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Gottes Erbarmen versetzt Berge Herzergreifende Geschichten von Gottes außerordentlicher Barmherzigkeit und Güte für junge Frauen in Schwierigkeiten

Nancy Alcorn


Copyright Š 2000, 2003 by Mercy Ministries of America, Inc. Originally published in English by Harrison House, Inc. P.O. Box 35035 Tulsa, Oklahoma 74153 USA under the title: Mercy Moves Mountains by Nancy Alcorn Š Alle Rechte der deutschen Ausgabe bei:

Knackpunkt Medien e.K. St.-Ulrich-Platz 8 85630 Grasbrunn ISBN 3-9810289-0-2

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.


Inhaltsverzeichnis Einleitung ............................................................................... 13 1. Marsha ................................................................................ 23 2. Lori ..................................................................................... 37 3. Caroline .............................................................................. 55 4. Tonya .................................................................................. 73 5. Venus .................................................................................. 91 6. Veronica ............................................................................ 111 7. Kevin und Lisa .................................................................. 127 8. Laura ................................................................................ 143 9. Kelly ................................................................................. 159 10. Lisa ................................................................................. 175 11. Sherry ............................................................................. 191 12. Amy ................................................................................ 207 13. Junge Frauen im Wiederherstellungsprozess .................... 231 14. Wohin f端hrt unser Weg? ................................................. 255

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Vorwort von Darlene Zschech Ich konnte es kaum erwarten, das Buch Gottes Erbarmen versetzt Berge zu lesen. Als ich Nancy Alcorns erstes Buch, Echoes of Mercy (Echos des Erbarmens Gottes), las, fühlte ich mich sofort mit der Autorin verbunden – mit ihrer Liebe zu Jesus, ihrer Liebe zu den Menschen und ihrem Engagement dafür, dass Menschen mit gebrochenem Herzen eine Chance bekommen, ins Leben zurückzufinden. Ich bin überaus dankbar dafür, dass Gott Nancy nach seinem vollkommenen Plan genau zur richtigen Zeit in unser Leben gebracht hat. Sowohl meine Familie als auch unsere Gemeinde haben Nancy in ihr Herz geschlossen. Sie ist unsere „Ehren-Australierin“ und unsere Liebe und Achtung für sie sind sehr groß. Lass dich von diesem Buch ermutigen und herausfordern. Hier findest du Geschichten von Menschen wie du und ich, wahre Lebensgeschichten und großartige Zeugnisse für das, was die Kraft Gottes und die Liebe Jesu bewirken können. „Die Barmherzigkeit Gottes hat keine Grenzen, seine Liebe zu uns ist unermesslich, seine Liebe zu den Ungeliebten ist zu tief, um sie begreifen zu können.“

Lass uns ein Leben führen, das die Liebe, die Gnade und die Barmherzigkeit Jesu Christi immer und überall ausstrahlt. Darlene Zschech Hills Christian Life Centre Sydney, Australien

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Vorwort von Joyce Meyer Das Buch Gottes Erbarmen versetzt Berge ist eine wahre Schatzkiste, gefüllt mit kostbaren Edelsteinen des Herrn. Diese Edelsteine sind junge Frauen ganz unterschiedlicher Herkunft, die mithilfe von Mercy Ministries Amerika von der Liebe Gottes dauerhaft verändert wurden. Nancy Alcorn ist die Gründerin von Mercy Ministries. Sie hat eine Vision und das Ziel, zu sehen, wie junge Frauen, die unter seelischen Verletzungen leiden, zu einem Leben in Würde wiederhergestellt werden. In diesem Buch erzählt Nancy die wahren Geschichten dieser kostbaren jungen Frauen. Geschichten von unverheirateten Müttern, von Mädchen, die in Schwierigkeiten geraten sind, von obdachlosen jungen Frauen und Prostituierten, die alle eine Veränderung ihres Herzens und Heilung von den Qualen ihrer Vergangenheit erfahren haben. Diese Geschichten werden dich motivieren, die Berufung Gottes in deinem Leben zu erfüllen. Du wirst ermutigt werden, anderen zu helfen und dich zu verändern. Und eines ist sicher: Du wirst die inspirierende Geschichte von Nancy und „ihren“ Mädchen nie vergessen! Joyce Meyer Joyce Meyer Ministries St. Louis, Missouri

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EINLEITUNG „Glauben Sie wirklich, dass Sie diese Arbeit machen können? Wie wollen Sie das bewerkstelligen?“ Der Bürgermeister von West Monroe, Louisiana, saß mir gegenüber und wirkte verwirrt. Ich hatte ihm von dem Heim für Mädchen in Not erzählt, das ich in seiner Stadt gründen wollte. „Ich bin sicher, dass Gott mich hierher geschickt hat, um genau das zu tun, und dass Er für uns sorgen wird“, erwiderte ich und hoffte, meine Begeisterung wäre ansteckend. „Und Sie denken, Sie können Ihr Heim ohne jegliche Hilfe der Regierung leiten – ohne Unterstützung seitens des Staates, des Bundes oder zumindest der Gemeinde? Sogar ohne Hilfe von der Stadt?“ Der Bürgermeister war skeptisch. „Wenn wir Mittel des Bundes annehmen, haben wir nicht die Freiheit, unseren Glauben an Christus weiterzugeben und biblische Grundwahrheiten zu lehren. Wenn es uns jedoch nicht gelingt, diesen verirrten jungen Frauen die Wahrheit nahe zu bringen, haben wir keine Chance, eine dauerhafte Veränderung in ihrem Leben zu bewirken. Ich habe acht Jahre für den Staat Tennessee gearbeitet und dabei aus erster Hand erlebt, wie wenig diese Therapien in der Lage waren, dauerhafte Veränderung zu bewirken. Ich weiß, wovon ich spreche.“ Der Bürgermeister schien mein Dilemma zu verstehen. Dennoch fragte er: „Wie viel werden die Mädchen, die in Ihr Heim kommen, bezahlen müssen?“ „Sie werden gar nichts bezahlen müssen,“ antwortete ich. „Gott hat mir gezeigt, dass ich in der bedingungslosen Liebe Christi handeln soll. Ich ermögliche diesen Mädchen, ohne finanzielle Gegenleistung zu uns zu kommen. So werden sie wissen, dass sie uns wirklich am Herzen liegen und wir nicht versuchen, aus ihren Problemen Gewinn herauszuschlagen.“ 13


Gottes Erbarmen versetzt Berge

Der Bürgermeister sah mich eine Zeit lang an. Schließlich sagte er: „Ich denke, Ihr Anliegen ist eine wunderbare Idee, und ich wünsche Ihnen dafür alles Gute, aber …“ Es war offensichtlich, dass er keinen Augenblick daran glaubte, dass der Dienst konkrete Gestalt annehmen könnte. Ich konnte seine Ansicht verstehen. Hätte ich nicht gewusst, warum er so dachte und warum ich glaubte, es würde laufen, wäre ich wohl auch entmutigt gewesen. 1 Ich führte diese Unterhaltung mit dem Bürgermeister von West Monroe in Louisiana im März 1983. Im März 1998 feierte Mercy Ministries Amerika in derselben Stadt seinen fünfzehnten Geburtstag! Der Tag begann mit einem äußerst erfolgreichen Benefizmarsch, angeführt von Danny Wuerffel von den Florida Gators, der 1996 den Heisman-Pokal gewonnen hatte und danach als Quarterback bei den New Orleans Saints (American Football) gespielt hatte. Trotz des regnerischen Wetters nahmen mehrere hundert Menschen daran teil, um ihrer Unterstützung für Mercy Ministries Ausdruck zu verleihen. Viele Mitglieder der örtlichen Medien waren da, um darüber zu berichten. Am Abend gab die beliebte christliche Girlband Point of Grace ein Konzert im übervollen Bürgerzentrum der Stadt. Es herrschte eine begeisternde Atmosphäre, als Point of Grace spielte und Danny Wuerffel sein Zeugnis gab. Alle Mädchen, die zurzeit bei Mercy waren, sowohl die aus dem Heim in West Monroe als auch die aus dem neuesten Heim, das 1996 in Nashville, Tennessee, eröffnet worden war, sangen zusammen mit Point of Grace auf der Bühne das letzte Lied des Abends. Es war ein unglaublicher Moment, zu sehen, wie diese Frauen – lebendige Beispiele für das Wirken der Liebe Gottes – sangen und den priesen, der ihr Leben wiederhergestellt hatte. Ich hatte die Gelegenheit, in der Stadt, in der alles begann, auf der Bühne zu stehen und von jungen Frauen zu erzählen, deren Leben dramatisch verändert worden war. In diesen fünfzehn Jahren

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Auszug aus Echoes of Mercy (Echos des Erbarmens Gottes) von Nancy Alcorn

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Einleitung

waren mehr als 2000 junge Frauen mit seelischen Verletzungen durch die Türen unserer Heime gekommen, um die Hilfe und die Heilung zu erhalten, die sie verzweifelt brauchten. Viele dieser Mädchen und ihre Familien waren an diesem Abend da, um zusammen mit Unterstützern und Freunden des Dienstes die Wunder zu feiern, die Gott durch Mercy Ministries im Leben so vieler Menschen gewirkt hatte. Im Januar 1983 folgte ich der Führung des Herrn und zog nach Monroe, Louisiana. Im Frühling 1982 war ich nach Monroe gefahren, um ein christliches Paar zu besuchen, das ich in Nashville kennen gelernt hatte. Eigentlich wollte ich dort Urlaub machen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Gott einen Plan hatte, der völlig anders aussah als meiner. Während dieser Woche zeigte mir Gott, dass ich nach Monroe ziehen und einen Evangelisationsdienst für Mädchen in Not ins Leben rufen sollte. Als ich wieder zuhause war, betete ich, dass Gott mir dies durch meinen Pastor und andere christliche Leiter nochmals bestätigen möge – was Er auch sofort tat. Kurze Zeit später zog ich um und hatte nicht mehr als einen Scheck über tausend Dollar, der mir am Abend zuvor auf einer Abschiedsparty überreicht worden war, die Dinge, die ich in meinem Wagen unterbringen konnte, und eine Vision, von der ich fest glaubte, dass Gott sie in mein Herz gepflanzt hatte. Nach den acht Jahren, die ich für den Staat Tennessee gearbeitet hatte, wusste ich, dass die säkulare Welt jungen Frauen, die ihr Leben verändern wollen, keine Hoffnung bieten kann. Immer wieder sah ich, wie Mädchen, die ein ganzes Jahr in der Jungendbesserungsanstalt verbracht hatten, anschließend sofort in dieselbe Umgebung zurückkehrten, aus der sie gekommen waren. Während ihres Aufenthalts in der Einrichtung gaben sie nur vor, sich anzupassen, und taten gerade genug, um über die Runden zu kommen, damit sie auf die Straße zurückkehren konnten. Wenn es dann soweit war, wurden sie bereits von ihren früheren Bekannten erwartet. Die Zuhälter warteten auf die Mädchen, die in der Prostitution gewesen waren. Die Drogendealer warteten auf die 15


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Mädchen, die mit Drogen zu tun gehabt hatten. Die Bandenmitglieder warteten auf die Mädchen, die mit Gangs herumgezogen waren. Einige der Mädchen starben an einer Überdosis Drogen. Einige wurden in Straßenkämpfen zwischen Gangs getötet. Ich sah auch, wie viele dieser Mädchen mit achtzehn im Frauengefängnis landeten. Und am schlimmsten war es, dass einige der Mädchen die Einrichtung mit einer solchen Hoffnungslosigkeit verließen, dass sie sich das Leben nahmen. Das brach mir das Herz und ich schrie zu Gott, dass Er mir zeigen möge, was ich tun könnte, um diese immer wiederkehrenden Tragödien zu verhindern. Mir war klar, dass die Regierung keine dauerhafte Veränderung herbeiführen konnte. Da ich seit 1972 Christ war, wusste ich, dass dies nur auf Gottes Art und Weise zu erreichen war. Nur Jesus konnte Wiederherstellung in das Leben dieser Mädchen bringen, die so schrecklich verletzt waren und nach etwas suchten, mit dem sie die Leere in ihrem Herzen füllen konnten. Gott hat nicht die Regierung gesalbt, die Gefangenen freizusetzen. Er hat uns gesalbt, die, die an sein Wort glauben und sich auf seinen Namen berufen. Da ich fünf Jahre in der Besserungsanstalt und drei weitere als Untersuchungsbeamtin für Kindesmissbrauch gearbeitet hatte, wusste ich, dass es an der Zeit war, den Traum zu ergreifen, den Gott in mein Herz gelegt hatte. Ich arbeitete damals ehrenamtlich im Rahmen eines Programms für Suchtkranke bei Teen Challenge. Schließlich wurde mir die Position als Leiterin der Frauen in ihrem neu gegründeten Wohnheim angeboten. Zu dieser Zeit lernte ich von Grund auf, wie man eine christliche Einrichtung für junge Frauen in Not leitet. Nach zwei Jahren glaubte ich, dass Gott mich für den nächsten Schritt vorbereitet hatte. Ich wusste, dass es zu seinem Plan gehörte, das Programm auf unverheiratete Mütter auszudehnen. Das war nicht Teil der Vision von Teen Challenge und ich spürte, dass es an der Zeit war, einen neuen evangelistischen Dienst zu gründen. Ohne einen Job oder auch nur eine klare Richtungsweisung für den nächsten Schritt zu haben, packte ich meine Sachen und fuhr nach Monroe. Ich wusste 16


Einleitung

nur, dass Gott in mein Herz gesprochen hatte. Gehorsam ging ich im Glauben voran und gehorchte seiner Berufung für mein Leben. Es standen mir gewaltige Berge im Weg. Niemand in der Stadt schien zu glauben, dass die Vision umgesetzt werden könnte. Einige der Bewohner sträubten sich gegen den Gedanken, Mädchen, die Mitglieder von Banden gewesen waren, in die Prostitution geraten waren oder drogen- oder alkoholsüchtig waren, in ihre Stadt zu bringen. Sie hielten es für schlicht unmöglich, die Vision so umzusetzen, wie ich es vorhatte. Ich wusste jedoch ohne den geringsten Zweifel, dass Gott mir drei klare Anweisungen gegeben hatte. Erstens sollte ich keine Förderung seitens der Regierung annehmen. Zweitens sollte ich ohne finanzielle Gegenleistung Mädchen aus dem ganzen Land aufnehmen. Drittens sollte ich von dem Geld, das Mercy Ministries bekam, jeweils mindestens zehn Prozent an andere christliche Organisationen und Dienste spenden. Verschiedene Menschen sagten mir, ich hätte ein gutes Herz und gute Ideen, doch ich würde es nicht schaffen, das Heim konkrete Gestalt annehmen zu lassen, ohne Gelder von der Regierung anzunehmen. Mein erstes Buch, Echoes of Mercy, berichtet detailliert darüber, wie Mercy Ministries Amerika ins Leben gerufen wurde. Weil ich mich treu an die Grundsätze gehalten hatte, die Gott mir von Anfang an gegeben hatte, sorgte Er treu für alles, was für den Dienst benötigt wurde. Es wurde ein Haus gekauft, das eine große Familie beherbergen konnte, es wurde renoviert und möbliert und schon bald kamen die ersten Mädchen, um die Hilfe zu erhalten, die sie brauchten. In einer Atmosphäre, in der sie geliebt und nicht verurteilt wurden, in der sie Freiheit statt Gebundenheit erlebten, wurde ihr Leben wirklich verändert. Es änderte sich nicht bloß ihr Verhalten und sie spielten auch nicht einfach den verantwortlichen Personen etwas vor, nur um aus dem Programm entlassen zu werden. Es fand eine wirkliche und dauerhafte Veränderung statt. Eine Umgestaltung des Herzens, von Gott begonnen und ermöglicht durch die Entscheidung der jungen Frauen, endlich einen Wandel zu erleben. 17


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Ein Teil der Vision, die der Herr mir am Anfang gegeben hatte, war eine Einrichtung, die unverheirateten Müttern die Möglichkeit bieten würde, ihr Kind auszutragen. Mit dem Heim voller hilfsbedürftiger Mädchen und weiteren, die auf der Warteliste standen, gab es jedoch keinen Platz für schwangere junge Frauen. Ich betete und erwartete von Gott ein zweites Heim, das unverheirateten Müttern helfen würde. Es sollte direkt neben dem bestehenden Gebäude in West Monroe gebaut werden. Währenddessen fuhr ich fort, mich in Gemeinden und auf Veranstaltungen gegen Abtreibung auszusprechen. Eines Morgens forderte Gott mich jedoch klar auf, damit aufzuhören, solange ich den jungen Frauen, die ungewollt schwanger geworden waren, keine praktische Alternative bieten konnte. Von diesem Tag an nahm Mercy Ministries auch schwangere Mädchen auf und wir vertrauten auf Gott, dass Er das neue Gebäude errichten würde – und das schnell. In den Jahren, die Mercy Ministries jetzt existiert, erlebten wir Gottes Versorgung auf teils unglaubliche Weise, manchmal in letzter Sekunde, doch nie zu spät. Da wir keine Gelder von der Regierung annehmen, ist der Dienst abhängig von den Spenden von Firmen, Bürgergruppen, Gemeinden und Einzelpersonen, um seine Türen offenhalten zu können und für junge Frauen in Not, die kommen und Hilfe suchen, kostenlose Plätze zur Verfügung stellen zu können. Normalerweise versorgt uns Gott durch die Treue vieler Menschen, die geben, was sie können, um die Arbeit des Dienstes zu unterstützen, seien es ein paar Dollar oder ein paar tausend. Manchmal gebraucht Er auch einen bestimmten Menschen dazu, einen besonderen Beitrag zu leisten, der einem Bedürfnis völlig unerwartet entspricht. Das war beispielsweise bei dem Bau unseres zweiten Heims in West Monroe der Fall. Ich leitete das Haus und war damit beschäftigt, die nötigen Mittel für das zweite Gebäude zu beschaffen, als ich eingeladen wurde, auf einer evangelistischen Konferenz in Las Vegas zu sprechen. Nach acht langen Tagen ging ich an Bord des Flugzeugs, um wieder nach Hause zu fliegen. Der Mann, der als Letzter einstieg, setzte sich auf 18


Einleitung

den Platz neben mir. Er sprach mich sofort an und fragte, wie viel Geld ich diese Woche beim Glücksspiel in Las Vegas verloren hätte. Obwohl ich erschöpft war und gehofft hatte, auf dem Heimweg mit niemandem reden zu müssen, nahm ich die offensichtlich von Gott herbeigeführte Situation an. Ich sagte ihm, dass ich nicht gespielt hatte und warum. Den Rest des Fluges erzählte ich meinem begeisterten Zuhörer die Geschichte des Dienstes, den Gott aufgebaut hatte. Als sich unsere Wege an diesem Tag trennten, bat er mich um Informationsmaterial über Mercy Ministries und ich gab ihm eine Broschüre. Ich dachte nicht mehr an die Unterhaltung, bis ich vier Wochen später einen Anruf von diesem Mann bekam. Er erzählte mir seine Geschichte. Er war der Sohn eines Mädchens, das als Teenager brutal vergewaltigt worden war. Als er fünf Tage alt war, wurde er zur Adoption freigegeben. Er war sich sicher, dass er abgetrieben worden wäre, wenn seine Mutter keinen Ort gehabt hätte, an den sie gehen konnte – einen Ort wie Mercy Ministries. Die Adoptivmutter dieses Mannes, die er innig geliebt hatte, war kürzlich verstorben und hatte ihm einige Millionen Dollar hinterlassen. Während ich entsetzt zuhörte, erzählte er mir, dass er etwas gesucht habe, das er zu Ehren seiner Adoptivmutter tun könne; und er habe gespürt, dass Gott ihn anleite, mir dabei zu helfen, das zu bauen, was immer ich zu bauen versuchte. Er fragte, wie viel es kosten würde, das Heim für unverheiratete Mütter fertig zu stellen. Als ich ihm sagte, dass wir noch 150.000 Dollar bräuchten, erwiderte er schlicht: „Sie haben sie.“ Als die Häuser in Louisiana errichtet wurden, wurden viele Berge bewegt. Berge des Zweifels, des Unglaubens und der negativen öffentlichen Meinung schmolzen hinweg angesichts der Wunder, die Gott tat, um zu beweisen, dass dies sein Dienst und sein Plan waren. Berge finanzieller Not verschwanden immer wieder, als Gott sich als Jahwe Jireh, unser Versorger, zeigte. Berge von Schmerz und Tragödien fielen in sich zusammen, als Jesus in die Herzen williger junger Frauen kam und sie von jeglichen Verletzungen aus der Vergangenheit heilte.

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Als sich die beiden Heime in West Monroe fest etabliert hatten und mit einem äußerst kompetenten Mitarbeiterteam, für das Gott gesorgt hatte, ausgestattet waren, wusste ich, dass es an der Zeit war, wiederum im Glauben voranzuschreiten und den Dienst zu erweitern. 1990, nach viel Gebet über den Standort für das nächste Heim von Mercy Ministries, kehrte ich in meinen Heimatstaat zurück und gründete in Nashville, Tennessee, ein Büro. Es hatte bereits viele Bestätigungen dafür gegeben, dass dies Gottes Führung war. Die nächsten fünf Jahre war mein Zeitplan sehr aufreibend. Ich reiste viel und berichtete von der Vision, in Nashville eine große, schuldenfreie Einrichtung für unverheiratete Mütter und hilfsbedürftige Mädchen zu bauen. Als ich von den Frauen erzählte, deren Leben Gott bereits verändert hatte, wurden die Herzen der Menschen dazu bewegt, zu spenden. Während dieser Zeit fuhr ich jedoch auch regelmäßig nach West Monroe, um Zeit mit den Mitarbeitern und den Mädchen in den Heimen zu verbringen und an ihrem Heilungsprozess persönlich beteiligt zu bleiben. Als die zwei Millionen Dollar teure Einrichtung in Nashville – absolut schuldenfrei! – fertiggestellt wurde, wurde der Traum endlich Wirklichkeit. Im November 1995 fand eine große Eröffnungsfeier in dem neuen Heim statt. Ich bat die First Lady von Tennessee, Martha Sundquist, mit mir und Naomi Judd, einer Countrysängerin, die uns bereits seit Jahren unterstützte, das Band durchzuschneiden. Pastor Sam Carr von der Word of Life Church in Shreveport, Louisiana, der Vizepräsident des nationalen Vorstands von Mercy Ministries, und Pastor L.H. Hardwick von der Christ Church in Nashville nahmen an der Einweihung des neuen Heims teil. Die beliebte Girlband Point of Grace, die schon zu Beginn ihrer musikalischen Laufbahn Partner von Mercy Ministries geworden war, sang ihr Lied The House That Mercy Built (Das Haus, das durch Erbarmen gebaut wurde), das speziell für den Dienst aufgenommen worden war. Die Mädchen und Mitarbeiter, die zu dieser Zeit in dem Heim in Louisiana waren, reisten ebenfalls zu dem großen Tag an und feierten die Erweiterung der Vision mit. 20


Einleitung

An einem schneereichen Tag im Februar 1996 betrat das erste Mädchen das Heim in Nashville und es begann ein neues Kapitel in der Geschichte von Mercy Ministries. Seit dieser Zeit sind Hunderte von Mädchen in diese Einrichtung gekommen, um dieselbe Hilfe zu erhalten, die Mercy seit seinen Anfängen anbietet. 2001 wurde das erste australische Heim in Sydney eröffnet und am 15. Januar 2003 kamen die ersten Mädchen in das zweite Heim in Queensland. Demnächst wird ein Heim in St. Louis, Missouri, eröffnet und auch in anderen Ländern und Städten wie Großbritannien, Neuseeland, Seattle/Washington, Houston/Texas und Los Angeles/Kalifornien wurden bereits die Grundsteine gelegt. Von 1983 bis heute hat sich die Grundlage des Programms nicht geändert. Es ist immer noch kostenlos und legt die Betonung auf die Kraft von Jesus Christus, die Ketten jeglicher Sucht, jeder Sünde und jedes Traumas zu brechen, die so schwere Auswirkungen auf das Leben junger Frauen haben. Jeden Tag bekommen wir Anrufe von hilfesuchenden Mädchen aus dem ganzen Land – und mittlerweile aus der ganzen Welt. Kürzlich erhielten wir sogar Anfragen von Frauen aus Großbritannien und Kenia. Auch mit dem Platz für zwanzig Mädchen in Louisiana, einem Haus mit vierzig Betten in Nashville und zwei Heimen in Australien gibt es eine lange Warteliste von verzweifelten jungen Frauen, die diese bedingungslose Liebe, von der sie gehört haben, erfahren wollen. Es gibt noch sehr viel zu tun. Es müssen immer noch viele Berge versetzt werden. In den Kapiteln dieses Buchs wirst du die inspirierenden Geschichten von einigen der jungen Frauen finden. Einige von ihnen waren nach Jahren des Missbrauchs völlig verängstigt. Andere hatten einen Weg der Rebellion beschritten, der sie in eine Dunkelheit führte, aus der sie allein nicht mehr herausfanden. Manche von ihnen hatten ein gutes Leben geführt, bis sie einen Fehler machten, der verheerende Folgen hatte. Sie alle waren auf der Suche nach Gott, wollten seine Hilfe erfahren und entschieden sich, zu Mercy Ministries zu kommen, um die Heilung zu finden, die sie brauchten und wünschten. Sie alle 21


Gottes Erbarmen versetzt Berge

stellten fest, wie ihr Leben durch die Kraft Gottes verändert wurde. Sie alle gelangten zu der Erkenntnis, dass Barmherzigkeit Berge versetzt. Welchen Bergen stehst du in deinem Leben gegenüber? Wirst du von schmerzvollen Erinnerungen aus der Vergangenheit überwältigt? Wirst du von etwas in Fesseln gehalten und hast Angst, dass du dem nie wirst entkommen können? Bist du unfähig, über die Hindernisse hinauszusehen, die auf deinem Weg in die Freiheit stehen? Lass dich von den Geschichten dieser jungen Frauen, meinen Heldinnen, ermutigen und sieh, wie diese Berge in der Gegenwart Gottes hinwegschmelzen können wie Wachs. Er wird dir dieselbe Barmherzigkeit erweisen, die Er ihnen hat zuteil werden lassen. Bist du angetrieben von einem Herzen voller Erbarmen für diejenigen, die spüren, dass sie nicht länger die Kraft haben, die Hindernisse zu überwinden, die ihnen im Weg stehen? Hat Gott dich dazu berufen, Menschen, die in der Dunkelheit sterben, sein Licht zu bringen? Lass die Geschichten dieser jungen Frauen, dieser Siegerinnen, dich ermutigen, deine Hand auszustrecken und einen Unterschied im Leben eines anderen zu machen. An ihren Geschichten kannst du sehen, wie Barmherzigkeit über Gericht triumphiert. Lass dir zeigen, wie Gottes Erbarmen Berge versetzt.

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1 MARSHA Marsha lag in ihrem Krankenhausbett und hörte das Jammern ihres neugeborenen Kindes. Sie wollte es eigentlich nicht sehen, denn sie würde es zur Adoption freigeben, doch sie wollte wissen, ob mit ihm alles in Ordnung war. Die Schwestern hatten Marsha auf das vorbereitet, was zu erwarten war. Da sie schwer kokainabhängig war und auch die ganze Schwangerschaft hindurch Drogen genommen hatte, würde das Baby stark untergewichtig sein. Seine Arme und Beine würden zucken und es müsste in den ersten Stunden seines Lebens unter Entzugserscheinungen leiden. Marsha hatte geweint, weil sie wusste, dass ihre Handlungsweise diesem unschuldigen Kind geschadet hatte. Plötzlich hörte sie eine Schwester sagen, das Baby wiege über sechs Pfund. Marsha war außer sich vor Freude! Dann erfuhr sie, dass es keine spastischen Zuckungen oder Entzugserscheinungen hatte. Das einzig Außergewöhnliche war, dass das Baby nicht aufhörte, zu schreien. „Bringen Sie sie zu mir“, sagte Marsha und setzte sich auf. „Sind Sie sicher?“, fragte die Schwester. „Ich dachte, Sie wollten sie nicht sehen.“ „Bringen Sie sie zu mir“, wiederholte sie fest. Sie brachten das Baby und legten es in Marshas Arme. Fast sofort beruhigte es sich und hörte auf, zu schreien. Marsha sah auf ihr neugeborenes Mädchen nieder, verwundert über seine vollkommenen Gesichtszüge. Sie konnte nicht abstreiten, dass ein Wunder geschehen war. Gottes Hand musste auf diesem Kind gelegen haben, denn es gab keine Erklärung dafür, dass es überlebt hatte, geschweige denn für die Tatsache, dass es schön und gesund war. 23


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Zum ersten Mal hörte Marsha die Stimme Gottes in ihr Herz sprechen. „Marsha, dieses Baby ist nicht deines“, hörte sie Gott sagen. „Es hat seinen Grund, warum Ich dieses Baby beschützt habe. Es ist für eine andere Familie bestimmt. Du wirst nach Hause gehen und dich um das Baby kümmern, das Ich dir beim ersten Mal gab.“ Sprüche 22, 6 weist Eltern an, ihre Kinder zu lehren, den richtigen Weg zu wählen, und sagt weiter, dass sie, wenn sie älter sind, auf diesem Weg bleiben werden. Als Christen glauben wir, dass sich die Verheißungen Gottes bewahrheiten werden, weil wir wissen, dass Er treu ist. Manchmal jedoch kann es den Anschein haben, als läge die Erfüllung seiner Verheißungen weit in der Zukunft. Marsha wurde von ihrer Jugendzeit an gewissenhaft gelehrt, welchen Weg sie gehen sollte. Sie wuchs in einer starken christlichen Familie auf. Ihre Familie besuchte die Christ Church in Nashville, meine Heimatgemeinde, und die der Mädchen des Heims in Nashville. Pastor Hardwick, ein Mann, den ich als einen „Vater im Glauben“ sehr respektiere, weihte Marsha als kleines Kind dem Herrn. Als sie älter wurde, schlug Marsha jedoch Wege ein, die sie immer weiter von Gott und seinem Plan für ihr Leben wegführten. In der High School schwänzte sie den Unterricht, um mit ihren Freunden zu trinken und Zigaretten zu rauchen. Sie probierte auch Marihuana und mochte es. Als sie siebzehn Jahre alt war, lernte sie William kennen. Innerhalb eines Jahres zogen sie zusammen. Fünf Jahre später heirateten sie. William war Musiker und spielte nachts meist in Bars und Klubs. Dieser Lebensstil ermöglichte sowohl ihm als auch Marsha leichten Zugang zu Drogen und Alkohol. Den Großteil ihrer Zeit verbrachten sie damit, Partys zu feiern und zu trinken. Eines Tages kam eine Freundin zu Marsha und brachte eine neue Erfahrung mit: Kokain. Marsha wurde fast sofort abhängig. Sie liebte es, wenn sie high war, nicht das Bedürfnis zu verspüren, schlafen oder essen zu müssen. Kokain ermöglichte es ihr, die 24


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ganze Nacht in Bars zu verbringen und dennoch am nächsten Tag zur Arbeit zu gehen. Die Droge begann, ihr Leben zu bestimmen. William genoss das Kokain ebenso sehr wie Marsha. Schließlich trafen sie einige Freunde, die Freebasing [Beim Freebasing wird Kokain mittels einer chemischen Reagenz in eine rauchbare freie Base umgewandelt und inhaliert bzw. in einer Wasserpfeife geraucht.] betrieben, und auch das mochten sie. Jeden Tag wurden sie abhängiger und wurden gefangen, doch sie hatten zu viel Spaß, als dass sie es bemerkt hätten. So lebten sie zehn Jahre. Während dieser Zeit in Marshas Leben hatten sie und ihre Mutter ein enges Verhältnis bewahrt. Ihre Mutter betete anhaltend für sie und erinnerte sie daran, dass Gott sie liebte, immer für sie da war und mit offenen Armen auf sie wartete. Tragischerweise wurde Marshas Mutter krank und starb, als Marsha 26 Jahre alt war. Sie war zutiefst getroffen. Um dem Schmerz zu entfliehen, versank sie noch tiefer in der Welt des Kokains. Als sie 28 Jahre alt war, wurde Marsha schwanger. Sie wusste, dass sie während ihrer Schwangerschaft aufhören musste, Drogen zu nehmen. Zum größten Teil hielt sie das auch durch, obwohl sie manchmal Kokain an ihr Zahnfleisch rieb, um die Benommenheit wieder einmal zu spüren. Sie trank auch die ganze Schwangerschaft hindurch. Marsha brachte ein gesundes Mädchen zur Welt und nannte es Sarah. Kaum war Sarah geboren, kamen Freunde vorbei, um mit Marsha zu „feiern“. Als Geschenk brachten sie ihr Kokain. Sie war sofort wieder drogenabhängig. Während William arbeitete und Sarah nebenan schlief, waren den ganzen Tag Leute bei Marsha im Haus und nahmen Drogen. Nachts besorgte sie einen Babysitter für Sarah und ging in Klubs, um abzufeiern. Die Abhängigkeit wurde stärker. Immer öfter verschwand Marsha für zwei oder drei Tage. Wenn sie mit William in einen Klub ging, wo er spielte, ging sie angeblich für „ein paar Minuten“ nach draußen und verschwand am Ende mit Freunden. Sobald sie jedoch ausgenüchtert war und erkannte, was sie getan hatte, kehrte sie zu ihrem Mann und ihrer Tochter nach Hause zurück. Jedes Mal 25


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weinte sie dann, bat William, ihr zu vergeben, und sagte ihm, dass sie aufhören wolle und nicht wisse, was mit ihr geschehe. Da er Marsha liebte, nahm er sie immer wieder auf. William und Marsha hatten einen Bekannten, Tony, der oft mit ihnen Partys feierte. Er hatte von einem Freund ein beachtliches Vermögen geerbt und gab das meiste davon für Drogen aus. Zu dieser Zeit hatte Marsha bereits alles in ihrem Haus zu Geld gemacht, um Drogen zu kaufen, und sogar das Haus selbst war der Zwangsvollstreckung zum Opfer gefallen. Da Tony ihre Gewohnheit, die sie täglich um die 1.500 Dollar kostete, besser unterstützen konnte, entschloss sie sich, William und Sarah zu verlassen und zu Tony zu ziehen. Niedergeschlagen, weil Marsha ihn und ihre Tochter zurückgewiesen hatte, tat William alles, was in seiner Macht stand, um Marsha zurückzugewinnen. Er ging sogar zu Tony nach Hause und nahm mit ihnen Drogen, während er versuchte, seine Frau davon zu überzeugen, dass sie nach Hause kommen solle. Von Zeit zu Zeit, wenn sie mit Tony stritt oder wenn sie lange genug clean war und erkannte, was sie getan hatte, kehrte sie nach Hause zurück. Doch nach zwei oder drei Tagen ging sie erneut weg. Schließlich wurde Marsha klar, dass sie Hilfe brauchte. Sie konnte mit der schmerzvollen Realität ihres Lebens nicht umgehen und benutzte die Drogen, sie zuzudecken, doch gab es nicht genug Kokain auf der Welt, den Schmerz dauerhaft zu bewältigen. In den zehneinhalb Monaten, die sie mittlerweile mit Tony zusammen war, hatten sie gemeinsam eine Million Dollar für Drogen ausgegeben und ihr Leben war noch elender. Schließlich verließ sie ihn und kehrte zu ihrem Ehemann zurück. Zu dieser Zeit hatte William aufgehört, Drogen zu nehmen, damit er sich um Sarah kümmern konnte. Er ermutigte Marsha, Hilfe zu suchen. Marsha wandte sich an Faye, ihre Cousine, die ihr half, in einem Drogenrehabilitationsprogramm unterzukommen. Manchmal passte Faye für William auf Sarah auf und brachte das Baby mit zu Marsha, damit sie es sehen konnte. William unterstützte sie auf der ganzen Linie. Marsha gelobte, dass sie sich wirklich ändern wolle, und sie waren überzeugt, dass sie ihr Bestes gab. 26


Marsha

Tony rief Marsha jedoch ständig an und versuchte, sie zu locken. Während sie am Telefon miteinander sprachen, rauchte er FreebaseKokain, so, dass sie es hören konnte. Er sagte ihr, dass er sie liebe und wolle, dass sie zu ihm zurückkomme. Dann erzählte er ihr von all dem Kokain, das auf sie warte. Da er sie nicht dazu überreden konnte, die Einrichtung zu verlassen, bat Tony sie, mal nach draußen zu gehen, damit er vorbeifahren und sie sehen könne. Marsha erklärte sich dazu bereit und setzte sich draußen an einen Gartentisch. Wie versprochen fuhr Tony vor. Doch als er das tat, warf er ihr über den Zaun Kokain zu. Marsha konnte nicht widerstehen, hob es auf und schmuggelte es in das Rehazentrum. Aus einer Wasserflasche bastelte sie eine einfache Pfeife und versteckte sich unter dem Spülbecken, um dort zu rauchen. Die unsichtbare Wand ihrer Abhängigkeit hatte sie wieder einmal davon abgehalten, ihrer Falle zu entkommen. Drei Wochen nach ihrem Eintritt in das Rehabilitationsprogramm lief Marsha mit Tony weg. Vier Tage später hatte sie genug und rief wieder bei Faye an. Sie baten ihren Betreuer, sie wieder in die Therapie aufzunehmen. Einen Monat später rief sie ihren Mann an und sagte, sie wolle nach Hause kommen. Sie gelobte, dass sie clean war und es auch bleiben würde. Er könne ein Auge auf sie haben und sie würde an Treffen ehemaliger Suchtkranker teilnehmen. Da William ihr glauben wollte, kam er und holte sie ab. Nachdem sie ihr Haus verloren hatten, hatte William einen Wohnwagen gekauft, und Marsha tat ihr Bestes. Sie kochte, sorgte für Ordnung und kümmerte sich um Sarah. Sie besuchte auch gewissenhaft die Treffen der Anonymen Alkoholiker und der Anonymen Drogenabhängigen. Eines Abends, nach einem AD-Treffen, hielten die Freunde, mit denen Marsha dort hingefahren war, auf dem Nachhauseweg an einer Bar an – nicht um zu trinken, sondern um Billard zu spielen. Einige von Marshas alten Freunden waren ebenfalls dort und ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen, was sie tat, ging sie mit ihnen weg.

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Einige Tage später kehrte sie zurück, doch der alte Kreislauf war wieder geschlossen. Während William in der Arbeit war, kam Tony in den Wohnwagen und nahm mit Marsha Drogen. Zur selben Zeit hatte Marsha den Verdacht, dass sie möglicherweise wieder schwanger war, doch sie schraubte ihren Drogenmissbrauch nicht lange genug herunter, um es mit Sicherheit herauszufinden. Im dritten Schwangerschaftsmonat war es nicht mehr zu leugnen. Sarah war zu dieser Zeit drei Jahre alt. Marsha konnte es nicht mehr verkraften, anzusehen, was aus ihrem Leben geworden war. Sie sah nur noch eine Möglichkeit: fortzulaufen. Eines Nachmittags trat sie an eine Frau heran, die in einem gegenüberliegenden Wohnwagen wohnte. Obwohl sie nie zuvor mit dieser Frau gesprochen hatte, bat Marsha sie, auf Sarah aufzupassen, bis ihr Vater nach Hause käme, und rannte fort. Sie ging zur Fernstraße und wurde von ihrer Familie nicht mehr gesehen, bis das Baby geboren war. Die nächsten sechs Monate lebte Marsha auf der Straße. Sie ging in Crack-Häusern ein und aus, schlief sechs oder sieben Tage am Stück nicht und aß ebenso lange nichts. Ihre Abhängigkeit beherrschte sie und sie tat alles, was sie tun musste, um an Drogen zu kommen, sogar einige Dinge, für die sie sich heute noch schämt. Zweimal wurde sie deshalb sogar festgenommen. Marsha war etwa im sechsten Schwangerschaftsmonat, als sie gerade in ein Motel gehen wollte und plötzlich auf der linken Seite ihres Körpers gelähmt war. Mit starken Schmerzen fiel sie auf den Gehsteig. Jemand brachte sie ins Krankenhaus, wo sie sofort stationär aufgenommen wurde. Sie hatte einen leichten Herzanfall erlitten. Ihre Cousine Faye besuchte sie zusammen mit einer meiner Mitarbeiterinnen, Joan, im Krankenhaus. Sie erzählten ihr von Mercy Ministries. Es war das erste Mal, dass Marsha davon hörte. Sie war wie elektrisiert, als sie herausfand, dass sie durch uns ihr Baby zur Adoption freigeben konnte, weil sie sich bereits selbst zu diesem Schritt entschlossen hatte. Zu dieser Zeit waren nur die Heime in Louisiana im Einsatz. Faye und Joan sagten Marsha, dass sie dort in einer christlichen 28


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Umgebung Hilfe dabei erhalten würde, ihre Abhängigkeit zu überwinden, und ihr Leben wieder in den Griff bekommen könne. Marsha füllte zwar einen Aufnahmeantrag aus, doch sie wusste, dass sie eigentlich nicht bereit war, zu Mercy Ministries zu gehen. Das körperliche Verlangen nach Drogen war so stark, dass sie nach ein paar Tagen im Krankenhaus glaubte, der Entzug würde sie umbringen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder einen Drogenrausch erleben zu können. Marsha verließ das Krankenhaus und kehrte auf die Straße zurück. Sie zog herum bis zu dem Moment, in dem ihre Wehen einsetzten, und selbst dann wartete sie bis zur letzten Minute, bevor sie eine Freundin überredete, sie ins Krankenhaus zu fahren. Es war keine Zeit mehr für eine Epiduralanästhesie. Obwohl sie Angst hatte, dass man sie einsperren würde, weil sie ihr Kind in Gefahr gebracht hatte, sagte sie der Schwester, dass sie kokainabhängig war. Ihre Tochter, Kara, wurde wie durch ein Wunder gesund geboren. Marsha sagte im Krankenhaus, dass sie sie zur Adoption durch den Staat freigeben wolle, obwohl sie zuvor zu uns gesagt hatte, sie wolle sie durch Mercy Ministries vermitteln lassen. Sie wusste jedoch, dass sie dazu ihre Familie würde anrufen müssen, und sie konnte den Gedanken, sie erneut zu verletzen, nicht ertragen. Irgendwie erfuhr Marshas Schwester, dass sie im Krankenhaus war, und rief sie an. Überglücklich, von ihr zu hören, erzählte Marsha ihr, dass sie gerade einem gesunden kleinen Mädchen das Leben geschenkt hatte. Ihre Schwester sagte, sie solle dort bleiben, denn sie sei mit Faye, Joan und unserem Rechtsanwalt bereits auf dem Weg zu ihr. Das Baby wurde durch Mercy Ministries in Pflege gegeben, während wir darauf warteten, dass die Papiere für die Adoption genehmigt würden. Marsha musste das Baby selbst aus dem Krankenhaus tragen, bevor sie es in unsere Obhut geben konnte. Sie küsste Kara auf die Stirn und sagte ihr, dass sie sie liebe und dass es ihr Leid tue, dass sie sie nicht behalten könne. Sie wusste, sie tat das Richtige. Dann sagte sie Faye und Joan, es täte ihr Leid, drehte sich um und ging.

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Einige Tage später saß Marsha gerade in einem Motelzimmer und nahm Drogen, als jemand hereinkam und sagte, es seien Leute da draußen, die sie suchten und die sagten, sie hätten ihr Baby. Als sie diese Worte hörte, wurde Marsha sofort stocknüchtern. Sie hatte seit Tagen nicht gebadet und war sehr verlegen, doch sie ging hinaus. Draußen standen ein Polizist, ein Kriminalbeamter, Faye und Joan sowie die Pflegemutter, die sich um das Baby kümmerte und es jetzt auf dem Arm hielt. Stundenlang waren sie die Straßen auf und ab gefahren auf der Suche nach ihr, hatten an Türen geklopft und sich in eine Gegend gewagt, die sonst selbst von der Polizei gemieden wurde. Marsha begann zu weinen, als sie ihre Tochter sah, doch sie konnte sie nicht auf den Arm nehmen, weil sie so schmutzig war. Faye sagte ihr, sie müsse mit ihnen kommen, um die Papiere zu unterzeichnen, damit das Baby den Adoptiveltern übergeben werden könne. Marsha willigte ein und die anderen sorgten dafür, dass sie sich für ihren Gerichtstermin am Nachmittag waschen konnte. Nachdem sie geduscht hatte, konnte sie endlich ihr Baby halten und füttern. Dann stellten wir fest, dass die Richterin, zu der Marsha kommen musste, an diesem Tag nicht in ihrem Büro war. Wir mussten bis zum nächsten Tag warten, um die Papiere unterzeichnen zu lassen. Ich war mir sicher, dass Marsha, wenn wir sie aus den Augen verlieren würden, schneller wieder auf der Straße wäre, als wir uns vorstellen könnten. Da wir das Risiko nicht eingehen wollten, schmiedeten wir einen Plan. Zufällig fand an diesem Abend ein besonderes Bankett für Mercy Ministries statt, das bereits monatelang geplant worden war. Etwa tausend Freunde und Sponsoren würden sich in unserem Heim in Nashville zu einem formellen Abendessen versammeln. Der Zweck dieser Veranstaltung bestand darin, finanzielle Mittel zu beschaffen. Wir wollten den Besuchern anhand der Lebensberichte junger Frauen, die in dem Heim in Louisiana lebten oder gelebt hatten, die Vision für das Heim in Nashville präsentieren. Ich wusste, dass

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Marsha an diesem Abend dort sein musste. Sie musste unbedingt die eindrucksvollen Berichte der Frauen hören, deren Leben ihrem so ähnlich gewesen war und doch völlig verändert worden ist. Telefonisch wies ich Joan an, mit Marsha loszugehen und ihr ein neues Kleid zu kaufen, sie frisieren und ihre Nägel maniküren zu lassen. Ich wollte, dass sie gut aussah und sich wohl fühlte. Sie sollte sich nicht fehl am Platz vorkommen. Wir mieteten ein Zimmer in einem Motel am Ort, wo sie ein paar Stunden schlafen konnte, bevor sie sich fertig machen musste. Wenn man bedachte, was sie alles durchgemacht hatte, sah sie in ihren neuen Kleidern und mit dem professionell frisierten Haar erstaunlich gut aus. Einer der ersten Menschen, die Marsha an diesem Abend traf, war Pastor Hardwick. Sie war verlegen und beschämt, als sie ihn sah, doch er umarmte sie einfach und sagte ihr, wie sehr er sie liebe. Der eindrucksvollste Moment des Abends jedoch war, als ein Mädchen, das Marsha von der Straße kannte und das zurzeit an unserem Programm teilnahm, aufstand, um zu erzählen, wie sie von ihrer lebensbedrohlichen Drogensucht freigesetzt worden war. Diese junge Frau war heroinabhängig gewesen. Sie erzählte, dass die Venen in ihren Armen vom vielen Spritzen kollabiert waren. Als sie versucht hatte, sich einen Schuss in ihr Fußgelenk zu setzen, verfehlte sie die Vene, was eine Infektion zur Folge hatte. So landete sie im Krankenhaus, wo man ihr sagte, dass ihr Fuß möglicherweise amputiert werden müsse. Während sie noch in der Klinik war, sahen mich Freunde ihrer Eltern in einer landesweiten Fernsehshow, in der ich über Lebensberichte von Mädchen sprach, die von Drogenproblemen freigesetzt worden waren. Daraufhin riefen sie sofort die Eltern der jungen Frau an und erzählten ihnen von Mercy Ministries. Es war offensichtlich, dass Gott hier am Werk war, und Er heilte auch den Fuß der jungen Frau auf wundersame Weise. Wenige Tage nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus kam sie in unser Heim in Louisiana. Marsha saß staunend da, während sie einer jungen Frau zuhörte, die mit ihr auf der Straße gelebt hatte. Sie konnte die unglaubliche Wandlung in ihr sehen und merkte, dass auch sie selbst sich nach

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einer solchen Veränderung sehnte. Sie war müde, hatte genug von dem Leben, das sie geführt hatte, und wusste, dass Gott sie nach Hause rief. Zum ersten Mal zog sie die Möglichkeit in Betracht, sich seiner sanften Führung zu überlassen. Am nächsten Morgen ging Marsha zum Gericht, um die Papiere zu unterzeichnen. Während sie dort war, hatte sie die Gelegenheit, die Adoptiveltern ihrer Tochter kennen zu lernen. Das war ein ganz besonderer Moment für Marsha. Sie teilten einige kostbare, tränenreiche Augenblicke miteinander. Das Paar dankte Marsha für das Geschenk des hübschen kleinen Mädchens und Marsha dankte ihnen dafür, dass sie sich um ihr Baby kümmerten und sie in einem christlichen Zuhause aufzogen. Später setzten sich Faye und Joan mit Marsha zu einem Gespräch zusammen. Da ich wusste, dass Marsha zu Mercy kommen und Hilfe erhalten musste, hatte ich Faye und Joan gesagt, sie sollten tun, was immer nötig sei, um Marsha davon zu überzeugen. Marsha führte jeden erdenklichen Grund an, warum sie nicht nach Louisiana gehen könne, doch Faye und Joan konnten jeden einzelnen entkräften. Am Ende war die letzte Ausrede, die Marsha geblieben war, dass sie dort nicht rauchen dürfe und es noch nicht aufgeben könne. Als Joan mich anrief und mir sagte, was zwischen Marsha und ihrer Heilung stand, wies ich sie an, ihr Zigaretten zu bringen und sich auf den Weg zu machen. Zwar durfte Marsha im Inneren des Hauses nicht rauchen, doch die ersten paar Tage ließen wir sie draußen in Begleitung einige Zigaretten rauchen, bis sie bereit war, ganz damit aufzuhören. Ich wusste, Gott würde nach seinem eigenen Zeitplan an ihr arbeiten, und es war es wert, in dieser Situation ein Auge zuzudrücken. Alle Mädchen und Mitarbeiter aus dem Heim in Louisiana waren beim Bankett in Nashville dabei. Es war geplant, dass sie noch an diesem Morgen zurückfahren sollten, doch wir hatten die Abfahrt absichtlich verzögert, in der Hoffnung, Marsha würde mit ihnen gehen. Faye und Joan brachten Marsha zum Bus. Sie weinte, als sie einstieg; sie wollte verzweifelt weglaufen und wieder high sein, doch sie wusste, dass sie das Richtige tat.

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Marsha schlief auf der neunstündigen Fahrt die meiste Zeit und auch den Großteil des nächsten Tages, nachdem sie im Heim angekommen war. Als sie zwei Tage später aufwachte, stellte sie fest, dass sie in Louisiana war. Sie erinnerte sich nicht an die Reise! Es dauerte nicht lange, bis sie sich richtig zuhause fühlte. Sie war endlich an einem Ort, an dem sie wieder das Wort Gottes gelehrt wurde, so, wie es früher in ihrem Elternhaus gewesen war. Etwa einen Monat nach ihrer Ankunft kamen die Weihnachtsferien und Marsha konnte nach Hause fahren und Sarah sehen. Was ihr während des Aufenthalts bei uns am meisten zu schaffen machte, war die Trennung von ihrer Tochter. Zu dieser Zeit lief der Scheidungsprozess und William lebte inzwischen sein eigenes Leben. Er versuchte jedoch nie, zu verhindern, dass Marsha Sarah sah, und zum ersten Mal seit langen Jahren konnte sie eine gute Zeit mit ihr verbringen. Nach den Weihnachtsferien entschloss Marsha sich, zu Mercy zurückzukehren, wozu wir ihr auch dringend geraten hatten. Wir wussten, dass es ihr endlich ernst damit war, Hilfe zu bekommen, doch wir wussten auch, wie groß ihr Wunsch war, zuhause bei ihrer Tochter zu sein. Marshas Entschluss war eine weitere Bestätigung dafür, dass sie auf dem richtigen Weg war. Marsha tat alles, was ihr gesagt wurde, von ihren verschiedenen Aufgaben bis hin zu den Seelsorgegesprächen. Sie verbrachte ihre Zeit mit Lesen und damit, Kassetten anzuhören, die ihr ihre Seelsorgerinnen gegeben hatten. Die Zeit, die dann noch übrig blieb, verwendete sie darauf, mich zu bitten, sie zu entlassen, damit sie zu Sarah nach Hause fahren könne. Nach drei Monaten war Marsha soweit, das Heim zu verlassen. Sie kehrte nach Nashville zurück, um bei ihrer Cousine Faye zu leben und bekam einen Teilzeitjob. Sarah lebte bei ihrem Vater, doch er erlaubte ihr, jedes Wochenende von Freitagabend bis Sonntag nach dem Gottesdienst bei Marsha zu bleiben. Der Schaden, der in dieser Beziehung angerichtet worden war, wurde langsam wieder behoben.

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Marsha kam gut zurecht in ihrem neuen Leben, doch sie war nicht unbedingt vorbereitet auf einige Dinge, die geschahen. Die Bibel warnt uns in 1. Petrus 5, 8: „Seid nüchtern, wacht! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.“ Satan hält immer Ausschau danach, wie er Christen zum Stolpern bringen und sie davon abhalten kann, ihre Verpflichtung, für Christus zu leben, zu erfüllen. In Jakobus 1, 14–15 werden wir daran erinnert, dass ein jeder aber versucht wird: „… wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, bringt sie Sünde hervor; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.“ Wenn wir nicht wachsam sind oder Wege gehen, die Satan die Tür zu unserem Leben öffnen, kann es leicht geschehen, dass wir seinen Angriffen zum Opfer fallen. Das passierte Marsha. Bei einem Mittagessen allein in einem Restaurant bestellte sie ein Glas Wein. Das führte zu einem Verlangen nach einem stärkeren alkoholischen Getränk. Dann beschloss sie, einige alte Freunde zu treffen. Schließlich hatte sie während ihres Aufenthalts im Mercy-Heim für ihre Freunde gebetet, dass sie clean würden, und sie wollte sehen, was jetzt in ihrem Leben geschah. Sie hatten sich jedoch nicht verändert und Marsha ging erneut in die alte Falle. Drei Tage lang war sie verschwunden. Sie saß gerade mit Freunden in ihrem Wagen und nahm Drogen, als sich plötzlich ein Polizeibeamter näherte und die Tür aufriss. Er zog sie aus dem Auto heraus und begann, sie dafür zu schelten, was sie ihrer Familie antat. Faye war ebenfalls bei ihm und Marsha ließ ihre Freunde zurück, um wieder einmal nach Hause zu gehen. Als ich hörte, dass Faye sie gefunden hatte, sagte ich ihr, sie solle Marsha zu mir ins Büro bringen. Marsha hatte nach dem, was sie getan hatte, Angst davor, mich zu sehen, ganz abgesehen von der Tatsache, dass sie von den drei Tagen auf der Straße schmutzig und heruntergekommen war. Als sie hereinkam, sah ich, dass sie das Mercy-Ministries-T-Shirt trug, das wir ihr gegeben hatten. Ich versuchte, sie zu beruhigen, lachte und fragte sie, ob sie draußen gewesen sei, um Zeugnis zu geben. Dann umarmte ich sie und erinnerte sie daran, dass sie nicht an die Orte gehen dürfe, an denen der Teufel leichtes Spiel haben würde, sie wieder zu Fall zu bringen. 34


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Einige der Mitarbeiter und ich wollten uns an diesem Wochenende in die Berge zurückziehen und kurz entschlossen nahmen wir Marsha mit. Erschöpft von ihrer Eskapade, schlief sie die meiste Zeit. Als Gott uns anleitete, für Marsha zu beten, holten wir sie dazu aus ihrem Bett. Während unserer Fürbitte diente ihr der Heilige Geist wunderbar in Bezug auf ihre Mutter und zeigte ihr, wie dieser Verlust Marshas Leben weit mehr beeinflusst hatte, als ihr bewusst gewesen war. Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter vor sieben Jahren verspürte Marsha in diesem Punkt Frieden. Als wir aus unserer Zurückgezogenheit heimkehrten, lag ihr Rückfall hinter uns. Wir taten, als sei er nie geschehen, und Marsha tat ihr Bestes, ihn zu vergessen. Sie war nun wirklich bereit für das Leben, das Gott für sie hatte. Ich bat sie, jeden Tag freiwillig im Büro mitzuarbeiten, damit wir in ihrer Nähe seien und ihr helfen könnten, sich zu festigen. Marsha musste die Furcht, allein draußen in der Welt zu sein, überwinden, und sie musste erkennen, dass Gott Menschen in ihr Leben gebracht hatte, um sie zu unterstützen. Für jede Woche, in der sie arbeitete, zahlte ich 200 Dollar auf ein Konto ein, von dem sie nichts wusste. Als genug angespart war, dass sie sich eine Wohnung nehmen konnte, bereiteten wir sie darauf vor, alleine zu leben. Ich setzte sie auch auf unsere Gehaltsliste und sie begann, in Vollzeit im Büro zu arbeiten. Sie arbeitete eng mit Joan zusammen, derselben Mitarbeiterin, die nur wenige Monate zuvor auf den Straßen nach ihr gesucht hatte. Wenn Marsha heute auf ihr Leben zurückblickt, übernimmt sie die volle Verantwortung für alle Entscheidungen, die sie getroffen hat, statt jemand anders die Schuld dafür zuzuschieben. Sie ist sehr erstaunt darüber, wie Gott ihr Leben wiederhergestellt und ihr alles zurückgegeben hat, was sie verloren hatte. Sie muss den Kopf nicht hängen lassen, sondern kann hoch erhobenen Hauptes leben und sich in ihrer Beziehung zu ihrem himmlischen Vater sicher fühlen. Psalm 103 ist zu ihrer Lieblingsbibelstelle geworden. Er erinnert sie an Gottes Liebe und Vergebung, an seine Gnade und sein Erbarmen sowie seine Verheißung, ihre Jugend zu erneuern wie 35


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die eines Adlers. Marshas Leben wurde aus der Grube erlöst und ihr Verlangen wurde mit Gutem gesättigt. Sie hat jetzt eine wunderbare Beziehung zu ihrer Tochter Sarah. Sie und William haben einander vergeben und sind in der Lage, zusammenzuarbeiten, um Sarah gute Eltern zu sein. Marshas Familie hat ihr vergeben und unterstützt sie in allem, was sie tut. Marsha konnte auch eine starke, offene Beziehung zu der Familie, die ihre Tochter Kara adoptiert hat, aufrechterhalten und besucht sie einmal im Jahr. Marsha ist immer noch eine treue und eifrige Angestellte unseres Dienstes. Sie ist nach wie vor überrascht von der Wendung, die ihr Leben genommen hat, und von dem, was Gott für sie und ihre Familie getan hat. Sein Segen hat sie eingeholt und sie ist entschlossen, jedem zu erzählen, was Er getan hat.

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