Inhaltsverzeichnis Vorwort zur Reihe SCRIPTUM Geleitwort . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . .
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. 9 . 11 . 13 . 15
Kapitel 1 Das Gesetz des Mose, die Tora . . . . . . . . . . . . Begriff und Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tora im Hebräischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesetz im Griechischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Zeitpunkt der Tora-Verkündigung . . . . . . . . Das Wesen der Toraverkündigung – Offenbarung Die Absicht der Gesetzgebung . . . . . . . . . . . . . Tora als Bund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Mündliche Tora . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 2 Jesus und die Tora . . . . . . . . . . . . . . . . . Richtiges Verständnis für rabbinische idiomatische Ausdrücke Jesus und die Vorschriften der Pharisäer . . Wie definierte Jesus das Gesetz? . . . . . . .
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Kapitel 3 Paulus und die Tora . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Paulus und sein Lebenskreis – Diaspora und Hellenismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Proselyten und anbetende Heiden . . . . . . . . . . . . . . . . 99
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Sind wir denn nicht frei?
Das Problem in Galatien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Halacha in den Briefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Kapitel 4 Gesetzlichkeit und Feiheit – was sagen Jesus und Paulus dazu? . . . . Gesetzlichkeit, was ist das? . . . . . . . . . Jesus und Gesetzlichkeit . . . . . . . . . . . Jesus und die Freiheit . . . . . . . . . . . . . Paulus und Gesetzlichkeit . . . . . . . . . . Antijüdische Entwicklungen nach Paulus
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Kapitel 5 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . Sinai und Zion – Antagonismen? Freiheit und Schrankenlosigkeit . Gott sieht das Herz an . . . . . . . Leben und Erfüllung . . . . . . . . . Die Bedeutung des Lehrens . . . .
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Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Wichtige Quellen und weiterführende Literatur . . . . 195
Inhaltsverzeichnis
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Graphikverzeichnis Nr. 1: Vermeintliche Gegensätze zwischen Judentum und Christentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Nr. 2: Muster Rettung Israels aus Ägypten, Verkündigung der Tora nach der Rettung . . . . . . 34 Nr. 3: Aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um (auf) Gnade . . . . . . . . . . 82 Nr. 4: Kontinuität der Bündnisse Gottes . . . . . . . . . . . 121 Nr. 5: Das Gesetz im Alten und im Neuen Bund . . . . . 167 Nr. 6: Spannungsfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
1 Das Gesetz des Mose, die Tora BEGRIFF
UND
GESCHICHTE
Das Römische Recht hat mit seiner speziellen Denkweise unser Verständnis für das Gesetz im Allgemeinen geformt und damit weitgehend auch unsere Auffassung vom Gesetzeskodex der Heiligen Schrift beeinflusst. Normen menschlichen Verhaltens sind vor dem Hintergrund ethischer und religiöser Regeln als Gesetz festgelegt worden und prägen unsere Gesellschaft. Das Gesetz wird durchgesetzt, d. h. es ist mit Strafandrohungen ausgestattet. Religionsgesetze, wie sie namentlich aus dem Judentum und dem Islam bekannt sind, wirken auf Denken, Wollen und Handeln der Gläubigen. Der Ausdruck Gesetzesreligion entstammt einer christlichen Kritik an dem ritualisierten Formalismus des jüdischen Gesetzes, so definiert „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ Band 4 auf Seite 843, und weiter: Als Gesetz gelten im Allgemeinen formulierte, d. h. in Sätze gebrachte, oft kodifizierte Regeln des Lebens und Zusammenlebens, insbesondere Prinzipien der Natur und Normen des Handelns. Diese Regeln sind von Gesetzgebern bzw. Religionsstiftern mit Berufung auf Gott verordnet worden. Während uns aus Ägypten keine Gesetze überliefert sind, gibt es aus der Keilschriftkultur einige Zeugen, so z. B die Gesetzgebung des Hammurapi um ca. 1700 v. Chr. Berühmt ist
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aus diesem Kulturkreis vor allem das unerbittliche Gesetz der Meder und Perser, das sich auf den Auftrag der Götter an den König berief, das Recht streng durchzusetzen (Dan 6,13; Esth 1,19). Dieses „dat“ genannte Staatsgesetz der Perser besaß Absolutheit und in seiner Unwiderruflichkeit eine außergewöhnlich drakonische, ja sogar erbarmungslose Komponente, wie Herodot berichtet: Sisamnes war Mitglied des königlichen persischen Gerichtshofes und hatte sich durch Bestechung zu einem ungerechten Urteil verleiten lassen. Der König Kambyses erfuhr davon, ließ ihn umbringen und ihm die ganze Haut abziehen. Daraus ließ er Riemen schneiden und mit diesen seinen Sessel bespannen, auf dem er zu Gericht zu sitzen pflegte. Anstelle von Sisamnes bestellte Kambyses dessen Sohn Otanes zum Richter und trug ihm auf, sich daran zu erinnern, auf welchem Sessel er als Richter sitze. Otanes wurde später Feldherr des Kambyses und tat sich durch eine Reihe von Eroberungen hervor. Der persische König Artahsasta nannte das Gesetz JHWH’s, die Tora, gemäß seiner Tradition ein dat (Esra 7,14.21.26). Hebräer hingegen verwendeten das Wort dat in Bezug auf das Gesetz des Mose nie, mit Ausnahme dieses Berichts bei Esra. In Griechenland entstand um 594 v. Chr. durch Solon, der zuvor in Mesopotamien gewesen war, eine nómos genannte Gesetzgebung, d. h. eine schriftlich fixierte Rechtsordnung im Gegensatz zur physis genannten Naturgegebenheit. Sokrates und Platon konzipierten Gesetze in Übereinstimmung mit der menschlichen Natur (bzw. der Natur überhaupt). Für die Griechen war Gesetz mehr Sein als Sollen und trug, ähnlich wie im Judentum, einen starken göttlichen Charakter.
Das Gesetz des Mose, die Tora
TORA
IM
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HEBRÄISCHEN
Das hebräische Wort für das Gesetz Gottes bzw. Moses, Tora, wird nach Meinung vieler Gelehrter von hora, mit der Wurzel j-r-h gebildet, was soviel bedeutet wie unterweisen, unterrichten. So sollte Josef Juda wegen des Landes Gosen für Jakob und seine Söhne Weisung (tora) geben (1Mo 46,28). Die Tora ist Lehre, Belehrung, Unterweisung, Wegweisung, Führung und Leitung für das Leben. Eng verwandt damit sind im Hebräischen Wörter wie Eltern (horim) und Lehrer/-in: (moré/-á). Eltern und Lehrer geben Weisungen fürs Leben. Und der HERR sprach zu Mose: Steig zu mir herauf auf den Berg und sei dort, damit ich dir die steinernen Tafeln, das Gesetz und das Gebot gebe, das ich geschrieben habe, um sie zu unterweisen! (2Mo 24,12). Hier wird deutlich: durch die Tora unterweist, lehrt und führt Gott sein Volk durch das Leben. Hebräer gebrauchen das Wort Gesetz stets in diesem Sinn. Die Tora weist zwar auch auf die unabdingbaren Folgen hin, die eine Übertretung nach sich zieht (Strafandrohung), dies aber nicht im Sinne erarbeiteter Gesetze und Vorschriften wie im Falle von dat bzw. nómos. Vielmehr müssen wir uns hier Gesetzmäßigkeiten, Maximen, Prinzipien, Lebensregeln und moralische Gebote denken. Durch sie wird, wenn man sie denn beachtet, Leben erst lebenswert. Wer sie ignoriert, nimmt schweren Schaden wie etwa jemand, der ein physikalisches Gesetz wie das der Schwerkraft, der Fliehkraft oder der Reibung missachtet und dann sein Leben einbüßen kann. Doch gibt es hier noch einen entscheidenden Unterschied. Das Naturgesetz ist unbarmherzig und kennt keine Gnade. Arm oder Reich, Klein oder Groß spielen vor dem Naturgesetz keine Rolle. Wer es übertritt, muss unbarmherzig die Konsequenzen spüren. Wer gegen das Gesetz Gottes verstoßen hat, der kann durch Reue und Umkehr den unabänderlich scheinenden Schaden abwenden. Durch Gottes Eingreifen in seiner Güte und Gnade kann dann sogar Segen die Folge sein, wie zahlreiche Beispiele der Bibel belegen. Und Jesus macht mit seinem berühmten Aus-
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Sind wir denn nicht frei?
spruch im Johannesevangelium ein sehr pragmatisch klingendes Angebot: Ich bin gekommen, dass sie Leben haben und es im Überfluss haben. Modern: … dass sie eine hohe Lebensqualität haben. Gottes Wort kann immer nur nützlich sein! So ergibt sich durch die Tora das praktische sittliche Verhalten, das durch den aus dem 2. Jh. stammenden hebräischen Terminus Derech Eretz 1 (Weg der Erde) mit seiner umfangreichen Literatur zum Ausdruck kommt. Derech Eretz, eine Paränese, ein Kodex für das moralische Verhalten der Menschen, baut auf der Tora auf. Grundlage bildet Chanina ben Dosas Aussage in der Mischna: Wenn die Menschen an jemandem Wohlgefallen haben, dann hat auch Gott Wohlgefallen an ihm; wenn aber die Menschen an jemandem kein Wohlgefallen haben, dann hat auch Gott kein Wohlgefallen an ihm (Mischna, Pirke Avot, K. 3,13). Die Beachtung des Derech Eretz bedeutet Verbreitung von Harmonie in der Gemeinschaft mit anderen, Höflichkeit, Aufmerksamkeit und Reinheit, Rücksichtnahme auf Frauen, Respekt Eltern und Vorgesetzten gegenüber usw. Das Leben soll für einen selbst und andere lebenswert sein, Qualität haben. Was wäre nun gewesen, wenn Gott Israel die Tora nicht gegeben hätte? Zunächst brauchte Israel ja für sein gesellschaftliches Gefüge eine Art Verfassung und Wegweisung, wie die Menschen miteinander auskommen konnten. Abraham Heschel sagt in seinem Buch „Gott sucht den Menschen“: Die Tora ist weniger ein göttliches Gesetz als ein göttlicher Weg. Mose wollte Gottes Wege wissen. Der älteste Ausdruck von Frömmigkeit bzw. Gemeinschaft mit Gott wird uns bei Henoch und Noah als ein Gehen mit Gott bezeichnet, und auch von Abraham erwartete Gott, dass er mit ihm gehe (1Mo 17,1): Gehe vor mir! und an anderer Stelle: Und nun, Israel, was fordert der HERR, dein Gott, von dir als … auf allen seinen Wegen zu gehen … (5Mo 10,12). In der Apostelgeschichte werden die 1
Möglicherweise besteht bereits bei Jesus, Mt. 7,13-14 (zwei Wege), ein Zusammenhang mit Derech Eretz. Das Konzept bestand lange, ehe es schriftlich fixiert wurde.
Das Gesetz des Mose, die Tora
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Nachfolger Jesu als die des Weges waren bezeichnet. Mithin wies Gott durch die Tora seinem Volk den Weg. Und doch nicht nur durch die Tora. David preist in seinen Psalmen (z. B. Ps 119,81) das Gesetz des Herrn. Und auch die Propheten sprechen vom Gesetz des Herrn, aber sie alle meinen nicht nur die Zehn Worte (Gebote) oder die 613 Gebote und Verbote, sondern im Grunde genommen das Wort Gottes! Meine Seele verzehrt sich nach deinem Heil. Ich warte auf dein Wort. Anders ausgedrückt: Wenn David oder ein Jude vom Gesetz des Herrn sprach, meinte er letztlich genau das, was wir heute mit Wort Gottes bezeichnen. Und vom Wort Gottes werden wir sicher nichts abschneiden wollen. Das hebräische Tora ist also nicht nur im engeren Sinne das Gesetz, sondern das ganze uns durch die Bibel überlieferte Wort Gottes. Als Tora kann an anderer Stelle auch das Wort der Propheten verstanden werden (Jes 8,16; 30,9 f.), die Anweisungen der klugen Hausfrau und Mutter (Spr 1,8; 31,26), oder die spezifikischen Handlungsanweisungen der Priester (5Mo 33,10; Hos 4,6; Mi 3,11; Zeph 3,4; Jer 18,18; Hes 7,26; Mal 2,6 f.). Nach Hag 2,11-13 kann auch der einzelne Israelit eine Tora vom Priester erbitten. Als wichtigster Inhalt der Tora wird an mehreren Stellen die Unterscheidung von Rein und Unrein bzw. von Heilig und Profan genannt (3Mo 10,10; Hes 44,23). Im Deuteronomium, dem fünften Buch Mose, wird die gesamte – nicht nur die kultische – Gesetzgebung als Tora zusammengefasst. Hier liegt auch begründet, dass nicht nur der Pentateuch und später vielfach auch der ganze AT-Kanon als Tora bezeichnet wurde, sondern auch die Tora als Heilsgabe Gottes verstanden und damit zum Gegenstand hoher Verehrung wurde.
GESETZ
IM
GRIECHISCHEN
In der Septuaginta und im Griechischen NT haben wir für Tora ausnahmslos das bereits erwähnte Wort nómos – ca. 200-mal.
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Auch alle Schreiber des NT haben durchgehend für Tora, Gesetz, das Wort nómos benutzt. Nómos kann die umfangreiche Bedeutung von Tora allerdings nicht unmissverständlich wiedergeben. Diesen Umstand haben die jüdischen Gelehrten immer wieder sehr bedauert. Eine andere Lösung bot sich den Übersetzern jedoch anscheinend nicht an. Möglicherweise hätte man Tora in die Septuaginta genauso übernehmen sollen, wie man es mit den hebräischen Wörtern Amen und Halleluja auch tat. Einige christliche Gelehrte sind der Auffassung, dass sich in der Diaspora durch die Verwendung von nómos sogar eine strengere Form des Judentums entfaltete. Nach Ephraim Urbach lässt sich das zwar nicht nachweisen, Abraham Heschel jedoch sagt (Gott sucht den Menschen, Eine Philosophie des Judentums, S. 250): Die Übersetzer der Septuaginta begingen einen verhängnisvollen und folgenschweren Irrtum, als sie in Ermangelung eines geeigneten griechischen Wortes „Tora“ mit „nómos“ übersetzten, was „Gesetz“ bedeutet. Damit legten sie den Grund zu dem ungeheueren und andauernden Missverständnis des Judentums und lieferten damit allen, die die jüdische Lehre angreifen wollen, eine wirksame Waffe an die Hand. Dass die Heilige Schrift für die Juden „Lehre“ war, beweist die Tatsache, dass in den aramäischen Übersetzungen „Tora„ mit „Oraita“ wiedergegeben wird, was nur „Lehre“ heißen kann, niemals aber „Gesetz“ … Im Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament von Kittel lesen wir zu nómos folgendes: Unter nómos wird jegliche Art von bestehender oder geltender Norm, Ordnung, Sitte, Brauch, Herkommen verstanden … Der Begriff – vom Wort némo, zuteilen – ist religiöser Herkunft. Bei nómos wird zwischen politischem und absolutem Gesetz nicht unterschie-
Das Gesetz des Mose, die Tora
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den. Die Verwurzelung im Göttlichen, die immer geblieben ist, gibt dem griechischen nómos-Begriff seine charakteristische Bedeutung und seinen eigentlichen Halt … Mit der Wiedergabe von Tora durch nómos ist einerseits der in der Tora in der späteren Zeit vorherrschende Ton des Gesetzes vollends zum Sieg gebracht und beherrschend geworden. Andererseits sind die Bedeutungsmomente in Tora, die den Gesetzesgesichtspunkt in Richtung auf Lehre, Unterweisung, Offenbarung ergänzen, ihrerseits bis zu einem gewissen Grad auf nómos übergegangen, was den vom Griechentum her für dieses Wort bestehenden Rahmen manchmal sprengt. Der griechische Text des NT lässt den Leser daher an vielen Stellen im Unklaren, ob es sich im Einzelfall um die Tora handelt, das Wort Gottes im AT, oder um das jüdische Religionsgesetz bzw. auch das Gesetz der Sünde. Paulus gebraucht nómos nämlich sehr unterschiedlich und nicht nur im Zusammenhang mit der Tora. Er verwendet Ausdrücke wie Gesetz der Väter, Gesetz der Sünde, Gesetz Christi, Gesetz des Geistes usw. In den Evangelien und in den paulinischen Schriften kann sich nómos, wie gesagt, außer auf das Gesetz des Mose auch allgemein auf das ganze AT, allein auf Propheten, auf die Psalmen (Joh 10,34 – Ps 82,6), aber auch auf Prinzipien, Ordnungen, Regeln usw. sowie die mündliche Überlieferung (Tora) beziehen. Diese Unterscheidung ist auch unabhängig davon, ob vor nómos der bestimmte Artikel steht oder nicht.
DER ZEITPUNKT
DER
TORA-VERKÜNDIGUNG
Die uns allen im Exodus-Bericht zugängliche Befreiungsgeschichte Israels liefert mit ihrer ausführlichen Chronologie eine hervorragende Grundlage für das richtige Verständnis der Tora. So ist zunächst vor allem der Zeitpunkt, zu dem Gott dem Volk
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Israel das Gesetz gab, für unsere Betrachtung von Bedeutung. Wenn jemand innerlich unsicher ist, ob nicht doch das Gesetz einen Beitrag zur Errettung leistet, muss man sich nur einmal die einfache Frage stellen: Wie viele Gebote musste Israel gehalten haben, bevor es aus Ägypten ausziehen konnte? Kein einziges – wie jedem Leser gleich einsichtig sein wird! Israel wurde weder durch die Zehn Worte noch durch die Tora aus Ägypten gerettet, sondern einzig und allein durch die Gnade (hebräisch: chessed) Gottes! Es musste nur gehorsam sein und nach dem Befehl des Herrn aus Ägypten ausziehen. Erst nach der Durchquerung des Schilfmeeres und einer längeren Wüstenwanderung kam Israel an den Berg Sinai. Zwischen Rettung und Sinai lagen 50 Tage, sieben Wochen. Damit sollte tatsächlich bereits ein erheblicher Teil der Diskussion um Gesetz und Gnade vom Tisch sein. Israel war bereits gerettet, als es das Gesetz empfing. So war das Gesetz nie Mittel zur Rettung. Es ist Ausdruck der Gnade Gottes. Das zeigt die Graphik: 1. Rettung Ägypten
2. Tora Schilfmeer
3. Kanaan
Sinai
Ohne Tora und Gebote Israel in Sklaverei
Israel in Freiheit
Leben mit Tora
Graphik 2: Muster Rettung Israels aus Ägypten, Verkündung der Tora nach der Rettung.
Durch den zeitlichen Abstand von 50 Tagen zwischen Auszug (an Pessach) und Ankunft des Volkes am heiligen Berg ist der Sinai ein unübersehbarer Hinweis auf Schawuot, Pfingsten. Im 3. Monat, knapp 50 Tage bzw. sieben Wochen nach dem ers-
Das Gesetz des Mose, die Tora
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ten Passafest und dem Auszug aus Ägypten, gelangte Israel an den Sinai (etwa am 5. Siwan). Dieser Zusammenhang zwischen Schawuot und Toragebung wird so im AT nicht genannt, sondern leitet sich nur aus den Tatsachen ab. Die Verbalisierung dieses Zusammenhangs scheint erst während oder sogar nach der Zweiten Tempelperiode stattgefunden zu haben. Jakob Petuchowski, ehem. Professor für christlich-jüdische Studien am Hebrew-Union College in Cincinnati, OH, USA, bemerkt in seinem Buch Feiertage des Herrn (Verlag Herder, Freiburg, 1984, S. 42 f.), dass es schwierig ist herauszufinden, wann im Judentum die Wandlung des Festes von einem Bauernfest zu einem Fest der Tora stattgefunden hat, und bemerkt auffälligerweise: Das zweite Kapitel der Apostelgeschichte scheint diese Verbindung (von Schawuot und Tora – Anm. d. Autors) schon vorauszusetzen. Petuchowski erkannte in der Schilderung des Lukas von außerordentlichen Erscheinungen, Geräuschen und Feuerzungen den Zusammenhang, wie er offensichtlich von den Aposteln schon gesehen worden ist. Der Jerusalemer Talmud – Megilla III, 7 – berichtet von einem anonymen tannaitischen Lehrer, der als Lesung während des Wochenfestes (also zu Pfingsten) 2Mo 19 vorschlug anstelle von 5Mo 16. Das ist neben den im ältesten rabbinischen Kommentar über das zweite Buch Mose, Mechilta, enthaltenen Angaben der älteste Hinweis auf eine Verbindung zwischen Gesetzgebung am Sinai und Wochenfest/Pfingsten. Gott redete am Sinai zunächst ausnahmslos zu allen Israeliten, nicht allein zu Mose. Hatte Gott womöglich bereits zu diesem Zeitpunkt vor, sein Gesetz in ihre Herzen hineinzulegen? Denn er hatte Israel am Sinai ja gesagt, es solle als ganze Nation ein Priestervolk sein. Eine Priesternation nicht für sich selbst allein, sondern für alle Völker der Erde. Israel jedoch verstand diese Absicht nicht und sträubte sich. Voller Furcht riefen die Israeliten aus: Mose, rede du mit Gott und er mit dir! Und danach kam es zur schwersten Sünde, sie errichteten das Goldene Kalb und beteten es an. Erst nach diesem Ereignis wählte Gott eine einzige Familie innerhalb des Volkes zur
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Priesterschaft aus, das Haus Aarons, und nur einen Stamm, den Stamm Levi, zu praktischen Diensten am Heiligtum.
DAS WESEN DER TORAVERKÜNDIGUNG – OFFENBARUNG Tief verwurzelt im Bewusstsein der Schrift und des Judentums ist die Tatsache, dass die Tora durch eine Offenbarung Gottes gegeben wurde: Und der HERR stieg auf den Berg Sinai herab, auf den Gipfel des Berges, und der HERR rief Mose auf den Gipfel des Berges, und Mose stieg hinauf (2Mo 19,20). Darauf kam Mose und erzählte dem Volk alle Worte des HERRN und alle Rechtsbestimmungen. Und das ganze Volk antwortete mit einer Stimme und sagte: Alle Worte, die der HERR geredet hat, wollen wir tun (2Mo 24,3). Und der HERR sprach zu Mose: Steig zu mir herauf auf den Berg und sei dort, damit ich dir die steinernen Tafeln, das Gesetz und das Gebot gebe, das ich geschrieben habe, um sie zu unterweisen! (2Mo 24,12). Auch im NT wird diese Tatsache, dass das Gesetz durch eine besondere Offenbarung Gottes gegeben wurde, deutlich gemacht, und zwar mit folgenden Worten: Wozu nun das Gesetz? Der Übertretungen wegen wurde es hinzugefügt … und es ist durch Engel übermittelt worden in die Hand eines Mittlers (Gal 3,19). Denn wenn das durch Engel verkündete Wort fest war und jede Übertretung und jeder Ungehorsam gerechte Vergeltung empfing … (Hebr 2,2). In einem alten rabbinischen Bild – einer Tradition, die aus einer späteren Zeit als der Zweiten Tempelperiode stammt – stieg
Das Gesetz des Mose, die Tora
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Gott auf den Sinai herab, hüllte sich in einen Tallit, einen Gebetsmantel (der typische Gebetsmantel entstand allerdings erst nach der Zweiten Tempelperiode), und lehrte seinen Jünger Mose die Tora. Durch dieses Bild wollten die Rabbinen den Charakter der Tora verdeutlichen. Gott ist Lehrer. Er lehrte Mose und dieser lehrte andere. Wenn wir dieses Bild weiterverfolgen wollen, war auch Jesus wie sein himmlischer Vater Lehrer und lehrte seine Jünger sowie einen größeren Kreis von Nachfolgern. Dabei spielt der Offenbarungscharakter eine große Rolle. Dann dürfen wir auch Folgendes nicht übersehen: Wenn wir davon ausgehen, dass Mose, wie Stephanus in seiner berühmten Predigt sagt (Apg 7,22), in den Wissenschaften (der Weisheit) Ägyptens unterrichtet war, müssten natürlicherweise wesentliche Elemente der ägyptischen Rechtsbestimmungen Eingang in sein Gesetz gefunden haben, wenn er selbst dieses Gesetz entwickelt hätte. Solche Elemente oder Einflüsse gibt es aber nicht. Die Tora ist ganz anders. Sie ist tatsächlich durch eine Offenbarung Gottes gegeben. Sie trägt einen einzigartigen und übernatürlichen Charakter und ist eine Gabe Gottes. Die Thora ist diejenige Offenbarung, in welcher Gott Alles beschlossen hat, was zum Heile nothwendig ist. Sie ist deshalb die einzige und ausschließliche, die keiner Ergänzung bedarf, giltig für alle Zeiten, ja für die Ewigkeit, ursprünglich bestimmt für die ganze Menschheit (F. Weber, Jüdische Theologie auf Grund des Talmud und verwandter Schriften, S. 18).
DIE ABSICHT
DER
GESETZGEBUNG
Gott hatte schon Abraham zugesagt, Stammvater eines großen Volkes zu werden. Denn obwohl ihn natürlich die Tatsache, dass einzelne Menschen ihn suchen, erfreut, möchte er gleichwohl eine Gemeinde, eine komplexe soziale Gesellschaft,
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Sind wir denn nicht frei?
durch die er seine Absichten deutlich machen kann. Der einzelne Mensch wiederum trägt darin eine individuelle Verantwortung und geht nicht in der Masse unter. Für einen Menschen in dieser Gemeinschaft ist die Tora absolut lebenswichtig; denn sie ist nicht die Tora des Mose, sondern die Tora Gottes, und Gott steht dahinter mit seinen Segnungen, aber auch mit seiner Strafe (Fluch des Gesetzes). Schauen wir uns darum eine kleine Auswahl von Worten hinsichtlich der Beobachtung der Tora an (Hervorhebungen durch den Autor): Meine Ordnungen und meine Rechtsbestimmungen sollt ihr halten. Durch sie wird der Mensch, der sie tut, Leben haben. Ich bin der HERR (3Mo 18,5). Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, dass du am Leben bleibst (5Mo 30,6). Denn nicht ein leeres Wort ist es für euch, sondern es ist euer Leben. Und durch dieses Wort werdet ihr eure Tage verlängern in dem Land, in das ihr über den Jordan zieht, um es in Besitz zu nehmen (5Mo 30,20). In diesen Versen fallen die Formulierungen auf Leben haben, dass du am Leben bleibst, eure Tage verlängern in dem Land. Das sind deutliche Termini. Sie illustrieren, dass durch das Gesetz allen Israeliten eine besondere Lebensqualität auf hohem moralischen und ethischen Niveau angeboten wird. Es geht, und das sollten wir begreifen, um das Hier und Jetzt. Die zukünftige Welt spielt dabei zunächst noch keine besondere Rolle. Es heißt nicht: sie werden ewiges Leben haben, sondern einfach: sie werden Leben haben. Und das ist eindeutig diesseitig. Israel steht als Volk vor dem Aufbau eines eigenen Staatsgefüges und damit vor einer völlig neuen Herausforde-
Das Gesetz des Mose, die Tora
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rung. Die Menschen sollen ein langes Leben vor sich haben. Wir denken an den Satz im fünften Gebot (nach 2. Mo 20): Damit es dir gut geht und du lange lebest auf Erden. Lange auf der Erde leben – das ist die Absicht Gottes in Bezug auf Menschen, die ihn lieben. Wie diese Menschen – als ehemalige Sklaven und Hirten – mit dem Leben im Schalom, d. h. im Frieden, in Harmonie und Wohlergehen, in Ganzheit fertig werden, regelt die Tora. Damit ist unübersehbar klar: Die Tora ist maßgebend für das Zusammenleben der Menschen auf der Erde. Sie ist nur mittelbar Voraussetzung für den Eintritt in das ewige Reich, die zukünftige Welt. Die Tora trägt insofern einen stark innerweltlichen Charakter! Das hebräische Verb jascha bedeutet befreien, retten; davon ist der hebräische Name Jeschua, Jesus, abgeleitet. In der hebräischen Bibel wird das Verb nie im Sinne von gerettet werden, um in den Himmel zu kommen, gebraucht. Es geht immer um irdische Befreiungen, vom Übel, von Bedrückung und Feinden usw. Die geula schlema, die finale Erlösung, die Christen ersehnen, findet im Horizont des Alten Testaments nicht so schnell statt. Damit lässt Gott sich Zeit, hat er doch die Erde nicht geschaffen, um sie bald wieder zu zerstören. Menschen sollen lange darauf leben und Freude am Leben haben. Christen haben einen verhängnisvollen Fehler begangen, indem sie sich zu sehr auf die finale Erlösung konzentrierten und nachlässig wurden in Bezug auf das Zusammenleben mit den Menschen auf Erden. Das Hineinkommen in den Himmel war für Christen bisweilen wichtiger als die Aufrechterhaltung von Frieden untereinander. Das ist auch einer der Gründe für falsche Ansichten über die Bedeutung des Gesetzes. In Kanaan würde es zu Kriegen und schweren Auseinandersetzungen mit Feinden kommen; aber auch eigene Volksgenossen können zu Feinden werden; selbst Verbrechen, wie sie in Heidenvölkern üblich sind, würden nicht ausbleiben: Diebstähle, Ehebrüche, Mord und Totschlag – all das sollte nach der Tora geregelt werden. In der zukünftigen Welt findet man keine dieser Sünden. Damit ist klar, dass die Tora nicht nur das Ver-
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hältnis des einzelnen Menschen sowie des ganzen Volkes mit Gott regelt, sondern auch eine überaus lange Liste von zwischenmenschlichen Beziehungen. Um einen kleinen Eindruck davon zu vermitteln, hier ein willkürlicher Auszug: Stolz, Demut, Hass und Liebe, Barmherzigkeit, Beurteilung des Nächsten; Werkverbot am Sabbat; Regelung der Feste mit Ge- und Verboten; Achtung des Körpers, Verbot des Tötens, Verwundens, Schlagens; Achtung des Eigentums, Gerechtigkeit in Eigentums-Übertragungen; Lüge, Ehre und Friede, Zeugnis und Urteil; Achtung des Gefühls und Triebes der Tiere; Achtung des Leichnams eines Menschen; Achtung des eigenen Körpers, Selbstverletzung, Selbstmord; Achtung des Körpers als Gott geheiligtes Werkzeug des Geistes; Haarschmuck und Kleidung; Vermeiden von Unzucht; Gelübde, Achtung von Alter, Weisheit und Tugend, Erziehung; Rettung gefährdeten Lebens und Glücks des Nächsten; Genuss des Arbeiters von der Frucht, an der er arbeitet; Almosen und Liebestätigkeit; Rache, Untertanen- und Bürgerpflicht, Gemeindepflicht. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts setzen uns mit ähnlichen Fragen auseinander. Als Christen nennen wir das Heiligung. Um in diesen Dingen vollkommen zu werden, bedarf es der
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Frucht des Geistes; denn die Briefe der Apostel machen eins deutlich: noch sind wir nicht im Himmel. In jeder Gemeinde gibt es eine Reihe schwerwiegender Probleme, die nicht einfach nur mit dem Hinweis auf das Wirken oder die Leitung des Heiligen Geistes oder mit religiösen Schlagwörtern abgetan werden können. Das Gesetz mit seinem Aspekt der Regelung von zwischenmenschlichen Beziehungen hat demnach sowohl für Israel als auch für die Gemeinde, das Reich Gottes, eine praktische Bedeutung. Folgende vier Beispiele veranschaulichen das praktische Gewicht der Tora für Israel und für dieses Leben. Kanaan war zwar das Land der Bestimmung, aber nicht der Himmel. Erinnern wir uns: Die Rettung war lange vorher unabhängig von der Tora geschehen, einzig und allein durch die Gnade Gottes. Das Volk war gehorsam im Vertrauen auf Gott aus Ägypten ausgezogen und durch den Glauben gerettet. Tag für Tag jedoch stand es alsdann im sowohl durch eigene Anstrengungen als auch durch göttliche Hilfe eroberten Land vor komplexen zwischenmenschlichen Problemen, die nach Lösungen verlangten. Um das Zusammenleben im Schalom zu regeln, waren Prinzipien erforderlich, wie sie in der heidnischen Umwelt nicht üblich waren. Dazu gab Gott ihnen am Sinai die Tora, die Unterweisung. Beispiel Nr. 1 – 2Mo 21,1-6: Und dies sind die Rechtsbestimmungen, die du ihnen vorlegen sollst: Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre dienen, im siebten aber soll er umsonst frei ausziehen. Falls er allein gekommen ist, soll er auch allein ausziehen. Falls er Ehemann einer Frau war, soll seine Frau mit ihm ausziehen. Falls ihm sein Herr eine Frau gegeben und sie ihm Söhne oder Töchter geboren hat, sollen die Frau und ihre Kinder ihrem Herrn gehören, und er soll allein
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Sind wir denn nicht frei? ausziehen. Falls aber der Sklave sagt: Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder, ich will nicht als Freier ausziehen!, so soll ihn sein Herr vor Gott bringen und ihn an die Tür oder an den Türpfosten stellen, und sein Herr soll ihm das Ohr mit einem Pfriem durchbohren; dann soll er ihm für ewig dienen.
Gleich nach der Verkündigung der Zehn Worte folgt ein interessanter Abschnitt, auf den wir kurz eingehen wollen. Er ist von besonderer Natur und unterscheidet sich auffallend von den drei weiteren Gedanken, die wir danach betrachten werden. Rein formal regelt die Vorschrift das Verhältnis zwischen einem Arbeitgeber und seinem Knecht. Der Kernsatz lautet: Ich liebe meinen Herrn. Nach Auffassung der jüdischen Weisen wird in diesem Abschnitt jedoch mehr geregelt als nur ein Arbeitsverhältnis. So wie der Dienst für einen Arbeitgeber einem Knecht zu einer sklavischen Last werden kann, führt bloße Religionsausübung mit frommen Verordnungen, Regeln und Gesetzen praktisch zur Versklavung. Gott aber will, dass sich eine echte Lebensgemeinschaft mit dem Menschen entwickelt, der ihm dient. Dieser Gedanke der innigen Lebensgemeinschaft sowohl mit Gott als auch mit Menschen liegt dem hebräischen Wort für erkennen zugrunde. Das wird z. B. deutlich aus der Formulierung Adam erkannte seine Frau Eva. Es geht nicht um ein intellektuelles Begreifen Gottes, um bloßes Wissen um ihn und seine Gebote, sondern um Intimität – durch das Mittel des Gesetzes. Das hatte David begriffen und in zahlreichen Psalmen darauf hingewiesen. Der Mensch, der mit Gott geht, ihn erkennt, in Gemeinschaft mit ihm lebt, will unter keinen Umständen mehr von ihm weggehen und sich von ihm emanzipieren. Im Gegenteil, er sagt: Ich liebe meinen Herrn! Ich kenne meinen Herrn! Und mehr noch: Gott will nicht nur ein solches Verhältnis, er will Gleichheit – von Angesicht zu Angesicht! S. R. Hirsch erwähnt das Sprichwort: Wer sich einen
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hebräischen Knecht kauft, kauft sich fast einen Herrn. Die von diesem Abschnitt abgeleitete Regel im Babylonischen Talmud, Kidduschin 22a, lautet: Behandle deinen Knecht als einen Bruder und benimm dich selbst wie ein Knecht. Folglich handelt es sich, genau betrachtet, bei der eingangs erwähnten Bibelstelle um die Anweisung für ein glückliches Miteinander im Allgemeinen, selbst wenn nur das Verhältnis zwischen Herrn und Arbeiter angesprochen ist. Beispiel Nr. 2 – 2Mo 21,7-11: Wenn jedoch jemand seine Tochter als Sklavin verkauft, soll sie nicht ausziehen, wie die Sklaven ausziehen. Falls sie ihrem Herrn missfällt, der sie für sich vorgesehen hatte, lasse er sie loskaufen: er soll nicht Macht haben, sie an einen Ausländer zu verkaufen, indem er sie treulos entlässt. Und falls er sie seinem Sohn bestimmt, soll er nach dem Töchterrecht an ihr handeln. Falls er sich noch eine andere nimmt, soll er ihre Nahrung, ihre Kleidung und den ehelichen Verkehr mit ihr nicht verkürzen. Hintergrund dieser Schilderung ist die verzweifelte Lage eines völlig verarmten Mannes, der seine eigene Tochter einem reichen Herrn als Sklavin verkauft hat. Dieses Mädchen ist ein armes Bettelkind. Gleichwohl ist es ein Mensch mit demselben Adel wie ihr Herr! Die Rabbinen weisen darauf hin, dass dieses mittellose Mädchen der stolzen, hochgestellten Herrin gleichgesetzt wird und dass ihr für den Fall, dass sie mit dem Sohn des Herrn verheiratet wird, dieser aber nach einer gewissen Zeit sich eine zweite Frau nimmt, das gleiche Recht zusteht wie jeder anderen freien Frau in Israel auch: Nahrung, Kleidung, ehelicher Verkehr, die Grundlagen der Ketuba, der jüdischen Heiratsurkunde. Ein zu Herzen gehendes Bild für soziale Gerechtigkeit und Gleichbehandlung.
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Beispiel Nr. 3 – 2Mo 21,22-26: Wenn Männer sich raufen und dabei eine schwangere Frau stoßen, so dass ihr die Leibesfrucht abgeht, aber kein weiterer Schaden entsteht, so muss dem Schuldigen eine Geldbuße auferlegt werden, je nachdem, wie viel ihm der Eheherr der Frau auferlegt, und er soll nach dem Ermessen von Schiedsrichtern geben. Falls aber ein weiterer Schaden entsteht, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme. Wenn jemand in das Auge seines Sklaven oder in das Auge seiner Sklavin schlägt und es zerstört, soll er ihn zur Entschädigung für sein Auge als Freien entlassen. Im Gegensatz zur weit verbreiteten, sehr oberflächlichen Meinung, mit diesen Worten führe Gott selbst das Talionsrecht ein, geht es in diesem Abschnitt vielmehr um Begrenzung von Schaden und Vermeidung von Eskalation. Normalerweise entsteht durch Streit eine Situation, in welcher der eine dem andern ein Unrecht mit Zinsen heimzahlt, der lässt sich das nicht gefallen und legt ebenfalls zu. Der Streit weitet sich zu einer unkontrollierbaren Auseinandersetzung mit extremen Folgen aus. Um das zu vermeiden, will Gott die gütliche Regelung eines Schadensfalles mit der Vergebung im Vordergrund. Ist das nicht möglich, weil der Geschädigte auf seinem Recht besteht und nicht vergibt, darf er auf keinen Fall mehr tun, als den entstandenen Schaden einzufordern: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nicht mehr! Beispiel Nr. 4 – 2Mo 22,4: Wenn du das Rind deines Feindes oder seinen Esel umherirrend antriffst, sollst du sie ihm auf jeden Fall zurückbringen.
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In diesem Toragebot zielt Gott bewusst darauf ab, zwei feindliche Nachbarn miteinander zu versöhnen. Dazu kann ein verirrter Esel nötig sein. Bei Einhaltung dieser Verordnung besteht die große Chance, dass verfeindete Nachbarn wieder miteinander reden und dass der eine durch das freundliche Zeichen des anderen – der bringt seinem Feind den Esel zurück – in seinem Herzen zum Schalom bewegt wird. Diese kurzen Betrachtungen über einige Toraworte zeigen uns nebenbei auch, dass wir auf das deutsche Wort Gesetz nicht ganz verzichten können, wir müssen aber die besondere Bedeutung, die es in der Heiligen Schrift hat, im Auge behalten, um zu den richtigen Schlüssen zu gelangen und uns selbst vor Gesetzlichkeit zu bewahren.
TORA ALS BUND Am Sinai schloss Gott zu Pfingsten mit seinem Volk Israel einen Bund. Damit erfüllte er seinen Schwur Abraham gegenüber und baute auf diesem Bund auf. Zur besseren Illustration der Natur dieses Bundes kann folgendes Bild dienen: Ein König bietet einem höher gestellten Untertanen oder auch einem benachbarten geringeren König seinen Bund an, knüpfte daran einerseits seine Bedingungen und sicherte ihm andererseits neben seinem königlichen Schutz auch Treue, Zuverlässigkeit und Güte zu. Ein Bund als Gabe und als Liebesbund, gekennzeichnet durch Bundestreue und Bundesliebe. Er wurde aufrechterhalten durch eine im Hebräischen mit chessed charakterisierte Wesensart. Was Chessed ist, kann unmöglich mit einem einzigen Wort übersetzt werden. Chessed umfasst Güte, Gnade, unveränderliche Liebe, zuverlässige Treue, Bundestreue und Freundlichkeit (wenn jemand treu war, nannte man ihn einen Chassid). Dieses Bild hatte ein Israelit vor Augen, wenn er sang: Denn seine Güte (chessed) bleibt ewig! Das ist auch heute noch so. Gott würde seine Bundestreue nie brechen. Sie beruhte und beruht auf dem unveränderlichen, zuverlässigen
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Wesen Gottes, von dem Johannes später – in guter jüdischer Tradition – sagte: Gott ist Liebe. (Eine ausführliche Untersuchung über die Gnade Gottes in Joh 1,15-17 folgt in Kapitel 2 – möglicherweise wäre das griechische agápe 1Joh 4,16 gut mit Hebräisch chessed zu übersetzen.) Dieser Bund gilt im Judentum zugleich als Vorbild für Verlobung und Ehe (Eirussin bzw. Kidduschin und Nissuin, d. h. Heiligung und Erhebung). Tora und Bundesschluss waren wesentliche Elemente der Eheschließung Gottes mit Israel. Dieses vielfältig bezeugte Glaubensgut findet Niederschlag in dem bekannten Vers (Hos 2,21-22): Ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und in Recht und in Gnade (chessed, Anm. d. Autors) und in Erbarmen, ja in Treue will ich dich mir verloben; und du wirst den HERRN erkennen. Unerlässliche Bestandteile dieses Bundes Gottes mit Israel – wie des Ehebundes – sind Liebe, Treue, Zuverlässigkeit, aber auch Gemeinschaft und Erkennen. Der Text 2Mo Kap. 19 bis 40 macht das besonders deutlich. Ziel der Erlösung Israels aus Ägypten war für Gott nicht allein Kanaan – das auch –, vor allem aber wollte er zunächst dem Volk seine Liebe zeigen, mit ihm Gemeinschaft haben und es unterweisen. Zwischen Gott und Israel sollte ein Liebesverhältnis entstehen. Folglich beinhaltete die Aufforderung zur Heiligung keine weltfremde Isolierung von anderen Völkern – welchen Sinn würde dann die Berufung zum Priestertum für die Völker machen? –, sondern zuerst das Erfahren und Erkennen der Andersartigkeit des Wesens Gottes. Israel sollte ihm wesensähnlich werden. Das Wort heilig (hebr. kadosch) weist ja auf das völlig unterschiedliche Wesen Gottes im Vergleich zum Menschen hin. Heiligsein ist nicht gegen, sondern für den Menschen. Heilig sein heißt anders sein, ein Mensch nähert sich in seinen Eigenschaften seinem Gott, weil er mit ihm in enger Lebensgemeinschaft steht. Darum konnte ein Gesetz nach unserem abendländischen Verständnis nie zur Debatte stehen. Bezeichnenderweise nennt das Christentum Mose einen Gesetzgeber, das Judentum jedoch sagt Mosche Rabbeinu, Mose unser Lehrer.
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Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan und wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und euch zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr willig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum (Schatz – Anm. d. Autor) sein; denn mir gehört die ganze Erde. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein (2Mo 19,4-6). Vor dem Hintergrund seiner offenkundigen Liebe konnte er sich selbst einen eifersüchtigen Gott nennen, der mit Leidenschaft um sein Volk wirbt. Er hatte den Ägyptern bewiesen, dass er allein Gott ist. Sie beteten den Nil an – der wurde zu Blut. Sie beteten die Sonne an – die wurde finster. Er hatte Israel durch das Schilfmeer und durch die Wüste in seine Nähe geführt, und nun führte Mose, wie ein Brautführer, das Volk seinem göttlichen Bräutigam entgegen: Mose führte das Volk aus dem Lager hinaus, Gott entgegen, und sie stellten sich am Fuß des Berges auf (2Mo 19,17). Gott kam herab und gab Mose die Heiratsurkunde, die Ketuba: Die Zehn Worte. Jetzt, gleich nach der Verkündigung der Zehn Gebote, geschah etwas Tragisches: Israel beantwortete Gottes liebende Suche nach Nähe mit seinem Volk mit deutlicher Distanz: Rede du mit uns, dann wollen wir hören! Aber Gott soll nicht mit uns reden, damit wir nicht sterben (2Mo 20,18-19). Im Augenblick höchster Berufung entschied sich Israel für Abstand! Dennoch wurde (Kap. 24) der Bund geschlossen. Junge Männer, Erstgeborene, wie Gott es ursprünglich geplant hatte (wie erwähnt, entstand das levitische Priestertum erst nach dem Goldenen Kalb), verrichteten den Priesterdienst. Israel antwortete Gott und Mose: „Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun und gehorchen“ (2Mo 24,7). Trotz Israels Bruch blieb Gott treu. Selbst inmitten der schwersten Sünde, im Zentrum des Sinai, nennt Gott sich einen gnädigen, barmherzigen und vergebenden Gott! Reich an Gnade und Treue (Wahrheit). Nach dem Bundesschluss teilte er Mose mit:
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Sind wir denn nicht frei? Sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich in ihrer Mitte wohne (2Mo 25,8). Und ich werde mitten unter den Söhnen Israel wohnen und ihr Gott sein. Und sie werden erkennen, dass ich, der HERR, ihr Gott bin, der ich sie aus dem Land Ägypten herausgeführt habe, um mitten unter ihnen zu wohnen, ich, der HERR, ihr Gott (2Mo 29,45-46).
Die eheliche Gemeinschaft, die Gott mit seinem Volk nie aufgab, bedurfte, wie jede Ehe auch, der Wegweisung und Lehre, damit die Gemeinschaft vollkommen ist. Tora und Bund gehören eng zusammen. Es geht um genaue Informationen in Bezug auf den Willen Gottes gegenüber seinem Volk. Sie beweisen die Liebe Gottes. Tora und Gnade erweisen sich auf diese Weise nicht als Gegensätze, sondern als Einheit! Sie gehören zusammen! Nach Abraham Heschel stellt die scharfe Trennung von Tora und Gnade, von Werken und Glaube, eine der Hauptabweichungen vom hebräischen Denken dar. Liebe war das Motiv Gottes, aus dem heraus er mit seinem Volk einen Bund schloss. Aus dem gleichen Motiv unterwies er es durch die Tora in seinen Wegen. Darum war nach den Weisen Judas das höchste Ideal das Studium der Tora. Und das wiederum galt und gilt als die höchste Form der Anbetung, weil Gott durch sein Wort zum Menschen redet und der Mensch in Ehrfurcht die Größe Gottes erfährt. Der heiligste Ort ist nicht die Bet Knesset, sondern der Bet Midrasch, nicht der Versammlungsort bzw. die Versammlung, sondern der Ort des Studiums, weil dort Gott zum Menschen redet, während in einer Versammlung Menschen zu Gott und über Gott reden.
DIE MÜNDLICHE TORA Die Mündliche Tora (hebr. Tora-sche-be‘-al-pe) spielte schon jahrhundertelang im Judentum eine große Rolle, ehe sie unter dem als Mischna bekannten Werk aufgeschrieben wurde. Nach
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Mose galt der Priester und Schriftgelehrte Esra aus dem 5. Jh. v. Chr. als maßgebliche Autorität in Bezug auf das Gesetz. Er war nach der Babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem gekommen und lehrte das Volk das Gesetz des Herrn: Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz des HERRN zu erforschen und zu tun und in Israel die Ordnung und das Recht des HERRN zu lehren (Esra 7,10). Das hebräische Wort erforschen (hebr. darasch) hat eine besondere Bedeutung und lässt sich mit ableiten, auslegen, kommentieren wiedergeben. Es kommt als Midrasch, Auslegung, in 2Chr 24,27 im Sinne von Kommentar vor. Zur Tätigkeit des Esra sagt der Babylonische Talmud (Suk. 20a): Als die Tora zuerst bei Israel in Vergessenheit geriet, kam Esra aus Babylonien und begründete sie. Nach jüdischer Tradition gründete Esra die Große Versammlung bzw. die Große Synagoge (Knesset Ha-Gedola). Darunter verstand man eine 120 Personen umfassende Gruppe von Lehrern, welche die gesamte mündliche Lehre über die schriftliche Tora kannten, sie bearbeiteten und der Situation ihrer Zeit anpassten. Der Mischna-Traktat Pirke Avot, Sprüche (auch Ethik oder Kapitel) der Väter, mit den Worten der Weisen aus der Zweiten Tempelperiode, behandelt gleich am Anfang dieses Thema mit der Feststellung: Mose empfing die Lehre (die Mündliche Tora – Anm. d. Autors) vom Sinai und überlieferte sie dem Josua, Josua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, und die Propheten überlieferten sie den Männern der großen Versammlung. Diese sprachen drei Lehren aus: Seid behutsam beim Entscheiden, stellt viele Schüler aus und macht einen Zaun um das Gesetz. Den Männern der Großen Versammlung ging es um ein besonnenes Urteil. Sie waren der Auffassung, dass auf der einen Seite Oberflächlichkeit und Nachlässigkeit und auf der anderen Seite zu striktes Beobachten des Buchstabens zur Übertre-
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tung des Gesetzes führen. Um eine Wiederholung der Zerstörung des Tempels zu vermeiden, sollten geeignete Männer gefunden werden, die tüchtig wären, die Lehre aufzunehmen und wieder andere zu lehren. Das erinnert an Paulus, der Timotheus zu eben demselben Vorgehen auffordert (2Tim 2,2). Daraus resultierten zahlreiche Jüngerschulen sowie der Zaun um das Gesetz, die Überlieferungen der Väter. Der Zaun um das Gesetz galt später selbst als Tora! Letzter Überlebender der Großen Versammlung war nach Avot 1,2 Simon der Gerechte (ca. 200 v. Chr.), der als erster Schriftgelehrter nach Esra bis heute bekannt ist. Weitere bekannte Namen sind Antigonos von Socho, ein Jünger des Simon, Simon ben Joeser sowie Jose ben Jochanan (gest. ca. 160 v. Chr.). Die Mündliche Tora entstand, weil eine Reihe von Begriffen des Pentateuch näher geklärt werden musste. So hatte Gott zwar gesagt, am Sabbat dürfe nicht gearbeitet werden, der Begriff Arbeit jedoch blieb unklar. 4Mo 15,32-36 schildert einen Holzsammler am Sabbat, dessen Tun erst durch ein zusätzliches Wort des Herrn als Arbeit und damit als Sabbatverstoß erklärt und bestraft wurde. Holzsammeln war nur eine von vielen möglichen Tätigkeiten. Viele andere Tätigkeiten jedoch mussten erst noch als Arbeit definiert werden. Dann bedurften Fragen des Zivilrechts, der kultischen Reinheit, der Heirat usw. der Auslegung. Das war Aufgabe der Lehrer, zunächst vornehmlich der Priester und Leviten. Bei diesen Diskussionen kam es zwangsläufig zu unterschiedlichen Auffassungen, was wiederum in späteren Jahrhunderten unter starken Führern zur Gründung von Schulen führte – die berühmtesten eine Generation vor Jesus waren die von Hillel und Schammai –, die miteinander um Begriffe und um Klarheit stritten. Schammai gilt als Erster, der ausdrücklich auf die Existenz der Mündlichen Tora verwies: Einst trat ein Nichtjude vor Schammai und sprach zu ihm: Wie viel Torot habt ihr? Dieser erwiderte: Zwei; eine schriftliche und eine mündliche. Seine Äußerung zeigt, wie hoch er die Mündliche Tora einschätzte. Josephus gibt uns mit seinen Informationen in Jüdische Altertümer
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(13. Buch, Kap. 10,6) einen interessanten Einblick in diese Problematik: Für jetzt will ich noch bemerken, dass die Pharisäer dem Volke durch mündliche Überlieferung viele Gebote aufbewahrt haben, welche in die Gesetzgebung des Moses nicht aufgenommen sind. Diese Gebote nun verwirft die Sekte der Sadduzäer und behauptet, das allein sei maßgebend, was geschrieben stehe, während die mündliche Überlieferung der Vorfahren keine Gültigkeit habe. Über diesen Punkt entstanden oft heftige Streitigkeiten, wobei die Sadduzäer nur die Reichen, die Pharisäer aber die große Menge des Volkes auf ihrer Seite hatten. Näheres über diese beiden Sekten sowie über die dritte der Essener findet sich im zweiten Buche meines Werkes über den Jüdischen Krieg. Die Männer, welche die Mündliche Tora überlieferten, nannte man Weise, Chachamim. Sie forderten ausdrücklich eine zeitund situationsgemäße Auslegung des Gesetzes; denn die Lage der Juden in der Diaspora war anders als in Erez Israel, aber auch in Alexandria anders als in Babylon oder in Rom. Daher hörte die Beschäftigung mit der Tora und ihrer Erklärung nie auf. Regelmäßig mussten neue Normen in die zunächst nur mündlich weitergegebene Lehre, die Halacha, aufgenommen werden. Die Mündliche Tora mit traditionell 613 Geboten der Tora (248 Gebote Du sollst und 365 Gebote Du sollst nicht) war kein festgelegter Kodex. Sie war und ist in vielen Fällen widersprüchlich und kann nur durch weitere Diskussion und Disputation zum Ziel führen. Das war mit ein Grund, warum die verschiedenen, noch heute gültigen Grundsätze der Hermeneutik eingeführt wurden (Wie Kal we-Chomer, leicht und schwer, d. h. vom Leichten zum Schweren, und Gesera schawa, Analogieschluss u. a. m. Hillel begründete zunächst
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mit sieben Regeln die Lehre der Hermeneutik, die später von anderen Lehrern ausgebaut wurde und bis heute ihre Gültigkeit behalten hat). Jehuda ha-Nassi (ca. 135–200 n. Chr.), Patriarch bzw. Fürst von Galiläa, mit dem Ehrentitel Rabbi, gab der mündlichen Lehre, weil das Judentum zwischen 180 und 200 n. Chr. zu zerfallen drohte, eine schriftliche Form, die Mischna, zu Deutsch: Wiederholung, eingeteilt in sechs Abschnitte mit 63 Traktaten. Einige seiner Schüler sammelten weiteres Material, das als Tosefta veröffentlicht wurde. Später entwickelten sich mit den Gemara genannten Kommentaren zur Mischna, der Palästinische (Jerusalemer) und der Babylonische Talmud. Der Jerusalemer Talmud gilt als älter, der Babylonische Talmud ist wesentlich umfangreicher und bedeutender. Jesus erwähnte die Mündliche Tora, und auch Paulus bezog sich als ehemaliger Jünger Gamaliels auf sie. Für uns heißt das, dass wir vor allem bei Paulus aufmerksam prüfen müssen, ob er jeweils die Schriftliche Tora, das Gesetz des Mose, oder die Mündliche Tora, die Überlieferungen der Väter, meinte. Gamaliel der Ältere, Sohn des Shimon, war ein Enkel Hillels und trug als erster den Ehrentitel Rabban, unser Lehrer. Als Vorsitzender, Nassi, des Hohen Rates war er wegen seiner Milde geschätzt, weil er nicht nur für die jüdischen, sondern auch die heidnischen Armen sorgte. Die Gesetzeslehrer von Hillel bis Rabbi werden Tannaiten oder Tannaim (von aram. tanna = Lehrer) genannt.
2 Jesus und die Tora RICHTIGES VERSTÄNDNIS FÜR IDIOMATISCHE AUSDRÜCKE
RABBINISCHE
Jesus, der im Neuen Testament als Mittler eines besseren und neuen Bundes (Hebr 8,6; 9,15) bezeichnet wird, muss in Bezug auf seine Aussagen zum Gesetz als eine besondere Autorität betrachtet werden. Nach Jesaja 42,21 sollte der Knecht Gottes (Messias) die Tora groß machen und majestätisch. Bei seinem Auftritt in der Synagoge von Nazaret war er in große Schwierigkeiten geraten. Seine Worte hatten Protest hervorgerufen. Die aufgebrachten Versammlungsteilnehmer hätten ihn beinahe getötet; denn Jesus hatte sich selbst als den Messias identifiziert, indem er das Prophetenwort in Jesaja 61,1-2a eindeutig auf sich bezogen hatte. Das stand im Widerspruch zur allgemeinen Auffassung seiner Hörer, nicht nur weil sie ihn als Zimmermann kannten, sondern weil diese Botschaft für sie noch lange nicht relevant war. Darum war es ganz normal, wenn er schon bald seine Meinung über das Gesetz in aller Öffentlichkeit darlegte. Vergessen wir eins nicht: Jesus war Jude und lebte in einer jüdischen Umwelt, in der es selbstverständlich war, sich an die Vorschriften der Tora und der Väter, an das Gesetz des Mose sowie die Mündliche Tora, zu halten. Diese Tatsache darf nicht aus den Augen verloren werden. Anders als der Apostel Paulus hatte Jesus von Nazaret nur einige wenige Begegnungen
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mit Heiden (Samariterin, Jh. 4; Syrophönizierin, Mk 7,24-30; röm. Hauptmann, Mt 8,5-10; königl. Beamte, Joh 4; besessener Gerasener, Mk 5,1-20; Heilung d. Tauben in der Dekapolis, Mk 7,31-37); er lebte nicht in ihrer Welt. Die Evangelien lassen sogar offen, ob er je ein heidnisches Haus betrat. Er kam zwar nach seinem Aufenthalt in der Nähe von Tyrus und Sidon in das Zehnstädtegebiet, von näheren Berührungen mit Heiden wird aber nichts berichtet. Jesus sprach nicht – wie Paulus – mit bekehrten Heiden über die Heilige Schrift. Aus unserer abendländischen Perspektive betrachtet, drängen sich indes einige wichtige Fragen auf: Hat Jesus je das Gesetz missachtet oder übertreten oder hat er seine Jünger oder Juden aus seiner Umgebung je gelehrt, das Gesetz nicht zu befolgen? Wie sind seine Worte über den Sabbat zu bewerten? Und: Wie stand er der Mündlichen Tora, den Aufsätzen der Väter gegenüber? Betrachten wir zunächst einige Worte aus einer bekannten Passage der Bergpredigt (Mt 5,17-20): Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Amen! Ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und so die Menschen lehrt, wird der Geringste heißen im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, dieser wird groß heißen im Reich der Himmel. Denn ich sage euch: Wenn nicht eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer weit übertrifft, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen. (Änderung durch den Autor. In rabbinischer Weise steht das Amen – im Deutschen seit Luther übersetzt als wahrlich – am Ende! einer Aussage. Demnach statt: Wahrlich, ich sage euch … wie oben.)
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In diesem Abschnitt haben wir mehrere elementare Formulierungen mit deutlich hebräischem Hintergrund, die wir genauer betrachten müssen. Jesus sprach als ein Gelehrter im Kontext seiner Zeit und bediente sich dabei – wie David Flusser und Shmuel Safrai nachgewiesen haben – in erster Linie der hebräischen und weniger der aramäischen Sprache. Dafür sind u. a. die zahlreichen Hebraismen im griechischen Text aufschlussreiche Zeugen, daneben gibt es aber noch andere Gründe, die hier nicht im Einzelnen erörtert werden können (z. B. sind die 4000 bis 5000 rabbinischen Gleichnisse – selbst in aramäischen Textzusammenhängen – in Hebräisch überliefert). Nach Flusser können Worte Jesu aus dem Griechischen sowohl in Hebräisch als auch Aramäisch, manche nur in Hebräisch, jedoch kein einziges nur in Aramäisch wiedergegeben werden: So kann man den hebräischen Ursprung der Evangelien demonstrieren, indem man sie ins Hebräische zurückübersetzt. Europäische (z. B. deutsche und englische) Übersetzer des NT tun sich schwer mit nicht erkannten, gleichsam verborgenen hebräischen idiomatischen Redewendungen im griechischen Text der Evangelien, vor allem bei den ersten drei Evangelien. Hebräische Muttersprachler mit genauer Kenntnis des kulturellen Hintergrundes der Zeit Jesu und einem ausgeprägten Sprachgefühl für Koiné-Griechisch haben nach Ansicht der Jerusalem School hier einen deutlichen Vorteil. Das hat seinen Grund darin, dass die ursprünglich hebräische Vorlage oder die Vorlagen, von der oder denen wir bei den Evangelien Matthäus, Markus und Lukas ausgehen müssen, typisch mechanisch (wie z. B. im Fall der Septuaginta) und nicht dynamisch, wie wir es heute tun würden, übersetzt wurde bzw. wurden. Die Vorlage muss nach Ansicht der Jerusalemer Schule für synoptische Forschung nicht unbedingt schriftlich existiert haben. Die idiomatischen Redewendungen, wie sie uns in ihrer griechischen Fassung vorliegen, sind damals offensichtlich sehr wohl auch von Griechisch sprechenden Menschen richtig verstanden worden, sofern sie zum semitischen Kulturkreis gehörten. Man hatte es mit einer multikulturellen Gesellschaft zu tun,
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die sich in einer ganzen Anzahl von Sprachen bewegte, in Griechisch, der lingua franca des Mittelmeerraums (heute dem Englischen vergleichbar); Aramäisch, das von einer beträchtlichen Zahl der Bewohner Israels gesprochen wurde; und (mischnaisches) Hebräisch, das nicht nur für religiöse Zwecke benutzt wurde, sondern auch für weite Kreise der Bevölkerung Umgangssprache war. Unter diesem Gesichtspunkt könnten Übersetzer des NT mit gründlichen Kenntnissen des kulturellen Hintergrundes der Periode des Zweiten Tempels und der hebräischen Sprache bei ihrer Übersetzungsarbeit wesentlich zu einem besseren Verständnis der griechischen Texte beitragen. Das Gesetz auflösen und erfüllen Um eine typisch rabbinische und damit hebräische Redewendung handelt es sich bei Jesu Wort Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Amen! Im Hintergrund dieser Aussage steht die Diskussion um eine Frage des Gesetzes, in der zwei Rabbinen unterschiedlicher Meinung waren. Der eine sagte: Du löst das Gesetz auf! und meinte: Mit deiner Auslegung wird das Gesetz nicht erfüllt, und du hältst Leute davon ab, das Gesetz zu tun, zu erfüllen. Darauf erwiderte der andere: Nein, ich erfülle das Gesetz! Und meinte: Ich bringe durch meine Auslegung Leute dazu, das Gesetz zu tun! Auflösen und erfüllen sind technische rabbinische Ausdrücke für falsch und richtig auslegen (Bivin, Was hat Jesus wirklich gesagt?). Der Apostel Paulus äußerte sich (Rö 3,31) ähnlich, indem er sagte: Setzen wir nun durch den Glauben das Gesetz außer Kraft? Im Gegenteil, wir richten das Gesetz auf. Auch hier begegnen wir einer rabbinischen Formulierung. Im weiteren Verlauf seiner Lehre gab Jesus dann im Blick auf dieses grundsätzliche Statement zuerst vier Fallbeispiele für seine Behauptung, das Gesetz zu erfüllen (richtig auszulegen):
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Mord, Ehebruch, Schwören, Vergelten – das Fazit daraus lautet: Mord, Ehebruch usw., alle Sünden entwickeln sich zunächst sehr klein im Herzen des Menschen. Wehrt man diesen kleinen Dingen nicht rechtzeitig, kann das schlimme Folgen haben! Mit dieser Auslegung bewies Jesus, dass er in guter Tradition der Weisen stand. Seine Kritiker mussten ihm zustimmen. Er erfüllte das Gesetz, d. h. er legte das Gesetz richtig aus. Und dann kam hinzu: Jesus lehrte nicht nur richtig, er lehrte auch mit Vollmacht. Gerechtigkeit Dieser großartige hebräische Begriff kommt in unserem europäischen Sprachgebrauch nicht genügend zur Geltung. Wir bringen Gerechtigkeit eher in einen strafrechtlichen Zusammenhang. Für uns steht die Vorstellung im Hintergrund, jemand muss sich vor Gericht verteidigen und hofft darauf, seine Gerechtigkeit, seine Unschuld werde offenbar und das werde ihn rechtfertigen. Uns würde es schwer fallen, etwas anderes darin zu erkennen. Der Hebräer verstand unter dem Wort Gerechtigkeit, dem wir z. B. in dem bekannten Ausspruch Gott meiner Gerechtigkeit und ähnlichen Formulierungen begegnen, zunächst etwas völlig anderes. Wenn wir das Wort Gerechtigkeit richtig verstehen, und zwar so, wie man es zur Zeit Jesu gebrauchte, dann ist bereits eine gute Strecke auf dem Weg zum rechten Verständnis der Rechtfertigungslehre von Jesus und Paulus zurückgelegt. Gerechtigkeit war eine Vokabel, die so stark mit Rettung zu tun hatte, dass man zur Zeit des Zweiten Tempels unter Gerechtigkeit vorwiegend Wohltätigkeit für Witwen und Waisen, d. h. Almosengeben, aber auch Beten und Fasten verstand. Wer das tat, war gerecht, er war gerettet. Das Almosengeben wurde damals bereits Gerechtigkeit genannt (Robert L. Lindsey, The Jesus Sources, Understanding the Gospels, S. 45–51). Und es ist interessant, wie Jesus in Mt 6 die pharisäische Reihenfolge
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für Gerechtigkeit beibehielt: Almosengeben, Beten, Fasten. Jesus wertete keines dieser drei Elemente der Gerechtigkeit ab, vielmehr unterstrich er ihren rechten Gebrauch, er wies aber auch auf eine höhere Qualität von Gerechtigkeit hin. Deutlich sagte er: „Habt acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr sie nicht vor den Menschen übt …“ Und: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Pharisäer und Schriftgelehrten …“ Bei genauerer Betrachtung finden wir dieses Element in der Antwort Jesu an den Reichen Jüngling verborgen. Der freute sich, die Gebote gehalten zu haben. Jesus aber deutete ihm an, dass er das große Gebot (hebr.: k’lal gadol) vernachlässigt habe, nämlich: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft! (5Mo 6,4-5). Das formulierte Jesus zwar nicht ausdrücklich so, als er sagte: Gib dein ganzes Vermögen den Armen … und folge mir nach!, im Kontext der Zeit zwischen den Testamenten aber, zwischen dem letzten und dem größten Propheten, und auch später wurde unter Gott mit ganzer Kraft bzw. ganzem Vermögen lieben (hebr.: meod’echa) buchstäblich verstanden, Gott auch mit allen verfügbaren materiellen Mitteln zu lieben, mithin gern Almosen (zedaka) zu geben. Darin kam die Liebe zu Gott zum Ausdruck. Anders gesagt: Wer gern gibt, der liebt Gott! Der Reiche Jüngling nun, aufgefordert, sein Vermögen den Armen zu geben, Gerechtigkeit praktisch zu üben, weigerte sich, diesen letzten und bedeutenden Ausdruck der Liebe zu Gott ganz und gar zu vollziehen, und blieb damit auf der Strecke. Ohne Werke, die den Glauben unter Beweis stellen, ohne zedaka (Almosen) keine Gerechtigkeit, keine Rettung vor Gott! Almosengeben als Gerechtigkeit hat sich bis heute erhalten. Man kann die kleinen Kästchen mit der hebräischen Aufschrift Zedaka in den Synagogen, Geschäften, sogar in den Läden auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv finden. Das AT, in dem wir häufig der Pluralform, Zidkot (Gerechtigkeiten), begegnen, ist geradezu eine Fundgrube für den, der nach dem Wort Gerechtigkeit sucht. Bei dieser Suche trifft
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man auf einen ganz besonderen Sachverhalt, der unser Verständnis beträchtlich erweitern kann: Die Erlösung, die Rettung durch den Herrn. Einige Beispiele, um das zu verdeutlichen: Er zog Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzte den Helm des Heils auf sein Haupt, und er zog Rachegewänder an als Kleidung und hüllte sich in Eifer wie in einen Mantel (Jes 59,17). Denn er hat mich bekleidet mit Kleidern des Heils, den Mantel der Gerechtigkeit mir umgetan … (61,10). Beide Verse weisen ein typisch hebräisches Phänomen der Dichtkunst auf, den Parallelismus, wobei in der Regel z. B. ein Satz mit zwei Komponenten mit parallelen Wörtern wiederholt wird. So entsprechen im ersten Beispiel die Wörter Gerechtigkeit und Heil einander sowie Panzer und Helm-Haupt. Im zweiten Beispiel ist es ebenso. Kleider des Heils entsprechen Mantel der Gerechtigkeit. Offensichtlich sind hier Heil und Gerechtigkeit äquivalente Ausdrücke und bedeuten Rettung und Erlösung. Lauter als die Wasserverteiler zwischen den Tränkrinnen sollen sie dort besingen die Heilstaten (zidkot – Gerechtigkeiten) des HERRN, die Heilstaten (Rettungstaten) an seinen Landbewohnern in Israel (Ri 5,11). Nun tretet her, dass ich vor dem HERRN mit euch vor Gericht trete über alle Wohltaten (zidkot – Gerechtigkeiten) des HERRN, die er an euch und an euren Vätern erwiesen hat (1Sam 12,7). Mein Volk, denk doch daran, was Balak, der König von Moab, beratschlagt, und was Bileam, der Sohn des Beor, ihm antwortete, denk an den Übergang von Schittim bis Gilgal, damit du die gerechten Taten (zidkot – Gerechtigkeiten) des HERRN erkennst! Mi 6,5 (Einfügungen durch den Autor).
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Diese Textstellen, die als Auswahl reichen sollen, sprechen ausnahmslos von den Rettungstaten Gottes in verschiedenen schwierigen Situationen. Gott hatte sein Volk gerettet und damit im damaligen Sprachgebrauch und Verständnis seine Gerechtigkeit offenbar gemacht. Zugegeben, ein Zusammenhang, der für unsere abendländische Denkart schwer zu verstehen ist. Hier begegnen wir ausgesprochen semitischem Denken, das beweist, dass in der Welt des Orients Gerechtigkeit auch als Rettung verstanden wurde und dass dieses Wort an vielen Stellen des AT ganz einfach auch mit Rettung übersetzt werden kann: Der Herr ist meine Rettung (Gerechtigkeit)! Es ist mithin grundsätzlich relevant, zu begreifen, dass mit dem Wort Gerechtigkeit sowohl im AT wie auch in der Zeit des Zweiten Tempels, d. h. zur Zeit Jesu, und in den Evangelien mit Gerechtigkeit viel mehr die Rettungstat, das Erlösungswerk Gottes gemeint ist als ein juristischer Begriff. Nur selten begegnen wir Gerechtigkeit im strafrechtlichen Sinn, d. h. einer Situation, in der sich ein Angeklagter rechtfertigen bzw. sich seine Gerechtigkeit erweisen muss. Rettung steht im Vordergrund: Almosengeben, Gebet und Fasten gehören ganz natürlich in dieses Bild; dadurch wird ein Mensch gerettet. Für die Pharisäer bedeutete diese Gerechtigkeit Rettung! In Mt 25,31-46 schilderte Jesus das zu erwartende Gericht im Verhältnis zu den wesentlichen Elementen der guten Werke (V. 35-36). Wer dem Maßstab Gottes nicht entspricht, wird zur Linken gestellt und verflucht. Im Gegensatz dazu sagt er zu den Gerechten, den Geretteten, dass sie in das ewige Leben eingehen. Die guten Werke bezeugen ihren Glauben und sind ihre Gerechtigkeit, ihre Rettung. Sie helfen dem betreffenden Menschen, vor Gottes Thron nicht verurteilt, sondern freigesprochen und sogar belohnt zu werden. Zedaka! Völlige Rettung! Gerechtigkeit! Das ist ein wichtiges Argument dafür, dass wir in unserer weiteren Betrachtung, Gerechtigkeit wiederholt im Sinn von Erlösung deuten. Die Rechtfertigung betrifft die Rettung des
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Menschen, seine Erlösung von der Sünde, und es ist auffallend, dass gerade in diesem Zusammenhang das Wort Gerechtigkeit am häufigsten gebraucht wird! Wenn wir dafür das rechte Verständnis gewinnen, fällt es uns leichter, Begriffe wie Erlösung, Gesetz, Gericht usw. auseinander zu halten bzw. richtig einzuordnen. „Der Begriff Gerechtigkeit hat im Alten Orient eine konnektive Grundbedeutung. Die Gerechtigkeit Gottes, die Schalom wirkt, nimmt sich der Armen an und befähigt den Einzelnen zu gemeinschaftsförderlichem Handeln. In überfamilialen Gemeinschaften wird mit Gerechtigkeit die Übereinstimmung von Rechtsnorm und Handeln sowie das aus dieser Übereinstimmung resultierende positive Ergehen bezeichnet. Die gerichtliche Unschuldsfeststellung lautet: gerecht (zadik; Gegenbegriff: schuldig – rascha). Der Zadik soll nicht gerichtlich belangt werden. Das hebr. Verb hat den primären Sinn, ,jemandem Sieg verleihen, rechtfertigen‘. … Gerechtigkeit ist in der dt. Übersetzungstradition im NT Wiedergabe von dikaiosyne. Die Septuaginta übersetzt so den Begriff zedaka. Gerechtigkeit ist Verhältnisbegriff, Rechtsein vor Gott, und meint die heilvolle Beziehung zwischen Gott und Mensch ebenso wie das Verhalten, das Gottes Willen im Miteinander der Menschen entspricht. Gegenbegriffe zu Gerechtigkeit sind Sünde (Rö 6,18.20; 8,10), Ungerechtigkeit (Rö 1,18; 6,13), Gesetzlosigkeit (Rö 6,19; 2Kor 6,12), Verurteilung (2Kor 3,9). Gerechtigkeit ist Handeln aus der Beziehung zu Gott und beschreibt sowohl die Heilsmacht, die solches Verhalten prägt, als auch die inhaltliche Bestimmung des rechten Weges vor Gott … Luthers Ringen um das Verständnis von Gottes Heiligkeit führte ihn zu der Auffassung, Gerechtigkeit sei ein rein zugeschriebener Status, eine rechtskräftige Erklärung von Gottes Seite, dass der Getaufte nicht für schuldig zu halten sei. Die Gerechtigkeit des Christen ist die Wirkung des aktiven Gehorsams Christi, der den mit Christus verbundenen Glaubenden zugerechnet wird, und dass es der in den Christen tätige Geist ist, der sie gerecht macht. Nach der ,neuen Perspektive auf Paulus‘ heißt Gerecht-
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sein, zur Gemeinschaft Gottes zu gehören, und dieser Status drückt sich in bestimmten Taten aus. Das Gerechtsein hat nicht so sehr mit Taten moralischer Aufrichtigkeit zu tun als damit, Gemeinschaftstreue zu üben.“ (Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 4, S. 702 f.) Die Beseitigung des Jota bzw. des Jod Jesus hat vieles in Übereinstimmung mit bekannten pharisäischen Weisen gelehrt – Hillel und Schammai z. B. lebten nur eine Generation vor ihm. Ihre Aussprüche waren ihm bekannt, aber auch die anderer bedeutender Gelehrter, die schon darauf hinwiesen, dass das Gesetz ewig bleiben werde, auch wenn Himmel und Erde vergingen. Am Gesetz gab es nichts zu rütteln. Es musste bewahrt bleiben. Eine alte rabbinische Tradition verdeutlicht, welch ein Schaden entstehen kann, wenn auch nur ein Jota (hebr. Jod oder Jud, der kleinste Buchstabe des hebräischen Alphabets, etwa von der Größe eines Komma) aus dem Gesetz entfernt wird. Auch dies wird Jesus nicht unbekannt gewesen sein: Das Deuteronomium stieg hinauf und warf sich vor Gott nieder und sprach vor ihm: Herr der Welt! Salomo hat mich aus meiner Stelle gerissen und hat mich zum Lügner gemacht, denn jede Urkunde, von der zwei oder drei Worte ungültig werden, wird ganz ungültig. Siehe, der König Salomo will die Jod aus mir entfernen; es steht nämlich geschrieben 5Mo 17,6: Er soll sich nicht viele Frauen nehmen, und er hat sich viele genommen … er soll sich nicht viele Pferde halten, und er hat sich viele Pferde angeschafft … er soll nicht viel Silber und Gold anhäufen, und er hat viel Silber und Gold angehäuft. Darauf antwortete Gott: Gehe deines Weges! Siehe, Salomo und hundert seinesgleichen werden vergehen, aber der
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Buchstabe Jod aus dir wird nimmer entfernt werden. (Midrasch Wajikra Rabba, Par. XIX, Cap. XV, 25.) So weit dieser Ausschnitt aus der rabbinischen Tradition, der belegt, dass Jesus sich in der mündlichen Überlieferung des Gesetzes gut auskannte: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein (hebr. kots, ein kleines Häkchen am Jota oder Lamed) vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.
JESUS
UND DIE
VORSCHRIFTEN
DER
PHARISÄER
Schon die Propheten Judas und Israels hatten die Menschen dazu aufgefordert, zu Gott zurückzukehren, Buße zu tun. Umkehr (hebr. teschuwa) war schon immer nicht nur ein Befehl, dem die Menschen nachkommen sollten, sondern wurde andererseits auch als ein besonderes Geschenk Gottes angesehen. Die Art und Weise, wie Johannes der Täufer und Jesus auftraten und zur Umkehr aufriefen, wäre für das AT dennoch ein Novum gewesen; für die Zeitgenossen Jesu jedoch war es weniger ungewöhnlich, denn sie waren bereits durch die Weisen sensibilisiert worden. Buße war nämlich ein sehr wesentliches Konzept der Pharisäer (die Mischna-Traktate Pirke Avot und Joma erwähnen die betreffenden Bußvorschriften). Die Zeit war erfüllt, auch in dieser Hinsicht. Jesus traf durch die Vorarbeit der jüdischen Gelehrten vor ihm und vor allem von Johannes dem Täufer auf vorbereitete Menschen. Der Inhalt seiner Predigt, Tut Buße!, macht klar, dass Jesus sich gleich von Anfang an an die Traditionen der Väter hielt. Die Umkehr sollte die Menschen zu Teilhabern des Himmelreichs (oder Reiches Gottes) machen, d. h. zu Angehörigen der neuen Bewegung, die Jesus ins Leben rief. Und noch ein Punkt entsprach der allgemeinen jüdischen Tradition. Jesus trug als frommer Jude auch die Schaufäden, die Quasten, die Ziziot (Einzahl: Zizit). Das geht aus der Schil-
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derung Mt 9,20 hervor, wo eine kranke Frau die Ziziot berührte und augenblicklich geheilt wurde. Wie man mit den Schaufäden bzw. Quasten praktisch umging, wie sie auszusehen hatten, wie viele Knoten sie haben und wie lang sie sein mussten usw., wurde durch Vorschriften geregelt. Darüber gab das Gesetz selbst keine Auskunft (4Mo 15,37-39). Das war der Phantasie der Lehrer überlassen. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung war auch Jesu Tätigkeit als umherziehender Lehrer. Damals redete man die Lehrer zwar ehrfürchtig mit Rabbi an, der Rabbi als Titel kam indessen erst später auf. Die Weisen hatten gefordert, viele Schüler auszustellen (d. h.viele Jünger zu machen). So waren überall im Land Lehrhäuser entstanden, die man Bet Midrasch nannte und die in der Regel der Synagoge angeschlossen waren. Ein solches Bet Midrasch ist in der aus dem 3. Jh. stammenden Ruine der Synagoge von Kapernaum sehr schön zu erkennen. Nach jahrelangem vorausgegangenen Studium der Heiligen Schriften und der Worte der Weisen entschlossen sich junge Männer dazu, monatelang, manchmal auch jahrelang aus Liebe zur Tora Lehrern als Talmidim, als Schüler bzw. Jünger zu folgen. In eben dieser Tradition stand Jesus, nicht als Jünger, sondern als Lehrer. Ebenfalls ein überaus wichtiges Detail seiner Loyalität gegenüber den Überlieferungen der Väter. Er änderte nicht die Lehrmethoden der Väter. Und auch Paulus folgte später diesem Beispiel. Schließlich begegnen wir in der bemerkenswerten Aufforderung Was sie euch sagen, das tut, aber handelt nicht nach ihren Werken. Denn sie sagen es und tun es nicht (Mt 23,3) harter Kritik am Verhalten der Pharisäer und Schriftgelehrten. Jesus griff jedoch nicht die Lehre selbst an, obwohl er einmal auch vor dem Sauerteig der Pharisäer (womit u. a. ihre Lehre gemeint war) gewarnt hatte, sondern ausdrücklich ihre Heuchelei. Auch darin folgte er anderen Zeitgenossen (z. B. den Jachad-Leuten von Qumran im Jubiläenbuch und der Damaskusschrift), die kein gutes Haar an den Pharisäern ließen. Der entscheidende Satz lautet (Mt 23,23):
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Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verzehntet die Minze und den Anis und den Kümmel und habt die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseite gelassen: das Recht und die Barmherzigkeit und den Glauben; diese hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen. Die Parallelstelle (Lk 11,42) dazu: Aber wehe euch Pharisäern! Denn ihr verzehntet die Minze und die Raute und alles Kraut und übergeht das Gericht und die Liebe Gottes; diese Dinge hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen. Im Vordergrund standen für Jesus die wichtigeren Dinge des Gesetzes: das Recht (der Messias, so sagten die Propheten, wird nach Recht und Gerechtigkeit urteilen), die Barmherzigkeit, Glaube und Liebe. Jesus lehnte zwar die verschiedenen kleinlich anmutenden Vorschriften nicht rundweg ab, maß ihnen aber keine heilsentscheidende Bedeutung bei. Sie waren nun einmal Bestandteil der Religionsausübung. So konnte man sich auch daran halten. Wichtiger aber war das Herz! Jesus und der Sabbat: Der Gang durch das Kornfeld Die Kontroverse um Jesus und den Sabbat ist uralt. Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass man den damals herrschenden jüdischen Gebräuchen zu wenig Beachtung geschenkt hat. Daneben wurde aber auch der Text selbst nicht genügend gewürdigt und bisweilen eher den eigenen Anschauungen angepasst. Hier der Text (Lk 6,1-5): Und es geschah am Sabbat, dass er durch die Saaten ging und seine Jünger die Ähren abpflückten und aßen, indem sie sie mit den Händen zerrieben. Einige der Pharisäer aber sprachen zu ihnen: Warum tut ihr, was am Sabbat nicht zu tun erlaubt ist? Und Jesus
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Sind wir denn nicht frei? antwortete und sprach zu ihnen: Habt ihr auch dieses nicht gelesen, was David tat, als ihn und die, die bei ihm waren, hungerte? Wie er in das Haus Gottes ging und die Schaubrote nahm und aß und auch denen gab, die bei ihm waren – die doch außer den Priestern allein niemand essen darf? Und er sprach zu ihnen: Der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats.
Die Zeit der Ernte. Einige Handschriften (z. B. Textus receptus) sagen Lk 6,1: en sabbato deuteroproto, wörtlich: Am zweitersten Sabbat. Diese Formulierung gibt den Hintergrund der Geschichte besser wieder. Delitzsch gebrauchte sie in der Übersetzung seines hebräischen Neuen Testaments mit den deutschen Worten: Und es geschah am zweiten Sabbat des Omerzählens. Der Gang über das Feld geschah nach Pessach während der Gerstenernte (die Pflichtgarbe war längst im Tempel dargebracht worden). Da es sich offensichtlich um ein privates Feld handelte und damals einhellig die Auffassung herrschte, dass man stehende Ähren eines solchen Feldes nicht einfach abbrechen durfte (die Verordnung 5Mo 23,25 bezieht sich nach Auffassung der Tannaiten auf Tagelöhner, außerdem waren die Felder klein und die Bauern arm), kann es sich nur um ein abgeerntetes Feld gehandelt haben. Selbst die Armen, die gleich hinterher kamen, um hinter den Schnittern Ähren aufzulesen, hatten mit Sicherheit bereits ihre Arbeit getan. Das Abpflücken der Ähren stellte zudem eine der 39 Arten von Arbeit (hebr.: avot melachot) nach 2Mo 34,21 dar. Jesus und seine Jünger hätten sich mit Sicherheit daran gehalten. Zudem gibt es eine Reihe von Texten, die von diesem Ereignis berichten, jedoch das Abpflücken nicht erwähnen. In Bezug auf das Zerreiben aber gab es unter den Juden unterschiedliche Auffassungen. Wir können demnach folgendes Geschehen rekonstruieren (S. Shmuel Safrai, Jerusalem Perspective, Nr. 27, S. 3 ff.): Jesus ging am zweiten Sabbat nach Pessach an einem abgeernteten
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Gerstenfeld vorbei, und seine Jünger fanden einige Ähren, die sie zwischen den Händen zerrieben. Die Körner aßen sie. Nicht Jesus, sondern seine Jünger wurden dadurch einigen der Pharisäer ein Ärgernis. Der Ausdruck einige der Pharisäer hat seine Bewandtnis. Es gab Pharisäer, die in der Auslegung des Gesetzes strenger waren als andere, vor allem in Galiläa, und das erklärt, warum im Text des Lukas „einige der Pharisäer“ steht. Weder für die Jünger noch die Männer um David, die Jesus in seiner Erwiderung auf die Kritik erwähnt, ging es dramatisch ums Überleben. Es sollte nur ein normales Bedürfnis befriedigt werden. Für Jesus war das legitim. Er konnte sich den Interpretationen der strengeren Pharisäer nicht anschließen. Für ihn, der offensichtlich der Gruppe der Chassidim näher stand als der Sekte der Pharisäer, galt, dass Menschen Freude am Sabbat haben sollten. Darum der in allen drei Evangelientexten überlieferte Satz: Der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats. Damit bezeichnete Jesus nicht seine Autorität, den Sabbat abzuschaffen, sondern in einer allgemein von seinen Zuhörern verständlichen Form, dass der Mensch über dem Sabbat steht, wie er es ja auch später noch deutlicher gesagt hat. Die Chassidim (die Frommen) der damaligen Zeit sind nicht zu verwechseln mit den verschiedenen Gruppen von Chassidim, wie wir sie aus der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart kennen. Sie legten großen Wert auf ein gründliches Studium der Tora, nach ihrer Meinung aber war das rechte Tun wichtiger. Zu ihnen gehörten Honi der Kreiszieher und Chanina b. Dosa. Im Seder Eliyahu Rabba, einem Werk mit chassidischem Gedankengut, lesen wir folgende Bemerkungen: Gewöhnlich wird gesagt, dass die Tora an erster Stelle steht … Ich aber sage, dass die Leute (wörtlich Israel) an erster Stelle stehen. Ähnlich lehrte Rabbi Simeon ben Menasja, ein Weiser aus dem 2. Jh., dessen Lehre deutlich Verbindungen zu den erwähnten Chassidim aufweist: Das ist es, was Rabbi Simeon b. Menasja gesagt hat: Euch ist der Sabbat übergeben, nicht aber seid ihr dem Sabbat übergeben. Nach einem alten Midrasch kann über-
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mäßige Frömmigkeit die Erfüllung des eigentlichen Wesens des Gesetzes gefährden. Auch hier zeigt sich die Korrelation zwischen Jesus und den Weisen unmittelbar vor und nach ihm. Mit seiner Feststellung: Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat hat Jesus nicht zur Übertretung des Sabbats aufgefordert, er hat sich auch nicht gegen die Lehre der Pharisäer gestellt, sondern sich für eine humane Erfüllung des göttlichen Gebots, den siebten Tag zu heiligen, eingesetzt. Jesus kannte die Überlieferungen, wusste, dass es uneinheitliche Meinungen gab, tolerante und weniger tolerante, und dass die Mündliche Tora eine gewisse Flexibilität erlaubte. Das Gesetz des Mose selbst gibt keinen Aufschluss darüber, wie sich in solchen Situationen zu verhalten ist. Heilungen am Sabbat Die Weisen hatten aufgrund von 2Mo 35,1 festgelegt, dass 39 (40 weniger 1) Hauptarbeiten am Sabbat nicht verrichtet werden dürfen. Das Heilen am Sabbat war nach diesen Vorschriften erlaubt, wenn es darum ging, Leben zu retten. Selbst die Rettung von Haustieren, die in einen Wassergraben oder Brunnen gefallen waren, wurde gestattet, allerdings nur nach der milderen Schule von Hillel, der aber die meisten Juden damals folgten. Es gab jedoch – vor allem in Galiläa – strengere Gruppen von Pharisäern, die selbst zur Rettung eines Tieres nichts unternahmen. Jesus selbst stellte die Frage (Lk 14,3), ob man am Sabbat heilen dürfe oder nicht: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht? Mit der anschließenden Heilung – ebenso wie auch in Lk 13,10-16 –, die stillschweigend oder auch zähneknirschend hingenommen wurde, stellte er sich nicht gegen das Sabbatgesetz per se, sondern rettete Menschenleben. Der eine war schwer herzkrank, und die gekrümmte Frau bedurfte dringend der Hilfe. Es gibt in Mischna und Talmud lange Listen von einzelnen Fällen, in denen am Sabbat Hilfe geleistet werden darf und muss. Auf eine detaillierte Auflistung können
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wir hier verzichten. Jesu Heilungen am Sabbat stellten nach tannaitischem Recht keine Entweihung des Sabbats dar, sondern waren Taten der Barmherzigkeit. Von Jesus ist uns keine Übertretung des Sabbats beschrieben. Ebenso wenig ermutigte er die Menschen, sich über die Sabbatgebote hinwegzusetzen. Selbst sein Ausspruch der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats (Mt 12,8.) kann nicht dahingehend interpretiert werden, Jesus habe einen Freibrief zur Übertretung des Sabbats ausgestellt. Wir hätten sonst sicher eine deutlichere Beschreibung darüber in den Evangelien. Jesus beobachtete den Sabbat und hielt sich an die Vorschriften, jedoch erbarmte er sich der Notleidenden und half ihnen. Jesus und die Speisegesetze Denn es geht nicht in sein Herz hinein, sondern in den Bauch, und es geht heraus in den Abort. Damit erklärte er alle Speisen für rein (Mk 7,19). Jesus wurde von Pharisäern darauf angesprochen, dass seine Jünger mit rituell unreinen Händen Speise zu sich nahmen. Er gab ihnen zur Antwort, dass sie, die Pharisäer, sich nicht um das geschriebene Wort Gottes kümmerten und dass die eigentliche Verunreinigung von innen heraus geschieht. Um was geht es in diesem Abschnitt? In den Texten von Matthäus und Lukas fehlt der Zusatz reinigend alle Speisen (griech.: katharizon panta ta bromata). In der LXX wird katharizon hauptsächlich für das hebräische Verb taher – reinigen gebraucht (z. B. 3Mo 14,11; Mal 3,3). Das jüdische Speisegesetz, Kaschrut, selbst stand in diesem ganzen Abschnitt Mk 7 gar nicht zur Debatte. Es ging auch nicht um reine oder unreine Speisen – wie später bei Paulus im Römer- und 1. Korintherbrief. Hier waren Juden zusammen, die sowieso keine für sie unreine Speisen zu sich nahmen. Darum gab es auch keinen Grund, über diese Frage zu diskutieren. Jesus debattierte hier vielmehr mit den Pharisäern über eine
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Vorschrift der Väter aus der Mündlichen Tora. Der Schlusssatz – als Wort Jesu, nicht als Kommentar des Markus verstanden – bezieht sich konsequenterweise auf den Verdauungsvorgang und den natürlichen Weg, den die Speise geht – nicht auf eine Diskussion um reine oder unreine Speisen. Die Deutung als Bemerkung des Markus, Jesu habe alle Speisen für rein erklärt, stammt von Origenes Anfang des 3. Jh. Jesus gab der Diskussion in Bezug auf rein und unrein eine unerwartete Wendung, indem er sie von der kultischen auf die moralische Ebene hob! Und das war typisch für ihn und sein Gesetzesverständnis. Hier handelte es sich auch um ein radikal neues Verständnis für die Wirklichkeit. Während sich Menschen um etwas bemühten, das vor Gott wenig Wert besitzt, zeigte Jesus, dass es darauf ankommt, zwischen Reinheit und Unreinheit des Herzens zu unterscheiden. Das bewies er, indem er sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch setzte. Jesus präzisierte, dass das, was die Hände oder eine Speise unrein machen kann, nicht notwendigerweise auch den Menschen verunreinigt. Der gleiche Gedanke begegnet uns in Apg 10,14-16; 11,9, wo Petrus erstaunt war über die unreine Speise vom Himmel, die er essen sollte. Es bedurfte der ausdrücklichen Versicherung: Was Gott gereinigt hat, mache du nicht gemein! Ein Indikator für die Wahrheit des oben Gesagten ist, dass er als Zeuge von Mk 7,19 und guter Schüler seines Meisters hier noch eine zusätzliche Erklärung benötigte. Für ihn war der Verzehr solcher unreiner Speise ein Novum und nicht bereits durch Jesus legitimiert worden. Wir fassen zusammen: Mit Sicherheit hat Jesus keine für Juden unreine Speise zu sich genommen. Es gab in seiner Umgebung kaum Gelegenheit dazu, verbotene Speisen zu genießen. Auch lesen wir nicht, dass er je ein heidnisches Haus betrat und mit Heiden speiste. Jesus hätte es aber allein schon wegen seiner Grundhaltung in dieser Umgebung schwerlich darauf ankommen lassen, den Juden Anstoß zu geben, zumal er im Textzusammenhang von Mk 7 sehr prägnant die Einhaltung des Gesetzes einforderte.
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Jesu Haltung zur kultischen Unreinheit Der Evangelist Matthäus schildert zwei Ereignisse (Mt 8,1-4; 9,20-22), bei denen Jesus mit unreinen Menschen zusammentraf. Im ersten Fall fiel ein Aussätziger nach der Bergpredigt vor ihm nieder, und im zweiten Fall kam eine Frau, die an schweren Blutungen litt und sich durch die Menge gequält hatte, heimlich von hinten und berührte die Schaufäden an seinem Gewand. Jesus ignorierte im Falle des Aussätzigen bewusst die kultische Unreinheit, indem er sogar seine Hand auf ihn legte. Im Fall der Frau war die rituelle Verunreinigung längst geschehen. Sie hatte viele Leute berührt und sogar das Gewand Jesu in die Hand genommen. Damit war die Unreinheit nicht mehr auf sie allein beschränkt. Das Besondere an dieser Sache ist, dass die Quasten eigentlich denjenigen, der sie anschaute, daran erinnern sollten, das ganze Gesetz zu halten! Die Frau hätte demnach an ihre Unreinheit denken und sich gar nicht durch die Menschenmenge quälen, auch nicht die Quasten anfassen sollen. Sie ignorierte die Vorschrift des Gesetzes und der Mündlichen Tora. Dennoch wurde sie geheilt! Jesus machte anhand dieser Tat klar, dass es darauf ankommt, mit einem zerbrochenen Herzen, reuig, einsichtig, gebeugt und im Glauben zu Gott zu kommen. Dass Jesus auch danach noch – also nach der unreinen Berührung durch die Frau – im Willen Gottes stand und rein war, beweist die Tatsache, dass er unmittelbar darauf die Tochter des Synagogenvorstehers aus den Toten auferweckte. Fasten – Neuer und alter Flicken, neuer und alter Wein Der Abschnitt Lk 5,33-39 Sie aber sprachen zu ihm: Die Jünger des Johannes fasten oft und verrichten Gebete, ebenso auch die der Pharisäer; die deinen aber essen und trinken … trägt in vielen Bibeln die Überschrift: Die Fastenfrage. Hintergrund ist eine Diskussion innerhalb des Judentums über die
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von den Pharisäern zusätzlich zu den alten feststehenden (wie Jom Kippur) neu eingeführten Fasttage. Gleichermaßen hatte offenbar Johannes der Täufer Fasttage für seine Jünger angeordnet. Fasten und Reue sollten nach Meinung der Pharisäer zur Umkehr und damit zu einer Reform des Judentums führen. Man wollte dem nachhelfen, indem man regelmäßig zweimal, und zwar montags und donnerstags, fastete. Jesus und seine Jünger hielten sich gewiss an die alte Tradition der feststehenden Fasttage, konnten aber den Fasttagen der Pharisäer nichts abgewinnen. Sie sahen sie als wirkungslos an. Darum die Frage der Pharisäer. Jesus beantwortete die Frage nach dem Fasten zunächst grundsätzlich mit einem Hinweis auf seine Eigenschaft als Messias (Bräutigam): Der Bräutigam ist da, eine Ursache zur Freude, wie auf einer Hochzeit. Da fastet man nicht. Aber er wird weggenommen werden (weggenommen ist ein Euphemismus für sterben), wie es in Jes. 53,8 geschrieben steht: Aus Drangsal und Gericht wurde er hinweggenommen … Denn er wurde abgeschnitten vom Lande der Lebendigen. Das Gegenteil von Freude tritt ein: Trauer. Wer begriffen hatte, wer Jesus war, brauchte nicht zu fasten, denn er war bereits zu Gott umgekehrt, sonst hätte er Jesus nicht als Messias wahrnehmen können. Dogmatische Reformen waren unbrauchbar. Die Pharisäer hatten trotz ihres neu eingeführten Fastens nicht erkannt, wer unter ihnen stand, sonst hätten sie nicht mehr fasten müssen, denn das Ziel, auf das sie hinfasteten, wäre erreicht gewesen! Im zweiten Teil seiner Antwort bediente Jesus sich zweier Gleichnisse: Ein neuer Flicken gehört nicht auf ein altes Kleid, neuer Wein gehört in neue Schläuche. Aber: Der alte Wein ist besser. Der Kontext lässt es logisch erscheinen, hier bei dem Bezug zur Fastenfrage zu bleiben. Bei Würdigung des Hintergrundes wird uns klar, dass Jesus sich mit diesen Gleichnissen auf die Erneuerungsbewegung unter den Pharisäern bezog und sie als ziemlich nutzlos beschrieb. Der neue Flicken – das war
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ihr neues Fastendogma – zerstörte trotz seiner guten Qualität mehr, als dass er nutzte. Oberflächlich betrachtet, schien Jesus einen Moment lang ihre Schritte sogar zu begrüßen, aber er war kein Neuerer, keiner, der im Gegensatz zur Tora ja nicht einmal zum Judentum stand und etwas völlig Neues propagierte. Jesus sprach in sehr enger Übereinstimmung mit seiner Zeit, aber mit Entschiedenheit, mit Leib und Seele, als einer, der nicht nur etwas meinte, wie viele andere, sondern der entsprechend handelte und erwartete, dass die Menschen ihm darin folgten. Matthäus nannte das: Er sprach mit Vollmacht. Man muss Jesu Worten Gewalt antun, wie in den darauffolgenden Jahrhunderten, um ihn mit der Interpretation dieses Abschnitts in einen Gegensatz zum damaligen Judentum zu bringen. Deutlicher wird die Argumentation Jesu durch das Gleichnis vom neuen und alten Wein. Die herkömmliche, weitverbreitete Auslegung ist, Jesus habe gemeint, seine neue Lehre passe wie neuer Wein nicht in alte Schläuche. Anders ausgedrückt: Das Christentum (neuer Wein in neuen Schläuchen) ist gut, das Judentum ist schlecht (alter Wein in alten Schläuchen) und nach Heb 8,13 veraltet, hat sich überlebt und ist dem Verschwinden nahe. Ich halte dies für einen eigenmächtigen Umgang mit dem Text. Jesus wollte nicht dogmatische Neuerungen, sondern die Wiederentdeckung des alten Wortes! Er wollte es neu beleben! Darum meinte er auch: Der alte Wein ist besser. Schauen wir uns darum die folgenden Texte an: Siehe, mein Inneres ist wie junger Wein, der nicht geöffnet ist; gleich neu gefüllten Schläuchen will es bersten (Hiob 32,19). Man empfindet den Geschmack des Weins nicht am Anfang, aber je länger er alt wird im Krug, desto besser wird er. So ist es auch mit den Worten der Tora: Je länger sie alt werden im Körper, desto besser werden sie (Sifre Ekev 48). Rabbi Jose, Sohn des Jehuda, ein Mann aus dem Dorf Babli, sagt: Wer von jungen Leuten lernt, wem
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Sind wir denn nicht frei? gleicht er? Dem, der unreife Trauben genießt und Wein aus der Kelter trinkt. Wer aber von alten Leuten lernt, wem gleicht er? Dem, der reife Trauben genießt und alten Wein trinkt. Rabbi sagt: Schaue nicht auf den Krug, sondern auf das, was darin ist. Es gibt manchen neuen Krug voll alten Weines und manchen alten, in welchem nicht einmal neuer Wein ist (Pirke Avot 4,26-27).
Der junge Elihu im Buch Hiob vergleicht sich mit wild schäumendem, jungem Wein, der sogar neue Schläuche zum Bersten bringen könnte. Das ist ein sehr deutliches Bild. In den Sprüchen der Väter (Pirke Avot) wird der alte Wein mit der Tora verglichen. Das steht in guter Tradition zu den Worten Jesu, der alten Wein dem neuen wegen der besseren Qualität vorzuziehen vorschlug. Jesus sah, dass die dogmatischen Neuerungen der Pharisäer, dem neuen Wein vergleichbar, die Menschen überforderten, die alten Schläuche zerrissen und Schaden anrichteten. Die Menschen, die man reformieren wollte, die sich in Reue und Umkehr zu Gott wenden sollten, waren dadurch nicht erneuert worden und wie alte Schläuche. Wer Wein kennt, wird den alten vor dem neuen Wein trinken! Jesus hat nie etwas Unnatürliches als etwas Positives dargestellt. Der orthodoxe jüdische Prof. Dr. David Flusser, Jerusalem, sagt (Entdeckungen …, S. 109,114): Ich möchte nicht leugnen, dass Jesus die ursprüngliche Bedeutung des Gesetzes wiederentdecken wollte, kann mich jedoch nicht erinnern, dass er jemals in einem seiner Sprüche geltend gemacht hätte, seine Grundsätze seien neue, die im Gegensatz zu den alten Lehren des Judentums stünden, das der Vergangenheit angehöre … Wenn wir bereit sind, dem Gedankengang in den Bildern Jesu in diesem Abschnitt zu folgen, können wir seine Kunstfertigkeit und pädagogischen Fähig-
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keiten nur bewundern. Er konnte nicht wissen, dass einige Jahrzehnte später eine Situation entstehen sollte, die einen neuen Gegensatz, den zwischen neuem und altem Glauben, hervorbrachte, einen Gegensatz, der Spannungen und Feindseligkeiten nach sich ziehen sollte. Fassen wir zusammen. Es geht im Text des Lukas um eine innerjüdische Diskussion, nämlich um das Fasten. Die Deutung, das Christentum sei dem Judentum vorzuziehen, tut dem Text Gewalt an. Sie stammt aus einer späteren Zeit. Jesus sagte, dass er der Bräutigam, der Messias sei. Zusätzliche Fasten, wie die Pharisäer sie eingeführt hatten oder auch Johannes der Täufer, würden seiner Mission nicht dienen und damit auch von seinen Jüngern nicht praktiziert Sie hatten ihn als Messias erkannt. Zudem hatte sich das Fasten der Pharisäer praktisch als nutzlos erwiesen. Der alte Wein, die Tora, ist vorzüglicher. Wenn man ihr folgt, werden Reue und Umkehr die Folge sein. Schwere und leichte Gebote Wer nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und so die Menschen lehrt, wird der Geringste heißen im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, dieser wird groß heißen im Reich der Himmel (Mt 5,19). Im Judentum gab und gibt es schwere und leichte Gebote. Zu den schweren gehören vor allem die Zehn Worte, zu den leichten – im Hebräischen spricht man nicht von geringsten (wie im griechischen Text), sondern von leichten Geboten – zählt beispielsweise das Gebot 5Mo 22,6. Wenn sich zufällig ein Vogelnest vor dir auf dem Weg findet, auf irgendeinem Baum oder auf der Erde, mit Jungen oder mit Eiern, und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, dann darfst du die Mutter auf den Jungen nicht nehmen. Es wird als das letzte der 613 Gebote angesehen. Jesus jedoch kannte diesen Unterschied nicht. Nach seiner
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Auslegung Mt. 6,21-48 wird derjenige, der leichte Gebote gering achtet, gar nicht in seinem Reich sein. Er wird leicht, zu leicht sein (s. Belsazer Dan. 5), um beim hebräischen Sprachgebrauch zu bleiben. Das griechische Wort der Geringste lässt den Schluss zu, er sei jedenfalls im Reich Gottes, wenn auch in einer ganz geringen Position. Für Jesus war diese Frage zu bedeutend, um zu einem so unlogischen Schluss zu kommen. Wir sehen, durch eine Rückübersetzung aus dem Griechischen ins Hebräische erschließt sich für uns der eigentliche Sinn (Flusser, Entdeckungen, S. 24). Wenn für Jesus das Jud oder Jota wichtig war sowie das kleine Häkchen daran, konnte er unmöglich einen Menschen in seinem Reich gebrauchen, der sich um die leichten Gesetze nicht kümmern wollte.
WIE
DEFINIERTE
JESUS
DAS
GESETZ?
Bekannt war und ist die folgende Geschichte von Hillel und Schammai (Tätigkeit ca. 70 v. Chr. – 10 n. Chr.): Ein Heide suchte Schammai, der als sehr streng galt, auf und erklärte ihm, er werde zum Judentum übertreten, wenn er ihm kurz und knapp, während er auf einem Bein stehe, das Gesetz erläutere. Schammai war unwillig und jagte ihn davon. Der Mann kam darauf zum sanftmütigen, gütigen Hillel. Der antwortete ihm (Babyl. Talmud, Schabbat 31a): Was dir verhasst ist, das tue deinem Genossen nicht an! Das ist die Weisung ganz und gar, das andere ist ihre Auslegung. Geh und lerne! Jesus äußerte sich ähnlich in der Bergpredigt. Seine Goldene Regel lautete (Mt 7,12): Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten. Die Evangelien berichten von zwei Begebenheiten, wo Jesus mit Gesetzeslehrern zusammentraf, die ihm die Frage nach dem größten Gebot stellten. In dem einen Fall – bei Matthäus – wird Jesus mit einer eigenen Antwort wiedergegeben, im andern Fall – bei Lukas – gab der Schriftgelehrte die Ant-
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wort, während Jesus ihm die Richtigkeit seiner Aussage bestätigte. Zunächst die beiden Schriftstellen: Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Er aber sprach zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten (Mt 22,35-40). Und siehe, ein Gesetzesgelehrter stand auf und versuchte ihn und sprach: Lehrer, was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu erben? Er aber sprach zu ihm: Was steht in dem Gesetz geschrieben? Wie liest du? Er aber antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten wie dich selbst. Er sprach aber zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu dies, und du wirst leben (Lk 10,25-29). Jesus gebrauchte eine Formulierung, wie sie so im Gesetz nicht ausdrücklich stand, ihrem Sinn nach jedoch überraschte sie seine Zuhörer wahrscheinlich nicht. Er machte deutlich: Gott kommt es nicht auf rituelle und formale Religiosität eines Menschen an, sondern auf ein gutes Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer einerseits und zwischen Mensch und Mensch andererseits. Liebe, Güte und Freundlichkeit müssen dieses Verhältnis bestimmen. Anders ausgedrückt: Durch die Gemeinschaft mit Gott, dessen Liebe er erfährt, wird der Mensch fähig, seinen Mitmenschen zu lieben. Das veranschaulichte Jesus in Lk 10 mit dem Gleichnis
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bzw. der Erzählung vom Barmherzigen Samariter. Er ließ darin nicht einen Pharisäer als Helfer des unter die Räuber geratenen Mannes auftreten. Das wäre zu selbstverständlich gewesen, weil die Pharisäer für ihre guten Werke und die Vorschrift bekannt waren, gerade an solchen Menschen, und zwar ausdrücklich auch als Priester und Levit, Barmherzigkeit zu üben. Jesus wählt für sein Gleichnis einen Samariter. Das hatte seinen Grund und überraschte die Hörer. Die Samariter hielten sich nämlich, wie auch die meist sadduzäischen Priester und Leviten, streng an den Buchstaben des Gesetzes. Für sie galten jüdische Anordnungen nicht, nur das Gesetz des Mose. Beim Anblick des Unglücklichen warf der Samariter, zutiefst von der schreienden Not bewegt, das Rituelle über den Haufen und half. Der zur Hilfe verpflichtete Priester hatte das nicht getan, ebenso wenig der Levit. Beide machten einen großen Bogen um ihn. Ihnen war rituelle Reinheit wichtiger. Jesus zeigte: Auf das Herz kommt es an! Hier begegnen wir abermals der für Jesus typischen Argumentation, die unwillkürlich ein Gespräch von der rein kultisch-rituellen auf die ethische Ebene hob. Grundsätzlich können wir zu folgenden Schlüssen kommen: Jesus passte sich in seinem äußeren Verhalten der Situation der damaligen Zeit an. Er kleidete und benahm sich wie ein frommer Jude, der die Vorschriften der Väter beachtete. Hätte er das nicht getan, hätten wir davon Kenntnis; er hätte sich nämlich in krassem Widerspruch zum allergrößten Teil seiner Zeitgenossen befunden, für die religiöse Treue eine Selbstverständlichkeit war und die ihm ein solches gesetzloses Verhalten nicht vergeben und schon gar nicht gutgeheißen hätten. Außerdem sehen wir, dass seine Jünger sich nach seinem Tod und seiner Auferstehung gleichermaßen loyal gegenüber den Traditionen ihrer jüdischen Umwelt verhielten, die Zeit von Mose bis Jesus nicht als unnütz ansahen und sich weiterhin jahrelang im Tempel als einem der wichtigsten Orte für ihre Anbetung versammelten. Der beste Beweis dafür, dass Jesus auch hierin zum Judentum loyal und ein Vorbild war. Diese Fest-
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stellung wird immer wieder auch von orthodoxen Juden, die das NT lesen, bestätigt. Ferner lehrte Jesus weitgehend im Kontext der allgemein bekannten Tradition. In seiner Sentenz über die Ehescheidung, einer Erschwerung des Gebotes, begab er sich allerdings in einen Gegensatz zu Hillel und schloss sich mehr dem strengen Schammai an. Seine Kritik richtete sich weniger gegen die Lehre als gegen die Heuchelei der Pharisäer, die in zahlreichen Kommentaren von ihren eigenen Leuten heftig wegen ihrer oft scheinheiligen Verhaltensweise angegriffen wurden, so dass schon damals der Ausdruck Pharisäer für geheuchelte Frömmelei stand. Jüdische Kommentatoren vermuten, dass auch aus diesem Grund herausragende Persönlichkeiten wie Hillel, Schammai, Gamaliel der Ältere und andere nicht als Pharisäer erwähnt werden, obwohl sie es waren. Außer in Apg 5,34 wird Gamaliel nirgends als Pharisäer bezeichnet. Paulus erwähnt ihn Kap. 22,3. Es ist nicht auszuschließen, dass Jesus sich in Mt 23 nicht gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten allgemein wandte, sondern gegen einige Pharisäer, wie es in den synoptischen Texten immer wieder einige Pharisäer gab, die ihn angriffen. David Flusser sagt (Entdeckungen …, S. 16): Auch wenn Jesus den jüdischen Gedanken seine eigene persönliche Richtung gab, wenn er eine Auswahl vornahm, wenn er das Übernommene läuterte und manches umdeutete, gibt es, wie ich ehrlich bekenne, kein einziges Wort Jesu, das irgendeinen gutmeinenden Juden ernstlich aufgebracht hätte. Jesus war in seiner Eigenschaft als Mensch ein toratreuer Jude, der sich, wie seine jüdischen Mitmenschen, an die religiösen Vorschriften hielt und die allgemeinen Normen gelten ließ. Einen Augenblick lang mag er sich zwar für seine Zuhörer in Opposition zum Gebot, die Eltern zu ehren, befunden haben, als er (Lk 9,60) sagte: Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! – das einzige Mal, dass er sich scheinbar im Gegensatz zur Tora äußerte –, da sie aber begriffen, dass für ihn die Verkündigung des Reiches Gottes höchste Priorität hatte – wie für viele um-
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herziehende Lehrer, die ähnlich die Aufgabe der Privatsphäre von den Jüngern forderten –, war ihnen klar, dass er sich mit diesem Satz nicht am Gesetz vergangen hatte. Schließlich suchen wir auch eine derartige Gesetzesübertretung als Anklagepunkt gegen Jesus in seinem Prozess vor dem Hohen Rat vergebens. Jesus demonstrierte vor aller Augen eine neue, besondere Qualität von Frömmigkeit und Treue zu Gott. Ihm war die Beachtung kultisch-ritueller Vorschriften nicht so wichtig wie die Praxis von Barmherzigkeit, Güte, Liebe, rechtem Gericht und Glauben, von tiefem Vertrauen und uneingeschränkt rechtem Tun durch Menschen, die Gott kennen. Diese innere Haltung erwartete er zuerst von seinen Nachfolgern. Er selbst lebte sie vor. Wer in Jesu Nähe kam, erfuhr die Liebe Gottes. Vor diesem Hintergrund kann und darf Jesus in dem Wort Joh 1,17 Das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden nicht in einem Gegensatz zur Tora gesehen werden, sondern vielmehr in enger Verbindung mit 1Joh 1,1: Was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben … Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer betrifft seine Persönlichkeitswirkung. Menschen nahmen in der Person des galiläischen Lehrers Jesus die im Gesetz des Mose bereits vielfältig bezeugte Gnade und Wahrheit, die Freundlichkeit und Güte Gottes an ihrem eigenen Leib wahr. Sie konnten diese Wirklichkeit in Jesus von Nazareth sichtbar und greifbar erleben, sie konnten ihn hören, sehen, fühlen, ertasten. Gott zum Anfassen! Wie schon Mose und David sie erfahren und Menschen damit bekannt gemacht hatten. Johannes erklärte, dass die Güte Gottes im Gesetz des Mose bereits reichlich bezeugt ist; denn das Gesetz steht nicht im Widerspruch, sondern ist Ausdruck der Gnade Gottes! Gesetz und Gnade bilden eine unteilbare Einheit! Die Tora weist den Weg zu einem erfüllten Leben mit Gott im Frieden mit den Menschen: Gott lieben und die Menschen lieben. Es gibt aber noch weitere Gründe: Der neutestamentliche
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Text scheint hinsichtlich des Wortes Gnade Theologen und Übersetzer gleichermaßen vor Schwierigkeiten zu stellen. Das griechische Wort charis entspricht nämlich in der Septuaginta fast ausschließlich dem hebräischen Wort chen, Gnade, mehr im Sinne von Freundlichkeit, Gunst, Wohlwollen, während das eigentliche, die Bundestreue Gottes und seine immerwährende, zuverlässige Güte, aber auch Gnade bezeichnende Wort chessed von den Gelehrten des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts mit éleos (besonders auffallend im Psalm 136) übersetzt wurde. Gab es Gnade im neutestamentlichen Sinn bereits im Alten Testament? lautet die theologische Frage. Der Satz „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade“ zeigt in seiner Konstruktion, mit einem hebräischen Verständnis im Hintergrund, durch das anti (zugunsten, wegen, für, um … willen) im Ausdruck charin anti charitos, wie die in Jesus gezeigte Gnadenfülle auf der Gnade der Tora aufbaut. Anders ausgedrückt: Die Tora offenbarte bereits ein Maß an Gnade aus der Fülle Gottes. Jetzt kommt Jesus, und er legt aus derselben Fülle auf diese Gnade noch ein Stück auf (s. Graphik Nr. 3). Hier müssen wir die Details noch etwas genauer betrachten. Es gibt nach Auffassung von Dr. Randall Buth, Direktor der Abteilung für semitische Sprachen am Jerusalem University College und Dozent an der Hebräischen Universität, einen sehr einfachen und überzeugenden linguistischen Beweis dafür, dass das in Joh 1,16-17 gebrauchte Wort charis identisch ist mit chessed, und zwar folgenden: Johannes’ Ausdruck Gnade und Wahrheit kommt im hebräischen Text des AT nur in der Kombination chessed we emet (13-mal) vor, nie als chen we emet. Johannes bediente sich demnach eindeutig eines bekannten hebräischen Idioms, das sich auf die Bundestreue Gottes bezog. Gott lässt 2Mo 34,6 Mose wissen: JHWH, JHWH, Gott gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Wahrheit (Gnade und Treue nach der rev. Elberf. Übers.). Die Kundschafter versichern Rahab in Jericho ihrer Gnade und Wahrheit (Jos 2,14). Chessed ist in diesen Textzusammenhän-
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gen ein stärkerer Ausdruck als chen. Das Weltbild von Johannes, Paulus und Jakobus war von chessed geprägt, nicht von chen. Für sie war klar, dass chessed sich immer auf die unverbrüchliche Treue Gottes zu seinem Bund, aber auch auf die Treue des Israeliten zu seinem Gott bezog.
Graphik Nr. 3: Aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um (auf) Gnade.
Wahrheit im erwähnten Ausdruck ist nach hebräischem Verständnis kein abstrakter, stark intellektuell geprägter Begriff wie in unseren europäischen Sprachen Griechisch oder Deutsch. Wahrheit umfasst ein wesentlich weiteres Feld. Das hebräische Wort, emet, hat die gleiche Wurzel (amn) wie Glaube (emuna) oder Amen. Glaube und Wahrheit sind demnach im Hebräischen sehr eng miteinander verwandt. Beide schließen Zuverlässigkeit und Treue ein! Gleichermaßen ist Glaube im Hebräischen weniger eine intellektuelle Übung als vielmehr ein stark verwurzelter praktischer Begriff mit der Vorstellung von einer unverbrüchlichen Treue zum Bund Gottes. Der zweimal hintereinander von Johannes erwähnte Begriff Gnade und Wahrheit ist darum ein überaus deutlicher Hinweis auf Gottes Bundestreue, die sich in der Person Jesus Christus sichtbar, leibhaftig kundgetan hat. Gnade und Wahrheit sind
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das Fundament im Alten wie im Neuen Testament, bei Abraham und Mose, Jesus und den Aposteln. Glaube ohne Treue wäre unmöglich. Die Frage nach der Gnade im AT ist damit eindeutig beantwortet. Nur in diesem Kontext kann auch das Wort, das Jesus an den Reichen Jüngling richtet, verstanden werden, die Gebote (als Ausdruck der Treue zum Bund Gottes) zu halten. Jesus freute sich über seine Treue. Er hob dann aber die Diskussion auf die höhere Ebene des Jüngerseins. Darum die Forderung nach Aufgabe der Güter und ihrer Verteilung unter die Armen, die Forderung durch zedaka, Gerechtigkeit, seine wirkliche Liebe zu Gott zu offenbaren (das wird so nicht ausdrücklich von Jesus gesagt, steckt aber für einen Juden der damaligen Zeit deutlich hinter seiner Aufforderung). Die Frage nach dem ewigen Leben war damit nicht mehr relevant. Gehorsam gegenüber dem Gebot Gottes bedeutete ewiges Leben! Wer seinen Glauben durch seine Treue bewies und als Jude zum Bund gehörte, besaß ewiges Leben. Heiden gehörten nicht zum Sinai-Bund. Darum schrieb Paulus seine Halacha (Religionsgesetz) für Heiden. Eine Halacha für Judenchristen gab es nie. Einer solchen käme der Jakobusbrief noch am nächsten. Dafür bestand vor 70 n. Chr. jedoch im Grunde kein Anlass. Das Konzept war den an Jesus gläubigen Juden völlig klar. Der Satz (Joh 1,17) Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden ist in vielen Variationen, auf die wir hier nicht im Einzelnen eingehen müssen, sehr sinnreich etwa folgendermaßen wiedergegeben worden: Durch Mose gab uns Gott das Gesetz mit seinen Forderungen. Aber durch Jesus schenkte er uns seine vergebende Liebe und Treue (Übers.: Hoffnung für alle). Eine derartige Übersetzung des Textes lässt – wie wir gesehen haben – sowohl den hebräischen Hintergrund völlig außer Acht als auch die Tatsache, dass im griechischen Original kein Aber steht und dass kein Gegensatz ausgedrückt wird. Wir haben die Aussage A (das Gesetz wurde durch Mose gegeben) und die Aussage B (die Gnade und Wahrheit ist durch
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Jesus Christus geworden) ohne Konjunktion, lediglich als Feststellung. Der Kontext macht die Sache klar. Wegen A gibt es B. B ist kein Kontrast, sondern eine Hinzufügung. Die christlichen Übersetzungen, die an dieser Stelle Mose mit Jesus bzw. mit der Gnade kontrastieren, zeugen von einem gewissen Antinomismus. Möglicherweise hatte bei den verschiedenen ähnlich lautenden Übersetzungen der Barnabasbrief einen theologischen Einfluss ausgeübt, der Juden als gesetzlich und ungeistlich, Christen aber als geistlich hinstellte. Wie kann der Herr der Herren sein Leben für Sünder geben, wenn die Tora nur zeigt, was Sünde ist und wenn sie nicht auch Leben in sich birgt? Bloße Beobachtung der Tora, ein beziehungsloser Gehorsam rettet nicht. Die Tora war eine Auflage der Gnade Gottes innerhalb des Bundes. Gnade war das Fundament. So war die Tora für Jesus und die Juden eine Tatsache der Gnade, der ewig unveränderlichen Liebe Gottes, die Gott gegenüber mit Liebe (chessed) beantwortet wird (denn chen, d. h. Gunst, Gnade, wie etwa Noah sie erlebte, kann nicht erwidert werden). Bloßes Halten konnte und kann nicht helfen. Wenn der Jude sagte, er sei durch die Tora gerettet, dann verbarg sich dahinter sein Verständnis für die Gnade Gottes in der Tora sowie seine Bundeszugehörigkeit: Ich erfülle meine Seite der Auflage Gottes als ein Zeugnis. Nicht als Verdienst. Das Problem (z. B. hinsichtlich Jakobus) entsteht für uns, wenn wir mühsam Zusammenhänge von der griechischen Sprache und von unserer Kultur her zu erläutern versuchen, die im jüdischen Denken völlig klar sind. Abschließend zu diesem Thema einige Sätze des wohl bedeutendsten zeitgenössischen jüdischen Forschers an den Evangelien David Flusser (geb. 1917 in Wien, gest. am 15. Sept. 2000 in Jerusalem), der jahrelang über den israelischen Militärsender Jesus und sein Evangelium dargestellt und dabei unter anderem Folgendes gesagt und geschrieben hat: Jesus war Jude. Dem jüdischen Gesetz gegenüber war er treu. Aus seinen Worten schöpfen wir verlo-
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rene Informationen über die Welt seiner Lehrer, der jüdischen Weisen … Jesus lebte in einer jüdischen Welt, die im Rahmen der Geschriebenen Tora (der Bibel) und der Mündlichen Tora (später Talmud) blühte. Viele christliche Gelehrte – mit denen ich nicht übereinstimmen kann – glauben, dass für Jesus das Halten der Gebote ein Problem darstellte. Es ist wahr, dass wir im Neuen Testament einige Dispute haben, die Jesus hinsichtlich einiger Gebote zugeschrieben werden. Aber da geht es um alltägliche Dinge … Jesus selbst war peinlich darauf bedacht, die jüdischen Vorschriften einzuhalten … Jesus widersetzte sich jeder Haarspalterei und verwies immer wieder auf den moralischen Gesichtspunkt einer Sache … Jesus sah die Tora mit all ihren Jotas und Tütteln als eine vollkommene Welt in sich selbst an, von der die Existenz der realen Welt abhing (Mt 5,17-20), und darum war er der Tora gegenüber in allen Dingen treu … Die christlichen Quellen liefern uns selbstverständlich den Kontrast zwischen Jesus und dem jüdischen Gesetz. Matthäus präsentiert die Ansicht Jesu in einem Gegensatz zu den Weisen. Wahr ist jedoch, dass es zwischen der Betrachtungsweise Jesu und den echten jüdischen Traditionen keinen Unterschied gibt. (Flusser, Jewish Sources … S. 12-13.25.)