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dasmaGazinfÜrdiemenschenrechte

4,80euro

amnesty journal starke mädchen Verletzt,Verkauft, Verheiratet– Wasmädchen erleiden undWiesie ihrerechte erkämpfen

keniasGrössterslum Gewaltistnormal, trinkwasserteuer

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krieGsspiele jederwirdzur kampfmaschine

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2010 februar märz


MEIN ZUHAUSE. ZWANGSRÄUMUNGEN GEHÖREN WELTWEIT FÜR TAUSENDE ZUM ALLTAG.

Zwangsräumung in Phnom Penh, Januar 2009 © www.nicolasaxelrod.com

Wir setzen uns für die Rechte dieser Menschen ein. Mitmachen. www.amnesty.de/wohnen


EDITORIAL

schönekleider… Foto: Amnesty

Ferdinand Muggenthaler ist Redakteur des Amnesty Journals

…und Schuhe gehörten zu Kakenya Ntaiyas Vorstellung von einem guten Leben. Es klingt nach dem abgegriffenen Klischee eines Mädchentraums, führte aber in ihrem Fall zu einem ganz ungewöhnlichen Lebensweg. Sie wusste, ihr Traum konnte nur Wirklichkeit werden, wenn sie nicht den Nachbarsjungen heiratet, dem sie versprochen war. Gegen die Tradition setzte sie durch, dass sie weiter die Schule besuchen durfte statt früh zu heiraten. Als erstes Mädchen aus ihrem Dorf hat sie studiert (S. 32). So fremd uns die Lebensbedingungen sein mögen, unter denen Ntaiya in Kenia aufwuchs, so nahe und nachvollziehbar sind die Wünsche – von Kleidern und Schuhen bis zu einem selbstbestimmten Leben –, die sie zu einem Beispiel für die »starken Mädchen« werden ließ, die wir in unserem Schwerpunkt vorstellen. Fremd ist vielen in Deutschland auch die Gesellschaft in der Türkei. Dabei gibt es viele Verbindungen: Das Land ist ein beliebtes Urlaubsziel, viele Deutsche haben türkische Eltern, viele Türken leben in Deutschland. Wir nähern uns in dieser Ausgabe dem Land aus vier verschiedenen Blickwinkeln – auf den Seiten 40, 50, 62 und 72. Der Kampf um die Pressefreiheit spielt dabei eine Rolle, aber auch der positive Einfluss einer Fernsehserie. Die Krimis über die Fälle des Frauennotrufs der Polizei haben geholfen, die Stimmung zu ändern: Gewalt in der Familie wird nicht mehr totgeschwiegen. Einen noch direkteren Einfluss haben Filme in manchen Ländern Afrikas. Welche Rolle Filme in Afrika spielen und wie es um »Nollywood«, die expandierende Filmindustrie in Nigeria, bestellt ist, weiß Dorothee Wenner. Sie ist Afrikabeauftragte der Berlinale (S. 66). Filme aus Afrika wird sicher auch unsere Jury für den AmnestyFilmpreis sichten, der auf der Berlinale im Februar vergeben wird. Wir sind gespannt, welche Entscheidung die Schauspielerin Barbara Sukowa, der Regisseur Pagonis Pagonakis und Chloe Baird-Murray von der britischen Amnesty-Sektion treffen werden. Den Gewinner werden wir Ihnen in der nächsten Ausgabe, die am 26. März erscheint, vorstellen. Wer sich schon vorher informieren möchte, kann aktuelle Berichte zur Berlinale und zu vielen anderen Themen aus dem Journal auf www.amnesty.de lesen. Nach Redaktionschluss erreichten uns die Meldungen von dem verheerenden Erdbeben in Haiti. Sie lassen unsere Reportage auf Seite 36 überholt erscheinen. Auch Wharf Jérémie, aus dem unser Autor berichtet, ist zerstört. Nur von Alinx Jean-Baptiste wissen wir, dass er die Katastrophe überlebt hat. Von den anderen Menschen, die in dem Text vorgestellt werden, haben wir noch keine Nachricht.

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INHALT

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Titelfoto: Nujood Ali mit ihrer Familie in Sana’a, Jemen. 2008 setzte die damals Neunjährige vor Gericht die Scheidung von ihrem 22 Jahre älteren Mann durch. Foto: Tina Hager / Agentur Focus

titel 23 Das Leben selbst in die Hand nehmen Von Susanne Jesih

24 Mädchen machen Schule

Mädchen und junge Frauen sind weltweit Opfer von Gewalt und Diskriminierung. Doch sie setzen sich zunehmend zur Wehr. Fünf Beispiele von starken Mädchen. Von Uta von Schrenk

32 Mehr als schöne Kleider

rubriken 06 Reaktionen 07 Erfolge 09 Porträt: Johanes Djonga 10 Aktion 12 Panorama 14 Nachrichten 15 Interview: Jestina Mukoko 19 Kolumne: Jürg Keller 73 Rezensionen: Bücher 74 Rezensionen: Film & Musik 76 Briefe gegen das Vergessen

Kakenya Ntaiya lebt es vor: Mädchen, die zur Schule gehen, können als Frauen ihre Rechte einfordern. Von Else Engel

34 »Diese Kinder wollen ein normales Leben führen«

Als Kind wurde Somaly Mam wie eine Sklavin verkauft und als Jugendliche zur Prostitution gezwungen. Heute setzt sich die Kambodschanerin gegen Menschenhandel und Sexsklaverei ein.

36 Arbeiten ohne Lohn und Brot

Für die siebenjährige Valentine beginnt die Arbeit um vier Uhr früh. Sie ist eine von Hunderttausenden Kindern in Haiti, die wie Haussklaven behandelt werden. Von Hans-Ulrich Dillmann

40 Hinter der Mauer des Schweigens

Mit 14 wurde Semra verheiratet und misshandelt. In einem Frauenhaus in Istanbul bekommt sie Schutz und die Chance auf ein neues Leben. Von Sabine Küper

78 Amnesty History: Ana Ignacia Rodríguez 80 Aktiv für Amnesty Fotos oben: Munir Uz Zaman / AFP / Getty Images | Sven Torfinn | Abdel Magid al Fergany / AP | Konami

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berichte

kultur

44 Gewalt ist normal, Trinkwasser teuer

62 Anklagen und angeklagt werden

Die Bewohner von Kenias größtem Slum Kibera sind Armut, Gewalt und Elend hilflos ausgeliefert. Der Staat unternimmt wenig, um ihre Rechte zu schützen. Von Marc Engelhardt

49 »Nur wer seine Rechte kennt, kann sie einfordern«

Ein Gespräch mit dem Direktor von Amnesty in Kenia, Justus Nyang’aya, über das Leben in Slums, SMSAktionen und die Rechtlosigkeit der Armen.

50 Machtkampf um die Kurdenpolitik

In der Türkei sind die Fortschritte beim Schutz der Menschenrechte durch ein Verbot der pro-kurdischen Partei DTP gefährdet. Von Amke Dietert

52 Ein Fuß im Grab

In Burkina Faso ist eine Schwangerschaft lebensgefährlich. Ein Amnesty-Bericht dokumentiert die Gründe für die hohe Müttersterblichkeit. Von Jeannette Goddar

54 Der vermeidbare Tod junger Frauen

Müttersterblichkeit als Thema für eine Menschenrechtsorganisation. Von Gunda Opfer

55 Recht auf Prügel

Ist es eine Straftat, wenn Eltern ihr Kind ohrfeigen? In Neuseeland wird darüber seit Monaten diskutiert. Von Daniel Kreuz

56 Europa lässt einsperren

Die EU schiebt Migranten nach Libyen ab. Dort werden sie in Gefangenenlager gesteckt, in denen unmenschliche Zustände herrschen. Von Gabriele Del Grande

inhalt

Über die Pressefreiheit in der Türkei. Von Jürgen Gottschlich

66 »Wir wollen unsere Geschichten selbst erzählen«

An Filmstoff gibt es in Afrika keinen Mangel, allerdings fehlen Geld und ein kritisches Bewusstsein gegenüber Medien. Ein Gespräch mit der AfrikaBeauftragten der Berlinale Dorothee Wenner.

68 Die Freiheit der Bühne

Das Freedom Theatre im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin bietet den Kindern einen Raum, ihre täglichen Erfahrungen mit Gewalt und Ohnmacht zu verarbeiten. Von Wolf-Dieter Vogel

69 »Wir schlachten jede heilige Kuh«

Ein Gespräch mit dem Leiter des Freedom Theatre, Juliano Mer Khamis.

70 Jeder wird zur Kampfmaschine

Neue Video-Kriegsspiele waren 2009 ein Kassenschlager. Ein kritischer Blick auf ein verstörendes Phänomen. Von Thomas Lindemann

72 Zersplittert

Gibt es islamische Menschenrechte? Anne Duncker liefert einen Überblick über Menschenrechtsorgsanisationen in der Türkei. Von Sabine Küper

75 Sich ranhalten und überleben

Hervorragende Arbeit an verschiedenen Perspektiven: Der Episodenfilm »Ajami« von Scandar Copti und Yaron Shani verknüpft die Welten von Juden, Christen und Muslimen. Von Jürgen Kiontke

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REAKTIONEN

TSCHECHIEN

IRAK

CHINA

Die tschechischen Behörden verweigern Roma-Kindern ihr Recht auf Bildung. Dies dokumentiert ein im Januar veröffentlichter Amnesty-Bericht. Viele Roma-Kinder werden entweder auf Schulen für geistig Behinderte geschickt oder in Klassen, in denen auschließlich Roma unterrichtet werden. Aufgrund dieser Praxis erhalten sie lediglich eine zweitklassige Bildung und haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Nur schwer können sie daher der Armut entkommen, unter der viele Roma in Tschechien leiden. Bereits 2007 hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Tschechien dazu verurteilt, diese diskriminierende Praxis zu stoppen. Der Staat blieb aber weitgehend untätig.

Mehr als 900 Menschen im Irak droht unmittelbar die Hinrichtung. Die Betroffenen haben bereits alle verfügbaren Rechtsmittel zur Anfechtung der Todesurteile ausgeschöpft. Die Behörden planen offenbar, die Todesstrafe noch vor den für März 2010 angesetzten Parlamentswahlen zu vollstrecken. Die Gefangenen sind wegen Straftaten wie Entführung und Mord verurteilt worden, allem Anschein nach handelte es sich in den meisten Fällen jedoch um unfaire Gerichtsverfahren. Amnesty verlangt von den Behörden, die Todesurteile in Haftstrafen umzuwandeln.

Am 29. Dezember 2009 ist der Brite Akmal Shaikh im chinesischen Urumqi mit der Giftspritze hingerichtet worden. Er war in einem halbstündigen Prozess des Drogenschmuggels für schuldig befunden worden. »Die Exekution zeigt die Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit der Todesstrafe«, sagte Amnesty-Experte Dirk Pleiter. Mit Blick auf Shaikhs mutmaßliche psychische Krankheit kritisierte Pleiter, dass entgegen chinesischem Recht keine strafmildernden Umstände berücksichtigt wurden: »Das Verfahren gegen Akmal Shaikh, wie auch die Verurteilung des bekannten Dissidenten Liu Xiabo zu elf Jahren Haft wenige Tage zuvor, verdeutlichen, wie weit China von einem rechtsstaatlichen System entfernt ist.«

Ausgewählte Ereignisse vom 26. Oktober 2009 bis 13. Januar 2010.

DEUTSCHLAND/DR KONGO BRASILIEN Einen durchschlagenden Erfolg im Kampf um ihr Recht auf Wohnen erzielten die 800 Familien, die im August 2009 von dem Gelände Olga Benário in São Paulo vertrieben worden waren: Aufgrund des Drucks lokaler und internationaler Organisationen, darunter Amnesty International, haben die Behörden Anfang Dezember beschlossen, auf dem Gelände Sozialwohnungen für die betroffenen Familien zu bauen. Die rabiate Vorgehensweise der Polizei bei der Zwangsräumung hatte zu Panik unter den Familien geführt, Brände brachen aus und ihre Habseligkeiten wurden teilweise zerstört.

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Jahrelang organisierten sie von Deutschland aus Massenmorde und Plünderungen im Kongo – per Satellitentelefon. Nun sitzen sie in Haft: der Präsident der Hutu-Miliz FDLR, Ignace Murwanashyka, und sein Stellvertreter wurden am 17. November 2009 vom Bundeskriminalamt in Mannheim und Nürtingen wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhaftet. Amnesty International begrüßt die Verhaftungen als einen wichtigen Schritt im Kampf gegen die Straflosigkeit und für die Durchsetzung internationaler Strafgerichtsbarkeit. Die FDLR ist verantwortlich für zahllose Massaker an Zivilisten, systematische Vergewaltigungen und Rekrutierungen von Kindersoldaten.

SRI LANKA Der Journalist Vettivel Jasikaran und seine Ehefrau Valarmathi wurden am 26. Oktober 2009 aus der Haft entlassen. Die für Terrorismusfahndung zuständige Polizeieinheit TID hatte sie am 6. März 2008 wegen Verdachts auf »terroristische Aktivitäten« in Gewahrsam genommen. In einer Klage beim Obersten Gerichtshof legten die beiden dar, dass ihre Haft rechtswidrig war und Vettivel im Gewahrsam der TID gefoltert wurde. Amnesty hatte in einer Eilaktion ihre Freilassung gefordert. Der Gerichtshof gab ihrer Klage statt und sprach sie in allen Anklagepunkten frei.

amnestyjournal | 02-03/2010


Foto: Luis De Vega / Polaris / laif

ERFOLGE

»Ein Sieg für die Menschenrechte«. Aminatou Haidar mit ihrer Tochter nach ihrer Rückkehr in die Westsahara, 18. Dezember 2009.

aminatouhaidardarfzurÜckinihreheimat Seit den achtziger Jahren setzt sich Aminatou Haidar für die Unabhängigkeit ihrer Heimat ein, der von Marokko 1976 annektierten Westsahara. Ein seit 1991 unter Aufsicht der UNO geplantes Referendum über die Zukunft des Gebiets hat bisher nicht stattgefunden. Haidar saß mehrfach wegen ihres friedlichen Engagements im Gefängnis und wurde gefoltert. Ende 2009 konnte sie erst nach einem 32-tägigen Hungerstreik in die Westsahara zurückkehren. Im Oktober hatte die 47-Jährige in den USA den Preis für Zivilcourage 2009 entgegengenommen. Auf ihrer Rückreise wurde sie am 13. November am Flughafen Laayoune in der Westsahara festgenommen. Die Grenzpolizisten fragten sie, warum sie auf dem Einreiseformular als Heimatland »Westsahara« und nicht »marokkanische Sahara« angegeben habe. Haidar zufolge boten ihr die Beamten an, sie freizulassen, wenn sie öffentlich aner-

MAROKKO/WESTSAHARA

kennen würde, dass die Westsahara zum marokkanischen Staatsgebiet gehöre. Sie weigerte sich jedoch und wurde wenige Stunden später ohne gültige Reisepapiere nach Lanzarote, einer der Kanarischen Inseln, abgeschoben. Aus Protest trat sie dort am 15. November in den Hungerstreik. Die zweifache Mutter war teilweise so geschwächt, dass Ärzte um ihr Leben fürchteten. Amnesty International ging davon aus, dass sie mit der Ausweisung für ihr Engagement bestraft werden sollte, und forderte in einer Eilaktion ihre sichere Rückkehr in die Westsahara. Auch die EU und die UNO erhoben diese Forderung. Am 18. Dezember gaben die marokkanischen Behörden dem internationalen Druck nach. Nach einer Vereinbarung mit Spanien durfte Haidar schließlich in die Westsahara zurückkehren. Dort angekommen, sagte sie gegenüber Amnesty: »Meine Rückkehr ist ein Sieg für die Menschenrechte.«

NEIN ZUR TODESSTRAFE RUSSLAND Die Abschaffung der Todesstrafe in Russland rückt nä-

her. Das russische Verfassungsgericht verlängerte Ende November 2009 das bestehende Hinrichtungsmoratorium und empfahl die Abschaffung der Todesstrafe. Amnesty International begrüßte die Entscheidung als wichtigen Schritt und forderte Russland auf, die Todesstrafe ganz aus den Gesetzbüchern zu streichen. »Mit dieser Entscheidung nimmt das Verfassungsgericht den russischen Bürgern die Angst, von ihrem eigenen Staat getötet zu werden«, sagte Peter Franck, Russland-Experte von Amnesty International. Die Vollstreckung der Todesstrafe ist in Russland

reaktionen

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erfolGe

seit 1999 ausgesetzt. Dieses Moratorium sollte auslaufen, sobald alle Gebiete der Russischen Föderation Geschworenengerichte eingerichtet haben. Am 1. Januar führte Tschetschenien als letzte Republik die Neuerung ein. Das Verfassungsgericht verlängerte das Moratorium jedoch mit der Begründung, der Weg zur Abschaffung der Todesstrafe sei unumkehrbar. Russland trat 1996 dem Europarat mit dem Versprechen bei, die Todesstrafe binnen drei Jahren aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Seit 1998 hat Russland niemanden mehr hingerichtet und setzte sich auch international für eine Welt ohne Todesstrafe ein.

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UMWELTSCHÜTZER WIEDER IN FREIHEIT Wer sich in Turkmenistan für den Schutz der Umwelt einsetzt, lebt gefährlich. Immer wieder erhält Amnesty International Berichte über Folter, Misshandlungen und willkürliche Festnahmen von Menschen, die sich friedlich für Umweltschutz oder andere Anliegen engagieren. So wie im Fall des international bekannten Umweltschützers Andrej Satoka. Der 53-jährige Biologe war Ende Oktober 2009 wegen Körperverletzung in einem

unfairen Gerichtsverfahren zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Am 6. November prüfte das Regionalgericht von Dashoguz den Fall erneut und wandelte seine Haftstrafe in eine Geldstrafe um. Nach der Zahlung von umgerechnet etwa 235 Euro wurde Satoka einen Tag später freigelassen. Turkmenischen Quellen zufolge jedoch nur unter der Bedingung, dass er seine turkmenische Staatsbürgerschaft abgibt und das Land verlässt. Amnesty ist der Auffassung, dass Satoka nur wegen seines friedlichen Engagements für den Umweltschutz angeklagt wurde, und betrachtete ihn daher als gewaltlosen politischen Gefangenen. Bereits im Dezember 2006 war er am Flughafen in Dashoguz wegen angeblicher Störung der öffentlichen Ordnung von der Polizei festgeSaß unschuldig im Gefängnis. Umweltaktivist Andrej Satoka. nommen worden.

KEIN TOD DURCH STEINIGUNG Mehrere Jahre lang drohte der Iranerin Gilan Mohammadi und dem Iraner Gholamali Eskandari der Tod durch Steinigung. Ihr »Vergehen«: Ehebruch. Seit dem 4. Oktober 2009 sind beide wieder in Freiheit. Nachdem der Oberste Gerichtshof das Urteil aufgehoben hatte, wurden beide freigesprochen und aus dem Zentralgefängnis von Isfahan entlassen, wo sie seit 2003 inhaftiert waren. Wahrscheinlich 2005 oder 2006 wurden sie zum Tode verurteilt. Im Januar 2009 reisten eine Anwältin und ein Anwalt nach Isfahan, in der Hoffnung, die Inhaftierten zu sehen und ihre Verteidigung übernehmen zu können. Gefängnis- und Justizangestellte hinderten sie jedoch daran. Die Anwälte legten daraufhin Beschwerde ein, weil Mohammadi und Eskandari das Recht auf eine anwaltliche Vertretung verweigert wurde. Nach einer Überprüfung ordnete die Oberste Justizautorität des Irans eine Neuverhandlung an, die mit dem Freispruch endete. IRAN

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Worauf sich diese Anschuldigung gründete, blieb unklar. Vor Gericht warf ihm die Staatsanwaltschaft vier Vergehen vor, unter anderem illegalen Erwerb oder Besitz von Waffen oder Sprengstoff. Im Januar 2007 verurteilte das Stadtgericht von Dashoguz den Biologen zu einer dreijährigen Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Schon damals äußerte Amnesty die Befürchtung, dass Satoka durch die Anklage für seine friedliche Tätigkeit als Umweltschützer bestraft werden sollte. Die Bewährungsstrafe wurde später im Rahmen der Begnadigung von etwa 9.000 Gefangenen durch Staatspräsident Berdymuchammedow aufgehoben. Ab Juni 2008 verweigerten die Behörden Satoka, der sowohl die turkmenische als auch die russische Staatsbürgerschaft besitzt, die Ausreise. Daher konnte er seine Verwandten in Russland, unter anderem seine Kinder, über zwei Jahre lang nicht sehen. Mehrfach schrieb er Briefe an die Behörden, um zu erfahren, weshalb ihm die Ausreise verwehrt wurde. Eine Erklärung erhielt er nie. Nach Zahlung der Geldstrafe reisten Andrej Satoka und seine Frau am 7. November 2009 nach Russland aus. Amnesty wird die Entwicklungen im Fall Andrej Satoka weiter beobachten.

»VERSCHWUNDENE« WIEDER AUFGETAUCHT Wie erst Ende November 2009 bekannt wurde, lebt die Chinesin Zhuang Lu inzwischen im Haus ihrer Eltern in der Provinz Fujian im Südosten Chinas. Fast einen Monat lang fehlte von der Mitarbeiterin der in Peking ansässigen Nichtregierungsorganisation Open Constitution Initiative (OCI), die Opfer von Menschenrechtsverletzungen juristisch berät, jede Spur. Die 27-Jährige war am 29. Juli 2009 zusammen mit dem Gründer der Organisation, dem Rechtsanwalt Xu Zhiyong, festgenommen worden. Nach mehr als drei Wochen wurden beide aus der Haft entlassen, die Ermittlungen gegen Xu Zhiyong laufen jedoch noch. Zhuang Lu wurde einen Tag nach ihrer Entlassung von der Polizei in ihre Heimatprovinz geschickt. Seit ihrer Rückkehr hatte sie nur wenig Kontakt zu Freunden und Verwandten. Die Polizei hat ihr nahegelegt, sich gegenüber den Medien nicht zu ihrer Haft zu äußern. CHINA

Foto: Greg Baker / AP

Foto: privat

TURKMENISTAN

Aus der Haft entlassen. Anwalt Xu Zhiyong.

EINSATZ MIT ERFOLG Weltweit beteiligen sich viele tausend Menschen mit Appellschreiben an den »Urgent Actions« und »Briefen gegen das Vergessen« von Amnesty International. Dass dieser Einsatz drohende Menschenrechtsverletzungen verhindert und Menschen in Not hilft, zeigen die Beispiele auf dieser Seite.

amnestyjournal | 02-03/2010


PORTRÄT

JOHANES DJONGA

Johanes Djonga sollte sterben. Zu oft hatte der katholische Priester unbequeme Fragen gestellt und die Menschenrechtsverletzungen des Militärs in der indonesischen Provinz Papua ans Licht gebracht. Deswegen sollte er verschwinden, für immer. Lebendig begraben in einer Schlucht, 700 Meter tief. Dass er heute noch lebt, verdankt er unter anderem dem Einsatz seiner Freunde und Kollegen und Hunderten Menschen weltweit, die sich an einer Eilaktion von Amnesty International beteiligten. Djonga arbeitet seit 2002 in Waris, einem Bezirk von Papua. Die an Papua-Neuguinea grenzende Region wurde 1963 ein Teil Indonesiens. Seitdem flammt der Konflikt um die Unabhängigkeit der Provinz immer wieder auf. Gegen Separatisten gehen die indonesischen Sicherheitskräfte mit exzessiver Gewalt vor, die auch immer wieder Opfer unter der indigenen Zivilbevölkerung fordert. Amnesty dokumentiert regelmäßig Fälle von willkürlichen Verhaftungen, Folter und außergerichtlichen Hinrichtungen. Wer sich wie Djonga für die Rechte der Indigenen einsetzt, gerät schnell in Verdacht, selbst ein Separatist zu sein. Doch in Papua geht es nicht nur um die Einheit des Staates. Es geht auch um sehr viel Geld. Denn die Region gilt wegen ihres Rohstoffreichtums als eine der Schatzkammern Indonesiens. Und das Militär mischt bei den lukrativen Geschäften kräftig mit, egal ob bei der Bewachung privater Plantagen, der Rodung der Wälder, dem illegalen Alkoholhandel oder der Prostitution. Johanes Djonga ist ein freundlicher und ruhiger Mann. Aber auch ein sehr mutiger und entschlossener, wenn es um Ungerechtigkeit geht. Als der spätere Gouverneur auf einer Wahlkampftour im Sommer 2007 Dörfer in Waris besuchte, sprach Djonga ihn öffentlich auf die Probleme an: »Warum gibt es mitten in den Dörfern Militärposten, die eigentlich verboten sind? Und warum patrouillieren Soldaten in Zivil durch die Ortschaften und schüchtern die Bevölkerung ein?« Die Antwort des Militärs ließ nicht lange auf sich warten. Zwei

erfolGe

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porträt

Foto: Amnesty

fast700meter unterdererde Tage später kamen zwei wütende Soldaten der berüchtigten Sondereinheit Kopassus zu Djongas Haus und schrieen ihn an: »Warum hast du ihm von uns erzählt? Was soll das?« Der Pastor blieb ruhig und erklärte, er habe lediglich im Namen der Bevölkerung gesprochen. Fortan überwachten die Armee und der Geheimdienst seine Aktivitäten noch stärker als zuvor. Am 22. August 2007 beschimpften Soldaten ihn als »Provokateur« und »Landesverräter« und drohten, ihn zu töten. Der Kopassus-Kommandeur, Lettu Usman, wiederholte die Drohung in einem Interview, mit denselben Worten, die auch seine Soldaten benutzt hatten: »Wir werden ihn 700 Meter unter der Erde begraben.« Djonga erhielt Drohungen per SMS. »Bist du schon tot?«, stand in einer Nachricht. Er suchte daraufhin in der Provinzhauptstadt Jayapura Schutz beim Polizeichef von Papua. Doch dieser sagte ihm, dass er ihm nicht helfen könne, da es sich bei den Tätern um Soldaten handele. Er müsse sich direkt beim Militär beschweren. Als Amnesty von dem Fall erfuhr, rief die Organisation am 24. September 2007 mit einer Urgent Action ihre Mitglieder und Unterstützer auf, sich mit Briefen an die Behörden für Johanes Djongas Sicherheit einzusetzen. Mit Erfolg: Kommandeur Usman wurde versetzt und Pastor Djonga und die Dorfbewohner wurden seitdem nicht mehr eingeschüchtert. In anderen Gebieten der Region herrscht jedoch nach wie vor ein Klima der Angst. Für sein mutiges Engagement wurde der 51-Jährige am 10. Dezember 2009 mit dem Yap Thiam Hien Award ausgezeichnet, dem bekanntesten Menschenrechtspreis Indonesiens. »Wenn die Regierung die Militarisierung in Papua nicht in den Griff bekommt, wird der Hass und die Abneigung der indigenen Bevölkerung gegen die Zentralregierung weiter wachsen«, warnt Djonga. Es ginge den Behörden nur darum zu nehmen, nicht aber zu geben: »Die Zentralregierung hat einfach kein Herz für Papua.« Text: Daniel Kreuz

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Unzählige Frauen und Mädchen im Jemen erleben Tag fßr Tag Diskriminierung und Gewalt – mit verheerenden Folgen fßr ihr Leben. Die jemenitische Gesetzgebung, aber auch Bräuche und Traditionen stempeln sie zu Bßrgerinnen zweiter Klasse. Kein Gesetz schßtzt Frauen und Mädchen im Jemen ausdrßcklich vor Gewalt. Das Strafgesetz verurteilt zwar physische Gewalt, erwähnt jedoch weder häusliche noch psychische Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Brauchtum und soziale Normen erlauben es zudem den Männern, ihre Frauen, TÜchter und Schwestern zu schlagen. Im Jemen ist es besonders in ländlichen Gegenden ßblich, Jungen und Mädchen sehr frßh zu verheiraten. Das Heiratsalter der Mädchen kann schon bei acht Jahren liegen. Die Folge: Die Mädchen gehen nicht OGJT\WT5EJWNGDNGKDGPQJPG$KNFWPIWPFIGTCVGPUQKPFKGƂPCP\KGNNGWPFUQ\KCNG#DJÀPIKIMGKV ihrer Ehemänner. Frßhe Schwangerschaften und Geburten stellen zudem ein hohes Gesundheitsrisiko fßr Mädchen dar.

WERDEN SIE AKTIV! Fordern Sie Gerechtigkeit fßr Frauen und Mädchen im Jemen! www.amnesty.de/frauen-im-jemen


PANORAMA

Foto: George Osodi / AP

IRAN: KEINE ENDE DES BLUTVERGIESSENS , Schlagstöcke und Tränengas gegen friedliche Demonstranten, Polizeifahrzeuge, die gezielt in Menschenmengen fahren, Schauprozesse und Todesurteile: Um die Menschenrechte im Iran steht es so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr. Dies geht aus einem im Dezember veröffentlichten Amnesty-Bericht hervor, der die gravierenden Menschenrechtsverletzungen nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad im Juni schildert. Nach offiziellen Angaben wurden 36 Menschen nach der Wahl getötet. Die Opposition spricht von über 70 Toten. Mehr als 4.000 Menschen wurden festgenommen. 200 befinden sich noch immer in Haft. 130 Regimekritikern wurde der Prozess gemacht, mindestens fünf von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Auch gegen die landesweiten Studentenproteste am 7. Dezember gingen Sicherheitskräfte und regierungstreue Milizen mit aller Härte vor, u.a. in Teheran (Foto). Die Unruhen während des religiösen Aschura-Festes am 27. Dezember forderten mindestens acht weitere Menschenleben. Amnesty fordert von den Behörden ein Ende des Blutvergießens und die Freilassung aller gewaltlosen politischen Gefangenen. Mehr Informationen auf www.amnesty.de/iran-nach-der-wahl

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% NIGERIA: POLIZEI TÖTET NACH BELIEBEN Hunderte Menschen werden jedes Jahr von den nigerianischen Sicherheitskräften getötet. Dies dokumentiert ein im Dezember veröffentlichter Bericht von Amnesty International. »Zivilisten werden von Polizisten erschossen und in Haft zu Tode gefoltert«, sagte Amnesty-Experte Erwin van der Borght. Als Begründung geben die Polizisten an, die Opfer seien bewaffnete Räuber gewesen oder hätten versucht zu fliehen. Die meisten Fälle werden weder untersucht noch die Verantwortlichen bestraft. Die Familien der Opfer erhalten keine Entschädigung. Häufig finden sie niemals heraus, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Ein zentrales Problem ist der »Nigerianische Polizeierlass 237«, der Polizisten das Recht gibt, auf Verdächtige zu schießen, wenn sie versuchen zu fliehen – unabhängig davon, ob sie eine Gefahr für andere darstellen oder nicht. »Der Erlass 237 ist für Nigerias Polizisten eine Lizenz zum Erschießen von Menschen«, kritisierte van der Borght. »Die Regierung muss den Erlass aufheben und öffentlich klarstellen, dass der Gebrauch von Schusswaffen nur dazu dienen darf, Leben zu schützen.« Mehr Informationen auf www.amnesty.de

Foto: UPI / laif

panorama

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Foto: Dylan Martinez / Reuters

NACHRICHTEN

Kompetenzstreit auf Kosten von Traumatisierten. Therapiezentrum für Folteropfer in London.

WerzahlttherapienfÜrfolteropfer? Viele EU-Länder wollen Therapien für Folteropfer nicht zahlen. In Deutschland schieben sich Innenministerium und Gesundheitsministerium gegenseitig die Verantwortung zu. Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF) schlägt Alarm. Denn ab 2010 will die Europäische Kommission die finanzielle Förderung der Traumatherapiezentren europaweit auslaufen lassen. In diesen Zentren werden traumatisierten Flüchtlingen Therapien und Beratungen in ihrer Muttersprache angeboten. Die Europäische Kommission hat jahrelang sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas solche Therapiezentren im Rahmen eines Programms für Demokratie und Menschenrechte finanziell unterstützt. Doch nun fordert sie, dass die EUMitgliedstaaten diese Aufgaben übernehmen. Gleichzeitig betonen Vertreter der Kommission, dass die Einstellung der finanziellen Förderung nicht zu Lasten der Flüchtlinge gehen soll. Der in Brüssel ansässige Internationale Zusammenschluss von Therapiezentren IRCT verweist darauf, dass die Mitglied-

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staaten die Verpflichtung haben, eine Traumatherapie zur Verfügung zu stellen. »Die Mitgliedstaaten haben aufgrund der ›Direktive über ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem‹ seit 2003 die Pflicht, Asylsuchenden und Flüchtlingen, die Opfer von Folter wurden, eine Therapiemöglichkeit anzubieten«, so Laetitia de Radigues vom IRCT. »Doch viele Regierungen innerhalb der EU kommen dieser Aufgabe nicht oder nur unzureichend nach.« So stellen beispielsweise Frankreich, Italien, Rumänien oder Irland überhaupt keine finanzielle Förderung zur Verfügung. Die deutsche Bundesregierung hat eine Teilförderung für vier der bundesweit 24 Therapiezentren zur Verfügung gestellt. Doch dies ist viel zu wenig, um eine flächendeckende Gesundheitsversorgung nach 2010 zu gewährleisten. Hinter den Kulissen gibt es ein heftiges Kompetenzgerangel. Das Bundesgesundheitsministerium verweist auf das Bundesinnenministerium, das bei der Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen federführend sei. Das Innenministerium wiederum verweist auf das Gesundheitsministerium zurück, weil es sich um eine gesundheitspolitische Angelegenheit handele. Auch die Ar-

beitsgemeinschaft der Therapiezentren sieht das Gesundheitsministerium in der Pflicht, denn die Therapiezentren seien kein Teil der Ordnungspolitik, sondern der Gesundheitspolitik. Auch die Krankenkassen sträuben sich, die Kosten der Therapien zu übernehmen. Vor allem die Dolmetscherkosten werden von ihnen nicht getragen, obwohl gerade bei Folteropfern die Möglichkeit, sich in der eigenen Sprache ausdrücken zu können, besondere Bedeutung hat. Die Weigerung der Kostenübernahme für Dolmetscher führt dazu, dass entweder die Therapiezentren oder gar die Folteropfer selbst zahlen müssen. Laetitia de Radigues vom IRCT verweist darauf, dass schon heute die Nachfrage nach Therapieplätzen größer ist als das Angebot. »2007 sind mehr als 18.000 Männer, Frauen und Kinder in den von der EU geförderten Therapiezentren behandelt worden. Die Einstellung der finanziellen Förderung würde eine große Lücke in der Behandlung gerade jener Opfer von Menschenrechtsverletzungen hinterlassen, die eine Unterstützung am nötigsten haben.« Text: Ali Al-Nasani

amnestyjournal | 02-03/2010


interVieW

jestinamukoko

Wie arbeitet Ihre Organisation, das Zimbabwe Peace Project? Wir verfolgen und dokumentieren in ganz Simbabwe Menschenrechtsverletzungen, die politisch motiviert sind. Unsere Beobachtungen veröffentlichen wir in einem monatlichen Bericht. Wir haben ein Netzwerk von 420 Beobachtern im ganzen Land, die uns mit Informationen versorgen. Sie können trotz der derzeitigen schwierigen politischen Situation noch arbeiten. Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit? Wir wollen ein neues Simbabwe aufbauen. Dazu müssen wir erst einmal dokumentieren, wo Menschenrechte verletzt werden, und die Verantwortlichen benennen. Ohne diese Aufklärung ist eine nationale Versöhnung nicht möglich. Die Vereinbarung zwischen der Staatspartei von Präsident Mugabe, Zanu PF, und der ehemaligen Oppositionspartei Movement for Democratic Change (MDC) spricht sich klar gegen politische Gewalt aus. Wir vertreten also Prinzipien, zu denen sich die Parteien Simbabwes selbst bekannt haben. Ganz konkret geht es mir im Moment um den Fall meines angeklagten ZPP-Kollegen Broderick Takawira, über den das Oberste Gericht noch nicht entschieden hat. Ich hoffe, er wird auch bald freigesprochen.

Foto: picture alliance / dpa / Martin Schutt

»WirWollen einneuessimbabWe aufbauen« Leiden Sie heute noch unter den Folgen der Folter? Ich habe oft quälende Schmerzen an den Füßen wegen der Schläge auf die Fußsohlen, die ich während der Befragungen bekam. Aber die psychologischen Folgen sind für mich schlimmer. Ich durfte 21 Tage lang keinerlei Kontakt zu meiner Familie haben, und das war einfach zu viel für mich. Ich muß mich jetzt von einem Spezialisten behandeln lassen, um besser damit zurecht zu kommen. Manchmal verfolgen mich die Bilder aus dieser Zeit und das zieht mich wirklich runter. Es wird lange dauern, bis ich damit umgehen kann. Was motiviert Sie, trotz der Gefahren weiterzuarbeiten? Natürlich habe ich Ängste, das ist ganz normal nach allem, was ich erlebt habe. Trotzdem ist es für mich wichtig, auf meinen Rechten zu beharren, die mir als Bürgerin von Simbabwe nach der Verfassung zustehen. Was mich antreibt, das sind die Stimmen von Verfolgten und Misshandelten in Simbabwe, die im Gegensatz zu mir nicht über die Grenzen des Landes hinaus bekannt sind. Sie brauchen jemanden wie mich, der ihre Stimmen verstärkt, damit sie in Simbabwe und weltweit gehört werden. Interview: Claudia Mende

Amnesty hat sich mit »Urgent Actions« für Sie eingesetzt. Welche Rolle hat dieser Einsatz gespielt? Ich hatte während der drei Monate in Haft fast keinen Kontakt zur Außenwelt. Nach meiner Freilassung habe ich dann die Stapel von Briefen entdeckt, die mir Menschen aus aller Welt geschrieben hatten. Es hat mich sehr bestärkt, dass mein Schicksal vielen Menschen nicht gleichgültig ist. Für den einzelnen Briefeschreiber mag es eine Kleinigkeit sein, aber mir haben diese Briefe viel Kraft gegeben. Bis heute schaue ich sie immer wieder durch, wenn es mir schlecht geht. Dann motivieren sie mich, weiterzumachen. Es ist wichtig, dass Menschen, die so drangsaliert werden, wissen, dass sie nicht allein sind.

nachrichten

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interVieW

jestinamukoko Die simbabwische Menschenrechtsverteidigerin wurde am 3. Dezember 2008 von Sicherheitskräften entführt und drei Monate lang illegal festgehalten, bevor sie auf Kaution aus der Haft entlassen wurde. Ende September 2009 sprach der Oberste Gerichtshof von Simbabwe sie vom Vorwurf der »Rekrutierung von Terroristen zur Ausbildung in Botswana« frei.

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HEIMKINDER BRAUCHEN UNTERSTÜTZUNG Armut ist einer der häufigsten Gründe, warum Kinder in Albanien in Heime gegeben werden. Viele der Mädchen und Jungen haben Eltern oder nahe Verwandte, die jedoch nicht über genug Geld verfügen, sich um die Kinder zu kümmern. Den Kindern wird dadurch das Recht auf Familie verwehrt. Heimkinder werden nur selten bis zur Volljährigkeit betreut, nachdem sie die Heime verlassen haben. Deshalb beenden viele die

ALBANIEN

Schule ohne Abschluss. Dadurch erhöht sich ihr Risiko, später in Armut und Ausgrenzung zu leben. Ein albanisches Gesetz, wonach Heimkinder bei Wohnungen und Arbeitsplätzen begünstigt werden sollen, blieb in der Praxis wirkungslos. Die UNO-Generalversammlung nahm Ende November 2009 die »Richtlinien zur alternativen Versorgung von Kindern« an. Darin wird die Unterbringung im Heim als letzte Lösung gesehen. Armut

dürfe niemals der ausschlaggebende Grund sein, ein Kind nicht bei seinen Eltern aufwachsen zu lassen. Regierungen sollten zudem ehemalige Heimkinder mit Bildungs- und Betreuungsangeboten unterstützen. Amnesty International fordert die albanische Regierung auf, gemäß den UNO-Richtlinien dafür zu sorgen, dass weniger Kinder in Heime gegeben werden und dass mittellose Familien und Heimkinder mehr Unterstützung erhalten.

Foto: Adalberto Roque / AFP / Getty Images

NOCH IMMER 55 POLITISCHE GEFANGENE IN HAFT

Abgedrängt. Die »Damen in Weiß« werden in Havanna am Demonstrieren gehindert.

KUBA Regimetreue Demonstranten stoppten am 10. Dezember 2009, dem Tag der Menschenrechte, Protestmärsche von Menschenrechtsaktivisten und den »Damen in Weiß«. Die Gruppe protestiert seit 2003 regelmäßig für die Freilassung ihrer Männer und Söhne. Am 18. März 2003 waren in einer großen Verhaftungswelle Hunderte Dissidenten festgenommen worden. 75 von ihnen wurden in unfairen Schnellverfahren zu Haftstrafen von bis zu 28 Jahren verurteilt. Obwohl Fidel Castro das Präsidentenamt im Februar 2008 an seinen Bruder Raúl Castro abgegeben hat, verbesserte sich die Menschenrechtslage seither kaum. Immerhin hat Kuba inzwischen die zwei wichtigsten internationalen Menschenrechtspakte unterzeichnet, wenn auch noch nicht ratifiziert. Doch in der Praxis werden immer noch die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungs-, Versammlungs- und Bewegungsfreiheit massiv verletzt. Noch immer sind mindestens 55 gewaltlose politische Gefangene in Haft. Sie leiden unter katastrophalen Haftbedingungen. In den vergangenen Jahren wurden Gefangene fast nur wegen ihres schlechten Gesundheitszustands freigelassen.

BEHÖRDEN LASSEN FRAUEN IM STICH TADSCHIKISTAN Die tadschikische Regierung

unternimmt zu wenig, um die Rechte der Frauen zu schützen. Das belegt ein Bericht von Amnesty International, der den physischen, psychischen und sexuellen Missbrauch von Frauen in Tadschikistan dokumentiert. »Frauen werden geschlagen, misshandelt und vergewaltigt, doch anstatt ihre fundamentalen Rechte zu schützen, lassen die Behörden die Opfer

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meist im Stich«, so Amnesty-Expertin Andrea Strasser-Camagni. Gewalt gegen Frauen betrachten die tadschikischen Behörden meist nicht als Straftat, die es zu verfolgen gilt. Stattdessen werden häufig häusliche Gewalt als Familienangelegenheit und sexuelle Übergriffe an Frauen als deren eigene Schuld betrachtet. Dabei ist Gewalt gegen Frauen in Tadschikistan weit verbrei-

tet. Zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Frauen wurde bereits Opfer psychischer, physischer oder sexueller Übergriffe, meist ausgeübt vom Ehemann oder Mitgliedern seiner Familie. Amnesty fordert die Behörden auf, Gewalt gegen Frauen wirkungsvoll zu bekämpfen und landesweit die Versorgung der Opfer zu gewährleisten. Mehr Informationen auf www.amnesty.de

amnestyjournal | 02-03/2010


Foto: Epoch Times

Vom Arbeitslager in die Freiheit. Bu Dongwei mit seiner Familie in den USA.

meinlebenimarbeitslaGer Gold für Menschenrechte. Unter diesem Motto setzte sich Amnesty International anlässlich der Olympischen Spiele 2008 für die Einhaltung der Menschenrechte in China ein. Allein in Deutschland unterschrieben 118.000 Menschen eine Petition, die unter anderem die Freilassung von gewaltlosen politischen Gefangenen forderte. Bu Dongwei war einer der Gefangenen. Im Juli 2008 wurde der Anhänger der Falun-Gong-Bewegung aus der Haft entlassen. Für Amnesty beschrieb er seine Haftzeit: »Am 19. Mai 2006 drangen sechs oder sieben Polizisten in meine Wohnung ein und suchten nach dem Buch ›Neun Kommentare über die Kommunistische Partei‹. Sie konnten es nicht finden, entdeckten aber mehrere Falun-Gong-Bücher. Daraufhin brachten sie mich in das Haftzentrum des Bezirks Haidian in Peking. Ich musste eine etwa 20 Quadratmeter große Zelle mit 30 bis 35, manchmal sogar mit über 40 anderen Häftlingen teilen. Mehr als drei Monate verbrachte ich in diesem Haftzentrum, ehe ich in das Pekinger Arbeitslager Tuanhe verlegt wurde. Dort werden die Menschen unterdrückt, indem die Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden. Man darf nicht zur Toilette gehen, wann man will, und nicht entscheiden, wann man seine Wäsche wäscht. Alle Falun-Gong-Praktizierenden müssen sich immer wieder anhören, wie die Wärter Falun Gong beschimpfen. Es werden Videos gezeigt, in denen ihre Bewegung verleumdet wird. Sie werden gezwungen, Falun Gong zu diffamieren und müssen die Kommunistische Partei jeden Tag in Liedern preisen. Falun-Gong-Praktizierende dürfen nicht miteinander reden. Im Jahr 2000 war ich schon einmal in diesem Lager eingesperrt. Damals mussten wir unter sehr schlechten hygienischen

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Bedingungen Essstäbchen verpacken, 6.000 bis 7.000 jeden Tag. Diese Wegwerfstäbchen wurden zum Teil exportiert. Im Juli 2009 aß ich in Capitol Hill in Washington in einer Cafeteria zu Mittag und sah, dass die dortigen Wegwerfstäbchen aus China stammten. Ich weiß nicht, ob diese Stäbchen in Arbeitslagern hergestellt wurden, aber sie sahen genauso aus wie unsere. Mit Hilfe der US-Regierung, des Europäischen Parlaments, der britischen und der deutschen Regierung sowie von Amnesty International und anderen, konnten meine Tochter und ich nach meiner Entlassung im Juli 2008 endlich zu meiner Frau in die USA ausreisen. Ich möchte allen, die meiner Familie und mir in den vergangenen zwei Jahren geholfen haben, von Herzen danken. Selbst im Arbeitslager konnte ich an der Haltung der Wärter spüren, dass sie Druck von der Außenwelt bekamen. Ein Wärter erwähnte mir gegenüber einmal, dass sich internationale Menschenrechtsorganisationen um mich sorgten. Erst als ich in den USA war, erfuhr ich, dass mir Amnesty-Mitglieder auf der ganzen Welt hunderte, wenn nicht tausende Briefe geschrieben hatten. Die Briefe wurden alle von den Behörden abgefangen. Doch ich bin überzeugt, dass der Druck der internationalen Gemeinschaft und die Briefe der Amnesty-Mitglieder mir sehr geholfen haben. Aus eigener Erfahrung weiß ich jetzt, dass die Aufmerksamkeit und der Druck der internationalen Gemeinschaft dazu beitragen können, die Bedingungen inhaftierter Menschen zu verbessern. Auch in China beginnen die Menschen nun, Briefe für die Gefangenen im eigenen Land zu schreiben. Bitte helfen auch Sie mit, die Verfolgung von Menschen zu beenden. Ungerechtigkeit muss – und wird – durch die gemeinsame Anstrengung aufrechter und gutherziger Menschen beendet werden.«

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Foto: UN Photo / Mark Garten

SALIL SHETTY WIRD NEUER AMNESTY-GENERALSEKRETÄR

Menschenrechte für Arme durchsetzen. Shetty knüpft an seine bisherige Arbeit an.

KEIN ENDE ILLEGALER HAFT IN SICHT

Der nächste internationale Generalsekretär von Amnesty International heißt Salil Shetty. Der Inder war sechs Jahre lang Direktor der UNO-Millenniumskampagne zur Verringerung der Armut. Zuvor leitete er die Organisation ActionAid, die sich der Armutsbekämpfung widmet. Shetty tritt sein Amt im Juni 2010 an. »Es ist eine große Ehre für mich, diese Aufgabe in einer Zeit zu übernehmen, in der die Welt die Menschenrechte mehr braucht als je zuvor«, sagte Shetty. Er löst Irene Khan ab, die nach acht Jahren als Generalsekretärin Ende 2009 zurückgetreten ist. »Wir sind sehr erfreut, dass sich Salil Shetty bei Amnesty International engagiert und die Menschenrechtsorganisation in einer wichtigen Phase führen wird«, erklärte Peter Pack, der Vorsitzende des internationalen Exekutivkomitees. »Gemeinsam wollen wir weiter für und mit jenen arbeiten, die wegen ihrer Meinung im Gefängnis sitzen, zum Tode verurteilt sind oder gefoltert werden. Mit und für alle, denen ihre Rechte verweigert werden, weil sie arm sind.«

Die USA werden vorerst keine Häftlinge aus Guantánamo in den Jemen entlassen. Nach dem gescheiterten Sprengstoff-Anschlag in einem Flugzeug über Detroit am 25. Dezember 2009 ist damit die Schließung des Lagers auf unbestimmte Zeit verschoben. Zu dem Anschlagsversuch hat sich die Terrororganisation al-Qaida im Jemen bekannt, zwei der Drahtzieher sollen ehemalige Guantánamo-Häftlinge sein. Von den 198 verbleibenden Guantánamo-Häftlingen sind etwa die Hälfte Jemeniten. Dies ist eine schlechte Nachricht für diejenigen Häftlinge, die teilweise seit acht Jahren inhaftiert sind, obwohl gegen sie keine strafrechtlich relevanten Vorwürfe vorliegen. Dass diese Menschen weiterhin illegal inhaftiert sind, darf auch nach Detroit nicht vergessen werden. Amnesty fordert neben anderen Staaten auch Deutschland auf, dem Beispiel anderer EU-Länder zu folgen und Häftlinge aufzunehmen, die keine Straftaten begangen haben, denen aber in ihren Heimatländern Folter oder Verfolgung drohen.

mer in der brasilianischen Botschaft in Tegucigalpa befindet, als auch für die Verantwortlichen des Staatsstreiches erlassen zu wollen. Von einer Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Ereignisse der letzten Monate, wie sie noch im

November in einem Abkommen vereinbart war, ist keine Rede mehr. Damit wird das Klima der Straffreiheit im Land verstärkt und die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen, wie des Mordes an Walter Tróchez, erschwert.

USA

Am 13. Dezember 2009 haben Unbekannte Walter Tróchez in der Hauptstadt Tegucigalpa auf offener Straße erschossen. Er hatte seit dem Staatsstreich vom 28. Juni 2009 Menschenrechtsverletzungen durch Polizei und Militär dokumentiert. Seine Ermordung zeigt einmal mehr, dass die politische Krise in Honduras auch eine Menschenrechtskrise ist. Daran haben auch die Wahlen vom 29. November nichts geändert, bei denen der konservative Unternehmer Porfirio Lobo Sosa zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Aufgrund der extremen Einschränkung der Meinungsfreiheit im Vorfeld der Wahlen können sie nicht als frei und fair bezeichnet werden: Friedliche Proteste wurden brutal niedergeschlagen, Putschkritiker und Menschenrechtsaktivisten inhaftiert oder ermordet. Trotzdem haben einige Länder wie die USA, Kolumbien oder Costa Rica die Wahlen inzwischen anerkannt, während andere Länder – allen voran die meisten lateinamerikanischen Staaten und Spanien – ihre Legitimität weiter anzweifeln. Lobo Sosa kündigte unterdessen an, eine Amnestie sowohl für den gestürzten Präsidenten Manuel Zelaya, der sich noch im-

HONDURAS

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Foto: Esteban Felix / AP

TÄTER KOMMEN UNGESTRAFT DAVON

Mord an einem Menschenrechtsaktivisten. Beerdigung von Walter Tróchez in Tegucigalpa.

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Zeichnung: Oliver Grajewski

kolumne jÜrGkeller

minarettVerbot: Gemeintsind diemenschen

57,5 Prozent haben sich bei einer Volksabstimmung in der Schweiz gegen den Bau neuer Minarette ausgesprochen. Bei einer Beteiligung von 53 Prozent sind das rund 30 Prozent aller stimmberechtigten Schweizer. Es ging dabei um mehr als um ein simples Bauverbot, das machte Ueli Maurer, der für die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) in der Bundesregierung sitzt, nach der Abstimmung klar: »Das ist die erste Überfremdungsinitiative, die angenommen wurde.« Mit dem Verbot sind eigentlich nicht Bauwerke gemeint, sondern Menschen: im konkreten Fall die Muslime, aber allgemeiner »die Ausländer« insgesamt. Der Schock sitzt immer noch tief, denn kaum jemand hatte mit einem Erfolg der Initiative gerechnet. Die Schweizer Regierung und – mit Ausnahme der SVP – alle größeren Parteien hatten aufgerufen, mit Nein zu stimmen. Das war’s allerdings auch schon. Weder hatte das Parlament einen Gegenvorschlag ausgearbeitet, noch engagierten sich die Parteien im Abstimmungskampf. Dabei hätte es gar nie zu dieser Abstimmung kommen dürfen: Schuld an der Situation ist ein schwaches Parlament, dem einmal mehr die Zivilcourage fehlte, eine Initiative für ungültig zu erklären, die gegen nationales und internationales Recht verstößt. Die direkte Demokratie der Schweiz bringt es mit sich, dass hin und wieder Stimmungen an die Oberfläche gespült werden, die in anderen Ländern allzu leicht unter den Teppich gekehrt werden können. Ein im Dezember 2009 veröffentlichter Bericht der EU-Agentur für Grundrechte zeigt, wie weitverbreitet die Diskriminierung von Minderheiten in der EU ist. Demnach wurde einer von drei Muslimen in den letzten zwölf Monaten diskriminiert. Der Applaus der extrem rechten Parteien in anderen europäischen Staaten – wie Dänische Volkspartei, Lega Nord, FPÖ, Front National und NPD – macht deutlich, dass die Schweiz auch in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rassismus kein Sonderfall ist. Das ist allerdings weder Trost noch Entschuldigung. Wie der Konflikt zwischen direkter Demokratie und Rechtsstaat entspannt werden kann, hat Liechtenstein 1992 vorgemacht. Das Fürstentum führte vor dem Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum die Vorprüfung von Volksinitiativen ein, um zu verhindern, dass übergeordnetes Recht verletzt wird. Eine solche Vorprüfung ist auch in der Schweiz nötig. Der entsprechende Verfassungsartikel könnte gemäß Alain Griffel, Staatsrechtler an der Universität Zürich, lauten: »Eine Volksinitiative, die gegen die Europäische Menschenrechtskonvention, gegen andere Menschenrechtsgarantien oder gegen die Grundwerte dieser Verfassung verstößt, ist ungültig.« Das Bauverbot für Minarette wird – daran bestehen kaum Zweifel – beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte durchfallen. Für diesen Fall hat die SVP angekündigt, sie werde die Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention verlangen. Die Abstimmung vom 29. November zeigt, dass einmal erstrittene Errungenschaften immer wieder verteidigt werden müssen, damit sie Bestand haben. Es geht nach dieser Abstimmung darum, die Bedeutung von rechtsstaatlichen Prinzipien, Völkerrecht und Menschenrechten in Erinnerung zu rufen und fest im Bewusstsein der Menschen zu verankern. Denn sie sind die Basis der Demokratie und wer sie in Frage stellt, stellt die Demokratie in Frage. Jürg Keller ist Redakteur des Schweizer Amnesty-Magazins.

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Titel: Starke Mädchen

Verletzt, Verkauft, Verheiratet Gezeichnet, aber nicht verstummt. Opfer eines Säureattentats bei einer Demonstration am 12. Mai 2009 in Dhaka, Bangladesch. Foto: Munir Uz Zaman / AFP / Getty Images

Zur Schule gehen. Den Ehemann selbst aussuchen. Zum Arzt gehen. Schutz finden vor Gewalt. Einfache Wünsche, aber für viele Mädchen nur ein Traum. In manchen Familien müssen Töchter immer noch größere Hürden überwinden als die Söhne, um zu ihrem Recht zu kommen. In einigen Gesellschaften gehören Zwangsheirat und Genitalverstümmelung zur Tradition, Mädchen zählen weniger als Jungen. Doch einige Mädchen lassen sich nicht abschrecken. Neunjährige lassen sich von ihrem erwachsenen Mann scheiden. Schülerinnen gehen trotz Todesdrohungen zum Unterricht. Jugendliche laufen davon, um ihre Ausbildung fortsetzen zu können.

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Wir wollen lernen. M채dchen in einer Grundschule im afghanischen Herat. Die Zahl der Sch체lerinnen und Sch체ler ist dort in den vergangenen zwei Jahren von

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Foto: Shehzad Noorani / Still Pictures

Das Leben selbst in die Hand nehmen Starke Mädchen setzen sich zur Wehr. Wie Somaly Mam aus Kambodscha, die als Kind wie eine Sklavin verkauft und als Jugendliche zur Prostitution gezwungen wurde. Heute ist sie Leiterin einer Nichtregierungsorganisation, die schon über 5.000 südostasiatische Mädchen aus der Zwangsprostitution befreit hat. Es sind Mädchen und Frauen wie Somaly Mam, um die es auf den nächsten Seiten geht. In vielen Ländern werden Mädchen misshandelt, ausgebeutet, verkauft, diskriminiert, ihres Rechts auf Bildung beraubt. Mädchen aus armen Familien sind besonders betroffen. Deshalb setzt sich Amnesty International seit vielen Jahren dafür ein, dass die Menschenrechte von Frauen und Mädchen weltweit und universell, also unabhängig von Tradition, Kultur und Religion, geachtet und umgesetzt werden. Das heißt insbesondere, dass sie gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung erhalten müssen. Sowohl in der im März 2010 auslaufenden Kampagne »Hinsehen und Handeln – Gewalt gegen Frauen verhindern« als auch in dem neuen Schwerpunkt »Mit Menschenrechten gegen Armut« ist die Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen ein wichtiges Ziel unserer Arbeit. In Entwicklungsländern wird nach Angaben von UNICEF jedes dritte Mädchen verheiratet. Kinderheiraten sind häufig von Gewalt begleitet und gehören zu den Hauptursachen für Müttersterblichkeit. Das Risiko während der Schwangerschaft oder bei der Geburt eines Kindes zu sterben, ist für Mütter zwischen 15 und 19 Jahren doppelt so hoch wie für erwachsene Frauen. Ein anderer Risikofaktor ist die Genitalverstümmelung. Jährlich werden etwa drei Millionen Mädchen und Frauen – vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter – diesem grausamen Eingriff unterzogen. Am 6. Februar, dem internationalen Tag gegen Genitalverstümmelung, sind in vielen Ländern Proteste gegen diese Menschenrechtsverletzung geplant. Weltweit gehen rund 55 Millionen Mädchen nicht zur Schule. Die Gründe sind vielfältig. Religiöse Verbote, wie sie in Afghanistan von 1996 bis 2001 galten, sind die Ausnahme. Meistens müssen Mädchen die Schule vorzeitig verlassen, weil sie früh verheiratet werden, weil sie schwanger sind, das Schulgeld für sie nicht mehr bezahlt werden kann oder sie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen müssen. Allein in Haiti sollen Schätzungen zufolge mehr als 100.000 Mädchen als Hausangestellte, sogenannte Restavèks, arbeiten. Sie haben keine Zeit, die Schule zu besuchen, werden ausgebeutet und missbraucht. Mädchen, denen die Flucht gelingt, landen nicht selten in der Prostitution, müssen ihren Körper verkaufen, um zu überleben. Mädchen möchten aber nicht nur als Opfer behandelt werden. Überall auf der Welt setzen sich Frauen und Mädchen zunehmend gegen Gewalt und Diskriminierung zur Wehr und wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Sie fordern Gerechtigkeit und verlangen, dass ihre Menschenrechte respektiert und geschützt werden. Amnesty unterstützt sie dabei. Susanne Jesih ist Expertin für Frauenrechte in der deutschen Sektion von Amnesty International.

7.000 auf 9.000 gestiegen. Unterrichtet wird in drei Schichten.

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Mädchen machen Schule Mädchen und junge Frauen sind weltweit Opfer von Gewalt und Diskriminierung. Doch immer mehr setzen sich zur Wehr. Fünf Beispiele von starken Mädchen. Von Uta von Schrenk

Hasina musste neun Mal operiert werden, bevor sie Sätze sagen konnte wie diesen: »Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern, aber ich kann immer noch eine Zukunft haben, und dafür kann ich kämpfen.« Zuvor hatte Hasina Akter aus Sotto Bandi in Bangladesch fast ihr Leben verloren und für den Rest ihres Lebens ihr Gesicht – die Nase, die Lippen, das rechte Auge. Genommen hat ihr dies ein Angestellter ihrer Familie, der sich über das damals 16-jährige Mädchen geärgert hatte. Also tat er das, was viele Männer in Bangladesch tun, die meinen, einen Grund dazu zu haben: Er kaufte sich Säure und übergoss damit am 23. Januar 2004 die vermeintlich Unbotmäßige. Über 2.000 Säureattentate wurden der Stiftung für Säureopfer in Dhaka zwischen 1999 und 2008 gemeldet. Von Januar bis Oktober 2009 waren es allein 104 Anschläge. Für die Gründung der Stiftung ehrte Amnesty International die Frauenrechtlerin Monira Rahman 2006 in Berlin mit dem Menschenrechtspreis der deutschen Sektion. Hasina Akter bekam noch im Krankenhaus Besuch von einem Mitarbeiter der Stiftung für Säureopfer. Die Stiftung, die für medizinische und psychologische Hilfe sorgt, die Spezialverbände für Brandwunden herstellt und gemeinsam mit den Opfern versucht, die Täter vor Gericht zu bringen, finanziert sich über Spendengelder. Hasina lernte hier andere Betroffene kennen. Es war dieser Kontakt, der ihr half, mit ihrem gezeichneten

Leben selbstbewusst umzugehen. »Es war doch nicht mein Fehler.« Dieser Satz klingt selbstverständlich, ist es aber nicht in Bangladesch. Viele Opfer finden nicht den Weg zu Monira Rahman und ihrer Stiftung – weil sie sich schämen, weil der Täter aus der eigenen Familie kommt, weil sie als Unglücksbringerinnen isoliert werden oder weil ihnen ihre Umwelt erfolgreich eingebläut hat, dass sie selbst an ihrem Schicksal schuld seien. Mehr als ein Viertel der Säureopfer sind Mädchen unter 18 Jahren. »Krüppel«, wie Hasina sagt, die fortan der Familie zur Last werden, weil kein Mann sie heiraten wird. Wer als Säureopfer überleben will, muss Arbeit finden. Hasina berät heute in der Rechtsabteilung der Stiftung andere Säureopfer. Die Täter kommen meist straflos davon, weil korrupte Polizisten oder Richter sie decken. Hasinas öffentlicher Umgang mit ihrer Geschichte hilft nicht nur anderen, er half auch ihr selbst: Aufgrund eines Zeitungsinterviews mit ihr wurde nach vier Jahren endlich der Täter gefasst.

Mädchen und junge Frauen: Rechte kennenlernen und durchsetzen Hasinas Geschichte ist nur ein Beispiel: Mädchen und junge Frauen müssen weltweit schwerste Verletzungen ihrer Rechte und ihrer Würde erfahren. Dies beginnt in manchen Ländern schon vor der Geburt: In einem Bericht von Unicef heißt es, dass in Indien täglich 7.000 weibliche Föten gezielt abgetrieben werden – Mädchen gelten wegen des traditionell hohen Brautgeldes

Wer ein Mädchen bildet, sorgt dafür, dass es als Mutter selbstbewusst seine Rechte einfordern und auch sein Kind bilden wird. 24

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Foto: Marvi Lacar / Getty Images

Bangladesch: Opfer von Säureattentaten fordern Gerechtigkeit


Schutz bieten. Agnes Pareyio hat im kenianischen Narok das »Tasaru Safehouse for Girls« gegründet. Mädchen, die vor Genitalverstümmelung oder Zwangsheirat fliehen, können dort wohnen und zur Schule gehen.

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als finanzielle Belastung. Auch in China ist diese Praxis weit verbreitet. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass Mädchen in manchen Ländern eine höhere Sterblichkeit aufweisen, weil sie schlechter ernährt und medizinisch schlechter versorgt werden als ihre Brüder. Und obwohl Frauen die Hälfte der Menschheit stellen, sind zwei Drittel der Armen Frauen. Damit einher gehen Diskriminierung und Gewalt: Ein Mädchen in Armut erhält in der Regel keine Ausbildung. Zugleich ist es, statistisch betrachtet, mehr Gewalt ausgesetzt. Wie soll dieses Kind seine Rechte kennen? Wie soll es eine sichere Arbeit finden, sich ein unabhängiges Leben aufbauen, sich gegen überkommene Traditionen zur Wehr setzen? »Bildung ist ein Menschenrecht, dennoch besuchen mehr als 55 Millionen Mädchen weltweit keine Schule, weil Gewalt und Diskriminierung ihren Zugang zu Bildung behindern«, heißt es in einem Amnesty-Bericht vom November 2009. Doch Hasinas Geschichte zeigt auch etwas anderes: Dass es nämlich genau diese Mädchen und Frauen sind, die den Willen und den Mut aufbringen, ihre Situation zu ändern und ihre Rechte von einer ihnen feindlich gesinnten Gesellschaft einzufordern. Dafür stehen auch Nedas Schwestern, benannt nach der im vergangenen Sommer ermordeten iranischen Studentin – junge Frauen, die in ihrem Land die Proteste für Demokratie und Reformen auf die Straße getragen haben. Dafür stehen die 18-Jährige, die in Afghanistan trotz eines Säureattentats weiterhin zur Schule geht, und die zwangsverheiratete Neunjährige aus dem Jemen, die erfolgreich ihre Scheidung von einem dreimal so alten Mann juristisch erstritten hat. Die Mädchen und jungen Frauen, um die es im Folgenden geht, sind ein Motor für die Menschenrechtsbewegung weltweit. Sie leiden oft am meisten unter inhumanen Lebensbedingungen. Aber das speist auch ihren Veränderungswillen. Wer diesen Motor am Laufen halten will, sollte daher auf die Bildung und Stärkung von Mädchen und jungen Frauen setzen. Wer ein Mädchen bildet, sorgt dafür, dass es als Mutter selbstbewusst seine Rechte einfordern und auch sein Kind bilden wird. Wer ein Mädchen bildet, sorgt dafür, dass es als Mutter der Genitalverstümmelung seiner Tochter nicht zustimmen wird. Wer einem Teenager eine Existenzgrundlage verschafft, sorgt dafür, dass es keinen Grund mehr geben wird, weibliche Föten abzutreiben oder Mädchen im Alter von acht Jahren zu verheiraten.

Kenia: Mädchen finden Schutz vor Genitalverstümmelung Millicent war 13 Jahre alt, da nahm ihre Großmutter sie beiseite und sagte: »Ich bin beschnitten, deine Mutter ist beschnitten.« So ist es üblich bei den Massai in Kenia, immer noch werden an die 90 Prozent der Mädchen im Alter von neun bis 13 Jahren »beschnitten«. Das Wort ist eine Beschönigung, denn bei der Praxis wird ein Großteil der weiblichen Genitalien verstümmelt. Millicent war-

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tete nicht, bis sie an der Reihe war – gerade erst hatte sie in der Schule einen Vortrag über Genitalverstümmelung gehört. Mit Hilfe einer Cousine lief sie von zu Hause weg. Sie fand einen Platz im Tasaru Girls Rescue Center in Narok, wo sie ihre Schulausbildung unversehrt beendete. Mit ihrer Flucht hat sich Millicent, die mittlerweile 20 Jahre alt ist, für ein anderes Leben entschieden: »In meiner Gemeinschaft findet ein Mädchen, das nicht beschnitten ist, nur schwer einen Mann«, sagt sie. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass die Genitalien von rund 140 Millionen Frauen, Mädchen und Babys verstümmelt sind. Praktiziert wird dies vor allem auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in Einwanderungsländern wie Frankreich oder Deutschland. Erst im Dezember sollten wieder 350 Mädchen im Alter zwischen neun und 16 Jahren in Kenia »beschnitten« werden, berichtete die »Daily Nation«, Kenias überregionale Tageszeitung. Die Folgen sind grausam: Viele der jungen Mädchen – die meisten sind bei dem Übergriff nicht älter als acht – werden schwer traumatisiert, stehen unter Schock, verursacht durch den Blutverlust und die Schmerzen, denn es wird ohne Betäubung geschnitten und vernäht. Abgesehen vom Verlust des sexuellen Empfindens, leiden viele Mädchen und Frauen ein Leben lang an ständigen Harnwegsinfekten und Schmerzen beim Wasserlassen. Einige überleben die Prozedur nicht, andere infizieren sich aufgrund verschmutzter Beschneidungsbestecke mit HIV oder sterben bei der Geburt des ersten Kindes, das den vernarbten und verengten Geburtskanal nicht passieren kann. Einer 2006 veröffentlichten Studie der WHO zufolge, an der über 28.000 Schwangere in Afrika teilgenommen hatten, starben pro 100 Geburten ein bis zwei beschnittene Mütter mehr als bei den Geburten unversehrter Frauen. Als besonders gefährdend gilt die sogenannte Infibulation, die geschätzt 20 Prozent aller beschnittenen Frauen durchlitten haben. Hierbei werden die kleinen Schamlippen mittels eines Metalldrahtes dauerhaft vernäht. Seit 2005 ist auch innerhalb der Afrikanischen Union die Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung geächtet. Zahlreiche afrikanische Länder haben sie unter Strafe gestellt. Doch damit wurde der Praxis kein Ende gesetzt – zu tief ist die »Beschneidung« in der Tradition vieler Ethnien verankert. Im Tasaru Girls Rescue Center setzt man daher auf Gespräche mit den Dorfgemeinschaften und auf Aufklärung. »Unsere Mitarbeiter gehen in die Dörfer und erklären dort, dass ein Mädchen, dass nicht verheiratet wird, zur Schule gehen und später mit einem Job die Familie versorgen kann«, sagt die Gründerin des Zentrums, die Menschenrechtsaktivistin Agnes Pareyio. Für ihr Engagement wurde sie 2005 von den Vereinten Nationen zur »Person des Jahres« ernannt. Millicent hofft, dass auch ihre Familie eines Tages so denken kann. Bis dahin jedoch, sagt sie, sind die Mädchen und jungen Frauen im Girls Rescue Center ihre Familie. Eine Gemeinschaft übrigens, die ihren eigenen Initiationsritus für den Übergang

amnestyjournal | 02-03/2010

Foto: Danfung Dennis / The New York Times / Redux / laif

Millicent wartete nicht, bis sie an der Reihe war. Sie lief von zu Hause weg und beendete ihre Schulausbildung unversehrt.


Die Angst überwinden. Shamsia Husseini lässt sich nicht zur Unwissenheit zwingen. Zwei Monate nach dem Säureattentat auf sie und 14 weitere Schülerinnen und Lehrer sitzt die Afghanin wieder in ihrer Schule in der Provinz Kandahar.

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Nicaragua: Leben retten trotz totalem Abtreibungsverbot Marianita (Name geändert) aus Siuna in Nicaragua »verlor« nach Angaben der Frauenklinik »Bertha Calderón« bei einem Kaiserschnitt in der 24. Schwangerschaftswoche ein Kind, das nur knapp 600 Gramm wog. Dieser Schwangerschaftsabbruch vor anderthalb Jahren hat der Mutter, zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt, das Leben gerettet. Marianita hatte eine Lungenentzündung und extremen Bluthochdruck – doch selbst bei sogenannten medizinischen Indikationen wie dieser ist Abtreibung in Nicaragua heute verboten. Wie viele schwangere Mädchen und Frauen seit dem totalen Abtreibungsverbot im Juli 2008 gestorben sind, ist unklar. Nach offiziellen Angaben sind in der ersten Jahreshälfte 2009 allein 33 Mädchen und Frauen an ihrer Schwangerschaft gestorben. Kate Gilmore, die stellvertretende internationale Generalsekretärin von Amnesty International, nennt dieses von den ehemaligen Erzfeinden der sandinistischen und der liberalen Partei verabschiedete Gesetz »zynisch«. Die betroffenen Mädchen und Frauen sowie die behandelnden Ärzte müssen mit Gefängnis von ein bis drei Jahren rechnen, wenn sie einen Abbruch vornehmen. Den Medizinern drohen zudem bis zu fünf Jahre Berufsverbot. Selbst wenn der Embryo nicht lebensfähig ist oder die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist, bleibt die Abtreibung verboten. Das Gesetz verstoße gegen zahlreiche Menschenrechtsvereinbarungen, die Nicaragua unterzeichnet hat, kritisiert ein Bericht von Amnesty International vom Juli 2009. Marianita verdankt ihr Leben dem nicaraguanischen Frauennetzwerk gegen Gewalt und der Sonderbeauftragten für Kinderfragen, Norma Moreno, die sich für einen Abbruch eingesetzt hatten. Warum die Zwölfjährige schwanger war? Ihr Vater hatte sie wiederholt vergewaltigt.

Afghanistan: Mutige Mädchen besuchen die Schule Die Hand hält sie vor ihr Gesicht. Eine schützende Geste. Doch gilt der Schutz nicht ihr selbst, sondern vielmehr ihrer Umwelt. Shamsia Husseini, inzwischen 18 Jahre alt, wurde vor gut einem Jahr von einem Motorradfahrer mit Säure begossen. Seither ist das Gesicht der jungen Afghanin von Narben gezeichnet. Was sie zum Anschlagsopfer werden ließ: Shamsia besucht die Mädchenschule in Mirwais in der südlichen Provinz Kandahar. Die Schule, die von der japanischen Regierung aufgebaut wurde, liegt in einer Region, in der die Clanführer der Taliban das öffentliche Leben dominieren.

Und dort wird der Besuch einer weltlichen Schule, vor allem von Mädchen, zu einer Mutprobe, die oft genug mit der körperlichen Unversehrtheit oder gar mit dem Leben bezahlt wird. Über 100 Anschläge wurden 2008 auf afghanische Schulen verübt, 70 Lehrer wurden getötet. Bei einem Giftgasanschlag auf eine Schule bei Kabul wurden 98 Mädchen verletzt. Warum Mädchen wie Shamsia bedroht und überfallen werden, erklärte ein Clanführer im Herbst einem deutschen Fernsehsender so schlicht wie wortkarg: »Mädchen sollen das Haus nicht verlassen.« Während der Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 war Mädchen der Schulbesuch verboten. Doch der Satz des Clanführers zielt noch auf einen anderen Aspekt eines Mädchenschicksals in diesem Land. Nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale werden bis heute über die Hälfte der afghanischen Frauen verheiratet, bevor sie 16 Jahre alt sind. Nicht nur der Schulbesuch ist mit dem Tag der Hochzeit in der Regel vorbei: Die Mädchen haben im Haushalt des Mannes zu arbeiten und Kinder zu gebären – oft hat dies dramatische gesundheitliche Folgen für die viel zu jungen Mütter. Afghanistan hat eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt. »Die Leute, die mir das angetan haben, wollen nicht, dass Frauen Bildung bekommen. Sie wollen, dass wir dumme Dinger bleiben«, sagt Shamsia. Im Weltbild der Taliban hat eine gebildete Frau keinen Platz. Doch das sehen offensichtlich nicht alle Familien in Afghanistan so. Mittlerweile gehen nach Schätzungen der deutschen Regierung rund 30 Prozent der afghanischen Mädchen zur Schule – trotz aller Gefahren. Nach dem Anschlag auf die Mädchenschule in Mirwais, bei dem elf Mädchen und vier Lehrer angegriffen wurden, waren die Klassenräume zunächst wie leergefegt. Erst als der Direktor den verängstigten Eltern Polizeischutz und Schulbusse für ihre Töchter versprach, kamen die meisten der 1.500 Schülerinnen wieder. Darunter selbst die schwer verletzte Shamsia. »Ich will mein Land aufbauen«, sagt sie. Eines mit sicheren Schulen für Mädchen.

Uganda: Kindersoldatin kämpft für den Frieden Wenn jemand Grace Arach noch vor zehn Jahren gesagt hätte, sie würde mit Mitte zwanzig den ugandischen Frauenpreis, dotiert mit rund 1.800 Euro, bekommen, Grace hätte dies wohl für einen fiesen Witz gehalten. Grace war zwölf Jahre alt und auf dem Weg zu ihrer Großmutter in Pawel, als Rebellen der ugandischen »Lord’s Resistance Army« (LRA) den Wagen des Priesters, mit dem sie mitfahren konnte, stoppten, das Mädchen rauszerrten und das Auto mit einer Landmine in die Luft jagten. Grace Arach hatte das Pech, zu jenen mehr als 20.000 Kindern zu gehören, die von der »Armee des Herrn« im Bürgerkrieg zwischen Nord-Uganda und Süd-Sudan laut Caritas bislang zwangsrekrutiert und unter Schlägen und unsäglichen Qualen zu kleinen Tötungsmaschinen deformiert wurden. Um die Kin-

»Die Leute, die mir das angetan haben, wollen nicht, dass Frauen Bildung bekommen. Sie wollen, dass wir dumme Dinger bleiben.« 28

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Foto: Gaudenz Danuser

von der Kindheit ins Erwachsenenleben pflegt – ein Fest mit traditionellen Gesängen, Gebeten und Geschenken, aber ohne Schnitte. Den alternativen Ritus haben inzwischen mehrere hundert Mädchen durchlaufen – und immer mehr bringen ihre Eltern mit.


Dem Krieg entkommen. Grace Arach war zwölf, als ugandische Rebellen sie entführten und als Soldatin einsetzten. Heute hilft sie anderen ehemaligen Kindersoldaten, ihre Schulbildung nachzuholen und Mut für ein neues Leben zu fassen.

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der zu disziplinieren, zwangen die Rebellen sie, sich mit dem Blut jener Kinder zu bemalen, die auf der Flucht ermordet wurden. Oder sie mussten sich auf sie legen, damit sie wissen, wie sich der Tod anfühlt, der auf sie wartet, wenn sie nicht spuren. Weltweit kämpfen heute rund 250.000 Minderjährige in Bürgerkriegen und bewaffneten Konflikten. Auf die Mädchen unter ihnen wartet meist ein perfides Schicksal: Oft werden sie – neben der Abrichtung zum Töten und dem Einsatz an der Front – »verdienten« Kämpfern als »Ehefrauen« zugeführt oder sie werden von den sogenannten Kameraden vielfach missbraucht und vergewaltigt. Grace Arach musste mit Otti Lagony, einem stellvertretenden Kommandeur der LRA, leben, der sie mit einem Tau an sich band, – und später mit einem Mann namens Odongo, dessen zehnte Frau sie wurde. Es dauerte sieben Jahre, bis sich für Grace Arach eine Gelegenheit bot, zu fliehen. Zuvor trug sie eine halbautomatische Waffe und 70 Schuss Munition, überlebte die Cholera, einen Schuss in die Brust und Schlachten, bei denen mehr als 2.000 Menschen starben. Eine Woche nach ihrer Flucht saß Grace wieder in der Schule, diesmal in Gulu, Nord-Uganda, einem Rehabilitationszentrum für Kindersoldaten der Organisation World Vision. Derzeit studiert sie an der Universität Gulu Entwicklungsforschung und engagiert sich für »Children/Youth as Peacebuilders« (CAP), eine kanadische Friedensorganisation, die sich speziell für Kinder in Kriegs- oder Nachkriegssituationen – etwa in Angola, Kambodscha, Ruanda oder Kolumbien – einsetzt. Grace betreut traumatisierte Kinder und versucht sie davon zu überzeugen, zur Schule zu gehen und eine Ausbildung zu machen, etwas zu lernen eben, nur nicht das Töten.

Jemen: Neunjährige reicht Scheidung ein Letztlich war es reiner Zynismus, der Nujood Ali Muhammed Nasser aus Sana’a die Freiheit brachte. Mit acht Jahren wurde das jemenitische Mädchen verheiratet – an einen 30 Jahre alten Mann. Für 1.100 Euro ging Nujood Anfang 2008 über den Tisch. Das Geld sollte dem Vater, einem arbeitslosen Lkw-Fahrer, helfen, seine zwei Ehefrauen und die 16 Kinder zu ernähren. Als Nujood nach zwei Monaten Missbrauch und Schlägen ihre Eltern um Hilfe anfleht, hat die Familie nur den gehässigen Satz für sie übrig, sie könne ja vor Gericht ziehen und sich scheiden lassen. Nur, dass Nujood den Ratschlag ihrer sogenannten Tante, der zweiten Ehefrau ihres Vaters, ernst nimmt. Das Mädchen geht, fragt sich zum Gericht in Sana’a durch und setzt sich dort in den Flur. Nach einem halben Tag Warten wird der Richter Muhammed Al-Qathi auf sie aufmerksam. »Ich will die Scheidung«, sagt ihm das Mädchen. Und der Richter nimmt sie erst einmal mit zu sich nach Hause, organisiert ihr eine engagierte Anwältin, die den Fall kostenlos übernimmt, und lässt Nujoods Vater und Ehemann in Untersuchungshaft wegen Kindesmiss-

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brauchs und Menschenhandels nehmen. Mitte April 2008 gibt der zuständige Richter Nujoods Ersuchen statt und löst die Ehe auf. Das jemenitische Recht erlaubt es, Mädchen in jedem Alter zu verheiraten. Allerdings ist Sex mit ihnen erst ab der Pubertät erlaubt. Hiermit wird Nujoods Scheidung begründet – eine Strafe für den Ex-Mann folgt daraus nicht. »Ich bin so glücklich, wieder frei zu sein«, sagte das Mädchen nach dem Urteil, »ich will zurück in die Schule gehen und nie, nie wieder heiraten.« Rund die Hälfte der jemenitischen Mädchen wird einem Amnesty-Bericht zufolge minderjährig verheiratet. Und das bedeutet in der Regel für die Mädchen und Teenager das Ende der Kindheit und des Schulbesuchs. Ab der Hochzeit haben sie für die Familie des Mannes zu arbeiten – und ihm selbst zur Verfügung zu stehen. Und das hat Folgen, die ein jemenitischer Sozialwissenschaftler so beschreibt: 39 Prozent der minderjährig verheirateten Mädchen sind nach der Hochzeitsnacht traumatisiert, sie leiden unter Depressionen, Angstzuständen, manche erholen sich nie wieder von diesem Erlebnis. Eine Mehrheit der Kinderbräute nimmt zudem körperlich Schaden: Mit elf oder zwölf Jahren ist ihr Körper nicht weit genug entwickelt, um eine Schwangerschaft und Geburt unbeschadet zu überstehen. Vor diesem Hintergrund ist Nujoods erfolgreiche Scheidung ein historisches Urteil – Rechte sind etwas wert und selbst ein kleines Mädchen kann sie einklagen. Dieser eine Fall ist das ermutigende Signal für viele malträtierte Mädchen in diesem Land – und auch anderswo, denn Zwangsheirat ist keine jemenitische Spezialität. Weltweit gibt es laut Unicef mehr als 60 Millionen Frauen, die als Kind oder Jugendliche verheiratet wurden. Im Niger sind es 77 Prozent der Frauen. Im indischen Bundesstaat Rajasthan sind 15 Prozent der Frauen bei ihrer Hochzeit nicht einmal zehn Jahre alt. Die meisten Betroffenen, etwa die Hälfte, leben in Südasien. Das sind immerhin 21,3 Millionen gezwungene Ehefrauen. Mädchen, die sich ihrer Verheiratung widersetzen, gehen oft ein großes Risiko ein. Amnesty kommt in einem Bericht über Zwangsheirat zu dem Schluss: »Wenn Frauen sich weigern, die für sie bestimmte Heirat einzugehen, sind sie Repressionen durch eigene Familienmitglieder ausgesetzt, die von Beschimpfungen und Drohungen über Prügel bis hin zum Ehrenmord reichen.« Trotzdem hat Nujoods Gang zum Gericht im Jemen gleich Schule gemacht: Bereits in den ersten Monaten nach ihrem Erfolg haben drei weitere Kinderbräute die Scheidung eingeklagt. Und auch in Saudi-Arabien hat sich ein neunjähriges Mädchen im Frühjahr 2009 von ihrem 50 Jahre alten Ehemann scheiden lassen. Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin. Mitarbeit: Daniel Kreuz

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Foto: Bryan Denton / The New York Times / Redux / laif

Grace Arach trug eine Waffe und 70 Schuss Munition, überlebte die Cholera und einen Schuss in die Brust. Nach sieben Jahren bot sich die Gelegenheit zu fliehen.


Recht bekommen. Nujood Ali reichte als Neunjährige ihre Scheidung ein. Heute ist sie ein Vorbild für andere zwangsverheiratete Mädchen im Jemen.

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Mehr als schöne Kleider Kakenya Ntaiya lebt es vor: Mädchen, die zur Schule gehen, können als Frauen ihre Rechte einfordern. Von Else Engel

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wie sie bei der Verteilung der Macht in zukünftigen sexuellen Beziehungen nicht leer ausgehen. Es wird auch viel Wert darauf gelegt, dass die Schülerinnen Verantwortung übernehmen für die Menschen um sie herum. Das resultierende Selbstbewusstsein soll die Mädchen dazu befähigen, sich für ihre eigenen Überzeugungen einzusetzen und an der Entwicklung der Gemeinschaft teilzuhaben. Ntaiya lebt es ihren Schülerinnen vor, indem sie zeigt, wie viel eine Frau bewegen kann, für sich, aber auch für andere. Ntaiyas Schule bedeutet damit mehr als eine Realisierung des Rechts auf Bildung für Mädchen. Es geht darum, die Schülerinnen über ihre Rechte zu informieren, sie für deren Verletzungen zu sensibilisieren und ganz konkrete Schritte in Richtung einer Gemeinschaft zu gehen, in der Frauen als gleichwertige Menschen handeln können. Aus der Perspektive der Schülerinnen lässt sich gut erkennen, wie eng die Menschenrechte von Kindern und Frauen zusammenhängen. Wenn Mädchen nicht die gleichen Chancen erhalten wie Jungen, folgt daraus, dass sie auch als Frauen weiterhin diskriminiert werden, beispielsweise was sozialen Status und Einkommen angeht. Auch über Generationen hinweg wird dieser Zusammenhang deutlich. UNICEF weist darauf hin, dass sich Bildung und Gesundheit von Müttern direkt auf die Überlebenschancen ihrer Kinder auswirken. Die Mädchenschule zeigt damit ganz praktisch, wie zwei wichtige Menschenrechtsabkommen zusammenspielen: Die Kinderrechtskonvention und die Frauenrechtskonvention der UNO. Vergangenes Jahr wurde der 20. beziehungsweise der 30. Jahrestag ihrer Verabschiedung begangen. Grund zum Feiern gab es nicht viel, denn Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Mädchen sind weiterhin vielerorts alltäglich. Ntaiya hat dies selbst erfahren und will es nicht hinnehmen. Als Kind wollte sie Lehrerin werden, weil sie die vielen schönen Kleider ihrer Lehrerinnen bewunderte. Heute träumt sie nicht mehr von Kleidern, sondern davon, dass alle Mädchen aus ihrem Dorf wie sie ihren Weg zu Bildung, Selbstverwirklichung und Übernahme von Verantwortung gehen können. Die Autorin ist Mitglied der Themengruppe zu Menschenrechtsverletzungen an Kindern und Jugendlichen der deutschen Sektion von Amnesty International. Mehr Informationen auf www.amnesty-kinderrechte.de

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Foto: Aaron Kisner

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ls Mädchen träumte Kakenya Ntaiya davon, die Schule zu beenden und Lehrerin zu werden. Ein hochgestecktes Ziel für eine junge Massai im Westen Kenias. Ein Ziel für das Ntaiya mit vielen Traditionen brechen musste. Heute ist sie eine erwachsene Frau mit einem Universitätsabschluss aus den USA. Lehrerin ist sie nicht geworden – sie hat gleich eine ganze Schule gegründet. Ntaiyas Mutter hatte die Schule nach wenigen Jahren abbrechen müssen als sie verheiratet wurde. Dieser Weg war auch für Ntaiya vorgesehen. Im Alter von fünf Jahren wurde sie dem Sohn der Nachbarn versprochen. Doch sie hatte andere Pläne und den Mut, diese umzusetzen. In Enoosaen, dem Dorf in dem Ntaiya aufgewachsen ist, war die »Beschneidung« und Verheiratung der Mädchen eng mit der Familienehre verbunden. Ntaiya drohte ihren Eltern, als unverheiratete Jugendliche abzuhauen, wenn sie nicht die Schule beenden dürfe. Schließlich ging sie einen Handel mit ihrem Vater ein: Er erlaubte ihr, die Schule zu beenden, wenn sie sich im Gegenzug beschneiden lies. Ntaiya hat für die Chance auf eine Schulbildung einen hohen Preis gezahlt. Dass sie auch nach dem Schulabschluss nicht sofort heiraten wollte, verriet sie ihrem Vater nicht. Erst als es so weit war, rückte sie mit ihren Plänen heraus. Jetzt gelang es ihr, ihren Vater, den Dorfältesten und viele andere davon zu überzeugen, sie nicht nur als erste Frau ihres Dorfs studieren zu lassen, sondern sie auch mit dem nötigen Geld auszustatten. Als Kind wusste Kakenya Ntaiya nicht, dass jeder Mensch ein Recht auf Bildung hat. Davon hat sie erst als Studentin gelesen. Sie wusste nichts von den ernsthaften gesundheitlichen Gefahren, die durch die Genitalverstümmelung, verharmlosend Beschneidung genannt, entstehen. Auch dass eine Zwangsheirat international festgeschriebene Rechte der Mädchen und jungen Frauen verletzt, erfuhr sie erst spät. Das soll sich ändern. Ntaiya will, dass Mädchen ihre Rechte kennen und selbstbewusst einfordern können. Sie will, dass sie mit einem Wissen aufwachsen, das sie sich mühsam erkämpfen musste. Im Mai 2009 eröffnete Ntaiya in ihrem Dorf das »Kakenya Centre for Excellence«, eine Schule für Mädchen. Die Schülerinnen werden nicht nur in den gewöhnlichen Fächern unterrichtet, sondern lernen auch über Genitalverstümmelung, reproduktive Gesundheit, den HI-Virus und Aids. Sie sollen lernen,


Überzeugungsarbeit. Kakenya Ntaiya wehrte sich als Kind gegen ihre Verheiratung. Heute klärt sie Mädchen über ihre Rechte auf.

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»Diese Kinder wollen ein normales Leben führen« Als Kind wurde Somaly Mam wie eine Sklavin verkauft und als Jugendliche zur Prostitution gezwungen. Doch die Kambodschanerin konnte sich befreien und setzt sich seit Jahren als Präsidentin der Somaly Mam Foundation und als Gründerin der Organisation AFISEP gegen Menschenhandel und Sexsklaverei ein. Ein Gespräch über Korruption, Armut und das mangelnde Engagement gegen Kinderprostitution. In Kambodscha und den angrenzenden Staaten werden täglich Tausende Frauen und Mädchen zu Opfern sexueller Ausbeutung. Unternehmen die Regierungen genug, um Zwangsprostitution und Menschenhandel zu verhindern? Es gibt immerhin Bewegung bei diesem Thema. Die kambodschanische Regierung hat 2008 aufgrund des internationalen Drucks ein Gesetz gegen Menschenhandel erlassen. Doch das ist nicht genug, denn es handelt sich um ein weltweites Problem. In Indien oder Pakistan, in Osteuropa und Afrika gibt es keine Gesetze gegen Menschenhandel. Ich will ein Beispiel geben: Ein achtjähriges Mädchen aus Kambodscha wurde an die chinesischen Syndikate, die Triaden, verkauft, zwei Jahre später verkauften die Chinesen es an die Yakuza, die japanische Mafia. Von dort wurde das Mädchen weitergehandelt an einen südamerikanischen Clan, von dort ging es weiter über Brasilien und Kolumbien nach Mexiko. Schließlich wurde es in Los Angeles auf der Straße aufgegriffen. Da war das Mädchen vierzehn Jahre alt. Wir sehen also, dass das organisierte Verbrechen international kooperiert und Menschen über Grenzen hinweg handelt. Leider sind NGOs und Regierungen nicht so gut international vernetzt, wie es diese Banden sind. Wie arbeitet Ihre Stiftung, die Somaly Mam Foundation? Unser Ziel ist es, Kinder aus der Sexsklaverei zu retten. Wir gehen in die Bordelle und sprechen mit den Mädchen, die dort arbeiten müssen. Wir zeigen ihnen Alternativen auf und stellen ihnen medizinische Versorgung und eine Unterkunft zur Verfügung. Gleichzeitig bieten wir ihnen eine schulische und handwerkliche Ausbildung an. Diese Kinder wollen ja ein normales Leben führen, in die Schule gehen und in einer Familie leben. Durch unsere finanzielle Unterstützung können wir den Mädchen ein anderes Leben bieten. Wie lange bleiben die Mädchen bei Ihnen? Sie kommen zunächst für drei Monate und können Vertrauen aufbauen. Das ist sehr wichtig. Sie entscheiden, ob sie bleiben

wollen oder in ihre Familien zurückkehren. Wenn sie dann unsere Einrichtung verlassen, halten wir Kontakt und bieten für weitere drei Jahre psychologische und medizinische Hilfe an. Einige der Mädchen arbeiten dann in unserer Stiftung mit. Unser Programm »Überlebende helfen Überlebenden« ist sehr erfolgreich. Die Mädchen, die früher Opfer der Sexsklaverei wurden, haben nun die Möglichkeit, anderen Mädchen zu helfen. Ich glaube an die Kraft der Überlebenden. Denn natürlich sprechen die Kindersklaven eher mit einer Überlebenden, weil sie hier Vertrauen haben können und vor Augen geführt bekommen, dass es einen Ausweg gibt. Wir arbeiten seit zwölf Jahren mit unserer Organisation und konnten etwa 5.000 Mädchen retten. Welche Rolle spielt Armut? Es gibt eine klare Verbindung zwischen Armut und Kinderhandel. Manche Familien in Kambodscha sind so arm, dass sie ihre Kinder verkaufen müssen. Gleichzeitig bewirken die Menschenrechtsverletzungen, dass diese Kinder, vor allem die Mädchen, weiterhin in Armut leben müssen. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen, und Bildung spielt dabei eine wichtige Rolle. Solange die Eltern viel Geld für die Ausbildung der Kinder aufbringen müssen, und solange Mädchen gegenüber Jungen benachteiligt werden, wird dieses Problem bestehen bleiben. Wir brauchen eine neue Politik. Zudem muss sich auch die Mentalität der Gesellschaft ändern, um der Ungleichheit zwischen Jungen und Mädchen ein Ende zu bereiten. Was muss dafür getan werden? Die asiatischen oder auch afrikanischen Regierungen müssen für dieses Problem sensibilisiert werden. Wir brauchen Zeugenschutzprogramme zum Schutz der Opfer. Gleichzeitig müssen strenge Gesetze erlassen werden, die die Männer zur Rechenschaft ziehen. Es wurde in der Vergangenheit schon zu viel geredet und zu wenig gehandelt. Dabei sind die Fakten klar. Doch es hat sich fast nichts geändert. Wir sind manchmal ermüdet, denn wir kämpfen jeden Tag gegen Korruption und Menschenrechts-

»Mädchen, die Opfer der Sexsklaverei wurden, haben nun die Möglichkeit, anderen Mädchen zu helfen.« 34

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Foto: Somaly Mam Foundation

Kindheit nachholen. Die von Somaly Mam gegründeten Organisationen bieten Kindern, die aus der Zwangsprostitution befreit wurden, ein Zuhause.

verletzungen. Wir müssen die Kinder in unseren Unterkünften verpflegen. Die Politik unternimmt einfach zu wenig, um dieses Problem zu lösen. Könnte die internationale Gemeinschaft hier helfen? In den letzten Jahren wurde viel über dieses Problem, das sich in Kambodscha, Laos und Vietnam ähnlich darstellt, gesprochen. Jetzt müssen Taten folgen. Natürlich können wir hundert Mädchen aus den Bordellen herausholen. Doch solange sich nichts an der Durchsetzung des Rechts ändert, solange Korruption und Armut herrschen, werden hundert neue Mädchen in die Prostitution gezwungen. Es handelt sich hier um organisiertes Verbrechen. Und dagegen muss sich die internationale Staatengemeinschaft zur Wehr setzen. Zu einem ehrlichen Engagement gehört, dass die westlichen Staaten die Männer, die Kinder in Bordellen missbrauchen, auch in ihren Heimatländern zur Rechenschaft ziehen. Notfalls müssen für die extraterritoriale Strafverfolgung Gesetze geändert werden. Wenn Sex mit Kindern in den westlichen Staaten verboten ist, dürfen Männer nicht straffrei ausgehen, die deswegen in Entwicklungsländer fahren. Wie können Menschen im Ausland Sie unterstützen? Das werde ich oft gefragt. Natürlich brauchen wir immer finanzielle Unterstützung. Aber auch Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit können hilfreich sein. Tourismusunternehmen sollten an-

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gesprochen werden, um auf das Problem der Kinderprostitution aufmerksam zu machen. Nur wenn wir international zusammenarbeiten, jeder an seinem Ort, können wir dem Problem beikommen. Man kann auch mit unserer Stiftung Kontakt aufnehmen. Über www.somay.org. Jede Postkarte oder E-Mail mit einem Gruß ist eine große psychologische Unterstützung für uns. Wenn die Mädchen sehen, dass irgendwo auf der Welt jemand an sie denkt, hilft ihnen das enorm. Interview: Ali Al-Nasani

interVieW somalymam Die 1970 geborene Kambodschanerin musste sexuelle Sklaverei am eigenen Leibe erleben. Seit sie diesem Schicksal entronnen ist, engagiert sie sich für die Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution und Sklaverei. Mit der von ihr gegründeten Organisation AFISEP (Agir pour les Femmes en Situation Précaire) und der Somaly Mam Foundation konnte sie bis jetzt rund 5.000 südostasiatische Mädchen aus der Zwangsprostitution befreien. Für ihr Engagement wurde Somaly Mam 2008 mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet.

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Freizeit in Wharf Jérémie. Spielende Kinder in einem großen Elendsviertel am Rande von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince.

Arbeiten ohne Lohn und Brot Für die siebenjährige Valentine beginnt die Arbeit um vier Uhr früh. Zu essen bekommt sie nur, was in ihrer Gastfamilie übrigbleibt. Dennoch hat sie Glück: Ihre Zieheltern erlauben ihr, nachmittags eine Schule zu besuchen. Hunderttausende Kinder arbeiten in Haiti in fremden Haushalten. Die meisten dieser »Restavèks« werden wie Sklaven behandelt und sind der Gewalt ihrer Arbeitgeber hilflos ausgeliefert. Von Hans-Ulrich Dillmann (Text und Fotos)

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in paar hundert Meter muss Valentine Eska im Morgengrauen zur einzigen Wasserstelle in Wharf Jérémie laufen. Vor dem Brunnen, an dem die städtische Wasserleitung in diesem Armenviertel endet, hat sich schon eine Menschentraube gebildet. Sattelschlepper rasen laut hupend und halsbrecherisch Richtung Hafen vorbei. Es wird gestikuliert, geschrieen und gedrängelt. Die Erwachsenen schubsen die Jüngeren zur Seite, die größeren Kinder die kleineren. Nach einer halben Stunde hat Valentine ihren Wassereimer gefüllt. Das Mädchen mit den spindeldünnen Ärmchen legt sich ein Tuch auf ihrem Kopf zurecht, stemmt den Eimer nach oben, schwankt, eine Frau erbarmt sich und hilft ihr. Rund 18 Liter schwappen in dem schmutzigweißen Plastikkübel, den das Kind nach Hause bringen muss. Ihr Gesicht ist ernst, konzentriert, angestrengt. Valentines abgetragenes Kleid war mal weiß-rot kariert, die Knöpfe fehlen fast bis zum Bauchnabel. Ihre Gummilatschen mit Blümchenmuster sinken in den vom Abwasser matschigen Boden. Die engen Gässchen der Wellblechsiedlung direkt am Meer sind nicht asphaltiert und von Müll und Unrat übersät. Niemand, der hier wohnt, hat eine Latrine. Die meisten gehen auf eine Freifläche, die sich ein paar Meter hinter den letzten Häusern erstreckt, um ihre Notdurft zu verrichten. Im Wohnlabyrinth von Wharf Jérémie leben die Ärmsten der haitianischen Hauptstadt. Ferkel suhlen sich in den schwarzen, übelriechenden Rinnsalen, die sich zwischen den Hütten gebildet haben. Bereits um diese Uhrzeit herrscht ein hektisches Hin und Her in dem engen Gassengewirr, durch das Valentine ihren Eimer jongliert. In der Ferne blitzen die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bergen hervor, die sich südöstlich von Port-au-Prince erheben. Für die Siebenjährige hat der Arbeitstag schon um vier Uhr in der Nacht begonnen. Zuerst musste sie für die Erwachsenen und Kinder das kärgliche Frühstück aus übrig gebliebenem Reis vom Vortag zubereiten. Anschließend hat sie in der Einraumbehausung aus Beton und Wellblech die Betten gemacht, gekehrt und feucht durchgewischt. Auf zehn Quadratmetern drängen sich hier in der Nacht acht Personen, vier Erwachsene und vier Kinder. Fadenscheinige Tücher trennen die drei Betten. Es riecht muffig und feucht. Eine Petroleumfunzel spendet schummriges Licht. Jetzt, zurück vom Wasserholen, vermischt das Mädchen Mehl mit Wasser und knetet die Masse zu einem Teig. »Meine Tante verkauft an der Straßenecke Fettgebackenes«, erzählt Valentine später, als sie auf der blank polierten Eingangsstufe des Hauses sitzt. Endlich kann sie sich ein paar Minuten ausruhen. Gegessen hat sie noch immer nicht. Vom Frühstück ist nichts übrig geblieben, und nur wenn nicht alles verkauft wird, gibt es für sie Reste des Fettgebackenen. »La tante« verdient damit den Lebensunterhalt für die Familie. Von den Einkünften sieht Valentine nichts. Die Tante, Madame Sara (Name geändert), ist keine leibliche Verwandte, sondern eine Ziehmutter. »Restavèk« werden in Haiti Kinder wie Valentine genannt, die nicht mehr bei ihrer Familie leben. Der kreolische Ausdruck leitet sich aus dem Französischen »rester avec« ab und bedeutet »bei jemanden bleiben«. Manchmal finden Restavèks Unterkunft bei nahen oder fernen Verwandten, viel öfter aber werden sie von fremden Menschen aufgenommen. Eines verbindet sie: Sie müssen vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht alle im Haushalt anfallenden Arbeiten erledigen und auch noch froh

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sein, wenigstens ein Obdach zu haben, während schätzungsweise 3.000 Kinder in der haitianischen Hauptstadt auf der Straße leben. Valentine ist eine kindliche Arbeitssklavin. Dabei hat sie mit ihrer Herrin, Madame Sara, noch Glück gehabt. Andere Restavèks werden schlechter behandelt. Mehr als 200 Jahre nachdem afrikanische Zwangsarbeiter die französische Kolonialherrschaft abgeschüttelt und am 1. Januar 1804 die erste Republik Lateinamerikas ausgerufen haben, werden in Haiti Kinder wie Leibeigene behandelt. Nach einer Statistik des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF gibt es in Haiti etwa 173.000 Restavèk-Kinder. »Die Dunkelziffer ist hoch«, sagt Coleen Hedglin, Leiterin der Stiftung »Fondasyon Jean-Robert Cadet«, die sich um die kleinen Arbeitssklaven kümmert. »Wir schätzen ihre Zahl auf rund 300.000.« Cadet, der Gründer der Stiftung, wuchs selbst als billige Arbeitskraft in einem fremden Haushalt auf. »Die Lebensgeschichte fast aller Restavèks gleicht sich«, erläutert die 41-jährige Hedglin, die vor 14 Jahren aus den USA nach Haiti übersiedelte. »Die Mehrzahl der Kindern kommt aus abgelegenen Regionen des Landes. Den Eltern fehlt das Geld, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu bieten, sie sind zwar kinderreich, aber bitterarm.« Haiti ist das Armenhaus des amerikanischen Kontinents. Über zwei Drittel der Bevölkerung haben keine feste Arbeit, bestreiten ihr Einkommen mit Gelegenheitsarbeiten oder aus Überweisungen von im Ausland lebenden Familienmitgliedern. 80 Prozent der Haitianer und Haitianerinnen müssen den täglichen Lebensunterhalt mit weniger als einem Euro fünfzig Cent bestreiten. Rund ein Drittel der etwa 9,2 Millionen Menschen im »Land der Berge«, wie es die Taíno-Ureinwohner nannten, haben noch nicht einmal diese Geldsumme zur Verfügung. Sie müssen mit weniger als 70 Eurocent am Tag überleben. »Das Problem der Restavèk-Kinder ist auch eine Frage der Armut in Haiti«, sagt Alinx Jean-Baptiste, der in Port-au-Prince die Arbeit der deutschen Kindernothilfe (KNH) leitet. Jedes Familienmitglied, das nicht mit am Tisch sitzt, vergrößert den Anteil der anderen am kärglichen Tagesgericht, das meist nur aus

Arbeitsplatz. Valentine Eska (Mitte) mit Ziehmutter und deren Kindern.

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Restavèks leben meist bei bitterarmen Familien, die kaum für ihre eigenen Kinder sorgen können. Reis und Bohnen und einer fettigen Soße aus Hering, Möhrenstückchen und Paprikaschoten besteht. »Auf dem Land gibt es kaum Arbeit und wenige Schulen. Viele glauben, in der Stadt ginge es den Menschen besser, man könne lernen, eine Arbeit finden und später dann die eigene Familie unterstützen«, fasst Jean-Baptiste die Motive zusammen, die Familien in den bergigen Provinzen des Landes dazu bewegen, ihre Kinder wegzugeben. »Früher haben sich die Familien gegenseitig geholfen. Die wirkliche Tante hat Kinder zu sich geholt, wenn sie kinderlos war, oder die Mutter sich nicht um die Kinder kümmern konnte«, sagt Coleen Hedglin. Das familiäre Solidarsystem ist längst pervertiert. In den Slums der Großstädte suchen Mütter, die sich allein um den Familienunterhalt kümmern müssen und denen das Geld für eine bezahlte Haushaltshilfe fehlt, die unbezahlte Hilfe. »Restavèks leben meistens bei bitterarmen Eltern, die eigentlich selbst für ihre eigenen Kinder nicht sorgen können«, erklärt KNH-Büroleiter Jean-Baptiste. Oft bekommen sie ihre Hausmädchen von sogenannten »courtiers« (Maklern) gegen eine Provision geliefert. Den Eltern versprechen die courtiers das Blaue vom Himmel: gutes Essen für das Kind, ein eigenes Zimmer und den Besuch einer Schule. Obwohl viele Eltern vermutlich ahnen, dass diese Verheißungen erlogen sind, willigen sie ein und »hoffen, ihr Kind werde es doch nicht so schlecht treffen, wie manche behaupten«, sagt Stiftungsleiterin Hedglin. Nicht nur Mädchen verbringen ihre Kindheit und Jugend bei Fremden als Haushaltshilfe. Rund 30 Prozent der Restavèks sind Jungen, wie etwa der 21 Jahre alte Jonathan Saintpul. Seit seinem neunten Lebensjahr lebt er bei seiner »Tante« und seinem »On-

Erstmal Essen. Die Restavéks Johanne, Valentine, Anderson und Michel-Ange bei ihrem nachmittäglichen Schulbesuch.

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kel«. Er kocht und putzt, holt Wasser und bereitet das Frühstück, er bringt die Kinder der »Gastfamilie« zur Schule und holt sie nach Schulschluss dort wieder ab. Er ist morgens der Erste, der aufsteht und abends, wenn alle sich hingelegt haben, ist Jonathan Saintpul der Letzte, der sich im Wohnzimmer aus alten Decken ein Bett bauen darf. Valentine ist mit drei Jahren nach Wharf Jérémie gekommen. Zuvor lebte sie mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Les Anglais, im Südwesten Haitis, mehr als eine Tagesreise von Portau-Prince entfernt. Über ihre Familie weiß sie wenig. »Mama und Papa sind gestorben, meine Geschwister auch«, erzählt sie. Eine »Tante« brachte sie dann zu Madame Sara. »Das Kind hat es gut bei uns«, erzählt die Schwester von Madame Sara, schließlich sorge man für sie. Valentine widerspricht nicht. Später, als niemand aus ihrer Gastfamilie zuhört, erzählt sie, dass sie manchmal geschlagen wird, wenn sie nicht schnell genug arbeite oder »sich dumm anstellt«. In unmittelbarer Nähe von Valentine arbeiten die neunjährige Johanne und die acht Jahre alte Michel-Ange in der Hütte von Joselène Domingue. Die Wände der 1,5 Meter breiten und vielleicht drei Meter langen Behausung bestehen aus alten Zinkund Pressspanplatten, die nur notdürftig mit Eisendrähten verbunden und an dünne Holzpfosten genagelt sind. Darüber bietet rostiges, löchriges Wellblech nur unzureichenden Schutz vor den tropischen Regenfällen. Der Boden ist feucht vom Sickerwasser. Die 38 Jahre alte Marktfrau kannte die Mutter der beiden Mädchen, die ebenfalls Kleinhändlerin war. »Nach dem Tod ihrer Mutter lebten sie auf der Straße und streunten auf dem Markt herum. Da habe ich sie mit nach Hause genommen«, erzählt Madame Joselène. »Jetzt helfen sie mir beim Haushalt und auf dem Markt.« Valentine, Johanne und Michel-Ange besuchen inzwischen das Collège Verena in der Nähe ihres Stadtviertels, eine halbe Stunde Fußweg entfernt. KNH-Mitarbeiter Jean-Baptiste hat die »Pflegeeltern« davon überzeugt, dass die Kinder wenigstens nachmittags in eine Schule gehören. Die Bildungseinrichtung der Heilsarmee bietet, finanziert von der deutschen Kindernothilfe, 50 Restavèk-Kindern aus Wharf Jérémie und der Umgebung eine pädagogische Sonderbetreuung. Vor dem Unterricht bekommen alle Kinder ein Mittagessen. »Ein leerer Bauch studiert nicht gern«, zitiert Alinx Jean-Baptiste, der in Hannover studiert hat, schmunzelnd ein deutsches Sprichwort. »Aber für viele ist es auch die einzige Mahlzeit, die sie am Tag erhalten.« »Viele Kinder sind noch nie in der Schule gewesen und verschüchtert«, sagt Madame Morisette, die Lehrerin von Valentine, Michel-Ange und Johanne. »Sie sind unkonzentriert, müde. Wenn sie in die Schule kommen, haben die meisten schon einen achtstündigen Arbeitstag hinter sich.« Oft fehlen die Schülerinnen und Schüler auch: »Ich musste auf die Kinder aufpassen«, »ich musste Wasser holen«, »ich musste der ›Tante‹ auf dem Markt helfen«, bekomme sie dann zu hören. »Es sind noch kleine Kinder, aber ihr Leben ist mühsam wie das eines Erwachsenen. Sie hatten nie eine Kindheit und kaum Zeit zum Spielen.«

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Von Müll übersät. Kinder am Rand eines Abwassergrabens in Wharf Jérémie.

»Viele werden geschlagen und misshandelt«, sagt Vladimir Nevers Constant. Der 35 Jahre alte Psychologe betreut Restavèks im gemeinnützigen Heim »Foyer Maurice Sixto«. Das Berufsbildungsinstitut in Mahotière kümmert sich speziell um Kinder in sogenannten Gastfamilien. Mit Geld der Kindernothilfe werden hier Jugendliche zu Schneiderinnen, Köchinnen, Bauarbeitern, Schlossern und Elektrikern ausgebildet. »Wenige haben eine altersentsprechende Schulbildung. Viele sind traumatisiert, nicht nur dadurch, dass sie von ihren Eltern weggegeben wurden, sondern auch durch die Behandlung von ihren ›Tanten‹.« Mädchen, aber auch Jungen würden sexuell belästigt und missbraucht. »Sie haben kein Selbstwertgefühl und glauben, dass andere bessere Menschen sind als sie.« Wie Alinx Jean-Baptiste und Coleen Hedglin sieht auch Nevers Constant wenig Möglichkeit, die Restavèk-Kinder einfach aus den derzeitigen Familien herauszuholen. Nur für die schwersten Notfälle gibt es in Port-au-Prince überhaupt Unterbringungsmöglichkeiten in einem öffentlichen Heim. Es gibt weder private noch staatliche Einrichtungen in Haiti, in denen die große Zahl der »Gastkinder« untergebracht und angemessen betreut werden könnte. Die haitianische Regierung hat zwar alle internationalen Verträge zum Kinderschutz unterzeichnet, aber in der Praxis zählen die Kinderrechte wenig. Die staatlichen Institutionen sind überfordert oder desinteressiert. In Gruppengesprächen mit den Familien der Restavèk-Kinder versucht Nevers Constant, Problembewusstsein zu schaffen, ein erster Schritt, damit diese besser behandelt werden und die

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Möglichkeit zu Schulbesuch und einer Ausbildung erhalten. »Kinder und Jugendliche, die unsere Bildungseinrichtung besuchen, lassen sich nicht mehr alles gefallen«, erzählt Nevers Constant. Die 25 Jahre alte Sara Permission macht im Foyer Maurice Sixto eine Ausbildung als Schneiderin. Drei Familien hat sie verlassen – weil die Männer ihr nachstellten, wie sie andeutet. Ihre letzte »Tante« hat sie inzwischen verlassen, weil die ihr den Schulbesuch verbieten wollte. Jetzt wohnt sie zur Untermiete und muss sich den Lebensunterhalt mit dem Verkauf von selbstgemachten Süßigkeiten finanzieren. Für ihre Nachbarn näht sie Schulkleider und will, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat, sie eine kleine Nähstube aufmachen, um für sich selbst sorgen zu können. Von Wharf Jérémie aus sieht man die Sonne im Meer versinken. Die Wellblechdächer sind in rötliches Licht getaucht. Der Reis für das Abendessen ihrer »Tante« und deren Familie gart auf dem Holzkohlefeuer. Nach dem Abspülen darf sich Valentine ihr Nachtlager auf dem von ihr blank geputzten Betonfußboden bereiten. Morgen muss die Siebenjährige wieder im Morgengrauen zur Wasserstelle. Der Autor ist Journalist und lebt in der Dominikanischen Republik. Im November 2009 veröffentlichte Amnesty International einen Bericht zu den Restavèks. Amnesty-Mitglieder weltweit forderten von den haitianischen Behörden konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der minderjährigen Hausangestellten. Mehr Informationen auf www.amnesty.de

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Hinter der Mauer des Schweigens Mit 14 wurde Semra verheiratet und misshandelt. In einem Frauenhaus in Istanbul bekommt sie Schutz und die Chance auf ein neues Leben. Von Sabine Küper

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n dem hellen freundlichen Holzhaus in einem Altstadtviertel von Istanbul hat das Lern- und Spielzimmer eine zentrale Funktion. Hier können die Kinder Aggressionen abbauen und traumatische Erfahrungen kreativ verarbeiten oder sich einfach die kindliche Langeweile vertreiben. In verschiedenen Kartons lagern Bücher, Spiele, Puppen, Stofftiere, Malutensilien und Kuscheldecken für die Kinder der verschiedenen Altersgruppen. Die Kleineren stürzen sich jubelnd auf die begehrten Schätze. Keines der Kinder hat jemals so viel Spielzeug besessen. Es sind von der Verwaltung des Stadtteils gesammelte Spenden von Unternehmern, Vereinen und Privatleuten für das Frauenhaus. 15 Frauen und jugendliche Mädchen, sechs Kleinkinder und zwei Babies leben hier auf zwei Etagen. Die 14-jährige Semra sitzt still in der Ecke auf einem schemelartigen Filzwürfel und häkelt. Sie trägt Jeans und ein modisches buntes Longshirt, das herzförmige, hübsche Gesicht ist auf die Handarbeit gerichtet. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Teenager. Sie knabbert vor konzentrierter Anspannung an der Unterlippe, als der feine Faden in dem gerade entstehenden Spitzendeckchen hängen bleibt. Ihre Züge entspannen sich erst wieder, als die Häkelnadel erneut in gleichmäßigen, schnellen Bewegungen das filigrane Gewebe entstehen lässt. Sobald eine der Mütter der tobenden Kinder den Kopf zur Tür hereinsteckt, springt das Mädchen nervös auf und beginnt, sich nützlich zu machen. »Soll ich ein Glas Wasser holen?«, fragt sie, »brauchst du etwas anderes, Schwester?«, Angst schwingt in ihrer Stimme. Sabiha, eine 30-jährige Mitbewohnerin, die mit einem quirligen Dreijährigen vor dem gewalttätigen Ehemann in das Frauenhaus geflohen ist, legt ihr beruhigend den Arm um die Schultern. »Entspann dich«, sagt sie sanft, »du musst hier gar nichts tun.« Als eine Stimme aus der Küche zum Tischdecken in den Speisesaal ruft, eilt Semra als erste und einzige Freiwillige wie erleichtert zum Küchendienst. Sahide Kaya, die Leiterin des Frauenhauses, hat Erfahrung mit Jugendlichen aus traditionellen Familien. Sie war früher Lehrerin in einem der Vororte Istanbuls. Auch dort lebten viele Migrantenfamilien aus den ostanatolischen Provinzen. Semras Geschichte ist für sie eine von vielen ähnlichen Fällen. Vor drei Monaten kam ein Anruf aus der ostanatolischen Provinz Van. Die dortige Stadtverwaltung suchte dringend einen Platz für Semra. Das Mädchen war mit starken vaginalen Blutungen von einer Verwandten in einer der Vorortambulanzen abgeliefert worden. Da es dort keine gynäkologische Abteilung gab, wurde sie gleich weiter in die Universitätsklinik Van verlegt. Dort schlossen die Ärzte von den Verletzungen des Uterus auf eine

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unsachgemäß durchgeführte Abtreibung. Gleichzeitig waren an Semras Körper Spuren von Misshandlungen offenkundig, von blauen Flecken bis zu den Malen ausgedrückter Zigaretten auf den Oberschenkeln. Das verstörte Mädchen war nicht in der Lage, sie zu erklären.

Von der Familie verstoßen Polizeiliche Ermittlungen wurden eingeleitet, denn die Psychologen kamen schnell zu der Ansicht, dass Semra unter Androhung schlimmer Strafen verboten worden war, zu reden. Die Familie lebt in einem der Vororte von Van in einem Etagenhaus. Eltern, Onkel und Tanten stellten sich ahnungslos. Nein, niemand konnte sich erklären, was geschehen sei. Was für eine Schande, eine Abtreibung, sie sei doch noch ein Kind. Recherchen im Umfeld ergaben ein ganz anderes Bild: Semra war im Sommer mit knapp 14 Jahren mit einem Cousin in einer islamischen Trauung verheiratet worden. Das ist in der Türkei gesetzlich verboten und erfolgt dementsprechend mittlerweile auch auf dem Lande in aller Heimlichkeit. Das gesetzliche Mindestalter für Trauungen, die auf dem Standesamt erfolgen müssen, ist 17. Zusammen mit dem 19-jährigen Ehemann lebte die Kinderbraut bei den Schwiegereltern. Dass Semras Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung gewesen sein könnte, ließen die Brandspuren an ihren Beinen vermuten. Die Ärzte im Krankenhaus von Van stellten fest, dass die durch Zigarettenglut verursachten Male bereits einige Wochen alt sein mussten. Ob sie das Mittel des Cousins waren, sie gefügig zu machen, ließe sich nur durch eine Aussage Semras herausfinden. Doch das Mädchen schweigt und hat wohl gute Gründe dafür. Bei den Ermittlungen in Van zeigte sich, dass der Familienclan wie Pech und Schwefel zusammenhält. Die Eheschließung wird geleugnet, Semra soll vor Wochen einfach verschwunden sein, die Familie stigmatisiert sie ausnahmslos als Ausreißerin und ungehorsame Tochter. Auch die Nachbarschaft ist nicht bereit, vor Gericht auszusagen. »Niemand will sich wegen einer 14-Jährigen eine Konfrontation mit der gesamten Familie aufhalsen«, meint Sahide Kaya bitter. Das Spannungsfeld zwischen den immer noch in manchen Regionen gelebten überkommenen patriarchalen Traditionen und der sich in den vergangenen fünf Jahren durch die Gesetzesanpassungen an EU-Normen rapide verändernden Rechtspraxis trifft leider wieder das Opfer. Ließe sich die sexuelle Beziehung zu dem volljährigen Cousin nachweisen, drohten diesem bis zu zehn Jahre Haft. Noch vor fünf Jahren erlaubte das türkische Familiengesetz in Ausnahmefällen Eheschließungen mit 14-Jährigen. Sexuelle Übergriffe an

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Foto: Carolyn Drake / Panos Pictures

Minderjährigen wurden so immer wieder durch die Verheiratung des Opfers mit dem Vergewaltiger »geregelt«. Die jetzige Gesetzgebung soll das verhindern. In Semras Fall führte das Eingreifen der Behörden jedoch zu einer Verstoßung des Opfers durch die Familie. Auch wenn Sahide Kaya eine Verurteilung des Täters wünscht, weiß sie aus Erfahrung, weshalb Semra schweigt. »Unter diesen Umständen muss Semra im Fall einer Aussage Todesangst haben. Die öffentliche Preisgabe dieser delikaten Familieninterna würde niemals verziehen«, meint sie. Die Einrichtungen, die Frauen und Mädchen aufnehmen, sind dem Andrang kaum gewachsen. Bislang gibt es in der Türkei nur 50 Frauenhäuser, acht befinden sich momentan noch im Bau. Seit 2004 ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Gemeinden mit jeweils 50.000 Einwohnern eine solche Einrichtung betreiben müssen. Doch allein in Istanbul leben mindestens sechs Millionen Frauen, es gibt nur sechs Frauenhäuser. Immer wieder klingelt das Telefon. Aus ganz Istanbul suchen Beratungsstellen und soziale Einrichtungen nach Zufluchtsorten für Betroffene. Und so wie im Fall Semra werden oft auch Mädchen aus der Provinz aufgenommen, um sie vor dem Familienumfeld zu verbergen und nachhaltig zu schützen. Die Stadt bietet Schutz vor der Familie. Zwei Mädchen in Istanbul.

Selbstbewusstsein schaffen Eine 17-Jährige hat es geschafft, Semra aus der Küche in die Fernsehecke zu locken. Sie legt eine DVD ein und überzeugt die Jüngere davon, ein Video anzuschauen. Semras selbstgewählte Fügung in die gewohnte Rolle der Haushaltssklavin ist typisch für Opfer von Zwangsverheiratungen. In Familien wie der ihren dient die Schwiegertochter oft auch als Dienstmagd. Semra muss sich erst langsam daran gewöhnen, dass sie nicht Tag und Nacht Kartoffeln schälen, Tee servieren, spülen und waschen muss, um akzeptiert und gemocht zu werden. Ihre Mitbewohnerin Zehra stammt aus einem weit entlegenen Stadtteil Istanbuls. Auch sie ist Opfer einer Vergewaltigung innerhalb der Familie. Doch anders als die fast analphabetische Semra, die nur unregelmäßig die Grundschule besuchen durfte, fand Zehra Hilfe an ihrem Gymnasium. In der Oberstufe schaute sich ihre Klasse im Unterricht Ausschnitte der TV-Serie »Güldünya« an. Der Titel orientierte sich an einer wahren Geschichte. Im Dezember 2003 brachte die 22-jährige Güldünya Tören in Istanbul einen Sohn zur Welt, dem sie den Namen »Umut«, Hoffnung, gab. Die Kurdin aus dem südostanatolischen Bitlis war von einem Cousin vergewaltigt worden und hatte sich zu Verwandten nach Istanbul geflüchtet. Nach einem Todesurteil durch den Familienclan fanden die Brüder ihre Spur und erschossen die Wehrlose in einem Krankenhaus. Heute verbüßen sie eine lebenslange Freiheitsstrafe. Güldünya und ihr verwaistes Baby sind mittlerweile in der Türkei Symbolfiguren für Opfer von sinnloser Gewalt. In der TV-Serie des Regisseurs Ömür Atay steht ein Kommando der Polizei im Vordergrund. Seine Einsätze sind fiktiv, aber die Handlung orientiert sich an der Realität des tatsächlich existierenden polizeilichen Frauen-Notrufs. Auch wenn die Serie eine idealisierte Form staatlicher Hilfe zeigte, hatte sie doch

eine entscheidende aufklärerische Wirkung: Die Gewalt in den Familien wurde schonungslos thematisiert. Parallel zur Ausstrahlung von September 2008 bis Februar 2009 erschien eine Studie, die das Büro des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdog˘an veröffentlichte und die landesweit für Empörung sorgte. Danach werden fast 40 Prozent der Frauen von ihren Männern geschlagen, getreten, gewürgt oder mit einer Waffe angegriffen. Über sexuelle Gewalt berichteten 15 Prozent der Frauen. Sieben Prozent gaben an, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein. Jede zehnte Frau wurde während der Schwangerschaft geschlagen. Ein Drittel der misshandelten Frauen hat im Laufe ihres Lebens schon überlegt, wegen der Übergriffe Selbstmord zu begehen. Auch die 16-jährige Zehra hatte mit dem Gedanken gespielt, sich aus dem achten Stock der elterlichen Wohnung zu stürzen. Der Lebensgefährte der Mutter hatte sie mehrfach vergewaltigt. Die Ignoranz der wegschauenden Mutter, Scham und die Angst vor einer Schwangerschaft nagten am Lebensmut der Jugendlichen. Im September traute sie sich endlich, sich der Klassenlehrerin anzuvertrauen. Im Frauenhaus lernt sie nun zusammen mit Mädchen wie Semra, die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen und einen eigenen Weg einzuschlagen. Semra möchte zur Schule gehen. Sehide Kaya wird versuchen, eine Patenfamilie oder einen Heimplatz für sie zu organisieren. Zehra wird bald 18. Ihr Ziel ist es, die Universitätsaufnahmeprüfung zu schaffen und mit Gleichaltrigen in einer Wohngemeinschaft zu leben. Die Autorin ist Journalistin und lebt in Istanbul.

»Niemand will sich wegen einer 14-Jährigen eine Konfrontation mit der gesamten Familie aufhalsen.« TITEL

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STARKE MÄDCHEN

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Berichte

Den Armen eine Stimme geben Für die Regierung existieren die Slums einfach nicht. Junge am Rand von Kibera, dem größten Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Foto: Sven Torfinn / laif

44 Kenia: Leben in Nairobis größtem Slum 49 Interview: Justus Nyang’aya, Amnesty Kenia 50 Türkei: Neue Kurdenpolitik in Gefahr 52 Burkina Faso: Der vermeidbare Tod 54 Müttersterblichkeit: Ein Thema für Amnesty 55 Neuseeland: Demo für die Prügelstrafe 56 Libyen: Flüchtlinge weggesperrt 43


Kein Recht für Arme. Fatima wohnt gegenüber dem Gerichtsgebäude. Das Geld, um den Richter zu bestechen, hat sie nicht.

Gewalt ist normal, Trinkwasser teuer In Kenias größtem Slum Kibera leben auf der Fläche eines besseren Golfplatzes eine Million Menschen. Sie sind Armut, Gewalt und Elend hilflos ausgeliefert – der Staat unternimmt wenig, um ihre Rechte zu schützen. Von Marc Engelhardt (Text) und Sven Torfinn (Fotos)

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Seit Wochen keine Gäste. Christine Nzioki vor ihrer Bar.

Über der Schwelle zu Christine Nziokis Bar hängt ein Schriftzug in leuchtendem Rot: Willkommen. Doch in die knapp sechs Quadratmeter große Bretterbude kommen schon seit Wochen keine Gäste mehr. Die Bänke, die Nzioki entlang der mit Zeitungsausschnitten beklebten Wände aufgestellt hat, sind ebenso leer wie die Küche, ein mit Maschendraht abgetrennter Bereich, in den sich die 35-Jährige nur mit Mühe zwängen kann. Sie hätte uns gerne einen Tee angeboten, sagt Nzioki und zuckt beschämt mit den Schultern. Tee hat sie nicht mehr, erst Recht keinen Zucker, nicht mal Wasser. Christine Nzioki ist pleite, nachdem ihr Mann ihr Geld versoffen hat und sie schließlich mit den drei Kindern sitzen ließ. Ihr letztes Kapital ist für das Schulgeld der Kinder im vergangenen Trimester draufgegangen – jetzt ist sie ratlos. So sitzt nun nur sie selbst in ihrer Bar in Maili Saba, einem der geschäftigsten Viertel von Kibera, und erzählt ihre Geschichte. Es

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ist eine Geschichte, wie sie in Kenias größtem Slum so ähnlich immer wieder zu hören ist. »Ich bin mit den Kindern nach Nairobi gekommen, um zu arbeiten, das Gehalt meines Mannes reichte nicht mehr aus«, erzählt Nzioki. »Erst ging alles gut, aber vor zwei Jahren hat mein Mann seinen Job verloren, und damit nahm das Unheil seinen Lauf.« Während Nzioki arbeitete, saß ihr Mann von morgens bis abends vor der Einzimmer-Hütte, die sich die beiden gerade so leisten konnten, und trank billigen Fusel, der in Kibera auf offener Straße gebraut wird. »Abends hat er mich angeschrien. Er hat mich geschlagen und schließlich mit seinen Stiefeln getreten, gegen meinen Kopf, wieder und wieder, bis ich leblos am Boden lag.« Die Kinder, damals zwischen zehn und zwölf Jahre alt, bekamen alles mit: Auf den vier Quadratmetern, die sich die fünfköpfige Familie damals teilte, war kein Platz für Privates.

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Die meisten Patienten kommen aus Kibera. Die Psychotherapeutin Miriam Kuria an ihrem Arbeitsplatz.

Vielleicht hat Christine Nzioki nur deshalb überlebt, denn ihr ältester Sohn schleppte sie zum fünf Kilometer entfernten Krankenhaus. Weil sie nur halb bei Bewusstsein war, dauerte der Weg bis zum Morgengrauen. Eine Million Menschen leben in Kibera auf einer Fläche von etwa 220 Hektar, so groß wie der Berliner Tiergarten. Manche sagen, es sind doppelt so viele. Offizielle Zahlen gibt es nicht, weil die Regierung sich nicht um die Bewohner kümmert. Sie werden nur geduldet, illegale Siedler, die man am liebsten los wäre, weil sie ein Schandfleck sind für das Image der »grünen Stadt unter der Sonne«, wie sich Nairobi in der Tourismuswerbung gerne nennt. Rechts und links des Bahndamms, der als einzig unbebaute Fläche die Hauptverkehrsader für Kiberas Fußgänger ist, erstreckt sich ein Meer aus Hütten und Häusern, die meist aus Lehm gebaut und mit einem Dach aus Wellblech bedeckt sind. Die meisten Bewohner können sich nicht mehr leisten als ein Zimmer, wie es Nzioki früher mit ihrem Mann und den Kindern bewohnt hat: vier Quadratmeter ohne Fenster, manchmal teilt ein Vorhang den Raum in zwei Hälften, damit die Eltern sich wenigstens im Bett ein bisschen Privatsphäre vorgaukeln können. In Wirklichkeit bekommen die Kinder von klein auf alles mit. Wo es Latrinen gibt, teilen sich Dutzende Familien das Plumpsklo. Das Abwasser läuft in einen der stinkenden Bäche, die Kibera durchziehen, oft in offenen Rinnen oder sogar durch die Höfe der Hütten. Wo es keine Latrinen gibt, entleeren sich die Därme

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in Plastiktüten, die im Schutz der Nacht an den nächsten Abhang geworfen werden – »fliegende Toiletten« werden sie genannt. Dass Nzioki in den zehn Jahren, die sie in Kibera lebt, nie fließend Wasser oder Strom im Haus hatte, versteht sich da fast von selbst.

Die Wunden versorgen »Die meisten Gewaltopfer, die Hilfe bei uns suchen, kommen aus Kibera«, erklärt die Psychotherapeutin Miriam Kuria, die damals auch Christine Nzioki in Empfang nahm. Gemeinsam mit sechs Kolleginnen versucht sie im »Gender Violence Recovery Centre« (GVRC), einem Behandlungszentrum für Opfer von familiärer und sexueller Gewalt, die seelischen Wunden der Opfer zu versorgen. Meistens alarmiert Kuria jedoch zuerst die Ärzte im angeschlossenen privaten Frauenhospital: Nziokis Kopfwunde etwa musste genäht werden, die dreifache Mutter lag mehrere Tage kaum ansprechbar im Krankenhaus. Für die Gewaltopfer ist die Behandlung hier, anders als in den staatlichen Gesundheitsstationen, kostenlos. Das gleiche gilt für die anschließende Beratung und Therapie, die dennoch viel zu selten angenommen wird, so Kuria. »Gerade bei familiärer Gewalt ist es so: Die Frauen kommen und werden ärztlich versorgt, dann gehen sie nach Hause, und nach ein paar Wochen stehen sie mit neuen Verletzungen in der Tür.« Ein Grund, sagt die Therapeutin, sei die Abhängigkeit der meisten Frauen von ihrem Ehemann. »Die wenigsten Frauen in

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Kostenlose Behandlung für Gewaltopfer. Der Arzt Anthony Wasunna mit einer Patientin im »Gender Violence Recovery Centre«.

Kibera arbeiten, und wenn sie nicht zu ihrem Mann zurückkehren, dann stellen sich sofort die Fragen: Wohin gehe ich? Was esse ich? Was ist mit den Kindern?« Dazu kommt, dass viele Opfer, die in Kibera aufgewachsen sind, Gewalt als Teil der Normalität betrachten. »Als Mädchen haben die Opfer hautnah miterlebt, wie der Vater die Mutter misshandelt hat, und dass ihr Mann das gleiche tut, erscheint ihnen nicht als Unrecht.« In Kibera werden viele Mädchen oft noch minderjährig verheiratet. In den schlammigen Gassen im Zentrum von Kenias Hauptstadt geht es mitunter rückständiger zu als in den entlegensten Dörfern. Vielen entwurzelten Slumbewohnern geben die Rituale und Traditionen Halt in Kiberas fremder Welt. Dass das Bildungsniveau niedrig ist, weil kaum ein Kind in die wenigen, überfüllten und im Zweifel zu teuren Schulen geht, sorgt zusätzlich dafür, dass sich die Slumbewohnerinnen und -bewohner selbst ihrer grundlegendsten Rechte nicht bewusst sind.

Die Polizisten haben Angst, Kibera zu betreten Frauen und Kinder leiden darunter am meisten, glaubt Robin Masinde, der das GVRC leitet. Fälle wie der von Nzioki seien noch die harmlosen. »Wir haben hier Frauen behandelt, denen die Hände mit Macheten abgeschlagen wurden oder deren Schädel aufgebrochen wurde.« Gut 14.000 Opfer sind seit der Gründung des Zentrums vor neun Jahren aufgenommen worden, das Konzept ist erfolgreich, der Bedarf groß. Gerade hat ein neues Krankenhaus, das näher an Kibera liegt als das alte, seine Tore

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geöffnet. Mehr Nähe geht nicht, sagt Masinde: Eine vor zwei Jahren eröffnete Zweigstelle mitten in Kibera musste schließen, weil praktisch niemand kam. »Kibera ist wie eine Kleinstadt, jeder sieht alles, und alles spricht sich herum – die Frauen hatten Angst, ihr Mann könnte von ihrem Besuch im Krankenhaus erfahren und sie bestrafen.« Zwar sind die Ärzte an die Schweigepflicht gebunden und wenden sich nur auf Wunsch der Patienten an die Polizei – doch viele Täter glauben das nicht. Der Sozialwissenschaftler Masinde, der lange in Kibera Feldforschung betrieben hat, spricht vom Stress in der engen Siedlung, in der jeder auf sich selbst gestellt ist und der Staat nicht existiert. »Die Kriminalität blüht, weil die Polizei in Kibera nicht eingreift – offiziell begründet sie das damit, dass es keine Zufahrtsstraßen gibt, aber tatsächlich haben die Beamten Angst vor den Gangs, die den Slum kontrollieren.« Und diese Angst, sagt Masinde, existiert zu Recht. »Wir behandeln eine steigende Zahl von Männern, die Opfer von Massenvergewaltigungen geworden sind, und fast immer geschieht das im Zusammenhang mit Racheaktionen oder brutalen Überfällen und Entführungen.« Der weit verbreitete Drogenkonsum, der die mafiösen Banden finanziert und zugleich die Hemmschwelle für Gewalt senkt, sei ebenfalls ein Grund für die steigende Zahl der Opfer. Meistens sei es aber die Nähe, die die Taten begünstigt. »Es ist etwa für einen Nachbarn sehr einfach, sich ein Kind aus der Nachbarhütte zu schnappen, um es zu vergewaltigen.«

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hochzieht, der erwirtschaftet nach 15 Monaten Gewinn, und muss nie mehr investieren – es gibt ja schlicht nichts, was man renovieren könnte.« Es sind vor allem die Villenbewohner, in deren Taschen die Gewinne aus den Slums fließen. Viele von ihnen, das weiß in Nairobi jeder, sind Politiker. Anzeze zuckt mit den Schultern. »Kein Wunder, dass es keine ernsthaften Versuche gibt, die Lage in den Slums zu verbessern. Wer will schon das Huhn töten, das goldene Eier legt?«

Beten für die Kinder

Die Angst regiert. Ein Wandgemälde in Kibera.

Fast jedes zweite im GVRC behandelte Opfer ist minderjährig. Ein Vater brachte seine achtjährige Tochter binnen eines Monats drei Mal zur Behandlung ins Krankenhaus. Es war immer derselbe Nachbar, der das Kind brutal missbrauchte. Als der Vater zur Polizei ging, glaubte man ihm nicht und schickte ihn nach Hause. »Viele Väter sind selbst die Täter, sie vergewaltigen ihre eigenen Babys«, berichtet Masinde. Immer wieder müssen misshandelte Jungen und Mädchen im Kindergartenalter komplizierten Not-OPs unterzogen werden. Nicht alle überleben. Masinde ist anzusehen, wie sehr ihn diese Schicksale berühren. Doch als Koordinator stellen ihn solche Fälle auch vor ganz nüchterne Probleme. Die immensen Ausgaben für Operationen stürzen das Zentrum, das von Spendengeldern kenianischer Unternehmen und ausländischer Geber, darunter Amnesty, lebt, immer wieder in finanzielle Krisen. Zuschüsse vom Staat gibt es nicht für die Gewaltopfer von Kibera, die unerwünschten Bürger zweiter Klasse.

Man sollte meinen, dass es niemand lange aushält in Kibera, wo Armut, Gewalt und Elend den Alltag bestimmen. Doch für Fatima (Name geändert) ist Kibera nicht nur Geburtsort und Heimat, sondern unentrinnbares Schicksal. Mit 15 wurde sie schwanger, der Vater des Kindes ließ sie sitzen. Ein Jahr später tauchte er dann wie aus dem Nichts auf und entführte seine Tochter nach Uganda. Acht Jahre lang weinte Fatima um ihr Kind und versuchte, das Mädchen aufzuspüren – vergebens, bis die beiden vor kurzem wieder in Kibera landeten. »Ich habe meine Tochter einmal gesehen, sie hat geweint und gesagt, ihr Vater behandele sie wie eine Sklavin.« Als der Vater von dem Treffen erfuhr, schlug er die Tochter grün und blau. »Wenn wir uns heute auf der Straße sehen, müssen wir so tun, als ob wir uns nicht kennen.« Fatima kann von ihrer Behausung aus auf das Gericht von Kibera schauen. Doch wer hier klagen will, braucht viel Geld, um die Richter zu bestechen. Von hier wegzuziehen, wo sie täglich an den Horror ihres Lebens erinnert wird, kann sie sich nicht vorstellen. »Ich bin wieder verheiratet und habe zwei Kinder, wir können es uns nicht leisten, woanders zu leben.« Was der gläubigen Muslimin bleibt, ist das Gebet. Fünfmal täglich betet sie dafür, dass es ihre Kinder eines Tages besser haben. Der Autor ist Afrikakorrespondent und lebt in Nairobi.

Ein Wochenlohn für vier Quadratmeter Wer in Nairobis Villenvierteln lebt, bekommt von der Realität in den Elendsvierteln nichts mit. Bei der Stadtgründung vor rund hundert Jahren installierte die britische Kolonialregierung ein Apartheidsystem, das bis heute fortwirkt. Für Weiße und Inder wurden Wohngebiete auf Nairobis grünen Hügeln ausgewiesen, für die schwarze Bevölkerung blieben nur die engen, sumpfigen Täler, in denen mit den Jahren Slums wie Kibera entstanden. Seit der Unabhängigkeit hat sich nur eines geändert: Über den Wohnort entscheidet heute der Reichtum, nicht die Hautfarbe. Wer arm ist, und das sind die meisten, ist dazu verdammt, in den Slums zu bleiben – und muss teuer dafür bezahlen. »Die durchschnittliche Monatsmiete für ein kleines Zimmer hier beträgt 700 bis 1.000 Schillinge«, sagt Robert Anzeze, der für die Selbsthilfegruppe CREAW arbeitet, die Slumbewohner in Gerichtsverfahren unterstützt. Umgerechnet sind das sieben bis zehn Euro. »Das ist für die meisten ein volles Wochengehalt, und außer einem Dach über den Kopf bekommen sie nichts dafür.« Viele Ausländer, sagt Anzeze, glaubten wohl bis heute, dass Slumbewohner sich aufs Geratewohl ihr eigenes Häuschen bauen könnten, in dem sie dann kostenlos leben. »In Wirklichkeit geht es im Slum um Millionen.« Die scheidende Chefin des Siedlungsprogramms der UNO, Anna Tibaijuka, hat vorgerechnet, dass ein Investor, der in Nairobi eine Villa baut, nach 15 Jahren sein eingesetztes Geld zurück hat und Gewinn erwirtschaftet. »Wer im Slum ein paar Wände

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aufenGstemraum Kibera ist der größte Slum Nairobis. Im Durchschnitt wohnen sechs Personen auf zehn Quadratmetern. Während kreuz und quer durch Kibera dicke Rohre sauberes Wasser in die wohlhabenderen Viertel der Hauptstadt leiten, müssen viele Slumbewohner mehrere Kilometer zurücklegen, um Wasser an privaten Wasserstationen zu kaufen. Der Wasserpreis ist dort im Durchschnitt siebenmal höher als der Preis, den die Menschen in reicheren Vierteln bezahlen. Viele müssen deshalb auf das verschmutzte Wasser aus dem Nairobi River zurückgreifen. In Kibera und den übrigen vernachlässigten Siedlungen Nairobis leben die Menschen in ständiger Angst: Angst vor Krankheiten durch verschmutztes Wasser. Angst vor Zwangsräumung und Obdachlosigkeit. Angst vor Gewalt. Amnesty International hat 2009 in einem Bericht die Situation in den Slums von Nairobi dokumentiert und fordert die kenianische Regierung auf, sofort alle rechtswidrigen Zwangsräumungen zu stoppen, Slumbewohner an allen Entscheidungen zu beteiligen, die ihre Lebens- und Wohnsituation betreffen, und in den Programmen zur Aufwertung von Slums ihre Grundversorgung mit sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen zu garantieren. Mehr Informationen auf www.amnesty.de

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»Nur wer seine Rechte kennt, kann sie einfordern« 65 Prozent der Bevölkerung von Nairobi leben nach UNO-Angaben in Slums – auf fünf Prozent der Stadtfläche. Mit welchen Schwierigkeiten müssen sie Tag für Tag kämpfen? Im Grunde kämpfen die Slumbewohner mit drei großen Problemen: Sprachlosigkeit, Unsicherheit und Ausgrenzung. Die Regierung erkennt die Existenz der Slums einfach nicht an. Und ein Stadtviertel, das offiziell nicht vorhanden ist, braucht natürlich auch keine Wasserversorgung, keine Stromleitungen, keine Straßen oder Schulen. Die Slumbewohner haben also keinen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen. Mit welchen Auswirkungen? Sauberes Wasser können die Menschen nur bei privaten Anbietern kaufen – und das ist teuer. So zahlen die Armen bis zu 30 Mal mehr für Trinkwasser als die Reichen, die Anschlüsse in ihren Häusern haben. Auch öffentliche Krankenhäuser gibt es nicht. Da in manchen Slums die Straßen nicht befestigt sind, kommen keine Krankenwagen durch. Die Kranken müssen kilometerweit zur nächsten Klinik getragen werden. Es gibt Viertel, in denen keine Polizisten patrouillieren. Die Menschen leben in Angst; nicht nur vor kriminellen Gangs. Die Slumbewohner fürchten sich auch vor der Regierung, die Siedlungen zwangsräumen lässt, mit Bulldozern Lebensgrundlagen zerstört – und die Armen selbst dann nicht an Entscheidungen beteiligt, wenn diese ihre Existenzgrundlage betreffen. Macht Armut rechtlos? Nicht zwingend. Aber für einen Slumbewohner ist es praktisch unmöglich, Zugang zum Justizsystem zu erhalten. Nehmen wir das Thema Zwangsräumungen: Es sind immer die Armen, die auf rechtswidrige Weise vertrieben werden. Diese Rechtsverletzungen vergrößern die Armut noch, denn die Bulldozer zerstören alles: das Heim, die Möbel, das gesparte Geld, die Schuluniformen der Kinder, die dann nicht mehr am Unterricht teilnehmen können. Warum lässt die Regierung Siedlungen zwangsweise räumen? Weil sie Land an private Investoren verkauft hat, aus Gründen des Umweltschutzes und wegen Infrastrukturmaßnahmen wie dem Bau von Wasserleitungen. Der Bau von Wasserleitungen ist eigentlich zu begrüßen. Wir haben ja auch nicht generell etwas gegen Zwangsräumungen. Aber sie müssen nach festen Regeln ablaufen. Die Stadtverwaltung muss die Bewohner der betroffenen Viertel über die Räumung informieren, sie in die Entscheidungsprozesse einbeziehen, ihnen wirkliche Alternativen bieten, sie entschädigen. Dafür muss es Richtlinien geben, die internationalen Standards entsprechen. Für uns ist klar: Ohne Richtlinien darf es keine weiteren Zwangsräumungen geben!

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Unter dem Motto »Wohnen. In Würde.« setzt sich Amnesty weltweit gegen rechtswidrige Zwangsräumungen ein. Was planen Sie in Kenia? Wir wollen den Armen eine Stimme geben. Amnesty gilt als glaubwürdig, weil wir erst nach gründlicher Recherche an die Öffentlichkeit gehen. Das hilft uns, Druck auf die Regierung auszuüben. Gleichzeitig klären wir die Menschen über ihre Rechte auf. Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern. Wie kommen Sie mit den Menschen in Kontakt? Zum Beispiel durch unsere SMS-Aktion: Wer an bestimmten Stellen vorbeikommt, erhält per Bluetooth eine Nachricht aufs Handy. Einerseits wollen wir die Menschen damit informieren, andererseits interessiert uns, was sie über »Würde« und »Recht auf Wohnen« denken. Ihre Antworten geben wir an die Politiker weiter. So erfahren sie, was die Leute auf der Straße denken. Die Kampagne kommt bei jungen Leuten sehr gut an. Sie arbeiten viel mit Jugendlichen? Früher warfen die Studenten mit Steinen, um gegen die Universitätsverwaltung zu protestieren. Wir wollten, dass sie sich verantwortungsbewusst für ihre Interessen einsetzen. Gerade bauen wir eine sehr engagierte Hochschulgruppe auf. Schon jetzt arbeiten die Studenten mit Jugendlichen in den Slums zusammen und setzen sich gemeinsam für das Recht auf Wohnen ein. Amnesty in Kenia engagiert sich auch für die Rechte von Frauen. Warum dieser Schwerpunkt? Frauen leiden am meisten – aber leise. Religiöse Praktiken, Stammesgesetze und traditionelle Normen erniedrigen Frauen. Das darf nicht mit Verweis auf Kultur oder Gesellschaft gerechtfertigt werden. Wir setzen uns für mehr Sicherheit von Frauen in den Slums ein. Dabei geht es nicht nur um Gewalt, die ihnen auf den Straßen droht, auch ihr Zuhause kann für sie gefährlich sein. Wir arbeiten eng mit Journalisten zusammen, die die Gewalttaten der Ehemänner in die Öffentlichkeit tragen. Wir wollen, dass die Frauen über das sprechen, was ihnen angetan wird. Wenn eine Frau von ihrem Mann misshandelt wird, ist das keine Privatsache. Das ist eine Menschenrechtsverletzung. Interview: Petra Kilian

interVieW justusnyanG’aya Foto: Amnesty

Ein Gespräch mit dem Direktor von Amnesty International in Kenia, Justus Nyang’aya, über das Leben in den Slums, SMS-Aktionen und die Rechtlosigkeit der Armen.

Der 52-Jährige ist seit Mai 2009 Direktor von Amnesty International in Kenia. Zuvor arbeitete der Erziehungswissenschaftler unter anderem für die niederländische Entwicklungshilfeorganisation SNV, für die UNESCO und für Lead Africa, eine Organisation, die afrikanische Führungskräfte fortbildet.

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Machtkampf um die Kurdenpolitik In der Türkei sind die Fortschritte beim Schutz der Menschenrechte durch ein Verbot der pro-kurdischen Partei DTP gefährdet. Von Amke Dietert Das Jahr 2009 begann in der Türkei mit einem Tabubruch: Am 1. Januar ging im staatlichen Fernsehen erstmals ein kurdischer Kanal auf Sendung und Ministerpräsident Tayyip Erdog˘an wünschte auf Kurdisch ein frohes Neues Jahr. Im vergangenen Sommer kündigte die Regierung weitere Schritte im Rahmen der von Erdog˘an ausgerufenen »kurdischen Öffnung« an. Der angestoßene Prozess weckte die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt und eine Zukunft ohne Diskriminierung für die Kurden in der Türkei. Ende des Jahres setzte das Verfassungsgericht der positiven Entwicklung ein vorläufiges Ende. Es verbot am 11. Dezember die kurdisch-türkische »Partei für eine demokratische Gesellschaft« (DTP), die mit 22 Abgeordneten im türkischen Parlament vertreten ist. Die Entscheidung löste eine Reihe gewaltsamer Zusammenstöße aus. In vielen Städten des kurdisch besiedelten Südostens lieferten sich Jugendliche Schlachten mit Polizisten in Kampfmontur. In Bulanık, einer Kreisstadt in der Provinz Mus¸, schoss ein Dorfschützer mit einem Maschinengewehr auf Demonstranten. Zwei starben an Ort und Stelle, weitere wurden schwer verletzt. Es ist nicht der erste Rückschlag in dem langen Kampf um eine Achtung der Rechte der kurdischen Minderheit in der Türkei, den Tahir Elçi erlebt. Der kurdische Rechtsanwalt aus Diyarbakır, der im November 2009 auf Einladung von Amnesty Inter-

»Man muss etliche Mühen aufwenden, um die Staatsanwaltschaft zu Ermittlungen in Folterfällen zu bewegen.« 50

national in Deutschland über die Menschenrechtslage in seinem Land informierte, hat seit 1992 zahlreiche politische und menschenrechtsbezogene Verfahren bestritten. Bis 2002 herrschte in mehreren kurdischen Provinzen der Ausnahmezustand, es gab zahlreiche Morde »durch unbekannte Täter«, Folter wurde systematisch angewandt und insgesamt herrschte eine dramatische Menschenrechtssituation. 2002 wurde in den letzten Provinzen der Ausnahmezustand aufgehoben und die Ende 2002 an die Macht gekommene AKP-Regierung bemühte sich stärker um einen EU-Beitritt der Türkei. Gesetzliche Verbesserungen beim Schutz von Festgenommenen vor Folter führten dazu, dass die Polizeihaft verkürzt und die Zugangsmöglichkeiten für Anwälte verbessert wurden. Insgesamt ist es aber nur ein bescheidener Fortschritt, den Elçi, der auch in der türkischen Sektion von Amnesty International mitarbeitet, feststellen kann. Folter ist immer noch weitverbreitet, auch wenn die Zahlen gesunken sind und weniger brutale Methoden angewandt werden. In den vergangenen drei Jahren haben Berichte über Folter und Polizeigewalt bei Demonstrationen sogar wieder zugenommen. »Eines der größten Hindernisse für eine effektive Bekämpfung der Folter ist es, dass die Täter nach wie vor in den allermeisten Fällen straflos bleiben«, sagt Elçi. »Es ist sehr schwierig, ein gerichtsmedizinisches Attest über erlittene Folter zu bekommen, und man muss etliche Mühen aufwenden, um die Staatsanwaltschaft zu Ermittlungen in Folterfällen zu bewegen.« Der Fall von Resul Ilçin ist typisch dafür, wie die Ermittlungen in Folterfällen verschleppt werden. Am 21. Oktober 2009 wurden Resul Ilçin und sein Neffe, der für die DTP Mitglied in der örtlichen Kreisverwaltung ist, in der Nähe von I˙dil von der Gendarmerie festgenommen. Angeblich gab es einen Hinweis, die beiden würden illegale Waffen transportieren. Gefunden wurden in ihrem Auto keine Waffen, aber acht Kilo geschmuggelter Tee. Während sein Neffe noch das Auto parkte, kam der 52-jährige Resul Ilçin innerhalb von 15 Minuten in der Polizeistation zu Tode. Die offizielle Erklärung lautete, er sei gestürzt und habe dabei eine tödliche Kopfverletzung erlitten. »Bei der Autopsie wurden jedoch an mehreren Stellen des Körpers von Resul Ilçin Spuren von Gewaltanwendung festgestellt«, sagt Elçi, der die Familie vertritt. »Als Todesursache stellten die Gerichtsmediziner ein Gehirntrauma durch Schläge fest. Erst nachdem ich ihn zweimal dazu aufgefordert hatte, ging der Staatsanwalt – vier Tage nach dem Vorfall – zu einer Ortsbesichtigung in die Polizeistation. Dort stellte er fest, dass die Kabel

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Die Autorin ist Mitglied der Türkei-Ländergruppe der deutschen Sektion von Amnesty International.

berichte

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Foto: Sedat Suna / laif

der Überwachungskameras herausgerissen waren und Aufzeichnungen von der Zeit des Vorfalls nicht mehr existierten.« Dass Teile der Polizei und Justiz nichts von der »kurdischen Öffnung« halten, lässt sich auch an der Inhaftierung Tausender Kinder und Jugendlicher seit 2008 ablesen. Viele von ihnen wurden zu Haftstrafen von mehr als zehn Jahren verurteilt. Hintergrund ist der Artikel 220/6 des türkischen Strafgesetzbuches, wonach Personen, die Straftaten im Namen einer illegalen Organisation begehen wie Mitglieder dieser Organisation bestraft werden können – ausdrücklich ohne tatsächlich Mitglied zu sein. Elçi schildert die Situation so: »Bei Demonstrationen in den kurdischen Gebieten geht es oft um Forderungen, die auch von der PKK erhoben werden, oder es werden Parolen gerufen, mit denen die PKK oder ihr inhaftierter Vorsitzender Abdullah Öcalan unterstützt werden. Kurdische Jugendliche tun sich dabei oft besonders hervor, teilweise werfen sie auch Steine.« Wenn sie festgenommen und vor Gericht gestellt werden, laute die Anklage oft nicht nur Widerstand gegen die Staatsgewalt, Sachbeschädigung oder Propaganda für eine illegale Organisation, sondern eben auch Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation. »Da die Strafen für die einzelnen Vergehen summiert werden, kommt es zu extrem hohen Haftstrafen, die in keinem Verhältnis zu den eventuell tatsächlich begangenen strafbaren Handlungen stehen«, so Elçi. »Oft werden auch Menschen wegen Unterstützung oder Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation verurteilt, weil sie politische Forderungen erhoben haben, die auch von der PKK gestellt werden. Ein Beispiel dafür sind Kampagnen für die Einführung von kurdischem Sprachunterricht an staatlichen Schulen. Dies ist ein allgemein verbreitetes Anliegen und wird von vielen Nichtregierungsorganisationen gefordert, aber auch von der PKK.« Schon vor dem DTP-Verbot war für Tahir Elçi der Machtkampf um die Kurdenpolitik, die eng verbunden ist mit den Chancen für eine Verbesserung der Menschenrechtslage, nicht entschieden: »Die AKP-Regierung will eine friedliche Lösung, es gibt aber viel Widerstand in der Gesellschaft und von den nationalistischen Kräften, der MHP und der CHP, im Parlament. Das Militär sieht zwar auch, dass der Konflikt nicht mit militärischen Mitteln zu lösen ist. Es lehnt aber politische Zugeständnisse ab.« Das DTP-Verbot war ein Triumph für die Gegner der »kurdischen Öffnung«.

Verboten. Anhänger der DTP in einem Parteibüro in Istanbul.

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Foto: Anna Kari

Glücklich. Eine 20-jährige Mutter mit ihrem Neugeborenen in einem Gesundheitszentrum in Kiembara, Burkina Faso.

Ein Fuß im Grab In Burkina Faso ist eine Schwangerschaft lebensgefährlich. Ein Amnesty-Bericht dokumentiert die Gründe für die hohe Müttersterblichkeit und zeigt, dass mit einfachen Maßnahmen viele Leben gerettet werden könnten. Von Jeannette Goddar Aïcha lernte ihr erstes Kind nie kennen. Sie starb bei dessen Geburt, mit 21 Jahren. An ihrer Stelle kümmert sich die Großmutter um das Baby. Die Geschichte, die zu ihrem Tod führte, ist eine, wie sie die Menschen in Aïchas Umgebung schon häufig erlebt haben. Mehr als 2.000 Frauen sterben in Burkina Faso in jedem Jahr bei oder gleich nach einer Geburt. Weltweit überlebt jede Minute eine Frau die Entbindung nicht. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer »unsichtbaren Epidemie«. Und: Eine, die sich nicht ereignen müsste. Die allermeisten Todesfälle wären vermeidbar.

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Auch Aïcha könnte noch leben. Sie war 20, als sie schwanger wurde. Bis zum letzten Tag musste sie arbeiten. In der Hauptstadt Ouagadougou verkaufte sie selbst gekochtes Essen am Straßenrand, mehrere Kilometer Fußmarsch entfernt von ihrem Zuhause. Zeit für drei Vorsorgetermine im örtlichen Gesundheitszentrum nahm sie sich trotzdem. Man verschrieb ihr Eisen gegen ihre Blutarmut und Tabletten zur Vorbeugung von Malaria. In einer Nacht im April 2008 brachte sie in einem Gesundheitszentrum ihren Sohn zur Welt. Sie bekam starke Blutungen. Ihre Hebamme empfahl, sie in das Kreiskrankenhaus zu verlegen. Die Überführung ließ sich der Krankenwagenfahrer – unzulässigerweise – bezahlen: mit 3,50 Dollar. Im Krankenhaus angekommen, musste ihr Ehemann 18 Dollar für Tabletten und 4,50 für einen Bluttest bezahlen. Weil das Blut vor Ort nicht analysiert werden konnte, musste er es selbst mitten in der Nacht mit

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Selbst in der Hauptstadt Ouagadougou haben Krankenhäuser häufig keine Blutkonserven vorrätig. Oft werden bei der Geburt zufällig anwesende Verwandte gebeten, auf die Schnelle ein paar Liter zu spenden. dem Taxi in eine Spezialklinik bringen. Als er zurückkehrte, dämmerte der Tag. Seine Familie war nicht mehr da. Um 5.18 Uhr war Aïcha gestorben. »Sie hatte kein Blut mehr«, sagte ein Arzt. Das Amnesty-Team, das den Fall recherchierte, erfuhr noch etwas: Die junge Frau hatte kein einziges der Rezepte für Eisenpräparate eingelöst. Sie konnte die Medikamente nicht bezahlen. Aïchas Schwangerschaft macht das Drama der unnötig hohen Müttersterblichkeit besonders deutlich: Die werdende Mutter war nicht besonders jung, nicht besonders alt, nicht mit dem HI- und auch mit keinem anderen Virus infiziert. Sie lebte in einer intakten Familie; in einer Großstadt, in der Gesundheitseinrichtungen nicht unerreichbar sind. Und: In einem Land, das sich des Problems durchaus bewusst ist. Die Regierung von Burkina Faso habe »die Tragödie nicht ignoriert«, heißt es in einem Amnesty-Bericht zur Müttersterblichkeit, der Ende Januar veröffentlich wurde. In den vergangenen zehn Jahren seien – nicht zuletzt mit Unterstützung internationaler Geber und Spendenorganisationen – umfassende Strategien zur Reduzierung der Müttersterblichkeit entwickelt worden. So sichert die Regierung seit 2006 zu, 80 Prozent der klinischen Kosten für Geburt und Geburtsvorsorge zu übernehmen. Es wurde mehr medizinisches Personal ausgebildet und ein Schwerpunkt auf Geburtshilfe gelegt. Die bisher meist ins eigene Haus geholten traditionellen Geburtshelfer wurden angehalten, sich für die Entbindung in einem Gesundheitszentrum stark zu machen. Damit ein solches auch erreicht werden kann, entstanden landesweit Gesundheitsposten. Und dennoch: Auch drei Jahre nachdem die Familienplanung eine nationale Strategie wurde, ist das Ziel in weiter Ferne. Viermal reisten 2008 und 2009 Mitarbeiter von Amnesty International in das westafrikanische 14-Millionen-Einwohner-Land, um zu dem Thema zu recherchieren. Zusätzlich sammelte ein Mitarbeiter vor Ort über drei Monate Informationen. Trotz einiger Fortschritte ist die Lage ernst. Zwar verdoppelte sich von 2005 bis 2008 die Zahl der medizinisch begleiteten Geburten nahezu, von fast 38 Prozent auf über 65 Prozent. Ländliche Regionen bleiben allerdings abgehängt. Statistisch ist auf dem Land bei jeder zehnten Geburt professionelles Personal zugegen, wenn dieses weniger als fünf Kilometer entfernt ist. Gibt es im Umkreis von zehn Kilometern kein Gesundheitszentrum, dann entbinden 19 von 20 Frauen ohne medizinische Hilfe. Laut dem »Human Development Index« der Vereinten Nationen ist Burkina Faso eines der drei ärmsten Länder der Erde. Sechs von zehn Menschen leben von weniger als einem Dollar am Tag. Es ist auch das Land mit der niedrigsten Alphabetisie-

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rungsrate der Welt: Sieben von zehn Menschen können nicht lesen und schreiben – für Aufklärung eine immense Herausforderung. Dennoch sind die Ursachen für die hohe Müttersterblichkeit komplexer als ein Blick auf nackte Zahlen vermuten lassen. Armut sei ein »Schlüsselfaktor«, attestiert der Amnesty-Bericht. Sie entlasse die Regierung allerdings nicht aus ihrer in nationalen wie internationalen Verträgen festgehaltenen Verpflichtung, so viele Ressourcen wie nötig in die Sicherung des Menschenrechts auf Gesundheit – und damit auch der sexuellen und reproduktiven Gesundheit – zu stecken. Der unmittelbare Grund dafür, dass so viele Mütter sterben, ist oft der gleiche wie bei Aïcha: Sie sind auf Blut angewiesen, bekommen aber keines. Selbst in der Hauptstadt Ouagadougou haben Krankenhäuser häufig keine Blutkonserven vorrätig. Immer wieder werden bei der Geburt zufällig anwesende Verwandte gebeten, auf die Schnelle ein paar Liter zu spenden. Vor allem auf dem Land fehlen den Gesundheitsstationen häufig noch viel elementarere Dinge: Elektrizität zum Beispiel, oder Reinigungsmittel. Auch Geburtshindernisse wie schwierige Lagen des Kindes oder plötzliche Infektionen führen zum Tod, wenn die Mütter gar nicht oder zu spät ein Krankenhaus erreichen. Oft ist das Krankenhaus zu weit weg oder es fehlt ein Transportmittel, manchmal halten andere, eher kulturelle Gründe die Frauen ab: Insbesondere Frauen aus ländlichen Gebieten erklären immer wieder, von dem medizinischen Personal respektlos und abweisend behandelt zu werden. Schließlich spielt auch die in vielen wenig entwickelten Staaten nahezu endemische Korruption eine Rolle: Immer wieder können Familien zu Unrecht erhobene Gebühren nicht bezahlen. In ihrem Bericht fordert Amnesty International die Regierung von Burkina Faso dringend auf, die Gewährung des Menschenrechts auf Gesundheit sicherzustellen. Der dazu benötigte Katalog von Maßnahmen ist lang und reicht von einem Verbot von Frühehen und Genitalverstümmelung bis zu einer systematischen Evaluation der Gesundheitsdaten. Über allem steht jedoch das Recht der Frauen auf Zugang zu Informationen über ihre sexuellen und reproduktiven Rechte. Auch die internationale Gebergemeinschaft wird aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Hindernisse auf dem Weg dorthin beseitigt werden. Damit ein afrikanisches Sprichwort ein bisschen weniger wahr wird: »Eine schwangere Frau hat einen Fuß im Grab und einen auf der Erde.« Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin.

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Der vermeidbare Tod junger Frauen Schwangerschaft ist keine Krankheit. Dennoch sterben viele Frauen an leicht behandelbaren Komplikationen vor, während oder kurz nach einer Geburt. Betroffen sind vor allem arme Frauen. Von Gunda Opfer Das Risiko, als werdende Mutter zu sterben, ist in Westafrika höher als in jeder anderen Weltregion. So stirbt in Sierra Leone jede achte Frau durch Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt. Der westafrikanische Staat ist eines der Länder, zu denen Amnesty International im Rahmen der neuen Kampagne »Mutter werden. Ohne zu sterben« arbeitet. Weltweit fordern schwangerschaftsbedingte Komplikationen Jahr für Jahr eine halbe Million Tote unter jungen Frauen. In Entwicklungsländern sind sie die häufigste Todesursache bei 14- bis 19-jährigen Mädchen. Fast alle diese Todesfälle wären vermeidbar. Sie sind zum großen Teil eine Folge von Armut und treiben die Familien noch tiefer in die Armut: Für sie ist die Arbeitskraft der Frau unentbehrlich. Wenn die Mutter stirbt, werden die Haushalte oft von Kindern – meist Mädchen – geführt, die dann die Schule verlassen müssen. Ein Weg aus der Armut ist ihnen damit verbaut. Die Gründe für Müttersterblichkeit sind vielschichtig. In vielen Ländern sind gesellschaftliche Phänomene verbreitet, die ungewollte und Risiko-Schwangerschaften begünstigen: Sexuelle Gewalt durch den Partner oder Dritte, Genitalverstümmelung und fehlender Zugang zu Informationen über Schwangerschaften und zu Verhütungsmitteln. Auch Kinderheiraten, die zwar

mÜttersterblichkeitsrate1990und2005 pro100.000lebendGeburten 1.100 1.100

West/Zentralafrika Östliches/ südliches Afrika

790 760 650

Südasien

500

Naher Osten/ Nordafrika

270 210

220 Lateinamerika/ Karibik 150

Osteuropa/ ehem. Sowjetunion

Welt

63 46 8 8 430 400 940 920

Südliches Afrika Entwicklungsländer Ärmste Entwicklungsländer

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480 450 900 870

Quelle: Unicef 2009

Industrieländer

1990 2005

meist verboten, aber vielerorts weiterhin praktiziert werden, sind ein Risikofaktor. Bei allen Schwangerschaften sind Komplikationen möglich, die dringend professioneller Behandlung bedürfen. In vielen Ländern aber fehlen geeignete, für Notfälle ausgerüstete Kliniken. Hinzu kommen oft unüberwindliche Hindernisse, die sich für benachteiligte Bevölkerungsgruppen beim Zugang zu vorhandenen Einrichtungen auftürmen, wie etwa weite Entfernungen, hohe, meist im Voraus zu entrichtende Kosten, aber auch Diskriminierung und Sprachbarrieren für Angehörige von Minderheiten. Tausende Frauen sterben deshalb mangels rechtzeitiger ärztlicher Versorgung. In manchen Ländern sorgt das ausnahmslose Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen – selbst wenn die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist oder ein hohes Risiko für das Leben der Mutter darstellt – für weitere Fälle von Müttersterblichkeit, denn es führt zu Abtreibungen in »Hinterhöfen« mit großen Gefahren für die Frauen. Amnesty International hat die Müttersterblichkeit zu einem wichtigen Thema innerhalb des neuen Arbeitsschwerpunkts »Mit Menschenrechten gegen Armut« erhoben. Dabei geht es nicht um Armutsbekämpfung als karitativen Akt, sondern um die Durchsetzung von fundamentalen Rechten auch für arme Menschen. So bedeutet das Recht auf Gesundheit, das fast alle Länder anerkannt haben, dass der Staat auch für arme Frauen eine medizinische Grundversorgung sicherstellen muss. Auch von den ärmsten Ländern ist zu erwarten, dass sie einige Schlüsselmaßnahmen zur Umsetzung des Rechts auf Gesundheit ergreifen, gerade für schwangere Frauen. Dazu gehört die Notversorgung in der Schwangerschaft, aber auch der Zugang zu sauberem Wasser und Aufklärungsmaßnahmen. Notfalls muss dies mit internationaler Hilfe gewährleistet werden. Amnesty will den Menschen vor Ort eine Stimme geben, sie selbst für ihre Belange sorgen lassen. So zieht in Sierra Leone eine von Amnesty initiierte »Karawane der Hoffnung« durchs Land. Einheimische Amnesty-Aktive, unterstützt von einer Sänger- und Schauspielertruppe, informieren die Frauen und laden sie zum Diskutieren ein. Schon über 30.000 Unterschriften hat die Karawane für eine Petition gesammelt, die Aufklärung über Schwangerschaften und die Umsetzung des Programms zur kostenlosen Versorgung Schwangerer fordert. Zur Zeit laufen weitere Amnesty-Aktionen gegen Müttersterblichkeit in Peru (Benachteiligung indigener Frauen), Nicaragua (Auswirkungen des Totalverbots der Abtreibung) und Burkina Faso (siehe auch S. 52). In den USA wird auch die deutlich höhere Sterblichkeit unter afroamerikanischen Müttern ein Thema von Amnesty-Aktionen sein. Das Projekt »Mutter werden. Ohne zu sterben«, mit Blick auf Länder verschiedener Kontinente, bildet noch bis 2016 einen Schwerpunkt unserer Arbeit. Die Autorin ist Sprecherin der Themengruppe »Menschenrechtsverletzungen an Frauen« der deutschen Amnesty-Sektion. Weitere Informationen auf www.amnesty-frauen.de

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Foto: Hannah Johnston / Getty Images

Hau mich. Gegendemonstranten versuchen am 21. November 2009 in Auckland den »Marsch für Demokratie« mit satirischen Plakaten zu stören.

Recht auf Prügel Ist es eine Straftat, wenn Eltern ihr Kind ohrfeigen? In Neuseeland wird darüber seit Monaten diskutiert. Von Daniel Kreuz »Marsch für Demokratie« hatten die Organisatoren die Demonstration getauft, die sich Ende November 2009 durch die Queen Street in Auckland schlängelte, vorbei an Edelboutiquen, Pubs und Souvenirshops. Mehrere tausend Menschen, darunter viele Eltern mit ihren Kindern, forderten in der größten Stadt des Landes ihre Regierung auf, das Ergebnis einer Volksabstimmung nicht weiter zu ignorieren. Doch anders als das Motto vermuten lässt, hatte ihr Anliegen wenig mit gesellschaftlichem Fortschritt zu tun. Es ging ihnen um die Wiedereinführung der Prügelstrafe. Mit 113 zu sieben Stimmen hatte das neuseeländische Parlament 2007 eine Verschärfung des Kinderschutzes beschlossen, wonach Eltern ihre Kinder nicht mehr schlagen dürfen. Das führte zu heftigen Protesten. Gute Eltern – oder solche, die sich dafür hielten – sahen sich als Kriminelle abgestempelt und das Gesetz als Eingriff in ihre Privatsphäre. Maßgeblich beteiligt an dem Gesetzentwurf war die GrünenAbgeordnete Sue Bradford, die gegenüber dem ZDF keinen Zweifel daran ließ, dass eine Ohrfeige das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit verletzt: »Wenn ich auf der Straße oder auf dem Weg zum Pub einer anderen Frau eine Ohrfeige verpasse, werde ich verhaftet, auf die nächste Polizeiwache gebracht und lande schließlich wegen tätlichen Angriffs vor Gericht. Attackiere ich aber ein Kind, soll das keine Gewalt sein?« Ihre Kritiker sahen das anders. Die fünffache Mutter erhielt sogar Morddrohungen und hat ihr Mandat mittlerweile niedergelegt. Die Gegner des »Anti-Smacking-Law« (Anti-Ohrfeigen-Gesetz) initiierten eine Volksabstimmung. »Sollte eine Ohrfeige in Neu-

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NEUSEELAND

seeland eine Straftat sein?«, lautete die simple Frage. Die Antwort der Neuseeländer war deutlich: 87 Prozent stimmten im Sommer 2009 mit Nein. Doch die Volksabstimmung war für das Parlament nicht bindend, und Premierminister John Key betonte im Dezember erneut, dass das Gesetz nicht geändert werde. Dass ein besserer Kinderschutz in Neuseeland nötig ist, zeigen die Statistiken. Jahrelang hatte der Inselstaat weltweit eine der höchsten Selbstmordraten unter Jugendlichen. Unter den 30 OECD-Staaten lag Neuseeland 2006 bei Kindesmisshandlungen und Kindstötungen prozentual an dritter Stelle. Vor der Gesetzesänderung erlaubte Paragraf 59 des Strafgesetzbuches »angemessene Gewalt« in der Kindererziehung. Diese schwammige Formulierung führte dazu, dass Richter mitunter Eltern freisprachen, die ihre Kinder mit Stöcken, Gürteln, Elektrokabeln und Reitpeitschen malträtiert hatten. Ein Zusammenschluss von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen, darunter Amnesty International, hatte sich für die Abschaffung des Paragrafen eingesetzt. Dieses Engagement scheint sich gelohnt zu haben. Die Zustimmung für das Gesetz ist seit der Volksabstimmung gestiegen – dem »Marsch für Demokratie« zum Trotz. In Umfragen finden es immer weniger Menschen in Ordnung, Kinder mittels Gewalt zu erziehen. Der harte Kern der Prügelstrafenanhänger beeindruckt das freilich nicht. Dies zeigt etwa die Aussage von Larry Baldock, dem Vorsitzenden der Kiwi-Partei und Initiator der Abstimmung: »Als dreifacher Vater und vierfacher Großvater muss ich sagen: Eine Ohrfeige zur rechten Zeit war noch immer eine richtige Erziehungsmaßnahme. Natürlich geht es auch ohne. Aber das ist doch eine ganze Menge mehr Arbeit.« Der Autor ist Volontär beim Amnesty Journal und studierte unter anderem an der University of Auckland.

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Europa lässt einsperren Abgeschoben in einen Folterstaat. Migranten

In den libyschen Gefangenenlagern, in die Migranten und Flüchtlinge nach ihrer Festnahme auf dem Mittelmeer abgeschoben werden, herrschen unmenschliche Zustände. Das zeigt die Reportage von Gabriele Del Grande, der sich in Libyen auf Spurensuche gemacht hat. Das Eisentor ist doppelt verriegelt. Aus der kleinen Luke blicken die Gesichter zweier junger Schwarzafrikaner und eines Ägypters. Der herbe Geruch, der aus der Zelle strömt, brennt in der Nase. Ich bitte die drei, zur Seite zu gehen. Es öffnet sich der Blick auf zwei Räume von drei mal vier Metern. Etwa 30 Personen sind hier zusammengepfercht. Es gibt keine Betten, die Menschen schlafen am Boden, auf einigen schmutzigen Schaumgummimatratzen. Auf eine der Mauern hat jemand »Guantánamo« geschrieben. Aber wir sind nicht auf dem US-amerikanischen Stützpunkt. Wir sind in Zlitan, in Libyen. Und die Häftlinge sind keine mutmaßlichen Terroristen, sondern Migranten, die südlich von Lampedusa festgenommen wurden. Seit Mai 2009 drängen italienische Patrouillen Migranten und Flüchtlinge, die sie in internationalen Gewässern abfangen, nach Libyen zurück. Die Zahl der Migranten, die übers Meer nach Italien gelangen, ging innerhalb von wenigen Monaten um 90 Prozent zurück. Aber was ge-

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schieht mit den abgeschobenen Menschen? Ist Libyen ein sicheres Land für Flüchtlinge? Die Häftlinge drängen sich an die Zellentür. Sie haben seit Monaten keinen Besuch erhalten. Einige rufen: »Helft uns!« Ein Junge streckt die Hand über die erste Reihe hinaus und reicht mir ein Stückchen Karton. Darauf steht eine Telefonnummer, geschrieben mit Kugelschreiber. Die Vorwahl ist die von Gambia. Ich stecke es ein, bevor die Polizei etwas merkt. Der Junge heißt Outhman. Er bittet mich, seiner Mutter zu sagen, dass er noch lebe. Er ist seit fünf Monaten im Gefängnis. Fabrice ist schon seit neun Monaten hier. Beide wurden bei Razzien in den Migrantenvierteln von Tripolis verhaftet. Seit einigen Jahren führt Libyen systematische Kontrollen an der südlichen Außengrenze Europas durch. 2003 schloss Italien ein Abkommen mit Muammar al-Gaddafi und belieferte den Wüstenstaat mit Schnellbooten, Geländewagen und Leichensäcken. Italien finanziert auch Gefängnisse und Abschiebungsflüge. Seither werden jährlich Zehntausende von Migranten und Flüchtlingen in Libyen festgenommen und unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt. »Den Menschen geht es schlecht hier. Das Essen ist miserabel, und das Wasser ist verschmutzt. Wir sind krank. Es gibt hier auch schwangere Frauen.« Gift ist 29 Jahre alt und kommt aus

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Foto: Abdel Magid al Fergany / AP

auf einem Boot der italienischen Küstenwache bei der Ankunft im Hafen von Tripolis am 7. Mai 2009.

Nigeria. Sie wurde vor drei Monaten festgenommen, während eines Spaziergangs mit ihrem Mann. Ihre beiden Kinder musste sie in Tripolis zurücklassen, erzählt sie. Anrufen darf sie die beiden nicht. Ihr Mann ist inzwischen abgeschoben worden. Sie ist immer noch hier, allein, sie trägt dieselben Kleider, die sie getragen hat, als sie festgenommen wurde. Sie lebt seit drei Jahren in Libyen und arbeitete als Friseurin. Gift hatte nie die Absicht, übers Meer nach Italien zu gehen. Das gleiche sagen viele der Migranten, die hier festgehalten werden.

Der Traum von Europa Bei Yonas ist das anders: Er träumte wirklich von Europa. Er ist Eritreer und aus der Armee desertiert, um in Europa politisches Asyl zu beantragen. Er wurde bei der Überfahrt nach Italien von der libyschen Polizei gefasst und wird seither in Zlitan festgehalten. Bevor er ins Büro von Gefängnisdirektor Ahmed Salim geführt wird, flüstert ihm ein Polizist etwas ins Ohr. Als wir ihn nach den Zuständen im Gefängnis fragen, antwortet er mit zitternder Stimme: »Everything is good«, »alles in Ordnung«. Aber er hat Angst. Wird er jede falsche Antwort später, wenn wir weg sind, mit Schlägen bezahlen? Der Direktor lächelt und versichert uns, dass Yonas nicht abgeschoben werde. In den nächsten Wochen soll er in das Gefängnis von Misratah, 210 Kilometer öst-

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lich von Tripolis, überführt werden. Dort werden alle eritreischen Flüchtlinge zusammengeführt. Die eritreische Fluchtroute führt über Lampedusa und Malta. Seit 2005 sind mindestens 6.000 Flüchtlinge aus der ehemaligen italienischen Kolonie an den Stränden von Sizilien gelandet, auf der Flucht vor der Diktatur von Isayas Afewerki. Die Situation in der eritreischen Hauptstadt Asmara ist weiterhin kritisch. Amnesty International wirft der Regierung die Verhaftung und Misshandlung von Oppositionellen und Journalisten vor. Auch die Spannungen zwischen Eritrea und Äthiopien halten an. Mindestens 320.000 Eritreer und Eritreerinnen werden auf unbestimmte Zeit in den Militärdienst gezwungen – in einem Land mit 4,7 Millionen Einwohnern. Es gibt viele, die aus der Armee desertieren und ein neues Leben anfangen wollen. Die meisten, bisher mehr als 130.000 Personen, sind in den Sudan geflüchtet. Aber ein Teil der Deserteure durchquert die Sahara, erreicht Libyen und versucht per Boot, nach Europa zu gelangen.

In Container gesperrt Menghistu ist einer von ihnen. Während der Reise wurde er von der libyschen Polizei festgenommen und abtransportiert. »In unserem Lastwagen waren auch ein vierjähriges Kind und seine Mutter. Wir waren zusammengepfercht wie Tiere, ohne Luft und

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»Polizisten holten mich nachts in den Hof. Sie ließen mich Liegestütze machen. Als ich nicht mehr konnte, begannen sie, mich zu treten.«

von sechs mal acht Metern.« – »Wir mussten auf dem Boden schlafen, den Kopf bei den Füßen des Nachbarn.« – »Wir haben gehungert. Acht Personen mussten sich einen Teller Reis teilen.« – »Polizisten holten mich nachts in den Hof. Sie ließen mich Liegestütze zu machen. Als ich nicht mehr konnte, begannen sie mich zu treten und verfluchten mich und meine christliche Religion.« – »60 Personen mussten einen Waschraum teilen, sodass es in der Zelle dauernd gestunken hat. Wir konnten uns nicht waschen.« – »Überall waren Läuse und Flöhe, in den Matratzen, den Kleidern, den Haaren.« – »Manchmal sind Polizisten in die Zelle gekommen und haben vor den Augen der Gruppe eine Frau vergewaltigt.« Was ehemalige Gefangene beschreiben, ist die Hölle. Aber Kufrah ist auch ein Ort, an dem Geschäfte gemacht werden. Hier verkauft die Polizei die Gefangenen an die Schlepper, die sie zum Mittelmeer bringen. Der Preis für die Freiheit eines Mannes beträgt rund 30 libysche Dinar, etwa 16 Euro 50 Cent. 2004 hat die Europäische Kommission öffentlich gemacht, dass Italien den Bau eines Gefangenenlagers in Kufrah finanzieren werde. 2007 hat die Regierung von Romano Prodi diese Meldung dementiert und erklärt, Italien finanziere lediglich ein Gesundheitszentrum. In der Realität macht das keinen großen Unterschied. Der springende Punkt ist ein anderer: Seit 2003 arbeiten Italien und die EU mit Libyen zusammen, um die Einwanderung nach Europa zu bekämpfen. Die Frage muss also lauten: Wieso tun alle immer noch so, als wüssten sie nicht, was afrikanischen Flüchtlingen in Libyen angetan wird? Die italienischen Behörden werden die Antwort direkt dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg geben müssen. Der italienische Anwalt Anton Giulio Lana hat dort im Namen von 24 Mandanten, 13 Eritreer und elf Somalier, eine Beschwerde gegen Italien eingelegt. Sie gehörten zu einer Gruppe von 527 Personen, die zwischen dem 7. und 10. Mai 2009 als erste nach Libyen abgeschoben worden sind.

Platz, um uns zu bewegen. Ich war entsetzt darüber, dass ein Kind so behandelt werden kann. Es war sehr heiß im Container. Die Reise dauerte 21 Stunden, von vier Uhr nachmittags bis ein Uhr mittags am nächsten Tag. Wir haben nichts zu essen bekommen. Die Menschen mussten vor den Augen der anderen urinieren.« Menghistu ist nicht der einzige, der in einen Container gesperrt und deportiert wurde. In Libyen ist das üblich. Container werden eingesetzt, um Migranten, die auf dem Weg nach Europa festgenommen worden sind, in die verschiedenen Gefangenenlager zu transportieren. Als wir das Gefängnis von Sebha besuchten, stand dort einer dieser Container. Nicht besichtigen konnten wir das Gefangenenlager von Kufrah, im Südosten des Landes, dort wo die Flüchtlinge vom Horn von Afrika ins Land kommen. Aber Dutzende von Zeugenaussagen vermitteln einen Eindruck von der Behandlung der Gefangenen in diesem Lager: »Wir waren 78 Gefangene in einer Zelle

Foto: Jure Erzen / WpN

Foto: AFP / Getty Images

Gabriele Del Grande ist Journalist und Autor. Er hat 2006 »Fortress Europe« gegründet, ein Netzwerk, das Nachrichten über Opfer der irregulären Migration sammelt und veröffentlicht.

Aufspüren und abdrängen. Italiensche Küstenwache vor Lampedusa.

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Vor dem Ertrinken gerettet. Schiffbrüchige auf dem Weg nach Tripolis.

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FREIHEIT IST DER WERT, DER BLEIBT

Foto: Kimimasa Mayama / Reuters

IHR TESTAMENT FÜR DIE MENSCHENRECHTE

GESTALTEN SIE DIE ZUKUNFT Gründe, warum Amnesty International bei Erbschaften bedacht wird, gibt es viele: Manchmal sind es die eigenen Erfahrungen, die man mit Unrechtsregimen gemacht hat. Oder es sind Beobachtungen auf Reisen, die eigene Überzeugung, etwas zurückgeben zu wollen. Wichtig ist der Wunsch, über das eigene Leben hinaus die Zukunft gestalten zu wollen. Eine Idee zu unterstützen, die einem am Herzen liegt: die Einhaltung der Menschenrechte. Seit 1961 setzt sich Amnesty International weltweit für Opfer von Menschenrechtsverletzungen ein. Und da Amnesty International aus Gründen der Unabhängigkeit jegliche staatlichen Mittel ablehnt, können besonders Erbschaften helfen, diese Arbeit auch in Zukunft sicher und langfristig planbar zu machen. Bedenken Sie Amnesty International in Ihrem Testament. Gestalten Sie eine Zukunft, in der jeder Mensch in Würde leben kann!

Bei weiteren Fragen steht Ihnen Dr. Manuela Schulz unter der Telefonnummer 030 - 42 02 48 354 gerne zur Verfügung. E-Mail: Manuela.Schulz@amnesty.de 첸 Bitte schicken Sie mir die Erbschaftsbroschüre »Freiheit ist der Wert, der bleibt« kostenlos zu. 첸 Bitte schicken Sie mir weitere Informationen über die Arbeit von Amnesty International kostenlos zu. Vorname, Name

Straße

PLZ, Ort

Telefon, E-Mail

Bitte senden Sie den Coupon an Amnesty International, 53108 Bonn oder faxen Sie: 0228 - 63 00 36 Weitere Informationen auf www.amnesty.de/spenden


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Kultur

Presse in der Türkei: Nicht immer zahm Unbequem. Yasemin Çongar, stellvertretende Chefredakteurin der regierungskritischen Tageszeitung »Taraf«. Foto: Kerem Uzel / Nar Photos / laif

62 Türkei: Die gegen den Mainstream schreiben 66 Interview: Dorothee Wenner, Afrika-Beauftragte der Berlinale 68 Freedom Theatre: Freie Bühne in Jenin 70 Computerspiele: »Call of Duty« 72 Bücher: Von »Die Nichteinverstandenen« bis »Compasito« 74 Film & Musik: Von »Ajami« bis »Ghetto Blasters« 61


Recherchieren und offenlegen. Redaktionskonferenz der investigativen Tageszeitung ÂťTarafÂŤ.

Anklagen und angeklagt werden 62

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Wenn türkische Journalisten über den Völkermord an den Armeniern, die Machenschaften des Militärs oder über Veruntreuung im Umfeld des Ministerpräsidenten Erdog˘an schreiben, müssen sie mit harten Konsequenzen rechnen. Über die Pressefreiheit in der Türkei. Von Jürgen Gottschlich (Text) und Kerem Uzel / NarPhotos / laif (Fotos)

KULTUR

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TÜRKEI

er Belge-Verlag, obgleich mitten im Istanbuler Touristenbezirk Sultanahmet untergebracht, ist ein echter Insidertipp. In das Kellergeschoss gleich im Nachbarhaus eines der größten McDonald’s-Läden Istanbuls, in Sichtweite der Hagia Sophia, verirrt sich kaum jemals ein Neugieriger, obwohl im Foyer des Hauses in einer verstaubten Vitrine auf den Verlag hingewiesen wird. Dabei ist Belge, zu deutsch Dokument-Verlag, ein kulturelles Highlight der Stadt. Gegründet vor 32 Jahren, kurz bevor das Militär im September 1980 putschte, hat er als einziger linker Verlag seit den siebziger Jahren überlebt und gehört heute zu den renommiertesten Adressen im Kulturbetrieb. Herz und Kopf des Verlages ist Ragıp Zarakolu. Wenn jemand den Kampf um die Freiheit des Wortes in der Türkei kennt, dann ist er es. Seit der Gründung des Verlages hat Zarakolu gegen die Zensur gekämpft und mit etlichen Titeln immer wieder für die Meinungsfreiheit gestritten. Bei ihm sind die ersten Bücher kurdischer Autoren erschienen, und der BelgeVerlag war der erste, der den Völkermord an den Armeniern zum Thema machte. Obwohl Haar und Bart mittlerweile schlohweiß sind, und ihm zwischenzeitlich das Herz Schwierigkeiten machte, hat Ragıp Zarakolu nichts von seiner Kampfeslust eingebüßt. »Im Gegenteil«, sagt er und lacht, »die Auseinandersetzung hält mich jung.« Zarakolu hat sich im Kampf für die Meinungsfreiheit nicht auf seinen Verlag beschränkt. Bis zum Putsch 1980 war er neben seiner Arbeit als Verleger auch noch Redakteur der linken Tageszeitung »Demokrat«. Der Journalist hat mehrfach als Herausgeber und presserechtlich Verantwortlicher für kurdische Zeitungen gearbeitet, um diese Blätter, die in den letzten 20 Jahren am härtesten vom Staat verfolgt wurden, zu unterstützen. Zudem ist er seit Jahren Vorsitzender des Komitees für die Pressefreiheit im Verlegerverband und gibt in dieser Funktion jedes Jahr einen Bericht zum Stand der Meinungsfreiheit in der Türkei heraus. Das Exemplar für 2009 ist gerade fertig. »Die häufigsten Verfahren in diesem Jahr gab es im Zusammenhang mit der Erwähnung der PKK«, berichtet er. Es seien über hundert Verfahren gegen Leute angestrengt worden, die in Reden oder Artikeln »Sayin Öcalan«, also »Herr Öcalan«, geschrieben hätten. Allein die Verwendung dieser Höflichkeitsfloskel für den inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan wird als Propaganda für eine terroristische Organisation geahndet. Außerdem wurden mehrere Journalisten, unter ihnen Oral Çalıs¸lar und Ragıp Duran, angeklagt, weil sie sich in durchaus kritischen Artikeln oder Büchern über die PKK nicht an die offiziellen Sprachregelungen gehalten haben. Allerdings wirkt die Justiz in diesen Verfahren hoffnungslos anachronistisch. Im Jahr der Friedensinitiative der Regierung Erdog˘an gegenüber den Kurden wurde so offen wie noch nie über die kurdische Frage diskutiert. Gleichwohl hat die Initiative mit dem Verbot der kurdischen Partei DTP durch das Verfassungsgericht am 11. Dezember einen herben Rückschlag erlitten. Dass diese Verfahren trotzdem eingeleitet wurden, liegt an dem vor zwei Jahren im Parlament verabschiedeten verschärften Anti-Terror-Gesetz, das die sogenannte Separatismus-Propaganda sehr umfassend definiert. Prominentestes Opfer des AntiTerror-Gesetzes ist der Journalist Nedim S¸ener. S¸ener arbeitet bei der linksliberalen Tageszeitung »Milliyet«, hat sich in den vergangenen 15 Jahren aber vor allem durch investigative Recherchen einen Namen gemacht. Wegen seines vorletzten Buches, »Der Mord an Hrant Dink und die Lügen der Geheimdienste«, steht er seit Kurzem vor Gericht.

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Auf den Spuren des schmutzigen Krieges. »Taraf«-Redakteure.

Das Buch beleuchtet die Hintergründe des spektakulärsten politischen Mordes der vergangenen Jahre. Im Januar 2007 wurde der bekannteste armenische Journalist und Menschenrechtler der Türkei, Hrant Dink, von einem damals 17-jährigen Rechtsradikalen erschossen. Der Täter, der zu einer Clique radikaler Nationalisten aus der Schwarzmeer-Stadt Trabzon gehörte, hatte Hintermänner in Politik und Geheimdiensten. Einer seiner Mittäter war Informant des Geheimdienstes in Trabzon und hatte frühzeitig über die Mordvorbereitungen berichtet. Die Spuren des Mordes wurden vertuscht, im Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Dink kamen sie nicht zur Sprache, weil die zentralen Figuren aus Polizei und Geheimdiensten nicht vor Gericht erscheinen mussten. S¸ener ist den Hintermännern in seinem Buch nachgegangen, was diese dazu brachte, ihn bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen. Jetzt steht er wegen Polizistenbeleidigung, Versuchs der Beeinflussung der Justiz und der Veröffentlichung geheimer Dokumente vor Gericht. Die mögliche Höchststrafe, addiert bei allen drei Vorwürfen, beträgt 28 Jahre. Zum Vergleich: Der mutmaßliche Mörder von Hrant Dink wird höchstens 20 Jahre bekommen. Am ersten Tag seines Prozesses stellte Nadim S¸ener sofort klar, wie absurd das Verfahren ist. »Die Aufgabe des polizeilichen Geheimdienstes wäre es gewesen, den Mord an Hrant Dink aufzuklären. Doch statt ihre Arbeit zu tun, stellen sie einem Journalisten nach, der an ihrer Stelle versucht hat, die Fakten zu klären.« Er habe keine Polizisten beleidigt und keine Geheimakten aus Tresoren gestohlen, sondern lediglich aus Prozessakten zitiert und Zeugen interviewt. Nedim S¸ener wird in der Öffentlichkeit breit unterstützt. Zum Prozessauftakt kamen Abgeordnete, Parteienvertreter und Angehörige von Hrant Dink. Der türkische Journalistenverband

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verlieh ihm den diesjährigen Preis für Pressefreiheit, die höchste Auszeichnung für einen türkischen Journalisten. Obwohl etliche kleine linke Publikationen und vor allem die einzige in Istanbul erscheinende pro-kurdische Tageszeitung »Günlük« am häufigsten von Zensur und Beschlagnahmungen betroffen sind, steht seit längerem doch ein anderes Blatt im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit: Keine andere Tageszeitung hat in den letzten zwei Jahren für so viel Furore gesorgt wie »Taraf«, zu deutsch »Der Standpunkt«. Immer wieder hat das Blatt mit spektakulären Enthüllungen aus dem Innenleben des mächtigen türkischen Militärs überrascht, keine andere Zeitung geht so schonungslos mit den gefürchteten Uniformträgern um wie »Taraf«. Das von dem Schriftsteller Ahmet Altan und dem Verleger Bas¸ar Aslan im November 2007 gegründete Blatt hat geheime Putschpläne von Offizieren veröffentlicht, geht den Spuren des schmutzigen Krieges von Armee und Geheimdiensten gegen die Kurden nach und steht auch sonst immer an vorderster Front, wenn es darum geht, Fehler der Armee öffentlich zu machen. Besonders erbost war die Militärführung über einen Bericht im Oktober 2008. Dabei ging es um einen Angriff der PKK auf einen isolierten Militärposten in der Nähe der irakischen Grenze, bei dem 17 Soldaten getötet wurden. »Taraf« druckte Satellitenfotos, die beweisen sollten, dass die Militärführung durch ihre Luftaufklärung vom Aufmarsch der PKK gewusst haben muss, aber nichts unternommen hat. Die Aufregung war groß, doch statt dass Köpfe im Generalstab rollten, muss sich für die Veröffentlichung der Fotos, die dem Blatt aus den Reihen des Militärs zugespielt worden waren, jetzt der Nachrichtenchef des Blattes, Adnan Demir, vor Gericht verantworten. Wegen Geheimnisverrats soll er für fünf Jahre ins Gefängnis. Aber auch gegen Ahmet Altan und die

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stellvertretende Chefredakteurin Yasemin Çongar laufen etliche Verfahren. Doch immerhin, anders als frühere Magazine, die sich mit dem Militär anlegten, existiert die Zeitung noch – wenn auch unter großen ökonomischen Schwierigkeiten, weil sie wegen ihrer Berichterstattung von Anzeigenkunden gemieden wird. Dafür steigt ihre Auflage kontinuierlich, und als Ahmet Altan im Oktober dieses Jahres den Leipziger Medienpreis erhielt, nutzte er die Gelegenheit, um Sponsoren im Ausland zu werben. Die Meinungsfreiheit in der Türkei ist aber nicht nur bedroht, wenn man sich mit Militär, Polizei und Geheimdiensten anlegt. Auch Ministerpräsident Tayyip Erdog˘an ist kein Freund offener Worte. Das mussten nicht nur etliche Karikaturisten feststellen, die der Ministerpräsident jedes Mal mit ruinösen Prozessen überziehen lässt, wenn sie ihn aufs Korn nehmen, sondern auch der größte Medienkonzern des Landes. Die Dog˘anGruppe, die unter anderen die auch in Deutschland erscheinende »Hürriyet« herausgibt, mit Kanal »D« über den größten Fernsehsender verfügt und seit gut 20 Jahren den Ton in der türkischen Öffentlichkeit vorgibt, hat es sich mit Tayyip Erdog˘an gründlich verdorben. Begonnen hat der Konflikt damit, dass »Hürriyet«, aber auch andere Zeitungen des Konzerns, wie die liberalen oder linken Blätter »Milliyet« und »Radikal«, sich immer häufiger über islamistische Tendenzen aufregten. Alkoholverbote, Frauendiskriminierung, Gebetsräume in Schulen waren Themen, die die Dog˘an-Medien ganz anders sahen als die Regierung. Zum offenen Eklat kam es, als »Hürriyet« 2008 groß über einen Prozess in Deutschland berichtete. In Frankfurt waren die Chefs eines türkischen islamischen Geldsammelvereins angeklagt, Summen im Umfang von mehr als zehn Millionen Euro, die angeblich Erdbebenopfern in Pakistan oder bedürftigen Muslimen in der

Türkei zugute kommen sollten, veruntreut zu haben. Der Verein ist Ableger eines entsprechenden Unternehmens aus Istanbul, das beste Kontakte in die Regierung hat, bis hin zu Erdog˘an selbst. Drei Führungsleute des Vereins wurden in Frankfurt verurteilt, die Spur des Geldes zog sich unter anderem bis in regierungsnahe Medien in der Türkei. Erdog˘an war wütend, warf der Dog˘an-Gruppe Kampagnenjournalismus vor und rief öffentlich dazu auf, keine Zeitungen des Konzerns mehr zu kaufen. Als das nichts nutzte, kamen die Steuerprüfer. Im Schnelldurchgang wurden angebliche oder tatsächliche Steuerschulden festgestellt, und der Konzern erhielt einen Strafbescheid über 400 Millionen Euro. Der finale Schlag kam einige Monate später: Nach längerer Prüfung forderte die dem Finanzministerium direkt unterstellte Steuerprüfung von der Aydın-Dog˘an-Holding zwei Milliarden Euro als Nachzahlung. Das entspricht etwa dem gesamten Börsenwert des Unternehmens und würde bei Vollstreckung wohl den Ruin bedeuten. Während selbst die EU-Kommission in ihrem letzten Fortschrittsbericht über die Türkei die Höhe der Steuerstrafe für Dog˘an kritisierte, ist Ragıp Zarakolu vom Kampf der Giganten eher amüsiert. »Sicher«, sagt er, »das sind Putinsche Methoden, mit denen Erdog˘an gegen Aydın Dog˘an da vorgehen lässt.« Doch sein Mitleid hält sich in Grenzen. »Die Dog˘an-Medien haben sich nie darum gekümmert, wenn andere Zeitungen vor Gericht gezerrt wurden. Jetzt wegen Verletzung der Meinungsfreiheit aufzuschreien, ist ein bisschen billig.« Trotzdem, das sieht auch Zarakolu so, wäre es natürlich eine Katastrophe, wenn die Dog˘anMedien zugrunde gingen. Denn dann wären praktisch alle großen Zeitungen auf Regierungslinie. Der Autor ist Korrespondent und lebt in Istanbul.

Abwägen. Anders als frühere militärkritische Zeitungen existiert »Taraf« immerhin noch.

KULTUR

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TÜRKEI

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Foto: Casper Hedberg / laif

»Wir wollen unsere Geschichten selbst erzählen«

Nollywood. Filmvorführung im Flüchtlingscamp Dakhla, Algerien, 2007.

An Filmstoff gibt es in Afrika keinen Mangel, allerdings fehlen Geld und ein kritisches Bewusstsein gegenüber Medien. Ein Gespräch mit der AfrikaBeauftragten der Berlinale Dorothee Wenner. Wie hat man sich den Filmkontinent Afrika vorzustellen? Es gibt derzeit einige tolle Filme über Afrika von westlichen Filmemachern – etwa »D’Arusha à Arusha« von Christophe Gargot über die Folgen des Bürgerkrieges in Ruanda. Aber es sind viel zu wenige – im Vergleich zu der Relevanz, die etwa Ruanda für die Weltpolitik und für uns alle haben sollte. Die Leute, die als Westler in Afrika Filme machen, haben meist eine sehr persönliche Motivation – zum Beispiel Bettina Haasen, die Regisseurin des Films »Hotel Sahara«. Sie hat drei Jahre für den Deutschen Entwicklungsdienst in Westafrika gearbeitet, bevor sie diesen Film in Mauretanien gedreht hat. Oder auch der Schweizer Berni Goldblatt, der schon seit vielen Jahren in Burkina Faso lebt und nun einen Film über Goldminenarbeiter gemacht hat. Häufig beginnen solche Projekte dank eines großen individuellen Engagements, das es schon allein deswegen braucht, weil es wahnsinnig schwierig ist, für solche Filme Produzenten oder Geldgeber zu finden. So wichtig diese Filme für uns sind – es sind Filme über Afrika, die für Afrika zumeist keine wichtige Rolle spielen.

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In Afrika dagegen ist einiges ins Rollen gekommen, seit eine wachsende Zahl von jungen Filmschaffenden vehement fordert: Wir wollen und müssen unsere Geschichten selbst erzählen, für unser eigenes Publikum. Und an Geschichten gibt es in Afrika keinen Mangel. An der Speerspitze dieser neuen Bewegung steht dabei die nigerianische Filmindustrie, die unter dem nicht ganz unumstrittenen Label »Nollywood« bekannt wurde. Das Medium Film scheint sehr wichtig, gerade hinsichtlich der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen. Unbedingt. Ich finde aber auch, dass die politischen Entwicklungen in den afrikanischen Medien bei uns – wenn überhaupt – fälschlicherweise nur im Kulturbereich diskutiert werden. Dabei braucht man sich nur an Ruanda zu erinnern: Eine kleine Radiostation hat eine entscheidende Rolle bei diesem Völkermord gespielt. Einen ungleich größeren Einfluss auf die afrikanischen Gesellschaften insgesamt üben logischerweise Filme aus, die derzeit zwar noch vor allem in Nigeria produziert werden, aber auf dem ganzen Kontinent gesehen werden. Neben vielen säkularen Regisseuren – guten und weniger guten – produzieren dort etwa auch radikale Christen Filme. Und die verkünden, dass diese oder jene Kirche das Allheilmittel gegen Aids sei, dass es ohne Glauben keinen Weg aus der Arbeitslosigkeit gibt und dass, wer sich daran nicht hält, in der Hölle landet. Vor einiger Zeit ist ein Film entstanden, in dem Waisenkinder als Hexen verflucht

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Film also als Propagandainstrument. Man darf und sollte den afrikanischen Film keineswegs darauf reduzieren. Aber – ja, Film wird auch in Afrika immer mehr ganz bewusst als politisches Propagandainstrument eingesetzt, im Schlechten wie im Guten. Ein Beispiel: Die populärste Darstellerin Nigerias ist Genevieve Nnaji. Sie nutzte ihre Berühmtheit und führte einen Friedensmarsch an, als sich die Verhandlungen im Bürgerkrieg von Sierra Leone festgefahren hatten, in dem Nigeria eine große Rolle spielte. Diese Geschichte zeigt, dass Filme auch anders bewegen können. Es gibt ja auch Filme mit progressivem Inhalt. Einige Nigerianerinnen mit feministischem Background haben mir gesagt, dass sich dank Nollywood die Situation der Frauen maßgeblich verbessert hat. Die meisten Menschen in Afrika sind sich sehr bewusst, dass sie im Medienzeitalter leben. Mit Filmen ist es so: Einerseits wollen die Menschen die universelle Geschichte. Andererseits möchten sie sich ganz konkret wiedererkennen. Filme haben die Funktion, »role models« und Zukunftsvisionen zu prägen. Hier ist Afrika auf der Suche. Welche Auswirkungen hat dies für Ihre Arbeit? Wir können nicht mehr so wie früher hier sitzen und darauf warten, dass uns die Afrikaner ihre Filme schicken, und wir entscheiden dann, das gefällt uns, das gefällt uns nicht. Wir haben einiges in den letzten Jahren etabliert, um die Filmschaffenden in Ländern mit schwachen Infrastrukturen zu unterstützen. Zum Beispiel gibt es in Kooperation mit der Deutschen Welle ein Programm für Festivalorganisatoren aus Afrika und Asien. Wir bei der Berlinale brauchen diese Kontakte dringend. Und andersherum bietet unser Festival – eines der größten der Welt – Organisatoren von kleineren Festivals hervorragende Möglichkeiten, sich international zu profilieren: Sie können Filme sehen und mit Produzenten und Regisseuren aus aller Welt direkt in Kontakt kommen. Nun driften Festival- und Kinobetrieb ja sehr stark auseinander. In Afrika spielen Festivals eine extrem wichtige Rolle dabei, eine fast tote Kinolandschaft mit einer neuen Medienkultur wiederzubeleben. Deswegen ist es eine wichtige Aufgabe, afrikanischen Festivalmachern zu ermöglichen, sich überhaupt kennenzulernen. Denn ein großes Problem ist, dass es so gut wie keinen innerafrikanischen Austausch gibt. Dieses Kontaktnetz herzustellen und die Berlinale als Plattform plus Management-Kurse dafür anzubieten, das ist ein ganz wichtiges Anliegen dieses Programms. Darüber hinaus haben wir den Berlinale Talent Campus, der sich dezidiert mit einem nachhaltigen Programm an junge Filmemacher aus aller Welt richtet, zudem kooperieren wir mit dem Filmfestival im südafrikanischen Durban. Dank der Unterstützung durch die Deutsche Botschaft in Pretoria und das Goethe-Institut in Johannesburg konnte im Juli 2009 der zweite Campus in Durban erfolgreich durchgeführt werden.

interVieW

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dorotheeWenner

»Film wird auch in Afrika immer mehr ganz bewusst als politisches Propagandainstrument eingesetzt, im Schlechten wie im Guten.« Das vielleicht folgenreichste Förderinstrument ist der Berlinale World Cinema Fund, der als gemeinsame Initiative mit der Kulturstiftung des Bundes und in Kooperation mit dem GoetheInstitut gegründet wurde: Er bietet unter anderem afrikanischen Filmschaffenden die Möglichkeit, finanzielle Förderung für ihre Filme zu bekommen. Das Geld fließt an einen deutschen Produzenten, wird aber im jeweiligen Ursprungsland ausgegeben. So konnte zum Beispiel der Film »Faro – La Reine des Eaux« in Mali gedreht werden. Es war nach mehreren Jahren Produktionspause endlich wieder ein Film, der in diesem Land von einem einheimischen Filmemacher realisiert werden konnte. Wichtig ist uns aber auch, dass diese Filme dann vom deutschen Publikum gesehen werden können, nicht nur auf der Berlinale. Kann man sagen: Für große Festivals führt kein Weg an afrikanischen Ländern vorbei? Dort lebt immerhin ein Fünftel der Menschheit! Im Globalisierungszeitalter zu denken, dass wir nichts damit zu tun haben, was heute im Kongo oder im Sudan passiert, ist Augenwischerei. Und nicht nur, weil in Teneriffa die Leichen von Migranten angeschwemmt werden. Jedes Tässchen Kaffee, jede Weintraube, jeder Keks ist unmittelbar in diesem Kontext zu sehen. Die Bilder, die Filme, die wir über und aus Afrika sehen, haben einen enormen Einfluss darauf, wie sich unser Verhältnis zu Afrika weiterentwickelt. Mindestens genauso wichtig sind afrikanische Filme für fast alles, was in nächster Zukunft auf dem Kontinent passieren wird. Interview: Jürgen Kiontke

Foto: picture-alliance / dpa

werden, und in Nigeria und anderen Ländern gibt es viele Waisenkinder, Kinder mit Problemen, Kindersoldaten. Wenn seither Kinder vermehrt als Hexen verfolgt werden, ist das nur ein Beispiel dafür, wie unmittelbar die gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Filme sein können, viel krasser und direkter oft als bei uns. Es gibt – hier wie dort – zu wenig kritische Medien, zu wenig kritisches Bewusstsein für die enorme Bedeutung der Medien.

interVieW dorotheeWenner Die Filmkritikerin und Regisseurin ist Delegierte der Berlinale für Afrika südlich der Sahara und Indien. 2007/2008 leitete die 48-Jährige den Berlinale Talent Campus. Ihr jüngster Film »Peace Mission«, eine Dokumentation über Nigerias Filmindustrie, lief auf über 30 Festivals.

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Die Freiheit der Bühne Das Freedom Theatre im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin bietet den Kindern der Besatzung einen Raum, ihre täglichen Erfahrungen mit Gewalt und Ohnmacht zu verarbeiten. Von Wolf-Dieter Vogel

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ieben junge Männer, zwei Frauen. Sie feiern eine Hochzeit, eine palästinensische Hochzeit. Selbstbewusst springen die beiden weiß gekleideten Tänzerinnen durch den dezent beleuchteten Raum, bis sie von den aggressiven Bewegungen ihrer männlichen Gefährten in die Schranken gewiesen werden. Schreie unterbrechen das Spektakel. Ein Mann wird über die Bühne getragen – ein Märtyrer, im Kampf gestorben. Dann marschieren Soldaten auf, ihr Gruß weist sie als Israelis aus: »Shalom.« Alle springen auseinander. Fragmente aus Palästina, Alltag in einem besetzten Land, inszeniert von den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern des Freedom Theatre aus dem Flüchtlingslager Jenin. Mit ausdrucksvollen Bewegungen zeichnen sie nach, was ihr Leben im Westjordanland bestimmt: die Fesseln, mit denen Frauen in der patriarchalen palästinensischen Gesellschaft leben müssen, die Verzweiflung und die ständigen Auseinandersetzungen mit den israelischen Soldaten. Doch dem Freiheitstheater geht es um mehr als Aufklärung. Kinder und Jugendliche, die unter den elenden Bedingungen des Lagers aufgewachsen sind, sollen auf der Bühne neues Selbstvertrauen erlangen. Schauspiel als Therapie: Hier können sie die alltäglichen Demütigungen, ihre Gewalt- und Ohnmachtserfahrungen verarbeiten. Mitten im Flüchtlingslager, in dem rund 16.000 Menschen auf engstem Raum leben, bietet das Freedom Theatre Platz für Workshops, Fotokurse und Körperakrobatik. Aber im Mittelpunkt des Projekts steht die Theaterschule. Dort haben junge Männer und Frauen die Möglichkeit, professionelles Schauspiel zu lernen. Mit ihrem Stück »Fragments of Palestine« waren sie im vergangenen Herbst sogar zwei Monate auf Deutschlandtournee. »Es geht darum, unsere eigene Identität wiederzufinden: Wer sind wir, woher kommen wir«, erklärt Theaterdirektor Juliano Mer Khamis. Eine Frage, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielt. Aufgewachsen in Israel, lebt der Sohn einer jüdischen Menschenrechtlerin und eines kommunistischen Palästinensers heute in Jenin. Dort hatte seine mittlerweile verstorbene Mutter Arna Mer, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, bereits in den achtziger Jahren ein Kindertheater gegründet, das 2002 bei einem Angriff der israelischen Armee zerstört wurde. Vier Jahre später baute Mer Khamis das Projekt als Freedom Theatre wieder auf. Der gelernte Schauspieler tritt entschlossen für die Sache der Palästinenser ein. »Wir bilden Leute aus, die als Künstler für die Befreiung kämpfen können«, erklärt er. Das klingt zunächst

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zwiespältig, schließlich stammen gerade aus Jenin viele, die sich in Israel in Selbstmordattacken in die Luft sprengten. Doch das Freedom Theatre setzt nicht auf Terror. Im Gegenteil, Mer Khamis verweist darauf, dass einer seiner Studenten vor Jahren auf der Anwärterliste für Selbstmordattentate gestanden habe: »Heute ist er ein Schauspieler, das ist ein großer Erfolg unseres Projekts.« Täglich bekommt das Freedom Theatre aber auch die Grenzen der konservativen palästinensischen Gesellschaft zu spüren. »Es war sehr schwierig, die Leute davon zu überzeugen, dass wir als Frauen auf der Bühne stehen«, erklärt Batool Taleb. Die 19Jährige ist seit 35 Jahren die erste Schauspielerin in der Region. »Unsere Tradition macht es schwierig, uns von den Männern zu

Einen Spiegel vorhalten. Szene aus der »Farm der Tiere« – mit

emanzipieren«, sagt sie. Das Theater gebe ihr die Möglichkeit dazu. »Das ist eine für die palästinensische Gesellschaft einzigartige Form der Konfliktbewältigung«, sagt Martin Glasenapp von der Gesundheitsorganisation Medico International, die das Freedom Theatre unterstützt. Auf der Bühne haben sich die weiß gekleideten Tänzer indes wieder zusammengefunden, das »Shalom« ist einem Gedicht des palästinensischen Dichters Machmud Darwisch gewichen: »Ich bin von hier, und hier ist hier, und ich bin ich, und hier bin ich und ich bin hier.« Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

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»Wir schlachten jede heilige Kuh« Ein Gespräch mit dem Leiter des Freedom Theatre, Juliano Mer Khamis, über die palästinensische Autonomiebehörde, heikle Auftritte in Israel und Mädchen auf der Bühne. Das Freedom Theatre kritisiert nicht nur die israelische Besatzung, sondern auch die konservativen Verhältnisse in der palästinensischen Gesellschaft. Wie kommt das in Jenin an? Sehr unterschiedlich. Unsere erste Produktion war die »Farm der Tiere« von George Orwell, die man als Parabel über die Situation in Palästina ansehen kann: Die Autonomiebehörde arrangiert sich mit den Besatzern und spielt sich selbst als diktatorisches Regime auf. Das sorgte natürlich für Missgunst…

on von Mädchen und Frauen, man könnte sie als Indikator für den Stand unserer eigenen Befreiung bezeichnen. Die Situation von Frauen spielt in »Fragments of Palestine« eine große Rolle; auch deshalb konnten wir das Stück nicht überall aufführen. Wir bemühen uns, möglichst viele Mädchen in das Theater einzubinden. Vor vier Jahren war es fast unmöglich, dass eine Frau bei uns auch nur im Büro arbeitet. Sie wäre öffentlich in Ungnade gefallen. Heute haben wir mehr Mädchen als Jungen. Es wächst eine neue Generation heran. Die ist sich dessen bewusst, dass wir zunächst unsere Identität rekonstruieren müssen, bevor wir wieder zu den israelischen Checkpoints marschieren. Trotz ihrer Kritik an der frauenfeindlichen palästinensischen Gesellschaft steht für Sie der Hauptfeind an den Checkpoints? Wir betonen immer wieder: Schiebt nicht alles auf die Besatzung, wir müssen selbst Verantwortung übernehmen für unsere Entwicklung. Aber wo beginnt die Besatzung und wo endet die Tradition? Wenn die Menschen ihr Land verlieren, das Soziale zerstört wird und es keine Wirtschaft und keine Kultur gibt, kehrt man zu den Stammesbeziehungen zurück, also zu den traditionellen Strukturen. Und darunter leiden zuerst die Frauen.

Foto: Mohamad Torokman / Reuters

Treten Sie in Israel auf? Bislang hatten meine Studenten Israel boykottiert.

dem Stück übte das Freedom Theatre Kritik an der Intifada.

Bislang? Und nun hat sich das verändert? Es hat ein Prozess begonnen. Ich wollte das Schwarz-Weiß-Bild aufbrechen und habe den Studenten Filme über den Holocaust gezeigt. Zunächst warfen sie mir vor, ich wolle Verständnis für die Besatzer schaffen. Ich argumentierte: Es gibt Juden, es gibt Zionisten, es gibt linke Israelis, es gibt rechte Israelis. Solche Debatten haben die Schauspieler nun dazu gebracht, dass sie in Israel auftreten wollen. Ich persönlich halte das für eine gefährliche Entscheidung. Damit legitimiert man einen nicht akzeptablen Zustand. Aber sie bestehen darauf. Ich will nicht mit Leuten kooperieren, die sich nicht klar gegen die Besatzung stellen. Aber es gibt ja auch Israelis, die Ihre Sache unterstützen. Mit denen arbeiten wir Hand in Hand. Viele Israelis kommen nach Jenin. Wir sind das einzige palästinensische Projekt, das die Türen für Israelis und Juden öffnet. Interview: Wolf-Dieter Vogel

Gab es auch Fortschritte? Natürlich. Ein sehr wichtiges Thema für uns ist die Emanzipati-

kultur

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freedomtheatre

interVieW julianomerkhamis Foto: Badums

…es gab zwei Brandanschläge auf das Theater. Ja, aber man weiß nicht, wer dafür verantwortlich war. Vielleicht Kriminelle, vielleicht Konservative. Glücklicherweise ist nichts passiert. Es ist eben nicht besonders populär, das von Tradition und Religion geschaffene Vakuum in der Gesellschaft zu durchbrechen. Für uns geht es aber genau darum: Wir wollen kritisches Denken fördern und jede heilige Kuh schlachten. Wir können nicht gegen die Besatzung kämpfen, wenn wir uns nicht von unseren eigenen Ketten befreien.

Der Sohn einer jüdischen Menschenrechtsaktivistin und eines kommunistischen Palästinensers war israelischer Soldat und saß hinter Gittern, weil er einen Offizier angegriffen hatte. Später war er Schauspieler in Tel Aviv. Heute leitet der 51Jährige das Freedom Theatre im palästinensischen Jenin.

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Jeder wird zur Kampfmaschine Kriegsspiele sind schon immer ein Teil der Videospielszene. Doch inzwischen haben sie eine neue Qualität erreicht: Der hoch technisierte, moderne Kampf wird zum ästhetischen Erlebnis – und zum Kassenschlager. Ein kritischer Blick auf ein verstörendes Phänomen. Von Thomas Lindemann

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inter einem umgeknickten Maschendrahtzaun erreicht man es: Ein Elendsviertel von Rio de Janeiro. Schlecht verputzte Klinkerwände und Wellblechdächer in verschiedenen Farben sind mit Liebe zum Detail dargestellt. In den Häuschen hängen Lampen vom Trödel, manch ein Bett wurde aus Holzpaletten und Bierkisten improvisiert. Auf einem Betonkübel leuchten Kinderzeichnungen. Die Bilder sind erstaunlich für ein Videospiel – die Szenerie stammt aus »Call of Duty: Modern Warfare 2«. Zeit, die Schönheit der Bilder zu genießen, lässt das neue Spiel aber nicht: Hinter den einfachen Holztüren und den niedrigen Mauern lauern Vermummte und Guerilleros, die den Spie-

Kampf in Rios Favelas. Screenshot aus »Call of Duty: Modern Warfare 2«.

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ler gnadenlos angreifen und die er komplett niederschießen muss. Eine traurige Armee der Armut, die mit ihren Karohemden und Kopftüchern eher wie Szene-DJs aussehen. Bei diesem Kampf werden am Anfang auch unbeteiligte Zivilisten getroffen, andere laufen gebückt und verängstigt davon – das Ganze erinnert fatal an die Bilder von echten Polizeieinsätzen in den Slums von Rio und zeigt den brutalen Realismus des Spiels. »Modern Warfare 2«, der neue Teil der Kriegsspiel-Reihe »Call of Duty«, erschien im November. Am ersten Tag wurden fünf Millionen Spiele verkauft und über 300 Millionen Dollar umgesetzt. Das gab es noch nie. Das Spiel war der Erfolg des Jahres und ein Teil der Massenkultur. 2009 war überhaupt das Jahr der spektakulären Kriegsspiele. »Operation Flashpoint« und »Operation Anchorage« schickten Fans in die Schlacht gegen die Chinesen, »Killzone 2« gegen Aliens. Sie alle zelebrieren das moderne, hochtechnisierte Militär.

Widersprüchliche Emotionen Das Beklemmende ist nicht, dass ein Spiel den Krieg darstellt – davon gibt es längst Hunderte. Sondern ausgerechnet dieses Videospiel ist das Beste unter den aktuellen. Eine spielerische Qualität wird man selbst als Pazifist anerkennen müssen. Das Dilemma besteht darin, dass es wirklich Spaß macht. Das Spiel löst widersprüchliche Emotionen aus. Solche Zweifel an der ei-

Ausweglos. Screenshot aus »Metal Gear Solid 4«.

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genen Wahrnehmung sind nicht neu. Gewalt gehört immer schon zu Medien. Am Ende von Homers Odyssee ermordet der Titelheld grausam die Schnorrer, die sich bei seiner Frau eingenistet haben. Auch moderne Kunstwerke sind oft brutal – jedenfalls gilt »Der Pate« nach wie vor als Filmklassiker. Doch bleibt ein Unbehagen über die Leichtigkeit, mit der in aktuellen Videospielen die Kriegsmaschinerie zur Unterhaltung wird. Spiele wollen als vollwertige Kulturprodukte ernst genommen werden. Dann darf man sich aber wundern, warum sie sich so affirmativ zu High-Tech-Kriegen stellen, zum Beispiel auch zu dem, der gerade als »Kundus-Affäre« Deutschland bewegt.

Das beste aktuelle Spiel ist auch das fragwürdigste

Dürfen Gewalt und Aggression als Bühne für Unterhaltungsmedien dienen? »Hält man sich das Leid der Opfer in Kriegen vor Augen, scheint dies verwerflich«, sagt Martin Lorber, Pressesprecher bei Electronic Arts, einem der größten und wichtigsten Spiele-Hersteller. »Doch wie alle Medien greifen auch Computer- und Videospiele das auf, was in der Welt geschieht und verarbeiten dies. Dabei fließen alle möglichen Themen ein. Natur, Freundschaft, Liebe, aber auch so unschöne Dinge wie Aggression, Gewalt und Krieg«, sagt Lorber. »Wollte man letztere ganz und gar von einer medialen Verarbeitung ausschließen, müsste man sie auch aus den Nachrichten, der Antikriegsliteratur, vielen Kunstwerken, Theaterstücken, Opern und mehr verbannen.« Bei Electronic Arts erscheint im März »Battlefield Bad Company 2«, ebenfalls ein technisch ausgefeiltes Kriegsspiel, das allerdings als eine Art virtueller Mannschaftssport im Internet gedacht ist. Es wird wieder für Aufsehen sorgen, da es sich so überzeugend am modernen Krieg orientiert. Kriegsspiele schlicht immer verwerflich zu nennen, wäre wohl verkürzend. Aber man muss im Moment eine Hinwendung der Spielekonzerne zu besonders martialischen Materialschlachten feststellen – eine etwas traurige Zeitdiagnose.

Kluge Kriegsspiele – kein Widerspruch in sich Denn es geht auch anders. 2008 erschien mit »Metal Gear Solid 4« eine Art nachdenkliches Kriegsspiel, das den Spieler immer wieder in ausweglose Situationen warf. Er steuert darin einen alternden Soldaten, der nicht gewinnen kann, und sich daher verstecken muss, schleichen, einfach nur trickreich entkommen. Der Krieg wurde dort von Konzernen der Zukunft geführt, ohne Patriotismus, er zeigte nur noch das Elend sinnlosen Tötens. Das Spiel war ein Riesenerfolg – allerdings vor allem in Fernost. Es wandte die Mittel der Science Fiction so an, wie große ScienceFiction-Literatur das immer tat: Zur Kritik an der Welt. Der Autor ist Kulturjournalist und lebt in Berlin.

Fotos: Activision, Konami, Sony Computer Entertainment

In einem Kapitel von »Modern Warfare 2« muss der Spieler als Undercover-Agent mit den Terroristen arbeiten, die Hunderte Reisende in einem Flughafen umbringen. Dieses Kapitel des Spiels ist eine gezielte Provokation und hat ihm viel Aufmerksamkeit verschafft. Viel fragwürdiger ist eigentlich ein anderer Abschnitt, in dem man im Schneesturm eine ganze Militärbasis ausschaltet – zu zweit. Zweimal in diesem Spiel wird der Spieler aber auch selbst Opfer von Kriegsverbrechen. Er tritt auf einen vermeintlichen Verbündeten zu, wird niedergeschossen, in eine Grube geworfen und verbrannt. Alles aus der Ich-Perspektive dargestellt – eine grausame Szene ungewöhnlicher Art. Dadurch wird das Kriegsspiel noch nicht zum Anti-Kriegsspiel, aber es nimmt der Sache viel ihrer Eindimensionalität. Am Ende des interaktiven Kriegs steht die Idee, dass es im Kampf weder Gut noch Böse gibt. Die nervenaufreibende Konsequenz, mit der ein Spieler in eine hektische Kriegsmaschinerie hineinzieht, zeigte zuerst »Killzone 2« von Sony, das erste Stahlgewitter des Jahres 2009. Es war als Science-Fiction-Krieg gegen Aliens aufgemacht, aber mit Gasmasken und knatternden Sturmgewehren am Ersten Weltkrieg geschult. Seine Story speiste sich aus Patriotismus, Schwarzweißdenken und archaischem Chauvinismus des Stärkeren. Ideen und Haltungen, die wir überwunden glaubten.

Darf Gewalt unterhalten?

Stahlgewitter. Screenshot aus »Killzone 2«.

kultur

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»callofduty«

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Foto: Daniel Biskup / laif

Alles eine Frage der Perspektive. Schaufensterpuppen in Istanbul.

Zersplittert Gibt es islamische Menschenrechte? Unterliegt das Tragen des Kopftuches dem Freiheitsgebot? Anne Duncker liefert erstmals einen Überblick über Menschenrechtsorganisationen in der Türkei. Von Sabine Küper

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in systematischer Überblick über Organisationen, die sich für Menschenrechte in der Türkei engagieren, fehlte bislang. In ihrer Dissertation stellt Anne Duncker fest, dass das politische System der Türkei hier für eine überraschend zersplitterte Landschaft von NGOs sorgt. Die Politikwissenschaftlerin lokalisiert eine Fülle von Organisationen, die sich etwa für Minderheiten, die Abschaffung von Folterpraktiken, für Frauenrechte, die Rechte von Homosexuellen, für Minderjährige oder die Freiheit der Religionsausübung einsetzen. Diese lassen sich jeweils unterschiedlichen ideologischen Richtungen zuordnen. Dunker unterscheidet islamisch-konservative, linke und kemalistisch orientierte Organisationen. Ihre unterschiedliche Ausrichtung zeigt sich exemplarisch an der Auseinandersetzung um das Recht, an den Universitäten ein Kopftuch tragen zu dürfen. Für die Islamisch-Konservativen ist dies ein zentrales Thema, die Linke favorisiert eine liberale Handhabe der Kleiderordnung. Die Kemalisten lehnen das Kopftuch hingegen rigoros ab und treten für ein autoritäres Verbot in öffentlichen Institutionen ein. Sie folgen damit, laut Duncker, einer »jakobinischen« Interpretation der Prinzipien von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk.

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Die Auseinandersetzung zwischen staatlichen Institutionen und NGOs über die Rolle Europas im türkischen Reformprozess ist ein weiteres spannendes Thema der Publikation. Aber auch die Frage, ob es spezifisch islamische Menschenrechte gibt. Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Islam« und die »Kairoer Erklärung über Menschenrechte im Islam« suggerieren das. Religiöse Menschenrechtserklärungen existieren laut Duncker jedoch nur innerhalb des islamischen Diskurses. Die Politikwissenschaftlerin untersucht, warum spezifisch islamische Menschenrechtsdeklarationen verfasst werden, obwohl fast alle muslimischen Staaten der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen zugestimmt haben. Sollte dieser internationale Rechtskatalog unterstrichen und unter Bezugnahme auf die islamischen Prinzipien bekräftigt werden? Oder sollen die Rechte eher modifiziert und somit ein neuer, anderer Entwurf geschaffen werden? Ist der Begriff der Menschenrechte, wie ihn die islamischen Erklärungen definieren, inhaltlich noch weitgehend deckungsgleich mit dem der internationalen Charta? Die Dissertation sucht Antworten auf diese Fragen. Neben einer detaillierten Analyse der islamischen Deklarationen unter juristischen, religionswissenschaftlichen und politologischen Aspekten wird ein aufschlussreicher Vergleich mit der internationalen Charta vorgelegt, der Differenzen benennt und gleichzeitig nach konstruktiven Lösungsansätzen sucht. Anne Duncker: Menschenrechtsorganisationen in der Türkei. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009. 264 Seiten, 39,90 Euro

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Gewalt fördernd

Unkontrolliert leidend

Der Westen exportiert in die ärmsten Länder nicht Demokratie, sondern bestenfalls Wahlen. Diese These vertritt Paul Collier, Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für African Economies an der Universität Oxford. Mit »Gefährliche Wahlen« legt Collier eine flott geschriebene Auswertung verschiedener empirischer Studien vor. Auch wenn der arrogante Ton des Autors gewöhnungsbedürftig ist – die Fragen, die er aufwirft, sind einer Diskussion wert: Wenn, so Collier, die Grundlage für Demokratien, die Legitimierung der Regierung durch das Wahlvolk und die radikale Aufwertung von Verantwortlichkeit bedeutet, gilt es zu untersuchen, ob Legitimation und Verantwortung als gesellschaftliche Prinzipien durch Demokratie tatsächlich befördert werden. Sein Schluss: In relativ wohlhabenden Gesellschaften funktioniert die Demokratisierung durch Wahlen, in den ärmsten hingegen, in denen das tägliche Einkommen unter sieben Dollar liegt, befördern Wahlen Korruption und die Ethnisierung der Gesellschaft, also im weiteren Sinne die Gewalt. Collier bezieht sich insbesondere auf afrikanische Länder. »Die gute Nachricht lautet, dass wir dieses Problem [der Gewalteskalation, die Red.] nicht haben, weil wir bislang so unfähig damit umgegangen sind.«

Argentinien in den achtziger Jahren: Es herrscht eine Militärdiktatur, und gegen Ende des Jahrzehnts führt eine Wirtschaftskrise zu einer Hyperinflation von 48 Prozent. Die Armut wächst und wächst. Rímini und Sofía leben in Buenos Aires, dort endet ihre große Liebe nach zwölf Jahren. Vorerst. Sie sind noch jung, gerade dreißig Jahre alt. Alan Pauls Roman schildert eine große, gewalttätige Liebe in einer Zeit, in der nur der Rückzug ins Private den Freiraum für unkontrollierte Leidenschaft lässt. Die politischen Verhältnisse konturiert der in Argentinien gefeierte, in Deutschland aber bislang kaum bekannte Schriftsteller vor allem über Auslassungen: Wir erfahren wenig über konkrete politische Umstände, jedoch viel über Lebensgefühle unter den Vorzeichen einer Gewaltherrschaft. Die Vorbilder des 1959 in Buenos Aires geborenen Alan Pauls sind große europäische Literaten wie zum Beispiel Gustave Flaubert oder Marcel Proust. »Als er erwachte, drang schwaches Licht durch die Rollläden. Alles wie gehabt. Sie verbluteten weiter.« Mit diesen kurzen Sätzen endet ein atemloser, fiebriger und fantastischer Roman. Alan Pauls: Die Vergangenheit. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, 558 Seiten,

Paul Collier: Gefährliche Wahl. Wie Demokratisierung in

24,90 Euro

den ärmsten Ländern gelingen kann. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Siedler, München 2009, 272 Seiten, 19,95 Euro

Anders denkend »In Russland kann man alles, was man möchte, im privaten Kreis im Café besprechen und man kann über jedes Thema in seinem Internet-Blog schreiben. Aber es ist als andersdenkender Mensch nicht möglich, sich an eine große Öffentlichkeit zu wenden«, erklärt Waleri Panjuschkin. Der Journalist wurde 1969 in St. Petersburg geboren und berichtete als Reporter der renommierten Moskauer Tageszeitung »Kommersant« zehn Jahre lang aus aller Welt. 2004 erhielt er den wichtigsten russischen Journalistenpreis, die »Goldene Feder«. Inzwischen schreibt er als freier Autor über sensible Themen, nun vor allem in Buchform. 2006 erschien »Michail Chodorkowski«, zwei Jahre später »Gazprom. Das Geschäft mit der Macht« und nun »Die Nichteinverstandenen. Das Gesicht der russischen Opposition«. Zwölf Porträts, darunter die ehemalige Politikberaterin Putins, Marina Litwinowitsch, und Garri Kasparow, geben Einblick in eine Aktivistenszene, die rund eintausend Menschen umfasst. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Wunsch, die derzeitige Regierung zu stürzen. Gemeinsam ist ihnen auch die Wut über die Trägheit und den Opportunismus ihrer Landsleute und mehr noch über den Repressionsapparat des Systems Putin. Noch fehlt den »Nichteinverstandenen« ein politisches Programm, noch ist ihr Bindeglied die Negation. Die Entwicklung einer Alternative wird die Aufgabe der kommenden Jahre sein.

Kinder bildend »In dieser Woche habe ich in der Schule das meiste gelernt«, schrieb ein Zehnjähriger seiner Lehrerin. Sie hatte, angeregt vom »Compasito-Handbuch für Menschenrechtsbildung mit Kindern«, mit ihrer Grundschulklasse in Berlin zum Thema Kinder- und Menschenrechte gearbeitet. Neben Hintergrundwissen über Geschichte, Organisationen und Theorie rund um die Menschenrechte bietet das Handbuch Materialien für 40 praktische Aktivitäten mit Kindern im Alter von sechs bis 13 Jahren. Einer non-formalen Lehrmethode folgend, die Kinder als kompetente Lösungsfinder achtet, werden Spielvorschläge zu den Themen Demokratie, Frieden, Geschlechtergerechtigkeit, Umwelt, Medien, Armut oder Gewalt formuliert. Zu jeder Aufgabenstellung gibt es sowohl für die pädagogische Moderation als auch für die Nachbereitung und Auswertung viele hilfreiche Tipps. Ideen, wie man das Erfahrene in praktisches Handeln umsetzen kann, machen die 336 Seiten starke Broschüre zu einem überzeugenden Kompendium. Abgerundet wird das Buch durch ein Glossar sowie die wichtigsten Menschen- und Kinderrechtsschriften. Das Compasito-Handbuch folgt der Idee, dass die Fertigkeiten und Werte, die Menschen brauchen, um in einer Demokratie zu leben, erlernt und lebenslang gefördert werden müssen. Compasito – Handbuch zur Menschenrechtsbildung mit Kindern. Themen und Materialien. Hrg.: Deutsches Institut für Menschenrechte; Bundeszentrale für politische Bildung (bpb); Europarat; Europäisches Jugendzentrum Budapest. Aus dem Engli-

Waleri Panjuschkin: Die Nichteinverstandenen – Das Ge-

schen von Marion Schweizer. Bonn 2009.

sicht der russischen Opposition. Aus dem Russischen von

Zu beziehen über die Bundeszentrale für politische

Helmut Ettinger. Droemer Knaur, München 2009, 281 Sei-

Bildung: www.bpb.de/publikationen/JNMS25, Bestell-

ten, 12,95 Euro

nummer: 2409, Bereitstellungspauschale: 4 Euro

Bücher: Ines Kappert, Sarah Wildeisen kultur

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bÜcher

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Ziviler Widerstand ist tauglich

Gipsy-Mambo und Balkan-Reggae

Am Anfang machen sie sich noch lustig – die Vertreter der Bürgerkriegsparteien des am Boden liegenden Staates Liberia. Seit 1989 schon tobt der Krieg, an eine Lösung glaubt ernsthaft niemand. Nun laufen sie mit ihren Kanonen im Tagungszentrum herum und verhandeln halbherzig über eine Einigung. Da wird das Haus besetzt: 200 Frauen sorgen dafür, dass nichts rein und nichts raus geht. Den Kämpfern wird klar, dass sie wirklich festsitzen, wenn sie sich nicht einigen. Und tatsächlich: Liberias Frauen beendeten 2003 den Bürgerkrieg. Der Erfolg kam, als christliche und muslimische Frauen begannen, zusammenzuarbeiten: Täglich demonstrierten sie in ihren weißen T-Shirts in der Hauptstadt Monrovia. »Pray The Devil Back to Hell«, war ihre Losung. Und das war wörtlich gemeint: Denn sie sorgten mit viel Energie und noch mehr Witz dafür, dass sich der kriegstreiberische Diktator Charles Taylor zum Teufel scherte. 2005 brachten sie mit Ellen Johnson Sirleaf die erste Präsidentin eines afrikanischen Landes ins Amt. Die Dokumentarfilmerin und Produzentin Gini Reticker hat nun den liberianischen Frauen ein rührendes Denkmal gesetzt: »Die großartige Leistung der Frauen wurde von der Presse ignoriert und war im Begriff, in Vergessenheit zu geraten«, sagt die Regisseurin. Aus Archivaufnahmen und Rückblicken erzählt Reticker diese mitreißende Geschichte. Fazit: Ziviler Widerstand ist einsatztauglich. Und Retickers Film, der ist es auch.

Mahala werden in Rumänien die schäbigen Vororte der großen Städte genannt. Hier wohnen die Ärmsten der Armen, darunter viele Roma. Die »Mahala Rai Banda« hat sich in Bukarest gegründet. Aber die Mitglieder der 13-köpfigen Formation stammen aus zwei Dörfern, die für ihre musikalischen Traditionen berühmt sind: Zece Prajini im Nordosten des Landes hat das berühmte Gipsy-Blasorchester der »Fanfare Ciocarlia« hervor gebracht. Und aus Clejani, südwestlich von Bukarest in der sprichwörtlichen Wallachei, kommen die Geiger, Bassisten, Akkordeonisten und der Cymbalon-Spieler des berühmten Lautari-Ensembles »Taraf de Haidouks«. Die »Mahala Rai Banda« um den Geiger Aurel Ioanita verbindet das Beste aus diesen beiden musikalischen Welten: den schmissigen Party-Sound der Roma-Blaskapellen aus dem Osten mit der virtuosen Schwermut der Lautari-Streicher aus dem Süden. Es gehört zu den erfreulichen Entwicklungen der NachCeaucescu-Zeit, dass traditionelle Roma-Bands vom Balkan auf westlichen Bühnen Karriere machen konnten. In Rumänien selbst galt diese Musik lange als vulgäres Vergnügen der einfachen Leute, auf die man verächtlich herabschaute. Mittlerweile aber zieht sie westliche Fans und Bildungsreisende nach Rumänien und hat so auch zu Hause an Renommee gewonnen. »Mahala Rai Banda«, eine Art Super-Group des Genres, laden auf ihrem zweiten Album »Ghetto Blaster« zum wilden Parforceritt durch Gipsy-Mambo, orientalischen Swing und Balkan-Reggae.

»Pray The Devil Back to Hell«. USA 2008. Regie: Gini Reticker. Englisch. Zu bestellen auf www.praythedevilbacktohell.com

Mahala Rai Banda: Ghetto Blasters (Asphalt Tango)

Dramatik en passant

Mestizo-Reggae

»Böse Geister? Ach wo«, antwortet der junge Mann der alten Frau. Warum es den Menschen schlecht geht? »Die Leute werden von der Goldgewinnung krank.« Das dafür benötigte Natriumzyanid würde einfach in die Landschaft geschüttet. »Und vergiftet Mensch und Tier.« Womit man in der Mongolei zu kämpfen hat, das erzählt der schöne Film »Das Lied von den zwei Pferden« en passant. Im Zentrum steht die Sängerin Urna, die sich aus der inneren Mongolei aufmacht, die uralte Pferdekopfgeige ihrer Großmutter restaurieren zu lassen. Die auf dem Instrument eingravierten Strophen des alten Liedes »Die zwei Pferde des Dschingis-Khan« sind nicht vollständig. Und so bereist Urna das ganze Land auf der Suche nach den fehlenden Zeilen. Während der chinesischen Kulturrevolution waren Lieder und Geigen verboten. Ist nun alles verschwunden? Nicht ganz. Der Film bestimmt den Standort der heutigen Mongolei zwischen Tradition und Moderne: Einerseits ist die Tradition sehr lebendig. Andererseits vergessen die Menschen ihre Erzählungen über iPod und Handy. »Wehe denen, die schlechte Lieder singen«, sagt eine alte Sängerin. Einmal muss Urna das Handy fünf Meter in die Luft werfen, um eine SMS abzuschicken. Die Technisierung ist nicht flächendeckend. »Das Lied von den zwei Pferden« – ein besonderes Stück Musik-Kino abseits der Hauptreiserouten.

Was macht ein gebürtiger Algerier in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito, hoch oben in den südamerikanischen Anden? Im Fall von Lamine Fellah lautet die Antwort: Er sendet von dort seinen so fröhlichen wie globalisierungskritischen Mestizo-Reggae in die Welt. Dabei ist Lamine Fellah selbst ein Kind der Globalisierung: Als Diplomatensohn in Spanien, der Schweiz und Westafrika aufgewachsen, saugte er von Kindesbeinen an Reggae, Rock und Afro-Salsa in sich auf. Nach dem Studium in Kanada verschlug es ihn nach Lateinamerika, wo er seitdem als »Sarazino« auf sich aufmerksam macht. Mit diesem Namen spielt er auf das westliche Klischee an, das Muslime als Krieger zeigt. Doch Sarazino geht es eher um musikalische Weltumarmung: Auf seinem Album »Ya Foy«, was im westafrikanischen Slang so viel wie »Hier sind wir« heißt, zeigt er sich am Mestizo-Sound eines Manu Chao geschult. Seine Songs basieren meist auf einem flotten ReggaeOffbeat. Die Party-Melodien paaren sich mit positiven und manchmal auch politischen Botschaften, für die Texter Isidro Garcia verantwortlich zeichnet. In »Cochabamba« feiert Sarazino den Linksruck in Lateinamerika, in »Noticias del Enemigio« kritisiert er Kriegstreiberei. Und in seinem Song »People«, dem der legendäre Reggae-Sänger Toots Hibbert seine Stimme leiht, gibt Sarazino das Motto aus: »Make Love your Religion.« – »Mach Liebe zu deiner Religion.«

»Das Lied von den zwei Pferden«. D 2009. Regie: Byambasuren Davaa. Darsteller: Urna ChaharTugchis u.a. Start: 4. März 2010

Sarazino: Ya Foy (Cumbancha Dicovery)

Film: Jürgen Kiontke | Musik: Zonya Dengi 74

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Sich ranhalten und überleben Hervorragende Arbeit an verschiedenen Perspektiven: Der Episodenfilm »Ajami« von Scandar Copti und Yaron Shani verknüpft die Welten von Juden, Christen und Muslimen. Von Jürgen Kiontke

A

ngst ist eine große Schande. Nur Feiglinge laufen weg. So lauten die Glaubenssätze, die sich die Figuren in »Ajami«, dem mehrfach preisgekrönten Film von Scandar Copti und Yaron Shani, an den Kopf werfen

»Ajami«. D, IL 2009. Regie: Scandar Copti, Yaron Shani. Darsteller: Shahir Kabaha, Fouad Habash, Ibrahim Frege u.a. Start: 11. März 2010

Foto: Neue Visionen

müssen. Und sie haben auch allen Grund dazu: Omar (Shahir Kabaha), sein kleiner Bruder Nasri (Fouad Habash) und Kumpel Malek (Ibrahim Frege) haben einen der gefährlichsten Beduinenclans Südisraels am Hals. Eines Tages steht ein Mitglied dieser Gang im Café von Omars Onkel – und ballert mit der Maschinenpistole herum. Es dauert nicht lange, da ist der Gangster querschnittsgelähmt und der Onkel schwer verletzt. Macht unterm Strich eine fünfstellige Ausgleichssumme, wie der weise Dorfrichter feststellt. Eines ist klar: Aus der Sache rauskommen, wird teuer. Wenn das Geld nicht nach 37 Tagen auf dem Tisch liegt, wird die ganze Familie ermordet. Omar und sein Kumpel müssen sich ranhalten: Autodiebstahl, Drogenverkauf – sie probieren alles aus, was Geld einzubringen verspricht und was sie nicht können. Das Viertel Ajami in der israelischen Stadt Jaffa ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen: Juden, Muslime und

Christen wohnen hier. Sie haben nicht nur unterschiedliche Ansichten und Gebräuche, sie haben auch unterschiedlich viel Macht. Omars Lebensgeschichte macht nur ein gutes Drittel von »Ajami« aus: Er ist der Protagonist jenes Erzählstrangs, der das Leben arabischer Israelis in der Stadt Jaffa nahe Tel Aviv widerspiegelt. Wie die Araber haben auch Christen und Juden in »Ajami« ein hartes Leben. Da ist der christliche Kaufmann, der die Kontrolle über das Familienleben, wie er es kannte, verliert. Und da ist der jüdische Polizist, dessen Bruder getötet wird. Der Episodenfilm verknüpft das Leben aller auf schicksalhafte Weise. Und ist von Kameramann Boaz Yehonatan Yaacov perfekt in Bildern festgehalten. Aber er ist nicht der einzige, der das Geschehen festhält. Nasri versteht sich schon mit 13 Jahren als Fotoreporter – der kleine Erzähler zeichnet das gesamte Geschehen als Graphic Novel auf, als gezeichneten Comic-Roman. Charakteristisch an »Ajami« ist: Hier wird keine Schuld gesucht. Hier treffen Menschen unterschiedlicher Weltreligionen in einer explosiven Region zusammen. Armut und Enge – ja, und auch die Beschränktheit aller Beteiligten lassen scheinbar unausweichliche Konflikte entstehen. »Die Idee war, verschiedene Geschichten zu erzählen, eine nach der anderen«, sagt Regisseur Shani. Aber dann wurde es eine, die aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird – das war der bessere Ansatz. Alle Rollen wurden mit Laiendarstellern besetzt. Und das war eine gute Wahl.

Am Boden. Filmszene aus »Ajami«.

kultur

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film&musik

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Tag für Tag werden Menschen gefoltert, wegen ihrer Ansichten, Hautfarbe oder Herkunft inhaftiert, ermordet, verschleppt oder man lässt sie »verschwinden«. amnestyinternational veröffentlicht regelmäßig an dieser Stelle drei Einzelschicksale, um an das tägliche Unrecht zu erinnern. Internationale Appelle helfen, solche Menschenrechtsverletzungen anzuprangern und zu beenden. Sie können mit Ihrem persönlichen Engagement dazu beitragen, dass Folter gestoppt, ein Todesurteil umgewandelt oder ein Mensch aus politischer Haft entlassen wird. Schreiben Sie bitte, im Interesse der Betroffenen, höflich formulierte Briefe an die jeweils angegebenen Behörden des Landes. Sollten Sie eine Antwort auf Ihr Appellschreiben erhalten, schicken Sie bitte eine Kopie an amnestyinternational.

amnestyinternational Postfach, 53108 Bonn Tel.: 0228 - 98 37 30, Fax: 0228 - 63 00 36 E-Mail: info@amnesty.de, www.amnesty.de Spendenkonto Bank für Sozialwirtschaft (BfS), Köln Konto: 80 90 100, BLZ: 370 205 00 oder Postbank Köln Konto: 22 40 46 - 502, BLZ: 370 100 50

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Foto: privat

briefeGeGen dasVerGessen

tunesien saberraGoubi Im Dezember 2006 und Januar 2007 wurden 30 Männer unter dem Verdacht festgenommen, in der Nähe der Stadt Soliman unweit von Tunis in einen Zusammenstoß zwischen den Sicherheitskräften und einer bewaffneten Gruppe verwickelt gewesen zu sein. Nach der Gesetzeslage hätten sie innerhalb von sechs Tagen einem Richter vorgeführt werden müssen, diese Frist wurde in ihrem Fall jedoch nicht gewahrt. Der Prozess gegen die Männer fand am 30. November 2007 statt. Sie wurden unter anderem wegen Verschwörung zum Sturz der Regierung, Einsatz von Schusswaffen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Die Männer bestritten sämtliche Vorwürfe. Das Gerichtsverfahren, dem Delegierte von Amnesty beiwohnten, verstieß gegen internationale Standards der Fairness. Vor Gericht gaben die Männer an, in der Haft gefoltert und misshandelt worden zu sein. Man habe sie unter anderem an der Decke aufgehängt, mit Fäusten und Stöcken geschlagen, ihnen Elektroschocks versetzt und sie Scheinhinrichtungen unterzogen. Einigen der Männer wurde angedroht, man werde sie selbst oder aber ihre Mütter und Schwestern vergewaltigen. Der Angeklagte Saber Ragoubi sagte: »Ich wurde im Gefängnis von Mornaguia misshandelt und verlor dabei drei meiner Vorderzähne. Ich habe eine Untersuchung des Vorfalls beantragt. Darüber hinaus musste ich mich nackt ausziehen, weil man mich zur Rasur meines Bartes zwingen wollte.« Das Gericht untersuchte die Vorwürfe der Angeklagten, gefoltert und zu Geständnissen gezwungen worden zu sein, nicht in angemessener Weise. Von den 30 Angeklagten wurden 29 zu Freiheitsstrafen zwischen drei Jahren und lebenslanger Haft verurteilt. Gegen Saber Ragoubi erging die Todesstrafe. Er befindet sich derzeit in Einzelhaft und darf unter Verstoß gegen tunesische Rechtsvorschriften wie auch internationale Standards weder Besuche von seiner Familie erhalten noch schriftlich kommunizieren. Bitte schreiben Sie höflich formulierte Briefe an den tunesischen Staatspräsidenten und fordern Sie ihn auf, das Todesurteil gegen Saber Ragoubi umzuwandeln, ihm Besuche seiner Familie und medizinische Behandlung zu gewähren. Fordern Sie außerdem Wiederaufnahmeverfahren für alle Angeklagten, die internationalen Standards für faire Prozesse entsprechen. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Französisch, Englisch oder auf Deutsch an: President Zine El Abidine Ben Ali Palais Présidentiel Tunis TUNESIEN (korrekte Anrede: Your Excellency) Fax: 002 16 - 71 74 47 21 Standardbrief Luftpost bis 20 g: € 1,70 Senden Sie bitte eine Kopie Ihres Schreibens an: Botschaft der Tunesischen Republik Lindenallee 16, 14050 Berlin Fax: 030 - 30 82 06 83

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Während einer friedlichen Demonstration am Valentinstag 2003 wurden mehrere Mitglieder der Menschenrechtsorganisation Women of Zimbabwe Arise (WOZA) festgenommen. Einige wurden über Nacht in Haft gehalten. Seit diesem Vorfall sind Mitglieder der Organisation wiederholt von der Polizei festgenommen, eingeschüchtert, schikaniert und misshandelt worden. Bei friedlichen Protesten und Demonstrationen kommt es bis heute immer wieder zu Festnahmen. Selbst schwangere Frauen und von ihren Kindern begleitete Mütter bleiben davon nicht verschont. Am 28. Mai 2008 wurden in Harare bei einer Demonstration, die sich gegen staatlich geschürte Gewalt im Vorfeld der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen richtete, 14 WOZA-Mitglieder festgenommen. Zwölf der Festgenommenen kamen am 11. Juni gegen Kaution wieder frei, die WOZA-Sprecherinnen Jenni Williams und Magodonga Mahlangu verbrachten hingegen 37 Tage in Haft. Bislang wurden mehr als 3.000 WOZA-Mitglieder festgenommen und zeitweise in Haft gehalten. Ihr Einsatz für die Menschenrechte ist durch die ständige Gefahr der Inhaftierung bedroht. Um auf die Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, mit denen Frauen und ihre Familien bei der Wahrnehmung ihrer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte konfrontiert sind, organisiert WOZA in den Monaten Februar und März regelmäßig Demonstrationen. Damit die Organisation ihre friedlichen Aktionen fortführen kann, benötigt sie Ihre Unterstützung. Bitte schreiben Sie höflich formulierte Briefe an den Polizeipräsidenten von Simbabwe und geben Sie Ihrer Sorge über willkürliche Festnahmen, Einschüchterungsversuche und Misshandlungen von WOZA-Mitgliedern Ausdruck. Richten Sie die Erwartung an den Polizeipräsidenten, dass die in der Verfassung des Landes wie auch international verbrieften Rechte der WOZAMitglieder auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit respektiert werden. Schreiben Sie in gutem Englisch oder auf Deutsch an: Augustine Chihuri Commissioner General of Police Zimbabwe Republic Police Police Headquarters PO BOX 8807 Causeway Harare SIMBABWE (korrekte Anrede: Dear Commissioner General) Fax: 002 58 - 263 - 425 32 12 Standardbrief Luftpost bis 20 g: € 1,70 Senden Sie bitte eine Kopie Ihres Schreibens an: Botschaft der Republik Simbabwe Herrn Robert Mabulala, Botschaftsrat Kommandantenstr. 80 10117 Berlin Fax: 030 - 20 45 50 62

briefeGeGendasVerGessen

Foto: Amnesty

Foto: WOZA

simbabWe Woza-mitGlieder

moldau oxanaradu Nach Protesten gegen den Ausgang der Parlamentswahlen vom April 2009 wurden Berichten zufolge mehrere hundert Menschen, unter ihnen Minderjährige, von der Polizei festgenommen. Oxana Radu zählte zu einer Gruppe von 36 jungen Leuten aus dem Süden Moldaus, die mit zwei Kleinbussen in die Hauptstadt Chisinau gereist waren, um an den Demonstrationen teilzunehmen. Als sie am 7. April kurz vor Mitternacht die Rückfahrt antreten wollten, wurden sie von der Polizei angehalten, zur Wache nach Chisinau gebracht und dort misshandelt. Oxana Radu gab gegenüber Amnesty International an: »Sie führten mich in einen Raum, in dem sich ein Polizist und eine Polizistin befanden. Ich musste mich nackt ausziehen und versuchte, meine Blöße mit den Armen zu verdecken. Ich war ziemlich außer Fassung, doch sie lachten über mich und sagten: ›Dir ist kalt, wir werden Dich aufwärmen.‹ Sie zwangen mich, Kniebeugen zu machen.« Anschließend wurde Oxana Radu in eine Zelle gebracht, in der sich ihre Schwester und vier weitere Frauen befanden. Berichten zufolge blieben die Gefangenen zwei Tage lang ohne Nahrung und Wasser, durften keinen Kontakt zu ihren Familien aufnehmen und auch keinen Rechtsbeistand einschalten. Oxana Radu wurde beschuldigt, einen Polizisten angebrüllt zu haben. Noch auf der Wache wurde sie einem Richter vorgeführt, der sie zu fünf Tagen Verwaltungshaft verurteilte. Zur Ableistung der Strafe wurde Oxana Radu zusammen mit zwei anderen Frauen in den Norden des Landes gebracht. Am 14. April gegen 14 Uhr kam sie wieder frei. Oxana Radu erstattete Anzeige wegen ihrer Behandlung, die Staatsanwaltschaft lehnte jedoch die Einleitung strafrechtlicher Ermittlungen ab. Bitte schreiben Sie höflich formulierte Briefe an den Generalstaatsanwalt und fordern Sie, dass der von Oxana Radu erhobene Vorwurf der Misshandlung im Gewahrsam der Polizei unverzüglich untersucht und die Verantwortlichen vor Gericht gebracht werden. Schreiben Sie in gutem Moldauisch, Englisch oder auf Deutsch an: Valeriu Zubco General Prosecutor Str. Mitropolit Beneleski-Bodoni, 26 Chisinau MD-2005 MOLDAU (korrekte Anrede: Dear Prosecutor General) Standardbrief Luftpost bis 20 g: € 0,70 Senden Sie bitte eine Kopie Ihres Schreibens an: Botschaft der Republik Moldau Herrn Aureliu Ciocoi, Botschaftsrat Gotlandstr. 16, 10439 Berlin Fax: 030 - 44 65 29 72 E-Mail: office@botschaft-moldau.de oder aciocoi@botschaft-moldau.de

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Foto: Michael Danner

AMNESTY HISTORY

Die Planer des Massakers vor Gericht stellen. Ana Ignacia RodrĂ­guez im Oktober 2009 im Ibero-Amerikanischen Institut Berlin.

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adoptiertVonGruppe209 40 Jahre nach ihrer Verhaftung hat »La Nacha« zum ersten Mal Deutschland besucht. Als Gefangene wurde sie von einer Frankfurter Amnesty-Gruppe betreut. Heute kämpft sie gegen die Straflosigkeit in Mexiko. Im Januar 1971 bekam eine Frankfurter Amnesty-Gruppe Post aus Mexiko. Auf dem maschinengeschriebenen Brief stand handschriftlich, quer über den Briefbogen: »Ich bin frei!« Zwei Jahre war Ana Ignacia Rodríguez, bekannt als La Nacha, im Frauengefängnis von Mexiko-Stadt eingesperrt, bevor sie diesen Satz schreiben konnte. Kurz nach ihrer Verhaftung hatten Mitglieder der Amnesty-Gruppe 209 in Frankfurt am Main begonnen, La Nacha zu betreuen. Sie schickten ihr Briefe ins Gefängnis, korrespondierten mit ihrem Anwalt und forderten von der mexikanischen Regierung ihre Freilassung. Rodríguez zählt zu den wenigen Frauen, die in der mexikanischen Studentenbewegung eine führende Rolle gespielt haben. Das Massaker vom 2. Oktober 1968 im Stadtteil Tlatelolco, bei dem Militär und das paramilitärische Batallón Olimpia Hunderte Teilnehmer einer Studentendemonstration erschossen, hatte La Nacha überlebt. Anschließend geriet sie aber ins Visier der Geheimdienste, wurde verschleppt und später aufgrund einer fabrizierten Anklage zu 16 Jahren Haft verurteilt. Im Herbst 2009 kam La Nacha zum ersten Mal nach Deutschland. Auf Einladung von Amnesty International berichtete sie auf Veranstaltungen über ihren andauernden Kampf gegen Straflosigkeit und über die aktuelle Situation in Mexiko. Gern hätte sie auch ihre Briefpartner von damals persönlich kennengelernt, die leider aber nicht mehr am Leben sind oder nicht mehr zu erreichen. Drei Monate nach dem Massaker von Tlatelolco wurden Sie zu Hause festgenommen. Wie lief Ihre Festnahme ab? Ich war zuerst überrascht, denn ich war schon zwei Mal verhaftet und wieder frei gelassen worden. Einmal, als die Armee die Universität besetzte, und das zweite Mal nach dem Massaker. Am 2. Januar 1969, also beim dritten Mal, wurden ich und ein Kommilitone von Bewaffneten aus meiner Wohnung entführt. Sie haben uns die Augen verbunden und in ein Haus gebracht. Ich nehme an, es gehörte dem Militär, doch entsprechende Beweismittel sind bis heute nicht zugänglich. Dort behielten sie uns eine Nacht und einen Tag und haben uns getrennt verhört. Was wurde Ihnen vorgeworfen? Sie warfen mir die absurdesten Straftaten vor, acht gewöhnliche Verbrechen – Diebstahl und Beschädigung von Eigentum anderer, Körperverletzung, Besitz von Waffen, Ermordung eines Soldaten – und noch zwei politische Straftaten – Aufruhr und Anstiftung zur Rebellion. Sie wollten, dass ich ein Schuldbekenntnis unterschreibe. Nichts davon war wahr, aber ich wurde unter starken psychischen Druck gesetzt und wusste mir schließlich nicht anders zu helfen, als zu unterzeichnen. Aufgrund der Anklage wurde ich dann später zu 16 Jahren Haft verurteilt. Wie haben Sie während Ihrer Gefangenschaft bemerkt, dass sich Amnesty für Sie einsetzte? Eines Tages kam ein Brief für mich an, und ich habe mich gefragt, wo der herkam, da es ein ungewöhnlicher Umschlag mit

amnestyhistory

ausländischen Briefmarken war. Ich erfuhr darin, dass Amnesty Gefangene adoptiert, die keine Verbrechen begangen haben, und dass die Amnesty-Gruppe aus Frankfurt sich um mich – eine mexikanische Studentin, 23 Jahre alt und unschuldig im Frauengefängnis für gewöhnliche Kriminelle – kümmern wollte. Ich erhielt Postkarten und Briefe, die eine andere Gefangene für mich übersetzte, und zu Weihnachten schickten sie mir ein Paket. Sie haben auch Briefe an den Präsidenten geschrieben, in denen sie meine Entlassung forderten. Ich bin mir sicher, dass Amnesty zu meiner Freilassung beigetragen hat. Nachdem ich dann frei war, hat mir die Frankfurter Gruppe deutsches Geld geschickt, damit ich mein Leben wieder aufbauen konnte. Ich bin ihnen sehr dankbar. Leider habe ich zu meinen damaligen Helfern später den Kontakt verloren. Sie wurden schließlich nach zwei Jahren freigelassen, obwohl Sie zu 16 Jahren verurteilt worden waren. Wie kam es dazu? Luis Echeverría, der als Innenminister der Hauptverantwortliche für das Massaker von Tlatelolco war, wurde 1970 Präsident. Er hat politische Gefangene freigelassen, zum einen, weil er unter Druck gesetzt wurde, und zum anderen, um sich als Staatsoberhaupt beliebt zu machen. Sie haben uns gesetzeswidrig ins Gefängnis gebracht, und genauso gesetzeswidrig haben sie uns rausgelassen. Mir wurde keine Amnestie gewährt. Ein Jahr lang musste ich mich jede Woche bei der Polizei melden. Aufgehoben wurde nur die Verurteilung wegen der gewöhnlichen Delikte, nicht die für die politischen Delikte. Jetzt kämpfen Sie im »Comité 68« für Verfahren gegen die Verantwortlichen für die Niederschlagung der 68er-Bewegung. Ja, wir haben den Leiter des Bundessicherheitsdienstes, der für unsere Gefangenschaft verantwortlich war, vor Gericht gebracht, aber das Verfahren wurde schließlich aufgrund seines Alters und seines Gesundheitszustandes eingestellt. Echeverría, der für das Massaker die Verantwortung trägt, stand zwei Jahre lang unter Hausarrest, aber auch dieses Verfahren wurde ausgesetzt. Die Justiz sah das Massaker nicht als Genozid an und Mord verjährt in Mexiko nach 30 Jahren. Wir beabsichtigen deshalb, den 2. Oktober 1968 als Genozidfall vor die Interamerikanische Menschenrechtskommission zu bringen, um die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft zu ziehen. Wie gehen heute, über 40 Jahre danach, die Behörden mit dem Massaker um? Die Regierung hat zu den Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen noch immer nicht Stellung genommen. Es gibt keine offizielle Version dessen, was wirklich passiert ist oder ein Schuldeingeständnis des Staates. Wir werden also nie erfahren, wie viele Menschen ermordet wurden, und es gibt bis heute »Verschwundene«. Inzwischen wurde aber immerhin ein Denkmal für die Ermordeten und politischen Gefangenen errichtet; und das alte Frauengefängnis haben sie jetzt in eine Hochschule umgewandelt. Wir wollen, dass dort ein Museum des Widerstandes entsteht. Nach 41 Jahren kämpfen wir immer noch weiter, aber jetzt ist es ein Kampf für die Gerechtigkeit. Wir wollen kein Schweigen und kein Vergessen. Interview: Sophie Hatzfeldt

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Fotos: Amnesty

AKTIV FÜR AMNESTY

»Jahr der verpassten Chancen«. Mahnwache von Amnesty International in Darmstadt am internationalen Tag der Menschenrechte, 10. Dezember 2009.

siGnaleGeGendasVerGessen Mit zahlreichen Aktionen machten die Mitglieder von Amnesty International am 10. Dezember auf Verletzungen der Menschenrechte aufmerksam. Von Petra Kilian Die Bilanz ist enttäuschend. Vom »Jahr der verpassten Chancen« sprach Monika Lüke, Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, am 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte. »Während Obama die Möglichkeit verpasst, Guantánamo binnen eines Jahres zu schließen, scheint es die Bundeswehr in Afghanistan zu versäumen, Menschenrechte und den Schutz der Zivilbevölkerung zu den entscheidenden Maßstäben bei der Terrorismusbekämpfung zu machen«, sagte Lüke. Auch die Europäische Union habe die Chance verpasst, mit dem »Stockholmer Programm« eine moderne, menschenrechtskonforme Migrations- und Flüchtlingspolitik zu verankern. Den Tag genutzt haben weltweit Tausende Mitglieder von Amnesty International, um auf Menschenrechtsverletzungen auf-

Wohnen. In Würde. Amnesty-Aktion in Schweinfurt, 10. Dezember 2009.

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merksam zu machen. Am 10. Dezember organisierten AmnestyGruppen auch in vielen deutschen Städten Ausstellungen, Theatervorführungen und Konzerte für die Menschenrechte. Mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Mahnwachen engagierten sich die Mitglieder für eine bessere europäische Flüchtlingspolitik, für Frauenrechte, das Menschenrecht auf Wohnen oder gegen die Straflosigkeit bei Menschenrechtsverbrechen. In München und Schweinfurt stellten Amnesty-Gruppen Papphütten auf, die von einem Bagger niedergewalzt wurden – ein Protest gegen illegale Zwangsräumungen, die in vielen Slums zum Alltag gehören. Auch in Darmstadt gab es eine Mahnwache zur Amnesty-Kampagne »Wohnen. In Würde«. Gegen die Todesstrafe engagierte sich die Schramberger Amnesty-Gruppe mit einer Ausstellung. In Waiblingen standen die Rechte der Kinder im Mittelpunkt. In Hamburg wurde über den »Krieg gegen Menschenrechte in Afghanistan« diskutiert. Über Straflosigkeit in Bosnien und Kroatien informierte die Aachener AmnestyGruppe. Im Bezirk Berlin-Brandenburg griffen die Mitglieder zum Stift. Zeitgleich mit Amnesty-Gruppen in Polen, Portugal, Thailand, der Türkei, Marokko, Mexiko und 35 weiteren Ländern beteiligten sie sich am sogenannten Briefmarathon. In ihren Schreiben forderten sie unter anderem die Regierungen von Vietnam, Kolumbien, Äthiopien, Griechenland, Israel und Nicaragua auf, die grundlegenden Menschenrechte zu respektieren. Jeder der Briefe machte auf das Schicksal eines Menschen aufmerksam, über den die Medien kaum berichten: Gewerkschafter, Jugendliche, Frauenrechtlerinnen und einfache Dorfbewohner, die verfolgt, misshandelt, vertrieben oder verhaftet werden. Die Briefe über 150.000 Briefe und rund 200.000 Online-Unterschriften sind ein Signal gegen das Vergessen – und ein Zeichen dafür, dass sich die Amnesty-Mitglieder weltweit nicht entmutigen lassen.

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filmzumhaaGertribunalbleibtaktuell Ein Vater spielt mit seinen Töchtern am Meer, sie jagen über den Sand und lachen. Kurz darauf stürmen bewaffnete Sicherheitskräfte das Ferienhaus der Familie und nehmen den Vater mit. Es ist Goran Duric, ehemaliger Befehlshaber der jugoslawischen Volksarmee und mutmaßlicher Kriegsverbrecher. Er wird nach Den Haag vor das Kriegsverbrechertribunal gebracht. Für die Anklägerin Hannah Maynard beginnt ein Prozess, der viele Wunden aufreißt und die Tücken der internationalen Gerichtsbarkeit offenbart. Auf der Berlinale 2009 erhielt der Film »Sturm« den 5. Amnesty International Filmpreis. Dem Regisseur Hans-Christian Schmid sei es gelungen, »ein abstraktes Thema – die juristische Aufarbeitung von schweren Menschenrechtsverletzungen – emotional bewegend« aufzuarbeiten, lautete die Begründung der Jury. AmnestyMitglieder begleiteten die Premiere des

Films im September 2009 in den Kinos mit Aktionen. Ab März 2010 ist die DVD im Handel erhältlich. Im Film berichtet die Zeugin der Anklage über ein reales schweres Kriegsverbrechen: Tausende Mädchen und Frauen wurden in Bosnien und Herzegowina in den Kriegsjahren 1992 bis 1995 vergewaltigt. Im September 2009 zeigte der Amnesty-Bericht »Whose Justice?«, dass

sie auch 14 Jahre nach dem Krieg keine Gerechtigkeit erfahren haben. Sie erhalten keine staatliche medizinische Versorgung oder psychologische Betreuung. Eine Petition forderte die Regierung von Bosnien und Herzegowina auf, die Rechte der Überlebenden zu achten und ihnen Entschädigung zu gewähren. Den Bericht und Informationen zu »Sturm« finden Sie auf www.amnesty.de/whose-justice.

Foto: 23/5 / Zentropa / IDTV / Gerald von Foris

Auf der Berlinale 2009 erhielt »Sturm« den Amnesty International Filmpreis – ab März ist die DVD im Handel erhältlich. Von Merret Nommensen

Ein abstraktes Thema bewegend dargestellt. Szene aus dem Film »Sturm«.

SEMINARE 26. bis 28. Februar 2010: Flüchtlinge brauchen Schutz – aber wie? Einführung in die Asylarbeit von Amnesty International. Anmeldung: Katholische Akademie Schwerte, z.Hd. Frau Siepmann, Tel.: 023 04 - 47 70, Fax: 023 04 - 47 75 99, E-Mail: siepmann@akademie-schwerte.de, www.akademie-schwerte.de GOSLAR 16. bis 18. April 2010: Amnesty macht Bildung – Menschenrechtsbildung praktisch erleben. Anmeldung: St. Jakobushaus, z.Hd. Herrn Paulus, Tel.: 053 21 342 60, Fax: 053 21 - 34 26 26. E-Mail: info@jakobushaus.de, www.jakobushaus.de WÜRZBURG 23. bis 25. April 2010: Seminar gegen die Todesstrafe – Die Welt braucht einen Hinrichtungsstopp. Anmeldung: Akademie Frankenwarte, z.Hd. Frau Momper, Tel.: 0931 - 804 64 - 333; Fax: 0931 - 804 64 - 44; E-Mail: thea.momper@frankenwarte.de, www.frankenwarte.de SCHWERTE

AKTIV FÜR AMNESTY Amnesty-Mitglieder geben den Opfern von Menschenrechtsverletzungen eine Stimme und tragen somit einen unentbehrlichen Teil zur Arbeit von Amnesty International bei. Erfahren Sie mehr über weitere Aktionen und geplante Veranstaltungen auf www.amnesty.de/aktiv-vor-ort und www.amnesty.de/kalender

impressum Amnesty International, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V., 53108 Bonn, Tel.: 0228 - 98 37 30, E-Mail: Info@amnesty.de, Internet: www.amnesty.de Redaktionsanschrift: Amnesty International, Redaktion Amnesty Journal, Postfach 58 01 61, 10411 Berlin, E-Mail: journal@amnesty.de (für Nachrichten an die Redaktion) Redaktion: Bernd Ackehurst, Markus N. Beeko, Daniel Kreuz, Ferdinand Muggenthaler (V.i.S.d.P.), Larissa Probst Mitarbeit an dieser Ausgabe: Birgit Albrecht, Ali Al-Nasani, Zonya Dengi, Amke Dietert, Hans-Ulrich Dillmann, Bu Dongwei, Else Engel, Marc Engelhardt, Jürgen Gottschlich, Jeannette Goddar, Gabriele Del Grande, Sophie Hatzfeldt, Susanne Jesih, Ines Kappert, Jürg Keller, Petra Kilian, Jürgen Kiontke, Sabine Küper, Thomas Lindemann, Claudia Mende, Merret Nommensen, Gunda Opfer, Wera Reusch, Uta von Schrenk, Wolf-Dieter Vogel, Sarah Wildeisen

Druck: Johler Druck GmbH, Gadelander Str. 77, 24539 Neumünster Bankverbindung: Amnesty International, Kontonr. 80 90 100, Bank für Sozialwirtschaft (BfS), Köln, BLZ 370 205 00 Das Amnesty Journal ist die Zeitschrift der deutschen Sektion von Amnesty International und erscheint sechs Mal im Jahr. Der Verkaufspreis ist im Mitgliedsbeitrag enthalten. Nichtmitglieder können das Amnesty Journal für 30 Euro pro Jahr abonnieren. Für unverlangt eingesandte Artikel oder Fotos übernimmt die Redaktion keine Verantwortung. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder. Die Urheberrechte für Artikel und Fotos liegen bei den Autoren, Fotografen oder beim Herausgeber. Der Nachdruck von Artikeln aus dem Amnesty Journal ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion erlaubt. Das gilt auch für die Aufnahme in elektronische Datenbanken, Mailboxen, für die Verbreitung im Internet oder für Vervielfältigungen auf CD-Rom.

ISSN: 1433-4356 | Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Recyclingpapier.

Layout und Bildredaktion: Heiko von Schrenk / schrenkwerk.de

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diemenschenrechte. ichschÜtzesie– sieschÜtzenmich Der Amnesty International Report 2009 liefert Daten und Fakten zum aktuellen Stand der Menschenrechtssituation in 157 Ländern der Welt. Er ist ein Appell an die Weltöffentlichkeit, nicht die Augen zu verschließen, sondern Menschenrechtsverletzungen aktiv entgegenzutreten.

Keine Rechte zweiter Klasse Broschüre zu wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten. DIN A4, ca. 40 Seiten Art.-Nr. 21110 | 5,00 Euro

Broschur mit Länderkarten, 544 S. | S. Fischer Verlag 2009 | Art.-Nr. 01009 | 14,95 Euro Wohnen. In Würde. Plakat AEMR

Broschüre zu Slums und Zwangsräumungen.

Mit allen 30 Artikeln der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte« im Überblick auf einer Seite.

DIN A4, 12 Seiten Art.-Nr. 21010 | Euro 3,00

DIN A1 offen, gefaltet DIN A4 | © ai 2008 Art.-Nr. 34107 | 1 VE = 50 Stück | 6,20 Euro Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Postkartenset »Die Menschenrechte«

Kleine handliche Broschüre, 7,4 x 10,5 cm, zweifarbig.

Drei Motive: Ich sehe das anders, Ich will’s wissen, Ich habe ein Geheimnis

Deutsch: 24 S. | Art.-Nr. 11108 | 1,00 Euro

DIN A6, gelb/schwarz Art.-Nr. 53308 | 1 VE = 150 Stk. | 9,60 Euro

Deutsch/Englisch: 48 S. | Art.-Nr.: 11308 | 1,00 Euro

Wer? Wie? Was? Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« für Kinder

Türhänger für die Menschenrechte

Broschüre, 48 S., 14 x 14 cm, Illustration: Yayo Kawamura

Zum Verteilen an Türen, Fahrrädern, in Bussen und Bahnen. Mit Artikeln der Menschenrechte auf der Rückseite.

Art.-Nr. 31006 | 5,00 Euro

Motiv 1: Bitte nicht stören / Ich bin frei Art.-Nr. 59008 | 1 VE = 50 Stk. | 14,50 Euro Motiv 2: Ich fahre, wohin ich will Art.-Nr. 59208 | 1 VE = 50 Stk. | 14,50 Euro

Amnesty macht Schule Unterrichtsvorschläge zu den Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte für die Klassen 5–13 und für verschiedene Unterrichtsfächer.

Luftballons

Broschüre, DIN A4, 146 S. | Art.-Nr. 51008 | 6,- Euro

»Ich fliege, wohin ich will.« – Der Luftballon zum Artikel 13 der Menschenrechte. Motiv: Ich fliege, wohin ich will. Art.-Nr. 59108 | 50 Stück | 7,50 Euro

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Amnesty Journal, 02-03/2010

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Abs.: Amnesty International, Postfach, 53108 Bonn Postvertriebsstück · 1201 · Entgelt bezahlt

Greifensieein. mitihrerunterschrift. Jede dritte Frau wird Opfer von Gewalt – unabhängig von ihrer Herkunft, Religion und Kultur. Frauen werden misshandelt, weil sie Frauen sind. Gegen solche Menschenrechtsverletzungen setzt sich Amnesty International ein. Häusliche Gewalt darf nicht ungeahndet bleiben. Unterstützen Sie uns dabei, öffentlichen Druck aufzubauen und Unrecht anzuprangern. Mit Ihrer Unterschrift können Sie etwas verändern. www.amnesty.de/aktionen

Amnesty Journal Dezember/Januar 2009/2010  

Verletzt, verkauft, verheiratet: Was Mädchen erleiden und wie sie ihre Rechte erkämpfen Zur Schule gehen. Den Ehemann selbst aussuchen. Zum...

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