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17. Jahrgang, Nr. 2 Wintersemester 2017/18

Schwerpunktthema

www.hfmdk-frankfurt.de

Kunst und Gesellschaft


THE FAMILY OF STEINWAY-DESIGNED PIANOS

Jeder Mensch hat persönliche Bedürfnisse, die nicht nur Anerkennung, sondern vor allem Erfüllung suchen. Genau das schafft „t h e fa m i ly of s t e i n way-desig n e d pi a nos “. Ob Instrumente von Steinway & Sons, Boston oder Essex – hier findet jedes Talent das passende Instrument. e u.s t e i n way.com

boc k e n h e i m e r l a n ds t r a sse 47 · 6 032 5 f r a n k f u r t a m m a i n t e l : 0 69 / 9 7 0 9 79 87- 0 · be r a t u ng@s t e i n way-f r a n k f u r t. de w w w.s t e i n way-f r a n k f u r t. de


INHALT Editorial

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Impressum

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„Einstiegsdrogen“ sind erlaubt

von Prof. Christopher Brandt Leitartikel: Freiheit

Linda Pilar Brodhag

von Prof. Christopher Brandt Die Begeisterung ist riesig

von Prof. Ursula Targler-Sell

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Interview mit Prof. Dr. Katharina Deserno

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und Juliane von Herz Fragen an Studierende Asiaten auf der Überholspur?

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von Michael Stöppler

10 50

Theater und Tanz

Reudenbach, Prof. Orm Finndendahl

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und Prof. Christopher Brandt 18

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Wirkungsvolle Unterstützung: das Deutschlandstipendium an der HfMDK

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58

von Sebastian Zipp Auf der Suche nach Trost und Transzendenz

Stifterisches Engagement für Tanzstudentinnen an der HfMFK

von Dr. Hendrik Müller Eigenes Glück weitergeben

Gesellschaftliches Engagement für das Mehr an Ausbildung in Musik,

12

Interview mit Prof. Michael

Identität im Musikberuf

Wozu braucht (die/eine) Gesellschaft Kunst?

von Prof. Oliver Kern Kunst als Differenz zum Alltag

Über das Junge Ensemble-Netzwerk von Anica Happich

Paul Simon Kranz

Fragen an Studierende

2

Serie: Verschlungene Lebenswege unserer Alumni – No. 7 Dr. Kristin Wömmel

22

Interview mit Prof. Winfried Toll,

60

Accroche ton chariot à une étoile – zum

Prof. Stefan Viegelahn

Abschied von Prof. Hedwig Fassbender

und Christoph Siebert

von Prof. Thomas Schmidt

Vielfalt als Auftrag

28

62

von Prof. Dr. Werner Jank Weitere Welten und Kunsthochschulen

Prof. Stefan Viegelahn im Portrait 30

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von Prof. Dr. Maria Spychiger Der Tanz der Macht

in den Ruhestand

33

von Prof. Thomas Heyer 35

64

Nico Köhs Reformstau – Optionen für

36

66

Vom Wunder des Zusammenklangs Prof. Tim Vogler im Portrait

von Prof. Thomas Schmidt

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Im (Selbst-)Portait Prof. Günther Albers twittert

39

Vanessa Borowsky Das Abendkleid hat ausgedient

Füße auf dem Boden – Kopf im Wind von Prof. Dr. Dagmar Borrmann

die deutschen Theater Fragen an Studierende

Mit innerer Energie für Empathie – Prof. Martina Peter-Bolaender geht

von Prof. Eike Wernhard Fragen an Studierende

Motiviert für neue Strukturen

68

Erfolge unserer Studierenden

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Interview mit Prof. Dr. Dagmar Borrmann, Prof. Ingo Diehl, Prof. Dieter Heitkamp und Prof. Hans-Ulrich Becker

Die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Kunst – von Architektur und Gestaltung – bestimmte auch die Ideen des 1919 gegründeten Bauhaus, das für das Design dieser Ausgabe Pate gestanden hat.


FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

EDITORIAL

„Kultur ist Reichtum an Problemen, und wir finden ein Zeitalter umso aufgeklärter, je mehr Rätsel es entdeckt hat.“ (Egon Friedell, 1878–1938) Kunst ist auch immer ein Spiegel der Welt, die sie umgibt. Ob es um das Engagement Studierender für Geflüchtete, die gesellschaftliche Bedeutung von Chormusik, Chancen und Herausforderungen für die deutsche Theaterlandschaft oder Perspektiven in der Lehrerausbildung geht – diese Ausgabe gibt vielfältig darüber Auskunft, welche Rolle Kunst in der Gesellschaft spielen kann und wie sich dies in der Ausbildung unserer Hochschule manifestiert. Doch umgekehrt wirkt die Gesellschaft auch aktiv in die Hochschule hinein: Institutionen wie wir profitieren nicht zuletzt vom Engagement ihrer Freunde und Förderer, und nicht nur deshalb ist es mir eine große Freude, die GFF, die seit zehn Jahren engagiert und erfolgreich die Belange der Hochschule und ihrer Studierenden unterstützt, in einem Beitrag gewürdigt zu wissen. Ich bin davon überzeugt, dass Sie die Lektüre dieses Heftes einmal mehr dazu animieren wird, die Teilhabe der Gesellschaft an unserer Kunst vor Ort zu praktizieren – bei einem Besuch einer unserer zahlreichen Veranstaltungen können Sie sich von der Qualität unserer Arbeit überzeugen und eine Nähe zu hochkarätigen Künstlern – Studierenden wie Lehrenden – erleben, die in dieser Form in der Region sicherlich einzigartig ist. Die Portraits unserer neuen Professorenkollegen, von deren qualitätsvoller Arbeit Sie sich dann live überzeugen können, mag

Prof. Christopher Brandt, Präsident der HfMDK

2

Foto: Hansjörg Rindsberg

dazu ein weiterer Ansporn sein.


LEITARTIKEL

K

FREIHEIT Von Prof. Christopher Brandt, Präsident der HfMDK

Die Frage, ob Kunst und Kultur im allgemeinen Diskurs in

uns eigentlich bedeutet und unter welchen Bedingungen wir sie

irgendeiner Form relevant sind, bekommt angesichts des politi-

ausüben und ausdrücken.

schen Klimas eine neue Dimension. Es wird sozusagen ernst. Wir leben offensichtlich in einer Gesellschaft, in der es für uns nicht

Die dabei häufig getätigten Aussagen, Kunst an sich habe keinen

mehr nur darum gehen mag, die eigenen Tätigkeiten zu legitimie-

messbaren Wert, sei frei von ökonomischen Zwängen, gehorche

ren, sondern ernsthaft darüber nachgedacht werden muss, ob

ihren eigenen Gesetzen, sei autonom und gerade deswegen

Dinge, die wir vertreten und die die ehemalige Kulturnation

so wertvoll etc., sind albern und gefährlich angesichts eines teils

Deutschland ausgemacht haben, weiterhin oder gerade jetzt

hochsubventionierten, teils frei florierenden Kulturbetriebs, in

notwendig sind, um ein zivilisiertes Miteinander zu ermöglichen.

welchem man die Wahl hat zwischen einer abgesicherten, aber abhängigen Existenz in der Stadttheater- oder Orchesterland-

Haben wir dem, was uns beunruhigt, etwas entgegenzusetzen?

schaft, der künstlerischen und ökonomischen Selbstausbeutung

Der politische Diskurs bei uns wird weitestgehend von Angst

der sogenannten „freien“ Szene und dem Schönreden prekärer

bestimmt. Niemand ist frei von ihr, sie ist eine der elementaren

Verhältnisse als freiberuflicher Solitär auf Honorarbasis.

Grundbefindlichkeiten des Menschen. Sie zu überwinden und produktiv wie kreativ umzusetzen, ist eine der Grundbedingungen

Diese ökonomischen Bedingungen sind heikel genug. Wenn

menschlicher Freiheit, die ja nicht im repressionsfreien Raum

man seine Musik, sein Schaffen nicht zum dekorativen Hobby

entsteht, sondern sich an den Gegebenheiten abarbeitet und ihnen

degradiert wissen will, muss man sich mit ihnen auseinander-

einen irgend gearteten Gegenentwurf gegenüber stellt, der über

setzen und das Selbstbewusstsein haben, für das, was man tut,

eine Limitierung der Existenz als Ressource und Produktionsmittel

einen Marktwert festzulegen und zu verteidigen. Kunst kann nicht

hinausgeht. Offensichtlich gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Angst

im luftleeren Raum entstehen, verliert aber nicht selten einen

(um bei musikalischen Terminologien zu bleiben) zu instrumenta-

Teil ihrer Freiheit, wenn sie sich institutionellen und pekuniären

lisieren und zu orchestrieren: Sich die Unsicherheit des Menschen

Zwängen unterordnen muss.

zu Nutze zu machen, um einen reibungslosen Ablauf des Gegebenen zu gewährleisten oder die eigenen politischen Ziele durch-

Es gibt jedoch einen Sektor, für den die Verwirklichung unbedingter

zusetzen, mag ein probates Mittel spätkapitalistischen Denkens

künstlerischer Freiheit nicht nur explizit möglich, sondern sogar

sein. Wenn aber in guter dialektischer Manier die Durchrationa-

notwendig ist: das sind die Musik- und Kunsthochschulen (fürs

lisierung des Daseins in Ressentiment, Paranoia und Aggression

Protokoll: Schauspiel und Tanz sind natürlich mitgemeint) – Pro-

umschlägt, ist es höchste Zeit, der Irrationalität des gesellschaft-

duktionsstätten erster Güte, die vom Potenzial her mit hunderten

lichen Klimas die Irrationalität der Kunst entgegen zu setzen. Dazu

und tausenden Konzerten, Aufführungen und Projekten einen

müssten wir uns jedoch erst einmal selbst befragen, was Kunst

kulturellen Ausstoß betreiben, der gerade deshalb so wertvoll ist,

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

weil er sich nicht (zumindest nicht im selben Maße) den öko-

sich noch, in Zeiten postfaktischer Ironisierung ernst zu machen

nomischen Gesetzen des sonstigen Kulturbetriebs unterwerfen

mit der Kunst? Hat das „kritische Komponieren“, die ästhetisch

muss, sondern ein Nebenprodukt der Lehre ist. Wo sonst könnten

wie technisch relevanteste kompositorische Richtung der letzten

gesellschaftliche Diskurse ihren produktiven Niederschlag

Jahrzehnte, die nicht nur bei Helmut Lachenmann und Nicolaus

finden, wenn nicht hier, im Miteinander einer hochkarätigen

Huber, sondern mit Rolf Riehm als einem ihrer gewichtigsten

und durchprofessionalisierten Lehre und der frischen und kom-

und politischsten Vertreter auch hier in Frankfurt verortet werden

promisslosen Perspektive einer hochmotivierten und begabten

muss, überhaupt noch eine Chance? Wie verhindern wir, dass

jungen Generation?

sich ehemals radikale und bahnbrechende kompositorische Errungenschaften zu satztechnischen Werkzeugen verengen?

Um das Potenzial, das in der Arbeit an einer Hochschule für Musik und Darstellende Kunst verborgen ist, freizulegen, bedarf

Welches sind die interpretatorischen Strategien, einem bürger-

es allerdings zweierlei: Kunst muss sich in ihrer gesellschaft-

lichen Publikum, das sich an künstlerischer Exzellenz erfreut,

lichen Relevanz reflektiert werden. Und die Hochschule muss

solange sie nicht das eigene ästhetische Selbstverständnis in Frage

sich als angstfreien Raum definieren, der jeden kreativen Impuls

stellt, die Radikalität und Subversivität eines Beethovenquartettes

zunächst zulässt. Wir wissen alle, dass beides nicht oder nur

vor Augen zu stellen? Welche Mittel sind uns gegeben gegen

unzureichend passiert, aus vielerlei Gründen.

die nostalgische Gerinnung und Erstarrung des traditionellen Repertoires?

Es ist müßig, hier noch einmal beispielsweise auf diverse Studienreformen zu verweisen, die den kreativen Fluss eher

Wie können wir SchauspielerInnen, SängerInnen und Tänzer-

regulieren als befördern, und auf die immense Anstrengung

Innen dazu ermutigen, sich der Unbedingtheit und Schutzlosig-

akademischer Selbstverwaltung, durch die manchmal das

keit preiszugeben, die unabdingbare Voraussetzung ihrer Berufs-

Wesentliche aus dem Blick zu geraten droht.

ausübung ist, wenn sie für ein Theatersystem ausgebildet werden, das sich überwiegend noch aus feudalen und autoritären Struk-

Solche strukturellen Gegebenheiten sind diskussionswürdig,

turen des letzten Jahrhunderts konstituiert?

hier aber soll es um den Kern der Sache gehen. Was tun wir eigentlich hier?

Wie kann die sogenannte „Populäre Musik“ jenseits von Schlagerpop und einer „Die-Kids-dort-abholen-wo-sie-sind“-

Zum Beispiel in Frankfurt: Keine andere Stadt in Deutschland

Attitüde wieder als das wahrgenommen werden, was sie in ihren

definiert sich in ähnlicher Form über das Miteinander von

besten Momenten ist: unmittelbarer Ausdruck gesellschaftlicher

kulturellem und gesellschaftlichem Diskurs. Gerade aufgrund

Befindlichkeit und in ihren originären Manifestationen von Blues,

seiner eigenen künstlerischen Kompetenz und Sensibilität

Freejazz und Rock´n` Roll über Punk, Disco und Techno sub-

konnte beispielsweise Adorno geradezu seismographisch

versiver, revolutionärer und emanzipatorischer Impuls?

aufspüren und benennen, wo wir, als Einzelne wie als Kollektiv, irreparabel beeinträchtigt und beschädigt sind und wie gerade

Wie können wir begreiflich machen, dass hochkarätiges

das Gewahrwerden der eigenen Kaputtheit sich in Kunst

Handwerk und bahnbrechende Virtuosität nicht nur der per-

niederschlägt und Utopie ermöglicht. Was bedeutet das für

manenten Reflexion, sondern auch einer kompetenten Vermitt-

einen Komponisten, für ein Kompositionsstudium? Wer traut

lung bedürfen, und es einem Musiker nichts von seiner

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LEITARTIKEL

U

Genialität nimmt, wenn er solide und inspiriert unterrichten

und nichts wäre falscher, als aus einer Position vermeintlicher

kann?

Überheblichkeit anderen etwas aufdrängen zu wollen. Wie immer kann man nur überzeugen, indem man seine eigenen

Um sich zu positionieren, muss man sich natürlich erst einmal

Ideale authentisch vorlebt.

selbst ernst nehmen. Das kann heißen: sich nicht im vorauseilenden Gehorsam den Gesetzmäßigkeiten einer allgemeinen Ergötzungs-

Frankfurt und die Rhein-Main-Region bieten dafür vergleichs-

und Bespaßungskultur anpassen, sondern die existenzielle Trag-

weise gute Bedingungen: kulturelle Vielfalt auf engstem Raum,

weite von Kunst für sich selber akzeptieren. Das hat auch eine

Liberalität und Weltoffenheit, eine in Deutschland einzigartige

handwerkliche und selbstdisziplinarische Dimension, bedeutet

Internationalität, eine Vielzahl großartiger Kultureinrichtungen

es doch: mit aller Kraft und Integrität die eigene Exzellenz und

und Institutionen, eine interessierte und engagierte Bürgergesell-

Professionalität vorantreiben, sich nicht mit mittelmäßigen

schaft. Neben dem Museumsufer wird es zukünftig der Kultur-

Arbeiten zufrieden geben und schauen, welche Handlungs-

campus sein, der auf in Deutschland einzigartige Weise die

optionen sich im gesellschaftlichen Rahmen aus einer solchen

kulturelle Identität einer Stadt konzentriert und manifestiert, und

gesund-elitären Haltung ableiten lassen.

neben allen planerischen Herausforderungen, die mit diesem Projekt einhergehen, wird es auch eine breite inhaltliche Diskus-

Denn die Freiheit, die der Rahmen einer akademischen Kunst-

sion sein – in der interessierten Öffentlichkeit, bei den kulturellen

ausbildung zumindest ideell bietet, bedeutet auch ein hohes Maß

Leistungsträgern und vor allem in der Politik –, die Aufschluss

an Verantwortung – sich selbst und den Studierenden gegenüber,

darüber geben wird, was uns Kunst und Kultur wirklich bedeu-

aber auch in Bezug auf das künstlerische Werk, das wir interpre-

ten und wie sie in unserer Gesellschaft verankert sein müssen.

tieren, untersuchen oder erschaffen. Wir müssen akzeptieren, dass es um etwas geht, dass das, was wir tun, nicht durch andere

Neben solchen Leuchttürmen bleibt weiterhin eine breit

gesellschaftliche Bereiche ersetzt werden kann und dass die

aufgestellte Basisarbeit das Zentralnervensystem kultureller

Bewahrung einer jahrhundertealten Kunsttradition ebenso wie

Identität. Ich halte es dabei gerne mit den Idealen von „Live

die Neuschöpfung eines ästhetischen Diskurses und das Auf-

Music Now“, einem Konzept, bei dem sich größtmögliche

brechen überkommener Strukturen zu den nobelsten und einzig-

künstlerische Exzellenz für kein noch so heikles und pragma-

artigsten Aufgaben gehören, zu denen die Menschheit überhaupt

tisches Umfeld zu schade ist. Was nützt Kunst, wenn nicht

fähig ist. In der artifiziellen Vollendung, die gelungene Kunst

alle die Möglichkeit haben, sie zu erleben?

bietet und in der alle Unvollkommenheiten, Brüche und Schmerzen des Menschseins aufgehoben sein können, eröffnet sich

Denn der allgemeinen Verdummung und Verrohung beizu-

eine Perspektive menschlicher Freiheit, die zumindest in einem

kommen, ist natürlich überwiegend eine Frage von Vermittlung

vordergründig säkularen Zeitalter wie unserem ansonsten ver-

und Erziehung: „Es ist viel wichtiger, wer der Musiklehrer ist, als

borgen bleibt. Darunter sollte man es eigentlich nicht machen.

wer der Direktor der Oper ist. Der schlechte Direktor scheitert gleich (häufig auch der gute). Aber der schlechte Lehrer tötet 30

Dazu gehört, sich ein Umfeld zu bauen und Bedingungen zu

Jahre lang in 30 Jahrgängen die Liebe zur Musik”, schreibt Zoltan

schaffen, die eine solche künstlerische Entfaltung ermöglichen.

Kodaly 1929. Bilden wir also nicht zuletzt gute Lehrerinnen und

Letztlich geht es um Partizipation, um eine „Teilhabe aller an

Lehrer aus, die besten, am Instrument wie in der Schule.

den Künsten“, wie es das Leitbild dieser Hochschule formuliert,

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

DIE BEGEISTERUNG IST RIESIG Prof. Dr. Katharina Deserno und Juliane von Herz über die Arbeit mit Geflüchteten im Rahmen der Hochschule

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DIE BEGEISTERUNG IST RIESIG

N Wie begann das Engagement für Geflüchtete an der Hochschule? Prof. Dr. Katharina Deserno Noch während seiner Amtszeit als Präsident der HfMDK lud Thomas Rietschel alle Interessierten der Hochschule zu einem Treffen ein, in dem Lehrende und Studierende ihre Vorstellungen von gewinnbringender Arbeit mit und für Geflüchtete zusammentrugen – eine Art Ideen- und Kontakt-Austauschbörse. Der Präsident öffnete damit die Tür zu unbürokratischen Möglichkeiten, auch als Hochschule ein gesellschaftlich relevantes Zeichen zu setzen. Zu den damals schon aktiven Studierenden gehörten der Posaunist Philippe Schwarz und der Cellist Johannes Kasper. Sie bildeten gemeinsam mit Juliane von Herz die Keimzelle einer Initiative, die im April Der öffentliche Auftrag einer Hochschule ist stets mit ihrem

2016 in eine große Konzert- und Begegnungsveranstaltung mit

„Kerngeschäft“ gekoppelt – der Lehre. Und so bedarf es

jungen Geflüchteten, Studierenden und Frankfurter Schülern im

guter Ideen und flexibler Strukturen, um auch auf aktuelle

Großen Saal der Hochschule mündete – „For all Nations“ hieß

Entwicklungen sinnvoll reagieren zu können. Als der Strom

das Format damals, in denen Orchester und Ensembles vor allem

Geflüchteter vor knapp zwei Jahren die Stadt Frankfurt am Main

für minderjährige Geflüchtete auftraten und sie einluden, musi-

erreichte, blieb die HfMDK nicht untätig und bündelte ihre

kalische und menschliche Kontakte zu knüpfen. Heute läuft diese

Potenziale, um Neuankömmlinge aus aller Welt zu musikalischen

großartige Initiative unter dem Motto „For all People“ weiter.

Begegnungen willkommen zu heißen. Mittlerweile sind aus diesem Engagement Lehrangebote und Seminare entstanden,

Was genau passierte in diesen ersten Begegnungen?

die wertvolle menschliche Verbindungen haben entstehen lassen.

Juliane von Herz Wir luden mehrere Orchester von Frankfurter

Dr. Katharina Deserno, Professorin für Instrumentalpädagogik,

Gymnasien ein, um ein Konzert für junge Geflüchtete zu geben.

und Juliane von Herz, Kunsthistorikerin, Kuratorin und ehren-

Die Erwartungen, die wir in die erste Begegnung gesetzt haben,

amtliche Unterstützerin hochschulischer Arbeit mit Geflüchteten,

waren bewusst gering, weil wir nicht wussten, wie groß die

erläutern im Gespräch, wie es Lehrenden und Studierenden

Bereitschaft zum Mitmachen und die Möglichkeiten des Mitein-

der Hochschule bereits jetzt gelungen ist, gesellschaftliches

ander-Sprechens waren. Johannes Kasper und Philippe Schwarz

Engagement mit sinnvollen Lehrangeboten zu verbinden.

hatten einen Fragebogen über musikalische Interessen entworfen, verbunden mit einem originellen System, Schülerinnen, Schüler und Studierende mit Geflüchteten zusammenzubringen. Die Konzertpause entwickelte sich zu einer lebhaften Kontaktbörse, und am Ende des Programms konnten alle Zuhörer die verschiedenen Instrumente, die sie gehört hatten, selbst ausprobieren. Patenteams entstanden, und die Grundlage für das, was Katharina Deserno daraus auf Lehrebene weiterentwickelt hat, war gegeben.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Prof. Dr. Katharina Deserno

FRAGEN AN STUDIERENDE Paul Simon Kranz Musik für das Lehramt an Gymnasien (L3): In welcher gesellschaftlichen Verantwortung sehen Sie

Und was konnten Sie entwickeln?

sich und wie praktizieren Sie sie?

Prof. Dr. Katharina Deserno Das Engagement der Studierenden,

Als Schulmusiker sehe ich meine Verantwortung vor

jungen Menschen das Instrumentalspiel beizubringen, ließ und

allem in der Rolle als Motivator und „Promoter“ für Musik.

lässt sich hervorragend in musikpädagogische Projektseminare

Die „Challenge“ ist, junge Menschen für Musik zu begeistern

implementieren. Die Studierenden sammeln Basiserfahrungen

und Interesse zu wecken. Dies sollte im besten Fall nicht

zum Beispiel im Arrangieren für eine gegebene, ungewöhnliche

nur zu einem bewussten und verstehenden Umgang mit

Besetzung, wagen Ad-hoc-Improvisationen und erlernen den

Musik führen, sondern auch zum aktiven Musizieren.

Umgang mit heterogenen Gruppen. Am Ende der Projektseminare stand jeweils eine Präsentation der Ergebnisse mit gemeinsamem Musizieren, Singen und Berichten. Ein weiteres Lernziel ist die interkulturelle Vermittlung in Form von Instrumentenvorstellungen und Moderationen. Zwei Seminare haben bereits stattgefunden, eine Fortsetzung ist geplant. Eine große Bereicherung war die Zusammenarbeit mit zwei Gästen: Der syrische Pianist Aeham Ahmad, der mit dem Beethovenpreis für Menschenrechte ausgezeichnet wurde, musizierte für und sprach mit den Semi-

Juliane von Herz

narteilnehmenden. Der Percussionist Bergo Ibrahim aus Ägypten musizierte im Rahmen eines Percussionworkshops mit den jugendlichen Geflüchteten und Studierenden. Beiden sind wir für ihre Besuche an der Hochschule sehr dankbar. Wie groß ist das Interesse seitens der Geflüchteten? Juliane von Herz Das Interesse und die Lust sind riesig. Alle paar Tage erhalten wir Anfragen per E-Mail von jemandem, der Unterricht haben möchte. Entsprechend suchen wir Studierende, die bereit sind, ehrenamtlich zu unterrichten oder gar ein Instrument zur Verfügung zu stellen. Gitarre und Klavier waren anfänglich die favorisierten Instrumente; eine kürzliche Anfrage bezog sich auf Laute. Wir arbeiten eng mit „Frankfurt hilft“ und der Arbeiterwohlfahrt zusammen, und am liebsten würde man

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DIE BEGEISTERUNG IST RIESIG

S uns in die Flüchtlings-Unterkünfte oder auch Schulen ein-

entwickelt. Die Verbindung zwischen ihm und dem, was in der

laden, um dort zu musizieren. Das schaffen wir zeitlich aber gar

Arbeit mit den jungen Menschen möglich ist, soll nicht verloren

nicht. Von den Studierenden sind derzeit etwa zwei Dutzend

gehen; Liebe und Begeisterung ermöglichen die Kunst der Kopp-

involviert – wir möchten sie jetzt in den Status von offiziellen

lung verschiedener Ansprüche. Es gilt, auch die „Schönheit im

„Ehrenämtlern“ versetzen, womit auch die Versicherungs-

Kleinen“ zu entdecken und zu pflegen.

frage geklärt wäre. Was gibt es jenseits des rein Musikalischen zu beachten, wenn Im vergangenen Sommersemester hat „For all People“ einen

Studierende mit Geflüchteten zusammenarbeiten?

Chor gegründet. Wie lief dieses Vorhaben an?

Prof. Dr. Katharina Deserno Wichtig erscheint mir, dass im Mit-

Juliane von Herz Es war fabelhaft: 70 Chorsänger im Alter

einander eine Atmosphäre der Gleichberechtigung herrscht;

zwischen 13 und 20 fanden sich dazu in einem Potpourri aus

jeder lernt von jedem, und zwar direkt: Geflüchtete bringen in das

Frankfurter Gymnasiasten, Studierenden und Geflüchteten

Projekt ihre eigene Sprache mit ein, ihre Musik, ihre eigenen

zusammen, und zwar unter der Leitung von Jonathan Hofmann,

Instrumente: Aus Eritrea beispielsweise stammt die Krah, die ein

Chordirigent und Alumnus der Hochschule, gemeinsam mit dem

Jugendlicher als Instrument eingesetzt hat. Aus meiner Sicht gilt

HfMDK-Dozenten Daniel Kemminer am Klavier. Bereits bei der

es zu beachten, dass die Studierenden mit der Situation nicht

ersten Probe bebte der Saal, wir haben riesige Begeisterung am

überfordert werden. Dass sich Menschen unterschiedlicher

Singen erlebt. Die Pop-Songs berührten sehr und haben mitein-

kultureller Herkunft miteinander verbunden fühlen, ist eine

ander verbunden. Der nächste Workshop ist schon geplant.

Chance, die die Musik eröffnet. Aber vorhandene Unterschiede lassen sich auf der anderen Seite nicht einfach „wegmusizieren“.

Der Große Saal der Hochschule ist üblicherweise ein Ort an-

Differenzen müssen ge- und beachtet werden. Auch die Grenze

spruchsvollster Darbietungen – wie steht es um den musikalischen

einer Vermittlerrolle sollte den Studierenden klar werden: Was

Anspruch bei dieser Art von Chor- und Instrumentalarbeit?

kann ich für den anderen sein und was nicht? Alle, die als

Prof. Dr. Katharina Deserno Wir möchten im Anspruch bescheiden

Geflüchtete zu uns gekommen sind, bringen ihre eigene, oft

beginnen, um niemanden auszuschließen. Trotzdem formulieren

dramatische Vorgeschichte mit.

wir für uns einen hohen pädagogischen Anspruch an das, was wir

Juliane von Herz Das sehe ich genauso. Als Initiatoren und Leh-

anbieten – das ist der Balanceakt. Natürlich haben Studierende

rende ist es unsere Aufgabe, beiden Seiten eine Schutzfunktion

aus ihrem musikalischen Horizont heraus ein eigenes Klangideal

zu bieten. Geflüchtete kommen mit musikalischer Begeisterung, aber zugleich mit Angst und Skepsis, den Anforderungen nicht gerecht werden zu können, schon aus sprachlichen Gründen – das müssen wir berücksichtigen. Deswegen finde ich Feedback-Runden wichtig, genauso wie Dank an die involvierten Studierenden. Beeindruckt bin ich davon, mit welchem Enthusiasmus sie auf die Geflüchteten zugehen; ihr Wunsch, ihre Musik weiterzuvermitteln, ist stark ausgeprägt, ohne dass es missionarisch wird. Ihre Leidenschaft wirkt ansteckend und ist vielleicht auch ein Beweis dafür, dass alle Beteiligten mindestens genauso viel vom anderen zurückbekommen, wie sie investieren. – bjh

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

ASIATEN AUF DER ÜBERHOLSPUR? Gedanken zu Klassischer Musik in asiatischen Gesellschaften Von Oliver Kern, Professor für Klavier

Kürzlich erhielt die Fachgruppe Klavier unserer Hochschule

politisch und ökonomisch eine global immer kleinere Rolle

von prominenter Stelle in Hessen die Aufforderung, den hohen

spielende Europa auch eines der letzten Fundamente seiner

Anteil ausländischer und vor allem asiatischer Studierender

Identität, nämlich die klassische Kultur, in den kommenden

im Fach Klavier zu erklären. Die Anfrage konnte natürlich ganz

Jahrzehnten verlieren würde – an Asien. Noch ist Deutschland

einfach damit beantwortet werden, dass bei uns in sämtlichen

in musikalischen Belangen maßgebend etwa in der Anzahl

Examina, also auch den Eignungsprüfungen, nach qualitativen

professioneller Orchester pro Stadt mit entsprechenden Berufs-

Gesichtspunkten, nicht etwa nach Herkunftsland, Hautfarbe

möglichkeiten für viele Instrumentalisten, doch für uns Pianisten

oder Geschlecht geprüft wird. Doch es lohnt sich, sich über den

entfällt diese Option fast komplett. Die Angst vor einem Scheitern

Prozentsatz asiatischer Studienbewerber ein paar Gedanken zu

der Existenz ist bei vielen unserer jungen Talente oft zu groß;

machen, die aus Platzgründen leider nur angedeutet, nicht

entsprechend wählen sie oft einen ganz anderen Lebensweg

vertieft werden können.

mit vielversprechenderen finanziellen Möglichkeiten.

Die erschütternde Aussage des damaligen italienischen Finanz-

In asiatischen Ländern hingegen wird deutlich intensiver als

ministers Giulio Tremonti im Jahr 2010 bezüglich drastischer

bei uns in die musikalische Ausbildung investiert. Sehr eindrucks-

Sparmaßnahmen im Kulturbereich, „Kultur kann man nicht

voll war für mich der Aufenthalt im November 2016 in Hangzhou

essen“, kann man sowieso nur mit „Kultur unterscheidet uns

westlich von Shanghai. Als ich am Campus des Konservatoriums

von den Tieren“ beantworten. Wie unrecht Herr Tremonti hat,

ankam, lernte ich, dass es sich nicht um einen alle Fakultäten

leben uns nun viele asiatische Staaten vor, wie vom ehemaligen

umspannenden Universitätscampus handelte, sondern um eine

deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt erahnt. Dieser

neue riesige Musikakademie, jede Instrumentengruppe mit

hatte vor einigen Jahren prophezeit, dass das demographisch,

eigenem Gebäude und dort integriertem eigenen Konzertsaal, eigenem Probensaal und genügend Überäumen versehen.

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ASIATEN AUF DER ÜBERHOLSPUR

T

Solch gigantische Investitionen sind bei uns leider unvorstellbar,

könnten. Meine Eltern haben in Deutschland studiert, sind

doch sie erklären die Anzahl Musikstudierender asiatischer

jetzt erfolgreiche Musiker in Korea; ich bin zuhause mit klassischer

junger Menschen, denen nach Erhalt des Diploms in ihrem Land

Musik aufgewachsen. Warum sollte ich klassische Musik weniger

zudem meist ein gesichertes Auskommen in Aussicht gestellt

‚im Blut haben‘ als ihr Europäer?“ Über diesen Satz denke ich

wird. Musiklehrer verdienen in Ländern wie Korea, China und

noch heute viel nach. Denn die Kollegin hat recht. Und überall

Japan in Relation zu anderen Berufen gut, der Prozentsatz an

zeigt sich, wie sehr. In fast sämtlichen internationalen Wett-

musizierenden Kindern ist enorm – und das soziale Ansehen

bewerben, auf vielen großen Bühnen und Festivals reüssieren

von Musikern ist im Gegensatz zu vielen westlichen Ländern, in

asiatische Musiker, und eben nicht nur wegen ihrer

welchen ein Klavierlehrer wie zu Mozarts Zeiten quasi noch den

technischen Fertigkeiten.

Dienstboteneingang nehmen muss, hoch (kürzlich erkundigte sich in Hamburg jemand nach meinem Beruf und fragte dann:

Es ist eine große Chance auch für unsere HfMDK, solche Talente

„Kann man damit Geld verdienen?“).

instrumental wie pädagogisch formen zu dürfen, ohne dabei unsere hiesigen Studierenden zu vernachlässigen, die wir gerade

Eine gute Zukunftsaussicht führt und verführt aber auch dazu,

im internationalen Vergleich auf allen Ebenen verstärkt fördern

Musik von Kindesbeinen an als Karriereziel ohne Rücksicht auf

müssen. Ich glaube, hier in einem Land an einer Hochschule

Talent oder Interesse zu sehen, was sich mir leider bei einem

wirken zu dürfen, die auf hohem Niveau die Studierenden in

Kurs in Shanghai zeigte: Eine herzlos und unmotiviert auf das

ihre Eigenständigkeit entlässt. Unser Standort ist (noch) privi-

Klavier einhackende junge Teilnehmerin fragte ich, ob sie denn

legiert; von einzelnen Fachleuten wird weltweit an vielen

eigentlich das Klavierspiel liebe. Worauf nach langer Stille die

Musikhochschulen hervorragende Arbeit geleistet, aber viel-

Antwort kam: „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“.

leicht nicht wie in der Dichte der meisten hier ansässigen Institute. Da auch deswegen viele Studienbewerbungen an

In unseren Eignungsprüfungen haben wir als Kommission

unsere Hochschule herangetragen werden, muss es uns immer

die Aufgabe, solche zwar oft langfristig auf die Prüfung

ein Anliegen sein, alle bei uns aufgenommenen jungen Menschen

vorbereiteten, entsprechend fehler- (aber eben auch seelen-)los

bestmöglich auf ihre musikalische Unabhängigkeit vorzube-

spielenden Kandidaten von vielversprechenden, gut geförderten

reiten und ganz individuell zu betreuen; das pianistische Top-

Begabungen zu trennen, die bei uns an der HfMDK das Studium

Talent ebenso wie den jungen indonesischen Absolventen, der

antreten bzw. vertiefen wollen und bei „inniger“ (um einen

die enorme Aufgabe hat, in seiner bezüglich klassischer Musik

Ausdruck Robert Schumanns zu gebrauchen) Beschäftigung

noch im (fruchtbaren) Anfangsstadium stehenden Heimat bei

mit Musik die Möglichkeit haben, als Europäer wie Asiat,

seiner Rückkehr die dortige Musikwelt aufzubauen – mit der-

ihre Berufung zum (geliebten!) Beruf zu machen. Sehr prägend

selben Verantwortung, die ein in Deutschland ins Berufsleben

war für mich übrigens eine Begegnung mit einer einflussreichen

tretender Hochschulabsolvent gegenüber unserem künftigen

koreanischen Musikerin, die mir bei einem Empfang beim

Nachwuchs tragen muss!

deutschen Botschafter in Seoul folgende Worte sagte: „Wir Asiaten werden in Europa ständig darauf angesprochen, dass wir doch westliche Musik eigentlich gar nicht ‚im Blut haben‘

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Die Professoren Michael Reudenbach, Orm Finnendahl und Christopher Brandt im Interview über Neue Musik und ihre Funktion in und für die Gesellschaft

KUNST ALS DIFFERENZ ZUM ALLTAG Es sind drei „Insider“, die sich über Neue Musik und ihre Bedeutsamkeit in und für die Gesellschaft unterhalten: Die Professoren Orm Finnendahl und Michael Reudenbach stellen sich als Kompositionsprofessoren der HfMDK den Fragen nach der Relevanz und Legitimation von zeitgenössischem Kunstschaffen. Mit dabei ist Christopher Brandt, Präsident der HfMDK und als Gitarrenprofessor wie studierter Komponist zugleich ein gefragter Interpret zeitgenössischer Musik.

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Prof. Orm Finnendahl

Prof. Michael Reudenbach

Prof. Christopher Brandt

FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT


KUNST ALS DIFFERENZ ZUM ALLTAG

! Welchen gesellschaftlichen Auftrag verspüren Sie als Künstler und Pädagoge? Prof. Orm Finnendahl Die Aufgabe, die Kunst meiner Meinung nach hat, ist es, Grenzen zu überschreiten, welche auch immer gemeint sind. Es geht für mich darum, dass Kunst eine ganz spezifische Differenz zu unserem Alltag definiert – so verstehe ich Grenzüberschreitung als ein probates Mittel der Kunst. Weil sie dadurch Aufmerksamkeit bekommt? Prof. Orm Finnendahl Entweder das oder, frei nach Lachenmann, Gewohnheiten in Frage gestellt werden oder Kunst Irritationen erzeugt. Die Schwierigkeit der Kunst besteht allerdings darin, dass ihre Grenzüberschreitungen und auch Provokationen oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Prof. Michael Reudenbach Wohl auch deshalb, weil die Ästhetik der Provokation als ein Mittel für zeitgenössisches Komponieren selber schon wieder historisch und insofern „verbraucht” ist; sie erzeugt allenfalls ein Gähnen. Könnten Sie eine gesellschaftliche Funktion von Kunst definieren?

Diese Gegenwelten sind in der Neuen Musik oft so andersartig,

Prof. Christopher Brandt Kunst sollte eine Erfahrung vermitteln,

dass nur Wenige einen Zugang finden. Entsteht dadurch ein

die auf keine andere Art und Weise vermittelbar ist. Und wenn

Legitimationsproblem?

man sich mit der Irregularität der Kunst konfrontiert sieht,

Prof. Michael Reudenbach Ein leichter oder schwerer Zugang –

bekommt man auch eine Ahnung davon, dass das ganze Gefüge

zu was auch immer – ist zunächst kein Argument für oder gegen

des Alltagslebens ebenfalls – radikal formuliert – provisorisch

etwas. Meines Erachtens wäre es auch fatal, wenn sich über ein

und hinfällig ist.

Einschaltquoten-Denken eine Legitimation definieren würde.

Prof. Orm Finnendahl Ich glaube schon, dass derlei grenzüber-

Prof. Orm Finnendahl Ich halte es für dringend erforderlich, dass

schreitende Erfahrung ein grundlegendes menschliches Bedürfnis

es in der Gesellschaft zunächst unpopuläre Gegenentwürfe gibt.

darstellt. Das alltägliche Bombardement an Informationen weckt

Wir in der Kunst haben die Möglichkeit, Gegenentwürfe zu er-

in uns das Bedürfnis, neue Erfahrungen zu machen.

stellen, die nicht auf die Realität hin abgeglichen werden müssen.

Auch mit den neuen Medien und ihrer Hardware in der Kunst?

Ist denn jede Komposition in der Neuen Musik gesellschaftlich

Prof. Orm Finnendahl Das ist zumindest mein persönliches

kontextualisiert?

Interesse, andere entwerfen vielleicht bewusst klangliche

Prof. Michael Reudenbach Sicher kann Musik als Gegenwarts-

Gegenwelten dazu.

kunst an gesellschaftlichen Diskursen teilnehmen und etwas von der Wirklichkeit bewusst machen – allerdings verbunden mit der Einsicht, dass eine unmittelbare (politische) Wirkung nicht zu erwarten ist.

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KUNST ALS DIFFERENZ ZUM ALLTAG

K Benötigt Neue Musik eine veränderte Herangehensweise im

Inwiefern sehen Sie sich in der Verantwortung, Ihre komposito-

Vergleich zu im weitesten Sinne „klassischen“ Kompositionen?

rische Idee dem Publikum intellektuell zugänglich zu machen?

Prof. Michael Reudenbach Ein „klassisches” Musikstück lässt

Prof. Christopher Brandt Das ist das große Missverständnis, dass

sich in der Regel aus sich selber heraus auditiv und emotional

es bei Neuer Musik ein intellektuelles Geheimrezept gäbe, nach

verstehen. In der Neuen Musik dagegen schiebt sich vermehrt

dem die Komposition gebastelt wäre, das man nur begreifen

ein Kommunikationsaspekt in den Vordergrund.

müsse, um auch die Musik zu begreifen.

Prof. Orm Finnendahl Da bin ich skeptisch: Ich würde stark

Prof. Orm Finnendahl Für mich gibt es einen entscheidenden

bezweifeln, dass sich beispielsweise eine Renaissance-Motette

Unterschied, Kunst zu erklären oder Kunst zu vermitteln.

aus sich selbst heraus erklärt.

„Erklären“ würde voraussetzen, dass es etwas zu verstehen gäbe

Prof. Michael Reudenbach Richtig, aber es gibt hier trotzdem

im Sinne von: Ich erkläre euch jetzt, was ihr hören müsst. Es kann

einen grundlegenden Unterschied: Anhand des Notenbildes ist

aber darum gehen, eine Hörhaltung anzubieten. Und diese kann

eine Renaissance-Motette auditiv in allen ihren wesentlichen

sich ganz ungeheuer entspannen, wenn die Zuhörer nicht das

Eigenschaften nachvollziehbar. Dagegen ist das letztlich Klingende,

Gefühl haben, etwas Spezifisches verstehen zu müssen.

beispielsweise in vielen Werken von John Cage, nicht mehr ohne

Prof. Michael Reudenbach Aus diesem Grund lese ich beispiels-

Weiteres aus dem vom Komponisten Niedergeschriebenen ables-

weise keine Programmheft-Texte vor einer Aufführung: In ihnen

bar, sondern substanziell abhängig von den Ausführenden und

wird nicht selten suggeriert, was ich unbedingt hören muss. Diese

deren Kommunikation untereinander.

gelenkten Hörhaltungen behindern aber ein vorurteilsfreies Hören,

Prof. Christopher Brandt Aber lässt sich Musik früherer Epochen

da sie weitere und andere Phänomene verdecken, die darüber

nicht auch deshalb besser verstehen, weil sich die Muster rationa-

hinaus auch noch in der Musik liegen können.

lisieren und quantifizieren lassen, die der Musik zugrunde liegen? Man kann doch die Musik bis zum frühen Schönberg bis auf ton-

Gibt es für Sie einen Minimalkonsens, was Sie Ihren Absolventen

setzerische Übungen herunterbrechen und damit Stil und Sprache

im Sinne gesellschaftlicher Teilhabe mitgeben möchten?

der Musik relativ genau treffen, was mit der Neuen Musik so

Prof. Orm Finnendahl: Auf der einen Seite möchte ich meine

nicht mehr ohne weiteres funktioniert.

Studierenden schon – ein unschönes Wort – für die Zeit nach der Hochschule ertüchtigen. Doch worin dies besteht, ist individuell

Was entgegnen Sie auf die Behauptung, dass Alte Musik mehr

verschieden. Meine Aufgabe ist die des Beobachtens und Über-

als die Neue Musik an auditiver Ästhetik orientiert ist?

legens, wo ich Unterstützung anbieten kann, damit die Studierenden

Prof. Orm Finnendahl Da widerspreche ich natürlich vehement.

für sich herausfinden, wohin die Reise für sie geht.

Ich bin durchaus negativ überrascht, wenn Zuhörer meine Kom-

Prof. Michael Reudenbach … alles in Bewegung zu halten, außen-

position als „schwere Kost“ empfinden, die ich für vergleichsweise

seiterisch Anstoß zu geben und „das Denkempfinden“ – wie es der

süffig halte. Ich würde für meine Werke durchaus reklamieren,

Komponist Hans Joachim Hespos einmal ausdrückte – „in

dass von mir als ästhetisch ansprechend empfundene Klänge

Vibration zu versetzen”.

eine wesentliche Rolle spielen. Prof. Christopher Brandt Das kommt auf den Zuhörer an, was er als Klischee der Neuen Musik empfindet und was nicht. Ich mache die Erfahrung, dass Stücke, die für Kenner der Neuen Musik ein alter Hut sind, für andere Zuhörer bereits eine völlige Überforderung darstellen.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Geht es denn nicht auch darum, aus einem Kompositions-

Prof. Christopher Brandt Es gibt aber durchaus handwerkliche

studium einen Beruf zu entwickeln?

Skills, die in der Rezeption der Neuen Musik gängig sind. Der

Prof. Orm Finnendahl Nein – wir sind doch keine Berufsausbil-

Eindruck der Komponisten, sie würden heutzutage ihre Werke

dungsstätte, keine Berufsschule. Ich sehe meine Aufgabe darin,

allein aus sich selbst gebären, ist nicht echt; ich glaube, dass

dass wir nicht für die unmittelbare Vorbereitung auf einen Beruf

schon viel mit handwerklichen Tricks gearbeitet wird.

zuständig sind – den gibt es beim Komponisten sowieso nicht.

Prof. Michael Reudenbach Aber wären Tricks nicht mehr eine

Prof. Michael Reudenbach All jene, die Musikwerke erschaffen,

Form von Strategie?

sind Komponisten, egal ob Amateur oder Profi, egal ob sie einen

Prof. Christopher Brandt Schon – aber sie müssen ja an gewisse

Schlager oder einen Song produzieren, eine Filmmusik, eine Oper

handwerkliche Fähigkeiten gebunden sein – zum Beispiel zu

oder ein Stück für Klavier und Live-Elektronik schreiben oder eine

denken: Ich würde jetzt gern an dieser Stelle eine Quinte schreiben,

Klanginstallation entwickeln.

notiere aber doch lieber eine große Septime, weil ich gerade in

Prof. Orm Finnendahl Wir können gegenwärtig gar nicht abschät-

Donaueschingen bin – zugegeben ein banales Beispiel.

zen, was Zuhörer in zehn Jahren unter Musik verstehen. Somit möchte ich eine offene Atmosphäre bieten, die es ermöglicht, auf

Inwiefern möchten Sie klassische Musiker dazu locken, sich

einen sich wandelnden Begriff dessen, was Komposition bedeuten

verstärkt mit Neuer Musik auseinanderzusetzen?

könnte, reagieren zu können.

Prof. Michael Reudenbach Mir ist eine Haltung fremd, die eine

Prof. Christopher Brandt In dem Moment, wenn wir behaupten,

Musik der Jetztzeit beharrlich ausblenden möchte. Letztlich

dass wir zu einem fertigen Berufsbild ausbilden, müssten wir

kommt jeder ausübende Musiker nicht umhin, sich mit der Musik

die ganzen Kompromisse künstlerischer Natur, die damit einher-

seiner Zeit kritisch auseinandersetzen zu müssen – insofern muss

gehen, in die Ausbildung mit einfließen lassen, um marktgerechte

ich auch niemanden „locken”. Was ich mache, sind Angebote, von

Künstler zu produzieren. Genau das gilt es aber in der freien Kunst

denen ich mir wünsche, dass sie den aktuellen Diskurs anregen,

zu vermeiden. Wir wollen ja kein Kunsthandwerk vermitteln,

bereichern, weiterführen.

sondern verstehen Kunst durchaus in einem heroischen Sinne. Dazu gehört eine gewisse Kompromisslosigkeit, die sich vielleicht

Also ist es Ihnen egal, wie viele Leute sich für Ihre Musik

darin zeigt, dass man seinen kreativen Impuls vom täglichen

interessieren oder auch nicht?

Broterwerb trennen muss. Jeder Künstler soll sich individuell eine

Prof. Michael Reudenbach Das beinhaltet das Wort „Angebot”.

Existenz aufbauen, die ihm ein kreatives Arbeiten ermöglicht.

Prof. Orm Finnendahl Mir ist es überhaupt nicht egal, wenn

Prof. Orm Finnendahl Ich nehme am liebsten solche Kandidaten

keiner in meine Konzerte kommt. Mir geht es nicht darum,

in meine Klasse auf, bei denen von vornherein klar zu sein scheint,

dass alle meine Arbeit gut finden; aber meine Musik sollen

dass sie in jedem Fall komponieren wollen, egal, ob ich sie auf-

möglichst viele mitbekommen.

nehme oder nicht. Aber Herr Reudenbach, Sie haben doch sicher Interesse, Was ist für Sie vermittelbares Handwerk?

dass Ihre Musik Gehör findet?

Prof. Orm Finnendahl Für mich ist das in der Komposition der

Prof. Michael Reudenbach Schon – aber ein Interesse lässt sich

Umgang mit Technologie. Ich finde es wichtig, als Komponist zu

nicht erzwingen.

merken, dass ich digitale Technik auch für andere Dinge einsetzen

Prof. Orm Finnendahl Aus meinem Selbstverständnis halte ich

kann, als nur E-Mails zu schreiben.

es natürlich für sinnvoll, sich ein Publikum zu erschließen und

Prof. Michael Reudenbach An Mathias Spahlingers Zuspitzung

Menschen für das eigene Tun zu gewinnen. Aber der Maßstab

„im sinne der neuen musik ist nur das noch musik, was vor die

allen Handelns orientiert sich für Künstler nicht an äußeren

Frage stellt, ob das noch musik sei“ werden schnell die Schwierig-

Faktoren – wer für das, was er tut, brennt, tut es sowie und

keiten deutlich, ein heutiges Kompositionshandwerk näher zu

unbedingt. – bjh

bestimmen.

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Ein Füllhorn für die Künste Mit rund 330 Mitgliedern fördert die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main e. V. die Studierenden der HfMDK und sorgt für exzellente Ausbildungsbedingungen.

Spendenkonto Deutsche Bank Frankfurt IBAN: DE68500700240806507000 BIC: DEUTDEDBFRA

Helfen Sie mit! Um die Ausbildung junger Musiker, Tänzer, Sänger und Schauspieler nachhaltig zu unterstützen. Seit ihrer Gründung haben die Freunde der Hochschule über 2 Millionen Euro an Fördermitteln bereitgestellt. Sie finanzieren Deutschlandstipendien, Gastprofessuren und Meisterkurse, seltene Instrumente, Opern- und Schauspielprojekte, Spitzentanzschuhe, Publikationen, neue Saiten und vieles mehr!

Mehr Informationen zum Fördern und zur Mitgliedschaft finden Sie hier: www.hfmdk-freunde.de

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

IDENTITÄT IM MUSIKBERUF Eine zentrale Dimension für eine zeitgemäße, nachhaltige und verantwortungsvolle Hochschulausbildung Von Dr. Hendrik Müller

Dr. Hendrik Müller leitet beim Bayerischen Rundfunk die Abteilung BR Klangkörper Marketing & Vertrieb. Er studierte Klassische Gitarre an der HfMDK Frankfurt am Main sowie Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt, der ESB Reutlingen und an der USC Queensland. Seine Dissertation „Identität und Gelingen” wurde von Prof. Dr. Maria Spychiger (HfMDK Frankfurt, Musikpädagogik) sowie Prof. Dr. Theo Wehner (ETH Zürich, Arbeitsund Organisationspsychologie) betreut und ist 2017 im Nomos-Verlag Baden-Baden erschienen.

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IDENTITÄT IM MUSIKBERUF

U Musikberufe sind anspruchsvoll und volatil. In ihnen zu bestehen, erfordert eine unternehmerisch orientierte Haltung. Damit sind nicht nur ökonomische Aspekte gemeint. Um Studierende verantwortungsvoll auf die heutigen Arbeitsmärkte vorzubereiten, müssen auch die Hochschulen umdenken. Kultur hat in Deutschland einen ausgeprägt hohen Stellenwert,

logie und Soziologie. Die Wirtschaftswissenschaft nimmt Bezug

sie ist Teil unserer nationalen Identität. Kein Wunder also,

hierauf in den Bereichen der strategischen Forschung, des

dass das Interesse an den Arbeits- und Lebensbedingungen von

Marketings sowie in der Mikroökonomie, die sich mit individu-

Musikerinnen und Musikern hoch ist. Der Relevanz identitäts-

ellen Entscheidungsproblemen beschäftigt. Der amerikanische

orientierter Aspekte für die Berufspraxis wurde jedoch bislang

Psychologe James Marcia begründete die grundlegenden

unzureichend Aufmerksamkeit beigemessen. Mit meiner im

Identitätsdimensionen Exploration (Erfahrungen, Zeiten der Wahl

Frühling 2017 erschienenen Untersuchung habe ich mich diesem

und Orientierung) und Commitment (innere Verpflichtung, Sinn-

Thema angenommen. Die Ergebnisse zeigen, dass Identität eine

erleben). Meine Studie förderte für verschiedene Berufsmusiker-

wichtige Instanz für das berufliche Gelingen darstellt. Letzteres

gruppen eine deutlich unterschiedliche Relevanz dieser

beurteilen Musikerinnen und Musiker über monetäre Aspekte

Identitätsdimensionen zu Tage.

hinaus insbesondere auch über eine ideelle Komponente sowie das Renommee des Arbeitsumfeldes.

(1) Angestellt künstlerisch tätige Musikerinnen und Musiker sind vielfältigen Abhängigkeiten ausgesetzt. Es scheint, dass Exploration

Komplexe Umwelten fordern einen aktiv-adaptiven Umgang

zum einen zwar das Verständnis für diese limitierenden Rahmenbe-

Die musikberuflichen Umwelten sind komplexer geworden; sich

dingungen fördert und zum anderen jedoch einen größeren Such-

darin zu bewegen und zu handeln, erfordert vielseitige Kompe-

raum für mögliche Handlungsalternativen eröffnet. Commitment

tenzen. Der Stellenabbau schreitet voran, das Publikum wird

sowie ideelle Faktoren haben einen besonders hohen Einfluss auf das

anspruchsvoller und ist zugleich immer mehr Kommunikations-

Gelingen. Daher erscheint es förderlich, sich neben der angestellten

botschaften ausgesetzt. Reichweiten in einer fragmentierten

Tätigkeit zusätzlich einen autonomeren Freiraum zu suchen, in dem

Medienwelt und bei granular erreichbaren Zielgruppen aufzu-

eigene Projekte ausprobiert und verfolgt werden können.

bauen, ist ein schwieriges Unterfangen. Um potenziell gehört und gesehen zu werden, bedarf es heute nicht mehr, durch das Nadel-

(2) Freiberuflich künstlerisch Tätige profitieren am stärksten

öhr eines Labels oder eines Verlags zu gelangen. Neben dem

von der Exploration. Ein breiter Erfahrungshintergrund ermöglicht

musikpraktischen Können haben daher konzeptionelle Fähigkeiten,

es ihnen, die bearbeiteten Umwelten und Märkte zu beobachten,

die Kommunikation mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen

aktiv Netzwerke zu erschließen und Bedarfe für persönliche

sowie die Reflexion der eigenen Rolle enorm an Bedeutung

Weiterentwicklung zu erkennen. Negativkonsequenzen sozialer

gewonnen. Es bedarf also Aktivität sowie einer gewissen Findig-

Identität, wie z. B. die Übernahme typischer Narrative und

keit, um in dieser Welt selbstbestimmt einen eigenen, nach

Überzeugungen im Musikermilieu, können vermieden werden,

individuellen Maßstäben bewerteten Platz zu besetzen.

wenn Orientierungspersonen hinterfragt werden. Denn marktrelevant sind die von den Rezipienten wahrgenommenen

Identität als integratives Schlüsselkonzept

Unterschiede, nicht die Gemeinsamkeiten.

In Musikberufen haben Austauschprozesse eine herausragende Bedeutung. Identitätstheorien leisten einen wichtigen Beitrag,

(3) Für angestellt pädagogisch Tätige ist das Commitment eine

diese Austauschprozesse und beeinflussende Faktoren zu erklä-

besonders gelingensrelevante Dimension. Exploration hat für sie

ren. Das Konzept der Identität findet seinen Ursprung in Psycho-

jedoch weniger Bedeutung, vielmehr stehen das praktische Tun

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

und der aktive Umgang mit möglichen Problemen im Vordergrund.

Lehrpersonen insbesondere auch an der Fähigkeit zur Vermittlung von Exploration und ihrer open-mindedness ausgewählt werden

(4) Bei freiberuflich pädagogisch Tätigen hat eigene Aktivität

sollten. Hier besteht ein besonderer Nachholbedarf.

einen direkteren positiven Effekt als für ihre angestellten Kolleginnen und Kollegen. Commitment zeigt einen geringeren

Eine kognitive Aktivierung in Bezug auf musikexterne Dimen-

Einfluss auf das Gelingen, und zugleich ist das Berufsleben dieser

sionen kann durch die Vermittlung von Denkweisen und

Gruppe materiell volatiler. Es könnte also beispielsweise sinnvoll

Methoden des Entrepreneurships in die Curricula integriert

sein, sich teilweise ein Betätigungsfeld zu suchen, das inhaltlich

werden. Lehrende sollten Studierende wertfrei zu selbsterarbei-

weniger Erfüllung bereitet, aber deutlich zur Deckung des

teten Entwürfen ermutigen und sinnvoll beraten können. Durch

Lebensunterhaltes beiträgt.

Untersuchung und eigene Bearbeitung von Fallstudien könnten alternative Lösungsmöglichkeiten verstehensorientiert erörtert

Dynamische Curricula für dynamische Umwelten

und erprobt werden. Als weitere Möglichkeit des kognitiv-

Im Zuge der aus den Umweltbedingungen resultierenden höheren

konstruktivistischen Erwerbs von Handlungsoptionen bieten

Eigenverantwortlichkeit der Musikerinnen und Musiker müssen

sich beispielsweise Rollenspiele an, die neben dem Training,

auch Hochschulen und ihr Lehrpersonal als Rollenvorbilder ver-

Position hinsichtlich der eigenen Interessen zu beziehen, auch

antwortungsvoll agieren und auf volatile Umwelten angemessen

den Perspektivenwechsel schulen. Explorationsvermittlung

vorbereiten. Flankierende betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu

an Lehrende und Studierende sollte ferner durch Bereitstellung

vermitteln ist daher zwar hilfreich und notwendig, aber längst

von entsprechender Infrastruktur, Sachmitteln und Zeitfen-

nicht hinreichend. Die Erkenntnisse legen vielmehr nahe, dass

stern von höchster Ebene unterstützt werden.

Frisches Blatt

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EIGENES GLÜCK WEITERGEBEN

N

EIGENES GLÜCK WEITERGEBEN Gesellschaftliches Engagement als Lebensmotor

Gesellschaftliches Engagement bedeutet für mich, einen Teil meines großen Glücks in diesem Leben an andere weiterzugeben. Menschen durch meine Musik den Alltag vergessen zu lassen und zum Mitmachen, Zuhören und Entspannen einzuladen. Gesellschaftliches Engagement bedeutet für mich aber auch, gleichgesinnte Menschen zu treffen, meinen Horizont zu erweitern und nicht zuletzt auch Spaß zu haben. Insbesondere die Arbeit mit den Gefangenen stellt ein für die meisten musizierenden Menschen Von Sebastian Zipp, Lehramt Musik an Gymnasien (L3)

nicht alltägliches Arbeitsumfeld dar. Gerade hier tut es gut zu sehen, wie viel Musik doch bewirken kann. Wer sich für die Gesellschaft engagiert, tut dies freiwillig und in der Regel ohne Bezahlung. Hier steht nicht der Leistungsgedanke im Vorder-

Für mich als Musiker und sehr weltoffenen und interessierten

grund, sondern der Mensch.

Menschen aus einer Familie mit großem gesellschaftlichen Engagement war klar: Hier werde ich auch aktiv. Die richtigen

Als selbst noch junger Mensch liegen mir Kinder und Jugendliche

Möglichkeiten waren schnell gefunden: So habe ich mich bereits

ganz besonders am Herzen. Hier hilft mir meine Begeisterungs-

in frühester Jugend im Kinderbeirat und später im Jugendbeirat

fähigkeit. Zum einen verfüge ich über die Fähigkeit, mich selbst

unserer Stadt engagiert und bin bis heute in unseren Kirchen-

für Neues zu begeistern, zum anderen aber auch über die Fähig-

gemeinden u. a. im musikalischen Bereich aktiv.

keit, andere zu begeistern, und genau das möchte ich mit meinem Engagement erreichen. Ich möchte junge Menschen motivieren

Durch mein Studium konnte ich sowohl meine fachlichen wie

und dazu bringen, Dinge mit Freude zu tun und sich, im Idealfall,

auch sozialen Fähigkeiten und Kompetenzen ausbauen als auch

auch für andere zu engagieren.

mein Wissen erweitern. Heute engagiere ich mich in der Jugendarbeit, als Mitglied unseres Kirchenvorstandes und des Jugend-

Als angehender Lehrer bin ich bereit, soziale Verantwortung

ausschusses, in Gottesdiensten (planend und musikalisch), in

zu übernehmen. Ich habe die für mich wichtigen Werte im Leben

Theatergruppen mit kleineren und größeren Theaterprojekten

definiert und möchte meinen Teil zu notwendigen Änderungen

(zuletzt im Pop-Oratorium „Luther“), und habe die musikalische

und Veränderung in der Gesellschaft beitragen. Wer sich gesell-

Leitung des evangelischen Gottesdienstes der Justizvollzugs-

schaftlich engagiert, gibt eine Menge, bekommt aber ganz oft

anstalt in Frankfurt inne.

noch viel mehr zurück!

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AUF DER SUCHE NACH TROST UND TRANSZENDENZ Prof. Winfried Toll, Prof. Stefan Viegelahn und Christoph Siebert im Interview über die gesellschaftliche Bedeutung der Chormusik Das Singen im Chor hat über Generationen ermöglicht, dass auch musikalische Laien aktiv an der Pflege eines über Jahrhunderte gewachsenen Kulturguts beteiligt sind. Welchen Stellenwert der Chorgesang heutzutage noch oder wieder in der Gesellschaft hat und wie ausgebildete Musiker begeisternde Multiplikatoren werden können, haben wir drei Kirchenmusiker und Chordirigenten gefragt, die an der HfMDK lehren: Prof. Winfried Toll, seit 1997 Professor für Chorleitung, Stefan Viegelahn, seit einem Jahr Professor für Orgel sowie Ausbildungsdirektor für Kirchenmusik, und Christoph Siebert, als Kirchenmusikund Dirigierabsolvent der HfMDK seit 1994 deren Lehrbeauftragter für Chorleitung.

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AUF DER SUCHE NACH TROST UND TRANSZENDENZ

S Inwiefern hat sich im deutschen Chorwesen das gesellschaftliche Selbstverständnis verändert? Prof. Winfried Toll Früher begann die musikalische Sozialisation in der Kirche. Durch die Säkularisierung hat diese Aufgabe heute vor allem die Schule zu leisten, bewegt sich aber mehr und mehr im Bereich der Popularmusik. Wir sollten aber alle ein Multiplikator dafür sein, eine 1.000jährige Kultur lebendig zu erhalten und kreativ zu fördern, um nicht nur eine Erwartungshaltung zu Prof. Winfried Toll

bedienen, wie es in weiten Bereichen die Popularmusik tut, will sie denn kommerziell erfolgreich sein. Da wird online per Facebook über das musikalische Überleben eines Titels oder einer Band nach „like“ oder „dislike“ entschieden. Musik soll aber mehr, viel mehr. Sie ist heute einer der wenigen wirklichen Hoffnungsträger, indem sie so etwas wie die Utopie des Schönen oder wie Transzendenz zu vermitteln vermag, in Bereiche vorstößt, wo „das andere“ ertastet, erahnt wird im Hören, im „Zuhören“ – das, was für unsere Ohren heute, bei der ständigen Berieselung durch akustische Reize, fast gänzlich verloren gegangen zu sein scheint. Ich finde das Bild des Bergsteigers passend, der sich, technisch und körperlich gut ausgerüstet, mit viel Disziplin aufmacht, in Prof. Stefan Viegelahn

Regionen vorzustoßen, um eine für ihn besondere Begegnung mit der Erhabenheit der Natur zu erfahren. Das Bewusstsein, dieses auch in der Begegnung und im Umgang mit der Musik zu erringen, sollten wir unbedingt zu erhalten versuchen – wenn diese Sehnsucht für den Menschen des 21. Jahrhunderts nicht sowieso schon total anachronistisch ist. Hat die neuere Chormusik vor Jahrzehnten, an die große Tradition anknüpfend, noch versucht, neue klangliche, strukturästhetische Wege zu beschreiten, geht heutzutage der Trend immer mehr in Richtung „easy listening“ hin zu einer Art Soundtrack mit mehr und mehr daraus resultierender inhaltlicher

Christoph Siebert

Verflachung.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Teilen Sie den Pessimismus?

Wie können wir an ihnen drehen?

Prof. Stefan Viegelahn Nicht ganz, was die schwindende Relevanz

Christoph Siebert Wir müssen in unserer Arbeit ständig

der Kirche betrifft. Ich beobachte, dass das musikalische Angebot,

bemüht sein, unseren Sängerinnen und Sängern das spirituelle

das Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in ihren Gemeinden

bzw. transzendente Potenzial der Werke zu vermitteln und damit

machen, heutzutage durchaus junge Menschen erreicht, deren

zu entfesseln. Ich erlebe in meinen Chören, wie dankbar die Sänger

Elterngeneration mit Kirche eigentlich „abgeschlossen“ haben. So

sind, wenn wir das Brahms-Requiem vorbereiten und analytisch

bringt heute oftmals gerade die Musik die Menschen überhaupt

durchdringen. Wir können diese Analyse pädagogisch so auf-

wieder mit Kirche in Verbindung, weil sie deren transzendentes

bereiten, dass auch Laien die Erhabenheit dieser Musik begreifen.

und geistliches Potenzial suchen. Sie sind bereit, Texte zu singen,

Die alten Rezeptoren gibt es noch, die sind oftmals nur zugedeckt

die sie auf rationaler Ebene nicht ohne Weiteres annehmen

oder sind nicht „online“, und man muss sich den Weg zu

würden. Und gerade dann passiert ganz viel.

ihnen wieder neu bahnen.

Prof. Winfried Toll Davon bin ich auch überzeugt, ja. Aber die selbstverständliche Verbundenheit der jungen Leute zur Kirche

Können die anderen das bestätigen?

war früher eine andere.

Prof. Winfried Toll 1979 übernahm ich als 24jähriger einen

Prof. Stefan Viegelahn Das liegt auch daran, dass die heutige

gemischten Dorfchor, den ich 16 Jahre mit großer Liebe leiten

Elterngeneration sehr kritisch geworden ist. Doch Musik schafft

durfte, konnte ich doch dort weit genug weg von meinen Chor-

es, Barrieren zu überwinden. Ich sehe aber ähnlich problematisch,

leitungsprofessoren meine eigenen Schwimmversuche starten. Ich

dass die Schule den Kontakt zu der Art von Musik, die wir

erinnere mich, dass ich mit Flammenzungen das Fauré-Requiem

schätzen, nicht mehr ausreichend leistet.

angepriesen habe, womit ich zunächst auf Ablehnung stieß. Dann

Christoph Siebert Es gibt durchaus Ausnahmen. Aber als Feedback

habe ich aber gesagt: Wenn ihr dabei keine Tränen in die Augen

von ehemaligen Studierenden höre ich immer wieder, dass sie

bekommt, spendiere ich euch allen eine Flasche Sekt. Ich habe Kopie

sich schon glücklich schätzen können, wenn es möglich sei, mit

für Kopie an Chornoten angeschleppt. Und schließlich waren

den Schülern vierstimmig zu singen. Es ist gut, dass es jetzt Sing-

alle tief berührt von dieser Musik.

klassen in den Gymnasien gibt – siehe auch Primacanta an den

Christoph Siebert Genau diese Erfahrung habe ich auch gemacht.

Grundschulen, das von der HfMDK begleitete Projekt, das auf

Und ich habe den Eindruck, dass die Sehnsucht nach solcher Musik

dem Prinzip des aufbauenden Musikunterrichts fußt, das von

bei den Menschen eher größer wird, als dass sie schwindet.

Prof. Dr. Werner Jank mit erstellt worden ist. Das ist ein wunderbarer Ansatz, Rezeptoren zu säen, die Ohren haben für klassische

Warum ist das Fauré-Requiem so gut angekommen?

Musik und das, was wir in unseren Chören machen. Ich stimme

Christoph Siebert Es ist zunächst eingängig in seiner Melodik

Winfried Toll völlig zu: Wenn wir in und mit unseren Chören nicht

und Struktur und berührt unmittelbar.

als Multiplikatoren fungieren und all unsere Liebe und Leiden-

Prof. Winfried Toll Es biedert sich nicht an und hat Trost, den

schaft für die Sache in die Waagschale werfen, dann lassen wir

man unmittelbar spürt. Was diesen Trost vermittelt, hat etwas von

eine Gelegenheit aus, noch an gewissen Schrauben zu drehen.

der Psychologie der schönen Stellen – als würde etwas von oben kommen. Sie haben das Werk aber auch ansprechend vermittelt. Womit? Prof. Winfried Toll Das war einfach Liebe zu dieser Musik. Und weil ich meinen Chor so sehr mochte, konnte ich ihnen meine Liebe zu dieser Musik nicht vorenthalten. Das hat dann wohl auch gezündet, und die Augen auch der Skeptiker waren spätestens nach dem Agnus Dei nicht mehr ganz trocken. Wir haben danach übrigens bis tief in die Nacht reichlich Sekt getrunken.

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Prof. Winfried Toll vor dem Hochschulchor

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Wie wird klassische Chormusik in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Prof. Winfried Toll Auffällig ist, dass in den Chorverbänden mehr Menschen organisiert sind als in den Sportvereinen, dies sich aber nicht in den Medien wie im Fernsehprogramm kongruent widerspiegelt. Hochkultur wird dort weitestgehend ausgeblendet, denn sie hat keine Lobby mehr. Das erlebe ich auch in der Resonanz auf eigene Konzertprogramme: Frank Martins „Et in terra pax“ in Verbindung mit einem Werk von Scelsi zu machen, zieht kein großes Publikum an. Elias, Matthäuspassion und Weihnachtsoratorium müssen es sein, um den Konzertsaal voll zu haben. Wir müssen auch politisch versuchen, den Kommerz zu durchbrechen, denn der bestimmt auch den Publikumsgeschmack und die allgemeingültige Ästhetik. Wenn ihr da von einem Umbruch und einer wachsenden Sehnsucht sprecht, müssen wir ja umso überzeugter daran arbeiten. Prof. Stefan Viegelahn In die Kinderchor-Szene ist auch wieder mehr Bewegung hineingekommen – das ist zumindest meine Beobachtung. Das Singen empfinden die jungen Menschen wieder mehr als etwas Ganzheitliches und damit Besonderes. Die besten Multiplikatoren sind die Chorsängerinnen und Chorsänger selbst, die von ihren Erlebnissen mit der Musik weitererzählen. Wir erleben die Diskrepanz zwischen Neuer Musik, die ihren Schwerpunkt

Woran liegt das?

häufig sehr auf die Ratio setzt, und Popularmusik, die vor allem

Christoph Siebert Chormusik kann auf hohem Niveau stattfin-

die Gefühlsebene anspricht. Mich interessieren Projekte, die beides

den; alles ist perfekt, viele rationale Parameter werden erfüllt,

miteinander verknüpfen, weil es einen Graben zu überwinden gibt.

die Musik bleibt aber akademisch und ist nicht in der Lage,

Christoph Siebert Und ich finde, dass wir eine große Verantwor-

emotional in der Tiefe zu berühren.

tung haben, was die Qualität unserer Konzerte angeht. Wenn wir

Prof. Winfried Toll Ich kann umgekehrt aber bei einem Laienchor

besser aufführen würden – nicht ausschliesslich in puncto Perfektion,

erleben, dass die musikalische Umsetzung nicht perfekt ist, aber

aber dienender, authentischer, mit Passion und die DNA der

eine innere Kraft hat, eine Suggestion, die sehr berühren kann.

Stücke zielgenauer entschlüsselten –, gäb es mehr Zuhörer.

Das zeigt für mich wieder, dass Musik verschiedene Ebenen hat:

Prof. Stefan Viegelahn Selbstverständlich ist eine gewisse Qualität

eine Energie, die wie eine Sonne durch verschiedene Wolken

notwendig, damit Musik überhaupt Menschen erreicht. Aber es

durchscheint. Wir müssen uns fragen, wo und wie wir die Leucht-

gibt auch perfekte Interpretationen, die mich trotzdem nicht

feuer dieser imaginären Kraft ansetzen können. Zunächst muss

berühren.

ich das Stück in seiner Komplexität intensivst kennenlernen, dann versuchen, eine möglichst ausgereifte dirigentisch-technische Fähigkeit zu erwerben und dazu eine große emotionale Imagination. Das ist für uns als Lehrende die Herkules-Aufgabe, das den Studierenden zu vermitteln, damit die Zuhörer beglückt und beschenkt aus den Konzerten kommen und die Sängerinnen und Sänger motiviert, beseelt und begeistert bei der Sache bleiben.

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AUF DER SUCHE NACH TROST UND TRANSZENDENZ

T Ist eine solche Sternstunde auch in der Schule möglich?

Wie lässt sich ansonsten junges Publikum „heranziehen“?

Christoph Siebert Ich behaupte: Wenn man mit einem Schul-

Prof. Winfried Toll Als ich in Korea ein A-cappella-Konzert gab,

chor, der bisher nur Popularmusik gesungen hat, einen Satz aus

lag das Durchschnittsalter der meisten der 1.600 Zuhörer bei 20

dem Fauré-Requiem ausprobiert, werden sich 60 Prozent der

bis 25 Jahren. Nach dem Konzert kamen die jungen Leute

Schülerinnen und Schüler zu Hause hinsetzen und sich das

begeistert auf mich zu mit dem Feedback „your music is cool,

Werk anhören.

we love it, because you touch our heart with your music.“

Prof. Stefan Viegelahn Aber es braucht vermittelnde Menschen –

Gefördert wird dieses so erfreuliche Phänomen dadurch, dass die

die Musiklehrerin oder den Kinderchorleiter, Personen, die ein

Klassenlehrer dort die Schülerinnen und Schüler verpflichten,

Kind mehrere Jahre konstant auf dem musikalischen Weg be-

einmal im Schuljahr in ein klassisches Konzert zu gehen.

gleiten. Ich glaube zudem, dass es wichtig ist, Kindern auf ganz

Prof. Stefan Viegelahn Ich wundere mich, dass viele Musiklehrer

vielen Ebenen musikalische Angebote zu machen. Wenn Kinder-

es aufgegeben zu haben scheinen, die grundkommunikative

musicals, die dem Pop entspringen, gut gemacht sind, versperren

Ebene der Musik zu öffnen, die Kinder Noten und Rhythmus

sie keineswegs den späteren Zugang zu anderen Stilistiken. Mir

erlernen zu lassen. Das würde doch vieles erleichtern. Zwar ist bei

ist nur wichtig, die Öffnung des Horizonts nicht zu spät anzu-

Kindern zunächst die grundlegende Frage: Macht es Spaß oder

setzen. Ich glaube, dass wir Menschen öffnen müssen für das,

nicht? Aber Kinder spüren auch authentische Freude bei Erwach-

wofür im Alltag die persönlichen Türen geschlossen sind.

senen und sind bereit, sie zu übernehmen. Da sind wir wieder bei der Liebe: Nur liebevolles Weitergeben kann helfen, den

Und Musiker sollten dabei jeden mitnehmen?

kulturellen Schatz dauerhaft als solchen zu erhalten. – bjh

Prof. Stefan Viegelahn Unser Denken sollte von Aufbauarbeit bei den Kinderchören ausgehen. Und wir können es uns gar nicht leisten, auf irgendjemanden zu verzichten, der einen ernsten Willen mitbringt und sich berühren lässt. Das war der Grund, warum ich als Kantor in Landau eine Chorarbeit betrieben habe,

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die nicht selektiv war.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

VIELFALT ALS AUFTRAG Populäre Musik und digitale Medien – relevant für das Musik-Lehramt Von Dr. Werner Jank, Professor für Musikpädagogik, Ausbildungsdirektor Lehrämter

Leipzig, Anfang August 2017. Das Leipzig Classic Open ist kein

Sozial- und Bildungsstatus zu sein, wenn sich jemand primär auf

Tennisturnier oder Radrennen. Vielmehr bestimmte das Motto

ein Genre oder eine musikalische Stilistik festlegt. Das Switchen

„Leipzig ist Musik – Leipzig macht Musik“ zehn Tage lang open air

zwischen den unterschiedlichsten Genres geht dagegen häufig

den Marktplatz im Leipziger Zentrum. Man denkt: Klassische

mit breiter Bildung, gehobenem Sozialstatus und tolerant-liberalen

Musik in Höchstqualität im Herzen einer musikalischen Weltstadt.

Einstellungen einher (Adria C. North / David J. Hargreaves).

Drei repräsentative Beispiele aus dem Programm zeigen jedoch in ganz unterschiedliche Richtungen:

Was hat das mit unserer Hochschule zu tun? Die Lehramtsstudiengänge bilden für einen Musikunterricht aus, der auf

4. August, 20.30 Uhr Symphonisches Blasorchester

Schülerinnen und Schüler trifft, für die das Neben- und Durch-

Leipzig – „Rundumschlag von Bach bis Webber,

einander von höchst unterschiedlichen Musikkulturen zum

von Leipzig bis nach Puerto Rico“ (live)

Alltag gehört. In diesem Alltag suchen und finden sie ihre eigene

5. August, 19.00 Uhr „Gala-Konzert Anna Netrebko

musikalische „Heimat“. In der Fachliteratur ist das musiksozio-

& Dmitri Hvorostovsky” (DVD-Aufzeichnung)

logisch und -pädagogisch gut reflektiert (etwa von Dieter Baacke,

13. August, 20.30 Uhr „Abschlusskonzert – Grönemeyer

Jürgen Terhag, Heinrich Klingmann). Welche Konsequenzen dies

trifft Westernhagen (Coverband)“ (live)

für den schulischen Musikunterricht und für die Ausbildung der Lehrkräfte haben kann und soll, ist hingegen, trotz rund 60

Wo liegen hier die Grenzen zwischen den Genres? Sie lassen

Jahren Fachdiskussion, nicht so klar. Umfassende Konzepte zur

sich musiktheoretisch beschreiben, aber musiksoziologisch und

Einbeziehung populärer Musikformen in den Musikunterricht

-psychologisch verschwimmen sie. Früher schien der Musik-

liegen vor (etwa lehrgangsartig wie „1st Class Rock“ oder mit

geschmack eines Menschen relativ klar Rückschlüsse auf seine

Akzent auf informellem Lernen wie von Lucy Green). Zugleich

soziale Schicht in der Gesellschaft zu erlauben, etwa: Klassikhörer –

hat Populäre Musik aber im Lehramts-Studium vielerorts weder

Bildungsbürgertum; Schlagerhörer – weiblich besetzte Dienst-

musikalisch-praktisch noch didaktisch nennenswertes Gewicht.

leistungsberufe usw. Wenn heute überhaupt noch solche Zuschrei-

Der Fachbereich 2 der HfMDK nahm die anstehenden Reformen

bungen möglich sind, so scheint es ein Zeichen für eher geringen

seiner Lehramtsstudiengänge für Haupt- und Realschulen (L2)

28


VIELFALT ALS AUFTRAG

!

und Gymnasien (L3) zum Anlass, dem traditionell jährlich statt-

Gruppenmusizieren und zur Integration Populärer Musik in die

findenden Fachbereichstag im Juni 2017 das Thema zu geben:

Lehramts-Studiengänge. Möglichkeiten der Umsetzung zeigte er

„Populäre Musik in der LehrerInnenbildung – Standortbestimmung

am Beispiel der Lübecker Musikhochschule anhand der Einrichtung

und Ausblick“. Dort begrüßten Dekan Prof. Axel Gremmelspacher

eines Künstlerischen Schwerpunktfachs und von Profilbildungs-

und ich rund 20 Lehrende, einige Studierende und Gäste aus

angeboten im Bereich Populärer Musik sowie der Vermittlung

Wissenschaft und Schulpraxis.

von Basisqualifikationen dazu an alle Lehramts-Studierenden.

Dr. Heinrich Klingmann, Professor für Musikpädagogik (Univer-

Auf dem Fachbereichstag wurde von vielen die Vermehrung

sität Paderborn), beschrieb das hohe Ausmaß der Mediennutzung

und Verbesserung von Zugängen zur Populären Musik für alle

durch Jugendliche (z.B. mehr als 95 % Smartphone-Besitzer) und

Lehramtsstudierenden gefordert, von manchen aber auch davor

die Bedeutung von Musik (vor allem unterschiedlicher populärer

gewarnt. Klar wurde, dass Populäre Musik als Studiengegenstand

Musikformen) sowie der digitalen Medien für die Identitätsbildung

die Einbeziehung verschiedener Ebenen erfordert: Praxis von

und kulturell-soziale Verortung im Alltag. Vor diesem Hintergrund

Formen populärer Musik und des Gruppenmusizierens, Reflexion

skizzierte er grundlegende, musikimmanente rhythmische Unter-

von Qualitäten, Funktionen und Marktmechanismen, notenfreies

schiede im Umgang mit Zeit, Timing und Mikro-Timing in einerseits

Musizieren und Improvisation, Studio-Technik/Producing, digitale

„klassischen“, andererseits „populären“ Stilen.

Medien, Geschichte und die didaktische Reflexion.

Die hohe kulturelle und ökonomische Relevanz Populärer Musik

Ich interpretiere das als Auftrag zur Vielfalt unter dem Anspruch

und digitaler Medien für Jugendliche und für die Gesellschaft

musikalisch-künstlerischer, wissenschaftlicher und didaktischer

zwingt zu Konsequenzen für die Lehrerausbildung. Das war das

Qualität. Die größte Herausforderung dabei wird sein, diesen

Thema von Dr. Michael Pabst-Krueger (Musikhochschule Lübeck),

Anspruch sowohl für die „traditionellen“ Ausbildungsinhalte als

Präsident des Bundesverbands Musikunterricht. Er erläuterte die

auch bei der notwendigen Öffnung für andere Genres und

von der AG Schulmusik der deutschen Musikhochschul-Rektoren-

Musikkulturen auf hohem Niveau sicherzustellen.

konferenz beschlossene Sammlung von Empfehlungen zum

29


FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

WEITERE WELTEN UND KUNSTHOCHSCHULEN Von Maria Spychiger (Dr. phil. habil., Professorin für Empirische Musikpädagogik)

Ein Plädoyer für den Bildungsauftrag der Kunsthochschulen Man freut sich auf die Autofahrt, um im geschützten Raum

Was also ist dieses Zusätzliche, was läuft in den fiktionalen

seine Lieblingsmusiken zu hören, auf die halbe Stunde vor dem

Welten ab, und, um diese Frage dreht sich der Beitrag insbesondere,

Schlafen, um nach einem Arbeitstag im begonnenen Buch weiter

woher kommen diese Welten, wer stellt sie her? In jedem Fall hat

zu lesen. Kinder warten auf den Titelsong von Conni, auf die

man bestimmte und oft hohe qualitative Ansprüche an sie; es

Stunde ihrer Fernsehserie, so wie ältere Generationen mit Jim

kommen die Fragen des Geschmacks ins Spiel, Idealvorstellungen,

Knopf in der Puppenkiste beglückt waren. Weshalb spielen

ästhetische Urteile und Bedürfnislagen. Die weiteren Welten

diese Dinge eine solch wichtige Rolle?

sind pro Individuum in unterschiedlicher Weise präsent und sind Bestandteil der Identität. Sie vermitteln Sinn, es sind Bedeu-

Die weiteren Welten sind Bedeutungswelten

tungswelten.

Der Vorgang ist bekannt, das Gefühl ein vertrautes. „Diese Dinge“ sind ebenso erheblich wie das Dach über dem Kopf, das

Nebst der allgegenwärtigen Volkskunst sind spezifisch einge-

monatliche Einkommen, Essen und Trinken, die Familie, Freunde

richtete Bildungsinstitutionen mit der Herstellung und Tradie-

und gute Nachbarn. Menschen brauchen weitere Welten, second

rung der second worlds befasst. Seit jeher stehen Kunstschaffende

worlds. Sie werden laufend erzeugt und bilden einen ebenso

hinter Geschichten, Gesängen, Tänzen, Musiken, Malereien,

intensiven Lebensraum wie die manifeste, materielle und soziale

Textilien, Skulpturen und künstlerischen Objekten, Festen, Riten

Umwelt. Man verbringt da viel Zeit, macht entscheidende

und Zeremonien. Im Zuge der technologischen Entwicklung sind

Erfahrungen, erlebt Gefühle, hat Einsichten, lässt sich unterhalten,

Fotografie, Film, ganze mediale Welten dazu gekommen. So lebt

sehnt sich nach ihnen oder fürchtet sich auch davor.

die menschliche Spezies gleichermaßen in den zusätzlichen Welten wie in den von der Natur gegebenen, immer verbindet sie diese miteinander und erschafft so ihre Kulturen.

30


WEITERE WELTEN UND KUNSTHOCHSCHULEN

K Kunstschaffende, Kunstbegriff und die Verbindung der Welten

Die menschliche Kognition ist darauf angelegt, in mehr als

Die materielle tatsächliche Welt, sie sei konsequenterweise als

einer Welt zu leben. Menschen begeben sich wahrnehmend,

first world bezeichnet – Boden, Flüsse, Häuser, Gärten, Möbel,

explorierend und handelnd in die weiteren Welten. Ihre hohe

Fahrzeuge, Verkehrswege, usw., Gegenstände aller Art –, wird

Bedeutung wird in der künstlerischen Variante ästhetisch erfah-

mit ästhetischem Willen und mehr Aufwand als für das Überleben

ren. Ästhetische Erfahrung ist mit Bennett Reimer (1989, S. 102)

nötig hergerichtet. Ausgewählte Materialien, Musik, Licht und

“a basic means for making contact with life” und “to experience

Farben kommen zum Einsatz. Kunstschaffende haben dabei

the vitality of life”. Die Teilhabe an Kunst ermöglicht auch den

die Rolle der „ästhetischen Arbeiter“ oder „Gestalter von Atmo-

ästhetischen Genuss: “When art is experienced aesthetically and

sphären“ (mit Gernot Böhme, 1995). Sie verpflichten sich besonders

understood aesthetically, it delights in a way that few experien-

auch der kritischen Reflexion von Gegenwart, der Beunruhigung

ces in human life provide” (ebd., S. 115).

und der Suche im komplexen Alltagsraum (vgl. dazu Lehmann, 2009), den Universen des Wissens und Empfindens, und wenden

Schließlich orientiert man sich anhand eines ästhetischen Urteils,

sich auch den sozialen Beziehungen zu.

wählt aus, wendet sich in der Vielfalt der Möglichkeiten und Angebote spezifischen Bereichen und Inhalten zu. Hier setzen

Die weiteren Welten sind auf diese Weise keinesfalls nur oder

der Auftrag der kulturellen Bildung und die gesellschaftliche

schon immer fiktionale second worlds,¹ sondern aktive Auseinan-

Verantwortung ein, weil die einzelne Person nicht durch einfache

dersetzungen und Suchbewegungen in den first worlds, aus

Reifeprozesse zu einem entwickelten ästhetischen Urteil kommt.

welchen second worlds ggf. hervorgehen. Dieser Zugang zu Kunst und Gesellschaft rückt die künstlerischen Prozesse nahe an die

Gesellschaftliche Orte der Bedeutungsgenese

wissenschaftlichen Prozesse, welche ja mit ihren Genesen von

Die hohe Bedeutung der second worlds entsteht durch Teilnahme

Wissen und Erkenntnissen immer schon für die Erweiterung

und Teilhabe, Sinn vertieft sich im gemeinsamen Erleben: Paare

der Welt zuständig waren und ebenfalls second worlds erzeugt

erinnern sich an den Glücksmoment an einem schönen Wintertag

haben. Die Annäherung von Kunst und Wissenschaft spiegelt sich

oder an eine besondere Stelle in einem gemeinsam gehörten

u. a. auch in der Entwicklung der künstlerischen Forschung,

Konzert, Schulklassen erleben die eindrücklichsten Wochen ihrer

wie sie aktuell im Gange ist.

Schulzeit während der Vorbereitung für ein Schulhausfest, Familien streiten und versöhnen sich über die Auswahl von Kleidern, der Einrichtung der Kinder- und Wohnzimmer. Darüber hinaus identifizieren sich Gruppen und Gesellschaften über ihre gemeinsame Geschichte. Sie wirkt verbindend, wenn sie bis zu einem gewissen Grad intersubjektiv konstruiert ist und auf gegenseitig verstandenen Symbolen ihrer Vergangenheit rekurrieren kann. Für die Gegenwart gilt ähnliches, Bedeutung entsteht durch Teilnahme und soziale Konstruktion. Es ist die ästhetische Gestaltung der aktuellen städtischen und regionalen Umgebung, das Kennen und Erkennen ihrer Symbole, einer Hymne, eines besonderen Ortes, der Zugang zu Institutionen, Vereinen und Ereignissen, die Teilhabe an den Figuren des öffentlichen Lebens,

1: Für die Begriffe „Fiktion“ und „fiktionale Welten“

um nur ein paar Beispiele zu nennen.

(aus der Literaturwissenschaft) vgl. Pavel (1986), für „second worlds“ vgl. Spychiger (im Druck).

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Konfuzius schrieb vor 2500 Jahren: „Will man erfahren, ob die

Die Idee habe „yet to take root in Salzburg“, kommentiert der

Regierung eines Landes in Ordnung und seine Sitten rein seien, so

Autor kritisch (ebd., S. 81) – auch über die Stadt hinaus, möchte

lausche man auf seine Musik“ (zit. nach Riemer, 1970, S. 18). Im

ich sofort beifügen. Zwar geschieht mit den aktuellen Initiativen

alten chinesischen Reich musste sich der Kaiser über musikalische

zur kulturellen Bildung vielerorts Gutes, gerade auch in Frankfurt

Fähigkeiten ausweisen können, und er unterrichtete z. T. selbst

am Main und in Projekten von Hessens Hochschule für Musik und

an der Musikakademie des Hofes. Es gab große Tanzgruppen und

Darstellende Kunst. Einige davon, etwa The Artist`s Body, Team-

viele Orchester, die durch ein staatliches Musikamt unterstützt

teaching Gesang und Bewegung, Primacanta und Response, verbinden

und gefördert und von einem Musikmeister verwaltet wurden.

sogar Kunst, Forschung und Unterrichtsentwicklung miteinan-

Dies sind nicht heutige Verhältnisse, und die antike Ethoslehre

der. Zu sehr hängen aber etliche der Initiativen von privaten

der Musik passt schon gar nicht mehr in unsere spätmodernen

Geldgebern und Stiftungen ab. Der Staat muss zuständig bleiben.

Gesellschaften. Aber: Wo sind die Qualitätsansprüche an die second worlds, wer setzt die Maßstäbe, wie lautet der gesellschafts-

Wir, die an den Bildungsinstitutionen als Lehrende, Organisie-

politische Auftrag?

rende, Kunstausübende, -leitende und -forschende arbeiten, sind für Inhalte, Tradierung, die ständige Entwicklung und die Qualität

Deutlicher gefragt: Wieviel Vereinfachung, Kommerz und Kitsch

der weiteren Welten verantwortlich – für die Erweiterung der

verträgt eine Gesellschaft? Kritisch sind auch die Entwicklungen

Welt. Yes, we can, und so steht es letztlich auch im gemeinschaft-

rund um den Sport als gigantische second world inmitten der first

lich erstellten Leitbild der HfMDK: „Wir setzen uns ein für

world zu nennen, abzulesen u. a. am Umstand, dass die besten

die Teilhabe aller Menschen an den Künsten“.

Architekturbüros mit der Erstellung von Sportstadien betraut sind, Bauten mit enormen Ausmaßen. Sie sind lediglich noch von den Bankgebäuden übertroffen, die überall die Stadtbilder prägen. Jedoch dokumentiert aktuell die neue Elbphilharmonie, dass auch

Zitierte Literatur: Böhme, Gernot (1995). Atmosphäre.

der Kunst städtebauliche Denkmale gewidmet sind, während für

Frankfurt am Main: Suhrkamp.

sakrale Bauten, einst die Repräsentanten europäischer Hochkultur,

Reimer, Bennett (1989). A Philosophy of Music

vergleichsweise nicht mehr viel Geld ausgegeben wird.

Education. New Jersey: Prentice Hall. Riemer, Otto (1970). Einführung in die Geschichte der Musikerziehung. Wilhelmshaven: Heinrichshofen.

Kunsthochschulen haben den Bildungsauftrag

Ross, Alex (2017). Power Play. Fresh Provocations at the

Wenn es eingangs dieses Beitrags trivial war, die Existenz und

Salzburg Festival. The New Yorker, August 21, 80-81.

Bedeutsamkeit der second worlds festzustellen, so ist es doch der Umstand nicht, dass der Mensch so viel und sein Bestes in sie

Lehmann, Harry (2009). Schönheit – Wahrheit – Kunst? Zur Neujustierung ästhetischer Kategorien. In: C. Krautscheid, S. Pegatzky & R.W. Stoll (Hrsg.):

investiert. Zu allen Zeiten hat dies Bildung und Erziehung

Paganini am PC. Musik und Gesellschaft im 21.

erfordert: Menschen geben künstlerisches Wissen und Können

Jahrhundert (S. 105-112). Mainz: Schott.

auf dem Weg des Generationenwechsels, in ihren Gemeinschaften und im Rahmen ihres Bildungswesens weiter. So konkretisiert

Pavel, Thomas G. (1986). Fictional Worlds. Cambridge: Harvard University Press. Spychiger, Maria (im Druck). The Sacred Sphere.

sich die Aussage „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (aus

Its Equipment, Beauty, Functions, and Transforma-

der Bibel zitiert, s. Neues Testament, s. Matthäus 4,4). Gleiches

tions under Secular Conditions. In: A.A. Kallio, P.

ist mit den Beispielen zu Beginn des Beitrags gemeint, dem Musikhören im Auto, Lesen nach dem Arbeitstag usw. Max Reinhardt

Alperson & H. Westerlund (Eds.): Critical Perspectives on Music, Education, and Religion. Bloomington: Indiana University Press.

hat vor 100 Jahren zur Begründung der Salzburger Festspiele zugespitzt und politisiert formuliert: „Kunst ist nicht Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern Lebensmittel für die Bedürftigen“.² Der Satz ist in einem aktuellen Bericht zum

2: http://www.salzburgerfestspiele.at/blog/

diesjährigen Ereignis zitiert (Ross, 2017).

entryid/418 (zuletzt aufgerufen am 22.8.2017)

32


DER TANZ DER MACHT

U

DER TANZ DER MACHT Der folgende Beitrag offenbart, wie sehr Tanz und Musik im 17. und 18. Jahrhundert verpflichtende Bestandteile höfischer Etikette waren und aIs Identitätsmerkmale für gesellschaftliche Ränge fungierten. Was heute anachronistisch erscheint, ist zumindest noch für die Interpretation der barocken Musikliteratur relevant, die zum Großteil auf Tanzgenres beruht. So relevant, dass der Autor einen Workshop Barocktanz als jährliches Angebot für Studierende und Lehrende der HfMDK initiiert, an dem hauptsächlich Musiker teilnehmen, um am eigenen Leib die Barockmusik als vitale Bewegungskunst zu erfahren.

Von Eike Wernhard, Professor für Klavier

Unter der Herrschaft Ludwig des XIV. (König 1683–1715) erreichte der europäische Absolutismus seinen Zenit. Die Mitglieder des Hochadels, seit dem Scheitern der Fronde im Jahr 1652 ihrer feudalen Macht beraubt, lebten nun als Höflinge in Versailles, kämpften um Ehrenämter und umwarben einen Herrscher, der sich selbst zur Inkarnation Frankreichs stilisiert hatte und sein Leben als glanzvolle Zeremonie inszenierte. Höhepunkte der monarchischen Selbstdarstellung waren die zahlreichen Tanzveranstaltungen, die er dazu nutzte, sich als Vortänzer des Staates zu präsentieren und seine Dominanz über die höfische Gesellschaft zu demonstrieren.

33


FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Ein Grand Bal du Roy war ein Staatsakt, der einem streng hierar-

Dass aber Ludwig und sein Hofstaat nicht nur auf Bällen tanz-

chischen Reglement folgte und genau vorschrieb, welche der bis

ten, sondern auch in Balletten auftraten, ist für uns Heutige eine

zu vierhundert Gäste sich setzen durften, ob auf einen Hocker,

bizarre Vorstellung. Doch indem es Tanz, Musik, Poesie und

Stuhl oder Sessel. Denn ein Sitzplatz – gar mit Rücken- und Arm-

opulente Szenerien zu einem aufwendigen Spektakel integrierte,

lehne – bedeutete ein hart erkämpftes und eifersüchtig verteidigtes

bot ein Ballet de Cour dem König, der seit seiner Kindheit täglich

Privileg, das über Rang und Ansehen Auskunft gab. Darüber

Tanzunterricht erhalten hatte, ein ideales Podium, seine nicht nur

hinaus aber zu den ungefähr 30 Paaren zu gehören, die nicht nur

tänzerische Überlegenheit zu zeigen. Da die Sujets meist symbo-

zum Zuschauen, sondern tatsächlich zum Tanzen geladen waren,

lisch Bezug auf die politische Situation nahmen und mit dem

galt als höchste Ehre und war ein Zeichen von gesellschaft-

Triumph der absoluten Monarchie endeten, mussten die Mitglieder

lichem und politischem Einfluss.

des Hochadels, die die Nebenrollen besetzten, sich in der Schlussapotheose auf der Bühne öffentlich vor dem Herrscher verbeugen.

Neben Gruppentänzen, angeführt von König und Königin (oder der ranghöchsten Prinzessin), gab es Tänze wie Menuett

Im Alter von 31 Jahren zog sich Ludwig XIV. vom Ballett zurück,

oder Courante, die immer nur von einem Paar getanzt wurden,

wodurch das Ballet de Cour an politischer Bedeutung verlor. Und

das sich nun den kritischen Blicken des Herrschers und seines

nach seinem Tod nahm auch die Bedeutung des höfischen Tanzes

gnadenlos richtenden Hofstaats ausgesetzt sah. Und der fran-

im Ballsaal ab. Zwar kann bis heute ein Ball ein bedeutendes

zösische Barocktanz war kompliziert: Jeder Schritt, jede Geste

gesellschaftliches Ereignis sein, über das die Medien ausführlich

und jede Bewegung im Raum waren exakt geregelt und erforderten

berichten und das nicht zuletzt von Politikern frequentiert wird,

jahrelanges Training. Schlechtes Tanzen wurde nicht verziehen;

doch entscheidet nicht länger ihr tänzerisches Geschick darüber,

ein verstolpertes Menuett oder eine ungeschickte référence ge-

ob sie ihr Amt behalten dürfen oder nicht.

nügten, um in Ungnade zu fallen und die Aussicht auf eine politische Karriere zunichtezumachen.

34


FRAGEN AN STUDIERENDE Nico Köhs Musik für Lehramt an Gymnasien (L3) In welcher gesellschaftlichen Verantwortung sehen Sie sich und wie praktizieren Sie sie? Die Aufgabe eines Musiklehrers bzw. einer Musiklehrerin besteht meines Erachtens in der Vermittlung der Musik als sinnstiftendes Kulturgut. Dabei sind Musiklehrende in der Verantwortung, profunde musiktheoretische und -praktische Grundlagen zu schaffen, die den Umgang mit Musik als persönliche und personenübergreifende Ausdrucksform möglich machen. Der Musikunterricht in der Schule sollte darüber hinaus die musikalische Horizonterweiterung der SchülerInnen zum Ziel haben. Mit inbegriffen ist dabei die unmittelbare Erfahrung des „live“Musikmachens bzw. des „live“-Musikhörens in der Abgrenzung zur „Musik aus der Dose“. Damit kann ein Beitrag zur Erhaltung der Konzertvielfalt und von Musikerkarrieren/-existenzen geleistet werden.

Musikerleben www.session.de 35

Hanauer Landstraße 338 | Frankfurt am Main


FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

REFORMSTAU OPTIONEN FÜR DIE DEUTSCHEN THEATER Von Prof. Thomas Schmidt, Leiter des Masterstudiengangs Theater- und Orchestermanagement Veränderte Rahmenbedingungen und schließlich auch verän-

größerem Maßstab in Halle mit dem Abbau von 140 Stellen; 2016

derte Erwartungshaltungen der Menschen führen üblicherweise

wurden die Theater in Mecklenburg-Vorpommern zwangsfusioniert

zu Reformen und zu Veränderungen der Strukturen von Instituti-

in zwei große Staatstheater, und 2016 war auch das Volkstheater

onen – und damit zu einer Modernisierung. Beim Theater wird

in Rostock von einer großen Krise betroffen, was vor allem am

dieser Prozess künstlich aufgehalten, mit dem Resultat, dass

Dilettantismus der Leitung lag, was zur Folge hatte, dass Schauspiel,

wir seit etwa 100 Jahren keine wesentlichen Veränderungen der

Tanz und Kinder- und Jugendtheater aufgelöst wurden.

Organisationsstruktur und der Leitungsmodelle verzeichnen. Heute hemmt die starre Organisation des Theaters auch dessen

Tendenz 2: Die Theater driften auseinander!

künstlerische Entwicklung und fördert Alibiphänomene wie

Wir haben seit 1990 eine Tendenz des Auseinander-Driftens der

die Überproduktion, unter der vor allem die Künstler auf der

Theater: in Arm und Reich – in Ost und West – in Groß und Klein.

Bühne leiden.

Hinsichtlich ihrer Budgets (die Großen wie Stuttgart, Mannheim und Frankfurt haben Budgets bis zu 80 Mio € – die Kleinen ab 1,5

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich Schauspieler zusam-

Mio €) schwankt die Zahl der Mitarbeiter zwischen 1.000 und 20.

men finden in einem „ensemble-netzwerk“, in dem um bessere

Die 15 größten Theater, die alle in den Metropolen liegen, erhalten

Bedingungen gekämpft wird. Um nach guten Lösungen zu suchen,

zusammen 800 Mio. €, das sind 35% aller Zuwendungen für

müssen wir die Krisenszenarien, die die einzelnen Theater

Theater, während die 15 kleinsten Theater nur 40 Mio. € erhalten,

durchlaufen, viel ehrlicher darstellen:

das sind 1,7% der Gesamtfördersumme.²

Tendenz 1: Das Theatersystem verliert an Substanz! Seit 1992 verlieren wir alle zwei Jahre abwechselnd ein ganzes Theater oder eine große Sparte, jährlich sind das im Durchschnitt

1: das Plauener im Zwickauer, das Altenburger

50 Stellen. Den Auftakt hat das Schillertheater in Berlin 1994

im Geraer Theater, die Potsdamer Opernsparte,

gemacht, und bis heute gingen mehr als 15 Theater vor allem im

Greifswald in Stralsund u. a .m., 2003 folgen

Osten Deutschlands strukturbedingt, still und leise in Fusionen auf oder verschwinden ganz und gar vom Erdboden¹, 2015 eine Fusion in Dresden mit dem Abbau von 40 Stellen, und in noch

36

die Schauspiel, Tanz und KJT Sparte in Erfurt, ab 2010 das Schauspiel in Wuppertal, 2: Deutscher Bühnenverein, Theaterstatistik, 2014/15, Köln, 2016


REFORMSTAU – OPTIONEN FÜR DIE DEUTSCHEN THEATER

N Tendenz 3: Die Theater sind innerlich zerrissen!

Tendenz 5: Es fehlen Management- und ethische Standards!

Die Gagenhöhen zwischen Musikern (ø 3.200 €), Verwaltungs-

Die Schere zwischen den wachsenden Anforderungen an den

angestellten (ø 2.850 €) und künstlerisch Beschäftigten (2.550 €)

Intendanten und an die Qualifikation, die er tatsächlich mitbringt,

driften immer weiter auseinander – bei ähnlicher Ausbildung

ist immer weiter aufgegangen. Die Anforderungen werden nicht

und gleicher Berufserfahrung. Auf diesen Sockel kommen

präzise genug formuliert, weil es kaum transparente Ausschrei-

Tariferhöhungen, die die Gagen weiter spreizen.

bungen gibt; das hat immer wieder zu Überforderungen der Intendanten geführt mit dem Resultat der Beschädigung des

Tendenz 4: Die Theater produzieren zu viel!

Amtes und der Theater: Rostock 2015, Trier 2016, Darmstadt.

Zwischen 1962 und 2015 verdoppelt sich die Zahl der Vorstel-

Es gibt jedes Jahr mindestens ein großes Theater, in dem deutlich

lungen. Zwar kommen ab 1990 die Vorstellungen der Theater aus

wird, dass die bisherige Ausbildung der Intendanten nicht aus-

den Neuen Bundesländern dazu; deren Produktionsstätten

reicht, um alle Felder gut abzudecken. Ursache für dieses Phäno-

werden jedoch durch Fusionen bzw. Schließungen Jahr um Jahr

men ist die verbreitete Annahme, dass wer sich erfolgreich durch

reduziert – die Zahl der Vorstellungen jedoch wächst weiter.

den harten Konkurrenzkampf um eine Intendanz gekämpft hat, auch in der Lage ist, ein Theater zu leiten. Dem ist nicht so. Der

Produktivität⁴ wird durch meist unbezahlte Überstunden des

beste Kämpfer ist nicht zwingend der Stratege, den das Theater

künstlerischen Personals erzeugt. Die Zahl der Vorstellungen und

braucht. Auf eine solche Aufgabe muss man sich jenseits der

Arbeitsstunden wächst mit der Zahl der inflationären Beipro-

Theaterroutinen systematisch vorbereiten und weiterbilden.

gramme, die eigentlich keine Vorstellungen sind – aber fleißig in die Statistiken aufgenommen werden.

Auch die Auswahl von Intendanten ist von Jahr zu Jahr hermetischer geworden. Sie mündet im Intendanten-Karussell, auf das aufzuspringen viele versuchen und mit dem sich alle Intendanten später von einem zum nächsten Theater drehen. Kollegen von außen werden hier kaum zugelassen. Oliver Reese vom Frankfurter Schauspiel geht ans Berliner Ensemble, Anselm Weber, Bochum, kommt nach Frankfurt, und Johan Simons, Ruhrtriennale, wird Intendant in Bochum. Ein Ringel-Reihen! Das heißt nicht, dass diese Besetzungen nicht die richtigen seien – wer würde das anzweifeln! Aber es geht um die Art und Weise der Bestellung,

Entwicklung der Vorstellungszahlen der öffentlichen Theater in D (DBV)3.

die nichts mit Good Governance, Gleichberechtigung und Diversity zu tun hat. Tendenz 6: Das Intendantenmodell verursacht einen Reformstau! Die Konzentration aller Entscheidungsbefugnisse auf eine Person birgt starke Risiken für den Betrieb. Der starre Organisationsauf-

3: Deutscher Bühnenverein, Vergleichende

bau in Sparten führt zu einer hohen Undurchlässigkeit und

Theaterstatistik: 1949/50 – 1985/85

behindert die Produktionsabläufe. Die Berufsbilder sind seit 100

4: Baumol/Bowen, Performing Arts – The economic

Jahren kaum modernisiert worden. Die Ensembles werden nicht

dilemma, N.Y. 1966; beschreiben, dass Produktivität eigentlich nicht gesteigert werden kann in den Darstellenden Künsten.

ausreichend dazu ermächtigt, an der Aufstellung und Entwicklung des Theaters teilzuhaben. Die Mitspracherechte der Ensembles sind eingeengt.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Organigramm eines Theaters, vereinfacht (Schmidt, 2017)

Tendenz 7: Die Organisationsstrukturen sind veraltet

Mitbestimmung

Während meiner Untersuchungen habe ich mich eingehend mit

Die Mitbestimmung muss gestärkt und zur wichtigsten Arbeits-

den Strukturen und Prozessen nahezu aller Theater in Deutsch-

grundlage eines Theaters werden, und zwar dauerhaft verankert.

land befasst und festgestellt, dass die derzeitige „historische“

Damit verbunden ist eine Veränderung der Unternehmenskultur,

Organisationsstruktur (Grafik 1) nicht kompatibel ist mit den

in deren Zentrum dann nicht mehr der Intendant, sondern das

Produktionsprozessen am Theater. Eine strenge Hierarchie; eine

Ensemble stehen wird. Das Ensemble wird fortan in alle wich-

vertikale Struktur in Abteilungen und Sparten, die getrennt sind

tigen Entscheidungen eingebunden.

durch Tarifsysteme und Vertragsmodelle. Diese Bauweise steht dem horizontalen Fluss des Produktionsprozesses entgegen.

Leitungspersonal Fakt ist, dass vielen Künstlern, die sich auf eine Intendanz,

Matrix

also auf das Management eines Kunstbetriebes bewerben, eine

Dies ließe sich ohne weiteres in einer Matrix-Organisation auf-

künstlerische Aufgabe vorschwebt, tatsächlich heißt Intendanz

lösen, die den horizontalen Fluss der Produktion in sich aufnimmt

aber in erster Linie Management. Offensichtlich ein Missverständ-

und ihre Struktur abflacht. Mein Vorschlag geht dahin, die Rolle

nis mit Folgen! Es fehlen also Eingangstests für zukünftige

des Intendanten in einem Direktorium aufgehen zu lassen –

Direktoren, um folgende Fähigkeiten abzuprüfen:

als Künstlerischen Direktor und Gleicher unter Gleichen, zu dem weiterhin der Geschäftsführer, der Produktionschef (Producer),

• mentale Stärke, Loyalität, und Transparenz,

der Direktor für Konzeption und Dramaturgie, der Technische

• die Fähigkeit, große, komplex organisierte Betriebe zu leiten,

Direktor und der Direktor für den Bereich Post-Produktion

• aus Krisen führen und diese vermeiden zu können,

gehören.

• mit Wirtschaftsplänen und großen Budgets, wie auch • mit einem heterogen zusammengesetzten Personal umzugehen.

Organigramm eines Theaters – Matrixmodell neu (Schmidt, 2017)

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REFORMSTAU – OPTIONEN FÜR DIE DEUTSCHEN THEATER

S Management der Umweltbeziehungen (Stake-Holder-Management) Einer der wichtigsten Bereiche ist das Management der Umweltbeziehungen, zu unseren Besuchern, zu Medien, gesellschaftlichen Gruppen und zur Politik, das man übergeordnet als StakeholderManagement bezeichnet, denn die Reform der Theater kann nur mit den Besuchern, den Bewohnern der Städte, mit den Gesellschaftern und der Politik erfolgreich sein. Mit allen genannten Fragestellungen beschäftigen wir uns intensiv im Masterstudiengang Theater- und Orchester-Management. Unsere Studierenden bereiten sich damit intensiv auf ihre späteren Aufgaben in Leitungsfunktionen in Theatern, Orchestern, Festivals und freien Ensembles vor. Auch wenn dieser Prozess für einige Theaterfunktionäre heute schmerzhaft ist, die erkennen müssen, dass eine Theaterleitung andere Aspekte umfasst als noch vor 30 Jahren, werden die einmal umgesetzten Reformen vor allem den KünstlerInnen an den Theatern zu Gute kommen und den Theatern auch strukturell wieder eine Ankopplung an die gesellschaftliche Wirklichkeit ermöglichen.

FRAGEN AN STUDIERENDE Vanessa Borowsky Musik für Lehramt an Gymnasien (L3) In welcher gesellschaftlichen Verantwortung sehen Sie sich und wie praktizieren Sie sie? Als angehende Musiklehrerin verstehe ich es als meine wichtigste Aufgabe, das Interesse an der Musik weiterzugeben und allen SchülerInnen eine musikalische Grundausbildung zukommen zu Variablen der Theaterarbeit, Mitbestimmungsmodell Quelle: Schmidt, Thomas, Theater, Krise und Reform –

lassen. Ich versuche das vielseitige Studienangebot – vor allem auch freiwillige Veranstaltungen – zu nutzen, um möglichst viele SchülerInnen in ihren Neigungen zu erreichen.

Eine Kritik des deutschen Theatersystems, 2016

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Die Professoren Dr. Dagmar Borrmann, Dieter Heitkamp, Ingo Diehl und Hans-Ulrich Becker im Gespräch über den gesellschaftlichen Wandel in den Darstellenden Künsten

DAS ABEND KLEID HAT AUS GEDIENT

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Die Leiter von vier Studiengängen der Darstellenden Kunst denken im gemeinsamen Gespräch darüber nach, wie sich ihre Ausbildung im veränderten gesellschaftlichen Kontext positionieren kann und muss, welche neuen Fertigkeiten gefragt sind und wo ein langer Atem vonnöten ist, um temporären Modeerscheinungen die Stirn zu bieten. Ein Interview mit Prof. Dr. Dagmar Borrmann, Ausbildungsdirektorin Schauspiel, Prof. Dieter Heitkamp, Ausbildungsdirektor Zeitgenössischer und Klassischer Tanz, Prof. Ingo Diehl, Leiter des Master Contemporary Dance Education (MA CoDE) sowie Dekan des Fachbereiches Darstellende Kunst, und Prof. Hans-Ulrich Becker, Ausbildungsdirektor der Regie-Abteilung.


DAS ABENDKLEID HAT AUSGEDIENT

T

Als wie relevant erleben Sie Kunst in und für die Gesellschaft?

Ist diese Zersplitterung bedrohlich für die Kunst?

Prof. Ingo Diehl Im Jahr 2010 gab es im Tanz den Versuch, zu-

Prof. Dr. Dagmar Borrmann Sie zieht jedenfalls eine irrsinnige

sammenzufassen, was er im Rahmen öffentlicher Kulturförderung

Überproduktion nach sich. Man versucht für jede kleine Ziel-

an Zuwendungen bekommt. Das Ergebnis: auf Bundesebene 0,03

gruppe passgerecht zu produzieren. Da die Theater aber dafür

Prozent, auf Länderebene drei Prozent. Da frage ich mich schon:

nicht mehr Ressourcen haben als früher, läuft der Betrieb heiß.

Was kann daran relevant sein?

Prof. Ingo Diehl Und damit neue Formate noch für Zuschauer

Prof. Hans-Ulrich Becker Es führt nicht weiter, wenn wir perma-

„lesbar“ sind, werden Vermittlungsprogramme konzipiert. Der

nent nur aus ökonomischen Gesichtspunkten argumentieren. Für

Diskurs und gemeinsame Austausch über die Arbeit jenseits der

entscheidender halte ich die Frage, wie wir dem „mittelalterlichen

Künstler selbst werden immer wichtiger. Es entwickelt sich die

Lumpenkram“, wie ein berühmter Theaterwissenschaftler das

sogenannte „fünfte Sparte“. Dabei wird das Kunstwerk oft erklärt

Schauspiel einmal bezeichnet hat, heute formal und inhaltlich

und damit möglicherweise auch denunziert.

seine Berechtigung verleihen. Prof. Ingo Diehl Schon. Aber wir agieren in einem bestimmten

Wie lässt sich denn gute Kunst denunzieren?

Kontext, und die Kapazitäten, die wir zur Verfügung haben, geben

Prof. Ingo Diehl Indem man sie aus einem bestimmten Blick-

auch einen Teil der Gestaltungsmöglichkeiten vor. Wie können wir

winkel erklärt, sie auf eine bestimmte Lesart reduziert und sie

also neben allen inhaltlichen Fragestellungen Strukturen bauen,

nicht mehr als eine individuelle Erfahrung zulässt.

die Veränderungen ermöglichen? Prof. Dr. Dagmar Borrmann In Fragen gesellschaftlicher Relevanz

Aber man kann doch Perspektiven anbieten, ohne zu behaupten,

sind aber vor allem die Inhalte wichtig. Haben die Darstellenden

sie seien die einzig richtigen.

Künste so an Legitimität eingebüßt, weil das Publikum heute viel

Prof. Ingo Diehl Die Frage ist, ob jedes Kunstwerk eine Vermitt-

mehr alternative Angebote hat? Oder haben wir es auch ver-

lung braucht. Oder ob es ganz einfach alternative Wege gibt, sich

säumt, unsere hochspezifizierten Theatersprachen für das Publikum

einem Werk, einer Idee oder einer Erfahrung zu nähern.

so durchlässig zu machen, dass es sich angesprochen fühlt? Wir

Prof. Dr. Dagmar Borrmann Ich finde wichtig, die Rezipienten zu

können nicht mehr davon ausgehen, für Zuschauer zu arbeiten,

ermächtigen, am Kunstprozess teilzuhaben und das Kunstwerk

die zehn Jahre Klavierunterricht hatten und von den Eltern in

nicht nur erklärt zu bekommen.

jede neue Ausstellung mitgenommen wurden.

Prof. Ingo Diehl Es ist zu überlegen, wo Vermittlung anfängt.

Prof. Hans-Ulrich Becker Die Theaterformen haben sich zudem

Wenn man sieht, was Schirn und Städel mit Hilfe neuer Medien

immer mehr diversifiziert; entsprechend hat sich auch das Publikum

an Vermittlung bieten, müssen wir feststellen: Davon sind wir

zersplittert. Heute z. B. – wie in den 70er Jahren – eine Debatte

in den Darstellenden Künsten noch meilenweit entfernt. Es gilt

über so etwas wie „Volkstheater“ zu führen, erscheint absurd.

Strukturen herauszuarbeiten, die Assoziationsketten zulassen und

Prof. Dr. Dagmar Borrmann Da gebe ich dir vollkommen recht.

einen Zugang nicht nur über den Intellekt ermöglichen, sondern

Und Theater ist nicht mehr dieser große integrative Raum, der es

auch über den Körper und seine Sinneswahrnehmungen.

mal war – was ja eigentlich seine Stärke ist. Prof. Ingo Diehl Das hat auch mit der Entmystifizierung des Theaters zu tun. Man geht nicht mehr im Abendkleid ins Theater; die Rolle und der Diskurs sind andere als früher.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Müssen sich Darstellende Künstler heute ihr eigenes

Prof. Dr. Dagmar Borrmann Die Schauspielabsolventen hingegen

Publikum „heranziehen“?

gehen in der Regel zunächst in eine feste Struktur, nämlich in die

Prof. Dieter Heitkamp Das versucht die „Tanzfabrik Berlin“ als

der Theater. Trotzdem müssen wir sie mehr zu selbstständig

eines der ersten Zentren für zeitgenössischen Tanz in Deutschland

agierenden Persönlichkeiten heranbilden. Die Entwicklung der

schon seit fast 40 Jahren. Dort war und ist gelebte Konsequenz:

letzten Jahrzehnte zeigt, dass der Stellenwert des Schauspielers im

Wenn wir ein Publikum für unsere neuen Ausdrucksformen

Theater sehr gering war, weil er als künstlerisch Agierender zu

gewinnen wollen, müssen wir es uns heranbilden, indem wir es

wenig ernst genommen wurde. Die Akteure waren hauptsächlich

ihm ermöglichen, eigene körperliche Erfahrungen im Tanz zu

die Regisseure. Jetzt ist diese Entwicklung an ein gewisses Ende

machen, wodurch es anders auf die Arbeit schaut und sie anders

gekommen. Das ist die Chance, den Schauspielerberuf nicht nur

erleben kann als ohne diese Erfahrungen. Dies braucht einen

als ausführenden, sondern als mitgestaltenden wieder stärker in

langen Atem.

den Fokus zu rücken. Das sollte nicht nur auf der Protestebene geschehen – etwa im Kampf um strukturelle Mitbestimmung –,

Inwieweit kann eine Hochschule Entwicklungen aktiv beeinflus-

sondern vor allem auf der künstlerischen Ebene, indem Schau-

sen und ihnen nicht nur „hinterherlaufen“?

spieler stärker in der Lage sind, ihre Ideen in den künstlerischen

Prof. Ingo Diehl Man sollte mit den Studierenden eine Sensibilität

Prozess einzubringen.

dafür entwickeln, wie sie das Feld mitgestalten können. Die

Prof. Dieter Heitkamp Ich glaube, Absolventen müssen sogar noch

Entwicklung der Ausbildung ist nochmal langsamer als die im

mehr können: Sie müssen hervorragende Künstler sein, aber auch

Theater. Dieses „Reiben der Systeme“ ist die größte Herausforde-

neue Strukturen entwickeln können und politische Überzeugungs-

rung, nämlich die Frage, wie wir schneller werden können, nicht

arbeit leisten – so haben wir es in Frankfurt bei der Etablierung

nur zu reagieren, sondern Veränderungen lebendig auch aus

einer freien Szene erlebt.

den Studiengängen heraus zu gestalten.

Prof. Ingo Diehl Dies ist ein gutes Beispiel dafür, vor allem als

Prof. Dr. Dagmar Borrmann Ich bin skeptisch, ob wir wirklich

Gemeinschaft eine relevante Kraft entwickeln zu können. Ich glaube,

schneller werden müssen – das klingt für mich wie „kurzatmig“.

die Idee des Genies als Einzelkünstler überlebt in einem freieren

Es führt nicht dazu, kräftige Künstlerpersönlichkeiten heraus-

Arbeitskontext nicht mehr. Die, die eine hohe soziale Kompetenz

zubilden, wenn wir versuchen, jeder Mode hinterherzulaufen.

besitzen und gelernt haben zusammenzuarbeiten und sich gegen-

Prof. Ingo Diehl Mit Schnelligkeit meinte ich eher zu schauen, wie

seitig zu unterstützen, haben eher eine Chance etwas aufzubauen.

ich in der Ausbildung in Referenz zu zeitgenössischen Profilen

Prof. Hans-Ulrich Becker Aber es bleibt die Frage, ob dies tat-

treten kann, um mich am Diskurs „draußen“ zu beteiligen. Unser

sächlich ein Kriterium für Qualität ist. Theater ist per se eine

Studiengang MA CoDE ist genau vor diesem Hintergrund ent-

kollektive Kunst. Die Herausforderung ist doch, die Spannung zu

standen, nämlich eine Durchlässigkeit zwischen Arbeitsfeld und

meistern zwischen dem, was ich erhalten und was ich erneuern

Studium herzustellen. Meine Absolventen müssen ihre Jobs

will. Die Basis dafür ist eine Analyse aller bestehenden Mittel und

entwickeln, weil es für sie keine vorgegebenen Berufsprofile gibt.

Zeichensysteme, aber auch die Erkenntnis, wie zeitgenössisch eingewoben und relativ sie sind, weil wir auch zeitbedingten Strömungen folgen. Wir sollten gerade deshalb Leute suchen und ausbilden, die sehr wach sind. Prof. Dieter Heitkamp Ich glaube auch, dass im Tanz die Rollenbilder nicht mehr so klar definiert sind wie im Schauspiel. In einem Projekt arbeitest du als Tänzer oder Choreograph, dann eher als Dramaturg und im nächsten als Kurator. Die heutige Zeit stellt uns vor weitere Herausforderungen, schon bei der Aufnahmeprüfung: Wie gehen wir beispielsweise mit Diversität und Inklusion um?

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DAS ABENDKLEID HAT AUSGEDIENT

! Was meinen Sie damit? Prof. Ingo Diehl Grundkriterien wie eine bestimmte ästhetische Vorstellung, bei der die Beine eines Tänzers eine bestimmte Länge und festgelegte Rotation haben müssen, reichen heute nicht mehr aus, um den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden. Darüber hinaus ist die Reduktion eines jungen Menschen auf seine körperlichen Bedingungen höchst diskriminierend. Auch dies sind Fragen, die durch einen erweiterten theoretischen wie politischen Diskurs der vergangenen Jahre unsere Zielsetzungen verändert haben. Wie muss sich das Studium hin zu einem zeitgemäßen Kunstverständnis weiterentwickeln? Prof. Hans-Ulrich Becker Zum Glück ist die Zeit der Regie-Feldwebel vorbei. In unserem Studium treten zunehmend sogenannte „regiepraktische Übungen“ in den Vordergrund. Wir setzen uns nicht nur damit auseinander, was jemand ästhetisch auf die Bühne stellt, sondern schauen auch auf den internen Arbeitsprozess: Blockieren Anweisungen, befördern sie? Ist die Wahl der Fachsprache klar genug? Die Psychodynamik von Gruppen in künstlerischen Prozessen nimmt einen immer stärkeren Raum ein. Prof. Dieter Heitkamp Das Bild des Tänzers, der die Schritte des Choreographen nachproduziert, gibt es fast gar nicht mehr. Du bist heute als Tänzer viel eher ein Mitarbeiter, gefragt, selber zu kreieren. Das alte Choreographen-Bild ist ein Auslaufmodell. Prof. Ingo Diehl In der Vermittlung ist es so, dass Selbstkompetenz eine der Hauptkompetenzen ist, nämlich dass ich mich in einem Umfeld einzuschätzen weiß, weil ich nur dann in Resonanz treten kann. Wir machen das über Video- und Selbstanalysen. Wir erleben den Wandel, dass wir nicht mehr so viel über die äußere Form arbeiten, sondern über innere Prozesse und Wahrnehmung. Prof. Dr. Dagmar Borrmann Wir haben in diesem Jahr zum ersten Mal eine künstlerische Eigenarbeit zu einem Teil der praktischen Diplomprüfung gemacht. Was herausgekommen ist, war für uns total überraschend und phantastisch. Da wurden Facetten junger Künstlerpersönlichkeiten erkennbar, die wir in einem reinen Rollen- und Szenenstudium möglicherweise nie entdeckt hätten. Prof. Hans-Ulrich Becker Wir haben innere und äußere Techniken, mit denen wir arbeiten können – das ist auch Handwerk. Es lassen sich erwiesenermaßen sogar Gefühlsmuskeln trainieren.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Hat die Hochschule einen künstlerischen Vermittlungsauftrag in der Gesellschaft, und wenn ja: welchen? Prof. Hans-Ulrich Becker Ich finde, Thomas Rietschel hat es als Hochschulpräsident geschafft, die Hochschule in ein anderes öffentliches Bewusstsein zu bringen – das ist auch eine Form der Vermittlung. Prof. Ingo Diehl Ich finde schon, dass wir einen Auftrag haben, vor allem gegenüber unseren Studierenden. Die Frage ist, wie relevant wir selbst diese Institution finden und wie wir auf eine nächste Generation von Studierenden zugehen, damit auch sie die Hochschule interessant finden und an ihr studieren wollen. Nicht umsonst bietet die HfMDK 300 öffentliche Veranstaltungen im Jahr – sie sind wichtige Schnittstellen nach außen. Prof. Dieter Heitkamp Wenn wir im Museum für Moderne Kunst fünf Stunden durch die Finissage tanzen oder eine Lecture Performance im Architektur-Fachbereich anbieten, ist dies sicher Vermittlungsarbeit. Es sind immer wieder Versuche, Räume zu öffnen, in denen man Erfahrungen sammeln kann. Und wenn unsere Zuschauer die Entwicklung von einzelnen Studierenden verfolgen können und wollen, weil wir dreimal jährlich öffentlich auftreten, finde ich das eine hervorragende Form von Vermittlung. Prof. Dr. Dagmar Borrmann Ich fand die Nacht der Neuen Musik ein tolles Beispiel für Vermittlung. Da blieb nichts hermetisch: Die Veranstaltung ging durch alle Räume, durch alle Ausbildungsbereiche, in der alle zu einer Themenstellung etwas geboten haben. Sie wies deutlich über einen in Sparten eingeteilten Kunstbegriff hinaus. Prof. Hans-Ulrich Becker Eine Hochschule muss immer den Spagat hinbekommen zwischen etablierter Elitekultur und in die Zukunft gerichteten experimentelleren Dingen. Es muss alles Platz in diesem Gehäuse Hochschule haben, und das gepaart mit dem gegenseitigem Respekt vor der Kunst des anderen. – bjh

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IMPRESSUM

K Impressum Frankfurt in Takt – Magazin der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main Eschersheimer Landstraße 29–39 60322 Frankfurt am Main www.hfmdk-frankfurt.de Herausgeber Prof. Christopher Brandt, Präsident der HfMDK Frankfurt am Main Redaktion Björn Hadem (bjh), bhadem@arcor.de Redaktionsbeirat Dr. Sylvia Dennerle, Björn Hadem, Dr. Laila Nissen, Anatol Riemer, Prof. Silke Rüdinger, Prof. Christopher Brandt, Prof. Eike Wernhard

FRAGEN AN STUDIERENDE Linda Pilar Brodhag Theater- und Orchestermanagement

Autoren Prof. Günther Albers, Prof. Dr. Dagmar Borrmann, Vanessa Borowsky, Prof. Christopher Brandt, Linda Pilar Brodhag, Anica Happich, Prof. Thomas Heyer, Prof. Dr. Werner Jank, Prof. Oliver Kern, Nico Köhs, Paul Simon Kranz, Dr. Hendrik Müller, Dr. Laila Nissen, Prof. Thomas Schmidt, Prof. Dr. Maria Spychiger, Michael Stöppler, Prof. Ursula Targler-Sell,

In welcher gesellschaftlichen Verantwortung sehen Sie

Prof. Stefan Viegelahn, Prof. Tim Vogler, Prof. Eike

sich und wie praktizieren Sie sie?

Wernhard, Sebastian Zipp

Als kunstschaffender Mensch möchte ich durch kreative Impulse Position beziehen. Es ist mir wichtig, in meinen Projekten ein Bewusstsein für Themen zu schaffen, mit denen man im Alltag nicht unmittelbar in Berührung kommt. Außerdem stehe ich dafür, dass KünstlerInnen ihre Arbeiten unter fairen Arbeitsbedingungen umsetzten können, vor allem in der Freien Szene ist das leider viel zu selten der Fall.

Fotos Matthias Ellinger, Valentin Fanel, Björn Hadem, Lotte Ostermann, Andreas Reeg, Hansjörg Rindsberg Titelfoto Hansjörg Rindsberg Layout Opak Werbeagentur GmbH, Münchener Str. 45, 60329 Frankfurt am Main Anzeigen Björn Hadem (es gilt die Preisliste 2011) Erscheinungsweise jeweils zu Beginn des Semesters Druck Brandenburgische Universitäts-Druckerei und Verlagsgesellschaft Potsdam mbH Drittmittelkonto Account for Private funds IBAN: DE71 5005 0201 0200 1380 90 SWIFT-BIC: HELADEF1822

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

„Musiktheater“ ist im Gegensatz zu Konzert- und Liedgesang die zusammenfassende Bezeichnung für alle Arten Symbiose aus Gesang, szenischer Darstellung, oft auch Tanz sowie Orchester – eine sehr aufwändige Königsdisziplin, kompliziert in der Einstudierung, teuer und daher subventionsintensiv. Im Spielzeitbetrieb der Staats- und Stadttheater hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles verändert. Der kulturelle Bildungsauftrag der Institution Theater ist ein wichtigeres Postulat denn je. Musiktheaterregisseure haben die hochinteressante, aber schwierige Aufgabe, bei aller Werktreue und Beachtung der Anweisungen der Komponisten eine „heutige“ Betrachtungsweise des Stückes zu erarbeiten. Unsere Aufgabe in der Hochschullehre: in Addition zu einer gediegenen handwerklichen Ausbildung der Gesangsstimme die jungen Künstler zu ermuntern, sich interpretatorisch in ein Regiekonzept einzubringen. Nicht nur im

„EINSTIEGS DROGEN“ SIND ERLAUBT Der gesellschaftliche Wandel in der Darstellenden Kunst aus der Perspektive des Sängers Von Ursula Targler-Sell, Professorin für Gesang und stellvertretende Ausbildungsdirektorin der Abteilung Gesang

Schauspiel, sondern auch in der Oper sterben die „Regie-Feldwebel“ langsam aus; umso mehr muss ein junger Sänger im Rahmen einer übergeordneten Gesamtkonzeption sein Rollen-

Qualität, beeindruckenden Massenszenen und ein paar anderen

bild eigenständig entwickeln können. Wenn ein Studierender in

optischen Highlights. Nach dem Motto „No surprise is the best

dieser Richtung „Blut geleckt“ hat, kann es ohne weiteres dazu

surprise“ übernehmen diese Produktionen die Aufgabe, schlicht-

kommen, dass er sich in dem herkömmlichen Modell von Theater

weg zu unterhalten und dem Geschmack des breiten, musikalisch

nicht mehr zu Hause fühlt und neue, individuelle Wege geht.

oft nicht vorgebildeten Publikums zu entsprechen. Sind diese

Auch darin unterstützen wir unsere Sänger, indem wir ihnen z. B.

Events gesellschaftlich relevant? Sicher nicht im Sinne der Neu-

durch Improvisationstechniken, Werkanalysefähigkeit, Profes-

deutung eines Werkes, der Vermittlung gesellschaftspolitischer

sionalisierung etc. Wege in das künstlerische Selbstmanagement

Botschaften oder der Präsentation völlig neuer musikalischer

aufzeigen. Die Achtsamkeit von Agenten und Besetzungschefs

Ideen. Dennoch können sie Schwellenängste mindern und als eine

einen jungen Sänger fachgetreu einzusetzen hat tendenziell

Art „Einstiegsdroge“ für die intensivere Befassung mit der Sparte

abgenommen. Wenn der Künstler nicht selbst ganz genau weiß,

Musiktheater dienen.

welche Partien ihm guttun und welche der Stimme schaden könnten, kann es passieren, dass er pro Spielzeit Rollen in drei

Für sehr wichtig erachten wir das Heranführen eines jungen

bis vier unterschiedlichen Stimmfächern verkörpern muss. Die

Publikums an die Form des Musiktheaters – hier müssen die

Hörgewohnheiten des Publikums sind lange nicht mehr so strikte

Bühnen immer öfter die Rolle des Musikerziehers übernehmen.

wie ehedem, und es gibt selten Zuschauer-Protest auf Grund einer

Kinder sind sehr gute, aber erbarmungslos kritische Zuschauer –

stimmlichen Fehlbesetzung. Hier müssen wir das „Standing“ der

unsere Studierenden stellen sich z. B. bei der Kinderoper im

Sänger stärken, umsichtig ihre Karrieren zu planen. Unsere Beratung

Rahmen der Burgfestspiele Bad Vilbel oder bei der Kinder-Oper

reicht dabei oft noch weit über die Zeit des Studiums hinaus.

im Holzfoyer der Oper Frankfurt seit vielen Jahren dieser Herausforderung. Die begeisterten Kinder von heute sind die

Bei den immer zahlreicher werdenden Sommerfestivals bekommen

Opernabonnenten von morgen – nur so bleibt Kultur ein

die Zuschauer eine gefällige Mischung aus guter musikalischer

lebendiger Teil unserer Gesellschaft.

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ÜBER DAS JUNGE ENSEMBLE-NETZWERK

U wollen, eigenverantwortlich Projekte innerhalb unseres Studiums umzusetzen oder bei der Stundenplangestaltung ein Wörtchen mitzureden – und sei aus dem nicht unwichtigen Grund, einen Von Anica Happich, Schauspielerin, Alumna der HfMDK

ÜBER DAS JUNGE ENSEMBLENETZWERK

Abend arbeiten gehen zu können, damit wir uns unseren Lebensunterhalt finanzieren können. Oder wenn wir unseren ersten Arbeitsvertrag unterschreiben. Denn dann können wir sagen: „Hey, ich habe einen Hochschulabschluss.“ Und das sollte sich doch auch entsprechend in der Gehaltszahlung abbilden, oder? Dies ist nur ein kleines Beispiel meiner Auseinandersetzung mit meinem Schauspielstudium im jungen ensemble-netzwerk. Mittlerweile ist es zu einer Austauschplattform aller Theaterstudierenden geworden. Eine erste große Studierendenversammlung wurde im Frühjahr 2017 in Bochum einberufen, wo sich über dreißig StudierendenvertreterInnen aller deutschsprachigen Regie- und Schauspielschulen getroffen haben. Und es stellte sich heraus, dass die Themen vielerorts die gleichen sind: die der Mündigkeit, der künstlerischen Selbst- und Eigenverantwortung, Wünsche nach einem angemessenen künstlerischen Feedback, offener Kommunikation, der Entzerrung der überfrachteten Stundenpläne, der Möglichkeiten nach mehr Freiräumen, der Konzentration auf das inhaltliche Arbeiten und eine stärkere

„Ah da kommt DAS junge ensemble-netzwerk.“ Mit diesem

Aufklärung über die berufliche Realität. Aus diesem Treffen in

Satz wurde ich vor kurzer Zeit von einem Studenten auf

Bochum sind vier geographisch sinnvolle Arbeitskreise mit

der zweiten bundesweiten Ensembleversammlung in Potsdam

mehreren Untergruppen entstanden. Ihre Ergebnisse wurden

begrüßt. Ich habe ihn beiseite genommen und freundlich

dieses Jahr den VertreterInnen der SKS (Ständige Konferenz

gefragt, was er damit meinte. Stille. „Ich, Anica, bin nicht DAS

Schauspielausbildung) beim Schauspielschultreffen in Stuttgart

junge ensemble-netzwerk“, erklärte ich ihm. „Du bist es.

vorgestellt. Es geht den Studierenden nicht mehr darum, von

Wir sind es.“ Das klingt jetzt alles höchst konfrontativ. War

welcher Hochschule sie kommen. Es geht um die Frage, wie wir

es aber in keinem Falle. Es war eine Erkenntnis. Für uns beide.

studieren und später gemeinsam arbeiten wollen.

Denn es geht nicht um Personalien und die Institutionalisierung einer Idee oder eines Vereins. Es geht um die Sache. Und die ist

Das junge ensemble-netzwerk dient hierbei als Vernetzungs-

ziemlich simpel: Die Ausbildungsstrukturen an den Hochschulen

und kommunikative Austauschplattform, die von dem Engage-

müssen verbessert und reformiert werden. Natürlich ist da ein

ment ihrer Mitglieder lebt und den Schulterschluss zwischen

kleines Augenzwinkern dabei, denn so simpel ist es eben leider

den Studierenden und den Dozierenden an der jeweiligen

nicht. Es beginnt schon damit, dass Ausbildung eigentlich das

Schule stärken soll.

falsche Wort ist. Wir alle studieren an einer Kunsthochschule und absolvieren dieses Studium mit einem Bachelor, Master oder Diplomabschluss. Wir machen keine Ausbildung, sondern absolvieren ein Studium. Mir war lange nicht klar, warum diese Wortspielerei so wichtig ist. Es wird wichtig, wenn wir darüber reden

Mail, Web, Social: studierende@ensemble-netzwerk.de www.ensemble-netzwerk.de www.facebook.com/jungesEN

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

WOZU BRAUCHT (DIE/EINE) GESELLSCHAFT KUNST? Von Michael Stöppler, Lehrbeauftragter im Fachbereich Darstellende Kunst Accademic committee member FASPE (Fellowships at Auschwitz for the Study of Professional Ethics)

Im Vorwort zur Enzyklopädie Arts et Littératures dans la Société

darin gleicht sie Kunst, ein Wert. There is no... artikuliert eine

contemporaine versucht Paul Valery eine einfache Antwort auf diese

deiktische Geste, die von grammatikalisch-semantischen auf

Frage zu geben.¹ „Unter Kunst verstand man ursprünglich

semiotisch-topologische Überlegungen verweist. Werte haben

Fertigkeit, nichts weiter. (…) Das offensichtlichste Merkmal eines

kein Sein, sind nirgendwo. Werte gelten einfach bloß. Sie bilden

Kunstwerks läßt sich mit dem Wort Nutzlosigkeit wiedergeben.“

ein hervorragendes Vermögen des Wortschatzes, indem und in dem

Valery postuliert einen individuellen Bereich von „nutzlosen

sie Kriterien bereitstellen, die es uns ermöglichen, die Güte einer

Empfindungen“ und „willkürlichen Handlungen“ und behauptet:

Tatsache oder eines Sachverhalts zu prüfen und zu beurteilen. Wozu

„Die Erfindung der Kunst war der Versuch, jenen eine Art Nütz-

fragt nach diesen Gütekriterien des Gegebenen, mithin weniger

lichkeit, diesen eine Art Notwendigkeit zu verleihen.“ Individuen,

nach Produktion oder Realisation, sondern nach Distribution und

die versuchen, „Eindrücke, die für die Lebenserhaltung wertlos

Konsum. Güte im Sinn einer spezifischen Arbeitsleistung ist keine

sind, mit einer Art sekundärer Notwendigkeit und Nützlichkeit zu

Funktion des Raumes oder der Zeit, sondern eine Gabe, the Present.

versehen“ und die daraus weder ein Geheimnis noch ein Rätsel

Profitstreben, Erfolgsdenken und Leistungsdruck haben von der

machen, sondern versuchen, diesen „nutzlosen Empfindungen“

Idee der Güte allerdings wenig übrig gelassen. Im Akkord von

und „willkürlichen Handlungen“ einen Spielraum auszutüfteln,

industrieller Disziplin, technischem Fortschritt und wissenschaft-

brauchen nein, nicht die Kunst, sondern den Kapitalismus.

licher Aufklärung erleben wir gegenwärtig den Triumph des Sozialen in Form von Big Data. Deren Idee der Güte ist mitnichten

Die eingangs gestellte Frage würde unbeantwortbar, falls das

eine Idee, sondern Symptom eines anderen, und das Verlangen

Subjekt des Satzes, nämlich Gesellschaft, weder bestimmt noch

nach Kunst dessen gegenwärtiger Ausdruck.

unbestimmt, sondern einfach bloß nicht bestimmt wäre. Vor genau 30 Jahren wurde eben das folgenreich behauptet: October 31, 1987,

In der Syntax des Dialogs stellt wozu eine Fokusfrage, verweist auf

Prime minister Margaret Thatcher, talking to Women's Own

Zweck und Ziel, lenkt die Aufmerksamkeit auf Informationslücken.

magazine. ”And, you know, there is no such thing as society. There

Ohne das Symptom Gesellschaft und das Phantasma des nutzlosen

are individual men and women, and there are families.“ There is

Gebrauchs würde die Frage ungemein vereinfacht: Wozu Kunst? Ein

no … schon möglich, ja Gesellschaft mag nicht einmal hier, sie

winziger Schnitt und aus dem Verweis auf die Informationslücke

mag nirgendwo aufzufinden, bar jeglicher Präsenz und Präsens

wozu würde wo zu, aus der Frage eine Behauptung: Wo zu, Kunst.

erscheinen. Gesellschaft ist in der Tat kein Ding. Gesellschaft ist,

Verben, die in ihrer lexikalischen Bedeutung eine bestimmte

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WOZU BRAUCHT (DIE/EINE) GESELLSCHAFT KUNST?

N

Geltungsweise zum Ausdruck bringen, haben oft einen Infinitiv

ganzen Körpers mit einem Wort im Rhythmus erleben. Wie lange

mit zu bei sich. Norm-Komparative und Norm-Superlative erreichen

das, unabhängig von Ort und Richtung, gut geht, steht genau,

den Grenzfall der Steigerung – die Exzessivstufe – im Bereich des

allerdings äußerst ungewiss, in den Sternen.

Adjektivs durch ein der Positivstufe vorangestelltes zu. Prototypisch verwirklicht sich die Bedeutung der Präposition zu in der

Zum Schluss lasse ich das zu nun fallen und frage: Wo braucht

Blickstellung, wo die Kommunikationsorgane der Gesprächsteil-

Gesellschaft Kunst? Dort, wo keine Konkurrenz, sondern ein Hang

nehmer aufeinander „zielen“, die beteiligten Personen einander

zum Absoluten herrscht. Dessen Index ist das Einfache. Die

von Angesicht „zu“ Angesicht gegenüberstehen. Die Präposition zu

einfachste Lösung ist in der modern-funktionalen, der kapitalisti-

ist häufig im Kontext von Personen und Institutionen, die das Ziel

schen Verkehrsform der Individuen zugleich die beste. Das

eines Gesprächskontaktes bilden, anzutreffen, häufig markiert

Einfache steht außer Konkurrenz. Gesellschaft braucht Kunst

zu dann einen pragmatisch auffälligen Zeitpunkt.² Wo zu, da

überall dort, wo – im Unterschied zum Sport und zum Markt, die

braucht Gesellschaft Kunst.

beide vom Wettbewerb leben – sich Menschen im höchst lebendigen Verlangen nach konkurrenzlos gesteigerter Güte versammeln, um

Gesellschaft zielt, gleich der Gegenwart, auf Kontinuität. Sie

gemeinsam die beste Lösung für die Probleme zu finden, vor die

verleiht dem Gefühlsleben, den menschlichen Beziehungen, mithin

ihre „nutzlosen Empfindungen“ und „willkürlichen Handlungen“,

der Ethik und nicht der Ästhetik eine herausragende Bedeutung.

mithin das, was sie nicht zu lassen vermögen, sie ständig stellen.

Der Wert Gesellschaft setzt damit einen krassen Kontrast zum

Gesellschaft braucht Kunst dort, wo Individuen ihr Urteil den

künstlerisch konstituierten ästhetischen Wert Kunst, der durch

Regeln professioneller Ethik unterwerfen: Gericht und Klinik,

Wahlfreiheit und freie Zuordnung ausgezeichnet und geschaffen

Katheder und Kanzel, Bühne und Konzertsaal …

wird, und der tatsächlich keine Kontinuität besitzen kann, sondern, im Gegenteil, ein mannigfaltiges Diskontinuum bildet. Kunst ist eine Struktur, in der die sinnlich fassbar gemachten Beziehungen

1: Paul Valery, Zum allgemeinen Begriff von

zwischen Materie, Formen und Kräften dominieren. Eine nicht

Kunst, Werke 6, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1995

näher bestimmbare Präsenz des Gefühls der Masse, der Kraft, der Anstrengung und des muskulären Antagonismus, die die Individuen kraft eines gewissen, allerdings ungenauen Bewusstseins des

(1935) S. 206ff. 2: Harald Weinrich, Textgrammatik der deutschen Sprache, Olms Verlag, Hildesheim 2003, Register zu S.1111

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

FÜR DAS MEHR AN AUSBILDUNG IN MUSIK, THEATER UND TANZ 50

Foto: Hansjörg Rindsberg

GESELLSCHAFTLICHES ENGAGEMENT


GESELLSCHAFTLICHES ENGAGEMENT

S „Die Unterstützung der Freunde und Förderer hilft den Studierenden, ihren Platz in der Gesellschaft und auf den Bühnen dieser Welt zu finden.“ „Wir öffnen die Hochschule in die Bürgergesellschaft“ – mit

Eine tragende Säule des bürgerschaftlichen Engagements ist die

diesem Satz ist das Fundraising im Leitbild der HfMDK fest ver-

2007 gegründete Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK

ankert. Freunden und Förderern besondere Einblicke in die

(GFF). Sie fördert das Deutschlandstipendium an der HfMDK,

künstlerische Ausbildung zu ermöglichen, sie für die Studieren-

die Orchestrierung der Konzertexamina, große Opern- und Schau-

den und Lehrenden zu begeistern und sie an der Entwicklung

spielproduktionen, besondere Meisterkurse und Konzerte. Auch

der Studierenden zu Künstlern, Lehrern und Wissenschaftlern

Studierende können bei der GFF eine Förderung beantragen, zum

teilhaben zu lassen, gehört für die HfMDK zu ihrem Selbstver-

Beispiel, wenn es um einen Zuschuss für Studienfahrten oder die

ständnis als zeitgenössische, offene Hochschule. Und gemeinsam

Teilnahme an Meisterkursen geht. Der Förderverein ist in den

mit engagierten Förderpartnern ist einfach mehr möglich! „Wir

vergangenen zehn Jahren eine starke Plattform für die Förderer

sind allen Freunden und Förderern sehr dankbar“, betont Hoch-

der HfMDK geworden. Mit über 330 Mitgliedern und einem

schulpräsident Prof. Christopher Brandt. „Denn ihre Unterstützung

Fördervolumen von rund 250.000 Euro pro Jahr gehört die GFF zu

hilft unseren Studierenden, ihren Platz in der Gesellschaft

den effektivsten Fördervereinen an deutschen Kunsthochschulen.

und auf den Bühnen dieser Welt zu finden.“

Das Gesamtfördervolumen der GFF seit ihrer Gründung beläuft sich auf rund 2 Millionen Euro.

Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen unterstützen die künstlerische Ausbildung der HfMDK-Studierenden und tragen

Im Oktober 2016 haben mehrere Mitglieder der Gesellschaft der

zu attraktiven Studienbedingungen bei. Das Spektrum ihrer Förder-

Freunde und Förderer gemeinsam mit weiteren Förderpartnern

aktivitäten ist groß: vom ehrenamtlichen Einsatz als juristische

als Gründungs- und Zustifter der ersten Stunde die selbständige

Berater für ausländische Studierende oder im Catering-Team bei

Stiftung für die HfMDK mit einem Startkapital in Höhe von rund

abendlichen Konzerten, über Flügelpatenschaften, Stipendien und

1 Million Euro errichtet. Hand in Hand mit dem Förderverein soll

Spenden für neue Spitzentanzschuhe, Saiten oder Noten bis hin

die HfMDK-Stiftung künftig zu besseren Ausbildungsbedingungen

zur Finanzierung großer künstlerischer Projekte sowie zu

an Hessens Hochschule für Musik, Theater und Tanz beitragen.

Stiftungsprofessuren und Zustiftungen.

Sie soll vor allem Projekte wie zum Beispiel Stiftungs- und Gastprofessuren ermöglichen, die mehrjährige Förderzusagen benötigen. Ein erstes Förderprojekt soll noch 2017 auf den Weg gebracht werden. Als Gemeinschaftsstiftung bündelt die HfMDK-Stiftung das Engagement von Zustiftern und Vermächtnisgebern für die Hochschule. In den kommenden Jahren soll die HfMDK-Stiftung weiter wachsen. Eine Zustiftung ist ab 5.000 Euro möglich.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

Als Gemeinschaftsstiftung bündelt die HfMDK-Stiftung das Engagement von Zustiftern und Vermächtnisgebern für die Hochschule. Neben dem Freundeverein und der HfMDK-Stiftung unterstützen

Motivation und Ansporn: Deutscher Hochschulfundraising-

zahlreiche weitere Förderpartner und Stiftungen im Rhein-Main-

preis 2017 für die Gründung der HfMDK-Stiftung

Gebiet die Hochschule und ihre Studierenden. Dazu gehören Stiftungen wie die Aventis Foundation, die eine der Förderpartne-

Mehrere mit der HfMDK eng verbundene Stiftungen und

rinnen der Stiftungsprofessur „Vermittlung Neue Musik“ ist und

private Förderer haben im vergangenen Jahr als Gründungs-

aktuell den Aufbau des digitalen Klangarchivs Fagott an der

und Zustifter der ersten Stunde die Errichtung der selbständigen

HfMDK ermöglicht, die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die

Stiftung für die HfMDK ermöglicht. Für die erfolgreiche

Studierende im MainCampus-Stipendienprogramm fördert,

Stiftungsgründung wurde die HfMDK vom Deutschen

oder die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die gemein-

Hochschulverband (DHV) Anfang April mit dem 2. Platz des

sam mit weiteren Förderpartnern das Schulprojekt response ermög-

Deutschen Hochschulfundraisingpreises ausgezeichnet.

licht. Zudem gibt es einige Stiftungen, die Studierende der HfMDK per Satzungszweck fördern. Dazu gehören die Alix Steilberger

In seiner Laudatio hob Professor Guido Benzler insbesondere die

Kultur-Stiftung, die einen hochdotierten Förderpreis an Studen-

langfristige strategische Ausrichtung der Fundraising-Aktivitäten

tinnen der Tanzabteilung vergibt (siehe Seite 54 in dieser Ausgabe),

der Hochschule hervor, die durch die Gründung der HfMDK-

die Volkstheater Frankfurt – Liesel Christ, Liesel und Gisela Christ-

Stiftung im Jahr 2016 einen weiteren Schub erfahren hat: „Die Länge

Stiftung, die eine Schauspielstudierende der HfMDK mit einem

des Engagements und der finanzielle Erfolg sind unter Kunst-

Stipendium unterstützt, und die Giovanni Omodeo-Stiftung, die

und Musikhochschulen herausragend und können als Motivation

die Gesangsabteilung ebenfalls großzügig mit Stipendien fördert.

und Ansporn dienen. Die Stiftungsgründung hebt die Aktivitäten der Hochschule im Fundraising nun auf ein neues Level.“

Das Fundraising-Büro informiert Sie gerne über alle Möglichkeiten, die Studierenden der

Die HfMDK-Stiftung soll eine gute Adresse für diejenigen sein,

HfMDK in ihrer Ausbildung zu unterstützen

die sich als Zustifter und Vermächtnisgeber für die Hochschule und ihre Studierenden engagieren möchten. Sie ergänzt die Arbeit

Dr. Laila Nissen (Leitung)

der Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK e.V. (GFF)

E-Mail laila.nissen@hmfdk-frankfurt.de

sinnvoll und soll zukünftig mit der Förderung von Stiftungs- und

Telefon 069 / 154 007 210

Gastprofessuren und dem Ausbau der Stipendienprogramme

Daniela Fox

zum Mehr an Ausbildung in Musik, Theater und Tanz an der

E-Mail daniela.fox@hfmdk-frankfurt.de

HfMDK beitragen. „Die hierfür erforderliche Gesamtstrategie mit

Telefon 069 / 154 007 137

breit angelegtem Vorgehen war für die Preisrichtersitzung Motivation genug, dieser Kampagne den zweiten Preis zu geben“, so Prof. Guido Benzler weiter. „Die herausragende Konzeption, Darstellung und Reflexion der Fundraisingstrategie baut auf bestehenden Aktivitäten auf und verfestigt diese auch über den Wechsel der Hochschulleitung hinweg.“

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Stiften Sie das Mehr an Ausbildung in Musik, Theater und Tanz! Die Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main sollen als Musiker, Lehrer oder Wissenschaftler ihren Platz in der Gesellschaft und auf den Bühnen dieser Welt finden. Eine exzellente Ausbildung ist dafür grundlegend. Die Stiftung für die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main wirkt hieran mit, indem sie zusätzliche Lehrangebote wie Gastund Stiftungsprofessuren finanziert und die Studienbedingungen essentiell verbessert, zum Beispiel durch Stipendien.

Zustiftungen in das Stammkapital der Stiftung sind ab 5.000 Euro möglich. Weitere Informationen bit.ly/HfMDK-Stiftung Spendenkonto Deutsche Bank Essen IBAN DE02 3607 0050 0247 0888 00 BIC DEUTDEDEXXX

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FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

STIFTERISCHES ENGAGEMENT FÜR TANZSTUDENTINNEN AN DER HFMDK Der Förderpreis der Alix Steilberger Kultur-Stiftung

Eine Reise nach Afrika und notwendige Augenoperation Von Magdalena Dzeco Im Sommersemester 2016 wurden Valeria Liptschanskaja und ich als Stipendiatinnen der Alix Steilberger Kultur-Stiftung ausgewählt. Durch das großzügige Stipendium konnte ich viele Pläne in die Tat umsetzen und eigene Projekte angehen. Das Stipendium hat mir sehr geholfen, mich in meinem 4. Ausbildungsjahr weiterzubilden und den Übergang vom Studium ins Berufsfeld flexibler zu gestalten. Es ermöglichte mir, mich mit dem umfangreichen Tanzangebot in Berlin vertraut zu machen, Workshops, Tanzklassen und Veranstaltungen zu besuchen und in verschiedenen Zusammenhängen wichtige neue Erfahrungen zu sammeln.

Junge Tanzstudentinnen an der HfMDK auf ihrem Weg ins

Es gab zwei besondere Dinge, die ich ohne das Stipendium nicht

Berufsleben unterstützen – das motivierte die Wahl-Frankfurterin

so einfach geschafft hätte: Das erste war die schon lang geplante

Alix Steilberger (1923-2014). Sie verfügte per Testament, dass aus

und ersehnte Reise nach Afrika, dem Kontinent meines Vaters.

ihrem Nachlass die Alix Steilberger Kultur-Stiftung zugunsten

Im Februar 2017 ging es los. Ich bin mit meinen Geschwistern

des Ausbildungsbereichs Zeitgenössischer und Klassischer Tanz

für zwei Monate durch Mosambik und Südafrika gereist. Diese

(ZuKT) an der HfMDK errichtet werden sollte. Aus den Stiftungs-

Reise hat viel in mir bewegt, und ich habe viele neue Anregungen

mitteln hat die Alix Steilberger Kultur-Stiftung 2016 erstmals zwei

erhalten. Ich konnte mosambikanische und südafrikanische

Preise für die Studentinnen im 3. Jahr des Studiengangs BAtanz

Künstlerinnen und Künstler kennenlernen, habe an Klassen

ausgelobt. Die Jury, bestehend aus Professor Dieter Heitkamp,

teilgenommen, Festivals besucht und viele neue Leute getroffen.

Ausbildungsdirektor Zeitgenössischer und Klassischer Tanz an

In Maputo habe ich eine Tanzschule besucht und am Unterricht

der HfMDK, der freien Choreographin Regina van Berkel und

teilgenommen. Es war sehr spannend, endlich den mosambika-

Honne Dohrmann, Tanzdirektor am Schauspiel Mainz (tanzmainz),

nischen Tanz zu erforschen und erleben zu können, mit welcher

wählte Magdalena Dzeco und Valeria Liptschanskaja unter den

Rhythmik, Bewegung, Verbundenheit zur Musik und Geschichte

sechs Bewerberinnen aus. Beide Preisträgerinnen erhielten ein

getanzt wird und diese Erfahrungen mit dem deutschen Tanz-

Preisgeld in Höhe von jeweils 7.500 Euro.

geschehen zu vergleichen. Mit einigen mosambikanischen Tänzerinnen und Tänzern bin ich in Kontakt und werde weitere

Hier berichten die beiden Tänzerinnen, wie ihnen der Förder-

Projekte aufbauen können. Es war eine sehr schöne und besondere

preis beim Übergang ins Berufsleben geholfen hat.

Zeit. Desweitern konnte ich durch das Stipendium eine notwendige Augenlaseroperation machen lassen. Ich hatte immer Mühe mit meiner Sehschwäche und musste daher immer wieder teure Kontaktlinsen kaufen, die ich für Probenprozesse und Performances unbedingt benötigte. Diese Sorge bin ich nun los. Ich brauche keine Kontaktlinsen mehr. Für die tollen (Lern-)Erfahrungen, die mir das Stipendium ermöglicht hat, bin ich sehr dankbar und möchte mich noch einmal ganz herzlich bei der Alix Steilberger Kultur-Stiftung und ihrer Jury bedanken.

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STIFTERISCHES ENGAGEMENT

T Produktion einer eigenen Choreographie Von Valeria Liptschanskaja Bereits im ersten Studienjahr BAtanz und in allen nachfolgenden Studienjahren hatte ich die wunderbare Gelegenheit, eigene Projekte zu realisieren und im Rahmen von Hochschul-Aufführungsreihen zu präsentieren. Dabei konnte ich erste Erfahrungen mit selbstständigem Arbeiten sammeln und mich herausfordernden Fragen stellen. In diesen Arbeiten hat sich mein großes Interesse an interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Komponisten, Regisseuren und bildenden Künstlern entwickelt, und ich konnte verschiedene theatrale und performative Formen und Formate erforschen. 2015 erhielt ich eine Förderung durch den interdisziplinären

Fotos: Valentin Fanel

Projektfonds KUNSTPAKT der HfMDK für mein erstes abendfüllendes Programm „TimeOut“. Das Stipendium der Alix Steilberger Kultur-Stiftung ist eine große Unterstützung, den im Studium eingeschlagenen Weg nun nach meinem erfolgreichen Abschluss fortzusetzen. Zurzeit bin ich artist in residence bei T.A.N.Z. Braunschweig und erarbeite mein erstes Projekt nach dem Studium. Es ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern, Performern und Musikern. Das neue Stück ist eine Choreographie zu einer musikalischen Komposition, die eine Videoinstallation beinhaltet. Das Stipendium möchte ich nutzen, um meine Produktion in Braunschweig teilweise zu finanzieren. Auch 2017 erhielten zwei BAtanz-Studentinnen den hochdotierten Förderpreis: Momoko Higuchi und Saskia de Vries. Die feierliche Preisverleihung findet am 2. Dezember 2017 im Rahmen eines Showings der Tanzabteilung für Freunde und Förderer statt. Weitere Informationen Dr. Laila Nissen (Leitung Fundraising) E-Mail laila.nissen@hfmdk-frankfurt.de Telefon 069 / 154 007 210

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Foto: Hansjörg Rindsberg

FRANKFURT IN TAKT 17/2 – KUNST UND GESELLSCHAFT

„Das Stipendium hat für mich richtig viel ins Rollen gebracht“, resümiert Thomas Gkesios. Der griechische Fagottist studiert im 6. Semester an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main (HfMDK). Seit dem Wintersemester 2016/2017 wird er durch das Deutschlandstipendium gefördert. „Mit den 300 Euro im Monat habe ich fast schon die Miete im Studentenwohnheim bezahlt. Das entlastet mich ungemein – ich kann längerfristig planen und künstlerische Projekte verwirklichen. In den vergangenen Monaten habe ich große Fortschritte gemacht und konnte im März mit dem Gustav Mahler Jugendorchester auf Tournee gehen!“

WIRKUNGSVOLLE UNTERSTÜTZUNG DAS DEUTSCHLANDSTIPENDIUM AN DER HFMDK 56


WIRKUNGSVOLLE UNTERSTÜTZUNG

! Das renommierte Orchester gilt als Talentschmiede. Jährlich

Und Dr. Kirsten Siersleben, Geschäftsführerin der DZ BANK

bewerben sich über 2.000 Musiker aus ganz Europa. Und Thomas

Stiftung, betont: „Für die Zukunft Deutschlands brauchen wir

Gkesios wurde nun auch zur Sommertournee eingeladen. Seiner

kluge Köpfe, sind Kreativität und Leistungsbereitschaft gefragt.

künstlerischen Entwicklung verleiht das einen enormen Schub –

Mit dem Deutschlandstipendium an der HfMDK geben wir

mit angestoßen durch das Deutschlandstipendium.

talentierten und engagierten Studierenden die Möglichkeit, sich ihrem Studium zu widmen, ihre Talente zu entwickeln und zu

Förderprogramme wie das Deutschlandstipendium sorgen für

echten Impulsgebern zu werden. Gerade Kunst und Kultur

attraktive Studienbedingungen an der HfMDK. Sie ermöglichen

bereichern nicht nur unsere Gesellschaft, sie können ebenso

jungen Künstlern und angehenden Lehrern, sich voll und ganz

wichtige Triebfedern für wirtschaftliches Wachstum sein.“

auf ihr anspruchsvolles Studium zu konzentrieren. Mit dem Deutschlandstipendium, für das private Förderer – Unternehmen,

Mehr möglich machen

Stiftungen oder Privatpersonen – und der Bund je 1.800 Euro

Auch Hochschulpräsident Prof. Christopher Brandt würdigt

spenden, werden die Stipendiaten für ein Jahr lang mit 300 Euro

die Chancen, die das Deutschlandstipendium Studierenden an

monatlich unterstützt. „Bei den Mieten und Lebenshaltungsko-

der HfMDK eröffnet: „Dass im ersten Durchgang zum Winter-

sten in Frankfurt ist das eine merkliche Entlastung“, so Deutsch-

semester 2016/2017 bereits 20 Stipendiaten von dieser wirksamen

landstipendiat und Lehramtsstudent Sebastian Michaeli. „Das

Förderung profitieren konnten, ist ein großer Erfolg, der vor allem

gibt uns die notwendigen Freiräume für ein erfolgreiches

der Gesellschaft der Freunde und Förderer und allen anderen

Studium.“

Stipendiengebern zu verdanken ist.“ Damit möglichst viele Studierende gefördert werden können, soll die Zahl der verfügbaren

Auch Stipendiengeber profitieren vom Deutschlandstipendium

Deutschland-Stipendien an der HfMDK zum Studienjahr

Für die Förderer hatte Sebastian Michaeli gemeinsam mit den

2017/2018 weiter steigen.

anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten anlässlich der Deutschlandstipendium-Feier im Mai ein besonderes Programm gestaltet.

Mit einer Spende in Höhe von 1.800 Euro ermöglichen private

Unter dem Motto „Begegnung durch Bewegung“ luden die Studie-

Förderer ein komplettes, mit insgesamt 3.600 Euro ausgestattetes

renden ihre Stipendiengeber zu einem künstlerischen Rundgang

Deutschlandstipendium. Denn der Bund gibt weitere 1.800 Euro

durch die Hochschule ein und gaben Einblicke in ihren Studien-

dazu. Und auch jeder andere Betrag trägt zur Ausstattung des

alltag. Viele Stipendiengeber waren sichtlich beeindruckt.

Stipendienfonds bei. Beiträge zum Deutschlandstipendium können als Spende steuerlich geltend gemacht werden.

„Ich selbst habe vor vielen Jahren ein Stipendium für mein eigenes Studium erhalten. Heute kann ich das, was ich an Unter-

Sie möchten Deutschlandstipendiengeber werden

stützung bekommen habe, weitergeben. Als großer Musikfan und

oder haben Fragen zum Stipendienprogramm?

Freund der HfMDK liegt es für mich nahe, einen Studierenden

Das Fundraisingbüro der HfMDK informiert Sie über

dieser Hochschule zu unterstützen“, so Dick Byer, Deutschland-

alle Vorteile der Talentförderung:

stipendiengeber und Mitglied der Gesellschaft der Freunde

Dr. Laila Nissen

und Förderer der HfMDK.

E-Mail laila.nissen@hfmdk-frankfurt.de Telefon 069 / 154 007 210 Daniela Fox E-Mail daniela.fox@hfmdk-frankfurt.de Telefon 069 / 154 007 137

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FRANKFURT IN TAKT 17/2

SERIE:

VERSCHLUNGENE LEBENSWEGE UNSERER ALUMNI Dr. Kristin Wömmel

№7

VOM SCHÖNEN REIZ DES UNGEWISSEN Dr. Kristin Wömmel hat die Zukunft zu ihrem Beruf gemacht, die Neugier an der Ungewissheit zu ihrer Leidenschaft. Die Münsteranerin, die vor zehn Jahren an der HfMDK Schulmusik studierte und damals schon ahnte, dass sie eine „Vermittlerin“ an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Bildung sein möchte, arbeitet heute als Leiterin der Veranstaltungen im „Futurium“, dem Berliner Zentrum für Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung. Dort bringt sie Menschen und Ideen, Künste und Wissenschaften zusammen, um eine Vision für morgen mitzugestalten. So abstrakt es klingt, so offen ist auch die Herangehensweise des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiierten Projektes, dessen äußere Gestalt ein dreistöckiger Bau im Berliner Regierungsviertel ist, der im Jahr 2019 eröffnen wird und sich als Ausstellungs-, Installations- und gestaltung entwickelt.

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Foto: Lotte Ostermann

Begegnungsort zum Nukleus einer interdisziplinären Zukunfts-


PERSÖNLICHES

K Dass sich Kristin Wömmel auf diesem Terrain so wohl fühlt, hat

„Das Selbstverständnis des höchsten und bedingungslosen An-

viel mit ihrem Studium an der HfMDK zu tun: „Meine Aufgaben

spruchs und die ständige Weiterentwicklung, die bei den Berliner

dort passen genau dazu, was mir die Hochschule mit auf den Weg

Philharmonikern stets zu spüren waren, hat mich angesteckt und

gegeben hat – nämlich die Fähigkeit, sich selber zu entwickeln,

inspiriert“, erinnert sich Kristin Wömmel an die wertvolle Zeit bei

Dinge zu hinterfragen und neu zu definieren, anders gesagt: den

dem Spitzenorchester. Weiterentwicklung war auch ihre Motiva-

Mut und die Lust, sich auch Ungewissheit und Undefiniertem

tion, zum Team vom „Futurium“ zu gehören, wo sie mehr denn je

angstfrei zu nähern.“ In der Hochschule erlernte sie die Haltung,

für die Zukunft konzipieren und Projekte verantworten kann.

in ihrer eigenen Fachdisziplin, der Musik, einem Werk mit unvoreingenommener Offenheit zu begegnen – im Gesangsunterricht

An die HfMDK ist Kristin Wömmel zwischenzeitlich als Lehrende

bei Prof. Henriette Meyer-Ravenstein ebenso wie in Chorprojekten

zurückgekehrt: Hier gab sie Studierenden ihr Wissen in Orchester-

mit den Chorleitungsprofessoren Wolfgang Schäfer und Winfried

produktions-Management und in einem musikpädagogischen

Toll: „Unvergessen bleibt mir der hier gelebte und im Kollektiv

Seminar weiter: „Es hat mir viel Freude bereitet, die Hochschule

gespürte Enthusiasmus, in dem uns das Gefühl für Zeit und

aus einer anderen Perspektive zu erleben“, erinnert sie sich gern

Raum abhanden kam.“ Weil sich mehr und mehr abzeichnete,

daran. Fürs Lehren bleibt ihr aktuell jedoch ebenso wenig Zeit wie

dass sie Musik als ihre Leidenschaft nicht direkt zum Beruf

für das eigene Musizieren: „An meinem Arbeitsplatz dreht sich

machen wollte, schloss Kristin Wömmel ein Masterstudium in

in dieser Aufbauzeit alles sehr schnell, da bleibt wenig Zeit für

Theater- und Orchestermanagement an der HfMDK an. „Für mich

anderes.“ Der Kontakt nach Frankfurt ist geblieben, mit ihren

kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, dass mein Platz eher

Dozenten von damals bleibt sie gern im Austausch. Ihre Empfeh-

hinter der Bühne sein wird.“ Menschen Räume aufzuzeigen und

lung an Studierende: „Fühlt euch in der Hochschule wie zu Hause:

zu ermöglichen, in denen sie ästhetische Erfahrungen sammeln

Kostet die vielen wertvollen Angebote aus, nutzt die Möglich-

können, wurde für sie zu einem Arbeitscredo. Nach Abschluss

keiten praktischen Ausprobierens eigener Fähigkeiten – sie

ihres ersten Staatsexamens mit dem Zweitfach Romanistik promo-

werden euch die Zeit an der Hochschule unvergesslich machen.

vierte sie in der Musikpädagogik bei Prof. Dr. Maria Spychiger

Gleichzeitig ist es in dieser intensiven Phase an der HfMDK die

und vertiefte ihre wissenschaftliche Expertise, die sie bereits in

größte persönliche Herausforderung, auch die anderen Interessen-

ihrer Staatsexamensarbeit zum Thema Enthusiasmus in der Kunst

und Lebensbereiche um die Kunst herum weiter zu leben. Aus

bzw. in der musikalischen Bildung entwickelt hatte. Ihren Doktor-

ihnen zieht man für die Kunst wertvolle Kraft und Inspiration.“

titel trägt sie seit 2015. Als wichtigen Multiplikator für ihre Fähigkeit, ästhetische Erfahrung und wissenschaftliches Denken

Eine Künstlerin bleibt Kristin Wömmel auf ihre Art: „Darin,

miteinander zu verbinden, erlebte sie ihr Main Campus Doctus-

Menschen unterschiedlichster Prägung so miteinander in Verbin-

Stipendium der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, das sie in

dung zu bringen, dass ihre gemeinsame Arbeit zu einer Form

den Austausch mit Naturwissenschaftlern brachte. Ihre erste

findet, wie es sich die Beteiligten wünschen. Das ist eine Kunst,

Anstellung führte sie in den musikalischen Olymp der Haupt-

die in keinem Programmheft steht und dennoch bei jedem

stadt, nämlich in die Berliner Philharmonie, wo sie von 2011 bis

Projekt und für jede entwickelte Kunstform unabdingbar ist.“

2013 im Projekt der „Digital Concert Hall“ mitarbeitete. Von dort wechselte sie auf den Posten der Assistentin des Orchestervor-

Kristin Wömmels Gegenwart ist die Zukunft. Was sie sich

stands der Berliner Philharmoniker. Neben der „klassischen“

für die spätere Zukunft wünscht, weiß sie auch schon: „In jeder

Arbeit im Orchesterbüro betraute man sie mit der Gesamtkoordi-

Hinsicht Momente der Erfüllung.“ – bjh

nation und Weiterentwicklung der jährlichen Osterfestspiele in Baden-Baden.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2

* Binde Deinen Wagen an einen Stern, franz. Sprichwort

ACCROCHE TON CHARIOT À UNE ÉTOILE* Zum Abschied von Hedwig Fassbender als Professorin für Gesang Von Prof. Thomas Schmidt, Leiter des Master-Studiengangs Theaterund Orchestermanagement

Hedwig Fassbender hat die Hochschule im Juli 2017 nach über

Ich sah Hedwig oft als eine Art Leistungs-Künstlerin, mit den

18 Jahren Lehr- und Leitungstätigkeit als Professorin für Gesang –

höchsten Ansprüchen an sich und ihr Umfeld. Konsequent pro-

davon viele Jahre als Ausbildungsdirektorin und als Dekanin

bierte sie neue Wege zu gehen, wo es auf anderen nicht weiter-

des Fachbereichs Darstellende Kunst – verlassen. Mit ihr verliert

ging. Auch dieser Mut zum Wechsel und zum Erkennen eigener

die Hochschule eine Kollegin, die mit ihrem Renommee und als

Potenziale macht heute eine große, informierte Künstlerin aus,

erfahrene Musikerin die Gesangsabteilung über Jahre geprägt und

und so ist schließlich auch ihr Fachwechsel zu erklären: „Es war

viele neue Talente gefunden, gefördert und ausgebildet hat, die

eher eine natürliche Entwicklung, dass die Stimme größer und

heute an internationalen Opernhäusern und im Konzertsaal

belastbarer wurde mit der Zeit und mir damit die Möglichkeit zu

erfolgreich sind. Über den Doktor Faustus am Gymnasium und

darstellerisch interessanteren Rollen öffnete. Wenn man Carmen

über das Klavierspiel ist sie zum Singen gekommen. Darin ließen

singen darf, ist das schon etwas ganz Besonderes, vor allem, wenn

sich ihre Sehnsüchte nach Musik und Darstellendem Spiel ganz

der Regisseur Herbert Wernicke ist. Daraus ergab sich dann der

offensichtlich am symbiotischsten vereinigen.

Wechsel ins „Zwischenfach“ bis hin zu Isolde; „immer aber unter dem Aspekt, dass meine Stimme stets eine lyrische blieb“.

„Ich merkte bald“, schreibt sie mir, „dass die Freude am Singen größer war als die Freude am Klavierspielen. Während eines

Gesungen hat sie beinahe alle wichtigen großen Partien in

Sommerkurses bei Ernst Haefliger führte mir dieser die Grenzen

diesem Stimmfach, den Octavian, die Carmen, die Isolde, Kundry

meiner bis dahin erlernten Gesangstechnik vor Augen. Daraufhin

und die Sieglinde, die Herodias, die Küsterin in Jenufa, die Judit,

beschloss ich in München in seiner Klasse zu studieren“,

Prokofiews Babuschka und Eötvos’ Die Frau über 60.

beantwortet sie die Frage nach der Initialzündung ihrer Karriere. Ihr erstes Isolden-Erlebnis am Staatstheater Saarbrücken im Jahr Es gibt kaum eine Professorin, die für mich das Besondere unserer

2001 hat ihr zu einem neuen Selbstverständnis als Sängerin und

kleinen, aber sehr preziösen Hochschule besser verkörpern würde

zu einem gestärkten Selbstvertrauen verholfen. Wer einen Mara-

als Hedwig Fassbender. Es sind ihre Weltklasse und ihre Welt-

thon bezwingt, kann viele neue und große Aufgaben bewältigen,

offenheit, ihr ganz besonderer Arbeitsethos und ihre hohe Demut

mit einem ganz neuen Bewusstsein für richtiges Training, für

vor allen künstlerischen Berufen, die sie auszeichnen. In ihr ver-

Kondition, Timing, Technik und „Renneinteilung“. Ihre liebste

binden sich Fleiß und Gelassenheit und vor allem die Freude am

Partie war allerdings eine kleinere, Bartóks Judit, „weil hier zu

Leben als eine Grundvoraussetzung, um aus Ausnahmetalenten

Spiel und Musik noch die metaphorische Ebene des Stückes selbst

Ausnahmekünstler zu machen.

hinzukommt“. Hedwig Fassender hat diese Partien selbst auf

60


PERSÖNLICHES

U

hohem Niveau gesungen und die Erfahrungen daraus verinner-

die ganzheitlich und informiert ausgebildet worden sind, oder

licht und reflektiert an ihre StudentInnen weitergegeben – hierbei

nur mit Schwerpunkten auf Stimmtechnik oder Physis, und mit

deren Fähigkeiten und Potenziale ganz individuell erkennend.

wie viel mehr Energie man als Theater auch schwere, ambitio-

Am liebsten gearbeitet hat sie bisher mit den Dirigenten Armin

nierte Projekte angehen kann, wenn man auf Künstler mit solchen

Jordan, Ivan Fischer, Vladimir Jurowsky und Sebastian Weigle

Potenzialen zurückgreifen darf, wie Hedwig Fassbender sie bei

und mit den Regisseuren Herbert Wernicke, Harri Kupfer, Laurent

ihren SchülerInnen ausgebildet hat.

Pelly und Keith Warner. Mit Künstlern also, die fordern und fördern.

Hedwig lebt heute mit ihrem Mann, René Massis, gleichermaßen in Paris und Frankfurt, wo sie Familie und Enkelkinder

Später kam zum Singen auf den Opernbühnen auch das Unter-

haben. Sie wird weiter singen und unterrichten, am Zürcher

richten. Sie ist im Laufe der Jahre schneller geworden im Erkennen

und Frankfurter Opernstudio mitwirken und in Moskau und

dessen, was ein Studierender genau braucht, um seinen Weg zu

Warschau arbeiten. Den Bereich Coaching, der ihr als weiteres

finden, und unnachgiebiger in der Einforderung technischer und

Standbein so wichtig geworden ist, möchte sie ausbauen und

musikalischer Aspekte. In diesem Zusammenhang verweist sie

Sinnvolles leisten, sowohl im Lebenshilfe-Coaching als auch

zu Recht darauf, dass immer weniger Intendanten Willens und

beim Coaching für Karrieren. Ich habe sie auf der Bühne

kompetent genug sind, eine Karriere behutsam aufzubauen.

gesehen und beim Unterrichten, und auch hier kann ich sie mir sehr gut vorstellen. Als international erfahrene Professorin, die

Bernd Loebe, den Intendanten der Frankfurter Oper, erwähnt

auf einen ganzheitlichen Weg wert legt, könnte sie Managern

sie hier explizit als Ausnahme und großes Vorbild. Für die jungen

und Intendanten aus kleineren und größeren Krisen helfen und

Sänger ergibt sich heute selbst die Notwendigkeit, weit mehr

ihnen Wege durch neue Tore zeigen, die man nur sieht, wenn

Verantwortung zu übernehmen, als dies früher der Fall war. „Und

man bereit ist, sich einzulassen, wenn man demütig ist, und

um den jungen Menschen diesen erweiterten Blick zu ermöglichen,

konsequent.

braucht es Ausbilder, die stets das Gesamtpaket im Auge behalten: Stimme, Musikalität, Expressivität, Physis und Persönlichkeits-

Mit Hedwig Fassbender verlieren wir eine großartige Profes-

struktur“, sagt sie.

sorin, eine leidenschaftliche Künstlerin und eine vorzügliche Kollegin. Liebe Hedwig, alles Gute für Dich auf Deinen Wegen.

Ich selbst habe in meiner Weimarer Zeit erfahren dürfen, welchen

Und Dankeschön für alles Gute, was Du geschaffen und uns

Unterschied es macht, ob man junge Künstler im Ensemble hat,

hinterlassen hast. À bientôt.

61


FRANKFURT IN TAKT 17/2

Seit Oktober 2016 ist Stefan Viegelahn neuer Professor für Orgel mit Schwerpunkt Improvisation. Als Ausbildungsdirektor für Kirchenmusik an der HfMDK wird er in den kommenden Jahren mit seinen Kollegen das Bild der Kirchenmusikabteilung an der HfMDK prägen.

MOTIVIERT FÜR NEUE STRUKTUREN Stefan Viegelahn ist neuer Professor für Kirchenmusik Für Stefan Viegelahn bedeutet die Professur in Frankfurt einen

In den letzten neun Jahren war sein Haupttätigkeitsbereich das

unerwarteten Schritt in Richtung seiner Heimat. Aufgewachsen

Amt des Stifts- und Bezirkskantors in Landau (Pfalz). Hier leitete

im osthessischen Schlüchtern, gehörte Frankfurt zu den Orten,

er die Ensembles wie Kantorei, Kammerorchester, Jugend- und

an denen er seine musikalische Ausbildung erhielt. Am Dr. Hoch’s

Kinderchöre, gestaltete eine umfangreiche Konzertreihe und war

Konservatorium bekam er als Jugendlicher Klavierunterricht bei

Organist in der spätgotischen Stiftskirche, wo er das Glück hatte,

Teodora Lungu und absolvierte die Musiktheorieausbildung bei

bei seinem Amtsantritt 2008 ein fast neues Instrument der Firma

Gerhard Schedl. Auch die Jahre als Orgelschüler von Prof. Martin

Rieger Orgelbau übernehmen zu können.

Lücker – einige Semester war er Jungstudent an der HfMDK – waren für ihn eine prägende Zeit.

Stefan Viegelahn konstatiert: „Kirchenmusiker zu sein halte ich für einen der erfüllendsten musikalischen Berufe überhaupt. Wo

Die Studienjahre verbrachte er in Stuttgart und Hamburg, wo

anders kann man sich künstlerisch in diesem Maße frei entfalten,

er evangelische Kirchenmusik, Orgel, Klavier und Schulmusik

ist gleichzeitig pädagogisch tätig und hat es in seinen Ensembles

mit Beifach Geschichte studierte. Die Orgelimprovisation, die

mit Menschen zu tun, die sich ausschließlich freiwillig engagieren,

im Kirchenmusikstudium gleichbedeutend neben Orgelliteratur-

weil sie die geistliche Dimension in ihrem Leben suchen? Nicht

spiel und Chorleitung unterrichtet wird, wurde für ihn mehr

selten hat man zudem das Privileg, in einzigartig schönen Räumen

und mehr zu einem Schwerpunkt neben dem künstlerischen

zu musizieren, in denen oft Jahrhunderte nachklingen. In der

Orgelspiel. 2003 wurde ihm beim Wettbewerb für gottesdienst-

Regel arbeitet man auf Vollzeitstellen zu akzeptablen Konditionen.

liche Orgelimprovisation in Heidelberg der erste Preis verliehen.

Die Berufsaussichten sind momentan entgegen aller Gerüchte

Im Jahr 2007 schloss er das Studium mit Auszeichnungen in

hervorragend.

Orgel, Improvisation und Klavier ab. Viele sehen dagegen die geringen Studierendenzahlen an nahezu Nach Kirchenmusikertätigkeiten in Stuttgart, Hamburg und

allen Musikhochschulen, außerdem die schwindende Bedeutung

Ahrensburg unterrichtete er zwei Jahre an der Hochschule für

der beiden Kirchen in unserer Gesellschaft und halten diesen Beruf

Musik und Theater in Leipzig künstlerisches Orgelspiel und Im-

für einen aussterbenden. In diesem Spannungsfeld bewegen wir

provisation. Auch an der Heidelberger Hochschule für Kirchen-

uns. Ich möchte gern dazu beitragen, dass die HfMDK eine der

musik hatte er bis vor kurzem einen Lehrauftrag für künstlerisches

ersten Adressen für die Ausbildung zu diesem großartigen

Orgelspiel sowie Stil- und Literaturkunde der Orgel. Konzerte

Beruf wird.“

führten ihn in das europäische Ausland und nach Japan.

62


PERSÖNLICHES

N MIT INNERER ENERGIE FÜR EMPATHIE Martina Peter-Bolaender geht als Professorin für Körperbildung, Bewegungstechnik und Tanz in den Ruhestand Von Thomas Heyer, Professor für Gesang Die Tür ging auf, sie stellte sich kurz vor und hörte dann einfach zu. Zuhörer bin ich gewohnt, so dass ich wie gewohnt weiter unterrichtete. Aber irgendwie war ihr Zuhören anders: ihre Haltung, ihre Anteilnahme, ihr Blick, nein besser: ihr röntgenhafter Körper-

immer die Mittwochseinheiten deutlich hörbar besser. Immer wieder

scanner. Sie war anders als alle anderen Körpertherapeuten. Als sie

fragte ich die Studenten, ob irgendwas Besonderes mittwochs vor

sich verabschiedete und bedankte, sagte ich mit der jugendlichen

unserer Einheit oder dienstagsabends vorgefallen sei. Erst nach

Überheblichkeit des frisch berufenen Professors: „Vielen Dank für

Wochen kamen wir darauf: „Nö eigentlich nix, außer, dass wir

Ihren Besuch – ich habe oft versucht, mit verschiedenen Körperthe-

immer vorher bei Martina sind.“ Ich wandte mich an Martina – und

rapieformen sinnvoll zusammenzuarbeiten, aber meistens hat das

bekam sogar eine Einzelstunde bei ihr. Was diese Frau kann und

wenig Sinn.“ Meine Erfahrungen in den Teamteachings in diesen

spürt und wie kraftvoll ein Mensch sein kann, hatte ich bisher so

Bereichen waren bis dahin nicht zu meiner Zufriedenheit gewesen –

noch nicht erlebt. Jahrelang war ich immer wieder bemüht, mit

und ich glaubte auch nicht, dass sich daran etwas ändern würde.

Feldenkraislern und Alexandertechnikern zusammenzuarbeiten –

Was hatte ich mich da getäuscht! Ich hatte mich in vielen Körper-

doch was Martina Peter-Bolaender kann, ist völlig einzigartig: Sie

therapieformen weitergebildet, dabei wich meine anfängliche

erfasst den Menschen und handelt eben nicht methodisch, sondern

Euphorie fast immer einer Enttäuschung. Zum allergrößten Teil

spürt individuell, was dieser spezielle Mensch gerade benötigt. Wir

stehen nämlich nicht individuelle Menschen, sondern die Methode

fingen an, im Team zu unterrichten: Ich erlebte uns beide wie eine

im Vordergrund, es werden nicht belegbare (esoterische) Behaup-

Einheit, die sich mit Wellnessfaktor um den einzelnen Studierenden

tungen aufgestellt, die jeder Wissenschaftlichkeit entbehren – oder

kümmert und ihn zum bestmöglichen Ergebnis führt. Man kann

es wird, wie in der Gesangspädagogik so oft – schlicht behauptet,

das nicht genau umschreiben bei ihr, denn wie in der Medizin weiß

dass diese eine Körperübung allen Sängern gleich gut helfen würde.

man nicht, ob es die Arznei oder aber der Arzt selbst ist, der heilt.

Zudem dachte ich immer, dass Körperarbeit ergänzend ganz nett sein kann, aber doch bitte keine sängertypologischen Kompensati-

Martina Peter-Bolaender war eine Kollegin, wie man sie sehr

onen lösen kann – weil eben der Klang beispielsweise nicht in den

selten hat: eine Fairness gegenüber Studierenden, ein unbedingtes

Knien gebildet wird. Oder die nicht ungewöhnliche Anweisung

Müssen – ohne Druck – und immer ein Ohr, welches für alle und

„Sei ein Baum“: Ich hab mich dann immer gefragt, wer von diesen

alles offen ist. So war sie in vielen Dingen sehr schlichtend, aber

Gesangslehrern denn schon mal ein Baum war und seit wann

auch sehr positioniert eingestellt und konnte ihre Standpunkte

Bäume in der Oper singen und woher ich nun wissen soll, wie sich

aufs Deutlichste vertreten. Das habe ich in ihrer charmanten Art

ein Baum fühlt, im Speziellen bei Puccini. Etwa ein halbes Jahr nach

immer sehr bewundert. Liebe Martina, wir haben alle von Dir

dieser fast vergessenen Geschichte unterrichtete ich regelmäßig

gelernt, und alle Sänger unserer Hochschule haben Deine Energie

mittwochs zwei Studenten, die ich ebenso dienstags, donnerstags

in ihrem Gesang. Auch ich habe davon ein klein wenig erhalten,

und freitags unterrichtete. Aus irgendeinem Grund waren aber

seit wir uns kennen – dafür bin ich dankbar.

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FRANKFURT IN TAKT 17/2

FÜSSE AUF DEM BODEN KOPF IM WIND

Von Prof. Dr. Dagmar Borrmann Vor einigen Jahren fand ich in einem Antiquariat ein kleines braunes Buch, der Umschlag hatte sich bereits etwas gelöst, und die Ecken waren brüchig: „Die Schauspielkunst“ von Johannes Scholtze. Es mag zu Beginn des letzten Jahrhunderts erschienen sein und wurde offensichtlich leidenschaftlich gelesen. Ein Kapitel

Prof. Dr. Dagmar Borrmann vertritt Marion Tiedtke, die während ihrer dreijährigen Beurlaubung stellvertretende Intendantin sowie Chefdramaturgin am Schauspiel Frankfurt ist, in dieser Zeit als Professorin und Ausbildungsdirektorin Schauspiel an der HfMDK.

handelt von den „Seelischen Zuständen und ihren charakteristischen Merkmalen“ – dergestalt, dass für jedes Gefühl eine bestimmte Körperhaltung, Gestik und Mimik vorgeschlagen wird. „Schüchternheit: Unselbständige Haltung, zaghafte, meist zwecklose Bewegungen, fortwährendes Wechseln des Standortes, erzwungenes Lächeln, Anfassen aller Möbelstücke. – Schrecken, Entsetzen: Plötzliche Furchterscheinungen in großem Umfange, beim Schreck plötzlich und vorübergehend, beim Entsetzen andauernd.“ Dieses Büchlein erinnert mich daran, dass die Gewissheit, was ein Schauspieler ist und wie Schauspielen geht, über die Herr Scholtze offenbar noch unbegrenzt verfügte, sich heute nahezu verflüchtigt hat. Zu aufgefächert und vielfältig sind die Spielweisen, die einem Schauspieler¹ heute zur Verfügung stehen müssen. Das Feld ist fluid, und selbst der noch vor wenigen Jahren gern als Gegensatz herangezogene Unterschied zwischen Stadttheater und Freier Szene existiert so nicht mehr. Es ist Alltag für einen Schauspieler, heute eine psychologisch-realistische Rolle in einem Stück von Tschechow, morgen eine Textfläche von Jelinek und übermorgen einen performativen Abend zu gestalten, in dem er möglicherweise seine eigene Geschichte erzählt. Diese Öffnung des Theaters stellt auch die Ausbildung vor neue Fragen. Was kann man lehren? Was sollte man lehren? Ist die Vermittlung von Handwerk überhaupt noch ein zeitgemäßes Ziel?

1: In diesem Artikel wird der Begriff „Schauspieler“ als Berufsbezeichnung verwendet, der die weibliche Form einschließt.

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PERSÖNLICHES

S In der mit ideologischer Verbissenheit geführten Debatte, die Authentizität auf der Bühne nur durch „echte“ Menschen realisiert sieht, die „echte“ Geschichten erzählen, wird der Begriff des Handwerks gerade grundsätzlich in Frage gestellt. Handwerk erscheint in diesem Kontext als etwas Technisches, eben Unauthentisches, das den Spieler von seinen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten eher entfremdet als sie ihm näher zu bringen. Die Kunst der Verwandlung, einst ein Masterkriterium des Schauspielerberufs, wird in dieser Debatte zum Taschenspielertrick. Woraus aber kann der Schauspieler Phantasie und Geschichten schöpfen, wenn er als Thema immer nur wieder sich selbst und seine eigene Perspektive hat? Die unendliche Feier des eigenen Selbst nimmt dem Theater ein wichtiges Moment: das der Repräsentanz. Dass eben nichts „wirklich“ geschieht, sondern stellvertretend und modellhaft – und so mit Abstand betrachtet und reflektiert werden kann. Selbstreferenzialität – ohnehin ein Problem des Theaters der letzten Jahrzehnte – wird durch diese Authentizitätsdebatte auf

Dagmar Borrmann ist gebürtige Dresdnerin, studierte in Leipzig Theaterwissenschaft und wurde an der Humboldt-Universität Berlin über das Thema „Theatrale Adaptionen epischer Literatur“ promoviert. 1984 ging sie als Chefdramaturgin ans Thalia Theater Halle und wechselte 1990 ans Schauspiel Leipzig, wo sie zunächst Dramaturgin für Gegenwartsdramatik, später dann Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin war. Das Deutsche Literaturinstitut Leipzig berief sie 2002 zur Gastprofessorin für Szenisches Schreiben. Von 2004 bis 2014 war sie als Chefdramaturgin für Schauspiel am Hessischen Staatstheater Wiesbaden tätig. Über 120 Inszenierungen, darunter zahlreiche Ur- und Erstauf-

der schauspielerischen Ebene zum Qualitätskriterium geadelt.

führungen, begleitete Dagmar Borrmann als Dramaturgin. Sie

Unabhängig von der ideologischen Rigorosität, mit der in dieser

Engel, Herbert Fritsch, Armin Petras, David Mouchtar-Samorai,

Debatte die mimetische Spielweise für gestrig erklärt wird, bleibt jedoch die Vermutung, dass mimetisches Spiel künftig nur eine Möglichkeit unter anderen sein wird. Wie können wir unsere Studierenden auf diese Praxis angemessen vorbereiten, ohne Moden hinterher zu laufen, die möglicherweise schon verflogen sind, wenn die Absolventen die Hochschule verlassen? Im Mai diskutierten Lehrende, Studierende und Alumni der Ausbildungsbereiche Schauspiel und Regie in einem open space über diese Fragen. Zwei Tendenzen schälten sich dabei heraus: das uneingeschränkte Bekenntnis zur Wichtigkeit von Handwerk – und der Wunsch, mehr Freiraum für die Entwicklung der eigenen Künstlerpersönlichkeit zu haben. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, scheint mir als Zukunftskonzept der Ausbildung unausweichlich, weil es die einzige Strategie ist, die Absolventen auf eine Theaterpraxis vorzubereiten, die wir noch nicht kennen. Einerseits Handwerk als Basis für alle nur möglichen Spielweisen. Und andererseits die größtmögliche Öffnung der Phantasie, der

arbeitete mit den Regisseuren Konstanze Lauterbach, Wolfgang Dietrich Hilsdorf, Andreas Dresen, Hermann Schmidt-Rahmer, Alexander Lang, Cesare Lievi, Herbert König, Manfred Beilharz, Johanna Schall, Tilman Gersch, Markus Dietz und anderen. Parallel zu ihrer Theatertätigkeit unterrichtet sie seit Mitte der 90er Jahre im Lehrauftrag an Hochschulen und Universitäten. Von 2006 bis 2014 lehrte Dagmar Borrmann an der Goethe-Universität Frankfurt Szenisches Schreiben. Einen Lehrauftrag für Theorie und Theatergeschichte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hat sie seit 2007. Dagmar Borrmann ist Autorin zahlreicher Fachartikel über Dramatik und Theater der Gegenwart. 2014 wurde ihre Bühnenadaption Spur der Steine nach dem gleichnamigen Roman von Erik Neutsch in Magdeburg uraufgeführt. 2015 folgte die Uraufführung des Stückes Kruso nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler. Dagmar Borrmann ist Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.

eigenen Kreativität und der künstlerischen Selbstbehauptung. Die Füße auf dem Boden, den Kopf im Wind.

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VOM WUNDER DES ZUSAMMENKLANGS Tim Vogler ist neuer Professor für Streicherkammermusik

Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle … Ich bin der Nachfolger von Prof. Hubert Buchberger und habe mein ganz persönliches Arbeitsfeld außerhalb meines eigenen Streichquartettes gefunden, darf gestalten und meine subjektiven künstlerischen Erfahrungen einbringen im Umgang mit den Kammermusikensembles dieser Hochschule, ein unfassbares

Foto: Matthias Ellinger

Geschenk in meinem Leben als Primarius des Vogler Quartetts. Geboren und aufgewachsen in Ostberlin und seit 1985, meinem

Nachdenklichkeit stellt sich ein, während ich hier schreibend

zweiten Studienjahr an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“

sitze. Was ist mir eigentlich besonders wichtig, was möchte ich

Berlin, in das Streichquartettspiel hineingewachsen. Schnell hat

grundlegend vermitteln? In den Jahren, in denen ich die jeweilige

die Kammermusik viele Aspekte meines gesamten Lebens maß-

Gegenwart miterleben durfte, ist mir vor allem stetige Veränderung

geblich mitbestimmt. Ich hätte das damals nie gedacht, aber heute,

aufgefallen. Unser Wunsch, Dinge und glückliche Situationen

32 Jahre später, sehe ich, dass mein Leben mit dem Kammer-

festzuhalten, Sicherheiten zu haben, befindet sich fortwährend im

musikgedanken sehr eng verwoben ist und es unbedingt auch

Konflikt mit der Notwendigkeit, sich jeden Tag aufs Neue den

bleiben soll.

Gegebenheiten zu stellen. Neu zu sein, frisch und offen. Immer wieder Anfänger zu sein.

Wenn ich in kurzen Worten sagen darf, was dieses Leben als Kammermusiker, Quartettspieler ausmacht, ist es vor allem eine

Ich wünsche mir, den mit mir arbeitenden Studierenden einen

komplexe Vielseitigkeit, die mir zuteil geworden ist. Der tägliche

Fundus vermitteln zu können, aus dem sie aus den verschie-

Umgang mit großartiger Musik. Das Arbeiten in einem intimen

densten, in ihrem musikalischen Leben auf sie zukommenden

sozialen Miteinander mit den Kollegen, nicht alleine sein zu

Situationen schöpfen können, um aus aller Etikette heraus

müssen …, aber doch im ständigen „Mit-sich-selbst-Sein“ die

persönlich zu dem zu finden, was es unseren Beruf wert macht,

vitalisierenden Aspekte von „Musik-machen-Dürfen“ immer

ihn überhaupt auszuüben. Natürlich gehört Handwerk dazu; was

wieder neu zu erfahren, dem Leben selbst nahekommen zu kön-

taugt ein Tischler, der keine vier geraden Tischbeine hinbekommt.

nen. Mehrdimensionales Zuhören, eine Klangvorstellung über

Aber: eine Idee wachsen zu lassen, aus einer Klangvorstellung

die koordinierte Bewegung in Klang umzusetzen. Tasten, atmen,

heraus den Moment entstehen zu lassen, das Wunder des Zusam-

innere Gefühle preisgeben lernen und leben dürfen. Ungeachtet

menklanges erleben zu dürfen. Das Vergessen des Alltages und

der zweifellos vorhandenen, täglich zu lösenden Schwierigkeiten

das Leben im Moment. Das ist es, worum es geht.

und der kurzlebigen Modeerscheinungen im Konzertleben dem eigenen Weg zu folgen.

Ich freue mich auf eine inspirierende Zusammenarbeit! Ihr Tim Vogler

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PERSÖNLICHES

T IM (SELBST-) PORTRAIT Prof. Günther Albers, musikalischer Leiter der HfMDKGesangsabteilung

Dreitausendundachtzig Zeichen zur Beschreibung meiner Person sowie meiner künstlerischen und pädagogischen Abund Einsichten. In 21 Tweets. (1) Umgeben von Klängen, von Musik, öffnet dem Kleinkind sich das Ohr. Nachahmen der Klänge durch die Stimme. Miteinander singen. – – – Zuhören. (2) Der Griff nach den Sternen mit hochgerecktem Arm landet auf den Tasten des Klaviers. „Wie lange spielst du schon Klavier?“ – „Schon immer.“ (3) Der Vater prägt den Zugang zur Musik: Intuition und Bildung, Theorie und Praxis.

Freischütz, Don Giovanni, Simplicius Simpli … (12) „Never

Hoher Ernst und leichtes Spiel. Komponieren. Improvisieren. (4)

conduct a piece first time“, sagte Y. Menuhin, „Wer nicht 10 Jahr’

Die Orgel erweitert die Möglichkeiten: Die Fußarbeit steigert die

am Theater is’, mit dem red’ I gar ned“ der sehr verehrte F. Layer

Verkörperlichung der Musik, der Kirchenraum sprengt das Wohn-

(13) Deutsche Oper am Rhein – erste Erfahrungen als Pädagoge

zimmer. Bach. (5) Das Klavier – die erste Liebe und doch: Das

mit dem Internationalen Opernstudio. Schon damals als dringen-

Instrument bleibt ein Mittel zum Zweck des Musizierens. Das

des Anliegen erkannt: (14) Körper und Stimme sind die Basis.

Musizieren ein Weg sich mitzuteilen. (6) Die Musik ist eine

Positionsbestimmung des reifen(-den) Künstlers notwendige

geistige Kunst. Sie findet statt, auch wenn sie nicht gespielt wird.

Voraussetzung zur Selbstwerdung. Für die Kunst. (15) Inspirie-

Man kann Musik auch denken, fühlen. Nicht nur hören. (7)

rende Begegnungen: Peter Eötvös, (dt. EA Tre Sestri), dessen

„Gemeynt und geschissen ist zweierley“ – Mozarts Erkenntnis

Kompositionen meinen Glauben an die Zukunft der Gattung Oper

hilft dem Teenager beim Spagat zwischen Realität und Anspruch.

stärken, (16) Gerhard Stäbler, (UA Madame la Peste), der mir

Dehnungsübungen. (8) Studium als großer Entfaltungsraum.

die Welt der Performance zeigte, Rupert Huber, der Geist und

Das Klavier wird zu eng, ein Orchester muss her. „Prometheus“

Handwerk integriert wie wenige, (17) Nikolaus Harnoncourt, der

als Namensgeber für das eigene Ensemble. (9) Ives-Bach-Ligeti.

dem unbekannten jungen Hospitanten bereitwillig und geduldig

Schubert-Webern. Beethoven-Stravinsky. Die Dramaturgie des

alle Fragen beantworte, Christian Thielemann, (18) der Orchester-

jungen Dirigenten sucht im Kontrast nach dem Unverwechsel-

klang wie ein Bildhauer mit Händen gestalten kann, prägend dann

baren. (10) Mit dem Musiktheater bricht ein kaum erschlossenes

die intensiven Berliner Jahre mit Daniel Barenboim, Sir Simon,

Universum in die Welt des 24-Jährigen. Korrepetitor in Essen,

(19) Ingo Metzmacher, Michael Gielen, Kyrill Petrenko, die dem

2. Kapellmeister in Münster (11) Schauspieldirektor, Hänsel und

fortgeschrittenen Musiker jeder auf ihre Weise ausdrücken: dir

Gretel, Giulio Cesare, The Rake’s Progress, West Side Story, Der

selbst sei treu! (20) Dem Musiker, der am Klavier, am Pult, in der Lehre, im Konzertsaal wirken möchte, wird der Probenraum zu eng, der Weg an die HfMDK eröffnet (21) neue Perspektiven. Dialektik Lernen-Lehren, Vision-Realisation, das Äußere nach innen holen sowie das Innere nach außen kehren. Ermutigen!!!

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FRANKFURT IN TAKT 17/2

ERFOLGE UNSERER STUDIERENDEN Eine Auswahl

Josephine Bastian, Violoncello (Klasse Prof. Michael Sanderling),

Schoeder Wettbewerb den Hauptpreis und wird auf Juryvorschlag

ist seit August 2017 Mitglied in der Orchesterakademie des Rund-

zusätzlich durch ein Solokonzert mit der Max-Bruch-Philharmonie

funk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB). ● Sandro Hirsch, Trompete

(Loh-Orchester) gefördert. ● Enea Cavallo, Harfe (Klasse Prof.

(Klasse Prof. Klaus Schuhwerk), ist in die Studienstiftung des

Françoise Friedrich), hat den 1. Preis im Wettbewerb „Les 2èmes

deutschen Volkes aufgenommen worden. ● José Luis Gonfer,

Rencontres Internationales de la Harpe en Ile de France“ gewon-

Oboe (Alumnus Klasse Prof. Fabian Menzel), hat beim „Dunshan

nen. ● Die HfMDK Concertband errang beim Landeswettbewerb

symphonic wind orchestra“ in Beijing/China das Probespiel um

„Jugend jazzt“ in der Altersklasse 2 den 1. Preis mit 23 Punkten. ●

die Stelle der Solo-Oboe gewonnen. ● Luisa Hülsmann, Oboe

Hans-Christian Hegewald, vierter Jahrgang Schauspiel, erhielt

(Klasse Prof. Fabian Menzel), ist in die „Studienstiftung des

beim Schauspielschultreffen in Stuttgart einen der beiden begehrten

Deutschen Volkes“ aufgenommen worden. ● Sven Bauer, Klavier

Einzelpreise. Der Preis ist nach der verstorbenen Schauspiel-

Konzertexamen, gewann den Grand Prix bei der International

dozentin Marina Busse benannt und mit 1.000 Euro dotiert. ● Das

Music Competition „Melos“ 2017 in Rom, den 1. Preis beim Inge

Gutfreund Trio wurde bei der 18. Ausgabe des internationalen

Murjahn Preis der Da Ponte Stiftung Darmstadt sowie erste Preise

Wettbewerbs „Premio Trio di Trieste“ in Italien mit dem dritten

bei weiteren internationalen Wettbewerben in England, Griechen-

Preis ausgezeichnet. Das Gutfreund Trio, bestehend aus Jens Adrian

land, Italien und den USA. ● Lena Ganter, Theater- und Orchester-

Fischer (Klavier), Julian Fahrner (Violine) und Bogdan Michael

management, ist seit dem 1. März Produktionsleiterin für Konzerte

Kisch (Violoncello), wird von Prof. Angelika Merkle im Konzert-

und externe Formate an der Elbphilharmonie Hamburg. ●

examen Klavierkammermusik betreut und ist das erste Ensemble,

Charlotte Hesse, Theater- und Orchestermanagement, wurde

das in diesen Studiengang an der HfMDK aufgenommen wurde.

Produktionsleiterin an der Ruhrtriennale. ● Ronja Macholdt,

● Lisa Eder, dritter Jahrgang Schauspiel, Ioulia Kokkokiou,

Flöte (Jungstudentin Klasse Prof. Paul Dahme), ist Stipendiatin

Master Contemporary Dance Education, und Christian Meusel,

des Gerd Bucerius-Stipendiums der Deutschen Stiftung Musik-

Bachelor Tanz, sind neue Stipendiaten der Studienstiftung des

leben. Weiterhin erspielte sie sich beim bundesweiten 21. Carl-

deutschen Volkes.

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Flügel für Meisterklassen Das perfekte Instrument für Hochschulen und Konservatorien

Inspiration has a new sound. Durch die gemeinsame Entwicklung mit führenden Professoren in Europa, Russland und den USA sind die Flügel der Yamaha SX Serie die perfekten Instrumente für Konservatorien und Lehreinrichtungen. Dank ihres warmen Tones, ihrem reichen tonalen Spektrum, ihrer direkten Ansprache sowie der legendären Yamaha Stimmstabilität eignen sich alle vier Modelle für ein vielfältiges Repertoire. Lehrer und Studenten werden diese neue Meisterklasse des Klavierbaus gleichermaßen genießen. Entdecken Sie die Yamaha SX Serie bei Ihrem Yamaha Fachhändler oder unter www.yamaha.de


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Profile for HfMDK Frankfurt

Frankfurt inTakt - Wintersemester 2017/18  

Das Hochschulmagazin der HfMDK Frankfurt am Main widmet sich im Wintersemester 2017/18 dem Schwerpunktthema "Kunst und Gesellschaft".

Frankfurt inTakt - Wintersemester 2017/18  

Das Hochschulmagazin der HfMDK Frankfurt am Main widmet sich im Wintersemester 2017/18 dem Schwerpunktthema "Kunst und Gesellschaft".

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