artmagazine print #17 KUNST + POLITIK

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#17 KUNST + POLITIK

Pal a i s D o r o t h e u m, W i en Au kti onswo ch e 2 5. - 29 . N o v e m be r 2 0 1 9 Z eitg e n รถ ssisc h e K uns t , K l a s s i s c he M o de rne Ju w e le n , Uh re n

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Liebe Leserin! Lieber Leser!

I N H A LT

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Kno w y o u r E nemy D e r A lt-R i g ht-K omple x Übe r Re cht spopuli smus im Netz Thorsten Schneider

Ku ns t g egen R ec h ts

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G lobal N at i onal K un st z um R e cht spo pulis mus Ferial Nadja Karrash

A re a l d e m o cr a cy w o u ld l o ok q uite different

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Ol i v e r R e s s le r W hat i s De m ocracy? Bettina Landl

B l i ng - B ling

Flüchtlingswelle, Klimakrise, Rechtsruck - Demokratie auf dem Prüfstand. Es ist eine lange Liste von Problemen, Da eine kritische mit denen wir alle aktuell Auseinandersetzung mit konfrontiert sind. gesellschaftspolitisch Künstlerinnen und Künstler relevanten Themen gerade setzten sich in dieser Situation für ein unabhängiges vielfach mit dem StatusKunstmagazin wie das Quo nicht nur persönlich artmagazine eine große auseinander, sondern Rolle spielt, haben wir thematisieren diesen in für diese Ausgabe eine We r n e r R o d l a u e r , He r a u s g e be r ihrem Werk, um eine antikapitalistische, Auswahl von Texten zusammengestellt, linke bzw. linksliberale sowie die sich mit Ausstellungen zum antidiskriminierende Haltung in die Rechtspopulismus, der ultrarechten Gesellschaft hinein zu vermitteln. Politik, der Krise des Kapitalismus, mit Genderfragen und der möglichen Die meisten internationalen positiven Weiterentwicklung der Großausstellungen, die vielen Biennalen Demokratien auseinandersetzen. und Triennalen, verhandeln auf die eine Wir freuen uns, mit diesem Heft oder andere Weise Gesellschaftskritik, künstlerische Produktion und Aktivismus Genderpolitik, künstlerischen zu unterstützen. politischen Aktivismus und die Krise der westlichen Demokratien, die sie Besuchen Sie unsere Website, www. durch den zunehmenden Nationalismus, artmagazine.cc, auf der Sie viele weitere die schwindende Glaubwürdigkeit der unabhängige Kritiken und Kolumnen zu klassischen Medien und die Filterblasen kritisch-engagierter Kunst finden. der Social Media gefährdet sehen. Ihr Werner Rodlauer

Laure n G re e n f ield G e ne r at ion We a lt h Peter Kunitzky

S o q u eer Q ue e r A r t S p a c e Vie n n a Iris Stöckl

T Z T JE ETS K RN C I T HE SIC e/

KARLSRUHE

.d uhe rlsrt-vvk a k art ticke

Klassische Moderne und Gegenwartskunst 13. – 16. Februar 2020 | Messe Karlsruhe

art-karlsruhe.de IM P R E S S U M : 180104 Anzeigen Adaption 138x199mm RZ Pfade.indd 1 C HE F R E D A K T I O N, HER AU S G EB ER : Werner Rodlauer REDAKTION S- UN D VERWALTUNG S A DRE S S E : a rt m a g a zi n e Kun st -In fo rm a t i o n sg e se llsc ha ft m .b.H ., B re i t e n furt e r S t ra ße 3 9 4 / 1 0 , 1 2 3 0 Wi en , T: + 4 3 1 2 3 1 4 0 9 3 , E : r ed a k ti on @a r tm a ga z i n e. c c , w w w . a r t m a g azi n e.cc B 2B , G R AF I K : A lexandr a Remm, r emm@ar t magaz ine.cc. DRU C KP RO DU KT IO N: fre e a g e n t d ba , j o ha n n e s la c k n e r, k la g e n furt a m w ö rt he rse e . C O V E R : E g o n S ch iel e, F rau mi t erh obenen Ar men (Det ail), 1914, 48,5 x 32,3 cm , € 9 0 0 .0 0 0 – 1 .6 0 0 .0 0 0 , A uk t i o n No v e m be r 2 0 1 9 (B e za hlt e A n ze i g e )

29.08.19 10:47


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K no w y o u r E n e m y Der A lt -R i g h t- K o m ple x - Übe r R e cht spop ulis mus im Netz Thorsten Schneider

G lo ssa r i m E i n g a n g sb e re i c h d e r A u sst e llu n g „ De r A lt -R i g h t -Ko m p l e x - Ü b e r R e c h ts p o p u l i s m u s i m N e t z “, H MK V i m D o r tm u n d e r U , 3 0 . 3 . - 2 2 . 9 . 2 0 1 9 . F o to : H a n n e s Wo i d i c h

U m sich im Museum dem gepflegten Müßiggang hinzugeben und im Umgang

mit der Kunst die Sorgen des Alltags zu vergessen oder sich in der Betrachtung möglicher Welten zu verlieren, ist der Hartware MedienKunstVerein in Dortmund die denkbar schlechteste Adresse. Dort hat man es sich zur Aufgabe gemacht, in engagierten Themenausstellungen fundierte Gegenwartsanalysen zu vermitteln. Die aktuelle Gruppenausstellung „Der AltRight-Komplex“ zeigt künstlerische Positionen, die sich mit Rechtspopulismus im Netz auseinandersetzen. Innerhalb gegenwärtiger Debatten um die Autonomie der Kunst, Kunst und Politik oder einer Politik der Kunst, bezieht man damit eine klare Position. Inke Arns, die künstlerische Leiterin des HMKV und Kuratorin der Ausstellung, bringt dies im Katalog auf den Punkt: „Menschen müssen verstehen, was sie umgibt und wie diese (technologischen) Systeme funktionieren. Die Ausstellung soll eine erste Handreichung sein.“ Aus dieser Haltung heraus leuchtet es sprichwörtlich ein, dass der Weg in die Ausstellung von wandhohen Leuchttafeln gesäumt wird, die den Besucher*innen zentrale Begriffe für ein besseres Verständnis dieses Themenkomplexes anbieten. Dahinter erstreckt sich ein offener Parcours, der komplexe Zugänge offeriert. Zur ersten Orientierung dient eine spekulative Kartografie des KünstlerInnenDuos DISNOVATION.ORG (Maria Roszkowska & Nicolas Maigret), auf der politische Memes verzeichnet sind. Memes

sind Bilder, Zeichen oder kurze Botschaften, die im Internet für Propaganda gebraucht werden. Anhand der Achsen Links-Rechts und Libertär-Autoritär visualisieren die beiden Künstler*innen die Ergebnisse ihrer Recherche zu Online-Kulturkriegen, die sie auch als politischen Kompass (www.politicalcompass.org) ins Web stellen. Das Diagramm führt vor Augen, wie sich die Alt-Right Bewegung die Plattformen, Kanäle und Visualisierungen der zeitgenössischen Popkultur aneignet, um rassistische, frauenfeindliche oder homophobe Ideologien zu verbreiten. Die künstlerischen Verfahren der Appropriation, der Collage und Montage werden zur strategischen Manipulation ‚alternativer Fakten‘ und ‚Fake News‘ eingesetzt. Die Provenienz und Referenz von Bildern scheint längst nicht mehr gesichert. Ihre Bedeutung verändert sich relativ zum Kontext der Verbreitung – allerhand Lug und Trug inklusive. Wie die Alt-Right Bewegung immer wieder auf Affekte und Vorurteile zielt, wird auch in den weniger bekannten dokumentarischen Filmpamphleten von Steve Bannon einsichtig. Der Künstler Jonas Staal schneidet und montiert Szenen aus Bannons Filmschafen neu, um so die unterlegte ideologische Erzählstruktur offenzulegen. In der Dortmunder Präsentation laufen auf mehreren Bildschirmen stereotype Szenen und Filmmotive, die mit Schlagworten wie ‚Banknotes‘, ‚progressiv Movements‘ oder ‚Enemies outside/within‘ bezeichnet

sind. So werden in einer Art Bildatlas die ideologischen Pathosformeln und ikonographischen Muster fadenscheinig, derer sich die Alt-Right Bewegung bedient. Weitaus perfider funktioniert das Webprojekt ‚Breitbart Red‘ des Künstler*innen-Duos Ubermorgen (lizvlx & Hans Bernhard). In der Benutzeroberfläche eines Computerspiels verpacken sie ein toxisches Gemisch aus nordischer Heraldik, Transhumanismus, Selbstoptimierung und Retrofuturismus. Ehe man sich versieht, steigern sich Informationsdichte, Rhythmus und Sound zu einer Kakophonie rechter Propaganda, die nur durch die Navigation der Maus zu den Bildrändern gebremst werden kann. Für eher Traditionsverbundene präsentiert Simon Denny passende Brettspiele. Diese entwickelte er als Varianten von Spieleklassikern, die sich auch unter Rechten einer großen Beliebtheit erfreuen. Nick Thurston dokumentiert die Hassreden rechtsextremer Gruppierungen in Onlineforen und legt sie als gebundene Bücher auf eine kreisrunde Formation von Notenständern. Die Anonymität im Netz wird durch die pseudo-sakrale, männerbündlerische Aufstellung im Raum konterkariert. Das Video „Breiviks Erklärung“ von Milo Rau und IIPM (International Institute of Political Murder) zeigt Nahaufnahmen der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan während sie die Rede des rechtsextremistischen und islamfeindlichen Terroristen Anders Breivik vor dem Osloer Amtsgericht liest. Einen poetischen Kontrapunkt zu all den

in der Ausstellung gezeigten Schrecken setzen die feinen Comiczeichnungen von Paula Bulling und Anne König, die in drei Episoden die Morde des so genanten NSU verarbeiten. Die dritte Episode des Comics erzählt die Geschichte von Gamze Kubasik, deren Vater am 4. April 2006 in Dortmund ermordet wurde. Die Ausstellung ist keine realistische Widerspiegelung der politischen Verhältnisse der Gegenwart mit den Mitteln der Kunst. Heterogenes oder Antagonistisches bleiben unvermittelt nebeneinander stehen. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen immer wieder und fransen aus. Und doch stellen sich die stärksten ästhetischen Erfahrungen dort ein, wo das scheinbar absurde Fiktionale aus der Sphäre des Museums in den Alltag kippt und zur schrecklichen Realität wird. Ein umfassendes Begleitprogramm und Material auf der Webseite des HMKV ermutigen zum Weiterdenken. Der Eintritt ist frei, aber sicher nicht umsonst. Hartware Medienkunstverein Der Alt-Right-Komplex Über Rechtspopulismus im Netz www.hmkv.de -Thorsten Schneider ist artmagazine Stipendiat 2019 Das artmagazine Stipendiaten Programm wird unterstützt von der Bildrecht Wien


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K uns t ge g en R ec h ts Glob a l N a ti on a l - Kun st z um R e cht spopul is mus Ferial Nadja Karrasch

A m einem

19. Januar 2001 explodiert in Lebensmittelladen in der Kölner Probsteigasse eine in einem Geschenkkorb deponierte Bombe. Die Tochter der iranischen Ladeninhaber erleidet hierbei schwere Verletzungen. Am Nachmittag des 9. Juni 2004 detoniert eine mit mehreren Kilogramm Sprengstoff und rund 800 Zimmermannsnägeln gefüllt Bombe in der Kölner Keupstraße in einem belebten, migrantisch geprägten Viertel. 22 Menschen werden teils schwer verletzt. Als Grund des Anschlags wird mal Schutzgelderpressung, mal ein Racheakt im kriminellen Milieu vermutet; nach vier ergebnislosen Jahren stellt die Kölner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen 2008 schließlich ein. Drei Jahre später, 2011, bekennt sich die rechtsextreme Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zu den Anschlägen. Es dauert vier weitere Jahre bevor sich die Stadt Köln dazu entschließt, ein Denkmal bauen zu lassen. Ein Wettbewerb wird ausgeschrieben, als Gewinner geht der Berliner Künstler Ulf Aminde (*1969, lebt in Berlin) hervor. Ein Modell seines Entwurfs ist in der Ausstellung „GLOBAL NATIONAL – Kunst zum Rechtspopulismus“ im Berliner Haus am Lützowplatz zu sehen: Ein aus Hartschaum im Maßstab 1:10 nachgebauter Grundriss des Hauses, vor dem 2004 die Nagelbombe explodierte. Mittels eines Smartphones und einer Augmented-RealityApp wird auf der Grundrissfläche ein virtuelles Haus sichtbar, in dem anhand von Texten, Fotos und Videos Themen wie Rechtspopulismus und Alltagsrassismus behandelt werden. Das Projekt sollte am Eingang der Keupstraße realisiert werden, um hier einen Ort der Erinnerung, Begegnung und Auseinandersetzung zu schaffen. Aber: Die Verantwortlichen hatte es versäumt, den vorgesehenen Ort zu sichern, die Eigentümergemeinschaft des Areals hat andere Pläne. So wird das in der Ausstellung gezeigte Modell zu einem Zeichen für die Nachlässigkeit, mit der die Stadt das Gedenken an den Anschlag behandelt. Als unrealisierter Entwurf wirft das Modell gleichzeitig Fragen nach dem Umgang mit kollektiver Erinnerung auf und regt zur Reflektion darüber an, wer im öffentlichen Raum Anteil an der Gestaltung des Gemeinsamen hat. Amindes Arbeit ist eine zentrale Position innerhalb der von Raimar Stange kuratierten Ausstellung, anhand derer die Ursachen des Wiedererstarkens des Rechtsextremismus aufgezeigt werden und seinen Ausprägungen und Auswirkungen nachgegangen werden soll. Einige Arbeiten gehen hierbei den Weg der Irritation der Öffentlichkeit und sind im Ausstellungsraum als Dokumentationen oder Ausschnitte dieser künstlerischen Interventionen zu sehen. So beispielsweise die Arbeit „Die neue Rechte“ (1995) des österreichischen Künstlers und Aktivisten Oliver Ressler (*1970, lebt in Wien), die Teil einer zusammen mit Martin Krenn durchgeführten Aktion ist: Im November 1995 plakatierten Ressler und Krenn öffentliche Orte in Wien, wie beispielsweise Bushaltestellen und U-Bahn-Stationen, mit einer Serie von Plakaten, auf denen durchgestrichene Zitate rechtspopulistischer Politiker mit Textausschnitten kombiniert wurden, die sich kritisch mit diesen Positionen auseinandersetzen. Sowohl beim spontanen Lesen des Plakats im öffentlichen Raum als auch während des Ausstellungsbesuchs wird so zum

P e te r F r i e d l , K i l l a n d G o , V i d e o , 1 9 9 5 , V i d e o 1 0 : 1 7 Mi n u te n

Nachdenken über die Texte angeregt. Ferner thematisiert die Arbeit auch die Rolle der Neuen Rechten als Stichwortgeber für den politischen Diskurs – ein Problem, mit dem wir heute in Zeiten von Twitter und Facebook und dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom einiger Medien ungleich stärker als in den 90er Jahren konfrontiert sind. Peter Friedls (*1960, lebt in Berlin) Video „Kill and Go“ (1995) ist die Dokumentation einer Aktion des Künstlers aus dem Jahr 1995, deren Initialzündung die Ermordung vierer Roma in Österreich war. Friedl platzierte die Worte „Kill and Go“ auf einer Leuchtreklameanlage am Wiener Europaplatz, wo die makabre Aufforderung monatelang zwischen der Werbung für Kaffee, Warenhäuser, Kurzdauerparkplätze, Bier und Eigentumswohnungen auftauchte. Auch als Video auf einem Monitor präsentiert, wird die Irritation des business as usual, die Unterbrechung des Alltäglichen und die daraus resultierende Verstörung transportiert. An anderer Stelle geht die Übertragung von Elementen aus dem städtischen Raum in den Ausstellungsraum weniger gut auf. Christine Würmell (*1972, lebt in Berlin) bezieht sich in „widersprechen“ (2019) auf die Plakatkampagne des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, mit der Ende 2018 Geflüchtete dazu bewegt werden sollten, für eine Geldzahlung in das eigene Herkunftsland zurückzukehren. Schnell fanden sich Widerspruch artikulierende Kommentare einer anonymen Öffentlichkeit auf den Plakaten wieder, deren Aufnahmen wiederum umgehend in den sozialen Netzwerken kursierten. Diese medialen Bilder greift Würmell auf, indem sie Ausschnitte auf Protestschilder anbringt und diese „als Ausdruck eines kollektiven Widerspruchs“ im Ausstellungsraum aufstellt. Bleibt nur die Frage, inwiefern diese Weiterverarbeitung dem bereits kommunizierten Dissens etwas

hinzufügt? Auch kommen die unbenutzten Schilder innerhalb der Kunsteinrichtung eher als passives Zeichen denn als Ausdruck eines Protests daher. Eine aktuelle Beschäftigung mit rassistisch motivierter Gewalt findet in Martha Roslers (*1943, lebt in New York) Fotocollage „Point n’ Shoot“ (2016–18) statt. Die Arbeit zeigt eine Aufnahme Donald Trumps, mit auf die Betrachterin zielendem, ausgestrecktem Finger und in für ihn typischer Weise geschürzten Lippen, erinnert die Fotografie an Uncle Sam und wirkt gleichzeitig bedrohlich, da die Handhaltung an die Geste einer zum Schuss bereit gehaltenen Pistole denken lässt. Im Vordergrund ist eine Aussage Trumps zu lesen, die er während des Wahlkampfes 2016 tätigte: „Where I could stand in the middle of Fifth Avenue and shoot somebody and I wouldn’t lose any voters ok? It’s like incredible“. Dieses in der Tat unglaubliche Zitat wird durch die im Hintergrund des Motivs gelisteten Namen kontrastiert: Sie erinnern an unbewaffnete US-Amerikaner*innen, allesamt People of Color, die durch Schusswaffen der amerikanischen Polizei ums Leben kamen, ohne dass sich hierdurch Konsequenzen für die jeweiligen Schützen ergeben hätten. „Point n’ Shoot“ unterstreicht so die Gleichzeitigkeit der aktiven Gewalt, die der Sprache Trumps innewohnt und die vom Schusswaffengebrauch ausgeht und der passiven Gewalt, die im Ausbleiben der Folgen für die Nutzer dieser Waffen besteht. Es ist eine Stärke der Ausstellung, dass sie mit Arbeiten aus den 1990er Jahren Kontinuitäten in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus aufzeigt, und im Fall von Roslers Arbeit funktioniert der Anschluss an die Gegenwart bestens – man hätte sich jedoch noch weitere aktuelle Positionen gewünscht. Hierfür wäre es eventuell lohnenswert gewesen, den gesteckten Rahmen – betrachtet werden

sollen ausschließlich Beispiele aus der Kunst – in Richtung Aktivismus zu erweitern. Was weitestgehend fehlt ist außerdem die angekündigte Auseinandersetzung mit den Ursachen des Wiederauflebens des Rechtsextremismus. Dafür eröffnet der hintere Raum Einblicke in künstlerische Ausformulierungen einer besseren Gesellschaft: Nadira Husain (*1980, lebt in Berlin) verbindet unterschiedliche kulturelle Elemente – „indigen-indische“ Motive, japanische Ästhetiken und westliche Muster – zu einem neuen Ganzen und drückt so ein interkulturelles Selbstverständnis aus, das ohne (Ab-)Grenzen und Hierarchisierung auskommt. Und Candice Breitz (*1972, lebt in Berlin) entwirft in „Profile“ (Variante B, 2017) eine Identität, die sich jenseits von Hautfarbe, Gender und Alter definiert. Zehn südafrikanische Künstler*innen bekennen in dem Video „My name is Candice Breitz“ und mischen im Folgenden Erzählungen der eigenen Identität mit jener von Breitz. Auch hier entsteht das Bild eines vielstimmigen, widersprüchlichen und komplexen Subjekts, das sich fern der engen Grenzen einer qua Geburt festgeschriebenen Identität bewegt. So wird hier am Ende der Ausstellung eine konstruktive, also aktiv zu realisierende Utopie beschrieben, die unbedingt auch Teil unserer Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus sein muss.

Haus am Lützowplatz Förderkreis Kulturzentrum Berlin e.V. Global National Kunst zum Rechtspopulismus www.hausamluetzowplatz-berlin.de


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A re a l d e m o c ra c y w ould look qui t e di ffe rent O li ve r R e s sl e r - Wh at i s De m ocracy? Bettina Landl

Z

„ uerst müssen wir an den ökonomischen Belangen arbeiten, wir müssen die gesellschaftliche Basis verändern, die Wurzeln der jetzigen Situation. Denn direkte Partizipation an Entscheidungsprozessen erfordert ein höheres Partizipationslevel, ein höheres Bewusstseinslevel, mehr Aktivität und ein höheres Wissenslevel über aktuelle Ereignisse. Das ist jetzt absolut nicht möglich.“, erklärt Macha Kurzina (Moskau) in Oliver Resslers Video „What is Democracy“. Demokratie ist ein Begriff, ein System, ein Zustand. Unsere Aufmerksamkeit ist gefordert. Demokratie ist „Volksherrschaft“ und Gegenstand einer Ausstellung in der Needle des Kunsthaus Graz. Einen geeigneteren Ort für diese Arbeit kann es kaum geben. Der österreichische Künstler Oliver Ressler, der seine künstlerische Praxis als politische Stellungnahme und Aufruf zum Widerstand versteht, hat bereits 2009 „What Is Democracy?“ zur Diskussion gestellt und mögliche Antworten aufgezeichnet. Es besteht kein Zweifel, dass eine Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung zehn Jahre später nur umso dringlicher erscheint. Ein komplexes, ein abstraktes Thema, das sich nicht einfach darstellen und klären lässt. Es bedarf einer historischen wie auch theoretischen und praktischen Analyse, die Ressler in Form dieser Mehrkanal-Videoinstallation liefert. Demokratie ist diejenige Staatsform, die alle Staatstätigkeiten auf die Volkssouveränität zurückführt und in der Regierungsgewalt vom Willen des Volkes ausgeht. Zur Ermittlung des Volkswillens dienen Wahlen und Volksabstimmungen. Dass diese Methoden wenig Absicherung bieten, beweisen unsere Erfahrungen wie auch die Befunde von Wolf Dieter Narr (Berlin), der anhand von Abschiebegefängnissen seinen Standpunkt klar macht: „Dass es so etwas gibt, ist in jeder Hinsicht ein menschenrechtlichdemokratischer Skandal. Dass das legal ist, zeigt, dass repräsentative Demokratien von Grund auf falsch konstruiert sind.“ Er räumt ein, dass das mit einem Widerspruch der repräsentativen Demokratien zu tun hat, nämlich „dass diese über das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit verfügt – also über die Grenzsicherung nach innen und außen und die Abwehr alles dessen, was dieser Staat – aus welchen Gründen auch immer – heute nicht will. Am leichtesten

O l i ve r R e s s l e r , Wh a t I s D e m o c r a c y , V i d e o s ti l l , F o to : O l i ve r R e s s l e r

kann dieser Legitimation herstellen in einer Bevölkerung, die nicht aufgeklärt ist, ihrerseits ausgebeutet wird und in vielerlei Hinsicht ungleich ist, und indem diese Ungleichheit innerhalb der entwickelten Gesellschaften weiter zunimmt.“ Historisch reicht die Idee der Demokratie bis in das antike Griechenland zurück und war bis ins 19. Jahrhundert ausschließlich eine direkte Herrschaft durch die Bürger. Seit der Übertragung auch von Regierungsfunktionen auf Parlamente (zuerst im 18. Jahrhundert in den Staaten Nordamerikas), nennt man auch Republiken oder konstitutionelle Monarchien mit weitgehender parlamentarischer Kontrolle Demokratien. Als demokratisch im weitesten Sinne bezeichnet man daher heute Machtverhältnisse, in denen Staatstätigkeiten (Ausarbeitung der Verfassung, Gesetzgebung und -durchführung, Staatsleitung und -verwaltung) vom Volk durch die Wahl von Repräsentant*innen und Vertretungskörperschaften ausgeübt wird, die auf mannigfache Weise (direkte und indirekte Wahlen und Abwahlen, Persönlichkeits- und Listenwahlen) zustande kommen und verschieden zusammengesetzt sind (Ein- oder Zweikammersystem, Rätesystem). „Demokratisch“ nennt man ferner innere Meinungsbildungsprozesse

und Beschlussverfahren in Organisationen und Verbänden, zu welchen alle Mitglieder chancengleichen Zugang haben und in denen sie gleichberechtigt mitwirken können. „Wir sagen noch immer, in einer liberalen Demokratie könne, je nach dem System, über das wir gerade sprechen, jeder Premierminister oder Präsident werden. Und das bestreitet auch niemand. Wenn wir nun aber an die politische Arena der Massengesellschaft denken, haben wir viele Körper, die unterschiedlich sind und nicht dasselbe wollen oder über sich selbst in derselben Art und Weise denken.“, betont Lin Chalozin Dovrat ( Jaffa). „Wir sind nun in einer Phase, in der die liberale Demokratie sagt, wir sorgen für ein faires Spiel, in dem alle sich eines gleichen Ausgangspunktes erfreuen können. Aber es herrscht eine Spannung zwischen dieser Erzählung und der Realität. Bei der repräsentativen Demokratie haben wir es mit etwas zu tun, das einfach nicht hineinpasst. Wir sagen: Wenn mich jemand vertritt, heißt das, wir haben dieselben Interessen – und: Die Personen, die mich vertreten, die Volksvertreter, sind sich ihrer Interessen auch voll bewusst. Das führt folglich zur Annahme, diese Vernünftigkeit der Interessen sei völlig allgemeingültig. Nur stellt sich die Frage: vernünftig in wessen Sinne? Die ganze Idee an sich kann in Bezug

O li v e r R e ssle r, W h a t Is De m o c ra c y, Vi d e o st i l l , F o to : O l i ve r R e s s l e r

auf die soziale Mobilität, für die sie steht, einfach nicht aufgehen. Wir müssen uns erneut über das Spiel Gedanken machen und darüber, welches Spiel wir gerne hätten. Wenn wir den Boxkampf-Gedanken mal beiseite lassen, können wir vielleicht auch über unterschiedliche Ausgangspunkte nachdenken und diese berücksichtigen. Doch im formalen Rahmen des aktuellen Systems lässt sich das nicht vorstellen, weil alle Bewegungsmuster dieses Systems für einen Boxkampf konzipiert sind, in dem zwei identische Körper vom gleichen Ausgangspunkt aus miteinander kämpfen.“ Also: Wir brauchen einen weit gefassten Demokratiebegriff. Nikos Panagos (Thessaloniki) nennt diesen „Umfassende Demokratie“: „Wenn die Freiheit das höchste Ziel des Menschen ist, und wir Freiheit als auf individuelle und kollektive Autonomie beruhend definieren, dann ist der Konnex zwischen Autonomie und Freiheit unvermeidlich, weil das autonome Individuum die ‚Gesetze‘ für sich selbst macht, d.h. einen gleichberechtigten Part im Entscheidungsfindungsprozess innerhalb der Gesellschaft übernimmt. Aber autonome Individuen können nur innerhalb einer autonomen Gesellschaft existieren. Eine Gesellschaft ist dann autonom, wenn sich deren Individuen bewusst sind, dass sie Institutionen geschaffen haben und selbst demokratische Institutionen schaffen können, die eine gleiche Machtverteilung unter ihren Bürgern sicherstellen. Es lässt sich eine ‚Umfassende Demokratie‘ daher nur in Form der ‚Volksversammlung’ organisieren, d.h. Volksversammlungen von Angesicht zu Angesicht.“ „Was ist Demokratie“ lautete die Frage, die Ressler verschiedenen Aktivisten und politischen Analysten in 18 Städten stellte und die das westliche Demokratiemodell aus unterschiedlichen Perspektiven verhandelt. Das Ergebnis macht deutlich, dass wir zwar in einer Form der Demokratie leben, aber diese wenig mit der Freiheit des Individuums zu tun hat. Wir sollten uns also auf die Suche nach geeigneteren Formen der Beschreibung dessen machen, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen. -Titelgebendes Zitat: Rick Ayers (Berkeley) Kunsthaus Graz Oliver Ressler What is Democracy? www.kunsthausgraz.at


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B li n g-Bl i n g Laure n G ree n f i el d - G e n e rat i on We alt h Peter Kunitzky

W er sich hierzulande darüber wundern sollte,

noch immer wie so ein Luftikus wie Donald Trump es tatsächlich schaffen konnte, genug Menschen davon zu überzeugen, ausgerechnet ihn zum Präsidenten zu wählen: Hier findet er eine Antwort darauf. Lauren Greenfield ist eine berühmte Dokumentarfotografin und laut New York Times die „führende Chronistin der Plutokratie“, ursprünglich ein rein amerikanisches, mittlerweile aber auch ein globales Phänomen. Mit Generation Wealth, einem 500 Seiten starken Bildband mit dazugehöriger Ausstellungstour, hat sie ein Fazit ihres mittlerweile ein Vierteljahrhundert währenden Schaffens gezogen. Und auch wenn man Teile davon schon kennt, weil diese als Fotostrecken in Magazinen erschienen sind, und trotzdem man sich durchaus gewappnet wähnt, weil einen andere Erzeugnisse der amerikanischen Populärkultur – man denke dabei etwa an die Filme Sofia Coppolas, namentlich „Somewhere“ und ganz besonders „The Bling Ring“ – mit dem Thema des Starkults und seinen oftmals absurden Auswüchsen vertraut gemacht haben: Das, was man hier in dieser unvergleichlichen, aber damit eben auch so erschreckenden Dichte zu sehen bekommt, trifft einen doch mit einer Wucht, die einen schaudern macht. Dabei hatte alles noch ganz harmlos begonnen. Greenfield, die in Harvard eigentlich Anthropologie studiert hatte, war nämlich Anfang der 1990er Jahre, nach einem kurzen Engagement bei National Geographic, nach Los Angeles, wo sie ihre Jugend verbracht hatte, zurückgekehrt, weil sie nicht das Exotische, sondern ein ihr vertrautes Milieu mit der Kamera erkunden wollte. Und dieses Milieu glaubte sie an ihrer alten High School (mit vielen Schülern mit Hollywood-Background) gefunden zu haben. Doch dort hatte, wie überhaupt in der Jugendszene der Stadt, ein Kulturwandel stattgefunden: Geld war nun die alleinige Währung, die über den Status einer Person entschied, und der Reichtum wollte natürlich auch dementsprechend ausgestellt werden, mit einer Limo-Fahrt zum U2-Konzert, mit einem Nose Job, mit einer Bar Mizwa in einem angesagten Nachtklub am Sunset Boulevard, Go-go-Tänzerinnen inklusive. Damals sorgten diese Bilder noch für gehöriges Aufsehen, alleine schon deswegen, weil die Dokumentarfotografie bis dahin eigentlich immer nur die unteren Klassen in den Blick genommen hatte, des einfacheren Zugangs wegen; wer zum old money gehörte, hatte nämlich nicht vor, im Laufe seines Lebens öfter als drei Mal in der Zeitung zu stehen: Geburtsanzeige, Hochzeit, Nachruf, das war’s. Aber mit new money war Dezenz einfach nicht zu haben, nicht in sozialer Hinsicht, und noch weniger in ökonomischer; denn new money folgte der durch und durch unbescheidenen Maxime Gordon Gekkos in Wall Street (1987): „Gier ist gut, Gier ist richtig, Gier funktioniert“, jenes Gordon Gekko, der von Oliver Stone eigentlich als Zerrbild konzipiert war, den allerdings nicht wenige als Vorbild missverstanden. Und auf welch fruchtbaren Boden diese Worte fielen, wie sehr diese Philosophie des Mehr (für mich) sich allmählich in den Köpfen der Menschen, auch der einfachen, einnisten konnte, das malt uns nun Greenfield in grellen Bildern aus, die dem Protz ein wirklich herzerfrischendes Denkmal setzen: wenn sie uns etwa mit „Limo Bob“ bekanntmacht, dem selbsternannten Chicagoer „Limo King“, der an seinem adipösen Körper stolze 15 kg Gold trägt und ihn dazu in einen bodenlangen Pelzmantel – ein Geschenk Mike Tysons! – hüllt; oder uns an dem Geschicke der Siegels teilhaben lässt, er Immobilienmogul à la

Lauren Greenfield, China Rich 2005, © Lauren Greenfield/INSTITUTE

Trump, sie ehemalige Schönheitskönigin im permanenten Shopping-Wahn, denen beim Versuch, das größte Eigenheim Amerikas in die Landschaft zu pflanzen (mit bescheidenen elf Küchen und einer Garage für dreißig Wagen), dummerweise die Finanzkrise 2008 in die Quere kam, die ihren Traum vom überdimensionierten Glück zur halbfertigen Ruine stutzte. Aber man verstehe recht, auch wenn das aus europäischer Perspektive vielleicht nicht ganz leichtfällt: Greenfield übt hier keine explizite Gesellschaftskritik, sondern betreibt, als gelernte Anthropologin, eine ernsthafte ethnographische Studie, für die sie sich den Menschen mit ehrlichem Interesse und wahrscheinlich sogar Empathie nähert, ohne je das Ziel zu verfolgen, diese irgend bloßzustellen. Sie ist ganz einfach fasziniert von diesen leicht fremdartigen Wesen, so wie wir als Betrachter*innen ihrer Bilder ja auch; und doch kann man, gerade als jemand, der mit den Americana nicht ganz so vertraut ist wie Greenfield selbst, vermutlich nicht umhin, auch noch andere Reaktionen zu zeigen: Verstörung, Neid (darf sein, aber nur kurz), Selbstekel (wegen des kurzen Neidanfalls), Abscheu, Dünkel. Der Dünkel rührt vor allem daher, dass die Porträtierten

– im Rahmen von Interviews, die Greenfield parallel durchführt – sich immer auch selbst erklären dürfen und diese Chance dann nicht selten ausgiebig nutzen, jeden Zweifel darüber zu zerstreuen, sie könnten jemals von Skrupeln geplagt werden oder dem Größenwahn, der sich in den Bildern ungehindert Bahn bricht, auch nur die kleinste Prise Ironie beigemischt haben. Wenn dann also etwa Limo Bob, der ja ein Limo King sein will, sich ohne Umschweife mit dem King of Rock ’n’ Roll sowie dem King of Pop in eine Reihe stellt und davon schwadroniert, eines Tages einen Film machen zu wollen, in dem ein Typ namens Limo Bob eine Reihe von Abenteuern zu bestehen hätte, aus denen er natürlich siegreich hervorgehen würde (und man sich für einen ganz kurzen Augenblick der ziemlich schmerzhaften Vorstellung hingibt, ein Scorsese, dessen Schaffenskraft altersbedingt ja auch schon etwas nachlässt, würde tatsächlich einen Film namens „Limo Driver“ drehen, mit Limo Bob, der doch eher wie die schlechte Karikatur eines Zuhälters wirkt, as himself) – ja dann ist es vielleicht schon angebracht, diese himmelschreiende Hybris mit gehörigem Spott in die Schranken zu weisen. Limo Bobs Traum von der cineastischen

L a u re n G re e n fi e ld , S e c re t M o n e i i , 2 8 , © La u r e n G r e e n f i e l d / I N S T I T U T E

Krönung seiner Person führt aber doch eines vor Augen: Es genügt den Menschen heute nicht mehr, bloß Reichtümer anzusammeln, sie wollen für diese Leistung mittlerweile auch bekannt sein; oder ihre irgendwie erreichte Berühmtheit in Bares ummünzen, das ist dann beispielsweise der Ansatz hinter all den Casting-Shows, ein weiteres Symptom unserer Zeit. Diesen Wunsch nach Anerkennung, der wohl niemandem fremd ist, haben aber die sozialen Medien ins Unendliche gesteigert, die uns im gesellschaftlichen Kommunikationsmodell in die Lage versetzt haben, nun auch alle Sender – und nicht mehr nur Empfänger – von Botschaften sein zu können, uns also potentiell zu den Herren unseres medialen Schicksals aufzuschwingen. Viele arbeiten daher obsessiv an ihrer eigenen Bildwerdung, ist doch das Bild die Leitwährung in der Post-Gutenberg-Galaxis, und das mit zum Teil verheerenden Folgen: Magerwahn, Schönheitswahn, Jugendwahn etc. Und hier wird es dann wirklich gruselig, wenn sich beispielsweise eine 6-jährige KinderSchönheitskönigin in laszive Posen wirft, die einer ausgewachsenen Animierdame gut anstehen würden, biedere Hausfrauen sich in Pole-Dance-Kursen tummeln (okay, das ist dann eher amüsant denn gruselig) oder Cathy, eine 31-jährige Schulbusfahrerin aus einem Nest in Virginia, sich einer kosmetischen Rundumerneuerung, besonders aber einem „Brazilian butt lift“ unterzieht. Wobei all diese Grotesken sich zu einem eigenen Thema verdichten, das sich subliminal durch die ganze Ausstellung zieht: Wie Frauen sich unter der strengen Herrschaft des Geldes zu einem schönen Beiwerk oder einem sexuellen Spielzeug verdinglichen (lassen), das sich der Mann, so er es sich leisten will, dann kurz einmal gönnt. Eine Sicht der Dinge, die dem Feminismus gewiss nicht gefallen kann. Deichtorhallen Hamburg Haus der Photographie, Aktuelle Kunst Lauren Greenfield Generation Wealth www.deichtorhallen.de


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So q ue e r Q ue e r A r t S pa c e Vi en n a Iris Stöckl

Q ueere Kunst ist noch immer vom Mainstreamkunstmarkt, der westlich, weiß

und männlich dominiert ist, ausgeschlossen und existiert meist nur in einer Subkultur. Dennoch, anhand der gesellschaftsund kulturpolitischen Entwicklungen am Ende des 20. Jahrhunderts wurde offene Queerness zu einem wichtigen Faktor in der zeitgenössischen Kunstund Kulturproduktion. Queere Kunst arbeitet sehr oft mit dem argumentativen und imaginativen Potential des Visuellen und läßt Heterotopien entstehen, die den pluralen Ansatz des Begriffs Queer bestätigen. Subversive Themen und Praxen wie Transmedia und Transgenre werden aufgegriffen und Kunst als Medium zur Schaffung eines kontextuellen ethischen Bewusstseins (in sozialen, wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhängen) herangezogen. Gezeigt werden in der von Gülsen Bal, Michael Kaufmann und Gerhard Pruegger kuratierten Schau Werke von Künstler*innen, die man vom Galerienmarkt und Museumsraum kennt - wie auch Kunstschaffende, die außerhalb der queeren Szene noch einen Markt suchen. Das Titelbild aus der Serie „Queer Revolutionaries“ von Aschka & Kopp wurde im Kunsthistorischen Museum inszeniert. Es verweist auf Referenzen subversiver Elemente in der Kunstgeschichte. Diese Parameter, die im Laufe aller Epochen immer wieder auftauchen, werden im heutigen Kunstverständnis als queer analysiert, waren aber meist unauffällig und manchmal unbeabsichtigt im Sujet und Kontext des Kunstwerkes versteckt. Durch die heutige globale Vernetztheit werden die Grenzen des Körperkontexts aufgeweicht und führen zu einer neuen künstlerischen Performativität, die sich mit Begriffen wie Gender, Klasse, Ethnizität aber auch Material, Technologie sowie sozialen, politischen Themen auseinandersetzt. Mit der Ausstellung wird nun ein Versuch unternommen, einen Einblick in diese queere Gegenwartskunstszene in Wien zu geben. Die österreichische Bundeshauptstadt als traditionelle Stätte der Kunst und als Schmelztiegel verschiedenster Kulturen verfügt über eine dynamische queere Kunstszene. Ein „Safe Space“ abseits des heteronormativen Mainstreams sowie des kommerziellen Drucks der Kunstwelt hat sich entwickelt, wenn queere Kunstpraktiken wie auch kritische Diskurse (Lectures, Talks) darüber ihren Platz finden. Asgar / Gabriel suchen nach dem subversiven Potential von Malerei, de- und

© F lo ri a n A sc hk a & L a ri ssa Ko p p ( *1 9 8 4 S c h ö n se e / *1 9 8 5 De g g e n d o rf, G E R ) , O .T. / U n ti tl e d , 2 0 1 7 , A u s d e r S e r i e / F r o m th e s e r i e s Q u e e r R e vo l u ti o n a r i e s . . . ? , C - P r i n t, 6 7 x 9 7 c m

reaktivieren dafür Repräsentationsmodi, Narrative und Techniken wie Filter auf Snapchat, Instagram und dergleichen. In ihren Kugelschreiberzeichnungen untersucht Assunta Abdel Azim Mohamed das Zwischenmenschliche in täglichen Beziehungen und Handlungsabläufen von Menschen. Mit scharfem Blick seziert sie die starren Mienen der Figuren und legt tiefenpsychologische Minenfelder frei. Die Protagonisten finden sich in surrealen Szenarien wieder und scheinen von einer inneren Rastlosigkeit geplagt. Lustlos geben sie sich neuen Sinnesräuschen hin, ohne sich dabei tatsächlich zu amüsieren. Tod, Schmerz, Memento mori- und Vanitasmotive sind dabei immer wiederkehrende Themen. Gleichzeitig werden Symbole aus unterschiedlichen Bereichen destilliert und zu einer dichten Bildersprache montiert. In ihrer Strategie der Verdoppelung als Autorin und Protagonistin tritt Julia Faber dem Betrachter ohne Scham gegenüber. Sowieso weiß sie über alle Normbrüche Bescheid und macht gängige Sujets zu eigenen Bildern und eigenen Handlungsräumen. Dies gilt auch für jene Werkgruppe, in die sie Apparate und Gerätschaften wie Keuschheitsgürtel, Korsette oder solche zur Perfektionierung des Körpers einbezieht, die

in der Kunst immer wieder als Bezugsmodelle die kuratorische Praxis, in dem Sie einen vorkommen und als Prothesen Künstler seit offenen Zugang wählten, der alle Beteiligten jeher faszinierten. Die Künstlerin führt sie inkludiert und dadurch die traditionellen als historischen Bezug in ihr Werk ein und Hierarchien bewusst aufbricht. Indem die setzt sie ins Verhältnis zu Perfektion und Ausstellung unterschiedlichste Themen und Optimierung. Medien einbindet, wird der plurale Kontext Jakob Lena Knebl hinterfragt in ihren des Begriffs „Queer“ hier nochmals Arbeiten Identitätskonstruktionen und unterstrichen. Begehren innerhalb unterschiedlicher Genres, Materialitäten und Disziplinen. -Dabei entstehen multimediale Künstler*innen: Asgar / Gabriel, Aschka Installationen „Begehrensräume“, die sich & Kopp, Assunta AAM, Julia Faber, Julia eindeutiger Zuschreibungen entziehen Fuchs, Robert Gabris, Matthias Herrmann, und eine Dynamik zwischen Humor Mario Kiesenhofer, Jakob Lena Knebl, und Sinnlichkeiten produzieren. Die Andrew Mezvinsky, Martina Mina & Materialitäten von Stahl und Textil treten im Sabine Schwaighofer, Roland Reiter, Michal Fashion Drive gemeinsam in Erscheinung. Rutz, Leila Samari & Maryam Sehhat, Toni Fast immer geht es Toni Schmale um die Schmale, Walter Seidl / Stefan Geissler, innere Verbindung. Wie können einzelne Philip Timischl, Violet, Peter Wehinger Teile unsichtbar zusammenhalten und die Illusion von etwas Ganzem und Zusammengehörenden erzeugen. Ähnlich ist das Übergangsobjekt - eine Verbindung von innerer und äußerer Realität - zugleich me und not-me. Sie zeigt eine Faust - geballt, verbunden mit einem Heizkörper. Die drei Kuratoren Gülsen Bal, Michael Kunsthalle Exnergasse Kaufmann und Gerhard Pruegger zeigen Queer Art Space Vienna einen Querschnitt der prosperierenden AMW_138x98_artmagazin_2019_01.pdf 1 06.08.19 15:54 queeren Kunstszene Wiens. Sie queerten auch www.wuk.at/kunsthalle-exnergasse

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