Magazin #4

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Ungewöhnlich, überraschend, offen für alle: Das Archiv der Zukunft direkt am Marktplatz von Lichtenfels möchte mit Einwohner*innen und Besucher*innen

Fragen stellen, auf die man nur gemeinsam Antworten finden kann: Wie soll die Zukunft aussehen und was können wir dazu beitragen, damit sich in dieser noch fernen Welt jede und jeder wohlfühlt? Vor Ort wie auch online sollen innovative Neuerungen und Technologien in Vorträgen und Ausstellungen vorgestellt und diskutiert werden, mit dem Archiv der Zukunft als Mittelpunkt aller Denkanstöße und Ideen, und damit als Ort, an dem Zukunft entsteht.

Die Fotos auf den folgenden Seiten sind auf der Baustelle des Archivs der Zukunft entstanden und geben erste Blicke frei auf die Besonderheiten des Gebäudes.

6 Editorial

8 FAQ

10 „Man kann optimistisch sein“: Interview mit Zukunftsforscher

Tristan Horx

14 Arbeiten in der Zukunft: Wie kann das gelingen?

19 Was braucht Lichtenfels?

Unternehmer*innen geben Auskunft

23 Science­Fiction? Wo Extended

Reality längt zum Einsatz kommt

34 Wie Architektur Verbindungen schaffen kann. Ein Essay 41 Impressum

1 Detail der Astgabel eines Weidenbaums aus eloxiertem Stahl vor dem Gebäude.

2 Blick in den historischen Gewölbekeller, der im Original erhalten ist und besichtigt werden kann.

3 Deckenpaneele aus geschäumtem Aluminium, die im Gebäude für eine optimale Versorgung mit Wärme und Kühlung sorgen.

4 Schattenspiel im Erdgeschoss: Licht fällt durch die drei geschosshohen Glasfronten auf den Boden.

5 Mit Beton ausgegossene Bohrkerne bilden die Wände eines Veranstaltungsraums im Untergeschoss.

Liebe Leserinnen und Leser,

in diesem Jahr ist es so weit: Das Archiv der Zukunft in Lichtenfels öffnet seine Türen. Wir wünschen uns, dass es im Herzen unserer Stadt künftig gelingt, Verbindungen zu schaffen zwischen Ideen und Machern, dem Handwerk und der Technologie, der Gegenwart und der Zukunft. Längst haben neue Technologien unser Leben und Arbeiten grundsätzlich verändert, neue Kompetenzen sind gefragt. Dabei ist die Konnektivität einer der wichtigsten Megatrends unserer Zeit –allerdings nicht nur auf technologischer, sondern auch auf sozialer und kultureller Ebene.

Um Verbindungen soll es daher auch in der vierten Ausgabe unseres Magazins gehen. Die Pandemie hat der Arbeitswelt einen erheblichen Schub Richtung Zukunft verpasst, viele Menschen können ihren Arbeitsort heute selbst bestimmen – und entscheiden sich immer öfter für den ländlichen Raum. In einem Essay stellen wir uns daher

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die Frage, was es braucht, damit dieser Neuanfang auch gelingt. Was sie sich für die Zukunft wünschen – das haben wir auch acht Unternehmerinnen und Unternehmer aus Lichtenfels gefragt, die hier seit vielen Jahren erfolgreich tätig sind. Zudem können Sie lesen, welchen Einfluss zeitgenössische Architektur auf die Weiterentwicklung einer Region hat, und welche technischen Hilfsmittel aus der Extended Reality längst in der Forschung, im Bauwesen und in der Medizin genutzt werden.

„Eigentlich kann man nur optimistisch sein“: Diesen Satz des Zukunftsforschers Tristan Horx, der in einem Interview mit der Journalistin Luisa Filip erzählt, wie wichtig es ist, das Gemeinsame trotz aller Unterschiede nicht zu vergessen, teilen wir mit Blick auf die Zukunft in Lichtenfels. Denn schließlich haben wir es in der Hand, heute und jeden Tag aufs Neue.

Günter und Robert Hofmann, Initiatoren Archiv der Zukunft

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F A Q Was ist das Besondere am Archiv der Zukunft?

Das Archiv der Zukunft versteht sich als Plattform, die Raum, Ressourcen und Inspiration anbietet, um Lichtenfels auf dem Weg in die Zukunft zu begleiten und einen positiven Wandel in der Stadt zu unterstützen. Das Gebäude selbst ist Symbol dieser Idee. Die Weidenarchitektur verbindet die Lichtenfelser Korbmachertradition mit Innovation und Zukunftstechnologie. Die auffällige Skulptur verbindet außen und innen und soll Besucher*innen des Marktplatzes neugierig machen. Vor allem ist sie eine Einladung: zu Begegnungen und Austausch unter ihren ausladenden Ästen. Mehr auf der Website

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Was will das Archiv der Zukunft?

Das Archiv der Zukunft sammelt Ideen und Visionen, die Antworten geben können auf die Fragen der Gegenwart, aber vor allem der Zukunft. Dabei konzentriert sich das Archiv nicht nur auf Technologie und Innovation, sondern auch auf das Miteinander: Entscheidend ist der gemeinsame, lebendige Austausch, der dabei helfen soll, neue Verbindungen und Netzwerke zu knüpfen. Dieses Haus auf dem Marktplatz von Lichtenfels soll ein Knotenpunkt sein, um Zukunftsinitiativen und ­ideen aus Lichtenfels auch weit über die Ortsgrenzen hinaus zu bündeln.

Was gibt es im Archiv der Zukunft zu sehen?

Ob spannende Diskussionsrunden auf analoger und digitaler Ebene, Vorträge zu Kunst, Kultur und Industrie oder Mitmachworkshops: Jede und jeder aus nah und fern ist in das Archiv der Zukunft eingeladen, um sich über technische Entwicklungen und inspirierende Projekte aus aller Welt zu informieren, die Initiative zu ergreifen und mitzugestalten. In digitalen Wechselausstellungen werden innovative Neuerungen und überraschende Kunstprojekte in 3­D vorgestellt.

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Tristan Horx (29) hat sich von klein auf mit dem Thema Zukunft beschäftigt: Seine Eltern Oona Horx­Strathern und Matthias Horx haben das Zukunftsinstitut in Frankfurt und Wien gegründet.

„EIGENTLICH KANN MAN NUR OPTIMISTISCH SEIN“

Die Digitalisierung hat die Gesellschaft verändert, alles ist mit allem vernetzt. Diese Konnektivität verlangt nicht nur ein Umdenken in der Technologie, sondern auch im sozialen Miteinander. Zukunftsforscher Tristan Horx findet: eine Chance für einen ganzheitlichen Umbruch.

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Interview: Luisa Filip, Vorbereitung: Elisabeth Krainer

Herr Horx, Zukunftsforscher: Das klingt nach einem spannenden Beruf. Was genau machen Sie?

TH: Ich würde mich am ehesten als Wanderprediger bezeichnen. Das bedeutet, dass ich viel unterwegs bin und Vorträge halte, um Menschen davon zu überzeugen, dass Zukunft gestaltbar ist und sie auch besser wird, wenn man sie gestaltet.

Eines Ihrer Themen sind die Megatrends. Was ist damit gemeint?

TH: An meinem Institut machen wir tagein, tagaus nichts anderes, als Trends zu analysieren. Dazu gehören eben auch die Megatrends. Um als solcher zu gelten, müssen sie 50 Jahre plus laufen. Deswegen werden sie auch „Lawinen in Zeitlupe“ genannt. Weil sie so extrem lange laufen, verpassen wir sie manchmal. Gerade in der Aufmerksamkeitsökonomie ist es ja so, dass wir Sachen, die nicht sehr laut sind, schnell übersehen. Megatrends müssen in allen Lebensbereichen messbar sein, sie sind Gegenwartsphänomene, die man belegen kann. Und sie müssen global zu finden sein. Natürlich haben wir dabei eine sehr europäische Sicht auf die Welt, global gesehen sind die schon unterschiedlich ausgeprägt.

Seit wann ist die Konnektivität Thema bei den Megatrends?

TH: Seit 15 bis 20 Jahren. Das Phänomen gibt es aber schon länger, man denke an die Brieftaube oder das Telegramm. Schließlich geht es um die Verbindung von Menschen und Informationen. Natürlich wissen wir mittlerweile, dass die Digitalisierung den Großteil der Konnektivität ausmacht, aber das ist eben auch nicht alles.

Ist Deutschland schon bereit für Konnektivität?

TH: Dass wir da ein bisschen hintendran sind, ist kein Geheimnis. Ich finde nur, dass man sich auch den Grund dafür anschauen muss. Deutschland ist mit dem Fokus auf die Industrie lange unglaublich gut gefahren. Es ist natürlich eine Tragödie, wenn man dann den Vorsprung, den man sich in diesem Zeitalter aufgebaut hat, nicht nutzt, um ins nächste zu kommen. Aber es ist technisch lösbar und daran wird jetzt gearbeitet.

Welche Baustellen in Bezug auf Konnektivität gibt es noch?

TH: Je schneller wir in den sozialen Medien angemessene Umgangsformen miteinander finden, desto besser. Weil Konnektivität ja am Ende heißt: Menschen miteinander verbinden. Wir sind aber nicht gebaut für 5.000 Verbindungen. Diese Überforderung gepaart mit der Anonymität im Netz führt zu brutalen Auseinandersetzungen. Ich glaube, diese kulturelle Frage beim Thema Konnektivität ist spannender als die technische.

Was kann man als Einzelner ausrichten?

TH: Es gibt eine Formel, die besagt: Wenn 3,5 bis fünf Prozent einen Trend vorleben oder eine neue Verhaltensweise zeigen, kann er mehrheitsfähig werden. Das Schöne an der Konnektivität ist ja, dass sich Ideen und Konzepte exponentiell verteilen können. Das haben wir etwa bei Fridays for Future erlebt. Das bedeutet, dass dieses „Ich alleine als Person kann nichts ändern“ einfach nicht stimmt.

Das heißt, dass wir Individuen auch bei der Konnektivität eine große Rolle spielen?

TH: Wir sind die Konnektivität. Ohne Menschen, kein Internet. Das gibt einem auch eine Form von Selbstwirksamkeit. Wir brauchen und suchen gerade, dass das, was man sagt und macht, nicht einfach nur untergeht, sondern auch etwas bewirkt. Diese Macht haben wir durch die Kraft des Internets. Wenn wir unsere Zeit nicht damit verbringen, anderen digital eins reinzuhauen. Das wiederum ist Zeitverschwendung.

Kann Konnektivität auch eine Brücke schaffen zwischen den Generationen?

TH: Ja, sie kann aber auch trennen. Mich besorgt, dass wir keinen intergenerationalen Austausch in den sozialen Medien haben, weil sich jede Generation ihre eigene Plattform gesucht hat. Die Älteren, die Boomer, sind auf Facebook, die Millennials auf Instagram und die Generation Z, also Menschen, die zwischen 1997 und 2012 geboren wurden, auf Tiktok. Wenn man Generationen hingegen in echt zusammensetzt, nimmt

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„Das Schöne an der Konnektivität ist, dass sich Ideen und Konzepte exponentiell verteilen können. Mit ein paar Mitstreitern kann man einiges bewegen.“

das Ängste und Feindseligkeit. Das ist wichtig, um zu verstehen, dass die Ressentiments, die man sich aus dem Konstrukt der anderen Generation schafft, so gar nicht existieren.

Ist es mit der Konnektivität auf dem Land einfacher als in der Stadt, wo vieles sehr anonym abläuft?

TH: Ja. Es gibt kleine Gemeinden, die Lust auf Zukunft haben, weil sie verstanden haben, dass sie im Kleinen den Wandel und den Fortschritt schneller durchbringen können. Das liegt vor allem daran, dass man jetzt ortsunabhängig arbeiten kann. Diesen frischen Wind muss das Land nutzen. Ich habe mal die jüngste Bürgermeisterin Österreichs kennengelernt, damals war sie 21. Sie hat noch vor der Pandemie in ihrem Dorf mit 20.000 Einwohnern ein Co­Working­Space bauen lassen. Das fanden viele ätzend. Doch inzwischen, wo so viele Menschen aufs Land ziehen wollen, ist das Space ein super Magnet für den Ort. Das Land braucht junges Blut. Das Blöde ist nur: Wer einmal etwas vergeigt, kann es an den Haken hängen. Dabei gehört Scheitern dazu.

Was brauchen Kleinstädte, um attraktiv für verschiedene Generationen zu sein?

TH: Es gibt ein paar Grundvoraussetzungen wie funktionierendes Internet und eine intakte Umwelt, denn ein großer Teil der Menschen, die aus der Stadt ziehen, suchen ja explizit die Nähe zur Natur.

Spätestens seit der Pandemie ist New Work ein großes Thema geworden. Viele wollen etwas Sinnhaftes machen, anstatt nur Erfolg zu haben. Wie kann Konnektivität diese Entwicklung beeinflussen?

TH: Die Welt von New Work wird schnell nur mit Homeoffice assoziiert, aber das war nur der symptomatische Durchbruch. Dahinter stecken viel tiefere Mechanismen, die Prozesse hinterfragen, zum Beispiel: Ist man unproduktiv, wenn man nicht fünf Tage die Woche acht Stunden am Tag arbeitet? Nein. Alle Produktivitätsstatistiken zeigen, dass man zwischen 2,5 und 4,5 Stunden am Tag produktiv ist. Weitere Stunden schafft das Hirn einfach nicht. Das ging früher vielleicht, als man zur Zeit der Industrialisierung sehr oft dasselbe hintereinander gemacht hat. Aber gerade die kreative, digitale Arbeit, die sich ja immer mehr durchsetzt, kann man nicht endlos lange durchziehen. Das gilt es zu akzeptieren.

Kommt darauf an, wie viel Erfüllung man in seinem Job hat. Ist es ein Privileg, das so zu sehen?

TH: Ich finde es gefährlich, Lebensglück, Arbeitsglück und die Sinnsuche als Klassenfrage zu kategorisieren. Denn damit sagt man vielen Menschen, die Jobs haben, die sie nicht so mögen und die nicht gut bezahlt sind: Ist halt so. Ich glaube, wir Menschen haben als Wesen ein großes Bedürfnis, unser Umfeld und die Gesellschaft zu verbessern. Wenn man das nutzt,

indem man etwas macht, was man wirklich gerne macht, braucht man den Begriff Work­Life­Balance nicht, weil dann nicht etwas Gutes mit etwas Schlechtem balanciert werden muss. Die Zukunft liegt im sogenannten Work­Life­Blending, in der Vermischung aus Arbeit und Leben. So wie im Agrarsektor, da kann man Arbeit und Leben ja auch nicht trennen.

Wie kann Konnektivität den Fachkräftemangel beeinflussen?

TH: Wichtig zu verstehen ist: Der Fachkräftemangel liegt nicht daran, dass die junge Generation nicht mehr arbeiten will, sondern weil die Bevölkerungspyramide als solche nicht mehr existiert. Da hat man zwei Hebel: Zum einen kann man die Konnektivität nutzen, um Fachkräfte aus anderen Ländern zu gewinnen. Zum anderen muss man verstärkt Frauen in die Arbeitswelt bringen. Das funktioniert nur, wenn es eine durchgehende Tagesbetreuung von Kindern gibt. Und dann hat man noch die Automatisierung und Digitalisierung. Den Beruf des Kassierers oder der Kassiererin wird es in 25 Jahren fast nicht mehr geben. Das heißt aber nicht, dass diese Person verschwindet, sondern die berät dann vielleicht die Kunden im Geschäft.

Viele Menschen haben Angst, dass ihre Jobs von KI-Chatbots übernommen werden.

TH: Ein gewisser Prozentsatz an Jobs wird von Chatbots gefressen werden. Doch das ist nichts Schlechtes. Vielmehr muss man sich die Frage stellen: Was kann ich, was der Chatbot nicht kann? Der Wandel kommt bestimmt, aber was ist mein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der KI? Das Zwischenmenschliche, Nahbare, Empathische: Darauf muss man setzen.

Ein weiteres Stichwort aus der Wirtschaft heißt: Shareconomy, also das Teilen von Autos, Arbeitsplätzen, Kleidungsstücken. Kann Konnektivität diese Wirtschaftsform effektiv unterstützen?

TH: Das muss sie. Es heißt zum Beispiel immer: Auf dem Land muss jede Person einen Pkw besitzen. Dahinter steckt ein rein ökonomisches Interesse. Wenn ein Auto aber 90 bis 95 Prozent der Zeit stillsteht, kann man es effizienter nutzen, wenn man eine gute Dorfgemeinschaft hat, die sich zusammenschließt. Beispiel Ridehailing: Da fährt eine Person sechs ältere Menschen, wohin sie müssen. Das Geschnatter auf der Rückbank: So schafft Mobilität auch einen sozialen Ort.

Zum Schluss: Haben Sie als Zukunftsforscher Angst vor der Zukunft?

TH: Nein. Die verschiedenen Stärken der unterschiedlichen Generationen muss man zusammenbringen, denn wir sind eine gut informierte, intelligente, immer weiblicher werdende Gesellschaft. Da kann man eigentlich nur optimistisch sein.

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WIE WOLLEN WIR IN ZUKUNFT ARBEITEN

Nie haben so viele Menschen die Großstadt verlassen und einen Neuanfang im ländlichen Raum gewagt. Doch was braucht es, damit das Zusammenspiel von Job, Familie, Freizeit dort auch gelingt? Text: Tatjana Krieger

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Ein Blick auf die Zukunft der Arbeit beginnt zwangsläufig mit einer Reise zurück in das Jahr 2020, in eine Zeit, in der das Coronavirus noch als „neuartig“ beschrieben wurde. Wer damals von ortsunabhängigem Arbeiten, freier Zeiteinteilung und virtuellen Konferenzen schwärmte, wurde belächelt. New Work? Das war bestenfalls etwas für Startups. Dann ging die Welt in den kollektiven Lockdown.

Drei Jahre später sitzen Angestellte und Selbstständige in Irland oder Spanien, wo sie für ein halbes Jahr ein Ferienhaus gemietet haben, um dort zu arbeiten. Unternehmen buhlen in Stellenanzeigen mit dem Hinweis „100 Prozent remote möglich“ um Bewerber, und digitale Tools zur Zusammenarbeit werden inzwischen so souverän wie das Angebot im Onlineshop genutzt. Sogar Betriebe der typischen Old Economy bieten ihren Beschäftigten nun an, den Aufenthalt am Urlaubsort zu verlängern, um auf der Ferieninsel oder in den Bergen wieder loszulegen. Einer Untersuchung der Jobbörse Indeed zufolge haben Jobs, die sich teilweise oder ganz im Homeoffice erledigen lassen, zwischen Januar 2019 und September 2022 bis zu 1.200 Prozent zugelegt. Sprich: Über das Arbeiten an selbst gewählten Orten, wann immer man sie erledigen mag, sogar über unterschiedliche Zeitzonen hinweg, lacht niemand mehr.

Der Arbeitswelt haben der pandemiebedingte Stillstand und die damit einhergehenden Isolationspflichten einen gehörigen Schub Richtung Zukunft verpasst. Viele Unternehmen haben gelernt, dass Arbeiten auf Distanz funktioniert. Nur wenige trauen sich, diese Errungenschaften wieder rückgängig zu machen und ihre Belegschaft vollständig ins Büro zurückzupfeifen. Gleichzeitig hatten Beschäftigte noch nie zuvor so gute Chancen, für ihre Wunscharbeitsbedingungen einzutreten: „Die Demografie sorgt für gewaltige Verschiebungen in der Arbeitswelt“, erklärt Philipp Staab, Professor für Soziologie der Zukunft der Arbeit an der Humboldt Universität zu Berlin. „Der heute schon zu beobachtende Fachkräftemangel spielt den Beschäftigten in die Hände. In einem Arbeitnehmermarkt werden sie sich künftig noch besser aussuchen können, für welche Unternehmen sie an welchem Ort arbeiten“, prognostiziert er. Firmen sind heute also gezwungen, ihren Angestellten und Bewerbern entgegenzukommen: Sei es mit Arbeitszeitmodellen in Teilzeit, Remote­Jobs oder einem persönlichen Zuschnitt der Aufgaben je nach Stärke und Talent. Spätestens wenn sich die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in wenigen Jahren in den Ruhestand verabschieden, werden sich die Betriebe der Macht der Arbeitnehmer*innen endgültig unterwerfen müssen. Die große Freiheit hat gerade erst begonnen.

Eine, die die Zeitenwende für sich genutzt hat, ist die Kommunikationsmanagerin Andrea Rothäusler. Trotz ihres Jobs am Flughafen München packte sie im Sommer 2021 ihre Sachen und zog mit ihrer Familie ins Allgäu – rund 180 Kilometer entfernt von ihrem Arbeitsplatz. „Nach der Geburt unseres zweiten Kindes war die Dreizimmerwohnung in München zu klein“, erzählt die 39­Jährige. „Dass wir in der Stadt nicht finden würden,

was wir suchten, war schnell klar.“ In der Gemeinde Kißlegg mit rund 9.000 Einwohner*innen, zwischen Alpen und Bodensee gelegen, hat die Familie am Ortsrand ein Haus bezogen: mit Arbeitszimmer im Dachgeschoß für die Eltern und Garten für die Kinder. An den Flughafen fährt Rothäusler bestenfalls alle zwei Wochen, die übrige Zeit verbringt sie im Homeoffice. An Kernarbeitszeiten ist sie nicht mehr gebunden. Was zählt, ist, dass sie ihre Aufgaben erledigt – wo und wann entscheidet sie in Eigenregie.

Mit ihrem Entschluss, der Großstadt den Rücken zu kehren, steht die Flughafenmitarbeiterin gleich für mehrere Trends: räumlich wie zeitlich selbstbestimmtes Arbeiten sowie einen Lebensmittelpunkt abseits eines Ballungsraums. Schließlich führen jüngste Wanderungsbewegungen weg von den Metropolen. Wie eine Erhebung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt, sind allein im Jahr 2021 über 100.000 Menschen aus deutschen Großstädten weggezogen – die größte Abwanderungswelle seit 1994. Umgekehrt hat sich das Wachstum der Metropolen verlangsamt. „Vor allem gut angebundene kleine und mittelgroße Städte profitieren davon, dass Menschen sich dort mehr Lebensqualität versprechen“, sagt auch Soziologe Staab. Und so waren es bayernweit zwischen 2018 und 2020 ausgerechnet bislang blinde Flecken auf der Landkarte, die Wachstumsraten von teilweise über vier Prozent verbuchen konnten, darunter Adelsdorf im Landkreis Erlangen­Höchstadt, Oberschneiding im Kreis Straubing oder Brannenburg bei Rosenheim.

Cordelia Polinna zufolge haben die Menschen vor allem den permanenten Kampf satt, der mit dem Leben in der Großstadt einhergeht. Die Berlinerin ist Stadtplanerin, zuletzt gehörte sie dem Stadtplanungsbüro Urban Catalyst an. Sie sagt: „Mittlerweile sind Städte so teuer geworden, dass man um alles kämpfen muss: um eine bezahlbare Wohnung, um jeden Parkplatz, um Freiräume für Künstler und Musiker.“ Gemeinsam mit dem Architekten Simon Breth hat sie daher das Institut für Resilienz im ländlichen Raum (IRLR) gegründet, das sich mit den Schnittstellen von Architektur, Stadtplanung und Zukunftsforschung mit nachhaltigen Raumentwicklungsprojekten beschäftigt.

Neustart im ländlichen Raum, das gilt auch für das Leben der beiden Gründer: Simon Breth ist bereits in die Lausitz übergesiedelt, wo er auf einer riesigen Fläche Werkstätten eingerichtet hat, eine Pension und Räume, in denen Bands ihre Songs aufnehmen können. Cordelia Polinna ist gerade dabei, mit Freunden ein Haus auf dem Land zu kaufen. Schon heute stimmen sie ihre Zusammenarbeit hauptsächlich über das Telefon oder digitale Tools ab. „Viele merken, dass sie sich im ländlichen Raum ganz anders entfalten und ein Leben mit mehr Selbstwirksamkeit führen können.“ Ein Umstand, den auch Kommunikationsmanagerin Andrea Rothäusler nicht mehr missen will: Zurück in die Stadt? Das kommt für sie nicht mehr infrage. „Mein Leben ist hier so viel besser geworden.“

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Viel Platz und unberührte Natur machen das Arbeiten auf dem Land attraktiv. Die Initiative Coworkland bietet Büroräume in Jurten, Containern und wie hier in Tiny Houses an.

Gemeinden, die infolge dieses Bewusstseinswandels auf dem Radar der Stadtflüchtlinge auftauchen, bietet diese Entwicklung gewaltige Chancen. Der ländliche Raum, dem vor wenigen Jahren noch sorgenvoll eine dahinsiechende Zukunft vorhergesagt wurde, blüht wieder auf. Ein Trend, den auch Andreas Hügerich beobachtet, seit 2014 Bürgermeister in Lichtenfels: „Noch vor wenigen Jahren klang unsere Bevölkerungsprognose dramatisch. Stattdessen haben wir unsere Einwohnerzahl konstant bei rund 20.000 halten können“, erzählt er. Die Neuansiedlung von Technologie und Gewerbe habe die Stadt revolutioniert. Spürbar sei das beim Handel, in der Gastronomie und im Wohnungsbau. „Die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt ist enorm gestiegen.“ Auch sei die Vielfalt an Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangeboten deutlich größer. Schließlich profitiert der ganze Ort davon, wenn junge Leute gar nicht erst wegziehen oder später immerhin zurückkehren; sein Ziel also: die Bevölkerungszahl konstant halten. Um die Bedürfnisse von Familien mit minderjährigen Kindern zu erfüllen, hat Lichtenfels die bestehenden Einrichtungen für die Kinderbetreuung erweitert und neue gebaut. In den kommenden Jahren will Hügerich die Kapazitäten weiter ausbauen.

Zudem ist Lichtenfels seit Oktober 2022 Hochschulstandort. In Kooperation mit der Hochschule Coburg können Studierende dort ihren Master in Additive Manufacturing and Lightweight Design machen. Das neue Forschungs­ und Anwendungszentrum für digitale Zukunftstechnologien (FADZ) soll außerdem helfen, Hightech­Themen in der Region zu verankern, und weitere Firmen und damit Arbeitsplätze anzuziehen. Um all das möglich zu machen, ist auch neuer Wohnraum gefragt. „Allerdings wollen wir nicht neue Flächen versiegeln und als Bauland ausweisen“, so der Bürgermeister. Vielmehr will er Leerstände wiederbeleben, Brachflächen reaktivieren und den Fokus auf die Innenstadtentwicklung legen. Denn wie gut das Miteinander zwischen alten und neuen Bewohnern funktioniert, entscheidet sich seiner Meinung im öffentlichen Raum. „Wir versuchen, ein großes Kulturangebot zu schaffen“, so Hügerich. Gerade Veranstaltungen, zu denen alle eingeladen seien, unabhängig von Geldbeutel, Herkunft und Alter, seien ein wichtiger Beitrag zur Integration.

Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigen auch, dass es vor allem Familien sind, die den Trend zur Kleinstadt verfestigen. Damit eine Gemeinde für Eltern als Wohnort in Betracht kommt, sind laut Stadtplanerin Polinna zwei Faktoren entscheidend: „Wichtig ist eine gute, vielfältige und partizipative Bildungslandschaft. Aus der Großstadt kennen Familien bilinguale und freie Schulen sowie Einrichtungen, die viel Mitbestimmung der Eltern erlauben. Das erwarten sie auch an ihrem neuen Wohnort.“ Diese Ansprüche stellen die Kommunen vor Herausforderungen, die notfalls nur im Verbund mit Nachbargemeinden zu stemmen sind. „Gleichzeitig müssen sich Verwaltungen modernisieren“, so Polinna. Denn mit dem Zuzug steigt auch

der Druck auf die Infrastruktur. „Probleme, die man aus boomenden Großstädten kennt, erreichen mit dem Bevölkerungswachstum auch ländliche Kreise.“ Behörden sind also gut beraten, wenn sie ihr Personal aufstocken und weiterbilden, damit Wohnraum nicht in Investorenhände fällt und für Einheimische unerschwinglich wird. Doch auch die neuen Bewohner sind gefragt, damit sie sich nicht in abgeschotteten Neubaugebieten am Ortsrand einigeln oder einsam fühlen. Gerade in Dörfern beruht das Zusammenleben oftmals auf einer Mitmachmentalität und ehrenamtlichem Engagement, auf das man Lust haben sollte – sei es bei der freiwilligen Feuerwehr, einem Verein für Kindernotbetreuung oder dem Weihnachtsmarkt. Zudem ist ein gewisses Maß an kultureller Sensibilität hilfreich. Nackte Yogis, die auf den Dorfstraßen herumtanzen: Was sich anhört wie eine überspitzte Szene aus einem Stadt­gegen­Land­Roman, hat es so schon gegeben, erzählt die Berliner Stadtplanerin. Andersherum bringen Neuankömmlinge oftmals auch gute neue Ideen mit. So entstehen im ländlichen Raum zunehmend Co­Working­Spaces, wie man sie aus der Stadt kennt. Ortsungebundene Selbstständige oder auch Festangestellte mieten sich dort stunden­ oder tageweise einen Büroplatz, um ihrer Arbeit nachzugehen, Meetings abzuhalten oder Kunden zu empfangen. Ein Blick auf die Webseite von CoWorkLand etwa gibt einen Einblick, wie abwechslungsreich die neue Arbeitswelt in der Provinz aussehen kann: sei es in einer Jurte, in einem Container oder in einem Tiny House. Ein weiterer Vorteil: „Anders als in Berlin Mitte oder am Hamburger Gänsemarkt arbeiten bei uns nicht nur die typischen Vertreter der digitalen Boheme“, erklärt CoWorkLand­Geschäftsführer Ulrich Bähr. „Auch Steuerberater, Pädagogen oder Handwerker nutzen die Räume. Die Durchmischung auf dem Land ist viel größer.“ Das beziehe sich auch auf die Altersstruktur.

Für viele Berufstätige bedeutet die neue Unabhängigkeit, dass das Diktat der Arbeit über das Leben schwindet. Zog man früher dem Job in die Ballungsräume hinterher, wenn auch nicht immer freiwillig, so kann man heute und in Zukunft wohnen, wo man sich das größte Lebensglück verspricht. Familie, Freizeitgestaltung und Wohnsituation der Arbeit unterordnen? Kommt für viele heute immer weniger infrage. Gut möglich, dass auch persönliche Begegnungen künftig zwischen lebensechten und alterslosen Avataren im Metaverse stattfinden werden, wenn eines Tages eine künstliche Intelligenz in einer naturgetreuen Kopie unsere Persönlichkeit in Verhandlungen ersetzt. Damit sich erfüllt, was technisch möglich wäre, bleibt die fortschreitende Digitalisierung auf dem Land entscheidend. Erst wenn überall ein schneller Datentransfer gewährleistet ist, wird der moderne Arbeitnehmer*innen tatsächlich komplett frei sein, sich dort niederzulassen, wo sie möchten.

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Kontrast aus Tradition und Moderne: Im Zenntal westlich von Nürnberg liegt der Hammerhof. In der dazugehörigen Macherscheune entstehen Zukunftsideen.

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Was braucht Lichtenfels für die Zukunft?

Unternehmer*innen aus der Region geben Auskunft

„Seit 1995 helfen wir den Lichtenfelsern mit unserem Team aus Physiotherapeuten, Heilpraktikern, Gesundheits­ und Fitnesstrainern dabei, Schmerzen zu reduzieren, nach einer OP wieder auf die Beine zu kommen oder grundsätzlich fitter zu werden. Lichtenfels ist für uns ein idealer Standort: Aufgrund der Größe der Stadt können wir einen intensiven, langjährigen Kontakt zu unseren Patienten und Mitgliedern pflegen, und sie in persönlichen Gesprächen dadurch viel intensiver motivieren. Gut fänden wir eine Veranstaltung zum Thema ,Gesundheit fördern, statt nur Krankheit bekämpfen‘, die einmal im Jahr in der Stadt stattfinden könnte: mit Vorträgen, Events und Tipps. Denn wer zukunftsfähig bleiben will, der muss vor allem gesund sein und bleiben.“

SWEN MEISTER (29 Jahre)

Leitung Gesundheitsstudio der Sport­Praxis Faulstich

„Unser Geschäft gibt es seit 26 Jahren. Im Angebot haben wir sämtliche Dekoartikel: Vasen, frische Blumen, Kerzen und je nach Saison Osterhasen oder Weihnachtsmänner. Firmen rund um Lichtenfels beliefern wir zudem mit Topfpflanzen für Büroräume. Weil es uns so lange gibt, haben wir viele Stammkunden; auch deren Kinder kommen längst zum Stöbern. Schade ist, dass wir dennoch wenig Laufkundschaft haben. Viele Geschäfte in der Innenstadt haben geschlossen, das tut den verbliebenen Einzelhändlern schon weh. Deswegen finde ich auch die Eröffnung des Einkaufszentrums jenseits der Innenstadt bis heute problematisch. Damals sind auch viele Geschäfte mit umgezogen, die sehr gut rund um den Marktplatz in Lichtenfels gepasst hätten. Ich würde mir wünschen, dass mehr Einzelhändler motiviert werden zurückzukommen. Für mehr Lebendigkeit und Vielfalt sollte es allen daran gelegen sein, das Zentrum wiederzubeleben.“

ELKE BITTERMANN (59 Jahre)

Geschäftsführerin von Eldeco

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„Wir haben uns auf die Herstellung von Isoliermaterial spezialisiert, für den Transport von gekühlten Lebensmitteln oder im erwärmten Zustand. Das Besondere: Wir verwenden dafür kein Styropor, sondern nur einen Kühlakku und Altpapier. Sprich: Wenn die Verpackung nicht mehr gebraucht wird, nimmt man den Akku heraus und kann den Rest im Papiermüll recyceln. Angefangen haben wir 2014 in der Garage von meinem Opa, inzwischen nutzen wir Industrieflächen auf 9000 Quadratmetern Fläche. Die zentrale Lage von Lichtenfels mitten in Deutschland hilft uns sehr beim Versand unserer Produkte. Dafür fehlen uns – wie so vielen Unternehmen –Fachkräfte. Wünschen würden wir uns etwas mehr Tempo und Unterstützung, sei es beim Glasfaserausbau oder bei der Suche nach Bauland, gerade bei so schnell wachsenden Unternehmen wie dem unseren: Vor drei Jahren hatten wir nur 15 Mitarbeiter, inzwischen sind wir 75. Wir beobachten, wie intensiv Firmen in benachbarten Bundesländern unter die Arme gegriffen wird – das wäre auch für unsere Region hilfreich.“

SEBASTIAN LEICHT (38 Jahre)

Gründer und Geschäftsführer von easy2cool GmbH, gemeinsam mit Co­Gründer

MARCO KNOBLOCH (35 Jahre)

„Wir stellen seit 1945 technische und medizinische Gase her, etwa für Brennprozesse in der Glasindustrie, das Schweißen bei der Metallverarbeitung oder Sauerstoff für Krankenhäuser. Wir sind mit dem Standort sehr zufrieden und sehen aktuell keinen Verbesserungsbedarf; bei dem akuten Fachkräftemangel in Deutschland kann die Stadt Lichtenfels ja nur bedingt helfen. Große Unterstützung haben wir allerdings 1989 erfahren, als wir unsere Firmenräume massiv ausbauen mussten und mithilfe der Verwaltung zügig ein gutes Baugrundstück finden konnten.“

DR.

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„Frisches Obst und Gemüse, Trockenfrüchte, Artischocken im Glas und ausgesuchte Öle: Im Fruchtkorb findet man alles für eine gesunde Ernährung, und das schon seit 25 Jahren. Zwei bis drei Mal pro Woche fahre ich morgens um drei Uhr auf den Großmarkt in Nürnberg, um einzukaufen – viele Gemüsehändler in der Region tun sich das nicht mehr an. Aber ich mache das gern für meine Stammkunden. Unsere älteren Kunden, die nicht mehr so gut einkaufen gehen können, beliefern wir auch nach Hause, und das schon lange vor der Pandemie, als viele Unternehmen diesen Service angeboten haben. Ich würde mir mehr Laufkundschaft wünschen – allerdings wäre es schön, wenn die nicht gleich einen Strafzettel bekämen, sollten sie mal zehn Minuten länger parken als erlaubt. Da könnte die Stadtverwaltung schon mal ein Auge zudrücken und sich einfach freuen, dass jemand nach Lichtenfels fährt statt zum Einkaufszentrum. Außerdem benötigt der Marktplatz dringend einen neuen Anstrich mit etwas Grün, aktuell ist das eine reine Betonwüste.“

SVEN SCHNEIDER (50 Jahre)

Geschäftsführer und Besitzer vom Fruchtkorb

„Unser Kerngeschäft ist der Brennstoffhandel mit Heizölen, Diesel und Holzpellets sowie die Versorgung mit Haustechnik im Heiz­ und Sanitärbereich. Zudem hat die Firma Schrepfer drei Tankstellen und zwei Waschparks. Dass unsere Region ein Innovativ­Standort ist, hat in den vergangenen Jahren viele spannende und vorausdenkende Unternehmen angezogen, davon profitieren auch wir. Gleichzeitig freuen wir uns über die vielen jungen Menschen, die nach Lichtenfels kommen, um am Forschungs­ und Anwendungszentrum für digitale Zukunftstechnologien (FADZ) zu studieren. Die Lebendigkeit tut unserer Stadt gut. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass das Regionale in der Zukunft bestehen bleibt, zum Beispiel im Bereich der Gastronomie: Jeder freut sich, wenn er gut essen gehen kann. Aber wenn viele Wirte abwandern oder ganz schließen, ist irgendwann auch unser Titel ,Feinschmecker­Region‘ gefährdet.“

JENS GROPP (38 Jahre)

Geschäftsführer von Schrepfer

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„Ich würde mir mehr Laufkundschaft wünschen.“
Sven Schneider

„Seit wir 2018 am Marktplatz in Lichtenfels eröffnet haben, sind wir an sieben Tagen die Woche im Einsatz. Nur am ersten Weihnachtstag und am Tag nach dem Korbmarkt haben wir geschlossen. Wir verstehen uns durchaus als Platzhirsch, in so zentraler Lage, und als Anlaufort für Geschäftsleute, 101­jährige Stammgäste oder Kinder, die zum Geburtstag Waffeln essen möchten. Was uns immer geholfen hat, ist der kurze Dienstweg in Lichtenfels: Wenn wir etwas benötigen, können wir einfach ins Rathaus gehen, etwa wenn es um die Freischankfläche geht. Gleichzeitig wäre es eine große Erleichterung, wenn manche behördliche Vorgänge entbürokratisiert würden. Sehr schade ist es, dass die Innenstadt so verödet. Deswegen wäre es gut, den öffentlichen Nahverkehr weiter auszubauen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Kaffeebus, der ältere Menschen aus den umliegenden Dörfern zum Marktplatz fährt und im Anschluss wieder nach Hause?

MORITZ GLÄTZER (38 Jahre)

Geschäftsführer vom Café Moritz

„Der Glasfaserausbau darf weiter vorangehen.“

„Wir kaufen gebrauchte Kabinen, auch ,ship sets‘ genannt, von Fluggesellschaften auf und verkaufen sie aufgearbeitet und neu zertifiziert weiter. Neben dieser Form von Nachhaltigkeit setzen wir auch auf Upcycling: Aus alten Gepäckfächern werden Möbel, aus Rettungswesten Handtaschen. Für unser Unternehmen ist Lichtenfels der ideale Standort: Nicht nur liegen wir hier im Herzen Europas und erreichen unsere Kunden problemlos weltweit. Wir haben zudem die Möglichkeit, die Lagerkosten übersichtlich zu halten. Stolz macht es uns, dass wir unsere Prozesse überwiegend digital gestalten können. Dafür brauchen wir eine schnelle Internetanbindung, auch für unsere Außenlager. Der Glasfaserausbau darf also weiter vorangehen. Für unsere Mitarbeitenden benötigen wir darüber hinaus ausreichend Wohnmöglichkeiten und genug Betreuungsplätze für Kinder. Schön fände ich, wenn es die Möglichkeit gäbe, Verbände und Unternehmen aus Lichtenfels zusammenzubringen, damit man gemeinsam Probleme besprechen und Lösungen finden kann.“

(52 Jahre)

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Thomas Bulirsch

BLICK IN DIE ZUKUNFT

Extended Reality: Das klingt für viele nach Science­Fiction. Dabei werden heute damit längst schon Häuser geplant, komplizierte Operationen geübt und inspirierende Kunstwerke geschaffen. Ein Überblick

23 Text: Elisabeth Krainer

Stellen Sie sich vor, es gibt einen Raum, in dem Sie alles ausprobieren können: Dort können Sie Hochhäuser bauen, mit 350 km/h über die Autobahnen brettern, zum Mars fliegen oder eine komplizierte Herz­OP durchführen. Die Extended Reality (kurz: XR) macht genau das möglich. Alice hat längst Gesellschaft im Wunderland bekommen.

Dystopische Science­Fiction­Filme wie „Matrix“ haben einst Misstrauen gegen die virtuelle Realität geschürt und Fragen eröffnet wie: Wer braucht diese synthetische Welt? Welche Vorteile hat sie? Kann sie bedrohlich werden? Dabei erschließen sich durch die Technologie völlig neue Möglichkeiten.

Virtuelle Realität (VR) meint eine von der analogen unabhängige Welt, die man mithilfe einer VR-Brille betreten kann. Sie ist vollkommen autonom von dem Raum, in dem man sich befindet, und beamt Nutzer*innen wohin sie möchten – ins Weltall, in die Antarktis oder in eine Fantasiewelt. Augmented Reality bezieht sich hingegen auf den analogen Raum, der mit digitalen Features ausgestattet ist, Beispiel: das Spiel „Pokémon Go“. In einer realen Umgebung kann man Pokémon­Figuren sammeln, die lediglich durch das Handy zu sehen sind und sich dabei hinter echtem Gebüsch und Gebäuden verstecken. Augmented Reality arbeitet also mit der eigenen Umgebung. Diese Technologie hat sich längst auch in den sozialen Medien etabliert, in denen uns der Filter Hundeohren an den Kopf klebt oder uns schlagartig 40 Jahre altern lässt. Aber auch Forschung und Industrie nutzen diese Technologie als eine Art Testwelt: Städteplanung und Bauwesen profitieren immens davon, dem digitalen Zwilling ihres Objekts einen Besuch abstatten zu können, noch bevor der erste Ziegel gesetzt wurde. Wie fällt das Tageslicht? Wie ist das Raumgefühl? Passt das Bauwerk in die Nachbarschaft? Unsere sinnliche Wahrnehmung wird durch eine begehbare Erfahrung stärker angeregt als durch ein 2­D-Modell auf dem Bildschirm. Deshalb lernen Menschen in 3­D-Welten auch effizienter. Eine Studie der University of Maryland zeigt, dass die Erinnerung an VR-Inhalte um neun Prozent präziser ist als bei Lernmethoden über einen 2­D-Bildschirm.

Wer sich zum Beispiel im Medizinstudium die menschliche Anatomie über ein Lehrbuch beibringen will, musste sich bisher etwas in 2­D einprägen, was es eigentlich nur in 3­D gibt. Durch XR sparen wir uns in Zukunft diesen Dimensionswechsel, die Technologie spuckt ein menschliches Abbild aus, Muskeln, Knochen und Organe werden dreidimensional sichtbar. Vorteil: An dem Abbild kann nichts kaputtgehen. Mediziner*innen können komplizierte OPs im digitalen Raum üben, ohne Schaden anzurichten.

In der Neurologie wiederum forschen Expert*innen bereits an neuen Therapieformen: Menschen mit psychischen Erkrankungen kann die virtuelle Welt helfen, Ängste zu überwinden. Auch die Motorik nach einem Schlaganfall kann durch XR verbessert werden. Das liegt an der fast realen Optik der VR-Welten – unser Gehirn denkt, im Digitalen die Realität zu sehen. So wird der motorische Kortex angeregt, wenn Körperteile virtuell stimuliert werden. XR verfolgt also nicht bloß ein rein wirtschaft­

liches Interesse, sondern auch ein sehr menschliches: Die Technologie kann dafür sorgen, dass wir uns besser fühlen, fitter bleiben, wieder gesund werden.

Im Alltag soll in Zukunft das Metaverse der Ort für Arbeit, Spaß und Kultur sein. Die Idee stammt aus Science­Fiction­Filmen: Digitale Räume sollen es uns ermöglichen, zusammenzuarbeiten, Hobbys nachzugehen und zu kommunizieren, obwohl man sich an unterschiedlichen Orten befindet. Eine Simulation der Realität, die deren physische Grenzen aufhebt. Die Entwicklung steht noch ganz am Anfang, gerade gleicht das Metaverse noch einer großen VR-Baustelle. Doch bald sollen dort Orte entstehen, an denen man via Avatar shoppen, Freunde treffen oder der Lieblingsband auf der Bühne zujubeln kann. Um das Metaverse für alle zugänglich zu machen, braucht es allerdings eine sehr hohe Rechenleistung, die für ein großflächiges Vorhaben noch nicht ausreichend verfügbar ist. Denn entscheidend ist die Latenzzeit: Wie lang dauert es, bis eine Bewegung auf das Bild übertragen wird? Expert*innen sprechen von elf Millisekunden, damit die virtuelle Realität echt erscheint. Je kürzer die Zeitspanne, desto realer die Erfahrung. Für einzelne Games ist das längst möglich. Bis sich jedoch mehrere tausend Menschen zeitgleich in einem virtuellen Raum aufhalten können, der sich wirklich real anfühlt, wird es noch ein paar Entwicklungsjahre brauchen. Auch die Hardware soll dafür noch nutzerfreundlicher werden: Seit der Entwicklung der ersten VR-Brille in den 1960er­Jahren hat sich einiges getan. Das Ziel: Gadgets so klein wie Kontaktlinsen zu schaffen, die uns eine neue Welt eröffnen.

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GLOSSAR DER DIGITALEN REALITAT

Virtual Reality

(VR) steht für eine digitale Welt, die man betreten und auf 360 Grad erfahren kann. Sie ist unabhängig vom Raum, in dem man sich wirklich befindet. Meist betritt man diesen Raum mit einer entsprechenden Brille.

Augmented Reality

(AR) erweitert die analoge Welt um digitale Elemente, zum Beispiel beim Möbelkauf: Apps projizieren übers Smartphone oder Tablet sperrige Möbel ins eigene Wohnzimmer.

Extended Reality

(XR) fasst die beiden Bereiche VR und AR zusammen. In der Forschung spricht man von „Immersive Technologies“, gemeint sind Technologien, die eine neue, „künstliche“ Erfahrungswelt schaffen oder die analoge Realität mit der digitalen verbinden. Expert*innen gehen davon aus, dass in Zukunft noch viele weitere Mischformen durch steigende Rechenleistung und moderne Brillen oder andere Geräte zugänglich werden.

Immersion

meint den Effekt, den XR auf das Bewusstsein hat. Durch Stimulation der Sinne nimmt das Gehirn die virtuelle Umgebung als real wahr und löst motorische Reaktionen aus.

Metaverse

versammelt digitale Räume, in denen sich unser Alltag mit Arbeit und Freizeit künftig abspielen soll und der für jeden zugänglich ist.

Avatar

bezeichnet die „Spielfigur“, mit der sich Menschen in digitalen Räumen bewegen können. Via Bewegungssensoren übernehmen sie die Motorik der User*innen.

Mixed Reality

(MR) ist eine Mischung aus VR und AR. Damit sind Umgebungen gemeint, in denen reale und virtuelle Objekte in Echtzeit miteinander agieren – etwa indem sich ein Avatar aus einem Spiel plötzlich auf das reale Sofa im Wohnzimmer setzt. Durch eine Brille können User*innen die reale und die digitale Welt gleichzeitig sehen.

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„Digitale Kunst holt einen aus der Komfortzone“

Extended Reality im Museum: Der Künstler Manuel Rossner arbeitet analog und digital – und erschließt dabei neue Räume für Kunst und Kultur.

Kann man mit XR-Kunst die Realität erweitern?

MR: Mich interessiert, wie man diese Grenze aufheben kann. In meinen Arbeiten frage ich mich: Wie gehen wir mit Raum um? Wenn man mit Extended Reality arbeitet, wird das Bild, das man betrachtet, etwa 60 Mal pro Sekunde aktualisiert. Als Künstler habe ich also theoretisch pro Sekunde 60 Möglichkeiten, etwas zu verändern. In physischen Räumen kostet jeder Eingriff Zeit und Geld oder ist gar nicht umsetzbar. Diese grundlegend andere Herangehensweise finde ich spannend.

Sie arbeiten mit Institutionen wie der Hamburger Kunsthalle, dem Kunstforum NRW und auch mit dem Archiv der Zukunft Lichtenfels zusammen. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

MR: Zuerst schaue ich mir ganz genau an, womit ich es in der Realität zu tun habe. Ich messe Räume aus und fertige exakte Modelle davon an, die ich dann digital erweitere. Manchmal läuft es aber auch umgekehrt, und ich hole digitale Objekte in die reale Welt, die dann physisch in einer Galerie gezeigt werden können.

Wie sind Sie dazu gekommen, digital zu arbeiten?

MR: Angefangen habe ich eigentlich mit Computerspielen. Irgendwann war es mir aber zu langweilig, dauernd in ähnlichen Kulissen Shooter zu spielen. Also habe ich mich in die Mod­Szene eingearbeitet, das sind Gamer, die Spiele selbst verändern und modifizieren. Da habe ich gelernt, wie ich die Spiele selbst anpassen kann. Vermutlich hat sich damals der Gedanke bei mir verfestigt, dass ich in der digitalen Welt alles machen kann, was ich möchte. Das war 2003. Und 2012 habe ich mit der „Float Gallery“ meinen ersten digitalen Ausstellungsraum ins Leben gerufen, den man über eine Website anschauen konnte.

Dass Sie aus der Gaming­Welt kommen, kann man an einigen Ihrer Werke erkennen: Für die Hamburger Kunsthalle haben Sie das Museum zum Spiel umgewandelt und ein digitales Abbild des Museums geschaffen, das man als Spieler*in besuchen konnte.

MR: Das Spannendste daran war, wie unterschiedlich die Menschen darauf reagiert haben. Ich habe einigen Gamer­Freund*innen die Arbeit gezeigt, und ihr erster Reflex war: Alles kaputt machen, was ich digital aufgebaut habe. Sie sind eben wie Gamer an die Sache herangegangen. In einer realen Ausstellung hingegen gilt: Ist ein Picasso kaputt, dann ist er schlicht kaputt. Das kann in der digitalen Welt nicht passieren.

Wie reagieren die Museen auf den spielerischen Ansatz von XR?

MR: Die Anerkennung dafür wächst, auch wenn wir noch nicht bei den alten Meistern im Museum angekommen sind. Manchmal stößt man weiterhin auf Reaktionen, an denen man merkt, dass jemand nicht wirklich überzeugt ist. Man hat ja kein klassisches Objekt, sondern in erster Linie Software­Ausgaben. Ich finde die Skepsis aber total legitim: Digitale Kunst holt einen aus der Komfortzone, darauf muss man sich einlassen können. Ich beobachte aber, dass XRKunst mit den Jahren mehr und mehr Anerkennung bekommt und es sich mittlerweile für die Künstler*innen lohnt, dem Medium treu zu bleiben. Das war vor zehn Jahren noch nicht der Fall. Ich persönlich habe damit vor allem positive Erfahrungen gemacht, auch mit großen Institutionen wie dem Kunstforum NRW oder dem Kunsthaus Zürich.

Worin sehen Sie die größten Potenziale für erweiterte Realität in der Kunst?

MR: In Kombination mit künstlicher Intelligenz oder auch Blockchain­Technologie, die den Handel mit digitalen Kunstwerken ermöglicht, wird vieles hinterfragt, was in der Kunstwelt immer als gegeben galt: die Verfügbarkeit, die Ausstellungsräume und die Art, wie Kunst gemacht wird. Durch digitale Räume ist sie für jeden und jederzeit zugänglich. Ich denke, dass die Kunst dadurch ein Stück weit demokratisiert wird.

Manuel Rossner hat Kunst an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, der École des Arts­Décoratifs Paris und dem Tongji College for Design and Innovation Shanghai studiert. Seit 2012 befasst er sich mit den Wechselwirkungen digitaler und analoger Räume. In der Vergangenheit hat er mit Institutionen wie der Kunsthalle Zürich, der Kunsthalle Hamburg, der König Galerie und dem Kunstforum NRW zusammengearbeitet. In Lichtenfels ist sein Werk „Yellow Spatial Painting“ in der Bamberger Straße via Augmented Reality zu sehen.

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Elisabeth Krainer im Gespräch mit Manuel Rossner

Interventionen: Die Kunstwerke von Manuel Rossner sind fest mit den rea ­

Die Realität als Spielplatz für virtuelle

len Orten verbunden, auf die sie reagieren. Die aus Blasen und Linien bestehende Skulptur „Hotfix“ etwa umschlingt den Berliner Fernsehturm. Sie ist beim Spaziergang vor Ort mithilfe des Smartphones sichtbar.

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In Metaversen, also virtuellen Welten, wie Decentraland, Sandbox oder Roblox, können sich Besucher*innen mit ihren digitalen Identitäten, den Avataren, bewegen und sie individuell gestalten. Diese Modelle wurden von den Schweizer Digital Artists Kylan Luginbühl und Basil Denereaz für Joytopia entworfen, einem Metaverse der BMW Group.

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Schon um die halbe Welt getourt ist das Werk der Künstlerin Koo Jeong A. Ihre Objekte, wie dieser schwebende

Eiswürfel, reagieren auf die jeweilige Umgebung, indem sie diese widerspiegeln oder durchscheinen lassen. Die Koreanerin nutzt digitale Technologien als poetische Ausdrucksform.

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Ørb gehört in eine neue Kategorie digitaler Geräte, die nur virtuell existieren. Es ist ein Fahrzeug, das Avataren zukünftig das Reisen zwischen den Metaversen ermöglicht. Das Projekt der kanadischkoreanischen Künstlerin

Kim bietet Beweglichkeit im dezentral organisierten „Web 3 der Zukunft“.

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Mixed Reality ermöglicht es Teammitgliedern, in einem physischen Raum von verschiedenen Orten aus zusammenzuarbeiten. Das Projekt „Magic Rooms“ von Meta (Facebook) hat das Ziel, dabei allen Teilnehmenden das Gefühl zu geben, gleichermaßen präsent zu sein –ob als Avatar oder Videopräsenz, an realen oder virtuellen Objekten.

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Für eine AugmentedRealityAusstellung holte Lichtenfels für zwei Monate junge internationale Künstler*innen in die Region.

Nadine Kolodziey beispielsweise ließ ihre digitale Skulptur direkt vor dem Stadtschloss lebendig werden. Mit eigenem InstagramAccount und Smartphone geht das auch hier im Magazin: einfach den QR-Code mit der Kamera scannen.

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Für die Architektur bietet die virtuelle Realität völlig neue Möglichkeiten, mit ihrer Hilfe entstehen Gebäude, vir ­

tuelle Kunstmuseen und Galerien. In dem Ausstellungsraum des internationalen Architekturbüros Zaha Hadid

werden Gedankenspiele für Technologien und Gebäude der Zukunft heute schon real und begehbar.

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MEHR ALS NUR EIN

HINGUCKER

Ein spannendes Gebäude auf den Marktplatz bauen und dann läuft es? Wie zeitgenössische Architektur bei der Wiederbelebung einer Region helfen kann und man dabei aber trotzdem den eigenen Wurzeln treu bleibt.

34 Text: Laura Weißmüller

Das Versprechen ist groß: Eine ganze Stadt soll durch die Hilfe von einem einzigen Gebäude aktiviert werden. Der spektakuläre Bau verspricht Leben zu generieren, wo früher Leere war, mit einem Kulturangebot, neuen Begegnungsstätten und einer Architektur, die weit über die Ortsgrenzen hinaus für Aufsehen sorgen soll. Kurz: Der Neubau hat die Aufgabe, den Impuls für eine bessere Zukunft der Stadt zu setzen.

Die Rede ist hier nicht von Lichtenfels und seinem Archiv der Zukunft auf dem Marktplatz, sondern vom Guggenheim­Museum in Bilbao. Das bis heute so futuristisch schimmernde Gebäude, das mit seiner Form eher an einen Ozeandampfer in Silberfolie als an ein Kunstmuseum erinnert, landete vor gut 25 Jahren in der baskischen Hafenstadt. War Bilbao bis dahin eher als eine wenig attraktive Industriestadt im Abstiegskampf bekannt, schien das Guggenheim­Museum die Entwicklung mit einem Schlag umzudrehen: Die Besucher*innen kamen in Massen, die Billigfluglinien nahmen die Stadt ins Programm auf und das Who’s who? der internationalen Architekturszene verewigte sich mit ebenfalls aufsehenerregenden Hotel­ und Büroneubauten. Bilbao stieg wie der urbane Phönix aus der Asche zur internationalen Touristendestination auf.

Dass es für diese Genese mehr brauchte als ein einzelnes Gebäude, haben mittlerweile nicht nur unzählige Studien zur Entwicklung der baskischen Metropole aufgezeigt, sondern das mussten auch zahlreiche Städte leidvoll selbst erfahren, die auf den „Bilbao­Effekt“ setzten, spektakuläre Bauten bei bekannten Architekten in Auftrag gaben – und dann enttäuscht waren, dass der Wandel aus­ und die aufregende architektonische Hülle nach der ersten Begeisterung leer blieb.

Was also braucht es, damit Architektur tatsächlich zum Motor für einen nachhaltigen Umbau werden kann und die Stadt der Zukunft dabei entsteht? Damit ein Gebäude – egal ob Museum, Rathaus oder Bibliothek –wirklich dazu beiträgt, dass die Menschen dort besser leben? Weil attraktive Treffpunkte entstehen, wo früher Ödnis war. Weil Firmen sich ansiedeln und Arbeitsplätze dauerhaft geschaffen werden. Weil sich ein Kultur­, Gastro­ und Freizeitangebot etabliert, das zum Ort passt. Und vor allem: weil sich der Entwurf der gewaltigen Verantwortung stellt, die die Gegenwart heute an die Architektur heranträgt. Zum Klimawandel sind in den vergangenen drei Jahren noch eine Pandemie, ein Krieg, gestörte Lieferketten und enorm gestiegene Kosten für Materialien und Energie gekommen. Dass ein Bauen, wie wir es kannten, darauf nicht mehr die richtigen Antworten liefern kann, dürfte sicher sein. Weltweit stellen sich deswegen Städte die Frage, wie sie sich umbauen müssen, damit sie eine Zukunft haben.

Wobei der Fokus auf die (Groß­)Stadt trügerisch ist. Seit 2008 leben zum ersten Mal mehr Menschen in Metropolen als auf dem Land, was jedoch im Umkehrschluss bedeutet, dass eben immer noch knapp die andere Hälfte der Menschheit auf dem Land und in Kleinstädten lebt. Dass der ländliche Raum für den Umbau zu einer besseren

Zukunft tatsächlich gar nicht so schlecht aufgestellt ist, hat jüngst eine Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt bewiesen, indem sie mit 70 Beispielen aus ganz Europa zeigte, wie „Architektur zu einem guten Leben auf dem Land beitragen kann“. Der Titel „Schön hier“ klang selbst etwas erstaunt darüber, wie viele herausragende Bauten man dafür fand – stilecht in einer alten Scheune im Freilichtmuseum Hessenpark präsentiert. Die Bandbreite der Projekte reichte dabei vom Rathaus Maitenbeth in Südostbayern des Münchner Büros Meck Architekten, das trotz seiner so zeitgenössisch skulpturalen Form passgenau auf die historischen Gebäude ringsum antwortet und den Dorfkern so mit einem öffentlichen Platz wiederbelebt, bis hin

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Zahlreiche Städte, die auf den „Bilbao­Effekt“ setzten, mussten leidvoll erfahren, wie sie spektakuläre Bauten bei bekannten Architekten in Auftrag gaben – und dann enttäuscht waren, dass der Wandel nach der ersten Begeisterung ausblieb.

Der Ort Krumbach im Bregenzer Wald bat international gefeierte Architektenbüros um Entwürfe für ihre sieben Bushaltestellen. Herausgekommen ist etwa der Stangenwald des Japaners Sou Fujimoto.

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Wie man sich am besten die Wartezeit versüßt, haben die beiden norwegischen Architekten der Haltestelle Moos gleich mitgedacht: Vom ersten Stock aus kann man direkt auf einen Tennisplatz gucken.

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zur Kegelbahn Wülknitz in der sächsischen Provinz, wo das junge Büro KO/OK Architektur aus Leipzig aus einem Trainings­ und Vereinsgebäude gleich den Treffpunkt für ein ganzes Dorf gemacht hat.

Überrascht, was im ländlichen Raum mit zeitgenössischer Architektur zu gewinnen ist, dürften nicht nur die Ausstellungsmacher im DAM gewesen sein: Sehr lange konzentrierte sich die Architekturwelt in ihrer Auseinandersetzung mit dem eigenen Fach auf Großstädte. Wo die bekanntesten Architekturbüros ihren Sitz haben, die nächste Generation Architektinnen und Architekten heranwächst, die teuersten Hochglanzbauten entstehen und die lautesten Debatten zur gebauten Zukunft geführt werden, schien es sich zwangsläufig abzuzeichnen, in welche Richtung die eigene Zunft geht. Dass in einer Kleinstadt ein einzelnes Gebäude eine viel stärkere Wirkung, ja Strahlkraft erzeugen kann als im dicht bebauten Raum einer Metropole, wurde dabei lange übersehen. Und auch, dass die Freiheit im ländlichen Raum oft größer ist, weil der ökonomische Druck in der Regel kleiner, die Vorgaben weniger und das Engagement einzelner Akteure oft stärker ausgeprägt ist.

Peter Haimerl weiß das. Der Münchner Architekt, der das Archiv der Zukunft in Lichtenfels entworfen hat, ist längst Profi im Sichtbarmachen, was jenseits der Großstädte möglich ist – und schickt gerade deswegen angehende Architekten aufs Land. Nicht, weil sie sich dort nicht anstrengen müssen, sondern weil sie dort mehr machen können als in den umkämpften Metropolen. Haimerl selbst hat es geschafft, mit einem Bau in der Provinz einen Begriff zu prägen, der wie der „Bilbao­Effekt“ bei Bauherren ein Leuchten in den Augen erzeugt. Wird doch Haimerls so kühn geformtes Konzerthaus im Bayerischen Wald, das 2014 eröffnete, gerne als das „Wunder von Blaibach“ angekündigt. So als hätten eher Stoßgebete und Rosenkränze zum Konzerthaus geführt als architektonische Überzeugungsarbeit. Die Medien jedenfalls konnten nicht genug bekommen vom vermeintlichen Kontrast zwischen dem mondänen Betonkubus und der traditionellen Tracht seiner zukünftigen Benutzer. Doch was braucht es, damit ein solch bauliches Kleinod auch dann noch funkelt, wenn das Blitzlichtgewitter verebbt? Anders formuliert: Wie gelingt es, dauerhaft für die Belebung eines Ortes zu sorgen und nicht Gefahr zu laufen, dass ein solches Gebäude am Ende ungenutzt oder falsch bespielt wird?

Am besten erklärt das vielleicht der Blick auf eine Region, die seit Jahren auf eindrucksvolle Weise vormacht, wie es geht. Wie man sich also durch zeitgenössische Architektur wiederbeleben und seinen Wurzeln trotzdem treu bleiben kann. Die Rede ist vom Bregenzerwald in Österreich. Wie hart das Leben in der abgelegenen Bergregion ehemals war, das beschreibt die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer in ihren Romanen meisterhaft. Mit ihren Geschichten im Kopf fällt der Kontrast zu heute noch stärker auf. Denn abgelegen ist die Region nur noch geografisch. Es gibt aufregende Lokale, ein spannendes Kulturprogramm, interessante Hotels und eben eine zeitgenössische Architektur, die absolut State of the Art ist: Da sieht man wunderschöne alte Bauernhäuser, die mit klar zeitgenössischer Handschrift weitergebaut werden. Man sieht Holzschindeln so hell wie Honig, weil sie neu angebracht wurden, während daneben die alten in Würde dunkel schimmern dürfen, was bedeutet, dass man in der Holzbautradition auch der Vorstellung treu bleibt, dass Holz altern darf. Und man sieht Neubauten, die nicht nur Architekturfans, sondern auch Klimaschützer glücklich machen, weil selbst in einem 1000­Seelen­Dorf wie Krumbach kompakt im Ortskern und damit ressourcenschonend gebaut wird anstatt auf einer grünen Wiese.

Der Grund für das Wunder des Bregenzerwaldes, das nicht so heißt, aber vielleicht doch eines ist: Es sind viele, die da an einem Strang ziehen. Es ist ein Miteinander zwischen den jungen Köpfen, die etwas Neues ausprobieren wollen, und denen, die der Tradition verhaftet sind. Und es gibt den Mut, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Konkret: ein Bürgermeister, der mit gutem Beispiel vorangeht und selbst in ein kompaktes Mehrfamilienhaus zieht, weil er es falsch findet, immer neue Flächen zu

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Die eigenen Wurzeln schätzen, aber keine Angst davor zu haben, sie in die Zukunft zu füh­
ren: Das könnte das Erfolgsrezept für die Stadt der Zukunft mit zeitgenössischer Architektur sein – auch in Lichtenfels.

versiegeln, und lieber auf die Verdichtung im Ortskern setzt. Architekten wie Bernardo Bader und Hermann Kaufmann, die mit Stolz in ihrer Heimat arbeiten, statt ihre Meisterschaft allein den Metropolen zugutekommen zu lassen, und die traditionelle Architektursprache neuinterpretieren. Keine Scheu, typisch Großstädtisches auch bei sich auszuprobieren, sei es, indem man sich vom Schweizer Architekten Peter Zumthor den mondänen, fast museumsartigen Werkraum bauen ließ, in dem heute die Handwerker aus der Gegend ihre besten Produkte ausstellen, oder ein Festival wie das „FAQ“, das jährlich Diskussionsreihen, Konzerte und Ausstellungen veranstaltet. Und nicht zuletzt: selbstbewusste Handwerker, die zusammen mit den Architekten den Holzbau in den vergangenen 30 Jahren so weiterentwickelt haben, dass er heute als Hightech durchgeht, und die mit ihren Produkten Baustellen in ganz Europa beliefern.

Die eigenen Wurzeln schätzen, aber keine Angst davor haben, sie in die Zukunft zu führen: Das könnte das Erfolgsrezept für die Stadt der Zukunft mit zeitgenössischer Architektur sein – auch in Lichtenfels. Während man seit Jahren vom Erfolg des 3­D-Drucks in der Architektur theoretisch hört, wissen die Firmen hier, wie es praktisch geht. Die Tradition des Korbflechtens scheint für diese Technologie in gewisser Weise den Boden bereitet zu haben. Auch wenn die Weide vor dem Archiv der Zukunft aus statischen Gründen nun doch nicht 3­D­gedruckt wurde: Diese Technologie ist gerade dabei, den Bau zu revolutionieren. Und das ist dringend notwendig, denn so wie die Bauindustrie heute baut, wird sie das nicht mehr lange tun können. Egal ob Sand oder Kies, die Rohstoffe werden weltweit knapp. Ganz zu schweigen von dem enormen Energieaufwand, den es braucht, um sie in Baustoffe zu verwandeln, etwa den CO2­intensiven Beton.

Deswegen braucht die Architektur dringend Alternativen. Ökologisch nachhaltige Materialien wie Holz, aber auch Stroh und Lehm, immerhin die ältesten Baumaterialien überhaupt, müssen zum Standard werden und nicht mehr die Ausnahme bleiben. Das wird nur passieren, wenn endlich ehrlich gerechnet wird, sprich: Wenn zur Kostenberechnung der gesamte Lebenszyklus eines Baumaterials betrachtet wird und man sich ansieht, welche Umweltschäden es in diesem Zeitraum bewirkt. Heute noch billige Materialien werden dann schnell so teuer sein, wie sie der Umwelt heute schon kommen. Aber auch die Bauweisen selbst müssen sich ändern. Aktuell ist die Bauwirtschaft Ressourcenschlucker, Müllproduzent und Energieschleuder Nummer eins auf der Welt und damit einer der größten Klimasünder, die es gibt. Das könnte der 3­D-Druck ändern, verspricht er doch nicht nur weniger Arbeitskraft zu brauchen, sondern auch deutlich weniger Material und gleichzeitig weniger Müll zu produzieren. Wenn dieses Versprechen tatsächlich irgendwann einmal im großen Maßstab eingelöst wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass in Lichtenfels gerade ein Schaufenster für eine Technologie entsteht, das die Zukunft für uns alle zeigt. Wirklich keine schlechten Aussichten.

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In einer Kleinstadt kann ein Gebäude eine viel stärkere Strahlkraft erzeugen als in einer Metropole. Die Freiheit ist oft größer, weil der ökonomische Druck in der Regel kleiner, die Vorgaben weniger und das Engagement einzelner Akteure oft stärker ausgeprägt ist.

Das Bushäuschen des chilenischen Architekten Smiljan Radic ist aus Glas, die Kassettendecke aus schwarzem Beton. Es soll an eine gemütliche Stube erinnern, dazu passen die bäuerlichen Stühle.

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AUTORINNEN

Tatjana Krieger arbeitet als freie Wirtschaftsjournalistin in München. Sie beschäftigt sich mit den Umbrüchen in der modernen Arbeitswelt und wie sie unser Leben beeinflussen.

Laura Weißmüller ist seit 2009 Architekturredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“. Außerdem lehrt sie an der TU München Architekturkritik und spricht im Radio und auf Podien über Architektur und Stadtplanung.

Elisabeth Krainer ist freie Journalistin in München und schreibt für unterschiedliche

Zeitschriften über alles, was den Kulturkosmos so besonders macht: Menschen, Filme, Bücher, Feminismus und das Internet.

Luisa Filip ist freie Autorin, Sprecherin und Podcast­Moderatorin und lebt in Erlangen. Sie arbeitet u.a. für den Deutschlandfunk, den Podcast der AOK Bayern und das Archiv der Zukunft Lichtenfels.

FOTOGRAFIE

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Seite 10: Klaus Vyhnalek/vyhnalek.com

Seite 16: Hagen Ulbrich/hauptsachetiny.de, wirbauenzukunft.de

Seite 18: Daniel Zenker/neuehoefe.de

Seite 19–22: privat (8)

Seite 27: Manuel Rossner/ manuelrossner.com

Seite 28: Kylan Luginbühl, Basil Denereaz/ Journee.live

Seite 29: Koo Jeong A/koojeonga.com

Seite 30: Krista Kim/orbsystem.xyz

Seite 31: Meta Platforms/meta.com

Seite 32: Journee/zaha­hadid.com

Seite 33: Nadine Kolodziey/ nadinekolodziey.com

Seite 36: Kloeg008/dreamstime.com

Seite 37, 40: Hufton+Crow­View/alamy.com

REDAKTION UND TEXT

Julia Rothhaas

GESTALTUNG UND BILDREDAKTION

Herburg Weiland, München

Katharina Thaler, Daniel Ober

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KONZEPTION UND PROJEKTLEITUNG

Herburg Weiland, München

Yvonne Bauer

www.herburg­weiland.de

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