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GREGOR MÜNCH

UNTERWEGS IN BRANDENBURG Einzigartige Wege zum Spazieren und Wandern

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Alle Abbildungen und Karten stammen, sofern nicht anders angegeben, von Gregor Münch.

Stand der Informationen: Januar 2019 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © edition q im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2019 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Katrin Endres, Berlin Umschlag und Satzdaten: typegerecht, Berlin Schrift: Milo 9/12,5 pt Druck und Bindung: Graspo, Zlín ISBN 978-3-86124-727-2 www.bebraverlag.de

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Inhalt

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Vorwort

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RINGENWALDE Blühende Dörfer, alte Alleen und der gelungene Gletscherschliff

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PRENZLAU Roter Stein, blaues Glas und etwas Ucker-Wildnis

30

EICHHORST Die Backofenhitze, Eichhorst und der Werbellin

40

JOACHIMSTHAL Edle Weiden, der blaue Grimnitz und die zugewandte Mühle

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SCHÖNERLINDE Waldweide, Heide und die Ankunft des Herbstes

68

NIEDERFINOW Alte Schleusen, kleine Bäche und ein gediegenes Kanaltal

82

STÜTZKOW Wasserlinien, Ausblicke und die Kontraste der Landschaft

92

REICHENBERG Stöbbermühlen, schneller Kornduft und der Echsen-Schwank

104

HENNICKENDORF Das Schaf der Schafe, der Stienitzsee und der wiedergefundene Frühling

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LEBUS Höhenpfade, Odervielfalt und verlassene Schneckenhäuser

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TEUPITZ Bunte Pferdestärken, ein Waldgeist und das Städtchen am Wasser

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TÖPLITZ Der Inseltag, die Wappenkirsche und der Weinhang am Klosterberg

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ZERPENSCHLEUSE Blaue Brücken, kalter Wind und ein Kanal nach dem Dornröschenschlaf

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Übersichtskarte

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Ortsregister

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Der Autor

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Vorwort

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randenburg steckt voller großer und kleiner Wunder. Das wasserreiche und zugleich streusandtrockene Land zwischen Elbe und Oder besitzt eine großartige Vielfalt an einzigartigen Landschaften, von denen jede für sich zahllose Buchkapitel füllen könnte. Jede einzelne eignet sich hervorragend dazu, mitgebrachte Erwartungen zu erfüllen, sorgt jedoch auch für ganz neue Entdeckungen und Überraschungen. Suchen und finden lassen sich diese an den Ufern großer Ströme, verspielter Bäche oder glasklarer Seen, ebenso in den grenzenlosen Weiten, tiefen Wäldern oder lieblichen Miniatur-Gebirgen. Beim Unterwegssein in Brandenburg wechseln sich im Stundenintervall der Ruhepuls und ein euphorisch klopfendes Herz ab, sodass Entspannen und Erleben einander die Klinke in die Hand geben. Mit »Unterwegs in Brandenburg« erhalten Sie ein Buch, das sich für den gemütlichen Lesesessel genauso gut eignet wie für das eigene Entdecken direkt vor Ort. Im Vergleich zu anderen Wanderführern gibt es einen markanten Unterschied: Wegbeschreibung und praktische Information sind optisch klar voneinander getrennt, sodass die Lesetexte ein regelrechtes Eintauchen in die jeweilige Tour gestatten. Neben der Schilderung von Weg, Landschaft und Orten erhält in den Texten auch vieles seinen Raum, was bei unseren Touren links und rechts des Weges geschehen ist – ein unterhaltsamer Schwatz Alteingesessener am Dorfteich oder eine Biene im direkten Dialog mit einer einladenden Blüte, die ersten Sonnenstrahlen nach einem langen Winter oder der fein-süße Duft der Pappeln und des Waldmeisters. Auch auf den ersten Blick Imposanteres zählt dazu, wie zum Beispiel ein lautstark startender Schwarm Graugänse, ein winterlicher Sonnenuntergang oder eine Herde Bisons im warmen Abendlicht. Der Idealfall ist, dass eines das andere hervorruft, die Lektüre also zum Schnüren der Wanderschuhe anregt. Doch auch der umgekehrte Weg hat seinen Reiz. Besonderes Augenmerk liegt dabei vor allem auf den vielen kleinen Schätzen, die es neben den bekannten großen Sehenswürdigkeiten in Natur und Kultur zu entdecken gibt und die in diesem Buch ihre wohlverdiente Wertschätzung erfahren. Dass es bei all dem eher genießerisch als sportlich zugeht, verrät schon der Untertitel des Buches.

Vorwort

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Informationen zu den Touren Die Auswahl der Touren verteilt sich über viele der Landkreise Brandenburgs. Sie reicht von Prenzlau im Norden bis zum Dahme-Seengebiet im Süden, von der Oder ganz im Osten des Landes bis hin zu den Havelseen hinter Werder im Westen. Auch landschaftlich wird eine große Bandbreite abgedeckt, mit großen Flüssen, alten Kanälen und kleinen Bächen, aber auch mit Inseln und Seen, tiefen Wäldern und freien Blicken sowie nicht zuletzt mit Städten und Dörfern, Schlössern und Klöstern. Mal ist das Land sanft gewellt mit erhebenden Fernblicken, dann wieder von markantem Relief und dabei wildromantisch – und manchmal auch topfeben, offen und scheinbar grenzenlos. Die Touren sind dabei »handgeschmiedet« und wurden für den jeweils bevorstehenden Ausflug erstellt. Als Hilfsmittel dienten dafür vor allem topographische Karten, Luftbilder und die in den Jahren gewonnene Erfahrung beim Spazieren und Wandern. Der Aktionsradius erstreckt sich in der Regel auf alles, was nicht weiter als zwei Reisestunden von Berlin entfernt liegt. Bei der Planung finden neben Jahreszeit, Region, Landschaftstyp und zu erwartenden Naturphänomenen verschiedene Aspekte Berücksichtigung. Am schwersten wiegen dabei der Abwechslungsreichtum des Weges sowie ein gewisser Spannungsbogen, der dennoch ausreichend Muße lässt für den ruhigen Genuss von Landschaft und Sehenswertem. Wichtig ist auch, dass die Tour zum Ende hin auch ohne große Konzentration auf Plan oder Karte hin gelaufen werden kann – im Idealfall durch einen einfachen und einprägsamen finalen Wegverlauf, bei dem das Ziel direkt im Blick liegt. »Unterwegs in Brandenburg« enthält, auch das ein zentraler Punkt, ausschließlich Rundtouren, die sich sowohl für die Anreise mit Bus und Bahn als auch für die mit dem Auto eignen. Fast alle Touren sind per ÖPNV zu erreichen, nur bei zwei Touren (Reichenberg und Eichhorst) ist die Verbindung umständlich oder am Wochenende gar nicht möglich. Die Touren selbst sind ohne besondere Schwierigkeiten und für fast jede Kondition geeignet. Die längste im Buch ist die bei Töplitz an den Havelseen bei Werder mit gut 19 Kilometern, die kürzeste bei Zerpenschleuse kommt auf zirka 8 Kilometer. Im Schnitt sind die Touren 14 Kilometer lang, und abgesehen von der Runde um den Grimnitzsee bei Joachimsthal sind immer Abkürzungen möglich. Fast alle Runden bieten Einkehrmöglichkeiten direkt am Weg. Einige Betriebe haben nicht das ganze Jahr über geöffnet, andere öffnen erst am Nachmittag, so dass sich ein Anruf im Vorfeld fast immer empfiehlt. Lediglich zwei Touren halten nur ein Imbiss- oder Café-Angebot bereit (Schönerlinde, Hennickendorf), eine ist gänzlich ohne Einkehr am Weg (Niederfinow). 8

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Vorwort

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Gebrauchsanweisung Wie eingangs erwähnt, können Sie das Buch zum einen als reines Lesebuch benutzen. Die Schilderungen sollen Anregungen bieten und Neugier hervorrufen, weiterhin als Empfehlung dienen, sich auch an Orte aufzumachen, über die nicht schon alles geschrieben und dokumentiert ist. Denn zwischen den klassischen Touristenzielen und all den besuchenswerten Dörfern, Städtchen und Städten gibt es noch viel Neues zu entdecken. Immer wieder erstaunlich ist dabei, was sie sich einfallen lassen – die alteingesessenen Brandenburger, ruhesuchenden Stadtflüchter oder kreativen Köpfe im besten Sinne –, um neugierige Leute auch an entlegenste Flecken zu locken. Zum anderen lässt sich »Unterwegs in Brandenburg« ganz klar als »klassischer« Wanderführer nutzen, denn neben einer aussagekräftigen Karte gibt es zu jeder Tour eine auf das Wesentliche beschränkte, dennoch lückenlose Wegbeschreibung. Beides zusammen stellt sicher, dass Sie ohne Probleme von A nach B und wieder zurück nach A kommen. Eine hilfreiche Ergänzung, die Technik-Affinen zudem etwas Spaß machen dürfte, sind die GPS-Tracks. Auf diese digitalen Wegespuren können sie zu jeder Tour via des abgedruckten QR-Codes zugreifen, zudem lassen sie sich auch auf dem Internetauftritt des be.bra verlags herunterladen. Sie stehen dort in zwei Dateiformaten (KMZ und GPX) zur Verfügung, so dass sie komfortabel auf Smartphones oder auch GPS-Empfängern genutzt werden können. Die Nutzung kostenpflichtiger Apps ist dabei nicht erforderlich. Wer es analog liebt und sich gern ohne Gerät in der Tasche durch die Landschaft bewegt, kann die GPS-Tracks dennoch nutzen und sich am heimischen Display ein erstes Bild der Tour machen, indem er eine Karte oder das Satellitenbild hinterlegt. Auch hierfür sind keine kostenpflichtigen oder Fachkenntnis erfordernden Anwendungen notwendig. Die Dateien inklusive einer detaillierten Beschreibung zur Nutzung der GPSTracks finden Sie unter https://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/850unterwegs-in-brandenburg.html.

Vorwort

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RINGENWALDE Blühende Dörfer, alte Alleen und der gelungene Gletscherschliff

10Feuchte Senke im Moränenwald

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Ringenwalde

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Ringenwalde

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Gro ße rK

Kl. Krinertsee

NSG Endmoränenlandschaft bei Ringenwalde

er rin

e tse

Hohenwalde

Proweskesee

Julianenhof

Ringenwalde H

Gr. Kelpins

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1 km

Tour Kompakt Streckenlänge ▶ ca. 14 Kilometer, Gehzeit ca. 3,5 Stunden, ▶ Abkürzung bedingt möglich ▶ Hinweis: rund um Ringenwalde gibt es Wegemarkierungen Anfahrt ÖPNV ▶ von Berlin-Ostkreuz nach Eberswalde (RB 24), dann weiter nach Ringenwalde (RB 63); Fahrzeit ca. 1,5 Stunden ▶ ggf. ab 2022 keine Bahnverbindung mehr nach Ringenwalde, dann von Eberswalde mit dem Bus nach Ringenwalde

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Anfahrt Pkw ▶ auf der A 11 Richtung Prenzlau, Joachims­ thal ausfahren und über Joachimsthal und Friedrichswalde nach Ringenwalde; Fahrzeit ca. 1,5 Stunden ▶ Parken auf der Dorfstraße Gastronomie ▶ Zum grünen Baum, Dorfstr. 57, ­Ringenwalde, Tel. 039881/44016 GPS-Track zum Download

Ringenwalde

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Diese romantische Tour führt Sie vom reizenden Dorf Ringenwalde am offenen Feldrand entlang zu den dichten Hügelwäldern der Eiszeitfolgelandschaft. Der Wasserreichtum dieser Wälder ist nur zu erahnen, doch stellenweise geht der Weg auf Tuchfühlung mit verschwiegenen Bruchgebieten oder kleinen Seen. Ein uriger Pflasterdamm geleitet Sie ins schon mecklenburgisch anmutende Hohenwalde, eine eindrucksvolle Reihe hochgewachsener Linden begleitet Sie auf der verblassenden Spur eines alten Kutschwegs wieder hinaus.

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enn an hellen Februartagen die Luft besonders klar ist und schon eine Ahnung des Vorfrühlings geschäftig durch den letzten Wintermonat geistert, gleicht dies einer kleinen Befreiung – sei es nun von der lichtärmeren Zeit des Jahreskreises, vom umfänglichen An- und Ablegen der Kleiderschichten oder vom weitgehenden Stillstand in der Natur. Zu spüren ist dieser zarte Freiheitsschlag am vermehrten Tönen und Huschen der Schnabelwesen oben in den Baumwipfeln und unten im dichten Geäst der Büsche, an den kräftigen Farbtupfern der Frühblüher in der von Erdtönen beherrschten Landschaft oder an den Düften der abgetauten und aufgebrochenen Erde und des ersten Grüns an den Büschen. Zudem ist die Sonne im fortgeschrittenen Februar schon spürbar kräftig, kalt ist es an sonnigen Tagen nur dort, wo sie nicht hinkommt und der Wind durchzieht. Wo den ganzen Tag Schatten liegt, übersteht der Raureif bis zur Abenddämmerung, während an der Hauswand gegenüber schon ganze Horden euphorischer Krokusse vor dem aufgewärmten Mauerwerk leuchten. Wenn man dieses Bild vor Feldsteinmauerwerk sehen möchte, empfehle ich eine Reise in die Uckermark. Hier gibt es auffällig viele Dörfer mit diesen feldsteinernen Häusern, die von ihren Bewohnern anscheinend besonders geliebt werden. Ob das nun am Klischee des sich auf Landwirtschaft und Natur rückbesinnenden, dabei äußerst finanzkräftigen Berliners mit dem obligatorischen Wochenendhaus in der Uckermark liegt, sei dahingestellt. Beim Durchqueren der Dörfer hatten wir den Eindruck, dass diese schon vorwiegend nach Einheimischem aussehen. Das im Februar noch relativ niedrig stehende Licht der Sonne geht mit der sanft geschwungenen Landschaft, den vielfältigen Wäldern ihrer teildurchtränkten Moränenlandschaften und all den daraus resultierenden Schatten eine sehr einnehmende Liaison ein. Bei den zahlreichen Hügeln kann es daher vorkommen, dass man den ganzen Tag an irgendwelchen schönen Seen vorbeispaziert, aber nicht einen von ihnen zu sehen bekommt, da sie stets leicht eingesenkt hinter dem nächsten Buckel liegen.

Ringenwalde

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Die Dorfstraße von Ringenwalde, Wegweiserstein, Katze und Eulen

Ringenwalde Ringenwalde, eins von zweien im Lande Brandenburg, ist eines dieser typischen, sehr schönen Dörfer. Umgeben ist es von sanften Tälern und offener Landschaft, mit einer ansehnlichen Kirche, zwei Gaststätten und sogar einem alten Bahnhof, der jedoch schon seit zehn Jahren keinen regulären Zug mehr gesehen hat. Früher hielt hier die Linie von Templin nach Joachimsthal, das erledigte bis vor Kurzem ein Bus. Ganz aktuell wird die Lücke im Netz in einem mehrjährigen Versuch wiederbelebt, hoffentlich mit Erfolg. Im weiten Bogen um das Dorf zieht sich ein fast geschlossener Ring von dichten Wäldern, verteilt auf landschaftstypisch wogendem Relief. Dazwischen liegen immer wieder feuchte Senken, meist morastig und in sich selbst versunken. Schon ein paar Minuten später wird er erfüllt, der Wunsch von weiter oben. Auf der linken Straßenseite liegt reifgewordener blasser Frost im Schatten der Häuser, während nördlich der Straße vielfarbige Blüten in Sträußen ganz dicht am Feldstein sprießen, als gäbe es so etwas wie den Winter nicht. Ein Ringenwalder beendet gerade einen Schwatz mit einer Ringenwalderin an ihrer doppelflügeligen Haustüre und setzt sich in Bewegung Richtung Westen. Sein Schritt ist ruhig, dabei zielgerichtet und vermittelt einem das Gefühl, es wäre endlos lang, das Dorf. Wir blicken ihm noch lange hinterher, beim Gehen durch Ringenwalde, bis er im letzten Haus verschwindet. Von dort führt eine Allee alter Linden mit 14

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Ringenwalde

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Kraniche auf den Feldern, Weg nach Julianenhof, Waldweg Richtung Proweskesee

freien Blicken nach Julianenhof, das kaum drei Hausnummern haben dürfte. Jenseits des kleinen Talgrundes zur Linken stehen einige Kraniche und wirken bester Dinge.

Julianenhof Das letzte Grundstück wirkt wie ein Sammelalbum verschlissener Kraftwagen eines Lebens, zum Teil vollständig, zum Teil nur mehr als Fragment erhalten. Platz haben sie hier genug. Wenig später beginnt der Wald, der alle paar Minu­ten seine Gestalt ändert. Neben dem geschwungenen Verlauf, den der Gletscherschliff vor geraumer Zeit hinterließ, ist auch der Bewuchs der Böden variantenreich. So durchwandern wir erst den klassisch märkischen Kiefernwald, dahinter stapfen wir durch gemischtes Laub, um uns bald darauf vergnügt zwischen dichtstehenden Fichten hindurchzuschlängeln. Wo es feucht am Fuß ist, versammeln sich naturgemäß meist Erlen, und mittendrin gibt es immer wieder Buchenwälder, die noch viel vom klaren Licht des Himmels durchlassen. Dazwischen steht mal eine alte Eiche, mal auch ein Kastanienbaum, meist als Einzelstück. Besonders markant und durchaus charakteristisch für den Norden dieser Landschaft sind die Linden, oft gewaltig alt, die so gut wie nie im Walde stehen, sondern die jahrhundertealten Verkehrswege über die Felder begleiten und allen Reisenden Sicherheit und Zuversicht vermitteln. Es muss ein wahrer Rausch sein, wenn diese Bäume dann in Blüte stehen in ihrer vollen Ringenwalde

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Größe und konzentriert ihren charakteristischen Duft verströmen. Doch bis dahin ist noch etwas Zeit. Das Wegenetz im Wald ist dicht, wenn man der Karte glauben will, doch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass nicht mehr alle existieren und auch nicht sichtbar sind für Leute, die notfalls auch die Beine stärker heben. Viele Stellen zeigen, dass die Forstwirtschaft hier tüchtig ist, und das ist gut für uns. So wird es nur zwei Stellen geben, wo etwas Wagemut und Interpretation beim weiteren Verlauf gefragt sind. Immer wieder kommen wir vorbei an feuchten Flächen von Morast und Sumpf und wissen nicht, ob diese nur knietief sind oder ein stehendes Mammut verschwinden lassen könnten. Mit dem nötigen Respekt erlauben wir uns einen kurzen Blick ins bodenlose Schwarz des unbewegten Wassers und sind auch dann nicht schlauer. Die Ausstrahlung dieser stillen Wasserflächen mit den seltsame Wurzeln schlagenden Inselbäumen wird nie ihre Magie verlieren. Nach viel Bergab, einem Flecken Märchenwald und etwas Sucherei liegt vor uns der Proweskesee. Ein seltsamer Name für einen See – Proweske. So wie auch der des Ortes Libbesicke, auf den beim Eintritt in den Wald und auch danach an vielen Stellen verwiesen wurde und der anderswo einem weiteren See zu einem seltsamen Namen verhilft. Der Proweske ist dünn vereist und derzeit Heimat von zwei Schwänen, die auf den offenen Stellen ansehnlich hin- und hergondeln. Irgendwas zupft unter Wasser mit wenig Unterlass am Uferschilf herum, ein leises Plätschern ist dabei zu hören. Ansonsten ist es hier so still, dass es kaum zu fassen ist. Selbst die Straße gegenüber schickt nur alle paar Minuten ein Auto vorbei. Der Uferweg führt vorbei an einem Paar symmetrisch angeordneter Bootshäuser mit spitzen Dächern, die auf jeden Fall den Urlaubsprospekt dieses Sees zieren würden, wenn es einen solchen gäbe. Sie sind in der Mitte durch Ruderbootgaragen verbunden und somit quasi zwei Doppelhaushälften direkt auf dem Wasser. Exklusiv.

Hohenwalde Am Buswartehäuschen an der Landstraße beginnt die stille Straße nach Hohenwalde und quert alsbald ein Bächlein, das nördlich zum Großen Krinertsee führt. Links erstreckt sich eine Weide bis hinab zum Ufer, lose bestanden von offenkundig glücklichen Kühen. Die nun folgenden Alleen rund um Hohenwalde sorgen für so umfangreiches Entzücken, dass ständig die Kamera herausgefummelt wird, der Auslöser kaum zur Ruhe kommt und sicherlich der Film voll geworden wäre, würden wir noch Zelluloid anstatt eines CCD-Sensors belichten. Doch so können wir ungehemmt in die Botanik knipsen und später eine Auswahl treffen. An der Kreuzung in der Dorfmitte biegt auch der – klingt das nicht schön – »Fernreit- und Kutschweg Berlin – Usedom« ab in eine sagenhafte Allee, 16

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Ringenwalde

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Bruch- und Märchenwälder in der Endmoränenlandschaft, Alte Pflasterstraße nach Hohenwalde

deren gewaltigste Linde um die zwei Meter stark ist. Der erwähnte Weg für die unmittelbaren Pferdestärken ist schon heute eher Legende als durchgehende Realität, die schöne Idee dabei ist, ihre letzten Spuren im märkischen Sand zu lassen. Etwas weiter unten im Wald stehen besonders junge Buchen mit makellos glatter Haut so dicht, dass sich dort nicht mal ein wendiges Reh hindurchbewegen könnte, trotz der extraglatten Rinde. Hinter den Steinbergen sind die Buchen dann wieder hochgewachsen und stehen nun im Hängemattenabstand zueinander. Ein lichter Wald, der sich abgesehen von einigen sumpfigen Stellen auch gut kreuz und quer durchstreifen lässt. Was uns kurz darauf zugutekommt, denn der gerade noch kutschenbreite Weg ist nicht mehr zu erkennen. Wir orien­tieren uns nun mithilfe logischer Argumente, der ermittelten Himmelsrichtung sowie Satellitenhilfe und verfolgen die angenommene Spur, bis der Weg nach zehn Minuten auf einmal wieder in voller Breite auftaucht. Vorbei am letzten Sumpfloch geht es heraus aus dem Wald, sogleich mit freier Sicht über die gewellte Wiesenweite. Zum letzten Mal lässt sich der Specht vernehmen, mit einem seiner vier markanten Geräusche, die den ganzen Tag über zu hören waren. Eine alte gepflasterte Allee führt über die letzte Anhöhe nach Ringenwalde. Auf dem höchsten Punkt stößt von rechts der Kutschweg hinzu, links scheint die letzte Abendsonne auf einen samtweich geschwungenen Wiesenhang. Ringenwalde

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Lindenallee Hohenwalde

Erst ganz zuletzt kommt das Dorf in Sicht, doch ehe man sich auf die letzten Meter entlang der entspannten Dorfstraße freuen kann, lockt rechts ein lichtes Wäldchen, das aussieht, als hätte Peter Joseph Lenné hier seine Hand im Spiel gehabt. Und in der Tat hatte der allgegenwärtige Gartenmeister hier ein wenig Einfluss, will man der Zeitleiste neben der Übersichtskarte glauben, die alle beide handgezeichnet sind. Der Park ist schön und bietet, so klein er ist, einige kulturelle Besuchsziele. Doch wir staunen jetzt vor allem über die großzügig verstreuten Büschel von mehr oder weniger großen Schneeglöckchen, die wir den ganzen Tag noch nicht gesehen hatten, und die jetzt auf anmutige Weise den blumigen Kreis unserer Tour schließen, der mit einem Wunschbild in Multicolor begonnen hatte.

Der Wegverlauf in Kürze In Ringenwalde von der Hauptkreuzung an der Bushaltestelle auf der Dorfstraße weg von der Kirche Richtung Bahnhof ▶ im Linksschlenker über die Bahn, dahinter gleich rechts und bald den Ort verlassen.

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Abkürzung: Nach wenigen Häusern zweigt halbrechts ein Alleeweg ab, der den westlichen Bogen abkürzt. Falls der Einstieg zugewachsen ist, wird von der Nutzung des Weges abgeraten.

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Kapelle im Schlosspark

Vorbei an Julianenhof ▶ auf dem Feldweg bis zum Waldrand, dann an der folgenden Gabelung rechts bleiben ▶ nach 200 Metern rechts (falls der Weg nicht klar zu erkennen ist, weiter bis zur nächsten Kreuzung und dort rechts auf die von Libbesicke kommende Waldstraße) ▶ durch sanft hügeligen Wald dem Wegverlauf folgen ▶ wenn von rechts ein Weg quert, links in diesen abbiegen ▶ wenig später an der Waldstraße rechts abbiegen ▶ über ein altes Gleis ▶ nach 600 Metern halbrechts abbiegen ▶ ein paar Minuten später rechts in den kleineren Weg ▶ nach 150 Metern wieder links und den weiten Bögen des Weges vorbei an feuchten Bruchgebieten folgen ▶ auf dem Hauptweg an etwaigen Abzweigungen vorbei (Hinweis: um

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zum Proweskesee zu kommen, ist etwas Abenteuergeist und festes Schuhwerk vonnöten, da die Wege größtenteils kaum sichtbar sind, hilfreich ist hier ein GPSGerät) ▶ etwas nördlich des Proweskesees vorbei ▶ an der Landstraße rechts, dann nach 150 Metern auf die alte Pflasterstraße Richtung Hohenwalde ▶ an der Kreuzung in der Dorfmitte rechts h ­ inauf, vorbei an uralten Linden ▶ durch jungen Buchenwald dem Wegverlauf folgen ▶ den Wald verlassen und auf dem Alleeweg über die Felder ▶ am Ende rechts auf den querenden Fahrweg abbiegen ▶ am Rand von Ringenwalde nach den ersten Häusern rechts abzweigen und nach wenigen ­Metern nochmals rechts in den Schlosspark zur Kapelle ▶ im Linksbogen zurück zur Dorfstraße und zum Ausgangspunkt.

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PRENZLAU Roter Stein, blaues Glas und etwas Ucker-Wildnis

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Prenzlau

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Ucker

Quillow

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Prenzlau

Unteruckersee

1 km

Tour Kompakt Streckenlänge ▶ ca. 11 Kilometer, Gehzeit ca. 3 Stunden ▶ Abkürzungen vielfach möglich Anfahrt ÖPNV ▶ von Berlin-Ostkreuz nach Prenzlau (RE 3, verschiedene IC); Reisezeit ca. 1 Stunde, 15 Minuten

▶ Parkplatz am Bahnhof Gastronomie ▶ zahlreiche gastronomische Angebote im Stadtgebiet, konzentriert in der Friedrichstraße GPS-Track zum Download

Anfahrt Pkw ▶ auf der A 11 Richtung Prenzlau, dann Gramzow abfahren und nach Prenzlau; Fahrzeit ca. 1 Stunde, 15 Minuten; wahlweise über Land auf der B 109; Fahrzeit ca. 1 Stunde, 45 Minuten

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Prenzlau

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Diese charmante Stadttour macht Sie mit verschiedenen Gesichtern der Stadt Prenzlau vertraut. Von der stellenweise fast verwunschenen Weidelandschaft an der Ucker nähern Sie sich schrittweise dem alten Stadtkern und entdecken ehrwürdige Gemäuer, den Stadtwall selbst und die vielen schönen Hinterlassenschaften der Landesgartenschau. Schäfergraben und Stadtpark begleiten den Rückweg zum Bahnhof, der sich an den Ufern des großen Unteruckersees beliebig lange hinaus­ zögern lässt.

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on einem Tag auf den anderen ist es Frühling geworden, nachdem zunächst krauchkalte und himmelgraue Wochen die zweite Märzhälfte fest in Schach hielten und sich nur wenig um den Termin des Frühlingsanfangs scherten. Schon am Morgen öffnen sich ungeduldig all die Knospen und schüchternen ersten Blüten unter der kräftigen Sonne und entknittern ihre geschickt verpackten Blätter zu einer solchen Schönheit, dass ihr Anblick tief und glücklich einatmen lässt. Der Tag verlangt also nach reichlich freiem Himmel, einem großen See und vielen kleinen Gärten. Ganz im Norden Brandenburgs liegt die Stadt Prenzlau, die noch einen ganzen Teil ihrer Stadtmauer und in deren Rahmen zahlreiche Wolkenkratzer aus historischem Backstein hat. Im Mittelalter zählte Prenzlau zu den bedeutendsten Städten der Mark Brandenburg. Heute ist es noch immer die größte Stadt dort oben und empfängt seine Besucher standesgemäß mit einem schönen Bahnhof, an dem es sich durchaus lohnt, aus Zug oder Auto auszusteigen und eine Zeit lang durch die Stadt zu streifen – oder gleich übers Wochenende zu bleiben. Prenzlau liegt an der Nordspitze des langgezogenen Unteruckersees, und diese Lage prägt die Stadt entscheidend mit. Das alte Prenzlau, also das, was von der mittelalterlichen Stadtmauer und ihren Lücken umschlossen wird, liegt sanft erhaben über der Weite des Sees. Zum Ufer hin und auch nach Süd und Ost fällt ein kleiner Hang ab, direkt vom Fuß der Mauer. Zwischen Steintorturm und Wasserpforte, wo dieser Hang direkt nach Süden ausgerichtet ist, gab es über lange Zeit einen kleinen Weinberg. Nach einigen Jahrhunderten Pause kam vor ein paar Jahren die Idee auf, die Weinbautradition neu zu beleben. Und so gedeihen seit der Landesgartenschau, die im Stadtgebiet an vielen Stellen erfreuliche Spuren hinterließ, wieder Rebstöcke am Prenzlauer Südhang. Unterstützung deutsch-deutscher Art erfährt Prenzlau dabei von der Weinregion Rheinhessen. Dass die Stadt einmal sehr bedeutsam war, davon zeugt neben den vielgestaltigen Türmen der Stadtmauer auch die gewaltige und weithin sichtbare Marien-

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An der Stadtmauer bei der Freilichtbühne, Pfad am Ufer der Ucker

kirche, die in den nächsten Jahren grundlegend in Schuss gebracht werden soll und in diesem Rahmen sogar eine neue Orgel erhalten könnte. Vor der Kirche wurde auf dem Marktberg ein einladender Stadtplatz mit Terrassen und allerlei Wasserspielen geschaffen, an dem sich ganz wunderbar beliebige Mengen an Zeit vertrödeln lassen, bevorzugt natürlich in der mützenlosen Zeit. Vom Bahnhof erreicht man die Innenstadt mit ihrer Bummelmeile in ein paar Minuten, indem man einfach auf den ersten Turm zuläuft, der zu sehen ist. Wer vorher noch etwas gezähmte Wildnis erleben möchte, kann einen kleinen Ausflug zur Ucker einschieben. Nach etwas Stadtrand-Gewerbe zweigt ein Feldweg Richtung Fluss ab. In Richtung Norden türmen sich hinter einer Mauer bunte Stapel von Autowracks vor entfernten Windrädern und lassen den Geist auf der Suche nach einem wortgewandten Sinnbild ratlos zurück. Hinter einem Gleis, auf dem bis zur Jahrtausendwende noch Züge nach Templin ratterten, sind wir dann mittendrin in der Ucker-Landschaft. Ein kleiner Steg führt über das Flüsschen, dessen klares Wasser zügig fließt, so eilig, als wäre noch Schnee geschmolzen etwas weiter südlich. Wie auch das Schilf liegt das blassblonde Gras in seinen Büscheln winterplatt und saftlos auf dem feuchten Grund, doch schon in wenigen Wochen wird es hier dicht und üppig grünen und nahezu verschwenderisch satt duften. Mittendrin stehen ein paar Ponys und scheinen wild zu leben hier, wie Vagabunden. Vor uns liegt weites Wiesenland, begrenzt durch einen sanften Hang, der vor der Erhebung des Voßberges 24

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Stadtmauer, Autowracks und Windräder

liegt. Wir hören den Ruf eines weit entfernten Wanderschäfers, der scheinbar seinen Hund losschickt, die Herde zu sortieren. Er selbst befindet sich im Kampf mit einem aufgerollten Zaun in leuchtendem Orange. Aus gleicher Richtung tönt ein Modellflugzeug. Und: es ist kein Hund zu sehen noch zu hören, dennoch rennt die Herde hin und wieder her. Wir rätseln, ob das nun der neueste Stand der Technik in der Schäferei ist – ein Schäferflugzeug mit hochaufgelöster Bildübertragung in Echtzeit? Der Weg führt uns, weiterhin stirnrunzelnd, über die recht breite Quillow, die mit reizvoll umständlichem Windungen aus der nordwestlichen Uckermark strömt, am erwähnten Voßberg vorbeischrammt und nur einen Flusskilometer später in die Ucker mündet, deren Dimension mehr als verdoppelnd. Dann ist der Schnee wohl doch eher bei Fürstenwerder geschmolzen. Kurz hinter der Brücke ruht, reich an Uferschilf, ein Teich, der ein beliebter abendlicher Treffpunkt sein dürfte. Hinterm Bahndamm liegen Kleingärten, und wenn dort die Tore offen stehen, lässt sich ein hübscher, Moped-breiter Pfad direkt entlang der Ucker nutzen, die hier ursprünglich durch ihr flaches Bett schleicht. Sind keine Tore offen, gelangt man trotzdem zum Pfad, nur eben etwas später. Eine kleine Brücke führt ans andere Ufer, wo man sofort in Prenzlau ist. Jenseits der ersten großen Straße nehmen wir die Spur der Stadtmauer auf. Fast direkt vor der Mauer steht die kleine Kirche St. Maria Magdalena. Zu ihrer Bauzeit vor reichlich hundert Jahren hieß die heutige Neubrandenburger Straße noch Prenzlau

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Kuhdamm, und die verbliebene Stadtbefestigung nahm langsam ihre touristische Funktion auf. Innerhalb der Stadtmauern hat das letzte Kriegsjahr 1945 fast nichts verschont, kaum Altes stehenlassen. Doch da das Neue nicht zu hoch gebaut wurde, wirkt die Stadt nicht unterkühlt und ihr fast nördlicher Charme kommt unaufdringlich zur Geltung. Dabei helfen maßgeblich die noch erhaltenen backsteinernen Bauten aus vergangenen Jahrhunderten, die, meist hochkant gestaltet, fast überall im Stadtbild präsent sind. Von nahezu jeder Stelle ist einer der vielen Mauertürme zu sehen, die Mauer selbst oder ein Kirchturm. Im Zickzackkurs erreichen wir die Friedrichstraße, die gemütliche Laden- und Bummelzeile der Stadt. Sie verläuft in etwa zwischen Blindower Torturm und Steinturm, ein Stück davon als Fußgängerzone. Im Zentrum des Mauerrings, auf dem Marktberg, liegt der erwähnte Stadtplatz mit den Wasserspielen, der Modernes und Altes recht gelungen verbindet. Beinahe hätte hier ein Einkaufszentrum gestanden, doch die dazu befragten Prenzlauer entschieden sich eindeutig dagegen und für ihre einladende Friedrichstraße sowie einen klaren Charakterzug in der Stadtmitte. Vom oberen Plateau des kaum drei Jahre alten Platzes bietet sich ein eindrucksvoller Panoramablick auf die wuchtige Ostfassade der Marienkirche, die Türme von Heiliggeistkirche und Mitteltor und die Fontänen des unteren Plateaus, die immer in Bewegung sind und scheinbar gut gelaunt. Bleibt der Blick am Turm des Mitteltores hängen, kann es sein, dass bei Berlin-Kennern ein Groschen fällt – eben dieser Turm war Inspiration für die Türme auf Berlins schönster Spreebrücke, der Oberbaumbrücke. Dort hing seinerzeit der Oberbaum der Stadt kurz überm Wasser und stellte sicher, dass kein Wegezoll durch städtische Lappen ging. In der Steinstraße, der Verlängerung der Friedrichstraße nach Süden, wird der Blick mehrfach zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten gelenkt, so zum Turm der einstigen, heute nur noch als Ruine bestehenden Nikolaikirche mit seinem kleidsamen Bullauge. Diffuse Töne, die wie Musik von einem großen Glockenspiel klingen, locken uns auf den Hof. Bis zuletzt ist unklar, ob die Klänge oben vom Turm her kommen oder von einem Straßenmusiker dahinter – sie erzeugen keine richtige Melodie, sind dennoch uneingeschränkt melodisch, wodurch ganz wunderbar die Atmosphäre dieses Ortes unterstrichen wird. Wir treten nun durch das hohe Portal und sehen dahinter ein Mädchen still begeistert hin- und herspringen, unter ihr neun Stahlplatten mit neun Tönen, angeordnet im Quadrat. Zurück auf der Straße lenkt der Steinturm den Blick wieder nach vorne, doch kurz darauf schweift er erneut nach rechts ab, diesmal zum ruhigen Hof des Dominikanerklosters, auf dem ein lebensgroßer Harlekin sein Schalkwerk treibt. Von hier ist die Stadtmauer sichtbar, in ihr eine Pforte, die uns lockt. Ganz zu Recht – durchschreitet man sie, beginnt unmittelbar vor der Mauer ein 26

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Friedrichstraße Prenzlau, Kloster mit Harlekin, Marktberg Prenzlau

zauberhafter Gang, erst schmal, doch wenig später schon breit genug für zwei Flaneure. Zu Füßen dieses leicht erhabenen Mauerpfades liegen die kreisrunden Gärten der Landesgartenschau, der junge Weinberg mit seiner steilen Treppe und die Freiluftbühne. Durch alles zieht sich markant eine Spur aus blau-weiß-gläsernen Beeten, auf denen die Sonne ihre Spiele treibt. Ein kleiner Vorgriff auf den Unteruckersee, dessen weite Fläche sich uns voraus mit gewisser Sogkraft erstreckt. An der Wassertorpforte führt ein Weg von der Stadtmauer hin zur Uferpromenade mit dem neuen Stadthafen, wo sich an diesem lang ersehnten ersten warmen Frühlingstag schon ärmellos die Leute tummeln und das Gras plattliegen. Selbst griesgrämigen Menschen zieht es heute die Mundwinkel eher nach oben als nach unten, ob sie nun wollen oder nicht. In die andere Richtung führt die breite Promenade als alte Allee zum Bade hin, vorbei am unteren Tor zum LaGa-Park mit seinen Gärten. Wer diesen mit dem Vorsatz betritt, nur mal kurz reinzuschauen, läuft Gefahr, am Ende doch den kompletten Park und damit alle Gärten besucht zu haben, denn der eine macht neugierig auf den nächsten. Das jedoch ist selbst mit Familie und verschiedenen Interessen im Gepäck kein Problem, da man sich nahezu von überall gegenseitig entdecken und zuwinken kann. Das gilt auch für den fantasievollen Spielplatz dicht am Ufer. Hinter dem Kreisverkehr am Bad neigen sich die Stämme der Allee landeinwärts – ein ganz spezieller Fall von Windflüchtern, da sie in langer Doppelreihe Prenzlau

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Themengärten der Landesgartenschau, Windflüchter

stehen und hoch gewachsen sind. Wie ein mitten in der Bewegung erstarrter Tanz von meterdicken Ballerinas – oder doch eher Ballerinos. Zwischen den zurückweichenden Platanen strömen jetzt neben den schlendernden Spaziergängern etwas hastiger kleine Scharen von großen Jungs und Mädchen. Den Strom zieht es zum Sportplatz, wo offenbar irgendetwas im Gange ist, ein Fest oder ein Spiel. Noch vorher lockt eine andere Option in die Abgeschiedenheit, ein Wiesenpfad folgt dem Lauf eines Rinnsals zu den Gärten in der zugehörigen Senke. Früher oder später führen die Wege über den Städtischen Friedhof zurück in den Teil der Stadt, der außerhalb der Mauer liegt. Vorbei an einer neuen Schule und einem kleinen sympathischen Imbiss mit Biergarten ist man bald im langgezogenen Stadtpark, der unterhalb der Mauer liegt. Er wirkt ein wenig wie ein Refugium der Einheimischen, wenn sich an Südmauer und See die Stadtbesucher drängen. Neben den hochgewachsenen Bäumen des alten Parks stehen auch hier Türme auf der Mauerlinie. Die lichten Wiesen tief unter den teils krähenbewohnten Baumwipfeln sind hier und da von Frühblühern der ersten Stunde überzogen. Vorbei an einem letzten kleinen Park, von vorn kommt uns auf dem Rad ein Junge mit dem Lenker in der einen und zwei Pizzen in der anderen Hand entgegen, im Gesicht die Vorfreude. Von hier sind es nur noch ein paar Schritte bis zum Bahnhof, wo der facettenreiche Kreis der Tour sich schließt. Das Tageslicht hingegen ist noch lange nicht am Ende. 28

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Der Wegverlauf in Kürze Vom Bahnhofsvorplatz Richtung Turm, dann die erste rechts und gleich wieder rechts in die Triftstraße ▶ am Ortsrand vorbei an der Triftstraße und kurz darauf links in den Feldweg ▶ in einer S-Kurve die Gleise queren ▶ von diese Weg über die Felder zur Ucker ▶ über die Brücke und drüben am Rastplatz gleich rechts ▶ nach gut 100 Metern links auf den breiteren Weg ▶ nach dem Linksbogen vorbei an einem Haus ▶ über die Quillow-Brücke und am Teich vorbei ▶ hinter der alten Bahntrasse gleich links in die Kleingartenanlage (falls das Tor verschlossen ist, weiter geradeaus und erst hinter den letzten Gärten links zur Ucker-Brücke) ▶ an der Ucker rechts dem Pfad folgen ▶ weiter bis zur Brücke, dort übers Wasser und rechts in die Freyschmidtstraße ▶ an der B 198 links, dann gegenüber der Kapelle rechts in den Fußweg ▶ am Beginn der Mauer links, dann leicht versetzt über die Klosterstraße in die Max-Lindow-Straße ▶ an der Straße des Friedens rechts, dann wieder links in die Kleine Friedrichstraße ▶ am Kino rechts in die Fußgängerzone ▶ vorbei an der Tourist-Information am neu gestalteten Marktberg ▶ kurz vor dem Torturm rechts auf den Vorhof des Klosters ▶ diesen nach links unterm Glasgang verlassen und gleich gegenüber durch den Mauerdurch-

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gang ▶ entlang der Mauer über dem Weinberg entlang ▶ am Durchgang zur Rodinger Gasse links hinab zum Seeufer ▶ über die Straße und links parallel zum Ufer ▶ durch das Tor auf das ehemalige LaGa-Gelände und auf dem Lewetzowweg zwischen den Gärten hindurch ▶ oben rechts in die Straße Seeweg ▶ am Kreisverkehr links und wieder parallel zum Ufer ▶ hinter den letzten Kleingärten über den kleinen Schäfergraben und dahinter links in den Uferweg ▶ weiter auf dem Wiesenpfad ▶ der Pfad wechselt ans linke Ufer, hier links und dann nach 50 Metern vor dem Parkplatz halbrechts ▶ am das Tor auf den Friedhof ▶ am anderen Ende wieder hinaus und rechts auf die Friedhofstraße ▶ vorbei am Imbiss und nach ein paar Metern rechts ▶ vor der Halle links folgen in den Fußweg ▶ an der Ampel über die Straße, drüben links und nach 50 Metern rechts in den langgezogenen Stadtpark ▶ auf Höhe der Stufen am Brunnen links und kurz darauf wieder rechts auf den breiten Parkweg ▶ vorbei am Hexenturm und bei der übernächsten Gelegenheit rechts halten zur Grabowstraße ▶ entlang dieser unter der Straßenbrücke hindurch ▶ vor zur Stettiner Straße und dort rechts zum Bahnhof.

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IM L AND DE R S TILLE N WEG E UND VE R Z AUBE RTE N S TÄDTCHE N

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Unterwegs in Brandenburg (Leseprobe)  

Die vielfältigen Landschaften Brandenburgs laden ein zu ausgedehnten Spaziergängen und entspannten Wanderungen. Gregor Münch stellt in diese...

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