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www.artmagazine.cc

#15 EVOLUTION // REVOLUTION

Pa la i s D o r o t he u m, W i en Z e it g enรถs si sch e K u n st , K la s s i s c h e M o d e r n e J u welen, U h r e n Auktionswoche 21 bis 24 November 2017

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I N H A LT 3

D e n „ ei nen“ M a r k t gib t es nic h t meh r Max Mayer, Galerist, Düsseldorf

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D a s is t do ch k ei n G nadenak t Nina Schedlmayer, Kunstkritikerin, Wien

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T ür ki sch e Kü ns t l er g eh en b is z ur G renz e, ü b er s ch r ei t en s ie a b er nic h t Feza Velicangil, Galeristin, Wien / Istanbul

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Es geh t u m di e dir ek te E rfah rung mit dem Ku nstw erk Martin Janda, Galerist, Wien

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Liebe Leserin, lieber Leser!

Popup Space bis zu Austauschausstellungen.

In den letzten Monaten haben uns viele Meldungen Wir haben für dieses Heft von Galerieschließungen erGaleristinnen und Gareicht. Immer mehr Galerien leristen befragt wie sie sehen sich eingezwängt in den neuen Herausfordeein enges Korsett aus teuren rungen begegnen wollen. Messebeteiligungen, schwinMartin Janda sieht in der denden Besucherzahlen in Galerie noch immer das den Ausstellungsräumen geeignetste Modell um selbst und dem Wechsel von Kunst zu vermitteln und Künstlerinnen und Künstnatürlich zu verkaufen, lern zu größeren Galerien, betont aber auch die Benachdem vorher die jahredeutung der Zusammenlange, mühsame Aufbauar- We r n e r R o d l a u e r , He r a u s g e be r arbeit vor Ort. Für Max beit eben jener Künstlerkarrieren von Mayer geht es nicht um eine grundsätzden kleinen Galerien geleistet wurde. liche Neuorientierung, sondern darum, Das Modell der (inhabergeführten) die Menschen wieder zur Kunst hinzuGalerie, die von einem Standort aus führen. Ein langsames Wachstum hat sich agiert, scheint in Zeiten von großen, Feza Velicangil für die Galerie Sanatoriweltumspannenden Galeriekongloum aus Istanbul vorgenommen. Gerade meraten, Social Media und den online hat sie eine zweite Galerie in Wien eröffPlattformen der Auktionshäuser an sei- net. Weitere Locations, vielleicht auch in ne Grenzen gelangt zu sein. London könnten folgen. #GrowOrGo also? Thaddaeus Ropac hat in unserem letzten artmagazine Print bestätigt, dass Wachstum ein bedeutender Faktor für das Überleben einer Galerie ist. Gleichzeitig plädierte er dafür, den Galerieraum nicht nur durch die Kunst, sondern vor allem mit neuen Vermittlungsangeboten wieder zu einem Zentrum der Auseinandersetzung mit und des Erlebens von Kunst werden zu lassen. Gleichzeitig entstehen neue Formen der Kooperation und Kommunikation von Galerien, vom

Schließlich fragen wir in dieser Ausgabe nach der Rolle der Kunstkritik im aktuellen Kunstzirkus. Anlässlich der Verleihung des ersten österreichischen Staatspreises für Kunstkritik, haben wir mit der Preisträgerin, unserer Autorin Nina Schedlmayer über ihr Verständnis von Kunst und Kritik gesprochen. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen. Mehr zu Galerien, über Ausstellungen und den Kunstmarkt finden Sie auf unserer Website unter artmagazine.cc

Allen Jones – Maîtresse 17. Oktober bis 16. November 2017 Eröffnung am Dienstag, den 17. Oktober 2017, 18 Uhr

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Öffnungszeiten: Di.–Fr. 11–18 Uhr Sa. 11–16 Uhr Mo. geschl.

IM P R E S S U M : C HE F R E D A K T I O N, HER AU S G EB ER : Werner Rodlauer REDAKTION S- UN D VERWALTUNG S A DRE S S E : a rt m a g a zi n e Kun st -In fo rm a t i o n sg e se llsc ha ft m .b.H ., B re i t e n furt e r S t ra ße 3 9 4 / 1 0 , 1 2 3 0 Wi en , T: + 4 3 1 2 3 1 4 0 9 3 , E : r ed a k ti on @a r tm a ga z i n e. c c , w w w . a r t m a g azi n e.cc B 2B , G R AF I K : A lexandr a Remm, r emm@ar t magaz ine.cc. DRU C KP RO DU KT IO N: fre e a g e n t d ba , j o ha n n e s la c k n e r, k la g e n furt a m w ö rt he rse e . C O V E R : Ma r t i n K ip p en b erg er, O h n e Tit el, 1996, Öl auf Leinw and, 120 x 120 cm , € 2 5 0 .0 0 0 – 3 5 0 .0 0 0 , A uk t i o n Z e i t g e n ö ssi sc he Kun st , No v e m be r 2 0 1 7 (B e za hlt e A n z ei ge)


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Den „ e in en “ M a r k t g ib t e s n i c h t m eh r Bereits 2008, damals noch Student, gründete Max Mayer seinen Projektraum „Mayerei“ in Karlsruhe. Seine Galerie in Düsseldorf eröffnete er im Jahr 2011 im Viertel rund um den Hauptbahnhof. Als junger Galerist setzt er trotz der neuen Medien darauf, authentische und lokale Bedeutungsräume für die Kunst zu schaffen. IN TE R V IEW : S T E F A N KO B E L

Angela Bulloch, Night Sky: Aquarius Pegasus. 12, 2012, Courtesy die Künstlerin, Esther Schipper, Berlin und Simon Lee Gallery London/Hong Kong

artmagazine.cc: Max Mayer, Ihr Vater Hans Mayer war als junger Galerist Mitbegründer der Art Cologne. Damals wurde über den wirtschaftlichen Aspekt der Kunstvermittlung die Nase gerümpft, andererseits waren die Galeriegründungen zum Teil durchaus politische Akte. Wie hat sich die Situation in Ihrer Wahrnehmung geändert? damit umgehen, dass permanent mehrere Öffentlichkeiten gleichzeitig existieren. Max Mayer: In vielerlei Hinsicht habe ich Für eine kulturelle Praxis wie die das Gefühl, dass wir heute bewusster und der zeitgenössischen Kunst ist dies ein genauer mit der möglichen Kommerzialität Phänomen, das sie im Kern verändern wird. von Kunst umgehen können. Das Verhältnis beider steht ja in der Tradition von Köln in den 80er und 90er Jahren, Berlin Forderungen Kunst=Leben; nur ist, so wie in den 80er und Nuller Jahren waren es im Moment noch scheint, das „Leben“ gekennzeichnet von der Konkurrenz nicht getrennt von Wirtschaften zu denken. einiger dominanter Galerien. Aktuell zeichnet sich ein Generationswechsel ab. Messen dominieren seit über einem Geht damit auch ein anderer Umgang der Jahrzehnt die (mediale) Wahrnehmung Kollegen untereinander einher? der zeitgenössischen Kunst und das Geschäft mit ihr. Doch in jüngster Zeit Diese Veränderungen der Öffentlichkeiten scheint diese Aufmerksamkeitsökonomie haben natürlich einen immensen Einfluss ins Leere zu laufen. Wie geht eine darauf, wie Galerien arbeiten. Dass es junge Galerie, die in diese Situation möglich ist, gemeinsame Projekte am hineingeboren wurde, damit um? Esstisch zu besprechen, ist heute eine große, geradezu exotische Qualität geworden. Diese ins Leere laufende AufmerksamkeitsÖkonomie sehen wir in allen anderen Ist der zu beobachtende Trend zur Bereichen ja auch, da sehe ich die Kunst Zusammenarbeit und alternativer gar nicht getrennt von einer allgemeinen Messeformate Folge einer Krise des Entwicklung. Marktes? Für uns sind die Berichterstattung von Messen und Auktionen mit ihrer Mir ist es wichtig, nicht von „einem“ Markt Fokussierung auf den ökonomischen Aspekt zu sprechen, den gibt es meiner Meinung von Kunst gar nicht das große Problem, nach nicht. Vielmehr sind es kommerzielle vielmehr scheint es vielen gar nicht mehr Felder, die oftmals extrem hermetisch klar zu sein, was sie von Kunst „wollen“ und nebeneinander existieren. welche Rolle diese doch häufig sehr spezielle Eine Rückbesinnung auf mehr Form von Kommunikation in ihrem Leben Kollaboration hat natürlich mit diesem spielen soll. Druck, vielmehr aber auch damit, wieder In Kunst, wie auch in der Politik, stehen ein Bewusstsein für die Wichtigkeit von wir erst am Anfang eines Prozesses, in dem Galeriebesuchen und das Wahrnehmen der wir begreifen, wie stark sich die Idee von Akteure vor Ort zu tun. Öffentlichkeit verändert hat und wie wir Sind die hergebrachten Strukturen von

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Kunstvermittlung und -vermarktung zukunftsfähig? Können junge Galerien in dem aktuellen System bestehen und ihrer Aufgabe nachkommen, indem sie es weiterentwickeln oder bedarf es einer grundsätzlichen Neuorientierung?

Technologien gezeigt: Im Vergleich zur Musik sind wir relativ glimpflich davon gekommen. Ich sehe in naher Zukunft eine Verantwortung für Galerien „authentisch“ (lokale) Bedeutungsräume für Kunst erst wieder zu schaffen. Ich denke, keiner weiß wie diese Also weg davon, dass jede Arbeit das grundsätzliche Neuorientierung aussehen gleiche „ist“, überall auf der Welt. könnte, außerdem glaube ich nicht an den einen „Bruch“, der alles verändern wird. Ich plädiere für ein wenig mehr Selbstbewusstsein: Es gibt immer noch viele Dinge, die nur die Kunst kann, etwa Kommunikation auf mehreren Ebenen Galerie Max Mayer bei gleichzeitiger Spezifität der physischen Worringer Straße 57 Form. Auch hat sich der Kunstmarkt 40211 Düsseldorf relativ resistent gegenüber neuen Marktwww.maxmayer.net

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Kosmische Kunst von 1900 bis heute Eröffnung am Donnerstag 28. September um 19 Uhr Eintritt frei Ausstellungszeitraum 29.9.2017 bis 14.1.2018 www.lentos.at Mit freundlicher Unterstützung von

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D a s is t doc h kei n G n ade n akt Ihre Karriere als Kunstkritikerin begann Nina Schedlmayer bereits im Jahr 2002 bei artmagazine.cc, für das sie bis heute regelmäßig Kunstkritiken und eine monatliche Kolumne über Kunst und Politik verfasst. Seit 2003 schreibt sie für das Nachrichtenmagazin profil und Kunstmagazine über bildende Kunst. Im September 2017 erhielt sie als erste Kritikerin den neu geschaffenen Staatspreis für Kunstkritik. I N T E RVI E W : W E RN E R RO D L AU ER

artmagazine.cc: Du hast den ersten Staatspreis für Kunstkritik bekommen. Wie gehst Du mit dem neu erlangten Ruhm um?

fünfzehn Personen leben können, wohl anders. Versucht man nicht in der zeitgenössischen Kunstkritik an die Deutungshoheit anzuschließen, die etwa den Museen in der Nina Schedlmayer: Ruhm? Das wäre schön! Kunst früherer Jahrhunderte zukommt? Der Kunstbetrieb ist ja bloß ein kleiner Teil des Kulturbetriebs. Für mich persönlich Wir können ja nur von der gegenwärtigen ist es natürlich dennoch eine Bestätigung, Rezeption der alten Kunst ausgehen. auch wenn mich noch niemand um ein Was davon heute in den Museen hängt, Autogramm gefragt hat. hat Aussonderungsprozesse hinter sich, definiert aus der Betrachtung später Der Kunstbetrieb ist doch in den letzten Geborener. Wir wissen nicht, was in einigen Jahren medial recht groß geworden Jahrhunderten aus unserer Zeit übrig bleibt. mit dem Museumshype und den Meldungen zu den Sensationspreisen der Ist aber nicht doch eine Veränderung Auktionshäuser. spürbar durch die stärkere mediale und elektronische Vernetzung des Ich denke nicht, dass diese SensationsmelKunstbetriebs und die Ausdehnung der dungen tatsächlich so breit wahrgenommen Wahrnehmung? Jede Biennale scheint werden. Sie haben zudem die Tendenz, die ja die Kunst einer neuen und exotischen Absurdität dieser Preise darzustellen. Region der Welt zu entdecken. Gemessen an der steigenden Zahl der Natürlich scheint uns heute vieles näher Besucherinnen und Besucher in den zu sein. Wirklich nachhaltig wird das Museen müsste die Kunst gesellschaftlich Kunsterlebnis aber nach wie vor bei den doch eine große Relevanz haben? meisten Arbeiten erst, wenn man sie im Gemessen daran kann man ganz sicher Original sieht. zuversichtlich sein, dass Kunst für breitere Beeinflusst diese scheinbare Nähe die Bevölkerungsschichten an Bedeutung Entscheidung, worüber geschrieben wird? gewinnt. Von den Ausstellungen, die regelrecht gestürmt werden, zeigen aber Natürlich kann ich heute leichter Dinge nicht so viele zeitgenössische Kunst, große recherchieren, die am anderen Ende der internationale Events wie die documenta und Welt passieren, als die Kollegen früher. Die die Biennale Venedig einmal ausgenommen. Entscheidung, worüber ich schreibe, ist aber eine subjektive. Von den wenigen Tageszeitungen in Österreich, in denen noch so etwas wie Die Unübersichtlichkeit, die durch Kunstkritik vorkommt, und auch vom die neuen Netzwerke entsteht ist nicht profil, werden dann aber doch eher das Problem, schwieriger sind die vielen die Großausstellungen in den Museen Einladungen, die man bekommt und die besprochen, Zeitgenössisches und man oft ablehnen muss. Ich verstehe, dass Galerien bleiben da weitestgehend auf der Künstlerinnen, Künstler genauso wie Kuratorinnen und Kuratoren ihr Herzblut Strecke. in ihre Ausstellungen legen. Aber ich kann Ich versuche in meinen Texten, andere nur einen Bruchteil der vielen Eröffnungen Zugänge zu finden und Themen aufzugreifen, und Veranstaltungen besuchen. die anderswo nicht unbedingt so diskutiert werden; ein Wochenmedium wie profil folgt Kann der in letzter Zeit gerade in den einer anderen Logik als die Tageszeitungen. elektronischen Medien stärker werdende Aber wieso sollten meine Kolleginnen dort Bezahljournalismus nicht auch als es ignorieren, wenn in der Albertina oder Entlastung für die Kunstkritik gesehen im Belvedere etwas Spektakuläres stattfindet? werden? Das wäre überhaupt nicht journalistisch Sobald eine Institution, eine Künstlerin, gedacht. Außerdem stimmt es nicht, dass ein Galerist für einen Artikel bezahlt, ist Zeitgenössisches weitestgehend auf der man nicht mehr unabhängig. Das muss man Strecke bleibt. keineswegs ablehnen, als Selbstständige wie Hat die Kunstkritik überhaupt noch ich freut man sich über Aufträge - wenn eine Deutungshoheit im aktuellen einen das Thema oder die Kunst interessiert. Aber mit Journalismus im ursprünglichen Kunstbetrieb? Sinn hat es nichts mehr zu tun. Das Bild vom Kunstkritiker, der sein Urteil fällt, und dann halten sich alle daran: Geht es nicht vielmehr um den VermittDas hat wohl nie wirklich der Realität lungsanspruch, den man an sich selbst entsprochen. Dass andere Player - wie etwa stellt? Also einerseits will man doch die Kunstsammler - einflussreicher sind, ist die Positionen von Künstlerinnen und Künstlern dem Publikum nahebringen, wohl ebenso wenig ein neues Phänomen. andererseits ist es wichtig, die Ausstel Ich persönlich leide jedenfalls nicht lungskonzepte zu hinterfragen. darunter. Wenn man nach der Bedeutung von Kunstkritik fragt, muss man auch den Natürlich, beides ist wichtig. Nicht jeder Bezugsrahmen dazusagen. Oft werden Text hinterfragt natürlich Ausstellungsdann Galionsfiguren wie Roberta Smith konzepte, denn nicht jeder Text ist eine (Kunstkritikerin bei der New York Times, Ausstellungsbesprechung. Anm.d.Red.) oder gar Clement Greenberg Dennoch: Der Kunstbetrieb baut gewisse genannt. In einem Land mit acht Millionen Schwellen auf. Nehmen wir als jüngstes Einwohnern stellt sich die Frage nach der Beispiel den Salzburger Kunstverein, wo eine Deutungshoheit der Kunstkritik, von der sehr spannende Ausstellung von Geoffrey hier wahrscheinlich in etwa zehn oder Farmer und Gareth Moore gezeigt wird. Als

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einzige Hilfestellung seitens der Institution gab es ein umfassendes Booklet mit einem in schlechtes Deutsch übersetzten Text des Leiters Séamus Kealy. Eine Institution muss doch in der Lage sein, auf einer A4Seite erste Informationen zur Ausstellung zu geben! Alles andere kann das Publikum leicht langweilen oder aber einschüchtern. Da kann es eine Aufgabe der Kunstkritik sein, zu sagen: Fürchtet Euch nicht - es ist nur Kunst. Schaut euch das einfach einmal an. Man kann das auch vermitteln, ohne in einen Jargon zu verfallen.

Das ist eine andere Textsorte. Auch in einer Kritik kann ich über Missstände im Kunstbetrieb schreiben, wenn es einen inhaltlichen Grund gibt, darüber an dieser Stelle zu sprechen. Ich kann in der Kolumne aber einen noch viel subjektiveren Standpunkt einnehmen, auch polemisieren. Wir leben in einer Zeit, in der jeder auch Sender sein kann. Theoretisch kann jeder auf Facebook, Twitter oder Blogs auch Kunstkritiken schreiben.

Theoretisch. Denn wie viele Leute machen das substantiell? Das meiste in den Social Versteckt sich nicht auch die Kunstkritik Media beschränkt sich darauf, dass Fotos oft hinter diesem Jargon? gepostet werden und darunter so was steht In den US-Museen sind Saaltexte so wie „coole Show!“. formuliert, dass praktisch jeder damit Beeinflussen Dich eigentlich Kometwas anfangen kann. Ich halte das für mentare, die auf Deine Kritiken hin extrem wichtig, wenn man für ein breites online gepostet werden? Publikum schreibt. Natürlich verwendet auch Kunstkritik den Jargon gern; nämlich Ich freue mich über Kommentare, sogar jene, die in Zeitschriften abseits einer über die nicht besonders qualifizierten. größeren Öffentlichkeit publiziert wird. Oft bekomme ich positive Rückmeldungen, Wenn man in einem Medium wie profil, manchmal auch persönlich und ich freue das sich an eine breite Leserschaft richtet, mich, wenn sich daraus Diskussionen damit daherkommt, wird einem der Text entspinnen. Jeder Text ist aber auch ein zurückgeschmissen. Und zwar völlig zu Produkt seiner Zeit. Er wird in einer Computerdatei erfasst und nicht in Stein Recht. gemeißelt. Sind die Kolumnen im artmagazine wichtig, um aus der Vermittlungsarbeit Um nochmals auf den Preis zurückzwischendurch auch ausbrechen und sich zukommen: Wie wichtig ist Anerkennung für die Arbeit als Kunstkritikerin? über etwas richtig auslassen zu können? Ich sehe mich nicht unbedingt in erster Anerkennung ist wohl für jeden wichtig. Linie als Vermittlerin, der kritische Aspekt Beim Schreiben werkelt man ja auch oft meiner Arbeit ist schon wichtig. Deswegen einsam vor sich hin, da ist es eine neue bin ich auch sehr froh über die Kolumnen, Erfahrung, vor den Vorhang geholt zu denn sie sind einerseits ein bisschen ein werden. Spielplatz, andererseits ein Ort, an dem Manche Kunstkritiker erwarten, dass man jenseits von Aktualitäten eigenartige jene, über die sie schreiben, dankbar Entwicklungen diskutieren kann – oder dafür sind. Du auch? einfach mal auch nur sich über die eine oder So etwas finde ich absurd. Mich interessiert andere Aufgeblasenheit lustig machen. es ja, über Kunst zu schreiben. Das ist doch In einer Ausstellungskritik hat das aber kein Gnadenakt! keinen Platz?


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A u s z u g au s de m on l i ne I nde x de r Ve r öf fe nt l ic hu n g e n v on Ni n a S c he d l m a ye r au f a r t m a g a z i ne.c c 2007

KUNSTKRITIK 12.08.07 Gelebter Feminismus 03.10.07 Affirmationsnotstand 15.10.07 Kunsthistorischer Gender Clash 25.10.07 Teilchenbeschleuniger 30.10.07 Frauenhandel-Expertinnen und Salondamen 31.10.07 Minimal verrückt 02.11.07 Oberflächensensibilität 13.11.07 Denkmal eines Atemzugs 28.11.07 Kunsthistorische Kontinentalverschiebung 14.12.07 Stilles Drama

2008

KUNSTKRITIK 01.01.08 Minimal weiblich 15.01.08 Traurige Königskinder 20.02.08 plötzlich da weinte ein schatten 22.02.08 Utopien am Spielplatz 22.02.08 Anti-Tourismus 02.03.08 Trendsetter und Epigone 07.03.08 Distanzhalter 08.03.08 Schleierkämpfe 21.03.08 Irrlichternd durch die Zeltlandschaft 30.03.08 Geschmacklos, respektlos 02.04.08 Solide ohne Zweifel 25.04.08 Der edle Wilde 03.05.08 Diskurserweiterer 23.06.08 Traummännleinkunst 01.07.08 Meditative Farbräusche 02.07.08 Sammlerobjekte 04.07.08 Perfect Bad Painting 13.09.08 „Pictor optimus“ 22.09.08 Meister der Selbstinszenierung 26.09.08 Schatzfund in schwarz-weiß 30.09.08 Antihelden-Erzählungen 10.10.08 Steine-Platteln am Panama-Kanal 12.10.08 Die Caravaggio-Kids 29.10.08 Vorbild gegen Vorwurf 10.11.08 Fragwürdige Mythologien 23.11.08 Disparate Archive 09.12.08 Bezeichnende Inkonsequenz

2010

KUNSTKRITIK 01.01.10 Stolze Beute 20.01.10 Big Brother where are thou? 05.02.10 Langweilige PR-Aktion 21.02.10 Hin und Her 01.03.10 Erste Sahne 05.03.10 32 aus 600 29.04.10 Sinnieren, zurückschauen, verschwinden 10.05.10 „Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins“ 16.05.10 Vorwitzige Damen in anatolischem Textil 30.05.10 Knödel im Hals 30.05.10 Hektisch zwinkern 02.06.10 Feministische Gemengelage 13.06.10 Konventionelles, gut kombiniert 19.08.10 High Heels im Herrgottswinkerl 23.09.10 Hilflose Imponierarchitekturen 28.09.10 Im Hotel der Delfine 17.10.10 Neue Maßstäbe 28.10.10 Im Brennglas der Blume 14.11.10 Koons’ Alptraum 26.11.10 Aus der Versenkung 30.11.10 Meditation im Spektakel GLOSSE

Wir sind Kaiser 18.01.10 Zumindest einige 15.02.10 Kunst, nicht Werbung 15.03.10 Die Ein-Zentimeter-Kündigung 12.04.10 Elefantengedächtnis 10.05.10 Bittsteller 07.06.10 Hans und Rudolf 05.07.10 Sex ist weiblich, Altern ist weiblich 26.07.10 Angeschwärzt und durchgebissen 30.08.10 Selbstdarstellung 27.09.10 Schmäh ohne 25.10.10 Breth, Rainer, Marihart 22.11.10 Spiegelfechterei 20.12.10

2009

KUNSTKRITIK 11.01.09 Kuh auf Drogen 25.01.09 Viel Lärm um wenig 27.01.09 Lack ab 02.02.09 Quietschbunter Seltenheitswert 04.02.09 Standortfragen 22.02.09 Lassnig forever 25.02.09 Die alte Innerlichkeit 26.02.09 Spannende Fadesse 05.03.09 Trümmerhaufen aus Pferdefleisch 11.03.09 Fiction statt Science 22.03.09 Formale Feinmechanikerin 02.04.09 Ei auf Schlitten 09.04.09 Darin Zeit und Ewigkeit 17.04.09 Am Tatort 29.04.09 Wenn der Leib licht wird 09.05.09 Content und Verpackung 20.05.09 Seelenzustände im Dauerpfeifen 31.05.09 Joseph Maria Olbrich und der Südtirolerplatz-Günther 04.06.09 Marter ohne Mitleid 24.08.09 Weltherrschaftsstreben 30.08.09 Unglamourös abbröckeln 11.09.09 Am Kinderspielplatz der Moderne 15.09.09 Subversions-Tradition 22.09.09 Ghandis Finger 22.09.09 Unvermittelt 18.10.09 Gespür für den Mainstream 23.10.09 Rubiks Cube 01.11.09 Keine Zeit für Kinkerlitzchen 17.11.09 Spurensuche im Beziehungsgeflecht 11.12.09 Keine Angst vor Soz-Art 17.12.09 Die näxte Perrrformance 22.12.09 Irritation im Affekt 25.12.09 Deformiert, gezüchtigt, eingeengt GLOSSE

Und täglich grüßt das Murmeltier Eklatante Fehleinschätzung Halbherzigkeiten

26.10.09 23.11.09 21.12.09

2015

20.04.11 Bedrängt, beengt, bewaffnet 21.04.11 Liebesmüh im Triptychon 26.04.11 Billigsdorfer-Design in Mattgold 07.06.11 Die Zeichen stehen auf Zukunft 08.06.11 Tanzende Skulpturen, kitschige Landschaftsbilder 24.08.11 Gedankenspiel zum Weiterdenken 08.09.11 Der erste Wurf ein Treffer 15.12.11 Erste-Hilfe-Paket ohne Beipackzettel

13.02.15 18.03.15 06.07.15 04.08.15 11.09.15 05.11.15

Subventionsjäger 17.01.11 Es scheint, vermutlich 14.02.11 Kunst-Quote 14.03.11 Trügerische Waffenruhe 11.04.11 Schweigen ist Gold 09.05.11 Lob des Saaltextes 06.06.11 A Gaude muaß sein 04.07.11 Deutsche Dummheit 16.08.11 Gut gehütet 12.09.11 Deutsch statt nix verstehen 10.10.11 Zur Freigabe 07.11.11 Heimat- und Nostalgiesender 05.12.11

KUNSTKRITIK 28.01.16 „...daß es uns gibt“ 09.02.16 Geradlinig mit Glitzer 20.02.16 Dynamik und Dämone 20.03.16 Rollende Celli, tropfendes Flüstern 05.05.16 Düsteres Drama 11.05.16 Auf leisen Sohlen 27.05.16 Von blauen Adern durchzogen 16.06.16 Themenverlust in der Informationsflut 27.06.16 Traumwelt-Glamour 27.07.16 Tanz in der Raumstadt 04.08.16 Wenn die Ananas zum Filmstar wird 08.08.16 Avantgarde im Provinzschloss 16.08.16 Smart, klug, cool 29.08.16 In der Mäusegarage 05.09.16 Gegen die Raumlogik 10.10.16 Vom Kapselturm zum Betonknast 13.10.16 Zu Brei geschreddert 29.11.16 Von Sonnenschirmfüßen und Rochenflügelbasilisken 05.12.16 Kunst-Touris 07.12.16 Papst Franziskus und der Schnurrbart 18.01.16 04.03.16 04.04.16

Indexanpassung sofort! Rettung des Retters Wertekurse für Kulturinstitutsdirektoren! Kunst und Kfz Schaukämpfe Hallo, Frau Ressortleiterin! Unsympathler-Verein www.websitewobistdu.it

06.03.17 08.04.17 08.05.17 25.06.17 20.07.17 04.08.17 07.09.17

06.02.12 05.03.12 02.04.12 28.05.12 30.06.12 30.07.12 27.08.12 25.09.12 23.10.12 26.11.12

2013

KUNSTKRITIK 29.05.13 Zum falschen Zeitpunkt 19.06.13 Im styroporenen Bergwerk 21.06.13 Hinter erdfarbenen Sedimenten 05.07.13 Babyfläschchen und Handschellen 31.07.13 Ich bin aber Kunst 08.09.13 Der Zauber des Ortes 25.10.13 Hysteriker im Teppichladen 04.11.13 Die Fratze des Herdes 15.11.13 Mit dem Dildoschwert 22.11.13 Stillleben im Widerstand 09.12.13 Unter die Haut 16.12.13 Nackenstützen und Passstücke 20.12.13 Noch Fragen? GLOSSE

Das große Begleitprogramm 21.01.13 Der Whiskeykurator 18.02.13 Nullinformation 18.03.13 Raus mit der Rosenkranzmadonna! 15.04.13 Bachmann im Beserlpark 13.05.13 Nix wie hin! 10.06.13 Fest der Kritik 08.07.13 Arme Großkünstler 12.08.13 Kultur im Zufallsgenerator 09.09.13 Der Jammer mit der Kunst 11.10.13 Allein gelassen 04.11.13 Verhältnismäßigkeiten 09.12.13

10.06.16

2014

21.07.16 22.08.16 20.09.16 18.10.16 25.11.16 19.12.16

A lle Texte sind mit dem Titel über die artmagazine Suche online nachzulesen. 06.02.17

02.01.12

19.05.16

L u s t au f me h r?

GLOSSE

20.01.12 Filmen verboten 25.02.12 Kunst-Stück: Valie Export 21.07.12 Weit vom Stamm 25.07.12 S chwulst und Geometrie 16.11.12 Analog, digital, ganz egal 18.11.12 Schöner Wohnen in Trümmern 25.11.12 Glamourös, glamouröser, Bowery 26.11.12 Denkmal zu Lebzeiten 11.12.12 Notiert und geflickt

Nicht so schlecht Die Witwe Kompromisslos Bilderverbot 100 Tage Exklusivität Schluss mit lustig Eine Zierde Kunst und Patriotismus The Old Contemporary Beuys, falsch verstanden Zusatzposten

GLOSSE

2017

KUNSTKRITIK 06.02.17 Ihrer Zeit voraus 13.02.17 Elektro-Abstraktion 22.02.17 Damien Hirsts Vorläufer 04.04.17 Abstrakter Witz 12.04.17 Radikale Selbstbeschränkung 22.05.17 Erotischer Kampf 24.05.17 Demokratische Rutschpartie

2012

GLOSSE

31.12.11 Kinderkrankheiten

Besucherkosmetik Frauentag So what? Der Neue Weisung des Hausherrn Wo sind die Tickets? Unterentwickelt Size matters Achtung, Sex! Denkmal-Populismus Fassadenreste

08.01.15

KUNSTKRITIK

21.12.11 Schleierhafte Zweite Republik

GLOSSE

GLOSSE

20.02.11 Emotionalien und Groteskerien

2016

KUNSTKRITIK 16.01.15 Sesselkreis und Lusterlinie 05.02.15 Punktlandung mit Gamsbart 09.02.15 An der Schnittstelle der Erinnerung 10.02.15 Zu mittellos für einen guten Friseur 19.02.15 Frühvollendet 07.04.15 Des Polarforschers Kleidung 14.04.15 Aus der Sackgasse 18.05.15 Zu viele Subjekte 09.07.15 Drüber und drunter 10.08.15 Das verfluchte Erbe 15.09.15 Große Dauerleihgabe 10.11.15 Geld zu Staub 27.11.15 Wozu? 30.11.15 Geisterbahn mit Campingstuhl Sind wir Elite? Synergieeffekte? Teufelskerl! Qualität setzt sich durch Malen mit Vincent Endlich weg! Von der Verlässlichkeit

2011

KUNSTKRITIK

KUNSTKRITIK 08.01.14 Die Erfindung des Damenwitzes 12.02.14 Jenseits des Hypes 26.03.14 Problemzone Ethno-Museum 20.04.14 Feurige Landschaftsmalerei 16.06.14 Irritation mit Intervention 18.06.14 Über die Schönheit 10.07.14 Personale plus 14.08.14 Little Shop of Horrors 18.08.14 Erleben, das keins ist 22.08.14 Aufregende Architektur 27.08.14 Von poetischen Viren 23.11.14 Stürzende Häuser, raufende Engel 19.12.14 In der Strömung GLOSSE

Das Kulturland Österreich Vollkaskokunst Mit siebzig dann! Der Herr Landeshauptmann Griff ins Klo Über Geld Visionen? Wie bitte? Ich schau nach vorn! Rettung unter Vorbehalt 15 und auf Wienwoche Dünne Luft Anti-Provinz

07.01.14 17.02.14 17.03.14

14.04.14 13.05.14 12.06.14 09.07.14 11.08.14 09.09.14 14.10.14 19.11.14 09.12.14


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w w w . a r t mag azin e.cc

T ü r k i s che K ün st le r g e he n bi s zur Grenze, übe rschre i t e n si e abe r nicht was ist verschieden? Wenige Tage nach der Eröffnung hier hatten wir auch in Istanbul eine, die ebenfalls sehr gut lief. Aber hier war es anders. Ich habe einigen Leuten, zum Beispiel im Mumok und in der Kunsthalle, Einladungen gemailt. Sie haben geantwortet! Ich war erstaunt. Das kennen wir in Istanbul nicht. Was auch ganz anders ist: In Istanbul geht es nur um Sammler. Es gibt nicht so viele Institutionen. Natürlich haben wir die Biennale, das Istanbul Modern, das Sakıp Sabancı Museum und einige mehr – alles privat finanziert, nicht öffentlich. Die Privatsammlungen im Vergleich zu europäischen sind klein. Das wäre dann doch eine Gemeinsamkeit mit Wien. Gut, stimmt. Im März wurde die kurdische Künstlerin Zehra Dogan aufgrund eines Kunstwerks eingesperrt. Ansonsten liest man mehr über Journalisten oder Schriftsteller, die wegen regierungskritischer Äußerungen verhaftet werden. Steht die bildende Kunst weniger im Fokus der ErdoganRegierung?

F o to : C a r l We r n h a r t

Im September erhielt die momentan recht unruhige Wiener Galerienszene neuerlich Zuwachs: Feza Velicangil eröffnete in den einstigen Räumlichkeiten der Kerstin Engholm Galerie eine Dependance ihrer Istanbuler Galerie Sanatorium. Nun zeigt sie auf der viennacontemporary drei Positionen: Luz Blanco, Stephan Kaluza und Ludovic Bernhardt. Wenige Tage nach der Vernissage ihrer ersten, sehr gelungenen Ausstellung in der Schleifmühlgasse, kuratiert von Sabrina Steinek, besuchte sie artmagazine an ihrem neuen Arbeitsort. I NT ER VIEW: NINA SCH EDL MAY ER

artmagazine.cc: Für deine erste Aus- Du warst in der österreichischen Schule in 15 Jahre lang Galeristin, reiste auf alle stellung hier hast du eine Kuratorin Istanbul. Ist das der Hintergrund deines möglichen internationalen Messen. Doch engagiert. Wieso? Engagements hier? als sie in London startete, war es für sie, als finge sie bei Null an. London ist so teuer, Feza Velicangil: In Wien kennt mich und Natürlich! Ich lebte zwischen 1990 und und es gibt so viel Konkurrenz! Also ich meine Künstler niemand. Hier will ich ein 1996 in Wien, habe in der Spengergasse habe das im Moment nicht vor. Vielleicht anderes Programm machen als in Istanbul. Textildesign studiert, zuvor auch Wirt- dann, wenn in Wien alles gut geht. Als dritte Deswegen engagiere ich Kuratoren. schaftsinformatik, wo ich allerdings nur den Galerie. Die nächste Ausstellung wird Salvatore ersten Studienabschnitt absolvierte. Wie ist der Kontakt zu Sammlern hier? Viviano kuratieren. Dann gibt’s eine Hast du trotz deiner Verbindung zu Wien Soloshow mit Lucas Zallmann, einem österreichischen Künstler. Danach möchte auch andere Städte wie London oder New Die kenne ich noch gar nicht. Ich komme zwar seit vier Jahren auf die viennacontemporary, ich einen türkischen Künstler, Sergen York in Erwägung gezogen? aber vier Messetage sind nicht genug. Man Sehitoglu, gemeinsam mit einem polnischen Diese Städte werden immer sofort genannt, kann Leute kennenlernen und einiges zeigen. Da arbeite ich mit der Propaganda wenn man im Ausland etwas mit Kunst verkaufen. Aber der engere Kontakt, das Galerie aus Warschau zusammen. Später machen will. Eine Kollegin von mir aus wird wohl erst jetzt entstehen. zeige ich eventuell einen anderen türkischen Istanbul, Yesim Turanlı, führt eine Galerie Wenn du die Kunstszene in Istanbul mit Künstler, Erol Eskici. Wenn ich pro Jahr in London. sechs Ausstellungen mache, sollen zwei Als sie diese eröffnete, war sie schon der in Wien vergleichst: Was ist ähnlich, türkische Künstler dabei sein. Wie bist du auf diesen Ort hier gestoßen? Ich hatte so viel Glück! Ich bin ja schon seit Mai in Wien, und eines Tages lernte ich auf einer Geburtstagsparty die Künstlerin Elke Krystufek kennen. Damals hatte ich schon einen kleinen Raum in der Neustiftgasse für sechs Monate gemietet und suchte für danach einen anderen. Elke erzählte mir, dass hier eine Galerie leer stehe. Am nächsten Tag stand ich hier vor der Tür.

Ja, weil die Kunstszene so klein ist. Außerdem sehen sie, dass die visuelle Kunst die Leute nicht so beeinflusst wie Theater oder Literatur. Daher lassen sie uns in Ruhe. Aber man muss aufpassen. Es gibt eine gewisse Selbstzensur. Man kann auch nicht allen über den Weg trauen. Wenn jemand etwas sieht, das ihm oder der Regierung nicht passt, kann es Probleme geben. Wie konkret wird Selbstzensur ausgeübt? Arabische Künstler haben darin Übung: Sie gehen bis zur Grenze, überschreiten diese aber nicht. Das machen die türkischen Künstler jetzt auch. Das heißt, man trifft keine direkten Aussagen – aber ein wissendes Publikum erkennt durchaus kritisches Potenzial? Ja. Provokativ ist die Kunst meistens nicht – obwohl ich nicht für alle Künstler sprechen kann. Aber es gab zum Beispiel letztes Jahr auf der Messe, der Contemporary Istanbul so einen Fall. Ali Elmacı zeigte dort die Skulptur einer Frau im Badeanzug, darauf war der osmanische Sultan Abdülhamid II. abgebildet. Eine Gruppe von Männern kam auf die Messe und verlangte, dass die Skulptur verschwinden solle. Die Messe sagte, das ist ein privater Raum, wir machen das nicht. Aber der Künstler selbst entfernte die Skulptur. Die Messe dauerte zu diesem Zeitpunkt noch vier Tage. Wenn jeden Tag zwei Gruppen gekommen wären, hätte es ziemliche Unruhe gegeben. Das meine ich mit Selbstzensur.

Sanatorium Schleifmühlgasse 3 1040 Wien Kemankes Mah. Mumhane Caddesi Laroz Han No: 67 34425 Beyoğlu / Istanbul www.sanatorium.com.tr


w w w . a r tm a ga z i n e. c c

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Es g e h t u m di e di re kt e Erfahrun g mi t dem Kuns twerk Im Jahr 1992 eröffnete Martin Janda seinen „Raum aktueller Kunst“ im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Im Jahr 1999 wechselte er an den heutigen Standort in der Eschenbachgasse. Die Galerie nimmt jährlich an mehreren Kunstmessen wie der Art Basel, Frieze, Arco und der viennacontemporary teil. Er sieht in Wien viele Möglichkeiten der Kooperation und die Galerien als tragende Säule der Wiener Kunstszene.

I N T E RVI E W : S T E F A N KO BEL

artmagazine.cc: Martin Janda, im Rheinland und in Berlin war die Galerienszene über Jahrzehnte eher von Konkurrenz denn von kollegialer Zusammenarbeit gekennzeichnet. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung ist das in Wien anders. Woran liegt das? Martin Janda: Von Außen sieht es immer anders aus als von Innen. Was von den Galerien in Berlin entwickelt wurde, ist schon sehr bemerkenswert: Aus einem kleinen, lokalen Markt ein Kunstzentrum mit internationaler Strahlkraft zu machen, ist eine große Leistung. In Wien sind wir ja auch alle Konkurrenten, arbeiten aber punktuell immer wieder intensiv zusammen. curated by_ ist so ein Projekt, bei dem 21 Galerien ein Leitthema überlegen und jede Galerie einen Kurator für ihre Ausstellung wählt. Das ist weniger eine kommerzielle Veranstaltung, sondern ein Projekt, um den Standort Wien international zu festigen und zu präsentieren. In Wien gibt es den großen Vorteil, dass nicht die ökonomische, sondern die künstlerische Idee im Vordergrund steht: wie das Programm gestaltet wird und wie komplex die Ausstellungen aussehen, welche Möglichkeiten den Künstlerinnen und Künstlern gegeben werden. No man is an island, heißt es. Trotzdem erscheint der Wiener Kunstbetrieb von Außen betrachtet wie eine Insel der Glückseligen. Trügt das Bild, oder ist hier das Zusammenspiel von öffentlicher Hand, Institutionen, Galerien und Sammlern anders als etwa in Deutschland?

Die Sammlerstruktur des Rheinlands war in den 80ern und 90ern noch viel präsenter. Was wir in Berlin und Wien bemerken, sind die jungen Sammler, die vielleicht nicht die ganz großen Summen ausgeben, aber die inhaltlich sehr interessiert sind und die Entwicklungen genau verfolgen. Das merken wir in Wien gerade sehr stark, und das entwickelt sich in eine sehr gute Richtung. Der Kunstmarkt ist in den letzten Jahrzehnten globaler geworden. Helfen da die Vermittlungsmodelle von gestern noch weiter, oder muss Kunsthandel vollständig neu gedacht werden? Der Kunstmarkt ist gerade einer starken Veränderung unterworfen, mit einer veränderten Marktsituation und auch einem Generationswechsel. Ich denke immer wieder nach, ob die Form der Galerie noch das beste Mittel ist. Aber ich glaube, dass die Galerie als Drehscheibe zwischen Sammlern, Museen und den Künstlern noch immer das geeignetste Modell darstellt. Man erhält zur Zeit viele frustrierte Emails von Kollegen. Aber wir sehen gleichzeitig gerade in Wien viele Neueröffnungen. Auch bei den Kunstmessen wird es in den nächsten Jahren eine Marktbereinigung geben. Wer sich nicht weiterentwickelt oder neu erfindet, wird sich zukünftig in diesem Feld sehr schwer tun. Als Galerist kauft man sich eine kurzfristige Plattform an einem Ort und vor allem Kundenkontakte, die man selber noch nicht hat. Das können offensichtlich nicht mehr viele Messen erfüllen.

Österreich ist ein kleineres Land, das fördert den Zusammenhalt auch ein bisschen. Andererseits hat die öffentliche Hand mit dem, was die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst ausmacht, relativ wenig zu tun. Die Institutionen sind ja alle gewachsen, und in Berlin ist das erst in den letzten 30 Jahren entstanden. Wien hat in Global handeln, lokal agieren – wie kann den letzten Jahren an nicht-staatlichen das aussehen? Institutionen doch stark verloren, und das Galerien müssen ihre ureigenste Arbeit spürt man.

Flüchtige Territorien Kurator_innen: Maren Richter, Klaus Schafler

29 09 2017 – 09 12 2017 ERÖFFNUNG: DO 28 09 2017 19.00H VERANSTALTUNGSDETAILS: WWW.KUNSTRAUM.NET KUNSTRAUM NOE HERRENGASSE 13 1010 WIEN T +43 1 90 42 111

F o to : A n n a Ko n r a th

intensivieren, indem sie ihre Künstlerinnen und Künstler betreuen und deren Werke vermitteln und natürlich auch verkaufen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Agentur oder ein Künstlermanagement das leisten kann. Kunst muss ausgestellt werden. Das kann ein Büro nicht kontinuierlich und in dem Maße leisten. Wie arbeiten Wiener Galerien zusammen, um sowohl die Sammler vor Ort als auch ein internationales Publikum zu erreichen? Neben curated by_ haben wir auch die viennacontemporary gemeinsam gestärkt, das positive Angebot der Messe angenommen und weiterentwickelt. Die Galerien sind die tragende Säule, aber für einen entwickelten Kunststandort braucht es auch so etwas wie eine Kunstmesse, um auswärtige Besucher und Kunden, die nicht so schnell in eine Galerie gehen, zu erreichen und zu betreuen und denen ein gutes Angebot zu machen.

Wir verwenden das Internet und Social Media natürlich schon die ganze Zeit, aber alles andere, was da angeboten wurde, waren und sind Versuche von Firmen, von dem kleinen Kuchen Kunstmarkt möglichst viel zu bekommen. Die ganzen Nebenkosten, nicht nur online, sind explodiert in den letzten 10 Jahren. Das tut der Kunst nicht gut. Man kann nur die eigene Seite verbessern und alle Kommunikationskanäle nutzen. Letztendlich ist es doch die direkte Erfahrung vor dem Werk. Und das wird gerade immer intensiver genutzt. Das geht durch alle Generationen. Zumindest in Wien ist das nicht nur ein junges Phänomen.

Muss kommerzielle Kunstvermittlung radikal neugedacht werden? Welche Rolle kann und sollte das Internet dabei spielen? Das Internet ist ein Tool von vielen. Das brauchen wir. Aber bei uns geht es ganz konkret um die Vermittlung von Kunstwerken zu Sammlern, Kuratoren und Museen. Eine reine Internet-Galerie oder -Messe funktioniert nicht, und das wird nicht funktionieren.

Galerie Martin Janda Eschenbachgasse 11 1010 Wien www.martinjanda.at


Art & Technology Line-up Transforming Technology Di., 14. Nov., 13.00–20.00 Uhr MAK, Stubenring 5 1010 Wien

Open Studio Day

13.–19. November / www.viennaartweek.at

Grafik: Perndl+Co, Foto: Simon Murrell, Perndl+Co

18. Nov. 15–18 Uhr

Profile for artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

artmagazine #15 EVOLUTION // REVOLUTION  

Interviews mit Martin Janda, Max Mayer, Nina Schedlmayer, Feza Velincangil

artmagazine #15 EVOLUTION // REVOLUTION  

Interviews mit Martin Janda, Max Mayer, Nina Schedlmayer, Feza Velincangil

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