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Das Magazin des Bund Deutscher Pfadfinder_innen

THEMA: Critical Whiteness – Eine Frage des Blickwinkels Kommentar – Not my pulse of Europe EINBLICK: Bundesvorstand – „Selbst die Pfadis schottern!“ INTERNATIONAL: Mexiko-Stadt – Ort der Gegensätze

BLATT AUSGABE 01 / 2017


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LIEBE LESER_INNEN

CRITICAL WHITENESS Ein Problem des Blickwinkels EUROPA Alltags-praktische Reiseerfahrungen THEMA

KOMMENTAR Not my pulse of Europe

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8–9

10 – 11 13

WHITE CHARITY Plakatwerbung in unseren Köpfen

14 – 16

NICHT-WÄHLEN Wieso denn das?

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DREI STEINE Comic zur rechten Szene der 1980er

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MEXIKO-STADT Ort der Gegensätze

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INTERVIEW Ab duch die Megacity

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MITREISEGELEGENHEIT Mit dem BDP um die Welt

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BUNDESVORSTAND „Selbst die Pfadis schottern!“

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KOMMENTAR Soll ich wählen gehen und wenn ja, wie viele?

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PORTAIT Ella

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PROJEKTE Stolpersteine in Groß-Umstadt

20 – 21

AUFGEPASST Sexualität, Konsens und Awareness im BDP

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INTERN Das Redax-Team

SPIEL

e w Z lig Syl w e t

BLÄT TCHEN Versteckspiel und Rätsel

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TIPPS

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REZENSION Pfadfinder zwischen Tradition und Fortschritt

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SOMMERCAMP Bunt und dreist!

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SAMMELKARTEN

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TERMINE, FEEDBACK UND ABO

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t o n t B e e r e l h B k p i h n m i c o d l r f k n u i u e m V d i a w Ev r t n e g e u g a j q a j l ge ranz Taxi r y S e f F p n . e n m t ß e ä o k yl lost o J r x g t o r B k n h wa . Zwölf ber de x zwic uick ü q a n t r u r g e Q e a u l q w e g a r to h. Vo Sylvi . c . i m e m i i D e B h z d r r o e f Pf bei P Jux Liebe Leser_innen,

das blatt ist das Verbandsmagazin des Bund Deutscher Pfadfinder_innen und erscheint zwei Mal im Jahr. Es dient dem Austasuch, der politischen Debatte und der gegenseitigen Information über die BDP-Kinder- und Jugendarbeit in allen Bereichen. das blatt wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Frauen, Senioren, Familie und Jugend (BMFSFJ) gefördert. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht immer die Meinung der Redaktion wieder. Aus Gründen des Datenschutzes werden nur die Vornamen der Autor_innen angegeben, auf Nachfrage kann der Kontakt für inhaltlichen Austausch hergestellt werden. herausgeber_in:

BDP Bundesverband

redaktion André, Charlie H., Esther, Klaus, Laura, Lotti, Manuel, Ruben, Sophie, Tabea, Anne

gestaltung Atelier Hurra kontakt zur redaktion: blatt.bdp.org blatt@bdp.org

weitere exemplare können bestellt werden beim: Bund Deutscher Pfadfinder_innen Bundesverband – BLATT Baumweg 10 60316 Frankfurt am Main FON (069) 431030 MAIL bundesverband@bdp.org

ein neues Jahr ein neues Blatt! Da sind wir wieder und wieder mit einem dicken Heft, da das letzte so viel Zuspruch bekommen hat. Das freut uns! Für diese Ausgabe haben wir uns sogar professionelle Hilfe mit ins Boot geholt und an einer Schreibwerkstatt mit dem Journalisten Tilman Rau teilgenommen. Viele Ideen für die Artikel dieser Ausgabe haben wir während des Workshops gefunden. Einen kleinen Einblick wie es dort so war findet ihr auf Seite 34, eine eigene kleine Schreibübung zum selbst ausprobieren gibt es bei den Sammelkarten. Außerdem war der Arbeitskreis Gender*Queer in den letzten Monaten sehr aktiv. Nach dem Beschluss auf der Bundesdelegiertenversammlung (queere) Sexualität, Konsens und Awareness verstärkt im BDP zu thematisieren, sind unter anderem zwei sehr interessante Elemente entstanden: Die Safer Sex Box und das Plakat „Passt auf einander auf“, welches das Thema Konsens behandelt. Was das alles mit der Arbeit in einem Jugendverband zu tun hat, erfahrt ihr auf Seite 30. Und falls ihr neben den anderen großen Themen dieser Ausgabe, wie BDP Reisen nach Mexiko (S. 6), BDP Projekten wie die Stolpersteinverlegung in Groß-Umstadt (S. 20), oder Geschichten und Statements der BDP Vorstände „alt und jung“(S. 4 und 13) noch mehr Lust auf BDP habt, dann steht ein echtes BDP-Highlight des Sommers quasi schon vor der Tür: Das BDP Sommercamp! Vom 22. bis 30. Juli 2017 soll es in der alten Spitzenfabrik in Grimma in der Nähe von Leipzig „bunt und dreist“ zugehen (S. 33). Wir freuen uns in jedem Fall schon auf eine lange Woche Camping, Workshops, Kochen, Baden und Lagerfeuer in Sachsen mit vielen Jugendlichen aus Deutschland, Griechenland und anderen Ecken dieser Welt. Liebe Grüße, das BLATT-Team Editorial

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EINBLICK

„SELBST DIE PFADIS SCHOTTERN“ Im Gespräch mit dem ehemaligen Bundesvorstand Thorsten Hellert

Was bewegt junge Menschen eigentlich dazu, Teil des BDP Bundesvorstands zu werden? Ist das so groß und kompliziert, wie es manchmal klingt? Was bedeutet diese Arbeit eigentlich und woher weiß ich, ob das überhaupt etwas für mich ist? Um das herauszufinden, sind wir im April nach Hamburg gefahren, um den ehemaligen Bundesvorstand Thorsten Hellert zu besuchen und ihn über seine Entwicklung im BDP auszufragen.

So entschloss er sich zum Beispiel im Jahr 2010, bei der Aktion Castor Schottern (siehe Infokasten) mitzumachen. „Das war als politische Aktion einfach echt richtig toll. Später landeten wir dann sogar auf der Titelseite der Frankfurter Rundschau, darüber hab ich mich so sehr gefreut! Wir waren eine kleine Gruppe in der Masse, aber wir hatten Signalwirkung.“ Tja, 'selbst die Pfadfinder schottern'...

Alles begann, als er mit 17 Jahren anfing, beim BDP in Babenhausen mitzumachen. Später wurde er erst Delegierter für seine Ortsgruppe, dann für den Landesverband Hessen auf der Bundesdelegiertenversammlung (BDV). Das Diskutieren und das Mitentscheiden – das hat ihn gereizt. „Ich glaube, ich habe viel vom LV Hessen gelernt“, meint Thorsten. „Dort sind die meisten Leute eher liberal oder links. Und doch irgendwie alle unterschiedlich. Das wollte ich auch auf bundesweiter Ebene vertreten.“ Ein weiterer wichtiger Grund dafür, weshalb er sich ab 2008 für den Bundesvorstand aufstellen ließ, war die große Menge Gestaltungsmöglichkeiten.

„Das Geniale am Schottern ist, das es mehr oder weniger massentauglich ist. Es besteht keine Gefahr, dass Leute zu Schaden kommen. Und es ist eine gute Sache, wenn wir die Grenze des gesellschaftlich Akzeptablen verschieben können, und so mehr Menschen zum Protestieren ermutigen.“ Ein großer Erfolg, bei dem der BDP eine Brücke bauen konnte. Um auch konservativeren Menschen zu zeigen, dass beispielsweise ein Protest gegen Atommüll nichts mit Terrorismus oder Extremismus zu tun hat. Aber auch innerhalb des BDP gab es eine hitzige Diskussion darum, ob der BDP als Verband diese Proteste offiziell unterstützen könne. Viele Menschen im BDP fürchteten, dass ein solches Handeln das positive Bild des Jugendverbandes zerstören könnte.

Er genoss es sehr, dass er durchs Land reisen und sich inhaltlich mit den Themen des BDPs auseinander setzen konnte. Zudem war es ihm wichtig, linke Positionen im Bundesvorstand zu vertreten. Denn man kommt als „BuVo“ ganz schön herum, wenn man sich mal hier und mal dort zum Austausch trifft: neue Orte, neue Gesichter und immer wieder neue Ansichten, Weltverbesserungsvorschläge und Motivationen. Natürlich kommt mit dieser Arbeit auch die Verantwortung, die verschiedenen Menschen innerhalb des BDPs fair zu vertreten und zu verstehen. Aber das war für Thorsten ein umso stärkerer Anreiz, die Sache durchzuziehen. Er schloss Freundschaften mit den Menschen in der Bundeszentrale und wollte Solidarität zeigen, Rückenwind und Unterstützung liefern, damit neue und wichtige Projekte erfolgreich umgesetzt werden konnten. „Ich wollte mit gutem Beispiel voran gehen und anstatt immer wieder zu meckern, auch mal die Sache voranbringen und mit anpacken“, sagt Thorsten.

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Einblick

Besonders in diesem aktivistischen Aspekt des BDP konnte Thorsten sich wiederfinden: Unterschriften sammeln, um gegen die Studienbeiträge zu protestieren, Texte schreiben, Stellung nehmen, Einladungen und Aufrufe zu politischen Aktionen formulieren, Städtereisen mit antifaschistischer Motivation auf die Beine stellen. „Wir haben im BDP so viel zu bieten. Wir haben Ahnung von Camps und können Infrastrukturen aufbauen und Ressourcen beitragen.“ Es gibt verschiedenste Aktionen, die für Gruppen wie den BDP anschlussfähig sein können und Unterstützung durch einen großen Verband ist ein stabiler Baustein für politische Veranstaltungen.


„Mir ist wichtig, dass besonders junge Menschen im BDP eine Stimme haben. Und das ist zum Glück auch so in unseren Strukturen verankert. Dieses Recht sollten wir stets verteidigen können. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten politisch zu sein. Die neue Safer Sex Box oder auch das Awareness-Streben (siehe S. 30) – das ist fast noch viel politischer, als eine Demo. Das ist eine Sache die total nachhaltig und weitreichend ist. Politisch sein bedeutet doch, Ansätze zu liefern und gesellschaftliche Grenzen und Strukturen aufzubrechen! “ So divers der BDP in seiner ganzen Breite auch ist, diesen allgemeinen spirit sieht Thorsten an fast allen Ecken im Verband. Auf dieser Ebene war Thorsten immer begeistert vom BDP, denn er hat bei Veranstaltungen eine Atmosphäre erlebt, die Kindern und Jugendlichen erlaubt selbstständig zu sein und ihnen die Freiheit eröffnet, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Ganz unabhängig von seinen Ämtern hat er im BDP mehr gelernt, als jemals in irgendeiner Schule. „Hätte ich die Hauptamtlichen nicht so cool gefunden, wäre ich vielleicht nie so am BDP hängengeblieben. Von ihnen habe ich sehr viel gelernt, und sie haben mich nicht zurecht gebogen – sie haben mich akzeptiert wie ich bin und mich meine eigenen Schlüsse ziehen lassen. Ich habe gelernt, wie ich gut mit Menschen umgehe. Und, dass man auch nach 50 Jahren auf dieser Welt noch ein Leben abseits von Bürojob, Familie, Reihenhaus leben kann. Für viele Menschen ist dieses Konzept so selbstverständlich, wie der Sonnenaufgang.“ Auch er hatte während seiner Kindheit genau diese Zukunft vor Augen. Als er dann aber in den BDP kam und neue Menschen kennenlernte, bei denen er andere Lebensweisen beobachten konnte, eröffneten sich neue Perspektiven. Unser Gespräch hat in Thorsten viele wertvolle Erinnerungen hervorgerufen. All die gesellschaftlichen Abenteuer, die lebensprägenden Erfahrungen und die großartigen Freundschaften, die er im BDP gewonnen hat, sind letztendlich die größte Belohnung für die Zeit und Energie, die er investiert hat. Da können wir beide ihm nur zustimmen. Von Julian und Tabea

INFOBOX: was ist eigentlich … schottern?

Schottern ist eine politische Protestform die sich mit der Anti-Atomkraft-Bewegung entwickelt hat. Dabei werden die Steine unter den Bahnschienen mit Schaufeln oder den eigenen Händen und Füßen beiseite geräumt. So wird der Castortransport aufgehalten. Dabei geht es nicht darum, den Zug entgleisen zu lassen, sondern den Transport zu erschweren oder gar zu verhinden. Diese Sabotage führt außerdem dazu, dass die Öffentlichkeit auf die Probleme der Atomenergie aufmerksam gemacht wird.

wie werde ich eigentlich ... bundesvorstand?

Die vier Bundesvorstände werden alle zwei Jahre auf der Bundesdelegiertenversammlung von den Delegierten aus den BDP-Landesverbänden gewählt. Gemeinsam entscheiden sie bei regelmäßigen Vorstandssitzungen, teilweise zusammen mit der Bundeszentrale, welche Projekte sie in den kommenden Jahren angehen wollen. Das sind Bundescamps, politische Statements, Fachtage oder eben größere Aktionen. Neben einer Bahncard und einem guten Punkt im Lebenslauf, lernt man hier jedoch vor allem wichtige skills fürs Leben: Von der Organisation jugendpolitischer Kampagnen über die Moderation von Gremien bis zu Methoden der außerschulischen Bildung. Es hängt von dir ab! Die nächste Wahl findet auf der BDV vom 15. – 17. September 2017 statt. Wenn du Interesse oder Fragen hast, melde dich gerne bei bundesverband@bdp.org

Einblick

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INTERNATIONAL

EIN ORT DER GEGENSÄTZE Tagebuchfragmente aus Mexiko-Stadt

Der BDP Main-Taunuskreis unternahm Anfang des Jahres eine Jugendbegegnung nach Mexiko-Stadt. Die Teilnehmer_innen wandelten dort zwischen alten Kolonialbauten und Orten der aktuellen politischen Auseinandersetzung. Mit rund zwanzig BDPler_innen auf nach Mexiko-Stadt – eine ganze neue Erfahrung des Reisens. Via Amsterdam fliegen wir über den großen Teich. Zu diesem Flug findet sich ein einziger Eintrag in meinem Tagebuch: „Schlechteste Nudeln der Welt.“ Aber schon der Landeanflug auf Mexiko-Stadt macht das kulinarische Desaster wieder wett: „Ein irrer Lichterteppich tut sich rechts von uns auf.“ Eigentlich auch links. Das Meer aus Lichtern nimmt kein Ende und ein erster Eindruck zur Größe dieser Stadt entsteht. In den folgenden zwei Wochen erwartet uns ein volles Programm, das von uns und unserer Partner_innen-Gruppe “Consejo de Barrios La Raza” selbst gestaltet wurde und zu dem nur einige Gedanken hier auftauchen werden.

stadtrundgÄnge an verschiedenen orten. Immer wieder dieselbe Story: Indigene mussten nach der Invasion durch die Spanier_innen aus den Steinen ihrer Tempel die Kathedrale und andere Gebäude für die Kolonisator_innen erbauen. Ein kleiner Widerstand entsteht: es werden indigene Symboliken miteingebaut, die heute noch sichtbar sind. Der Erhalt der teilweise noch nicht lange wieder freigelegten Ruinen indigener Tempelanlagen ist Thema. In Tlatelolco, am Ort der grausamen Niederschlagung der Studierendenproteste von 1968, ist die Kulisse auf engem Raum besonders beeindruckend und steht irgendwie für das, was viele Menschen in Mexiko heutzutage bewegt: die indigene Geschichte (Tempelruinen) inmitten von Arbeiter-Wohnkomplexen (wie “Platte” bei uns), dazwischen Bauten spanischer Kolonialzeit und die Erinnerung an das Massaker 1968, das auch symbolisch für das bis heute mangelnde Vertrauen in die eigene Regierung steht.

bei einem Wasserspeicher der Isla Urbana.

marxist_innen und linke theoretiker_innen. Unsere Programmstruktur führt dazu, dass wir zu Beginn einige in Folge treffen; was inhaltlich spannend ist, die mexikanische Gesellschaft aber sehr einseitig erscheinen lässt. Dennoch ist es beeindruckend, Menschen zu erleben, die so viele Jahre schon Widerstand leisten. 30 Jahre ein Haus besetzen. Für Menschenrechte politisch Gefangener kämpfen. Ein feministisches Zentrum mitten in die Innenstadt platzieren als Ansage gegen Diskriminierung, Homophobie und Rassismus und als offenen Treffpunkt. Aber wo ist das Problem des Landes, wenn alle so alternativ und offen denken?

deutsche unernehmenskultur. Also, raus aus dem intellektuellen Schutzraum und „die andere Seite“ kennenlernen. Wir besuchen ein deutsches Unternehmen und treffen auf Unverständnis gegenüber kritischen Fragen zur Unternehmensexpansion. Es ist doch klar, dass überall dort expandiert wird, wo das Unternehmen noch nicht Marktführer ist! Klar ist auch, dass dafür alle kleinen, inländischen Konkurrent_ innen aufgekauft werden müssen. „Fressen oder gefressen werden“: ein Zitat, im Tagebuch festgehalten.

welten treffen aufeinander. Diese und viele weitere Begegnungen mit Menschen vor Ort machen eine unglaublich beeindruckende Begegnung möglich mit Blicken hinter die Kulissen, die sicherlich nicht allen Reisenden ermöglicht werden. Es geht nach Hause. Erstmal alles verarbeiten. Letzter Eintrag im Tagebuch am Flughafen Mexiko-Stadt: „Der Räucherkäse in meinem Handgepäck führt bei Kontrollen kurz zu Irritationen. Ich darf ihn aber mitnehmen.“ Von Franziska

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International

Die Jugendbegegnung nach Mexiko wurde gefürdert aus Mitteln des Kinder- und Jugendplanes des Bundes.


INTERNATIONAL

AB DURCH DIE MEGACITY Eindrücke der Jugendbegegnung in Mexiko-Stadt

Am vorletzten Tag unserer Begegnung nach Mexiko-Stadt begeben wir uns nach Xochimilco, den sogenannten schwimmenden Gärten Mexikos, die sich mitten in der Mega-City befinden. Während der Schiff srundfahrt auf den Kanälen, welche die Gärten verbinden, unterhalte ich mich mit Richard, 23 Jahre alt, der das erste Mal mit dem BDP unterwegs ist.

kÄmpfe sind, von denen du gesprochen hast?

Also zum Beispiel die Leute die von Früh bis Spät auf der Straße stehen und irgendwelche Sachen verkaufen. Ich denke, dass die da nicht viel über dem Mindestlohn von vier Euro am Tag rauskommt. Sie arbeiten enorm hart und zeigen gleichzeitig gar nicht so ne große Enttäuschung. Das ist sehr interessant. Überall hört man hier: „Wir vertrauen dem Staat nicht, deswegen müssen wir es selhallo richard, warum hast du dich dafür entschieden ber anpacken.“ Zum Beispiel ist Mexiko-Stadt in einer Wasserkrise mit dem bdp auf diese fahrt Zu gehen? und einigen Vierteln fehlt das Wasser, teilweise gibt es gar keinen Ich habe Europa bisher noch nie verlassen. Mich persönlich hat Wasseranschluss. Heute haben wir ein Projekt der Organisation Mexiko sehr gereizt, da Freunde von mir spanisch sprechen und Isla Urbana besucht. Sie kümmern sich um die Wasserversorgung ich da so ne Möglichkeit gesehen habe mit den Leuten besser in auf einem Berg gelegener Siedlungen, da die staatliche WasserKontakt zu kommen. Und dann war das so ne Bauchentscheidung versorgung dort nicht ausreicht. Dort haben die Leute angefanund erst in der Vorbereitung auf die Fahrt ist dann gewachsen, gen Zisternen und Filtersystem in Selbstverwaltung aufzubauen. was mich hier so erwarten könnte. Die sind jetzt komplett unabhängig und ihre Wasserversorgung ist jetzt sicher. Die Wasserqualität ist viel besser als das meiste kannst du uns ein bisschen von deinen eindrücken auf Wasser das in Mexiko-Stadt aus den Wasserhähnen kommt.

der fahrt berichten?

Oh, die sind natürlich sehr vielfältig. Auf jeden Fall habe ich das erste Mal richtig realisiert, was es bedeutet im Westen geboren zu sein. Diese krassen gesellschaftlichen Unterschiede, die ich bisher hier in Mexiko wahrgenommen habe, habe ich in Europa so bisher noch nicht sehen können. Man kann hier sehen wie sich das Wirtschaftssystem auf unsere Gesellschaften auswirkt, besonders hier an einem anderen Ort, wo es nicht so viele soziale Absicherungen gibt. Und wo viele Menschen einfach tagtäglich viel mehr zu kämpfen haben als wir das vielleicht mit unserem doch recht großen Privileg in Deutschland geboren zu sein. Und die Stadt, das sind ja tausende von Menschen die hier täglich unterwegs sind, die U-Bahnen sind beim Feierabendverkehr so voll, das man wie eine Sardine in der Dose in den Waggon gepresst wird. Da gibt es zum Beispiel in jeder U-Bahn einen Frauenabteil, weil es durch die Enge immer wieder zu Belästigungen kam. Und dann wenn du auf ein Hochhaus steigst, du kannst das Ende der Stadt nicht sehen, die hört einfach nicht auf.

kannst du das ein bisschen konkretisieren was diese

das thema der jugendbegegnung war ja stadt und globalisierung. welche unterschiede und parallelen gibt es Zu frankfurt? Abgesehen von der Größe ist Mexiko-Stadt noch viel fragmentierter – meiner Meinung nach, die ich jetzt so nach zehn Tagen habe. Gestern waren wir beispielsweise in Polanco, das war wirklich ein Viertel für die Oberklasse. Überall in der Stadt gibt es Straßenstände und Bauchläden, aber dort verbieten Straßenschilder den Verkauf auf der Straße, überall Polizei, schicke Läden und Autohäuser. Und dann fährst du eine Stadtion mit der U-Bahn und alles ist anders. Diese Segregation fällt noch stärker auf als in Frankfurt.

was nimmst du von mexiko-stadt und der fahrt mit? Die Begegnung hat mir die Augen geöff net für viele neue Perspektiven. Beispielsweise haben wir uns an einem Workshop in der UNAM mit Befreiungstheorien beschäftigt. In der Vorbereitung bin ich damit schon in Kontakt bekommen, aber mir hat ehrlich gesagt das Verständnis dafür gefehlt. Hier allerdings wurden mir von Menschen die hier aktiv sind die Augen geöff net. Wir haben sehr viele Orte besucht und ehrlich gesagt anders hätte ich jetzt nicht so ein ausgewogenes Bild von Mexiko. Und außerdem, die leckeren Fruchtsäfte sollte jeder mal probiert haben [lacht].

alles klar, vielen dank richard. Interview: Jo International

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THEMA

EIN PROBLEM DES BLICKWINKELS Was hat es mit diesem Critical Whiteness eigentlich auf sich?

Die wissenschaftliche Theorie namens „Kritische Weißseinsfor- suren. Entstanden ist diese Norm durch geschichtliche, z.B. koschung“ ist Teil der Rassismusforschung und lenkt den Fokus von loniale Strukturen, die überall um uns herum verbreitet werden: den rassistisch Diskriminierten auf die, die gewollt oder unge- durch Medien, Politik, Werbung, White Charity usw. Meist durch wollt vom Rassismus profitieren. Ein Perspektivwechsel. Sprache oder Bild wird somit rassistisches Handeln subtil weitergegeben. Die kritische Weißseinsforschung untersucht also die Zum ersten Mal kam ich während eines Vorbereitungsseminars für Mechanismen, die zu einer Privilegierung bestimmter Personenmeinen „weltwärts“ Freiwilligendienst in Ostafrika mit Critical gruppen, z.B. von Weißen, geführt haben. Whiteness in Kontakt. Damals, vor etwa zwei Jahren, stieß das Konzept bei vielen Mitfreiwilligen weitgehend auf Unverständnis. das problem der benennung Das sei doch viel zu übertrieben, dann könne man ja gar nichts Die Begriffsverwendung im Kontext wird oft als eine Problematik mehr sagen, usw. Etwa so sahen die meisten Reaktionen aus. Auch des Whiteness-Ansatzes bezeichnet. Das Aufzeigen von rassistiich selbst sah nicht die Notwendigkeit darin, ließ mich dennoch schen Strukturen, durch die bestimmte Gruppen von Menschen darauf ein, weil ich noch nie zuvor von der kritischen Weißseins- diskriminiert werden, führt dazu, dass über diese Gruppen geforschung gehört hatte – im Deutschen ein etwas sperriger Be- sprochen wird und sie folglich auch benannt werden müssen. In griff. Ich dachte mir außerdem, dass meine Seminarleiterin, die diesem Fall wird auf die gleiche Begriffsverwendung zurückgebereits viel Erfahrung in dem Bereich gesammelt hatte, vielleicht griffen, die eben aus jenen rassistischen Konstruktionen entstanbesser beurteilen könnte, ob Critical Whiteness wichtig sei. den ist. Dabei darf man nicht vergessen, dass rassistische Strukturen durch die Verwendung von Begriffen wie Weiß, Schwarz doch worum geht es überhaupt, wenn von besagter cri- oder People Of Color vertieft werden können, wo Kategorien wie tical whiteness gesprochen wird? „Rasse“ oder „Hautfarbe“ in unserer Gesellschaft doch eigentlich „Vereinfacht gesagt lenkt die kritische Weißseinsforschung den nicht mehr existieren sollten. Die Begriffe Weiß und Schwarz werBlick von denjenigen, die Rassismus erfahren, auch auf diejeni- den jedoch im Rahmen der Critical Whiteness nicht als Bezeichgen, die Rassismus ausüben. Von den Objekten zu den Subjekten. nung von äußeren Merkmalen, wie z.B. Hautfarbe, sondern mehr Von Schwarz auf Weiß. Im Idealfall beginnt dabei ein Prozess, den als soziale Konstruktionen und zur Sichtbarmachung von HerrMenschen durchlaufen, die sich mit ihrem Weißsein und damit schaftsverhältnissen verwendet. verbundenen Privilegien auseinandersetzen“, heißt es in einem Artikel der Diskussionsserie #Critical Whiteness der taz (2013). Die kritische Weißseinsforschung macht darauf aufmerksam, dass Tatsächlich ist Critical Whiteness schon seit einigen Jahren The- solche Kategorien noch vorhanden sind und sehr wohl eine große ma, hauptsächlich aber in der linken Szene. Rolle spielen. Die Strategie, so zu tun, als würden sie nicht mehr existieren, wie es oft im politischen Kontext geschieht, machen Die Idee hinter dem Begriff Critical Whiteness ist dabei, dass die rassistische Strukturen nicht ungeschehen. Bei unkritischer Verwenigsten Menschen sich selbst als Rassist_innen bezeichnen wendung von Begriffen wie Schwarz, Weiß und People Of Color würden und doch häufig unbewusst so handeln. Das können könnte der Eindruck entstehen, es handele sich um feste und manchmal nur kleine Situationen im Alltag sein: Zum Beispiel, unveränderbare Kategorien, die untrennbar mit ihren Träger*inwenn Schwarze Menschen auf Grund ihres Aussehens auf Englisch nen verbunden sind. Doch auch rassistische Strukturen sind stets angesprochen werden, obwohl sie deutsch sind. Dieses Handeln im Wandel und passen sich gesellschaftlichen Bedingungen an. soll sichtbar gemacht und kritisiert werden, denn noch immer ist „Rassismus geht durch gesellschaftliche Gruppen hindurch und Weiß die Norm in unserer Gesellschaft. Sehen kann man das z.B. lässt sich nicht klar auf zwei Gruppen verteilen, von denen die an der geringen Anzahl Schwarzer Menschen in der deutschen einen Täter und die anderen Opfer sind“, heißt es in der Ausgabe Politik, in deutschen Aufsichtsräten oder auch Hochschulprofes- November 2013 der Jugendzeitung „Straßen aus Zucker“.

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Thema


was bedeutet critical whiteness für den bdp und jugendarbeit generell? Die kritische Weißseinsforschung ist ein sehr weites und vor allem theoretisches Feld, das jedoch auch ganz praktische Anwendung finden kann. Auch ein Jugendverband wie der BDP kann Critical Whiteness in seinen Veranstaltungen und Strukturen umsetzen. Ein erster Schritt dazu wären einmal Workshops zur Weiterbildung und Selbstreflexion anzubieten, was z.B. im Verband Bremen-Niedersachsen (im BDP Jugendhaus am Hulsberg) oder auch auf Bundesebene im Kontext der Interkulturellen Öffnung bereits angegangen wurde. Ein anderer Ansatz wäre, als Bundes- oder Landesverband zu reflektieren, inwiefern die organisatorischen Kulturen und Normen weiß und deutsch begründet sind. Dazu wurde in einem Text des Migrazine, ein Magazin von Migrant*innen für alle, (2013) ein Fragebogen veröffentlicht. Hier sind einige Fragen daraus, die man sich als Verein oder Jugendgruppe stellen kann:

› Werden eure Plena nur auf Deutsch gehalten? › Bietet ihr Kinderbetreuung bei Plenas und Veranstaltungen an? › Reflektieren die Bilder und die Sprache in Artikeln und auf Plakaten, das Essen und die Musik bei Veranstaltungen, die Art und Weise der Kommunikation die gelebten Realitäten, Kulturen und Ästhetiken von nicht-weißen Gemeinschaften? › Trefft ihr euch in weiß dominierten Räumen? › Organisiert ihr viele Demonstrationen, die zu Überwachung und polizeilicher Gewalt führen und somit größere Risiken für trans, weibliche, queere, behinderte, alte, junge, rassifizierte und illegalisierte Menschen bergen? › Seid ihr mit Organisationen, die von People Of Color geführt sind, vernetzt und in Bündnissen? Unterstützt ihr ihre Projekte und Kampagnen? › Sucht ihr Input und Beratung von solchen Organisationen für eure Strategie- und Entscheidungsprozesse?

infobox: Taz Thema #Critical Whiteness www.taz.de/!t5066840/ Artikel „Weißsein als Privileg” im Deutschlandfunk www.deutschlandfunk.de/critical-whitenessweisssein-als-privileg.1184.de.html?dram:article_ id=315084 Artikel „das Problem mit Critical Whiteness“ im Migrazine http://migrazine.at/artikel/das-problem-mitcritical-whiteness Noah Sow, Deutschland Schwarz Weiss (überab. Neufassung 2015) www.noahsow.de

diskussion auf augenhöhe Letztendlich hatte die Critical Whiteness Einheit während meines Vorbereitungsseminar bei meinen Mitfreiwilligen eher den gegenteiligen Effekt. Auch beim Rückkehrseminar wurde das Thema noch einmal aufgegriffen. Die Meisten hatten ihre Meinung nicht geändert. Die Abwehrhaltung, die viele Leute bei diesem Thema entwickeln, wurde wahrscheinlich durch die sehr dogmatische Haltung unserer Seminarleiterin noch einmal verstärkt. Critical Whiteness ist manchmal ein schwieriges Thema, vor allem als Einstieg in die Anti-Rassismus Arbeit. Gerade weil der Fingerzeig, im Falle des Vorbereitungsseminars, auf einen selbst gerichtet wurde und man sich vielleicht eingestehen muss, dass man in der Vergangenheit selbst rassistische Strukturen weitergetragen und verbreitet hat. Wichtig in jeder dieser Situationen ist eine Diskussion auf Augenhöhe. „Richtig“ oder „Falsch“ gibt es auch in der Whiteness-Debatte nicht, im Vordergrund steht erstmal überhaupt die Beschäftigung mit dem Thema und die Selbstreflexion. Von Lotti Thema

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THEMA

REISEERFAHRUNGEN die bekanntesten Vorteile Europas mal ganz alltags-praktisch

Das Reisen innerhalb Europas hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Grenzkontrollen fielen weg und eine gemeinsame Währung vereinfachte viele Prozesse, die früher bei jedem Länderwechsel zu Problemen führen konnten. Doch wie fühlt sich die neue Freiheit wirklich an und war das früher wirklich schlimm? Zwei Erfahrungsberichte von reisefreudigen BDPler_innen geben einen Eindruck.

Europa-Marathon „Wie oft sehen sie sich in ihrer Heimat und waren sie während ihres Aufenthalts je voneinander getrennt?“ Eine Frau mit Uniform stellt uns während eines Sicherheitsgesprächs mitunter sehr private Fragen. Ich fühle mich ein bisschen in die Ecke gedrängt, obwohl wir nichts verbrochen haben. Aber für Israel ist die Sicherheit am Flughafen von Tel Aviv der wichtigste Aspekt, das merken wir schnell. Nach dem Securitycheck kaufe ich im Duty-Free-Store noch ein Souvenir, das habe ich vorher mal wieder vergessen. Im Geschäft kann ich in Euro zahlen. Für mein Wechselgeld muss ich mich hingegen zwischen der Landeswährung und US-amerikanischen Dollars entscheiden – Lustig! Auch mein erstes amerikanisches Souvenir erhalte ich so in Israel. In Europa ist das alles einfacher. Nach Bewältigung meiner Flugangst habe ich in den vergangenen zwei Jahren einen wahren Europa-Marathon verlebt. Mit Freund_innen war ich meistens zu zweit unterwegs an – für uns – spannenden, neuen Orten. Wir fühlten uns auf einmal so erstaunlich erwachsen, alleine in Ländern, deren Sprache wir nicht sprachen; und doch haben wir jedes Mal den Weg nach Hause gefunden. Viele Aspekte machen das Wandern zwischen den Staaten in Europa angenehmer. Mit Englisch kommt man heutzutage fast in jedem europäischen Land durch. Nur einmal passierte es uns in Italien, dass wir in ein sehr nettes Lokal kamen, in dem niemand Englisch konnte. Mit einer App kamen wir halbwegs zurecht, nach meiner Bestellung wartete aber zu meiner Überraschung dann ein Eisbein [Schweinehaxe] auf mich. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich der netten Frau vermitteln konnte, dass ich leider Vegetarier bin. 10

Thema

Das Bezahlen funktionierte dafür problemlos. Einer der größten Vorteile der EU ist für mich die Währung. Fast überall mit dem Euro bezahlen zu können verschafft einem mehr Übersicht über Ausgaben während der Reise und ist komfortabel. Nicht nur das Umrechnen fällt weg, man kann auch viel leichter einschätzen, ob etwas seinen Preis wirklich wert ist und wieviel die Bürger_innen eines Landes generell für Produkte ausgeben. Geld beschaffen ist auch kein Problem. In Athen wurde meiner Begleiterin das Portemonnaie geklaut. Zum Glück konnte ich in Griechenland kostenlos Geld von meinem Konto abheben und vorerst die Kosten für uns beide übernehmen. So wurde aus einem ersten Schock eine fast schon eher lustige Anekdote, die uns unseren Aufenthalt nicht vermiesen konnte. Und dann ist da die Reisefreiheit generell. In alle Länder der Europäischen Union darf ich – zumindest als EU-Bürger_in – ohne Visum einreisen. Außer in Großbritannien brauchte ich bisher nirgendwo in Europa einen Reisepass. Das Stempelsammeln ist damit leider passé, allerdings ist es schon purer Luxus sich jederzeit ein Ticket in ein anderes Land besorgen zu können, ohne fürchten zu müssen, abgewiesen zu werden. Für Busfahrten in die Schweiz und Österreich und einen Flug nach Litauen brauchte ich nicht mal meinen Ausweis vorzuzeigen. So ist für mich die Reiseerfahrung der letzten Monate eine entspannte und durchweg positive gewesen. Die Reisefreiheit in Europa ist meiner Meinung nach ein kostbares Gut, dass es zu schützen wert ist! Statt eine Politik zu betreiben die sie einschränkt, wäre es schön wenn sie irgendwann einmal nicht mehr nur für EU-Bürger_innen gelten würde. Weltweit. Von André


Grenzüberschreitungen Grenze (gemäß Duden): *1. (durch entsprechende Markierungen gekennzeichneter) Geländestreifen, der politische Gebilde (Länder, Staaten) voneinander trennt 2. Trennungslinie zwischen Gebieten, die im Besitz verschiedener Eigentümer sind oder sich durch natürliche Eigenschaften voneinander abgrenzen 3. nur gedachte Trennungslinie unterschiedlicher, gegensätzlicher Bereiche und Erscheinungen o.Ä. 4. Begrenzung, Abschluss[linie], Schranke

1987. Das Gefühl ausgeliefert zu sein. Reine Schikane. DDR-Grenze. „Haben Sie Waffen, Sprengstoff oder Munition dabei?“ Ich war versucht zu lachen, tat aber gut daran, es nicht zu tun. Sonst könnte die Kontrolldauer sich auf unbestimmte Zeit verlängern und ich hatte schon lange genug in der grauen Tristesse der Grenzanlagen verharrt. Über die holprige Transitstrecke durch die DDR und bei der Einreise nach West-Berlin wieder dieselbe Prozedur, einschließlich Öffnen des Kofferraums. Könnte sich ja jemand drinnen versteckt haben. Immerhin konnte ich über diese Grenze gehen, andere Menschen nicht. 2017. Ich bin dabei von einem politischen Gebilde (* siehe oben) in ein anderes politisches Gebilde innerhalb der EU zu wechseln. Und auf einmal sind sie wieder da. Stehen bereit. Uniformiert und mit strengem Blick. Drei Polizist_innen und zwei Soldat_innen mit der Maschinenpistole im Anschlag. Der kritische Blick geht ins Wageninnere und kurz darauf wird mit einer autoritären Geste vermittelt, dass wir weiterfahren dürfen. Keine intensive Kontrolle der Papiere und des Wagens. Wir sind irgendwie erleichtert. Wir scheinen nicht dem Profil der_s Gesuchten zu entsprechen. Die Terrorgefahr und der Ausnahmezustand im politischen Nachbargebilde machen es wieder möglich. Vor dreißig Jahren war das normal. An jedem auch noch so kleinen Grenzübergang gab es Kontrollen, die mal mehr, mal weniger intensiv waren. Eine Hürde im Ablauf des Reisens, eine nervige Unterbrechung, ein Zeitverlust. Das Reisen an sich war komplizierter. Alleine schon der Geldwechsel in den bereisten Ländern, jeweils mit den Verlusten beim Tausch. Damals besaß ich keine Geldkarte und war somit auf das Mitführen von ausreichend Bargeld angewiesen. Und auf offene Banken, bei denen ich in die Landeswährung umtauschen konnte. Lira, Franc, Peseten, Gulden, Schilling. Auch das jetzt Vergangenheit. Mit der Einführung des Euro wuchs das subjektive Gefühl des Zusammenwachsens. Wenigstens im Portemonnaie ein gemeinsames Europa. Der Vertrag von Schengen hatte die Kontrollen an den Binnengrenzen innerhalb eines Teils von Europa schlicht abgeschafft, an den Außengrenzen nicht. Wie schön war doch das Gefühl über die „Grenze“ zu fahren, die eigentlich keine mehr war. Keine Kontrolle, kein ewiges im Stau stehen, kein untergründiges, wenn auch unbegründetes mulmiges Gefühl; ich hatte ja nichts zu verstecken und wurde nicht gesucht. Die Grenzhäuschen und –anlagen waren verwaist. Das Gras und das Unkraut beanspruchten wieder ihren Lebensraum. Ein Gebäude der Vergangenheit. Etwas Überflüssiges. Im meinen Augen schon immer überflüssig. Von Tobi

Thema

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EINBLICK

SOLL ICH WÄHLEN GEHEN UND WENN JA, WIE VIELE? Kommentar des Bundesvorstands zur Bundestagswahl

Am 24. September diesen Jahres werden in sämtlichen Grundschulen, Universitäten, Kirchen und anderen Gebäuden, die entweder Kommunen, Bund oder Ländern gehören Wahlurnen stehen. Zum 18. Mal wird entschieden werden, wer für die nächsten vier Jahre im Bundestag sitzen wird und wer nicht. Als im Jahr 1949, dem Gründungsjahr der Bundesrepublik das erste Mal gewählt wurde, war alles noch einfach. Arbeiter*innen hatten die SPD zu wählen, wer Angst vor der „Roten Gefahr“ hatte, wählte die CDU. Konrad Adenauer wurde Bundeskanzler. 2017 sieht die Welt ein wenig komplexer aus. Wir haben zwar nur noch einen deutschen Staat, dafür mehr Parteien und die repräsentative Demokratie steckt in einer Krise, die „Pegida“ und die AfD geboren hat. Wir haben im Bundesvorstand einen Nachmittag darüber diskutiert, was genau unsere Position zur Bundestagswahl sein könnte. Zugebenermaßen hatten wir leckeren Kuchen und guten Kaffee. Aber anstrengend war die Diskussion trotz allem.

INFOBOX: Wahl-O-mat: ab ca. vier Wochen vor der Wahl auf www.bpb.de U-18 Wahl: www.u18.org

Die Frage, wo das Kreuzchen gesetzt werden soll, scheint mittlerweile fast unmöglich zu beantworten. Angela Merkel wird vermutlich als die Kanzlerin eingehen, die den Atom-Ausstieg beschlossem hat. Grün mitgregierte Länder schieben Geflüchtete ab. Der CDU-Innenminister Thomas de Maizière spricht von „Leitkultur“ (Propagandabegriffe sind in Anführungsstriche zu setzen). 12

Einblick

Sahra Wagenknecht aus der Linken fordert die Abschaffung des Euro. Der als „Gottkanzler“ verkaufte Martin Schulz wird vermutlich auch nicht die SPD und mit ihr die Welt retten. Die AfD ist die AfD und wer erinnert sich noch an diese liberale Splitterpartei, die bei der letzten Wahl den Einzug in den Bundestag verpasst hat, jetzt allerdings wieder in den Landesregierungen NRWs und Schleswig-Holsteins vertreten. Aber nun genug der Polemik. Eine wichtige Erkenntnis zur Bundestagswahl ist, dass eine Einzelstimme nichts wirklich entscheidet oder verändert. Auch ist der Gedankengang „Ich habe doch Partei X gewählt, die für Y steht. Y wurde nicht umgesetzt, also muss das System korrupt sein.“ Es wird ein repräsentatives Gremium gewählt und „jedes Mitglied des Bundestages folgt bei Reden, Handlungen, Abstimmungen und Wahlen seiner Überzeugung und seinem Gewissen“. So steht es in der Geschäftsordnung des deutschen Bundestages.

Die Wahl an sich ist nur ein kleines Rad in unserer politischen Kultur. Zur Veränderung der Verhältnisse gehört es, sich zu organisieren und zu versuchen, gemeinsame Interessen in Prozesse einzubringen und einzufordern, die auf der Entscheidungsebene im Ortsrat von Wiedenborstel beginnen und bei einer Änderung des Grundgesetzes durch den Bundestag enden.


THEMA

NOT MY PULSE OF EUROPE Der Kommentar

Aus diesen Gedanken heraus ergibt sich, die logische Konsequenz, dass jede*r sich individuell informieren und anschauen muss, welche Parteien und Kandidat*innen ihren*seinen persönlichen Präferenzen am weitesten entsprechen. Hier hat sich der Wahl-OMat der Bundeszentrale für politische Bildung als gutes Instrument bewährt. Als zweite Möglichkeit ist die oben genannte Partizipation und Einflussnahme möglich. An dieser Stelle können auch Jugendverbände wie der BDP einen wichtigen Beitrag leisten. Durch den BDP haben wir eine Plattform, auf der wir Menschen treffen können, mit denen wir zu Themen, die wir als jugendpolitisch wichtig erachten, wie zum Beispiel den Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, Aufklärung über Sexualität und Gender oder ganz konkret auch die Finanzierung von Jugendverbänden eine gemeinsame Haltung finden und diese vertreten können. Eine Partizipationsmöglichkeit für Jugendliche ist auch die U18Wahl, die dieses Jahr am 15. September, also neun Tage vor der Bundestagswahl vom Deutschen Bundesjugendring durchgeführt wird. Kinder und Jugendliche können sich bei der U18-Wahl informieren und eine Quasi-Wahl treffen, welche Partei sie wählen würden. Es ist eine gute Möglichkeit für nicht wahlberechtigte Kinder und Jugendliche ihre Stimme abzugeben und zu sehen, wie weit eventuell unsere Jugendinteressen vom Rest der Gesellschaft abweichen – wie wenig sie also de fact vertreten sind. Aus dem Problem, dass radikale Parteien besser dazu in der Lage sind, ihre Mitglieder und Anhänger*innen zur Wahl zu mobilisieren, ergibt sich zudem noch die Notwendigkeit, das Wahlrecht wahrzunehmen und den prozentualen Anteil menschenverachtender Parteien möglichst klein zu halten. Zusätzlich gilt, dass nur Parteien, die die 5%-Hürde knacken, zur Reduktion oder Verhinderung von AfD-Sitzen im Bundestag beitragen. Am Ende des Kuchens und des Nachmittags wissen wir: Wir gehen auf jeden Fall wählen, ob U, oder Ü18,wir wissen wen wir nicht wählen, aber wir wissen auch was sonst noch zu tun ist. Um wirklich etwas gegen die rechte Hetze und Gewalt in Deutschland zu tun, müssen wir uns weiter organisieren und konkrete Projekte vor Ort planen. Sei es der Support von Geflüchteten, das Promoten von Offenheit und Queerness, oder die Demo gegen Rechts. Im BDP und überall. Wir sehen uns, euer BDP Bundesvorstand Michelle, Ruben, Tabea und Tahar

Seit einiger Zeit finden sogenannte Pulse of Europe-Kundgebungen in Deutschland und mehreren europäischen Ländern statt. Mal mit vielen Menschen, mal als kleiner Haufen. Gegründet wurde die „Bewegung“ von einem Jurist*innenpärchen aus Frankfurt am Main. Ich habe als politischer Mensch im BDP mal genauer hingeschaut. Was sind die Fakten? Die Hymne der EU (die Instrumentalversion von „Ode an die Freude“) wird jedes mal gespielt, sie tragen eine azurblaue Fahne mit einem Kranz von aktuell zwölf goldenen, fünfzackigen Sternen durch die Gegend. Pulse of Europe ist mittlerweile als Marke eingetragen. Aber, was wollen diese Menschen eigentlich? Ihren offiziellen Forderungen kann man entnehmen, dass das europäische Projekt nicht scheitern dürfe, schließlich stünde der Frieden des Kontinents auf dem Spiel! Man müsse Misstrauen gegenüber der EU ernst nehmen, wählen gehen und dafür eintreten, dass Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit nicht verhandelbar bleiben. Ihr Interesse liegt nach eigenen Worten darin, den Pulsschlag Europas nicht verstummen zu lassen. Gut ist, wenn sich mehr Menschen für Europa interessieren und engagieren. Allerdings werden viele Themen außer Acht gelassen. Die katastrophale Austeritätspolitik, die massive Jugendarbeitslosigkeit in vielen Mitgliedsstaaten der EU, die menschenverachtende Abschottung gegenüber Geflüchteten und vieles mehr. Wer beim Thema Europa nicht die soziale Frage stellt und dem zunehmenden Nationalismus und Rechtspopulismus nur einen neuen Euro-Nationalismus entgegen hält, ist nicht emanzipatorisch oder fortschrittlich sondern bloß reaktionär. Mein vorzeitiges Fazit ist, wenn Pulse of Europe® kein Treppenwitz der Geschichte bleiben will, müssen die grundlegenden Fragen sozialer Gerechtigkeit und Emanzipation gestellt werden. Schwenken azurblauer Stoffe mit goldenen Sternen ist ansonsten nur Ausdruck eines schlechten Gewissens wohlfeil Privilegierter und keinen Millimeter Emanzipation. Von Torsten S. Thema

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THEMA

WHITE CHARITY 1 Was hat die Plakatwerbung deutscher NGOs mit Rassismus und Kolonialismus zu tun?

Wie sehr die uns umgebende Werbung unser Denken beeinflussen kann, wurde im letzten Heft schon in dem Artikel neue Stadtguerilla besprochen. Unser Autor hat sich ein paar weitere Gedanken zu einer ganz besonderen Werbenische gemacht: den Spendenplakaten. Ich laufe durch die Einkaufsstraßen einer deutschen Großstadt. Es ist Anfang März und der Frühling hat sich das ein oder andere Mal schon vor die Tür getraut. Eigentlich sieht alles gleich aus. Der Supermarkt macht Werbung für die Fairtrade Bio-Mangos aus Südamerika für eine bessere Welt und Freiland-Ostereier aus der Region zur Unterstützung der heimischen Landwirtschaft. Dahinter warten die üblichen Kleidungs-, Drogerie- und Schuhgeschäfte, wie sie in ganz Deutschland zu finden sind. An einer weißen Hauswand prangt ein riesiges Plakat. Von dort lächelt mich ein kleines Kind, kaum bekleidet, mit einem Stock in der Hand an. Das Kind ist Schwarz 2. Hinter ihm steht eine PappKuh auf einer Wiese mit der Aufschrift der Spendenorganisation, von der dieses Plakat ist. Darunter ein mehrdeutiger Satz, der wohl an meine Moral oder mein menschliches Mitgefühl appellieren soll: „Schicken sie Zukunft!“ In der Ecke schließlich das Logo dieser bekannten deutschen Entwicklungshilfeorganisation, Care International. Mit meiner Spende, meinem „Care-Paket“ kann ich also zu einer gerechteren und besseren Welt beitragen? Meine Aufmerksamkeit bleibt kurz daran hängen, dann gebe ich mich wieder dem Schlendern hin. So ziehe ich also durch die Straßen und merke kaum, was gerade für Bilder in meinen Kopf reproduziert werden. Bilder die Menschen in Deutschland gewohnt sind 14

Thema

und nicht weiter auffallen. Irgendetwas daran stört mich, doch ich kann es nicht genau benennen. Was genau wird mir durch solch ein Plakat suggeriert? Wieder zu Hause angekommen setze ich mich an den Rechner und beginne zu recherchieren. ‚Spendenwerbung Plakat‘ oder ‚Entwicklungspolitische Plakatwerbung‘ sind meine Stichwörter. Recht schnell stoße ich auf mehrere Artikel zu diesem Thema. Ich scheine also nicht der Erste zu sein, der sich diese Frage stellt. Es gibt sogar einen Film dazu. Er heißt White Charity. Produziert wurde er von Carolin Philipp und Timo Kiesel. Er befasst sich mit der öffentlichen Plakatwerbung großer deutscher entwicklungspolitischer Organisationen. Die Plakate, sagt Kiesel, „haben einen großen Einfluss darauf wie in Deutschland Schwarze und weiße Identitäten konstruiert werden. Der Dokumentarfilm analysiert die Spendenplakate aus einer rassismuskritischen, postkolonialen 3 Perspektive.“ Doch was genau ist an den Botschaften und Plakaten problematisch oder rassistisch? Und was ist überhaupt Rassismus? Rassismus ist ein konstruiertes Unterdrückungssystem. Er beruht nicht auf wirklichen biologischen Unterschieden, sondern lediglich auf von Menschen gemachten. Um dies zu erklären muss ich weiter ausholen. Bereits vor ein paar hundert Jahren mit Beginn der Kolonisierung der außereuropäischen Welt wurde ein Herrschaftssystem entwickelt, welches Menschen in verschiedene ‚Rassen‘ einteilte, bei denen die ‚Europäische‘ an der Spitze stand. Erst durch diese Vorstellung wurde es möglich, nicht europäische


Erdteile zu erobern, zu unterdrücken und zu ‚entwickeln‘. Die Kolonisierten wurden dabei als unmündige Gegenpartei dargestellt, denen die europäischen Mächte hin zu einer in ihren Augen modernen Gesellschaft verhelfen mussten. So wurde bereits damals das Bild in die Köpfe vieler Menschen gepflanzt, dass die Länder des globalen Nordens in einer unhinterfragbaren Geberrolle sind und die Länder des globalen Südens sich ohne diese Hilfe nicht ‚entwickeln‘ können. Bereits hier besteht jedoch ein grundlegender Kritikpunkt. Die postkoloniale Forscherin Julia Lossau meint hierzu, die Fokussierung auf sogenannte ‚Entwicklung‘ enthalte bereits, dass „dieser Gedanke fest in Wissens- und Repräsentationssystemen verankert ist, in denen ‚die westliche Welt‘ als Standard und Vorbild erscheint“. Es zeugt also bereits von einer ungleichen Machtverteilung, wenn von ‚entwickeln‘ die Rede ist. Hier besteht schließlich die Verbindung zu den Spendenplakaten deutscher Nichtregierungsorganisationen (NROs). Auf Plakaten, wie dem oben beschrieben wird den gezeigten Menschen und den durch sie repräsentierten Gesellschaften oftmals Rückständigkeit unterstellt und der Fokus auf eine angenommene Unterentwicklung gelegt. Die NROs haben bei der Abbildung Schwarzer Menschen und People of Color 4 (PoC) ein quasi Monopol, finden sich doch beispielsweise in Unternehmenswerbungen kaum Abbildungen von PoCs. Die „nicht-europäischen Völker werden als unmündige Kinder, die noch der Anleitung und der Hilfe und der Unterstützung bedürfen“, dargestellt so Aram Ziai in White Charity. Das Augenmerk liegt hier eindeutig auf den Defiziten dieser

Menschen. Sie werden als passive Objekte dargestellt, denen nur durch eine aktive Gabe weißer Retter_innen geholfen werden kann. Dementsprechend werden auf den Plakaten von NROs oftmals auch weiße, helfende ‚Helden‘ abgebildet. Sie werden meist als individuelle, selbstbestimme Personen dargestellt, die in der Lage sind Hilfe zu geben, was wiederum die bereits beschriebene Vorstellung der eigenen Überlegenheit reproduziert. Diese Form der Öffentlichkeitsarbeit trägt zu einer Einteilung von Menschen entlang von rassistischen Stereotypen, bei dem Weißsein an der Spitze steht, bei und festigt vorurteilsbehaftete Zuschreibungen. Hier wiedersprechen die Organisationen sich selbst. Die gewählten Darstellungen widerstreben den eigenen auf die Fahnen geschriebenen Zielen nach Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Bekannte Verbindungen zwischen dem Wohlstand der Einen und der Armut der Anderen finden hier keinen Platz und werden ausgeblendet. So fußt dieser Wohlstand doch zu großen Teilen auf der beschriebenen ungleichen Verteilung. Mit Beginn der Kolonisierung begann eine Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen, die bis heute anhält. Aber Ausbeutung ist nur eines von vielen Problemen. Tragen nicht beispielsweise auch Waffen ‚Made in Germany‘ und exportiert in die Krisenregionen dieser Erde dazu bei, Armut weiter aufrechtzuerhalten? Als größter Waffenexporteur Europas verkauft Deutschland jedes Jahr Waffen im Wert von mehreren Milliarden Euro in alle Welt 5. Doch historische oder politische Zusammenhänge werden meist nicht dargestellt. Eher wird suggeriert, dass durch (m)eine Spende von einigen Euros, der Hunger in der Welt bekämpft werden könne.

Thema

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Wie können solche problematischen Darstellungen also verhindert werden? Ein erster Schritt in die richtige Richtung wurde zwar bereits eingeschlagen – es finden sich heutzutage mehr Plakate, die auf eine Abbildung von Menschen verzichten und stattdessen mit Zeichnungen oder Grafiken hantieren. Dennoch wird dabei meist nicht die Struktur der Argumentation verändert. Selbst „wenn die personalisierten Objekt-/Opferdarstellungen ausbleiben, bleibt die Zweiteilung der Welt in Menschen und Gesellschaften, die ein Problem haben, und denen, die die Lösung bringen“, sagt auch Timo Kiesel. Hier wäre eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der eigenen Ideologie seitens der NROs notwendig, da diese ihre Kampagne weiterhin auf kolonialen und rassistischen Strukturen aufbauen. Das Problem ist zu grundsätzlich um es nur mittels einer veränderten Darstellung auf den Plakaten zu beheben. Die NROs müssten sich vielmehr als Sprachrohr dieser benachteiligten Menschen sehen und nicht für sie sprechen, sondern sie sprechen lassen, ohne sie dabei in die Opferrolle zu drängen. Doch ein Umdenken findet, wenn überhaupt, nur sehr langsam statt. Einige Wochen später. Das zweite Redaktionstreffen liegt gerade hinter uns und ich bin auf dem Nachhauseweg. Ich komme am Bahnhof an und muss auf meinen Zug warten. Wieder sehe ich ein großes Spendenplakat, dieses Mal von der „Aktion Deutschland Hilft“, einem Zusammenschluss mehrerer NROs. Darauf steht „Hunger in Afrika - Jetzt spenden!“ Dazwischen ein lebensgroßes Abbild eines Schwarzen Kindes, offensichtlich unterernährt, das seinen Mund in Richtung einer Portion Essen streckt. Dass es bei diesem Plakat explizit um die Hungersnot in Somalia geht, bleibt der_dem Betrachter_in ohne weitere Nachforschung vorenthalten. Jetzt, nach meiner Recherche, kann ich auch benennen was mich an diesem Plakat stört. Afrika wird homogenisiert, als eins dargestellt und entmündigt: das Kind steht stellvertretend für einen ganzen Kontinent. Auch die Abbildung von Kindern ist typisch. Mittels dieser Verniedlichung, wird die Vorstellung vom ‚kindlichen‘ Afrika, dem ein ‚erwachsenes‘ Europa gegenüber steht, noch weiter verstärkt. Dies ärgert mich nun umso mehr. Niemand bleibt auch nur kurz stehen und betrachtet dieses Bild. Ich tue es, knipse ein Foto mit meinem Handy für das Redaktionsteam. Irgendwie komme ich mir dabei schuldiger vor, als all die Menschen, die hier minütlich vorbei sausen ohne auch nur den kürzesten Gedanken an diese Aufrechterhaltung und Reproduktion rassistischer Machtstrukturen zu verschwenden. Dabei versuche ich doch nur andere darauf hinzuweisen. Mein Zug fährt ein und holt mich zurück aus meiner Gedankenwelt. Von Manuel

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Thema

1 ,White Charity‘ (dt. ‚Weiße Wohltätigkeit‘) ist ein von Carolin Philipp und Timo Kiesel geprägter Begriff, der aus einer postkolonialen, rassismuskritischen Sichtweise die hierarchisierende und Rassismen-reproduzierende Öffentlichkeitsarbeit deutscher NROs und ihre Folgen untersucht. 2 ,Schwarz‘ und ‚weiß‘ wird hier nicht als biologische Zuschreibung verstanden, sondern als politisches und soziales Konstrukt. Die Begriffe sollen helfen rassistische und koloniale Strukturen sichtbar zu machen. Die bewusste Großschreibung von ‚Schwarz‘ soll eine Verniedlichung verhindern. 3 Dies bedeutet, dass die Länder des globalen Südens stärker berücksichtigt und ein Bewusstsein für das Fortbestehen ungerechter Machtstrukturen geschaffen werden soll. 4 Der Ausdruck ‚People of Colour‘ (POC) beschreibt Menschen, die sich selbst als nicht-weiß definieren und sich deshalb alltäglichen und institutionellen Formen von Rassismus ausgesetzt fühlen. Dadurch wird eine so oft kritisierte Fremdzuschreibung dieser Menschen umgangen. 5 S iehe www.waffenexporte.org

link-tipp: White Charity www.whitecharity.de


EINBLICK

ELLA IM EINSATZ Das Portrait

Ella vom BDP Berlin wird die neue Bildungsreferentin in ihrem Landesverband. Zu diesem Anlass haben wir als BLATT-Redaktion natürlich sofort die Chance ergriffen und mit ihr über dies und jenes, ihre BDP-Geschichte und ihren zukünftigen Job geredet. Ich treffe mich mit Ella mittags in einem ziemlich lauten Café in Berlin Charlottenburg. Groß und schlank, mit braunen, bis zur Taille fallenden, glatten Haaren sitzt sie mir aufrecht gegenüber. Sie guckt mich mit ihrem leicht ironischen Gesichtsausdruck an, wartend, was ich als nächstes sage. Wir schweigen kurz und müssen plötzlich lachen. Sich in einer Interviewsituation wiederfinden, wenn man sich schon etwas länger kennt, wirkt ein wenig seltsam. Lachen – das kann Ella in der Tat ziemlich gut. Eine kleine Prise Verrücktheit ist bei ihr auch oft zu spüren – auf eine positive Art und Weise, versteht sich. Zum BDP kam Ella 2012 durch ihr FSJ im Kinder- und Jugendbüro Steglitz-Zehlendorf, wo sie unter anderem das Zündfunkenprojekt betreute – eine Kooperation mit dem BDP Berlin. Die Zündfunken unterstützen Schüler*innen in ganz Berlin bei Schüler*innenversammlungen, bieten aber auch selbst Workshops an. So kam sie mit Mitarbeiter*innen des BDP Berlin in Kontakt. Diese wünschten sich, dass Ella als direkter Kontakt zu den Schüler*innen ein bisschen Werbung für den BDP macht. Dadurch befasste sie sich zwangsläufig mit dessen Angeboten, an einigen nahm sie dann auch selbst teil. Was Ella am BDP damals und heute besonders gefällt, und warum ihr das Bleiben nicht schwerfiel, war die Art der Selbstbeteiligung. Jeder darf Vorschläge machen und dann wird überlegt, wie diese sowohl praktisch, als auch realistisch umgesetzt werden können. „Außerdem finde ich es gut, dass es bei uns keine klassische Mitgliedschaft gibt und somit nicht der Zwang entsteht, bei allem mitmachen zu müssen.“

Mehr Einsicht in die Arbeit des BDP bekam Ella ab 2014, als Teil des Landesvorstandes in Berlin. Zeitgleich und auch irgendwie passend startete sie ihre Ausbildung zur Erzieherin. Ihre erste Zeit im Vorstand betrachtet sie heute als schwierig. Dadurch, dass auch alle anderen Mitglieder des Vorstands neu gewählt waren, mussten sie sich zunächst orientieren und Themen finden, die ihnen wichtig waren. Später war sie sogar quasi allein im Vorstand, da die weiteren Mitglieder sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr daran beteiligen konnten. Im Laufe des letzten Jahres bekam Ella dann ein für sie sehr überr aschendes Angebot. Ab September 2017 soll sie die neue Bildungsreferentin des BDP Berlin werden. Von da an wird sie verschiedenste Aufgaben im Landesverband übernehmen. Ihr Arbeitsfeld reicht von der Öffentlichkeitsarbeit, über Planung von Workshops und Fahrten, bis hin zur Koordination des Vorstands. Natürlich muss ich sie fragen, ob sie denn schon Pläne für ihre zukünftige Zeit als Bildungsreferentin hat. Ihre klare Antwort: „Mehr Fahrten organisieren!“ Ob sie sich denn etwas Bestimmtes für die Zukunft des BDP wünscht, möchte ich zum Schluss noch von ihr wissen. Nach kurzem Überlegen sagt sie: „Auf bundesweiter Ebene habe ich immer wieder Streitereien vorheriger Generationen mitbekommen. Ich würde mir wünschen, dass wir aufhören diese immer weiterzutragen und stattdessen lieber neue Diskussionen und Gespräche starten.“ Von Lotti

Einblick

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ZU WEL C GEHÖR HER PFLANZE T DI Auflösu ESES BL A T T? ng: Sieh eu nten

Was ist eigentlich ... … Europa?



Europa ist ein Kontinent zu dem etwa 50 Länder und sogar Teile Russlands gehören. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor über 70 Jahren beschlossen Politiker*innen einiger dieser Länder für eine friedliche Zukunft enger zusammenzuarbeiten. Sie gründeten die Europäische Union – kurz EU genannt – zu der heute 28 Länder gehören. Jedes Land hat seine Sprache und Regierung behalten, aber die meisten haben ihre nationale Währung aufgegeben und man kann dort nun mit dem Euro bezahlen. Menschen mit einem europäischen Reisepass können (meistens) ohne Grenzkontrollen in der EU reisen und in anderen EU-Ländern arbeiten und studieren. Die Menschen in der EU wählen alle fünf Jahre bestimmte Politiker*innen, die gemeinsam zum Beispiel Regeln für das Handeln von Waren oder für den Umweltschutz festlegen, die dann für alle EU-Länder gelten.

Spielplatz

Auflösung: Blatt: Ginko versteckte Lilien: sieben

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Die EU will allen Menschen die gleichen Rechte ermöglichen, so dass sie ohne Diskriminierung die gleichen Chancen haben. Auch Rechte für Kinder sind von der EU festgelegt. So soll jedes Kind ein Recht auf Spiel, Freizeit und Ruhe haben, aber auch ein Recht auf Schutz vor Krieg und während der Flucht. In manchen Ländern gibt es aber Krieg und Armut, weshalb viele Menschen sich ein besseres Leben in Europa wünschen. Diese Menschen haben es nicht leicht, nach Europa zu kommen, denn die Außengrenzen sind stark bewacht und gesichert. Wer es dennoch schafft, wird entweder wieder in sein Heimatland zurück geschickt oder muss viele Jahre warten, bis er einen europäischen Pass und damit die gleichen Rechte bekommt. Das finden viele Menschen in der EU ungerecht. Wir auch.


Versteckspiel:

h auch dieses Mal die Wie im letzten Heft hat sic Heft versteckt. zen BDP-Lilie wieder im gan ? oft e Wi ? en Kannst du sie find ten un he Sie Auflösung:

Rätsel: 1 Wie lautet das Motto des

1

diesjährigen Sommercamps? Bunt und ...

2

2 Wie heißt die BDP Gliederung

3

ohne Bundeslandbezug? Wilde …

4

3 In welcher Frankfurter Straße

5

6

7

8

9 10

sitzt der BDP Hessen und die Bundeszentrale? 4 Wie lautet die gängige

Abkürzung des BDP Mädchen_ kulturhauses in Bremen?

5 Was hat die BDP Ortsgruppe

Groß-Umstadt verlegt (in der Einzahl)? 6 Wie heißt der große BDP

Kinderzirkus in Frankfurt? 7 Wie heißt die Osterfreizeit des

BDP Rheinland-Pfalz? 8 In welchem Land findet ein

Teil der interkulturellen Grundausbildung statt? 9 Wo ist das diesjährige

Sommercamp? 10 Wie heißt das Berliner Jugend-

zentrum in einem Park, das im vorletzten Heft vorgestellt wurde? Spielplatz

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EINBLICK

„GEGEN DAS VERGESSEN“ das Stolpersteinprojekt der BDP Ortsgruppe Groß-Umstadt

In der Schule kann einem das Thema Nationalsozialismus manchmal ganz schön auf die Nerven gehen. Denn wenn es eine Epoche gibt, die im Geschichtsunterricht mehr als ausführlich behandelt wird, dann ist es diese. Dennoch werden die Ereignisse der Jahre 1933-1945 immer wieder nicht nur von Lehrer_innen sondern auch in der Jugendverbandsarbeit thematisiert. So zum Beispiel von den Jugendlichen der hessischen BDP-Ortsgruppe aus Groß-Umstadt, die sich von 2008 bis 2015 in ihrem Projekt „Gegen das Vergessen“ den Schrecken des Dritten Reichs widmeten.

Im Rahmen von „Gegen das Vergessen“ beschäftigten sich die Jugendlichen von 2008 bis 2015 mit einer besonderen Form des Weitere Informationen rund um das Gedenkens. Die Umstädter BDPler_innen Projekt finden sich in der Broschüre wollten nicht nur an speziellen Tagen an „Umstädter Stolpersteine – Eine die Geschichte erinnern, sondern dauerDokumentation“, die gegen eine hafte Möglichkeiten des Gedenkens schafSchutzgebühr von 4€ beim BDP fen und gleichzeitig ihre Mitbürger_innen Groß-Umstadt erhältlich ist. dazu anregen, sich mit der Geschichte ihres Kontakt: Heimatortes im Nationalsozialismus ausog.grossumstadt@bdp.org einanderzusetzen. Denn auch hier hatten vor der Machtübernahme durch die NSDAP Menschen jüdischen Glaubens gelebt, die in den folgenden Jahren Opfer von Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt, Verfolgung und schließlich auch der Deportation Die BDPler_innen wussten: Die Auseinandersetzung mit der Ge- in Konzentrationslager geworden waren, wo sie dann ermordet schichte gibt uns wichtige Anhaltspunkte für die Gegenwart. wurden. Gerade in Zeiten eines Rechtsrucks in ganz Europa wird es umso wichtiger, sich das wohl düsterste Kapitel der deutschen und eu- Mithilfe des Stadtarchivs und der Archive verschiedener Geropäischen Geschichte vor Augen zu rufen. Die Beschäftigung mit denkstätten, unter anderem Yad Vashem (der israelischen Hodiesen Jahren erinnert uns an die schrecklichen Verbrechen, die locaust-Gedenkstätte in Jerusalem) recherchierten drei Generadamals begangen wurden. Sie hilft uns aber auch rechte Struktu- tionen BDPler_innen die Namen und Schicksale von 26 Menschen ren und ihre Gefahren heute zu erkennen und ihnen aktiv entge- aus Groß-Umstadt, die Opfer des Holocaust geworden waren. genzuwirken, um zu verhindern, dass sich die Geschehnisse von Über mehrere Jahre hinweg sammelten sie Spenden und warben damals wiederholen. Das macht Erinnerungsarbeit besonders um Unterstützung für ihr Projekt. Durch diese konnten sie dann wichtig, gerade in der antifaschistischen, demokratischen und im Rahmen mehrerer Veranstaltungen für jede dieser Personen politischen Jugendarbeit, wie sie der BDP betreibt. durch Gunter Demnig einen Stolperstein vor deren ehemaligen Wohnhäusern verlegen lassen. In Groß-Umstadt gibt es bereits seit Jahrzehnten eine BDP-Ortsgruppe, die dort einen Raum des Jugendzentrums nutzt und einen Garten von der Stadt gepachtet hat. Zu ihr gehören mehrere Untergruppen, von denen die 2006 gegründete AG Politik und Aktion die aktivste ist. Diese besteht aus bis zu 15 Personen, die sich wöchentlich zur Planung politischer Aktionen im Jugendzentrum oder im BDP-Garten treffen.

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Einblick

INFOBOX:


was sind eigentlich... stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig zum Gedenken an Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Es handelt sich dabei um kleine Betonsteine mit einer Messingplatte, auf die der der Name der Person, Geburts- und Todesdatum sowie ihr Schicksal (z.B. „deportiert und ermordet“) eingraviert sind. Diese Steine werden am letzten selbst gewählten Wohnort der Person in das Straßenpflaster eingelassen. Die Kosten pro Stein betragen aktuell 120€. Über 61.000 dieser Steine wurden bis heute in Deutschland und ganz Europa verlegt.Weitere Informationen sind auf der Website des Projektes zu finden: www.stolpersteine.eu

Stolpersteine stellen eine besondere Form des Denkmals dar, da sie sich nicht an speziellen Orten des Gedenkens befinden, sondern inmitten von Städten auf den Straßen und Gehwegen. Auf diese Weise „stolpern“ Passant_innen auch in ihrem Alltag buchstäblich über die Geschichte und werden auf die Schicksale der Menschen aufmerksam, die vor über 70 Jahren an diesem Ort gewohnt haben und von dort vertrieben wurden. Auch sind Stolpersteine nicht, wie die meisten anderen Denkmäler, pauschal einer ganzen Menschengruppe gewidmet, sondern geben jedem einzelnen Opfer einen Namen und eine Identität und sorgen auf diese Weise dafür, dass speziell dieser Mensch nicht in Vergessenheit gerät. Denn, wie Gunter Demnig gerne den Talmud, eine zentrale Schrift des Judentums, zitiert: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Die Stolpersteine sind zwar der wichtigste, jedoch nicht der einzige Bestandteil des Projektes „Gegen das Vergessen“. Seit 2008 beteiligt sich die BDP-Ortsgruppe auch am jährlichen gemeinsamen Gedenken am 9. November, dem Jahrestag der Reichsprogromnacht. Dort erinnern die Bürger_innen mit Reden und Musikbeiträgen an jene Nacht, in der Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte demoliert und viele Jüd_innen Opfer von Gewalt wurden – auch in Groß-Umstadt. Des Weiteren fanden im Rahmen des Projektes Gedenkstättenfahrten in die ehemaligen Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Mauthausen (bei Linz, Österreich) statt. Auch Filmvorführungen sowie das Engagement für eine Ausstellung in der im Hessenpark wieder aufgebauten Synagoge von Groß-Umstadt waren Teil des Engagements des BDP. Seinen Abschluss fand das Projekt schließlich 2015 in der Veröffentlichung einer Broschüre mit vielen Informationen, Fotos und Dokumenten zum Projekt so wie einem Stadtplan und einer Liste aller verlegten Stolpersteine. Obwohl es vor zwei Jahren offiziell beendet wurde, lebt die Idee hinter „Gegen das Vergessen“ weiter und prägt weiterhin die Arbeit des BDP Groß-Umstadt. Noch immer findet jährlich ein gemeinsames Gedenken am 9. November statt, für das im Vorfeld im Rahmen einer Stolperstein-Reinigungsaktion geworben wird. Viele der Steine haben auch Pat_ innen, die anfangs die Kosten für die Verlegung übernommen hatten und sich nun um die Reinigung kümmern. So wird sichergestellt, dass die 26 Namen auch in den nächsten Jahren noch lesbar sein und nicht in Vergessenheit geraten werden. Von Charlie H.

Einblick

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THEMA

NICHTWÄHLEN Wieso denn das?

Würden all die Menschen, die bei der letzten Bundestagswahl kein sie über 50 Prozent und würden die Wünsche der Mehrheit umsetKreuz gemacht haben, zur kommenden Wahl geschlossen eine zen. „Ungültige“ Stimmen werden übrigens prozentual erfasst, neue Partei wählen, würde diese aus dem Stand die zweitstärkste allerdings nicht in die Auswertung der abgegebenen Stimmen mit im Parlament werden. Aber die Wahlbeteiligung sinkt stetig. Die eingerechnet. Das Beispiel zeigt im Kleinen, dass im Grunde jede Parteien bekommen die Bürger_innen zunehmend seltener an die Stimme entscheiden kann. Wer sein Kreuz nicht macht, drückt Urne, und somit auch nicht ihre Stimme. Von Politikverdrossen- damit nicht die eigene Ablehnung gegenüber einer Partei aus heit und Protest ist die Rede. sondern schweigt. Fortan ist ein Beschweren über die Entscheidungen der verantwortlichen Politiker_innen unangebracht, hat nichtwÄhlen ist „im trend“ mensch doch ihre_seine Chance auf aktive Mitgestaltung der PoErreichte die Wahlbeteiligung bis in die späten 1970er Jahre noch litik nicht genutzt. über 90 Prozent, blieb in diesem Jahrtausend regelmäßig über einem Fünftel der Wähler_innen am Wahltag zu Hause. Dieser Trend doch noch bleibt es dabei kann gefährlich werden, für die Bevölkerung, wie auch die Demo- 2013 wurde die zweitniedrigste Wahlbeteiligung bei einer Bunkratie an sich. Denn nur in einer Demokratie hat jede_r einzelne destagswahl jemals verzeichnet. Bei der Recherche nach mögliBürger_in das Recht zu bestimmen, von wem sie sich vertreten chen Ursachen, sind drei wichtige Gründe zu finden: lassen will. Dieses nicht zu nutzen mutet daher merkwürdig an. Am Größten ist natürlich die Gefahr, dass etwas gewählt wird, Zum einen eine Art Ernüchterung. Argumentiert wird hier dawomit mensch im Nachhinein überhaupt nicht einverstanden ist. mit, Wahlen brächten keine Veränderung, die Politik setze sich Dass es dazu durchaus kommen kann, verdeutlicht das folgende nicht für die Interessen der Leute ein und kleine Parteien seien Beispiel: sowieso unwählbar. Hier fehlt zuallererst der Glaube an das demokratische System selbst. Nur wenn der Großteil sich für eine Angenommen, es gäbe 9 Wahlberechtigte. Die A-Partei wird von 3 bevorzugte Partei einsetzt, kann sich etwas ändern. Ist mensch Personen gewählt, 4 weitere wählen die B-Partei, eine Person die von der Politik der zuletzt gewählten Partei wirklich enttäuscht, C-Partei und eine enthält sich. Die B-Partei wäre der Wahlsieger. sollte mensch sich überlegen, ob diese Partei noch einmal eine Sie will alleine regieren und hat einige umstrittene Veränderun- Stimme verdient oder nicht. Sich für kleine Parteien einzusetzen gen geplant. Wäre die nichtwählende Person zur Abstimmung ge- ist ebenfalls nicht verschenkt. In den letzten Jahren kam es häugangen, könnten A- und B-Partei gleich viele Stimmen haben. Die figer vor, dass vergleichsweise kleine Parteien den Sprung in LanC-Partei und die A-Partei könnten dann zusammen regieren, eine desparlamente oder das der EU geschafft haben. Und auch wenn sogenannte „Koalition“ eingehen. Mit 5 von 9 Stimmen hätten es nicht dazu kommt, hat mensch ihre_seine Stimme benutzt. An 22

Thema


den Parteien wird es nicht vorbeigehen, wenn ihnen Wähler_innen weglaufen und „kleine“ Parteien somit Prozente einheimsen konnten. Um sich diese zurückzuerobern, muss ein Umdenken in den Köpfen der Politiker_innen stattfinden, oder zumindest ein Anerkennen der Wähler_innen-Wünsche. Ähnlich ist auch die Denkweise beim Umgang mit Umfragen. Oft scheint der Ausgang der Wahl schon Wochen zuvor festzustehen, weswegen einige Menschen der Wahl fernbleiben. Doch in der jüngsten Vergangenheit gab es öfter Erstaunen am Wahlabend. Sei es, dass sich viele Wähler_innen erst spontan für ihre endgültige Stimmvergabe entscheiden, aber auch weil die Erwartungshaltung genauso umgekehrt funktioniert. Ist man sich dem Ausgang der Wahl bereits zu sicher und gibt daraufhin keine Stimme ab, kann mensch am Abend eine böse Überraschung erwarten. All das sind also keine überzeugenden Argumente der Stimmabgabe fern zu bleiben. Der nächste Grund ist allgemeine Unaufgeklärtheit was die Wahlen angeht. Dabei hört man auch von Misstrauen gegenüber den Politiker_innen. Das kann natürlich zutreffen. Oft ist es aber ein Problem der Kommunikation. Jeder Wahlkreis hat Direktkandidaten. (Infobox Wahlsystem) Diese sollen für die Bedürfnisse ihres Wahlkreises im Bundestag stehen. Sie sind Ansprech- und wichtigster Bezugspartner für die Bürger_innen. An sie sollte man Wünsche herantragen und auf Grundlage der Reaktionen, gut überlegen wen man wählt.

was ist eigentlich... … der wahl-o-mat

Für all diejenigen, die ihr Kreuz unbedingt machen wollen, aber nicht wissen, welche Partei sich größtenteils für ihre Wünsche einsetzt, gibt es den Wahl-O-Mat. Bei diesem kann man Thesen, die auch den Parteien vorgelegt wurden, mit Zustimmung, Ablehnung oder Enthaltung entgegnen. In einer Übersicht am Ende sieht man dann, mit welcher Partei man die höchste Übereinstimmung hat. www.bpb.de/politik/wahlen/wahl-o-mat/

… wÄhlen:

Hat man die deutsche Staatsbürgerschaft und ist über 18 Jahre alt, bekommt man vor der Wahl eine Wahlbenachrichtigung. Mir dieser kann man entweder die Briefwahl beantragen (z.B. online) oder geht mit diesem Zettel und dem Personalausweis am Wahltag ins ausgewiesene Wahllokal. Bei einer Bundestagswahl verfügt jede_r Wahlberechtigte über zwei Stimmen. Die Wichtigere ist hierbei die Zweitstimme. Mit ihr wählt man eine Partei direkt. Der Anteil dieser Stimmen zeigt an, wie viele Sitze im Parlament einer Partei zustehen. Kommt eine Partei auf über 5% der abgegebenen Stimmen, zieht sie mit einer entsprechenden Anzahl Abgeordneter in den Bundestag ein. Mit der Erststimme wählt man hingegen eine_n Kandidat_in direkt im eigenen Wahlkreis. Dadurch wird sichergestellt, dass alle 299 deutschen Wahlkreise und ihre Regionen im Bundestag fair durch eine gewählte Stimme vertreten werden.

Eine weitere Hilfe um eine Einschätzung zu bekommen welche Thema

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Partei die eigenen Werte vertritt, ist der Wahl-O-Mat (siehe In- andere aber werden von Millionen unterstützt, z.B. die Aktion fobox). „Stop TTIP“. Ein Zeichen, dass auch Deutschland keineswegs politikverdrossen ist, wenn es um eine wichtige Sache geht. Als dritten Grund, nicht zur Wahl zu gehen, wird oft Protest genannt. Der Grundtenor ist es den Parteien eins „auszuwischen“, Auf Landesebene können außerdem Bürger_innen-Begehren indem man sie nicht wählt. Das ist aber nicht effektiv. Eine grö- eingeleitet werden. Hierbei werden Unterschriften für ein polißere Auswirkung hätte es, eine andere Partei zu wählen. Auf die- tisches Ziel gesammelt. In Berlin wurde kürzlich aufgerufen für sem Wege schadet man der Partei, die mensch boykottieren will einen Weiterbetrieb des Flughafen Tegel zu unterschreiben. Die mehr, wie das Rechenbeispiel vom Anfang belegt. Es gibt sogar Landesregierung ist eigentlich einstimmig dagegen, könnte aber eine eigene Partei für die Stimmen von Nichtwähler_innen! Aber nun durch einen Volksentscheid am Tag der Bundestagswahl noch eine Protestwahl ist am Ende auch nur eine Notlösung. Am besten in die Bredouille gebracht werden. wäre es von Anfang an die Partei zu wählen, von der man sich wirklich vertreten fühlt. Man muss sich nur einmal Folgendes vor die politik heutZutage ist global und durchaus komplex Augen führen: Was würde passieren, bekäme eine Partei die abso- Durch Wahlen allein lässt sich niemals der ganze Wille einer Gelute Mehrheit und könnte alleine regieren? Sie könnte den Groß- sellschaft abbilden. Wohl aber ist es möglich dadurch eine Einteil ihrer Wahlversprechen umsetzen. Und die unterscheiden sich schätzung darüber zu bekommen, welche Ziele der Parteien den zwischen den Parteien dann doch stark. Mit welchem Programm meisten Anklang finden. Das Nichtwählen bringt auf lange Sicht man am Glücklichsten wäre, ist doch ein deutlicher Hinweis für nichts, es ist wichtiger die Menschen zu informieren, anzuregen die eigene Wahl. und zu inspirieren. Während bei den Wahlen die Stimmen fehlen, laufen auf Demonstrationen ein paar Tausend Leute mehr, unFür Protestwähler_innen gilt natürlich ebenfalls: Das Kreuz auf terschreiben im Internet bereits Millionen. Die Demokratie ist in dem Wahlzettel ist die einfachste Teilnahme am politischen Ge- Deutschland auf keinen Fall gescheitert. Sobald es wichtige Inschehen. Doch Politik selbst ist viel mehr, als nur alle paar Jahre halte gibt, sind die Menschen auch heute noch bereit dafür einzuein Kreuz auf dem Wahlzettel Das ist nur das Mindeste, das jeder stehen. Diese zukunftsweisenden, hilfreichen Inhalte und Ideen Mensch in einer Demokratie tun kann. Wem bestimmte Themen zu bieten und zu fördern wird weiterhin die Arbeit von Parteien wirklich am Herzen liegen, muss selbst aktiv werden um etwas und Verbänden, wie auch dem BDP, sein müssen. Dann wird auch zu verändern. Es gibt heutzutage, auch dank des Internets, vie- die Wahlbeteiligung wieder steigen. Ein leichter Aufwärtstrend le Möglichkeiten politisch aktiv zu werden, ohne dafür sehr viel ist in Landtagswahlen bereits zu erkennen. Zeit aufwenden zu müssen. Die heutige online-Vernetzung ist einfacher denn je. Im Netz werden zum Beispiel gerne Petitionen Von André erstellt. Einige davon drehen sich um kleinere Angelegenheiten,

tipps Wer sich weiter politisch engagieren oder informieren will, dem empfehle ich folgende Newsletter zu abonnieren:

schwarZkopf-stiftung:

Eine Stiftung, die regelmäßig Diskussionen über aktuelle Themen mit teils hochrangigen Vertreter_innen der Politik oder des aktuellen Lebens anbietet, den Austausch zwischen jungen Menschen und der Politik und Europa fördert und hilft, sich eine eigene Meinung zu interessanten Themen zu bilden. Alle Veranstaltungen sind kostenlos.

campact

Eine größere Organisation, die Petitionen und Kampagnen zu verschiedenen politischen Themen organisiert, z.B. „STOP TTIP“.

persönlicher tipp

Werdet Wahlhelfer_in! Bei meinem ersten Einsatz als Wahlhelfer 2014 habe ich viel über das Prozedere hinter den Kulissen der Wahl kennengelernt. Wie läuft eine Wahl ab, wie kommen die Ergebnisse in die Medien und läuft alles so transparent und vernünftig ab, wie man es sich erhofft? Als Wahlhelfer_in kann man sich ab 16/18 Jahren im nächsten Bezirksamt melden. 24

Thema


TIPPS FEMALE TO WHAT THE FUCK

Kultur, Medien, Literatur

DAMN'IT JANET! GIB MIR FÜNF! Entwaffnende Ehrlichkeit Katharina Lampert & Cordula Thym

Spiel für Geflüchtete Gemeinsam mit dem BDP Rheinland-Pfalz hat der Verlag Steffen-Spiele Ende 2015 eine Spendenaktion gestartet, um ein Spiel für Geflüchtete zu entwickeln. Sie wurde ein voller Erfolg und die Idee konnte umgesetzt werden. Heraus kam das Spiel Five!. Wie der Name schon vermuten lässt, beinhaltet es gleich fünf Spiele. 32 Holzsteine mit verschiedenen Symbolen lassen damit zwei bis vier Spieler_innen eine Menge Spaß und Möglichkeiten. Egal ob jung oder alt, die verschiedenen Spiele bieten allen etwas. Da das Spiel explizit für Geflüchtete entwickelt wurde, liegen dem Spiel Anleitungen in Englisch, Arabisch, Farsi, Urdu und Tigrinya bei. So können Sprachbarrieren überwunden werden. In vielen Einrichtungen der Flüchtlingshilfe wurde das Spiel bereits verteilt und mit viel positiver Resonanz aufgenommen. Für ebendiese Einrichtungen gibt es die Möglichkeit das Spiel umsonst zu erhalten, für alle anderen empfehlen wir die Aktion „1 Spiel kaufen = 1 Spiel schenken“. Und Spaß macht diese Spielsammlung allen! Egal ob geflüchtet oder nicht. Hauptsache Mensch! Steffen-Spiele | 2016 | 19,00 EUR | www.steffen-spiele.de

Musik-Performance mit Humor „Damn'it Janet! behandelt seit 2008 verschiedene Themen hinsichtlich ihrer Farbe, Konsistenz und Sprechbarkeit.” – So beginnt die Wir über sich betitelte Selbstdarstellung der hamburger Performancegruppe, die das Redaktionsteam beim letzten Treffen in Hamburg live auf der Bühne erleben durfte. Damn'it Janet! präsentieren eine Mischung aus Texten, Musik und Choreographien. Ihre Musik besteht meist aus Rap, unterlegt mit Techno-beats und gelegentlichem spoken word. Trommeleinlagen, Trompetenübungen und E-Gitarren haben genauso Platz auf der Bühne wie Videokunst, Bewegungsbilder und Zaubertricks. Die Texte von Damn'it Janet!' sind fragmentiert-poetisch. Mit viel sprachlicher Fingerfertigkeit und noch mehr Humor befragen sie Geschlechtergrenzen und Gentrifizierung, zergliedern Sprache und zeichnen Utopien. Die Künstler_innen scheinen sich bei all dem selbst nicht zu ernst zu nehmen und erreichen gerade dadurch ein hohes Maß an Einsicht. Damn'it Janet! gibt es im Internet, live auf der Bühne, auf Soundcloud und auf einem gerade neu herausgegebenen Tonträger. www.damn-it-janet.org

Als der AK Gender*Queer während des Oktober-Treffens in Rostock gleich noch das QueerFilmFest im Peter-Weiss-Haus mitnahm, wartete im Programm eine Dokumentation, deren Titel schon Gutes ahnen ließ: Female to What The Fuck – FtWTF. Der Film verfolgt sechs trans* Personen, deren Transgression (Überwindung) von Geschlechtergrenzen jeweils am gleichen Punkt startet: einer Zuschreibung als weiblich oder Frau. Die Art und Weise und das Ziel dieser Überschreitungen ist dabei vielfältig, nicht unbedingt geradlinig und bleibt zum Teil völlig offen. Die Macher_innen von FtWTF stellen dabei durch ruhige und sehr persönliche Interviews eine eindringliche Nähe zu den Protagonist_innen her, welche vor der Kamera Vorstellungen von Geschlecht und Identität, aber auch eigene Fragen verhandeln. FtWTF regt so mit entwaffnender Ehrlichkeit zum Nachdenken an, ist gleichzeitig beschwingt, optimistisch und – das stellte der immer wieder laut loslachende AK Gender*Queer schnell fest – oft auch einfach sehr lustig. Female to What The Fuck – FtWTF verweigert sich so einem pathetischen Tonfall und zeigt stattdessen eine Bandbreite dessen, was trans* Sein bedeuten kann – oder eben auch nicht. Egal ob Jugendgruppe, Freund_innen oder Familie, FtWTF ist eine tolle Wahl für jeden Filmabend! Sixpackfilm | 2015 | Dt. & Engl. mit engl. UT | 19,99 EUR | www.ftwtf.net Spielplatz

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THEMA

Graphic Novel von Nils Oskamp über die rechte Szene im Dortmund der 1980er Jahre

In der autobiographischen Graphic Novel „Drei Steine“ nimmt uns Nils Oskamp mit nach Dorstfeld, einen Dortmunder Stadtteil. Dieser ist geprägt vom Bergbau, von 1849 bis 1963 wurde hier Steinkohle abgebaut. Seit den 1960er Jahren sind im Ruhrgebiet jedoch Arbeitsplätze in den industriellen Brauereien, Stahlwerken und im Kohletagebau massiv abgebaut worden. Es folgte eine Zeit der Beschäftigungskrisen und ein Strukturwandel hin zum Dienstleistungssektor und der Fahrzeugproduktion. So zum Beispiel hatten viele Schlosser*innen und Elektroniker*innen, die im Kohleabbau tätig waren, einen Arbeitsplatz bei Opel gefunden, nachdem sie ihre Jobs im Bergbau verloren hatten. Dennoch waren 1980 von den circa 580.000 Einwohner*innen Dortmunds 13.552 arbeitslos; 1988 waren es dann schon 37.155 Menschen. In dieser Zeit entwickelte sich das Ruhrgebiet und insbesondere auch Dortmund vor dem Hintergrund von Identitäts- und Beschäftigungskrisen zu einer der Brutstätten der organisierten extremen Rechten in der Bundesrepublik. So entstanden zum einen rechte Kameradschaften und Hooligangruppen mit Nähe zu Fußballfanszenen von Vereinen wie Borussia Dortmund oder Schalke 04 aus Gelsenkirchen. Sie funktionierten damals wie heute als Bindeglied zwischen Fußballfanszene und militanter rechter Szene. Zum anderen agierte neben der Kameradschaftsebene auf Parteiebene in den 1980ern die „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“, welche von Altnazis gegründet und geführt wurde. Ziel der 1995 verbotenen FAP war die Neugründung der NSDAP und die Errichtung eines autoritären Staates nach Vorbild des NS-Regimes. 26

Thema

Interessant ist in diesen Zusammenhang die Geschichte von Sigfried Borchard, Jahrgang 1953. Als wohl schillerndste Figur aus dieser Mischszene ist er, „SS-Siggi“ genannt, maßgeblich beteiligt an der Gründung der „Borussenfront“. Sie ist eine der ersten militanten, rechten Hooligangruppen Deutschlands und hat einen engen Bezug zum Fußballverein Borussia Dortmund. In der Graphic Novel taucht eine Siegfried Borchard verdächtig ähnliche Figur auf, die als Rädelsführer einer Kameradschaft im Umfeld des Protagonisten agiert.


An der Person Borchert wird die Kontinuität auf personeller Ebene in der rechten Szene deutlich: Borchard wurde von der Partei „Die Rechte“ zur Kommunalwahl 2014 als Kandidat aufgestellt, gewann sogar einen Sitz im Dortmunder Stadtrat. Auch wenn er sich nach zwei Monaten wegen gesundheitlicher Gründe auf eigenen Wunsch ausschied, zeigte er eher die Unfähigkeit,sich in demokratischen Gremien einzubringen. Mit Anhänger*innen seiner Partei rief er am Abend der Wahlfeiern zum sogenannten „Rathaussturm“. Um den Wahlsieg zu feiern versuchten Anhänger*innen der rechtsextremen Partei sich mit Gewalt Zutritt zum Dortmunder Rathaus zu verschaffen.

infobox: Buch: Nils Oskamp: Drei Steine | Panini | 2016 | 19,99 EUR Zusatzinfos und Begleitmaterial zum Download: www.dreisteine.com

Thema

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Während der Auseinandersetzungen wurde „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ gebrüllt. Es gab zehn Verletzte. Siegfried Borchard ist auch heute noch ein auf rechten Aufmärschen gerne und oft gesehener Gast. In der Graphic Novel berichtet Nils Oskamp seinem Sohn von seiner Schulzeit. Die Geschichte beginnt mit einem Traum des Autors. Darin wird er von einer Gruppe militanter Rechter angegriffen, aber dann doch von seinem Sohn aus dem Schlaf gerissen, der ihn aufweckt, weil er zur Schule muss. Beim Frühstück beginnt er, seinem Sohn zu erzählen. Er berichtet von seiner Außenseiterrolle in der Schulzeit, weil er sich gegen die ideologische Vereinnahmung durch die Nazis in seinem Umfeld auflehnt. Als er im Geschichtsunterricht einen Mitschüler verhöhnt, der die Geschichte des Holocaust als „Propagandalüge der Besatzungsmächte“ leugnet, fällt er zum ersten Mal als „Vaterlandsverräter“ auf. Als solcher wird ihm auf dem Heimweg aufgelauert, wo er sich zunächst noch gegen seine Angreifer wehren kann. Es folgen dann aber weitere Angriffe, die an Intensität zunehmen. Sein einziger Verbündeter ist Tom, ein Kumpel seines Bruders, zu dem er mit der Zeit eine enge Freundschaft aufbaut. Nach dem ersten Angriff auf seine Person findet Nils auf einem geschändeten jüdischen Friedhof drei Steine, die auch namensgebend für die Geschichte sind. Einen davon nutzt er, um sich zu verteidigen. Den zweiten hätte er beinahe benutzt, um einen Menschen zu erschlagen, entschied sich aber, ihn wegzuwerfen. Den dritten Stein hat Nils Oskamp in der israelischen Holocaustgedenkstätte in Yad Vashem niedergelegt.

Im Rahmen einer Aktionswoche zu Thema Rechtsextremismus war Nils Oskamp im BDP-Haus am Hulsberg in Bremen zu Gast. Im Anschluss an die Lesung gab es noch eine Diskussion zum Thema fehlender oder nicht ausreichender Beratungsstrukturen für Opfer rechter Gewalt. Im Falle des Autors entstand eine Spirale von Gewalt, die in einem Angriff mit Schusswaffen auf sein Leben mündete – eine Entwicklung die bis heute nicht unrealistisch ist. Bei der Veranstaltung stellte sich auch eine neu gegründete Initiative zur Beratung von Opfern rechter Gewalt in Bremen und Bremerhaven vor. In Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung entstand eine mit Informationsmaterialien angereicherte und leicht gekürzte Ausgabe des Comics. Des Weiteren sind auf der zum Buchprojekt gehörenden Internetseite Arbeitsmaterialien zu finden, die die Geschichte des Comics dazu nutzen, sich systematisch mit rechter Gewalt und Nazi-Strukturen auseinanderzusetzen. Die Materialien sind zwar für die Anwendung im schulischen Kontext entwickelt, bieten aber auch Anstöße für die Arbeit im Jugenverbandskontext. Nils Oskamp steht als Referent für Lesungen und Workshops zur Verfügung. Nils Oskamp antwortet auf die Frage, warum sich die Graphic Novel an Jugendliche richtet: „Wenn eine jugendliche Person eine Neonazigruppierung an ihrer Schule hat und sich aufgrund der Geschichte überlegt, den Blödsinn nicht mitzumachen, hat sich die ganze Arbeit schon gelohnt.“ Von Ruben

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Thema


INTERNATIONAL

MITREISEGELEGENHEIT … Mit dem BDP kannst du in verschiedene Ecken dieser Welt reisen. Auch in den kommenden Monaten bieten die Landesverbände wieder viele Jugendbegegnungen und Studienfahrten an. Eine größere Auswahl gibt es unter www.bdp.org

… NACH BARCELONA: … IN DIE SCHWEIZ: SOZIALE BEWEGUNGEN FLUCHT UND ZUKUNFT BRANDAKTUELL

… NACH GRIECHENLAND: GRENZENLOS SOLIDARISCH

8. bis 15.10.2017

30.9. bis 7.10.2017

25. bis 30.9.2017

Barcelona ist eine Stadt der sozialen Bewegungen. Mit der aktuellen Wirtschaftskrise, der wachsenden Ungleichheit und Jugendarbeitslosigkeit in Spanien gewinnt sie an besonderer Aktualität. Neben dem Kennenlernen dieser spannenden Stadt am Mittelmeer und ihrer antifaschistischen Geschichte besteht bei dieser Jugendbegegnung die Chance sich mit spanischen Jugendlichen über die politische Situation auszutauschen und – vielleicht sogar gemeinsam – Zukunftspläne zu schmieden. (Die Jugendbegegnung wird gefördert durch Mittel des Kinder- und Jugendplanes des Bundes.)

Die Jugendbegegnung richtet sich besonders an Jugendliche mit Fluchterfahrung, die Interesse haben sich mit Jugendlichen die nun in der Schweiz leben auszutauschen über Zukunftsperspektiven und politische Zusammenhänge. Dazu besuchen wir lokale Organisationen, aber nehmen uns auch Zeit die schweizer Landschaft bei entspannten Wanderungen zu erkunden. (Die Jugendbegegnung wird gefördert durch Mittel des Kinder- und Jugendplanes des Bundes.)

Die Krise in Griechenland dauert an und so die wachsenden Solidaritätsstrukturen der Menschen untereinander. Da können wir aus Deutschland und anderen Ecken der Welt nur von lernen. Dies soll bei der Jugendbegegnung nach Tessaloniki passieren. Außerdem hoffen wir eine länderübergreifende Vernetzung anzustoßen um auch in Zukunft gemeinsame Aktionen starten zu können. Denn Solidarität braucht keine Grenzen! (Die Jugendbegegnung wird gefördert durch die Sondermittel des Bundes für den deutsch-griechischen Jugendaustausch.)

mehr infos: BDP Bremen

mehr infos: BDP MV

e-mail:

e-mail: lv.bremen@bdp.org

mehr infos: BDP Sachsen

e-mail: lv.sachsen@bdp.org

bdpmv@bdpmv.org International

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EINBLICK

AUFGEPASST!? Der Antrag des AK Gender*Queer auf der Bundesdelegiertenversammlung 2016

„Es folgt nun der Antrag 2 des Arbeitskreis Gender*Queer: Stärkere Thematisierung von Sexualität, Konsens und Awarness im BDP. Hierzu nun die Erklärung der Mitglieder aus dem Arbeitskreis“, wird von der Moderation angekündigt. Der Antrag enthält die Forderung, dass anhand von Informationsbroschüren und Verhütungsmaterial, die Themen (diverser) Sexualität und das Konsens-/Zustimmungskonzept für intime Situationen präsenter gemacht werden sollen. Außerdem gibt es den Wunsch nach dem Aufbau weiterer Schutzmaßnahmen. Diese sollen in Form von Awarenes-Komm Strukturen mögliche sexualisierte Übergriffe auf BDP-Veranstaltungen verhindern. Das bedeutet, dass auf Veranstaltungen des BDP Menschen als Vertrauenspersonen die Aufgabe übernehmen, in schwierigen Situationen ansprechbar zu sein. Einige Mitglieder aus dem AK waren sich unsicher, wie der Antrag aufgenommen würde. Klar, der BDP ist super offen, in den 1970er/80er Jahren wurden schon provokativ Kondome verteilt und gegen sexualisierte Gewalt sind ja sowieso alle. Trotzdem ist das Thema in den letzten Jahren wenig sichtbar im BDP. Statt Kondome zu verteilen, ist Sex auf den meisten BDP-Freizeiten – nach gängiger Interpretation das Sexualstrafrechts – verboten. „Wir wissen aber ja alle, dass die Praxis anders aussieht. Zwischen dem Gesetz beziehungsweise den Campregeln und der Realität gibt es einen kleinen aber feinen Unterschied. Jugendliche die miteinander schlafen wollen, finden einen Weg das zu tun, und meistens unbemerkt“, leitet Sophie die Diskussion ein. Tabea erklärt daraufhin: „Wir wollen, dass die Jugendlichen wissen, wie man Verhütungsmittel richtig verwendet, damit alle gesund bleiben und niemand ungewollt schwanger wird. Und da dürfen wir uns nicht nur auf Kondome beschränken, denn es gibt ja noch ein bisschen mehr Möglichkeiten, wie man miteinander Spaß haben, aber sich auch anstecken kann.“ Damit Jugendliche sich informieren können und auf Camps auch Zugang zu Verhütungsmitteln haben, sollen diese sowie das dazugehörige Informationsmateri30

Einblick

al zur Anwendung auf BDP-Veranstaltungen frei zugänglich sein. Damit sich niemand überrumpelt oder gar (rechtswidrig) aufgefordert fühlt, werden die Sachen aber nicht wie früher verteilt, sondern finden sich an einem ruhigen Eck, das zu Beginn des Camps bekannt gegeben wird. So die Idee des Beschlusses. Damit nicht jede BDP-Einrichtung selbst alles zusammenstellen muss, gibt es mittlerweile die „Safer Sex Box“ in der Bundeszentrale zu bestellen (siehe Infobox). Doch der Antrag geht noch einen schritt weiter. „Auch ohne gleich miteinander zu schlafen, kommen sich Jugendliche auf BDP Veranstaltungen näher. Uns ist wichtig, dass das einvernehmlich im Konsens passiert. Wie Zustimmung bei intimen Situationen funktioniert, müssen manche aber erst lernen.“ Es nötig sich zu fragen: „Was will ich und was nicht? Was könnte die andere Person gut finden, was nicht und wie bekomme ich das raus?“. Es hilft, zu lernen darüber zu reden und auch zuzuhören. Denn einander näher kommen macht nur im Konsens, wenn beide zustimmen, Spaß. Daher sieht der Antrag auch vor, dass Konzept von konsensueller Sexualität in Form eines BDP-Plakates und anhand von weiterem Infomaterial auf BDP-Veranstaltungen bekannt zu machen. Das Plakat ist mittlerweile schon fertig und trägt den Titel „Passt aufeinander auf!“ (siehe Infobox). „Und wenn trotzdem Übergriffe stattfinden, braucht es Strukturen, wie Betroffene unterstützt werden können und mit Täter_innen umgegangen wird.“ Wenn jemand sich einer Person auf eine Art nähert, die diese Person krass unangenehm findet, dann ist dies ein Übergriff. Dass können diskriminierende, zum Beispiel rassistische, Sprüche sein, aber eben auch sexualisierte Gesten. Absichtliches Berühren oder Küssen, obwohl die Person das nicht will, oder die Person gar zu etwas zwingen, was sie nicht will, oder von dem unklar ist, ob sie es will.


Wie Sex, finden auch sexualisierte Übergriffe oftmals unbemerkt statt. Es ist naiv zu glauben, nur weil eins nichts davon hört und weil im BDP viele Menschen aktiv sind, die sich reflektierte Gedanken zu Sexismus, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit machen, dass so etwas bei uns nicht passiert. Wir leben leider in keiner Utopie-Blase, auch wenn es sich auf so manchem Camp so anfühlen mag. Um hier Ansprechpersonen zu haben wurde der Aufbau von Awareness-Komm-Strukturen beschlossen. Im BDP gibt es einige Leute die schon Erfahrungen mit Awarenessgruppen sammeln konnten, gute wie weniger gute. Auf Bundesebene wird gerade daran gearbeitet, wie diese Erfahrungen gebündelt werden können und interessierte, fitte und undogmatische Awareness-Teams vorbereitet und unterstützt werden können. So im Groben die Idee des Antrages. Es folgte eine spannende Diskussion zum Thema. Einige hatten Bedenken bezüglich des Awarness-Teams, da diese Struktur bei ungenügender Vorbereitung manchmal nach hinten losgeht, oder Leute sich zu sehr kontrolliert fühlen. Es entstand die Idee der Awareness-Komm-Strukturen, die zu einem Konsens führte. Ebenso herrschte Unsicherheit bei dem Aspekt der freien Zugänglichkeit der Verhütungsmittel und inwieweit sich Teilnehmer_innen dadurch unter Druck gesetzt fühlen könnten. Doch auch hier konnten Absprachen getroffen werden, wie und für welche Zielgruppe die Safer Sex Box auf BDP-Veranstaltungen angekündigt wird. „Somit ist der Antrag, nach den gemeinsamen Änderungen im Antragstext, einstimmig beschlossen.“ Für den BDP mal wieder ein Schritt auf neuen Wegen – vielleicht für einige auch gar nicht ganz so neu. Von Anne

was sind eigentlich... … awareness-komm-strukturen?

Idee ist, dass alle Menschen im BDP ihre Sensibilität für das Thema erhöhen. Das heißt sich selbst weniger übergriffig zu verhalten und den Mut erlernen, mit anderen über Erlebtes zu sprechen. Und falls jemand auf einem Camp eben keine_n passende_n Ansprechpartner_in findet, dann soll es neben den Teamenden noch ein Awareness-Team geben, an das sich eins jederzeit wenden kann. Das setzt voraus, dass die Personen, die diese Aufgabe übernehmen wollen, sich im Voraus vertieft mit dem Thema auseinandersetzen. Dazu gehört auch die Frage, wie man in verschiedenen Situationen reagieren kann, als auch sich selbst und eigene Grenzen schützt. -------------------------------Mehr Infos und Links zum Thema generell, zum BDP Plakat „Passt aufeinander auf!“ und Safer Sex Box sowie Bestellmöglichkeiten: bdp.org/aufgepasst

Einblick

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SPIELPLATZ

„PFADFINDER ZWISCHEN TRADITION UND FORTSCHRITT“ Rezension

Gut, dass es die AG SPAK noch gibt und nicht alle Bücher zur Jugendbewegung im konservativen Spurenbuchverlag erscheinen müssen. Trotzdem verheddert dich der Lektor gleich bei der Namensnennung. Im Titel taucht die männliche Form „Pfadfinder“, im Untertitel fast aktuell in der Schreibweise mit dem großen I „PfadfinderInnen“, im Impressum dann mit der aktuellen Schreibweise „Pfadfinder_innen“, dafür ist die Bezeichnung „deutscher“ etwas klein geraten. Endlich richtet das Namenschaos der Herausgeber: alles korrekt geschrieben, der Bundesvorstand. Allein an diesem Namenswirrwarr könnte die Wandlung im Selbstverständnis des BDP thematisiert werden, was der Bundesvorstand in einem Nachwort auch tut. Jürgen Fiege geht einen anderen Pfad. Er beschreibt sich selbst, subjektiv, seine eigene Biographie spiegelt die Entwicklung im BDP und holt solchermaßen theoretische Absichtserklärungen und Leitbilder auf den Boden der Realität eines Handelnden zurück. Dabei geht er nicht systematisch und chronologisch vor, sondern beschreibt unter thematischen Überschriften wie „Internationale Begegnungen“ oder „Verbandsgremien“, „Auseinandersetzung mit dem Staat“ in seiner Sichtweise die Geschehnisse und Entwicklungen, teilweise noch illustriert durch Anekdoten, Fotos, Zeichnungen und Plakate.

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Spielplatz

„pfadfinder bleibt man ein leben lang.“ Das war die Parole in der Jugend des Autors Jürgen Fiege. Fast sechs Jahrzehnte nach seinem Eintritt in den BDP hat der Autor seine Erfahrungen und Erlebnisse reflektiert und aufgeschrieben. In der ganzen Zeit gab es weder im BDP noch in seiner Biografie Stillstand. Vor allem die kritische Auseinandersetzung mit Ideologie, in diesem Fall der Pfadfinder-Ideologie, hat Jürgen Fieges Wahrnehmung geschärft und ein Instrumentarium für Theoriearbeit zur Verfügung gestellt. Jürgen Fiege | Pfadfinder zwischen Tradition und Fortschritt - Zwanzig Jahre im Bund Deutscher Pfadfinder | AG SPAK | 2017 | 12 Euro | zu beziehen über den Buchhandel oder bundesverband@bdp.org

Er bedient sich hierfür einer klaren, gut verständlichen Sprache, ein Hinweis auf seine Professionalität als Bildungsreferent. Besonders verdienstvoll sind auch seine Übersichten, Zusammenfassungen und Erklärungen wie etwa zu traditionellen Pfadfindergesetzen oder den Repressionsmitteln des Staates. Da die einzelnen Kapitel des Buches zu verschiedenen Zeiten und Anlässen geschrieben wurden, weißt das Buch eine hohe Redundanz auf. Das ist aber beim Lesen nicht hinderlich. Werden Fakten und Ereignisse mehrmals erwähnt, steigt dadurch der Lerneffekt beim Lesen. Allerdings werden auch Fehler wiederholt wie etwa das Abstimmungsergebnis der entscheidenden Wahl zum Bundesvorstand 1971 in Frankfurt. Mit 26 zu 20 Stimmen setze sich meiner Meinung nach die progressivere Fraktion unter Axel Hübner damals durch, immerhin vier Stimmen mehr als Jürgen Fiege in Erinnerung hat. Doch das ist auch das sympathische an Fieges Aufzeichnungen: dass er die Begrenztheit seines Erinnerungsvermögens thematisiert. Ein gutes Mittel dagegen wäre ein intensiveres Quellenstudium, wie es selbiger Autor in seiner Arbeit „Zur Geschichte des Bund Deutscher Pfadfinder“ Frankfurt 1980, vorbildlich verarbeitet hat. Auch in seiner Literaturliste führt er eine Fülle von Veröffentlichungen zum


BDP auf, wobei es aber stark um seine eigene Publikationen geht. Hier wird die Chance vertan, eine umfassende Bibliographie zur BDP-Thematik zusammenzustellen, damit Interessierte Anregungen erhalten, sich mit der Geschichte des BDP auseinanderzusetzen. Jürgen Fieges Beurteilungen des politischen Gegners sind manchmal erfrischend frech, andererseits einfach nur flapsig. So finde ich seine Einschätzungen zu Unterwanderungsversuchen des BDP durch K-Gruppen bzw. des Verhältnis zu ihnen doch sehr plakativ. Vor allem vergisst er, dass es sich sehr oft um originäre BDPler_innen handelte, die sich politisch weiter entwickelt hatten. Für viele waren die K-Gruppen eine Durchgangsstation zu den GRÜNEN, zur SPD oder auch zur Partei DIE LINKE. Immerhin hat der BDP so unterschiedliche Politiker_innen hervorgebracht wie die ehmalige Integrationsministerin auf Landesebene Bilay Öney, der Bundestagsabgeordnete Peter Conradi, oder DIE LINKE Politiker Bernd Riexinger, um nur drei zu nennen. Ob sich heutige BDPler_innen für die „alten Geschichten“ interessieren, ist zu hinterfragen. Bei meinem Enkel Yanick (21) zum Beispiel liegt Fieges Buch seit Wochen unberührt neben seinem PC. Dabei hätte mich seine Meinung doch sehr interessiert. Jürgen Fieges Angebot, Lesungen mit regionalen BDP-Oldies und jungen Interesent_innen zu machen, halte ich für eine gute Idee, die ja auch schon ein paar mal erfolgreich umgesetzt wurde. Als Protagonist im BDP war das Buch für mich persönlich eine nostalgische Zeitreise, die manche Ereignisse wieder erinnern ließ, die ich schon längst vergessen hatte. Dafür danke ich dem Autor. Von Swobl

Spielplatz

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EINBLICK

DAS REDAKTIONSTEAM Der Gedanken freier Lauf. Oder: Dadaistische Gedichte im Hamsterrad Das Redaktionsteam des BLATT-Magazins ist ein bunter Haufen junger BDPler_innen, die Lust am Schreiben, kreativ sein und diskutieren haben. Wir sind in vielen verschiedenen Landesverbänden quer durch Deutschland aktiv und bringen verschiedenes Wissen und Hintergründe mit. Im BLATT kann sich jede_r so beteiligen wie er_sie Lust hat. Das können politisch höchst aktuelle Artikel sein, der ein oder andere Tipp oder auch Dinge, die man einfach schon immer mal loswerden wollte. Für die aktuelle Ausgabe haben wir uns zweimal getroffen. Ende Februar in Oldenburg und Ende April in Hamburg. Als Rahmenprogramm nahm dieses Mal eine zweiteilige Schreibwerkstatt, die von dem externen Referenten Tilman Rau moderiert wurde, den Großteil unserer Treffen ein. Im ersten Teil der Schreibwerkstatt lernten wir Grundlegendes über journalistische Arbeit kennen. Wir stellten uns viele Fragen um uns selbst klarer zu werden wofür das BLATT überhaupt da ist. Wer sind unsere Leser_innen, wer ist unsere Zielgruppe und wie schaffen wir es, dass das BLATT nichts an Aktualität verliert, obwohl es lediglich zweimal im Jahr erscheint? Und wo sehen wir selbst persönliche Anknüpfungspunkte und Interessen? Mit all diesen Fragen gingen wir dann in die ‚Schreibphase‘ bis zum nächsten Redaktionstreffen. Die Fragen halfen uns, noch einmal zu hinterfragen um was es uns eigentlich geht und was wir unseren Leser_innen mitgeben möchten.

Gedanken verflochten sich zu endlosen Strängen. Wir kamen zum Beispiel darauf das ‚Zombies‘ doch gar nicht so weit von der ‚Schule‘ entfernt sind oder das ‚Begegnungen‘ etwas mit ‚Hamstern im Rad‘ zu tun haben. Falls ihr das jetzt nicht verstanden habt, können wir euch beruhigen. Wir auch nicht. Aber darum ging es eben nicht. Sondern darum, dass wir unseren Gedanken freien Lauf lassen konnten, ohne dass sie in irgendeinen künstlichen Rahmen gepresst wurden oder wir uns irgendeinem äußerem Druck ausgesetzt fühlten. Und genau dafür bot die Schreibwerkstatt den richtigen Freiraum, den richtigen Ort. Dadurch öffnete sich für uns ein weites Feld an Möglichkeiten und Ideen, die in unsere Artikel einflossen und sicher auch in Zukunft in uns schweben werden.

Beim zweiten Treffen wurden wir dann konkreter. Naja, eigentlich nur so halb. Wir schrieben und schrieben und schrieben. ohnepunktundohnekommaeinfachallesrauswasunsindensinnkamohnedaswirdabeiaufirgendetwasachteten. Wir ließen unseren Gedanken freien Lauf.

Falls du also auch mal Lust haben solltest, den inneren Schweinehund zu Hause zu lassen und ohne irgendeinen Druck Gedanken loszuwerden oder über Dinge nachzudenken von denen du nicht mal wusstest, dass man über sie nachdenken kann, dann besuch uns doch einfach mal bei unseren Treffen und werde Teil des KreuWir versuchten uns in verschiedensten Schreibübungen, schrie- zundquerdenkerblattredaxteams. ben Antworten auf Dadaistische Gedichte oder unlösbare Fragen, Alle Infos dazu findest du auf blatt.bdp.org oder du meldest dich versetzten uns in andere Realitäten und Welten oder taten zum einfach unter blatt @bdp.org Beispiel so als müssten wir jemanden erklären was ‚Schwerelosigkeit‘ ist oder warum der Sinn des Lebens der ‚Regen‘ ist. Achja. Und falls ihr euch immer noch fragt was ‚Zombies‘ mit ‚Schule‘ zu tun haben und euch nicht eure eigene Gedankenverbindung dazu basteln wollt, dann kommt jetzt hier der Strang, den ein Mensch aus dem Redaxteam dazu hatte: Schule-Lehrer-Studium-Bachelorsystem-Verschult-Fleißarbeit-Herausforderung-Persönlichkeit-Arbeitskräfte-Fließband-Zombie Klingt doch logisch oder?

Vom Redax-Team 34

Einblick


veganes Linsenpüree

4 Das Linsenpüree schmeckt (warm oder kalt) super mit Fladenbrot oder Baguette und ist perfekt für ein Picknick im Park oder als Snack auf dem Sommercamp. Für das besondere Extra kannst du es zusätzlich mit Oliven, Kapern, Tomaten oder Zwiebelringen servieren.

3 Füge Knoblauch, Zitronensaft, Olivenöl, Salz und Pfeffer hinzu.

2 Entferne die Thymian-Zweige und zerdrücke die Linsen (rote Linsen werden so weich, dass du wahrscheinlich keinen Pürierstab brauchst).

1 Bringe Wasser, Linsen und Thymian in einem Topf zum Kochen. Lass die Linsen 10 bis 15 Minuten köcheln bis sie weich sind. Wenn das Wasser zu schnell weg ist, gieße nochmal ein bisschen nach damit nichts anbrennt.

Zubereitung

200g rote Linsen 350 ml Wasser ein paar Zweige Thymian 1 Knoblauchzehe, zerdrückt Saft einer Zitrone 3 ½ TL Olivenöl 1 TL Salz Pfeffer Chili (optional)

Zutaten:

Spielplatz

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4 Macht dort eine zusätzliche Luftmasche, dreht euer Stück um und häkelt auf die gleiche Weise so viele Reihen bis ihr die richtige Größe erreicht habt.

3 Häkelt eine feste Masche in jede Luftmasche bis zum Ende der Reihe.

2 Häkelt eine Reihe Luftmaschen, die etwas länger ist, als euer Ergebnis breit werden soll.

1 Nehmt eine Häkelnadel Stärke 8 oder dicker.

Rechts sehr ihr, wie ihr Luft- und feste Maschen macht.

Nehmt ein altes T-Shirt und fangt am unteren Saum an es in einen langen Streifen zu schneiden. Wichtig ist dabei, dass ihr nicht nur einen Ring abschneidet, sondern euch – wie auf einer Wendeltreppe – spiralförmig immer weiter nach oben arbeitet. Wenn ihr unter den Ärmeln angekommen seid, könnt ihr euren Streifen abschneiden und aufwickeln. Aus diesem T-ShirtStreifen lassen sich Sachen häkeln, die etwas fester sein sollen, zum Beispiel Badmatten, Topfuntersetzer oder Sitzkissen.

Upcycling

Häkelndes T-Shirt

Sobald ihr anfangt zu schreiben, schaut ihr nicht mehr auf die Uhr und nehmt den Stift nicht mehr vom Blatt. Schreibt alles auf, was euch in den Kopf kommt. Wenn euch nichts einfällt, schreibt „mir fällt nichts ein“ bis es sich ändert. Die Idee der Übung ist, dass euer Unterbewusstsein schreibt und nicht euer Kopf, deshalb ist das „Durchschreiben“ so wichtig. Fangt nicht an zu viel nachzudenken! Alternativ könnt ihr diese Übung auch mit einem Thema, Titel oder Wort anfangen. Seid gespannt auf eure Ergebnisse!

Für diese Übung zum „automatischen Schreiben“ setzt ihr euch bequem an einen Tisch und nehmt euch Papier und Stift. Macht diese Übung nicht am Computer. Er lenkt zu leicht ab und die Möglichkeit direkt zu korrigieren geht dem Sinn der Übung entgegen. Stellt sicher, dass euch nichts stören kann (Handy, Mitbewohner_innen etc.) und stellt einen Wecker auf 10 bis 30 Minuten – je nachdem, wie lange ihr schreiben wollt.

Kreative Schreibübung

bund esver band .bdp .org/ Samm elbox

Bast ela zur nleitun u n t eS a m m e l bg r: ox


TERMINE Die wichtigsten Termine für 2017 im Überblick. Mehr auf www.bdp.org

22. – 30. Juli

Grimma bei Leipzig

bdp.org/sommercamp sommercamp@bdp.org

WildwuX-Theaterprojekt Straßentheater und Circuswagentour

11. – 27. August

Ottersberg und Elbe-Weser-Dreieck

www.wildwux.org wildwux@bdp.org

Konkalikong – Antisemitismus in Verschwörungstheorien Alternate reality game mit Reflexion

19. – 20. August

Neu-Anspach / Hessen

jan.dick@bdp.org

Utopien Seminar/ Diskussion zum Thema "Utopie"

26. – 27. August

Frankfurt

jan.dick@bdp.org

Bundesdelegiertenversammlung Vorstandswahl, Mitbestimmung und Planung 2018

15. – 17. September

Drübberholz / Niedersachsen

bundesverband.bdp.org bundeszentrale@bdp.org

Lichtblicke im Baskenland?!? Soziale Kämpfe gestern und heute Bildungs- und Studienfahrt ins Baskenland

24. September – 02. Oktober

Bilbao / Spanien

bundesverband.bdp.org basis-bildung@bdp.org

Deutsch-griechische Partnerbörse Thema "Arbeit mit Geflüchteten"

28. September – 3. Oktober

Dassia / Korfu

swobl@bdp.org

BLATT Redax-Treffen Print goes Video-Blog – Teil 1

6. bis 8. Oktober

Schwerin

blatt.bdp.org blatt@bdp.org

Deutsch-griechisches Liederbuchprojekt – Teil 2 Teil 3 dann im Januar 2018 in Bayern

7. bis 15. Oktober

Lamia / Griechenland

jens.kleemann@t-online.de

Zzongstedt Jugendkulturstadt für 12- bis 16-Jährige

8. – 14. Oktober

Dörverden, Landkreis Verden

www.bdp-niedersachsen.org lv.niedersachsen@bdp.org

Jugendfreizeiten-Börse für 2018 Für alle die Lust haben, im nächsten Sommer eine Freizeit zu leiten

13. – 15. Oktober

Bempflingen, BaWü

www.jugendseminare.org

AK Gender*Queer auf dem QueerFilmFest im Peter-Weiss-Haus

19. – 22. Oktober

Rostock

www.bdp.org/queer anne.haas@bdp.org

Fördermittelschulung Abrechnen leicht gemacht

16. – 17. November

Frankfurt

bundesverband.bdp.org torsten.schulte@bdp.org

Geschäftsführendenausschuss II Haushaltsplanungen 2018

17. – 19. November

Frankfurt

bundesverband.bdp.org charlie.morgenweck@bdp.org

Die Zukunft in Deutschland – ein politisches Seminar »Die Neidgesellschaft« und was die Jugendarbeit dagegen tun kann

17. – 19. November

Rostock

www.jugendseminare.org

BLATT Redax-Treffen Print goes Video-Blog – Teil 2

24. – 26. November

Leipzig

blatt.bdp.org blatt@bdp.org

Interkulturelle Grundausbildung für Teamer_innen Von internationalen Jugendbegegnungen Deutsch-französisch

16. – 23. Februar 2018

Hamburg oder Berlin

www.bdp.org tobias.dreizler@bdp.org

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Blatt 8 1 2017  

In der BLATT Ausgabe 8 geht es um die politischen Entwicklungen in Europa, gedanken zur anstehenden bundestagswahl, aber wie immer auch um v...

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