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Roland Weixlgartner und Achim Zeilmann

Drehort Wien Wo berĂźhmte Filme entstanden

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Für Elke, Sophie und Nina, Sou-Yen, Min-Oh und Yuni

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © edition q im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2011 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Ingrid Kirschey-Feix, Berlin Umschlag: Hauke Sturm, Berlin, unter Verwendung von Fotos aus den Filmen »Die drei Musketiere«, »Scorpio«, »Klimt« (alle Cinetext), »Die Flucht der weißen Hengste« (Walt Disney Productions) und Josef Hader in »Komm süßer Tod« (Peter Domenigg/filmstills.at) Satzbild: typegerecht, Berlin Schrift: Stempel Garamond 9/11,8 pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-86124-643-5

www.bebraverlag.de

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Inhalt Vorwort9 Stumm und laut Drehort 1: Favoriten – Kurpark Oberlaa in »Sodom und Gomorrha – Die Legende von Sünde und Strafe«

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Provokation und Vision Drehort 2: Stadtpalais Liechtenstein in »Stadt ohne Juden«

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Weltgeschichte im Separee Drehort 3: Hotel Sacher in »Hotel Sacher«

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Politik im Dreivierteltakt Drehort 4: Theater an der Wien in »Wiener Blut«

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Showdown in der Unterwelt Drehort 5: Abwasserkanal in »Der Dritte Mann« 

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Science Fiction und Propaganda Drehort 6: Grinzing in »1. April 2000«

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Parallelwelten Drehort 7: Schloss Schönbrunn in »Sissi«

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Operation Cowboy Drehort 8: Spanische Hofreitschule in »Die Flucht der weißen Hengste«

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Widerstand und Versöhnung Drehort 9: Stephansdom, Erzbischöfliches Palais in »Der Kardinal«

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Im Spiel bleiben ist alles Drehort 10: Karlsplatz in »Scorpio«

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Spaß mit Freud Drehort 11: Freudhaus, Berggasse 19, in »Kein Koks für Sherlock Holmes«

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Kommissar gibt’s kaan Drehort 12: Naschmarkt/Wienzeilenhäuser in »Kottan ermittelt«

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Austrian Amok Drehort 13: Prater in »Exit – Nur keine Panik«

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Lenin in Wien Drehort 14: Wiener U-Bahn in »Firefox«

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Fremde Heimat Drehort 15: Kartographisches Institut/Hamerlingplatz in »Welcome Vienna«

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Müllers Büro ist überall Drehort 16: 5. Bezirk Margareten in »Müllers Büro«

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Ost-West-Connection Drehort 17: Volksoper in »Der Hauch des Todes – James Bond 007«

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Dumas meets Disney Drehort 18: Hofburg (Burggarten und Ephesos-Museum) in »Die drei Musketiere«

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Die Liebe einer Nacht Drehort 19: Riesenrad im Prater in »Before Sunrise«

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Engel und Oaschloch Drehort 20: Gonzagagasse 17/19 in »Die Ameisenstraße«

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Die wilden neunziger Jahre Drehort 21: Gasometer in »Tempo«160 Liebe im Gipsbett Drehort 22: Hernals und Frauenfelderstraße in »Komm süßer Tod«

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Schöner Wohnen Drehort 23: Franzensburg (Laxenburg) in »Die Gottesanbeterin«

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Lust und Hiebe Drehort 24: Konzerthaus in »Die Klavierspielerin«

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Traumwelten Drehort 25: Café Central (Palais Ferstel) in »Klimt«188 Mei Bier is ned deppert Drehort 26: Gemeindebau (Großfeldsiedlung) in »Echte Wiener«  Anhang Karte, Anmerkungen, Filmografie, Danksagung, Quellen, Personenregister, Die Autoren

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Vorwort Wiens Filmgeschichte beginnt mit einer Frau. Louise Kolm, geborene Veltee, spätere Fleck, saß an den Schalthebeln der gerade erst entstehenden Filmindustrie und gilt heute als zweite Filmregisseurin der Welt überhaupt. Veltee, Tochter eines Feuerwerkers, war 1873 in Wien in die Welt des Spektakels hineingeboren worden.[1] Ihr Vater hatte umgesattelt und zeigte in seinem Stadtpanoptikum am Kohlmarkt schon 1896 erste kurze Filme – ein offenbar prägendes Erlebnis. Sie heiratete den Fotografen Anton Kolm und begann mit ihm Filme zu drehen. 1908 schrieb sie ihr erstes Drehbuch, 1910 gründete sie mit ihrem Gatten die »Erste österreichische Kinofilm-Industrie«, später »Wiener Kunstfilm-Industrie«. 1911 führte sie erstmals Regie beim kurzen Spielfilm »Die Glückspuppe«, 1919 gründete sie mit ihrem Mann die Rosenhügel-Studios. 1922 heiratete sie nach dem frühen Tod ihres Gatten ihren langjährigen Kameramann Jakob Fleck. Bis heute ist nicht ganz klar, wie viele Drehbücher Louise KolmFleck verfasst hat, wie oft sie im Regiesessel saß (je nach Zählung 53oder 83-mal) oder wie oft sie als Produzentin verantwortlich zeichnete. Die meisten ihrer Werke sind verschollen, die frühen Dokumentationen ebenso wie ihre Spielfilme, zum Beispiel ihre Victor-Hugo-Verfilmung »Der König amüsiert sich« (Rigoletto), ein für die damalige Zeit ungemein opulentes Kostümdrama. Um die Kosten gering zu halten, investierte man zwar in die Ausstattung der Darsteller, aber nicht in Kulissen, sondern suchte sich lieber reale Drehorte im neogotischen Rathaus an der Ringstraße. Leider sind davon nur noch einzelne Fotos erhalten. Das Filmemachen in Wien hat also eine lange Tradition, es hat zwei Kriege und viele Krisen überstanden und erlebt seit einiger Zeit dank eigener Erzählstimmen, Oscar-Würden und Kritiker-Lobe wieder beachtlichen Aufschwung. Der Prunk der Kaiserstadt, der Schwung der Walzerseligkeit neben den Idyllen der »kleinen Leute« boten immer ein breites Spektrum an Motiven – genau wie der ewige Mythos von Wien als Stadt der Liebe. Schon früh waren Wiener Filmemacher auf dem Sprung nach Hollywood und immer gab es einen regen Austausch mit dem Ausland. Fast scheint es, als wären alle schon einmal in Wien gewesen: Ursula Andress, Timothy Dalton, Julie Delpy, Cathe9

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rine Deneuve, Walt Disney, Clint Eastwood, John Malkovich, Robert Taylor, Orson Welles. Laurence Olivier suchte hier bei Bruno Ganz nach Hitler-Klonen (»The Boys from Brazil«), Peter Sellars mimte am Franziskanerplatz den »Gefangenen von Zenda«, Fred Zinnemann ließ seinen Profikiller »Der Schakal« im Prater seine Auftraggeber treffen. Über lange Zeit war die Wiener Filmbranche mit ihren Studios am Rosenhügel, in Sievering und Schönbrunn gut ausgelastet, auch wenn die Kritiker nach dem Krieg durch ein langes Jammertal alberner Komödien und Heimatfilme gehen mussten. Der Publikumsgeschmack verlangte Nachschub und Wien lieferte – immer wieder unterbrochen von unerwarteten Ausreißern, die sich dem Neorealismus oder dem Film Noir verpflichtet fühlten. Wer anfängt nach den besten, wichtigsten und spannendsten Filmen mit Drehort Wien zu suchen, landet schnell bei 70 und mehr Filmen, die zu sehen lohnt. Neben großen Wienklassikern auch viele zu Unrecht vergessene Werke. Zu viele für dieses Buch und oft schmerzt der Abschied von einem Film aus der Vorauswahl, der aus verschiedenen Gründen nicht passt: Mal gibt es Überschneidungen, weil zu viele Filme am gleichen Drehort spielen, ein anderes Mal fehlen Quellen oder Zeitzeugen. Manches in der Stadt ist heute so nicht mehr zu finden oder Wien als Drehort im Film überhaupt nicht erkennbar. »Drehort Wien« nimmt die Leser mit auf eine Reise durch die Geschichte dieser Stadt, gesehen durch die Augen der Leute vor und hinter der Kamera in beinah 90 Jahren Filmgeschichte in Wien. München und Berlin, im August 2011 Roland Weixlgartner und Achim Zeilmann

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Drehort 1

Favoriten – Kurpark Oberlaa

Stumm und laut »Sodom und Gomorrha – Die Legende von Sünde und Strafe« (A 1922) von Michael Kertesz alias Michael Curtiz

Wie stellt man sich eine Filmstadt vor? Riesige Studiohallen und am besten gleich mehrere davon? Wer am Laaer Berg den Schildern »Filmstadt« folgt, landet an zwei kleinen idyllisch gelegenen Seen, mitten im Wald … und hat sich trotzdem nicht verlaufen! Die Filmstadt gibt es nicht mehr. Lediglich einige grüne Wegweiser erinnern daran, dass hier einige der teuersten und technisch aufwändigsten Filme ihrer Zeit gedreht wurden. Das war Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In Favoriten, dem 10. Wiener »Hieb« (Bezirk) herrschte bittere Armut. Im Mittelalter als Hinrichtungsstätte genutzt, begann die Besiedlung Ende des 18. Jahrhunderts mit Friedhöfen und Industrieanlagen, vornehmlich Ziegeleien am Wiener und Laaer Berg, wo ausgedehnte Abbauflächen zur Verfügung standen. Dies sollte die dicht bebaute Innenstadt vor Verschmutzung, Bränden und Seuchen schützen. 1874 wurde schließlich die »Favoriten« genannte Siedlung als erster Bezirk außerhalb des Linienwalls eingemeindet. Er war über das Favoriten Tor am heutigen Südtiroler Platz erreichbar. Da es Arbeit gab, wurden auch Arbeiter vor allem aus Böhmen angezogen, die dort unter erbärmlichsten Umständen hausten – der Ausdruck »Ziegelböhm« erinnert noch daran. Die meisten von ihnen kehrten nach dem Ersten Weltkrieg in die Tschechoslowakei zurück, aber die Ziegelteiche blieben.[1] Wenige Jahre später sollten ein tschechischer Adeliger und die Ziegelteiche eine wichtige Rolle in der Geschichte des österreichischen Films spielen. 11

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Favoriten – Kurpark Oberlaa Drehort 1

Filminhalt »Sodom und Gomorrha« Die junge Mary (Lucy Doraine) verlässt ihren Geliebten, den Bildhauer Harry (Curt Ehrle), um sich mit dem reichen Bankier Harber (Georg Reimers) zu verloben. Vor der Hochzeit lernt sie dessen Sohn Eduard (Walter Slezak) kennen und verabredet sich mit ihm. Als sie nachts auf ihn wartet, träumt sie, dass Eduard aus Eifersucht seinen Vater ermordet und sie mit ihm gemeinsam zum Tode verurteilt wird. In ihrer Schuld-und-Sühne-Vision sieht sie sich als Lia, die Frau des Sodomiters Lot. In einem Tempel nimmt sie an einer Orgie teil und wird selbst zur Priesterin. Auch in Gestalt der tyrannischen Königin von Syrien tritt sie auf. Lia verrät den Engel, der sie und Lot vor der Zerstörung Sodoms retten soll. Als sie beim Verlassen der Stadt den Blick zurückwendet, erstarrt sie zur Salzsäule. An dieser Stelle erwacht Mary aus ihrem Alptraum und kehrt geläutert zu ihrer ursprünglichen Liebe Harry zurück. Der Graf Alexander Joseph Graf Kolowrat-Krakowsky, Rufname Sascha, wurde am 19. Januar 1886 in Glen Ridge, NJ, USA geboren. Dort lebte sein Vater Leopold nach damaligen Gepflogenheiten im Exil: Dessen Vater hatte einen Grafen Auersperg im Duell erschossen.[2] »Sascha« Kolowrat studierte in Belgien und hatte 1909 in Paris erste Kontakte zur Kinematographie und zu Automobilen. Beide Themen sollten ihn sein Leben lang verfolgen. Noch im gleichen Jahr verband er diese Leidenschaften und drehte als einen seiner ersten Filme ein Autorennen am Semmering. Nach dem Tod seines Vaters 1910 erbte er unter anderem Palais in Prag und Wien sowie 21 Kirchen und erlangte so finanzielle Unabhängigkeit. In seinem Erb-Schloss Groß Meierhöfen in Pfraumberg, dem heutigen tschechischen Přimda gründete Kolowrat wenig später die Sascha-Film-Fabrik und ein Filmlaboratorium. 1912 übersiedelte er mit seiner Firma nach Wien. Seine Filmgesellschaft war eines der ersten Unternehmen dieser Art in Österreich. Eine österreichische Filmwirtschaft gab es noch nicht – Konkurrenz machte ihm nur die »Wiener Kunstfilm«, die unter verschiedenen Namen seit 1910 tätig war. Nach Filmen wie »Die Gewinnung des Eisens am steirischen Erzberg in Eisenerz« eroberte Sascha Kolowrat mit Propagandafilmen im 12

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»Sodom und Gomorrha«: Monumental-Dreharbeiten am Laaer Berg

Weltkrieg 1914 bis 1918 die führende Position in der österreichischen Filmindustrie.[3] Nach dessen Ende war er Präsident der Sascha-Film, die inzwischen als Aktiengesellschaft firmierte. Gemeinsam mit Ferdinand Porsche frönte er seinem zweiten Hobby und entwickelte in der Wiener Neustadt den Sascha Daimler Wagen. Auf einer USA-Reise beeindruckte ihn D. W. Griffiths aufwändiger Monumentalfilm »Intolerance« so sehr, dass er beschloss mit ebensolchen Filmen die Welt zu erobern und Amerika Konkurrenz zu machen. Als Regisseur verpflichtete er den jungen Ungarn Mihály Kertesz, der später als Michael Curtiz in Hollywood Karriere machen sollte. Gemeinsam drehten sie am Laaer Berg die damals teuerste Produktion Europas. »Gestotten, Sie sind mir vorgeschwebt« Wer gegen halb zwölf nachts in der Wiener Sacherbar am Opernring sitzt, einen Scotch mit Soda trinkt und mit obigem Satz todernst und in ungarischem Akzent angesprochen wird, tut gut daran, an der geistigen Verfassung seines Gegenübers zu zweifeln. Walter Slezak, dem Sohn des Wiener Opernsängers Leo Slezak, der von sich behauptete das Bild eines blasierten, eleganten Lebemannes darzustellen, passiert 13

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Favoriten – Kurpark Oberlaa Drehort 1

dies im Jahre 1920. Er muss – laut eigener Aussage – »sehr blöd drein geschaut haben«, worauf sein Gesprächspartner fortfährt: »Bitte verstehen Sie – Sie sind meine Vision!« Sein Gegenüber ist der prominente, aus Ungarn geflüchtete Regisseur, der sich jetzt Michael Kertecz nennt, mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Lucy Doraine. »Was für Beruf sind Sie?«, fragt K ­ ertecz weiter und quittiert Slezaks Antwort »Bankier« mit einem: »Also, das ist nicht gut, bittaschön«. Trotzdem findet sich Walter Slezak zwei Tage später im Sascha-Filmatelier in Wien Sievering zu Probeaufnahmen wieder und erhält einen Vertrag, in dem er 14-mal soviel im Monat verdient wie ein Bankangestellter.[4] Die genauen Kosten von »Sodom und Gomorrha« lassen sich heute auf Grund der damaligen Inflation nur schwer ermitteln. Von 1920 bis 1922 dauert die gesamte Produktion. Über 12.000 Personen sind zeitweise an den Dreharbeiten beteiligt. Gewaltige Bauwerke werden aus Holz und Pappe erstellt. Für die Bewohner von Favoriten erweisen sich die Dreharbeiten als Glücksfall, da täglich einige Hundert – bei Massenszenen einige Tausend – als Statisten, Handwerker und anderweitig in Lohn und Brot kommen. Die Dreharbeiten zu »Sodom und Gomorrha« stehen jedoch unter keinem guten Stern. Am Morgen, an dem das große Finale – die Zerstörung des Tempels der Astarte – gedreht werden soll, hat ein stürmischer Nordwind das gigantische Gebäude aus Holz, Gips und bemalter Leinwand in eine Trümmerwüste zerlegt. Das bedeutet, dass es erst wieder aufgebaut werden muss, um die Zerstörung – geplant war eine Sprengung – auf Zelluloid bannen zu können. So werden zunächst die Innenaufnahmen abgeschlossen und die Außenaufnahmen auf das Frühjahr verschoben, bis der Tempel der Astarte wieder aufgebaut werden kann. Dies bedeutet wiederum, dass jeder, der in diesem Film schon fotografiert worden ist, angefleht wird, weder zu- noch abzunehmen und – wenn möglich – auch gesund und am Leben zu bleiben. Vor allem bedeutet dies für die Schauspieler dreißig Wochen volles Gehalt, um sich für die Fortsetzung der Dreharbeiten bereit zu halten. Der Kunstfeuerwerker und andere Unfälle Ein anderer Risikofaktor ist der für Rauch, Wolken, Explosionen, Kanonenschüsse und Feuerwerk zuständige Otto Kannenmacher.[5] Er hat zwar lange Erfahrung und ist ein ruhiger, geradezu phlegmatischer 14

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Der Tempel der Astarte: Holz, Gips und bemalte Leinwand, 64 Meter hoch

Mann. Andererseits fehlen ihm an seiner linken Hand drei Finger und an seiner rechten zwei ganze und zwei halbe, ebenso ein Teil seiner Nase. Dies mag, ebenso wie seine Gewohnheit, mit brennender Zigarre ins Pulvermagazin zu gehen, zu Lucy Doraines Vorsicht beigetragen haben. Vorsicht, die ihr und Walter Slezak das Leben retten sollte. Geplant ist eine kleine Flutwelle im Filmteich, die das Floß mit den beiden Hauptdarstellern darauf umstürzt. Lucy allerdings besteht darauf die Welle erst einmal zu sehen. Auch ihr genervter und ungarisch fluchender Gatte, der sich mit Fäusten gegen die Stirn schlägt und schließlich Unfreundlichkeiten gegen sein Eheweib röchelt, kann sie ebenso wenig von einer Probe abbringen, 15

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Favoriten – Kurpark Oberlaa Drehort 1

wie der Pyrotechniker Kannenmacher, der in breitem Berlinerisch versucht, Lucy Doraine zu beschwichtigen: »Na, wissen Se, da is ja nüscht dabei … ein bisken Schwarzpulver … und det Floß wird sich sachte uff die Seite legen.« Schließlich wird das Floß mit Sandsäcken statt der Schauspieler beladen und über den See gezogen. Als der Sprengmeister den Hebel umlegt, steigt eine 50 Meter hohe Stichflamme in die Höhe, gefolgt von einer 100 Meter hohen Fontäne und einem unvorstellbar lauten Explosionsgeräusch. Im Anschluss daran regnet es eine Minute lang Kleinholz, das einmal ein Floß war, und nasse Erde. Kannenmacher tut verwundert: »Nee, det is aber ulkig, … ick globe ick hab statt Schwarzpulver Ekrasit genommen.« Bis heute halten sich auch Gerüchte, bei den Aufnahmen vom Einsturz des Tempels habe es mehrere Tote gegeben. Zum Glück waren es aber nur leicht Verletzte. Weitere Sprengungen durften danach nicht in Wien durchgeführt werden. So wurde auf dem steirischen Erzberg gedreht – und auch hier unterschätzte Otto Kannenmacher die Kraft seiner Sprengstoffe. 19 Komparsen, die in vermeintlich sicherer Position verharrten, wurden zum Teil schwer verletzt. Im anschließenden Gerichtsprozess wurde Michael Kertecz freigesprochen und Otto Kannenmacher zu zehn Tagen Arrest und 500.000 Kronen Geldstrafe verurteilt. Dies entsprach im Zuge der Inflation in etwa dem halben Preis eines Herrenanzugs. Die verletzten Arbeiter, die sich einen Zivilprozess um Schmerzensgeld und Verdienstausfall nicht leisten konnten, wurden mit einem Bettel abgespeist.[6] Der fertige Film dauerte drei Stunden und hatte acht Handlungsebenen. In der 1987 restaurierten Fassung sind davon noch ca. eineinhalb Stunden und drei Ebenen erhalten. Auf Grund der Überlänge waren die Kinos gezwungen, doppelten Eintrittspreis zu verlangen. Dies und die komplexe Handlung mögen dazu beigetragen haben, dass der Film ein wirtschaftliches Fiasko wurde. Auch der internationale Erfolg blieb aus. Die englische Version »The Queen of Sin« lief in großer Aufmachung mit eigenem Orchester im New Yorker Lyric Theatre, wurde aber nach zwei Wochen und 20.000 Dollar (500 Millionen Mark) Verlust wieder abgesetzt.[7] Mit der »Sklavenkönigin« und Arthur Schnitzlers »Der junge Medardus« sollten noch weitere Monumentalfilme am Laaer Berg mit Sascha Kowlorat und Michael Kertecz folgen. Schon während der Dreharbei­ 16

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Reste der Filmstadt: ein künstlicher Ziegelteich

ten zu »Sodom und Gomorrha« fanden Verhandlungen um die Verfilmung des »Medardus« zwischen der Sascha-Film und Arthur Schnitzler statt. Er stand dem neuen Medium mit Faszination, aber auch mit Skepsis gegenüber. Nach einem Besuch bei den Dreharbeiten am 31. Mai 1922 schrieb er: »Eine sonderbare Welt. Phantastik, Energie, Hochstapelei, Fleiß, Verschmiertheit, Zeitvertrödelung, Parvenuetum … und dabei immer wieder Elemente von Kunst und Industrialismus, die Respekt einflößen.«[8] Schnitzler ließ sich überzeugen, »Der junge Medardus« feierte 1923 seine Premiere. Was bleibt? Sascha Kowlorat blieb bis zu seinem Krebstod 1927 in Wien Präsident der Sascha-Film. Michael Kertecz ließ sich nach den Dreharbeiten von Lucy Doraine scheiden und emigrierte nach Hollywood. Unter dem Namen Michael Curtiz wurde er einer der erfolgreichsten Regisseure der 30er und 40er Jahre. Für »Casablanca« erhielt er einen Oscar. Lucy Doraine, die ebenfalls in die USA emigrierte, ereilte das Schicksal vieler ausländischer Stummfilmstars – mit ihrem Akzent war sie in der Ton17

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Favoriten – Kurpark Oberlaa Drehort 1

filmära nicht mehr gefragt. Sie starb 1989 in Los Angeles. Leo Slezak wurde ein gefragter Schauspieler in Hollywood. Auch für Willi Forst begann mit »Sodom und Gomorrha« eine lange, erfolgreiche Karriere. Kameramann Gustav Ucicky, ein unehelicher Sohn des Malers Gustav Klimt, hatte Erfolg als Regisseur von Propagandafilmen im Zweiten Weltkrieg und von seichten Unterhaltungsfilmen nach dem Krieg. Er starb 1961 in Hamburg, bei Dreharbeiten mit Wolfgang Liebeneiner. Der Laaer Berg wurde 1974 für die internationale Gartenschau neu konzipiert. Zwei künstliche »Ziegelteiche« erinnern noch an den Dreh­ ort und die Geschichte der Filmstadt. Jedes Jahr im August findet das Open Air »Stumm & Laut – Filmfest am Laaer Berg« statt. Highlight ist stets die Aufführung von »Sodom und Gomorrha«, das somit am Original-Drehort gezeigt wird. Zur Premiere im Jahr 2000 konnte sogar noch eine 85-jährige ehemalige Statistin teilnehmen.[9]

Weitere Drehorte: Naturhistorisches Museum, Palmenhaus Schönbrunn, Lainzer Tiergarten, Laxenburg, Atelier Sievering, Erzberg (Steiermark) Die DVD zum Film ist in der Edition »Der österreichische Film« der Zeitung »Der Standard« als #124 erschienen und vom Hoanzl Verleih herausgegeben worden.

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Info: Man erreicht den Kurpark Oberlaa und die »Filmstadt« mit der U1 bis Reumannplatz, dann umsteigen in die Tram 67 (Haltestelle Oberlaa) oder in den Autobus 68A (Haltestelle Filmteichstraße).

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Stadtpalais Liechtenstein

Drehort 2 Provokation und Vision »Die Stadt ohne Juden« (A 1924) von Hans-Karl Breslauer

Viele Filme geraten in Vergessenheit, manche werden zufällig wieder entdeckt und erst dann wird ihre Bedeutung klar – nicht dank der künstlerischen Form, sondern wegen der inhaltlichen Ebene. Die Realität holte die Fiktion auf erschreckende Weise ein. Der Autor der Buchvorlage, Hugo Bettauer, wurde 1872 als Sohn jüdischer Eltern in Baden bei Wien geboren. Ein Jahr später kam es zum Zusammenbruch der Wiener Börse, dem sogenannten »Gründerkrach«. Verschwörungstheorien führten in der Folge zur Ausbreitung von antisemitischem Gedankengut – eine Periode anti-jüdischer Hetze begann in Österreich. [1] Bettauer besuchte in dieser Zeit in Wien die Schule, riss aber mit 16 Jahren von zu Hause aus, wurde in Nordafrika aufgegriffen und nach Hause abgeschoben, meldete sich freiwillig zum Militär, aus dem er kurz darauf desertierte, um 1890 in die USA zu fliehen. Dort erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. In der Ferne erfuhr er, dass der Wiener Gemeinderat und spätere Bürgermeister von Wien, Karl Lueger, 1893 die österreichische Christlichsoziale Partei (CS) gründete. Die CS verknüpfte, gestützt auf das kleine und mittlere Bürgertum, reformerische Ziele mit antisemitischen und antiliberalen Parolen. Die neue Bewegung schränkte jüdische Beschäftigte in den Künsten, der Presse, der Anwaltschaft und im Ärztestand sowie im Handel massiv ein. Um die Jahrhundertwende kehrte Bettauer nach Europa zurück. Er arbeitete zunächst als Journalist in Berlin, wurde aber wegen seiner Artikel über Korruptionsfälle unter Beamten und Polizisten als unerwünschter Ausländer aus Preußen ausgewiesen. Daraufhin ging 19

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Stadtpalais Liechtenstein Drehort 2

Filminhalt »Stadt ohne Juden« In der Republik Utopia demonstrieren die Menschen auf den Straßen. Es herrschen Inflation und Arbeitslosigkeit, der Wert der Kronen-Währung fällt ins Bodenlose. Die Schuldigen sind schnell gefunden: Antisemitische Politiker wie der Rat Bernart (Hans Moser) geben den Juden die Schuld und erwirken ein Gesetz zur Zwangsausweisung. Trotzdem geht es wirtschaftlich weiter bergab, auch das kulturelle Leben verarmt. Ausgewiesen wird auch Leo Strakosch (Johannes Riemann), der mit Lotte (Anna Milety), der Tochter des liberalen Politikers Linder (Karl Thema) liiert ist. Er flieht nach Paris und kehrt unter falscher Identität als Henry Du­fresne wieder zurück. Während der Bundeskanzler (Eugen Neufeld) seine Entscheidung, die Juden zu vertreiben, längst bereut, demonstrieren die Menschen erneut. Die Meinung macht die Runde, mit dem Rauswurf der Juden sei auch der Wohlstand verbannt worden. Der Bundeskanzler will das Gesetz zurücknehmen, braucht dazu allerdings eine Zweidrittelmehrheit im Rat. Obwohl er die Liberalen schon auf seiner Seite hat, fehlt noch eine einzige Stimme. Am Tag der Entscheidung schleicht sich Leo deshalb in die Wohnung von Rat Bernart, verstellt dessen Uhr, macht ihn betrunken und lässt ihn ins Grüne chauffieren, während einstweilen das Parlament ohne Bernart tagt. Das Judengesetz fällt, die Krone steigt, die ersten Juden kommen zurück nach Utopia und werden herzlich begrüßt. Leo kann Lotte heiraten. Rat Bernart kommt in eine Nervenheilanstalt und phantasiert davon, ein Zionist zu sein. Bettauer nach München, wo er einige Zeit als einer der »Elf Scharfrichter« beim berühmten Kabarett gleichen Namens mitwirkte, ehe er 1904 wieder in die USA emigrierte. Erst 1910 – nach einer Amnestie des Kaisers – kehrte er nach Österreich zurück. Er arbeitete für verschiedene Zeitungen, zunächst in Graz, dann in Wien.[2] Während und nach dem Ersten Weltkrieg fanden antisemitische Agitatoren ein beliebtes Ziel in jenen jüdischen Einwanderern, die vor allem aus den ehemals österreichischen Provinzen Galizien und Bukovina nach Wien gespült wurden – den traditionell gekleideten, Bart tragenden und Jiddisch sprechenden Armen. Der Antisemitismus fand Eingang in die politischen Programme der österreichischen Volkspar20

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teien. Viele Studentenverbindungen, Berufsgenossenschaften, Kammern und andere Organisationen begannen de facto Juden auszuschließen. Anti-Immigrations-Politik – zumeist gegen Juden aus Osteuropa gerichtet – wurde in der Nachkriegsperiode und in den frühen 20er Jahren zum Dauerthema. Dies wiederum bereitete den Boden für weitaus drastischere Maßnahmen gegen sie.[3] Ein »harmloser« Roman? In diesem geistigen Umfeld veröffentlichte Hugo Bettauer »spielerische Gedanken, was Wien wäre und wie es sich entwickeln würde, wenn die Juden tatsächlich der höflichen Einladung (z. B: ›Hinaus mit den Juden‹) folgen und die Stadt verlassen würden«. Das Ergebnis war ein Roman mit dem Titel »Die Stadt ohne Juden«, der 1922 veröffentlicht wurde. Der Autor selbst beschrieb es als ein »kurzweiliges Buch«, »eine Sammlung von Entwürfen, die durch eine harmlose Romanerzählung verbunden sind«.[4] »Harmlos« allerdings war grob untertrieben, da der Autor grundsätzlich keiner Kontroverse aus dem Weg ging. Bettauers Geschichte traf genau den aktuellen politischen, sozialen und kulturellen Nerv im Wien seiner Zeit. »Die Stadt ohne Juden« wurde mit einer Auflage von über 250.000 Exemplaren das erfolgreichste Werk unter Bettauers 20 Romanen, die er zwischen 1920 und 1924 veröffentlichte. Der österreichische Film hingegen befand sich 1924 in einer schwierigen Situation. Während auf dem Höhepunkt der Inflation 1921 und 1922 im Schnitt an die 70 abendfüllende, teils sehr aufwändige Filme (siehe Drehort 1) produziert wurden, verringerte sich der Produktionsausstoß auf Grund von Geldknappheit und hohen Zinsen bis 1924 auf 15 und 1925 auf nur fünf Filme. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Regisseure selbst um die Finanzierung kümmern mussten. Nichts kam da gelegener, als eine erfolgreiche literarische Vorlage, um private Investoren zu überzeugen.[5] So erwarb der junge Wiener Regisseur Hans-Karl Breslauer, der bereits für die Sascha-Film gearbeitet hatte, Mitte 1923 die Filmrechte an dem Buch. Gemeinsam mit seiner Drehbuchautorin Ida Jenbach entschärfte er viele kontroverse Elemente und verlagerte die Handlung von der österreichischen Kapitale in die »sagenhafte Republik Utopia«. Sämtliche Bezüge zu realen Parteien und Politikern wurden verfremdet, der Bezug zur Realität war aber für Zeitgenossen leicht erkennbar. 21

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Stadtpalais Liechtenstein Drehort 2

»Stadt ohne Juden«: Massendemonstration – Vorwegnahme der realen Ereignisse

Breslauer und Jenbach rückten die Liebesgeschichte zwischen einem jüdischen Kunstmaler und der Tochter eines gemäßigten Abgeordneten in den Mittelpunkt und veränderten auch den dramaturgischen Aufbau. Die Vertreibung der Juden ist im Film nur ein Traum des antisemitischen Abgeordneten Rat Bernart, der in einer expressionistischen Irrenanstalt-Szene endet und ihn läutert. Dieser Rat Bernart wird vom großen österreichischen Charakterschauspieler Hans Moser verkörpert. Dies war übrigens die erste von vielen Filmrollen, die ihn in Österreich und Deutschland populär werden ließen. So populär, dass es die Nationalsozialisten später nicht wagten, gegen ihn vorzugehen, und ihm auch in der Ära von Zwangsscheidungen und Deportationen erlaubten, die Ehe mit seiner jüdischen Frau weiterzuführen. Moser spielte nie wieder einen Antisemiten und trat auch in keinem antisemitischen Film auf, wie es im Dritten Reich gang und gäbe war. Agent provocateur Als Breslauers Film sich seiner Fertigstellung näherte, hatte der Autor Bettauer längst ein neues provokantes Thema ausgemacht. Er gab eine Zeitschrift mit erotischen Erzählungen, sexualwissenschaftlichen 22

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Palais Liechtenstein: Ein vergessenes Juwel wird restauriert und wiederbelebt

und sozialpolitischen Artikeln heraus, in denen er gegen die sexuelle Heuchelei zu Felde zog und mehr Rechte für Frauen forderte. In den Tageszeitungen wurde Bettauer deshalb zu einem »sexuellen Dämon« stilisiert, zum »Mörder von Tausenden zarten Jugendseelen«. Bettauer wurde in manchen Kreisen eine verhasste Figur. Rufe nach »Lynchjustiz gegen den Schänder unseres Volkes« wurden immer lauter. Vermutlich um den aktuellen Medienrummel von Bettauers »Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik« zu nutzen, hatte der Film gegen den Willen Breslauers schon am 25. Juli 1924 Premiere, zwei Monate früher als geplant. Dabei kamen technisch sehr schlechte Kopien in die Kinos, in denen die Betreiber noch dazu allzu »dunkle Stellen« – ohne Rücksicht auf die Dramaturgie – herausschnitten. Der Film fand nur wenig Resonanz, die Kritiken waren schlecht und reichten von »jüdisches Tendenzschauspiel« und langatmiges Sujet [6] bis »rein filmmäßig miserabel« und »dilettantische Regie«.[7] Es kommt auch zum Zerwürfnis zwischen Bettauer und Breslauer. Dem Film bleibt der Erfolg des Buches versagt. Die Aufführungen waren zum Teil von Krawallen begleitet: Natio­ nalsozialisten warfen Stinkbomben in die Kinosäle. In Linz wurde 23

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Stadtpalais Liechtenstein Drehort 2

die Aufführung kurzerhand verboten. Am 10. März 1925 schoss der Wiener Nationalsozialist Otto Rothstock auf Hugo Bettauer, der am 26. März seinen Verletzungen erlag. Rothstock hatte nach eigenen Angaben beschlossen, Bettauer »zum Schutze seiner Volks- und Altersgenossen aus dieser Welt in eine andere zu drängen«.[8] Er wurde nach der Tat von NS-nahen Anwälten und Freunden unterstützt. Das Gericht veranlasste die Einweisung des Attentäters in eine psychiatrische Klinik, die er nach 18 Monaten als freier Mann verließ. Mit Bettauer starb einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Weitere sechs Romane von ihm wurden zwischen 1922 und 1928 verfilmt, darunter 1926 »Die freudlose Gasse« in der Regie von G.W. Pabst. Diese Geschichte spielte zwar ebenfalls in Wien, wurde jedoch komplett in Berliner Ateliers verfilmt. Fast vergessene Juwelen »Stadt ohne Juden« wurde noch einmal 1933 im Amsterdamer Theater Carré als Zeichen gegen Hitlerdeutschland gezeigt. Diese Kopie ist vermutlich jene, die 1991 im Nederlands Filmmuseum entdeckt und später restauriert wurde. Am 25. Juli 2001 – genau 77 Jahre nach der Uraufführung – hatte der Film in Graz erneut »Premiere«. Heute ist der Film ein beklemmendes Zeitzeugnis, das die grausame Realität der Judenverfolgung vorwegnimmt. Trotz dramaturgischer Schwächen ist er ein beinahe vergessenes Filmjuwel. Breslauer verzichtet in seinem Film, der im Winter 1923/24 gedreht wird, auf sämtliche Hinweise zur Stadt Wien. So existiert z. B. der Tempel nicht in der Realität, sondern wird nur als Kulisse errichtet. Die ­Außenaufnahmen finden zwischen dem Burgtheater und dem Stadtpalais Liechtenstein statt, wo der Volksgarten im Hintergrund eine neu­trale urbane Landschaft bietet, auch wenn gelegentlich der Rathausturm zwi­schen den Bäumen zu erkennen ist, auch die Rückansicht des Burgtheaters. Das Stadtpalais mit dessen Bau 1691 begonnen und das als Residenz konzipiert worden war, bot auch Platz für die Präsentation der schon damals umfangreichen Sammlungen des Fürstenhauses. An der Frontseite schuf der italienische Baumeister Domenico Martinelli das erste monumentale Barockportal Wiens. 1836 bis 1847 wurde das Palais im Stil des »Zweiten Rokoko« umgestaltet und erhielt prachtvolle Parkettböden. Berühmt war das Haus im 19. Jahrhundert auch wegen 24

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seiner technischen Raffinessen. Es verfügte u. a. über eine Aufzuganlage über vier Stockwerke hinweg, eine hausinterne Sprechanlage mit »Correspondenzschläuchen« aus Kautschuk und Seide sowie mit Elfenbeinmundstücken und über eine Heißluftheizung. Laut zeitgenössischer Beschreibungen konnte man mit einem Federdruck sämtliche Fenster einer Gassenfront öffnen. Diese Einrichtungen waren sehr reparaturanfällig; laufend waren Handwerker und Künstler mit Instandsetzungsarbeiten beschäftigt, weshalb das Palais im Volksmund auch »Künstlerversorgungshaus« genannt wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Palais schwer in Mitleidenschaft gezogen. Es wird derzeit für 80 Millionen Euro renoviert und soll Ende 2012 als Museum und Veranstaltungsfläche eröffnet werden. Mit seinen barocken Stuckdecken und dem üppigen Neo-Rokoko-Interieur ist es ein vergessenes Baujuwel in der Wiener Innenstadt.[9] Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Karl-Lueger-Ring genau am gegenüberliegenden Ende des Burgtheaters beginnt …

Weitere Drehorte: Löwelgasse

Die DVD zum Film ist in der Edition »Der österreichische Film« von der Zeitung »Der Standard« als #119 herausgekommen und bei Hoanzl erschienen.

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Info: Das gleichnamige Buch ist sowohl antiquarisch als auch in zwei Neuauflagen von 1996 und 2008 erhältlich – oder über das Projekt Gutenberg kostenlos online verfügbar (http://gutenberg.spiegel.de).

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Hotel Sacher

Drehort 3 Weltgeschichte im Separee »Hotel Sacher« (D 1938/39) von Erich Engel

Es gibt nur wenige Hotels auf der Welt, die auch als Synonym für ihre Stadt stehen: das Waldorf-Astoria für New York, das Adlon für Berlin, das Savoy für London – oder das Sacher für Wien. Hier wurde getafelt, gefeiert und immer auch ein bisschen Politik gemacht. Von Anfang an vereinte dieses Hotel Wiener Schmäh und Grandeur zugleich, Gemütlichkeit und Großzügigkeit – eben all das, was man gemeinhin mit der alten Kaiserstadt verbindet. Einem indischen Maharadscha wird der Ausspruch zugeschrieben: »Um das herrliche Wien zu verstehen, muss man den Stefansturm und Schönbrunn gesehen, im Hotel Sacher aber gespeist haben.«[1] Dabei ist die Eröffnung des Hotels Sacher letztlich einer jener schönen Zufälle der Geschichte, denn ohne die Torte hätte es das Hotel vermutlich nie gegeben. Anno 1832 erfand Gründer Franz Sacher seine heute weltberühmte Spezialität, die original Sacher-Torte. Der Hauslegende nach musste er als Kochlehrling am Hof des Fürsten Metternich für den erkrankten Küchenchef einspringen und ein Dessert für eine illustre Gästetafel kreieren. Die schokoladenschwere Torte mit dem Sahnehäubchen anbei wurde ein Renner. Das geheime Rezept mit seinen 36 Arbeitsschritten wird seitdem von Generation zu Generation im Hause Sacher weitergegeben. Mit dem nötigen Startkapital in Form von Rezept und Renommee machte sich Sacher selbstständig und eröffnete 1848 einen Feinkostladen. Sein geschäftstüchtiger Sohn Eduard Sacher galt schon als »vornehmster Gaumenschmeichler Wiens« und war bereits k. u. k.-Hoflieferant, als er 1876 sein Hotel an der Stelle des abgerissenen Kärtnertortheaters eröffnete. Gleich hinter der Hof26

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Filminhalt »Hotel Sacher« Silvesternacht 1913/14, Wiener Hotel Sacher: Es wird ausgelassen gefeiert, auch wenn die politische Stimmung am Vorabend des Ersten Weltkriegs aufgeheizt ist. Die rüstige Chefin Anna Sacher (Hedwig Bleibtreu) regiert ihr Haus mit Wiener Gelassenheit und resoluter Hand: »Schauen Sie, unser altes Österreich ist wie ein Hotel. So viele Zimmer, so viele verschiedene Völker. Und alles bequem unter einem Dach.« Delegationen aus Frankreich und Russland haben Separees reserviert, Wiener Honoratioren politisieren im Hinterzimmer und dazu fordert die Kriminalpolizei ihre Kooperation: »Nur eine kleine Überwachung, Frau Sacher!« Die Chefin bittet um Diskretion: »Wenn in meinem Haus etwas passiert, weiß es morgen ganz Wien und übermorgen ganz Österreich.« Die Ermittler fangen den Beamten Stefan Schefczuk (Willy Birgel) ab, der verdächtigt wird, ein russischer Spion zu sein. Schefczuk ist Slawe, aber überzeugter Österreicher und möchte noch an diesem Abend seine Unschuld beweisen. Dabei läuft ihm Nadja Woroneff (Sibylle Schmitz) in die Arme, jene Agentin, die ihn liebt und zugleich verraten hat. Inmitten der Feiergesellschaft, die sich in Ränkespielen und Sticheleien über den Vielvölkerstaat ergeht, versuchen sich beide ihrer Gefühle und Positionen klar zu werden. Schefczuk erkennt, dass ihre Überzeugungen stärker als ihre Gefühle sind, als sie ihm offen anbietet für die Russen zu arbeiten: »Wen verrätst du denn? Einen veralteten, sinnlos gewordenen Staat, der mit Gewalt den Vormund über Völker spielt, die ihn hassen.« Am Ende liefert Schefczuk seine große Liebe an die Polizei aus und erschießt sich. oper gelegen, trug es zuerst den Namen Hotel de l’Opera, wurde aber schnell auf den gut eingeführten Familiennamen umgetauft. 1880 heiratete Eduard die Fleischertochter Anna Fuchs und damit begann die legendäre große Zeit des Hotels Sacher. Anna Sacher war eine zupackende Person, eher gemütlich von der äußeren Erscheinung, aber resolut und durchsetzungsstark. Schon unmittelbar nach der Hochzeit begann sie tatkräftig im Hotel mitzuarbeiten, nach dem Tode ihres Mannes 1892 führte sie das Sacher als »Witwenbetrieb« allein weiter. Zur damaligen Zeit durchaus nicht selbstverständlich. Oft kolportiert wird ihr Ausspruch: »Mei Direk27

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Hotel Sacher Drehort 3

tor bin i selber.« Berühmt waren ihre Auftritte mit einer qualmenden Havanna zwischen den Lippen und ihren beiden geliebten »SacherBullys« im Arm, zwei schwarzen französischen Bulldoggen. Wer ihr lieb war, zu dem gesellte sie sich zum Plausch bei einem gepflegten Glas Sherry. Legendär auch ihr Arbeitszimmer, dessen Wände bis zur Decke mit Fotos und Bildern von prominenten Gästen bedeckt waren, sowie ihre Autogrammsammlung in Form eines Damasttischtuches, auf dem sie die Unterschriften berühmter Gäste nachstickte – inklusive einer Signatur von Kaiser Franz Joseph, versteht sich. Die »Sacherin« war ein Wiener Original. Eine strenge aber fürsorgliche Chefin, die für ihre Mitarbeiter beispielsweise eine der ersten Betriebskrankenkassen einführte. Und sie war eine Meisterin darin, Gäste zu umgarnen und für eine Atmosphäre zu sorgen, in der sich Beziehungen knüpfen ließen – heute würde man von »Networking« sprechen. Das bot sich bei der Klientel auch an: Im Sacher wohnte traditionell der Adel des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates, ausländische Gäste und Diplomaten. Ein Publikum, das gern die Separees des Hotels nutzte, um in diskreter Atmosphäre ein bisschen Politik zu machen. Angeblich war es im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts üblich, dass sich Gäste der Hoftafel zuerst gründlich im Sacher satt aßen. Bei Hofe musste nämlich jeder das Besteck im selben Moment wie der Kaiser beiseite legen. Der letzte Kaiser Franz Joseph war als eiliger Esser bekannt, weshalb man besser schon vorher gespeist hatte.[2] Die legendär gute Küche kam hinzu, sodass unzufriedene Gäste in einfacheren Etablissements schon mal zu hören kriegten: »Na gengan’s halt zum Sacher, wanns ihna bei mir net guat gnua is.« Zensur und Gleichschaltung Mit dem Ende der österreichischen Monarchie ging auch die glorreiche Zeit des alten Sacher zu Ende. Anna Sacher zog sich erst 1929 im Alter von 70 Jahren aus dem Geschäft zurück und starb ein Jahr später, von den Wiener Bürgern hochverehrt. Erst nach ihrem Tod stellte sich heraus, dass das Hotel hoch verschuldet war. 1934 kam es zum Konkurs, die Familien Gürtler und Siller übernahmen das Hotel und sanierten die mittlerweile arg heruntergekommene Nobelherberge. Bereits 1931 hatte der ehemalige k. u. k.-Offizier Emil Seelinger das Buch »Hotel Sacher. Weltgeschichte beim Souper« verfasst, eine Art buntes Zeitgemälde der goldenen Sacher-Jahre. Die Wiener Produktionsfirma Mon28

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»Hotel Sacher«: Willy Birgel und Sibylle Schmitz

dial hatte die Filmrechte Mitte 1937 für nur 52.000 Schilling erworben,[3] verfilmt wurde das Buch dann aber erst nach dem Anschluss Österreichs an das »Dritte Reich«. Die österreichische Filmindustrie war zu diesem Zeitpunkt jedoch längst gleichgeschaltet. Traditionell waren die Verbindungen zwischen beiden Filmländern eng, schon aufgrund der Sprache. Es bestand ein lebhafter Austausch von österreichischen und deutschen Schauspielern und Regisseuren. Die Abhängigkeit vom weit größeren deutschen Kinomarkt machte die österreichischen Produzenten anfällig für politische Forderungen. Nach der Machtübernahme Hitlers übte 29

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Drehort Wien (Leseprobe)  

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