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Kapitel 1 „Das hier mag ja vielleicht eine Einheitsgröße sein, aber sie passt ganz bestimmt nicht allen. Jedenfalls nicht Frauen wie mir“, grummelte ich vor mich hin, während ich versuchte, in der ebenso engen wie vollgestopften Umkleidekabine den Folklorerock über meine doppelbettbreiten Hüften zu zwängen. Ich weiß nicht, was eigentlich in mich gefahren war, auch nur einen Fuß in diese heiße Boutique in der neu eröffneten Einkaufspassage zu setzen. Ich hätte doch auch weiterhin bei Happy Size, dem zweiten Zuhause jeder molligen Frau, bleiben können. Aber das schicke fließende Outfit an der Schaufensterpuppe, die nicht ganz so verhungert aussah wie die gängigen Modelle, war mir ins Auge gefallen. Der ausgestellte Schnitt im Lagenlook, der in üppigen Wellen aus duftigem Stoff fiel, hatte mich förmlich angesprungen. Allerdings waren die Wellen dann leider doch nicht üppig genug, und das besagte Material enthielt außerdem auch nicht den geringsten Stretchanteil. Eine Mischung mit etwas Stretch ist erstens strapazierfähiger und weitet sich außerdem immer noch ein bisschen, aber einhundert Prozent Baumwolle tun das nicht. Und taten es auch in diesem Fall nicht. Wie gesagt, ich hätte es eigentlich besser wissen müssen. Solche Läden sind eben nichts für Frauen wie mich. Beachten Sie bitte, dass ich an keiner Stelle den Begriff „Übergröße“ benutzt habe. Ich hasse dieses Wort nämlich, und ich weigere mich deshalb auch, es in meinen Wortschatz aufzunehmen. Ich heiße Freddie – das ist eine Kurzform von Frederika. Frederika Heinz. Stimmt, genau wie der Ketchup. Ein robuster deutscher Name für ein robustes deutsches Mädchen, das aus einer robusten deutschen Bauernfamilie stammt. Jawohl! Mein Vater, den nie im Leben jemand für einen Bauern gehalten hätte, auch nicht in seinen schlimmsten Zeiten, wünschte sich sehnlichst einen Sohn, um den Familiennamen weitergeben zu können – und bekam stattdessen mich. 7


Seitdem ging es für mich stetig bergab. Na ja, es gelang mir zumindest, mich wieder aus dem doch sehr beengenden Rock zu befreien. Mit dem Rücken zum Spiegel stehend, bin ich rasch wieder in meine Uniform für Dicke geschlüpft, bestehend aus einer schwarzen Hose und einer schwarzen Tunika, weil ich nun doch so schnell wie möglich dieser klaustrophobischen Kabine wieder entfliehen wollte. Ich hoffte, beim Verlassen der Umkleidekabine nicht auf die Verkäuferin zu stoßen, die offenbar alles daransetzte, wie Paris Hilton auszusehen, allerdings mit relativ geringem Erfolg. Sie warf ihr platinblondes Haar zurück und mir ein strahlendes Lipgloss-Lächeln zu. „Und ...?“ „Nein, das bin irgendwie nicht ich ...“, murmelte ich und überreichte ihr den verräterischen Rock. Wir wussten beide, dass ich log, aber wenigstens erwähnte sie nicht auch noch wie beiläufig, dass ich vielleicht bei Happy Size doch besser aufgehoben wäre, so wie die schnippische Verkäuferin, die mich bedient hat, als ich zum letzten Mal in einem ganz normalen Klamottenladen gewesen bin.

„Wird auch langsam Zeit, dass Sie wiederkommen.“ Meine Chefin Anja Jorgensen verschränkte die Arme über ihrem silikonvergrößerten Busen, tippte mit einem ihrer stöckelbeschuhten Füßen auf den Fliesenboden und schaute dabei immer abwechselnd zu mir und der großen Wanduhr im Verkaufsraum der Konditorei, die anzeigte, dass ich sieben Minuten zu spät aus der Mittagspause zurückgekommen war. Ich schob im Vorbeigehen ihren kleinen, spitzen Hintern zur Seite und blieb dabei gerade so lange stehen, dass ich ihr wie beiläufig eine Himbeercremetorte in ihr perfekt geschminktes Gesicht drücken konnte. Na ja, ich habe schon immer eine ziemlich blühende Fantasie gehabt. Während ich mir den vorgeschriebenen weißen Kittel anzog und mein Haar unter die weiße Mütze schob, auf die Anja immer 8


bestand, murmelte ich: „Tut mir leid. Meine Besorgungen haben länger gedauert als geplant.“ Auf gar keinen Fall würde sie von meinem Rock-Debakel erfahren. Nicht Anja. Ganz besonders nicht Anja. „Na, dann aber jetzt ein bisschen Beeilung, wenn ich bitten darf.“ Sie gab mir einen rosafarbenen Bestellzettel. „Wir haben einen Eilauftrag für eine Geburtstagstorte. Wird um 17.00 Uhr abgeholt.“ Ich starrte auf die einzelnen schwarzen Buchstaben ihrer adretten Handschrift. „Aber ich habe für heute noch eine andere Geburtstagstorte und außerdem muss die Hochzeitstorte für die Wallaces bis morgen früh fertig dekoriert sein.“ „Na, dann werden Sie eben heute ein bisschen länger arbeiten müssen. Wahrscheinlich kommen Ihnen ein paar Überstunden doch auch ganz gelegen, oder ...?“ „Also eigentlich wollte ich ...“ Die Klingel über der Ladentür bimmelte. Ich verdrückte mich durch die Doppelschwingtür nach hinten in die Backstube, wo ich die Bestellung erst einmal auf der mehligen Arbeitsfläche ablegte und einen tiefen Seufzer ausstieß, während ich mit meinen akurat manikürten Fingernägeln auf die Platte trommelte. Meine Nägel sind ein bisschen kürzer, als ich sie eigentlich gern hätte, aber ich habe schon ziemlich früh begriffen, dass man nicht in einer Backstube arbeiten und gleichzeitig umwerfend lange Fingernägel haben kann. Deshalb habe ich jetzt umwerfende kurze Fingernägel, dank des Luxus einer allwöchentlichen Maniküre. Hey, ich mag ja vielleicht keinen besonders schönen Körper haben, aber wir Mädels müssen eben unsere Stärken hervorheben, oder? Und meine Hände waren gerade frisch manikürt, weil ich nämlich eigentlich an diesem Abend etwas anderes vorhatte, als Überstunden zu machen. An jedem anderen Freitag hätte Anja mit ihrer Vermutung über meine Freizeitgestaltung richtiggelegen. Normalerweise holte ich mir freitags nach Feierabend nämlich etwas beim Chinesen oder in der Pizzeria und ließ mich mit einem guten Buch oder einer Alias-DVD auf dem Sofa nieder. Ich sehe mir nämlich zu gern Filme an, in denen Sydney Bristow irgendeinem Erzbösewicht 9


zeigt, was Sache ist. Außerdem ist dieser Vaughn wirklich eine Augenweide. Aber ausgerechnet an diesem Freitagabend hatte ich etwas anderes vor. Deshalb hatte ich es ja auch überhaupt nur gewagt, in der Mittagspause den Folklorerock anzuprobieren. Der zum Umfallen gut aussehende Jared Brown aus der Gemeinde hatte mich nämlich zu einer Party eingeladen. Okay, also er hatte mich nicht namentlich und ganz persönlich eingeladen, sondern er hatte eine ganze Gruppe aus der Gemeinde pauschal eingeladen, und ich hatte dabei zufällig ganz am äußersten Rand dieser Gruppe gestanden, als ich nach dem Halbzehn-Gottesdienst gerade im Aufbruch begriffen gewesen war. Jared hatte auf mich gezeigt und gesagt: „Hey, arbeitest du nicht bei Jorgensen’s?“ Er hatte gelächelt und dabei so tiefe Grübchen bekommen, dass selbst ein Mädchen mit meinen Maßen hätte hineinfallen können. „Vielleicht könntest du ja eine von euren tollen Torten mitbringen.“ Es war das erste Mal, dass Jared mich überhaupt wahrgenommen hatte, und diese Chance würde ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen. Selbst wenn meine Eintrittskarte für diese Party eine Torte war – eine Torte, die ich aus eigener Tasche würde bezahlen müssen, die ich aber zuvor auch noch selbst backen und dann dekorieren musste, und zwar zusätzlich zu dem LastMinute- Geburtstagskuchen und der Hochzeitstorte für morgen. Ich stieß noch einen tiefen Seufzer aus. Meine Kollegin Millie, die gerade eine Bestellung ihrer sagenhaften Haferflocken-Rosinen-Schokoladen-Plätzchen in einer Schachtel verpackte, warf mir einen strengen Blick zu. „Du musst endlich anfangen, dich gegen Anja zu wehren und lernen, Nein zu sagen.“ Shane, unser Praktikant, schnaubte nur. „Ha, dass ich nicht lache. In welchem Universum soll denn das wohl passieren?“ „Pass auf, was du sagst, junger Mann“, sagte Millie drohend. „Tut mir leid.“ Er warf mir einen zerknirschten Blick zu. „Ich wollte nicht fies sein.“ „Du hast ja recht. Ich müsste mich schon in einem Paralleluniversum befinden, um zu wagen, Anja Kontra zu geben.“ 10


Shane kam mit zwei großen Schritten auf mich zugeeilt. „Ich könnte doch eine von den Torten für dich übernehmen, Freddie. Dann musst du heute nicht so lange arbeiten.“ Mein Blick schweifte zu der Doppelschwingtür, die von der Backstube in den Laden führte. „Ich weiß nicht. Anja würde bestimmt ’nen Anfall kriegen, wenn sie davon erführe. Sie hat noch nicht entschieden, ob du schon so weit bist, selbstständig als Konditor zu arbeiten und wichtige Aufträge allein zu bearbeiten.“ „Sie bräuchte es doch gar nicht zu erfahren. Nun komm schon“, bettelte er. „Und du weißt doch selbst, dass sie nach der Mittagspause nie noch mal in die Backstube kommt.“ „Er hat recht“, Millie räusperte sich. „Man will sich ja schließlich nicht die teuren Designerschuhe ruinieren.“ Sie spähte durch das Bullauge in der Schwingtür in den Laden. „Außerdem ist sie wie immer völlig damit beschäftigt, in ihr Handy zu quatschen. Also gib dem Jungen doch ’ne Chance.“ Jared Browns tiefe Grübchen tauchten vor meinem inneren Auge auf. „Okay, du kannst die Karottentorte machen.“ Ich reichte ihm den Bestellschein und das Rezeptbuch der Firma Jorgensen. „Und vergiss nicht – wenn du die Frischkäsecreme zubereitest, dann gib ein paar Tropfen Mandelöl mit hinein.“ Dieser Mandelextrakt war die ganz besondere Note, die ich für die Torte erfunden hatte und durch die sich unsere Frischkäsecreme von den Frischkäsecremes aller anderen Karottenkuchen in der Stadt unterschied. Ich kontrollierte meine Vorräte im Kühlraum der Backstube. Es war noch reichlich Zitronenquark übrig von der Hochzeitstorte, die ich Anfang der Woche gebacken hatte, sowie ein halbes Schälchen frische Himbeeren. Ich beschloss deshalb, für die Party am Abend eine Zitronen-Himbeer-Torte zu zaubern, und während der Zitronenbiskuit im Ofen war, würde ich schon mal damit anfangen, die Hochzeitstorte mit dem hübschen Gitter muster zu überziehen, das die Braut sich ausgesucht hatte. Bevor Anja die Torte dann in den Verkaufsraum nach vorn brachte, würde ich die unterste Schicht noch mit frischen Gänseblümchen und gelben Rosenknospen dekorieren. Die oberste Etage würde dann 11


noch mit dem zarten Biedermeiersträußchen gekrönt werden, das gleich früh am nächsten Morgen vom Floristen geliefert werden sollte. Ich steckte die riesigen Quirle in den Industriemixer und merkte, dass ich rot wurde bei dem Gedanken, wie beeindruckt Jared von meiner Torte sein würde.

Ich habe die Kunst des Anlehnens perfektioniert. Irgendwo angelehnt dazustehen, ist das Geheimnis dicker Mädchen, besonders bei Aktivitäten im Freien, bei denen in irgendeiner Form Essen im Spiel ist, wie beispielsweise bei der Party an diesem Abend. „Nein, vielen Dank“, sagte ich lächelnd zu Pastor Chuck, als er mir anbot, mich doch auf einen dieser viel zu leicht gebauten weißen Plastikgartenstühle zu setzen. „Ich stehe gern und wollte mir sowieso gerade ein bisschen die Beine vertreten.“ Und das tat ich dann auch, um anschließend wieder ein bisschen angelehnt herumzustehen. Ans Klavier gelehnt oder an einen Baum oder eine Wand. Ich hatte mittlerweile auch die Kunst perfektioniert, in der einen Hand einen Pappteller zu balancieren und mit der anderen Hand zu essen. Dadurch war die Auswahl meiner Speisen zwar ein wenig eingeschränkt – auf rohe Möhren, Staudensellerie, Trauben und gelegentlich einen Hähnchenschenkel –, aber das hatte auch sein Gutes, weil ich dadurch den vielsagenden Blicken entging, die besagten: „Na kein Wunder, dass die so dick ist. Guck doch mal, was die alles in sich hineinschlingt.“ Ich würde einfach warten, bis ich wieder zu Hause war, und dann in einen gigantischen Hamburger beißen, einen kleinen Kartoffelsalat verputzen und danach vielleicht sogar noch ein klitzekleines, hauchdünnes Stück von dem Käsekuchen vernaschen, den ich eigentlich in der hintersten Ecke meines Kühlschrankes versteckt hatte, um ihn an diesem Abend auf keinen Fall mehr zu Gesicht zu bekommen. Von meiner Ecke aus, das heißt weitgehend unsichtbar an die 12


äußerste Außenwand des Innenhofes gelehnt, beobachtete ich in meinem Zweitoutfit, bestehend aus locker sitzendem schwarzem Rock und einem ebensolchen Shirt, das ich mir nach der Arbeit in der Firma angezogen hatte, Barbie und Ken und all die kichernden Mädels um die zwanzig in ihren süßen Caprihosen und engen Tops, wie sie Barbies Ring bestaunten. Barbie und Ken waren nämlich die Ehrengäste der Party. Sie waren die ehemaligen Leiter der Singlegruppe der Gemeinde und gerade frisch verheiratet. Er war in der Gemeinde hauptamtlich für die Singlearbeit zuständig gewesen und sie hatte als seine rechte Hand mitgearbeitet und darüber hinaus als Koordinatorin aller geselligen Veranstaltungen der Gemeinde. In Wirklichkeit hießen sie gar nicht Barbie und Ken, aber sie waren so ekelhaft vollkommen und hinreißend mit ihren sonnengebräunten, muskulösen kalifornischen Körpern, den gebleichten Zähnen und ihrem ewig munteren, optimistischen Auftreten, dass ich sie insgeheim so getauft hatte. Und so stand ich also da, knabberte an meiner Babymöhre und ließ meinen Blick im Garten umherschweifen. Solche Partys, bei denen jeder etwas zu essen oder zu trinken mitbringt, oder Grillfeste sind die einzigen Aktivitäten im Freien, an denen ich überhaupt teilnehme. Alle anderen Veranstaltungen, die im Freien stattfinden, verabscheue ich: Camping, Wandern, Joggen und ganz besonders jegliche Art von Wassersport. Ich werde doch der völlig ahnungslosen Welt nicht meinen dicken, weißen, neunundzwanzig Jahre alten Körper im Badeanzug zumuten. Das ist wahrhaftig nichts Schönes. Und außerdem komme ich überhaupt nicht gut mit der Hitze zurecht, obwohl ich in Kalifornien geboren und aufgewachsen bin. Wenn also meine Familie und meine Freunde bei glühender Hitze im Pool herumtollen, flüchte ich meistens mit einem guten Liebesroman in mein Zimmer oder gehe ins Kino. In der abgedunkelten Kühle des Kinos unsichtbar geworden, genieße ich dann eine Riesenportion Popcorn, eine Diätcola und eine Tüte Gummibärchen, während ich so tue, als ob ich die Hauptfigur in dem Film sei, die am Ende den tollen Typen kriegt. 13


Aber heute beobachtete ich statt der Kinoleinwand Jared und all die Mädchen, die um ihn herum eine Traube bildeten, und ich wünschte, ich wäre eine von ihnen. Aber eigentlich auch nicht nur eine von ihnen, sondern die Eine und Einzige. Ich schaute auf meine stämmigen Waden hinunter und wusste, dass es dazu niemals kommen würde. Als ich auf der Party ankam, hatte ich noch gehofft, Jared meine umwerfende, mehrschichtige Zitronen-Himbeer-Torte persönlich überreichen zu können. Ich hatte mir vorgestellt, wie er absolut überwältigt von dem Anblick und dem Duft des kulinarischen Meisterwerkes meinen etwas überdimensionierten Körperumfang übersehen und sich Hals über Kopf in mich verlieben würde. Leider war von Jared weit und breit nichts zu sehen gewesen, als ich mit einem durchsichtigen Tortentransportbehälter im Arm das Gartentor aufgestoßen hatte. „Oooh, ist das eine Torte?“ Shauna, die superschlanke Marathonläuferin, die einen so aktiven Stoffwechsel hatte, dass sie wie ein Scheunendrescher futtern konnte, ohne zuzunehmen, sabberte praktisch schon beim Anblick der Torte. „Die sieht aber lecker aus.“ Sie nahm mir das Prachtstück ab mit den Worten: „Jared hat mir gesagt, wo die Torte aufgestellt werden soll. Danke.“ Dann eilte sie mitsamt der Torte davon. Ich überlegte kurz, hinterherzurennen und um den Kuchen zu kämpfen, aber ich wusste, dass ich nie und nimmer in der Lage sein würde, eine Marathonläuferin einzuholen. Und jetzt stand ich da, aß mit knurrendem Magen noch eine Möhre und starrte die bereits ziemlich zerrupfte und geschrumpfte Torte an, die auf einem Tisch ganz in Jareds Nähe stand. Eins seiner Groupies kicherte und wischte ihm dann mit der Hand einen Rest der Kuchenglasur aus dem Winkel seines Kussmundes. Plötzlich bemerkte ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie eine große, majestätische Afroamerikanerin mit einem Turban auf dem Kopf durch den Garten gerauscht kam, sodass ihr leuchtend bunter Seidenkaftan 14


sich hinter ihr bauschte. Diese Frau hatte absolut nichts Unsichtbares. Sie nahm den Raum praktisch völlig ein – ich meine natürlich den Garten. Ich beobachtete, wie sie sich von einer Menschentraube zur nächsten fortbewegte und dabei redete, lachte und Visitenkarten verteilte. Ich stand einfach nur mit offenem Mund da. Diese atemberaubende Amazone war noch erheblich stabiler als ich. Mindestens Größe 50, vielleicht sogar 52. Das hinderte sie jedoch keineswegs daran, sich vor Gott und der Welt am Buffet den Teller so richtig vollzuhäufen. „Mmm, ich liebe Spare Ribs“, sagte sie und nahm ein paar davon von der Platte, dazu eine großzügige Portion grünen Salat und einen Klecks Kartoffelsalat. Ich schaute sehnsüchtig auf die saftigen, fleischigen Spare Ribs auf ihrem Teller und dann auf das Häufchen Möhren und Trauben auf meinem. „Hey“, sie ging auf Jared zu, der auf einem stabilen Metallgartenstuhl saß und mit einer Horde dünner, kichernder Mädels herumschäkerte. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, feiner junger Mann, Ihren Platz für diese dicke, schöne Frau hier aufzugeben?“ Sie lächelte ihn an und deutete mit der einen Hand auf einen der wackeligen, weißen Plastikstühle ganz in der Nähe. „Und sich stattdessen auf den da zu setzen? Das mickrige Ding hält mich auf keinen Fall aus, und mir ist heute nicht so sehr danach, mir die Rippen zu brechen.“ Ich wurde an ihrer Stelle schamrot. Merkte sie denn gar nicht, dass sie von allen Anwesenden angestarrt wurde? Und wie konnte sie das alles ausgerechnet Jared gegenüber so aussprechen? Er aber zeigte nur seine Grübchen, räumte seinen Platz und deutete beim Aufstehen sogar eine leichte Verbeugung in ihre Richtung an. Und zu meinem großen Erstaunen zog er sich dann den Plastikstuhl heran, setzte sich direkt neben die Amazone und fing ein Gespräch mit ihr an. Nur einige Augenblicke später hörte man ihn sogar lauthals lachen. Was ich in diesem Augenblick gerne gewusst hätte, war, wieso ihr Fett so viel besser aussah als meines. 15

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