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Kapitel 9

Den Stil finden, der zu Ihnen paßt

E

s reichte ihm. Er hatte das persönliche Evangelisieren aufgegeben und wollte seine Zeit und Energie ab jetzt irgendwo anders einsetzen. Nicht, daß er es plötzlich für falsch hielt. Er wußte, daß es wichtig und biblisch ist und daß es die einzige Hoffnung für seine Mitmenschen darstellt, zu Christus zu finden. Es stand außer Frage, daß irgendwer es tun mußte. Aber nicht er. Damit war es aus und vorbei. Was hatte meinem Freund die Freude am Verbreiten des Glaubens verdorben? Er hatte zuviel davon betrieben, und zwar in einem Stil, der überhaupt nicht zu ihm paßte. Die Sache war nämlich so: Er hatte sich für einen Sommer verpflichtet, in einer Evangelisationsaktion seiner Gemeinde mitzumachen. Er fand die Gemeinde prima, verstand sich gut mit den Mitarbeitern und führte mit großem Enthusiasmus einige Gespräche mit Suchenden, die ihm begegneten. Der Haken an der Sache war die Methode, mit der seine Gruppe vorging. Die Evangelisationsmethode, die hauptsächlich angewandt wurde, bestand darin, Menschen direkt und ohne jede Vorbereitung anzusprechen und möglichst schnell zum Zuge zu kommen, bevor sie einem die Tür vor der Nase zuschlagen konnten. Die Gruppe verteilte auch Gottesdienst-Einladungen und Traktate auf der Straße an Leute, die offensichtlich nicht daran interessiert waren. Nach dieser achtwöchigen Aktion war der einzige, der zu Christus gefunden hatte, der Bruder einer Frau aus der Gemeinde. Tony hieß er, und mein Freund hatte ihn bei einem gemeinsamen Abendessen bei Tonys Schwester kennengelernt. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut, und durch die Freundschaft, die daraufhin entstand, konnte mein Freund ihm das Wesentliche der Frohen Botschaft vermitteln, und Tony wurde Christ. 137


Am Ende des Sommers kam mein Freund wieder nach Hause. Er war dankbar, daß er sich für die Aktion verpflichtet hatte, doch er war froh, daß sie vorbei war. Evangelisation, so schloß er, ist etwas für Leute mit einer bestimmten Persönlichkeitsprägung, einer, die er mit Sicherheit nicht besaß. Doch wie es manchmal so geht: Ein Jahr später stellten wir ihn als Leiter der Abteilung »Evangelisation« in der Willow-Creek-Gemeinde ein, eine Aufgabe, die er seit 1987 wahrnimmt. Die Rede ist von Mark Mittelberg, dem Mitverfasser dieses Buches. Es ist seine Passion, Menschen zu Christus zu führen und andere darin anzuleiten, dasselbe zu tun. Was ist in diesem einen Jahr passiert? Welche weltbewegende Entdekkung hat eine solche Kehrtwende in seinem Denken bewirkt? Mark stellte fest, daß er die Botschaft von Jesus Christus auf wirkungsvolle Weise verbreiten konnte, ohne dabei in ein ihm fremdes Schema gezwängt zu werden. Er entdeckte, daß er sich selbst dabei treu bleiben konnte.

Bedrohliche, weil falsche Vorstellungen Nachdem ich viele Jahre damit verbracht habe, Suchenden eine Hilfe auf dem Weg zum Glauben anzubieten, habe ich die interessante Feststellung gemacht, daß eines der größten Hindernisse beim effektiven Verbreiten des Glaubens völlig falsche Vorstellungen sind. Und das gilt für beide Seiten der »Evangelisierungsgleichung«. Auf der Seite des Suchenden werden Menschen von ihren unzutreffenden Vorstellungen von Gott daran gehindert, offen und aufrichtig nach geistlichen Antworten zu suchen. Ihr verzerrtes Bild von Gott und einem Leben in seinem Dienst schreckt sie von ihm ab. Doch wenn die irrtümlichen Annahmen über Gott, mit denen diese Menschen herumlaufen, durch ein richtiges Verständnis seines erbarmenden, liebevollen Herzens ersetzt werden, macht sie das viel aufgeschlossener für die Entscheidung, sich Christus anzuvertrauen. Und wenn sie das gegenseitige Akzeptiertsein, die Freude und das Sinnbewußtsein entdecken, das die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, die nach biblischen Prinzipien handelt, mit sich bringt, fühlen sie sich noch stärker dort hingezogen. Auf der Seite des Christen halten falsche Vorstellungen über den Weg, andere für Jesus zu erreichen, diesen davon ab, sich auf einem für ihn unbekannten Gebiet zu engagieren. 138

Ich bin davon überzeugt: Einer der Hauptfaktoren, die einen Gläubigen vom persönlichen Evangelisieren abhalten, ist ein falsches Verständnis davon, was Evangelisieren eigentlich beinhaltet. Das gefürchtete »E-Wort« erfüllt sie mit Angst- und Schuldgefühlen. Um die Wahrnehmungsprobleme zu illustrieren, von denen hier die Rede ist, lassen Sie mich einen meiner Hauptzeugen in den Zeugenstand bitten: Sie. Ich möchte gern von Ihnen wissen, welches Bild Sie vor Augen haben, wenn Sie das Wort »Evangelist« hören. Ruft es Begeisterung in Ihnen hervor, Ihre nichtchristlichen Freunde und Angehörigen für Gott zu erreichen? Oder ergeht es Ihnen wie den meisten Leuten, daß Sie negative Assoziationen mit diesem Wort verbinden? Ich habe genug Leuten diese Frage gestellt, um zu wissen, daß die Begriffe »Evangelisation« und »Evangelist« bei vielen Leuten sofort die Erinnerung an berühmt-berüchtigte amerikanische Fernsehevangelisten hervorrufen, die in erster Linie dafür bekannt sind, arglosen Zuschauern große Geldsummen aus der Tasche gezogen zu haben. Oder man denkt an den typischen Straßenprediger, der mit dem Megaphon in der Hand lautstark etwas über den Weltuntergang und das Gericht Gottes verkündet, das kaum einer versteht. Zugegebenermaßen haben viele Menschen auch einige positive Vorstellungen vom Evangelisieren. Doch die Tatsache, daß so viele Leute so wenig Schmeichelhaftes mit dem Wort »Evangelisation« verbinden, deutet auf ein schweres Problems hin. Ein Problem, dessen Größe bedenklich ist. Bei einer landesweiten Umfrage, in der verschiedene Berufe nach ihrer Vertrauenswürdigkeit und Aufrichtigkeit eingestuft werden sollten, schnitten die Fernsehprediger extrem schlecht ab – schlechter als Anwälte, Politiker, Autoverkäufer und sogar Prostituierte; nachzulesen ist dies in James Pattersons und Peter Kims Buch The Day America Told the Truth (»Der Tag, an dem Amerika die Wahrheit sagte«). Von den dreiundsiebzig Berufen, die nach ihrer Integrität eingestuft werden sollten, kamen nur zwei schlechter dabei weg als die Fernsehprediger: die Mafia-Chefs und die Drogendealer! Fair oder unfair? Jedenfalls leuchtet es ein, warum so viele Menschen solche Schwierigkeiten mit ihren Vorstellungen über dieses Thema haben. Wir möchten Gott gern durch unsere Hingabe ehren, indem wir Menschen um uns her auf seine Liebe und seine Wahrheit aufmerksam machen, doch dabei läßt uns die Frage nicht los, wie weit wir bei diesem Prozeß fremd139


bestimmt werden. Haben Sie sich diese Frage auch schon gestellt? Ist Ihre Leidenschaft, den Glauben weiterzugeben, bei dem Gedanken merklich abgekühlt, daß Sie zu etwas werden müssen, was Ihrer eigenen Persönlichkeit widerspricht? Oder haben Sie wie Mark versucht, mit einem Stil des Evangelisierens vorzugehen, der überhaupt nicht zu Ihnen paßt? Beides ist eine Tragödie für die Kirche. Und für Menschen, die dadurch weiterhin ohne Gott leben müssen, sogar eine Katastrophe. Ich bin sogar davon überzeugt, daß dies seinen Ursprung in einem Komplott Satans hat, der dadurch die Verbreitung von Gottes Reich aufhalten will. Und weil diese List enorm erfolgreich war, ist es höchste Zeit, daß die Kirche sie enttarnt und wirkungslos macht. Wie bewerkstelligen wir dies? Indem wir etwas ungeheuer Befreiendes und Dynamisierendes begreifen: Gott hat sich etwas dabei gedacht, als er Sie so schuf, wie Sie sind. Ganz sicher! Sie sind eine Spezialanfertigung Gottes. Gott hat Sie mit einer einzigartigen Kombination von Persönlichkeit, Temperament, Begabungen und Kulturprägung ausgestattet, und er möchte, daß Sie diese nun dazu einsetzen, in seinem Auftrag geistlich verirrte Menschen zu erreichen. Das bedeutet, er will Sie in einer Weise benutzen, die zu Ihrer individuellen Prägung, die Sie von ihm erhalten haben, paßt. Gott beruft uns zu den unterschiedlichsten Verkündigungsmethoden, so wie er auch seine Gemeinde in einer bunten Vielfalt zusammengestellt hat. Erst wenn wir uns das klarmachen, werden wir aufhören, die Verkündigungsmethoden anderer zu imitieren und kostbare Energien darauf zu verschwenden, bestimmte Stile nachzuahmen, während wir unseren ureigensten Weg unentwickelt lassen.

Es muß zu Ihnen passen Nun fragen Sie sich vielleicht, welches Ereignis Marks Einstellung zum Evangelisieren so radikal auf den Kopf stellte. Also, das war so: Er hatte den Wochentags-Workshop besucht, bei dem ich eine Vortragsserie namens »Das Abenteuer des persönlichen Evangelisierens« hielt. An einem dieser Abende sprach ich darüber, wie unterschiedliche biblische Gestalten ihren Glauben mit den unterschiedlichsten Methoden oder Ausprägungen vermittelten. Dies war eine neue Erkenntnis für Mark. Er begriff, daß es keine Methode zu Verbreitung des Evangeliums gibt, von der man sagen könne, 140

daß sie allein richtig sei. Besonders interessierte ihn der Ansatz, nach dem Paulus allem Anschein nach vorging, weil er ihm persönlich sehr entgegenzukommen schien. Was Mark an diesem Abend hörte, war der Schlüssel, der ihm die Tür zu seiner künftigen Mitarbeit im Bereich Evangelisation öffnete. Er fühlte sich befreit. Er entdeckte etwas, das, wie ich hoffe, auch auf Sie einen befreienden Effekt haben wird, nämlich daß Sie »Sie selbst« bleiben dürfen! Und als solcher werden Sie eine maximale geistliche Wirkung auf andere ausüben.

Beim einzelnen anfangen In vielen Bereichen wird häufig der Fehler gemacht, einen Bedarf festzustellen und dann jemanden zu suchen, der diese Lücke ausfüllen soll. Auf dem unternehmerischen Sektor werden routinemäßig Leute nicht in erster Linie deshalb eingestellt, weil sie eine Begeisterung und Begabung für die betreffende Aufgabe haben, sondern weil sie die Mindestqualifikation dafür aufweisen. Viele Studenten entscheiden sich nicht etwa deshalb für eine bestimmte Hochschulausbildung, weil sie brennend an dem Studiengang interessiert wären, sondern weil der erwartete Bedarf an Absolventen dies nahelegt. Und in Kirchengemeinden werden die Lehrer für die Sonntagsschulklasse der Achtjährigen nicht danach ausgesucht, ob sie ein besonderes Herz für Kinder haben, sondern ob sie zu dieser Aufgabe bereit und dafür verfügbar sind. Ist es da ein Wunder, daß die Abwesenheitsquoten und der Personalwechsel so hoch sind? Nachdem die anfängliche Begeisterung abgeflaut ist, fühlt sich der Betreffende fehl am Platze und innerlich überfordert. Mit dem Bedarf anzufangen, um diesen dann mit einem Mindestqualifizierten zu decken, ist der falsche Weg, jemanden für länger an einen Betrieb zu binden oder seine Begeisterung für seine Aufgabe wachzuhalten. Und das gilt mit Sicherheit auch da, wo es darum geht, Christen zur Weitergabe der Botschaft von Christus zu motivieren. Dennoch verfahren die meisten Aufrufe zu Evangelisation und Mission, die ich höre, genau nach diesem Ansatz: »Die Welt ist voller notleidender und verlorener Menschen, und Gott braucht Ihre Mitarbeit bei unserer Aktion.« Doch wenn der Heilige Geist tatsächlich, wie es Paulus darlegt (1 Kor 12,11), die Gaben zuteilt, »wie er will«, dann sollten wir uns vielleicht mehr auf sein Handeln verlassen und unser Vorgehen umkehren. Ich halte es für ef141


fektiver, bei jedem einzelnen Gläubigen als Individuum anzufangen und ihm entdecken zu helfen, welche Aufgabe Gott ihm »maßgeschneidert« zugedacht hat. Schauen wir uns an, wie Gott sechs Menschen im Neuen Testament zu unterschiedlichen Verkündigungsaufgaben ausgerüstet hat. Dabei werden wir sechs biblische Ansätze zur Evangelisation entdecken. Fragen Sie sich bei jedem, den ich hier beschreibe, welcher davon zu Ihnen passen würde.

Petrus liebte die Auseinandersetzung Es ist kein Geheimnis, daß Petrus ein Typ war nach dem Motto »Auf die Plätze! Los! Fertig!« Er tat alles impulsiv und voller Elan. Als Jesus die Jünger fragte (Mt 16,15), für wen sie ihn hielten, zögerte Petrus keinen Moment; er brachte es auf den Punkt: Jesus ist der Messias. Ein paar Verse später reagierte er ebenso prompt, als er Jesus Vorhaltungen über seine düstere Zukunftsprognose machte. Können Sie sich vorstellen, den Sohn Gottes korrigieren zu wollen? Vielleicht können Sie es sogar, dann sind Sie ein konfrontationsfreudiger Typ! Als Petrus im Fischerboot saß und zu Jesus wollte, zögerte er nicht, alles zu tun, um in seine Nähe zu gelangen, selbst wenn das bedeutete, auf dem Wasser zu gehen. Und als ihre Gegner kamen, um Jesus festzunehmen, hätte Petrus ihnen am liebsten die Köpfe eingeschlagen. Wenn Petrus von einer Sache überzeugt war, gab es kein Halten mehr. Er war direkt, er war unerschrocken und er kam stets gleich zur Sache. Ist es da verwunderlich, daß Gott ihn zu seinem Sprecher am Pfingsttag machte (Apg 2)? Er war der perfekte Mann für diesen Job. Gott brauchte jemanden, der keine Angst vor Konfrontationen hatte, und zwar direkt in Jerusalem, der Stadt, in der Jesus vor wenigen Wochen gekreuzigt worden war. Gott wollte den Tausenden von Menschen in aller Deutlichkeit klarmachen, daß sie den Messias gekreuzigt hatten und daß sie ihn um seine Gnade und um Vergebung bitten mußten. Petrus besaß eine Persönlichkeit, die für diesen Auftrag wie geschaffen war. Getragen von der Kraft des Heiligen Geistes, stand er vor der Menge und konfrontierte sie mit den Tatsachen. Und Gott bewirkte durch seine Worte ein Wunder: Dreitausend Menschen kamen an diesem Tag zum Glauben und ließen sich taufen. 142


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