenen Vertretern der Geschichtswissenschaften und ihrer benachbarten Disziplinen, die brandenburgische Landesgeschichte mit wissenschaftlichen Methoden erforschen und durch die Darbietung ihrer Arbeitsergebnisse in Ausstellungen, Tagungen und vor allem Buchveröffentlichungen einem breiteren Publikum Kenntnisse über die mehr als tausendjährige Vergangenheit Brandenburgs vermitteln. Denn obwohl das Land Brandenburg unter aktuellen verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten derzeit als eines der so genannten neuen Bundesländer eingestuft ist, vermag es doch auf eine trotz mancher Brüche bemerkenswerte historische Kontinuität zurückzublicken, die mindestens bis ins 12. Jahrhundert reicht, bis zu Markgraf Albrecht dem Bären, der sich nach der erbrechtlich begründeten Inbesitznahme der Burg Brandenburg an der Havel im Jahre 1150 als erster Markgraf von Brandenburg nannte, oder die gar bis ins 10. Jahrhundert zurückgeht, bis zur Gründung des Bistums Brandenburg durch König Otto I. im Jahre 948. Daß es seit diesen Zeiten eine politische Einheit Brandenburg, wenn auch in wechselnden Grenzen und Formen, gegeben hat, läßt sich in vergleichbarer Weise von manchen Bindestrich-Ländern im Westen und Süden Deutschlands wahrlich nicht behaupten. Die Untersuchung und Darstellung dieser Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen und in all ihren Facetten und Gestaltungen hat sich die Historische Kommission zur dauernden Aufgabe gestellt. So mag der geneigte Leser wohl nicht mehr überrascht sein, wenn er erfährt, dass sich die Historischen Kommission durch die Mitwirkung an der Tagung und dem Tagungsband mit der Geschichte von Eberswalde, einer immerhin recht ansehnlichen märkischen Stadt, befasst hat. Aber, so mag er trotzdem skeptisch hinzufügen, lohnt sich denn die ausgedehnte historische Beschäftigung mit der „Provinzial-Irren-Anstalt“? Vermag denn die Geschichte eines Krankenhauses über dessen Angehörige hinaus allgemeinere Aufmerksamkeit anzuziehen? Ist

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die Anstalt, so möchte ich geradezu ketzerisch fragen, nicht allenfalls der Erwähnung in einer Fußnote der brandenburgischen Geschichte wert? Die Historie der Eberswalder Klinik kann mit unterschiedlichen Ansätzen betrachtet werden. Sie kann zuerst mit medizingeschichtlichem Interesse untersucht werden, indem nach den medizinischen Methoden und Therapien gefragt wird, die hier seit 1865 bis auf den heutigen Tag zur Pflege und Heilung der Kranken angewandt worden sind. Der uns Heutigen so spürbare, wenn auch nicht immer unumstrittene medizinische „Fortschritt“ macht bewusst, dass die Medizin, die Ärzte und ihre Arbeitsverfahren einem rapiden Wandel unterliegen, der in seinen Ursachen und Folgen im Mittelpunkt des an den Universitäten vertretenen Faches Medizingeschichte steht. So können Darstellungen aktueller medizinischer Behandlungsweisen sehr schnell durch neue Forschungen überholt werden und den Rang von Veröffentlichungen annehmen, von denen man sagt, sie hätten „rein historisches“ Interesse. Die Eberswalder Klinik kann zweitens mit architekturgeschichtlichem Interesse untersucht werden, indem nach den Krankenhausbauten, den ihnen zugrunde gelegten, in Zusammenhang mit der Zweckbestimmung bestehenden Bauprinzipien und ihrer bauhistorischen Einordnung gefragt wird. Der Bauwille orientiert sich in seiner Realisierung nicht nur an den vorgenommenen Zwecken, sondern berücksichtigt auch ästhetische Vorstellungen, so dass das Ergebnis unter Umständen auch als Kunstwerk gewürdigt und eines Tages unter die Baudenkmäler eingereiht werden kann. Beide Themenkomplexe werden in diesem Band wie schon in dem zuvor veröffentlichten reich illustrierten Werk „Gropius in Eberswalde“ ausführlich beschrieben. Die „Provinzial-Irren-Anstalt“ kann aber auch drittens mit einem politikoder verfassungsgeschichtlichen Interesse untersucht werden, indem nach dem Träger des Krankenhauses oder, etwas allgemeiner formuliert, nach der Zuständigkeit für Heil- und Pflegeanstalten gefragt wird. Damit stehen wir sogleich mitten in einem für die brandenburgische, ja weit darüber hinaus für die preußische Geschichte des 19. Jahrhunderts bedeutsamen Vorgang, in dem langen Ringen zwischen dem preußischen Staat und seiner Bürokratie mit den Ständen und der ständischen Selbstverwaltung. Die Eberswalder ProvinzialIrren-Anstalt von 1865 war ein Werk des „Kommunalständischen Verbandes der Kurmark“ bzw. seines obersten Organs, des Kurmärkischen Kommunallandtages. In ihm waren die die drei landtagsfähigen Stände, die Ritterschaft, die Städte und die Landgemeinden, vertreten, wobei das Übergewicht eindeutig bei der Ritterschaft, beim grundbesitzenden Adel lag, gegen dessen Willen auf Grund der Mehrheitsverhältnisse von den anderen beiden Stände, dem städtischen Bürgertum und der dörflichen Bauernschaft, keine Beschlüsse herbeigeführt werden konnten. Der Kommunalständische Verband setzte unter den geänderten Verfassungsverhältnissen seit 1806 /15 die Kurmärkische Landschaft fort, die ständische Institution, in der spätestens seit dem 16. Jahrhundert die kurmärkischen Stände, also die Immediatstädte, die unmittelbar der kurfürstlichen Aufsicht unterstellten Städte, und der geburtsständische Adel vereinigt waren und die gemeinsam mit dem Landesherrn über die öffentlichen Angelegenheiten des Territoriums verhandelten. Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse Brandenburgs bedingten, dass dabei stets der erste Stand, der Adel, den Ton angab.

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Zu den ständischen bzw. kommunalständischen Aufgaben gehörten in Brandenburg seit alters das Landarmen- und Korrigendenwesen, die Fürsorge für Geisteskranke, Taubstumme und Blinde, die Feuersozietät, Landesmeliorationen, Wohlfahrtsangelegenheiten, Verzinsung und Tilgung der Staatsschulden. Die frühneuzeitlichen Landschaften ebenso wie die Kommunalverbände des 19. Jahrhunderts vermochten dieses weite Aufgabenfeld nachdrücklich wahrzunehmen, weil sie über ein eigenes Besteuerungsrecht verfügten und mit den dadurch einkommenden finanziellen Mitteln eine eigene Verwaltung unterhielten. Wir erkennen also am Beispiel der Eberswalder Provinzial-Irren-Anstalt, dass die soziale Fürsorge im allgemeinen und die für Geisteskranke, Taubstumme und Blinde im besonderen nicht vom Staat, sondern von den adlig dominierten Ständen getragen wurde, daß die Stände in eigener Verantwortung und mit eigenen Mitteln, wenn auch in Zusammenarbeit mit der Staatsverwaltung und mit deren finanzieller Förderung, sich um Kommunalangelegenheiten und darunter auch um die Krankenpflege kümmerten. Obwohl der absolutistische preußische Staat im 17. und 18. Jahrhundert den politischen Einfluss der Stände auf die Zentrale stark beschnitt, vermochte er damals noch nicht in die ständisch geprägte regionale und lokale Welt einzudringen, da der Adel kraft seiner aus dem Mittelalter überkommenen Herrschaftsrechte und kraft seiner wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten der staatlichen Kompetenzausweitung unüberwindbare Schranken entgegensetzte. Erst seine weitere politische Zurückdrängung im 19. Jahrhundert nahm ihm seine bisherigen Tätigkeitsbereiche. Im Rahmen der liberalen Verwaltungsreformen der 1870er Jahre, die durch die Ausweitung der kommunalen Selbstverwaltung die politischen Mitspracherechte der bäuerlichen Landgemeinden und vor allem des städtischen Bürgertums nachdrücklich ausdehnen wollten, wurden die wesentlichen Aufgaben der bisherigen kommunalständischen Verbände ab 1878 dem neu gegründeten Provinzialverband der Provinz Brandenburg übertragen, darunter auch das Landarmenwesen und die Fürsorge für Geisteskranke, Taubstumme und Blinde. Unter endgültiger Aufgabe ständischer Organisationsprinzipien wurde der Provinzialverband nach Grundsätzen einer modernen Repräsentativverfassung mit gewählten gesetzgebenden, beschlussfassenden und vollziehenden Organen gestaltet und bot den aufstrebenden Kräften des Bürgertums und später der Arbeiterbewegung Entfaltungsmöglichkeiten. Er baute auf der Grundlage des Rechtes, eigene Provinzialabgaben auferlegen und selbständig Anleihen aufnehmen zu dürfen, eine eigene starke Kommunalverwaltung auf, die bis zu ihrem Ende 1945 auch die Trägerschaft über die Provinzial-Irren-Anstalten übernahm. Der Provinzialverband hat dann auf der kommunalen Ebene maßgeblich dazu beigetragen, dass in Brandenburg eine moderne Leistungsverwaltung entwickelt wurde, also eine Verwaltung, die als Antwort auf die durch die Industrialisierung aufgeworfene soziale Fragen sich die Daseinsfürsorge für die breiten einfachen Bevölkerungsschichten zur wesentlichen Aufgabe machte. Die Krankenhäuser des Provinzialverbandes bildeten dabei einen bedeutsamen Teil seines Fürsorgewesens. Kehren wir zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen, zur Klinik Eberswalde zurück. Die knappen Andeutungen beabsichtigten nur, darauf aufmerksam zu machen, dass eine Krankenhausgeschichte nicht eine Angelegenheit

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von abseitigen Spezialisten ist, sondern dass sie, wenn man nach den historischen Voraussetzungen fragt, in weite landesgeschichtliche Zusammenhänge hineinführt. Organisationsformen und Finanzierung von Krankenanstalten sind seit langem geradezu hochpolitische und damit auch in der langfristigen Betrachtung historische Themen. Wer sich innerhalb eines Gemeinwesens mit welchen Mitteln der sozialen Fürsorge und Wohlfahrt sowie der medizinischen Pflege und Heilung annimmt, hängt von dessen Verfassungsgefüge ab und ist nur durch die Analyse von dessen inneren Strukturen zu klären. Die ständische Selbstverwaltung und die ständischen Selbstverwaltungskörperschaften haben seit dem späten Mittelalter und in Resten bis ins 20. Jahrhundert hinein die Lebensbedingungen in der Mark Brandenburg nachhaltig geprägt, vor einer Zeit, in der der umfassende Eingriff der Staatsbürokratie in die gesellschaftliche Verhältnisse zum Alltagsleben gehört. Daran zu erinnern, dürfte gerade auch beim Rückblick auf die Geschichte der Landesklinik Eberswalde angebracht sein.

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I. Architektur im Wandel

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Hans-Dieter Nägelke

Martin Philipp Gropius 1824–1880 Architekt zwischen Schinkelschule und Historismus

Martin Gropius macht es der Architekturgeschichte nicht eben leicht. In den nur 25 Jahren seines baukünstlerischen Schaffens hat er über 100 Projekte bearbeitet und die allermeisten davon auch ausführen können – vielfach, wie auch in Eberswalde, zählen dazu nicht nur Einzelbauten, sondern ganze Bautenensembles. Jedoch hat sich von diesem stattlichen und vielfältigen Werk nur das Wenigste erhalten. Seine Villen und Innendekorationen sind vollständig verloren, seine Zweckbauten – in der Hauptsache Krankenhäuser und wissenschaftliche Institute – ebenfalls vielfach zerstört oder durch spätere Umbauten und Ergänzungen schwer beeinträchtigt. Seine Monumentalbauten schließlich, die Kieler Universität, das Leipziger Gewandhaus und das Berliner Kunstgewerbemuseum, wurden Opfer des Krieges und sind bis auf das Letztgenannte nicht wieder aufgebaut worden. Kaum anders verhält es sich mit seinem Nachlass. Es gibt kaum Originalzeichnungen und schon gar nicht solche, die uns detailliert über das allmähliche Werden und Sich-Verändern eines Projekts Auskunft geben könnten. Seine Skizzenbücher sind schwer zu entschlüsseln, sie verzichten auf jede Erläuterung und sind nur vage in den Zusammenhang seiner Bauprojekte zu bringen. Darüber hinaus haben sich nur wenige Selbstzeugnisse von ihm erhalten: Einige Briefe seiner Hand lassen seine Persönlichkeit mehr erahnen, denn erfassen.1 Auch architekturtheoretisch schließlich hat er sich kaum geäußert, zwar hat er die meisten seiner Entwürfe publiziert, jedoch selten auch kommentiert.2 Martin Philipp Gropius wurde am 11. August 1824 in Berlin geboren – geboren in jene Phase vor der Restauration, die von einer kraftvollen Emanzipation des Berliner Bürgertums, von regem intellektuellem und künstlerischem Austausch und gewerblichem Aufschwung geprägt war. Mittendrin die Familie Gropius: Martins Vater Johann Carl Christian hatte 1811 die Gabain’sche Seidenfabrik übernommen und stand persönlich wie auch als Produzent von Seidentapeten in engem Kontakt zu Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) und Christian Wilhelm Peter Beuth (1781–1853). Martins 30 Jahre älterer Cousin Carl Wilhelm Gropius (1793–1870) betrieb mit Unterstützung seines Bruders Ferdinand (1796–1830) das so genannte Diorama in der Georgenstraße, jenes berühmte Ausstellungslokal, in dem großformatige, bewegte und dramatisch beleuchtete Panoramen unter anderem nach Entwür1 Der größere Teil seines zeichnerischen Nachlasses befindet sich in der Plansammlung der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin, weitere Skizzenbücher im Archiv Baukunst der Akademie der Künste Berlin. Zur Übersicht der Quellen vgl. Manfred Klinkott, Martin Gropius und die Berliner Schule, Diss. ing., Berlin 1971, S.203f. 2 Zumeist in der Zeitschrift für Bauwesen, wo Gropius z.B. die Eberswalder Heilanstalt 19 (1869) oder das Friedrichshainer Krankenhaus 25 (1875s) behandelte, sich dabei aber auf technische Fragen beschränkte.

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fen Schinkels ihre begeisterten Betrachter in ferne Welten versetzten. George Gropius (1802–42) schließlich, ein weiterer Cousin, besorgte als Verleger und Buchhändler einen wesentlichen Teil der kunstgewerblichen, architektonischen und künstlerischen Publikationen dieser Zeit.3 Es war mithin weniger eine Künstlerfamilie, denn eine Familie von Vermittlern zwischen Kunst und Gewerbe, zwischen Schaffenden und Publikum. Das bürgerliche Ethos des Kaufmanns hatte hohen Stellenwert, und so lag es nahe, dass auch der junge Martin zunächst eine gewerbliche Karriere einschlagen sollte, um später die Manufaktur seines Vaters zu übernehmen. Der geeignete Weg dahin führte über das 1821 ins Leben gerufene Gewerbeinstitut, jener der Bauakademie parallelen und 1879 mit ihr zur Technischen Hochschule vereinigten Ausbildungsanstalt, die von ihrem Gründer Peter Beuth als Instrument zur Gewerbeförderung auf hohem künstlerischen und wissenschaftlichen Niveau geschaffen worden war.4 Gleichwohl Gropius in seinem 1843 dort begonnenem Studium sicherlich wichtige Prägungen sowohl in kunstgewerblicher als auch in technischer und kaufmännischer Hinsicht erhielt, mochte er sich mit der Aussicht auf ein Leben als Fabrikant nicht recht anfreunden. Vielleicht nicht zuletzt unter dem Einfluss seines langjährigen Zeichenlehrers Carl Gottlieb Wilhelm Boetticher (1806–99) drängte es ihn vielmehr, die Seiten zu wechseln und nicht mehr nur Künstlerisches zu vermitteln, sondern selbst schaffend tätig zu sein. 1846 konnte er seinen Vater überzeugen, das Gewerbeinstitut verlassen zu dürfen, um stattdessen an der Allgemeinen Bauschule (der späteren Bauakademie) Architektur zu studieren. Dies war zweifellos ein mühevoller und entbehrungsreicher Weg, der, von einer strengen Studienordnung reglementiert, neben der theoretischen Ausbildung im 1836 eröffneten Gebäude Karl Friedrich Schinkels auch zwei lange Praktika als Feldmesser und als Bauführer umfasste und der mit harten Prüfungen von einer rigiden Auslese geprägt war.5 Unterbrochen von seinem Militärdienst 1848 schloss Gropius sein Studium erst 1855 ab, konnte nun, als 31jähriger, jedoch auf eine Ausbildung zurückblicken, die mit Gewerbe und Kunstgewerbe, Architektur und Bauingenieurwesen an Breite kaum zu übertreffen war. Neben dem sicherlich zu veranschlagenden Unternehmerstolz seiner Familie war es wohl dieses Generalistentum, das Gropius seinen weiteren Weg nicht im Staatsdienst, sondern als Privatarchitekt suchen ließ.6 Doch trat noch eine zweite Komponente hinzu, die einerseits seinen langen Ausbildungsweg verstehen hilft, andererseits aber den Zugang zu seinen künstlerischen Positionen erst eröffnet: Ein außerordentlich starkes Interesse nicht nur an den 3 Zur Familie vgl. Irmgard Wirth, Die Familie Gropius: Carl Wilhelm und Martin Gropius in Berlin, Berlin 1970; sowie als genealogische Übersicht Richard Gropius, Genealogie der Familie Gropius, 2. Aufl., Görlitz 1919. Zu Leben und Werk außer Klinkott, Martin Gropius, auch die zeitgenössischen Darstellungen von Johann Eduard Jacobsthal, Martin Gropius, in: Deutsche Bauzeitung 15 (1881), S.313ff., Peter Wallé, Martin Gropius, in: Der Baumeister 2 (1904), S.49ff. sowie Hans Schliepmann, Martin Gropius und seine Bedeutung für Architektur und Kunstgewerbe, Berlin 1892. 4 Vgl. Helmut Reihlen, Christian Peter Beuth, Berlin 1992. 5 Zur Ausbildung an der Bauakademie s. Hans Joachim Wefeld, Preußens erste Bauschule, in: 1799–1999. Von der Bauakademie zur Technischen Universität Berlin – Geschichte und Zukunft, Berlin 2000, S.64–74. 6 Manfred Klinkott, Martin Gropius, S.41f.

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praktischen Fragen von Architektur und Kunstgewerbe, sondern auch an deren theoretischer Fundierung. Den Schlüssel dafür liefert Carl Boetticher, der nicht nur seit Gropius’ achtem Lebensjahr dessen Zeichenlehrer war, sondern ihn als Lehrer an Gewerbeinstitut und Bauakademie weiterhin begleitete und dessen Assistent Gropius schließlich ab 1856 werden sollte. Schinkels Tod 1841 hatte in Berlin eine empfindliche Lücke hinterlassen. Person und Werk blieben omnipräsent, doch war es Schinkel zeitlebens nicht gelungen, die Summe seiner künstlerischen Anschauungen, sein Ringen mit historischer Form und zweckmäßiger Gestaltung, mit Material und Konstruktion zu einer geschlossenen Architekturtheorie zusammenzufassen. Seine zahlreichen Versuche zu einem, wie er es nannte, „Architektonischen Lehrbuch“ sind alle Fragment geblieben.7 Dieses Vakuum eines Lehrbuches im Sinne einer gleichermaßen praktischen wie theoretischen Anleitung zur Architektur konnte und wollte Carl Boetticher nicht füllen. Was er anstrebte, war der Versuch, die im 19. Jahrhundert immer wieder gestellte Frage „In welchem Stile sollen wir bauen?“8 nicht mehr inhaltlich, also im Sinne einer gesellschaftlichen oder politischen Bedeutungsaussage, z.B. der griechischen Antike oder der Gotik für die Gegenwart zu beantworten, sondern vielmehr das architektonische Ornament als Stilträger aus seiner geschichtlichen Bindung zu lösen und als unmittelbaren Ausdruck der konstruktiven Verhältnisse zu bewerten. Sein Kerngedanke war, dass sowohl der antike Steinbalkenbau als auch der mittelalterliche Bogenbau Dekorationsformen herausgebildet hätten, die keine reinen Schmuckformen, sondern eng aus den funktionalen und strukturellen Bedingungen ihrer Gebäude begründet seien. Folgerichtig sei es Grundlage für die Architektur der Gegenwart, den historischen Zusammenhang von Struktur und Ornament zu erkennen, und, gewissermaßen universalgesetzlich, für die Gegenwart neu zu beleben. Boetticher verstand das Ornament als spezifischen Ausdruck des „Tragens und Stützens“, des „sich Erhebenden, Absenkenden und frei Endenden“, und folgerichtig bezog er die Dekoration als „Kunstform“ unmittelbar auf die „Kernform“ als „das mechanisch nothwendige, das statisch fungirende Schema“9 zurück. Besonderes Gewicht hatten dabei die sogenannten „Junkturen“, also jene Verbindungen zwischen strukturell unterschiedlichen Baugliedern, die wie Säulenkapitelle oder Gesimse den Übergang zwischen tragenden und lastenden Elementen besonders deutlich zeigen sollten.

7 Zum architektonischen Lehrbuch Goerd Peschken, Das architektonische Lehrbuch (= Karl Friedrich Schinkel Lebenswerk, Bd. 14), München 1979; sowie jüngst: Andreas Haus, Schinkel als Künstler, München und Berlin 2001, S.339ff. 8 Die erstmals 1828 von Heinrich Hübsch als Buchtitel gewählte Frage durchzieht leitmotivisch zahllose Schriften des neunzehnten Jahrhunderts: Vgl. Michael Brix und Monika Steinhauser (Hrsg.), „Geschichte allein ist zeitgemäß“ – Historismus in Deutschland, Lahn-Gießen 1973, insbes. S.93–105 und vor allem Wolfgang Herrmann, In What Style Should We Build? The German Debate on Architectural Style, Santa Monica 1992, S.4ff. 9 Carl Boetticher, Tektonik der Hellenen, Bd. 1, Potsdam 1844, S.XIVf.

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MedGeschBd5.book Seite 20 Dienstag, 10. Februar 2004 12:27 12

Ausgangspunkt war dabei immer der griechische Tempel. Bei Boetticher angefertigte Studienarbeiten, wie ein um 1852 entstandenes Blatt Martin Gropius’10, zeigen neben der archäologischen Wiedergabe dabei immer auch die aktuelle Interpretation – die Farbigkeit im Diskurs der gerade wiederentdeckten Polychromie der griechischen Antike, aber eben auch die interpretierende Rekonstruktion der Einzelformen unter Aspekten tektonischer Vorstellungen. Boettichers Theorie blieb, was ihren schriftlichen Niederschlag anging, insofern unvollendet, als dass er seiner zweibändigen, 1844 und 1852 veröffentlichten „Tektonik der Hellenen“ den ursprünglich von ihm angedachten Band über die Tektonik der mittelalterlichen Bauformen nicht mehr folgen ließ.11 Gerade weil es jedoch bei dieser Beschränkung blieb, bot Boettichers Lehre der Berliner Schinkelnachfolge einen gewissen Halt, begründete sie doch nicht zuletzt das Festhalten am Klassizismus. Als formales Regelwerk oder gar als Ornamentfibel missverstanden, hatte sie tatsächlich nicht geringen Anteil an der bisweilen spröden und schematischen Erscheinung der preußischen Architektur der fünfziger und sechziger Jahre – der Sache nach ungerecht, aber eben doch nicht ganz zu Unrecht konnte Boettichers akademisches Werk deshalb schon mal als „Grammatik für untalentierte Architekten“ bespöttelt werden.12 Wo Boetticher jedoch verstanden wurde, bargen seine Ideen einiges Potenzial – und kaum einer hatte ihn so tief verstanden wie sein Schüler Martin Gropius. Bereits seine kunstgewerblichen Entwürfe (Abb.1)13 zeigen, wie sehr der Architekt darum bemüht war, die Gestalt als Spiegel von Funktion und – selbst bei einem einfachen Gefäß – von Statik zu entwickeln: Der stützende Fuß erhält ein Profil, dessen gestauchte Wülste analog zu einem architektonischen Sockel zugleich das Auflasten des Gefäßes ausdrücken. Der breite, gurtartige Ring ist selbst nicht Teil des Gefäßes und muss deshalb sichtbar, durch die spangenartigen Widderköpfe und die Wappenschilde als „Heftsymbole“ mit ihm verbunden werden. Der Rand schließlich lastet wiederum auf, wird durch ein schmales Profil vorbereitet, um selbst aber durch das umlaufende Band aufragender Blattornamente als leicht und aufstrebend charakterisiert zu werden. Jedes Detail hat einen aus der Funktion entwickelten Sinn, Dekoration um ihrer selbst Willen hat in Gropius’ Ornamentverständnis keinen Platz. Umso mehr muss dies für die Architektur gelten. Nachdem Gropius (wohl nicht zuletzt wegen seiner dekorativen Fähigkeiten) noch während des Studiums am Ausbau von Schloss Albrechtsberg bei Dresden mitgearbeitet und nach seiner Baumeisterprüfung ab 1855 den Bau der vom inzwischen verstorbenen August Soller entworfenen Berliner Michaelskirche geleitet hatte, entwarf er

10 Vgl. Wilmuth Arenhövel (Hrsg.), Berlin und die Antike: Architektur, Kunstgewerbe, Malerei, Skulptur, Theater u. Wissenschaft vom 16. Jahrhundert bis heute. Ausstellung aus Anlaß des 150jährigen Bestehens des Deutschen Archäologischen Instituts, Berlin 1979, Katalogband, nach S.304. 11 Manfred Klinkott, Die Berliner Backstein- und Terrakottaarchitektur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: architectura 5 (1975), S.171. 12 So das Urteil von Alfred Woltmann, Die Baugeschichte Berlins bis auf die Gegenwart, Berlin 1872, S. 289ff. 13 Technische Universität Berlin, Plansammlung der Universitätsbibliothek, Skizzenbuch Martin Gropius, ohne Inv. Nr.

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