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Konversion der General-Wever-Kaserne

Andre Becker Dominik Steffens

Andre Becker Dominik Steffens


Der (Un-) r(H)eine rasterraUm f端r Den GesellscHaftlicHen WanDel

Konversion Der General-Wever-Kaserne

mastertHesis an Der msa (m端nster Wintersemester 2012/13 BetreUt DUrcH Professor KazU BlUmfelD-HanaDa

scHool of arcHitectUre) anDre BecKer DominiK steffens


ProloG

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GesellscHaftlicHer WanDel

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DemoGrafie miGration HaUsHalte UnD leBensformen freizeit moBilit채t enerGie PolitiK

rHeine

DemoGraPHie miGration WoHnen freizeit moBilit채t enerGie milit채riscHe BracHfl채cHen 2

9 19 27 35 41 49 57

65 69 75 81 89 95 101 107


General-WeverKaserne 113

Gr端ner G端rtel UnD emsaUen BestanD raster voiDs moDUle BeisPiel moDelle aUsstellUnG

anHanG

115 153 161 179 207 241 265 291

303

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U n s e r e aU f G a B e n s t e l lU n G Durch den technologischen Fortschritt, sowie politische und soziale Veränderungen, steht unsere Gesellschaft in einem stetigen Prozess des Wandels. Dieser hat logischerweise auch Auswirkungen auf unsere gebaute Umwelt. Früher wichtigen und viel genutzten/ gebauten Strukturen wie z.B. Kirchen, Kasernen oder verschiedenen Industriebauten droht der Leerstand oder Abriss. Ihr gesellschaftlicher Stellenwert hat im Laufe der Zeit abgenommen oder sie sind aus unterschiedlichsten Gründen unwirtschaftlich oder überlüssig geworden. Die Umnutzung dieser kulturell und bauhistorisch oft erhaltenswerten Bauten stellt einen wichtigen Aspekt in der Architektur und im Städtebau dar, da hier enorme Potenziale bestehen, die Umgebung mit neuen Angeboten zu versorgen und so Städte oder Quartiere an sich weiterzuentwickeln. In unserer Masterthesis möchten wir diese Prozesse am Beipiel der General-Wever-Kaserne in Rheine untersuchen und potenzielle, zukünftige Entwicklungen und Möglichkeiten aufzeigen. In der Analyse behandeln wir neben den Gründen der Schließung vor allem das Areal der General-Wever-Kaserne. Hier spielen Aspekte wie z.B. die Geschichte des Ortes, seine städtebauliche Struktur und die der Umgebung (der städtebauliche Zusammenhang) und der gesellschaftliche Kontext (Bevölkerungsstruktur, demograscher Wandel, etc.) eine wichtige Rolle. Basierend auf den Ergebnissen dieser Analysen werden unsere Ziele für eine neue Nutzung deiniert und daraufhin ein visionärer, konzeptioneller Entwurf zur Revitalisierung des Ortes und seine Einbindung in die Umgebung erarbeitet.

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ProloG

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GesellscHaftlicHer WanDel

„in der heutigen soziologie wird sozialer Wandel (...) als veränderung in der struktur eines sozialen systems deiniert. sozialer Wandel ist auf verschiedenen gesellschaftlichen ebenen zu beobachten, auf der makroebene der sozialstruktur und Kultur, auf der mesoebene der institutionen, korporativen akteure und Gemeinschaften, auf der mikroebene der Personen und ihrer lebensläufe. (...) ein exemplarischer fall sozialen Wandels ist der zusammenbruch der DDr, ihr Beitritt zur Bundesrepublik und die noch laufende transformation der neuen Bundesländer als folge des Beitritts. Hier inden wir das verschwinden einer ganzen Gesellschaftsordnung mit durchgreifenden folgen für den Wandel vieler institutionen und sozialer Gemeinschaften und für millionen von lebensläufen. mit dem Begrif des sozialen Wandels ist der Begrif der sozialstruktur eng verbunden. Beides sind elementare Grundbegrife der soziologie. als sozialstruktur werden z.B. strukturen sozialer Ungleichheit vergleichend

beschrieben: Haushaltseinkommen, Wohnverhältnisse, schichten und milieus, Bildung und ausbildung, Beruf und arbeit, Gesundheit, familien und lebensgemeinschaften usw., aber auch die institutionen der Wirtschaft, der sozialen sicherung, der Politik und der Kommunikation.“1 Diese Deinition zeigt den Umfang des sozialen oder auch gesellschaftlichen Wandels. Diesen umfassend zu analysieren und zu beschreiben würde den Umfang dieser arbeit bei Weitem sprengen. aus diesem Grund haben wir uns folgende Unterthemen herausgesucht, von denen wir denken, dass sie einen großen einluss auf den gebauten raum haben: Demograie, migration, Haushalte und lebensformen, freizeit, mobilität, energie und Politik. Diese werden nachfolgend in diesem Kapitel für Deutschland analysiert.

1 Weymann, Ansgar: Sozialer Wandel. Theorien zur Dynamik der modernen Gesellschaft, Weinheim/München, 1998


DemoGrafie


rücKBlicK leBenserWartUnG UnD sterBlicHKeit

Die Lebenserwartung in vorindustriellen Gesellschaften war kurz. Sie ist vor allem durch die Fortschritte in der Medizin seitdem stetig angestiegen. Kinder wurden in der damaligen Zeit in erster Linie als Arbeitskräfte und Alterssicherung angesehen. Heute haben sich die Lebensumstände vollkommen geändert, da sich der Lebensstandard von Familien mit der Geburt jedes Kindes verschlechtert und somit auch die Bereitschaft, Kinder aufzuziehen. Noch um 1700 betrug die Lebenserwartung für Neugeborene ungefähr 30 Jahre. Viele Kinder starben früh an Folgen schlechter Ernährung, Hygiene und medizinischer Versorgung. Die Lebenserwartung zu damaliger Zeit schwankte allerdings je nach regionalen und zeitlichen Verhältnissen stark. Gute Ernten und Frieden bedeuteten ein langes Leben, während Kriege und Seuchen oft den frühen Tod brachten. Um ca. 1750 begann die Lebenserwartung in Deutschland anzusteigen. Fortschritte in der Medizin und die verbesserte Ernährung sorgten im folgenden Jahrhundert für ein längeres Leben. Diese Fortschritte und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Lebenserwartungen waren und sind sehr langsam, was man daran erkennen kann, dass noch im Jahr 1875 Männer im Deutschen Reich über eine durchschnittliche Lebenserwartung von 35 Jahren und Frauen von 38 Jahren nicht hinauskamen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts sank die hohe Kindersterblichkeitsrate. Die Bevölkerung in Deutschland wurde jünger. Die Sterblichkeitsrate im mittleren Lebensalter sank zu Beginn des 20. Jahrhunderts, denn die Lebens- und Arbeitsbedingungen wurden allgemein verbessert und Epidemien konnten immer wirksamer bekämpft werden. Durch Verbesserungen in der Altersmedizin und die bessere inanzielle Versorgung älterer Menschen konnte die Sterblichkeitsrate älterer Menschen allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend reduziert werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg ist die Lebenserwartung auf ca. 60 (Männer) bzw. 63 Jahre (Frauen) angestiegen. In den 70er Jahren konnte man damit rechnen, dass Neugeborene schon 68 (Männer) bzw. 74 Jahre (Frauen) alt 12

werden. Zur Jahrtausendwende betrug die Lebenserwartung eines Neugeborenen schon 75 (Männer) bzw. 81 Jahre (Frauen). Die Zunahme der Lebenserwartung hat eine Alterung der Gesellschaft zur Folge. GeBUrten

Abgesehen von zeitlichen Schwankungen und regionalen Diferenzen in Mittelalter und der frühen Neuzeit gebar jede Frau im Gebiet der heutigen BRD durchschnittlich ca. sechs Kinder, also mehr als viermal so viele wie in der heutigen Zeit. Während die Sterblichkeit in Deutschland schon im 18. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert zunehmend stark sank, hielt sich die durchschnittliche Anzahl der Kinder pro Frau bis ca. 1875 konstant auf hohem Niveau. Die Geburtenrate stieg zeitweise sogar. Hierdurch gab es im 19. Jahrhundert eine wahre Explosion der Bevölkerungszahl. 1875 gab es durchschnittlich noch fast fünf Kinder pro Frau. Erst ab dann, also viel später als der Rückgang der Sterblichkeitsrate, begannen die Geburtenzahlen der Familien zurückzugehen. Sie sanken erst langsam, später immer schneller, zunächst nur im Bürgertum und hauptsächlich in der Stadt, nach dem Ersten Weltkrieg auch in ländlichen Gebieten bei Arbeitern und Bauern. Diese Entwicklung endete erst 1934. Zu dieser Zeit bekam jede Frau im Durchschnitt noch lediglich 1,8 Kinder. Dieser Rückgang der Geburtenzahlen war sehr viel stärker als die Abnahme der Kinderzahlen nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gab es schon weniger Neugeborene, als langfristig für eine konstante Bevölkerungszahl nötig gewesen wären. Um gleichbleibende Bevölkerungszahlen zu gewährleisten, sind in entwickelten Ländern 2,1 Kinder pro Frau nötig. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs änderten sich die Geburtenrate von knapp 2 Kindern pro Frau im Wesentlichen nicht. Nach dem Krieg wurden in vielen Ländern, auch in Deutschland, viele Geburten nachgeholt, welche im Krieg unmöglich gewesen wären. Außerdem kam es durch das Wirtschaftswunder und der allgemeinen optimistischen Grundstimmung zu einem starken Anstieg der Geburten, der auch als „Baby-Boom“ bekannt ist: Von 1952 bis 1965 stieg die Kinderrate in Westdeutschland von 2,1 auf 2,5 Kinder pro

Frau. Die Bevölkerungszahl stieg also wieder. Ende der 1960er Jahre bis Mitte der 1970er Jahre kam es zum sogenannten „Pillenknick“. In nur zehn Jahren entwickelte sich die Geburtenrate in Deutschland von 2,5 auf nur noch 1,4 Kinder pro Frau. Diese Rate ist bis heute konstant geblieben. Somit werden seit Mitte der 1970er-Jahre ein Drittel weniger Kinder geboren, als langfristig nötig wären, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten. Bis ca. 1975 gab es lediglich unwesentliche Unterschiede in der Geburtenentwicklung zwischen West- und Ostdeutschland. „Baby-Boom“ und „Pillenknick“ gab es auch in der DDR. Daraufhin förderte die Regierung der DDR die Bildung einer Familie jedoch stark. Dies wurde im Wesentlichen durch Maßnahmen wie z.B. bezahlte Freistellungen der Mütter von der Arbeit und Geldzuwendungen erreicht. Demzufolge stieg die Kinderrate in der DDR wieder auf 1,8 Kinder pro Frau zu Beginn der 1980er Jahre. Später blieb die Wirkung dieser Maßnahmen immer mehr aus, sodass zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung die Geburtenrate in Ostdeutschland fast wieder auf das Niveau von Westdeutschland sank. Um die zukünftige Geburtenentwicklung einzuschätzen und ihre Beeinlussbarkeit zu untersuchen, ist es sinnvoll sich die Ursachen der ersten beiden Geburtenrückgänge (1875-1925, 19651974) anzuschauen. Der Grund dieser beiden Geburtenrückgänge war jeweils eine Änderung der Lebensbedingungen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts werden die eigenen Kinder nicht mehr so stark als eigene Alterssicherung und Arbeitskräfte angesehen, wie zuvor. Auch die zuvor hohe Kindersterblichkeit, die die Eltern zwang viele Kinder zu gebären, war nicht mehr gegeben. Zuletzt kam es seit den 1960er Jahren zu einem Wertewandel (auch innerhalb der Kirche), der nicht mehr die maximale Kinderzahl, sondern eine verantwortungsvolle Elternschaft in den Vordergrund stellte. Weitere Gründe sind die veränderten, gegen Kinder sprechenden Lebensbedingungen: Die Berufswelt und der Wohnungsmarkt beispielsweise nehmen wenig Rücksicht auf Familien mit Kindern, deren Lebensstandard mit jeder Geburt eines Kindes sinkt. Somit ist die Bereitschaft, mehrere Kinder aufzuziehen geringer geworden. Der Name des zweiten Geburtenrückgangs („Pillenknick“) täuscht, da die


Verfügbarkeit der Pille den seit den 1960er Jahren entstandenen Wunsch, weniger Kinder zu haben, lediglich erleichterte. Die eigentlichen Ursachen dieses Geburtenrückgangs waren die veränderten Präferenzen der Bevölkerung, welche durch die Vermehrung des Wohlstandes, die die Selbstverwirklichung und die individuelle Autonomie gerade auch für Frauen wichtiger werden ließen, entstanden. Auch der damit verknüpfte Wunsch nach bezahlter Arbeit und die unzulänglichen Möglichkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren, ließen die Geburtenrate damals sinken. Auch dämpfte eine seit den 1970er Jahren anwachsende Zukunftsangst (wegen Risiken der Atomenergie, Umweltproblemen und militärischer Aufrüstung) den Wunsch nach Kindern. ein- UnD aUsWanDerUnGen

Nach dem Sterben eines Großteils der Bevölkerung während des Dreißigjährigen Krieges bemühten sich viele deutsche Fürsten die Bevölkerung ihrer Länder zu vergrößern. Sie unterstützten die Einwanderung (beispielsweise der Hugenotten) und untersagten das Emigrieren. Trotzdem wanderten im 18. Jahrhundert viele Menschen vor allem nach Osteuropa und Nordamerika aus. Erst zur Zeit Napoleons sank die Auswanderungsrate. Später stieg sie jedoch bis ca. 1850 wieder stark an, weil es für die stark zunehmende Bevölkerung außerhalb der sich nicht weiter entwickelnden Landwirtschaft wenig Arbeitsplätze gab. Die Industrialisierung und somit die Schafung neuer Arbeitsplätze war in Deutschland zu dieser Zeit noch kaum in Schwung gekommen. Hungersnöte wie zum Beispiel in den Jahren 1846/47 und die fehlgeschlagene Revolution von 1848 sorgten für eine Welle der Auswanderung. 1854 waren es 230 000 Menschen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Auswanderungsrate ab, da nun die Industrialisierung für mehr und mehr Arbeitsplätze sorgte. Bis zum Ersten Weltkrieg war Deutschland aber noch ein Auswanderungsland mit dem Hauptziel USA. Als dort jedoch 1890 die freie Besiedlung des Regierungslands nicht mehr erlaubt war, nahm die Auswanderung bis 1914 ab. Zeitgleich war Deutschland aber auch zu einem Einwanderungsland geworden, weil die Reichsgründung sowie die Reparationszahlungen nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich

von 1870/71 der Industrialisierung zu einem schnellen Aufschwung verhalfen. Viele Menschen aus ostdeutschen und polnischen Gebieten wanderten überwiegend ins Ruhrgebiet. Dies sieht man heute noch anhand der vielen polnischen Familiennamen in der Region. Zwischen den Weltkriegen war die Ein- und Auswanderung relativ ausgeglichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland zum Einwanderungsland. Mindestens fünf Zuwanderungswellen lassen sich diferenzieren: In der Nachkriegszeit sind etwa zwölf Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den zuvor deutschen Ostgebieten nach Deutschland gekommen, von denen ungefähr acht Millionen nach West- und etwa vier Millionen nach Ostdeutschland zogen. Bis zur Errichtung der Berliner Mauer im Sommer 1961 lohen ungefähr drei Millionen Menschen aus der Besatzungszone der Sowjetunion in die Bundesrepublik. In den späten 1950er Jahren und vor allem nach dem Mauerbau, kamen Gastarbeiter aus den Mittelmeerländern nach Deutschland. 1973, als ca. vier Millionen Ausländer nach Deutschland gekommen waren, ebbte diese Anwerbung ab. Vor allem gegen Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahren kamen mehr als zwei Millionen sogenannte Spätaussiedler aus Osteuropa und aus der Sowjetunion wieder nach Deutschland, wo sie das Recht auf Einbürgerung hatten. Außerdem wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg viele Asylbewerber und politische Flüchtlinge nach Deutschland ein, größtenteils in den 1980er und Anfang der 1990er Jahren. Über eine Million von ihnen lebt auch heute noch in Deutschland, der andere Teil ist weitergezogen oder ins Heimatland zurückgekehrt. Insgesamt sind in Deutschland seit 1950 insgesamt rund 9 Millionen Menschen mehr eingewandert als ausgewandert. Das entspricht einem jährlichen Wanderungsplus von knapp 200.000 Menschen. Deutschland hat sich also zu einem Einwanderungsland entwickelt. Sieben von zehn Einwanderern ziehen jedoch im Laufe der Zeit weiter. Anders als bei Geburten und Sterbefällen sind Wanderungen durch politische Handlungen und wirtschaftliche Veränderungen sehr leicht beeinlussbar und waren in der Vergangenheit folglich durch starke Schwankungen gekennzeichnet. Der Höhepunkt der

Einwanderung wurde nach der Wiedervereinigung und der Öfnung des eisernen Vorhangs erreicht. In dieser Zeit lag die jährliche Zuwanderung bei 700.000 - 800.000 Menschen. Seit 1993 fällt die Zahl der Zuwanderer, 2008 gab es sogar mehr Auswanderungen als Einwanderungen BevÖlKerUnGszaHl strUKtUr

UnD

alters-

Durch hohe Zuwanderungen und hohe Geburtenraten kam es zwischen Kriegsende und den 1960er Jahren zu einem schnellen Bevölkerungszuwachs: 1946 lebten lediglich 46 Millionen Menschen in Westdeutschland, 1966 waren es schon 59 Millionen. Diese schnelle Vermehrung ebbte mit der Zeit ab, da seit 1972 mehr Menschen in Deutschland sterben, als geboren werden. Durch die Einwanderung wurde aber trotzdem ein bescheidenes Wachstum erreicht. Nach der enormen Einwanderungswelle in den Jahren nach 1989/90 stagnierte die Bevölkerungszahl bei ca. 82.000.000 Menschen. Der oben beschriebene Baby-Boom sorgte für eine relativ junge Bevölkerung bis in die 1970er Jahre. In den 1980er und 1990er Jahren gab es folglich viele Menschen im erwerbsfähigen Alter. Dies stärkte die Wirtschaftskraft und folglich das Steueraufkommen und erhöhte die Renten für die relativ wenigen Rentner, trug allerdings ebenso zu einer hohen Arbeitslosigkeit bei. internationaler verGleicH

In der öfentlichen Diskussion spielen demograische Unterschiede zwischen Deutschland und anderen westlichen Ländern eine erhebliche Rolle. So werden immer wieder die höheren Geburtenraten Frankreichs und Schwedens oder die längere Lebenserwartung in den Mittelmeerländern erwähnt. Daraus entsteht nicht selten die Vorstellung, dass sich in den einzelnen Ländern unterschiedliche demograische Entwicklungen vollzogen hätten und heute ganz verschiedene demograische Verhältnisse herrschten. Ein Vergleich der demograischen Entwicklung verschiedener entwickelter Länder zeigt, dass - trotz höherer Geburtenraten in beispielsweise Frankreich und Schweden und einer höheren Lebenserwartung im Mittelmeerraum - in allen entwickelten Ländern gleiche demograische Entwicklungen eintraten und sich auch die aktuellen demograischen Situationen nicht sehr unterscheiden. 13


In den alten Industrienationen stieg die Lebenserwartung seit dem 18. Jahrhundert mit den Verbesserungen in der Nahrungsversorgung, den hygienischen Verhältnissen und der medizinischen Versorgung. Besonderheiten wie zum Beispiel der Pillenknick oder der Baby-Boom nach dem Zweiten Weltkrieg lassen sich ebenfalls in vielen dieser Länder beobachten. In Deutschland war dieser zwar etwas früher und heftiger als in anderen Ländern, insgesamt jedoch überwiegen hier ebenfalls die internationalen Analogien. In jedem dieser entwickelten Länder ist beispielsweise die Geburtenrate niedriger als die Sterberate. In den weniger entwickelten Ländern sind die Entwicklungen, die zuvor in Westeuropa und Nordamerika zu beobachten waren, jetzt auch zu erkennen. Die Lebenserwartung stieg rasch an. In einem Großteil der weniger entwickelten Länder werden Neugeborene derzeit durchschnittlich etwa 60 Jahre alt. In Mitteleuropa war dies erst kurze Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg der Fall. Ein Abfall der Geburtenraten ist in weniger entwickelten Ländern ebenfalls zu sehen. Jedoch ist dieser Prozess sehr unterschiedlich weit fortgeschritten. In Schwellenländern wie Brasilien, China, etc. liegt die Geburtenrate bei ca. 1,8 Kindern pro Frau, in ärmeren Ländern wie Afghanistan, Kamerun und Nigeria liegt der Wert auch heute noch bei ca. 5 Kindern pro Frau. Diese Diferenzen sind eng verbunden mit dem jeweiligen Entwicklungsstand. Je niedriger Bildungsniveau und Wohlstand eines Landes sind, desto mehr Geburten sind zu erwarten. Auch die Religion, die Politik und die speziische Situation des Landes haben Einluss auf die Geburtenzahl. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die erhöhten Lebenserwartungen ebenso wie die Geburtenrückgänge in den derzeitigen Entwicklungsländern sehr viel schneller geschehen, als zuvor in den heutigen hochentwickelten Ländern. Hier dauerte der Rückgang der Geburtenzahlen 50 bis 100 Jahre.1

1 vgl. http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138003/historischer-rueckblick?p=all

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a K t U e l l e s i t Uat i o n Die heutige demograische Situation in Deutschland ist durch folgende Punkte gekennzeichnet: - Seit über 30 Jahren ist die Geburtenquote konstant niedrig (1,4 Kinder pro Frau). - Die Lebenserwartung steigt immer weiter an (derzeitiger Stand: 83 Jahre für neugeborene Mädchen, 77 Jahre für neugeborene Jungen). - Der Wanderungssaldo ist rückläuig. Sowohl die Wegzüge der Ausländer als auch der Deutschen überwiegen. Bevölkerungswissenschaftler prognostizieren eine konstant bleibende Geburtenrate. Verbesserungen der Kleinkindbetreuung, die Einführung des Elterngeldes und ein Einstellungswandel hin zur Familie könnten sich zwar förderlich auswirken, trotzdem bekommen derzeit viele Frauen erst spät ihre Kinder, weil lange Bildungsgänge und Beruf mit der Familienplanung konkurrieren. Daher wird auch der Anteil der kinderlosen Frauen voraussichtlich steigen. Auch wenn die Geburtenrate gleich bleibt, wird die absolute Zahl der Geburten in Deutschland zukünftig stark abnehmen. Das Geburtendeizit, welches seit 1972 besteht aber anfangs nur gering ausiel, wird sich drastisch vergrößern, da immer mehr der nach dem Pillenknick herangewachsenen, geburtenschwachen Jahrgänge ins Elternalter kommen. Dieser sogenannte Altersstrukturefekt ist im Prinzip nicht mehr zu vermeiden, lediglich in sehr geringem Maße, durch politische Anreize abmildern. Auch die steigende Lebenserwartung und eine wieder zunehmende Einwanderung können diesen Efekt nicht aufangen. Die Lebenserwartung wird voraussichtlich etwas langsamer zunehmen als bisher. Eine Steigerung um etwa 11 Jahre, wie es in den letzten 50 Jahren geschehen ist, ist in den kommenden 50 Jahren nicht abzusehen, da es mit fortschreitendem Alter medizinisch als auch ökonomisch immer schwieriger wird, die Lebenserwartung zu verlängern. Der Wanderungssaldo wird in den kommenden Jahren voraussichtlich positiv ausfallen, allerdings ist mit weniger Zuwanderungen zu rechnen als im langjährigen Mittel zuvor. Man geht von einer (durch forcierte Anwerbung von Zuwanderern) erhöhten Zuwanderung aus.

BevÖlKerUnGsrücKGanG

Das zukünftige enorme Geburtendeizit wird trotz steigender Lebenserwartung und Migrationsgewinnen die Bevölkerung Deutschlands schrumpfen lassen. Das statistische Bundesamt rechnet bis zum Jahre 2060 mit einer Abnahme der Bevölkerungszahl auf 65 bis 70 Millionen. Entscheidend hierfür wird der zukünftige Verlauf der Zuwanderungen sein. Der Rückgang der Bevölkerung wird sozialpolitische und ökonomische Probleme zur Folge haben, wenn durch sinkende Zahlen von Arbeitskräften oder eine abfallende Nachfrage nach Konsumgütern die Wirtschaftsleistung abnimmt und gleichzeitig eine steigende Nachfrage nach staatlichen Dienstleistungen für ältere Menschen inanziert werden muss. Eine geschrumpfte Bevölkerungszahl könnte allerdings auch Entlastungen im Bereich der Infrastrukturerhaltung und der Schonung der natürlichen Ressourcen mit sich bringen. Der Schrumpfungsprozess wird regional sehr unterschiedlich auftreten. Für viele Ballungsräume Westdeutschlands beispielsweise werden steigende Bevölkerungszahlen prognostiziert, weil diese Agglomerationen Zuwanderer anziehen werden. Zudem werden ältere Menschen immer öfter vom ländlichen Raum in die Städte ziehen, da Ärzte, Geschäfte etc. besser zu erreichen sind. In ländlich geprägten Gebieten in Westdeutschland und vor allem in Ostdeutschland werden sehr viel weniger Menschen wohnen als heute. Aus diesem Grund werden diese Gemeinden mit Abwärtsspiralen zu kämpfen haben. Geschäfte, Schulen und Arztpraxen werden dort mangels Nachfrage schließen müssen. Verkehrsverbindungen werden wegen zu weniger Kunden stillgelegt werden müssen. Dies macht die Regionen unattraktiver für potentielle Neuansiedler. Auch Betriebe werden daraufhin ihren Standort verlagern, wodurch Arbeitsplätze verloren gehen. Energie- und Wasserversorgung sowie Entsorgungsdienste müssen teurer werden... Folglich werden immer mehr Menschen wegziehen. Um diese Entleerungsprozesse, die sich selbst verstärken, zu stoppen, müssen viele kreative Maßnahmen in Gang gesetzt werden. alterUnG

Noch problematischer sind für die


meisten Experten die Veränderungen in der Altersstruktur. Wenn zukünftig wesentlich weniger Kinder zur Welt kommen, als dies heute der Fall ist und gleichzeitig die Lebenserwartung weiter steigen wird, dann wird ein Großteil der Bevölkerung alt sein. Diese Überalterung wird zwischen 2040 und 2050 ihren Höhepunkt erreichen. Dann nämlich sind die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit allesamt im Rentenalter, die geburtenschwachen Jahrgänge ab den 1970er Jahren im Alter der Erwerbstätigkeit und deren wenige Kinder im Schulalter. Ab 2050 erst, wenn die geburtenstarken Jahrgänge gestorben sein werden, wird diese Überalterung wieder nachlassen. Dann werden alle Altersgruppen (Jung, Mittel, Alt) ungefähr gleich groß sein. Eine Alterspyramide, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen, wird es aber wohl nicht mehr wieder geben. Im Grunde wird die alternde Bevölkerung folgende vier Probleme bewältigen müssen: ältere erwerbstätige Erwerbstätige werden durchschnittlich immer älter werden, was zur Folge hat, dass die Erstausbildung von einer wachsenden Anzahl Arbeitender immer länger zurückliegen wird. Erfahrung wird somit allseits vorhanden sein, neu erworbenes Wissen wird dagegen knapp werden. Ob der Vorsprung an Erfahrung der älteren Erwerbstätigen deren eventuell sinkende Mobilität und Anpassungsfähigkeit ausgleichen kann, darf bezweifelt werden. Oft wird deshalb das Absinken der Arbeitsproduktivität prognostiziert. Die Alterung der Erwerbstätigen könnte angesichts des raschen ökonomischen und technischen Wandels somit Qualiikationsrückstände hervorrufen und immer öfter Weiterbildung zwingend nötig machen.

arbeitskräftemangel Die Anzahl der Menschen zwischen 20 und 65 Jahren wird deutlich zurückgehen, von zur Zeit etwa 50 Millionen auf 33–36 Millionen im Jahr 2060. Die Zahl verfügbarer Arbeitskräfte wird also schrumpfen. Geht man von einem konstant bleibenden Arbeitskräftebedarf aus, was empirisch gesehen anzunehmen ist, so werden Arbeitskräfte vielerorts knapp werden. Dass der Arbeitskräftemangel besonders unter Fachkräften groß sein wird, hat eigentlich mit dem demograischen

Wandel nicht viel zu tun, sondern eher mit der seit den 1990er Jahren ausgebliebenen Bildungsexpansion. Der Bedarf nach qualiizierten Fachkräften ist jedoch immer größer geworden. Da es in Zukunft immer weniger Menschen im mittleren Lebensalter geben wird, werden Nachlässigkeiten in der Bildung schneller und breiter spürbar, als dies bei konstanter Altersstruktur der Fall wäre. Generationengerechtigkeit Bei der Überlegung, wie man der demograischen Gefährdung der Sicherungssysteme am besten begegnen kann, geht es ebenfalls um die Belastungen der unterschiedlichen Generationen. Da in Deutschland die mittlere Generation für die ältere aufkommt, führt eine unveränderte Höhe der Sicherungsleistungen für eine wachsende Anzahl von älteren Menschen zu immer größer werdenden Belastungen der schrumpfenden mittleren Generation. Auch ein Übergang von diesem Verfahren zur Eigensicherung würde die mittlere Generation doppelt belasten, da sie sowohl höhere Sozialversicherungsbeiträge und Steuern für die Älteren als auch für sich selbst zu zahlen hätte. Demgegenüber werden Kürzungen von einem Großteil der Älteren als ungerecht empfunden und missbilligt werden. Der hieraus entstehende Interessenkonlikt zwischen den Generationen lässt sich kaum vermeiden und Zugeständnisse auf beiden Seiten werden die Folge sein: Die mittlere Generation muss inanziell stärker belastet werden und zugleich werden die Älteren in eine weniger komfortable Situation geraten. Wie groß diese Zugeständnisse sein werden, wird man abwarten müssen. Aufgrund des zunehmenden Gegensatzes der Interessen zwischen der zahlenden mittleren und der empfangenden älteren Generation, ist ein Konlikt zwischen den Generationen wahrscheinlich nicht zu verhindern. Hochbetagte Für unsere Gesellschaft wird ab etwa 2050 insbesondere neu sein, dass die Gruppe der Hochbetagten (80+) erstmalig einen beachtlichen Teil unserer Bevölkerung ausmachen wird. Die Älteren von morgen werden gebildeter, gesünder, aktiver sein und mehr Wert auf ihre individuelle Selbstverwirklichung legen als die heutigen Älteren. Das Altern wird den Charakter der gesamten Gesellschaft durchdringen. Die Nachfrage nach vielen Konsumgütern

wird beispielsweise abnehmen. Zahlreiche Dienstleistungen aber, vor allem im Gesundheitswesen, werden häuiger gefordert. Dies wird den Arbeitsmarkt sehr verändern. Die Gesamtkosten der Gesundheitssicherung und der Gesundheitsplege werden mit steigendem Anteil der über 70-Jährigen ebenfalls steigen. Es kommt also zu einer Verteuerung des Gesundheitssystems. Die Alterung der Gesellschaft hat aber auch positive Aspekte. Viele Ältere werden selbstständig leben und ihr Leben genießen können. Viele Aufgaben, die heutzutage die mittlere Generation erfüllt, wie zum Beispiel bürgerschaftliche Engagements in Schulen, Gemeinden, Familien, usw. werden zukünftig von kompetenten, aktiven, älteren Menschen ausgeübt werden können. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wird die Alterung der Gesellschaft nach und nach auch in Deutschland wieder abnehmen. Die Altersstruktur wird wieder ausgeglichener und damit werden sich in demselben Maße die oben genannten Probleme entschärfen. internationaler verGleicH

Die demograische Entwicklung und folglich die damit verbundenen Probleme, sowie die erforderlichen Schritte zur Bewältigung dieser Probleme sind in Deutschland nur unwesentlich gravierender als in den meisten anderen hochentwickelten Nationen. Es gibt zwar Unterschiede bezüglich der Lebenserwartung, diese halten sich aber in Grenzen. In keinem der entwickelten Länder ist die Geburtenrate so hoch, dass die Größe seiner Bevölkerung erhalten bleibt. Länder wie Frankreich, Schweden oder die USA kommen auch durch die hohe Geburtenrate der Migranten - immerhin in die Nähe der dafür benötigten Rate von 2,1 Kinder pro Frau. In Gesamteuropa, Nordamerika und Japan werden also im Prinzip vergleichbare Probleme wie in Deutschland im Zusammenhang mit dem Bevölkerungsschwund und der Alterung auftreten. Zum Teil werden sie etwas später auftreten (Spanien, Italien und osteuropäische Länder), zum Teil werden sie etwas sanfter verlaufen (Großbritannien, Frankreich, Skandinavien). Im Großen und Ganzen beinden sich diese Länder demograisch gesehen aber in derselben Situation. Dies hat zur Folge, dass sie sich demograisch höchstens kurz15


zeitig gegenseitig aushelfen können. Eine Entlastung beispielsweise durch Zuwanderungen ist in Westeuropa nicht und in Osteuropa nur noch in den nächsten Jahren zu erwarten. Viele Entwicklungsländer sind dagegen im Moment noch in der Verjüngungsphase. Es werden noch viele Kinder geboren und ein Großteil der Bevölkerung ist sehr jung. Die Altersstruktur dieser Länder ist spiegelbildlich zu der entwickelter Länder. Viele der weniger entwickelten Gesellschaften haben Schwierigkeiten, Bildungschancen und Arbeitsplätze für die zahlreichen jungen Menschen in ihrem Land bereitzustellen. Eine blühende Wirtschaft verschaft nur einigen Entwicklungsländern ausreichende Erwerbstätigkeiten für junge Menschen. Fortschritte auf diesem Gebiet werden jedoch oft wieder durch die hohen Geburtenraten gefährdet. Nichtsdestotrotz wird das Altern auch die Entwicklungsländer von heute in absehbarer Zeit erreichen, da in den meisten Entwicklungsländern die aktuellen Geburtenrückgänge sogar noch steiler abfallen, als die europäischen in der Vergangenheit. Prognosen der United Nations bezifern das Jahr, in dem die durchschnittliche Geburtenrate auf der gesamten Erde unter den für die Bestanderhaltung benötigten Wert von 2,1 Kinder pro Frau sinkt, auf 2050. Die Alterung wird dann also am Ende dieses Jahrhunderts wohl auch den meisten derzeitigen Entwicklungsländern Probleme bereiten. Diese werden vermutlich noch heftiger sein, als jene, die in naher Zukunft auf uns zukommen, da die Entwicklungsländer dann nicht mehr die Chance haben werden, Begleiterscheinungen der Alterung durch Zuwanderung von qualiizierten Arbeitskräften aufzufangen.1

1 vgl. http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138004/aktuelle-situation?p=all

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fa z i t U n D aU s B l i c K Die Veränderungen des demograischen Wandels sind in allen Bereichen unserer Gesellschaft spürbar. Wie alle Krisen birgt die demograische Entwicklung aber auch Chancen. Überschaut man die bisherigen als auch die kommenden Entwicklungen des demograischen Wandels, so kann man erahnen, wie folgenreich diese sind. Es wird kaum einen Bereich in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik geben, welcher hiervon nicht beeinlusst sein wird. Die große Aufmerksamkeit der Bevölkerung für den demograischen Wandel ist also verständlich. Die Bewertungen des demograischen Wandels gehen jedoch teilweise stark auseinander. Aufallend ist aber, dass - ungeachtet dieser auseinandergehenden Prognosen - in öfentlichen Debatten eine weitgehende Einigkeit im Hinblick auf viele nötige Maßnahmen besteht. Zum Beispiel müssen bessere Erwerbsmöglichkeiten für Ältere und Frauen geschafen werden. Gleichzeitig muss es erhebliche Ausweitungen und Verbesserungen des Bildungswesens geben. Die demograische Entwicklung setzt natürlich auch einen Wandel in unserer gebauten Umwelt in Gang. Diese muss sich den sich verändernden Bedürfnissen der alternden Gesellschaft anpassen. Die durch das Altern hervorgerufenen Einschränkungen in der Mobilität lassen eine Verdichtung zentraler Orte mit guter Infrastruktur und kulturellen Angeboten vermuten. Die Wohnverhältnisse werden neben der stetig voranschreitenden Individualisierung des Wohnens vor allem durch eine stetig wachsende Nachfrage nach altersgerechten Wohnformen geprägt sein. Betreutes Wohnen, Senioren-WGs oder Mehrgenerationen-Wohnkonzepte stehen beispielhaft für diese Entwicklung.2

2 vgl. http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138010/fazit


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rücKBlicK Gegen Ende der 1940er Jahre nahm der durch den Zweiten Weltkrieg verursachte Zuzug von Flüchtlingen ab. Als es, begründet durch das starke Wirtschaftswachstum, ab Mitte der 1950er Jahre nicht genügend Arbeitskräfte gab, begann Deutschland Arbeitskräfte aus anderen Ländern anzuwerben. Im Jahr 1955 wurde der erste dieser Anwerbeverträge mit Italien geschlossen. Später folgten ähnliche Abkommen mit Griechenland, Spanien (beide 1960), Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1967). Quantitativ war dieser Zuzug ausländischer Arbeitskräfte allerdings zunächst nicht von großer Bedeutung, da bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 der Bedarf an Arbeitskräften weitgehend mit übergesiedelten Menschen aus der DDR gedeckt werden konnte. Nach dem Mauerbau wurden jedoch ausländische Arbeitskräfte massig angeworben, sodass bereits 1964 der einmilllionste Gastarbeiter in Deutschland begrüßt werden konnte. Dieser wurde mit einem Motorrad beschenkt. Als Reaktion auf die Ölkrise, wurde 1973 ein Anwerbestopp verhängt. Zu dieser Zeit lebten ca. 4 Millionen Ausländer in Deutschland. Diese bis dahin angeworbenen Arbeitskräfte arbeiteten hauptsächlich in der Schwerindustrie, der industriellen Massenfertigung und dem Bergbau. Die Qualiikationsanforderungen für diese Arbeiten waren gering, was zur Folge hatte, dass auch der Qualiikationsgrad dieser Arbeiter dementsprechend niedrig war und sie sich im unteren Teil der Arbeitsmarkthierarchie einordneten. Die Anwerbung sollte aber nicht zu einer dauerhaften Niederlassung ausländischer Arbeitskräfte in Deutschland führen, sondern lediglich der Mangel während der Hochkonjunktur überbrückt werden. Viele Ausländer kamen auch aufgrund der oft befristeten Arbeitsverträge ohne Familie. Erst als sich die Aufenthaltsdauer verlängerte, wurden auch die Familien nach Deutschland geholt. Dieser Nachzug der Familien konnte die Rückwanderung vieler anderer Arbeitskräfte fast kompensieren. Folglich war die Zahl der ausländischen Bevölkerung nur schwach rückläuig. Einen deutlichen Rückgang gab es allerdings bei der Zahl der ausländischen Sozialversicherungsplichtigen (von 2,5 Millionen 1973 auf 1,6 Millionen 1985). 22

In den 1980er Jahren war die Einwanderungsquote gering und teilweise kleiner als die Auswanderungsquote. Anfang der 1990er Jahre allerdings stieg die Zuwanderung wieder enorm an. Vor allem der Fall des Eisernen Vorhangs und der Krieg im damaligen Jugoslawien, aber auch die Entwicklung im kurdischen Teil der Türkei waren die Gründe für diesen Anstieg. Zu dieser Zeit erreichte der Zuzug von Aussiedlern und Asylbewerbern ebenfalls seinen bisherigen Höhepunkt. Nach der deutschen Wiedervereinigung verbreitete sich eine ausländerfeindliche Grundstimmung im Land, welche zahlreiche Ausschreitungen gegen Ausländer zur Folge hatte, bei denen es auch Todesopfer gab. Als Mitte der 1990er Jahre dann die Zuwanderungszahlen wieder stark abielen, endeten vorläuig auch die gewalttätigen Übergrife. 1997 und 1998 gab es sogar eine negative Wanderungsbilanz. Insgesamt verlor die Wanderung an Dynamik. Also sowohl Einwanderungen als auch Auswanderungen nahmen ab. Zwischen 1996 und 2008 verringerte sich die Zahl der Ausländer von 7,5 Millionen auf 7,2 Millionen. Dies lag zum Teil an Einbürgerungen und der Erleichterung die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Darum unterscheidet sich die Zahl der ausländischen Bevölkerung stark von der Zahl tatsächlich Zugewanderter. 2008 hatten ca. 19 Prozent der Bevölkerung, also etwa 15,6 Millionen Menschen, einen Migrationshintergrund, von denen ungefähr die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen. Die größten Teile der ausländischen Bevölkerung stammten im Jahr 2008 aus der Türkei (ca. 25 Prozent), Italien (7,8 Prozent) und Polen (5,9 Prozent). Die Zahl der Aussiedler, also der deutschstämmigen Personen aus ehemals - also vor dem Zweiten Weltkrieg - deutschen Gebieten, blieb aufgrund des Eisernen Vorhangs erst gering. 1990 wurde der Höhepunkt des Aussiedlerzuzuges hauptsächlich aus der ehemaligen Sowjetunion erreicht. Dies war auch in den darauf folgenden Jahren so, jedoch nahm die Anzahl stetig ab - von insgesamt 397.000 Aussiedlern 1990, auf unter 5.000 im Jahr 2008. Von der Möglichkeit in Deutschland Asyl zu beantragen machte bis in die 1970er Jahre kaum jemand Gebrauch. Einen ersten Höhepunkt gab es 1980/81, als mehr als 100.000 Mal das Asylrecht aus der Türkei (Militärputsch) und Polen (Verhängung des Kriegs-

rechts) beantragt wurde. Den bisherigen Höchstwert an Asylanträgen gab es jedoch im Jahr 1992 mit 438.000 Anträgen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. 80 Prozent aller Asylanträge in Westeuropa wurden in Deutschland gestellt, was wohl auf das hier weit gefasste Asylrecht zurückzuführen ist. Daraufhin erfolgte eine Anpassung dieses Rechts und es wurde an die Asylrechte der anderen Schengen-Länder angepasst. Da es nun nicht mehr möglich war, Asyl aus sicheren Drittländern zu beantragen, ging die Zahl der Anträge deutlich zurück. 1998 waren es wieder weniger als 100.000 Anträge, 2008 ca. 20.000. Die Anerkennung des Asylrechts schwankte sehr stark. Anfangs wurden ca. 80 Prozent der Anträge bewilligt, während der 1990er Jahre lag die Anerkennungsquote bei lediglich drei bis sieben Prozent der Erstanträge. 2008 waren es wieder 67,5 Prozent. Von der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sind die Asylbewerber so gut wie ausgeschlossen. Dies hat damit zu tun, dass man ihnen keine wirtschaftlichen Anreize schafen möchte, somit bleibt ihnen eine Erwerbstätigkeit verwehrt. Die EU plant jedoch europaweit eine Arbeitserlaubnis nach einem sechsmonatigen Aufenthalt einzuführen. 1

1 vgl. http://www.bpb.de/politik/ grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138012/geschichte-der-zuwanderung-nach-deutschland-nach-1950?p=all


a K t U e l l e s i t Uat i o n 2006 erreichte die Zuwanderung mit etwa 662.000 Zuzügen den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung. In den folgenden Jahren gab es wieder einen Anstieg: Von 2009 auf 2010 betrug dieser fast elf Prozent was in 798.000 Zuzüge im Jahr 2010 resultierte. Fortzüge blieben dagegen vergleichsweise konstant. Diese stiegen zwischen 1997 (600.000) und 2008 (755.000) leicht an. Teilweise ist dieser Anstieg jedoch auf die Bereinigung des Melderegisters in den Jahren 2008 und 2009 zurückzuführen. Hauptherkunftsland der Zuwanderer war im Jahr 2010 erneut Polen mit 126.000 Zuzügen aber auch 103.000 Fortzügen. Weiter angestiegen ist die Zahl der Zuzüge aus Bulgarien, welche sich seit 2006 etwa verfünfacht haben und Rumänien, wo sich die Zahl der Zuzüge in den letzten Jahren, vor allem nach dem EU-Beitritt, verdreifacht hat. Diesen beiden Ländern gegenüber war folglich auch ein klarer Wanderungsüberschuss zu beobachten. Dagegen ist die Wanderungsbilanz zur Türkei seit 2006 negativ. Im Falle der ehemaligen Anwerbestaaten Spanien, Griechenland und Italien sind die Wanderungsbilanzen in den letzten Jahren wieder ins Positive gestiegen. Der Frauenanteil ist bei den Zuzügen (40 Prozent) wie auch bei den Fortzügen (39 Prozent) geringer als der Anteil der Männer, was allerdings schon auch in der Vergangenheit der Fall war. Bei einzelnen Herkunftsländer ist allerdings schon ein deutlich erhöhter Frauenanteil zu beobachten. Hierzu gehören Thailand mit 76 Prozent, die Ukraine mit 66 Prozent und Russland mit 63 Prozent. Andere Länder weisen einen sehr hohen Männeranteil auf. Dieser ist z.B. bei Algerien (80Prozent), Ungarn (76 Prozent), Kroatien (75 Prozent), dem Libanon (74 Prozent), Indien (70 Prozent) und Afghanistan (68 Prozent) zu beobachten. Im Folgenden sind die Entwicklungen der einzelnen Migrationsgruppen dargestellt: eU-Binnenmigration Im Jahr 2010 sind insgesamt 398.451 Menschen aus EU-Ländern nach Deutschland gezogen. Das ist ein Anteil von 49,9 Prozent an der Gesamtzuwanderung. Fortgezogen sind im gleichen Jahr 303.825 Unionsbürger, das sind 45,3 Prozent der Gesamtabwanderung. Insgesamt gab es demnach im Jahr

2010 eine positive Wanderungsbilanz von +94.626 Zuwanderungen zwischen Deutschland und den anderen 26 EU-Staaten. Im Vergleich zu 2009 (+14.457) ist die Zuwanderung abzüglich der Abwanderung deutlich angestiegen.

dium in Deutschland begannen, stieg im Jahr 2010 wieder an. Im Vergleich zum Jahr 2009 gab es eine Zunahme von neun Prozent, was insgesamt etwa 66.400 zugewanderten Studierenden entspricht. Dies ist der bislang höchste Wert, der verzeichnet werden konnte.

familiennachzug Der Nachzug der Familien von Drittstaatsangehörigen - das sind weder EU-, noch EWR-Bürger, noch Schweizer - hält sich seit 2007 auf einem mehr oder weniger konstanten Niveau. 2010 wurden 40.210 Visa für Ehegatten- und Familiennachzügler genehmigt. Die Zahl der Nachzügler aus der Türkei war rückläuig, während der Familiennachzug aus Indien anstieg.

abwanderung von Deutschen Nach einem Anstieg der Fortzüge von Deutschen ist in den letzten Jahren (2009 und 2010) ein Rückgang fortziehender Deutscher zu beobachten. 2010 waren es noch 141.000 Menschen. Im Vorjahr waren es 9 Prozent mehr. Die Zahl der zurückkehrenden Deutschen nahm gleichzeitig zu, was zur Folge hatte, dass der Wanderungsverlust innerhalb eines Jahres um ungefähr ein Drittel sank. Seit 2004 ist die Schweiz das Hauptziel deutscher Auswanderer. Hierhin zog es in 2010 etwa 22.000 deutsche Staatsangehörige. 2009 waren es noch 25.000.

asylbewerber Die Zahl der Asylbewerber ist weiter angestiegen. Im Jahr 2010 wurden 41.332 Asylerstanträge eingereicht, was einem Anstieg um knapp 50 Prozent im Vergleich zu 2009 entspricht. Herkunftsländer mit den meisten Zuwanderern waren Afghanistan, Irak und Serbien. Die Zahl der Asylerstanträge von Serben hat sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als versiebenfacht. spätaussiedler Die Zuwanderung von Spätaussiedlern war weiter rückläuig. Nachdem in 2001 nahezu 100.000 Spätaussiedler mit ihren Familien nach Deutschland kamen, waren es in 2010 noch lediglich 2.350 Menschen, was den niedrigsten Wert seit Beginn der Aussiedleraufnahme im Jahr 1950 darstellt. arbeitsmigration Im Krisenjahr 2009 war die Zahl der zugewanderten ausländischen Fachkräfte rückläuig, stieg im folgenden Jahr in einigen Bereichen der Arbeitsmigration allerdings wieder an, zum Teil deutlich. Insgesamt stieg die Zahl im Jahr 2010 um 13 Prozent auf ca. 28.000. Als Hauptherkunftsländer sind hier insbesondere Indien, China und die Vereinigten Staaten zu erwähnen. Die Zahl der saisonalen Arbeitnehmer blieb relativ konstant bei ungefähr 295.000. Die größte Gruppe kommt hier aus Polen, diese nimmt aber schon seit 2004 ab. Demgegenüber hat sich die Zahl der Saisonarbeiter aus Rumänien seit 2001 fast verzehnfacht. Bildungsausländer (ausländische studienanfänger) Die Zahl der Ausländer, welche ihr Stu-

eUroPäiscHer verGleicH

Vergleicht man Deutschland mit anderen europäischen Ländern, so kann man erkennen, dass Deutschland nach wie vor ein Hauptzielland von Migranten ist und in den letzten beiden Jahren seine Attraktivität noch steigern konnte. In den Jahren 2006 bis 2008 war Spanien das Hauptaufnahmeland, hier ist in den letzten Jahren aber eine starke Abnahme zu beobachten. Innerhalb von drei Jahren hat sich Spaniens Zuwanderung fast halbiert (von ca. 958.000 Zuzügen in 2007 auf ca. 465.000 Zuzüge in 2010). Gleichzeitig sind die Fortzüge deutlich angestiegen, was stark mit der wirtschaftlichen Situation des Landes zusammenhängt. Eine hohe Zuwanderung gibt es auch im Vereinigten Königreich und in Italien. BevÖlKerUnG mit miGrationsHinterGrUnD

Menschen mit Migrationshintergrund sind laut Statistischem Bundesamt „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“.1 Diese Personengruppe umfasste im Jahr 2010 ca. 16 Millionen Menschen. Das sind ungefähr 1 http://de.statista.com/the men/380/migrationshintergrund/ 23


20 Prozent der Gesamtbevölkerung. In der Altersgruppe der jungen Kinder (< zehn Jahre alt) hat sogar etwa ein Drittel einen Migrationshintergrund. Während der Ausländeranteil seit 2005 auf einem relativ konstanten Niveau blieb, stieg im gleichen Zeitraum der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund. 45 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe besitzt eine ausländische Staatsangehörigkeit, während 55 Prozent Deutsche sind. Etwa zwei Drittel sind selbst nach Deutschland eingewandert - dies ist die erste Generation- während ca. ein Drittel in zweiter Generation in Deutschland lebt, also hier geboren wurde. erfaHrUnGen von mUslimen

Um das Lebensgefühl der muslimischen Zuwanderer in der deutschen Gesellschaft zu begreifen, wurde ein Teil der muslimischen Bevölkerung auf mögliche Erfahrungen von Isolation, Ausgrenzung, und Diskriminierung und ihre Reaktion darauf befragt. Die Befragten wurden gebeten einzuschätzen, ob in der deutschen Bevölkerung grundsätzlich eine ablehnende Einstellung gegenüber Muslimen bestehe. 70,8 Prozent, also mehr als zwei Drittel empinden in Deutschland die Ablehnung als „ganz stark” bis „teilweise”. Knapp ein Drittel (32,1 Prozent) führt an, unlängst selbst in Kontakt mit Ausländerfeindlichkeit gekommen zu sein. Diese Ergebnisse werden auch durch ähnliche Befragungen z.B. des Essener Instituts für Türkeistudien (ZfT) untermauert, in denen türkische Zuwanderer angaben, dass sie sich in ihrem Alltagsleben ungleich den Deutschen behandelt fühlen.

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fa z i t U n D aU s B l i c K Trotz des 2007 erarbeiteten Nationalen Integrationsplans ist der aktuelle Stand der Integration von Zuwanderern nicht zufriedenstellend. Dies hat auch noch mit der in der Vergangenheit lange andauernden Nichtanerkennung der Zuwanderung zu tun. Nach wie vor gibt es erhebliche Unterschiede bei Zuwanderern und Menschen mit Migrationshintergrund beim Fortschritt ihrer Integration. Die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, zu der es zwischen 1955 und dem Anwerbestopp 1973 kam, sollte nicht zu einer längerfristigen Niederlassung dieser Arbeitskräfte führen. So wurde die Zuwanderung strikt an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes rückgebunden. Nach Ende der wirtschaftlichen Hochphase sollten sie wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Auch als Mitte der 1970er Jahre fest stand, dass Deutschland zu einem sehr bedeutenden Einwanderungsland in Europa geworden war, wurde dies von politischer Seite lange nicht anerkannt. Diese Nichtanerkennung der Zuwanderung hatte Auswirkungen auf die Integration der Gastarbeiter. Aufgrund der unklaren Lage der ausländischen Arbeitskräfte förderte die Industrie ihre Aus- und Weiterbildung nicht. Auch Integrationsmaßnahmen blieben zumeist nur kleine Modellprojekte. Erst im Jahr 2007 mit dem Nationalen Integrationsplan erfolgte ein klares Bekenntnis zur Integration und es wurden Mittel auf den Weg gebracht, um die Integration des auf rund 15 Millionen Menschen angewachsenen Bevölkerungsteils mit Migrationshintergrund zu fördern. Insgesamt betrachtet kann der derzeitige Stand der Integration nicht als zufriedenstellend betrachtet werden. Es gibt eine deutliche Diskrepanz in der Bildungsstruktur, der wirtschaftlichen Situation und der Erwerbsbeteiligung zwischen Menschen mit und Menschen ohne Migrationshintergrund. Dass die Unterschiede in der Erwerbstätigkeit nicht nur auf die Diferenzen im Bildungsniveau zurückzuführen sind, zeigt sich daran, dass auch qualiizierte ausländische Arbeitskräfte öfter erwerbslos sind oder eine niedrigere Erwerbstätigkeit ausführen, als die entsprechenden Gruppen ohne Migrationshintergrund. Die heutigen Integrationsregelungen unterscheiden sich kaum noch von den Regelungen anderer westeuropäischer

Länder. Zu bemängeln ist allerdings die sehr späte Anpassung dieser Regeln an die europäischen Nachbarländer. Entsprechend sind Integrationserfolge in Deutschland im Moment kleiner als teilweise in anderen Ländern. Pauschalisierungen sollten aber vermieden werden, da die Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund keine homogene Gruppe ist und sie in allen gesellschaftlichen Kreisen zu inden ist, wenngleich in einer anderen Verteilung als dies bei der übrigen Bevölkerung der Fall ist. Für Teile der Politik und der Gesellschaft war es schwer anzuerkennen, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist. Immerhin wird Zuwanderung heute kaum noch pauschal in Frage gestellt, aber besonders die Integrationsbereitschaft einiger Gruppen, insbesondere der Gruppe der muslimischen Zuwanderer, wird immer wieder hinterfragt. Angebote zur Integration müssen sich aber an alle Zugewanderten richten. Ziel muss es sein, eine chancengleiche Teilnahme von allen in Deutschland lebenden Menschen, unabhängig von der Religion oder dem Herkunftsland zu ermöglichen. Wenn dies langfristig nicht erreicht wird, kann man davon ausgehen, dass sich Spannungspotentiale verschlimmern und Konlikte um Ressourcen wie Arbeit, sozialer Status und Einkommen zunehmen. Für Deutschland ist die Entwicklung zur Einwanderungsgesellschaft alternativlos. Erstens kann die vergangene Zuwanderung nicht wieder rückgängig gemacht werden und zweitens sind wir auch in Bezug auf den zukünftigen demograischen Wandel auf eine verstärkte Zuwanderung angewiesen, damit unsere Gesellschaft nicht schrumpft und wir den erreichten Lebenstatus erhalten können. Allein schon die Alterung der Bevölkerung wird dazu führen, dass der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund wächst, weil diese Gruppe in den oberen Altersgruppen im Moment unterdurchschnittlich vertreten ist. Die Abnahme der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird mittelfristig zu einem Fachkräftemangel in den oberen Teilen des Arbeitsmarktes führen. Auch die immer weiter fortschreitende Globalisierung führt zu einer Internationalisierung weiter Teile des Arbeitsmarktes.1 1 vgl. http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138021/bewertung-und-ausblick


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rücKBlicK Dass die Haushaltsgrößen immer kleiner werden, ist eine Entwicklung, die schon seit sehr langer Zeit kontinuierlich ihren Lauf nimmt. Sie begann mit der Industrialisierung und ist seit Beginn der statistischen Erfassung Ende der 1950er Jahre nachweisbar. Eine Besonderheit dieser Entwicklung stellt die Zunahme der Einpersonenhaushalte dar. Diese stellen seit mehr als dreißig Jahren die größte Gruppe dar und ihr Anteil nimmt kontinuierlich zu. Haushalte mit drei und mehr Personen nehmen dagegen beständig ab. Die Ursachen für diese Entwicklung sind unterschiedlich. Vor allem wurde die Haushaltsgrößenentwicklung durch die demograischen Faktoren beeinlusst. Das sind zum einen die Abnahme der Geburtenrate, wobei es hier zwei besonders heftige Rückgänge in den Jahren 1875-1925 und 1965-1974 gab, zum anderen die immer weiter steigende Lebenserwartung. Diese beiden Entwicklungen haben Anteil am Abfallen der durchschnittlichen Haushaltsgröße gehabt, da eben weniger Kinder pro Ehepaar und auch die Zunahme älterer Menschen, welche zumeist in Ein- oder Zweipersonenhaushalten leben, Einluss auf die durchschnittliche Haushaltsgröße haben. Des Weiteren spielte die abnehmende Tendenz zum Heiratsverhalten und Familiengründungsprozessen eine bedeutende Rolle für die durchschnittliche Haushaltsgröße.

a K t U e l l e s i t Uat i o n HaUsHalte

Privathaushalte Von 1991 bis 2010 ist die Zahl der Privathaushalte in Deutschland um etwa 14 Prozent gestiegen und liegt bei gut 40 Millionen. Die Bevölkerung ist zur gleichen Zeit allerdings nur um etwa zwei Prozent gestiegen. Aufgrund dieses überproportionalen Anstiegs der Haushalte im Vergleich zur Bevölkerung, ist festzustellen, dass die durchschnittliche Anzahl der Menschen, die zusammen in einem Haushalt leben gesunken ist: Im Jahr 1991 lebten noch durchschnittlich 2,27 Menschen in einem Haushalt, während es 2010 nur noch 2,03 Personen waren. Vergleicht man West- und Ostdeutschland miteinander, so ist eine gegenläuige Entwicklung zu beobachten: Im früheren Bundesgebiet ohne Berlin-West ist die Bevölkerung gegenüber 1991 gestiegen. 2010 lebten dort 65,5 Millionen Menschen; das waren ca. sechs Prozent mehr als nach dem Mauerfall. Dieser Bevölkerungszuwachs war gleichzeitig mit einer Zunahme der Privathaushalte verbunden. Sodass es 2010 im Westen Deutschlands ungefähr 31,7 Millionen Privathaushalte gab, was einem Zuwachs von gut 15 Prozent entspricht. Die durchschnittliche Haushaltsgröße sank also von 2,26 Personen in 1991, auf nur noch 2,07 Personen in 2010. Im Gegensatz dazu ist in Ostdeutschland seit 1991 eine Abnahme der Bevölkerung zu beobachten: In diesem Zeitraum ist die Bevölkerungszahl um 10 Prozent gefallen. 2010 lebten hier noch 16,3 Millionen Menschen. Die Anzahl der Privathaushalte ist allerdings angestiegen: Im Jahr 2010 gab es hier gut 8,6 Millionen Privathaushalte und damit 10 Prozent mehr als im Jahr 1991. Diese Entwicklung zeigt sich natürlich ebenfalls in der durchschnittlichen Personenzahl pro Haushalt: Diese lag 1991 bei 2,31 Personen und 2010 bei 1,88 Personen. Kleine Haushalte Mit dem Anstieg der Zahl der Haushalte kam es auch zu einer Strukturverschiebung zugunsten kleinerer Haushalte. Als kleine Haushalte gelten in diesem Zusammenhang Haushalte mit einer oder zwei Personen. Ihr Anteil an allen Haushalten in Deutschland ist seit der Wiedervereinigung um ca. 11 Prozentpunkte gestiegen;

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Waren 1991 noch rund 65 Prozent aller Haushalte in Deutschland Ein- und Zweipersonenhaushalte, so lag ihr Anteil 2010 schon bei gut 74 Prozent. Insbesondere die Einpersonenhaushalte haben zu dieser Entwicklung mit einem Anstieg ihres Anteils um knapp sieben Prozentpunkte auf gut 40 Prozent beigetragen. Dieser lag 1991 noch bei 34 Prozent. Der Anteil der Zweipersonenhaushalte stieg dagegen nur leicht an. Gegensätzlich entwickelte sich der Anteil der Haushalte mit drei und mehr Personen. Er sank im gleichen Zeitraum um zehn Prozentpunkte und lag 2010 bei gut einem Viertel. Diese Tendenz ist in ganz Deutschland zu sehen – im Osten allerdings stärker ausgeprägt als im Westen. Die Entwicklung zu immer kleineren Haushalten zeigt sich auch in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen. Hier lag der Anteil der Einpersonenhaushalte bei 52 Prozent. Somit ist in diesen drei Bundesländern also mehr als die Hälfte der Haushalte ein Singlehaushalt. In diesen drei Bundesländern nimmt sogar der Anteil der Zweipersonenhaushalte leicht ab. Haushalte am nebenwohnsitz 76 Prozent aller 625 000 Haushalte am Nebenwohnsitz waren 2010 Singlehaushalte, hier war ihr Anteil logischerweise noch deutlich höher als am Hauptwohnsitz (ca. 40 Prozent). Der Grund hierfür dürften die vielen Pendlerwohnungen am Ort des Arbeitsplatzes sein. Der bisherige Wohnsitz ist weiterhin Familienwohnsitz und Ort des Lebensmittelpunktes. Diese Vermutung wird auch dadurch bekräftigt, dass anteilsmäßig deutlich mehr Menschen, die einen Singlehaushalt am Nebenwohnsitz haben, berufstätig sind, als Menschen, die einen Singlehaushalt am Hauptwohnsitz haben. Insgesamt betrachtet führt der anhaltende Trend zu kleineren Haushalten zu einem Anstieg der benötigten Wohnläche. Je weniger Personen einem Haushalt angehören, desto mehr Wohnläche pro Person wird benötigt. zwei- und mehrgenerationenhaushalte Die Generationenstruktur der Haushalte ist von fundamentaler Bedeutung für das Heranwachsen und die Betreuung von Kindern sowie die Fürsorge älterer Menschen. 2010 waren knapp ein Drittel der Haushalte in Deutschland Mehrgenerationenhaushalte, größtenteils Zweigenerationenhaushalte da nur in


ca. zwei Prozent der Mehrgenerationenhaushalte drei oder mehr Generationen zusammenlebten. Im Vergleich zu 1991 hat der Anteil der Mehrgenerationenhaushalte um ca. zehn Prozentpunkte abgenommen (1991: 39 Prozent, 2010: 29 Prozent), wesentlich stärker allerdings in Ostdeutschland als im Westen. seniorenhaushalte Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und des immer öfter ausgedrückten Wunsches im Alter selbstständig in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus zu leben, ist die Zahl der Seniorenhaushalte gestiegen. Hierzu zählen Haushalte, in denen lediglich Personen, die älter sind als 65 Jahre, leben. Innerhalb der letzten 20 Jahre ist der Anteil dieser Haushalte von 20 Prozent auf 24 Prozent gestiegen. In sechs Prozent der Haushalte lebten Ältere mit Jüngeren zusammen. Somit lebte in knapp einem Drittel aller Haushalte in Deutschland mindestens eine Person im Alter von über 65 Jahren. Diese Entwicklungen sind in Ost und West nahezu identisch. leBensformen

Da die Entwicklung der Privathaushalte und die Veränderungen der Haushaltsgrößen überwiegend durch die vorherrschenden Beziehungsgefüge bestimmt werden, sollen diese verschiedenen Lebensformen im folgenden betrachtet werden. Die Lebensformen der Bevölkerung werden wie folgt unterschieden: Paare (Ehepaare und Lebensgemeinschaften) mit und ohne Kinder, Alleinerziehende mit Kindern sowie alleinstehende Personen ohne Kinder und Alleinlebende. ehepaare Im Jahr 2010 gab es in Deutschland 18,2 Millionen Ehepaare, vier Fünftel davon im Westen. Seit 1996 ist die Zahl der Ehepaare um ca. sieben Prozent gesunken. Im Osten war der Rückgang mit 16 Prozent deutlich stärker ausgeprägt als im Westen. In sieben Prozent der Ehen besitzen beide Ehepartner eine ausländische Staatsangehörigkeit, in weiteren sieben Prozent nur ein Ehepartner. In dieser Gruppe waren bei deutschen Ehemännern türkische Frauen am meisten vertreten, gefolgt von Südostasiatinnen, Polinnen und Russinnen. Deutsche Frauen haben, falls sie mit einem ausländischen Mann verheiratet sind,

meistens einen Türken, Italiener oder Österreicher zum Mann. lebensgemeinschaften Seit 1996 ist die Zahl der Lebensgemeinschaften um 44 Prozent gestiegen, also auf 2,6 Millionen in 2010. Dieser rasante Anstieg ist im Westen Deutschlands etwas stärker ausgeprägt als im Osten. In den Stadtstaaten stieg diese Gruppe im gleichen Zeitraum nur um 19 Prozent. Knapp 98 Prozent der Lebensgemeinschaften waren im Jahr 2010 nichteheliche Lebensgemeinschaften. Meistens bestehen diese Lebensgemeinschaften aus zwei ledigen Personen. Deutlich dahinter folgen Gemeinschaften aus zwei geschiedenen Partnern (zehn Prozent dieser Gruppe), aus einem geschiedenen und einem ledigen Partner (jeweils sieben Prozent) und aus zwei verwitweten Partnern (zwei Prozent). Im Jahr 2010 wurde die Zahl der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften zwischen 184.000 und 63.000 geschätzt. 57 Prozent davon wurden von Männern geführt. Trotz der bescheidenen Aussagekraft dieser Werte, zeigt sich gegenüber 1996 ein Anstieg. alleinerziehende Auch die Gruppe der Alleinerziehenden wird immer größer. Allein von 1996 bis 2010 stieg ihr Anteil um 19 Prozent an. Dabei hatten ca. 60 Prozent dieser Gruppe unter 18-jährige Kinder. Diese Werte beziehen sich auf die knapp 1,6 Millionen Alleinerziehenden, die zumindest ein im selben Haushalt lebendes minderjähriges Kind haben. 90 Prozent hiervon waren im Jahr 2010 Frauen. 1996 waren es noch 87 Prozent. Seit 1996 ist der Anteil der Frauen in Ost und West leicht angestiegen. Allerdings sind die alleinerziehenden Mütter im Osten etwas jünger als im Westen, da sie früher Kinder bekommen. Der häuigste Grund für den Wechsel in den Alleinerziehendenstatus ist die Scheidung einer Ehe. In 2010 war dies bei ca. 43 Prozent der Alleinerziehenden der Fall. alleinstehende Alleinstehende sind hier alle Personen, die ohne Ehe- oder Lebenspartner und ohne Kind in einem Haushalt leben. Nicht von Bedeutung ist hierbei der Familienstand der Person. Also können Alleinstehende sowohl als ledige, als auch als verheiratet getrennt lebende, geschiedene oder verwitwete Personen in

Einpersonen- oder Mehrpersonenhaushalten wohnen. Sie können beispielsweise in einer Studentenwohngemeinschaft oder mit einem befreundeten Ehepaar zusammen wohnen. Im Jahr 2010 leben 90 Prozent der insgesamt 17,4 Millionen Alleinstehenden allein. Seit 1996 ist auch diese Gruppe gewachsen. Zehn Prozent von ihnen lebten in 2010 in Wohngemeinschaften. In Ostdeutschland (+40 Prozent) war die Zunahme der Anzahl der Alleinlebenden seit 1996 deutlich höher als im Westen (+20 Prozent). Der Anteil der Frauen in dieser Gruppe ist von 1996 bis 2010 von 60 Prozent auf 53 Prozent gesunken. Die Betrachtung des Familienstandes der Alleinlebenden zeigt große Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf: 2010 waren ca. 43 Prozent der alleinlebenden Frauen verwitwet, knapp 36 Prozent ledig, ca. 17 Prozent geschieden und vier Prozent verheiratet getrennt lebend. Bei den Männern dominierten mit 63 Prozent die Ledigen, den zweitgrößten Anteil hatten die Geschiedenen mit 19 Prozent, gefolgt von den Verwitweten mit elf Prozent und den verheiratet getrennt Lebenden mit sieben Prozent. Der deutliche Unterschied zwischen den Geschlechtern zeigt sich in der Altersverteilung alleinlebender Frauen und Männer: Frauen leben im jüngeren bis mittleren Alter von 25 bis 54 Jahren seltener allein als gleichaltrige Männer. Im fortgeschrittenen Alter (ab 55) lebten sie jedoch weitaus häuiger allein als Männer diesen Alters. Dies ist vor allem auf die deutlich höhere Lebenserwartung von Frauen zurückzuführen und auf die Tatsache, dass in Partnerschaften zumeist der Mann älter ist als die Frau. Kinder 2010 gab es in Deutschland ca. acht Millionen Familien mit Kindern. Insgesamt lebten in diesen Familien 13,1 Millionen Kinder. Das ergibt einen durchschn. Wert von 1,61 Kinder unter 18 Jahren pro Familie. Dieser Wert lag 1996 noch bei 1,65 Kindern. Regional zeigen sich deutliche Unterschiede: Im Osten hatten im Jahr 2010 Familien durchschnittlich 1,47 Kinder (1996 waren es 1,55 Kinder) zu versorgen, während Familien im Westen durchschnittlich 1,64 Kinder hatten (1996: 1,69 Kinder). In den Stadtstaaten liegt der Wert bei 1,58 Kindern.1 1 vgl. Winfried Mammes: Haushalte und Lebensformen der Bevölkerung Ergebnisse des Mikrozensus 2010

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fa z i t U n D aU s B l i c K Aus folgenden Gründen wird auch zukünftig eine Fortsetzung des Trends zu kleineren Haushalten erwartet: Der kontinuierliche Anstieg der Lebenserwartung insgesamt, sowie vor allem die deutlich höhere Lebenserwartung der Frauen bewirken in Zukunft einen deutlichen Anstieg der Ein- und Zweipersonenhaushalten im Seniorenalter. Hinzu kommen der fortschreitende Trend zu mehr Singles in der Gesellschaft und die damit verbundenen Folgen wie eine niedrigere Geburtenhäuigkeit und der Anstieg der Partnerschaften mit getrennten Haushalten. Auch die zunehmende beruliche Mobilität sorgt in jüngeren und mittleren Gesellschaftsschichten für mehr kleinere Haushalte. In den neuen Ländern hingegen, die in den 1990er Jahren innerhalb kürzester Zeit deutliche Veränderungen in ihrer Bevölkerungs- und Haushaltsstruktur erlebt haben, wird sich mittelfristig die Dynamik hin zu kleineren Haushalten abschwächen. Deutschlandweit wird es also zukünftig einen Anstieg der Anzahl der Haushalte geben und damit verbunden auch einen höheren Bedarf an Wohnläche. Dieser Trend muss aber regional sehr diferenziert betrachtet werden: In schrumpfenden Regionen, wie z.B. in weiten Teilen der Neuen Bundesländer ist die Entwicklung des Wohnungsbedarfs völlig anders als in prosperierenden Regionen wie beispielsweise in Großstädten. Die Pro-Kopf-Wohnläche wird durch die Verschiebungen in der Struktur der Lebensformen und dem damit verbundenen kontinuierlichen Anstieg der kleinen Haushalte stetig zunehmen. Auch die Alterung der Bevölkerung wird in Zukunft zu einem deutlichen Anstieg der Wohnläche pro Kopf führen. Ältere Menschen nutzen durchschnittlich deutlich mehr Wohnläche als jüngere, was vor allem damit zu tun hat, dass sie nach dem Auszug der Kinder oder dem Verlust des Partners oft in ihren großen Wohnungen verbleiben, da sie das vertraute Umfeld nicht verlassen wollen.1

1 vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Entwicklung der Privathaushalte bis 2025 - Ergebnisse der Haushaltsvorausberechnung 2007, 2007

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freizeit


rücKBlicK Zur Zeit der Industrialisierung kam es zu einer erheblichen Verlängerung der Arbeitszeit. Teilweise wurde bis zu 16 Stunden am Tag gearbeitet und es gab kein festgelegtes Wochenende. War die Arbeitszeit zuvor von den natürlichen Bedingungen wie Jahreszeit und Tageszeit abhängig, so wurden mit der Erindung des künstlichen Lichts und der Verwendung von Motoren und industriellen Maschinen die Arbeit witterungsunabhängig. Das hatte zur Folge, dass die Arbeitszeit auf ein Höchstmaß ausgedehnt werden konnte. Aufgrund gesundheitlicher Erwägungen, aber vor allem auch wegen des Rückgangs des Bedarfs an menschlicher Arbeitskraft durch die zunehmende Technisierung der Fabrikation wurde die Arbeitszeit erstmals um 1850 verkürzt. Ein weiterer Grund für die Senkung der Arbeitszeit waren die Proteste in der arbeitenden Bevölkerung. Um 1860 wurde erstmals der Acht-Stunden-Tag gefordert. Wenngleich dieser erst 1918/19 umgesetzt wurde, so waren diese Proteste der Ursprung der zunehmend an Bedeutung gewinnenden Arbeiterbewegung. Für Karl Marx besaß die Freizeit einen „großen Wert für die Emanzipation des Menschen, für die Wiedergewinnung der Menschlichkeit aus der Entfremdung. Eine Gesellschaft, die es schaft disponible Zeiten hervorzubringen, schaft auch Reichtum und zeigt unverkennbar die dialektischen Zusammenhänge von Arbeit und Freizeit. Freie Zeit ist von der Arbeit befreite Zeit, in der sich jedes Individuum besonders gut entfalten kann.“ Obwohl man auch schon in der Vergangenheit naturbedingt arbeitsfreie Zeiten hatte, wurde der Begrif Freizeit erst während der Industrialisierung als die Zeit deiniert, die übrig bleibt, wenn man seine Arbeit erledigt hatte. Dies führte zu einem neuen, heute noch modernen Zeitverständnis von Arbeit und Feierabend. Dieses zeitlich efektive Denken weitete sich von der Industrie in andere Gesellschaftsbereiche wie Bildung oder Familie aus. Je größer die zeitliche Belastung wurde, desto größer wurde auch das Bedürfnis nach Regeneration. Dieses Bedürfnis durch die Ausweitung der Freizeit zu stillen, war eines der Ziele der neu entstandenen Arbeiterbewegung. Die unteren Schichten wollten sich aus dem Leben von Arbeit und 38

Regeneration befreien und forderten auch politisch mehr Zeit für kulturelle und soziale Tätigkeiten. Die durchschnittliche Zunahme von arbeitsfreier Zeit nach 1918 war jedoch eher unfreiwilliger Natur. Durch den Ersten Weltkrieg kam es in Deutschland zu einer stark ansteigenden Arbeitslosigkeit, die reelle Belastung der Arbeitenden nahm aber nur sehr langsam ab. Freizeit wurde bisher auch nur als die Zeit für die Wiederherstellung der Arbeitskraft betrachtet. Das heutige Freizeitverständnis hat sich erst später entwickelt. Erste Schritte dazu wurden in den „Goldenen Zwanziger“ gemacht. Zumindest die Ober- und Mittelschicht experimentierten in dieser Zeit mit ihrer Freizeit. Die Nationalsozialisten versuchten die Freizeit zu kontrollieren und durch ansprechende Freizeitangebote das Regime aufzuwerten. Durch die wirtschaftliche Situation in der Nachkriegszeit, trat die Freizeit in den Hintergrund. Die Menschen arbeiteten wieder länger und die Zeit nach der Arbeit galt wieder ausschließlich der Erholung. Erst während des Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren begann erneut die Diskussion um geregelte und kürzere Arbeitszeiten. Die Fünf-Tage- und die 40-Stundenwoche wurden gefordert. Durch die deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen Lage erhöhte sich auch das Freizeit-Budget der Familien. Dies war vor allem auch durch den steigenden Absatz von Konsumgütern, wie etwa Auto und Fernseher, zu erkennen. Die neuen Freizeit- und Konsummöglichkeiten wurden von der Freizeitsoziologie zunächst als problematisch angesehen, da sie eine Manipulation durch die neu entstandene Kulturindustrie fürchtete. Dies änderte sich erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts, als die Massenkultur nicht mehr so moralisch beäugt wurde. In den 1980er Jahren ist eine mit der Industrialisierung vergleichbare Entwicklung zu erkennen. Es entwickelt sich eine Tendenz zu einer erlebnisorientierten Freizeitbeschäftigung und auch ein steigender Wert der Individualisierung des Lebensstils. Auch auf das gemeinsame Erleben besonderer Ereignisse wurde mehr Wert gelegt. Die zunehmende Vielfalt des Freizeitangebots hält bis heute an und die Bedeutung des Wirtschaftsfaktors Freizeit wird immer größer. Je nach Milieu und Vorliebe gibt es heutzutage unzählige Freizeitbeschäf-

tigungen.1

1 zeit

vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Frei-


a K t U e l l e s i t Uat i o n Die Deutschen haben im Moment, wenn man die durchschnittliche Arbeitszeit zugrunde legt, mehr Freizeit, als jemals zuvor. Diese Arbeitszeit ist kontinuierlich gesunken und liegt heutzutage bei ca. 38,5 Stunden pro Woche. Auch die Zahl der Urlaubstage ist von neun im Jahr 1950 auf 30 Tage gestiegen. Umfragen zeigen jedoch auch, dass die Menschen subjektiv über zu wenig Freizeit verfügen. Der Anteil dieser Menschen ist dreimal so hoch wie der Anteil derer, die empinden, über zuviel Freizeit zu verfügen. Dieser Verhaltenswandel wird folgendermaßen deutlich: in ihrer Zeitnot handeln die Menschen pragmatisch und investieren weniger Zeit in ihre Freizeitaktivitäten und/oder kombinieren verschiedene miteinander. Zu diesen gehören neben der Kontaktplege mit Freunden und Familie vor allem die Medien, die unser Freizeitverhalten sehr stark dominieren. Seit den 1980er Jahren stieg der Anteil der Mediennutzung, besonders das Fernsehen, am Freizeitbudget der Bevölkerung stetig an. Neben dem Fernsehen sind Radio und Zeitung und zunehmend der Computer und das Internet sehr beliebte Medien. Umfragen zufolge sind aber auch gemeinschaftliche Aktivitäten wie Essen gehen und Karten spielen, sportliche Betätigungen wie Schwimmen, Wandern und Tanzen sehr populär. Auch Hobbyarbeiten am Auto, Haus und Garten sind verbreitete Freizeitbeschäftigungen. Rekreative, also im Grunde sehr ursprüngliche, aber an den heutigen Lebensstil angepasste Freizeitbeschäftigungen im Wellnessbereich liegen ebenfalls im Trend.

fa z i t U n D aU s B l i c K Die gesellschaftlichen Veränderungen und darin vor allem die Megatrends Individualisierung, technologischer Fortschritt und der demograische Wandel werden auch die Freizeitkultur in Deutschland verändern. Die immer weiter voranschreitende Individualisierung wird zu einer großen Ausdiferenzierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche, insbesondere der Freizeit, führen. Massenprodukte wie Konsumgüter von der Stange und Pauschalurlaube werden langfristig an Attraktivität verlieren und es kommt zu einem ungeahnten Facettenreichtum in nahezu allen Bereichen der Konsumund Freizeitlandschaft. Die durch den technologischen Fortschritt zunehmende Mobilität und Flexibilität, wird auch von der Freizeitindustrie genutzt. Kontinuierliche Verbesserungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie eröfnen immer neue Unterhaltungsmöglichkeiten, die momentan noch unerreichbar erscheinen. Auch wenn es heutzutage eher die jüngeren „Digital Natives“ sind, die die neuen Informations- und Kommunikationsformen nutzen, werden die neuen Medien den Freizeitsektor von morgen noch deutlich stärker beeinlussen als heutzutage. Die Medialisierung der Freizeit wird also sichtbar voranschreiten. Natürlich hat auch der demograische Wandel Auswirkungen auf die Freizeitindustrie. Die Zunahme des Anteils der Älteren in unserer Gesellschaft führt zu einem vielfältigeren Freizeitangebot für diese Altersgruppe. Sport und Unterhaltung, als auch Wellness- und Gesundheitsangebote für ältere Menschen sind in Zukunft noch stärker gefragt werden, als heute. Der Trend zur Wissensgesellschaft lässt immer mehr Menschen sich auch in ihrer Freizeit mit weiterbildenden Tätigkeiten beschäftigen. U. a. der Tourismussektor wird versuchen, diesen Wunsch nach Wissen mit seinem eigentlichen Geschäft zu verbinden. Insgesamt betrachtet wird die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft weiter zunehmen, was oftmals zwangsläuig eine Oberlächlichkeit zur Folge hat. Parallel gibt es aber auch einen neuen Trend der regenerativen Zeitvertreibe wie Faulenzen, Nichtstun, Ausschlafen am Wochenende usw. Eine Entwicklung zur Entgrenzung von Arbeit und Freizeit ist absehbar: Arbeits-

zeiten, wie auch die Orte wo gearbeitet wird, werden dynamischer, ebenfalls werden Freizeitkomponenten bewusst mit Arbeit verknüpft oder als Ausgleich während der eigentlichen Arbeit toleriert oder sogar gewünscht. Die Grenzen dieser in der Vergangenheit streng voneinander getrennten Lebensbereiche haben vielerorts bereits begonnen aufzuweichen. Diese Entwicklung wird sich zukünftig fortsetzen. Je mehr aber Grenzen verschwimmen und Orientierungspunkte verloren gehen, umso stärker steigt die Bedeutung persönlicher Wertvorstellungen, die oft aufgrund fehlender Orientierungspunkte im Privaten als auch im Arbeitsleben nicht miteinander vereinbar sind. Gerade jüngere Menschen haben z.B. vielfach den Wunsch eine hohe Leistungsbereitschaft aufzuweisen und diese mit Spaß, Sinnhaftigkeit und einer guten Perspektive zu vereinbaren. Ein Wertewandel in der Gesellschaft ist folglich, neben der Aufhebung der Grenzen, die zweite logische Konsequenz aus den zukünftigen Entwicklungen im Bezug auf Arbeit und Freizeit.

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moBilit채t


rücKBlicK Seit der Einführung der Eisenbahn um 1900 wird die Stadt von verkehrstechnischen Neuerungen maßgeblich beeinlusst. Sie haben sich zu einem wesentlichen Siedlungsinstrument entwickelt. Voraussetzung hierfür war die Verstaatlichung der Verkehrsbetriebe und die Elektriizierung der Netze. 1913 begann bei Ford die Massenproduktion günstiger Autos, wodurch sie Einzug in die Stadt erhielten und den Verkehr individualisierten. Die Folge dieser Individualisierung des Verkehrs waren ungebremste Suburbanisierung und in der Fläche schnell wachsende Städte. 1933 wurde mit dem Autobahnbau begonnen, der die Reichweite des Autos steigerte. Auf dieser Entwicklung basierten auch zahlreiche städtebauliche Konzepte wie z.B. die funktional getrennte Stadt der Moderne und die autogerechte Stadt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es auch im Fernverkehr einschneidende Neuerungen. Das Flugzeug löste hier das Schif als Personenferntransportmittel ab. Der Massentourismus entstand. Zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs gab es nochmal eine Welle der Massenmotorisierung und das Auto entwickelte sich zu einem beliebten Statussymbol. Durch diese Entwicklungen entstand eine Abhängigkeit vom Öl und seinem schwankenden Preisverlauf. In den Sechziger Jahren erkannte man dann auch das Problem dieser Abhängigkeit. Nicht viel später, Anfang der Siebziger Jahre, wurde es in Form der Ölkrise deutlich: Als politisches Druckmittel im arabisch-israelischen Krieg drosselte die OPEC die Ölförderung, was die ersten autofreien Sonntage in Deutschland zur Folge hatte. Eine zweite Ölkrise folgte 1979/80. In Zeiten hoher Ölpreise wurden verstärkt alternative Verkehrsmittel entwickelt: Vor allem in den 1970er und 1980er Jahren wurden sogenannte Personal-Rapid-Transit-Systeme entwickelt. Dies sind automatisierte, engmaschig vernetzte Systeme, die zumeist eine Schieneninfrastrukur benötigten, auf der dann zumeist kleine, aber auch größere Kabinenwagen sehr lexibel, schnell und sicher ihre Passagiere ans Ziel brachten. Diese Systeme haben sich jedoch, zumeist wegen des hohen Aufwands, sie in die Stadt zu integrieren, nicht durchgesetzt. Kleinere Test44

anlagen dieser Systeme sind allerdings auch heute noch erfolgreich in Betrieb. Auch für bestehende Verkehrsmittel wurden neue Technologien entwickelt. 1996 wurde z.B. der Peugeot Tulip vorgestellt, ein Elektroauto mit 60 km Reichweite. Diese geringe Reichweite ist bis heute das größte Problem der Elektroautos. Auch im Fernverkehr wurden neue Verkehrssysteme entwickelt. 1999 war der Transrapid serienreif, kam aber wegen der hohen Realisierungskosten in Deutschland noch nicht zum Einsatz. Aufgrund des Unglücks in 2006 in Lathen ist dieses Ziel auch in weite Ferne gerückt.

a K t U e l l e s i t Uat i o n Die Mobilität wächst in Deutschland zwar leicht, aber stetig an. Pro Tag werden in Deutschland im Personenverkehr insgesamt 281 Mio. Wege und 3,2 Mrd. Personenkilometer zurückgelegt. Der Pkw ist hierbei nach wie vor das wichtigste Verkehrsmittel, der öfentliche Personenverkehr nimmt aber stärker zu. Möglicherweise kommt es zu einer Trendwende. Für Freizeitaktivitäten und das Einkaufen verlassen die Menschen am häuigsten das Haus. Arbeitswege verlieren an Bedeutung. Gründe dafür sind vor allem die Zunahme der kleinen Haushalte, da z.B. jeder Haushalt mit Einkäufen versorgt werden muss, aber auch die Veränderung der Altersstruktur, die die Bedeutung der Arbeitswege insgesamt gesehen kleiner werden lässt. moBilität UnD raUmstrUKtUr

Das Grundbedürfnis nach Mobilität ist in allen Raumtypen, also in hochverdichteten Kernstädten wie auch in ländlichen Kreisen, nahezu gleich. Während in den verdichteten Gebieten das Verkehrsaufkommen und die Verkehrsleistung zunimmt, sinken diese Werte in den ländlichen Kreisen. Die jeweils gegensätzliche Dynamik ist hauptsächlich vor dem Hintergrund der Bevölkerungsentwicklung und des demograischen Wandels zu betrachten. Die Bewohner der ländlichen Räume sind mit durchschnittlich 3,2 Wegen pro Tag gleich häuig unterwegs wie die Bewohner der Kernstädte. In Gemeinden mittlerer Größe steigt dieser Wert jedoch. In den ländlichen Kreisen sind die Strecken jedoch am längsten und nehmen proportional zur Gemeindegröße ab. Menschen auf dem Land fahren durchschnittlich knapp 16.000 km im Jahr, Großstadtmenschen hingegen nur gut 13.000 km. Für diese Strecke brauchen sie aber länger. Sie sitzen täglich ca. fünf Minuten länger im Auto als Personen auf dem Land. Diese Statistik deckt die jeweiligen Probleme der unterschiedlichen Raumtypen auf. Die Wege zur alltäglichen Versorgung sind auf dem Land länger als in der Stadt, dort ist das Verkehrsaufkommen allerdings so hoch, dass die Straßennetze oft überlastet sind. Aus diesen Gründen wählen die Bewohner der Kernstädte wesentlich häuiger öfentliche Verkehrsmittel oder machen sich nichtmotorisiert auf den


Weg. Je dünner ein Gebiet besiedelt ist, desto unrentabler sind auch die öfentlichen Verkehrsmittel, sodass ihr Netz hier oft schlecht ausgebaut ist und somit weniger genutzt wird. Die zurückgelegten Wegelängen pro Fahrt sind allerdings auch hier wesentlich höher als in größeren Städten. moBilität UnD HaUsHalt

Aufgrund der höheren Anzahl von Einpersonenhaushalten und dem daraus resultierenden Anstieg der Anzahl der Gesamthaushalte, entsteht ein höheres Gesamtverkehrsaufkommen, da im Prinzip jeder Haushalt versorgt werden muss. Gegensätzlich hierzu verhält sich der Motorisierungsgrad der Haushalte: Nahezu die Hälfte der Einpersonenhaushalte hat kein Auto. Ein hoher Motorisierungsgrad ist folglich ein signiikantes Merkmal von Mehrpersonenhaushalten mit Kindern. Insgesamt haben 82 Prozent der Haushalte einen Pkw. Gut ein Drittel dieser Haushalte besitzt zwei oder mehr Pkws. Dies ist zumeist mit einem höheren Einkommen des Haushalts verbunden. Haushalte mit niedrigem Einkommen haben oft kein Auto, wobei gut ein Fünftel der Haushalte ohne Auto aus Überzeugung oder wegen des mangelnden Bedarfs darauf verzichten. Solche Haushalte sind eher in Kernstädten zu inden. Sobald ein Haushalt einen Pkw besitzt, sinkt die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmitteln drastisch.

Gehen und Fahrradfahren erfahren eine Renaissance als Nahverkehrsmittel für Strecken bis zu 5 Kilometern. Kombinationen von Auto und Fahrrad mit dem Öfentlichen Verkehr wachsen zwar, jedoch auf niedrigem Niveau. ziele Die häuigsten Ziele sind im Bereich Einkauf, Erledigung und Freizeit zu inden. Diese drei Zielkategorien machen nahezu zwei Drittel aller Wege aus, mit steigender Tendenz. Arbeitswege verlieren dagegen weiter an Bedeutung. Es wird vor allem durch die Ausdehnung der Öfnungszeiten breiter über den Tag verteilt eingekauft als in der Vergangenheit. Der Samstag ist unverändert der Haupteinkaufstag, an dem vermehrt auch andere Konsumgüter als für den alltäglichen Bedarf eingekauft werden. Freizeitwege werden insbesondere am Wochenende länger. Regionale Unterschiede gibt es kaum zwischen den Wegezwecken.1

alltaGsmoBilität

auto 60 Prozent der Personenkilometer werden von Alleinfahrern zurückgelegt. Die Auslastung ist also mit durchschnittlich 1,5 Personen im Fahrzeug sehr gering. Insgesamt steigen die mit dem Auto gefahrenen Personenkilometer nur noch leicht an, was auf eine zukünftige Trendwende hindeutet. Überdurchschnittlich oft wird der PKW in der mittleren Altersphase zwischen 30 und 59 Jahren benutzt, oft für Arbeitswege und wenn Kinder im Haushalt leben.

Öfentlicher verkehr Der Anteil des Öfentlichen Verkehrs ist in den letzten Jahren leicht angestiegen, besonders in den Kernstädten. Diese entwickeln sich kontinuierlich in Richtung „Umweltverbund“.

fa z i t U n D aU s B l i c K Der steigende Mobilitätsbedarf und die immer knapper werdenden fossilen Brennstofe, allen voran das Erdöl, stehen sich konträr gegenüber. Deshalb sind Veränderungen zwingend notwendig. Erste Trends sind heute schon erkennbar. Das Elektroauto beispielsweise erfährt eine immer größere Akzeptanz und erste Schritte um die nötige Infrastruktur bereitzustellen sind gemacht. Dies allein kann natürlich nicht die komplexe Problematik im Verkehrswesen lösen. Verkehrswissenschaftler gehen deshalb von einer dreistuigen Strategie aus. verKeHrsvermeiDUnG DUrcH GestaltUnG Der raUmstrUKtUr

Die Strategie sieht das Problem der Verkehrssysteme eng verbunden mit der Raumstruktur unserer gebauten Umwelt. Eine Vermeidung oder Verminderung des Verkehrsaufkommens kann nur durch raum- und stadtplanerische Maßnahmen erzielt werden. Das Konzept der Stadt der kurzen Wege steht hier im Vordergrund. Um dieses Konzept zu realisieren, bedarf es einer Abkehr von den von der Charta von Athen geforderten getrennten Funktionsbereichen. Die Trennung von Arbeiten und Wohnen war damals, wegen der hohen Umweltbelastungen durch die Industrie, sinnvoll, wodurch ein wesentlich höherer Flächenbedarf entstand und die Wege länger wurden. In der heutigen postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft besteht dieser Grund für die Trennung jedoch nicht mehr. Somit können die Funktionsbereiche weitgehend gemischt werden. Durch die damit verbundene größere räumliche Dichte, kann man für viele Aktivitäten auf das Auto verzichten und Nahverkehrssysteme wie z.B. Elektrofahrräder oder Leihfahrzeuge könnten zum Einsatz kommen. Eine Nachverdichtung der Stadt ist also zukünftig die naheliegendste Lösung für die momentanen Probleme im Verkehrssystem.

1 vgl. Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung: Mobilität in Deutschland 2008 - Kurzbericht - Struktur - Aufkommen - Emissionen - Trends, 2010

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verlaGerUnG Des verKeHrs aUf UmWeltverträGlicHere moBilitätssysteme

Lediglich durch die Anpassung der Raumstruktur wird man die Probleme jedoch nicht lösen können, da es immer noch einen Mobilitätsbedarf geben wird. Die Verlagerung des Verkehrs auf ökologisch sinnvollere Verkehrssysteme ist deshalb ein weiterer Baustein dieser dreigleisigen Strategie. Eine zentrale Rolle spielt hierbei der öfentliche Personenverkehr. Neben dem Ausbau der bestehenden Systeme könnten auch neue Technologien wie z.B. im Bereich der Personal-Rapid-Transport-Systeme (PRT) eingesetzt werden. Diese basieren auf einem sehr engmaschigen Infrastrukturnetz in dem sich Kleinfahrzeuge sehr lexibel bewegen und Personen ohne Halt oder Umstieg an ihr Ziel bringen. Diese Systeme gibt es schon seit den 1970er Jahren, konnten sich aber bisher aus verschiedenen Gründen nicht durchsetzen. Einer der Gründe ist die nur mit hohem Aufwand zu realisierende Integration der benötigten Infrastruktur in die vorhandene Stadt. Jedoch werden neue Modelle dieses Systems in den nächsten Jahren in London-Heathrow und in Masdar City in Betrieb genommen. Das Interesse an solchen Verkehrsmitteln ist also wieder vorhanden. Auch im Bereich des Fernverkehrs werden neue und - auch wegen der Kostenersparnis - energieeizientere Technologien zum Einsatz kommen. Der öfentliche Personenverkehr wird also immer attraktiver werden. Diese Tendenz zeichnet sich heute schon leicht ab, wird in Zukunft aber noch deutlich an Fahrt gewinnen. neUe tecHnoloGien für ÖKoloGiscHere verKeHrssysteme

Der dritte Schritt zu einer nachhaltigen Mobilität ist die technologische Veränderung der bestehenden Verkehrsmittel, welche natürlich auch in Zukunft eine Rolle spielen werden, besonders dann, wenn eine Verlagerung auf andere Verkehrsmittel nicht erfolgen kann. Diese Strategie ist jedoch weniger nachhaltig als die vorherigen, da man von der Abhängigkeit vom Öl in andere, wenn auch ökologisch unbedenklichere Abhängigkeiten, beispielsweise von alternativen Energieträgern oder von Speichermedien, gerät, wodurch das Problem lediglich verlagert wird. Biokraftstofe stehen in Konkurrenz mit Nahrungsmitteln und sorgen dort für steigende Preise. Elektrischer Strom wird heutzutage zum Großteil 46

aus nichtregenerativen Energiequellen gewonnen, der Primärenergiebedarf ist also sehr hoch. Werden in Zukunft neue, sinnvollere Energiequellen erschlossen, was zum Teil heute schon möglich ist, so wird auch diese Strategie zu einer nachhaltigeren Mobilität beitragen. fazit

Mittelfristig wird man aufgrund der steigenden Mobilität und der knapper werdenden fossilen Energiequellen Alternativen zu den heutigen Verkehrssystemen entwickeln müssen. Durch innovative Anpassungen der Raumstruktur in Kombination mit neuen Systemen und Technologien, die möglichst die vorhandene Infrastruktur nutzen und auf erprobten Konzepten beruhen, ließe sich relativ zeitnah und kostengünstig eine erhebliche Verbesserung der Lage erzielen.


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rücKBlicK Seit Anbeginn der Menschheit verbrauchen wir Energie. Die vorindustrielle Entwicklung, als mit zumeist ofenem Feuer geheizt und beleuchtet wurde, mit Wasser- oder Windkraft z.B. in Form von Mühlen gearbeitet wurde, wird hier nicht dargestellt. Der Rückblick beginnt mit der industriellen Revolution. Die Voraussetzung für die industrielle Revolution war die Möglichkeit neue Energiequellen zu erschließen und somit größere Energiemengen zu nutzen. Es vollzog sich zu dieser Zeit ein Wechsel von regenerativen zu fossilen Energiequellen. KoHle

Kohle wurde zwar auch schon vorher genutzt, jedoch in wesentlich kleinerem Umfang. Der Durchbruch im Kohleabbau gelang erst Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Erindung der Dampfmaschine, die das Abpumpen des Grubenwassers ermöglichte. Daraufhin stieg der Kohleverbrauch stark an: von zehn Mio. Tonnen im Jahr 1800 auf 76 Mio. im Jahr 1850 und 760 Mio. Tonnen im Jahr 1900. Kohle deckte zu der Zeit ca. 90 Prozent des weltweiten Brennstofbedarfs. Die Energienutzungen und -dienstleistungen haben seitdem ganz neue Größenordnungen erreicht und unser ganzes Leben verändert: Durch die Mechanisierung der Landwirtschaft wurden Arbeitskräfte im industriellen Sektor verfügbar. erDÖl

Schwere körperliche Arbeiten wurden weitgehend von Maschinen übernommen und die industrielle Massenproduktion wurde möglich. Die Mobilität wurde, wie im vorherigen Kapitel dargestellt, durch Auto, Eisenbahn und Flugzeug grundlegend verändert. All diese Entwicklungen waren verbunden mit steigenden Energieverbräuchen. Doch nicht alle basierten auf Kohleenergie. Nachdem Edwin Drake im Jahr 1859 in Pennsylvania erstmals erfolgreich nach Öl gebohrt hatte, wurden bald dessen Vorteile gegenüber Kohle gesehen: leichterer Transport, sauberere Verbrennung, vielseitigere Nutzbarkeit, höhere Energiedichte. Ab ca. 1910 wurde folglich, zuerst in den USA, die Energieversorgung weitgehend auf Erdöl umgestellt, auch infolge der Massenproduktion von Autos. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts nahm diese Umstellung auch in Europa und Japan ihren 52

Lauf, sodass Erdöl in den 1960er Jahren zum weltweit wichtigsten Energieträger wurde. Da es aber nur in wenigen Regionen der Erde gefördert werden kann, entstand daraus eine Abhängigkeit, die auch politisch genutzt wurde. Höhepunkt dieser politischen Entwicklung war die Ölkrise, die für autofreie Sonntage in Deutschland im Jahr 1973 sorgte. erDGas

Seit den 1980er Jahren gewinnt deshalb das Erdgas immer mehr an Bedeutung. Dies war vorher aufgrund schlechter Transportmöglichkeiten relativ teuer und wurde bei der Erdölförderung einfach verbrannt. Durch die Einführung von Hochdruckpipelines entwickelte sich das Erdgas bis heute zum drittwichtigsten Energieträger, nach Erdöl und Kohle. Verwendung indet es vor allem in der Gebäudebeheizung, in der Industrie und in der Stromproduktion.

und Atomkraft erzeugt. Wasserkraftwerke wurden auch ungefähr zur gleichen Zeit entwickelt wie fossil betriebene Kraftwerke. Großkraftwerke gibt es seit den 1930er Jahren. Atomkraftwerke gibt es seit den 1960er Jahren. Sie nutzen die bei der Kernspaltung freigesetzte Energie, um Wasserdampf zu erzeugen. Ihre Nutzung ist wegen der damit verbundenen radioaktiven Abfallprodukte und deren Lagerung und wegen des drastischen Gefahrenpotenzials umstritten. In den letzten Jahrzehnten entstand deshalb ein Trend zu erneuerbaren Energien, allen voran Windkraft und Solarenergie. Sie machen heutzutage gut vier Prozent der Stromerzeugung aus, wachsen aber schnell.1

strom

Fossile Brennstofe werden seit den 1880er Jahren außerdem eingesetzt, um Wasserdampf zu erzeugen, mit dem man über Generatoren Strom erzeugen konnte. Durch die Umwandlung in Strom und dessen Transport in einem Leitungsnetz war die Energie standortunabhängig nutzbar und somit gegenüber der Dampfmaschine eine sehr bequeme und lexible Form der Energienutzung: Man braucht keine Lager oder Tanks, da Strom einfach aus der Leitung kommt. Er ist sehr sauber und kann nahezu in allen Bereichen, von Raumheizung über Elektromotoren bis hin zur Beleuchtung, eingesetzt werden. Mit dem Bau großer Kraftwerke und Hochspannungsleitungen begann sein Aufstieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mitte des 20. Jahrhunderts gingen etwa zehn Prozent der fossilen Energieträger in die Stromproduktion. Gegen Ende des Jahrhunderts waren es bereits 40 Prozent. Ein großer Vorteil von Strom war, dass auch kleinere Anwendungen wie beispielsweise Waschmaschine und Radio mit ihm betrieben werden konnten. Die heutigen Entwicklungen in der Kommunikationsund Informationsbranche wären ohne Strom nicht vorstellbar. sonstiGe stromProDUzenten

Die oben beschriebenen fossilen Brennstofe Kohle, Erdöl und Erdgas produzieren weltweit ca. zwei Drittel des Stroms. Der Rest wird zu ungefähr gleichen Anteilen durch Wasserkraft

1 vgl. http://www.oekosystem-erde.de/ html/energiegeschichte.html


a K t U e l l e s i t Uat i o n Der Anteil Deutschlands am Weltprimärenergieverbrauch liegt derzeit bei etwa 3,5 Prozent und beträgt ca. 4000 Terawattstunden (TWh). Die deutsche Bevölkerung verbraucht derzeit pro Kopf zwar etwa halb so viel Energie wie die Spitzengruppe mit Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA und Kanada, jedoch entschieden mehr als das Doppelte des Weltdurchschnitts. Von diesem Verbrauch gehen etwa 35 Prozent der benötigten Primärenergie in unserem Energieversorgungssystem verloren. Wesentlichen Anteil am Verlust daran hat die Stromerzeugung. Bei der Nutzung der verbleibenden Endenergie sind mechanische Energie in Industrie und Transport (37 Prozent) als auch Raumwärme und Warmwasser (35 Prozent) die Topverbraucher. Bei den privaten Haushalten macht die Raumwärme sogar knapp 90 Prozent des Endenergieverbrauchs aus. Die viel diskutierte Beleuchtung benötigt lediglich drei Prozent. Hieraus ergeben sich die Hauptansatzpunkte um efektiv Energie einzusparen: Verbesserungen der Umwandlungseizienz in der Energieerzeugung, sowie eine deutlich wirksamere Wärmedämmung von Gebäuden müssen im Vordergrund der Bemühungen stehen. Auf vielen Gebieten hat ein Umdenken stattgefunden und die Energieeizienz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits erheblich verbessert, Komfort- und Leistungsansprüche wirken dem jedoch entgegen. Der Energiepreis ist hier das geeignete Mittel um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren. Bei der Wärmedämmung von Gebäuden zeigt sich, dass bei Neubauten Verbesserungen leicht zu erzielen sind, wenn auch durchaus erreichbare Ziele von 60 kWh/m²a und besser noch zu selten erreicht werden. Altbauten können jedoch größtenteils kaum oder nur mit hohem inanziellen Aufwand saniert werden, verbunden hiermit sind oft zusätzlich Einbußen bei Fassadenoptik und Wohnqualität. Bei gut gedämmten Neubauten spielen Wärmepumpen eine große Rolle. Um die Behaglichkeit im Gebäude zu gewährleisten, ist es wesentlich sinnvoller Niedrigtemperaturheizungen einzusetzen, anstatt Erdgas bei vielen Hundert Grad Celsius zu verbrennen, da sie 65 bis 75 Prozent der Energie aus ihrer Umgebung, je nach Art der Wärmepumpe aus der Luft oder

aus dem Erdreich gewinnen. Wärmepumpen sind für den Klimaschutz der KWK oder Brennwertkesseln schon dann vorzuziehen, wenn etwa drei Viertel des Stroms aus erneuerbaren oder anderen CO2-armen Quellen erzeugt werden. Im Moment werden Wärmepumpen aber sowohl bei Steuern und Abgaben als auch bei Förderungsmaßnahmen gegenüber KWK deutlich benachteiligt. Hier besteht Handlungsbedarf in der Politik. Um unseren Gesamtenergieverbrauch zu decken, tragen im Moment noch zu 78 Prozent fossile Energiequellen bei. Erneuerbare Energien liefern inzwischen ca. zehn Prozent. Durch die wetterabhängige Einspeisung aus Wind und Sonne treten neue Probleme auf: Konventionelle Kraftwerke müssen für wind- und sonnenschwache Zeiten die Versorgung sicherstellen. Auch die heutige Stromversorgung besteht größtenteils aus fossilen Kraftwerken. Im Jahr 2010 waren es 56 Prozent. Dieser Anteil wird weiter steigen, um den Wegfall der Kernkraft, die an der Stromversorgung einen Anteil von 22,5 Prozent hat, aufzufangen. Deshalb werden in Zukunft zusätzliche Kohle- und Gaskraftwerke gebaut werden.1

fa z i t U n D aU s B l i c K Der vorhergesagten Minderung des Stromverbrauchs steht eine Welle neuer Anwendungen gegenüber. Nahezu alles wird elektriiziert: Funktionen im Handel und in der Industrie, im Haushalt, in den Informations- und Kommunikationstechnologien, vor allem auch im Autobau. Wind- und Wasserkraft wie auch Photovoltaik liefern Energie direkt in Form von Strom. Dieser wird also in Zukunft zunehmend zur Verfügung stehen und muss nicht mehr in dem Umfang wie heute aus anderen Energiequellen erzeugt werden. Langfristig könnten sogar wieder Stromheizungen sinnvoller sein als mit fossiler Energie betriebene. Um den Wegfall der Atomkraft zu kompensieren wird Kohle - insbesondere auch Braunkohle - aus Kostengründen eine bedeutende Rolle spielen. Ihr Anteil könnte auf 47 Prozent im Jahr 2020 anwachsen. Gas- und Dampf-Kraftwerke, die mit Erdgas betrieben werden, sind aufgrund ihres schnellen Lastwechselverhaltens hervorragend geeignet, die schwankende Stromerzeugung aus Sonne und Wind auszugleichen. Ihr CO2-Ausstoß ist nur ungefähr halb so groß wie der von Braunkohlekraftwerken, vor allem, weil sie Wirkungsgrade bis zu 60 Prozent erreichen. Bei Braunkohlekraftwerken liegt der Wirkungsgrad lediglich bei 45 Prozent. Eine andere Möglichkeit, weniger CO2 in die Atmosphäre zu befördern, ist, das CO2 abzuscheiden und in tiefen Erdschichten zu speichern. Diese Methode heisst Carbon Capture and Storage (CCS). Nachteilig hierbei ist der höhere Energiebedarf, um das CO2 abzuscheiden und in die Erde zu befördern. Die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit dieser Technologie muss noch deutlich umfassender untersucht werden. Bestenfalls könnte CCS also lediglich für eine Übergangsphase von einigen Jahrzehnten von Nutzen sein. Langfristig ist eine Abkehr von fossilen Brennstofen unumgänglich. erneUerBare enerGien

1 vgl. http://www.bpb.de/apuz/59684/ energiewende-wohin-fuehrt-der-weg?p=all

In Zukunft werden die erneuerbaren Energien wohl die von ihnen erhofte Rolle spielen und einen großen Anteil der benötigten Energie abdecken. Der Verkehr wird von Verbrennungsmotoren auf andere Antriebe umgestellt werden. Hier kommen im Moment eigentlich nur die Brennstofzelle oder 53


Elektromotoren in Frage. Ziel der Bundesregierung ist eine Million Elektroautos bis 2020 in Deutschland. Die Einsparungen im Kraftstofverbrauch wären jedoch trotzdem sehr gering. Außerdem muss der von ihnen benötigte Strom CO2-frei erzeugt werden. Bislang fallen in Deutschland pro elektrischer Kilowattstunde noch 565 Gramm CO2 an. Deshalb bleiben bislang sparsame Diesel- und Hybridfahrzeuge deutlich vorteilhafter für das Klima als Elektroautos. Bei der Wärmeerzeugung ist aufgrund ihres großen Anteils zukünftig vor allem die Gebäudeheizung ausschlaggebend. Biomasse Neben Anbauprodukten in der Landund Forstwirtschaft, sind auch organische Reststofe zur Energiegewinnung geeignet. Der deutlich größere Teil wird im Moment aber durch den gezielten Anbau von Energieplanzen gewonnen. Obwohl nahezu die Hälfte der Gesamtläche Deutschlands landwirtschaftlich genutzt wird, ist Deutschland ein Nettoimporteur für Lebensmittel und Agrargüter. Weltweit könnte Biomasse mittelfristig einen wesentlichen Anteil des Energiebedarfs abdecken. Für Deutschland wird das allerdings nur durch massiven Import der Biomasse möglich sein. Da sie in Konkurrenz mit der Lebensmittelproduktion steht, ist dieser Ansatz allerdings sehr kritisch zu betrachten. Weltweite Preiserhöhungen für eine Vielzahl von Nahrungsmitteln wäre die Folge. Für eine nachhaltige Strategie ist deshalb die verbesserte und vermehrte Nutzung von organischem Abfall wichtig: Neue Aufschluss- und Verarbeitungsverfahren müssen eine wesentliche Erweiterung des Potenzials der Biomasse ermöglichen. Hier gibt es schon heute erste erfolgversprechende Ansätze, wie z.B. in Fassaden integrierbare Bioreaktoren, die Biomasse in Form von schnell wachsenden Algen gewinnen. Geothermie Erdwärme aus oberlächennahen Bohrungen ist sehr geeignet für Niedrigtemperaturheizungen. Heißere, also in der Regel tiefere Erdschichten können zur Stromerzeugung genutzt werden. Ein weiterer großer Vorteil gegenüber anderen erneuerbaren Energien ist, dass die Energie konstant, also rund um das Jahr, Tag und Nacht zur Verfügung steht. Die Risiken sind gering und werden, wie auch die Kosten, durch 54

verbesserte Explorations- und Bohrverfahren noch deutlich abnehmen. Windkraft Aus Windenergie wird heutzutage der meiste Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen. Ihr Anteil wächst auch am schnellsten. Ca. sechs Prozent der Stromerzeugung wurden in 2010 in Deutschland aus Windkraft erzeugt. Dies entspricht jedoch nur 16 Prozent der nominal installierten Kapazität. Zukünftig sollen deshalb hauptsächlich Ofshore-Anlagen in der Nord- und Ostsee errichtet werden, da sie einen mindestens doppelt so hohen Nutzungsgrad besitzen. Bis 2030 soll eine Nominalleistung von 25 GW und bis 2050 von rund 40 GW (und eine vergleichbare Onshore-Leistung) installiert sein. Das Problem der Windenergie liegt in den starken Schwankungen der Verfügbarkeit. Um diese auszugleichen, müssen große und schnell regelbare Reservekapazitäten vorgehalten werden, welche dann nur zeitlich limitiert und damit inefektiv und teuer sind. Diese Reservekraftwerke müssen mindestens 90 Prozent (bei der Photovoltaik sogar mindestens 97 Prozent) der nominalen Leistung abdecken. solare energieerzeugung Die Produktion von Solarenergie macht vor allem dort Sinn, wo die Sonne scheint - also im Süden. Hier ist der Jahresgang solarer Stromerzeugung außerdem deutlich ausgeglichener. Des Weiteren kann die dort überwiegend direkte Strahlung fokussiert werden, was auch bei Photovoltaik Vorteile bringt, jedoch insbesondere solarthermische Kraftwerke ermöglicht. Diese wandeln Sonnenwärme über einen Dampfkreislauf in Strom um. Hierbei kann Wärme gespeichert werden, sodass die Stromerzeugung auch nachts ermöglicht wird. Solarstrom aus Südeuropa und Nordafrika wäre deshalb deutlich günstiger als der deutsche. Vorraussetzung hierfür ist allerdings ein geeignetes Stromnetz, das aber sowieso notwendig werden wird. Problem der stromspeicherung Energiespeicherung von Brennstoffen ist ohne Schwierigkeiten möglich. Anders verhält es sich bei Strom. Kondensatoren und Batterien bieten keine wesentlichen Möglichkeiten um große Mengen an Strom zu speichern. Pumpspeicherwasserkraftwerke und Druckluftspeicher haben zur Zeit nur Speicherkapazität für kurze Zeit. Die

Frage, ob es möglich ist, für den europäischen Bedarf an Langzeitspeicherung in Norwegen genügend (Pump-) Speicherkraftwerke zu bauen, ist angesichts der bereits jetzt weitgehenden Nutzung des möglichen Potenzials und aufgrund zu erwartender Bürgerproteste schwer zu beantworten. Durch Wind- und Solarkraft erzeugte überschüssige Energie kann durch Elektrolyse zur Herstellung von speicherbarem Wasserstof und Methan genutzt werden. Dies kann ins Erdgasnetz eingespeist werden, und somit Wärme erzeugt werden. Allerdings ist dieses Verfahren im Moment noch sehr teuer und ist, wegen der hohen Verluste bei der Rückverwandlung in Strom in Gaskraftwerken, ohnehin keine echte Stromspeicherung und deshalb wenig sinnvoll. Eventuell ist aber die mobile Brennstofzelle gegenüber Diesel- oder Benzinantrieben eine bessere Alternative. Als eine andere Möglichkeit der Stromspeicherung werden auch Batterien von Elektroautos dargestellt. Ihr Einluss dürfte aber zumindest in den nächsten Jahrzehnten eher klein sein, vor allem weil nur ein Bruchteil ihrer nominalen Kapazität als Lastspeicher zur Verfügung stehen wird, wenn das Fahren im Vordergrund stehen soll. energietransport Auch beim Energietransport treten die großen Probleme beim Strom auf. Das heutige Stromnetz stößt bereits heute an seine Grenzen, z.B. bei der erforderlichen Übertragung küstennaher Windenergie in den Süden. Der Netzausbau muss im europäischen Kontext erfolgen, da nur so die Möglichkeit zu deutlich kostengünstigerem Wind- und Solarstrom besteht. Nur so wird die verstärkte Nutzung der optimalen Erzeugungsregionen erst ermöglicht. Ein solches Netz wird auch ermöglichen, dass Reserveleistungen nur europaweit und nicht in jedem Land einzeln vorgehalten werden müssen. Gegenwärtig wird die Stromproduktion noch an den Bedarf angepasst. Mit größeren Anteilen an schlecht berechenbarem, schwankendem Strom wird aber zukünftig die Stromnachfrage an die aktuellen Produktionsmöglichkeiten angepasst werden müssen. Ein sogenanntes smart grid wird dann elektrische Geräte an- und abschalten. Diese werden also in Zukunft vom Stromversorger so weit wie möglich ferngesteuert, um Lastspitzen abzuschwächen und besser und lexibler auf die


aktuellen Wetterbedingungen reagieren zu können. fazit

Der Klimawandel macht eine Energiewende unumgänglich und diese muss mit Eizienzsteigerung, Einsparung und der Vermeidung fossiler Brennstofe vor allem die CO2-Freisetzung reduzieren. Allein durch marktwirtschaftliche Entwicklungen durch die Verknappung von Öl- und Gasvorräten wird sich dieses Problem nicht von selbst lösen. Fossile Energiequellen können nur akzeptiert werden, wenn es gelingt, das Eintreten von CO2 in die Atmosphäre zu vermeiden. Das heißt, dass CCS wirtschaftlich und sicher eingesetzt werden kann. Die Bedeutung von Kernspaltung ist international langfristig nicht vorauszusagen. Auf Fragen nach Sicherheit und zuverlässiger Entsorgung müssen sinnvolle Lösungen gefunden werden. Erfreulich wäre, wenn die Kernfusion in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts einen wichtigen CO2-freien Anteil zur Stromversorgung leisten würde. Hier sind keine nuklearen Katastrophen möglich und auch die Abfallfrage ist deutlich günstiger zu lösen. Des Weiteren sind noch viele andere Fragen, z.B. die des zukünftigen Strommixes zu klären. Erneuerbare Energien werden in Zukunft jedenfalls einen deutlich größeren Anteil an der Energieversorgung haben. Die derzeitige Entwicklung läuft darauf hinaus, bis 2050 in Wind- und Solarkraft national extreme Überkapazitäten aufzubauen, um bei schlechter Wetterlage die Stromversorgung noch einigermaßen zu gewährleisten. Ob Stromspeicher in der benötigten Größe realisierbar sein werden, ist noch unklar. Auch aus diesem Grund muss Stromaustausch innerhalb der EU und angrenzenden Regionen eine immer bedeutendere Rolle einnehmen, denn nur so lassen sich Schwankungen bestmöglich ausgleichen und die kostspielige Regelund Reserveleistung auf ein Minimum reduzieren. Der Stromaustausch sollte also noch deutlich stärker vorangetrieben werden, als bislang von der Regierung geplant, um die wirtschaftlich besten Bedingungen zur Erzeugung erneuerbaren Stroms zu nutzen. Der europaweite Netzausbau nimmt damit eine Schlüsseligur ein und ist von größerer Bedeutung, als der Aufbau wirtschaftlich unrentabler, heimischer, erneuerbarer Energieerzeugern.

Die heimischen Bemühungen sollten sich im Wesentlichen darauf konzentrieren, den Energiebedarf zu reduzieren. Dies kann vor allem in Form einer verbesserten Wärmedämmung bei Gebäuden und einer Reduzierung des Treibstofverbrauchs im Verkehr geschehen. Des Weiteren sollte die Energieerzeugung aus konstant verfügbaren Quellen verstärkt werden. Wind- und Wasserkraft sowie Photovoltaik liefern direkt Strom, wodurch dieser noch mehr an Bedeutung gewinnen wird, jedoch mit dem Nachteil, nicht zuverlässig und konstant Energie liefern zu können. Diesen Vorteil besitzen Biomasse und Geothermie. Bei ihrem Ausbau werden keine Reserve-Kraftwerke benötigt. Das Potenzial der geothermischen Stromerzeugung, die mit der Photovoltaik vergleichbar ist, sollte deshalb in Deutschland entsprechend genutzt werden. Es ist klar, dass fossile Energieträger noch für lange Zeit eine große Rolle spielen werden. Aus diesem Grund ist die Frage nach den Möglichkeiten der CO2-Speicherung von großer Bedeutung. Wenn sich Energiewende und Emissionshandel international durchsetzen, könnten sie, obwohl sie relativ teuer sind, ein wirtschaftlich sinnvoller Weg sein. Zusammenfassend sind also gemeinsame europäische Maßnahmen von größter Bedeutung, besonders auch dafür, einen Wandel in anderen großen Industrienationen zu erreichen, denn für das Klima ist nur die globale Verminderung der CO2-Emissionen bedeutend.1

1 vgl. http://www.bpb.de/apuz/59684/ energiewende-wohin-fuehrt-der-weg?p=all

55


PolitiK


rücKBlicK nacH GrünDUnG Der BUnDesrePUBliK

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die neu gegründete Bundesrepublik den Status eines besetzten Landes. Diesen konnte sie mit dem Beitritt in die NATO im Jahr 1955 ablegen. Im Folgejahr wird die Bundeswehr als Armee innerhalb der NATO ins Leben gerufen. Mit dem Élysée-Vertrag, den Ostverträgen und den Prozessen von Helsinki, werden in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre wichtige Vorraussetzungen zur Aussöhnung mit den Nachbarländern geschafen. In der Zeit danach konzentrierte sich die westdeutsche Außenpolitik vor allem auf die Verbesserung der Beziehung mit der Deutschen Demokratischen Republik. Neben dem Vier-Mächte-Abkommen, welches die Lage Berlins klären sollte, wurde am 21. Dezember 1972 der Grundlagenvertrag unterzeichnet, welcher eine Vorraussetzung für die spätere Vollmitgliedschaft in den Vereinten Nationen war. In den daraufolgenden Jahren lag die Konzentration wieder vornehmlich auf den anderen internationalen Beziehungen. Am 18. September 1973 wurden die Bundesrepublik und die DDR als Vollmitglieder in die UN aufgenommen und die Schlussakte von Helsinki, die am 1. August 1975 unterzeichnet wurde, gewährte schließlich der bundesdeutschen Außenpolitik größere Möglichkeiten, um die Einheit Deutschlands bzw. gutnachbarliche Beziehungen mit europäischen Ländern im Machtbereich der UdSSR voranzutreiben. sitUation seit 1989/1990

Durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag erlangte die Bundesrepublik die volle Souveränität wieder und der Wiedervereinigung Deutschlands stand nichts mehr im Wege. Diese wurde am 3. Oktober 1990 oiziell vollbracht und war ein erneuter Wendepunkt in der deutschen Außenpolitik. Nach dem Niedergang der UdSSR und folglich der bipolaren Machtverhältnisse in der Welt war Deutschland nicht mehr existentiell bedroht. Unter den Bundeskanzlern Helmut Kohl und Gerhard Schröder gab es eine Angleichung der Ziele deutscher Außenpolitik an die veränderte weltpolitische Lage als auch Schritte, die eine deutliche Abwendung von alten Richtlinien darstellten. Die europäische Einigung wurde weiter forciert und Deutschland etablierte sich 60

als starker Verfechter für eine EU-Ost-Erweiterung und stellte sich immer öfter auf die Seite der osteuropäischen Staaten und Russlands. Es bestanden sehr freundschaftliche Verhältnisse zwischen Jelzin und Kohl und Putin und Schröder. Weitere Grundlagen der EU-Politik nach der Wiedervereinigung waren die Erstellung einer EU-Verfassung und die Einführung des Euros. Ein Blick auf die letzten Jahre zeigt, dass die Außenpolitik der deutschen Regierung in EU-Fragen mehr und mehr zur EU-Innenpolitik geworden ist, weil die EU immer stärker die Außenpolitik ihrer Mitgliedsländer beeinlusste und auch die außen- und sicherheitspolitischen Fragen immer häuiger zusammen bearbeitet wurden. Neu war in der Außenpolitik seit 1945 aber auf jeden Fall die Abkehr von bloßen Unterstützungszahlungen in militärischen Auseinandersetzungen wie im Zweiten Golf-Krieg. Deutschland wurde vom sogenannten Sicherheitsimporteur zum Sicherheitsexporteur und so wandelte sich die Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zu einer internationalen Eingreiftruppe. 1999 beteiligte sich die Bundeswehr zum ersten Mal an Luftangrifen im Kosovokrieg im damaligen Jugoslawien. Durch diesen Präventivschlag wollte man „eine humanitäre Katastrophe im Kosovo verhindern“ - Gerhard Schröder. Auch nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 beteiligte sich die Bundeswehr an der „Operation Enduring Freedom“ in Afghanistan, da die NATO zuvor zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall ausgerufen hatte. Ein Wandel in der deutschen Außenpolitik war auch in den transatlantischen Beziehungen zu beobachten. Es gab des öfteren deutliche Kritik am Verhalten der USA, beispielsweise wegen der Anwendung der Todesstrafe, der Nichtteilnahme am Kyoto-Protokoll, aber vor allem während des Irak-Konlikts 2002/03 kühlte das Verhältnis deutlich ab. Dies war der absolute Tiefpunkt der Beziehung zu den Vereinigten Staaten. Inzwischen hat sich dies aber wieder deutlich gebessert. In der EU steht Deutschland auch während der anhaltenden Krise wirtschaftlich relativ gut da und ist vor allem mit Frankreich, aber auch anderen Ländern, zusammen in eine Führungsposition gekommen. Durch umstrittene Forderungen an wirtschaftlich schlecht dastehende Länder wie Griechenland, gibt es aber auch teils starke Kritik an der deutschen innereuropäischen Au-

ßenpolitik. 1 entWicKlUnG Der BUnDesWeHr seit Der WieDervereiniGUnG

Die Aulösung des Warschauer Pakts und die Erweiterung der NATO und der EU und nicht zuletzt die Wiedervereinigung Deutschlands bewirkten eine grundlegend veränderte politische Lage. Der Ost-West-Konlikt entspannte sich, es traten jedoch zeitgleich neue weltweite Bedrohungen auf. Dies machte eine fundamentale Änderung der deutschen und europäischen Außen- und Sicherheitspolitik erforderlich. Folglich wurde der Auftrag der Bundeswehr an die neue Situation angepasst, wodurch eine grundlegende Reform ihrer Struktur notwendig wurde. Die Bundeswehr musste stärker als Mobilmachungsarmee ausgerichtet werden. Da der Feind nicht mehr an den Grenzen Deutschlands und seiner Verbündeten stand. Die größten Gefahren für die Sicherheit der Menschen stellten die Unterbrechung des Zugangs zu wichtigen Ressourcen, die Verbreitung von Massenvernichtungswafen, sowie Terroranschläge und Sabotageakte dar. Des Weiteren bergen politische Streitigkeiten und ethnische Konlikte die Gefahr militärischer Auseinandersetzungen. Die Bundeswehr reagierte schon zu Beginn der 1990er Jahre auf diese Entwicklung. Sie unterteilte die Truppe in Hauptverteidigungskräfte, Krisenreaktionskräfte und eine Grundorganisation. Demzufolge, aber auch aus inanziellen Gründen sank das Personalaufkommen von 370.000 auf 340.000 Soldaten. Die Einsätze der Bundeswehr auf dem Balkan zeigten jedoch die Notwendigkeit anderer Strukturen. Diese Einsätze in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo waren keine langanhaltenden Kampfeinsätze, sondern es waren Einsätze für die Friedenserhaltung und den Wiederaufbau des Landes. Ferner hatte sich bis Ende der 1990er Jahre die Sicherheitslage durch den NATO-Beitritt früherer Ostblockstaaten wieder verändert. Dieser Veränderung folgte im Jahr 2004 erneut eine Strukturreform. Eingreifkräfte von rund 35.000 Soldaten sollen mit militärischen Maßnahmen den Frieden erzwingen. Die 70.000 Soldaten umfassenden Stabilisierungskräfte sollen in Krisengebieten längere Operationen mittlerer und niedriger Intensität durchführen. Und die Unterstützungskräfte, mit 1 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Außenpolitik_der_Bundesrepublik_Deutschland#Geschichte


gut 147.000 Soldaten, übernehmen unterstützende Maßnahmen für die Eingreif- und Stabilisierungskräfte. Unterstützungs- und Stabilisierungskräfte können auch im Katastrophenschutz im Inland herangezogen werden. Ab Herbst 2000 wurden - neben den bestehenden Teilstreitkräften Heer, Marine und Luftwafe - die eigenständigen Bereiche Sanitätsdienst und Streitkräftebasis eingeführt. Mit dieser Maßnahme sollten die Dienstleistungen und Fähigkeiten zur Ausbildung, Versorgung und Unterstützung der Truppen umfassend gebündelt werden. Die Reformen wurden in einer Zeit durchgeführt, in der die Anzahl und Intensität der Auslandseinsätze zunahmen. Und auch im Inland wurden sie beispielsweise beim Elbhochwasser 2002 benötigt. Seit Januar 2001 sind Frauen im Militärdienst gleichberechtigt gegenüber männlichen Soldaten. KonseqUenzen Der BUnDesWeHrreformen für KommUnen

Die Umstrukturierung zu einer „Armee im Einsatz“, die damit verbundene Truppenreduzierung und der Abzug der alliierten Streitkräfte verursachten einen umfangreichen Leerstand in zahlreichen (ehemaligen) militärischen Liegenschaften zu Beginn der 1990er Jahre, sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. Diese wurden nach und nach für eine zivile Nutzung freigegeben. Vor allem Garnisonsstädte mussten sich die Frage stellen, was sie mit den zum Teil kontaminierten Liegenschaften machen sollten und befürchteten parallel strukturpolitische Konsequenzen der Standortschließungen oder -verkleinerungen: Den vielen zivilen Mitarbeitern in den Kasernen drohte die Arbeitslosigkeit, enorme regionale Kaufkraftverluste waren zu erwarten und kommunale Steueraufkommen wurden reduziert. Erst im Laufe der Zeit realisierten die Kommunen, dass gerade durch die innerstädtisch gelegenen militärischen Brachlächen neue Chancen in der Siedlungspolitik und im Städtebau bestanden.

a K t U e l l e s i t Uat i o n Die BUnDesWeHrreform GeHt Weiter

Noch einschneidender als die Reformen zuvor ist die Abschafung der Wehrplicht im Juli 2011. Sie stellt einen wesentlichen, ersten Schritt in einem umfassenden Neuaufbau der Bundeswehr dar. Anfang des Jahres 2010 gab der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine Analyse zur Bestimmung von Stärken und Schwächen der aktuellen Situation der Bundeswehr in Auftrag. Eine umfassende Umstrukturierung der Bundeswehr sollte mit dem Ziel erfolgen, die Verteidigungsressourcen den aktuellen und künftigen sicherheitspolitischen Herausforderungen anzupassen. Im August 2010 präsentierte der Verteidigungsminister der Regierungskoalition unterschiedliche Modelle zur zukünftigen Struktur der Streitkräfte. Die Truppengröße schwankte zwischen 150.000 und 180.000 Zeit- und Berufssoldaten. Im Dezember 2010 wurde dann schließlich durch das Bundeskabinett eine Aussetzung der Wehplicht zum 1. Juli 2011 beschlossen. Ab dem 1. März 2011 konnte niemand mehr gegen seinen Willen einberufen werden. Der 3. Januar 2011 war der letzte Einberufungstermin zur Grundwehrplicht. Nach dem Rücktritt zu Guttenbergs im März 2011 wurde Thomas de Maizière zum Bundesminister der Verteidigung ernannt. Dieser setzte die Reformbemühungen seines Vorgängers fort. Am 18. Mai 2011 wurden die Verteidigungspolitischen Richtlinien wirksam. Hierin wird zum einen der erweiterte Sicherheitsbegrif befürwortet, zum anderen wird dem Multilateralismus zugestimmt. Es wird deutlich die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, der NATO und der EU betont. Einsätze sollen generell multilateral durchgeführt werden. Eine Ausnahme bilden hier nur die Evakuierungs- und Rettungsoperationen von im Ausland in Gefahr geratenen Deutschen. Diese Einsätze liegen immer in nationaler Verantwortung. Im Bezug auf die Aufgaben der Bundeswehr, wird die Notwendigkeit des Bestehenbleibens nationaler Streitkräfte als unentbehrlich betont. Sie ist ein Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik und Grundlage für eine Selbstbehauptung und der Verteidigung des Staats. Auf verschiedenste Einsätze unterschiedlichster Intensität soll die Bundeswehr

ausgerichtet werden. Das soll Deutschland ermöglichen, einen ihm entsprechenden, politisch und militärisch angemessenen Anteil zu leisten. Die wichtigsten Aufträge und Aufgaben der Bundeswehr sind demnach der Schutz Deutschlands und seiner Staatsbürger im In- sowie im Ausland, wenn sie in Not geraten, die Sicherstellung der politischen Handlungsfähigkeit, die Verteidigung des Landes, sowie Verbündeter. Am 27. Mai 2011 wurden die Grundzüge für die Neuausrichtung der Bundeswehr dargelegt, worin Veränderungen in der Struktur, die nötig sind, um die neuen Aufgaben zu erfüllen erläutert sind. Diese Strukturveränderungen sind heute noch nicht abgeschlossen. Die Bundeswehr beindet sich also weiterhin im Wandel. Diese Neuausrichtung wird somit auch zukünftig Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Die Stärke der Bundeswehr wird aus heutiger Sicht zukünftig bei höchstens 185.000 Soldaten liegen und sich damit wiederum deutlich senken. Die Kommunen der Bundeswehrstandorte sind wohl am stärksten von den Veränderungen betrofen, denn sie haben durch Standortverkleinerungen oder -schließungen immer wieder mit drastischen Einschnitten in ihrer wirtschaftlichen Lage zu kämpfen. 1

1 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Neuausrichtung_der_Bundeswehr

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aU s B l i c K U n D fa z i t Eine parallel werte- und interessengeleitete Außenpolitik Deutschlands erfordert wegen der derzeitigen internationalen Umbrüche vor allem ein solides Fundament in der EU. Diese muss funktionsfähig und wirtschaftlich redynamisiert werden, wenn die europäischen Länder im immer mehr multipolaren internationalen System nicht an Einluss verlieren wollen. Sinngemäß basiert die deutsche und die europäische Außenpolitik zukünftig daher verstärkt auf innergesellschaftlichen Gegebenheiten, insbesondere einer guten Infrastruktur und einer vorbildlichen Wissenschaftskultur. Die intensivere Nutzung sicherheitspolitischer beziehungsweise militärischer Mittel zur politischen Einlussnahme wäre andererseits wenig vorteilhaft und sogar kontraproduktiv, wie man am Beispiel der USA sehen kann: Wenn selbst diese Weltmacht trotz deutlich höheren Aufwands und kleinerer interner Reibungsverluste mit dieser Strategie in Problemsituationen geraten sind, sollte die EU diese Strategie, die ohnehin jenseits ihrer inanziellen Mittel liegt, meiden. Deutschland muss zusammen mit der EU erst einmal die aktuelle Krise bewältigen. Darüber hinaus muss man versuchen in technologischen und sozialen Bereichen durch starke Förderung und Innovationen in eine führende Position zu gelangen. So gewinne die europäische und deutsche Außenpolitik die Möglichkeit, den Gang in die Zweitklassigkeit zu vermeiden. Dazu müssten allerdings die bestehenden Mittel in deutlich umfangreicherem Maße in die Infrastruktur, Bildung, Ausbildung und Wissenschaft investiert werden, da hier in den letzten Jahren der Anschluss an die Weltspitze nicht gehalten werden konnte. Der Versuch, den Abstieg durch militärische Mittel zu dämpfen, ist zum Scheitern verurteilt. Aus diesem Grunde müssen Bundeswehr und andere europäische Armeen auf die zukünftig notwendigen Aufgabenbereiche weiter zugeschnitten werden. Diese weitere Spezialisierung ist vertretbar, da die EU wohl auch in Zukunft nicht militärisch bedroht wird und die Anstrengungen in out-of-area-Einsätzen bislang wenig Früchte getragen haben. Als Innovationsmacht hingegen kann es gelingen, sich zu einem der zentralen Knotenpunkte des künftigen multilateralen politischen Systems zu entwickeln und auf dieser Grundlage Kooperatio62

nen mit den anderen Knotenpunkten zu entwickeln, zu verstärken und zu institutionalisieren. Diese Soft Power ist zwar nicht die Lösung aller Probleme, jedoch für Europa die einzige Möglichkeit, Einluss auf die globale Zukunft zu nehmen und dies nicht im Sinne von überkommener und irreparabler Dominanzvorstellungen, sondern als gut vernetzte und einlussreiche Mittelmacht.


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in diesem Kapitel richten wir unseren fokus auf rheine. nach einer kleinen einleitung, in der wir die Geschichte, die Baukultur und das landschaftsbild von rheine vorstellen, untersuchen wir wieder die themen des gesellschaftlichen Wandels, die wir auch schon für Deutschland untersucht haben, diesmal allerdings im rheinenser Kontext, also im viel kleineren maßstab. rheine ist eine westfälische zum Kreis steinfurt gehörende stadt an der ems mit mehr als 76.000 Bewohnern. sie ist somit die größte stadt im Kreis sowie die zweitgrößte stadt im münsterland nach münster, welches etwa 40 km in südlicher richtung entfernt liegt. neben münster gibt es noch zwei weitere größere städte in der nähe. osnabrück liegt ca. 45 km östlich, enschede 40 km westlich von rheine. Die stadt gehört zu nordrhein-Westfalen. nördlich von rheine liegt niedersachsen; es grenzt an das stadtgebiet von rheine.

GescHicHte ausgrabungen wie z.B. das Großsteingrab von rheine-schotthock zeugen davon, dass der raum um rheine bereits ab der mittleren Jungsteinzeit, etwa um 3200 v. chr., besiedelt war. Weitere Besiedlungen von 600 bis 500 v. chr. sind durch archäologische funde in altenrheine belegt. für die stadtgründung spielen diese funde aber keine große rolle. Diese geht auf die Gegebenheit zurück, dass sich in rheine zwei frühgeschichtliche fernwege kreuzten. zum einen der Hellweg, welcher von den ijsselstädten in den heutigen niederlanden über rheine in die ostwestfälische region um minden und Paderborn und nach Bremen führte und zum anderen die friesische straße, die von emden über münster in südlichere regionen führte. laut dem Historiker Joseph Prinz war in erster linie die friesische straße der maßgebliche anlass für die Gründung der städte münster und rheine. im zuge der von 772 bis 805 geführten sachsenkriege zwischen franken und sachsen war es strategisch wichtig, die emsfurt in rheine gegen aufständische sächsische stämme zu verteidigen. Hierzu wurde ein befestigtes Königsgut auf einer anhöhe westlich der ems oberhalb der furt errichtet. Dies geschah um 800 und dieser Bau - die villa reni, der heutige falkenhof gilt als Keimzelle der stadt. Die erste urkundliche erwähnung existiert vom 7. Juni 838. 1327 verlieh Bischof ludwig ii von münster der stadt rheine die stadtrechte und verleibte den ort dem Bistum münster ein. infolge der stadternennung gab es einen aufschwung. ein amt wurde eingerichtet, welches stellvertretend die rechte des Bischofs wahrnahm, aber auch verwaltungsaufgaben ausübte, ein stadtrat wurde gewählt, Gilden wurden gegründet. rheine entwickelte sich zu einem echten städtischen zentrum. auch der in angrif genommene Bau der Dionysiuskirche um 1400 und die errichtung des Klosters Bentlage um 1450 zeugen vom aufschwung in rheine. im Krieg um das Bischofsamt, der sogenannten münsterischen stiftsfehde, wurde auch rheine in mitleidenschaft gezogen. im Konlikt um die nachfolge des verstorbenen münsterischen Bischofs Heinrich ii.

von moers im Jahr 1450 kam es zum machtkampf um die vorherrschaft in Westfalen zwischen den städten Köln und Kleve. Die fehde löst sich mit dem tod des vom Kölner erzbischofs unterstützten Kandidaten Walram von moers im Jahr 1456 auf. Doch rheine wurde trotz eines kurz zuvor abgeschlossenen friedensvertrages von steinfurtern besetzt und gebrandschatzt. mit dem falkenhof und dem Bau der Kirche mehrere hundert meter lussaufwärts bildeten sich schon früh in der Geschichte der stadt zwei voneinander getrennte siedlungskerne. Die Gebäude, die um die Kirche und den späteren marktplatz errichtet wurden, sollten später das zentrum der stadt bilden. Direkt am falkenhof entstand aber eine zweite, dörliche siedlung, der thie. nach der fertigstellung der ersten stadtbefestigungen im Jahr 1327 lag der landwirtschaftlich geprägte thie außerhalb der stadtmauern. einer der wichtigsten Gründe für die erweiterung der stadtbefestigung um den thie dürfte ihre schwächung durch die thiebauernschaft gewesen sein, was der gelungene überfall der steinfurter von 1457 eindrucksvoll zeigt, der auch über den thie erfolgte. zwischen 1463 und 1490 wurde die Befestigung um den thie erweitert. nach dem niederschlag der täufer hatte franz von Waldeck mit den städten des Bistums, so auch rheine, im Jahr 1542 ein Beistandsund schutzbündnis unterzeichnet. er unterbreitete den vorschlag, das stift lutherisch zu reformieren. Dies traf allerdings auf den heftigen Widerstand des münsterschen Domkapitels. eine eigentliche reformation in seinem Bistum konnte er also nicht durchführen, diese blieb somit auch in rheine aus. Die stadt blieb zunächst nominell katholisch. mehr und mehr Bürger wandten sich allerdings in den folgenden Jahren dem Protestantismus zu. Um 1580 scheint auch die mehrheit der adeligen im fürstbistum zur lutherischen augsburgischen Konfession gewechselt zu sein, während das Hochstift münster katholisch geblieben war. Das Bistum hatte nicht die politische Kraft, diesen „unkatholischen“ zuständen entgegenzuwirken. erst der fürstbischof ernst von Bayern bemühte sich darum, die katholische lehre im zuge der Gegenreformation wieder zu festigen. Die protestantischen lehren waren


rHeine

im ganzen Bistum, also auch in rheine, so tief verankert, das ihm und seinem nachfolger nicht gelang, die Gegenreformation durchzuführen. von 1568 bis 1648 währte der spanisch-niederländische Krieg im Bistum münster und betraf damit auch die stadt rheine. Die region geriet zwischen die fronten der Kriegsparteien. spanische und niederländischen truppen zogen plündernd durch das land und trugen auch ihre Kriegshandlungen jahrzehntelang im münsterland aus. mehrmals versuchten die spanier rheine einzunehmen, scheiterten aber immer an den Befestigungen der stadt. 1598 setzten sie jedoch zu einer Großoffensive gegen die niederländischen truppen an und nahmen die meisten städte des stiftes münster, darunter auch rheine, ein, welches von den spaniern bis ostern 1599 besetzt gehalten wurde. im Jahr 1609 wurde frieden geschlossen. Dieser hatte allerdings nicht lange bestand, da der Dreißigjährige Krieg bald darauf ausbrach. erst jetzt im Dreißigjährigen Krieg konnte 1623 mit einem schlag die Gegenreformation in rheine durchgesetzt werden. als der rat der stadt sich einer einquartierung katholischer kaiserlicher truppen widersetzt, belagert Graf von tilly die stadt erfolgreich und sie iel. Die gesamte evangelische führungsschicht wurde vertrieben und durch katholische amtsträger ersetzt. zum Kriegsschauplatz wurde die stadt abermals, als die protestantischen truppen des landgrafs Wilhelm von Hessen-Kassel im Jahr 1633 in Westfalen einmarschierten und einen

großen teil des stiftes münster besetzen konnten, darunter auch rheine. zwei Jahre war rheine von den protestantischen truppen besetzt, bevor katholische truppen des stifts die stadt wieder zurückerobern konnten. am 20. september 1647 wurde rheine bei Gefechten zwischen protestantischen und katholischen truppen nahezu in schutt und asche gelegt. Dies geschah durch „glühende Kugeln“, die die Protestanten unter führung von General Königsmarck in die stadt warfen. Um sich von den Geschehnissen des Dreißigjährigen Krieges zu erholen, brauchte die stadt fast ein Jahrhundert, da sie beim Wiederaufbau fast auf sich allein gestellt war. 1759 vernichtete wiederum ein Brand 70 Gebäude der stadt, darunter auch der falkenhof. Die preußische Provinz Westfalen, zu der auch rheine gehört, wurde 1815 gegründet und im Jahr darauf wird die stadt dem Kreis steinfurt zugeordnet. Die textilindustrie entwickelt sich ab mitte des 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor, rheine zu einem bedeutenden zentrum der textilbranche. 1855 verbindet die Hannoversche Westbahn erstmals rheine und osnabrück miteinander; ein Jahr später wird die strecke nach emden eröfnet. am 11. august 1899 wird der Dortmund-ems-Kanal, der das ruhrgebiet mit der nordsee verbindet, fertiggestellt. 1919 wird der einzige rangierbahnhof des münsterlandes in rheine in Betrieb genommen. Während der Hitler-Diktatur im Deutschen reich wurden auch

jüdische rheinenser deportiert. Die stadt wurde mehrfach durch die alliierten bombardiert, die Bahnstrecke und der Dortmund-ems-Kanal stellten infrastrukturelle ziele dar. nach Kriegsende lag rheine in der britischen Besatzungszone, wurde politisch dem neuen land nordrhein-Westfalen zugeordnet und wurde 1949 eine stadt in der neuen Bundesrepublik Deutschland. im zuge der Gemeindegebietsreform 1975 wird rheine mit den umgebenden Gemeinden zusammengefasst. Die einwohnerzahl liegt danach bei 71.539 und steigt bis heute auf 76.529 an.1

1 ne

vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rhei-


B aU K U lt U r im stadtbild von rheine sind einige historisch bedeutende Bauwerke zu inden, die wichtigsten werden nachfolgend kurz dargestellt. Das wohl bedeutendste Bauwerk in rheine ist der falkenhof. Wie schon im vorherigen textabschnitt dargestellt, ist er die Keimzelle rheines. er wurde in anbetracht der sachsenkriege in den Jahren 772 bis 805 gegründet um die wichtige emsfurt in rheine zu sichern. Die stadtstruktur wuchs im laufe der zeit um ihn herum, sodass er jetzt am marktplatz liegt. Während der regionale 2004 wurde er das letzte mal umfangreich um- und ausgebaut. Heutzutage beherbergt das Baudenkmal das stadtmuseum. ein weiteres Baudenkmal ist die saline Gottesgabe. sie wurde erstmals im Jahr 1439 urkundlich erwähnt, salzgewinnung gab es hier aber schon bereits seit ca. 1020. Die saline beindet sich in direkter nachbarschaft zum Kloster Bentlage, welches ebenfalls ein wichtiger teil der rheinenser Baukultur ist. Der Bau des Klosters wurde um 1437 von anhängern des Kreuzherrenordens begonnen, aber erst 1645 vollendet. 1806 wurde das Kloster nach der säkularisation zu einem schloss umgebaut. seit 1978 beindet sich das schloss im Besitz der stadt, in den Jahren 1990 bis 2000 wurde es umfangreich restauriert und dient der stadt heute als museum. Die umliegende Parklandschaft wird als naherholungsgebiet von der rheinenser Bevölkerung genutzt. neben vielen weiteren Gebäuden spielen vor allem zwei Kirchen noch eine wichtige rolle in der Baugeschichte der stadt. Die Kirchen st. Dionysius und st. antonius. erstere liegt im historischen stadtkern am marktplatz, wurde zwischen 1400 und 1520 errichtet und ist eine spätgotische Hallenkirche. Die st. antonius Basilika ist ein neuromanischer Bau von 1899 - 1905. Die dreischifige Kirche besitzt mit einer Höhe von 102,5 m den höchsten turm im münsterland. auch zukünftig legt rheine viel Wert auf seine Baukultur. Wie aus einer Konzeptschrift für rheine für das Jahr 2020 hervorgeht, ist die vermittlung von Geschichte und tradition, das erhalten qualitätvollen Planens und Bauens und ebenso die

fortentwicklung der Gestaltung und formensprache von großer Bedeutung. Baukultur sei als „täglich erlebbare stadtgeschichte ist in unserer Beschleunigungsgesellschaft bei immer kürzer werdenden erneuerungszyklen besonders wichtig.“ - rheine 2020. Dadurch erhält rheine auch seine authentizität und dies wiederum schaft identiikationsmöglichkeiten für die rheinenser Bevölkerung mit ihrer stadt. schon während der regionale 2004 war das engagement der stadt zu sehen, als sie den falkenhof und das Kloster Bentlage umfangreich sanierte was dem gesamten stadtbild zugute kommt und sowohl im Bereich Kultur als auch im tourismus mehrwerte schaft. zukünftig soll die Bevölkerung in städtebauliche Prozesse besser integriert werden und vor allem themen wie Geschichte, identität, regionalität, nachhaltigkeit und schönheit im vordergrund von architektur- und städtebaulichen entwicklungen stehen.

n at U r U n D l a n D s c H a f t rheine gehört zum landschaftsraum der Westfälischen tielandsbucht, die wiederum teil der norddeutschen tiefebene ist. aufälligstes landschaftsmerkmal in rheine ist die ems. sie liesst direkt durch die innenstadt und teilt diese in zwei teile. Da es seit anfang des 19. Jahrhunderts den Dortmund-ems-Kanal als Wasserstraße in nord-süd-richtung gibt, wird die ems in dieser region nicht mehr beschift und somit für freizeitaktivitäten genutzt. auch der Hemelter Bach ließt durch rheine, genauer gesagt durch den südöstlich gelegenen ortsteil eschendorf. Hier bildet er zusammen mit Wiesen und äckern, die allerdings für die Bevölkerung nicht zugänglich sind, eine grüne spange, an der auch der stadtpark angegliedert ist. Weitere Bäche auf dem stadtgebiet sind der elter mühlenbach, der frische- oder Wambach, der frischhofsbach, Krafelds Bächsken und der randelbach. quer zur ems verläuft ein Höhenzug, der östlich der ems den stadtberg ausbildet und westlich der ems den thieberg. nordwestlich der stadt beindet sich das naherholungsgebiet Bentlage, eine ursprüngliche landschaft mit Wiesen und Wäldern entlang der ems. aber auch der salinenpark ist eingebettet in diese landschaft. auch der ackerbau ist prägendes merkmal des landschaftsbildes und spiegelt eine jahrhundertelang geplegte Bewirtschaftungsform wider. Waldlächen sind in rheine unterdurchschnittlich vertreten. Biotope und naturschutzgebiete sind auf dem stadtgebiet, besonders auf den (ehemaligen) militärlächen zu inden und von großer Bedeutung für den naturraum in rheine.


rücKBlicK In der Vergangenheit war der Anteil junger Menschen in der Bevölkerung generell immer sehr groß. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich dies aber aus gesellschaftlichen Gründen, die im Kapitel „Gesellschaftlicher Wandel - Demograie“ erläutert wurden. Seit Anfang der 1960er Jahre ist die Altersgruppe der über 60-jährigen von 17 auf 21 Prozent angestiegen. In Deutschland ist also schon heute durchschnittlich jeder Fünfte 60 Jahre oder älter. Gleichzeitig sank der Anteil der unter 20-jährigen von 30 Prozent auf heute nur noch rund 23 Prozent. In Nordrhein-Westfalen ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Hier ist der Anteil der über 60-jährigen seit Anfang der 1970er Jahre von 19 auf nahezu 25 Prozent angestiegen, in NRW ist somit schon jede 4. Person 60 Jahre oder älter. Für Rheine war immer ein hoher Anteil der jüngeren Bevölkerung kennzeichnend. In den 1970er Jahren lag der Bevölkerungsanteil der unter 20-jährigen bei knapp 36 Prozent. In den folgenden beiden Jahrzehnten iel dieser jedoch schnell auf 23 Prozent im Jahr 1990. Parallel nahmen der Bevölkerungsanteile der über 60-jährigen (von ca. 16 auf 23 Prozent) und besonders die der Erwerbstätigen (von 49 auf 59 Prozent) zu. Nach dem Mauerfall gab es auch in Rheine aufgrund der hohen Zuwanderung einen starken Anstieg der Bevölkerungszahl. Sie entwickelte sich von 69.736 im Jahr 1990 zu 76.563 in 2012.

72

a K t U e l l e s i t Uat i o n Im Moment stagniert die Bevölkerungszahl und es ist in Zukunft mit einer leichten Schrumpfung zu rechnen. Heute steht Rheine also voraussichtlich auf dem Zenit seiner Bevölkerungsentwicklung. Die Altersstruktur der Bevölkerung sieht aktuell folgendermaßen aus: Die unter 20-jährigen machen 20,7 Prozent der Bevölkerung aus, wobei der Anteil der Jungen mit 52 Prozent dieser Altersgruppe etwas höher ist, als der der Mädchen. Die 20 bis unter 40-jährigen haben einen Anteil von 23,2 Prozent an der Bevölkerung. Auch in dieser Gruppe ist die männliche Bevölkerung mit 50,8 Prozent etwas größer als die weibliche. Die 40 bis unter 60-jährigen stellen mit 31,7 Prozent die größte Altersgruppe in Rheine dar. Wiederum ist auch hier der Anteil der Männer mit fast 52 Prozent größer als der Anteil der Frauen. Dieses Verhältnis ändert sich aber enorm in den älteren Jahrgängen. Bei den 60 bis unter 80-jährigen liegt der Anteil der Frauen schon bei 53,6 Prozent. Insgesamt macht diese Altersgruppe momentan 19,7 Prozent der Bevölkerung aus. Die noch mit Abstand kleinste Gruppe sind die über 80-jährigen, sie wird in Zukunft aber deutlich größer. Aktuell hat sie einen Anteil von 4,8 Prozent an der Bevölkerung in Rheine. Hier macht sich auch die deutlich längere Lebenserwartung der Frauen entsprechend bemerkbar. Mit 68,7 Prozent sind mehr als zwei Drittel dieser Altersgruppe Frauen.

fa z i t U n D aU s B l i c K In Zukunft wird die Bevölkerungsentwicklung, wie auch in den letzten Jahrzehnten, stark von der Zuwanderung abhängig sein. Mit den Erweiterungen der EU und den damit verbundenen Grenzöfnungen ist die Migration innerhalb der EU deutlich erleichtert worden. Da die EU-interne Migration den deutlich größten Anteil an der gesamten Migration ausmacht, könnte auch Rheine zukünftig sehr davon proitieren und so den Bevölkerungsrückgang etwas aufangen. Für Nordrhein-Westfalen wird bis 2020 ein Rückgang von ca. 2 Prozent prognostiziert. In den nächsten Jahren hält sich die Schrumpfung also noch in Grenzen. Bis 2050 allerdings erwartet man eine Schrumpfung von bis zu 19 Prozent. Um die damit auftretenden Probleme zu bewältigen, besteht schon Handlungsbedarf genug. Nichtsdestotrotz, die noch größeren Veränderungen entstehen durch die Verschiebungen in der Altersstruktur. Der Anteil der jungen Bevölkerung sinkt weiter, wohingegen der Anteil der Älteren in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich zunimmt. Eine von der Stadt Rheine beauftragte und im Jahr 2004 durch die Firma plan-lokal aus Dortmund durchgeführte Studie besagt, dass die Bevölkerung in Rheine bis 2020 zwischen 4 und 1 Prozent sinken wird, bei erhöhter Zuwanderung jedoch um 2 Prozent zunehmen könnte, was noch einmal die Wichtigkeit der Zuwanderung unterstreicht. Die altersstrukturellen Verschiebungen werden in Rheine deutlicher ausgeprägt sein, als im übrigen Kreis Steinfurt. Es ist mit einem Einbruch der Kinderzahlen und mit einer drastischen Reduzierung der jungen Erwachsenen zu rechnen (25-40-jährige), was auch zu einer sinkenden Anzahl von Familien führen wird. Die älteren Jahrgänge werden hingegen zahlreicher vertreten sein. Ab 2020 sind die 45-65-jährigen die größte Altersgruppe in Rheine und die über 80-jährigen werden um 70-80 Prozent zunehmen. Diese Entwicklung hat große Auswirkungen auf die zukünftige Gestaltung des öfentlichen Raums und dessen Infrastruktur. Neben den Entwicklungen der Altersstruktur und Bevölkerungszahl, werden auch geänderte Lebensstile und -formen für Veränderungen sorgen, auf die die Stadt reagieren muss. Resümierend kann man die Veränderungen in Rheine mit drei Worten beschreiben: Älter, bunter,


weniger! Um diesem Prozess zu begegnen ist eine Anpassung an ihn unumgänglich. Durch eine Verbesserung der Lebensqualität, besonders für Senioren und Familien mit Kindern, will Rheine diesen Veränderungen begegnen. Wenn Rheine es schaft, für viele Familien attraktiv zu werden, so kann man die Auswirkungen des demograischen Wandels etwas dämpfen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist dabei die Öfnung der Stadt zu den globalisierten Märkten mit regionaler Qualität statt mit Quantität. Rheine muss die demograische Entwicklung als Chance sehen. Die gesellschaftlichen, ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen müssen durch die kontinuierliche Teilnahme der Bürger an zukünftigen Stadtplanungen und -ansichten relektiert werden. Es muss sehr lexibel und kurzfristig auf die Veränderungen reagiert werden, jedoch immer mit qualitativ hochwertigen Lösungen. Werte wie interkulturelle Toleranz und Akzeptanz und Generationen übergreifende Zusammenarbeit sind dabei sehr wichtig. Umfassende und anpassungsfähige Stadtnetzwerke müssen entstehen. Alle Altersgruppen jeder Kultur müssen für verantwortungsbewusstes, städtisches Handeln sensibilisiert werden. Eigeninitiative wird eine noch größere Rolle spielen als heutzutage, dafür müssen aber auch die Vorraussetzungen geschafen werden. Die Bedürfnisse und Interessen von Kindern und Jugendlichen, insbesondere in den Bereichen Bildung, Freizeit und Kultur, genauso wie die der Älteren oder Migranten müssen erkannt werden und ein Angebot geschafen werden, welches diesen Bedürfnissen entspricht. Ein Paradigmenwechsel ist in der Gesellschaft zu erkennen: Umzug vom Land zurück in die Stadt, Schrumpfung statt Wachstum und damit verbunden, Senkung statt Erhöhung des Lebensstandards, aber darum auch mehr Kooperation statt hartem Wettbewerb. Ein großes Problem in Rheine wird die Vergreisung und der Leerstand der vielen Wohngebiete sein. Um diesen Problemen entgegenzuwirken müssen sich die Wohngebiete den Umständen anpassen. Es müssen Angebote für unterschiedlichste Nutzergruppen geschafen werden. Wohnformen wie das Mehrgenerationenwohnen, Wohngemeinschaften, Singlewohnungen, betreutes Wohnen, familiäres Wohnen usw. müssen der Nachfrage angepasst werden. Insbesondere beim Neubau

stehen Nutzungsneutralität, Flexibilität und Multifunktionalität im Vordergrund. Der Anteil der Migranten kann und muss wachsen, um Bevölkerungszahl und damit verbunden das städtische Leben einigermaßen auf dem Niveau von heute zu halten. Diese müssen aktiv mit sinnvollen Angeboten in die Gesellschaft integriert werden. Rheine muss ein harmonisches Miteinander aller Kulturkreise fördern indem die Voraussetzungen für integrative Milieus in Bildung, Beruf und Freizeit sgechafen werden. Hier ist der erste Schritt mit der Ausarbeitung des „Integrierten Entwicklungs- und Handlungskonzepts” schon getan. Dieses Konzept beinhaltet ein Leitbild, welches zusammen mit den Bürgern der Stadt entwickelt wurde und darauf basierend 28 Leitprojekte, um dieses Leitbild in die Realität umzusetzen.1

1 vgl. Jutta Gruß-Rinck, Hans-Joachim Hamerla, Ilka Mecklenbrauck, Daniela Schneider, Peter Wegmann, Christine Wittemann: Rheine 2020 - Integriertes Entwicklungs- und Handlungskonzept S. 43 f., Rheine, Düsseldorf, 2008

73


onKel ali von „Pizzeria onKel ali“, näHe BaHnHof rHeine


1991 +1119 Europa 127 60 66 66 31

+1

Rheine

Amerika 2 6 3 7 1 1 5 5 1 7 1

7

+182

24

25 25 29

+5

11

Asien 14 3 6 8 1 1 4 2 6 13 3

61

ausland gesamt 158

+6

Afrika 2 3 1 7 1 1 4

67

81 78 33

1

9 +190 29

36 33 39 85 Australien 1 -4 1 1 3

ausland Steinfurt 203 207

130 132 82 56

28

rheine 112 126 138

6 1 11 14 7 11 5 2

Münster219 43 38

17 26

9 5

Coesfeld -156 2 1 5 6 8 +1 16 1 3 8 3 4 2

27

10 6

Warendorf 4 11 4 2 1 2 -6 2 8 3 6 11

14 19 22 18 7 13

129

Reg.-Bez. Arnsberg 45 30 22 33 8 7

38 33 35

+25

15

-37

-18

Reg.-Bez. Detmold 15 15 19 16 8 2

icklu n

80

60

g des

6 3

entw

Recklinghausen 3 5 3 8 1 Bottrop 4 2 2 6 1 1 1 -1 1 1 1 Reg.-Bez. Düsseldorf Gelsenkirchen 39 35 1 -3 14 9 9 5 1 3 +5

-38

Wand erung sbil

58

Borken 14 16 17 17 +21

anz

+129

32 23 36

13

1

Reg.-Bez. Köln 19 21 9 7 7 2 10

17 18

3 3

51

1984 -529 76

innerhalb nordrhein-Westfalens

12


Deutschland gesamt 30-50 678

migration von und nach rheine nach altersklassen in 2011

18-25 528 25-30 <18 463 451

Schleswig-Holstein 3 3 6 5 2 1 6 6 8 11 3 5

-19

50-65 207 Mecklenburg-Vorpommern 9 1 3 12 2 1 +20 3 1 2 1 1

>65 142 Hamburg 2 1 2 4 1 12 9 3

-16

zuzug

-122

Niedersachsen 166 146

Bremen 1 Nordrhein-Westfalen -13 402 7 3 4 1 2 3

fortzug

114 116 0

44 42

325 130

285

+29

258

181

Brandenburg 1 1 2 3 1 1 2 1 2

-19

47 49

Rheine

92 132

Berlin 3 6 6 5 2 2 7 10 10 14 1 1

96

153 162

82

+1

Sachsen-Anhalt 3 2 2 2 1 1 1 2 4 3

400 -78

496 61 107

0

692 692

244 +5

310

Hessen 13 8 12 21 2 1 11 13 10 15 3

2005 +318

Th端ringen 4 1 2 3 1 5 1 2 1

+2

Sachsen 2 4 5 6 5 2 5 4 4 8 1

20 +7 11 1

421 419 Rheinland-Pfalz 6 2 5 8 2 -12 7 11 13 10 1

-8

Saarland 1 1 2 4 1 1

+5

1998 -239

Baden-W端rttemberg 14 11 12 15 3 3

-19

Bayern 19 15 26 10 7 4 12

24

9

4 2 25

11 16 18 18 9 5

Daten: Landesdatenbank NRW, 2012 innerhalb Deutschlands

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rücKBlicK Wie im Kapitel „Gesellschaftlicher Wandel - Migration“ dargestellt, gab es erstmals mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland eine erhöhte Zuwanderung. Eine zweite Einwanderungswelle war nach der Wiedervereinigung zu beobachten. Diese Wanderungsbewegungen gab es auch in Nordrhein-Westfalen. Auch hier war 1970 die Einwanderung am höchsten gefolgt von den Jahren 1989 und 1990. Wegen der Nähe zu den Niederlanden und der ehemals lorierenden Textilindustrie war Rheine schon seit der Industrialisierung Ziel von Zuwanderern, aber auch hier konnte man die Wanderungsströme in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts klar erkennen. Besonders nach der Öfnung der Grenzen zu Beginn der 1990er Jahre hatte Rheine enorme Zuwanderungsgewinne aus dem ehemaligen Ostblock. Seit 1990 sind ungefähr 5.500 Aussiedler zugezogen, des Weiteren kamen auch zahlreiche Migranten aus anderen deutschen Gemeinden nach Rheine. In jüngster Vergangenheit waren die Zuwanderungen der Aus- und Übersiedler allerdings, wie in ganz Deutschland, rückläuig. 2005 nahm die Stadt an einem bundesweiten Wettbewerb des Bundesinnenministeriums teil und kam bis in die Runde der letzten 15 Städte.

a K t U e l l e s i t Uat i o n Rheine hat derzeit einen Ausländeranteil von ca. 7 Prozent. Die größten ausländischen Bevölkerungsgruppen sind türkischer, portugiesischer und ehemals jugoslawischer Herkunft. In weitaus größerem Maße als die Migration mit dem Ausland, indet die regionale Wanderung statt. Die Wanderungsbewegungen mit den Nachbargemeinden machen über 75 Prozent der gesamten Migration aus. reGionale WanDerUnGen

Die Migration mit dem direkten Umfeld, also den Nachbargemeinden im Kreis Steinfurt und im Emsland bringt Rheine deutliche Migrationsgewinne. Vor allem bei Menschen im Alter von 1825, aber auch Ältere ab 50 ziehen aus dem Umfeld nach Rheine. Grund dafür zum einen junge Erwachsene, die wegen Ausbildung oder Arbeitsplatz nach Rheine ziehen und andererseits die älteren Menschen, die aufgrund der besseren Infrastruktur und des besseren Angebots aus den umliegenden kleineren Gemeinden wieder nach Rheine ziehen. Die anderen Altersgruppen sind relativ ausgeglichen. Insgesamt sind im Jahr 2011 129 Menschen mehr vom Umland nach Rheine gezogen als von Rheine ins Umland. Innerhalb Nordrhein-Westfalens ist die Wanderungsbilanz für Rheine negativ. Hier gibt es große Verluste für Rheine bei den 18 bis 25-jährigen, jedoch leichte Gewinne bei Familien mit Kindern und älteren Menschen. Junge Menschen aus Rheine zieht es in größere Städte, vor allem nach Münster. Auch hier sind als Gründe wieder Ausbildung und Arbeitsplätze zu nennen. Münster spielt als Hochschul- und Ausbildungsstandort eine große Rolle. Es sind in 2011 156 mehr Menschen von Rheine nach Münster gezogen, als umgekehrt. Gerade hier gibt es Handlungsbedarf für die Stadt Rheine. Die Bilanz zu Nordrhein-Westfalen gesamt sieht mit -78 Personen im gleichen Jahr nicht ganz so negativ aus. üBerreGionale WanDerUnGen

Die überregionalen Wanderungen machen nur etwa ein Viertel der gesamten Wanderungen aus. Die Wanderungen zwischen Rheine und Niedersachsen sind jedoch aufgrund der Grenznähe relativ hoch. Aufällig ist vor allem, dass es die jungen Menschen in die großen Städte zieht, wie man an den Wande78

rungsbilanzen zwischen Rheine und den Stadtstaaten sehen kann. Die Wanderungen vom und ins Ausland sind zwar relativ gering, jedoch wegen der enorm positiven Bilanz von größter Bedeutung für Rheine. Lediglich bei den über 65-jährigen gibt es mehr Wegzüge als Zuzüge. Insgesamt jedoch sind im Jahr 2011 190 Menschen mehr vom Ausland nach Rheine gezogen als umgekehrt. Das ist der größte Wert überhaupt in der Migrationsstatistik von Rheine für das Jahr 2011. Durch Migrationen innerhalb Deutschlands hat Rheine im Jahr 2011 122 Einwohner verloren, diese konnten allerdings durch die starke Zuwanderung aus dem Ausland mehr als ausgeglichen werden. inteGration

Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund wächst auch in Rheine von Jahr zu Jahr. Im Moment liegt ihr Anteil in Rheine bei fast 15 Prozent. Sie stammen aus rund 100 verschiedenen Nationalitäten und Volksgruppen. Diese Vielfalt mit ihren unterschiedlichsten Kulturen, Sprachen und Religionen prägt die Stadt. Die Menschen mit Migrationshintergrund haben Teil am wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt. 2003 erarbeitete die Stadt ein „Migrations- und Integrationskonzept“, welches 2007 aktualisiert wurde und die mit der Migration verbundenen Chancen und Probleme beschreibt und eine bessere Integration der Zuwanderer fördern soll. Hiernach soll die Integration von Migranten besonders in den Bereichen Bildung und Sprache gefördert werden. Ebenfalls von großer Bedeutung ist die Förderung der Bewahrung der mitgebrachten Kulturen. Oberstes Anliegen ist ein tolerantes und friedliches Zusammenleben aller Bürger. Eine gelungene Integration ist Grundlage für den sozialen Zusammenhalt in der Stadt. Ein Teilaspekt dieses Integrationskonzepts betrift auch die Unterbringung von Flüchtlingen und Spätaussiedlern. Dies sieht mittlerweile eine dezentrale Unterbringung der hilfsbedürftigen Zuwanderer vor. Ehemalige Container-Siedlungen gibt es nicht mehr und die Stadt ist inzwischen im Besitz der für diese Zwecke verwendeten Wohnungen. Jedoch ist zu beanstanden, dass die Wohnläche in diesen Wohnungen mit 12 m² pro Person sehr klein sind.


aU s B l i c K Wie man im Migrationsdiagramm auf den vorherigen Seiten sehen kann, ist Rheine sehr auf die Zuwanderung aus dem Ausland angewiesen, da nur so die Möglichkeit besteht, der Schrumpfung und all ihren negativen Folgen entgegenzuwirken. Allerdings bedeutet das auch, das man ein Umfeld schafen muss, in dem sich die Migranten wohl fühlen und integrieren. Bestehende Vorbehalte auf beiden Seiten müssen abgebaut werden. Dies ist die Basis für eine anzustrebende erhöhte Zuwanderung, die nur funktioniert, wenn das Miteinander im Vordergrund steht und die Migranten in die Gesellschaft integriert werden. Auf sehr einfachem Wege können Kinder und Jugendliche erfolgreich integriert werden. Hierzu müssen allerdings die Elternhäuser in den Prozess eingebunden werden. In Rheine gibt es dafür beispielsweise die „DolmetscherInnen zwischen den Kulturen“, die auch andere wichtige Brückenfunktionen zwischen Einwanderer- und Aufnahmegesellschaft erfüllen sollen. Sie kümmern sich zum Beispiel auch um eine einwandfreie Kommunikation zwischen Migranten und Erziehungsund Bildungseinrichtungen oder unterstützen sie bei Behördengängen. Dies ist nur ein Beispiel im umfangreichen und weitgehenden Konzept, welches Rheine zur Integration vorsieht. Die Stadt ist also prinzipiell gut aufgestellt, um die Integration zu fördern, doch wichtig ist hier, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt werden und vor allem. Von noch größerer Bedeutung wird die Haltung der Gesamtbevölkerung zu den Migranten sein. Wenn sie nicht hinter einer starken Zuwanderung steht und nicht erkennt, wie wichtig diese auch für sie selbst ist, dann wird es Spannungen und Konlikte geben und letztendlich die Integration misslingen. Deshalb ist ein reger Austausch aller Bevölkerungsteile sowohl in der Freizeit, als auch bei der Arbeit erforderlich. Für die Verbesserung der inländischen Migrationsbilanz wäre es für Rheine wichtig, junge Menschen in Rheine zu halten. Wenn die Stadt es schaft, sich als Hochschulstandort zu etablieren, so würden auch hierdurch die demograischen Probleme deutlich abgeschwächt werden und die Stadt an Attraktivität gewinnen. Dies wird jedoch nicht ganz einfach werden, da es in der Region schon drei relativ große

Hochschulstandortorte mit Münster, Osnabrück und Enschede gibt. Trotzdem ist dieses Ziel der Stadt aufgrund der immer steigenden Studentenzahlen und auch wegen Standortvorteilen wie beispielsweise günstigeren Mieten im Vergleich zu den größeren Städten durchaus machbar.

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a K t U e l l e s i t Uat i o n In den letzten 150 Jahren, besonders zur Zeit der Moderne und danach, veränderte hauptsächlich die Industrialisierung die Stadt. In der heutigen Zeit ändert sich dies, da sich nun und noch stärker in der Zukunft die gesellschaftsstrukturellen Veränderungen immer stärker auf die Siedlungsentwicklung auswirken. Die Stadtstruktur ist zwar noch verhältnismäßig kompakt, aber auch sehr heterogen und nicht mehr aus dem historischen Stadtmodell harmonisch gewachsen. Dies hat auch damit zu tun, dass die Siedlungsentwicklung stärker als früher das Resultat von mühevollen Verhandlungen und Interessen von verschiedenen Akteuren (Investoren, Verbände, Unternehmen, Bewohner, etc.) geworden ist. Durch den Siedlungsdruck in Rheine kommt es zu einem zunehmenden Siedlungslächenverbrauch, besonders für Wohnen und Gewerbe. Dieser Druck wird speziell in Rheine durch das Brachfallen von früheren Standorten der Textilindustrie, der Bundeswehr und der Bahn verschlimmert, da Nutzungskonkurrenzen und Verdrängungswettbewerbe nun nicht mehr nur zwischen baulichen Nutzungen stattinden, sondern auch zwischen Neubaugebieten und den bestehenden Brachlächen. Diese Prozesse sind sehr schleichend und mit ökologischen und für den städtischen Haushalt auch mit inanziellen Problemen verbunden. Der Verstädterungsprozess wird auch in Rheine anhalten, wenn man hier nicht aktiv gegensteuert, da Rheine, wie auch die meisten anderen Kommunen, nicht an die Bedürfnisse der zukünftigen Gesellschaft angepasst ist. Die Anzahl der Haushalte liegt momentan bei 30.000. Bei 76.500 Einwohnern ergibt sich ein Wert von 2,55 Einwohnern pro Haushalt. Damit liegt Rheine über dem landesweiten Durchschnitt von 2,2 Personen pro Haushalt. Wie man aus der Karte auf der vorherigen Seite entnehmen kann, gibt es in Rheine eine große Anzahl von Baugebieten aus den 1960 - 1970er Jahren, deren Wohnbevölkerung größtenteils (noch) nicht durch die Neunutzung von jüngeren Familien verjüngt worden ist, was eine Vergreisung dieser Wohngebiete zur Folge hat. Die Wohnquartiere aus den 1950er Jahren beinden sich vielfach in sehr guten Lagen, weisen aber durch ihre Bauweise und ihren Wohnungszuschnitten eine mangelhafte, 84

oft nicht wirtschaftlich renovierbare Bausubstanz auf. Dieses Problem tritt teilweise auch bei den Wohnquartieren der 1960er - 1980er Jahre auf. Auch hier ist ein Großteil der Bausubstanz nicht mehr marktgerecht. Quantitativ gesehen ist der Wohnungsmarkt in Rheine im Moment noch ausgeglichen. Der Anteil von Einfamilienhäusern beträgt 60 Prozent, der von Mehrfamilienhäusern 40 Prozent. Seit Jahren nehmen jedoch die Ein- und Zweipersonenhaushalte zu und die Haushalte mit mehreren Personen ab. Folglich muss sich das Verhältnis von Einfamilienhäusern und Mehrfamilienhäusern in Zukunft dieser Entwicklung anpassen.

aU s B l i c K U n D fa z i t In Zukunft wird die Haushaltsgröße in Rheine deutlich sinken. Der Wandel der Lebensstile und Lebensformen wird die Wohnungswirtschaft unmittelbar beeinlussen und trotz der Schrumpfung der Gesellschaft eine steigende Anzahl der Haushalte und eine wachsende Nachfrage nach Wohnraum erzeugen. Die Art der gewünschten Wohnungen wird sich allerdings zunehmend ändern, da Alters- und Haushaltsstrukturen dies bewirken. Um den Wohnungsmarkt den Wünschen der Gesellschaft anzupassen ist speziischer Handlungsbedarf unabkömmlich. Die sich heute abzeichnenden Tendenzen in der Siedlungsentwicklung werden in Zukunft noch mehr geprägt durch die wirtschaftlichen und demograischen Faktoren. Knapp bemessene inanzielle Spielräume auf Seiten der Kommune, Verringerung der Fördermittel, Privatisierung öfentlicher Aufgaben und Subventionen werden die Möglichkeiten der Einlussnahme stark beeinlussen. Aus diesem Grunde ist es wichtiger denn je, mit nachhaltigen Lösungsansätzen gegenzusteuern. Hierzu gehört vor allem, den Flächenverbrauch von unbebauten und unversiegelten Flächen zu verringern. Der derzeitige Flächennutzungsplan weist, insbesondere wiederum für Gewerbe und Wohnen, zusätzliche große Flächenpotenziale aus. Planungsvorrang haben aber aktuell die bestehenden brachgefallenen Standorte. Hier muss eine sinnvolle Nachnutzung entwickelt werden. Der zukünftige Flächenverbrauch wird von den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinlusst. Neue soziale und demograische Entwicklungen, wie die Schrumpfung und Alterung der Gesellschaft und der fehlende Nachwuchs machen auch in Rheine ein Umdenken erforderlich. Gewerbe- und Wohnlächen sind an zukünftige Trendvorgaben und Rahmenbedingungen zu entwickeln. Vielversprechende Ansätze, eine nachhaltige Siedlungsentwicklung zu fördern, sind vor allem, die Innenentwicklung durch geeignete Nachnutzung und intensivere Flächennutzung zu stärken. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt darin, eine qualitative Verbesserung in Innenbereich zu gewährleisten und den Flächenverbrauch am Stadtrand stark einzuschränken. Bisher ungenutzte Baulandpotenziale, welche es in Rheine reichlich gibt, müssen auf die Sinn-


haftigkeit der geplanten Bebauung bei veränderten Gegebenheiten überprüft werden. Außerdem muss eine kommunale Ansiedlungspolitik im Sinne einer qualitativen Standortfokussierung gemacht werden, mit dem Ziel, Ansiedlungen vorrangig in den Innenbereich und in bereits bestehende Gebäude zu lenken. Der Bereich Wohnen ist für die Kommune immer mit erhöhtem (inanziellen) Aufwand verbunden, da die soziale und technische Infrastruktur wie Grünlächen, Wege, Straßen, Plätze, Spielund Sportanlagen sowie Einrichtungen für ältere und jüngere Menschen (beispielsweise Kindergärten) errichtet werden müssen. Hier ist es denkbar, dass sich zukünftig die Investoren, Betreiber und Nutzer stärker an den Kosten beteiligen. Dies bietet der Stadt die Möglichkeit, lexibel auf Entwicklungen reagieren zu können. Seit Ende der 1990er Jahre liegt die Neuausweisung von Wohnbaulächen durchschnittlich bei 16,9 Hektar pro Jahr. Der Abluss, also die Flächen die wirklich bebaut werden, liegt lediglich bei durchschnittlich 14,5 Hektar im Jahr. Es wurden also in der Vergangenheit kontinuierlich 2,4 Hektar im Jahr zuviel ausgewiesen. Das Resultat sind ca. 55 Hektar sofort bebaubarer Flächen. Zusätzlich dazu sind 13 Hektar an Baulücken bebaubar. Wohnen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Soziale Verantwortung in der Wohnungsversorgung, eine umweltbewusste und ressourcenschonende Sanierung des Bestands sind dabei wesentliche, zukunftsbeständige Aufgaben der Stadt. Besonders der demograische Wandel und der Bevölkerungsrückgang, die Alterung aber auch die Individualisierung der Gesellschaft werden in Zukunft den Wohnungsmarkt signiikant verändern und bestimmen. Momentan ist der Markt in Rheine noch relativ stabil und ausgeglichenen. Jedoch gibt es erste Anzeichen von einer Abnahme des Wohnens in der Innenstadt und von Vergreisungstendenzen in den Wohngebieten der 1950 - 1970er Jahre. Es ist also abzusehen, dass auch der Wohnungsmarkt in Rheine bald zu strukturellen Anpassungen gezwungen sein wird. Diese Anpassung umfasst nicht nur den räumlichen, sondern auch den substantiellen Aspekt. Beide werden sich zukünftig differenzieren. Angesichts der demograischen Entwicklung und insbesondere aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen stellen immer kleiner wer-

dende Zielgruppen immer individuellere Anforderungen an ihr Wohnumfeld. Veränderte Voraussetzungen aus der sozialen und demograischen Entwicklung können der Kommune im Bereich des Wohnungsmarkts Probleme bereiten. Sie bieten jedoch auch Chancen. Um der geänderten Nachfrage künftig entsprechen zu können, benötigt die Stadt Informationen zum aktuellen als auch zum zukünftigen Wohnungsmarkt. Hier sind die zielgruppenspeziischen, qualitativen Aspekte von besonderer Bedeutung. Des Weiteren ist ein reger Informationsaustausch der Beteiligten am Wohnungsmarkt wichtig, um die Basis für eine bedarfsgerechte und zukunftssichere Wohnungsversorgung sicherzustellen. Wohnungswirtschaft und -politik müssen das Ziel verfolgen, für die unterschiedlichen Nachfragegruppen wie junge Familien, Migranten, ältere Menschen oder Menschen mit Behinderung als auch für andere Lebensformen die passenden Angebote zu entwickeln. Das Wohnangebot in Rheine muss in Zukunft vor allem auch neue Wohnformen in den verschiedenen Lebensphasen ermöglichen, Barrierefreiheit und innovative Mehrgenerationen-Wohnprojekte stärker akzentuieren und fördern. Denn es sind gerade diese Wohnformen, die, als kleiner Teil einer gemeinschaftlichen Lebensform, mit Nachbarschaftshilfe und Ehrenamt die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels erleichtern können. Die Erneuerung und Anpassung des Wohnraumes an heutige und zukünftige Bedürfnisse gewinnt immer mehr an Bedeutung. Das zukünftige Agieren wird wesentlich weniger als bisher durch Neubau geprägt sein. Der große Sanierungsbedarf liegt dabei nicht nur in der Sanierung älterer, innerstädtischer Bauten, sondern vor allem in den Wohnquartieren aus den 1950er - 1970er Jahren. Neben der baulichen Sanierung , müssen diese Gebiete auch sozial vor einer Überalterung durch eine gemischte, stabile Bewohnerstruktur geschützt werden. Ferner ist das Wohnen ein wichtiger Aspekt in der Innenstadt. Hier ist das Wohnen als fester und großer Bestandteil des innerstädtischen Lebens zu fördern. Beispielsweise kann hier eine zusätzliche Wohnnutzung bei Neu- und Umbaumaßnahmen eingefügt werden, was gefördert werden sollte. Die Umgebung und das gesellschaftliche Umfeld sind von immer größerer Bedeutung bei der Wahl des Wohnstandortes. Insbesondere die älteren Siedlungsbestände der 1950er

und 1970er Jahre haben, neben den erwähnten baulichen Mängeln, vor allem Deizite im Wohnumfeld. Die schlechte Gestaltung und schlechte soziale Infrastruktur werden in Zukunft negativ ins Gewicht fallen. Es zeichnen sich hier schon heute Problemgebiete ab, für die eine individuelle Lösungsstrategie zur Verbesserung des Wohnumfelds und der Sicherung und dem Ausbau der sozialen Infrastruktur entworfen werden müssen. Rheine hat hier die Möglichkeit, schnell eine deutliche Aufwertung zu erzielen und die Bewohner unmittelbar in den Planungs- und Realisierungsprozess zu integrieren. Dazu gehören Schritte wie die Neugestaltung von öfentlichen Orten, die Gestaltung von lexibel nutzbaren Freilächen, die Schafung von Vorgärten als Übergang von öfentlichen zu privaten Zonen usw.. Durch solche infrastrukturellen und qualitativen Maßnahmen mit starker Beteiligung der Bewohner wird die Wohnzufriedenheit der Bewohner wie auch die Attraktivität des gesamten Wohngebieten immens gesteigert. Ebenfalls wird durch so ein Vorgehen mit Partizipation der Anwohner besonders die Nachbarschaft und die Identiikation gestärkt und das Engagement und die Kreativität der Anwohner gefördert, was wiederum der gesamten Stadt zugute kommt. Weniger Einwohner heisst langfristig auch in Rheine, trotz des momentan und mittelfristig durch Haushaltsverkleinerungen ansteigenden Bedarfs, weniger Wohnungen und vor allem Wohnfolgeinfrastrukturen. Den Verschiebungen in der Altersstruktur gemäß gibt es auch Veränderungen in der Nachfrage nach Wohnraum. Ersthaushaltsgründungen von 20 - 30-jährigen und Eigenheimkäufe von vorwiegend 30 - 45-jährigen werden in den Zukunft stark zurückgehen. Dagegen gewinnen Haushaltsformen wie das Mehrgenerationenwohnen, wo man sich (auch inanziell) gegenseitig unterstützen kann, das Wohnen in Wohn- oder Hausgemeinschaften, das betreute Wohnen, deutlich an Bedeutung. Um diese Veränderungen rechtzeitig zu erkennen und zu bewältigen ist eine enge Zusammenarbeit und ein umfangreicher Informationsaustausch aller Beteiligten des Wohnungsmarktes erforderlich. Grundlage hierfür ist die kontinuierliche Beobachtung des Wohnungsmarktes und seiner Entwicklung infolge des demograischen Wandels und aus ihm abgeleiteter Nachfragetrends. Experimentierfreudigkeit wird bei der 85


Entwicklung dieser neuen Wohnformen notwendig sein, da man in der Geschichte des Wohnens relativ wenig zu diesen Themen indet. Eine Mischung des heterogenen Wohnungsangebots sowie die Gestaltung von Gemeinschaftslächen, um all den verschiedenen Lebensformen wie junge Familien, Senioren, Alleinerziehende eine Möglichkeit für soziale Aktivitäten zu bieten und der Vergreisung entgegenzuwirken, spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Auch der Bestand muss sich so an den zukünftigen Markt anpassen. Flexible, multifunktionale Nutzungsmöglichkeiten sowohl in den Gebäuden als auch auf den Freilächen werden immer wichtiger werden, um einerseits schnell auf Änderungen reagieren zu können, anderseits aber auch eine gewisse Freiheit im Agieren der Bewohner zu fördern. Die Errichtung von sozialen Diensten wie z.B. in Rheine das „Haus ohne Barrieren“ fördern integrative Umgebungen, was eine Eingliederung von Migranten erleichtert. Das gegenseitige Kennenlernen und der damit verbundene Vertrauenszuwachs sind wichtig für das Entstehen einer Gemeinschaft die z.B. durch Nachbarschaftshilfe viele zukünftige Probleme selbst lösen kann. Diese Gemeinschaft muss jedoch aus allen Altersgruppen bestehen. Deshalb ist es wichtig, für alle Altersgruppen Anreize zu schafen. Für die Ansiedlung von Familien mit Kindern sind z.B. Spielmöglichkeiten, Erholungs- und Sportlächen, kulturelle Angebote, die Nähe zum Kindergarten usw. entscheidend. Das Angebot vor Ort muss also sehr umfangreich sein, um alle Bevölkerungsschichten anzusprechen und eine durch Vielfalt gekennzeichnete Bewohnerstruktur zu gewinnen. Diese sozialen, städtebaulichen und architektonischen Qualitäten müssen den Rheinensern vermittelt werden, um sie auf das Thema aufmerksam zu machen und sie zur Partizipation zu motivieren.1

1 vgl. Jutta Gruß-Rinck, Hans-Joachim Hamerla, Ilka Mecklenbrauck, Daniela Schneider, Peter Wegmann, Christine Wittemann: Rheine 2020 - Integriertes Entwicklungs- und Handlungskonzept S. 231 f., Rheine, Düsseldorf, 2008

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87


freizeit


a K t U e l l e s i t Uat i o n An Freizeitangeboten gibt es eine große Auswahl in Rheine. Nachfolgend sind die wichtigsten Fakten kurz zusammengefasst. Um sich ein Bild vom Freizeitverhalten der Rheinenser machen zu können. erHolUnG UnD KUltUr

Rheine hat beeindruckende Natur- und Landschaftserlebnisse zu bieten. Da wäre zuerst der „Bentlager Dreiklang“, bestehend aus Kloster Bentlage, Saline Gottesgabe, und dem Rheiner Naturzoo. Hier werden Stadt- und Naturführungen angeboten, Draisinenfahrten, organisierte Sportfundays und Schnupperkurse im Golfspielen. Die „Kulturlandschaft Kloster Bentlage“ ist Teil der regionalen Gartenroute „Gärten in der Münsterländer Schloss- und Parklandschaft“ und dem überregionalen European Garden Heritage Network. Auch die Münsterlandwege bieten zahlreiche Möglichkeiten zu Wandern, z.B. auf dem Hermannsweg der bis zum Teutoburger Wald führt. Daneben gibt es zahlreiche ausgeschilderte und ausgebaute Radwege wie der Emsauen-Radweg, die 100-Schlösser-Route, die Hase-Ems-Route, die Dortmund-Ems-Kanal-Route, die EmsHeide-Weide-Tour und die lokalen Radwege. Auch für Reiter sind die Möglichkeiten zahlreich vorhanden und werden zur Zeit ausgebaut. Wasserfreizeit gibt es in Form von Kanufahrten und -wanderungen auf dem Dortmund-Ems-Kanal und der Ems. Luftfahrtangebote sind mit Ballonfahren, Fallschirmspringen und Rundlügen vertreten. sPort

Neben den Erholungs- und Kulturaktivitäten, bietet Rheine auch eine Menge an Sportangeboten. 32 Prozent der Bevölkerung (ca. 25.000 Einwohner) sind Mitglieder in Vereinen. Davon gibt es 70 verschiedene in Rheine, die insgesamt 37 vereinseigene Sportstätten betreiben. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung gibt an, aktive Erholung wie z.B. Wandern, Radfahren oder Schwimmen ohne Vereinshintergrund zu betreiben. Schwerpunkte der Vereinssportaktivitäten in Rheine sind Fussball mit einem Anteil von ca. 21 Prozent aller Aktiven in Sportvereinen, Tennis, mit 12 Prozent und Volleyball und Turnen. Die räumliche Verteilung der Sportstätten im Stadtgebiet ist ausgeglichen. Es gibt keine Deizite bei Sportangeboten in 90

den Ortsteilen. Der Zufriedenheitsgrad liegt bei über 60 Prozent der Rheinenser und belegt das gute Sportangebot. Neben dem großen Breitensportangebot hat Rheine auch in zwei Bereichen erfolgreichen Leistungssport anzubieten. Das sind die Frauenfußballmannschaft FC Heike Rheine, die in der Bundesliga spielt und der Kanusport. Der größte Sportverein ist der TV Jahn. Dieser hat über 4.500 Mitglieder und den größten Sportpark im Münsterland mit einem beeindruckenden, vielfältigen Angebot, angefangen beim Stadion bis zur intensiven Kindersportbetreuung vor allem in Form eines Bewegungskindergarten mit 75 Plätzen. Kommerzielle freizeitanGeBote

Kommerzielle Freizeitangebote sind auch in umfangreichem Maße vorhanden. Die wichtigsten sind ein Kino mit 7 Sälen, zwei Hallenbäder, ein Freibad, eine Eissporthalle, ein Saunapark, eine Minigolfanlage, eine Indoorkartbahn, zwei Kinderspielwelten und Gastronomie- und Tanzangebote. Kulturelle Freizeitangebote sind in Form von Ausstellungen im Kloster Bentlage oder dem Falkenhof, in Konzert- und Theaterauführungen auf der Emsbühne sowie bei Festivals, Platzkonzerten, Stadtfesten und Märkten in der Innenstadt vorhanden. Die Karte gibt nochmal einen räumlichen Überblick auf das Angebot in Rheine.

aU s B l i c K freiraUm

Die Landschaft, welche Rheine umgibt, hat sich durch die Kultivierung durch den Menschen in den letzten Jahrhunderten von einer Natur- zu einer Kulturlandschaft entwickelt. Aufgrund ihres immer noch erhaltenen Reizes, ist sie aber trotzdem im Bewusstsein der Stadt mit großer Anziehungskraft verankert und gerade auch die Synergien mit anderen Lebensbereichen sind kennzeichnend für die Qualität Rheines. Die Landschaft ist ein bedeutender Ansiedlungsfaktor, mit dem sehr bewusst und sparsam bei Neubaulandausweisungen umgegangen werden muss. Ihre typischen Elemente müssen in ausreichendem Maße erhalten bleiben. Deshalb muss die anhaltende Zersiedlung der Landschaft gestoppt oder wesentlich eingeschränkt werden. Auch angesichts einer nachhaltig wahrnehmbaren Baukultur ist es erforderlich, eine zusammenhängende Landschaft zu erhalten. Hierzu ist eine ökonomisch und ökologisch wohlproportionierte Landschaftsnutzung zu betreiben. Forstund Landwirtschaft, Freizeitnutzungen wie Rad-, Reit- und Wanderwege und der Naturschutz müssen in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. Die in Rheine bestehenden, spärlich verteilten Waldgebiete könnten vermehrt und insbesondere vernetzt und von allen Ortsteilen erschlossen werden. Damit wäre ein System von Korridoren und verschiedenen Elementen für Wander- oder Radstrecken und zur Erhaltung der Artenvielfalt möglich. Letztendlich können mit diesem immer engmaschiger werdenden System auch die Siedlungsbereiche aufgewertet und mit der angrenzenden Landschaft verzahnt werden. Das enge Verhältnis mit dieser beeindruckenden Landschaft ist eine Besonderheit und eine große Chance für Rheine, diese Atmosphäre den Bewohnern täglich erlebbar zu machen, insbesondere durch die Ems, welche sich als ein blaues Band durch den Stadtraum bewegt und durch das Kloster Bentlage, welches ein hohes Kulturgut darstellt. Aber auch innerhalb der Wohngebiete kann die Stadt durch Maßnahmen wie z.B. das Gestalten von Miniparks und Freilächen mit Spielangeboten mit der Landschaft verknüpft werden. KUltUr

Rheines erhaltene Kulturgeschichte, zu


1 Tierpark 2 NaturZoo 3 Turn-Club Westfalia 1894 u. Tennisclub 22 4 Stadion Delsen 5 Portugiesisches Freizeitzentrum 6 Temple Gym 7 Reit- und Fahrverein Wadelheim 8 Stadtjugendring 9 Eisenbahner Turn- und Sportverein Rheine 1928 10 World of Fitness 11 Just Ladies 12 Galerie Eigen-Art 13 Tanzclub Fiesta 14 Stadtbibliothek 15 Koepi Disco 16 Fitnesstreff Vital 17 Rheiner Bäder 18 Stadion zur Emsaue 19 Il Gabbiano 20 Olympia-Fitness-Center

53

52

50 51

54 1

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21 Sportarena Rheine 22 St. Michael 23 Tanzschule Let‘s Dance 24 1.PBC Rheine 1990 25 Berghaus Kegeln und mehr 26 Hallenbad Mesum 27 Golfplatz Mesum 28 Crazy Ranch 29 Kosmetikinstitut 30 Ralf Exeler Sport & Freizeit 31 Tanzschule Jobmann C. 32 Hallenbad Rheine 33 Haus der Künste 34 Leelawadee Wellness & Thaimassage 35 Studio B 36 Schönheitsrausch 37 Manhatten Spielcenter 38 Kindom of Sports 39 Kindom of Sports 40 On Stage 41 Otte Freizeit und Fitness 42 Heinz Training 43 Minigolf im Stadtpark 44 Stadtpark 45 Eissporthalle 46 Freibad 47 Jahnstadion 48 Saunazentrum Rheni-Vita 49 SC Altenrheine 50 Tennis-Club Rheine 77 51 Indoor Karting 52 Kloster Bentlage 53 Heimathaus 54 Josef-Winckler-Haus 55 Falkenhof Stadtmuseum 56 Heimatverein Hauenhorst/Catenhorn 57 Flugplatz Eschendorf

2 34

5

48 6 40 41 39 42 38 55 36 37 43 45 8 34 44 35 12 46 33 47 13 9 10 15 32 11 14 31

7

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30 17 18

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500m 19 22

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1000m 20

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freizeitangebote Sport Kultur Wellness Spielen

Daten: Google Earth, 2012

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der ihre Kunsttraditionen wie auch die städtebauliche, architektonische und kulturelle Biograie gehört, machen ihre bemerkenswerte Geschichte in der Gegenwart erlebbar und transparent. Kultur ist wesentlicher Bestandteil der Lebensqualität. Ihre Bedeutung im städtischen Kontext steigt durch die parallele Zunahme von individueller Mobilität, Mediennutzung, und der wirtschaftlichen Globalisierung. Das städtische Leben wird also in Zukunft aufgrund der rasch wachsenden Branchen des e-commerce und des Versandhandels, als auch wegen Ausgliederungen von Shoppingstrukturen, wie beispielsweise in Ochtrup, weniger von der Ökonomie, als von der Kultur bestimmt werden. Die Qualität des kulturellen Angebotes wird für die Auseinandersetzung und Identiikation mit der Stadt entscheidend sein. Das vorhandene, vielfältige Angebot mit dem Falkenhof, dem Bentlager Dreiklang und der vorhandenen Kulturlandschaft ist dabei eine gute Basis, auf der aufgebaut werden kann. Die Zukunft Rheines wird auch weiterhin auf dem gelebten, hohen Anspruch basieren, soziale, kulturelle und ethnische Milieus mit unterschiedlichen kulturellen Interessen in die rheinenser Gesellschaft zu integrieren. Dazu tragen in besonderem Maße Ehrenamtliche, Stiftungen und Vereine durch ihr zeitliches, inhaltliches und inanzielles Engagement bei. Die räumlichen und funktionalen Verzahnungen machen nicht, wie gerade schon angedeutet, an den Stadtgrenzen halt. Alle Lebensbereiche (Freizeit, Arbeiten, Wohnen) sind schon jetzt von hoher Mobilität gekennzeichnet. Aus diesem Grund sollte auch die Kultur-, Freizeit-, und Tourismuspolitik der Stadt mit den angrenzenden Kommunen abgestimmt werden, um Konkurrenzen zu vermeiden und bestmögliche Synergien zu erzeugen. Hierfür sind regionale Netzwerke von großer Bedeutung. Das kulturelle Angebot in Rheine sollte neben dem Angebot in Bentlage vor allem in der Innenstadt gefördert werden. Diese sollte zu einem besonderen Ort für das Erleben von Kultur werden. Hierfür müssen vielfältige, unterschiedliche, Atmosphären und räumlich spannende Lagen geschafen werden, welche eine große Flexibilität in ihrer Nutzung zulassen. In Rheine sind hierfür öfentliche Orte wie das Stadtarchiv, die Stadtbibliothek, die Emsbühne, die Stadthalle und auch Kirchen prädestiniert. Durch eine Verknüpfung dieser Plätze, kann man dann die ganze 92

Stadt inszenieren. Auch das Ausstellen internationaler Kunst wäre ein großer Schritt für Rheine zu einer Stadt mit etwas kosmopolitischer Identität. Hier gibt es erste Ansätze in Bentlage, die allerdings noch stärker ausgebaut werden müssen, um sich überregional zu positionieren. Das kulturelle Angebot der Stadt lebt von engagierten, oft ehrenamtlich tätigen Bürgern, die die Ausrichtung des kulturellen Lebens mitgestalten. Auch die kommerzielle Kulturwirtschaft, zu ihr zählen unter anderem die Gastronomie, die Tourismusbranche, die Freizeitbranche und der Einzelhandel, gewinnt an Bedeutung und auch ihre Angebote tragen zur kulturellen Vielfalt und somit zur Attraktivität der Stadt bei. Sie ist also ein in Zukunft wachsender Wirtschaftsfaktor. Ebenso das historische Erbe der Baukultur muss erlebbar gemacht werden. Hier hat die Stadt im Zuge der Regionale 2004 wichtige Projekte, wie die Sanierungen des Klosters Bentlage und des Falkenhofs realisiert. Neben diesen beiden bedeutenden Standorten gibt es noch eine Vielzahl anderer Orte, die als Zeitzeugen der Stadtgeschichte zur Identiikation der Bürger mit ihrer Stadt beitragen. Sie sind in nach ihrer jeweiligen Relevanz für Stadtgeschichte, Handwerk und Industrie hervorzuheben und ihre Qualitäten und Merkmale sind darzustellen und für künftige Generationen zu bewahren. Hier können auch Stadtführungen beispielsweise durch (arbeitslose) Architekten oder Dokumentationen in Form von Tafeln und Schildern einen Beitrag leisten, um vor dem Vergessenwerden und der Nichtbeachtung zu schützen. sPort

In Rheine ist auch der Sport ein wesentlicher Bestandteil der Lebensqualität, der Freizeitgestaltung und der Plege der sozialen Kontakte. Die große Anzahl der Mitglieder in Sportvereinen bestätigt dies. Mit wachsendem Bewusstsein in der Gesellschaft für die Rolle des Sports bei der Gesundheitsplege, der Regeneration und der Erziehung und mit den Veränderungen des demograischen Wandels vor Augen, ist zwar mit einer wachsenden Nachfrage zu rechnen, diese fordert aber eine andere Palette an Angeboten. Diese zu entwickeln und anzubieten wird für größere Vereine mit einer schon bestehenden Vielfalt an Angeboten leichter, als für kleine. Zukünftig werden ver-

stärkt kurz- und mittelfristige Engagements mit öfter wechselnden Sportarten nachgefragt. Prognosen zufolge werden bewegungsaktive Sportarten an Popularität gewinnen, Ballsportarten hingegen verlieren. Dies hat Auswirkungen auf die in Rheine vorhandene Sportinfrastruktur. Im Jahr 2020 gäbe es mit dem heutigen Angebot an Sportanlagen deutliche Überkapazitäten bei Großspielfeldern und bei Tennisplätzen. Diese Tendenz zeichnet sich schon heute beim Tennis ab. Sporthallen erfahren zukünftig eine größere Nachfrage, sodass bis 2020 rechnerisch 2,5 Hallen fehlen. In Umfragen haben zwei Drittel aller Rheinenser angegeben, in ihrer Freizeit Sport zu treiben, ca. ein Drittel macht dies in Vereinen. Dies ist eine deutliche Aussage für die Wichtigkeit des Sports. Die Gründe für das Sporttreiben sind vielfältig und verändern sich im Laufe der Zeit. Neben der sportlichen Aktivität in der Gruppe, dem steigenden Fitnessanspruch werden regenerative und gesundheitliche Aspekte immer wichtiger. Um die Infrastruktur an die Zukunft anzupassen, ist in Rheine ein Sportstättenmanagement vorgesehen, welches neue Nutzungsmöglichkeiten, Synergieefekte, Kooperationen und Fusionsmöglichkeiten ausloten und untergenutzte oder unwirtschaftliche Sportstätten aufzeigen soll. Freizeit mit sinnvollen Beschäftigungen aus einem vielfältigen Angebot zu füllen, ist ein sehr bedeutender Faktor der Standort- und Lebensqualität der Stadt. Eine abwechslungsreiche und breit gefächerte Freizeitnutzung stellt die Vernetzung zwischen den einzelnen Teilbereichen Landschaft, Kultur und Sport her. Somit muss Rheine eine große Palette an Freizeitaktivitäten für sehr verschiedene Zielgruppen anbieten. Diese sind auch untrennbar verknüpft mit dem Tourismusangebot. emslanDscHaft

Für die Freizeit und den Tourismus in Rheine ist die Ems und ihre Landschaft eine wichtige Basis. Hier kann das schon vorhandene Wasserfreizeitangebot wie Kanu- und Bootfahren und die Fahrgastschiffahrt weiter ausgebaut werden und vor allem mit typisch münsterländischen Aktivitäten Radfahren oder Reiten verknüpft werden. Die Freizeitlandschaft an der Ems ist in ihrer Gänze zu betrachten. Neben diesen Aktivitäten sind auch das ruhige Naturerlebnis und die natürlichen Ressourcen zu bewahren, da der Fluss das


Stadtgebiet naturräumlich prägt. Wanderrouten auf unversiegelten Pfaden sind ebenso wichtig wie der Ausbau des Radwegenetzes. Alle Nutzungen an und auf der Ems sind den Ansprüchen des Naturschutzes, insbesondere im Oberlauf, unterstellt und nicht nach Belieben ausdehnbar. Außerdem ist die Emslandschaft neben dem Naturraum auch landwirtschaftliche Nutzläche und somit für die Lebensmittelproduktion erforderlich und ein natürliches Überschwemmungsgebiet. Die Naturlandschaft mit Auen, Wald und Wiesen ist für Rheine das wichtigste Gebiet für eine ruhige Erholung in der Natur. Ihre Erschließung, wenn auch „nur“ für diese Aktivitäten ist jedoch verbesserungswürdig. Störungen und Konlikte mit der Natur sind trotz der Bedeutung dieses Gebiets für die Freizeitkultur in jedem Fall zu vermeiden. Ein Konzept für den zukünftigen Umgang mit dieser Ressource, die alle Belange der verschiedenen Interessen beinhaltet, ist deshalb zu entwickeln. Auch die Vernetzungen mit den bestehenden Kultur- und Freizeitgebieten, wie das Kloster Bentlage oder die Innenstadt sollte in diesem Konzept im Vordergrund stehen, denn nur so kann von Rheine eine Signalwirkung im (Naherholungs-)Tourismus ausgehen. 1

1 vgl. Jutta Gruß-Rinck, Hans-Joachim Hamerla, Ilka Mecklenbrauck, Daniela Schneider, Peter Wegmann, Christine Wittemann: Rheine 2020 - Integriertes Entwicklungs- und Handlungskonzept S. 177 f. und S. 215 f., Rheine, Düsseldorf, 2008

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a K t U e l l e s i t Uat i o n lUftverKeHr

Der internationale Flughafen Münster/ Osnabrück ist etwa 25 km entfernt. Er ist schnell über die B 481 zu erreichen. In Rheine-Eschendorf gibt es noch einen Verkehrslandeplatz mit einer 800 m langen Startbahn und Landebahn. Dieser wird aber nicht für Personenverkehr genutzt. Ein weiterer Flugplatz beindet sich in Rheine-Bentlage. Auch er dient nicht den Personenverkehr, sondern ist ein Heereslugplatz und wird vom mittleren Transporthubschrauberregiment 15 genutzt. scHiffsverKeHr

Als Wasserstraße dient der Dortmund-Ems-Kanal, der ein paar Kilometer östlich vom Stadtzentrum liegt. Er ist für die Binnen-Transportschiffahrt geeignet und eine Verbindung zum Mittellandkanal existiert in etwa zehn Kilometer Entfernung. Somit ist Rheine auf dem Wasserwege gut erreichbar. Die Ems ist in Rheine lediglich für leichte Personenschiffahrt geeignet und dient nicht dem Frachtverkehr. strassenverKeHr

Rheine ist ebenfalls gut an das deutsche Straßennetz angebunden. Sowohl Bundesstraßen als auch Autobahnen verlaufen durch das Stadtgebiet, oder in unmittelbarer Nähe dazu. Es bestehen mehrere Anschlüsse an die A 30 , die auch eine schnelle Verbindung zu den nicht weit entfernten Autobahnen A 31 und A 1 gewährleisten. Somit ist Rheine sowohl in Nord-Süd-Richtung

(A 1, A 31), als auch in West-Ost-Richtung (A 30) sehr gut angeschlossen. Die Verkehrsachsen Emden-Ruhrgebiet (A 31), Hamburg-Bremen-Oldenburg-Osnabrück-Münster-Köln(A 1) und Amsterdam-Amersfoort-Enschede-Osnabrück-Hannover-Berlin (A 30) sind also sehr gut erreichbar. Die Auf-/ Abfahrten beinden sich teilweise direkt in den Gewerbegebiete der Stadt. Die nähere Umgebung wird gut durch Bundesstraßen erschlossen. Dies sind die B 65 (Niederlande – Rheine), die B 70 (Wesel – Rheine – Emden), die B 475 (Rheine – Warendorf – Soest) und die B 481 (Rheine – Münster).1 scHienenverKeHr

Auch ans Schienennetz ist Rheine gut angeschlossen. Der Bahnhof liegt in zentraler Lage und durch den Busbahnhof auf der gegenüberliegenden Straßenseite und der Radstation am Bahnhof ist er gut mit Nahverkehrsmitteln verknüpft. Er ist ein Kreuzungspunkt mehrerer Bahnstrecken, die im Folgenden mit den auf ihnen fahrenden Zügen aufgeführt sind. löhne–rheine „Ems-Leine-Express“ (Rheine–Osnabrück–M inden–Hannover–Braunschweig) „Wiehengebirgs-Bahn“ (Bad Bentheim– Osnabrück–Herford - Bielefeld) IC-Linie 77 (Amsterdam–Osnabrück– Hannover–Berlin Hbf–Berlin Ostbahnhof ) münster–emden „Rhein-Münsterland-Express“ (Rheine–Münster– Hamm–Hagen– Wupper tal–Köln–Neuss–K refeld) „Emsland-Express“ (Münster–Rheine– Lingen–Leer–Emden) „Ems-Bahn“ (Rheine – Münster) 1 ne

vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rhei-

Wohnort

arbeitsort

Pendler

Distanz

Rheine Rheine Rheine Rheine Rheine Rheine Emsdetten Hörstel Hopsten Ibbenbüren Neuenkirchen Steinfurt Wettringen

Emsdetten Greven Hörstel Ibbenbüren Neuenkirchen Steinfurt Rheine Rheine Rheine Rheine Rheine Rheine Rheine

1240 475 573 468 572 419 493 1075 250 700 1223 319 324

16,3 26,2 12,3 23,0 8,5 21,7 16,3 12,3 17,2 23,0 8,5 21,7 20,1

Gesamtdistanz 40424 24890 14096 21528 9724 18185 16072 26445 8600 32200 20791 13845 13025

0

„Emsauenbahn“ (Rheine–Münster) IC-Linie 35 (Norddeich–Münster–Köln– Koblenz–Luxemburg)

osnabrück–rheine Bis 1970 wurde auf dieser Strecke auch Personenverkehr betrieben. Im Moment indet auf dieser Strecke lediglich Güterverkehr statt. rheine–ochtrup Diese Trasse ist heute stillgelegt und wird als Radweg genutzt. Duisburg–quakenbrück Die ehemalige Bahnstrecke ist in südlicher Richtung bis Lutum stillgelegt. In nördlicher Richtung ist sie bis Spelle für den Güterverkehr in Betrieb, die restliche Strecke ist ebenfalls stillgelegt. Teilweise inden hier Draisinenfahrten statt. 2 BUsverKeHr

Die Stadt wird durch zwölf Buslinien erschlossen, welche vom Busbahnhof, der sich in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof beindet, sternförmig in die umliegenden Stadtteile fahren. In der Regel fahren sie alle 30 min die Haltestellen an. Alle Stadtteile sind an dieses Netz angeschlossen und die Haltestellendichte ist ausreichend. Fünf Regionalbuslinien fahren ebenfalls in benachbarte Städte und Gemeinden.3 raDWeGe

Rheine verfügt über ein gut ausgebautes Radwegenetz, sowohl innerorts als auch ausserhalb der Stadt. Nachfolgend sind die regionalen und überregionalen Radwege aufgeführt, die auch für den Tourismus in der Stadt große 2 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/ Bahnhof_Rheine 3 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rheine

5000

10000 15000 20000 25000 30000 35000 40000 45000

Pendlerstatistik rheine

96

n


nordsee

emden 159km 1 st. 36 min. amsterdam 200 km 2 st. 10 min.

norddeich-mole ic-linie 35 2 st. 1 min. amsterdam ic-linie 77 2 st. 28 min.

a30

Berlin 464 km 4 st. 40 min B70

B65

Berlin ic-linie 77 3 st. 39 min. Dortmund

B475

nördl. ruhrgebiet 118 km 1 st. 17 min. B481

Bahnlinien münster 53 km 51 min. luxembourg ic-linie 35 5 st. 35 min.

flughafen münster/osnabrück 31 km 37 min.

Hauptstraßen Radwegenetz Wasserwege E-Bike-Ladestationen

Daten: Fachhochschule Münster, Fachbereich Energie, Gebäude, Umwelt, 2012

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Bedeutung haben. emsauenWeg (insgesamt ca. 115 km) Dieser Radweg ist Teil des Ems-Radweges und wurde im Jahr 2005 als „NRW Radroute des Jahres“ ausgezeichnet. Er führt an den Emsstädten Warendorf, Telgte, Emsdetten, Greven und Rheine vorbei durch die idyllische Auenlandschaft entlang der Ems. Rastplätze und Aussichtstürme für Radtouristen sind ausreichend vorhanden. ems-radweg (ca. 379 km) Der Weg führt von Hövelhof nahe Paderborn an der Ems entlang über Rheda-Wiedenbrück nach Warendorf, von hier auf dem EmsAuenWeg nach Rheine und von hier aus weiter entlang der Ems durch das Emsland über Haren (Ems) nach Emden an die Nordsee. radweg Dortmund-ems-Kanal (ca. 340 km) Er wurde 1999 anlässlich des 100-jährigen Kanaljubiläums eröfnet. Aus dem Ruhrgebiet, Dortmund ist der Startpunkt, führt er über Datteln, Lüdinghausen, Dülmen, Münster, Greven und Rheine-Rodde nach Lingen und trift in Meppen auf den Emsradweg, der wieder bis nach Norddeich-Mole an die Nordsee. Die 100 schlösser-route (ca. 1.400 km Wegenetz) Diese Route verbindet die schönsten Schlösser der Münsterlands und erschließt fast die gesamte Region. radelpark münsterland (insgesamt 4.500 km Wegenetz) Der Radelpark Münsterland ist mit rund 4.500 km einheitlich ausgeschilderter Radwege einzigartig in Europa. Kombinationsmöglichkeiten und verschiedene Themenrouten lassen ihn sehr lexibel nutzen. 7 routen rund um rheine Auf diesen Routen kann man die Stadt kennenlernen und ihre Sehenswürdigkeiten besuchen. radweg rheine-Borne (ca. 59 km) Dies ist eine direkte Verbindung der beiden Partnerstädte Rheine und Borne. Der Weg führt an Bad Bentheim und Gildehaus vorbei, über die deutsch-niederländische Grenze nach Oldenzaal und Borne.1 1 vgl. http://www.rheine.de/staticsite/ staticsite.php?menuid=648&topmenu=457

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aU s B l i c K U n D fa z i t Schon jetzt sind die Verkehrsbedingungen in Rheine extrem gut. Egal mit welchem Verkehrsmittel man reisen möchte, die Anschlüsse sind in Rheine vorhanden. Da in Zukunft der öfentliche Personenverkehr wahrscheinlich wieder eine größere Rolle spielen wird, sollte Rheine aber dennoch diese Netze verstärkt ausbauen. Ein noch engmaschigeres Buslinien- und Radwegenetz machen die Stadt noch attraktiver. Da die Wege in Rheine nicht zu lang sind, ist das Radfahren eine gute Alternative zu den motorisierten Verkehrsmitteln. Außerdem werden E-Bikes, also Fahrräder mit kleinen, unterstützenden Elektromotoren, immer beliebter. Gerade für älter Menschen, deren Altersgruppe in Zukunft rapide ansteigen wird, sind sie ein ideales Verkehrsmittel, wenn die Vorraussetzungen für ein unkompliziertes Radfahren gegeben sind. Rheine sollte sich also zu einer noch fahrradfreundlicheren Stadt entwickeln, als sie heute schon ist. Mit Münster hat man ein gutes Beispiel in der Nähe, an dem man sich orientieren könnte. Die anderen Verkehrsanschlüsse sind auch für zukünftige Aufgaben in ausreichendem Maße vorhanden. Außerdem hat die Stadt selbst nur sehr begrenzt Einluss auf die Entwicklung der Fernverkehrsnetze, da hier hauptsächlich Land und Bund für die Planung zuständig sind.


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Wasserkraft

asse Biom

Win dkr aft

0,9

16,0

15,5

42

9,6

Photovoltaik

stromproduktion in GWh/a

GWh/a 1.800 Verbrauch 1.600

1.400

1.200

1.000

800

600

400

200

6,4 % Erzeugung 12,8 %

0 gesamt

Strom

3,8 % Brennstoffe

6,2 % Kraftstoffe

energieverbrauch vs. energieerzeugung durch erneuerbare energien in 2009

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energieanlagen Biogasanlagen Windkraftanlagen Wasserkraftanlagen

Daten: Fachhochschule M체nster, Fachbereich Energie, Geb채ude, Umwelt, 2012; WikiEnergy, 2012

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a K t U e l l e s i t Uat i o n Die Stadt Rheine hat die Erfordernis zur intensiven Beschäftigung mit dem Klimaschutz und der damit verbundenen Energieeinsparung schon vor einiger Zeit gesehen und dementsprechend agiert: Besonders in den vergangenen Jahren sind viele Maßnahmen eingeleitet worden, insbesondere um Prognosen erstellen und Marktfelder benennen zu können. Hierzu zählt beispielsweise das Konzeptpapier „Die Schöpfung bewahren – Klimaschutz für Rheine“, in welchem die Stadt fünf Richtlinien für den kommunalen Klimaschutz deiniert hat. Diese Richtlinien werden in das Handlungskonzept der Stadt Rheine „Rheine 2020“ integriert. Daneben hat das Konzept der energetischen Nutzung der zahlreichen Wallhecken des Kreises in Rheine Modellcharakter. Hier werden die durch den Beschnitt der Wallhecken gewonnenen Hackschnitzeln als erneuerbare Energiequelle genutzt. Daneben sind weitere Maßnahmen zur Einschränkung des Flächenverbrauchs und zur Rekultivierung von Flächen, im Moment in der Umsetzung. Im Jahr 2008 wurde außerdem der „Fachbeirat für Klimaschutz“ in Rheine ins Leben gerufen und Rheine beteiligt sich an mehreren Wettbewerben zum Thema. Der Hauptenergieversorger für die Stadt sind die Stadtwerke. Über 80 Prozent der städtischen Wärmeenergie und ebenfalls rund 80 Prozent des von der Stadt benötigen elektrischen Stroms werden von den Stadtwerken Rheine geliefert. Für die Wärmeerzeugung hat das Erdgas mit 671,5 GWh einen entscheidenden Anteil, gefolgt von Heizöl mit 9,4 Prozent am Gesamtheizbedarf. Im Bereich der erneuerbaren Energien ist das Biogas mit einem momentanen Anteil von 5,3 Prozent am Gesamtwärmebedarf der bedeutendste Energieträger. Die erneuerbaren Energien haben am Gesamtenergieverbrauch einen Anteil von 6,4 Prozent. Bei der Wärmeerzeugung spielen sie mit lediglich 3,8 Prozent noch eine sehr untergeordnete Rolle. Bei den Kraftstofen macht erneuerbare Energie immerhin schon 6,2 Prozent, bei der Stromproduktion schon 12,8 Prozent aus. Mehr als drei Viertel des regenerativen Stroms wird aus Windkraft (16 GWh/a) und Biomasse (15,5 GWh/a) gewonnen. Photovoltaik (9,6 GWh/a) und Wasserkraft (0,9 GWh/a), diese jedoch in sehr begrenztem Umfang, erzeugen ebenfalls Strom in Rheine. Auf der Karte 104

auf der vorherigen Seite kann man die Lage der Energieproduzenten sehen. Lediglich die Photovoltaikanlagen sind aufgrund ihrer großen Anzahl nicht dargestellt. Sie beinden sich überall auf den Dächern der Stadt verteilt. Insgesamt verbraucht Rheine jährlich rund 1.150 Gigawattstunden Wärme‐ und Stromenergie. Neben den Stadtwerken gibt es auch noch andere Anbieter, die aber insgesamt nur ca. 94 GWh/a liefern.

aU s B l i c K Das Ziel für Rheine ist formuliert: Bis zum Jahr 2050 möchte die Stadt klimaneutral sein. Die im Stadtgebiet benötigte Energie soll dann komplett aus erneuerbaren Quellen kommen und auch der Verkehr soll fast vollständig emissionsfrei sein. Die Stadt hat zusammen mit lokalen Akteuren klar gefasste Kernziele und Leitvorstellungen für das Stadtgebiet erarbeitet und dafür ein Strategiesystem entwickelt. Schrittweise sollen daraus Maßnahmen zusammen mit Bürgern und Stadtwerken realisiert werden. Diese Maßnamen sind in folgende Bereiche unterteilt: Energieeinsparungen, Verbesserung der Lebensqualität und Sicherung der Daseinsvorsorge für alle Bürger, Belebung der kommunalen Wirtschaft durch Förderungen von ökologisch sinnvollen Maßnahmen, Unabhängigkeit in der Energieversorgung und Versorgungssicherheit sowie Imageverbesserung der Stadt. Zur Umsetzung dieser Maßnahmen wurden nach einer Prioritätenliste drei Leitprojekte ausgewählt: 1. Modernisierung des Gebäudebestands, hierbei sollen verschiedene Objekte als „Gläserne Gebäude“ fungieren, an denen sich aufgrund durchgeführter Klimaschutzmaßnahmen die optimierten Verbrauchswerte darstellen lassen und öfentlich wirksam Einblicke gewähren um Interesse zu wecken. 2. der Ausbau des Windkraftparks, der die relativ guten Voraussetzungen vor Ort ausnutzt und 3. die beispielhafte Realisierung eines energieautarken Stadtteils, der bei einem ofenen Wettbewerb ausgewählt wird und Schritt für Schritt auf die Energieautarkie hinarbeitet. Neben diesen drei Leitprojekten erster Ordnung gibt es noch zahlreiche andere Projekte. So gibt es etwa das schon erwähnte Projekt zur energetischen Nutzung von Wallhecken, die Vermietung von städtischen Dachlächen zur Nutzung von Photovoltaik, ein transparentes Energiemanagement, Konzepte zur stärkeren Integration der Landwirtschaft in Klimaschutzmaßnahmen und die energetische Verbesserung der Wasserkraftwerke. Durch ein engmaschiges Controllingsystem werden Zwischenziele dokumentiert, ein späteres Eingreifen optimiert und Realisierungsund Finanzierungsphasen dargestellt. Die Ausgangssituation in Rheine für die Umsetzung dieses Umweltkonzeptes ist hervorragend. Die lange Aus-


einandersetzung der Stadt mit dem Thema Klimaschutz trägt Früchte in vielen Bereichen: Ein wichtiger Vorteil ist beispielsweise, dass die Stadtwerke und die Technischen Betriebe, die für die Umsetzung der Maßnahmen eine große Rolle spielen, zu 100 Prozent der Stadt gehören. Dies garantiert ein unkompliziertes Handeln. Des Weiteren gehört Rheine zum „Zukunftskreis Steinfurt“. Dieser beschäftigt sich schon lange intensiv mit dem Klimaschutz und der Ressourcenschonung. Hier entstand auch das Projekt des Wallheckenschnitts. Viele in der Region ansässigen Unternehmen legen ihren Schwerpunkt immer mehr auf erneuerbare Energien und Energieeizienz. Aufgrund dessen ist eine viel Fachwissen vor Ort vorhanden. Außerdem kommen viele in Rheine ansässigen Unternehmen aus dem Bereich der Energieerzeugung, des Anlagenbaus oder der Steuerungs‐ und Regelungstechnik. Dieses Expertenwissen kann gebündelt werden und die Stadt arbeitet mit einigen von ihnen sehr eng zusammen. Ein hohes Potenzial um Energie zu erzeugen wird in der Landwirtschaft mit dem Anbau von Energieplanzen gesehen. In Rheine müssen Umsetzungsstrategien für diese Biomasseprojekte entwickelt werden, wobei diese Art der Energieerzeugung auch immer in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion steht, was global verheerende Folgen haben kann. Solche Risiken müssen in die Konzepte mit einließen. Auch die rheinenser Bevölkerung muss durch die verschiedenen Maßnahmen auf den Umweltschutz und Energieeinsparpotenziale aufmerksam gemacht werden. Wird sie für das Thema sensibilisiert und zum mitmachen motiviert, so stellt dies ebenfalls ein enormes Einsparpotenzial dar. Nach Einschätzungen des Fachbereichs Energie, Gebäude, Umwelt der FH Münster, können in den Kommunen des Kreises Steinfurt innerhalb der nächsten zehn Jahre durch die Verwendung schon bekannter Techniken in den Bereichen erneuerbare Energien und Energieefizienz der Energieendbedarf von privaten Haushalten um ca. 50 Prozent, von Handel, Gewerbe und Industrie um ca. 30 Prozent gesenkt werden. Diese Werte sind auch für Rheine erreichbar, deshalb werden konkrete Potenziale im Stadtgebiet ermittelt. Ziel der Stadt ist es, für die Bevölkerung den Umgang mit Energie bewusster zu gestalten. Hierzu gehören neben den vorher beschriebenen Maßnahmenpa-

keten für die Energieeinsparung auch die Optimierung der technischen Rahmenbedingungen, damit der Energieverbrauch insgesamt gesenkt werden kann, die Efektivität aber ansteigt. Die Zielsetzung, den gesamten Energiebedarf in Rheine aus regenerativen Energiequellen zu beziehen, wurde von der FH Münster (Steinfurt) als realistisch bezeichnet. Durch die Reduzierung und Vermeidung von fossilen Energiequellen wird nicht nur die lokale und regionale Wertschöpfung deutlich erhöht, sondern Rheine leistet so vor allem einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und die Lebensqualität steigt im Stadtgebiet und darüber hinaus. 1

1 vgl. Jutta Gruß-Rinck, Hans-Joachim Hamerla, Ilka Mecklenbrauck, Daniela Schneider, Peter Wegmann, Christine Wittemann: Rheine 2020 - Integriertes Entwicklungs- und Handlungskonzept S. 223f., Rheine, Düsseldorf, 2008

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milit채riscHe BracHfl채cHen


a K t U e l l e s i t Uat i o n Die Entwicklung der Brachlächen ist in Deutschland eine zentrale Aufgabe zur Reduzierung des Flächenverbrauchs in der Siedlungsentwicklung wie auch zur Nutzungsintensivierung und Nachverdichtung in integrierten Stadtlagen. Rheine muss sich bereits seit ca. 150 Jahren mit der Umnutzung von Brachlächen beschäftigen. In der Stadtgeschichte kam es immer wieder zu notwendigen Umplanungs- und Anpassungsprozessen. So entwickelte sich die Stadt von der Textil- zur Bahnstadt und später zu einem wichtigen Bundeswehrstützpunkt. So werden hier schon seit langem nicht mehr benötigte Flächen und Gebäude umgenutzt und wiederverwertet. Flächenfreisetzungen und die darauf folgenden Brachen sind somit zwar kein neues Phänomen für die Stadt, jedoch haben sich die Gegebenheiten im Vergleich zu damals erheblich verändert. Die momentanen und zukünftigen Brachlächen sind von enormer Größe und nicht mit den ehemaligen Brachlächen vergleichbar. dazu kommt, dass sich die Umstände durch gesellschaftliche und demograische Veränderungen entschieden verändert haben. Die Karte auf der rechten Seite zeigt die militärischen Flächen in Rheine. Die orange gekennzeichneten Flächen beinden sich noch in Nutzung. Bis voraussichtlich 2018 werden aber auch diese Standorte von der Bundeswehr aufgegeben und sie liegen brach. Die blau gekennzeichneten Flächen sind bereits Brachlächen (General-Wever-Kaserne) oder wurden schon teilweise mit einer andern Nutzung belegt (Gellendorf-Kaserne). Die Gellendorf-Kaserne beindet sich ca. 4 Kilometer entfernt vom Stadtzentrum in süd-östlicher Richtung. Teile ihrer Fläche wurden zu einem Wohngebiet mit insgesamt 53 Baugrundstücken für freistehende Einfamilienhäuser umgebaut, welches den Namen „Gartenstadt Gellendorf“ trägt. Einige der ehemaligen Bundeswehr-Gebäude wurden dabei kernsaniert: Wohngebäude wurden zu insgesamt 75 Single-Wohnungen mit einer Größe von 30 - 60 m² umgebaut, nördlich davon gelegene ehemalige Bundeswehrhallen wurden zu einem neuen Gewerbegebiet transformiert. Eine Erweiterung um 20 weitere Bauplätze ist für 2013 geplant. Die General-Wever-Kaserne liegt am 108

südöstlichen Stadtrand von Rheine und ist seit 2006 unbenutzt. Die Bebauung stammt aus den 1960er Jahren, wurde aber in den 1990er Jahren etwas saniert. In den letzten Jahren der Nichtbenutzung hat sich der Zustand der Gebäude jedoch enorm verschlechtert. Die Natur hat sich den Raum mit der Zeit zurückgeholt. So sind aber auch in den Außenräumen neue Qualitäten entstanden. Das Gebiet verfügt heute über einen großen Baumbestand, der sich in den letzen Jahren frei entfalten konnte. Die Damloup-Kaserne ist eine relativ kleine Kaserne im südlichen Teil des Stadtgebietes. Sie wird heute durch das evangelische und katholische Militärpfarramt und durch die Standortverwaltung Rheine genutzt, wird aber in 2014 geschlossen. Aufgrund der in die Stadtstruktur integrierten Lage, soll das Gebiet zu einer Wohnnutzung umgestaltet werden. Das Materiallager ist ein kleiner, logistischer Standort der Bundeswehr. Im Ortsteil Kanalhafen gelegen, hat des Gebiet direkten Anschluss an den Dortmund-Ems-Kanal und die Autobahn A 30. Derzeit wird das Lager von den Dienststellen Gerätedepot Rheine, Materialdepot Ochtrup und Materiallager Rheine genutzt. Wann es geschlossen wird ist noch unklar. Die größte Militärläche in Rheine ist der Heereslugplatz Rheine-Bentlage. Wie der Name schon sagt, beindet sich dieser in Ortsteil Bentlage. Hier sind momentan noch ca. 2.200 Bundeswehrangestellte und zivile Mitarbeiter aktiv, vor allem im Transporthubschrauberregiment 15, das hier für Auslandseinsätze ausgebildet wird. Im Jahr 2011 wurde die Schließung dieses Standorts durch das Bundesverteidigungsministerium bekanntgegeben. Wie die Fläche ab dem Jahr 2018 nachgenutzt wird, ist noch ungewiss.

aU s B l i c K Die Auswirkungen des Strukturwandels in Bahn, Industrie und Bundeswehr, der vor allem seit Ende der 1980er Jahre voranschreitet, sind derzeit über 110 Hektar an nicht mehr gebrauchten Flächen, die schon jetzt oder in naher Zukunft in die Planungshoheit der Stadt zurückgehen. Zum größten Teil sind dies Flächen, die aufgrund von Standortverkleinerungen und -schließungen der Bundeswehr freigesetzt werden. Problematisch wird hier eine Nachnutzung, da es in Zukunft durch die sinkende Bevölkerungsentwicklung auch bei den Beständen in der Stadt zu einer steigenden Unternutzung kommen kann. Neben den typischen, problematischen, gewerblichen Brachen sind in Zukunft auch Probleme in Wohngebieten vorauszusehen. Somit wird zukünftig allein durch demograische Entwicklungen eine Anpassung des Stadtraums stattinden müssen, die eine breite Palette von Maßnahmen, wie beispielsweise Bestandsanpassung an die veränderten Wohnformen, Modernisierung, aber auch Abriss, Entdichtung und Renaturierung erfordert. Dieser Stadtumbau wird auch in der Kernstadt und an den Stadträndern erfolgen müssen und zwar in nahezu allen Bereich. Vor allem aber in den Bereichen soziale Infrastruktur, Wohnen und Handel werden die Veränderungen spürbar sein. In der Vergangenheit waren Umnutzungskonzepte für Brachlächen mühsame und schleppend vorangehende Entwicklungsprozesse. Nicht selten sind sie an sehr hohen Renditevorstellungen oder komplizierten Eigentumsverhältnissen gescheitert. Zukünftig sollte man geeignete und realisierbare Entwicklungskonzepte mit den Eigentümern zusammen entwickeln. Diese können auch landschaftsarchitektonischer und freiräumlicher Natur sein. Gerade in letzter Zeit hat die Entwicklung von Brachlächen im Rahmen von Flächenmanagement und Flächenschutz beträchtlich an Bedeutung gewonnen. Sie ist innerhalb der Stadtumbauprozesse zu einem zentralen Handlungsfeld geworden. Rheine muss sich mit dieser Entwicklung regional, aber auch national etablieren und kann auch aufgrund seiner Geschichte zu einer Stadt mit Modellcharakter für Konversionen werden. Im Münsterland ist das Modell der dezentralen Konzentration für die Entwicklung der Siedlungslächen maßgeblich. Ziel dabei ist, der Bevöl-


Heeresflugplatz Rheine-Bentlage Erstbezug: 1940 Schließung: 2018 Theodor-Blank-Kaserne Dienststellen: Fahrschulgruppe Rheine 1 Fahrschulgruppe Rheine 2 Fahrschulgruppe Rheine 3 Familienbetreuungszentrum Rheine Kraftfahrausbildungszentrum Rheine Zentralfeuerwehr Rheine Transporthubschrauberregiment 15

Materiallager Erstbezug : 1975 Dienststellen: Gerätedepot Rheine Materialdepot Ochturop Materiallager Rheine

General-Wever-Kaserne Erstbezug: 1960er Schließung: 2006

Gellendorf-Kaserne Erstbezug: 1959 Schließung: 2002

Damloup-Kaserne Erstbezug: um 1940 Schließung: 2014 Dienststellen: Evangelisches Militärpfarramt Rheine Katholisches Militärpfarramt Rheine Standortverwaltung Rheine

Kasernen in Rheine Kasernen in Betrieb geschlossene Kasernen

Daten: Wikipedia, 2012; Dietrich Meiss, Vierzig Jahre Standort Rheine

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kerung eines großen Einzugsgebiets jeweils vielfältige Wohn- , Arbeits- und Versorgungsmöglichkeiten in akzeptabler Entfernung anzubieten. Auch bei sinkender Bevölkerungszahl wird der Bedarf nach Wohnraum wegen der geringeren Haushaltsgrößen und der damit verbundenen wachsenden Anzahl der Haushalte zunehmen und somit auch einen wachsenden Bedarf an Wohnsiedlungslächen generieren. Schaut man auf die Baulandproduktion der Jahre 2006 bis 2010, so stellt man fest, dass weit mehr Wohnbaulächen bereitgestellt wurden als es Bedarf gab. Um solche Entwicklungen zu vermeiden, müssen verbindliche Analysen und Prognosen des Wohnungsmarkts erstellt werden. Diese müssen auch Änderungen von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Neben den demograischen Veränderungen ist auch die starke Reduzierung von staatlichen Förderungen für Eigentümer ein Grund, warum es langfristig wahrscheinlich zu problematischen Efekten auf dem Wohnungsmarkt kommt. Die Stadt muss versuchen, unter Berücksichtigung des demograischen Wandels interessante Angebote zu entwickeln und ofen für neue Wohnformen zu sein und diese zu fördern. Wohnungspolitische Kreativität ist hier notwendig. Auch der gesellschaftlich bedingte stärkere Zuzug in innenstädtischen Lagen muss ermöglicht werden. Dafür muss das Wohnraumangebot als auch das Kultur- und Freizeitangebot gestärkt werden. Diese Änderungen erfordern Um- und Neubaumaßnahmen. Das Ansteigen von Alleinerziehenden und Singles, der daraus resultierende Anstieg der Ein- und Zweipersonenhaushalte und die wachsende Anzahl von Haushalten mit älteren Menschen machen lexible Wohngebiete mit anpassungsfähigen Wohnungstypen und -grundrissen an wechselnde Bewohner nötig. Nicht nur das Wohngebäude selbst, sondern auch das Umfeld, also Freizeitmöglichkeiten, Infrastruktur usw., muss anpassungsfähig sein. Bisher entwickelte Konzepte, die es u.a. für die Kaserne Gellendorf gibt, sollten weiterverfolgt werden. Bei der Revitalisierung der Kaserne Gellendorf kann man die ersten Erfolge bereits sehen. Teilbereiche der Bestandsgebäude wurden zu Singlewohnungen umgebaut und auch bestehende Hallen fanden eine neue gewerbliche Nutzung. Für die Damloup-Kaserne ist aufgrund ihrer in die Stadtstruktur integrierten Lage eine Wohnnutzung vorgesehen 110

und die General-Wever-Kaserne bietet laut vorhandenen Entwicklungskonzepten Potenzial für einen Hochschulstandort, für Technologie- und Entwicklungseinrichtungen, Dienstleistungen und Freizeitangebote aber auch für alternative, zukünftige Wohnformen und Studentenwohnungen. Diese Konversionsüberlegungen müssen eingebettet werden in eine regionale Entwicklungsstrategie. In Rheine müssen die Brachlächen in sozialer, ökologischer, ökonomischer und städtebaulicher Hinsicht qualiiziert werden. Abhängig von Lage und geplanter Folgenutzung kann dies zur baulichen Nachnutzung, genauso aber auch zu einem Rückbau und einer Renaturierungen führen. Generell sollte vorher eine umfangreiche Analyse der Potenziale und Restriktionen des Standortes erstellt werden, die in Rheine aber schon in vielen Fällen erstellt wurde. Dies erfordert eine Recherche des städtischen und regionalen Bedarfs für mögliche Folgenutzungen, denn dieser wird sich durch gesellschaftliche Veränderungen in Rheine verändern. Die Entwicklung der Brachlächen muss ebenso mit dem kommunalen Immobilien- und Baulandmanagement harmonisiert werden. Hier sollten keine Konkurrenzen erzeugt werden. Auch deswegen ist die Erarbeitung von speziischen und diferenzierten Standortqualitäten und -chancen so wichtig. Im besonderen Maße gilt dies für Wohnnutzungen, da der Markt an Neubaulächen für Eigenheime durch den in den letzten Jahren entstandenen Flächenüberschuss zunächst gesättigt ist. Der Wohnungsmarkt in Rheine muss in Zukunft besonders neue Wohnformen für unterschiedliche Lebensphasen und individuelle Vorlieben anbieten. Dabei sind vor allem generationsübergreifende und barrierefreie Planungen zu fördern. Ganz besonders bei Brachlächen, in deren Entwicklung das Wohnen im Vordergrund steht. Die Entwicklungsstrategie muss grundsätzlich immer auf einer vorausgehenden Wirtschaftlichkeitsprüfung basieren. Nutzungsstrategien, die Marktbedürfnisse und Eizienzkriterien ignorieren, können nicht zum Ziel führen. Deshalb ist das Einbeziehen von potenziellen Investoren und Interessenten in frühe Planungsphasen sehr hilfreich. Aufgrund der Dimension der Brachlächen, muss die Stadt bei ihrer Entwicklung Prioritäten setzen. Entscheidungen für die Entwicklung bestimmter Flächen bedeuten gleich-

zeitig das Zurückstellen anderer Flächenentwicklungen, da die Nachfrage in vielen Bereichen des Immobilienmarkts angesichts der demograischen Veränderungen in Zukunft stagnieren oder nachlassen wird. Diese Veränderungen machen fokussierte Entwicklungen von Standortkonzepten und darauf basierend die Bündelung der Ressourcen für ein Vorantreiben der Innenentwicklung der Stadt notwendig.1

1 vgl. Jutta Gruß-Rinck, Hans-Joachim Hamerla, Ilka Mecklenbrauck, Daniela Schneider, Peter Wegmann, Christine Wittemann: Rheine 2020 - Integriertes Entwicklungs- und Handlungskonzept S. 109 f., Rheine, Düsseldorf, 2008


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Masterarbeit Teil 1