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Nicola Squicciarino, Utilità e bellezza. Formazione artistica ed arti applicate in Gottfried Semper (Nützlichkeit und Schönheit. Kunstausbildung und Kunstgewerbe bei Gottfried Semper), Armando, Rom 2009, 494 S., Euro 32,00.

Das Buch von Squicciarino, eingeleitet von Hermann Bausinger, ist eine sorgfältige und originelle interdisziplinäre Annäherung an Sempers Schriften. Im Panorama der Studien über Gottfried Semper (1803-1879) ist es nicht nur ein Novum für Italien, sondern auch für den deutschen Sprachraum. Der durch zahlreiche Illustrationen angereicherte und mit wertvollen Fussnoten ausgestattete Band beginnt mit einem ausführlichen Kapitel, das die lebendige politisch-kulturelle Realität Dresdens in den 1830-40er Jahren beschreibt, der Stadt, in welcher der junge Semper erfolgreich seine Tätigkeit als Dozent und Architekt aufnimmt. Hier interpretiert er die neuen Bedürfnisse des Bürgertums und stellt nicht mehr Kirchen und Schlösser in den Mittelpunkt seiner architektonischen Planung, sondern Kulturgebäude wie Theater und Museen. Bei der Realisierung seiner Projekte schließt er die baulichen wie auch die dekorativen Aspekte ein - die letzte wurden von ihm stets als konstitutiver Bestandteil der Architektur verstanden. Das Buch erwähnt die unterschiedlichen Strömungen in der Architektur seiner Zeit mit denen Semper sich konfrontiert und stellt seine Reformideen in der Kunstausbildung heraus, die schon in dieser frühen Phase seine Arbeit bestimmen. Trotz seiner tiefen Verwurzelung in der klassischen Kultur schliesst er das Experimentieren mit modernen Techniken nicht aus und setzt sich mit neuen Fragestellungen wie dem Gebrauch des Eisens in der Baukunst auseinander. Squicciarino legt einen starken Akzent auf die entscheidenden Erfahrungen Sempers in London, wo er, nach seiner Beteiligung an der Revolutionsbewegung von 1849 zur Flucht aus Dresden gezwungen, ankommt. Er beteiligt sich dort an der ersten industriellen Weltausstellung von 1851. Sie erschließt ihm mit ihrer Darstellung aller menschlichen Tätigkeiten die Welt der materiellen Kultur und wird die Quelle für wichtige und neue Anregungen, die ihn dazu führen, seine Kunstauffassung zu überdenken, zu bereichern und in verschiedenen Schriften darzulegen. In einer Zeit, in der sich die Macht der Maschine durchsetzt, findet Semper seinen Platz zwischen Tradition und technischem Fortschritt. Er betont den künstlerischen Wert der manuell gefertigten Produkte, auch solcher außerhalb des europäischen Kulturraums, lehnt aber die Möglichkeiten der modernen Technik nicht ab und stellt die Frage nach der Versöhnung von Technik und Kunst, von industrieller Produktion und dem Sinn für Schönheit. Er suchte der Kunst, die zu dieser Zeit von der Technik überrollt zu werden drohte, eine Zukunft zu sichern. Semper, der als Vorläufer des industrial design beschrieben wird, sah die Notwendigkeit, neue Formen und Methoden für die ästhetische Gestaltung von industriellen Gebrauchsgegenständen zu finden. In seinen Schriften fordert er deshalb eine entsprechende Ausbildung von Künstlern und Handwerkern, und er sucht Wege zur Verbreitung des Kunstsinns in der Bevölkerung, also der Nutznießerin der neuen Massenprodukte. Grosse didaktische Bedeutung wird von ihm den Museen zugeschrieben, er empfiehlt die Gründung und den Ausbau von Sammlungen angewandter Kunst, und er setzt sich für Vorträge in den Museen ein. In diesem Zusammenhang beleuchtet Squicciarinos Arbeit den bedeutenden Beitrag Sempers zur Schaffung des ‘South Kensington Museum’, das den Abstand zwischen dem mechanischen Produkt und seiner Kunstform, den die ‘Great Exhibition‘ hervorgehoben hatte, überbrücken sollte. Der interdisziplinäre und populäre Charakter dieses Museums - in welchem die interessantesten Stücke der Weltausstellung von 1851 untergebracht wurden und das die Kernsammlung des heutigen ‘Victoria and Albert Museum‘ bildet - ist eines der ersten und originellsten Beispiele für ein neues Museumskonzept und wurde ein Modell für viele nachfolgende Museen für angewandte Kunst. Der Unterricht am ‘Department of Practical Art‘ in London bietet Semper außerdem die Gelegenheit, seine


didaktischen Reformideen zu überprüfen. Er ist davon überzeugt, dass die Dekadenz der Kunst seiner Zeit nur durch eine stimulierende Kunstausbildung in den Künstlerateliers überwunden werden könne. Er strebt deswegen eine Zusammenführung der verschiedenen Zweige des „Wissens“ und des „Könnens“ an, ein Kombinieren von theoretischen Kenntnissen mit manuellen Fertigkeiten das insbesondere den tiefen Riss zwischen den sogenannten „kleinen Künsten“ und den „hohen Künsten“ schliessen soll. Squicciarinos Buch lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Tatsache, dass der Architekt Semper, von einer geschichtlich-evolutiven Vision des Werdens der künstlerische Formen ausgehend, in den Schriften nach 1851 wiederholt die vorrangige Bedeutung der angewandten oder ‚technischen‘ Künste betont. Der Qualitätssprung der künstlerischen Produktion im Allgemeinen und in der Architektur im Besonderen verlangte ‚von unten‘ auszugehen, von der Lebenskraft der ästhetischen Erfahrung, welche die Volkskunst charakterisiert. Semper vertritt die These, dass „Umwälzungen in den Architekturstilen immer vorbereitet waren durch Neuerungen, welche vorher in der Art der Ausübung des Kunsthandwerks eingeführt worden waren“ - dass also die Formen und Prinzipien des Schönen in der Architektur von den angewandten Künsten, insbesondere der Textilkunst, entliehen seien. Diese ‚kleinen Künste’ werden bei Semper neu gewertet; sie sind für ihn eng verbunden mit der Architektur, der „letztgeborenen der Künste“, ja sie stellen sogar ihr Fundament dar. In den letzten beiden Kapiteln des Buches von Squicciarino werden diese Themen, wie auch das der Polychromie, ausführlich behandelt. Hier wird auch Sempers These dargestellt, wonach „der Schmuck des eigenen Leibes aus kulturphilosophischen Gründen den Schönheitssinn zuerst zu aktiver Bethätigung auffordert“ und damit „der erste und bedeutsamste Schritt zur Kunst ist“, also die erste ästhetische Erfahrung der Menschheit, auf der alle weiteren Ausdrucksformen des Schönen beruhen. Semper sieht im Dekorieren des menschlichen Körpers eine Form künstlerischen Ausdrucks, angewandter Kunst. Unter Berufung auf den römischen Architekten Vitruv betont er die Analogie zwischen dem Dekorieren der Struktur des menschlichen Körpers und dem ornamentalen Ausschmücken der Struktur des architektonischen Körpers - wiederum die enge Verbindung zwischen den „ kleinen Künsten“ und den „hohen Künsten. Squicciarino ist es gelungen, ein komplettes existentielles und künstlerisches Bild Sempers zu zeichnen, das gleichzeitig ein Lebensbild ist. Die große Bedeutung Sempers für die Architektur wird ebenso deutlich wie seine Absicht, die angewandten Künste als erste und grundlegende Ausdrucksform von Nützlichkeit und Schönheit aufzuwerten. = N. Squicciarino hat Philosophie in Rom studiert, war Stipendiat an den Universitäten Basel und Tübingen, Dozent an der staatlichen Universität Florenz und an der privaten Universität ‚Luiss‘ in Rom. Er hat Bücher und Beiträge über J. G. Fichte, Fr. Gogarten, Fr. Nietzsche, R. Otto, Fr. Th. Vischer, G. Simmel, und G. Semper veröffentlicht. Seine Schriften über Mode und Kleidung behandeln Themen, welche die Bereiche der Kulturwissenschaft, Psychologie, Soziologie, Ästhetik und Architektur betreffen.



Utilità e bellezza tedesco