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Markus Werba & James Baillieu EinfĂźhrungstext von Michael Horst Program Note by Susan Youens


MARKUS WERBA & JAMES BAILLIEU Donnerstag

15. Februar 2018 19.30 Uhr

Markus Werba Bariton James Baillieu Klavier

Franz Schubert (1797–1828 ) Geistes-Gruß D 142 Genügsamkeit D 143 Die Bürgschaft D246 Der Schatzgräber D 256 Tischlerlied D 274 Augenlied D 297 An Rosa II D 316 Fischerlied D 351 Fischerweise D 881

Pause

Die Nacht „Du verstörst uns nicht, o Nacht!“ D 358 An Schwager Kronos D 369 Pflügerlied D 392 Abschied von der Harfe D 406 Grablied auf einen Soldaten D 454 Lied des Orpheus, als er in die Hölle ging D 474 Rückweg D 476 Der Goldschmiedsgesell D 560 Prometheus D 674 Auf der Bruck D 853 Alinde D 904

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Ein literarisch-­musikalischer Kosmos Lieder von Franz Schubert

Michael Horst

„Franz Schubert hat eine Welt von Poesie in Musik verwandelt. Er hat das Kunstlied auf eine bis dahin nicht ­gekannte Höhe geführt und gezeigt, was alle Kunst ist: Steigerung, Konzentration, ein in die reinste Form Ge­ gossenes.“ So schrieb Dietrich Fischer-Dieskau, der be­ deutendste Schubert-Sänger des 20. Jahrhunderts, in seinem Buch Auf den Spuren der Schubert-Lieder. Und wirklich: In mehr als 600 Liedern, die in der unglaublich kurzen Zeitspanne zwischen 1811 und 1828 entstanden sind, hat Schubert es vermocht, einen literarischen Kosmos zu durchschreiten, der menschliche Gefühle jedweder Art, ­Jahreszeiten und Natur, Wanderung und Stille, antike Landschaften und dramatische Geschichten mit traumwandle­ rischer Sicherheit durch Klänge auszudrücken weiß. Was für sein ganzes Liedschaffen gilt, gilt auch für den heutigen Liederabend, der zum einen (nahezu) chrono­ logisch aufgebaut ist, zum andern fast ausschließlich um die beiden Jahre 1815/16 kreist. Für Schubert, am 31. Januar 1815 gerade erst 18 Jahre alt geworden, waren es die produktivsten Jahre seines kurzen Lebens. Im Katalog des großen Schubertforschers Otto Erich Deutsch nehmen die 382 Werke dieses Zeitraums ein Drittel des Gesamtumfangs ein; allein 1816 entstanden mehr als 100 Lieder, die zum wichtigsten Ausdrucksmittel des jungen Komponisten wurden. Lässt man einmal das Erstaunen darüber, zu welchen schöpferischen Leistungen ein 18-Jähriger imstande war, beiseite, dann ergibt sich für den heutigen Betrachter ein interessantes Bild. Schubert probiert sich aus. Er übernimmt das wohlbekannte Strophenlied, aber er scheut sich genauso wenig, die formalen Grundprinzipien zu sprengen und Neuland zu betreten. Den wichtigsten Impuls in dieser Hinsicht gibt ausgerechnet Johann Wolfgang von Goethe, längst ein lebendes Denkmal seiner eigenen Größe, der in seinen musikalischen Ansichten getreulich den erzkonservativen Überzeugungen seines Freundes Carl Friedrich Zelter 4


Musikalische Konzentration auf engstem Raum

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folgte, nach denen die Musik folgsame Tochter der Poesie zu sein habe. Und dennoch: Schubert erspürt das Neuartige in Goethes Lyrik. Fischer-Dieskau fasst es so zusammen: „Alles, was Schubert in Tönen auszudrücken strebte, Klarheit der Gedanken, Ausdruckseindeutigkeit, tiefe Empfindungskraft, bildhafte Sprache, fand er in Goethes Gedichten vor.“ Bis Ende 1815 hatte Schubert bereits 34 Texte des Dichters ­vertont, darunter auch den Erlkönig, der als Opus 1 seine erste veröffentlichte Komposition darstellte, sowie Gretchen am Spinnrade. Genug Material also – und von außerordent­ licher Qualität – , um eine Auswahl davon, verbunden mit einem untertänigen Empfehlungsschreiben, im April 1816 nach Weimar zu schicken. Wandrers Nachtlied und Erster ­Verlust waren ebenso dabei wie Heidenröslein, Rastlose Liebe und Der König in Thule. Bekanntermaßen ging die Sendung kommentarlos nach Wien zurück; erst Jahre später hat der alte Goethe doch noch Bekanntschaft mit Schuberts Liedern gemacht. Eher am Rande der großen Goethe-Gruppe des heutigen Programms findet sich Geistes-Gruß von 1815, doch das Lied zeigt die von Fischer-Dieskau gerühmte „Konzentration“ auf engstem Raum: erst die von Klavier-Tremoli effektvoll untermalte Skizzierung des Geistes auf dem Turm, dann der Wechsel in markante Akkorde, die an das Leben des Helden erinnern, zuletzt die typische Schubertsche Wendung ins Lyrische, um mit zarter Melodie die Fahrt des „Menschenschiffleins“ zu beschreiben. Auch das Gedicht Der Schatz­ gräber setzt Schubert eher schlicht als variiertes Strophenlied in Töne. Nach anfänglichem Moll wechseln Strophe drei bis fünf nach Dur, wobei Schubert nur die Melodie spielerisch verändert, das Grundgerüst jedoch strikt beibehält. Ein großer Wurf, dem Erlkönig absolut ebenbürtig, ist An Schwager Kronos, ein wild aufbrausendes Gedicht aus ­Goethes Sturm-und-Drang-Zeit. Der junge Dichter soll es auf einer Postkutschenfahrt niedergeschrieben haben; mit „Schwager“ ist der Postillon gemeint, der mit der Zeit (Chronos) gleichgesetzt wird. Die grandiose Klavier­ begleitung in gewaltigen Oktaven, unentwegt voranstürmend, markiert den „rasselnden Trott“, es gibt keinen Halt, das ganze Lied zieht rasant, wie im Zeitraffer, vorbei. Doch Schubert schaut genau hin: Beim Blick auf das Leben ­wechselt die Musik nach Dur und schwingt sich chromatisch im Jubel der Gefühle immer höher. Innere (und musikalische)


Beruhigung bringt kurzzeitig ein flüch­tiges Liebesgefühl, doch die gnadenlos drängende Zeit führt den Greis mit viel Chromatik und schaurigen Dissonanzen dem Ende im ­Orkus (der antiken Unterwelt) entgegen – im triumphierenden D-Dur, zu dem noch ein letztes Mal der Klang des Posthorns erschallt. Der andere Weimarer Klassiker, ­Friedrich von Schiller, zu jener Zeit bereits zehn Jahre tot, zählte zwangsläufig zu den weiteren Favoriten des jungen Schubert. 1815 vertonte er immerhin 15 seiner Gedichte, doch mit zunehmendem Alter verliert sich das Interesse s­pürbar. Die stark idealistische, gedankenbefrachtete Lyrik Schillers sperrte sich einer V   erwandlung in Musik. Die Ver­tonungen Schuberts zeigen die sichere Hand des jungen Komponisten bei der Auswahl der Texte. In jeder Richtung beflügelnd wirkte sich die B ­ allade Die Bürgschaft aus, die später zur Pflichtlektüre aller deutschen Gymnasiasten aufsteigen sollte – mit dem Schluss­­satz „Ich sei, gewährt mir die Bitte, / In Eurem Bunde der Dritte“ als unsterblichem Bestandteil des deutschen Zitatenschatzes. Schubert macht aus dem Hymnus auf ­unverbrüchliche Männerfreundschaft eine groß angelegte Kantate von mehr als 15-minütiger Dauer, mit ständig wechselnden Stimmungen zwischen staatstragend, innig, verzweifelnd und dramatisch. Besonders eindringlich ­ge­lingt dem Komponisten die ­Schilderung des Kampfes des Helden gegen die Natur: erst die schrecklichen Unwetter, dann die quälende Hitze – Schubert zeigt, welch unterschiedliche Wirkung  Tremoli erzielen können. Die dramatischen R ­ ezitative, der sanft sprudelnde Quell, die Abendstimmung oder der atemlose „Endspurt“ kurz vor dem Ziel: unerschöpflich scheint seine Erfindungsgabe. Unwillkürlich stellt man sich dabei die ­Frage, was für ein großartiger Opernkomponist Schubert hätte werden können, wenn er ein wirklich gutes Libretto zur   Verfügung gehabt – oder länger gelebt hätte.

Nicht ganz überflüssig ist es, die äußeren Lebens­ umstände Schuberts zu skizzieren, die paradoxerweise zur künstlerischen Explosion der Jahre 1815/16 geführt haben. 1813 hatte der vielversprechende, aber renitente Zögling Franz das strenge k.u.k-Konvikt (in dem er eine überaus sorg­ fältige musikalische Ausbildung erhalten hatte) verlassen, um eine Lehrerausbildung anzutreten und damit dem 6


Freundeskreis aus Poeten, Malern und Musikern

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d­ rohenden Militärdienst zu entgehen. Nach achtmonatiger Unterweisung trat er im August 1814 eine Hilfslehrerstelle an der Schule seines Vaters an. Freude an dieser Arbeit hatte er nicht; doch sie bot ihm genügend Freiraum zum Komponieren. Der große Schubert-Biograph Maurice J. E. Brown verweist zudem auf eine besondere Eigenschaft der Wiener: „die Fähigkeit nämlich, sich eine ,Traumwelt‘ zu schaffen, in die das Individuum hineinschlüpfen kann, um der unangenehmen oder, zumindest, unsympathischen Wirklichkeit des das Ich umgebenden Lebens zu entkommen. Bei vielen Wienern ist diese Welt die Welt der Musik. Bei Schubert war sie es ebenfalls.“ Feste Größen in dieser „Traumwelt“ waren die alten Freunde aus der Konviktzeit, zu denen sich bald neue hinzugesellen sollten, woraus sich nach und nach ein Zirkel aus Poeten, Malern, Sängern und Instrumentalisten bildete, der Schubert genau das Umfeld gab, welches er in der Enge von Vaterhaus und Schule nicht fand. Einer der besten Freunde des Komponisten wurde Franz von Schober, im Gegensatz zu Schubert wohlhabend und weltmännisch, und neben vielen anderen Gebieten auch in der Literatur dilettierend. Mit seinen Versen muss er eine besondere Saite zum Klingen gebracht haben in seinem Freund, der immerhin zwölf Gedichte Schobers, darunter das später berühmte An die Musik, vertonte.Vielleicht war es auch ein typisches Zeitgefühl um 1815, wie es in den Worten des Liedes Genügsamkeit zum Ausdruck kommt: erst der Drang nach Höherem und die Aussicht auf persönlichen Fortschritt, dann die Ernüchterung und zuletzt die bloße Sehnsucht nach „friedlichem Glück“ – sicherlich ein Reflex auf die düstere politische Repression der Metternich-Zeit in Wien. Auch hier findet Schubert genau den richtigen Ton: zuerst der lebhaft vorwärts drängende Sechsachteltakt mit einer freudigen Melodie, dann immer stärkere Eintrübung, die sich in der letzten Strophe in ein mildes, versöhnliches Dur aufhellt. Im Dezember 1814 lernte Schubert Johann Mayrhofer kennen, der zu einer weiteren zentralen Figur in seinem Freundeskreis wurde. Zeitweilig teilte der Komponist mit ihm sogar ein Zimmer. Im Brotberuf war Mayrhofer Beamter des Staatlichen Zensuramtes; zugleich legte er großen Ehrgeiz in seine literarische Produktion, was ihm Schubert durch einige seiner persönlichsten Liedvertonungen (darunter Nachtstück, Der zürnenden Diana, Fahrt zum Hades und ­Memnon) dankte. Das Augenlied von 1817 hat für Schuberts


Biographie eine nicht unwichtige Bedeutung gehabt, weil es das erste Stück war, das er dem Hofopernsänger Johann Michael Vogl bei ihren ersten, schicksalhaften Begegnung vorlegte. Danach wurde der 35 Jahre ältere Sänger zu einem glühenden Vorkämpfer des 20-Jährigen; zusammen bildeten sie bald das allererste Lied-Duo, das mit seinen Auftritten Schuberts neueste Kompositionen in die Öffentlichkeit brachte. Augenlied lässt vor allem in der mittleren Strophe aufhorchen: Die melancholische Wendung „Ihr erleuchtet, / Ihr befeuchtet, / Mir mit Tränen meine Bahn“ inspirierte Schubert zu auffälligen harmonischen Fortschreitungen. Und die letzte Bitte an die „teuren Sterne“, ihn bis zum Ende seines Lebens zu begleiten, wiederholt der Komponist in mehrfachen, immer wieder neuen Wendungen. Bleibt noch der dritte unter den Freunden, der im heutigen Programm wiederzufinden ist: Franz Xaver Baron von Schlechta, ebenfalls Ministerialbeamter in Wien und dilettierender Lyriker, der immerhin mit einigen Dramen (zeitweilig) Erfolg beim Publikum hatte. Fischerweise entstand erst zehn Jahre später, 1826, und erklang in Schuberts ein­ zigem „Öffentlichen Konzert“ vom März 1828. Der unkomplizierte, leicht zweideutige Charakter des Textes kommt in der Strophenliedform mit den markant-witzigen Klavierbässen unmittelbar zur Wirkung.

Deutlich erkennbar ist eine dritte Gruppe von Dichtern aus der älteren Generation, denen Schubert sich zeitweilig verstärkt zuwandte, auch wenn sie eindeutig nicht der ersten Liga angehören. Begründen lässt sich sein Interesse schlicht mit einem Mangel an erstklassiger Lyrik, da Poeten wie Rückert, Schlegel, dann auch Wilhelm Müller und Heinrich Heine erst einige Zeit später in die Öffentlichkeit traten und von Schubert für sich entdeckt wurden. Andererseits lassen sich auch an diesen weniger hochklassigen Gedichten lyrische Bilder oder Stimmungen festmachen, die ganz ­unmittelbar Schuberts Aufmerksamkeit weckten. So war es mit Ludwig Theobul Kosegarten, einem Pfarrer von der ­Insel Rügen und späteren Theologieprofessor in Greifswald, auf dessen Lyrik sich der 18-Jährige im Herbst 1815 förmlich stürzte und reihenweise Texte vertonte – typisch für jene frühen Schaffensjahre. Am 19. Oktober waren es nicht weniger als sieben Gedichte Kosegartens, die an nur einem 8


„Charme der PhantasieFolklore“

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Tag komponiert wurden, darunter auch An Rosa I und An Rosa II, zwei knapp geformte Liebeslieder. Ein weiteres Beispiel für diese geballte Faszination, die Schuberts Schaffen beflügelte, war der Schweizer Adlige ­Johann Gaudenz von Salis-Seewis. Er stand zeitweilig in Paris als Offizier in französischen Diensten und engagierte sich später intensiv für den politischen Neuaufbau in seiner Heimat. Sein einziger Lyrikband kam in immer wieder neuen, überarbeiteten Ausgaben heraus. Schubert vertonte elf seiner Gedichte. Über die beiden heute zu hörenden Lieder urteilte Dietrich Fischer-Dieskau ebenso nüchtern wie zutreffend: „Nicht gerade wichtig sind Pflügerlied und Fischerlied, aber ihr wie aus einer Phantasie-Folklore entnommener Charme kann bezaubern.“ Größere Eindringlichkeit zeigt Abschied von der Harfe, in dem Schubert einmal mehr das Motiv des Barden aufnimmt, dessen Weise „uns mit der Not versöhnt“, wobei seine Vertonung auffällig unentschieden zwischen Dur und Moll schwankt. Zumindest in seiner fränkischen Heimat Ansbach wird noch die Erinnerung an den hochgebildeten Juristen und Lyriker Johann Peter Uz gepflegt, der ganz im Geiste des 18. Jahrhunderts Naturempfinden mit Rokoko-Galanterie verband, so auch in Die Nacht. Ihr wohnt kein romantischer Schauer inne, sie ist stattdessen „Vertraute süßer Sorgen“, jener Ort, an dem man verbotene Küsse auszutauschen pflegt. Auch Johann Georg Jacobi gehörte als Professor für Philosophie und Ästhetik trotz seiner Belesenheit zu jenen Dichtern, die in schlichter Sprache Gefühle auszudrücken verstanden. Aus seinem Lied des Orpheus, als er in die Hölle ging macht Schubert eine machtvolle Anrufung des Sängers an die Unterwelt, seiner Klage Gehör zu schenken. Selbstbewusst der rezitativische Anfang, dem eine ausgedehnte „Arie“ folgt, die immer drängender an das Mitgefühl appelliert – atemlos ergänzen sich hier Singstimme und Klavier, um zuletzt der aufkeimenden Hoffnung in hochgestimmtem Jubel Ausdruck zu verleihen. Ein zeitlicher Schnitt von zwei Jahren – eine lange Frist in Schuberts Entwicklung – trennt die letzten drei Stücke vom Rest des Programms. Drei sehr unterschiedliche Lieder sind es, drei Meisterwerke: Mit Prometheus gelang Schubert 1819 eine weitere von Goethe inspirierte musikalische Großtat, die in ihrer formalen Mischung aus Rezitativ und Arioso den Weg weit nach vorn zum deklamatorischen ­Gesangsstil eines Richard Wagner weist. Auf der Bruck wie-


derum, nach einem Gedicht des 1817 jung verstorbenen Niedersachsen Ernst Schulze – die „Bruck“ war ein Hügel in der Nähe der Universitätsstadt Göttingen – kommt in seinem Charakter dem Erlkönig sehr nahe. Auch hier trägt die machtvolle, technisch sehr anspruchsvolle Klavierbegleitung, die den Reiter durch die Nacht begleitet, das Lied von der ersten bis zur letzten Note. Im Grunde genommen kom­ poniert Schubert hier ein variiertes Strophenlied, doch wie er zwischen Dur und Moll wechselt, wie er harmonisch die vorgegebene Pfade verlässt und wie Sänger und Pianist am Ende durchs Ziel stürmen – das zeigt die sichere Meisterschaft, mit denen der reife Schubert seine Fülle an musikalischen Ideen in ein großartiges Werk gebündelt hat. Ein kleines Juwel ist zuletzt auch Alinde, eine Theaterszene im Lied, mit den Auftritten diverser Protagonisten, mit ­hübschen Echo-Effekten – und mit dem Einfall, jeder Strophe mit einem anderen harmonischen Schlenker eine besondere Note zu geben. Oft sind es bei Schubert gerade die kleinen Dinge, die den Hörer entzücken können.

Michael Horst schreibt als freier Kulturjournalist für Zeitungen, Radio und ­Fachmagazine. Außerdem publizierte er Opernführer über Puccinis Tosca und Turandot und übersetzte Bücher von Riccardo Muti und Riccardo Chailly aus dem Italienischen.

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Of Myths and Men Songs by Franz Schubert

S u s a n Yo u e n s

“There is no song by Schubert from which one c­ annot learn something,” Johannes Brahms remarked when someone dismissed the many strophic songs in the com­ poser’s output as mere trifles. Tonight’s program is replete with these seemingly simple miniatures that at second glance reveal a wealth of sophisticated details that only a master could create. Most of the lieder we hear were written in the crucial years 1815 and 1816, one of the most productive ­periods in Schubert’s short life, with songs from a d­ ecade later, near the end of his life, ending both halves of the recital. In a third thematic thread, the program interweaves philosophical and mythological poems by J­ohann Wolfgang von Goethe and others with numerous “work songs,” in which Schubert and his poets celebrate simple, honest craftsmen. Goethe’s Geistes-Gruß bespeaks this poet’s signature optimism and his belief in a life divided between activity in the world and tranquil reflection. In July 1774 on a boat trip down the River Lahn towards the Rhine, he improvised it on the spot and dictated it to the Swiss theologian, poet, and philosopher Johann Caspar Lavater as they and their friends were passing the ruins of Castle Lahneck. But if Goethe dashed off this poem with little effort, Schubert fussed over the process of setting it to music, with six ­different versions, the last of them (the one heard here) heavily revised for publication late in the composer’s life.  The ­shimmering tremolo figuration that sets the scene for the narrative and introduces the ghostly character is one of the beauties of this lied. That the ghost tenderly murmurs “Und du, und du” as he regards the boat full of people down below shows us that Schubert understood Goethe’s love of humanity and found music to express it. The long-lived Franz von Schober was one of Schubert’s most prized friends, and their friendship led to several exquisite collaborations (An die Musik and Am Bach im Frühlinge among them). But in Genügsamkeit, the amateur poet Schober 12


tried to combine an Enlightenment topic (contentment with simple, rustic life) with a Romantic topic (a wanderer whose “goal” is ever farther away and finally vanishes), and the mélange does not quite gel. But Schubert does his best, marrying 6/8 wanderer’s rhythms to a tonal scheme in which minor mode is the mournful present and the relative major ending of each strophe emblematic of hope. Friedrich von Schiller, who lived under Duke Karl Eugen’s tyranny as a young man in Württemberg, thought long and deeply about the workings of the body politic. In Die Bürgschaft, one of his f­amous didactic ballads, the ­principal character ­Moeros tries to kill the tyrant Dionysius in ancient Syracuse, but is caught and sentenced to death. He requests a special dispensation of three days to give his sister in ­marriage and leaves his best friend as a stand-in, destined for death in his place if Moeros does not return. Everything conspires either to delay him (raging w ­ aters through which he swims, robbers to fight) or aid him (a spring to slake his thirst) until he arrives at the last second to save his friend. The tyrant is so impressed by such faithfulness that he begs to become their friend as well—a convert to true human brotherhood. Schubert’s setting of this paean to fidelity and Enlightenment principles of just rule is a musical portrait of the 18-year-old composer during the Wunderjahr of 1815, when he wrote one masterful song after another. At times in Die Bürgschaft, we sense Schubert’s debt to Mozart (the ­piano interlude that sums up Moeros’s journey to visit loved ones), while at other moments, we hear the audacious chord progressions of someone addicted to harmonic experimentation throughout his life. Goethe wrote Der Schatzgräber only a few months after Schubert’s birth in 1797, apparently as an ironic reaction to a lottery in which one could win a house with land. In this ballad, human greed seeks demonic supernatural aid but is instead converted by a fair youth haloed in Grail-like light to a right and proper view of existence: work, friends, and joy in life. Schubert treats the ballad as strict strophic storytelling with pictorial touches galore: a grimly marching D-minor melody for the treasure seeker in the first two stanzas; massive chords to accompany the blood-oath; ­dissonant, trilled chords in the first piano interlude; and D major for the angelic youth.

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On the single day of August 25, 1815, Schubert composed several lieder, including an anonymous work song ­entitled Tischlerlied, with its musical portrait of a sturdy, self-sufficient carpenter, content because his work benefits people from cradle to marriage bed to grave and brings him money as well; we hear his satisfaction in the rising contour of the melody and the piano’s emphatic echo of his pleasure in “manchen Taler Geld.” T   he niftiest touch in this song is the vocal line’s placement as the bass foundation, which tells us that the carpenter is a salt-of-the-earth fellow with his feet firmly on the ground. The left hand only sounds to ­underpin the carpenter’s satisfaction with his pay and re­ inforce the piano interludes between stanzas. That Schubert saw an opportunity to play with the relationship between the piano accompaniment and the voice must have been one factor that drew him to this poem. Augenlied was the medium through which Schubert met the great opera singer Johann Michael V   ogl in the spring of 1817. The composer’s friends Schober and Josef von Spaun saw to it that V   ogl hummed through a song he then declared to be “nicht übel,” not bad—and he soon became one of Schubert’s foremost proponents. This love song to “sweet eyes” that the singer hopes will lead him one day to Acheron (the poet Johann Mayrhofer, another close friend, loved Greek antiquity) is in Mozartian manner but with Schubert’s unique harmonic touches: that the eyes beam love is conveyed by a heart-stopping turn to a warmer, darker key. Schubert was wont to tinker with poetic settings more than once. He first set Ludwig Theobul Kosegarten’s An Rosa II on the one-year anniversary of Gretchen am S ­ pinnrade and then reworked the prior sketch as a tiny, tender masterpiece the next year, although the date is uncertain. Kosegarten fashioned the two Rosa poems in lesser Asclepiadic stanzas, which are not easy to set to music—but young Schubert, for the most part, managed it very deftly.  “Rosa, do you think of me?”, the wistful singer asks at first unaccompanied: this is the musical manifestation of a beloved woman we only discover is dead in the final stanza. When the singer then declares that “I think tenderly of you,” the bass joins in quietly in quasi-canon: music bridges life and death, ­presence and absence. In Fischerlied, we meet another commendable, simple working man, who also “fishes for money”: an honest day’s wage for an honest day’s work. This lively character relishes 14


his labors, with their riches of red coral and chances for ­adventure; he and his comrades pit their strength against the waves. For an elemental man contending with the elements, the rustic parallel fifths in the bass at the beginning seem only appropriate. Like several of Schubert’s friends, Franz von Schlechta, of Bohemian baronial ancestry, sought literary glory and missed the mark, becoming a finance minister instead. But he provided the words for one of  Schubert’s perennial ­favorites, Fischerweise, whose motor rhythms tell, yet again, of joy in one’s work. Matching Schlechta’s glee at the escape from feminine wiles—women seen as fishers of men, men as the “fish that got away”—Schubert imbues the repeated words “schlauer Wicht” (“cunning minx”) with merry, if slightly misogynistic, relish.

Night is the time for ecstasy in Die Nacht, from the first sips of wine in the dark grove to rapture on the sweetheart’s breast. (The poet Johann Peter Uz was famous for his translations of the ancient Greek poet Anacreon—no stranger to passion in rose-filled groves.) Here, love is hushed, ­reverential majesty; when Schubert fills his strophes with horn-call figures, double-dotted for still more emphasis, he tells us that Love is a sacred space and night a country all unto itself. The 25-year-old Goethe wrote An Schwager Kronos in a coach traveling back from Darmstadt on October 10, 1774, a few weeks after the publication of The Sorrows of Y   oung Werther, a time when, as his brother-in-law put it, “People fear[ed] his own fire will consume him.” Goethe fought back against his own fears with this exuberant work in free verse, likening his life to a coach journey rattling to its ­conclusion. Let the end be quick and ecstatic, this young Achilles exclaims, a fiery consummation that will make the pagan world applaud. This is among those Schubert songs that make pianists sweat: Titanic forces of genius elicit ­Titanic music, relieved by a lyric interlude to celebrate wine and women before the coach resumes its fevered journey. Yet another happy work song resounds in Pflügerlied, with yet another philosophizing laborer contemplating life and death; those who plough the earth are wont, at least in ­German poetry, to envision their eventual home beneath it. 15


We hear the ploughman’s contented treble whistling in the piano interlude (merriment that echoes his own “singend” and then migrates to the bass), his quarter-note “moving up and down” in the fields, and a bit of minor-mode harmonic coloration to hint at graves in the ground. Schubert loved making songs about minstrels who hymned their own art: this was among his testaments to the power of music at all ages and stages of human existence, from its dawn to dusk. He also loved swan songs, and Abschied von der Harfe is among them. Three introductory harp chords usher it in: an outpouring of pure melody set to an accompaniment that one could readily transfer to the harp, with plucked bass tones and broken-chord harmonies. Intense emotion takes the form of near-incessant chromaticism in the interior of each tiny strophe. The poet of Grablied auf einen Soldaten, Christian Friedrich Daniel Schubart, suffered even more severely at the hands of Karl Eugen of Württemberg than did Schiller. Observing the funeral of a soldier from his prison cell, he penned these lines on an “upright German” now spared life’s harshness for eternal bliss. Schubert may not have known the ­biographical background, but in 1816, he would have seen many a suffering soldier in Vienna’s streets after decades of war and occupation. Once again, this is a small strophic song with wonderful characteristic details: the elongation of the crucial word “Grabesruh” and its shift from funereal minor mode to major, as well as the dark Neapolitan ­harmonies—a Schubertian fingerprint.

An admirer of Gluck’s Orfeo ed Euridice and Mozart’s Die Zauberflöte (whose story includes elements of the ­Orpheus myth), Schubert must have pounced with alacrity on the Lied des Orpheus, als er in die Hölle ging as his chance to celebrate the ultimate singer-poet, who—for a time— conquered death with his music. The priests of the Temple of  Wisdom who sternly enjoin Tamino, “Zurück!” in the Act I finale of Die Zauberflöte inspired the piano introduction of this dramatic-operatic song, and Gluck’s shades speak again from within Orpheus’s song to the divinities of Hades. Schubert’s friend Mayrhofer, whose Augenlied we heard earlier, came from Linz, and he harbored no great love for Vienna, where politics and intrigues held sway and he 16


performed a job he hated as a book censor. In Rückweg, we hear a tiny lament in D minor for the pastoral loveliness he is leaving, with the cow-bells in the piano a charming detail. Der Goldschmiedsgesell began as Goethe’s response to the English ballad Sally in Our Alley, parodied by Johann Wilhelm Ludwig Gleim and then taken up in turn by the much greater poet. A goldsmith’s apprentice longs for his lovely neighbor in the cloth shop nearby, and Schubert responds to this darling picture of young love with an homage to ­Mozart in general and Papageno in particular. In Greek mythology, the Titan Prometheus, whose name means “forethinker,” stole fire from Zeus to give to mortals and was punished by being bound to a rock in the Caucasus, where each day an eagle plucked out his liver. What drew Goethe to the tale centuries later was Prometheus’s champion­ship of humanity against the gods. This poem comes from the third fragment of an unfinished Promethean drama in 1773. Here, a Prometheus not yet in chains forges in his workshop a human race no longer obligated to the gods. Schubert’s setting, whose formal novelties and ­harmonic boldness are a match for the writer’s audacity, dates from 1819, when the composer too was challenging the patriarchal authority of the church, the state, and his own father. In 1825 and 1826, Schubert set to music ten poems from the Poetisches Tagebuch (“Poetic Diary”) of Ernst Schulze, whose quasi-autobiographical anthology records a painful tale of mental instability and erotic obsession. Today, he would likely be hospitalized or jailed for his serial pursuit of the sisters Cäcilia and Adelheid Tychsen, daughters of the wellknown orientalist Thomas Christian Tychsen in Göttingen. After Cäcilia’s death from tuberculosis in 1812 Schulze transferred his affections to Adelheid. Subsequently forced to break off all contact with the family, he went back to his birthplace in Celle, Lower Saxony, where he died in 1817, also of tuberculosis. Schubert’s setting of  Schulze’s poem entitled Auf der Bruck. Den 26. Juli 1814 is sometimes known as Auf der Brücke, the title it was given for its first publication. It’s unclear if the change was made by the publisher or by Schubert. The Bruck is a look-out point near Göttingen, while “Brücke” signifies a bridge—perhaps the composer’s alteration to tell us that the narrator rides over a bridge between the present and future, stormy night and morning, despair and hope, 17


without ever reaching the other side. In the introduction, we hear the pattern repeated throughout this song: brisk hope, manifest disturbance, and re-establishment of control over encroaching madness. We end with one of Schubert’s most enchanting late songs, a fusion of  barcarolle and pastoral musette sung by a lover who searches here, there, and everywhere for his ­darling Alinde, or Alinda. Everyone he queries—farmer, fisherman, hunter—can’t be bothered to look for her, but Echo does, and lo and behold, Alinda magically appears at the end. Schubert, who loved trafficking in musical echoes, treats her name as the most evocative of refrains, with a magical harmonic twist each time. The repeated 6/8 rhythms throughout this leisurely song only add to its hypnotic ­enchantment.

The map of what a song could be was redrawn in the last year of the Napoleonic reign and its immediate aftermath, a time when Schubert seemed as if drunk on song. From the small, artfully worked (and never truly “simple”) strophic compositions to Goethe’s massive invocations of genius in Prometheus and An Schwager Kronos, in tonight’s program we hear song become something infinitely expressive and infinitely malleable, a shape-shifter from miniature to immense. Most of all, we hear Schubert join hands with Goethe and others to depict a Shakespearean gallery of characters, including the “rustics” dear to all three of those great artists.

Susan Youens, newly retired from the University of Notre Dame in Indiana, is the author of eight books on German song, including Heinrich Heine and the Lied, as well as more than 60 articles and book chapters.

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Geistes-Gruß

A Spirit’s Greeting

Hoch auf dem alten Turme steht Des Helden edler Geist, Der, wie das Schiff vorüber geht, Es wohl zu fahren heißt.

High on the ancient tower Stands the hero’s noble spirit; As the ship passes He bids it a safe voyage.

„Sieh, diese Senne war so stark, Dies Herz so fest und wild, Die Knochen voll von Rittermark, Der Becher angefüllt;

“See, these sinews were so strong, This heart so steadfast and bold, These bones full of knightly valor; My cup was overflowing.

Mein halbes Leben stürmt’ ich fort, Verdehnt’ die Hälft’ in Ruh, Und du, du Menschenschifflein dort, Fahr’ immer, immer zu!“

“Half my life I sallied forth, Half I spent in tranquility; And you, little boat of mankind, Sail ever onward!“

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

Genügsamkeit

Simple Needs

„Dort raget ein Berg aus den Wolken her, Ihn erreicht wohl mein eilender Schritt. Doch ragen neue und immer mehr, Fort, da mich der Drang noch ­durchglüht.“

“There a mountain rises nobly above the clouds; My rapid steps approach it. But new peaks, more and more, tower up As I am inspired to press onwards.”

Es treibt ihn vom schwebenden ­Rosenlicht Aus dem ruhigen heitern Azur. Und endlich waren’s die Berge nicht Es war seine Sehnsucht nur.

He is urged on by the shimmering rosy light From the calm, serene azure. But in the end there were no mountains; It was only his longing.

Doch nun wird es ringsum öd’ und flach, Und doch kann er nimmer zurück. „O Götter, gebt mir ein Hüttendach Im Tal und ein friedliches Glück!“

All around it is desolate and flat, And yet he can never turn back. “Gods, give me a hut In the valley, and tranquil good fortune!”

Franz von Schober (1796–1882)

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Die Bürgschaft

The Hostage

Zu Dionys dem Tyrannen, schlich Möros, den Dolch im Gewande; Ihn schlugen die Häscher in Bande. „Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!“ Entgegnet ihm finster der Wüterich. „Die Stadt vom Tyrannen befreien!“ „Das sollst du am Kreuze bereuen.“

Moeros, his dagger concealed in his cloak, Stealthily approached the tyrant Dionysius. The henchmen clapped him in irons. “What did you intend with your ­dagger? Speak!” The evil tyrant asked menacingly. “To free this city from the tyrant.” “You shall rue this on the cross.”

„Ich bin,“ spricht jener, „zu sterben bereit Und bitte nicht um mein Leben: Doch willst du Gnade mir geben, Ich flehe dich um drei Tage Zeit, Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit; Ich laße den Freund dir als Bürgen, Ihn magst du, entrinn’ ich, erwürgen.“

“I am,” he said, “ready to die, And do not beg for my life. But if you will show me clemency I ask from you three days’ grace Until I have given my sister in marriage. As surety I will leave you my friend— If I fail, then hang him.”

Da lächelt der König mit arger List Und spricht nach kurzem Bedenken: „Drei Tage will ich dir schenken; Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist, Eh’ du zurück mir gegeben bist, So muß er statt deiner erblassen, Doch dir ist die Strafe erlassen.“

The king smiled with evil cunning, And after reflecting a while spoke: “I will grant you three days, But know this: if the time runs out Before you are returned to me He must die instead of you, But you will be spared punishment.”

Und er kommt zum Freunde: „Der König gebeut, Daß ich am Kreuz mit dem Leben Bezahle das frevelnde Streben. Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit, Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit; So bleibe du dem König zum Pfande, Bis ich komme zu lösen die Bande.“

He went to his friend. “The king decrees That I am to pay on the cross with my life For my attempted crime. But he is willing to grant me three days’ grace Until I have married my sister to her spouse. Stand surety with the king Until I return to redeem the bond.”

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund Und liefert sich aus dem Tyrannen; Der and’re ziehet von dannen. Und eh’ noch das dritte Morgenrot scheint,

Silently his faithful friend embraced him, And gave himself up to the tyrant. Moeros departed. Before the third day dawned He had quickly married his sister to her betrothed.

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Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint, Eilt heim mit sorgender Seele, Damit er die Frist nicht verfehle.

He now hastened home with troubled soul Lest he should fail to meet the appointed time.

Da gießt unendlicher Regen herab, Von den Bergen stürzen die Quellen, Und die Bäche, die Ströme schwellen. Und er kommt ans Ufer mit ­wanderndem Stab, Da reißet die Brücke der Strudel hinab, Und donnernd sprengen die Wogen Des Gewölbes krachenden Bogen.

Then rain poured down ceaselessly; Torrents streamed down the mountains; Brooks and rivers swelled. When he came to the bank, staff in hand, The bridge was swept down by the whirlpool, And the thundering waves destroyed Its crashing arches.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand, Wie weit er auch spähet und blicket Und die Stimme, die rufende, schicket, Da stößt kein Nachen vom sichern Strand, Der ihn setze an das gewünschte Land, Kein Schiffer lenket die Fähre, Und der wilde Strom wird zum Meere.

Disconsolate, he trudged along the bank. However far his eyes travelled, And his shouts resounded, No boat left the safety of the banks To carry him to the shore he sought. No boatman steered his ferry, And the turbulent river became a sea.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht, Die Hände zum Zeus erhoben: „O hemme des Stromes Toben! Es eilen die Stunden, im Mittag steht Die Sonne, und wenn sie niedergeht Und ich kann die Stadt nicht erreichen, So muß der Freund mir erbleichen.“

He fell on the bank, sobbing and ­imploring, He raised his hands to Zeus: “O curb the raging torrent! The hours speed by, the sun stands At its zenith, and when it sets And I cannot reach the city, My friend will die for me.”

Doch wachsend erneut sich des Stromes Toben, Und Welle auf Welle zerrinnet, Und Stunde an Stunde entrinnet. Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut Und wirft sich hinein in die brausende Flut Und teilt mit gewaltigen Armen Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

But the river grew ever more angry; Wave upon wave broke, And hour upon hour flew by. Gripped by fear he took courage, And flung himself into the seething flood; With powerful arms he clove The waters, and a god had mercy on him.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort Und danket dem rettenden Gotte;

He reached the bank and hastened on, Thanking the god that saved him.

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Da stürzet die raubende Rotte Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort, Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord Und hemmet des Wanderers Eile Mit drohend geschwungener Keule.

Then a band of robbers Stormed from the dark recesses of the forest Blocking his path and threatening death. They halted the traveler’s swift course With their menacing clubs.

„Was wollt ihr?“ ruft er vor Schrecken bleich, „Ich habe nichts als mein Leben, Das muß ich dem Könige geben!“ Und entreißt die Keule dem nächsten gleich: „Um des Freundes willen erbarmet euch!“ Und drei mit gewaltigen Streichen Erlegt er, die andern entweichen.

“What do you want?” he cried, pale with terror, “I have nothing but my life, And that I must give to the king!” He seized the club of the one nearest him: “For the sake of my friend, have mercy!” Then with mighty blows he felled three of them, And the others escaped.

Und die Sonne versendet glühenden Brand, Und von der unendlichen Mühe Ermattet sinken die Knie. „O hast du mich gnädig aus Räubershand, Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land, Und soll hier verschmachtend verderben, Und der Freund mir, der liebende, ­sterben!“ Und horch! da sprudelt es silberhell, Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen, Und stille hält er, zu lauschen; Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell, Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, Und freudig bückt er sich nieder Und erfrischet die brennenden Glieder. Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün Und malt auf den glänzenden Matten Der Bäume gigantische Schatten; Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn, 23

The sun shed its glowing fire And from their ceaseless exertion His weary knees gave way. “You have mercifully saved me from the hands of robbers, You have saved me from the river and brought me to the sacred land. Am I to die of thirst here, And is my devoted friend to perish?” But hark, a silvery bubbling sound Close by, like rippling water. He stopped and listened quietly; And lo, bubbling from the rock, A living spring gushed forth. Joyfully he stopped To refresh his burning body. Now the sun shone through the green branches, And upon the radiant fields The trees’ gigantic shadows. He saw two travelers on the road And with rapid steps was about to ­overtake them


Will eilenden Laufes vorüber fliehn, Da hört er die Worte sie sagen: „Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.“

When he heard them speak these words: “Now he is being bound to the cross.”

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß, Ihn jagen der Sorge Qualen; Da schimmern in Abendrots Strahlen Von ferne die Zinnen von Syrakus, Und entgegen kommt ihm Philostratus, Des Hauses redlicher Hüter, Der erkennet entsetzt den Gebieter:

Fear quickened his steps; He was driven on by torments of ­anxiety; Then in the sun’s dying rays, The towers of Syracuse glinted from afar, And Philostratus, his household’s faithful steward, Came towards him. With horror he recognized his master.

„Zurück! du rettest den Freund nicht mehr, So rette das eigene Leben! Den Tod erleidet er eben. Von Stunde zu Stunde gewartet’ er Mit hoffender Seele der Wiederkehr, Ihm konnte den mutigen Glauben Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.“

“Turn back! You will not save your friend now. So save your own life! At this moment he meets his death. From hour to hour he awaited Your return with hope in his soul; The tyrant’s derision could not weaken His courageous faith”

„Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht, Ein Retter, willkommen erscheinen, So soll mich der Tod ihm vereinen. Des rühme der blut’ge Tyrann sich nicht, Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht, Er schlachte der Opfer zweie Und glaube an Liebe und Treue!“

“If it is too late, if I cannot Appear before him as his welcome s­avior, Then let death unite us. The bloodthirsty tyrant shall never gloat That one friend broke his pledge to ­another— Let him slaughter two victims And believe in love and loyalty.”

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor, Und sieht das Kreuz schon erhöhet, Das die Menge gaffend umstehet; An dem Seile schon zieht man den Freund empor, Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor: „Mich, Henker,“ ruft er, „erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!“ Und Erstaunen ergreift das Volk umher, In den Armen liegen sich beide 24

The sun set as he reached the gate And saw the cross already raised, Surrounded by a gaping throng. His friend was already being hoisted up by the ropes When he forced his way through the dense crowd. “Kill me, hangman!” he cried. “It is I for whom he stood surety.” The people standing by were seized with astonishment. The two friends were in each others’ arms,


Und weinen vor Schmerzen und Freude. Da sieht man kein Auge tränenleer, Und zum Könige bringt man die ­Wundermär’; Der fühlt ein menschlich Rühren, Läßt schnell vor den Thron sie führen. Und blickt sie lange verwundert an. Drauf spricht er: „Es ist euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen; Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn – So nehmet auch mich zum Genossen an: Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte!“ Friedrich von Schiller (1759–1805)

Weeping with grief and joy. No eye was without tears; The wondrous tidings reached the king; He was stirred by humane feelings, And at once summoned the friends ­before his throne. He looked at them long, amazed, Then he spoke: “You have succeeded, You have conquered this heart of mine. Loyalty is no vain delusion— Then take me, too, as a friend. Grant me this request: admit me As the third in your fellowship.”

Der Schatzgräber

The Treasure-Seeker

Arm am Beutel, krank am Herzen, Schleppt’ ich meine langen Tage. Armut ist die größte Plage, Reichtum ist das höchste Gut! Und zu enden meine Schmerzen, Ging ich einen Schatz zu graben. „Meine Seele sollst du haben!“ Schrieb ich hin mit eignem Blut.

Empty of purse, sick of heart, I dragged out my long days. Poverty is the greatest ill, Wealth the highest good. And to end my suffering I went to dig for treasure. “You shall have my soul!” I wrote in my own blood.

Und so zog ich Kreis’ um Kreise, Stellte wunderbare Flammen, Kraut und Knochenwerk zusammen: Die Beschwörung war vollbracht. Und auf die gelernte Weise Grub ich nach dem alten Schatze, Auf dem angezeigten Platze; Schwarz und stürmisch war die Nacht.

I drew circle upon circle, And mixed herbs and bones In magic flames: The spell was cast. In the decreed manner And in the appointed place I dug for the old treasure; The night was black and stormy.

Und ich sah ein Licht von weiten; Und es kam, gleich einem Sterne, Hinten aus der fernsten Ferne, Eben als es Zwölfe schlug. Und da galt kein Vorbereiten. Heller ward’s mit einemmale

I saw a far-off light; It came like a star From the remote distance On the stroke of twelve. Then, without warning, It suddenly grew brighter

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Von dem Glanz der vollen Schale, Die ein schöner Knabe trug.

From the radiance of the filled cup Borne by a fair youth.

Holde Augen sah ich blinken Unter dichtem Blumenkranze; In des Trankes Himmelsglanze Trat er in den Kreis herein. Und er hieß mich freundlich trinken; Und ich dacht’: es kann der Knabe Mit der schönen lichten Gabe, Wahrlich nicht der Böse sein.

I saw his kindly eyes sparkling Beneath a close-woven garland of flowers; In the potion’s celestial glow He stepped into the circle. Graciously he bade me drink; And I thought: that boy With his fair, shining gift Can surely not be the Devil.

Trinke Mut des reinen Lebens! Dann verstehst du die Belehrung, Kommst, mit ängstlicher Beschwörung, Nicht zurück an diesen Ort. Grabe hier nicht mehr vergebens: Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste! Sei dein künftig Zauberwort.

Drink the courage of pure life! Then you will understand my words, And never, with anxious incantation, Return to this place. Dig here no more in vain; Work by day, conviviality in the evening, Weeks of toil and joyous holidays! Let this from now on be your magic spell.

Johann Wolfgang von Goethe

Tischlerlied

Carpenter’s Song

Mein Handwerk geht durch alle Welt Und bringt mir manchen Taler Geld, Deß’ bin ich hoch vergnügt. Den Tischler braucht ein jeder Stand. Schon wird das Kind durch meine Hand In sanften Schlaf gewiegt.

My craftsmanship travels the world over And brings me many a thaler, Which makes me very happy. Men of all ranks need a joiner. Even the baby is rocked to gentle sleep In my own handiwork.

Das Bette zu der Hochzeitnacht Wird auch durch meinen Fleiß gemacht Und künstlich angemalt. Ein Geizhals sei auch noch so karg, Er braucht am Ende einen Sarg, Und der wird gut bezahlt. Drum hab’ ich immer frohen Mut Und mache meine Arbeit gut, Es sei Tisch oder Schrank. 26

The bed for the wedding night Is also built and finely painted By my hard work. However mean the miser may be He still needs a coffin in the end, And for it I am well paid. So I am always cheerful, And do my work well Whether I am making a table or a ­cupboard.


Und wer bei mir brav viel bestellt Und zahlt mir immer bares Geld, Dem sag’ ich großen Dank. Unbekannter Dichter

And to all those who place good orders with me And always pay in cash I am deeply grateful.

Augenlied

Song of the Eyes

Süße Augen, klare Bronnen! Meine Qual und Seligkeit Ist fürwahr aus euch gewonnen, Und mein Dichten euch geweiht.

Sweet eyes, limpid fountains, My torment and my bliss Truly arise from you, And my songs I dedicate to you.

Wo ich weile, Wie ich eile, Liebend strahlet ihr mich an; Ihr erleuchtet, Ihr befeuchtet, Mir mit Tränen meine Bahn.

Where I linger, When I hasten, You smile upon me, radiant with love; You illuminate my path, And moisten it With your tears.

Treue Sterne, schwindet nimmer, Leitet mich zum Acheron! Und mit eurem letzten Schimmer Sei mein Leben auch entfloh’n.

Faithful stars, never vanish; Lead me to Acheron! And with your last glimmer May my life, too, fade away.

Johann Mayrhofer (1787–1836)

An Rosa II

To Rosa II

Rosa, denkst du an mich? Innig gedenk’ ich dein. Durch den grünlichen Wald schimmert das Abendrot, Und die Wipfel der Tannen Regt das Säuseln des Ewigen.

Rosa, do you think of me? I think tenderly of you. The evening light glimmers through the green forest And the pine-tops are stirred By the whisper of eternity.

Rosa, wärest du hier, säh’ ich in’s Abendrot Rosa, if you were here I should see Deine Wangen getaucht, säh’ ich vom your cheeks Abendhauch Bathed in the evening glow, Deine Locken geringelt, And your locks ruffled in the evening Edle Seele, mir wäre wohl! breeze. Dearest soul, how happy I should be! Ludwig Theobul Kosegarten (1758–1818)

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Fischerlied

Fisherman’s Song

Das Fischergewerbe Gibt rüstigen Mut! Wir haben zum Erbe Die Güter der Flut. Wir graben nicht Schätze. Wir pflügen kein Feld; Wir ernten im Netze, Wir angeln uns Geld.

The fisherman’s trade Gives us a cheerful heart. Our inheritance Is the wealth of the waters. We dig for no treasure, We plough no fields; We harvest with our nets, We fish for money.

Wir heben die Reusen Den Schilfbach entlang. Und ruhn bei den Schleusen, Zu sondern den Fang. Goldweiden beschatten Das moosige Dach; Wir schlummern auf Matten Im kühlen Gemach.

We lay the fish traps Along the reed-covered stream, And rest at the locks To sort our catch. Golden willows shade The mossy roof; We sleep on mats In the cool chamber.

Der Herr, der in Stürmen Der Mitternacht blitzt, Vermag uns zu schirmen, Und kennt, was uns nützt. Gleich unter den Flügeln Des Ewigen ruht Der Rasengruft Hügel, Das Grab in der Flut.

The Lord, whose thunderbolts flash In midnight storms, Can protect us And knows what we need. Beneath the wings Of the Eternal One Rest both the mound of the grassy tomb And the grave beneath the waters.

Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762–1834)

Fischerweise

Fisherman’s Ditty

Den Fischer fechten Sorgen Und Gram und Leid nicht an; Er löst am frühen Morgen Mit leichtem Sinn den Kahn.

The fisherman is not plagued By cares, grief or sorrow. In the early morning he casts off His boat with a light heart.

Da lagert rings noch Friede Auf Wald und Flur und Bach, Er ruft mit seinem Liede Die gold’ne Sonne wach.

Round about, peace still lies Over forest, meadow and stream, With his song the fisherman Bids the golden sun awake.

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Er singt zu seinem Werke Aus voller frischer Brust, Die Arbeit gibt ihm Stärke, Die Stärke Lebenslust.

He sings at his work From a full, vigorous heart. His work gives him strength, His strength exhilarates him.

Bald wird ein bunt’ Gewimmel In allen Tiefen laut Und plätschert durch den Himmel, Der sich im Wasser baut.

Soon a bright multitude Will resound in the depths, And splash Through the watery heavens.

Doch wer ein Netz will stellen, Braucht Augen klar und gut, Muß heiter gleich den Wellen Und frei sein wie die Flut.

But whoever wishes to set a net Needs good, dear eyes, Must be as cheerful as the waves, And as free as the tide.

Dort angelt auf der Brücke Die Hirtin, schlauer Wicht, Gib auf nur deiner Tücke, Den Fisch betrügst du nicht!

There, on the bridge, the shepherdess Is fishing. Cunning wench, Leave off your tricks! You won’t deceive this fish!

Franz Xaver von Schlechta (1796–1875)

Die Nacht

The Night

Du verstörst uns nicht, o Nacht! Sieh! wir trinken im Gebüsche; Und ein kühler Wind erwacht, Daß er unsern Wein erfrische.

You do not disturb us, O night. See, we are drinking in the grove, And a refreshing breeze arises To cool our wine.

Mutter holder Dunkelheit, Nacht! vertraute süßer Sorgen, Die betrogner Wachsamkeit Viele Küsse schon verborgen!

Mother of gentle darkness, Night, confidant of our sweet cares, You have already concealed many a kiss From cheated vigilance.

Dir allein sei mitbewußt Welch Vergnügen mich berausche, Wenn ich an geliebter Brust Unter Tau und Blumen lausche!

You alone shall know What rapture overcomes me When, on my beloved’s breast, I listen amid the dew and flowers.

Johann Peter Uz (1720–1796)

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An Schwager Kronos

To Coachman Chronos

Spute dich, Kronos! Fort den rasselnden Trott! Bergab gleitet der Weg: Ekles Schwindeln zögert Mir vor die Stirne dein Zaudern. Frisch, holpert es gleich, Über Stock und Steine den Trott Rasch ins Leben hinein!

Make haste, Chronos! Break into a rattling trot! The way runs downhill; I feel a sickening giddiness At your dallying. Quick, away, never mind the bumping, Over sticks and stones, trot Briskly into life!

Nun schon wieder Den eratmenden Schritt Mühsam berghinauf, Auf denn, nicht träge denn Strebend und hoffend hinan!

Now once again Breathless, at walking pace, Struggling uphill; Up then, don’t be sluggish, Onwards, striving and hoping.

Weit, hoch, herrlich Rings den Blick ins Leben hinein; Vom Gebirg zum Gebirg Schwebet der ewige Geist, Ewigen Lebens ahndevoll.

Wide, lofty and glorious Is the view around into life; From mountain range to mountain range The eternal spirit glides, Bringing promise of eternal life.

Seitwärt des Überdachs Schatten Zieht dich an Und ein Frischung verheißender Blick Auf der Schwelle des Mädchens da Labe dich! – Mir auch, Mädchen, Diesen schäumenden Trank, Diesen frischen Gesundheitsblick!

A shady roof Draws you aside And the gaze of a girl On the step, promising refreshment. Refresh yourself! For me too, girl, That foaming draught, That fresh, healthy look.

Ab denn, rascher hinab! Sieh, die Sonne sinkt! Eh sie sinkt, eh mich Greisen Ergreift im Moore Nebelduft, Entzahnte Kiefer schnattern Und das schlotternde Gebein:

Down then, down faster! Look, the sun is sinking! Before it sinks, before the mist Seizes me, an old man, on the moor, Toothless jaws chattering, Limbs shaking,

Trunknen vom letzten Strahl Reiß mich, ein Feuermeer Mir im schäumenden Aug’, Mich geblendeten Taumelnden In der Hölle nächtliches Tor.

Snatch me, drunk with its last ray, A sea of fire Foaming in my eyes, Blinded, reeling Through hell’s nocturnal gate.

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Töne, Schwager, in’s Horn, Rassle den schallenden Trab, Daß der Orkus vernehme: wir kommen, Daß gleich an der Tür Der Wirt uns freundlich empfange.

Coachman, sound your horn, Rattle noisily on at a trot. Let Orcus know we’re coming. So that the innkeeper is at the door To give us a kind welcome.

Johann Wolfgang von Goethe

Pflügerlied

Ploughman’s Song

Arbeitsam und wacker, Pflügen wir den Acker, Singend, auf und ab. Sorgsam trennen wollen Wir die lockern Schollen, Unsrer Saaten Grab.

Hardworking and stout-hearted We plough the fields, Singing as we go. Carefully we separate The loose clods, The grave for our seeds.

Auf- und abwärts ziehend Furchen wir, stets fliehend Das erreichte Ziel. Wühl’, o Pflugschar, wühle! Außen drückt die Schwüle; Tief im Grund ist’s kühl.

Moving up and down We make the furrows, always turning back From our achieved goal. Dig, O ploughshare, dig! Outside the sultriness is oppressive; Deep in the earth it is cool.

Neigt den Blick zur Erde, Lieb und heimlich werde Uns ihr dunkler Schoß: Hier ist doch kein Bleiben; Ausgesät zerstäuben Ist auch unser Los.

Turn your eyes to the earth. May its dark womb Become dear and welcoming to us. For here there is no resting place. To be scattered as dust Is also our own lot.

Johann Gaudenz von Salis-Seewis

Abschied von der Harfe

Farewell to the Harp

Noch einmal tön’, o Harfe, Die nur Gefühle tönt! Verhalle zart und leise Noch jene Schwanenweise, Die auf der Flut des Lebens Uns mit der Not versöhnt.

Sound once more, O harp; You express only emotion! Softly, tenderly, Let that swansong fade away Which in the flood of life Reconciles us to our misery.

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Im Morgenschein des Lebens Erklangst du rein und hell! Wer kann den Klang verwahren? Durch Forschen und Erfahren Verhallet’ und versieget Des Liedes reiner Quell.

In the dawn of life You resounded, pure and bright! Who can preserve that sound? With our searchings, our experience, The pure source of your song Fades and runs dry.

Johann Gaudenz von Salis-Seewis

Grablied auf einen Soldaten

Dirge for a Soldier

Zieh hin, du braver Krieger du! Wir g’leiten dich zur Grabesruh, Und schreiten mit gesunkner Wehr, Von Wehmuth schwer Und stumm vor deinem Sarge her.

Depart hence, brave warrior! We accompany you to a peaceful grave, And with lowered weapons, Heavy with sorrow, Walk silently before your coffin.

Du warst ein biedrer, deutscher Mann. Hast immerhin so brav’ getan. Dein Herz, voll edler Tapferkeit, Hat nie im Streit Geschoß und Säbelhieb gescheut.

You were an upright German. You fought so bravely. Your heart, full of noble courage, Never in battle Feared the bullet and the sword.

Du standst in grauser Mitternacht, In Frost und Hitze auf der Wacht, Ertrugst so standhaft manche Not Und danktest Gott Für Wasser und für’s liebe Brot.

You kept watch at dread midnight, In frost and heat; You steadfastly endured many hardships, And gave thanks to God For water and for bread.

Wie du gelebt, so starbst auch du, Schloß’st deine Augen freudig zu. Und dachtest: Aus ist nun der Streit Und Kampf der Zeit. Jetzt kommt die ew’ge Seligkeit.

You died as you lived, Willingly closing your eyes, And reflecting: the battle And struggle of Time is past. Now comes eternal bliss.

Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791)

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Lied des Orpheus, als er in die Hölle ging

Song of Orpheus as He Entered Hell

Wälze dich hinweg, du wildes Feuer! Diese Saiten hat ein Gott gekrönt; Er, mit welchem jedes Ungeheuer, Und vielleicht die Hölle sich versöhnt.

Roll back, savage fire! These strings have been crowned by a god; With whom every monster And perhaps hell itself is reconciled.

Diese Saiten stimmte seine Rechte: Fürchterliche Schatten, flieht! Und ihr winselnden Bewohner dieser Nächte Horchet auf mein Lied!

His right hand tunes these strings; Flee, dread shadows! And you, whimpering inhabitants of this darkness, Listen to my song!

Von der Erde, wo die Sonne leuchtet Und der stille Mond, Wo der Tau das junge Moos befeuchtet, Wo Gesang im grünen Felde wohnt;

From earth, where the sun And the silent moon shine, Where dew moistens fresh moss, Where song dwells in green fields;

Aus der Menschen süßem Vaterlande, Wo der Himmel euch so frohe Blicke gab, Ziehen mich die schönsten Bande, Ziehet mich die Liebe selbst herab.

From the sweet country of mankind, where The heavens once looked upon you with joyful gaze, I am drawn by the fairest of ties, I am drawn down by love itself.

Meine Klage tönt in eure Klage; Weit von hier geflohen ist das Glück; Aber denkt an jene Tage, Schaut in jene Welt zurück!

My lament mingles with yours, Happiness has fled far from here; But remember those days, Look back into that world!

Wenn ihr da nur einen Leidenden ­umarmtet, O, so fühlt die Wollust noch einmal Und der Augenblick, in dem ihr euch erbarmtet, Lindre diese lange Qual.

If there you embraced but one sufferer, Then feel desire once more, And may that moment when you took pity Soothe my long torment.

O, ich sehe Tränen fließen! Durch die Finsternisse bricht Ein Strahl von Hoffnung; ewig büßen Lassen euch die guten Götter nicht.

O, I see tears flowing! Through the darkness A ray of hope breaks; the good gods Will not let you atone for ever.

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Götter, die für euch die Erde schufen, Werden aus der tiefen Nacht Euch in selige Gefilde rufen, Wo die Tugend unter Rosen lacht.

The gods who created the earth for you Will call you from deep night Into the Elysian fields Where virtue smiles amid roses.

Johann Georg Jacobi (1740–1814)

Rückweg

The Return

Zum Donaustrom, zur Kaiserstadt Geh’ ich in Bangigkeit: Denn was das Leben Schönes hat, Entweichet weit und weit.

To the river Danube, to the imperial city I go with apprehension; For the beauty of life Recedes further and further behind me.

Die Berge schwinden allgemach, Mit ihnen Wald und Fluß; Der Kühe Glocken läuten nach, Und Hütten nicken Gruß.

The mountains gradually disappear, And with them forests and rivers; The tinkling of cowbells lingers in the air, And the huts nod their greeting.

Was starrt dein Auge tränenfeucht Hinaus in blaue Fern’? Ach, dorten weilt ich, unerreicht, Frei unter Freien gern!

Why do your eyes, moist with tears, Stare out into the blue distance? Ah, there I dwelt happily, in seclusion, A free man among free men.

Wo Liebe noch und Treue gilt, Da öffnet sich das Herz; Die Frucht an ihren Strahlen schwillt, Und strebet himmelwärts.

Where love and faith are still cherished The heart will open; The fruit will ripen in their light, And aspire towards heaven.

Johann Mayrhofer

Der Goldschmiedsgesell

The Goldsmith’s Apprentice

Es ist doch meine Nachbarin Ein allerliebstes Mädchen! Wie früh ich in der Werkstatt bin, Blick’ ich nach ihrem Lädchen.

My neighbor is An enchanting girl. In the morning, at my workbench, I gaze at her little shop.

Zu Ring und Kette poch’ ich dann Die feinen goldnen Drähtchen. Ach! denk ich, wann? und wieder, wann? Ist solch ein Ring für Kätchen?

Then I beat the fine gold threads Into ring and chain. Ah! When? I think, and again, when Will such a ring be for Kätchen?

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Ich feile; wohl zerfeil’ ich dann Auch manches goldne Drähtchen. Der Meister brummt, der harte Mann! Er merkt, es war das Lädchen. Und flugs wie nur der Handel still, Gleich greift sie nach dem Rädchen, Ich weiß wohl, was sie spinnen will: Es hofft, das liebe Mädchen.

I file away, and at times I file right through Many a golden thread. My master grumbles, unfeeling man! He sees it was that little shop. And as soon as her work is finished She reaches for her spinning-wheel. I well know what she intends to spin. She has her hopes, the darling girl.

Das kleine Füßchen tritt und tritt; Da denk’ ich mir das Wädchen, Das Strumpfband denk’ ich auch wohl mit, Ich schenkt’s dem lieben Mädchen.

As her little foot keeps on working I think of her dainty calves And of her garter; I gave it to the darling girl.

Und nach den Lippen führt der Schatz Das allerfeinste Fädchen. O wär’ ich doch an seinem Platz, Wie küßt’ ich mir das Mädchen.

My sweetheart takes The finest thread to her lips. Ah, if only I could be in its place, How I should kiss her!

Johann Wolfgang von Goethe

Prometheus

Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus, Mit Wolkendunst, Und übe, dem Knaben gleich, Der Disteln köpft, An Eichen dich und Bergeshöhn; Mußt mir meine Erde Doch lassen stehn, Und meine Hütte, die du nicht gebaut, Und meinen Herd, Um dessen Glut Du mich beneidest.

Cover your heaven, Zeus, With a gauze of cloud. And, like a boy beheading thistles, Practice on oak trees And mountain peaks; But you will have to leave My world standing, And my hut, which you did not build, And my fireside, Whose glow You envy me.

Ich kenne nichts Ärmeres Unter der Sonn’ als euch, Götter! Ihr nähret kümmerlich Von Opfersteuern Und Gebetshauch

I know nothing more wretched Beneath the sun than you gods! Meagerly you nourish Your majesty With offerings

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Eure Majestät, Und darbtet, wären Nicht Kinder und Bettler Hoffnungsvolle Toren.

And the breath of prayer, And would starve If children and beggars Were not ever-hopeful fools.

Da ich ein Kind war, Nicht wußte wo aus noch ein, Kehrt’ ich mein verirrtes Auge Zur Sonne, als wenn drüber wär’ Ein Ohr, zu hören meine Klage, Ein Herz wie mein’s, Sich des Bedrängten zu erbarmen.

When I was a child And did not know a thing, I turned my perplexed gaze To the sun, as if beyond it There were an ear to listen to my lament, And a heart like mine To pity the distressed.

Wer half mir Wider der Titanen Übermut? Wer rettete vom Tode mich, Von Sklaverei? Hast du nicht alles selbst vollendet, Heilig glühend Herz? Und glühtest jung und gut, Betrogen, Rettungsdank Dem Schlafenden da droben?

Who helped me Against the overweening pride of the Titans? Who saved me from death And from slavery? Did you not accomplish it all yourself, Sacred, ardent heart? And, deceived in your youthful goodness, Were you not fired with gratitude For your deliverance to the sleeper up above?

Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen? Hast du die Tränen gestillet Je des Geängsteten? Hat nicht mich zum Manne ­geschmiedet Die allmächtige Zeit Und das ewige Schicksal, Meine Herrn und deine? Wähntest du etwa, Ich sollte das Leben hassen, In Wüsten fliehen, Weil nicht alle Blütenträume reiften? Hier sitz’ ich, forme Menschen Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

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I honour you? What for? Have you ever eased the suffering Of him who is oppressed? Have you ever dried the tears Of him who is troubled? Did not almighty Time And eternal Fate, My masters and yours, Forge me into a man? Did you perhaps imagine That I would hate life, Flee into the wilderness, Because not all My blossoming dreams bore fruit? Here I sit, forming men In my own image, A race that shall be like me,


Zu leiden, zu weinen, Zu genießen und zu freuen sich Und dein nicht zu achten, Wie ich!

That shall suffer, weep, Enjoy and rejoice, And ignore you, As I do!

Johann Wolfgang von Goethe

Auf der Bruck

At Bruck

Frisch trabe sonder Ruh und Rast, Mein gutes Roß, durch Nacht und ­Regen! Was scheust du dich vor Busch und Ast Und strauchelst auf den wilden Wegen? Dehnt auch der Wald sich tief und dicht, Doch muß er endlich sich erschließen, Und freundlich wird ein fernes Licht Uns aus dem dunkeln Tale grüßen.

Trot briskly on, my good horse, Without pause for rest, through night and rain! Why do you shy at bush and branch And stumble on the wild paths? Though the forest stretches deep and dense It must at last open up, And a distant light will greet us warmly From the dark valley.

Wohl könnt’ ich über Berg und Tal Auf deinem schlanken Rücken fliegen Und mich am bunten Spiel der Welt, An holden Bildern mich vergnügen. Manch Auge lacht mir traulich zu Und beut mir Frieden, Lieb’ und F ­ reude. Und dennoch eil’ ich ohne Ruh Zurück, zurück zu meinem Leide.

I could cheerfully speed over mountain and valley On your lithe back, And enjoy the world’s varied delights, Its fair sights. Many an eye smiles at me affectionately, Offering peace, love and joy. And yet, restlessly, I hasten Back to my sorrow.

Denn schon drei Tage war ich fern Von ihr, die ewig mich gebunden, Drei Tage waren Sonn’ und Stern Und Erd’ und Himmel mir ­verschwunden. Von Lust und Leiden, die mein Herz Bei ihr bald heilten, bald zerrissen, Fühlt’ ich drei Tage nur den Schmerz, Und ach! die Freude mußt’ ich missen!

For three days now I have been far From her to whom I am eternally bound; For three days sun and stars, Earth and heaven, have vanished for me. Of the joy and sorrow which, when I was with her, Now healed, now tore my heart, I have for three days felt only the pain. Alas, the joy I have had to forgo!

Weit sehn wir über Land und See Zur wärmern Flur den Vogel fliegen; Wie sollte denn die Liebe je

We watch the bird fly far away over land and sea To warmer pastures.

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In ihrem Pfade sich betrügen? Drum trabe mutig durch die Nacht! Und schwinden auch die dunkeln ­Bahnen, Der Sehnsucht helles Auge wacht, Und sicher führt mich süßes Ahnen.

How, then, should love ever Be deceived in its course? So trot bravely on through the night! Though the dark tracks may vanish, The bright eye of longing is awake, And sweet presentiment guides me ­safely onwards.

Ernst Schulze (1789–1817)

Alinde

Alinda

Die Sonne sinkt ins tiefe Meer, Da wollte sie kommen. Geruhig trabt der Schnitter einher, Mir ist’s beklommen.

The sun sinks into the deep ocean, She was due to come. Calmly the reaper walks by. My heart is heavy.

„Hast, Schnitter, mein Liebchen nicht gesehn? Alinde, Alinde!“ „Zu Weib und Kindern muß ich gehn, Kann nicht nach andern Dirnen sehn; Sie warten mein unter der Linde.“

“Reaper, have you not seen my love? Alinda! Alinda!” “I must go to my wife and children, I cannot look for other girls. They are waiting for me beneath the linden tree.”

Der Mond betritt die Himmelsbahn, Noch will sie nicht kommen. Dort legt der Fischer das Fahrzeug an, Mir ist’s beklommen.

The moon entered its heavenly course, She still does not come. There a fisherman lands his boat. My heart is heavy.

„Hast, Fischer, mein Liebchen nicht ­gesehn? Alinde, Alinde!“ „Muß suchen, wie mir die Reusen stehn, Hab nimmer Zeit nach Jungfern zu gehn, Schau, welch einen Fang ich finde.“

“Fisherman, have you not seen my love? Alinda! Alinda!” “I must see how my oyster baskets are, I never have time to chase after girls; Look what a catch I have!”

Die lichten Sterne ziehn herauf, Noch will sie nicht kommen. Dort eilt der Jäger in rüstigem Lauf, Mir ist’s beklommen.

The bright stars appear, She still does not come. The huntsman rides swiftly along. My heart is heavy.

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„Hast, Jäger, mein Liebchen nicht ­gesehn? Alinde, Alinde!“ „Muß nach dem bräunlichen Rehbock gehn, Hab nimmer Lust nach Mädeln zu sehn; Dort schleicht er im Abendwinde.“ In schwarzer Nacht steht hier der Hain, Noch will sie nicht kommen. Von allen Lebendgen irr ich allein, Bang und beklommen. „Dir, Echo, darf ich mein Leid gestehn: Alinde, Alinde!“ „Alinde,“ ließ Echo leise herüberwehn; Da sah ich sie mir zur Seite stehn: „Du suchtest so treu, nun finde!“ Johann Friedrich Rochlitz (1769–1842)

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“Huntsman, have you not seen my love? Alinda! Alinda!” “I must go after the brown roebuck, I never care to look for girls; There he goes in the evening breeze!” The grove lies here in blackest night, She still does not come. I wander alone, away from all mankind, Anxious and troubled. “To you, Echo, I confess my sorrow: Alinda! Alinda!” “Alinda,” came the soft echo; Then I saw her at my side. “You searched so faithfully. Now you find me.” Translations © Richard Wigmore With thanks to Hyperion Records

Markus Werba & James Baillieu  
Markus Werba & James Baillieu