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Feedback und Kritik


Unsere Initiative:

Kundennähe und Spezialkompetenz. Als Spitzeninstitut für die rund 900 Genossenschaftsbanken in Deutschland fungiert die DZ BANK als Impulsgeber für die gesamte Genossenschaftliche FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken. Zusammen verbinden wir regionale Kundennähe mit globaler Finanzmarktexpertise und bieten ein flächendeckendes Allfinanzangebot, sehr hohe Bonität und individuelle Lösungen für den Mittelstand. Alles rund um unsere Produkte erfahren Sie unter dzbank.de


EDITORIAL Feedback und Kritik

Kaspar Hauser ist Legende. Und er lebte.

Nicht anders ist es in den Künsten. Des-

Doch ganz wurde das Geheimnis um den

halb beschäftigen wir uns in diesem Heft mit

jungen Mann, der mit 16 aufgefunden wurde

dem Thema Feedback und Kritik. Und wir

und angab, ohne jeden Kontakt zu Menschen

berichten einmal mehr, was uns beschäftigt.

aufgewachsen zu sein, nie gelüftet. Aber er erregte Aufmerksamkeit – bis heute. Denn

In eigener Sache: In der letzten und in dieser

seine erfundene oder wahre Geschichte steht

Ausgabe experimentieren wir mit Layout

quer zu allen Erfahrungen, die wir mit Kin-

und Erscheinungsbild von Frankfurt in Takt.

dern machen. Kinder benötigen Nähe, Zuwen-

Wir wünschen uns, dass Sie das Magazin

dung, Menschen allen Alters um sich, zum

gerne in die Hand nehmen, darin schmökern,

Schutz, als Vorbild. Kleine Kinder schlafen

erst hier lesen, dann dort hängen bleiben.

gut in Gesellschaft, sie ängstigen sich dagegen

Denn wir wollen Ihnen von uns erzählen,

in der Stille, wenn sie keine Stimmen hören.

Einblicke in die Hochschule geben, Sie für

Sie wollen beachtet, ermuntert, gelobt werden.

Kunst und Lehre begeistern, über Studierende

Auf dem Spielplatz erscheint übertrieben,

und Lehrende informieren, Sie einladen,

wie sich Eltern für die Klettertouren ihrer

unsere Veranstaltungen zu besuchen, Freund

Sprösslinge begeistern, fast hysterisch Jubel-

und Förderer zu werden.

schreie ausstoßen über gebackene Sandkuchen. Aber was machen sie: Sie geben

Geben Sie uns gerne ein Feedback,

Feedback, bestätigen dadurch die Kinder in

was Ihnen am Magazin gefällt:

ihrem Tun. Sie meckern aber auch – tu dies,

fit@orga.hfmdk-frankfurt.de

pass auf, nicht in die Pfütze, wo ist Deine Mütze, mit Sand wirft man nicht –, so geht es

Ihr

im Wechsel von Lob und Tadel immerfort. Die Kinder scheint es nicht zu stören, im Gegenteil, sie suchen diesen Dialog. Er scheint einen Kern von Menschsein zu treffen: Wir

Elmar Fulda

wollen Bestätigung, suchen die Rückmeldung von außen zu unserem Tun.

1


Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

Klassisches Tanztraining mit Nora Kimball-Mentzos und Theresa Frische

2


Altistin Dalila Djenic´ beim Meisterkurs mit Franz Hawlata

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INHALT

Sandro Hirsch Pult-Diplomatie Was Orchestermusiker von Dirigenten erwarten

Sommersemester 2019

www.hfmdk-frankfurt.de

Tim Vogler Ich bin o.k., Du bist o.k. Über die Kunst der Kritik in Kammermusikensembles

6 18

Michael Schneider Mitleid mit den Juroren Warum Bewertungen musikalischer Wettbewerbe niemals objektiv sein können

THEMA 11 Georg Weinand

24 Vassilis Christopoulos

Tipps und Tricks statt Pflicht und Urteil

Klarinette zu hoch, Hörner zu laut!

DasArts schafft spielerische Rahmen-

Warum der Erfolg einer Orchesterprobe

bedingunen für konstruktive Feedback-

maßgeblich vom pädagogischen Geschick

Prozesse

des Dirigenten abhängt

15 Norbert Abels

28 Henrik Rabien

Gerechtigkeit

Einladung zum Ensemble-Flow

Ein kulturphilosophierender Exkurs

Kommunikations-Ideale in der

über ein heikles Thema

Orchesterarbeit

16 Thomas Schmidt

32 Henriette Meyer-Ravenstein

Möglichkeitsräume

Befreiung aus dem Hamsterrad

Über Gerechtigkeit gesellschaftliche

Vier Szenen im Umgang mit

Zukunft eröffnen

Feedback und Kritik

20 Lorna Lüers

34 Esa Tapani

Kopfüber – Grüße aus Down Under

Werkstattgespräche

Das Eliot Quartett über Publikumsfeedback

Über Feedbackprozesse zwischen

und Präsenz in den sozialen Medien

Werk, Komponist und Interpret

22 INTERVIEW

36 Ingo Diehl

Eva Maria Pollerus, Eike Wernhard

Feedback und Kommunikation zur

Die Ohren der anderen

Stärkung der Selbstkompetenz

Die heilsame Kritik fachfremder Kollegen

4

25


Sibylle Cada und Maria Spychiger Fehlerkultur & Feedbackkultur Ein wechselseitiges Verhältnis

26 HOCHSCHULE 44 Offen für das Andere Deutschlandstipendiat Leon Häder im Interview mit seinem Förderer Frank Schumann

40

Interview Gesellschaftliche Teilhabe durch Kunst Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig und Hochschulpräsident Elmar Fulda im Gespräch

46 Brian Ferneyhough 2019 als Stiftungsgastprofessor an der HfMDK 48 Langer Atem Michael Schneider geht in den Ruhestand 50 Suche nach klanglichen Utopien Florian Hölscher ist neuer Professor für Klavier 51 Spitzenförderung auf breiter Basis Young Academy der HfMDK 52 Tenor auf Umwegen Verschlungene Lebensläufe unserer Alumni Folge 10: Sebastian Kohlhepp

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

ICH BIN O.K., DU BIST O.K. Über die Kunst der Kritik in Kammermusikensembles Von Tim Vogler

Geigerin Asilkan Okeev

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Ich bin o.k., Du bist o.k.

Konstruktives Feedback findet im Spannungsfeld von Wertschätzung, Offenheit und verschlüsselten Botschaften statt. Als ich selbst Student war in Berlin, Anfang der 80er Jahre, gehörte zu meinem Studienplan ein Kurs in Psychologie. Behalten habe ich daraus bis heute als langfristigen Denkanstoß den Titel und damit die Kernaussage des Buches von Thomas A. Harris „Ich bin o.k. Du bist o.k.“. Dieser Buchtitel versinnbildlicht in wunderbarer Weise einen Hauptgrundsatz aller gesunden menschlichen Kommunikation, und um diese geht es ja bei der Arbeit in der Kammermusik. Mir gefällt an diesem Buchtitel sehr, dass es hier nicht nur und erstrangig um die Wertschätzung der jeweils anderen geht, sondern zuallererst um ein gesundes Selbstwertgefühl. Denn nur, wenn ich mich selbst achte, mir zutraue, etwas Wertvolles sagen zu können, werde ich die Courage aufbringen, meine Meinung zu äußern. Und genau dieses Vertrauen in das eigene Selbst sollte man auch seinen Mitmenschen zugestehen. Zu einem gesunden Selbstwertgefühl gehört die Fähigkeit, Selbstkritik zu üben. Ein gutes Maß an Selbstkritik zu finden ist nicht einfach, denn sie soll ja nicht den ganzen Menschen in Frage stellen, sondern nur, sagen wir, Teilbereiche. Dafür brauchen wir Offenheit. Zum Umdenken, zum Korrigieren von Fehlern, die wir gemacht haben. In der Musik kann das zum Beispiel die Intonation betreffen. Eine Note war unsauber. Zuerst hören wir es, analysieren den Zuhörprozess und die Bewegungen und versuchen, den Fehler zu korrigieren.

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

Wenn jetzt der Hinweis, dass die Note nicht

Vielleicht meint derjenige, der den Vor-

Erfahrene Kammermusiker sind virtuos da-

sauber gespielt war, nicht von uns selbst

wurf des „Immer-unsauber-Spielens“ erhebt,

rin, die Kommunikationsebenen zu wechseln.

gekommen ist, sondern von einem Ensemble-

eigentlich „du hast wieder nicht geübt“ oder

So kann auch in einem lange bestehenden

kollegen, ändert das eigentlich nichts an

auch „du hörst nicht zu“ oder „du hast die

Ensemble die intuitive Ebene gut funktionie-

dem Sachverhalt, dass sie nicht sauber war.

Partitur nicht gelesen und weißt harmo-

ren, will heißen proben ohne viel zu sprechen.

Es ist also eigentlich egal, ob man sich selbst

nisch nicht Bescheid“.

Es geht eher um hören, sich aufeinander ein-

kritisiert oder ob die Kritik von jemand

lassen. Offen sein. Und in anderen Situationen

anderem kommt. Wir sollten versuchen, in

Das eine zu sagen und eigentlich etwas ganz

wird dieselbe Gruppe wild diskutieren, um

beiden Fällen die Offenheit zu besitzen, die

anderes zu meinen, diese Gefahr ist immer

musikalische Richtungen oder Entscheidun-

Kritik in eine Qualitätsverbesserung um-

vorhanden. Bei uns allen. Anderes Beispiel:

gen ringen. Welches Tempo, welche Dyna-

zusetzen.

„Kannst du in Takt X ein bisschen mehr

mik. Welcher Ausdruck. Das sind Prozesse,

spielen, man hört dich gar nicht?“ „Wieso,

in denen man sich aneinander reibt.

Vielleicht gibt der Kollege sogar einen hilf-

ich habe da Piano stehen, dann spielt doch

reichen Hinweis, wie das gewünschte Ergeb-

alle leiser!“ Es kann gut sein, dass der Kriti-

Die generelle Aussprache sollte es von Zeit

nis leichter zu erreichen ist. Das wäre dann

sierende als verschlüsselte Botschaft senden

zu Zeit auch geben. Hier können allgemeinere

Kritik plus Hilfestellung, eine wertvolle

möchte, dass der Mitspieler sich ruhig ein

Dinge thematisiert werden, alles sozusagen,

Kombination. Es kann aber auch sein, dass

bisschen mehr engagieren könnte. Und der

was das Zusammensein in dieser Gruppe

der Hinweis „Note X war nicht sauber“

Kritisierte fühlt sich zu Unrecht beschuldigt,

betrifft. Pünktlichkeit, Effizienz, Vorbereitung,

gespickt wird mit dem Hinweis „diese Note

hat er vielleicht in gerade diesem Moment

Kleidung, allgemeines Verhalten. Dinge, die

ist immer unsauber“ oder schlimmer „du

versucht, ein besonders sensibles Piano

mit der Zeit anfallen und das harmonische

spielst alles immer unsauber“.

hinzulegen.

Miteinander stören. Denn wir stecken ja als Kammermusikensemble in einem immer-

Hier befinden wir uns bereits in der riesigen

Liebe Leser, wir befinden uns in der Kunst.

währenden Prozess der Selbsterziehung.

psychologisch heiklen Grauzone der Kom-

Hier ist vieles subjektiv. Kann sein, beide

Wir wollen weiterkommen, besser werden.

munikation zwischen Menschen, in welcher

haben recht. Das ist übrigens sehr oft der

Dafür braucht es sowohl Selbstkritik als

kleine Anlässe wie diese eine unsaubere

Fall. Ein „sowohl als auch“ ist in vielen Situ-

auch Kritik untereinander. Aber solange wir

Note dazu benutzt werden, Botschaften zu

ationen möglich und sogar eine gute Lösung.

uns selbst und uns gegenseitig wertschätzen,

versenden, die, siehe oben, das gesunde

Erinnerung an Unterrichte György Kurtágs

wird es dabei auch keine andauernden

Selbstwertgefühl des Mitspielers angreifen

mit meinem Quartett: Sein „Ihr müsst das

Probleme geben.

können. Wir befinden uns plötzlich in einer

Decrescendo spielen wie ein Crescendo“

Arena. Solche Arenen gibt es überall im Leben,

oder „das Piano muss wie ein Forte gespielt

Als Letztes: Eine humorvolle Sicht auf die

wo Menschen aufeinander treffen. In der

werden, mit der gleichen Intensität“ werde

Dinge ist durchaus empfehlenswert. Und

Ehe zum Beispiel. „Berta, das Ei ist hart“,

ich nie vergessen.

wer immer einmal ein kleines Lächeln ein-

ein berühmter Sketch von Loriot, versinn-

schiebt, kommt leichter durch das (kammer-

bildlicht diese Art von Kommunikation auf

Kritik ist immer ein Balanceakt. In langjäh-

lustige Weise.

rig bestehenden Ensembles muss, wie ich glaube, die Kritikfähigkeit intensiv geschult

Tim Vogler ist Professor für

werden, und es ist unerlässlich, auch tief-

Streicherkammermusik.

gehende Problematiken zu thematisieren. Jeder von uns kennt es: Spielen wir einmalig mit wenigen Proben und noch unbekannten Partnern zusammen, kann man gerade so die Striche und gewisse Äußerlichkeiten vereinbaren, wie f oder p, cresc. Alles andere läuft auf intuitiver Ebene ab.

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musikalische) Leben.


Sängerin Josy Santos im Meisterkurs fßr Lied mit Helmut Deutsch

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik Probe zum SchauspielAbsolventenvorspiel 2017 mit Dozent Marc Prätsch

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Tipps und Tricks statt Pflicht und Urteil

TIPPS & TRICKS STATT PFLICHT UND URTEIL DasArts schafft spielerische Rahmenbedingunen für konstruktive Feedback-Prozesse

Von Georg Weinand

Die künstlerische Vielfalt ist unendlich – genauso verhält es sich auch mit den Reaktionsmöglichkeiten darauf: Teilweise sind sie spontan oder gesteuert, emotional oder intellektuell, wortkarg oder wortgewaltig – um nur die verbalen Optionen zu berücksichtigen. Neben dem Inhalt der Äußerung sind vor allem das Verhältnis von Autor und Reagierendem sowie das Umfeld, in dem die Rückmeldung erfolgt, signifikant für die Wirkung jedes Feedbacks. Die Umgebung und das Verhältnis von „Feedbacker“ und Rezipient entscheiden darüber, welche Wirkung eine Äußerung entfalten kann. Ist der Kommentar korrigierend, besserwisserisch, urteilend, bewertend? Bezieht sich das Feedback auf die Person oder die Arbeit?

Feedback verzichtet auf Bewertung. Es greift vorhandenes Potenzial auf, lässt dem Künstler aber die Freiheit, wie er damit umgeht.

Diese „Zweiteffekte“ werden häufig systematisch unterschätzt und entscheiden letztendlich über die Nachhaltigkeit von Feedback – also den Lerneffekt des ExpertiseTransfers jenseits von Bewertung und persönlichem Geschmack. Die FeedbackFormate, die u. a. bei „DasArts“ in Amsterdam entwickelt und gesammelt worden sind, nehmen diese „Rahmenbedingungen“ in den Fokus. Es geht strukturell darum, Austauschsituationen zu schaffen, in denen Expertise präzise, arbeitsbezogen und direkt kollektiv artikuliert und rezipiert werden kann. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, den grundsätzlichen Unterschied zwischen Kritik und Feedback hervorzuheben. Die Kritik neigt zur Beurteilung: War eine Aufführung gut oder schlecht, falsch oder richtig, innovativ oder abgedroschen? Bei

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

solchen Kommentaren wird das Objekt der Betrachtung zu einem fiktiven „Ideal“ in Bezug gesetzt und hängt die Kritik von Abweichung von oder Nähe zu diesem Ideal ab. In Ermangelung eines gemeinsamen „Eichpunktes“ kann die Kritik nur sehr begrenzt wirken. Der Kommentar rutscht damit immer mehr ins Persönliche, in den

Alles Gesagte wird nicht ungefragt artikuliert, sondern ist die Antwort auf eine aufrechte Frage des Autors.

Bereich des Geschmacks ab und büßt damit an Relevanz ein. Anders ist die Situation, wenn es nicht um das Feedback auf eine künstlerische Darbietung insgesamt geht, sondern um das Erlernen einer bestimmten Technik, die als

Kritik und Urteil schauen zurück,

Geht es darum, Kreativität und Individu-

Zielvorgabe klar definiert sein kann. Hier

Feedback nach vorn

alität zu fördern, für Unbekanntes neue

kann „der Meister“ der Schülerin oder dem

Kritik bemisst Abstände und eignet sich

ästhetische Formen zu entwickeln, Autoren-

Schüler mit auf den Weg geben, wie weit

somit zum Erlernen bestehender Technik.

schaft zu erlernen – dann sind andere Mittel

weg er oder sie sich noch vom Ideal befindet;

Hier kann es hilfreich sein, „so nicht“ zu

gefragt. Dann geht es nicht darum zu beur-

was zu tun ist, um sich dem Ideal zu nähern.

sagen. Geht es hingegen um produktive

teilen, sondern vorhandene Expertise von

Gibt es stilistische, womöglich im histori-

Kommentare in einem Lernprozess bezüg-

Lehrenden und Lernenden möglichst wir-

schen Kontext verankerte Fragen? Geht es

lich kreativer Prozesse, die Einfallsreichtum

kungsvoll einzusetzen. Die letztendliche Ent-

um einen künstlerischen Schaffensprozess,

und Individualität zwangsläufig in die Kunst

scheidung über die Verwendung der Exper-

der unter Verwendung bestehender Techni-

mit einschließen, befinden wir uns in einer

tise bleibt beim Studierenden.

ken neue Formen zutagefördern will?

ganz anderen Situation. Es gibt hier keinen „Eichpunkt“, zu dem man sich verhalten

Die DasArts-Formate stellen eine solche Dis-

könnte. Beide sind und bleiben hier Lernende

position zum vielfältigen Expertise-Transfer

mit unterschiedlicher Expertise.

zur Verfügung. Sie urteilen und bewerten nicht, sie entscheiden nicht, wie es weiter

Feedback zu kreativen Prozessen unter-

geht. Sie schaffen unter kollektiver Beteili-

stützt nur dann den Lernprozess, wenn das

gung aller eine demokratische Sammlung

Gefälle in der Expertise produktiv einge-

von Beobachtungen, Eindrücken, Erfahrun-

setzt werden kann. Dem steht ein Urteil,

gen, Vorschlägen. Teils sehr konkret, teils

eine Meinung aber gerade im Weg. Soll

sehr abstrakt – aber für alle nachvollziehbar

Expertise konstruktiv fördernd eingesetzt

und vielfältig. Ohne jede Bewertung oder

werden, ist es ratsam, Beurteilung zu ver-

Vorentscheidung. Sie behandeln den Autor

bannen. Urteile verhindern das Produktive,

als Künstler in spe und nicht als Schüler

ähnlich wie Persönliches oder spontane

eines Kunsthandwerks. Dadurch eignen sie

emotionale Reaktionen. Bewertungen und

sich auch nicht als Bewertungssystem, das

produktives Feedback sollten daher unbe-

andere Parameter voraussetzt und andere

dingt voneinander getrennt werden. Beides

Aufgaben erfüllt.

hat in der künstlerischen Ausbildung zweifellos seinen Platz, aber nicht gleichzeitig und nicht mit identischen Mitteln.

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Tipps und Tricks statt Pflicht und Urteil

Es geht um die Arbeit und

Um diesen Raum herzustellen, operieren

Erstens vermeidet sie eine „Opfer-Täter-Dy-

nicht die Person

die Feedback-Formate mit einer Reihe ganz

namik“: Ich zeige, ihr urteilt. Alles Gesagte

Nahezu alle Formate des Feedbacks beziehen

konkreter Spielregeln. Sie haben einen hohen

wird nicht ungefragt artikuliert, sondern

sich direkt auf die Arbeit und nicht auf die

Grad an Künstlichkeit und wirken vor allem

ist die Antwort auf eine aufrechte Frage des

Künstlerperson. Um das auch physisch er-

anfangs oft einschränkend. Je mehr man sie

Autors. Zweitens erfordert es seine selbstbe-

fahrbar zu machen, nimmt die Künstlerin

allerdings nutzt, umso klarer wird der krea-

zogene Standortbestimmung, die, im Gegen-

oder der Künstler in den verschiedenen Set-

tive Spielraum, umso höher der Genuss an

satz zur Nabelschau, eine Außenperspektive

tings nicht an dem Austausch aktiv teil: Hier

der präzisen Beschreibung. Die „Feedbacker“

verlangt. Dieser Aspekt der Selbst-Positionie-

findet kein Dialog oder Gruppengespräch

beginnen mit den Regeln zu spielen, und das

rung ist nachhaltiger und wirkt sich positiver

statt; hier wird nicht diskutiert oder mit Argu-

Setting entwickelt seine eigene Dynamik.

auf die weitere Entwicklung der Künstler-

menten, Macht oder Erfahrung um einen

identität aus als landläufig angenommen.

Konsens gerungen. Die Arbeit spricht für

Ein entscheidender Mechanismus, um Kritik

sich, und das Feedback bezieht sich auf das

und Beurteilung zu vermeiden, ist ein voran-

Gerade buntes, durchaus widersprüchliches

Dargebrachte. Die Autorin oder der Autor

gestelltes Statement der Autoren. Bevor eine

Feedback von Gleichgesinnten ist ein Training

nimmt vielmehr die Position eines „Zeugen

Arbeit überhaupt gezeigt wird, erläutert die

darin, sich als Künstler zu identifizieren

des Gesagten“ ein, wird aber in keiner Weise

Studierende oder der Künstler den Status

und eine eigene Position einzunehmen, von

in ein Gespräch verwickelt oder muss gar

des Dargebotenen (Woran arbeite ich? Was

der aus er oder sie die Stimme erhebt – in

Erläuterungen geben oder sich rechtfertigen.

ist mein Ziel? In welchem Stadium befinde

der Kulturlandschaft, in der Welt. Nach Jah-

Ein „Sekretär“ sammelt daher das Feedback

ich mich? Worauf will ich mit dieser Arbeit

ren der Praxis mit Feedback glaube ich daher,

und achtet auf Verständlichkeit und Präzi-

langfristig als Künstler hinaus?). Außerdem

dass gerade diese Einladung zur künstleri-

sion, so dass die ganze Gruppe kollektiv

wird aktiv geklärt, welche Fragen gerade

schen Entscheidung und die Selbstpositionie-

Kommentar um Kommentar beiträgt, bis ein

wichtig sind und wozu man Feedback braucht.

rung jenseits von Bewertung und Urteil die

sehr facettenreiches, durchaus widersprüch-

Es geht also gerade nicht darum, die Dinge

nachhaltigste Wirkung ist, die Feedback, nicht

liches Gesamtbild entsteht. Es geht um die

in eine Feedback-Runde einzubringen, bei

Kritik, zustandebringen kann.

Arbeit (nicht die Person), und es wird nicht

denen man sich sicher ist (um gute Noten

bewertet. Dieses wertfreie Gesamtbild wird

zu erhalten), sondern um diejenigen, zu

Georg Weinand war Mitglied des Ausbil-

dem/der Autorin überlassen und er/sie ist als

denen es tatsächlich noch offene Fragen gibt

dungsteams von DasArts, der Theaterfakultät

Künstler frei – und verdammt – zu entschei-

(auch das ein entscheidender Unterschied

der Amsterdamer Hochschule der Künste, und

den, wie es weitergehen kann. Hier kommen

zur Benotungs-Situation, in der man natür-

arbeitet gegenwärtig als Kurator für mehrere

sowohl sehr abstrakte wie ganz konkrete

lich „das Beste” anbieten würde).

Theater und ein internationales Tanzfestival.

Dinge zusammen wie „Tipps & Tricks“ –

Er stellte seine Feedback-Techniken im Rah-

aber als Empfehlung, nicht als Pflicht oder

Die einführende Klärung des Status und

men eines Workshops dem Ausbildungsteam

Urteil. Dieses einfache Format veranschau-

die Erläuterung der Fragen liefern das Fun-

Schauspiel der HfMDK vor.

licht auch, inwiefern hier nicht der Versuch

dament für eine Standortbestimmung der

unternommen wird, irgendetwas oder

Arbeit und des Künstlers. Gerade die Situie-

irgendjemanden zu korrigieren, sondern

rung der eigenen Darbietung in einer über-

wie das Vorhandene aufgegriffen wird, um

greifenden Lernkurve fordert den Künstler

es in eine positive Richtung weiterzuent-

zur Standortbestimmung auf. In der kon-

wickeln. Kritik und Urteil schauen zurück –

kreten Feedback-Situation hat diese einfüh-

Feedback nach vorn.

rende Klärung einen doppelten Effekt:

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik Exzellenzworkshop mit Tobias Moretti, hier mit Nicolas Matthews und Kristin Hunold

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Gerechtigkeit

GERECHTIGKEIT

Ein kulturphilosophierender Exkurs über ein heikles Thema Von Norbert Abels

Was ist der Wunsch nach Gerechtigkeit im Urteil – ein Urabkommen oder ein Naturzustand? Ist objektive Fairness möglich? Um Antworten ringt eine literarische und etymologische Spurensuche. Epikurs durchaus skeptischer Lehrsatz, wo-

Und nicht zu vernachlässigen ist die von

Signifikant ist die etymologische Hausnum-

nach man der Gerechtigkeit an sich keinen

John Rawls gestellte Frage nach Grundprin-

mer der sogenannten Fairness, die eigentlich

Sinn verleihen könne, weist dem Begriff eine

zipien, die sich nachhaltig als konsensgeeig-

unsere Benotungen grundieren soll. Ambi-

bestenfalls pragmatische Lizenz zu: Gerech-

net ausweisen. Gerechtigkeit und Fairness als

guität zeichnet diese Adresse schon im Ur-

tigkeit wäre demnach ein verbindlich ge-

Tugendwächter sozialer Institutionen: Wie

sprung aus. Fair kann nämlich durchaus

schlossener Kontrakt, einander gegenseitig

flink gerät da das Portrait Robespierres ins

Verschiedenes meinen.

keinen Schaden zuzufügen. Wobei es weniger

Visier, der am Ende den Terror als Ausfluss

um die Inhalte geht als um die Parität, auf

der Gerechtigkeit propagierte!

der dieser Deal gründet. Was uns fragen lässt:

Interessant, dass fagraz, die altgermanische Wurzel des Fairnessbegriffs, einmal u. a.

Gibt es dann überhaupt Gerechtigkeit außer-

Und über allem steht die Frage, welche Legi-

auch mit Schönheit konnotiert war, abhebend

halb dieser Absprache, oder anders formuliert:

timität eigentlich Dozentinnen und Dozenten

vom gleichermaßen mit ästhetischem Wohl-

Gerechtigkeit gegen eine Partei? Auf Hoch-

dazu anführen können, andere Menschen,

gefallenen ausstaffierten indogermanischen

schule bezogen: Entsteht Gerechtigkeit, wenn

welchen dieses Privileg nicht gegeben ist,

fag. Das Schöne als Hauptfacette des Fairen:

einer seine Prüfung nicht besteht, ihm also

darüber zu belehren, was sie als Fairness zu

welche verlockende Übereinkunft. Davon

Schaden entsteht?

akzeptieren haben; kurzum die Frage des

freilich hat sich hierzulande längst nichts

Cui bono, danach, wer den Vorteil hat.

mehr behauptet. Anders etwa in England,

Wir fragen uns weiter: Ist dieses Gerechtig-

wo man dem Fairen auch heute noch Wohl-

keitsinteresse ein Urabkommen aus den

Wie so oft weist Shakespeare, der große elisa-

geformtheit attestiert, was längst nicht mehr

Zeiten der kognitiven Revolution? Steht es

bethanische Poet, der sicher nicht zufällig in

den Grundregeln der Diversität und

für einen wie auch immer gearteten Natur-

die Schule des genauso großen Skeptikers

Inklusion gehorcht.

zustand, dem die Vorstellung eines Guten

Montaigne gegangen ist, einen guten Weg.

und Fairen als Erbschaft und Grundausstat-

„Fair is foul, and foul is fair, / Hover through

Um auf Epikur zurückzukommen: Gerecht

tung mit auf den Weg gegeben wird? Und

the fog and filthy air", formuliert er in

wäre damit die Einigung auf das Schöne.

wer bestimmt innerhalb des vom stummen

Macbeth.

Eine Vorstellung, wie sie einer Kunsthoch-

Zwang der Verhältnisse geprägten gesellschaft-

schule wahrhaft gut ansteht!

lichen Daseins, was fair, was gerecht ist?

Dieses Rätsel erfahren zwei Männer von

Wir erinnern uns auch an das sozialkritische

drei klugen, schicksalskundigen Frauen, den

Dr. Norbert Abels ist Chefdramaturg der

Bonmot Oscar Wildes, wonach in diesem

weird sisters. Auf Deutsch etwa: „Schlecht ist

Oper Frankfurt, Professor an der Folkwang-

Zusammenhang immer zwei Klassen von

recht und recht ist schlecht.“ Oder gar „Gut

Hochschule Essen und leitet gemeinsam

Menschen auf den Plan treten: die Gerechten

ist bös’, und bös’ ist gut.“ Wie denn nun? Was

mit Thomas Schmidt den Studiengang

und die Ungerechten. „Die Einteilung wird

wollen sie sagen? Es scheint in dieser Ato-

Theater- und Orchestermanagement.

von den Gerechten vorgenommen,“ bemerkt

misierung der Wertsphären keine eindeutige

Wilde spitz.

Semantik zu geben. Und das ist richtig so.

15


MÖGLICHKEITSRÄUME Über Gerechtigkeit gesellschaftliche Zukunft eröffnen Von Thomas Schmidt

Eine allgemeingültige Gerechtigkeit ist in einem Studium nicht anwendbar. Faire Beurteilung braucht nachvollziehbare Indikatoren und Präzision, um dem Studierenden gerecht zu werden. Nicht Noten drücken den Erfolg eines Studiums aus, sondern erworbene Kompetenzen und genutztes Potential. Kunsthochschulen bieten Exzellenzstudien-

Masterstudierende aus mehr als 50 Studien-

Fairness ist also nicht nur gerechtes, sondern

gänge an. Sie arbeiten mit Hochbegabten,

gängen gilt, kann kaum in einer allgemeinen

auch präzises Tun und Beurteilen. Jede Stu-

den Besten ihres Jahrgangs, die sich für

Studienordnung erfasst werden. Es ist nur

dierende erhält eine Einschätzung nach einem

dieses Studien- und Berufsfeld interessieren

logisch, dass in einem Masterstudiengang,

Katalog von Kriterien, die eine Benotung

und im Rahmen eines mehrstufigen Beur-

aus dem heraus die zukünftigen Managerin-

auch dort nachvollziehbar machen soll, wo

teilungs- und Auswahlverfahrens qualifizie-

nen und Manager von Kultur-Organisationen

es kein Punktesystem wie bei Klausuren gibt.

ren. So auch im Master-Studiengang Theater-

kommen, womöglich strengere Maßstäbe

Das betrifft Vorträge, Essays, Haus- und

und Orchestermanagement, in dem die

angelegt werden müssen als an einen Absol-

Abschlussarbeiten. Einen solchen Kriterien-

Studierenden zudem bereits einen ersten

venten, der später von Berufs wegen vielleicht

katalog haben wir entwickelt, indem wir

akademischen Abschluss in einer anderen

weniger Verantwortung tragen muss. Das

Einschätzungen nach Aspekten der konzep-

Fachrichtung und erste Berufserfahrung

entspricht den Regeln der natürlichen Arbeits-

tionellen Tragfähigkeit, der inhaltlichen Ent-

erworben haben.

teilung, aus der sich auch eine Theorie unter-

wicklung und Ausgestaltung sowie Aspekten

schiedlicher komparativer Vorteile und

der Form, der Sprache und des Stils treffen.

Talente ableiten lässt.

Jede Studierende sollte auf dieser Grundlage

Was bedeutet das für unsere tägliche Arbeit und unsere Prüfungen: die Maßstäbe einer

ihre eigene Bewertung nachvollziehen können.

allgemeingültigen Gerechtigkeit anzulegen

Fairness ist zugleich auch eine Abstraktion:

Es handelt sich dabei weniger um eine klas-

oder genau die Maßstäbe, die die jungen

im Rahmen einer Handlung, eine Bewer-

sische Note als um eine Potential-Analyse,

Professionals später in ihren Berufen in den

tung und Beurteilung gegenüber einem oder

mit der wir feststellen, wie die Studierende

Theatern und Orchestern erwarten?

mehreren Individuen zu finden. Hierfür

sich entwickelt hat, welche Potentiale ein-

benötigt man ein Gerüst mit nachvollzieh-

gesetzt werden und welche noch brachliegen.

Betrachtet man diesen Fall, führt sich der

baren Indikatoren, um die Leistung oder

Letztlich sollte man das Studium deshalb

Begriff einer allgemeingültigen Gerechtigkeit

Handlung des Individuums genau und fair

auch als ein Kurswerk der Kompetenz- und

schnell ad absurdum. Was für Bachelor- oder

beurteilen zu können.

Potential-Entwicklung betrachten.

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Probe für das szenische Vordiplom „Hysterikon“ mit Simon Schwan, Annedore Antrie und Eike Hackmann.

Ein letzter wichtiger Aspekt, der uns immer

und Studierendem, zwischen den Studieren-

Studierenden nicht betriebsblind in die

wieder aufs Neue angeht: Wie gehen wir mit

den selbst? Oder ist es, wie so oft, dass der

Zukunft gehen.

der Unterschiedlichkeit der Voraussetzungen

Professor, am Ende existenziell auf sich selbst

um, mit denen Menschen ihr Studium begin-

zurückgeworfen, ein Modell entwickeln

Fairness ist hier also mehr als Schaden zu

nen: die eine hochintelligent, selbstbewusst,

muss, das allen gleichermaßen gerecht wird

begrenzen und sich gegenseitig keinen Scha-

strebsam, die andere aus einem bildungsfer-

dem Individuum wie dem Studium, um aus

den zuzufügen. Fair ist es, den Studierenden

neren Kontext kommend, aber hochbegabt,

unseren Studierenden zukünftige Professio-

einen Möglichkeitsraum zu eröffnen, in dem

mit großen Wissensrückständen, die sie auf-

nals zu machen, die an dem Tag, an dem sie

wir sie auf eine professionelle Zukunft vor-

holen muss? Unsere Aufgabe ist es deshalb

die Hochschule verlassen, in der Lage sind,

bereiten, in der sie Gerechtigkeit wie eine

auch, aus diesen Gruppen Studierender Teams

ihre Chance zu ergreifen und dort Verantwor-

Fackel in die Organisationen hineintragen

zu bilden und den Wissenstransfer unter-

tung zu übernehmen, wo man ihnen diese

müssen, deren Reform von höchster Dring-

einander auszulösen.

überträgt? Ob die im Studium entwickelte

lichkeit ist. Damit würde Fairness über ihre

Kategorie der Fairness auch dort noch greift,

Bedeutung in der Ausbildung hinaus zu einer

Aber ist es nicht fair, der einen Studierenden

ist zu bezweifeln, denn in den Kultur-Orga-

dringenden Kategorie der gesellschaftlichen

mehr Raum zur Entwicklung zu geben und –

nisationen, das ist niemandem neu, herrschen

Zukunft werden.

zumindest im ersten Semester - bei der Beno-

andere, deutlich rauere Gesetze, die von As-

tung hier und da ein Auge zuzudrücken, weil

pekten der Macht überschattet werden. Am

Thomas Schmidt ist Professor für Theater-

wir durch zu viel Rigidität zu früh ein wich-

Ende ist es deshalb nur fair, wenn wir die

und Orchestermanagement und leitet

tiges Talent verlieren? Welchen Freiraum

Fairness des Studiums diskursiv und so früh

diesen Master-Studiengang.

geben uns hier abgezirkelte Notensysteme,

wie möglich mit dieser Wirklichkeit konfron-

wo es doch um Entwicklung gehen müsste?

tieren. Woraus wiederum ersichtlich wird,

Wo beginnen und wo enden hier die Binnen-

wie notwendig es ist, die Freiräume der

verhältnisse der Fairness: zwischen Lehrer

Interpretation zu kennen, damit unsere

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Game Jam zum Playsonic-Festival 2018

MITLEID MIT DEN JUROREN

Warum Bewertungen musikalischer Wettbewerbe niemals objektiv sein können Von Michael Schneider

Jurymitglieder beurteilen musikalische Leistungen bei Wettbewerben nach individuellen Maßstäben. Computerprogramme berechnen daraus oft Endergebnisse, die selbst die Jurymitglieder ins Staunen versetzen.

Wir alle kennen die Situation: Ein Durch-

Aus Sicht der enttäuschten Teilnehmer stellt

gang des Wettbewerbs ist gelaufen; dann

sich die Jury als eine verschworene Gruppe

endloses Warten unter Hoffen und Bangen.

dar, die in geheimen Diskussionen über je-

Der Juryvorsitzende macht‘s spannend,

den befindet – und dabei auch nach „schwar-

dankt allen nach dem Motto „Dabeisein ist

zen oder grünen Listen“ vorgeht, um die

alles“, nennt Trostpreisträger zuerst. Erst am

Schüler des einen oder anderen Lehrers ent-

Schluss dann die Verkündung der Gewinner

weder zu „pushen“ oder herunterzupunkten.

bzw. Kandidaten für den nächsten Durch-

Die meisten Wettbewerbe sehen aber von

gang. In der Folge einige wenige glückliche,

solchen Beratungen der Juroren untereinan-

aber umso mehr maßlos enttäuschte Gesich-

der ab, und zwar aus gutem Grund: Wer

ter, Tränen allerorten bis hin zu Wutaus-

kennt nicht die „opinion leaders“ in einer

brüchen. Dann: „Alle mal hergehört – in 15

Jury („Wie, Herr Kollege, Sie haben nicht

Minuten ist Beratungszeit bei den einzelnen

gehört, wie unsauber das war?“ oder „Stilis-

Juroren.“ Sofort bilden sich lange Schlangen

tisch war das ja ganz unten durch, weil…“)!

vor den Tischen.

Und prompt fühlt man sich selbst ertappt. „Sollte ich das überhört haben, warum war

Und jetzt wechsle ich zur Perspektive des Jurors: Denn nach meiner Erfahrung weiß kaum einer der Wettbewerbsteilnehmer, wie solch ein Votum überhaupt zustande gekommen ist.

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meine Wahrnehmung eine andere?“


Mitleid mit den Juroren

Diskussionen über Teilnehmer, dann

meinsame Strategien entwickelt haben könn-

kungen verfasse, um mich später erinnern

auch mit der Möglichkeit einer Korrektur

ten. Der Computer verfügt über raffinierte

zu können. Das kann durchaus da stehen:

der Punktevergabe, kenne ich selbst nur aus

Algorithmen, z. B. was den Umgang mit

„stinklangweilig“, „grauenhafte Intonation“,

Finalrunden, wenn es um die Entscheidung

erheblich vom Durchschnitt abweichenden

„Rumgemache“ oder auch „Auftritt in

über Preise geht. Ja, wer ist denn dann für

Wertungen betrifft: Entweder werden diese

Badelatschen“. Dies sind natürlich nicht die

die Entscheidungen verantwortlich? Klare

automatisch herausgestrichen, oder der Com-

Kommentare, die man ungefiltert weiter-

Antwort: der Computer!

puter halbiert die Distanz zum Durchschnitt.

geben sollte.

Mir sind auch Programme bekannt, die bei Ich persönlich kenne keinen Wettbewerb,

drei Durchgängen zu einem bestimmten

Auf die Frage bei Jugend Musiziert „Was

bei dem die Jury in den ersten Durchgängen

Prozentsatz die Punktierung aus dem vori-

heißt eigentlich Leistungsstufe 1?“ hat

überhaupt über einen Kandidaten oder eine

gen Durchgang mit einrechnen, damit auch

ein Kollege einmal treffend geantwortet:

Kandidatin spricht! Jeder Juror fällt indi-

derjenige noch eine Chance auf einen Preis

„Leistungsstufe 1, ist, wenn man den Griffel

viduell und zumeist nach völlig eigenen

bekommt, der im zweiten Durchgang bril-

weglegt.“ Wenn man den wirklich wegge-

Maßstäben sein Votum in Form von Punk-

lant gespielt und im Finale vor großem Publi-

legt hat, weil man begeistert war, hat man

ten, die unmittelbar nach Erstellung von

kum doch eher etwas enttäuscht hat.

hinterher ein weitgehend leeres Papier. Und

einem Saaldiener abgeholt und, dann oft

trotzdem soll man dann im Beratungsge-

anonymisiert, in den Rechner gegeben wer-

Das Ergebnis läuft meist darauf hinaus, dass

spräch loyal erklären, warum es diesmal

den. Dabei kommt es vor, dass die Juroren

es ein unglaublich dichtes Mittelfeld ergibt,

nicht geklappt hat.

für sich selbst eine eigene Wertungsskala

in dem die Kandidaten wie im Hochleistungs-

haben. Für ein und dieselbe Leistung kann

sport um 100tel Millimeter nah beieinander

Und was lernen wir daraus: Objektive

einer der Juroren 21 von 25 und ein anderer

liegen. Für jeden der Juroren stellt das Ergeb-

Urteilsfindungen kann es niemals geben.

13 von 25 Punkte vergeben, ohne dass die

nis eines Durchgangs eine große Überraschung

Das hängt nicht nur mit einer grundsätz-

beiden eine grundsätzlich verschiedene

dar. Jetzt darf ich aber mangelndes Einver-

lichen Problematik der Beurteilung künst-

Einschätzung haben müssten.

ständnis mit den Ergebnissen nicht mehr

lerischer Leistungen zusammen, sondern

zum Ausdruck bringen, jetzt ist Loyalität

mit dem Jurorensystem und der Berech-

gefragt. Der Computer lügt ja nicht.

nungssysteme der Computer, die natürlich

Vergessen wir jegliche Objektivität! Es bedarf keiner schwarzen Listen oder Verschwörun-

alle gut gemeint sind, aber eigene Gesetz-

gen, damit Ergebnisse zustandekommen,

Zurück zur Ausgangssituation: In 15 Minu-

mäßigkeiten hervorrufen. „Verschwörung“

die eigentlich niemand so recht gewollt hat.

ten hat jeder der Juroren dieses Ergebnis im

der Juroren sollte man als allerletzten

Auch die eigenen Maßstäbe eines Jurors

Detail gegen meist hoch emotional erregte

Grund vermuten, wenn’s nicht geklappt

können sich während des Wettbewerbs

Kandidaten zu verteidigen, auch dann, wenn

hat. Und: Beratungen nach den Durchgän-

in beide Richtungen verändern: Höre ich

es gar nicht der eigenen Einschätzung ent-

gen sollte man sich – und den Juroren –

90 Teilnehmer im 15-Minuten-Takt an drei

spricht. Ja, und man kann sich auch gar nicht

lieber ersparen! Die Wahrheit über die Gründe

Tagen, stelle ich fest, dass sich meine Wertun-

mehr so genau erinnern: Hat man 90 Teil-

für einen Misserfolg wird man dort in der

gen erheblich modifizieren. Ich werde meist

nehmer gehört, verwischen die Eindrücke.

Regel nicht erfahren.

mer die Latte immer höher legen. Schade für

Zu retten versucht man sich mit einem

Michael Schneider war Professor

die, deren Name mit S, V oder Z beginnt!

Griff nach den Notizen, die man sich wäh-

für Blockflöte und Leiter der Abteilung

rend der Durchläufe unter permanenter

Historische Interpretationspraxis.

strenger im Verlauf, weil viele gute Teilneh-

Punkte werden also undiskutiert und

misstrauischer Beäugung von hinten durch

unabgestimmt in den Rechner gefüttert,

das Publikum aufs Papier gekrakelt hat.

von Juroren, die sich in vielen Fällen noch

Zumindest mir geht es so, dass ich diese

nie gesehen haben, geschweige denn ge-

Notizen als kurze, ganz persönliche Bemer-

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

KOPFÜBER GRÜSSE AUS DOWN UNDER Das Eliot Quartett über Publikumsfeedback und Präsenz in den sozialen Medien Von Lorna Lüers

„Likes“ sind der Applaus in der digitalen Welt, Social Media eine gängige Plattform, auf der sich Künstler mit ihrem Publikum austauschen. Wer auch Alltägliches postet, gewährt Einblicke jenseits des Vorhangs.

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Kopfüber – Grüße aus Down Under

„Man muss auch online gesehen werden,

Osipova an: „Wenn wir Anfragen bekom-

Persönliches aus dem Alltag der Künstler

nicht nur auf der Bühne“, sagt Dmitry Hahalin

men, ob wir mit jemandem zusammen spie-

zu erfahren“, erläutert Kirn. Erzeugt das

vom Eliot Quartett. Der Bratscher betreibt

len möchten und die Person nicht kennen,

Druck? Nein, meint Dmitry Hahalin vom

federführend die Social Media-Aktivitäten

dann recherchieren wir im Internet, schauen

Eliot Quartett: „Ich nehme das nicht ganz so

des jungen Quartetts, das auf Facebook und

uns YouTube-Videos an und versuchen, uns

ernst – natürlich ist es gut, wenn wir etwa

Instagram aktiv ist – als Ergänzung und

auf diesem Weg ein erstes Bild zu machen.

einmal pro Woche etwas posten, aber bisher

Bereicherung zur eigenen Website.

Genauso gehen natürlich auch die anderen

gab es keine Probleme damit.“ Im Sommer

vor, und darum ist es für uns sehr wichtig,

2018 kam zu der Facebook-Seite des Eliot

Maryana Osipova (Violine), Alexander

eine positive Online-Präsenz zu haben.“

Quartetts der Instagram-Kanal dazu. „Eigent-

Sachs (Violine), Dmitry Hahalin (Viola) und

Für Veranstalter und Medien sind die Social

lich wollten wir das gar nicht unbedingt

Michael Preuß (Violoncello) – zusammen

Media-Kanäle wichtige Informationsquellen

machen, aber wir hatten das Gefühl, dass wir

das Eliot Quartett – studieren an der HfMDK

und bieten Möglichkeiten zur Kontaktauf-

auf Instagram schon präsent sein sollten“,

im Konzertexamen Streicherkammermusik

nahme – gerade dann, wenn ein junges En-

so Hahalin. Auf beiden Kanälen des Ensem-

bei Prof. Tim Vogler und außerdem an der

semble noch keine eigene Website hat. Das

bles sind die Inhalte vielfältig: Konzertan-

Escuela Superior de Música Madrid in der

war Dmitry Hahalin von Anfang an bewusst,

kündigungen, atmosphärische Eindrücke

Klasse von Prof. Günter Pichler. Gegründet

darum hat er zunächst die Facebook-Seite

von Konzert-Locations und Proben, kurze

hat sich das Quartett vor rund vier Jahren,

für das Quartett erstellt, noch bevor die

Videos aus Konzerten und ein paar persön-

und gerade das vergangene Jahr 2018 war

Website aufgesetzt werden konnte.

lichere Stimmungsbilder, zum Beispiel aus

ein besonders erfolgreiches: Im März bereits

Australien von der Chamber Music Compe-

als Preisträger des Deutschen Musikwettbe-

Die Präsenz in den sozialen Medien spielt

tition in Melbourne: Am anderen Ende der

werbs ausgezeichnet, erreichte das Ensemble

als Teil der professionellen Selbstdarstellung

Welt angekommen, steht das Streichquartett

im Juli den 2. Preis bei der Melbourne Inter-

im Netz für aufstrebende Nachwuchsensem-

kurzerhand Kopf – einfach, indem das Foto

national Chamber Music Competition. Bei

bles wie das Eliot Quartett heutzutage eine

umgedreht gepostet wird. Der Humor kommt

der Karol Szymanowski International Music

wichtige Rolle. Doch auch für das Konzert-

an: Das Foto ist neben den Wettbewerbser-

Competition im September setzten die Vier

publikum ist die heutige Zeit eine andere als

folgen einer der Posts mit den meisten

dann noch einen drauf: Sie gewannen so-

noch vor 15 Jahren: „Social Media verändert

Interaktionen.

wohl den 1. Preis als auch den Sonderpreis

in meinen Augen durchaus die Beziehung

für die beste Interpretation eines Werkes

zwischen Publikum und Künstlern“, sagt

Das Ziel all dieser Online-Aktivitäten ist

von Szymanowski.

Julia Kirn. Sie ist Professorin an der Hoch-

natürlich immer, die Menschen ins Konzert

schule Fresenius in München und unterrich-

zu locken und für die Musik zu begeistern.

Erfolge wie diese postet Dmitry Hahalin

tet Marketing im Studiengang Theater- und

„Ich glaube, es gibt viele Menschen, die

natürlich direkt auf Facebook und Instagram.

Orchestermanagement an der HfMDK. Social

eigentlich unbedingt zu uns ins Konzert

Gerade zu diesen Posts sind die Likes und

Media-Marketing und die Zusammenarbeit

kommen wollen, aber sie wissen selbst noch

Glückwunsch-Kommentare ihrer Freunde

mit Influencern im Klassikbereich beschäf-

nicht, dass sie das wollen“, sagt Dmitry Haha-

und Follower besonders zahlreich. „Wenn

tigen sie nicht zuletzt seit ihrer Tätigkeit in

lin mit einem Augenzwinkern. Wer weiß –

wir über unsere Social Media-Kanäle Gratu-

der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der

vielleicht finden einige dieser Menschen ja

lationen, Dank oder Feedback von Zuhörern

Tonhalle Düsseldorf.

über Facebook oder Instagram den Weg ins

unserer Konzerte bekommen, dann bedeutet

nächste Konzert des Eliot Quartetts.

uns das schon etwas“, sagt Maryana Osipova,

Kirn sieht Social Media heute als einen ein-

die Geigerin des Eliot Quartetts. „Das gilt

flussreichen Faktor, der eine – wenngleich

Lorna Lüers ist Mitarbeiterin für Digitale

vor allen Dingen für persönliche Nachrichten

meist nur gefühlte – größere Nähe zwischen

Kommunikation an der HfMDK.

oder Kommentare.“ Von noch größerer

Publikum und Künstler herstellen kann.

Bedeutung sind die Social Media-Kanäle

„Heutzutage erwartet das Publikum, in den

aber für die eigene Online-Präsenz, merkt

Social Media-Kanälen regelmäßig auch etwas

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

DIE OHREN DER ANDEREN Über die heilsame Kritik fachfremder Kollegen

Cembalisten spielen Pianisten vor und umgekehrt – anschließend üben sie sich in gegenseitiger Kritik. Cembaloprofessorin Eva Maria Pollerus und Klavierprofessor Eike Wernhard bieten diese Begegnungen als TeamteachingWorkshop an und erklären den „Mehrwert“ dieser Form von Feedback-Arbeit. Sie geben Feedback und Kritik in Form

Worin unterscheiden sich die Auf-

von Teamteaching, also gemeinsamem

fassungen grundsätzlich?

Unterricht. Was genau bieten Sie an?

Pollerus Vor allem in klanglichen Fragen.

Prof. Eva Maria Pollerus Einmal im Jahr

Dort sind die Beurteilungskriterien unter-

bringen wir für ein Wochenende die Studie-

schiedlich.

renden unserer Klavier- und Cembaloklassen zusammen und unterrichten sie dann

Inwiefern?

gemeinsam, wobei wir auch die Studierenden

Wernhard Klavier und Cembalo sind Instru-

bitten, einander kritisches Feedback zu geben.

mente, die klanglich jeweils anders „bedient“

Prof. Eike Wernhard Das Wochenende tut

werden müssen: Das moderne Klavier ist

allen Beteiligten gut, einschließlich uns

stark vom Diskantdenken geprägt, dement-

Lehrenden. Das Konzept fußt auf meinem

sprechend arbeiten Pianisten an einem eher

ursprünglichen Anliegen, Pianisten an ein

oberstimmig gefärbten Klang.

erweitertes Barockrepertoire heranzuführen.

Pollerus Beim historischen Cembalo stützt

Daher auch der Workshop-Titel „Nicht

eher die Tiefe den Klang. Der Basso continuo-

nur Bach“.

Gedanke ist hier prägend.

Pollerus Teamteaching ist ja vielleicht dann besonders spannend, wenn es unter Kollegen

Wie läuft das Teamteaching ab?

stattfindet, die eben nicht aus dem gleichen

Pollerus Wenn beispielsweise ein Pianist vor-

Fach kommen. Jeder gewinnt so eine neue

spielt, geben die Cembalistinnen und Cemba-

Perspektive auf das eigene Tun, die anregend

listen zuerst ein Feedback, dann die Klavier-

und inspirierend ist. Manchmal bleiben unter-

Studierenden, dann der fachfremde Dozent

schiedliche Meinungen im Raum stehen, aber

und schließlich der „eigene“ Lehrende.

sehr oft findet man eine Synthese, findet Lösungen, auf die man allein nicht gekommen wäre. Aber auch das StehenlassenKönnen von differierenden Auffassungen ist für die Studierenden wichtig zu erleben.

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Die Ohren der anderen

Was löst dieses Quer-Feedback aus? Wernhard Aus meiner Perspektive schärft es ungeheuer das Gehör der Pianisten, wenn sie einem Cembalisten zuhören und ihn danach

Teamteaching fördert die Fähigkeit, die Rosen im Garten des anderen schätzen zu lernen.

beurteilen müssen, umgekehrt genauso. Das genaue Hinhören auf Artikulation und Agogik sind Parameter, für die Pianisten bei

Gibt es auch unangenehme Momente

Was hat Teamteaching nachhaltig

der Beschäftigung mit Cembalisten beson-

des Feedbacks?

bewirkt?

ders sensibilisiert werden.

Pollerus Es ist eher erfreulich, wie wert-

Wernhard Bei meinen Studierenden hat sich

schätzend die Kritik unter Kommilitoninnen

in kurzer Zeit sehr viel getan, hat sich der

Findet da nicht ein Vergleich von Äpfeln

und Kommilitonen abläuft. Zunächst ist

Zugang zur Musik bei Einzelnen sogar völlig

mit Birnen statt?

vielleicht dem einen oder anderen nicht klar,

geändert.

Pollerus Es geht ja nicht ums Vergleichen,

warum er sich überhaupt Kritik von jeman-

Pollerus Bislang Selbstverständliches zu

sondern um unterschiedliche Arten der

dem anhören soll, der auf dem eigenen Instru-

hinterfragen, schärft das Bewusstsein enorm.

Übersetzung des Notentextes. Zuerst arbei-

ment nicht Experte ist. Doch bald begreifen

Und die Abschlusskonzerte, die wir Monate

ten wir am Verständnis dafür, was der

alle Beteiligten, dass genau dieses „fach-

nach dem Workshop veranstalten, legen

Notentext meinen könnte – und dann an der

fremde“ Feedback ungeheuer wertvoll sein

davon Zeugnis ab, welch deutliche Spuren

Umsetzung am Instrument. Da erleben wir

kann. Das Konzertpublikum besteht ja auch

das Teamteaching hinterlassen hat.

häufig, dass wir beiden Lehrenden etwas

nicht nur aus Experten, sondern aus Musik-

Ähnliches wollen, aber mit unterschiedlichen

begeisterten, für deren Empfindungen wir

Welche Voraussetzungen müssen für ein

Ansätzen zum Klingen bringen.

uns brennend interessieren sollten. Jedes

fruchtbares Teamteaching gegeben sein?

Fach hat außerdem seine eigenen Vokabeln

Pollerus Die Hochschule fördert Team-

Wie schwer fällt es den Studierenden,

und Automatismen, die im Teamteaching

teaching durch einen von flachen Hierarchien

Kritik anzunehmen?

hinterfragt werden. Die Frage kann den

und interdisziplinärem Denken geprägten

Pollerus Erstaunlicherweise ist es für Studie-

Cembalisten nerven, warum er genau an

Geist. Voraussetzung dafür ist tiefer gegen-

rende oft leichter, ein Feedback einzustecken

dieser Stelle arpeggiert, was für ihn doch so

seitiger Respekt innerhalb der Kollegenschaft,

als selbst ein differenzier-tes, konstruktives

selbstverständlich erscheint. Erst im zweiten

man setzt sich ja auch als Lehrender der

und lösungsorientiertes Feedback zu geben.

Moment wird ihm klar, warum diese Frage

Kritik des Kollegen aus. Es muss hier keiner

Das Artikulieren-Müssen dessen, was man

mehr als berechtigt ist. Derlei Begegnungen

Angst haben, „enttarnt“ zu werden, dass

gehört hat, ist eine Herausforderung. Das

können aufrüttelnd sein und heilsame

nicht nur er im völligen Besitz der Weisheit

schlichte Feedback „gefällt mir“ oder „gefällt

Irritationen auslösen.

ist. Den Autoritätsglauben und das Meister-

mir nicht“ hilft nicht weiter.

Wernhard Ich kann das nur bestätigen.

Schüler-Verständnis „von früher“ gibt es bei

Das musikalische Denken eines Instrumenta-

uns kaum noch – zum Glück. Ich freue mich

Lässt sich Feedback erlernen?

listen ist häufig auch stark von den spezi-

doch als Lehrende, wenn der Studierende

Wernhard Eindeutig ja. Ich stelle bei den

fischen Bewegungsabläufen geprägt. Diese

auch außerhalb meines Unterrichtsraums

gegenseitigen Vorspielen unter den Kommi-

Tatsache gilt es jedoch so gut wie möglich zu

durch wertvolle Anregungen besser wird.

litoninnen und Kommilitonen innerhalb

transzendieren, und genau dafür kann Kritik

Und Teamteaching fördert die Fähigkeit, die

meiner Klasse mit großem Vergnügen fest,

„von außen“ anregend sein. Ich selbst spiele

Rosen im Garten des anderen schätzen zu

wie sich die Art des Feedbacks untereinan-

gern vor Konzerten Freunden und Bekannten

lernen.

der im Laufe eines Studiums ändert und

vor, die keine Pianisten sind. Diese „nicht

die Palette an Bewertungsparametern breiter

pianistisch denkenden“ Zuhörer können

wird.

mir sehr fruchtbare Anregungen geben, auf

Interview: Björn Hadem

die ich von alleine nicht gekommen wäre.

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

KLARINETTE ZU HOCH, HÖRNER ZU LAUT! Warum der Erfolg einer Orchesterprobe maßgeblich vom pädagogischen Geschick des Dirigenten abhängt

schwinden werden. Es bedarf Mut zum Vertrauen, den Selbstheilungskräften des Orchesters Zeit zum Wirken zu lassen. Feedback kann auch nonverbal ausfallen. Ein verständnisvoller, mahnender oder begeisterter Blick, ein Lächeln oder Daumen

Von Vassilis Christopoulos

nach oben können schnell und diskret die

Reden ist Silber, Zeigen ist Gold – oftmals sagt in der Orchesterprobe eine dirigentische Bewegung mehr als 1000 Worte. Erfahrene Dirigenten sind Meister in der methodischen Balance von Lob und Tadel, Darstellen und Reden, Eingreifen und Loslassen.

gewünschte Botschaft rüberbringen. Man darf aber nicht vergessen, dass jeder Kommentar vom Fokus des Ganzen ablenkt. Ich würde also grundsätzlich von jeder Art solcher Gesten während des Konzerts oder einer Vorstellung abraten.

Zu laut – zu lang – nicht eilen – zusammen!

Stelle zunächst einfach wiederholen – warum,

Schließlich sollte der Dirigent bereit sein,

Die Anweisungen während der Probe beste-

sollte allen klar sein. Zuweilen ist es auch

die Kommunikation innerhalb des Orchesters

hen oft aus kritischen Bemerkungen darüber,

hilfreich, mit einer allgemeinen Bemerkung

zu fördern und Feedback aus dem Orchester

was gerade schief läuft, zumindest aus der

zu beginnen, um den Musikern die Chance

selbst zu empfangen. Das passiert leichter

Sicht des Dirigenten. Das kann schnell ner-

zu geben, sich selbst um ein Problem zu

bei kleineren Ensembles, wo meist eine ent-

ven. Es gibt vieles, was ein Dirigent falsch

kümmern, anstatt sofort eine „Schuld“ zuzu-

spanntere, kammermusikalische Atmosphäre

machen kann: zu früh zu kritisch sein, zu

weisen. „Lassen Sie uns auf die Intonation bei

herrscht und sich die Musiker auf Augen-

viele Problemstellen auf einmal ansprechen,

diesem Akkord achten“, kann angenehmer als

höhe mit dem Dirigenten wähnen. Bei großen

zu lange reden, zu oft unterbrechen, sich

„Klarinette ist zu hoch“ und „Bitte hören Sie

Orchestern kann nicht jeder Spieler etwas

in Details verlieren, wenn das musikalische

auf die Melodie der Flöte“ wirkungsvoller

sagen, sonst wird es schnell chaotisch. Dafür

Gerüst noch nicht steht, Selbstverständliches

als „Hörner zu laut“ sein. Ob das auch reicht,

gibt es eine geregelte Hierarchie. Wenn aber

unnötig erklären, Sachen beschreiben, die er

hängt maßgeblich vom Niveau des Orchesters

der Konzertmeister oder ein Solo-Bläser einen

hätte zeigen können, zu wenig loben … Dafür

ab. Schwächere oder unerfahrenere Orchester

Hinweis gibt, sollte man diesen dankbar

gibt es keine einfache Lösung; die hierarchi-

(z. B. Jugendorchester) brauchen in der Regel

annehmen; die Musiker in Schlüsselpositio-

sche Natur der Orchesterarbeit birgt viel Frus-

klarere Anweisungen. Freilich sollte sich

nen sollten wiederum ein offenes Ohr für

trationspotenzial. Auch wenn der Dirigent

der Dirigent vor seiner Verantwortung nicht

jeden Kollegen aus ihrer Gruppe haben.

immer wieder die Leistung der Musiker lobt,

verstecken. Mitunter ist es seine Rolle, Pro-

Bei jeder Form von Feedback im Orchester

kann das als schwach, anbiedernd oder sogar

bleme anzusprechen. Aber gerade jüngere

ist es am wichtigsten, klarzustellen, dass es

bevormundend empfunden werden.

Dirigenten leiden oft an Beweisdrang und

ausschließlich um die Musik geht, von jeg-

glauben, dass sie jederzeit demonstrieren

lichen persönlichen Angriffen ist abzusehen.

Wie sieht prinzipiell konstruktives Feedback

müssen, wie gut sie alles gehört haben. Eine

Ein respektvoller Umgangston ist die wich-

im Orchester aus? Zum einen sei empfohlen,

gewisse Gelassenheit, die mit der Erfahrung

tigste Voraussetzung für eine offene Kommu-

sich möglichst positiv auszudrücken: „Bitte

kommt, tut der Probenatmosphäre gut.

nikation und angenehme Zusammenarbeit.

statt „nicht zu lang“ usw. Bei offensichtlichen,

Mit Erfahrung und Souveränität lernt man

Vassilis Christopoulos ist Professor für

unüberhörbaren Problemen, wenn zum Bei-

auch besser zu unterscheiden zwischen

Orchesterdirigieren.

spiel ein Tempo-Übergang nicht klappt, ist

Stellen, die nachdrücklich geprobt werden

es sinnvoll, auf eine mündliche Beschreibung

müssen, und Problemen, die beim nächsten

der Situation zu verzichten. Man sollte die

Mal oder am nächsten Tag von allein ver-

leiser“ statt „zu laut“, „bitte kurz spielen“

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Pult-Diplomatie Probe des Hochschulorchesters mit Dirigierstudent Frederic Mörth

Die Angst vieler Orchestermusikerinnen

Grundlage dafür sind der respektvolle

und -musiker ist es, nicht gut genug zu

Umgang mit dem Orchester und eine kon-

spielen und vom Dirigenten vorgeführt zu

struktive Arbeitsweise. Dazu gehört, dass

werden. Beispiel: Ein Musiker einer Stimm-

der Dirigent positiv auf das Orchester zu-

gruppe fühlt sich unter Druck, kann sich

geht; er sollte bestärkend wirken, motivie-

intonatorisch nicht gut einfügen. Der Diri-

rend auftreten. Wichtig ist dabei ebenfalls

gent hört dies und lässt diese Gruppe allein

eine positive, offene, zugewandte, authen-

vorspielen. Böse Blicke und cholerische

tische und anleitende Körpersprache.

Anfälle des Dirigenten. Der Musiker gerät

Gleichzeitig möchten die Orchestermusiker

in Panik. Er fühlt sich vor dem gesamten

durch den Dirigenten auch zu einer voll-

Orchester vorgeführt und vom Dirigenten

kommeneren Form in Klang, Interpretation

unter Druck gesetzt. Black-Out.

und Charakter zusammengeführt werden. Das bedeutet, dass der Dirigent nicht nur

Der Dirigent lässt verbissen immer wieder

„lieb lächeln“ sollte, sondern zum rechten

vorspielen. Die Atmosphäre der Probe

Zeitpunkt auch kritisch, fordernd und

verkrampft sich dadurch, wird angsterfüllt,

streng sein darf. Der gute Dirigent ist also

und die Leistungsfähigkeit ist gehemmt.

ein Diplomat mit modernen pädagogischen

Die Frage ist nun also: Wie kann der

Kenntnissen, Feingefühl, Führungsqualität

Dirigent nachhaltig zu einem besserem

und Authentizität.

Ergebnis verhelfen? Sandro Hirsch ist Student für Trompete und studentischer Vertreter des Hochschul-

PULT-DIPLOMATIE

orchesters.

Was Orchestermusiker von Dirigenten erwarten Von Sandro Hirsch

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Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

FEHLERKULTUR & FEEDBACKKULTUR

Ein wechselseitiges Verhältnis Von Sibylle Cada und Maria Spychiger

Fehlerkultur ausüben bedeutet, Fehler nicht zu verleugnen und nicht zu verschweigen. Dieses pädagogisch-psychologische Konzept etabliert sich seit den 1990er Jahren in mehr und mehr gesellschaftlichen Bereichen.

Rückmeldung geben – feed back – trifft den

das jetzt gerade falsch war, er oder sie einen

Bereich des Selbst und des Selbstwerts einer

Fehler gemacht hat? Mit dieser Frage befasst

Person. Rückmeldungen sind dessen Nahrung,

sich die sogenannte Fehlerkultur im Unter-

sei dies in künstlerischen, alltäglichen oder

richt. Wirksames und konstruktives Feedback

außergewöhnlichen Situationen.

zu geben und selbst kritisches Feedback anzunehmen, will beides gelernt sein. Die

Feedback geben und Feedback annehmen

Wechselseitigkeit besteht darin, dass die

Ein positives Feedback vermittelt gute

Feedback gebende Person bereit und in der

Gefühle und stärkt, es steigert das Lebens-

Lage ist, ihr Feedback an der Reaktion der

gefühl und die Motivation. „You made my

Feedback erhaltenden Person zu prüfen.

day!“, sagt man etwa im angelsächsischen Raum, wenn jemand etwas besonders Bestä-

Man kennt die Wirkung von Feedback erst,

tigendes gesagt hat. Als soziale Wesen lernen

wenn man die Reaktion darauf wahrnimmt

und entwickeln wir uns laufend im Aus-

und erlebt. Es gilt die „Goldene Regel“: Man

tausch mit der Welt.

gibt Feedback so, wie man selbst bereit wäre, es entgegenzunehmen, und man gibt Feed-

Diese Interaktivität ist für anspruchsvollere

back nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund

Situationen dann besonders interessant, wenn

der eigenen Lernbiografie, aufgrund persön-

es um Feedback in Lernsituationen geht.

licher – positiver wie auch negativer – Fehler-

Hier liegt die höhere Kunst des Lehrens und

erfahrungen.

Lernens: Korrigierendes, kritisches Feed-

Weiterführende Literatur:

back zu geben, ist pädagogisch anspruchs-

Umgang mit Fehlern in der musik- und

voller, als ein Lob auszusprechen. Soll es

instrumentalpädagogischen Arbeit

etwas bewirken, muss es angenommen

Eigene Erfahrungen mit Fehlern zu erinnern

werden können: Die Rückmeldung möchte

und im Austausch in der Gruppe reflexiv

etwas auslösen oder bestätigen, eine Verän-

in neuer Weise einzuholen, systemisch zu

derung anregen, eine Kursänderung oder

verstehen und auch in pädagogischer Di-

den Abbruch einer Handlung nahelegen.

mension bewusst zu machen, ist ein erstes

Wenn die Passung mit der Person, an die

Lernziel und Kern- und Ausgangspunkt

das Feedback adressiert ist, nicht gelingt,

für ein Seminar, welches seit mehreren

werden Chancen des Lernens verpasst und

Jahren interdisziplinär zwischen den Fach-

Entwicklungen gehemmt. Dies gilt auf der

bereichen 1 und 2 an der HfMDK durch uns

individuellen wie auf der Gruppenebene.

im Teamteaching erteilt wird.

Der Ausruf eines Chorleiters „Ihr seid der

Cada, Sibylle (2008). Resonanz und Dialog –

schlechteste Tenor Nordeuropas!“ kann eben

Schon ab der zweiten Seminarsitzung geht

Systemisches Denken und Handeln in der Instrumen-

diesen Tenor beeinträchtigen bis hin zur

es darum, Perspektiven für professionelles

talpädagogik. In: F. Grimmer & W. Lessing (Hrsg.):

Lähmung des Singenkönnens (es handelt

pädagogisches Handeln in unterrichtlichen

sich um ein nicht erfundenes Beispiel).

Fehlersituationen und Projekten kennenzu-

Künstler als Pädagogen (S. 107–116). Mainz: Schott. Kruse-Weber, Silke (Hrsg.)(2012). Exzellenz durch

lernen. Die Studierenden erhalten auch Ein-

differenzierten Umgang mit Fehlern. Kreative Potenziale beim Musizieren und Unterrichten (S. 49–69).

Feedback geben ist soziales Handeln. Es

blick in Studien über Fehlerkultur, relevante

Mainz: Schott. – In diesem Band finden sich

kann verbal und ebenso nonverbal, körper-

Begrifflichkeiten wie „Fehlerfreundlichkeit“,

sprachlich erfolgen. Wie sagt man jeman-

„Fehleroffenheit“ oder „Fehlervermeidung“

ist schmerzhaft. Zur Theorie des Negativen Wissens

dem, dass er oder sie etwas anders, mögli-

(letzteres wird sehr kritisch diskutiert!) und

und zur Praxis der Fehlerkultur. Weinheim: Beltz.

cherweise besser machen soll, oder gar, dass

Forschungsergebnisse. Es folgen konkrete

Beiträge der beiden Autorinnen. Oser, Fritz & Spychiger, Maria (2005). Lernen

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Fehlerkultur und Feedbackkultur

Übemöglichkeiten, um Erfahrungen mit

Wir fragen uns weiter: Wie können Lehr-

Instrument. Sibylle Cada ist die Mentorin

eigenem pädagogischen Handeln machen

personen positiv und förderlich („kultiviert“)

und Modell-Lehrperson für angewandte

zu können. Weiter führen alle Beteiligten

mit Fehlersituationen umgehen? Die Studie-

Fehlerkultur, die Studierenden und Maria

außerhalb des Seminars in ihrem eigenen

renden befassen sich und eignen sich an:

Spychiger beobachten. Die Beobachterinnen

Umfeld ein konkretes „Fehlerprojekt“ durch,

und Beobachter geben Feedback auf der

z. B. mit einem Schüler oder einer Schülerin

Lernen und Lehren konstruktivistisch anzu-

Grundlage dessen, was sie wahrgenommen

im Einzelunterricht, mit dem eigenen Chor

gehen, d. h. entdeckend, in Lernschlaufen,

haben – zunächst noch ohne Interpretation.

oder mit einer Kindergruppe oder Schul-

durch eigene Tätigkeit und Erfahrung;

Erst im zweiten Schritt darf das Feedback

klasse. Letzteres ist die Teilnahmeleistung

für ein angstfreies Lern-Lehr-Klima zu sorgen;

deutende und urteilende Elemente zum

für das Seminar. Die Interventionen werden

Transparenz zu sichern;

Ausdruck bringen.

laufend entwickelt und während der Durch-

eine kooperative und konsensorientierte

führung über mehrere Wochen im Seminar

Schüler-Lehrer-Beziehung zu entwickeln;

Nur beschreiben, was man gehört und gese-

diskutiert. Alle Teilnehmenden verfassen

Professionelles Feedback zu geben – das bedeu-

hen hat, fällt erfahrungsgemäß den meisten

einen Bericht über ihr Projekt, zu welchem

tet u. a., Rückmeldungen nicht wertend,

schwer oder sogar sehr schwer. So oft will

sie – ganz sicher! – von den Seminarleiter-

sondern als Beobachtung zu formulieren;

etwa ein „Das hast du super gemacht“ erset-

innen einen ausführlichen, gemeinsam ver-

konstruktiv zu fragen (sokratisches Prinzip),

zen, was tatsächlich zu beobachten war, oder

fassten Rückmeldebericht erhalten. So bewegt

d. h. kompetent weitgehend offene Fragen

wird mit einem „Es war toll, der Schluss hat

sich die Seminararbeit in einer engen Verzah-

zu stellen mit dem Ziel, eigenständiges

mir etwas weniger gefallen“ vermieden, Aus-

nung deklarativen und prozeduralen Wissens

Gestalten und Lernen zu fördern;

sagen über das tatsächliche Spiel – Klang,

und erfolgt in einem stetig aufeinander bezo-

personenbezogene, binnendifferenzierende

Tempogestaltung, Körperhaltung, Interpreta-

genen Wechsel wissenschaftlicher und unter-

Einschätzung des Fehlers (Alter, Entwicklungs-

tion, verbale Äußerungen während des Spiels

richtspraktischer Arbeitseinheiten.

stand des Schülers/der Schülerin);

usw. – zu machen. Verbalisierungen über Be-

Vertrauensvorschuss zu geben statt Defizit-

obachtungen müssen geübt werden! Wenn

Zum Umgang mit Fehlern fragen wir uns

Orientierung;

danach bewertende Aussagen zum Feedback

grundsätzlich: Was ist ein Fehler? Wann ist

(Nicht) zuletzt auch mögliche eigene Versäum-

dazukommen, sollen diese anhand der „Gol-

ein Fehler ein Fehler? Welche Funktion hat

nisse zu identifizieren.

denen Regel“ erfolgen. Über diesen Vorgang

der Fehler? Wie schwerwiegend ist der

tauschen wir uns auf einer Meta-Ebene aus,

Fehler? Wie empfinden wir den Fehler? Wie

Um im Seminar selbst Beispiele zu haben,

die Feedback-Nehmenden melden zurück,

nutzen wir den Fehler? Wer ist „schuld“?

finden mehrere Runden statt – und ja, die

wie das Feedback bei ihnen angekommen ist.

In welcher Situation geschieht der Fehler?

Gruppe sitzt meistens im Kreis –, in welchen

Wir reflektieren und erarbeiten:

die Teilnehmenden über eigene Fehlererfah-

Es wird oft gesagt, Menschen würden aus

rungen berichten. Dies hat in aller Regel Sym-

Fehlern nichts lernen. Das ist zum einen

Den Fehler akzeptieren (nicht dramatisieren),

pathie und Anteilnahme zur Folge. Schon oft

grundsätzlich nicht wahr, Menschen lernen

Fehler-Quelle identifizieren und genau

hat dann jemand gesagt, dass er oder sie zum

laufend sehr viel aus Fehlern – nur meistens

analysieren – eine angemessene Problem-

ersten Mal realisiert, dass andere mit ähnli-

nicht von allein: Menschen lernen aus Fehlern

lösung finden und mit entsprechenden

chen Fehlern und Problemen konfrontiert

nicht, wenn niemand etwas sagt. Aber bei

Strategien trainieren;

sind oder solche Erfahrungen mit sich tragen.

Fehlern etwas zu sagen, das will gelernt sein.

Kollektiv Fehlertoleranz üben und sichern;

Das Lernpotenzial des Fehlers zu nutzen,

Dr. Maria Spychiger ist Professorin

das Konzept der „Deliberate practice“ (absichts-

erfordert Disziplin – Feedback-Disziplin!

für Empirische Musikpädagogik, Sibylle

volles, überlegtes Üben) zum Erwerb von

Ein zentraler Lernprozess erfolgt direkt

Cada Honorarprofessorin für Klavier

Expertise kennen und beherrschen;

am Instrument: Einige Studierende bringen

(Methodik/Didaktik).

eine unbedingt klare Unterscheidung zwischen

Stücke mit, an denen sie gerade arbeiten.

Lern- und Leistungssituationen machen.

Sie spielen Sequenzen auf ihrem jeweiligen

den Fehler als Lerngelegenheit verstehen, im

27


Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

EINLADUNG ZUM ENSEMBLE-FLOW Kommunikations-Ideale in der Orchesterarbeit Von Henrik Rabien

Feedback im musikalischen Ensemble kann beglücken, wenn es die Aufmerksamkeit aller auf das gleiche Ziel hin bündelt: Intonation, Balance, Zusammenspiel. Selbst kurzzeitiger Mitmach-Verweigerung lässt sich mit positiver Deutung begegnen. Feedback ist im Orchester ein wichtiges

Die Thematisierung von Wünschen sollte

Aber auch beim Verbalisieren besteht

Kommunikations-Element sowohl zur

vom Essenziellen ausgehen und sich zu

die Kunst des Feedbacks darin, auch bereits

aktuellen Standortbestimmung als auch für

größerer Differenzierung weiterbewegen.

wahrgenommene „Störungen“ oder „Mit-

die multilateral ablaufenden Entwicklungs-

Klarheit und Verständlichkeit der Sprache

mach-Verweigerungen“ Einzelner noch

prozesse der Qualität von Klängen, Tönen,

sind dabei ebenso elementar wichtig wie die

nicht sofort als solche zu benennen, sondern

Phrasen, Akkorden, Ausdruck, Zusammen-

Wahrung der gegenseitigen persönlichen

diesen zunächst weiterhin mit positiver

spiel, Balance, Tempi, Timing, Rhythmus,

Würde (Augenhöhe) sowie eine gute Por-

Deutung zu begegnen und erweitert zum

musikalisch-nonverbalem Dialog etc.

tion Humor. Einen Orchesterkollegen darf

Mitmachen im Ensemble-Flow einzuladen.

man auch als „weisungsbefugter“ StimmGrundsätzlich beginnen alle Entwicklungs-

führer niemals unterrichten oder „coachen“,

Ideal ist eine Atmosphäre, die man am

prozesse beim aufmerksamen Zuhören und

weil man ihm dadurch eine Schüler- oder

häufigsten in klein besetzter Kammermusik

anschließenden Wiederholen, laufen also

Studenten-Rolle aufzwingen würde. Häufig

erleben kann: wenn immer diejenigen Musi-

anfangs nonverbal ab. Verbales Feedback

erntet man schon Verbesserungen, wenn

ker Impulse setzen dürfen, die im jeweiligen

beginnt optimalerweise dann erst dort, wo

man in einer Gruppe die gemeinsame

Moment im Fokus der Komposition stehen.

die reine Wiederholung nicht mehr zur Qua-

Ensemble-Aufmerksamkeit auf bestimmte

Wenn die Impulsgeber ständig der Musik

litätsentwicklung ausreicht, sondern wo

Parameter und Zusammenhänge lenkt:

entsprechend wechseln können und alle

Entscheidungen über das Zusammenspiel

indem man bei Bläser-Proben Akkorde

Mitspielerinnen und -spieler ebenso fähig

getroffen und unterschiedliche Vorstellungen

aufbauen lässt, bevor Anweisungen folgen;

wie bereit sind, die stetigen Verwandlungen

oder auch technische Probleme abgestimmt

indem man Balance und Klangfarben von

der Musik an jeder Stimme mit zu vollzie-

werden müssen.

den Musizierenden selbst entdecken lässt;

hen, dann gelingt das kammermusikalische

indem man bei Tutti-Proben die Aufmerk-

Ideal besonders erfüllend: und zwar immer

samkeit auf rhythmische Ensemblestellen

wieder auch im ungleich größeren und kom-

lenkt, auf spezielle Kollektivstellen, auf das

plexeren Orchester, also gewissermaßen

allgemeine Zuhören, z. T. auch durch das

in der „großen Kammermusik“.

Spielenlassen ohne Dirigent. Selbstverständlich gibt es Momente, in denen ein Dirigent

Henrik Rabien ist Professor für

oder Stimmführer eine Gestaltungsentschei-

Fagott an der HfMDK und Solo-Fagottist

dung gegen Widerstände treffen muss. Dies

im WDR Sinfonieorchester.

beginnt bei feinsten Abstimmungen im laufenden Zusammenspiel, wo nicht abgebrochen wird, sondern wo Feinheiten im Spielfluss nonverbal durch die Körpersprache (z. B. eines Stimmführers) kommuniziert werden.

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EIN FÜLLHORN SEIT 2007

360 Mitglieder engagieren sich heute im Förderverein für die Studierenden.

Infos zur Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK Frankfurt am Main finden Sie hier: www.hfmdk-foerdern.de

Seit 2007 haben die Förderer rund 2,5 Millionen Euro bereitgestellt. Für Deutschlandstipendien und Meisterkurse, studentische Projekte, seltene Instrumente, Opern- und Theaterinszenierungen, Publikationen, Tanzschuhe, neue Saiten und mehr.

Spendenkonto: Deutsche Bank Frankfurt IBAN: DE68500700240806507000

29


Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

Showing eines Stückes von Cameron McMillan in der Abteilung Zeitgenössischer und Klassischer Tanz

30


Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

BEFREIUNG AUS DEM HAMSTERRAD

Vier Szenen im Umgang mit Feedback und Kritik Von Henriette Meyer-Ravenstein

Hilfreiches Feedback setzt Vertrauen und Offenheit voraus – und die Bereitschaft, eigene Stärken nicht durch Selbstgeißelung zu relativieren. Feedback, Vertrauen und Erkenntnisgewinn bedingen sich gegenseitig.

Seit Beratungsfirmen Hochkonjunktur

rüberkommen. Inflationäres Lob sollte ver-

haben, wird oft geklagt, die Deutschen seien

mieden werden, da Studierende einem auf

zu einer Gesellschaft rücksichtsloser Selbst-

lange Sicht nicht mehr vertrauen, wenn man

optimierer geworden. Und ich denke mir:

alles wunderbar findet. Was besser werden

Wir Musiker waren das schon immer, vor

muss, muss auch benannt werden. Dazu ist

allem ohne Rücksicht auf uns selbst.

Zeit ein wichtiger Faktor – meine Absicht kann die allerbeste sein, aber wenn in einer

Unser Leben ist von klein auf von dem

Stunde zehn Studierende singen wollen,

Wunsch bestimmt, etwas Konkretes besser

macht Zeitdruck es oft unmöglich, mit aus-

zu können – klangvoller, sauberer, schneller,

führlichen Feedbackrunden auch von

korrekter –, und das am liebsten von Tag zu

Studierendenseite zu arbeiten. Und wieder

Tag. Stagnation führt schnell zu Frustration.

kommentiere nur ich.

Aber dieser Grundantrieb führt oft zu gnadenloser Selbstkritik und totaler Fixierung

Einige Fortschritte haben wir schon

auf das, was – noch – nicht funktioniert.

gemacht. Wir bleiben dran!

Wir geißeln uns gern für einen im Konzert nicht gelungenen Ton und sind manchmal

Szene 2: Nach unserer Klasseninszenierung

kaum fähig wahrzunehmen, was gut war.

von Telemanns Don Quixote 2017 hatten wir

Kritik nehmen wir ernster als Lob — der

die Gelegenheit, mit fast allen Mitwirkenden

Kritiker wird als kundig, der Lobende als

ein Feedbacktreffen unter Anleitung abzu-

naiv wahrgenommen.

halten. Unter anderem wurden auf der Pinnwand Kommentare zusammengetragen, die

Für mich als Sängerin ist das schon schwierig

wir sonst so nie geäußert und somit nicht

genug. Aber was bedeutet es für mich als

voneinander erfahren hätten. Wenn alle ehr-

Lehrende? Wie kann ich Studierenden einen

lich auspacken, kommt viel auf den Tisch.

Weg aus oft lähmender Selbstbeschau öffnen?

Es wurde klar, wo jeder einzelne – eben auch ich als Teil der Gruppe – seine Zweifel, aber

Szene 1: Erfahrungen zu einer neu durch-

auch seine Glücksmomente hat. Und für mich

dachten Feedbackkultur konnte ich in einem

besonders beglückend: Es wurde auch klar,

Workshop mit Kristin Guttenberg aus Berlin

wie unser immer wieder gesuchtes Format

machen. Lehrende und Studierende lernten,

des gemeinsamen Agierens aller auf der Büh-

nach einer Darbietung als erstes darüber

ne den einzelnen stärkt. Ein Ergebnis dieses

nachzudenken, was gelungen war, und erst

Treffens war die Entwicklung unseres Klassen-

dann zu überlegen, was besser werden

projekts 2018, eines politischen Abends, in

sollte. Das fällt gerade den Ausführenden

dessen Konzeption persönliche Statements

besonders schwer. Grundsätzlich finden sie

der Studierenden Eingang fanden.

zunächst schlecht, was sie geboten haben.

32

Bei den anderen, also von außen, fällt das

Szene 3: Ein weiteres Format, das zu

Gute viel mehr ins Auge. In der Anwendung

meiner Studienzeit mit dem allgegenwär-

dieser Technik in meinem Klassenunterricht

tigen Misstrauen unter Gesangslehrern

gibt es wunderbare Momente gegenseitiger

undenkbar gewesen wäre, ist das Teamtea-

Ermutigung, aber auch Schwierigkeiten:

ching im Gesangsunterricht – mit anderen

Bemüht positive Formulierungen können

Gesangslehrern oder einer Lehrkraft für

leicht als wenig authentische Floskeln

Körper und Bewegung.


Befreiung aus dem Hamsterrad

Wenn man sich vertrauensvoll darauf ein-

erlernen durfte. Das Schildern eines spezi-

lässt, kann man so ungeheuer viel voneinan-

fischen Falls, der einem Sorgen bereitet,

der lernen. Sich durch gemeinsames Arbeiten

und das Feedback der Kolleginnen und

mit Gesangskollegen zu sensibilisieren für

Kollegen dazu wurde durch klare Regeln

die Vielfalt der Möglichkeiten, an eine Auf-

geordnet, was sich als große Entlastung

gabe sinnvoll heranzugehen, erweitert den

herausstellte. Der Rechtfertigungsdruck,

eigenen Horizont und schützt vor Einseitig-

den man als „Fallgeber“ spürt, konnte

keit bzw. dem Glauben, man selbst sei im

ausgeschaltet werden, das Schweigen und

Besitz der absoluten Wahrheit. Und es erleich-

Zuhören bei der Diskussion der anderen

tert den Schritt, Studierende zu einem Lehrer-

entspannte und befreite die Gedanken aus

wechsel zu ermutigen, wenn man glaubt,

dem Hamsterrad. Der Blick öffnete sich für

dass sie davon profitieren würden.

nächste Schritte. Mit der Zeit sind wir alle sicherer im Umgang mit Schwierigkeiten

Das Teamteaching mit den Bewegungsleh-

geworden. Darüber hinaus hat sich unsere

rerinnen des Fachbereichs Darstellende

Feedbackkultur nach Prüfungen nachhal-

Kunst hat mein eigenes Lernen im Hinblick

tig verändert – in unseren Augen zum

auf Körperwahrnehmung und die Aus-

sehr viel Besseren.

wirkungen von Verkrampfungen auf den Gesangston stark befördert. Im Gespräch

Voraussetzungen für eine Gruppe wie diese

mit Kollegen an anderen Hochschulen wird

sind wieder Vertrauen und das Gefühl von

immer wieder deutlich, dass die Integration

Sicherheit in der Kollegenschaft. Leider er-

von Körper- und Atemarbeit in das Lehren-

schwert das das Öffnen solcher Runden über

denbewusstsein und damit auch in die

den Kreis der Festangestellten hinaus auf

Curricula der Studiengänge an vielen Orten

Lehrbeauftragte. Dabei wäre gerade das so

weniger weit fortgeschritten ist als bei uns.

zu begrüßen. Dass es sich aber im bestehen-

Ein Grund, nachhaltig dankbar für diese

den System des jederzeit kündbaren Lehrauf-

Erfahrungen zu sein.

trags sehr heikel anfühlen kann, gegenüber festen Lehrkräften ehrlich seine Ängste und

Für Studierende kann es heikel oder ver-

Zweifel zu äußern, ist nachvollziehbar.

wirrend sein, wenn plötzlich zwei Lehrende gleichzeitig mit ihnen arbeiten. Vertrauen

Fazit für mich: Kritik und Feedback sind

zu schaffen, Missverständnisse zu klären,

ein ständiges work in progress. Mal gelingt es,

Vokabular abzugleichen und eine gute Unter-

mal scheitert man, und man lernt nie aus.

richtsatmosphäre herzustellen, bleibt eine

Das gilt für uns wie für die Studierenden,

Herausforderung.

auf deren ehrliches Feedback ich als Lehrende ebenso angewiesen bin wie sie auf das

Szene 4: Die Zweifel, ob man in der lang-

meinige.

jährigen Begleitung eines jungen Menschen fachlich wie menschlich richtig liegt, können

Henriette Meyer-Ravenstein ist

schon erheblich sein und schlaflose Nächte

Professorin für Gesang.

bereiten. Eine große Hilfe wurde die Technik der Kollegialen Fallbesprechung, die unsere Fachgruppe Gesang und Sprechen im Fachbereich 2 mit einer Supervisorin

33 33


Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

Das Duo Brilliante mit Jinju Oh, Klavier, und Katharina Martini, Flöte

WERKSTATTGESPRÄCHE

Über Feedbackprozesse zwischen Werk, Komponist und Interpret Von Dr. Esa Tapani

Feedback kann die Substanz verändern – zum Beispiel, wenn Komponist und Interpret gemeinsam über ein schon bestehendes Werk diskutieren, wenn sich Idee und praktische Ausführung entgegenkommen und die Glieder der Kommunikationskette schließlich zwischen Komponist, Vortragendem und Zuhörer launisch hin- und herspringen. Unter den Feedbackprozessen ist derjenige

Rückkopplung zwischen dem Klangereignis

für den Vortragenden am wichtigsten, der

und dem Vortragenden eine wesentliche

zwischen der Notation und der bei ihm

Rolle, denn gerade durch das Klangbild sam-

entstandenen Auffassung über ihre Inter-

melt der Musiker Material für wichtige Ent-

pretation stattfindet. Die Wirkung des durch

scheidungen u. a. über Tempi und Dynamik.

das Notenbild vermittelten Feedbacks ist am

34

stärksten in der Anfangsphase des Interpre-

Feedbackprozesse haben zweifelsfrei eine

tationsprozesses – vor allem dann, wenn

große Bedeutung für die Interpretation eines

sich der Musiker eine Vorstellung über das

Musikstückes. Die musikalische Deutung

Werk verschaffen möchte. Bei dem Zustan-

entsteht nicht augenblicklich, sondern

dekommen der Interpretation spielt eine

entwickelt sich meistens über einen langen


Werkstattgespräche

Zeitraum. Informationen werden in der

meinen dient die Kommunikation mit dem

gesehen waren. Diese hielten sich in den

Kommunikationskette nicht nur vom Kom-

Komponisten dem Musiker dazu, seine

Grenzen des Machbaren, aber das Ergebnis

ponisten über den Vortragenden dem Zu-

Interpretation zu vertiefen oder eine Bestä-

stellte den Tonsetzer Salonen nicht zufrieden.

hörer vermittelt, sondern sie springen – oft

tigung dafür einzuholen. Wenn das Werk

Herr Salonen bat mich, ab Takt 83 um einen

auch launisch – zwischen den Kettengliedern

noch unvollständig ist – wie in unserem

Halbton abwärts zu transponieren. Nach

hin und her.

Beispielsfall – sucht der Tonsetzer seiner-

dieser Anpassung funktionierte die Passage

seits nach Verstärkung für seine Ideen.

schon besser, aber der Komponist war immer

In Kommunikation mit dem Komponisten

Zugestandenermaßen ist dies eine grobe

noch nicht glücklich. Schließlich beschloss er,

auf Augenhöhe können Interpretationsideen

Verallgemeinerung, denn beide Parteien

die hohen Triller zu verwerfen und diese

entstehen. Gleichzeitig lernt der Musiker

können auch sehr unterschiedliche Beweg-

durch teils rasche sinkende Tonfolgen, teils

das Werk und seine Hintergründe besser

gründe haben. Obgleich es auf den ersten

gerade Töne zu ersetzen. Diese Änderungen

kennen. Das errungene Wissen unterstützt

Blick so erscheinen mag, dass es in dem letz-

bewirkten die von ihm erhoffte Intensität im

ihn bei späteren Entscheidungen über die

teren Fall für den Komponisten mehr zu

Höhepunkt des Werks.

musikalische Interpretation. Andererseits

holen gäbe, erhält auch der Vortragende

bezweifle ich nach wie vor, ob durch die

wertvolle Indizien für seine Deutung über

Am 23. Februar erhielt ich von ihm die

Kommunikation mit dem Komponisten eine

das Werk im Entstehen. Zweifelsohne öffnen

endgültige Fassung des Stückes zur Über-

„korrekte Interpretation“ zustande kommen

sich dem Vortragenden unerwartete Perspek-

prüfung. In meiner Antwort vom 25. Februar

kann – denn trotz des Gedankenaustausches

tiven auf das Werk, wenn er den Tondich-

schlug ich noch drei Präzisierungen des

bin ich als Vortragender für die Interpreta-

tungsprozess aus der Nähe verfolgen kann.

Notentexts vor.

Fehler, z. B. meine Aufnahme des Werks

Concert Étude ist ein virtuoses Werk, in

Im dargestellten Beispiel ist die Kommuni-

Concert Étude von meinem Landsmann Esa-

dem gewisse Spezialeffekte – wie simulta-

kation in erster Linie praktisch orientiert. Von

Pekka Salonen „heiligzusprechen“, nur weil

nes Singen und Spielen – vorkommen. Bei

Fall zu Fall und Person zu Person kann sich

mir die Intention des Komponisten bekannt

unserem Treffen war Herr Salonen mit mir

die Kommunikation sehr mannigfaltig ge-

war. Ich halte die Interpretation für meine

darüber einig, dass die von ihm aufgezeich-

stalten – und nicht unbedingt zweckdienlich.

eigene, obgleich meine Kommunikation mit

nete Version klanglich nicht zufriedenstel-

Herrn Salonen diese stark geprägt hat.

lend war. Ich machte alternative Vorschläge

Interpretieren heißt diskutieren. Eine her-

und spielte sie ihm vor. Er unterbreitete

meneutische Gesprächsführung ist für

Für den Vortragenden ist auch wichtig,

weitere Vorschläge, und schließlich hatten

beide von Bedeutung. Genauso bedeutungs-

was nicht ausgesprochen wird. Wenn der

wir eine Version, die klangmäßig viel besser

voll ist die gegenseitige Inspiration, die

Tonsetzer ein Detail meiner Interpretation

funktionierte als die erste Fassung.

beide Parteien aus den Auffassungen der

tion verantwortlich. Es wäre ein gewaltiger

anderen schöpfen. Der Tonsetzer kann,

kommentarlos hinnimmt, nehme ich dies als ein Zeichen der Zustimmung wahr.

Der Komponist Salonen hatte auch eine tech-

wenn er es denn möchte, dem Vortragenden

Dieser Zustimmung sollte man jedoch

nische Frage zu der Stopftechnik, der er sich

neue Perspektiven auf sein Werk eröffnen,

keinen allzu großen Wert beimessen, denn

in dem schnellen Abschnitt des Stücks reich-

denn er kennt es viel besser. Der Musiker

einem Komponisten mögen auch sehr

lich bedient hatte. Es zeigte sich, dass er –

hingegen kann dem Komponisten wichtige

unterschiedliche Interpretationen seiner

als geübter Hornist – diesen Bereich lücken-

Details mitteilen, die nur einem bekannt

Werke gefallen.

los beherrschte, denn die gesamten voll-

sein können, der seines Instrumentes

und halbgestopften Töne sowie ihre rasche

mächtig ist.

Herr Salonen hat mir am 9. Februar 2000

Abwechslung funktionierten makellos.

eine E-Mail zukommen lassen, in der er mich

Dr. Esa Tapani ist Professor für Horn.

darüber informierte, dass eine erste Version

Gegen Ende des Werks befand sich ein

der Concert Étude vorläge, und anfragte,

weiterer problematischer Abschnitt, in dem

ob ich sie ihm vorspielen möge. Im Allge-

zahlreiche Triller im hohen Register vor-

35


Frankfurt in Takt 19/1 – Feedback und Kritik

FEEDBACK UND KOMMUNIKATION ZUR STÄRKUNG DER SELBSTKOMPETENZ

Moderiertes Feedback und Reflexion sind seit

Von Ingo Diehl

passten bzw. entwickelten Feedback-Ver-

einigen Jahren Teil von choreographischen Arbeitsprozessen und zeitgenössischer Tanzausbildung. Im Master of Contemporary Dance Education (MA CoDE) arbeiten wir seit 2013 mit Adaptionen von gängigen und eigenen, für die jeweilige Situation angefahren, um Lernprozesse produktiv und motivierend zu begleiten. Die Komplexität aktueller ästhetischer Handschriften und Arbeitsweisen sowie die Individualisierung innerhalb der künstlerischen Ausbildung verlangen nach einem geschützten Raum, um Vertrauen und Distanz in sensiblen Situationen zu stärken. Die Vorlagen von DASArts1 und der Critical Response Process der kanadischen Choreografin Liz Lerman2 sind in unserem Masterprogramm dafür wichtige und hilfreiche Referenzen. Neben einer Reihe von Publikationen wurde das Thema im Rahmen von Tagungen und Studiengängen in den Darstellenden Künsten reflektiert und beständig weiterentwickelt3, was einen produktiven Kontext für die Anwendung und Fortentwicklung in der Lehrpraxis bietet.

Wahrnehmungen zu erweitern und Wertvorstellungen zu hinterfragen, sind wesentliche Komponenten von Kommunikations- und Mediationsprozessen des MA CoDE. Die Basis ist Vertrauen und der richtige Zeitpunkt.

Insbesondere im Anschluss an Lehrproben oder Präsentationen der Studierenden zeigt sich im MA CoDE ein hohes Maß an Verletzlichkeit. Klare Verabredungen in der Kommunikation sind notwendig, um den verschiedenen Sichtweisen einen produktiven Raum zu bieten. Für persönliche und unter Umständen harsche Kritik eines fachlichen Aus-

36


Feedback und Kommunikation zur Stärkung der Selbstkompetenz

1: www.atd.ahk.nl/opleidingen-theater/das-theatre/feedback-method/, www.karimbenammar.com/en/ 2: lizlerman.com/critical-response-process/ 3: bspw. Tanzplattform Deutschland in 2014, Laboratory on Feedback HZT Berlin in 2014, der Deutsche Tanzkongress in 2016, Biennale Tanzausbildung 2018. 4: siehe Handreichung der Kultusministerkonferenz S.15: www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2011/2011_09_23_GEP-Handreichung.pdf 5: damit ist die Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Studierenden und oder Künstlerinnen und Künstlern gemeint. 6: motionbank.org/de/ Motion Bank war ein auf vier Jahre angelegtes Projekt der Forsythe Company, in dem die choreographische Praxis in einem breiten Kontext erforscht wurde. Diese Arbeit wird heute in Kooperation mit verschiedenen Partnern an der Uni Mainz fortgeführt. 7: motionbank.org/de/content/ausbildung-piecemaker.html

tausches braucht es Regeln, egal ob in Form

diese Verfahren thematisiert und begleitet

Unabhängig davon, welche Verfahren zur

von Spielen, Szenarien des Beschreibens und

werden. Zwei wesentliche Aspekte aus der

Anwendung kommen, um das eigene Han-

des Wahrnehmens oder einfach in der Gestalt

Erfahrung im Studiengang scheinen dabei

deln in konkreten Situationen zu reflektie-

von moderierten runden Tischen. Ziel ist es,

Fragen von Zeitlichkeit – wann ein Reflexions-

ren: Es werden in der Lehre entsprechende

sich der eigenen Kommunikation bewusst zu

prozess im Verhältnis zu einem Event statt-

Zeiträume und Methoden benötigt, damit

werden und damit die Selbstkompetenz zu

findet – und das Vertrauen zu sein, dass das

diese auch sinnhaft umgesetzt werden kön-

schulen – sowohl in der Rolle desjenigen, der

jeweilige Feedback bzw. der Austausch von

nen. Dabei ist es notwendig festzuhalten,

Feedback gibt oder erhält, als auch in der

allen Beteiligten im Sinne einer unterstützen-

dass Kommunikations- und Mediationspro-

Rolle des Moderators oder Vermittlers.

den Begleitung durchgeführt wird.

zesse den Diskurs durch eine bestimmte Struktur lediglich erleichtern, denn egal, ob

Den unterschiedlichen Verfahren liegt die

Ein weiteres Verfahren, das im MA CoDE

Kolloquien, die beschriebenen Peer-to-Peer-

Überlegung zu Grunde, dass es mehr als

zur Anwendung kommt, das jedoch weniger

Feedbacks oder die individuelle Videoanaly-

eine Wahrheit und vielfältige Erfahrungen

auf den Austausch zwischen Peers und eine

se mit Notationsverfahren: Es geht immer

wie auch Blickwinkel in Bezug auf Abläufe,

Kommunikation in der Gruppe zielt, ist die

um eine vertiefte Auseinandersetzung an der

Events oder fachliche Fragestellungen gibt,

Videoanalyse der eigenen Unterrichtslehr-

konkreten künstlerisch-pädagogischen wie

was eben auch der Diversifizierung aktueller

probe in Form von Annotationen als digitale

auch fachlichen Praxis, die im besten Fall

zeitgenössischer Arbeitsweisen im Tanz und

Reflexions- bzw. Lernprozesse. Dabei folgen

dabei unterstützt, Wahrnehmungen zu er-

den aktuell heterogenen Studierendengruppen

Studierende klar definierten Beobachtungs-

weitern und Wertvorstellungen zu hinter-

entspricht. Im Studiengang selbst können

kriterien, um die aufgezeichneten Unterrichte

fragen. Damit stehen nicht Produktivität und

durch die Strukturierung der Feedback-Pro-

hinsichtlich persönlicher Interessen über

Optimierung, sondern Respekt und kritisch-

zesse Hierarchien differenzierter thematisiert

einen längeren Zeitraum zu analysieren. Im

inhaltlicher Austausch im Zentrum. Ziel ist

und mögliche Konflikte zielgerichtet ange-

Rahmen des Motion Bank6-Projekts entwickelt

es folglich, die Selbstkompetenz dezidiert

sprochen werden. Der fachliche Austausch

ein Team an der Hochschule for Applied

innerhalb des fachlichen Diskurses zu stärken.

rückt in den Vordergrund, denn alle Teilneh-

Science in Mainz – seit Projektbeginn in Ko-

Diese Kompetenzerweiterungen decken sich

merinnen sind in der Verantwortung, die

operation mit MA CoDE – ein Softwarepro-

durchaus mit den aktuellen Schwerpunkt-

Kommunikation produktiv mitzugestalten.

gramm namens Piecemaker7. Dieses Pro-

projekten in den Bereichen Künstlerische

gramm ermöglicht das Markieren und Über-

Forschung und Digitales Lernen.

5

Im bildungspolitischen Kanon wird Selbst-

schreiben einer Videoaufzeichnung unab-

kompetenz mit Eigenschaften wie Selbst-

hängig davon, ob live oder im Nachhinein.

Prof. Ingo Diehl ist Leiter des Studiengangs

ständigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstvertrauen,

Die Beobachtungen, die an den selbst ge-

MA CoDE.

Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflicht-

wählten Stellen im Video möglich sind,

bewusstsein umschrieben, die durch das

erlauben ein hohes Maß an Genauigkeit. Es

Einnehmen der verschiedenen Rollen im An-

sind die eigene Analyse und Einschätzung

schluss an eine Lehrproben-Situation durch-

einer Situation, die den Lernprozess beför-

aus geschult und praktisch erprobt werden.

dern. Die Bewertung erfolgt also nicht durch

Insbesondere Kritikfähigkeit und eine dis-

eine von außen gegebene Kritik.

4

tanziertere Selbsteinschätzung können durch

37


Probe von „Version 321 GO“ (Choreographie: Ayman Harper) mit Alexandros Karampatsakis und Steven Höhn

38


Probe zum Konzert der Kompositionsklassen mit Minsung Kwon, Koichiro Une und Hyunjung Kim

39


Frankfurt in Takt 19/1 – Aus der Hochschule

GESELLSCHAFTLICHE TEILHABE DURCH KUNST Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig und Hochschulpräsident Prof. Elmar Fulda im Gespräch

Es war ein Treffen, das parallele Überzeugungen offenbarte: Hochschulpräsident Prof. Elmar Fulda lud Frankfurts Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig zu einem Gespräch über das Selbstverständnis von kultureller Teilhabe ein. Was die HfMDK im Leitbild verankert hat und durch offenen, kostenfreien Zugang zu vielen Veranstaltungen realisiert, findet sein Pendant im freien Eintritt für Studierende, Kinder und Jugendliche in die städtischen Museen Frankfurts. Hartwig und Fulda diskutieren, was ihnen wichtig ist: die Türen zu den unterschiedlichen Künsten für alle zu öffnen. 40


Gesellschaftliche Teilhabe durch Kunst

Prof. Elmar Fulda Kulturelle Teilhabe war

Hartwig Naiv und illusionär war der An-

an experimentelleren Formen der Regie sind

schon in den 1970er Jahren ein großes Thema.

satz durchaus. Er vollzog sich aber auch in

hier durchaus vorhanden. Wenn man den

Da hieß es: Arbeiter und Kinder an die Kunst!

einer gänzlich anderen Gesellschaft als der

Frankfurtern mit einer zu konventionellen

Dazu gab es viele Initiativen: Stadtteilhäu-

heutigen. Gegenwärtig haben wir es mit

Inszenierung käme, würde das Publikum

ser entstanden, um mit der Kultur aus den

einer größeren sozialen Schere zu tun, zudem

rebellieren.

heiligen Tempeln zu den Menschen vor Ort

mit einer Einwanderungsgesellschaft. Das

zu gehen. Was ist aus Ihrer Perspektive

Miteinander ist bunter und vielfältiger ge-

Fulda Und wie ermöglicht man dem Nicht-

seither passiert?

worden, damit einhergehen Chancen und

Stammpublikum einen niedrigschwelligen

Herausforderungen. Auch hat sich das Selbst-

Zugang zur Kunst? Ich frage grundsätz-

Dr. Ina Hartwig Der Kunstbegriff hat sich

bild der Kinder und Jugendlichen gewandelt.

licher: Warum beschäftigen sich Menschen

seitdem kontinuierlich weiterentwickelt,

Ihre Behauptung, dass man Kunst anders

überhaupt mit Kunst? Ich glaube, sie tun es

denn Kunst hat glücklicherweise ihre Eigen-

rezipiert, wenn man das dazugehörige Hand-

deshalb, weil sie dort etwas erleben wollen,

dynamik und tut, was sie für richtig hält.

werk – oder die Sprache – erlernt hat, ist

was sie sonst nicht erleben.

Was den Zugang zu ihr angeht, hat es in der

sicher richtig. Aber ich beharre darauf, dass

Zwischenzeit so etwas wie ein „roll back“

auch Laien Zugang zur Kunst haben sollen

Hartwig Was Sie eben über die Rahmung

gegeben. In Zeiten der kommunalen Finanz-

und können. Ein womöglich schwärmerisches

gesagt haben, halte ich für einen klugen

not sind die Zugänge teilweise wieder zurück-

oder naives Bild von Kunst ist doch in Ord-

Ansatz. Wer nicht vom Elternhaus her

gebaut worden. Ich bin froh, dass ich in

nung. Ich verteidige den unbedarften Zugang.

gewohnt ist, ins Konzert zu gehen, für den

meiner Amtszeit diese Entwicklung wieder

kann ein Konzertbesuch unerwartet zu

umdrehen konnte: Ich arbeite konsequent

Fulda Wer ein Konzert für neue Musik an-

einer Offenbarung werden. Besonders

an der kulturellen Teilhabe für alle. Mir ist

bietet, erreicht in der Regel eher ein Spezia-

kleinen Kindern sagt man ja nach, ein Sen-

es wichtig, Zugänge zu öffnen, damit Kinder

listenpublikum. Wenn die gleiche Musik

sorium dafür zu haben, Exzellenz intuitiv

und Jugendliche möglichst früh in Kontakt

aber im Rahmen eines Blockbusters erklingt,

zu erkennen. Die andere Aufgabe jedoch

mit kulturellen Einrichtungen kommen und

hört ein Millionenpublikum zu und ver-

ist es, ein Angebot für diejenigen bereit-

der Kunst ohne Schwellenangst begegnen.

steht sie! Nur weil der Rezeptionskontext

zustellen, die erst über einen Umweg den

Ich bin davon überzeugt, dass das wachsen-

ein anderer ist, wird die Musik auch anders

Zugang finden, weil der Konzertbesuch

de Selbstbewusstsein, das mit der frühen

akzeptiert. Es muss also darum gehen, den

bei ihnen zunächst angstbesetzt ist oder als

Beschäftigung von Kunst einhergeht, für die

Rahmen für Kunstrezeption so zu gestalten,

langweilig gilt. Sie muss man anders an

biografische Entwicklung der jungen Men-

dass beides möglich ist: ein spontaner, in-

die Hand nehmen, und dafür braucht man

schen prägend ist. In den 70er Jahren wurden

tuitiver Kunstzugang sowie ein vertiefter,

gute Pädagogen.

diesbezüglich die richtigen Entscheidungen

reflektierter. Beide Zugänge sind möglich,

getroffen, an die ich anknüpfen möchte.

nötig und bestehen nebeneinander, siehe in

Fulda Wenn nichts mehr selbstverständlich

der Oper, um einmal ein Beispiel aus meinem

ist – und in unserer Gesellschaft ist eigent-

Fulda War der Aufbruch damals nicht auch

„früheren Leben“ als Opernregisseur zu nen-

lich immer weniger selbstverständlich, eben

eine Illusion, verbunden mit emotionalem

nen: Das, was die Regisseure und Kritiker an

als die Folge und vielleicht auch Kehrseite

Überschwang? Stimmte die Annahme, dass

einer Inszenierung interessiert, ist häufig etwas

unserer Freiheit –, wird Vermittlung tatsäch-

es reichen würde, alle Türen der Kulturinsti-

anderes als das, was das Publikum bewegt.

lich immer wichtiger. Und immer-noch das

tutionen aufzumachen, damit alle mit Kunst

direkte Erlebnis: Meine Tochter erlebte im

in Berührung kommen? Kunst hat ja immer

Hartwig Klar. Das Frankfurter Opernpub-

Konzert eine junge Pianistin gleichen Alters

auch eine eigene Sprache, die man erlernen

likum ist allerdings über viele Jahre und

und war baff, fand darüber einen Zugang zu

muss, und kann daher vertieft oft nur mit

Jahrzehnte musikästhetisch gewissermaßen

einer Musik, die sie sonst eher selten hört.

spezifischen „Sprachkenntnissen“ verstanden

erzogen worden und bringt eine gewachsene

Es entstand ein unmittelbarer Eindruck,

und genossen werden, oder?

Hör- und Seherfahrung mit. Die Ansprüche

den ich für unersetzlich halte.

41


Frankfurt in Takt 19/1 – Aus der Hochschule

Hartwig Das unmittelbare Erlebnis ist in

Fulda Denken Sie, dass es eine gesellschaft-

wichtigen Beitrag leisten. Wir tun das mit in

der Tat ganz wichtig. Und deshalb freue ich

liche Aufgabe gibt, dass junge Menschen

Kunst gegossenen Zustandsbeschreibungen

mich, ein Kunstprojekt auf den Weg gebracht

bestimmte Dinge kennenlernen sollten und

unserer Welt, und die bieten wir den

zu haben namens „You&Eye“, in dem Kinder

müssten, auch wenn es gegebenenfalls zur

Menschen an, damit sie sich daran reiben,

und Jugendliche aus zwei Frankfurter Schu-

Konfrontation von Wertevorstellungen

teilhaben, dass sie sie kritisieren und ergän-

len – oft mit Migrationsgeschichte und aus

kommt?

zen – dadurch entsteht ein Dialog. Wir als

nicht sehr begüterten Familien stammend –

Hochschule führen solch einen Diskurs schon

das Angebot wahrnehmen, einmal in der

Hartwig Ja. Und mir gefällt der Gedanke,

allein durch die vielen Menschen, die aus

Woche mit Künstlern zusammenzuarbeiten.

dabei frei von Bedenken und ideologischen

aller Welt mit ihren unterschiedlichen Vor-

Das Spektrum reicht von Musik und Male-

Vorgaben zu sein. Bemerkenswert ist übri-

stellungen zu uns kommen. Ich würde mir

rei bis zu Gestaltung, Mode und Design.

gens, dass einige der aktuellen gesell-

wünschen, dass wir ihn noch mehr nach

Die Kinder werden von fachkundigen freien

schaftlichen und ethischen Debatten in den

draußen tragen und in die Stadtgesellschaft

Künstlerinnen und Künstlern angeleitet.

Museen abgebildet werden. Der Bedeu-

aktiver einbeziehen und umgekehrt als Ort

Das Projekt ist ein großer Erfolg. Für Kinder

tungszuwachs, den Museen gerade erleben,

der Verhandlung von gesellschaftlich rele-

und Jugendliche, für die Kunst und vieles

ist interessant. Tatsächlich sind Museen ein

vanten Themen wahrgenommen werden.

andere nicht selbstverständlich ist, kann es

guter Erfahrungsraum, um die Beweglich-

Aber vielleicht gelingt uns das ja, wenn

ganz viel bedeuten, ein Vertrauensverhält-

keit von kulturellen Gütern und künstle-

wir in Bockenheim auf dem Kulturcampus

nis zu jemandem aufzubauen, der ihnen

rischen Energien zu studieren, nämlich

sind, dort ein neues Stadtquartier mit

kreative Freiräume bietet.

das Phänomen, dass kultureller Austausch

Wohnen, Forschen und Kunsterleben

in der Geschichte noch nie vor Landesgren-

gewachsen ist.

Fulda Ein ähnliches Angebot ist „Musik-

zen Halt gemacht hat. Kunst geht über

MonatMai!“, das unsere Hochschule alljährlich

Grenzen, so wie die Menschen auch.

initiiert und zu dem sie alle großen Musik-

Hartwig Der Begriff der Kulturtechnik gefällt mir sehr. Aber wir müssen aufpassen, dass

institutionen der Stadt an einen Tisch holt.

Fulda Wir leben ja in einer Zeit, in der die

wir uns nicht nur auf die Hochkultur

300 Musikerinnen und Musiker musizieren

Erfahrung mit dem Fremden von vielen

kaprizieren, wobei ich diesen Begriff gar

dabei für 4.000 Schülerinnen und Schüler

negativ bewertet wird. Doch eigentlich muss

nicht verwende, denn: Was wäre das Gegen-

aus 40 Frankfurter Schulen, besuchen sie in

man sagen, dass Kunst und Kultur sich

über von Hochkultur, wenn es sie wirklich

ihren Klassen oder laden sie in ihre Proben-

immer aus der Begegnung mit dem Fremden

gäbe? Die Sphären von „E“ und „U“, wie

räume und Konzertsäle ein.

speiste.

man früher sagte, sind doch längst durch-

Hartwig Das setzt die Stadt für Studieren-

Hartwig Ja, und vieles ehemals „andere“

Thema ist für mich: Sich mit Kunst zu

de fort: Die HfMDK profitiert seit Herbst

ist längst zur eigenen Kultur geworden.

beschäftigen, bietet eine gute Möglichkeit,

letzten Jahres vom Kulturticket der Stadt

Die Kaffeehäuser in Wien beispielsweise,

im Leben unabhängig zu sein.

Frankfurt. Ebenso mit dabei sind die Goethe-

sie sind ja bekanntlich durch die Türken

Universität sowie die University of Applied

„importiert“ worden und prägen heute das

Fulda Ja, vielleicht ist das die faszinierendste

Sciences. Es ist ein Kooperationsprojekt mit

Straßenbild ganz Westeuropas.

Eigenschaft von Kunst: Freiheit des Geistes

mischt. Die politische Botschaft zu diesem

den Studierendenvertretungen der Univer-

zu schaffen und darüber Menschen zu

sitäten und ermöglicht über 60.000 Studieren-

Fulda Kunst ist in meinem Selbstverständnis

verbinden, Identität und gesellschaftlichen

den den kostenfreien Eintritt in 18 Frank-

eine Kulturtechnik, die schon immer extrem

Zusammenhalt zu stiften! – Liebe Frau

furter Museen. Darüber freue ich mich sehr,

wichtig war. Wir sollten daher als Künstler

Hartwig, ich bedanke mich sehr herzlich für

weil ich es sehr wichtig finde, dass es einen

und auch Kunstinstitution sehr selbstbe-

das Gespräch!

Austausch der Künste gibt.

wusst sein, dass wir zur Gesellschaft einen

42


Wir sind dabei

Das Deutschlandstipendium hilft besonders leistungsstarken Studierenden. Gemeinsam engagieren sich dafür private Förderer und der Bund. Werden Sie Partner des Deutschlandstipendiums an der HfMDK, damit wir gemeinsam die künstlerische Exzellenz im Studium fördern können! 73 Stipendien möchte die HfMDK zum Wintersemester vergeben – helfen Sie mit, dieses Ziel zu erreichen. Mit einem Jahresstipendium à 1.800 Euro oder einer Spende ab 50 Euro. Der Bund verdoppelt Ihre Spende! Weitere Informationen erhalten Sie im Fundraisingbüro: Daniela Fox (Tel 069 154 007-210) und auf www.hfmdk-foerdern.de


OFFEN FÜR DAS ANDERE Deutschlandstipendiat Leon Häder im Interview mit seinem Förderer Frank Schumann Ohne das Deutschlandstipendium wären

durch das BAföG erleichtert hat. Den Aus-

sehr wie das perfekte Zusammenspiel eines

sich die beiden wahrscheinlich nie begeg-

schlag für die Förderung gaben dann zwei

Ensembles. Hinzu kommt der aufkläreri-

net: Leon Häder studiert in Frankfurt am

Punkte. Erstens: die hundertprozentige

sche Ansatz. Es regt mich zur Reflexion,

Main Schauspiel, Frank Schumann bewegt

Wirkung. Das heißt, dass mein Geld direkt

zum Nachdenken an.

sich beruflich in der Finanzwelt und pen-

an den Studenten geht. Zweitens: dass der

delt zwischen der Mainmetropole, Malta

Bund meine monatlich 150 € verdoppelt.

Herr Häder, wie sind Sie zum Schau-

und Zürich. Im Interview erzählen der

Da ich meinen Beitrag steuerlich geltend

spiel gekommen?

Stipendiat und sein Förderer, was ihnen

machen kann, ist das ein fantastisches

Leon Häder Ich bin auf eine Waldorfschule

das Schauspiel bedeutet und wie aus dem

„Preis-Leistungs-Verhältnis".

gegangen. Dort wird man früh auf die

anfangs zögerlichen Kontakt ein bereichernder Austausch wurde.

Bühne geschickt. Bei einem Theaterprojekt Sie haben Betriebswirtschaftslehre

meiner Schule fand ich die Menschen so

studiert und arbeiten im Finanzbereich.

spannend, dass ich dachte: „Das muss ich

Herr Schumann, Sie und Ihre Frau för-

Warum das Engagement im kulturellen

machen.“ Später bin ich dann noch inten-

dern privat an der Hochschule für Musik

Bereich?

siver in Kontakt mit der Schauspielerei

und Darstellende Kunst Frankfurt am

Frank Schumann Ich glaube, es braucht

gekommen und hatte das Gefühl, dass ich

Main. Wie haben Sie vom Deutschland-

beides: Wirtschaft und Kultur. Ich würde

eigentlich keine andere Wahl mehr habe.

stipendium erfahren?

aber keinen BWL-Studenten unterstützen.

Die Schauspielerei ist für mich anstren-

Frank Schumann Von einem Nachbarn, der

Die Wirtschaft sollte selber in der Lage sein,

gend, ich gebe viel preis, viel Gefühl, auch

auch fördert. Ich habe über meine eigene

ihren Nachwuchs zu fördern. Kultur all-

Unvermögen. Man macht viele Tore auf.

Studienzeit nachgedacht und mich daran

gemein und besonders das Schauspiel liegen

Man lässt die Menschen an seine Gefühle

erinnert, wie sehr mich die Unterstützung

mir am Herzen. Wenig berührt mich so

heran.

44


73 Deutschlandstipendien angestrebt An der HfMDK können maximal 73 Deutschlandstipendien vergeben werden. Das bemisst sich an der Gesamtzahl der Studierenden und über die Umverteilung nicht genutzter Kontingente anderer Universitäten in Hessen. 61 Studierende erhalten im laufenden Studienjahr die hilfreiche finanzielle Unterstützung von 300 Euro monatlich. Finanziert wird ein Jahr, zu gleichen Teilen von privaten und institutionellen Förderern sowie vom Bund. „Frankfurt liebt die Kunst, aber leider ist es teuer, hier zu leben. In der nächsten Förderrunde ab Herbst 2019 wollen wir das Maximum erreichen und die 73 möglichen Stipendien vergeben. Darum laden wir alle Musik-, Tanz- und Theaterbegeisterten herzlich ein, sich im Deutschlandstipendium für unsere Studierenden zu engagieren!“, so Elmar Fulda, der Präsident der HfMDK.

Fördern Sie Talente! Möchten Sie unsere Studierenden mit einem ganzen oder einem Teil-Stipendium fördern? Sprechen Sie mit der Koordinatorin im Fundraisingbüro: Daniela Fox, E-Mail: daniela.fox@hfmdk-frankfurt.de, Telefon: 069 154 007-210. Und erfahren Sie mehr übers Deutschlandstipendium unter hfmdk-foerdern.de/#deutschlandstipendium

Ist das Deutschlandstipendium für Sie

gibt, ohne dass dafür eine konkrete Gegen-

ich Menschen kennenlerne, die nicht in dieser

eine Erleichterung?

leistung erwartet wird, ist toll.

Theaterblase sind, sich dem aber öffnen.

Leon Häder Arbeiten ist neben dem Studium

Frank Schumann Ich zitiere mal die ver-

Frank Schumann Nach einem ersten An-

einfach nicht möglich. Ich komme um 10 Uhr,

storbene Schriftstellerin Leonie Ossowski:

nähern über E-Mail haben wir uns im

gehe um 22 Uhr und habe in der Regel kein

„Mein größter Wunsch wäre, dass unsere

letzten Jahr in Frankfurt getroffen. Dem

Wochenende. Da ich mich sonst über meine

Gesellschaft nicht nur Geld und Kapital in

Stipendium liegt ja kein Waschzettel bei,

Eltern finanziere, falle ich bei vielen Stif-

den Vordergrund stellt, sondern vor allem

wie man miteinander umgehen soll. Das

tungen durch. Die Dozenten haben mir

die Menschen.“ Die Tendenz, viele kulturelle

war für uns beide ein Herantasten. Vor

geraten, mich für das Deutschlandstipendium

Errungenschaften nur noch nach wirtschaft-

Kurzem hat die Gruppe von Leon ein Stück

zu bewerben. Die Förderung ermöglicht mir

lichen Kriterien zu beurteilen, halte ich für

in der Hochschule aufgeführt, das ich mir

ganz konkret, dass ich umziehen kann. Es

gefährlich und falsch. Ich finde es erstrebens-

angesehen habe. Das hat mich beeindruckt

ist aber vor allem ein Polster auf meinem

wert, dass sich mehr Förderer für junge

und ich bin glücklich, dass ich Leon

Konto, das mich sehr beruhigt.

Künstler einsetzen.

weiter fördern kann.

Sollten deshalb noch mehr junge Künst-

Es ist schon Ihr zweites gemeinsames

Im Februar 2019 auf www.deutschlandstipendium.de

lerinnen und Künstler gefördert werden?

Förderjahr. Wie hat sich der Kontakt

Leon Häder Ich glaube jeder, der im künst-

zueinander entwickelt?

lerischen Bereich tätig ist – sei es Musik,

Leon Häder Ich bin hier wie in einer Glocke.

Tanz oder Schauspiel – hat im Voraus schon

Gemessen an meinem Kontakt zur Außen-

viel Zeit investiert, die nicht bezahlt wurde.

welt, sind Frank und ich rege Austauschpart-

Dass mal jemand kommt und einfach Geld

ner. Für mich ist es sehr bereichernd, wenn

im Rahmen des Newsletters zum Deutschlandstipendium des Bundesministeriums für Bildung und Forschung veröffentlicht.

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BRIAN FERNEYHOUGH 2019 ALS STIFTUNGSGASTPROFESSOR AN DER HFMDK Die HfMDK hat erstmals 2019 eine in ihrer

an die HfMDK gefolgt und hat bereits in

Leseproben. Immer mit einem Weitblick

Interdisziplinarität einzigartige Stiftungs-

seiner ersten Arbeitsphase starke Impulse für

nicht nur über eigene Werke und ihren Kon-

gastprofessur für Komposition eingerichtet,

Studierende und Lehrende gesetzt. Der viel-

text hinaus, sondern auch mit großer und

was dank der Unterstützung der 2016 ge-

fach ausgezeichnete Komponist, dessen Name

tiefer Allgemeinbildung und einer Haltung,

gründeten HfMDK-Stiftung möglich wurde.

untrennbar mit dem Begriff „Neue Komplexi-

die sich selbst als Künstler mit Verantwortung

Im Rahmen der Stiftungsgastprofessur

tät“ verbunden ist, hat sich gleichermaßen

und innerhalb größerer Zusammenhänge ver-

kommen renommierte Komponistinnen und

als erfahrener und praxisbezogener Kompo-

steht. „Die Kunst ist eines der letzten Mittel,

Komponisten jeweils für ein Jahr nach Frank-

nist sowie als Pädagoge mit Esprit und Ein-

uns selbst realistisch ins Auge zu schauen“,

furt, um mit Studierenden aller Fachbereiche

fühlungsvermögen für alle Levels und Themen

schrieb Brian Ferneyhough einmal.

zu arbeiten. Workshops mit Instrumentalis-

der Studierenden erwiesen. Mit ihm wurden

tinnen und Instrumentalisten sowie Studie-

hochkomplexe Partituren gelesen, regelrecht

Im Fokus in den Gesprächen und in der

renden der Komposition, der Darstellenden

durchgerechnet und für die Probenphasen

Arbeit mit Ferneyhough stand das Thema

Künste, aber auch Musikwissenschaft und

eingerichtet, bereits gearbeitete Kompositio-

Notation, ein Dauerbrenner bei Interpreten

Pädagogik stehen dabei ebenso auf dem Pro-

nen wurden von Instrumentalisten der Hoch-

und Komponisten gleichermaßen. Wichtige

gramm wie Lectures und öffentliche Auffüh-

schule, darunter auch Mitglieder der Interna-

Hinweise für den Umgang mit Ferneyhoughs

rungen, Gesprächsrunden und Symposien.

tionalen Ensemble Modern Akademie (IEMA),

äußerst komplexen Partituren, die höchste

gemeinsam erarbeitet und durchleuchtet,

Ansprüche an die Interpretation stellen, gab

Im Januar 2019 ist der renommierte britische

und vor allem: Es wurde viel diskutiert! In

es beispielsweise beim offenen Workshop zu

Komponist Brian Ferneyhough als erster dem

Einzelgesprächen mit den Kompositionsstu-

„Cassandras Dream Song“ mit Flötistin Sarah

Ruf als Stiftungsgastprofessor Komposition

dierenden, bei öffentlichen Workshops und

Heemann oder bei der gemeinsamen Lese-

46


probe zu „Funérailles“ für sieben Streicher und Harfe, wo Professoren und Studierende Seite an Seite saßen. Ferneyhough, der über den Unterschied von „komplex“ und „kompliziert“ sprach, brachte es auf die Formel: „Fidelity instead of exactitude!“ Wo da genau die Unterschiede liegen und wie man mit dieser Herausforderung ganz praktisch umgeht und in Spieltechnik umsetzt, daran arbeiten die Interpreten und Interpretinnen, bevor sie im Mai wieder auf den Komponisten treffen. Beim Gesprächskonzert am 28. Mai, bei dem Ferneyhough mit Lucas Fels und Stefan Fricke auf dem Podium sitzen wird, können erste Ergebnisse der Arbeit gehört werden. Die mehrdeutige Beziehung von Notation und Interpretation in der Praxis zeitgenössischer Musik rückt dann vom 8. bis 10. November im Rahmen eines internationalen Symposiums während der dritten Arbeitsinsel nochmal ganz konzentriert ins Zentrum. Interessierte Teilnehmerinnen und

Gemeinsam für das Mehr an Ausbildung in Musik, Theater und Tanz

Teilnehmer sowie Workshop-Gasthörer können sich gerne mit dem Institut für zeitgenössische Musik IzM in Verbindung setzen. Kontakt: karin.dietrich@hfmdk-frankfurt.de Arbeitsphase II: 23. bis 29. Mai 2019

Die Stiftung für die Hochschule für

Workshops mit Instrumentalisten

Musik und Darstellende Kunst Frankfurt

und Komponisten, Konzert und Podiums-

am Main fördert zwei Jahre nach ihrer

gespräch am 28. Mai

Gründung das erste Projekt: die Stiftungsgastprofessur Komposition.

Arbeitsphase III: 4. bis 11. November 2019 Workshops, Symposium Notation

Dafür danken wir unseren Gründungs-

vom 8. bis 10. November

und Zustiftern.

Ein Projekt des Instituts für zeitgenössische

Engagieren auch Sie sich als Stifterin

Musik IzM der Hochschule für Musik und

oder Stifter in der Stiftergemeinschaft

Darstellende Kunst Frankfurt am Main,

der HfMDK Frankfurt am Main!

gefördert von der Stiftung für die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main Weitere Informationen: Fundraisingbüro der Hochschule Telefon 069 154007-137 www.hfmdk-foerdern.de

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LANGER ATEM

Prof. Michael Schneider geht in den Ruhestand

Drei Weggefährten, drei Perspektiven: Der ehemalige Hochschulpräsident Thomas Rietschel erlebte Michael Schneider als seinen Vizepräsidenten. Martin Hublow studierte bei ihm und ist nun Lehrbeauftragter. Der Professorenkollege Karl Kaiser kennt Michael Schneider seit dessen Studienzeit. Sie schildern ihre Erfahrungen mit dem Professor für Blockflöte, der 36 Jahre an der HfMDK unterrichtete und die Abteilung für Historische Interpretationspraxis leitete.

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Langer Atem, breiter Strom

Der Hochschulprofessor und Pädagoge

mehr ohne die Kenntnis von Avantgarde-

Frankfurt, 25 Jahre Barockmarathon, 20 Jahre

Thomas Rietschel Du warst mein erster

musik spielen kann, klingt zunächst paradox.

Barocknächte, 50-jährige Freundschaften, viele

Vizepräsident. Es war damals eine Bauchent-

Aber Du machst überzeugend vor, dass die

Jahre Herausgeber der „Tibia“, vieljährige

scheidung, die ich besser gar nicht hätte

Beherrschung der sehr speziellen Techniken

Mitgliedschaft in der Telemann-Gesellschaft

treffen können. Denn ich hatte in dir jeman-

zeitgenössischer Musik befähigt, auch Musik

Magdeburg und Frankfurt, Artikel, Vorträge,

den an meiner Seite, der sich stets für die

von Vivaldi und Händel ausdrucksvoll und

Editionen, Konzertreihen, mehr als 100 CDs

Hochschule engagiert hatte: als Dekan des

berührend zu spielen. Die Vereinigung von

und vieles mehr. Dein Leben fühlt sich an

Fachbereichs, als Mitglied von Berufungs-

Gegensätzen generiert Neues und Span-

wie ein breiter, souverän fließender Strom.

kommissionen, als Senatsmitglied und selbst-

nendes.

verständlich auch als ständiges Mitglied im

Der Mensch

Fachbereichsrat … Wenn man heute mit gutem

Der Künstler

Thomas Rietschel Du bist immer bereit Ver-

Recht sagen kann, dass die Abteilung für His-

Thomas Rietschel Äußerliche Effekthasche-

antwortung zu übernehmen und dabei einer

torische Interpretationspraxis in Frankfurt zu

rei war dir fremd, und du hast vorgelebt,

der produktivsten Menschen, die ich kenne.

einer der führenden Ausbildungsstätten für

dass ernsthafte wissenschaftliche Auseinan-

Dabei wirkst du immer eher ruhig und zurück-

Alte Musik zählt, dann ist das in ganz großen

dersetzung mit Musik ihr nichts von ihrer

haltend, bescheiden direkt – ich glaube, dass

Teilen dein Verdienst. Qualität und die har-

Lebendigkeit und Frische nimmt.

es das Wort „uneitel“ am ehesten trifft. So wie

monische Atmosphäre waren dir ungeheuer

Karl Kaiser Dein langer Atem ist ein zweiter

du in der Musik das äußere Blendwerk, den

wichtig. Dabei hast du stets eine glückliche

ganz besonderer Zug. Deine legendäre Atem-

nur effektvollen Auftritt ablehnst, so bist du

Hand bewiesen, und es ist dir gelungen, ein

führung als Flötist ist genauso umwerfend wie

auch persönlich: zurückhaltend, dich nicht in

wunderbares Team zusammenzustellen, das

deine brillante Technik und Ausdruckskraft.

den Mittelpunkt drängend.

mit viel Freude und Engagement sehr harmo-

Seit Jahrzenten führst du vor, wie der Atem

Martin Hublow Das ist überhaupt eine deiner

nisch zusammenarbeitet. Mit der HIP hat die

einen ungeheuren Bogen spannen kann.

herausragenden Eigenschaften: das besondere

HfMDK ein leuchtendes Aushängeschild,

Vertrauen, das du anderen entgegengebracht

und diese Leuchtschrift, die verdankt die

Der Macher

hast, egal, ob das Dozenten oder Studierende

Hochschule dir.

Thomas Rietschel Kein Projekt war dir zu

waren. Wer musikalisch eine eigenständige

Martin Hublow Fast alle Studierenden haben

groß: die Kooperation mit dem Rheingau

Initiative entwickelte und etwas aufbaute,

nach der Zeit bei dir ganz anders gespielt als

Musikfestival, die leicht größenwahnsinnigen

bekam von dir auf der einen Seite Unabhän-

vorher, haben also eine große Entwicklung

Opernproduktionen im Kloster Eberbach,

gigkeit und Freiraum, auf der anderen Seite

gemacht. Das lag an einer Sache, die deinen

die Weiterentwicklung der Barocknächte

jede erdenkliche Unterstützung, die man

Unterricht besonders ausgezeichnet und un-

in Weilburg, Kronberg usw.

sich nur vorstellen kann.

endlich wertvoll gemacht hat: Du hast uns

Karl Kaiser Ich bewundere deine ungewöhn-

technisch zwar sehr genau im Auge behalten,

liche Fähigkeit, Gegensätze kreativ zu bündeln

Der Ruheständler

aber stilistisch, also unsere persönlichen Spiel-

und daraus etwas ganz Neues entstehen zu

Karl Kaiser Dein neues Cembalo steht kurz

weisen, nie in Frage gestellt oder aktiv korri-

lassen. Das fing schon mit dem Studium an.

vor der Lieferung, das „Wohltemperierte

giert. Den Weg der spielerischen „Reifung“

Nach dem Abi hast du Architektur, Querflöte

Clavier“ hast du schon zweimal durch, fast

hast du uns stattdessen selbst finden lassen,

und Cello studiert. Aber dann kam im ARD-

alle Scarlatti-Sonaten ebenfalls. Du beschäf-

indem du es geschafft hast, dass wir die Spra-

Wettbewerb erstmalig die Ausschreibung für

tigst dich intensiv mit Partimentospiel. In den

che jedes Stücks, das wir gespielt haben,

Blockflöte. Du hattest immer ambitioniert

Bibliotheken schlummern unzählige Stücke,

wirklich von Grund auf verstehen und uns

auch Blockflöte gespielt und studiert. Jetzt

die du aufführen kannst. Im Mai machst du

dann in dieser Sprache auch ausdrücken

aber ein Jahr geübt wie verrückt, und der

bei den Schwetzinger Festspielen eine unbe-

können.

Preis war in der Tasche ... Die ausgeprägte

kannte Oper von Beck. Auf dein Telemann-

Karl Kaiser Du förderst die Studierenden in

Fähigkeit des langen Atems hast du aufs

Buch warten wir gespannt. Da wird noch

ihren noch so entfernten Präferenzen. Deine

Leben übertragen: 40 Jahre Hochschullehrer,

einiges kommen!

These, dass man heute Barockmusik nicht

40 Jahre Camerata Köln, 31 Jahre La Stagione

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Foto: Helge Krückeberg

Frankfurt in Takt 19/1 – Aus der Hochschule

SUCHE NACH KLANGLICHEN UTOPIEN Florian Hölscher ist neuer Professor für Klavier Seit dem Wintersemester 2018/2019 ist

Was ist Ihre Motivation zum Musizieren?

Was hatte die Suche nach dem „Gegen-

Florian Hölscher Professor für Klavier an

Prof. Florian Hölscher Als ich, in einem kul-

gift“ ausgelöst?

der HfMDK. Der gebürtige Würzburger,

turwissenschaftlichen Umfeld aufgewachsen,

Hölscher Das Wissen um die Möglichkeiten

Jahrgang 1970, ist mit Repertoire aus vier

ein nicht-universitäres Studium aufnahm

der Kunst: Sie kann Utopien entwerfen,

Jahrhunderten auf der Bühne und widmet

und als Pianist auf die Bühne ging, fühlte

„Sinn“ auf allen erdenklichen Ebenen su-

sich mit Leidenschaft der Uraufführung

ich mich fast ein wenig rebellisch. Die Kunst

chen, Bedingungen des Menschseins aus-

neuer Werke: Er pflegt eine intensive Zusam-

wollte ich als existenzielle Notwendigkeit,

loten, Fortschritt auf eigene Weise deuten,

menarbeit mit Komponisten wie Marco

als gesellschaftlich relevantes „Gegengift“

Ernstes spielerisch ansehen, sich an Un-

Stroppa und Alberto Posadas. Hölscher stu-

ansehen. Erst nach und nach habe ich ver-

aussprechlichem versuchen, vermeintlich

dierte bei Robert Levin, Michel Béroff und

standen, dass das eine recht sanfte Rebellion

Bekanntes neu anschauen, ungeahnte Erkennt-

Pierre-Laurent Aimard in Freiburg, Paris

war. Und wenn ich nun an einer Hochschule

nisse ermöglichen, Dialoge über die Jahr-

und Köln. Entscheidende Impulse erhielt er

unterrichte, sehe ich die vermeintlichen Gegen-

hunderte führen. Und sie kann unerklär-

durch den Dirigenten Peter Eötvös. Seit 2008

pole künstlerischen Denkens und Handelns

liche Wunder erzeugen. Unsere Welt braucht

lehrte er als Professor für Klavier- und

eher als sich ergänzende Komponenten.

die Kunst nötiger, als es vielen bewusst ist.

Kammermusik an der Hochschule Luzern.

Ich liebe es, über klangliche Utopien nachzudenken. Aber auch die Umsetzung ist für

50


Spitzenförderung auf breiter Basis

mich zentraler Gegenstand des Suchens und Forschens. Daher bin ich glücklich, an einer Hochschule unterrichten zu dürfen, die das gemeinschaftliche Lehren und

SPITZENFÖRDERUNG AUF BREITER BASIS

Lernen in den Mittelpunkt stellt. Inwiefern erleben Sie die Beschäftigung mit Musik als forschende Tätigkeit? Hölscher Wenn wir Werke einstudieren, reisen wir in unterschiedliche historische, gesellschaftliche und ästhetische Situationen. Wir begegnen komponierenden Persönlichkeiten mit ihren Leidenschaften,

Mit der „Young Academy der HfMDK Frankfurt“ bietet die Hochschule Jungstudierenden ab dem kommenden Wintersemester ein noch breiteres musikalisches Fundament. Neben dem Unterricht im Hauptfach sollen sie mit Kursen und Zusatzangeboten ihren künstlerischen Horizont schon im Vorstudium erweitern.

Neurosen, Temperamenten, Sorgen, Visionen. Um dem gerecht zu werden, wenden

„Wir wollen keine ‚Zirkuspferdchen‘ heran-

Beherrschung des Instruments hinaus zu

wir unterschiedlichste Werkzeuge an:

ziehen, die lediglich ihre Kunststücke am

entwickeln: Der Besuch einer impressionis-

Neben der Intuition, der Analyse und der

Instrument beherrschen, sondern Künstler-

tischen Gemäldeausstellung als Pendant zum

Bildung kann das auch Forschung sein, mit

persönlichkeiten fördern, die nachhaltig in

eigenen Debussy-Programm – so entstehen

der wir uns insbesondere vergangene Welten

und mit der Musik tief verwurzelt sind.“

interdisziplinäre Verständnisbrücken. „Sie

wieder erschließen. Wenn wir eine Tanzsuite

So umschreibt die HfMDK-Violinprofesso-

sollen künstlerisch einen langen Atem ent-

von Bach spielen, müssen wir zunächst eine

rin Susanne Stoodt das Ziel der „Young

wickeln, um sich in der Musikszene dauer-

Fremdsprache erlernen. Ohne Forscher-Geist

Academy“, für deren Einrichtung sie sich

haft überzeugend zu behaupten“, erklärt

und Forscher-Spaß geht das nicht. Ich habe

engagiert hat und als deren künstlerische

Susanne Stoodt, die viele Jungstudierende

selbst gute Erfahrungen damit gemacht, im

Leiterin sie fortan verantwortlich ist. Mit

betreut hat und deren „Hunger“ auf neues

Tandem mit Forschenden zu arbeiten. So

diesem Zertifikatsstudium gießt die Hoch-

Wissen kennt: „Hochbegabte junge Menschen

kann ich die Werke studieren und die Bücher

schule das schon seit vielen Jahren beste-

sind eben sehr aufnahmefähig. Sie sind

lesen, die mich interessieren, ohne all die

hende Angebot eines Jungstudiums für

begierig danach, ihr Verständnis auf vielen

anderen studieren zu müssen, die man im

musikalisch exzellente Schülerinnen und

Ebenen zu erweitern.“

wissenschaftlichen Diskurs mit bedenken

Schüler im Alter zwischen 14 und 18 Jahren

muss.

in eine erweiterte Struktur: Musiktheorie

Koordinatorin der „Young Academy“ ist

und Gehörbildung sind für eingeschriebene

Isabel von Bernstorff, selbst erfolgreiche

Was reizt Sie an Neuer Musik besonders?

Jungstudierende verpflichtende Fächer. Die

Pianistin mit Schwerpunkt Kammermusik

Hölscher Man erlebt bei der Zusammen-

Bach-Suite, die sie gerade musizieren, auch

und Korrepetition sowie Erfahrung in

arbeit mit den besten Komponistinnen und

formal zu verstehen, gar harmonisch zu

Organisationsprozessen. Ihre eigene Bio-

Komponisten „Zeitgenossenschaft“ auf eine

durchdringen – dies macht beispielsweise

grafie hat sie für die Bedürfnisse junger

besonders intensive und differenzierte Weise:

den Mehrwert der „Young Academy“ aus.

Künstler sensibilisert: „Für uns ist es wichtig,

Diese Leute reagieren auf aktuellste Fragen

Mehr noch: Das Studium möchte die jungen

mit den Jungstudierenden stets im Aus-

und formulieren möglicherweise zeitgemäße

Talente miteinander in Kontakt bringen,

tausch zu bleiben, damit wir im Blick behal-

Hoffnungen. Wenn man mit ihnen diskutiert

deren Interaktion fördern, ihnen neue Auf-

ten, welche Fragen sie wirklich beschäftigen.“

und sucht, kann man eine Ahnung davon

tritts- und Vernetzungsmöglichkeiten bieten.

bekommen, wie es gewesen sein muss, mit

Kammermusik und Neue Musik, Workshops

Bach oder Beethoven oder Schumann zu

und auch Exkursionen sollen Gelegenheiten

arbeiten.

sein, den künstlerischen Horizont über die

Interview: Björn Hadem

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TENOR AUF UMWEGEN Verschlungene Lebensläufe unserer Alumni Folge 10: Sebastian Kohlhepp Von Björn Hadem

Einen „Spätberufenen“ nennt er sich, wenn er von seiner Sängerlaufbahn spricht. Er ist 37, wohnt in Bonn, hat mit Sängerin Charlotte Quadt, ebenfalls Alumna der HfMDK, den dreijährigen Sohn Justus – und einen stramm durchgeplanten Terminkalender. Darunter nur zwei Opernproduktionen in 2019: als „David“ in Wagners Meistersinger unter Christian Thielemann bei den Osterfestspielen in Salzburg, als „Ferrando“ in Mozarts Cosi fan tutte in der Dutch National Opera in Amsterdam. Da inszeniert sein „alter“ Intendant der Staatsoper Stuttgart, wo er zwei Jahre im Solistenensemble arbeitete. Sebastian Kohlhepp hätte länger in Stuttgart bleiben können, ebenso am Badischen Staatstheater Karlsruhe und an der Wiener Staatsoper. Doch im Sommer 2017 spürte der lyrische Tenor, dass er eine „gute Ausgangsposition“ erreicht hatte, „um mich fortan freischaffend durch die Welt zu kämpfen“. Ein überschaubares Jahrespensum an Opernproduktionen stemmt er – „sonst wäre ich so lang von zu Hause weg“ –, dazu viel Konzert und Oratorium. Der gebürtige Limburger kann sich aussuchen, welche Engagements er annimmt: Ihm stärken nicht nur zwei gut miteinander kooperierende Künstleragenturen den Rücken,

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Foto: Julia Wesley

sondern auch ein internationaler Ruf als deutscher lyrischer Tenor.


Tenor auf Umwegen

„Bei uns durftest du noch richtig Kind sein“,

Leute trauten mir viel zu – und zwar mehr,

er dort mit berühmten Kollegen und Diri-

erinnert sich Sebastian Kohlhepp an seine

als ich es selbst getan hätte.“ Während einige

genten zusammen, hätte auch hier verlängern

Schulzeit bei den Limburger Domsing-

Mitstudierende an ihrer Hochschulkarriere

können. Er fühlte sich aber zugleich wie ein

knaben. Das Fundament seiner Leidenschaft

arbeiteten – daran, in hauseigenen Produk-

kleines Rädchen im großen Getriebe, zog

für vornehmlich geistliche Chormusik

tionen wichtige Rollen zu ergattern –, knüpfte

daher einen weiteren Wechsel vor und unter-

war damit gelegt, doch dabei blieb es nicht:

Kohlhepp außerhalb der Hochschulmauern

schrieb einen Zwei-Jahres-Vertrag an der

Der „Dritte Knabe“ in der Zauberflöte in

Kontakte, sammelte Erfahrung auf anderen

Oper Stuttgart, der bis Sommer 2017 andau-

Koblenz hieß im Jahr 1994 Sebastian Kohl-

Bühnen. „Für gute Noten im Studium kannst

erte. Seitdem ist er freischaffend – und frei

hepp, der der Chormusik auch nach dem

du dir später nichts kaufen“, wusste er schon

dafür zu entdecken, was er selbst noch

Abitur treu blieb, indem er mit der „Came-

damals. Dass er sein Gesangsdiplom nicht

entdecken möchte: große Partien, vielleicht

rata Musica Limburg“ den preisgekrönten

zu Ende brachte, hat bisher niemanden inte-

auch solche, in die seine Stimme erst noch

Ehemaligen-Chor der Domsingknaben mit

ressiert. „Ich habe immer nur das gemacht,

hineinwächst. Und das Lied? „Vor dem habe

ins Leben rief.

was mich von Herzen überzeugt hat.“ Mit dem

ich allerhöchsten Respekt, es ist für mich die

Studium an der HfMDK verbindet Sebastian

Krone der Gesangskunst.“ Kommt vielleicht

Sein Zivildienst bei der Lebenshilfe Limburg

Kohlhepp Erinnerungen an eine „sehr sym-

noch. Jetzt bleibt weiterhin Zeit für Passio-

bescherte ihm im Umgang mit geistig behin-

pathische, kleine und familiäre Gesangsabtei-

nen, Oratorien und Messen von Komponisten

derten Menschen „eines der schönsten

lung“, die ihn nie in eine Richtung drängen

wie Bach, Beethoven, Mendelssohn. Und für

Jahre, die ich bislang erlebt habe, weil mich

wollte, viele Optionen offen ließ. Dass Hed-

Justus und Charlotte – bei ihnen hat er als

diese Herausforderung so geerdet hat.“

wig Fassbender ihn spontan für Vorsingen

Familienvater ein Engagement auf Lebens-

Dermaßen, dass er sich für ein Sozialpäda-

an den Opernhäusern Dortmund und Karls-

zeit.

gogikstudium einschrieb. Erst beim Vor-

ruhe anmeldete, offenbarte sich als geschick-

diplom holte ihn der Gedanke ein, Musik

ter Schachzug, den jungen Tenor von seinen

Was bisher gut lief? „Klar, eine Portion Glück

zu seinem Beruf zu machen – er startete

eigenen Talenten zu überzeugen: Beide

ist immer dabei“, weiß er. Er setzt weiter auf

ein Studium der Musik für das Lehramt an

Häuser boten ihm Engagements an, Karls-

musikalisches Wachstum statt äußere Karrie-

Real- und Hauptschulen an der HfMDK mit

ruhe erhielt den Zuschlag. „Unglaublich

reschritte, hofft, dass sich langfristig Qualität

Hauptfach Gesang bei Johannes Kalpers.

schöne zwei Jahre“ erlebte er am Badischen

durchsetzt und nicht das Anbiedern im

Als ihn Stephan Schreckenberger, heute

Staatstheater als festes Ensemblemitglied,

Klassik-Karussell. Und: „Bei aller Wichtig-

Intendant der Weilburger Schlosskonzerte,

empfand die Szenearbeit als große Hilfe,

keit eines Studiums gilt es nie aus dem Auge

für eine solistisch besetzte Johannespassion

„die Stimme in meinem Körper zu veran-

zu verlieren, dass unser Berufsfeld ein prak-

in sein Ensemble einlud, ermutigten ihn Kom-

kern und Seiten an mir selbst zu entdecken,

tisches ist. Je früher ich dort einsteigen kann,

militonen und Professoren anschließend:

die ich noch gar nicht kannte“. Aber er spürte

desto besser. Learning by doing ist durch nichts

„Sind Sie denn wahnsinnig – was wollen Sie

auch die Gefahr, es sich in einem Festenga-

zu ersetzen.“ Sich selbst treu zu bleiben eben-

in der Schule, Sie müssen Sänger werden!“

gement dauerhaft bequem einzurichten:

so. Sebastian Kohlhepp bleibt neugierig – in

Die Aufnahmeprüfung zum Diplomstudium

„Wenn ich Erfahrungen verschiedenster Art

jedem Fall auf das, was er an sich selbst noch

Gesang war erfolgreich, die Zusammenarbeit

sammeln möchte, sollte ich jetzt weiterzie-

nicht entdeckt hat.

mit Prof. Hedwig Fassbender begann. „Ex-

hen.“ Während eines Gastspiels am Theater

trem gut an ihr fand ich die Kombination

an der Wien ließ er sich auf ein Vorsingen

von theoretischem Wissen und praktischer

an der Wiener Staatsoper ein. Die Folgen

Erfahrung“, resümiert er das, was ihm die

waren unausweichlich, ein Engagement ihm

aktive Opernsängerin geben konnte. Vor

dort sicher. 21 Partien bereitete er in Wien

allem sah sie in ihm mehr als er selbst: „Sie

für eine Saison vor, gerade einmal sechs

und auch ihr Mann, der als Opernagent ar-

davon durfte er auf der Bühne singen, die

beitete, stießen mich in die Opernwelt hinein.“

anderen in „Cover-Reserve“, falls einer der

Überhaupt sagt er heute dankbar: „Viele

großen Tenöre einmal ausfällt. Klar arbeitete

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Frankfurt in Takt 19/1 – Aus der Hochschule

ERFOLGE UNSERER STUDIERENDEN EINE AUSWAHL

den 1. Preis „with high distinction“ in der Kategorie VIRTUOSO (20–26 Jahre) gewonnen. ● Solenn Grand, Harfe (Klasse Prof. Françoise Friedrich) gewann das Probespiel für die Stelle der 2. Harfenistin an der State Opera Prague. ● Das Klavierstück „Heim-

Pauline Hoffmann, Violine (Jungstudentin

Weg“ von Dayoung Park wurde beim 4.

Klasse Prof. Ulrich Edelmann), ist Preisträge-

Mauricio Kagel Kompositionswettbewerb als

rin der Deutschen Stiftung Musikleben beim

eines von 15 Werken aus 151 Einsendungen

27. Wettbewerb des Deutschen Musikinstru-

für die Finalrunde ausgewählt. Dayoung

mentenfonds. Sie wurde mit einer Meister-

Park studiert Komposition bei Prof. Orm

violine von Philipp Augustin, Staufen 2018,

Finnendahl und Prof. Michael Reudenbach.

ausgezeichnet. ● Sandro Hirsch, Trompete

● Malte Neidhardt, Posaune (Klasse Prof.

(Klasse Prof. Klaus Schuhwerk), hat den

Oliver Siefert), hat das Probespiel für die

Yamaha Stipendien-Wettbewerb 2018/19

Stelle einer Soloposaune im Orchester des

der Yamaha Music Foundation of Europe im

Theater Freiburg gewonnen. Seit 2017 ist er

Fach Trompete gewonnen. ● Sara Esturillo,

Akademist beim hr Sinfonieorchester. ●

Harfe (Klasse Prof. Françoise Friedrich), hat

Julie Sekinger, Sopran (Klasse Prof. Ursula

beim Vienna International Music Competition

Targler-Sell), wurde bei der Vienna International Music Competition mit einer Silver Medal in der Kategorie Virtuoso (Altersgruppe 20–26 Jahre) ausgezeichnet. ● Julian Fahrner, Violine (Klassen Prof. Sophia Jaffé und Prof. Angelika Merkle), ist bis Ende dieser Spielzeit als Erster Konzertmeister im

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Erfolge unserer Studierenden ausgezeichnet worden. ● Eva Schomerus,

(Violoncello), wurde bei der „Karol Szyma-

Harfe (Klasse Prof. Françoise Friedrich), hat

nowski International Music Competition“

beim „Concours des Juniors“ der „Les Amis

mit dem ersten Preis und dem Sonderpreis

de la harpe“ in Nizza in ihrer Kategorie

für die beste Interpretation eines Werkes

(Niveau 10) den 1. Preis erzielt. ● Das Frank-

von Szymanowski ausgezeichnet. Das Eliot

furter Klavierduo „two4piano“ mit Katerina

Quartett studiert an der HfMDK im Master

Moskaleva (Klavierkammermusik Klasse

Streicherkammermusik bei Prof. Tim Vogler

Prof. Angelika Merkle) und Alexey Pudinov

sowie an der Escuela Superior de Musica

(Alumnus) hat bei seinem Kanada-Debüt

Madrid in der Klasse von Prof. Günther

den ersten Preis beim Wettbewerb North

Pichler. ● Thorsten Grasmück, Orgel (Jung-

West International Piano Ensemble Compe-

student Klasse Prof. Stefan Viegelahn), ge-

tition in Vancouver gewonnen. ● Julian

wann beim Wettbewerb WESPE einen der

Habermann, Gesang (Klasse Prof. Thilo

beiden Sonderpreise für Orgelimprovisation.

Dahlmann), hat beim 47. Bundeswettbewerb

● Das aus Frankfurt stammende Quartett für

Gesang den Preis der Stiftung Rosenbaum

barocke Musik 4Times Baroque erhielt im

für die besonders überzeugende Darbietung

Konzerthaus Berlin den „Opus Klassik“, den

einer Arie aus der Zeit vom Barock bis zur

Nachfolger des Echo-Preises, in der Katego-

Wiener Klassik in Höhe von 2.500 Euro

rie „Nachwuchskünstler des Jahres“. Drei

gewonnen. ● Junsun Park, Komposition

von vier Ensemblemitgliedern haben an der

(Klassen Prof. Orm Finnendahl und Prof.

HfMDK studiert: Jan Nigges Blockflöte

Michael Reudenbach), erhielt beim „3rd

bei Prof. Michael Schneider, Jonas Zschen-

Staatstheater Darmstadt engagiert. Außer-

International Younghi Pagh-Paan Compositi-

derlein Violine bei Prof. Susanne Stoodt,

dem konnte er die Leihfrist für eine Violine

on Prize“ den ersten Preis in Höhe von 4.000

Alexander von Heißen Cembalo bei Prof.

von Ferdinando Gagliano bei der Landes-

Euro. Er ist zugleich mit einer Aufführung

Eva-Maria Pollerus, Hammerklavier bei

sammlung Streichinstrumente Baden-Würt-

seines Stücks „it tags all“ im Kammermusik-

Jesper Christensen sowie Jazz-Piano bei Prof.

temberg für ein weiteres Jahr verlängern. ●

saal der Berliner Philharmonie verbunden. ●

Christoph Spendel. Der Cellist Karl Simko

Miho Kawai, Viola (Klasse Ingrid Zur), hat

Salomé Harth, Oboe (Klasse Prof. Fabian

studiert bei Peter Wolf an der Akademie

einen Zeitvertrag beim Frankfurter Opern-

Menzel), erhielt beim „Wettbewerb Oboe

für Tonkunst in Darmstadt. ● Der Kammer-

und Museumsorchester bekommen. ●

2018“ der Reinhard-Lüttmann-Stiftung den

musikpreis 2018 der Polytechnischen Gesell-

Xiaoti Guo, Viola (Klasse Ingrid Zur), ist

ersten Preis. ● Maren Schwier, Sopran

schaft e.V. ging an das Duo Tobias Reifland

Akademist beim Konzerthaus Orchester in

(Master 2017 Klasse Prof. Ursula Targler-

(Viola, München, Klasse Prof. Roland Glassl)

Berlin. ● Yun Jeong Jung, Klavier (Klasse

Sell), wurde in der aktuellen Kritikerumfrage

und Eunjoo Kang (Klavierkammermusik,

Prof. Alexej Gorlatch), hat den 2. Preis beim

der Fachzeitschrift „Opernwelt“ für ihre

Klasse Prof. Angelika Merkle) sowie an

Wettbewerb „ACCK Jeju Olomouc Internatio-

Interpretation der Aphrodite in der Urauf-

das Malion Quartett mit Sophia Stiehler

nal Competition“ in Südkorea gewonnen. ●

führung des Stückes Argo bei den Schwet-

(Violine 1), Jelena Gali (Violine 2), Ulla

Dino Niethammer aus dem 2. Jahrgang

zinger Festspielen in der Kategorie „Nach-

Knuutila (Viola) und Bettina Kessler (Vio-

Schauspiel ist im Wettbewerb um den

wuchskünstlerin des Jahres“ nominiert. ●

loncello). Alle vier sind Studierende der

Jugendfilmpreis mit dem Preis für die beste

Josy Santos, Mezzosopran (Master 2016

HfMDK aus der Streicherkammermusik-

schauspielerische Leistung für seine Rolle

Klasse Prof. Ursula Targler-Sell), gewann beim

Klasse von Prof. Tim Vogler. Damit hat sich

in dem Film Zavala von Timo Zacharias

„OPERALIA-Wettbewerb“, der unter der

das Duo ebenso wie das Malion Quartett

Schirmherrschaft von Plácido Domingo statt-

den 1. Preis erspielt.

Das Malion Quartett

fand, den „Premio CulturArte“ mit einem Preisgeld in Höhe von 10.000 Dollar. ● Das Eliot Quartett, bestehend aus Maryana Osipova (Violine), Alexander Sachs (Violine), Dmitry Hahalin (Viola) und Michael Preuß

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Louisa Woodfull-Harris im Unterricht bei Prof. Sophia Jaffé

Impressum Frankfurt in Takt – Magazin der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main Eschersheimer Landstraße 29–39 | 60322 Frankfurt am Main

Musikhaus Werner Cleve

www.hfmdk-frankfurt.de Herausgeber Prof. Elmar Fulda, Präsident der HfMDK Frankfurt am Main Redaktion Björn Hadem Redaktionsbeirat Dr. Sylvia Dennerle, Björn Hadem, Anatol Riemer, Prof. Dr. Dagmar Borrmann, Prof. Eike Wernhard Autoren Prof. Dr. Norbert Abels, Prof. Sibylle Cada, Prof. Vassilis Christopoulos, Prof. Ingo Diehl, Prof. Elmar Fulda, Björn Hadem, Sandro Hirsch, Martin Hublow, Prof. Karl Kaiser, Lorna Lüers, Prof. Henriette Meyer-Ravenstein, Prof. Henrik Rabien,

Große Auswahl an Noten und Musikbüchern Reichhaltiges Sortiment an Blockflöten Musikinstrumente und Zubehör Auf Wunsch Versand

Thomas Rietschel, Prof. Thomas Schmidt, Prof. Michael Schneider, Prof. Dr. Maria Spychiger, Prof. Dr. Esa Tapani, Prof. Tim Vogler, Georg Weinand Fotos Björn Hadem, Helge Krückeberg, Hansjörg Rindsberg, Julia Wesely Titelfoto Hansjörg Rindsberg, Szene aus Richard Wagners „Rheingold“ Layout Opak Werbeagentur GmbH | www.opak-werbung.de Anzeigen Björn Hadem (es gilt die Preisliste 2011) Erscheinungsweise zu Beginn des Semesters Druck Druck- und Verlagshaus Zarbock GmbH & Co. KG

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Walter-Kolb-Straße 14 (Ecke Schulstraße) 60594 Frankfurt am Main Telefon 069 612298 Telefax 069 627405 E-Mail musikhaus-cleve@gmx.de www.musikhaus-cleve.de


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Feedback und Kritik: Die Frankfurt inTakt zum Sommersemester 2019  

Menschen wollen Bestätigung, suchen die Rückmeldung von außen zu unserem Tun. Nicht anders ist es in den Künsten. Deshalb beschäftigen wir u...

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