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Das Magazin des Bund Deutscher PfadfinderInnen

THEMA: DREI MAL SCHWARZE KARTE Das kritische Verh채ltnis zwischen Verfassungsschutz und BDP PROJEKTVORSTELLUNG: BDP Kinderkiste EINBLICK: Jubil채en im Verband

BLATT AUSGABE 01/2013


BLATT WEGWEISER EDITORIAL TH EM A

INTERNATIONAL

EINBL ICK

SPIELPL ATZ

LIEBE LESER_INNEN

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THEMA: DREI MAL SCHWARZE KARTE – Das kritische Verhältnis zwischen Verfassungschutz und BDP

2–4

KÜRZUNGEN – Die Jugendarbeit frisst dem Staat alle Haare vom Kopf

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HINTERGRUNDWISSEN – Extremismustheorie

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MITREISEGELEGENHEIT – Mit dem BDP um die Welt

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ZIVILER UNGEHORSAM – Interview mit Jaime González Masip

16 – 17

SCHON WIEDER Namensdiskussion

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PORTRAIT Marisa Diehl

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PROJEKT Kinderkiste Babenhausen

12 – 14

JUBILÄEN im Verband

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GLOSSE Trotzdem

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BLÄT TCHEN

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TIPPS

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FEEDBACK + ABO

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SAMMELKARTEN

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Liebe Leser_innen, Hier haltet ihr die erste Ausgabe des neuen BDP-Bundesmagazins blatt in den Händen. Bevor wir euch diesen Zuwachs in der BDP-Familie vorstellen, wollen wir uns aber erst gebührend von seinem Vorgänger verabschieden – dem Bundesinfo.

das blatt erscheint unregelmäßig alle 4 – 8 Monate. Es dient der gegenseitigen Information über die BDP-Kinder- und Jugendarbeit in allen Bereichen.

das blatt wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Frauen, Senioren, Familie und Jugend (bmfsfJ) gefördert. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht immer die Meinung der Redaktion wieder.

weitere exemplare können bestellt werden beim: Bund Deutscher PfadfinderInnen Bundesverband Baumweg 10 60316 Frankfurt fOn (069) 431030 faX (069) 4059595 e-mail: bundesverband@bdp.org

herausgeber BDP Bundesverband redaktion Esther Philips, Laura Selle, Nadine Schuler, Torsten Jahr, Rebekka Bimschas, Janna Klee

gestaltung Atelier Hurra gefördert durch:

Seit 1981 brachte der BDP jedes Jahr zwei bis vier Ausgaben des Bundesinfos heraus. In den 32 Jahren seiner Existenz hat sich ebenso das Format wie die redaktionelle und gestalterische Betreuung des Magazins immer wieder gewandelt. Zuletzt lag es – über zehn Jahre lang – in den Händen von Jutta Nelißen. Sie prägte damit maßgeblich das Erscheinungsbild und die Außenwirkung des Bundesverbands und hatte einen großen Anteil daran, dass das Bundesinfo in jugendpolitischen Fachkreisen ein bekanntes und hoch gelobtes Magazin wurde. Trotz dieser Popularität ging die Nachfrage innerhalb des BDP zurück und es wurde diskutiert, ob das Bundesinfo dem Bedarf des Verbandes noch gerecht wird. Eine Online-Umfrage zeigte deutlich, dass der BDP ein neues Magazin braucht und möchte. Mit Juttas Weggang aus der Bundeszentrale war dann der letzte Anstoß gegeben. Im Herbst letzten Jahres beschlossen wir – Esther (HH), Nadine (Buvo), Torsten (He), Janna (Buze), Rebekka (He) und Laura (BuVo) – als festes Team das neue Magazin zu planen. Wir diskutierten über Zielgruppen, journalistische Ansprüche, methodische Vorgehensweisen, Textformate, Themen, Namen, Seitenverteilungen und vieles mehr. Mit einer genau durchdachten Vision begannen wir mit der redaktionellen Arbeit. Das Ergebnis dieser Arbeit seht ihr nun vor euch.

blatt – das ist ein weißes Blatt Papier, das immer neu mit aktuellen, politischen und interessanten Themen beschrieben wird. Es ist aber auch ein Blatt am Baum, ein Teil von größeren Prozessen, vergänglich und doch so elementar. Das blatt soll Projekte und Menschen im BDP vorstellen, aktuelle jugendpolitische Themen beschreiben und über Entwicklungen und Diskussionen innerhalb des Verbandes informieren. Es gibt sowohl Raum für Reisetipps, als auch für Medienempfehlungen und nicht zuletzt sind praktische Methodenkärtchen zum Sammeln und eine Seite für die ganz Kleinen mit dabei. Unser besonderer Dank geht an das Atelier Hurra, die den Prozess von Anfang an mit Leidenschaft begleiteten und durch die graphische Umsetzung das blatt mit uns neu erfunden haben. Wir wünschen euch viel Spaß beim Blättern, Lesen und Ausprobieren und wenn es euch gefällt: abonniert das blatt! Es grüßen euch Nadine und Laura vom Bundesvorstand im Namen des Redaktionsteams


THEMA

Das kritische Verhältnis zwischen Verfassungsschutz und BDP

Am 23. Januar 2013 musste der Verfassungs- litischen Aktionen teilnehmen oder andere schutz in Mecklenburg-Vorpommern in seinem auff ällig gewordene Gruppen unterstützen. regionalen Bericht von 2011 mehrere Pas- Linksextrem gleich verfassungsfeindlich. Gesagen nachträglich schwärzen. Drei jugend- nau an dieser Stelle tauchten im Bericht politische Projekte, darunter zwei des BDP, Mecklenburg - Vorpommerns 2011 drei Juerreichten per Eilantrag ein eindeutiges gendprojekte auf, denen durch die Öffnung Gerichtsurteil zu ihren Gunsten. Die Nennun- ihrer Veranstaltungsräume unterstellt wurde, gen der Projekte im Bericht sorgten für eine mit linksextremen und damit verfassungsDiskriminierung, obwohl sie selbst nicht unter feindlichen Gruppierungen zusammen zu Verdacht standen, linksextreme Aktivitäten arbeiten: Das Peter-Weiss-Haus (PWH) in zu fördern. Schon in der Vergangenheit gab es Rostock – Sitz des BDP Landesverbandes MV Berührungen zwischen BDP und Verfassungs- – ist ein alternatives Bildungs- und Kulturschutz. Aber der BDP wehrt sich – gegen die haus, das die Förderung freier Bildung, KulUnantastbarkeit des Verfassungsschutzes. tur und Kunst durch die Organisation kultureller Veranstaltungen zum Zweck hat und alle jahre wieder … damit auf eine Alle Landesämter und das Bundesministerium des Inneren veröffentlichen jedes Jahr einen Verfassungsschutzbericht, der Ermittlungserkenntnisse über Islamismus, Spionage, Sabotage, Rechts- und Linksextremismus aufzeigen soll. Der Minister für Inneres und Sport in Mecklenburg-Vorpommern (MV), Lorenz Caffier, formuliert, die Aufgaben seiner Behörde seien die »Aufklärung und Informations­ abzielt. Ebenso wurden sammlung in allen Extremismusbereichen […] dem Internationalen Kultur- und Wohnprojekt (IKuWo e. V.) in Greifswald – ebenfalls Mitglied im BDP MV – und dem Cafe Median (Mitglied im Verein Alternatives Wohnen in Rostock, Awiro e. V.) unterstellt, ihre Räume für linksextreme Veranstaltungsgruppen geöffnet zu haben.

Diese Aufklärung findet durch die Nennung von Gruppen statt, die laut Verfassungsschutz entweder zur Gewalt aufrufen, an po2

Drei Mal schwarze Karte

Aus einer Pressemitteilung des Peter-WeissHauses geht hervor, dass die im Bericht des Verfassungsschutzes erwähnten Projekte »perse als Verfassungsfeinde wahrgenommen werden, was zu einer negativen Stigmatisie­


rung führt.« PWH, IkuWo und Awiro haben deshalb vor dem Verwaltungsgericht Schwerin geklagt. Das Urteil des Gerichts besagt in allen drei Fällen: »Die […] angegriffene Nen­ nung […] ist nach Auffassung der Kammer als Grundrechtseingriff zu bewerten, weil sie geeignet ist, sich abträglich auf das Bild des Antragstellers in der Öffentlichkeit auszuwir­ ken.« Die Sprecherin des Awiro, Vera Wendt, betonte zusätzlich, dass es in der Vergangenheit des öfteren zu Angriffen von Neonazis auf die Projekthäuser kam, »denn wir positionieren uns klar gegen Neonazis. Dass der Verfassungsschutz unsere Besucher und unser Cafe als ‘linksextrem’ verunglimpfen und uns in unserer Arbeit behindern möchte, ist skandalös!« Die Nennungen der Veranstaltungsräume sind im aktuellen Verfassungsschutzbericht mit dem Vermerk

geschwärzt. Diese Nennung von BDP-Projekten in einem Verfassungsschutzbericht war jedoch nicht der erste Vorfall. Mindestens zwei Mal haben es BDP-Landesverbände zu dieser zweifelhaften Ehre gebracht; in den 1970er Jahren wurden sowohl Rheinland-Pfalz als auch Hessen in einem solchen Bericht erwähnt. Die genauen Umstände für den BDP Rheinland-Pfalz

zu erfahren, hätten einer weiter reichenden Spurensuche bedurft. Wahrscheinlich ist aber, dass die Nennung auf eine Mainzer Soligruppe zurückzuführen ist, die im RAF-Umfeld aktiv war. Wie der BDP Hessen dem Verfassungsschutz bekannt wurde, ist eine ungleich witzigere Geschichte, nämlich eine Verwechslung. Ebenfalls in den 1970er Jahren veröffentlichte der BDP Hessen die Zeitschrift Der Hessische Landbote – Provinzzeitung der Jugendzentren im Hessischen Lande und Umlande. Eine Ausgabe wurde 1978 im Bericht aufgeführt – sehr zum Unmut des BDP. Es folgte ein Artikel als Reaktion in der darauffolgenden Ausgabe und ein Beschwerdebrief an die Verantwortlichen. Dabei stellte sich heraus: Die gemeinte Zeitschrift war gar nicht die des BDP, sondern ein gleichnamiges Blatt des Kommunistischen Bundes für Südhessen. Möchte sich jemand auf eine Institution verlassen, der so ein Fehler unterläuft? Wie setzt der Verfassungsschutz die Organisationen, Verbände und Gruppen überhaupt fest, die er für verfassungswidrig oder demokratiefeindlich und damit für nennenswert hält? Drei Mal schwarze Karte

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Für den Verfassungsschutz gibt es keine eindeutigen Verfahren, um extremistische Strukturen als solche zu identifizieren,

so der Blickpunkt: Extrem demokratisch der DGB-Jugend.

kritik muss sein! Was es jedoch gibt, ist das achte Sozialgesetzbuch in dem unter anderem die Aufgaben und Funktionen von Jugendarbeit und Jugendverbänden definiert sind. Darin heißt es unter anderem, dass die Maßnahmen des Kinder- und Jugendschutzes »junge Men­ schen […] zu Kritikfähigkeit, Entscheidungs­ fähigkeit und Eigenverantwortlichkeit sowie zur Verantwortung gegenüber ihren Mitmen­ schen führen« sollen. Jugendarbeit – die Arbeit die der BDP macht – soll junge Menschen selbst denken, Kritik üben und Entscheidungen treffen lassen, und das ohne die Gefahr von staatlicher Repression. Inwieweit sich die Staatsgewalt in die Jugendarbeit und vor allem in die politische Bildung einmischen darf, wurde schon im Oktober 2012 vom Deutschen Bundesjugendring (DBJR) kritisch hinterfragt und war jüngst auch Thema auf der Vollversammlung des Landesjugendrings Rheinland-Pfalz im März diesen Jahres. Fast einstimmig beschlossen die Jugendverbände – inklusive BDP – dort ein Positionspapier mit dem Titel Bildung ist keine Aufgabe des Verfassungsschutzes.

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Drei Mal schwarze Karte

Auch der BDP bekennt sich intern und öffentlich zu einer klaren Position gegenüber dem Verfassungsschutz. Die

heißt es in der Begründung eines Antrags zur Solidaritätserklärung mit den betroffenen Projekten, der auf der Bundesdelegiertenversammlung im Dezember 2012 zur Abstimmung eingereicht wurde. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.


EInBlIcK

scHOn wIEDEr Namensdiskussion

Ja, Warum eiGentlich »schon Wieder«? Historisch gesehen gab es seit den 1970er Jahren mehrere große Namensdiskussionen, jedes mal ohne den Namen zu ändern. Alternativen begleiteten den BDP allerdings stetig: Bunt Dreiste PfadfinderInnen oder aktueller Bund Demokratische PfadfinderInnen werden manchmal sogar öffentlich dem offiziellen Namen vorgezogen.

Also mal ehrlich – der alte Name ist altbacken. Und konkrete neue Ideen gibt es kaum. Das ist bekannt. Wie lässt sich also neuer Wind in die Diskussion bringen und die Vorteile beider Positionen vereinen?

Nur die Initialen BDP beizubehalten hat schon in der Vergangenheit zu keiner Einigung geführt, wobei dies nach einem KomAuf der Bundesdelegiertenversammlung 2012 des BDP waren promiss aussehen könnte. Denkt man weiter, flexibler, kreativer, mehr Jugendliche und neue Aktive delegiert, als in den Jahren wäre ein Untertitel denkbar, vielleicht sogar je nach Zielgruppe zuvor. Besonders aus diesen Reihen kam der Wunsch, darüber verschieden. So wie der BDP nun mal ist: immer wieder anders. zu diskutieren. Aber auch schon lange Aktive macht der Name Oder den alten plus einen neuen Namen. Oder es wird doch geBauchschmerzen. Denn das »Bund« erinnert an Bundeswehr, meinsam im Duden nach Worten gesucht, die zu BDP passen. Es »Deutsch« ist eine Barriere für nicht-Deutsche, und »Pfadfin- ist vieles denkbar, mit der richtigen Beteiligung. derInnen« stimmt auch nicht mehr so richtig – um nur einige Argumente für eine Änderung zu nennen. Positionen gegen eine Diese Beteiligungsmöglichkeit wird gerade entwickelt. Es sollen Änderung werden meist von Menschen eingenommen, die schon Foren und bekannte Social Media-Portale genutzt, in Fachauslange im BDP sind. Denn der BDP hat einen Namen – im Aus- schüssen dazu konstruktiv diskutiert und neben leidenschaftland, beim Amt, in jugendpolitischen Gremien. Und dieser Name lichen Pro und Contra-Argumenten endlich kreativ gearbeitet ist durch die oft innovative Bildungsarbeit und die vielfältigen werden. Aktivitäten gewachsen – das zeigt die Erfahrung. Andererseits zeigt die Erfahrung auf kleinster Ebene, zum Beispiel bei der Und wenn am Ende dabei herauskommt, dass und warum der Werbung von Mitgliedern oder Teilnehmer_innen, dass zusätzli- BDP zum Namen steht, egal wie er sich entschieden hat, ist er che Erklärungen nötig sind. Wer kennt das nicht, Eltern erst mal schon einen ganzen Schritt weiter. entgegnen zu müssen: »Wir sind die anderen Pfadfinderinnen und Pfadfinder«, »Nein, wir sind nicht nur Deutsche, sondern aus Deutschland heraus aktiv«, etc. Das Anderssein zu definieren macht auch einen großen Teil der BDP-Identität aus. Nicht der Name an sich bringt im direkten Kontakt neue Menschen, sondern die Nebensätze. Was passiert aber in der Öffentlichkeitsarbeit, dort, wo der direkte Austausch und die Nebensätze keinen Raum haben? Wie viele Menschen, die im Netz surfen oder Flyer in die Hand bekommen, schon vom Namen abgeschreckt wurden oder gelangweilt waren, ist nicht bekannt.

schon wieder

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InTErnATIOnAl

MITrEIsEGElEGEnHEIT … Mit dem BDP kannst Du fast die ganze Welt bereisen. Unglaublich viele Reisen, Jugendbegegnung und Studienfahrten in verschiedenste Länder werden jedes Jahr organisiert. Hier findest Du Ideen für Deine Herbst­ und Winterferien! Eine größere Auswahl gibt es online unter www.bdp.org

… NACH SPANIEN sPAnIscH-DEUTscHE JUGEnDBEGEGnUnG

… NACH POLEN fOlKlOrEfEsTIvAl MIT wOrKsHOPs

03. Januar 2014 – 12. Januar 2014

05. Dezember – 08. Dezember 2013

alter: 16 – 25 Jahre preis: 120 € BDPler_innen

alter: ab 16 Jahren preis: 130 € BDPler_innen

150 € Andere

150 € Andere (50 % Fahrtkostenrückerstattung)

In dieser Bildungsreise beschäftigen wir uns mit der aktuellen Lage in Spanien und den daraus entstandenen »neueren« Formen der Protestkultur und des kulturellen Ausdrucks. Gemeinsam werden wir mit verschiedenen Initiativen und »Kunstschaffenden« debattieren und uns Protestformen nähern. Einen ersten Eindruck welche Themen uns in Spanien erwarten findet ihr im Interview zu »Zivilem Ungehorsam« in diesem Magazin.

mehr infos: BDP Landesverband Hessen e-mail lv.hessen@bdp.org Gefördert durch: Bundesministerium für Frauen, Familie, Senioren und Jugend

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International

An diesem Wochenende fahren wir gemeinsam zum Nikolaus-Festival in Lublin. Das Folklorefestival ist das älteste und eines der größten Polens. In Lublin werden internationale Musiker_innen auftreten und Workshops zu den unterschiedlichsten Themen angeboten, die wir gemeinsam besuchen können.

mehr infos: BDP Wilde Rose e-mail: swobl@bdp.org Gefördert durch: Deutsch­Polnisches Jugendwerk

... NACH DEUTSCHLAND UND FRANKREICH, InTErKUlTUrEllE GrUnDAUsBIlDUnG I UnD II 15. Februar – 22. Februar in Frankfurt 14. Juni – 21. Juni in Marseille alter: 18 Jahre preis: 150 € für Modul I und 250 € für Modul II (Fahrtkosten werden gemäß den DFJW­Tabellen erstattet)

Bei den zwei Modulen der Interkulturellen Grundausbildung geht es darum, gemeinsam Methoden und Werkzeuge für interkulturelle und pädagogische Arbeit zu erlernen, um mit den dort gewonnen Erfahrungen internationale Jugendbegegnung durchführen zu können.

mehr infos: BDP Bundeszentrale e-mail tobias.dreizler@bdp.org Gefördert durch: Deutsch­Französisches Jugendwerk


International

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EInBlIcK

POrTrAIT Von Alexandra Welsch Marisa Diehl dachte immer, dass sie offen ist. Bis sie zum BDP kam.

»ich hab‘ so viele neue leute kennen gelernt«, schwärmt die Neunzehnjährige aus dem Hochtaunuskreis. Und gerade in der Begegnung mit anderen, auch aus am liebsten draußen – ob beim Zirkusproanderen Kulturen und Denkwelten, sei ihr jekt, beim Fußballspielen oder beim Hausklar geworden, »dass man vorurtei- bau im Wald. le hat, auch wenn man neutral sein Marisa will mal Soziale Arbeit oder Erziewill.« Erstaunliche Erkenntnis für eine hungswissenschaften studieren. Vorher aufgeschlossene junge Frau. Und zugleich muss sie aber noch an der Gesamtschule Teil und Motor einer Entwicklung, in de- ihr Abi abschließen. Und dann will sie ren Fortgang sie heute feststellen kann: erst mal für ein Jahr mit dem Deutschen »dass ich wirklich offener gewor- Roten Kreuz nach Frankreich, um in einer den bin.« Arche-Einrichtung für Menschen mit BeMarisa schlingt die Beine zu einem jo- hinderung zu arbeiten. gaartigen Schneidersitz ineinander und Schon viel weiter gereist ist sie indes mit umfasst einen ihrer weißen Chucks mit der dem BDP, als sie 2010 bei einer Reise nach Hand, die bunte Wollbändchen säumen. Costa Rica dabei war. Für sie eine ganz Während sie auf einem der Stühle im Grup- besondere Erfahrung. »das war echt penraum des BDP-Häuschens in der Schul- cool«, sagt Marisa, die oft »cool« sagt. straße in Neu-Anspach sitzt. Zum ersten Mal in ihrem Leben habe sie da »ich bin nicht so ’n mensch, der zu- eine Kuh gemolken. Und das war nicht das hause sitzen kann«, sagt sie. »ich einzige Aha-Erlebnis dort. muss immer irgendwas unternehmen, Herumgekommen ist Marisa aber mittlerich brauch das.« Von klein auf hat sie weile auch innerhalb des BDP. Und auch Sport gemacht, jahrelang Handball ge- da winken Aha-Effekte. Schon ein paar spielt, dann Basketball – kein Kinderspiel Mal war sie bei der Landesdelegiertenverbei 1,60 Meter Größe. »ich musste mich sammlung, und im Frühjahr nun das erste halt durchsetzen«, erinnert sie sich Mal beim Bundestreffen dabei. »das war und lächelt. Heute bevorzugt sie Kickboxen, echt mal interessant, auch die andeJoggen oder Zumba. Und seit nunmehr ren leute zu sehen.« Spannend fand sie drei, vier Jahren ist ihr Aktionsradius auch die vielen Diskussionen. »bei uns in hesnoch um den Faktor BDP erweitert. Als sen gibt es nicht so viele verschiedeTeenager fing sie als Teamerin in der Mitt- nen ansichten, da sind entscheidunwochsgruppe an. Später wechselte sie in gen immer sehr leicht«, stellt sie fest. die Montagsgruppe für jüngere Kinder. Andererseits: »ist ja langweilig, wenn Seither ist sie regelmäßig dort anzutref- jeder der gleichen meinung ist.« Und fen, wo die Wände mit kunterbunten Farb- auf die Weise fange man teils überhaupt klecksen bemalt sind. Das Actionpainting erst an, über manche Dinge nachzudenken. gefällt der aufgeweckten Aktivistin so gut, Dabei gibt es einen Punkt, den sie selbst dass sie mittlerweile auch ihre Wände Zu- innerhalb des BDP sehr diskussionswürdig hause damit gestaltet hat. Und auch mit findet – nämlich sein Name: Bund Deutden Kindern ist sie gerne in Aktion und das scher PfadfinderInnen. Das »deutscher« 8

Portrait

»ich hab‘ so viele neue leute Kennen Gelernt«, findet sie noch okay, weil man dem Begriff gerade in dem Zusammenhang seinen patriotischen Beigeschmack nehmen könne. Mit dem »bund« hat sie mehr Probleme:

»das klingt für mich nach ‚liebe genossinnen und genossen‘.« Und die »pfadfinder« hält sie auch für hinterfragbar: »wir sind ja eigentlich keine pfadfinder«, stellt sie fest. Zwar veranstalteten sie Zeltlager, aber trügen beispielsweise keine Uniformen. »das ist ja

auch, was man immer erklären muss, wenn man als pfadfinder abgestempelt wird.« Ihre Zugewandtheit zum BDP schmälert das freilich nicht. »weil man immer wieder neue leute kennen lernt.« Und sie ihre Interessen einbringen könne und so viele Erfahrungen mache. »das finde ich

richtig cool.«

Und wenn Marisa Diehl heute denkt, dass sie offen ist, hat das eine andere Bedeutung – eine geweitete.


THEMA

Die Achse und das Hufeisen Die Politik der Bundesrepublik – vielen voran Familienministerin Kristina Schröder– hält sich an die sogenannte Extremismustheorie. Dabei handelt es sich um ein stark vereinfachtes Gesellschäftsmodell, welches das politische Spektrum auf einer Achse anzeigt – von links nach rechts. Die Enden dieser Achse stehen für die extremen, kompromisslosen Ränder der Gesellschaft, die die gemäßigte Mitte bedrohen. In einem besonders populären Modell des Politikwissenschaftlers und Extremismusforschers Uwe Backes ist die Achse als Hufeisen dargestellt, so dass sich der vermeintliche Links- und Rechtsextremismus einander annähern. Zu kritisieren ist das Modell natürlich vor allem dafür, dass es Menschen über einen Kamm schert, deren politische Einstellung­ und Ziele unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Gleichsetzung der menschen­verachtenden Ideologie von Neonazis mit der Kritik an den bestehenden Herrschaftsverhältnissen der (radikalen) Linken ist undenkbar. Was die Theorie zudem übersieht, zeigt die Studie Die Mitte im Umbruch: Befunde zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen, die 2012 von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben wurde. Darin wird deutlich, »dass rechtsextremes denken

EXKUrs EXTREMISMUSTHEORIE Hintergrundwissen

in deutschland kein 'randproblem', sondern eines der mitte der gesellschaft ist.«

Professorin für Bildung und Erziehung an der Fachhochschule Kiel, Melanie Groß, weil es »die unschuldsvermutung ge-

die – durch bestimmte B ­ undesprogramme gefördert – explizit g­ egen extremistische Strukturen ­arbeiten, selbst dazu verpflichtet sind, eine Demokratieerklärung zu unterzeichnen. Darin müssen sie sich nicht nur selbst zur freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland bekennen, sondern in diesem Sinne auch für ihre Koope­rations­partner_innen bürgen. Ein solches Vorgehen sei »mehr als bedenklich«, so die

Schröders Argumentation in der Welt Online am 05. Oktober 2010. Während Bürger_innen und Projekte unter Generalverdacht gestellt würden, erscheine die Staatsmacht »bar jeder kritik […] als grundsätzlich unverdächtig«, kommentiert Melanie Groß diese Einstellung. Im BDP hat die Klausel noch niemand unterschreiben müssen, obwohl aktiv gegen Rechtsextremismus gearbeitet wird.

genüber bürger­_innen und antirassistischen projekten ausser kraft [setzt] und […] zudem die überwaDie Extremismusklausel chung dritter« verlange. Wer nichts zu verbergen habe, der Diese Studie schätzt zudem die sogenannte Extremismusklau- könne sich auch Überwachen lassen, denn »wer damit schon sel als nicht konstruktiv ein. Die Klausel besagt, dass Verbände, ein problem hat, der demaskiert sich selbst", so Kristina

Hintergrundwissen

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Hast du schon einmal das Wort „Verfassung“ gehört? Wenn du schon lesen kannst, wirst du es in diesem Heft ganz oft finden. Vielleicht hast du aber auch schonmal gehört, dass es jemand gesagt hat. Sportler_innen reden zum Beispiel manchmal von ihrer Verfassung. Sie meinen damit, ob es ihnen gerade gut geht oder nicht.

Jugendarbeit im Verfassungsschutz

egal, was für ein Geschlecht sie haben oder mit wem sie zusammen sind, egal ob sie an irgendeinen Gott oder eine Göttin glauben oder nicht, egal welche Hautfarbe sie haben, egal ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Niemand darf schlecht behandelt werden, weil er/sie anders ist, als die meisten anderen.

Auflösung des Blättchens: Roteiche

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Es gibt aber noch eine andere Verfassung. In der Verfassung eines Landes stehen die Regeln – Gesetze, die sich die Menschen in dem Land für ihr Zusammenleben gegeben haben. Viele von diesen Regeln klingen ganz selbstverständlich. Manche werden aber trotzdem nicht von allen Menschen eingehalten. In der Verfassung steht zum Beispiel, dass alle Menschen gleich sind. Es ist


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Jugendarbeit im Verfassungsschutz


EInBlIcK

KInDErKIsTE BABEnHAUsEn Von Alexandra Welsch

Es war einmal ein acht Jahre alter Junge, den brachte seine Mutter in die BDP-Kinderkiste, weil ihn keiner sonst wollte. Er galt als unbeschulbar und trug viel Aggression in sich. Doch eigentlich brauchte er Struktur, waren sich die Erzieher_innen in dem Hort sicher – und vereinbarten mit ihm klare Regeln. Zum Beispiel: Wenn er Wut in sich aufkommen spürt, soll er ein Signalwort sagen und sich sammeln. Er wählte das Wort »Feuerwehr«. Und er benutzte es. Das war für ihn ein wahnsinniger Fortschritt. Und wenn er so weitermachte, würde er auch das Ziel erreichen, das zu seinem Eintritt formuliert wurde: Im Sommer mit auf das Zeltlager fahren. Petra Mohrhardt erzählt diese Episode aus ihrem Berufsalltag zurückgelehnt in einem Sessel im Büro, während draußen Kinder den Flur entlangtoben, Türen zuschlagen, schreien und lachen. »für uns ist es wichtig,

Erzieher_innen, Schule, Behörden, Eltern und auch die Kinder selbst – sie alle werden beteiligt. Und dieser ganzheitliche Ansatz kommt auch den Nicht-Problemkindern zugute. Ob bei der Kinderkonferenz oder in Mediationsrunden: »Das Demokratieverständnis ist uns sehr wichtig. Hier gibt es nur ein Wir.«

inklusion wird in der kinderkiste gelebt,

lange bevor das Schlagwort durch die Republik zu geistern begann. Die integrative Heilpädagogin Mohrhardt füllt den Begriff so: »Es geht darum, für jeden die besten Bedingungen schaffen, damit lernen möglich wird.« aufgabe sei es, den menschen individuell zu begleiten. So setzt man auch Schulassistent_innen ein. Doch im Gegensatz zu anderswo, handelt es sich dabei immer um ausgebildete Erzieher_innen. Dieser Ansatz hat Tradition. Als Mohrhardt mit Hilfe um jedes einzelne kind ein netzwerk zu spin- ihres Mannes und 13 weiteren Eltern die Einrichtung nen«, sagt die Leiterin der Babenhäuser Kinderkiste. 1994 mangels Betreuungsplätzen für ihre Kinder »wenn ein kind auffällig ist, setzen wir uns gründete unter dem Finanzdach der Betreuenden zusammen und legen machbare ziele fest.« Grundschule, hätten laut den Statuten des Kultus-

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Projekt


Projekt

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ministerium Ungelernte eingesetzt wer- »viele erschreckt, dass wir 90 kinder hütten, Kletterbäume und Matschgruben. den können. Für Mohrhardt ein Unding: haben«, berichtet Mohrhardt, selbst drei- »so’n bisschen bdp muss ja schon »Wir haben von Anfang an gesagt: wir fache Mutter. »aber wir arbeiten kind- sein«, kommentiert Petra Mohrhardt den machen das nur mit fachleuten.« zentriert und projektorientiert.« Abenteuerspielplatz-Charme mit einem Ein Aufbewahrungsort wollte man nie Da gehe das gut. heiteren Lächeln. Und das man weiß, wie sein. Und dieser konsequent professi- Recht viel Raum hierfür bietet das ehemali- eine Jurte aufgebaut wird, gehöre hier onelle Anspruch hat sich bis heute be- ge Rektorenhaus der benachbarten Schule, zum Pflichtprogramm. Und wenn der Achtwährt. Die Kinderkiste bietet mittlerweile in dem die Kinderkiste seit 1997 zu finden jährige weiter so erfolgreich gegen seine Nachmittagsbetreuung für Kinder an drei ist. Vor allem im großen Garten ist ordent- Wut angekämpft hat, dann wird auch er örtlichen Grundschulen an, erst voriges lich Platz zum Toben. Deswegen ist aller daran Freude beim Zeltlager haben. Jahr wurde die Anzahl der Plätze um 25 Rasen dort auch schon lange abgelaufen. Prozent auf nunmehr 90 aufgestockt. Statt dessen winken selbst gebaute Holz-

Projekt

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Einblick

Glosse

Jubiläen

TROTZDEM

im Verband

von Jutta Nelißen

den, chie bes hön, d i c e de s te l d bes e freu eden un s a i d d r i e e f s j zu Euch le n´! l äch h alle te seh euch t c i u M e w ir rer da m i t uns n i h fro

ach, was hatten wir's beim bdp vor zwanzig jahren doch so schee. wir feierten ohne sorgen wie gestern so auch morgen wie es immer war soll es bleiben immerdar.

Der BDP ist immer so alt, wie er sich fühlt! Der Große Brockhaus von 1955 sagt: »Jubiläum (Kunstw. heb.-nlat.), das, Jubelfeier, Feier zum Gedenken an ein Ereignis nach Ablauf eines bestimmten Zeitabschnitts (meist 10, 25, 50, 100 Jahre).« Dass es im BDP Gründe zu feiern gibt, wissen alle, die schon einmal an einem Zeltlager teilgenommen, ein Seminar organisiert oder mit einer Gruppe Theater gespielt haben. in diesem jahr ballen sich die gründe, denn es gibt offensichtlich eine vielzahl von jubiläen.

▶ komplex schwerin (mecklenburg vorpommern) wird 10 jahre! ▶ das tikozigalpa (mecklenburg vorpommern) wird 15 jahre! ▶ der mädchentreff felsberg (hessen) wird 18 jahre! ▶ die ortsgruppe babenhausen (hessen) wird 20 jahre! ▶ das integrationsprojekt (berlin) wird 20 jahre! ▶ das projekt 'plöngcity' (rheinland-pfalz) wird 20 jahre! ▶ das mädchenkulturhaus (bremen niedersachsen) wird 20 jahre! ▶ das ajz neubrandenburg (mecklen burg vorpommern) wird 30 jahre!

Die Redaktion möchte möglichst alle aufzählen, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bittet daher um Mithilfe: Jeder, der das liest und feststellt, da fehlt doch die Ortsgruppe XY mit ihrer Soundsoviel-Jahr-Feier, möge sich bei uns melden, und wir reichen das in der nächsten Ausgabe nach. Bei Erscheinen dieses Blattes sind zwar möglicherweise die einen oder anderen Feierlichkeiten vergessener Jubiläen beendet – na und, dann fahrt trotzdem mal vorbei und schaut Euch den Laden an oder schickt eine nachträgliche Gratulations- ▶ das projekt karte. Die Freude des Adressaten ist Euch 'wildwux – theater auf tour' gewiss! (niedersachsen) wird 30 jahre! Hier nun im Schnelldurchlauf die zu Bejubelnden:

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Jubiläen

▶ das jugendhaus am hulsberg (bremen) wird 30 jahre! ▶ der mädchenladen spandau (berlin) wird 30 jahre! ▶ der abenteuerspielplatz (berlin) wird 40 jahre!

Ruhm, Ehre und Berichterstattung in der Presse; Wiedersehen mit alten Weggefährten und letztendlich die Möglichkeit eine wilde Party zu feiern: das sind die positiven Seiten eines Jubiläums. Eine wahnsinnige Gelegenheit in diesem Jahr durch die BDP-Lande zu tingeln und zu gratulieren: 20 Jahre PlöngCity im Hunsrück, 30 Jahre WildWuX in Nieder­sachsen, gar 40 Jahre Berliner Abenteuerspielplatz und – sehr originell – die Volljährigkeit des Mädchen­ treffs Felsberg – um nur einige zu nennen. alles gute! auf die nächsten 100! super arbeit, weiter so! Voller Hoffnung wünsche ich Euch, dass Euch die negativen Seiten eines Jubiläums nicht treffen mögen. Keine feist grinsenden Kommunalpolitiker, die sich auf Eure Fotos schleichen nachdem Sie Euch eine dünne Rede gehalten haben und nächste Woche trotzdem nicht mehr Geld für Eure Arbeit rausrücken. Keine nervigen alten Mitglieder (analog der buckligen Verwandschaft bei der goldenen Hochzeit), die am Lagerfeuer qualvoll ihre Jugend zu Gehör bringen. Und erst recht keine gereimten Gratulationsanzeigen in der Zeitung. all das soll euch erspart bleiben. feiert schön!


International

Ziviler Ungehorsam Ein Interview mit Jaime, Mitarbeiter für internationale Projekte bei der BDP Partnerorganisation Federación Scout Regional de Madrid, Spanien

jaime, vor etwa einem jahr gab es viele berichte in den deutschen medien über die krise in spanien und darüber, dass insbesondere junge menschen anstatt eines arbeitsplatzes grossen frust haben. wie ist die situation heute? Was das angeht wird es immer schlimmer. Die Leute sehen keine Zukunft mehr, so wie sich die wirtschaftliche Situa­ tion entwickelt. hat all das auch direkte auswirkungen auf die arbeit des fsrm? Na ja… Der FSRM hat jegliche finanzielle Unterstützung der Regierung verloren. Am Anfang hat die Kommunale Regierung beschlossen, sich aus der Unterstützung von sozialen Projekten zurückzuziehen und stattdessen private Initiativen von Unternehmen zu fördern. – Eine schritt­ weise Privatisierung von sozialen Einrichtungen also. Inzwischen sind im Zuge des allgemeinen Sozialabbaus landesweit praktisch alle finanziellen Unterstützungen für soziale Projekte und Initiativen gestrichen. 16

Ziviler Ungehorsam

wie reagieren zum beispiel die mitglieder des fsrm auf diese entwicklungen, auf die krise und die konsequenzen solcher regierungsentscheidungen? Der FSRM ist traditionell mit der sozialen Bewegung und der Arbeiterbewegung verbunden. Daraus ergibt es sich, dass auch die Mitglieder an die wichtige Rolle des Sozia­ len in der Wirtschaft glauben. Die meisten Mitglieder weh­ ren sich und protestieren im Rahmen ihrer individuelle Möglichkeiten. Einige sind auch in Initiativen oder Gruppen organisiert, um zu protestieren und um ihre Rechte zu kämpfen. es gibt also widerstand. was passiert konkret? was tun diese initiativen? auf welche weise wehren sich die menschen in spanien? Es gibt verschiedene Formen von zivilem Ungehorsam. Eine davon beschäftigt sich mit Zwangsräumungen, also damit, dass Banken Menschen, die in eine finanzielle Notlage geraten sind, aus ihren Wohnungen werfen lassen. In diesen Fällen treffen sich Protestgruppen vor den Haus­


türen und warten dort auf die Vertreter der Justiz und auf die Polizei und hindern sie daran, ihre Arbeit zu tun, also daran, die Leute auf die Straße zu setzen. Inzwischen ha­ ben sich verschiedene Gruppen vernetzt um gemeinsame Demonstration durchzusetzen, obwohl die Gesetzgebung gegen solche Demonstrationen permanent verschärft wird. gibt es übergeordnete gemeinsame gründe für den protest? Das zentrale Problem ist, dass die aktuelle Regierung die absolute Mehrheit bei den Wahlen gewonnen hat. Und zwar mit Wahlversprechen, die sie ohne jeden Zwei­ fel nicht gehalten hat. Aber anstatt ihre Haltung nun wieder zu verändern versteift sie sich nur noch mehr dar­ auf und nimmt sich so selbst die moralische Legitimation ihrer Macht. In dieser Situation können wir nicht einfach warten, dass sie ihre Macht freiwillig aufgeben. glaubst du, dass die menschen eine chance haben, mit ihren protesten und aktionen die regierungspolitik zu beeinflussen? Mit Sicherheit nicht!

siehst du irgendwelche anderen positiven effekte? Ja! Es gibt positive Effekte der Bürgerbewegungen. Einer­ seits vereinen sie Menschen, die sich in der aktuellen Si­ tuation sonst isoliert fühlen würden. Die kommerziellen Medien sind von wirtschaftlichen und politischen Interessen geleitet und versuchen permanent die Protestgruppen zu entzweien. Sie kriminalisieren die bekannten Initiativen sys­ tematisch in ihren Darstellungen. So bleiben Menschen zu Hause und fühlen sich dort isoliert und hilflos, anstatt in den Protestgruppen andere zu treffen und sich zur Vertei­ digung ihrer Rechte zusammenzuschließen. Aber die Vernetzung nimmt trotzdem zu. Zahlreiche Gruppen stimmen sich aufeinander ab und planen unter­ schiedliche, aber vernetzte Aktionen. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Hoffnung. die hoffnung? was genau meinst du damit? Die Nachrichten, die immer und immer wiederholt wer­ den, sollen Angst machen und das Gefühl vermitteln, dass es keine Alternativen zur aktuellen Politik gibt. Die Leute fühlen sich total wehrlos. Aber die Protestbewegungen geben den Menschen Hoff­ nung und die Möglichkeit zu Handeln. das interview führte rebekka bimschas für blat t

Ziviler Ungehorsam

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THEMA

KürzUnGEn Die Jugendarbeit frisst dem Staat alle Haare vom Kopf

kinder sind unsere zukunft, kürzungen auch? Ihr kennt das alle: Das Budget ist klein. »Kein neuer Kicker möglich«, »das Essen ist wieder sparsam lecker«, »für einen Ausflug haben wir nicht genug Kohle«, »leider können wir uns das nicht leisten«- die Portemonnaies der Jugendarbeit sind knapp bemessen. Jetzt laufen sie aber mehr und mehr Gefahr, ganz leer zu bleiben. Dann geht gar nichts mehr, dann bleibt das zweite zu dürfen bald die alten kickern und die jugendlichen Hause ganz geschlossen. nicht mehr? Immer wieder werden die Zuschüsse abhängig von der Zahl der Jugendlichen, die in der jeweiligen Kommune gemeldet sind, die bushaltestellen und spielplätze zurückerobern berechnet. Und aufgrund des demografischen Wandels ist wohl oder in verqualmten Zimmern mit Konsole und Sofas entspan- damit zu rechnen, dass der Staat weiter kürzen wird. So hat zum nen, den ganzen Tag in der (Ganztags-) Schule rumhängen und Beispiel Mecklenburg Vorpommern wegen der sinkenden Zahl neue Freunde am Kiosk, dem Späti und der Trinkhalle finden … Jugendlicher dieses Jahr einfach mal 85. 000 € weniger für die Jugendverbände zur Verfügung gestellt. Was ihr dann machen könnt?

oder ihr tut eben doch etwas dagegen:

In vielen Städten haben sich Initiativen gegründet, die gegen Kürzungen in der Kinder- und Jugendarbeit mobilisieren. Unter Mottos wie 'Keine Kürzungen für Kurze', 'Jugend verschwindet' und 'Viel Schaden – wenig Wirkung!« versuchen Jugendliche, Jugendarbeiter_innen, Sozialpädagog_innen und Erzieher_innen die Jugendarbeit in ihren Kommunen zu retten. In Bremen sind derzeit gleich zwei Einrichtungen des BDPs von Kürzungen bedroht: Das Mädchenkulturhaus und das Jugendhaus am Hulsberg. Aus diesem Grund engagieren sich die dort arbeitenden Mitarbeiter_innen jetzt in einem Jugendbündnis. Seit 10 Jahren steht den Trägern in Bremen immer weniger Geld zur Verfügung. »Gleichzeitig haben wir, wie jeder andere Haushalt auch steigende Kosten«, sagt Maren vom Mädchenkulturhaus des BDP. Für die Planung und Durchführung von Aktionen für das Bündnis, gibt es eigentlich gar keine Arbeitszeit, doch es ist der einzige Weg, der derzeit logisch erscheint.

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Kürzungen

oder doch einfach die jugendarbeit abschaffen? Die BDP-Gruppe in Groß-Umstadt, Hessen hat ein kompletter Kahlschlag getroffen: Sämtliche Mittel zur Förderung von Jugendverbänden sind dort einfach gestrichen worden. Grund hierfür seien die Wirtschaftskrise und die leeren Kassen. Die Sportvereine und die Feuerwehr werden weiter gefördert (da sind Herr und Frau Politiker_in wahrscheinlich selbst noch Mitglied). Die sozialkritische BDP- Gruppe darf jetzt zur Aufbesserung der Dorf-Kasse auf ihr Geld verzichten und weiß nicht mehr, wie sie Grundstrukturen finanzieren sollen. Die Diskussion um Kürzungen in der Jugendarbeit scheint immer auch eine Frage der Wertschätzung der Arbeit zu sein. Und eine Frage von Prioritäten. Wenn Kinder und Jugendliche unsere Zukunft sind, wie ja so gerne proklamiert wird, dann wäre es schon logischer in sie zu investieren, statt an ihnen zu sparen.


TIPPs Kultur, Medien, Literatur

fEInE sAHnE fIscHfIlET

InTO THE wIlD

(dt. In die Wildnis: Allein nach Alaska) Jon Krakauer Die Geschichte von Chris McCandless verläuft gewissermaßen rückwärts und beginnt mit seinem Tod. Am 6. September 1992 finden Jäger den stark verwesten Leichnam des 24-jährigen in einem alten Bus im Denali Nationalpark, Alaska. Der Journalist und Autor Jon Krakauer hat drei Jahre recherchiert, Weggefährten des jungen Mannes getroffen und eine faszinierende, wenn auch kurze Lebensgeschichte rekonstruiert.

AllEs fAMIlIE!

Vom Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten Anke Kuhl (Illustratorin), Alexandra Maxeiner (Autorin) Familien können heute unglaublich verschieden aussehen und funktionieren. Auff ällig ist leider, dass vor allem Kinderbücher immer noch von der klassischen Mama-Papa-Kind-Familie geprägt sind. Die wirkliche Vielfalt, die zum Glück alltäglich immer mehr gelebt und unterstützt wird, findet dort meist keine Darstellung.

zusammengefasst sind seine funde in seiner reportage »into the wild”, die sich so spannend liest wie ein roman. Krakauer zeichnet das Bild eines

»alles familie!« ist ein bilderbuch für kinder, das endlich ganz verschiedene familienmodelle in den fokus nimmt. Durch die Darstellung he-

Menschen, der nach Wahrhaftigkeit und Schönheit strebt, nach einem einfachen Leben in Einklang mit der Natur. »Into the Wild« ist ein Buch, das einen staatsfeindlicher punkrock. Der Verfassungsschutz sieht Deutschland Bogen schlägt zwischen Abenteuer und also bedroht durch linke Musik. Wir nicht. Philosophie – melancholisch und insFeine Sahne Fischfilet. ein sehr sympathi- pirierend zugleich. Vor allem aber ist es scher haufen, der die öde vorpommerns ein Buch für alle jüngeren und älteren in ohrwurmigem punk verarbeitet und Erwachsenen, die abends am Lagerfeuer der »komplett im Arsch«-Dorfjugend da- von einem Leben in und mit der Wildnis mit Alternativen zur rechten Szene bietet. träumen. Schützt sie vorm Verfassungsschutz!

terosexueller, schwuler und lesbischer Eltern, durch Familien mit und ohne Kinder oder Patchwork-Familien wird die Vielfältigkeit des Buches deutlich. Was dabei immer im Vordergrund steht ist Wertfreiheit: Das ist alles Familie - ohne Wenn und Aber. Auch wenn es nicht alle möglichen Familienkonstellationen aufführt, ist es ein sehr empfehlenswertes Buch für Kinder, aber auch für ihre Eltern und alle, die irgendeine Art von Familie haben.

Piper | 2007 | 9,99 EUR | ISBN: 9783492250672

Klett Kinderbuch | 2010 | 13,95 EUR | ISBN: 978-3941411296

Mehrere Seiten hat der Verfassungsschutz der Band 'Feine Sahne Fischfilet' in seinen Verfassungsschutzberichten in den Jahren 2011 und 2012 gewidmet. Das war sogar mehr Raum, als dem Nationalsozialistischen Untergrund zugesprochen wurde.

Spielplatz

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K T C A EN B D EM E E F NN O B A &

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Rezept für ca. 10 Personen: 1 kg Mehl in eine Schüssel geben. Die entsprechende Menge Hefe (z.B. Trockenhefe) und etwas Sonneblumenöl dazu. Je nach Belieben süß oder salzig würzen und dann bei Zugabe von (Sprudel-)

ALS STOCKBROT WIRD EINE BROTSORTE BEZEICHNET, BEI DER DER TEIG UM EINEN STOCK GEWICKELT ÜBER DER GLUT EINES OFFENEN FEUERS GEBACKEN WIRD.

Jugendarbeit im Verfassungsschutz

In der Schweiz wird es übrigens Schlangenbrot genannt und im Osten Deutschlands ist es als Knüppelbrot oder Knüppelkuchen bekannt.

Wasser kneten, bis alles zu einem festen Teig vermengt ist und die Finger nicht mehr kleben. Dazu wird ein Ast eines nicht giftigen Baumes, z.B. Haselnuss, an einem Ende mit einem Taschenmesser von der Rinde befreit und anschließend entweder spiralförmig oder umschlagartig Brotteig auf den Stock aufgebracht. Brot von allen Seiten braun backen. Wenn das Brot ganz einfach vom Stock gezogen werden kann, ist es gar. Tipp: Vor dem Essen Käse ins Loch stopfen oder bei der süßen Variante in Marmelade tunken. Hmm, lecker! Zuhause das Moos grob säubern und dann in eine Schüssel bröseln. In die Schüssel kommen außerdem noch 500g Joghurt, zwei Esslöffel Zucker ein bisschen Wasser zum verdünnen. Mit einem Pürierstab

AB IN DEN WALD, DEN PARK, ZUM FLUSS UND NIMM AUF DEM RÜCKWEG ETWAS MOOS MIT. DU BRAUCHST CA. ZWEI HANDVOLL FÜR EIN SCHÖNES MITTELGROSSES MOTIV.

HÜPF-STRATEGIESPIEL FÜR CA. 10 – 30 SPIELER_INNEN AB ETWA 8 JAHREN FÜR DRINNEN UND DRAUSSEN. Zwei Teams stehen sich auf Startlinien gegenüber. Die Startlinie des einen Teams ist gleichzeitig die Ziellinie des anderen. Beide Linien sollten ca. 6 Meter voneinander entfernt und auf dem Boden markiert sein.

(Vorsicht! Ob Moos-Graffitis an anderer Leute Wänden Sachbeschädigungen sind, ist noch nicht abschließend geklärt). Mit der Kreide kannst du dein Motiv vorzeichnen. Mit dem Pinsel wird jetzt die Moospampe in der gewünschten Form auf die Wand aufgetragen. Wenn es zu wenig regnet, kannst du dein Kunstwerk alle paar Tage mit Hilfe einer Wassersprühfl asche feucht halten. Fertig.

Mit der Moospampe, einem Pinsel und einem Stückchen Kreide geht es wieder raus in die Welt. Such dir eine schöne Wand aus.

wird aus der Mischung ein grüner Brei, der in etwa die w Konsistenz eines Milchshakes haben sollte – vom Probieren sei jedoch abgeraten.

Es gewinnt das Team, das zuerst mit einem Teammitglied über die Ziellinie gekommen ist – oder überhaupt noch Mitglieder auf dem Feld hat.

Ein gegnerisches Mitglied kann durch Antippen aus dem Spiel geworfen werden.

Während des gesamten Spiels darf nicht gesprochen werden – bei Profis sind sogar keine Handzeichen mehr erlaubt. Das heißt, das Team muss ohne Worte entscheiden, wer von ihnen springt. Falls zwei Personen gleichzeitig springen, scheiden beide aus. Wer spricht, oder beim Springen nicht sauber mit beiden Füßen aufkommt, scheidet ebenfalls aus.

Die Spielleitung entscheidet welches Team beginnt, danach sind die Teams abwechselnd dran. Ein Mitglied des jeweiligen Teams springt nun nach vorne oder zur Seite. Gesprungen wird immer mit beiden Füßen gleichzeitig.


BDP BLATT 01/13  

Das BLATT ist das bundesweite Magazin des Bund Deutscher PfadfinderInnen (BDP) Für mehr Informationen: www.bdp.org blatt[at]bdp.org

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