__MAIN_TEXT__

Page 1

#20 – November 2017

KAMPAGNE ZUM WELT-AIDS-TAG: „POSITIV ZUSAMMEN LEBEN“ • NEUE BLUTSPENDERICHTLINIEN • LET’S TALK ABOUT PREP • RANDBEMERKUNG ZUR EHEÖFFNUNG • PRÄVENTION BRAUCHT NICHT NUR KONDOME • PRAKTIKUM IN DER AIDSHILFE • MIT SICHERHEIT VERLIEBT • KUKU KOLUMNAS LETZTE WORTE


BERATUNG

Beratungsstelle Halle (1. Obergeschoss) Information – Beratung – Betreuung Böllberger Weg 189 06110 Halle (Saale) Öffnungszeiten: Mo., Fr.: 10–13 Uhr, 14–16 Uhr Di., Do.: 14–20 Uhr Mi.: Termine nach Vereinbarung

Beratungstelefon Halle: 0345 - 19411

Universitätsklinikum Halle HIV-Sprechstunde Ernst-Grube-Straße 40, HIV-Ambulanz – Innere IV 06120 Halle (Saale) Sprechzeiten: Di.: 14–16 Uhr

(max. 9 Cent/Min. aus dem dt. Festnetz, max. 42 Cent/ Min. aus den dt. Mobilfunknetzen)

(Ortstarif)

Sprechzeiten: Mo., Fr.: 10–13 Uhr, 14–16 Uhr Di., Do.: 14–20 Uhr Bundesweites Beratungstelefon: 0180 - 3319411

Sprechzeiten: Mo.–Fr.: 9–21 Uhr Sa., So.: 12–14 Uhr Onlineberatung der Aidshilfen: www.aidshilfe-beratung.de

Naumburg Beratungsangebot Am Markt 12, Raum 305 06618 Naumburg (Saale) Sprechzeiten: Jeden 4. Do., 15–18 Uhr BEGEGNUNG

Infothek Halle (Erdgeschoss) Galerie – Café – Bibliothek 0345 - 68165791

Öffnungszeiten: Di., Do.: 14–20 Uhr Jeden 1. Sa.: 11–14:30 Uhr – Brunch im Erdgeschoss

LoveAgents kreatHIV – präventHIV in der Szene Jeden 2. und 4. Mi., 18–20 Uhr Ort: Seminarraum der Aidshilfe (Infothek EG) Email: loveagents@halle.aidshilfe.de

Treffen der Berater_innen Jeden 1. Do., 17–18 Uhr Ort: Beratungsstelle der Aidshilfe (1. OG)

(Ortstarif)

EHRENAMT

YoungStars kreatHIV – präventHIV in der Schule Jeden 1. und 3. Fr., 14–16 Uhr Ort: Seminarraum der Aidshilfe (Infothek EG) SELBSTHILFE

2

Positiventreffen Treffen für Menschen mit HIV Geschlossene Veranstaltung Jeden 3. Mittwoch, ab 18 Uhr Ort: Galeriecafé der Aidshilfe (Infothek EG) Email: positivleben@halle.aidshilfe.de

jes-bundesverband.de hetero.aidshilfe.de jungundpositiv.de angehoerige.org positiv-ev.de positHIV.info hiv-migration.de/netzwerke/afrolebenplus

AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd e.V. Böllberger Weg 189 06110 Halle (Saale) halle.aidshilfe.de

Spendenkonto Bank: Saalesparkasse IBAN: DE14800537620385311531 BIC: NOLADE21HAL


EDITORIAL Liebe Leser_innen des red.-Magazins, liebe Freund_innen der Aidshilfe Halle, schon wieder haltet Ihr eine Jubiläumsausgabe unseres

ten über die diesjährige Kampagne „Positiv zusammen le-

Vereinsmagazins in den Händen. Es sind nun bereits 6 Jah-

ben“, haben ein Interview mit Kampagnenmodell Chris-

re vergangen und 20 Ausgaben erschienen, seit das Pro-

toph geführt und laden Euch zu unserer Vorführung des

jekt „red.“ das Licht der Welt erblickt hat. Jedes einzelne

Films „120 Beats Per Minute“ am 1. Dezember im Zazie

Heft bedeutet einen großen Aufwand für die haupt- und

ein. Darüber hinaus findet ihr eine Vielzahl von Artikeln

ehrenamtliche Mitarbeiter_innen der halleschen Aidshilfe, die Teil des Redaktionsteams sind. Doch jedes Mal überkommt uns ein erneutes Glücksgefühl, wenn wir das Endprodukt dann in gedruckter Form erhalten und im Ergebnis unserer mühseligen Arbeit, aufgewendeten Zeit und zusammengetragenen Ideen schmökern können. Heute können wir zudem ohne zu zögern sagen, dass wir stolzer denn je auf unser Magazin sind, das dreimal jährlich über die aktuellsten Debatten im Aidshilfekontext und all das berichtet, was die hallesche Aidshilfe beschäftigt und bewegt. Die red. sieht besser aus als je zuvor. Auch hinsichtlich der thematischen Vielfalt und inhaltlichen Quali-

zu aktuellen Ereignissen und Diskussionen. Vom Prostituiertenschutzgesetz und den neuen Bluspenderichtlinien bis hin zur Eheöffnung und zur PrEP ist so ziemlich alles vertreten, worüber wir in der halleschen Aidshilfe gerade nachdenken und debattieren. Eine Besonderheit der Jubiläumsausgabe ist außerdem die erste Kolumne von Bewegungstunte Kuku Kolumna, die es sich von nun an nicht nehmen lassen wird, für uns in jedem Heft etwas Zweideutiges zum Weltgeschehen beizutragen. Während ich hier sitze und diese paar Zeilen tippe, macht sich in mir bereits die Vorfreude breit, bald wieder im aktuellen Heft blättern zu können. Ich hoffe, euch geht es

tät hat sich die Redaktion mit ihrer mittlerweile jahrelan-

ebenso. Ich kann euch versprechen, wir haben auch dies-

gen Erfahrung stetig professionalisiert. Die red. gehört

mal wieder allerhand Wissenswertes und Unterhaltsa-

heute ohne Zweifel zur Identität der halleschen Aidshilfe.

mes, aber auch Kontroverses zusammengetragen.

Wie in jeder Dezemberausgabe ist auch in diesem Jahr

Martin Thiele,

der Welt-AIDS-Tag das Schwerpunktthema. Wir berich-

Geschäftsführer und stolzer Redaktionsleiter

INHALT AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd..................................... 2

Let’s talk about PrEP!............................................................. 16–17

Editorial / Inhalt.................................................................................. 3

Prävention braucht nicht nur Kondome!.......................... 18–19

Welt-AIDS-Tags-kampagne 2017...........................................4–5

Bürokratie fürs Sexgeschäft........................................................ 20

Interview mit Kampagnenmodell Christoph........................ 6–7

Mit Sicherheit verliebt....................................................................21

Filmvorführung zum Welt-AIDS-Tag: 120 BPM.................8–9

Weihnachtskonzert durch TonArt /

Zum Hintergrund des Films „120 BPM“:

Der neue Aidshilfe-Teddy............................................................ 22

AIDS-Politiken und „Act Up“............................................... 10–11

Praktikum in der Aidshilfe............................................................ 23

Statement zu neuen Blutspenderichtlinien..................... 12–13

Kuku Kolumna.......................................................................... 24–25

Randbemerkung zur Eheöffnung....................................... 14–15

Veranstaltungen ..................................................................... 26–27

3


Die Kampagne zum Welt-AIDS-Tag 2017 Am 1. Dezember 1988 wurde international der erste Welt-AIDS-Tag begangen, um die Herausforderung zu benennen, der sich die Welt durch HIV und AIDS gegenübersah, und all denen zu gedenken, die an den Folgen der AIDS-Erkrankung starben. Seit in den 1980er Jahren die zerstörerische AIDS-Krise um sich griff, in der sich das HI-Virus rasant und nahezu unaufhaltsam verbreitete und zahlreiche Menschen durch AIDS dahingerafft wurden, hat sich glücklicherweise einiges getan. Heute ist eine HIV-Infektion kein Todesurteil mehr. Vielmehr haben wissenschaftliche Erkenntnisse und medizinischer Fortschritt dafür gesorgt, dass HIV zwar noch nicht heilbar, dafür aber medikamentös wirksam therapierbar ist. Jahrzehnte nach der tödlichen Epidemie ist eine behandelte HIV-Infektion damit zu einer chronischen Erkrankung geworden.

Nichtsdestotrotz gehören HIV und AIDS damit keineswegs der Vergangenheit an. So sind weltweit fast 37 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Im letzten Jahr kam es erneut zu fast zwei Millionen Neuinfektionen. Gerade einmal die Hälfte der weltweit Betroffenen hat jedoch uneingeschränkten Zugang zu den le-

4

bensnotwendigen Medikamenten, die eine AIDS-Erkrankung verhindern. Seit Beginn der AIDS-Krise vor einigen Jahrzehnten sind daher nahezu 35 Millionen Menschen an den Folgen von AIDS gestorben. Davon eine Million im Jahr 2016. Mit 70% der HIV-Übertragungen findet die große Mehrheit der Infektionen auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara statt, doch auch in Ost-Europa und Zentralasien sind die Neuinfektionszahlen in den letzten Jahren wieder gravierend in die Höhe geschnellt. So kann der Anstieg der europäischen HIV-Infektionsrate um 8% im

Jahr 2015 und um 60% in den letzten 10 Jahren vor allem auf die rasche Ausbreitung des Virus in Russland zurückgeführt werden. Mit rund 98.000 gemeldeten Infektionen stieg die Anzahl der Neudiagnosen in Russland binnen eines Jahres um 15%. Seit 2006 erhöhte sich die russische Infektionsrate um sage und schreibe 133%, so dass mittlerweile circa 0,8% der erwachsenen Bevölkerung Russlands an HIV infiziert sind. In Deutschland, dem Land mit einer der stabilsten und niedrigsten Neuinfektionsraten in Europa, leben heute laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) rund 85.000 Menschen mit HIV. Jährlich steigt diese Zahl um rund 3.500 Neuinfektionen. Trotz der simplen HIV-Diagnostik wissen jedoch rund 15% der HIV-Positiven hierzulande nichts von ihrer Infektion. Da HIV vor allem unwissentlich beim Geschlechtsverkehr übertragen wird, stellt diese Dunkelziffer ein erhebliches Problem dar, wenn es um die Verbreitung von HIV geht. Hinzu kommt, dass die nicht diagnostizierte Infektion die Gefahr einer AIDS-Erkrankung und damit schwerwiegender gesundheitlicher Folgeschäden für diese bundesweit ungefähr 13.000 Menschen mit sich bringt. Obwohl in Deutschland heute alle Mittel zu Verfügung stehen, damit niemand mehr an AIDS erkranken muss, kommt es daher immer noch zu 1.000 vermeidbaren AIDS-Diagnosen jährlich. Der Kampf gegen HIV und AIDS ist demnach also keineswegs gewonnen. Dass die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem Virus auch heute noch besteht, ist eine Botschaft des Welt-AIDS-Tages, der in diesem Jahr bereits zum 29. Mal stattfindet. Hierzulande finden sich das Bundesministerium für Gesundheit, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Deutsche AIDS-Hilfe und die Deutsche AIDS-Stiftung alljährlich zusammen, um mit einer gemeinsamen Kampagne zum Welt-AIDS-Tag Aufmerksamkeit für die Thematik zu schaffen. In diesem Jahr steht diese unter dem Motto: „Wir können positiv


halle.aidshilfe.de zusammen leben. Weitersagen!“. Die zentrale Botschaft der Aktion lautet, dass man mit HIV heute leben, lieben und alt werden kann. Ein Fakt, der leider noch nicht ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen zu sein scheint. Viele Menschen haben noch alte Bilder von HIV und AIDS im Kopf und verbinden die Infektion mit Krankheit, Leiden und Tod. Die Kampagne setzt daher auf Aufklärung und möchte realistische, aktuelle Bilder vom Leben mit HIV vermitteln. So sollen Berührungsängste abgebaut und gezeigt werden, dass ein positives Zusammenleben zwischen Menschen mit und ohne HIV möglich ist. Präsentiert wird die Botschaft des diesjährigen Welt-AIDS-Tages vor allem durch die Kampagnenfotos, die in den nächsten Wochen überall in Deutschland auf Plakaten zu sehen seien werden. Wie bereits im letzten Jahr sind auf diesen Menschen zu sehen, die aus ihrem Leben mit der Infektion berichten und über HIV aufklären wollen. Diesmal jedoch stehen diese nicht allein da, sondern befinden sich in (der) Gesellschaft. Sie treten also bereits auf den Bildern in den Austausch mit anderen Menschen, den es bedarf, um über Ängste zu sprechen, Vorurteile abzubauen und Solidarität zu fördern. Christoph fordert dazu auf, die frohe Botschaft weiterzutragen: „Mit HIV kann ich leben. Weitersagen!“ Der 32-jährige Berliner Henning bittet sein Gegenüber zum Gespräch: „Mit HIV kann ich alt werden. Noch Fragen?“ Vivien stellt eine entscheidende Frage: „Gegen

HIV hab ich Medikamente. Und Solidarität?“ Alle drei wollen sie dazu motivieren, aufeinander zuzugehen, frei und unbefangen über Sexualität und HIV zu sprechen und so voneinander zu lernen. Nur so kann vermittelt werden, dass die meisten HIV-Positiven dank guter Behandelbarkeit heute ein gesundheitlich weitgehend problemloses Leben führen können. Nicht nur haben sie eine fast vergleichbare Lebenserwartung wie Menschen ohne HIV, die antiretrovirale Therapie drückt die Viruslast im Blut heute sogar soweit, dass eine Weitergabe der Infektion selbst bei kondomlosem Sex so gut wie ausgeschlossen ist und Kinder auf natürlichem Wege gezeugt werden können. Zugleich fordern die Kampagnenmodells zu Solidarität auf, denn nach wie vor erfahren Menschen mit HIV in vielen Lebensbereichen Diskriminierung, Benachteiligung und Stigmatisierung aufgrund ihrer Infektion. Das Anliegen der Kampagne ist deutlich: Wir müssen die Vielfalt der Gesellschaft anerkennen und solidarisch zusammenstehen, nur dann können wir „positiv zusammen leben“. Gerade vor dem Hintergrund der erstarkenden rechtsradikalen Strömungen in Gesellschaft und Politik, die das soziale Klima seit einiger Zeit vergiften wollen, ist es zudem notwendiger denn je, diese Botschaft weiterzusagen. Text: Martin Thiele Bilder: DAH Infos: welt-aids-tag.de

5


Christoph kann mit HIV gut leben. Und dies möchte er nun weitersagen.

Christoph ist eines der drei Modells der diesjährigen Kampagne zum Welt-AIDS-Tag. Im Interview mit uns beantwortet er alle Fragen zu seiner Person, seiner HIV-Infektion und seinen Erfahrungen als Welt-AIDS-Tags-Botschafter.

6

Hallo Christoph, am Anfang würde ich dich bitten, dich kurz vorzustellen. Wo lebst du, mit was beschäftigst du dich, wofür interessierst du dich? Ich bin Christoph, 31 Jahre alt und letztes Jahr im Oktober nach Berlin gezogen. Im ersten Jahr hier habe ich mich neben meinem Job auch darum gekümmert eine Jungpositiven-Gruppe aufzubauen. Die Gruppe ist für alle HIV-positiven Menschen bis Mitte 30. Außerdem habe ich vor kurzem das Netzwerk „pro plus berlin“ als Verein gegründet, in dem ich auch mit vier weiteren Kolleg*innen in den Vorstand gewählt wurde.

Du bist in diesem Jahr Modell für die Welt-Aids-Tags-Kampagne. Wie bist du dazu gekommen, wieso machst du das und was ist für dich bei deinem Engagement wichtig? Ich habe den Aufruf hierfür im Intranet der Deutschen AIDS-Hilfe gelesen. Nach ein paar Telefonaten mit der DAH haben sich die Kooperationspartner*innen dann für mich entschieden. Ich kenne zwei der drei Protagonisten aus letzem Jahr ganz gut und habe mit ihnen auch schon in anderen Projekten zusammen gearbeitet. Ich fand die Aktion im letzten Jahr so gut, dass ich mich einfach auf den neuen Aufruf melden musste. Wichtig ist mir, ein aktuelles Bild von HIV zu zeigen, was der heutigen Zeit auch entspricht. Jeder hat immer nur die alten Bilder von HIV im Kopf, selbst in den Medien wird das oft zum Welt-AIDS-Tag in Berichten oder in Filmen wie Philadelphia reproduziert. HIV ist heute sehr


wieder daran denken. Aber selbst das ist mittlerweile schon solch ein Automatismus, dass das meist schon von ganz von allein passiert.

Wie lange bist du schon HIV-positiv? Wie war deine Reaktion auf die positive Diagnose und wie hat dein Umfeld reagiert? Wie ist es für dich heute damit zu leben? Ich habe mein positives Testergebnis im Frühjahr 2005 erhalten. Bei der Frage wie meine Reaktion darauf war, muss ich immer etwas ausholen.

Zum Schluss habe ich noch eine Frage zur Kampagne. Die steht ja in diesem Jahr unter dem Motto „Wir können positiv zusammen leben. Weitersagen!“ Was bedeutet diese Aussage für dich und wieso ist dies für dich wichtig? Auf meinem Kampagnenfoto halte ich das Schild mit der Aussage: „Mit HIV kann ich leben. Weitersagen!“ Es ist heute nicht mehr so, dass man sterben muss wenn man die Diagnose als HIV-positiv erhält. HIV-positive Frauen können sogar auf ganz natürlichem Weg Kinder bekommen, die HIV-negativ sind. Mich persönlich schränkt HIV in keinster Weise ein. Ich muss alle drei Monate zu meinem Arzt zur Blutabnahme, um zu schauen, ob mit meinen Blutwerten noch alles in Ordnung ist. Hier wird aber nicht nur auf das Virus und die Helferzellen geschaut, ich werde gesundheitlich komplett durchgecheckt. Ich habe teilweise höhere Helferzellenzahlen wie ein HIV-negativer Mensch. Und falls wirklich mal etwas sein sollte, zum Beispiel eine Nieren- oder Lebererkrankung, dann wird das sehr früh erkannt. Ich kann also ganz sehr gut mit HIV leben. Und das möchte ich als Kampagnenmodell eben weitersagen.

Ich bin einer der wenigen Menschen, die eine extreme Reaktion hatten auf das Virus, eine sogenannte akute Infektion. Mein Imunsystem ist damals rasant in den Keller gefallen, ich war kaum noch ansprechbar und bin letztlich ins Krankenhaus gekommen. Die Ärzte wusste lange nicht, was mit mir los ist, da kein Testverfahren Ergebnisse gebracht hat. Irgendwann hat der Arzt einen HIV-Test gemacht, der hat dann Sicherheit gebracht und mir wortwörtlich das Leben gerettet. Ein paar Tage später und ich hätte das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen. Deswegen ist es auch so wichtig sich bei einem Verdacht auch mal testen zu lassen. Was hat dir geholfen, das zu verarbeiten? Welche Tipps würdest du anderen Menschen, die gerade ihre positive Diagnose bekommen haben, mit auf den Weg geben? Nachdem ich damals nach mehreren Wochen das Krankenhaus wieder verlassen konnte, habe ich erst einmal alle weiteren Infos von meinem damaligen Schwerpunktarzt bekommen. Zunächst hat mir das ausgereicht. Viel, viel später habe ich mich dann zu einem bundesweiten Positiventreffen in der Akademie Waldschlösschen angemeldet und das erste Mal andere Menschen kennengelernt, die ebenfalls HIV-positiv sind. Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte mich dort schon eher angemeldet. Der Kontakt und der Austausch mit anderen Menschen mit HIV haben mir noch mal um Einiges geholfen, mich mit meiner Infektion auseinander zu setzen. Letztendlich kann ich sagen, dass mich auch diese Treffen zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Heute gehe ich mit meiner Infektion ganz normal um. Wenn ich nicht gerade in vielen Projekten ehrenamtlich unterwegs bin, verschwende ich keine Gedanken an HIV. Nur morgens bei der Einnahme meiner Tablette muss ich hin und

halle.aidshilfe.de

gut behandelbar, mit der Infektion kann man inzwischen ein gesundheitlich problemloses Leben führen. Das möchte ich zeigen.

Vielen Dank für das spannende und aufschlussreiche Interview!

7


Paris, Anfang der 90er. Seit fast zehn Jahren wütet Aids in Frankreich, doch noch immer wird über die Epidemie in weiten Teilen der Gesellschaft geschwiegen. Mitterrands Regierung kümmert sich nicht um sexuelle Aufklärung und die Pharma-Industrie verschleppt die Entwicklung neuer Medikamente. ACT UP, eine Aktivistengruppe von Betroffenen, will auf die Missstände aufmerksam machen. Sie schmeißt Kunstblut-gefüllte Wasserbomben auf die Wände von Forschungseinrichtungen und kapert bewaffnet mit Informationsbroschüren die Klassenräume der Stadt. Wie weit die Aktionen gehen dürfen, wird bei den wöchentlichen Treffen kontrovers diskutiert. Als der 26-jährige Nathan, der selbst HIV-negativ ist, zu ACT UP stößt, zieht ihn die Entschlossenheit der Gemeinschaft sofort in ihren Bann. Und er verliebt sich in Sean, den Mutigsten und Radikalsten der Gruppe. Zusammen kämpfen sie an vorderster Front, selbst dann noch, als bei Sean die Krankheit schon längst ausgebrochen ist. Der aus Marokko stammende französische Regisseur Robin Campillo („Eastern Boys“, 2015) engagierte sich in den 90ern jahrelang selbst bei ACT UP (Aids Coalition to Unleash Power). Auf Basis seiner persönlichen Erfahrungen zeigt er in 120 BPM die kontroversen Debatten und spektakulären Aktionen der Gruppe – und setzt damit dem europäischen Aids-Aktivismus ein längst überfälliges filmisches Denkmal. Sein mitreißendes Zeitstück entfaltet aber erst durch die darin eingebettete intime Liebesgeschichte zwischen Nathan und Sean seine volle, revolutionä-

deren Angehörige und Freunde das Politische von persönlicher, ja existentieller Bedeutung ist, begegnet ein Liebespaar der gesellschaftlichen Ignoranz und der Angst vor dem eigenem Tod mit rasendem Widerstand, wildem Sex und einem unbändigen Willen zu leben. 120 BPM wurde im diesjährigen Wettbewerb von Cannes uraufgeführt, als Meisterwerk gefeiert und mit drei der wichtigen Preise ausgezeichnet: dem Grand Prix, der Queer Palm und dem FIPRESCI-Preis.

halle.aidshilfe.de

Filmvorführung zum Welt-AIDS-Tag: 120 Beats Per Minute

Zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember, dem Tag, an dem alljährlich zu Solidarität mit HIV-positiven und AIDS-kranken Menschen aufgerufen wird, laden euch die hallesche Aidshilfe und der Arbeitskreis que(e)r_einsteigen des StuRa der MLU Halle-Wittenberg ins Zazie-Kino ein, um mit uns gemeinsam einen Filmabend mit 120 BPM zu erleben. Vor Beginn der Filmvorführung wird das Gezeigte durch einen kurzen Vortrag zur Kulturgeschichte von AIDS und von AIDS-Politiken während der sogenannten AIDS-Krise der 1980er und 1990er historisch kontextualisiert. Datum: Zeit: Ort:

01. Dezember 2017 18 Uhr Zazie Kino Bar, Kleine Ulrichstraße 22, 06108 Halle (Saale)

Text: Salzgeber & Co. Medien Gmb (redaktionell verändert) Bilder: Salzgeber & Co. Medien GmbH

re Kraft. In einem historischen Moment, in dem für HIV-Positive und

9


Zum Hintergrund des Films „120 BPM“: AIDS-Politiken und Act Up ACT UP ist eine international tätige Aktivistengruppe, die sich für die Belange von HIV-Positiven und Aids-Kranken engagiert. Ihre Wurzeln gehen zurück bis in die Jahre der Hochphase der Aids-Epidemie. Schon seit Beginn der Aids-Krise Anfang der 80er Jahre hatten sich HIV-Positive in New York in der Gruppe „Gay Men’s Health Crisis” (GMHC) organisiert und sich dort vor allem um Prävention und die Pflege von Aids-Kranken gekümmert. Frustriert von der Ignoranz der politischen Elite und weiten Teilen der Gesellschaft gegenüber HIV/Aids, rief der New Yorker Schriftsteller und Schwulenaktivist Larry Kramer („A Normal Heart”) am 10. März 1987 seine Freunde bei einem Treffen der GMHC zu einem radikalem Protest gegen die Diskriminierungen auf – und fand noch vor Ort zahlreiche Unterstützer. Gemeinsam gründeten sie wenige Tage später ACT UP, die „AIDS Coalition to Unleash Power“ (dt.: „AIDS-Koalition um Kraft zu entfesseln“). Am 24. März 1987 fand bereits die erste gemeinsame Aktion statt, eine Demonstration in der Wall Street. Zu diesem Zeitpunkt waren allein in den USA schon über 30.000 Menschen an der Krankheit gestorben.

10

ACT UP war von Anfang an nicht-hierarchisch strukturiert. Der Gruppe gehörten neben unmittelbar Betroffenen der Epidemie und deren Freunden und Familien auch zahlreiche Mediziner_innen, Krankenpfleger_innen sowie andere

soziale Gruppen wie Feministinnen und Liberale an, die sich mit den Zielen der Gruppe identifizierten. Die wichtigsten Ziele von ACT UP waren: eine breite Aufklärung über die Krankheit, mehr Sichtbarkeit der Betroffenen in der Öffentlichkeit und eine dezidierte Selbstartikulation – getreu der Idee: „Sprecht nicht über uns, sondern sprecht mit uns!“ Zudem sollte Druck auf die politischen Entscheider ausgeübt werden, deren Passivität als Mitverursacher der eigentlichen Krise angesehen wurde. Erklärte Gegner von ACT UP waren Organisationen und Einzelpersonen, die dazu beitrugen, die Erkrankten zu stigmatisieren oder eine Aufklärung über HIV/Aids zu verhindern: Politiker, die das Ausmaß der Epidemie herunterspielten; die katholische Kirche, deren Priester noch in den 90ern in den USA gegen die Nutzung und Verteilung von Kondomen predigten und sich vereinzelt sogar gegen Sexualunterreicht in Schulen aussprachen; Pharmakonzerne, die durch die Preisgestaltung die Kosten für eine optimale Behandlung in den Anfangsjahren für viele unmöglich machten und denen ACT UP vorwarf, die Zulassung neuerer, wirksamerer Medikamente zu verschleppen, um aus ihren vorhergehenden Medikamenten noch lange genug Profit schlagen zu können; die staatliche Medikamentenzulassungsbehörde, die neue Mittel nur zögerlich freigab, während immer mehr Menschen starben. Eine


halle.aidshilfe.de besonderes Augenmerk galt dem Massenmedium dieser Zeit: dem Fernsehen. Die TV-Sender machten Ende der 80er Jahre meist einen großen Bogen um das Thema, und wenn sie doch darüber berichteten, dann wurde HIV/ Aids negativ und als alleiniges Problem vom Homosexuellen und Drogenabhängigen dargestellt – nicht selten mit eine impliziten Schuldzuweisung. Ziviler Ungehorsam war das wichtigste Leitprinzip von ACT UP. Methoden der Sichtbarmachung und des Protests waren neben gezielter Lobby-Kampagnen und Pressarbeit (Erstellung von Pressemappen und Anrufaktionen) Demonstrationen, Kundgebungen und radikalere Aktionen wie Sitzblockaden und Media-Stunts. Als Waffen der Aufklärung und Aufrüttelung dienten vor allem aussagekräftige Plakate. Zum Markenzeichen von ACT UP wurde ein rosafarbenes Dreieck auf schwarzen Grund, darunter der Slogan „Silence = Death“ (gesprochen: „Silence equals Death“, also „Schweigen gleich Tod“). Dazu eignete sich die Gruppe das Symbol des Rosa Winkels an, das die Nazis in den Konzentrationslagern zur Kennzeichnung von Schwulen verwendet hatten, das aber bereits in den 70er Jahren von der Schwulenbewegung zu einem positiven Symbol des Schwulseins umcodiert wurde. Der umgedrehte Rosa Winkel diente ACT UP als Symbol sowohl für eine neue Art der Unterdrückung in der Hochphase der Aids-Epidemie als auch für Solidarität und Widerstand. Bei den Protestaktionen ging es darum, den öffentlichen Raum zu erobern: nicht nur mit Worten, Bildern und Plakaten, sondern auch mit den eigenen Körpern.

Wurden Aktivisten die Plakate weggenommen, hatten sie noch immer die eigenen Körper, die zum Teil schon schwer von der Krankheit gezeichnet waren und die die Polizisten kaum zu berühren wagten. ACT UP arbeitete nicht mit tatsächlicher körperlicher, sehr wohl aber mit symbolischer Gewalt: falsches Blut oder Sperma wurden eingesetzt, manchmal sogar die Asche von Verstorbenen. Diese Gewalt wurde als eine Reaktion auf jene Gewalt verstanden, die die öffentlichen Institutionen täglich gegen die Betroffenen ausübten. In Europa folgten bald zahlreiche Betroffene dem US-Vorbild, in vielen Metropolen entstanden Gruppen. ACT UP Paris wurde am 25. Juni 1989 anlässlich der bevorstehenden Schwulen- und Lesben-Parade gegründet. Während der Parade inszenierten um die 15 Aktivist_innen ein erstes sog. „Die-In“, bei dem sie sich stumm und regungslos auf die Straße legten, um alle jene zu vertreten, die bereits an Aids gestorben waren. Dabei trugen sie T-Shirts mit dem oben beschriebenen Symbol: dem umgedrehten Rosa Winkel und der Aufschrift „Silence=Mort“. Auch in Deutschland gründeten sich ab Ende der 80er Jahre in vielen Städten ACTUP-Gruppen, u.a. Berlin, Bonn, Dortmund, Hamburg, Frankfurt, Mainz und München. In den USA ist ACT UP derweil noch immer aktiv. Auch ACT UP Paris setzt sich bis heute für die Interessen von HIV-Positiven und Aids-Kranken an. Text: Salzgeber & Co. Medien GmbH (redaktionell verändert) Bilder: Salzgeber & Co. Medien GmbH

11


Neue Blutspenderichtlinien für Männer, die Sex mit Männern haben Im August hat die Bundesärztekammer die Blutspenderichtlinien für schwule und bisexuelle Männer geändert. Damit reagiert sie auf die von Seiten des Europäischen Gerichtshof und verschiedenster Fachverbände geäußerte Kritik an dem seit 1983 gültigen pauschalen Blutspendeverbot für Männer, die Sex mit Männern haben. Auch diese sind von nun an zur Blutspende zugelassen, jedoch nur unter der Voraussetzung sexueller Abstinenz. Laut der neuen Richtlinie dürfen sie in Zukunft dann Blut spenden, wenn sie zuvor ein Jahr lang keinen Sex mehr mit anderen Männern hatten. Diese Regelung kommt dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2015 zwar ein Stück entgegen, beseitigt aber mitnichten den seit Jahren bestehenden Ausschluss schwuler und bisexueller Männer. Im Gegenteil: Sie ist nicht nur weltfremd und fachlich in dieser Form nicht gerechtfertigt, sondern schließt die allermeisten schwulen und bisexuellen Männer de facto auch weiterhin von der Möglichkeit der Blutspende aus. Dieser Sachverhalt ist den Verantwortlichen der Bundesärztekammer vermutlich sogar nur allzu bewusst, die neue Richtlinie insofern absolutes Kalkül.

12

Menschen mit einem erhöhten statistischen HIV-Infektionsrisiko bei der Blutspende zurückzustellen, ist medizinisch durchaus sinnvoll, ja sogar notwendig, um die gesundheitliche Sicherheit von Blutprodukten garantieren zu können. Dass die Bundesärztekammer hierbei Männern, die Sex mit Männern haben, einen Sonderstatus einräumt, ist keineswegs Willkür oder bloße Folge von homophober Diskriminierung. Denn Männer, die Sex mit Männern haben, sind hierzulande mit Abstand die größte Betroffenengruppe von HIV. Zwei Drittel aller HIV-positiven Menschen in Deutschland sind schwule oder bisexuelle Männer. Insofern haben sie auch eine weitaus höhere Wahrscheinlichkeit, mit dem HI-Virus in Berührung zu kommen. Dieser Umstand kann nicht weg-


Leider stellt das individuelle Abklären realer Risiken in der Praxis kaum eine praktikable Lösung dieses Dilemmas dar. Nicht alle Menschen sind bereit, detailliert über ihr Sexualleben Auskunft zu geben, selbst dann nicht, wenn diese mit Hilfe eines Fragebogens stattfindet. Auch konkrete Fragen nach Risikosituationen und Safer Sex sind alles andere als verlässlich, da Menschen oft nicht in der Lage sind, ihre HIV-Risiken angemessen einzuschätzen. Insofern scheinen Rückstellfristen wohl oder übel unumgänglich zu sein. Eine Wartezeit von sage und schreibe einem ganzen Jahr für schwule und bisexuelle Männer begründet

sich jedoch keineswegs in wissenschaftlichen Überlegungen, sondern wohl eher in homophoben Ängsten. Bei genauer Betrachtung basieren auch die von nun an gültigen Richtlinien auf dem gängigen Ressentiment, schwule und bisexuelle Männer würden mit ihrem vermeintlich promisken, asozialen und verantwortungslosen Sexualverhalten eine Gefahr die Gesellschaft und für ihre Mitmenschen darstellen. Statt einen einjährigen sexuellen Verzicht von diesen zu fordern, sollten die Verantwortlichen endlich die medizinischen Erkenntnisse und Fortschritte, die im Bereich HIV in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden, zur Kenntnis nehmen. Das hieße vor allem, die Rückstellfristen an das sogenannte diagnostische Fenster anzupassen, das zwischen der Infektion mit HIV und ihrer Diagnose besteht. Aktuelle Testverfahren ermöglichen es, eine HIV-Infek-

halle.aidshilfe.de

diskutiert werden. Doch die HIV-Prävalenz ist eben nur ein Faktor, wenn es um die Einschätzung des Infektionsrisikos geht. Im konkreten Einzelfall kommt es nämlich weniger darauf an, mit wem der Sex stattfindet, sondern ist vielmehr das individuelle Risikoverhalten entscheidend. Nichtsdestotrotz werden Männer, die Sex mit Männern haben, im alten wie im neuen Regelkatalog unterschiedslos zu einer einheitlichen „Risikogruppe“ zusammengefasst und entsprechend gleichermaßen behandelt. Die einjährige Rückstellfrist gilt für alle schwulen und bisexuellen Männer, ganz gleich, ob sie Safer Sex betreiben, in einer monogamen Beziehung leben oder vielleicht sogar keine sexuellen Praktiken mit relevantem Risiko vollziehen.

tion mittlerweile schon nach spätestens sechs Wochen verlässlich auszuschließen. Die Rückstellfristen müssten daher auch nicht wesentlich länger angesetzt sein. Auch die Beschränkung auf Männer, die Sex mit Männern haben, ist keineswegs zwingend. So lange die einjährige Rückstellfrist und der damit faktisch weiterbestehende Ausschluss gelten, bleiben die Regelungen bloße Makulatur. Text: Martin Thiele Bild: artfocus

Gartenweg 32 06179 Teutschenthal OT Zscherben Tel.: 0345 - 690 29 56 Fax: 0345 - 977 28 37


Randbemerkung zur „Ehe für Alle“ Am 1. Oktober 2017 trat das Gesetz in Kraft, nachdem nun auch gleichgeschlechtliche Paare den staatlich anerkannten und abgesicherten Bund der Ehe eingehen können. Ohne Zweifel kann hier von einem historischen Datum gesprochen werden. Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht die Öffnung der Ehe auf dem obersten Platz der politischen Agenda lesbisch/schwuler Politiken. Zwar wurde auf diese Forderung im Jahr 2001 mit der Schaffung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft reagiert, doch die angestrebte vollständige Gleichstellung im Eherecht blieb weiterhin aus. Heute – mehr als fünfzehn Jahre, etliche Urteile des Bundesverfassungsgerichts sowie zahlreiche ewiggleiche und ermüdende Debatten mit den Gegner_innen der Eheöffnung später – ist es endlich soweit. Gleichgeschlechtliche Paare können sich nun heiraten und verfügen damit über die gleichen Pflichten sowie Rechte, wie sie heterosexuellen Paaren seit jeher ganz selbstverständlich zugestanden wurden.

14

Nicht selten wird die Durchsetzung der sogenannten „Ehe für Alle“ als das Ende der Diskriminierung und Stigmatisierung sexueller Minderheiten und dementsprechend als der letzte Prüfstein der vollständigen gesellschaftlichen Akzeptanz nicht-heterosexueller L(i)ebensweisen angesehen. Doch ist dem tatsächlich so?

Wurde mit der Eheöffnung alles erreicht, was sich die lesbisch/schwule Community in ihren kühnsten Träumen je auszumalen wagte? Wir glauben das nicht. Die hallesche Aidshilfe steht im Kern für Lebensweltakzeptanz. Es geht ihr also um die Akzeptanz aller einvernehmlicher Lebens- und Beziehungsmodelle. Vor diesem Hintergrund lässt sich jedoch durchaus bezweifeln, dass die Öffnung der Ehe das Anliegen der Anerkennung und Absicherung nicht-heterosexueller L(i)ebensweisen in ihrer Mannigfaltigkeit nicht gänzlich verfehlt. Die staatliche Sexualpolitik stützt nämlich den Lebensentwurf der monogamen, exklusiven und auf Dauer angelegten Paarbeziehung und gibt vor, dieser sei vollkommen normal und für jedermann_frau uneingeschränkt erstrebenswert. Mit der Ehegesetzgebung werden folglich alle ehelichen und eheähnlichen Beziehungsmodelle auf- und alle davon abweichenden Formen von Intimität und Zusammensein abgewertet. So sind es dann eben auch nur gleichgeschlechtliche Paare, die ihre Beziehung amtlich beglaubigen lassen können und einen gewissen staatlichen Schutz und Unterstützung erhalten. In diesem Sinne gelingt es mit der Eheöffnung zweifellos die Zone normaler und sozial anerkannter Beziehungsweisen und Sexualitäten ein Stück weit auszudehnen. Doch die über Paarbeziehungen hinausgehende Vielfalt denk- und leb-


Auch heute noch wird Homosexualität im öffentlichen Bewusstsein oft schlicht auf Sex reduziert oder gar mit diesem gleichgesetzt. Dabei wird die Sexualität von Lesben und Schwulen mit Promiskuität, Verantwortungslosigkeit und Asozialität in Verbindung gebracht. Gerade den homosexuellen Subkulturen, die seit jeher einen offenen Umgang mit Sexualität und Beziehung pflegen, wird dann schnell unkontrollierte und gefährliche sexuelle Genusssucht unterstellt. In diesem Sinne kann die Eheöffnung durchaus auch als ein Versuch gedeutet werden, die als bedrohlich wahrgenommenen homosexuellen Alternativszenen zu sexueller Anständigkeit zu disziplinieren. In der Wahrnehmung der lesbisch/schwulen Community wird sich in Zukunft folglich ein tiefer Graben zwischen guten und schlechten Queers auftun. All jene gleichgeschlechtlich L(i)ebenden, die den Ehebund eingehen, werden als gute, sozialverträgliche Queers wahrgenommen und moralisch aufgewertet. Diejenigen jedoch, die sich eheresistent zeigen, werden als schlechte, perverse Queers gebrandmarkt, die ihren vermeintlich ichbezogenen Lebensvorstellungen ohne Rücksicht auf andere nachgehen. Dass mittlerweile auch gleichgeschlechtlich L(i)ebenden das Recht zukommt, Paarbeziehungen amtlich beglaubigen und staatlich schützen zu lassen, verstärkt also die Diskriminierung außerehelicher Lebensmodelle. Die negativen Konsequenzen dieser Entwicklung bekommen nicht nur unverheiratete Lesben und Schwule zu spüren. Ebenso werden heterosexuelle Singles, offene Beziehungsentwürfe und Ein- und Mehrelternfamilien in besonderer Weise der Benachteiligung ausgesetzt. War die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare also ein politischer Fehltritt? Nein, keineswegs. Der Einschluss in das Eherecht bieten nun endlich auch gleichgeschlechtlichen Paaren eine Unterstützung und Absicherung ihrer Beziehung im Alltag, bei der Familiengründung und in Krisensituationen. Sie trägt ebenfalls dazu bei, nicht-heterosexuellen Menschen und Beziehungen Sichtbarkeit zu verleihen. Selbstverständlich begrüßt

das auch die hallesche Aidshilfe. Die „Ehe für Alle“ ist damit ein guter Anfang, aber sicherlich noch nicht das glückliche Ende der Anerkennung nicht-heterosexueller L(i)ebensweisen. Vor dem Hintergrund der gänzlichen rechtlichen Gleichstellung von Homo- und Bisexuellen können sich LSBTIQ-Politiken nun endlich den zahlreichen weiteren Anliegen widmen, die in den letzten Jahren im Schatten der Forderung nach der Eheöffnung standen. So bedarf es der ausstehenden Modernisierung des Transsexuellengesetzes, um dem Selbstbestimmungsrecht von trans Personen gerecht werden zu können. Das Eintreten für ein bedingungsloses Bleiberecht für lsbtiq Geflüchtete und deren Unterstützung bei Versorgung und Integrationen ist ebenso dringlicher denn je. Auch der nach wie vor bestehenden Diskriminierung und Stigmatisierung von LSBTIQ in nahezu allen Lebensbereichen wird durch die Eheöffnung kein Ende gesetzt, sondern muss durch weitere Aufklärungs-, Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit entgegengewirkt werden. Damit verbunden ist der unausweichliche politische Kampf gegen den aufkeimenden Rechtsradikalismus in Gesellschaft und Politik, der durch eine konservative Revolution die Zeit um ein paar Jahrzehnte zurückdrehen und LSBTIQ hierfür je nach Strategie instrumentalisieren oder wieder an die Ränder der Gesellschaft drängen möchte. Selbstredend muss es auch weiterhin um die Anerkennung und materielle Absicherung aller leb- und vorstellbaren Beziehungsformen gehen. Die Berücksichtigung und Gleichstellung der Vielfalt der Regenbogen-, Ein- und Mehrelternfamilien im Sozial-, Sorgeund Adoptionsrecht wird also auch in Zukunft ein wesentliches Anliegen von LSBTIQ-Politiken bleiben. Die Eheöffnung ist einer der bemerkenswertesten Erfolge von LSBTIQ-Politiken der letzten Jahrzehnte und wird von der halleschen Aidshilfe als solches unumwunden gefeiert. Zugleich möchten wir weiterhin auf den gelebten Differenzen in der Gesellschaft bestehen und sichtbar machen, dass Beziehungen weitaus vielgestaltiger und lustvoller sein können – und es in Wirklichkeit bereits sind – als die vermeintliche Ehe für Alle. Text: Martin Thiele Bild: Lisa F. Young

halle.aidshilfe.de

barer Beziehungsmodelle bleibt immer noch unberücksichtigt.

15


Let’s talk about

Christoph Hartmann und der Abgrund tauschen seit

Auto materialisieren würde, das mich Ampelver-

seiner Geburt 1987 in Katzenbach/Unterfranken

achter anrammt – um dann innerlich leise „selbst

anzügliche Blicke. Seit 2007 benutzt er als Neuköll-

schuld“ schreien zu können. Weil‘s ja die Schuld

ner, Studienabrecher, Drag Queen, Vereinsvorstand,

ist, um die es geht. Wer die Regeln brav einhält,

Pornostatist, Arbeitloser, Internetpersönlichkeit und

der lässt sich nichts zu Schulden kommen. Wer

Stewardess Sex als gesellschaftliches Gestaltungs-

Vorschriften übergeht, der macht das auf eige-

mittel. Sein Twitter-Account @stadtwildnis wird die Archäologen noch lange beschäftigen. Christoph nimmt seit einiger Zeit HIV-Medikamente als Präexpositionsprophylaxe, kurz: PrEP, um einer HIV-Infektion vorzubeugen. Für uns berichtet er von seinen Erfahrungen mit der blauen Pille gegen HIV. Es sind diese Regeln, die wir so sehr internalisiert haben, dass wir sie selbst dann befolgen, wenn sie durch eine grundlegend veränderte Situation überflüssig geworden sind. Wie meine Oma, die bei Gewitter immer noch den Fernseher ausgesteckt hat. Vielleicht war das mal gefährlich, vielleicht hat sie noch Bilder von explodierenden Fernsehröhren im Kopf, vielleicht kommt sie auch aus einer Zeit, als ein Röhrenfernseher eine schmerzhaft teure Anschaffung, ein Luxusgut war. Gerade hab ich in der Badewanne gewhatsappt (Evtl. hab‘ ich Dickpics verschickt) und ein Freund sagt mir, ich soll aufpassen, dass mir das Phon nicht reinfällt. Es ist wasserdicht. Ist mir mal reingefallen, nichts passiert. Vor 3 Jahren war das anders. Wir sind hier in dem Land, in dem Menschen an gottverlassenen Kreuzungen rote

16

nes Risiko. Der Nikolaus setzt das dann auf die Liste und bestraft im Dezember. Meine Generation (Ich bin 30) ist die Generation an Homos, die nach der Aids-Krise aufgewachsen sind. Für uns galt immer „SEX OHNE KONDOM = TOD“, und das haben wir internalisiert.
Bis in die 90er war eine HIV-Infektion quasi ein Todesurteil, mit ein wenig Glück konnte man noch ein paar Jahre halbwegs gesund leben und dann noch etwas Zeit rausschlagen durch Therapie. Und die Therapie damals war krass, hat dich gesundheitlich noch extra fertiggemacht. Viele haben freiwillig verzichtet. Es muss eine harte Zeit gewesen sein, meine Berliner Freund*innen, die diese Zeit durchlebt haben, waren zeitweise jedes Wochenende auf Beerdigungen. Wer einen Blick in diese Zeit werfen will, denen lege ich das Tagebuch von Jürgen Baldiga nahe. 1995 kamen die ersten wirklich wirksamen Therapien. Spätestens seit es Truvada gibt, gibt es eine fast nebenwirkungsfreie Therapie. Eine HIV-Infektion bedeutet, Pillen nehmen zu müssen, aber an-

Ampeln erwartungsvoll anstarren, bis sie grün

sonsten normal zu leben. Für Leute, die seitdem

werden. In dem uns als Kindern erzählt wur-

in Therapie sind, lässt sich der Virusspiegel so-

de, wir dürften nach dem Essen nicht schwim-

weit senken, dass er sich nicht mehr auf die Ge-

men gehen. In dem die Einhaltung von Regeln als

sundheit auswirkt, und Positive unter der Nach-

Selbstzweck gibt, als moralische Aufgabe. In dem

weisgrenze sind NICHT MEHR ANSTECKEND.

sich die Eine oder der Andere bestimmt freuen

Sex mit ihnen = ungefährlich. Das ist seit 2011

würde, wenn sich aus dem nichts plötzlich ein

bekannt.


mal ein Test für Chlamydien positiv ist. Redet drüber, schämt euch nicht, und shamet auch andere nicht dafür. Niemandem bringt die Stigmatisierung von Geschlechtskrankheiten etwas.

halle.aidshilfe.de

Wie lange hat das gebraucht, bis das bei dir ankam? Bei vielen hat es lange gedauert.
Vielleicht, weil die Leute das nicht wahrhaben wollten. Weil Positive als Unberührbare galten, als Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Und das auch noch selbstverschuldet. Quasi das Gegenteil von Kriegsveteranen, weil sie ihr Schicksal nicht ehrenvoll auf dem Schlachtfeld, sondern auf eine perverse Weise in Darkrooms und in Klappen besiegelt haben. Diese Angst sitzt immer noch tief. Kondome waren nie der Heilsbringer, niemand wollte das Kondom an sich, aber sie waren halt die einzige halbwegs sichere Methode, sich und seine Partner vor einem recht unangenehmen Tod zu schützen. Denke mal kurz nach, ob du Bareback-Sex mit Begriffen wie Verantwortungslosigkeit, Unmoral, Lustbesessenheit etc. assoziierst. (Das habe ich auch.) Diese Vorurteile sitzen tief, weil sie mal begründet waren.

Natürlich gibt‘s Leute, die die PrEP als Freifahrtsschein zum Rumbumsen sehen. Für mich ist sie aber ein Teil von einem verantwortungsbewussten Umgang mit meiner Sexualität. Ich kann mich dazu entscheiden, safe ohne Kondom zu ficken, wenn ich das möchte, und das ist eine große Befreiung. In Situationen, wo ich mehr Sicherheit will – etwa in Darkrooms – oder wenn mein Partner danach fragt, kann ich jederzeit 'nen Gummi drüberziehen. Die gibt‘s ja trotzdem noch. Text: Christoph Hartmann Bilder: Shing Chan Visual Art Concept, AHH


Jetzt kommt die PrEP. Heutzutage ist die Situation grundlegend anders. Menschen funktionieren so, dass sie, anstatt unbegründete Vorurteile zu überdenken, sich lieber neue Rechtfertigungen für diese suchen. Wenn ich mit Leuten über die PrEP rede, wenn ich sage, dass icvh jetzt auch ohne Kondom safen Sex haben kann, stecken mich manche sofort in die Schmuddelecke. Bringen Argumente wie: ‚Es gibt resistente HIV-Stämme‘, ‚Was ist mit Syphilis & Tripper‘, ‚hat die PrEP nicht krasse Nebenwirkungen‘. Das etablierte Denkschema dahinter: Kondom = Verantwortung -> Kein Kondom = Gefahr. Jetzt bin ich ein aufgeklärter Mensch. Ich weiß, dass mich die PrEP vor HIV schützt, und vor nichts anderem. Ich hab‘ mein Leben lang gewissenhaft Kondome benutzt? Ja. Hab‘ ich mir dabei Tripper geholt? Ja. Hab‘ ich mir dabei ne Syph geholt? Auch einmal. Hab‘ ich mich regelmäßig testen lassen? Immer. Früh entdeckte Infektionen (mit allem außer HIV) sind schnell behandelt. Das Fazit soll hier sein: Kondome schützen sicher vor HIV. Kondome schützen vor anderen Infektionen vor Schmierinfektionen aber auch nur in einem begrenzten Ausmaß. Was euch und vor allem eure Partner schützt, sind regelmäßige Tests. Was uns allen hilft, ist ein offener Umgang mit Infektionen. Das Darüber-reden-können. Das Die-Ficks-der-letzten-Wochen-anrufen, wenn 17


Prävention braucht nicht nur Kondome! Björn Beck, 39 Jahre, lebt mit seinem Mann in Frankfurt am Main und leitet das Präventionsprojekt „HESSEN IST GEIL!“ der hessischen AIDS-Hilfen. Seit letztem Jahr ist er Mitglied des Vorstandes der Deutschen AIDS-Hilfe. Er engagiert sich seit über 20 Jahren für Gleichberechtigung von LSBT*I und gegen Diskriminierung und Stigmatisierung besonders auch von Menschen mit HIV. Außerdem arbeitet er im Netzwerk von Menschen mit HIV „PRO+ Hessen“ mit, ist im Verein Positiv e.V. aktiv, der die bundesweiten Positiventreffen in der Akademie Waldschlößchen organisiert. In seinem Blog „Björn Posit.HIV“ berichtet er über sein vielseitiges Engagement. Der folgende Text ist eine gekürzte Version des Vortrags „Prävention braucht kein Kondom“, den er beim Deutsch-Österreichischen Aidskongress im Sommer 2017 gehalten hat. In den fast 35 Jahren in denen wir nun HIV-Prävention betreiben, hat sich das Kondom zu einer Art Symbol für moralisch vertretbare Sexualität entwickelt. Als würden wir uns mit der Benutzung von Kondomen wenigstens teilweise moralisch „rein waschen“. So trennt es die Moralischen und die Unmoralischen voneinander. Dabei wissen wir doch, dass das Kondom seine beste Wirksamkeit zur Verhütung von Schwangerschaften entfaltet, dann gegen HIV und erst weit abgeschlagen mit etwa 60% gegen andere sexuell übertragbare Infektionen. Denn Sex ist eben nicht nur Vaginal- und Analverkehr und STIs übertragen

18

sich von Schleimhaut zu Schleimhaut und die haben wir zum Beispiel auch im Mund. Und obwohl wir die „AIDS-Krise“ in unserer Region erfolgreich überstanden haben, sogar in Reichweite sind AIDS-Erkrankungen zu vermeiden, scheint es unmöglich zu sein, uns gegen diese Normsetzung zu behaupten. Alles was nicht 0815-Fortpflanzungs-Hetero-Sex ist, ist eben noch immer nicht normal und widerspricht damit auch der Moral. Und wir sind noch immer nicht an einem Punkt angekommen, wo schwuler Sex, der Gebrauch von Drogen, Lust, Rausch und Sexarbeit einfach ein Teil unseres Lebens sein können. Doch Moral ist ein hohes Ross. Und je höher das Ross, desto schneller und tiefer fallen wir beim Reiten herunter. Es ist wie im wahren Leben, jeder Sturz ist mit Schmerzen, Scham und dem Gefühl des Scheiterns verbunden. Lust, Sex, Rausch und generell abweichendes Verhalten sind ebenfalls oft mit Scham und Schuldgefühlen verbunden. Ein weiterer Aspekt ist: Wir werden dazu erzogen unser ganzes Leben lang dazulernen. Scheitern wir, müssen wir zeigen, dass wir unsere Lektion gelernt haben. Und so wächst im Laufe der Zeit das moralische Ross immer weiter und weiter in die Höhe. Was dann auch wächst, ist die mit dem Absturz verbundene Scham und der Schmerz des Aufpralls auf den Boden der Realität. Was solche wiederkehrenden Erfahrungen des Scheiterns für die Psyche und damit auch das Schutzverhalten der Menschen bedeutet, ist hinreichend erforscht und dargelegt: Diskriminierung und Stigmatisierung beeinträchtigen das (Selbst)Schutzverhalten aus, weil sie uns im Innersten verletzen und das Selbstwertgefühl stören, oder gar zerstören. Dazu wirkt sich internalisierte Homophobie ebenfalls negativ auf unsere Gesundheit, beziehungsweise auf unser Gesundheitsverhalten aus. Das Informationssuchverhalten wird beeinträchtigt, Betroffene werden sich also weniger Hilfe bei Fragen rund um Safer Sex oder an-


Um in der Prävention erfolgreich zu sein, müssen wir neben der sexuellen Gesundheit vor allem auch die seelische Gesundheit der Menschen fördern. Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Prävention und auch der Medizin. Menschen brauchen ein gesundes Selbstwertgefühl, um sich und andere schützen zu können. Wir sehen, wie wichtig eine diskriminierungsund angstfreie, empowernde und akzeptierende Umgebung für eine erfolgreiche Prävention ist. Ich bin sehr froh, dass wir uns für die Wege einer strukturellen Prävention entschieden haben, denn diese Wege sind so vielfältig wie die Menschen, die wir damit erreichen können. Und das Ziel der strukturellen Prävention ist die Stärkung der Menschen in ihren Lebenswelten und damit auch in ihren individuellen, ganz persönlichen Entscheidungen. Hierzu müssen wir aber zuerst die Hindernisse beseitigen, die uns den Weg versperren. Dazu gehört alles, was Menschen in ihrer Freiheit und Entwicklung einschränkt: • • • • •

Vorurteile und Verurteilungen Ungleichbehandlung Diskriminierung Stigmatisierung und eine normsetzende, ausgrenzende Moral

Wir müssen also lernen uns und unsere Bedürfnisse zu erkennen und sie anzunehmen. Nur wenn wir uns und auch andere in ihren Bedürfnissen, Wünschen, Träumen und Sehnsüchten – eben in allem, was einen Menschen ausmacht, respektieren und akzeptieren, werden wir an unser Ziel kommen. Und da haben wir auch unsere Präventionsmittel: • Information • Empowerment • Respekt und Akzeptanz

• Zugang zum Versorgungssystem • Antidiskriminierungsarbeit und –politik Wer von der Norm abweicht, ist auch heute noch von Abwertung, Diskriminierung und Gewalt betroffen. Konservative Strömungen in der Politik bedrohen nicht nur in der Prävention die Errungenschaften der letzten Jahre. Beispielsweise wehren sich die „besorgten Eltern“ gegen eine altersgemäße Sexualaufklärung an Schulen, die andere Formen der Partnerschaft und Liebe, Sexualität und Geschlechtsidentitäten gleichwertig behandelt. Diese Abweichungen von der Norm seien lediglich zu tolerieren, nicht aber zu akzeptieren.

halle.aidshilfe.de

dere Themen suchen, die mit ihrer als schlecht empfundenen Sexualität zu tun haben. Auch das Testverhalten ist davon konkret beeinträchtigt. Wer sich aufgrund von moralischen Normen in der Gesellschaft für Sex, die Liebe, oder den eigenen Körper schämt, wird damit nicht offen umgehen, Probleme ignorieren und mögliche Infektionen verschweigen.

Toleranz ist lediglich eine Duldung, ein Ertragen oder das Gewährenlassen von Abweichungen und des Andersseins. Dieses Gewährenlassen geschieht auch wieder vom hohen Ross der Moral herab, von Menschen, die die Wahrheit für sich beanspruchen und abweichende Lebensentwürfe abwerten. Doch Respekt und Akzeptanz allen Menschen gegenüber sind nicht verhandelbar, denn Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Prävention ist also auch ein hochpolitisches Feld und wir müssen unnachgiebig gegen jede Form von Diskriminierung kämpfen. Wir müssen offen und wertfrei über Sexualität sprechen, Menschen ermöglichen sich selbst zu entdecken und sie darin bestärken zu sich zu stehen. Prävention muss Solidarität fördern, die Lebensrealitäten der Menschen berücksichtigen und ernst nehmen, wissenschaftlich-fundiert aufklären und informieren und last, but not least: partizipativ, also immer unter Einbezug von Menschen mit HIV gestaltet werden. Und natürlich brauchen wir Kondome. Nur dürfen wir eben nicht zulassen, dass Prävention weiter moralisiert wird und dafür ist das Kondom leider zu einem Symbol geworden. Prävention muss die Menschen ins Zentrum des Handelns stellen, um individuelle Entscheidungen zu treffen. Und sie darf nicht nur der Infektionsvermeidung als Ziel dienen. Text: Björn Beck Bild: Yeko Photo Studio

19


Bürokratie fürs Sexgeschäft: Diese neuen Regeln gelten ab 1. Juli für Prostituierte

Wie viele Frauen in Halle dem horizontalen Gewerbe nachgehen, verrät keine offizielle Statistik. Denn neben Bordellen gibt es auch Prostituierte, die aus der Anonymität heraus arbeiten - neben einem ganz normalen anderen Job. Und es gibt die jungen Frauen, oft aus anderen Ländern, die zur Prostitution gezwungen werden. Für alle sie gilt ab 1. Juli ein neues Gesetz, nachdem sie – erstmalig – ihre Tätigkeit anmelden müssen, eine Erlaubnis beantragen müssen und in dem ein Verbot für Geschlechtsverkehr ohne Kondome mit Freiern ausgesprochen wird.

Bild: DAH

Jedoch: Wie man mit der neuen Regelung im halleschen Rathaus umgehen soll, ist noch völlig offen. „Das Durchführungsgesetz für Sachsen-Anhalt steht noch aus“, so Gleichstellungsbeauftragte Susanne Wildner am Donnerstag im Sozialausschuss. Wann diese Verordnung kommen soll, ist noch völlig offen. Trotzdem gab die Beigeordnete für Soziales, Katharina Brederlow, schon bekannt: „Die Umsetzung wird im Herbst in Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt vorgestellt.“ Bis dahin soll „in irgendeiner Weise“, so Wildner, das Landesverwaltungsamt vorläufig zuständig sein.

20

Doch das ist nicht das einzige Problem des neuen Gesetzes: „Dass damit die Arbeitsbedingungen und die Gesundheitsförderung von Sexarbeiterinnen verbessert werden, hört sich gut an“, sagt Martin Thiele, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Halle. „Aber das Gesetz wird seine Ziele nicht erreichen“, ist er sich sicher. Zum einen würden Frauen, die illegal zur Prostitution gezwungen würden, wohl kaum im Gespräch mit einer Behörde genau darauf aufmerksam machen. Andere Frauen, die auf ihre Anonymität bedacht sind, würden wohl künf-

tig in der Illegalität verschwinden. Durch das Gesetz würden große Bordelle gegenüber kleinen Wohngemeinschaften bevorzugt, in denen sich Prostituierte selbstbestimmt zusammengetan haben. „Denn ab 1. Juli dürfen die Räume für die Sexarbeit nicht dieselben sein wie jene, in denen die Prostituierten leben und schlafen“, erläutert der Geschäftsführer. In solchen WGs können also künftig die Auflagen nicht erfüllt werden. Zudem, so Thiele, bedeutet das Gesetz einen großen Mehraufwand für die Behörden in Halle und dem Saalekreis - Konzessionen müssen geprüft, bearbeitet und genehmigt werden, Prostituierte müssen bei der Anmeldung beraten werden, die Kondompflicht und die dazu erforderlichen Aushänge in Bordellen streng genommen kontrolliert werden. Darüber hinaus gelten die Anmeldegenehmigungen nur zwei Jahre und müssen in der Folge wieder erneuert werden. Bei Verstößen drohen den Frauen Geldbußen bis zu 1000 Euro. „Ich kann den Kommunen nur raten, die Durchführung auf das Nötigste zu beschränken und dafür freiwillige Angebote zu fördern“, sagt Thiele. Denn auch die Aids-Hilfe rechnet mit vielen Anfragen zum neuen Prostituiertenschutzgesetz und hohem Beratungsbedarf. Genau aus diesem Grund hat die Aids-Hilfe eine weitere Stelle bei der Stadt beantragt – damit soll zum einen die gestiegene Nachfrage nach Präventionsarbeit in Schulen befriedigt werden, aber auch mehr Möglichkeiten für die Beratung von Sexarbeiterinnen geschaffen werden. Text: Silvia Zöller, Mitteldeutsche Zeitung vom 09. Juni 2017


halle.aidshilfe.de „Mit Sicherheit verliebt“ ist ein bundesweites

werden, Körperwissen, Abbau von Klischees,

Aufklärungsprojekt der Arbeitsgruppe „Sexu-

Verhütung, STI und HIV. Das Ganze gestalten

alität und Prävention“ der Bundesvertretung

wir nicht als Frontalunterricht, sondern sehr of-

der Medizinstudenten. Deutschlandweit enga-

fen und mit vielen Methoden sowie einer Men-

gieren sich in 36 Medizinuniverstitätsstädten

ge Lockerheit. Nach einem gemeinsamen Ein-

über 500 Studierende für eine bessere Sexu-

stieg teilen wir die Klassen, damit die Jungs und

alaufklärung. Auch in Halle gibt es eine aktive

Mädchen jeweils in einem geschützten Raum

Lokalgruppe. Sie gehen regelmäßig in Schulen

Fragen loswerden können. Dabei werden ganz

in und außerhalb von Halle und sind die größte

unterschiedliche Fragen gestellt, banale und

Arbeitsgemeinschaft des Fachschaftsrates der

tiefgründige, zum Beispiel wie ein Orgasmus

Medizinstudenten.

funktioniert oder nach der ‚richtigen‘ Größe eines Penis.“ Aber wie kommt es, dass sich so viele Studierende ehrenamtlich engagieren? Juliane erzählt von ihrer Motivation: „Ich mag den pädagogischen Hintergrund der Veranstaltungen, das bietet einen Kontrast zu meinem sehr medizinischen Studium. Außerdem finde ich, dass Sexualität ein schönes Thema ist, ein Thema das

Wir wollten mehr darüber wissen und haben

jeden betrifft und trotzdem immer noch ein so

uns mit Juliane Hörnig getroffen. Sie ist vor 6

großes Tabuthema ist. Meine eigene Aufklä-

Jahren für ihr Medizinstudium nach Halle ge-

rung war zum Beispiel geprägt von dem Bild mit

zogen und wurde dann schnell auf die damals

dem Bienchen und Blümchen. Wir treten in den

noch recht kleine Initiative aufmerksam und ein

Schulen wie das ‚große Geschwisterkind‘ auf –

Teil davon. Einige Jahre hat sie dann auch zu-

uns dürfen sie alles fragen und wir antworten

sammen mit Camilla Gölkel die Leitung über-

auch darauf. Und das macht mir großen Spaß

nommen. Sie erzählt, dass heute mehr als 30

und bringt mir auch viel für das spätere Berufs-

Studierende zu MSV Halle gehören. Neben

leben – auch als Ärztin ist das Thema Sexualität

Medizinstudenten engagieren sich auch Stu-

allgegenwärtig und wird noch viel zu oft aus-

dierende aus Disziplinen wie Pädagogik, Sport,

geklammert. Ich möchte den Kindern mitge-

Biologie oder Sexualwissenschaften. Es ist also eine ganz bunte Mischung. Sie treffen sich einmal im Monat, um neue Veranstaltungen zu pla-

ben, dass an diesem Thema nichts komisch und Kommunikation das A und O ist.“

nen und sich weiterzubilden. Stehen Veranstal-

Am Schluss unseres Gesprächs spricht Juliane

tungen in Schulen an, wird geschaut, wer Zeit

noch eine Einladung aus: „Wer Lust hat selber

hat und jeweils ein_e Verantwortliche_r er-

aktiv zu werden und mitzumachen oder uns in

nannt. Die Person tätigt dann alle Absprachen

seinen Unterricht einladen will, ist immer herz-

mit den Lehrern. Hierzu gehören auch organi-

lich willkommen, uns einfach zu kontaktieren

satorische Vereinbarungen wie die Dauer der

unter msv-halle@gmx.de.“

Veranstaltung (in der Regel vier bis sechs Unterrichtsstunden) und die Abmachung darüber,

Wir sagen Danke für das Gespräch und wün-

dass die Lehrer_innen bei diesen nicht anwe-

schen euch alles Gute für euer Engagement!

send sind. „Wir gehen dann meistens zu viert in die Schulen – zwei Männer und zwei Frau-

Text: Ronja Abhalter

en – und behandeln Themen wie Erwachsen-

Bild: MSV

21


Der neue Aidshilfe-Teddy ist da! nen noch immer Bürger_innen der Stadt waren. Der Züricher Pfarrer und Hospizleiter Heiko Sobel brachte dann die Idee 1992 mit nach Europa und etablierte den Teddy auch hier als Symbol der Solidarität mit Menschen mit HIV und AIDS.

In diesem Jahr trägt der blauschimmernde Kuschelbär neben der roten Schleife der Solidarität mit HIV-positiven Menschen zudem einen roten Pullover, um sich vor der klirrenden Kälte zu schützen. Nun schon seit 1998 gibt es den Bären zum Welt-AIDS-Tag in dieser Form. Zurück geht der Teddy auf die Anfangsjahre von AIDS, in denen der Bürgermeister von San Francisco als Reaktion auf die damals vorherrschende Diskriminierung und Ausgrenzung HIV-Patient_innen persönlich einen kleinen Teddybären überreichte. In Anlehnung an die Staatsflagge Kaliforniens, der sogenannten „Bear Flag“, sollte damit ausgedrückt werden, dass die Betroffe-

Damals wie heute wird das kuschelige Pelztier vom Bärenvater Sobel entworfen und von Clemens Spieltiere GmbH produziert. In über 100 deutschen und europäischen Städten dient er jedes Jahr um den Welt-AIDS-Tag der Spendengewinnung, der Unterstützung der HIV- und AIDS-Prävention und der Solidarisierung mit den Betroffenen. Den halleschen Aidshilfe-Teddy bekommst Du ab sofort für nur 6€ in der Aidshilfe und zu unseren Aktionen und Veranstaltungen in den kommenden Wochen. Der kleine Gewinn fließt direkt in die örtliche Aidshilfearbeit. Bild: AHH Infos: aids-teddy.com

Weihnachtsbenefiz am 10. Dezember: “Seht, es weihnachtet schon…” Es erklingen bekannte Werke u.a. von Felix Mendelssohn Bartholdy, Modernes von John Rutter, beliebte Sätze deutscher Weihnachtsmelodien und die eine oder andere musikalische Weihnachtsüberraschung aus aller Welt. Begleitet wird der Chor vom Orgelspiel Melchior Condois. Die musikalische Leitung hat Max Rowek. Es verspricht ein besinnlicher und heiterer Abend Es ist mittlerweile eine alljährliche Tradition, dass

zu werden, bei dem sicher auch all jene in Weih-

der Kammerchor TonArt e.V. Halle im Vorfeld

nachtsstimmung kommen, denen dies im vor-

der Weihnachtstage ein Benefizkonzert zu Ehren und zur Unterstützung der Aidshilfe Hal-

weihnachtlichen Stress noch nicht möglich war.

le und ihrer Arbeit veranstaltet. In diesem Jahr

Datum: 10.12.2017

werden die rund 30 Chorist_innen am Sonntag,

Zeit: 18:00 Uhr

Ort: Freylinghausen-Saal der

den 10. Dezember 1017 im Freylinghausen-Saal der Franckeschen Stiftungen die Weihnachtszeit unter dem Titel „Seht, es weihnachtet schon…“

Franckeschen Stiftungen

besingen. Auf dem Programm steht festliche Ad22

ventsmusik aus Romantik und Gegenwart sowie

Bild: AHH

deutsche und internationale Weihnachtslieder.

Infos: kammerchor-tonart.de


Praktikum in der Aidshilfe

Mit knapp einem Monat Unterschied, begannen wir unser Praktikum in der Aidshilfe Halle. Von Anfang an wurden wir von den Mitarbeiter_innen herzlich aufgenommen und ins Team integriert. Wir können in die unterschiedlichen und vielfältigen Arbeitsbereiche reinschnuppern und auf die Aufgabengebiete, die uns besonders interessieren, vertieft eingehen. Die Atmosphäre in den Räumlichkeiten der Aidshilfe ist sehr familiär und wir können uns mit jeder_jedem Mitarbeiter_in auf Augenhöhe unterhalten. Zudem können wir auch selbst eigene Ideen zu diversen Projekten o.ä. mit einbringen. Für unser Praktikum, wird uns ein eigenes Büro zur Verfügung gestellt, in welchem wir uns frei entfalten können. Wir, das sind Lisa und Sandra. Lisas Tätigkeitsfeld ist die „Schulprävention“. Das bedeutet sie hilft bei der Methodenausarbeitung für diverse Aufklärungsveranstaltungen in Schulen zu den Thematiken HIV/AIDS, andere STIs und Verhütung, begleitet diese und darf auch selbst aktiv die Präsentation mitgestalten. Doch auch wenn das ihr zugeteiltes Aufgabengebiet ist, hat sie auch einiges in anderen Bereichen zu tun. Sie unterstützt das Team bei der Vorbereitung zahlreicher Projekte - wie zuletzt der CSD oder das Ehrenamtstreffen und springt auch mal im Galerie-Café ein, wenn Not am Mann ist. Neben dem Praktikum absolviert Lisa zurzeit die soziale Fachoberschule und kellnert nebenbei in einer Bar. Ansons-

ten ist sie sportlich aktiv, eine Katzenlady und an verregneten Herbsttagen findet man sie entspannt mit einem Tee und einem Buch in der Hand auf der Couch sitzen. Sandra ist vor allem in der „Öffentlichkeitsarbeit“ tätig, da sie sich kreativ ausleben möchte. Doch auch sie schnuppert gerne in andere Bereiche rein und übernimmt Aufgaben, außerhalb der „Öffentlichkeitsarbeit“. So ist sie z.B. auch für diverse Archivarbeiten verantwortlich und für verschiedene Kleinigkeiten, die sonst noch anfallen. Und was macht Sandra, wenn sie gerade kein Praktikum bei der Aidshilfe macht? Zurzeit studiert sie im 5. Semester Kultur- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg. Dort schreibt sie voraussichtlich im nächsten Jahr auch ihre Bachelorarbeit. Neben ihrem Studium schreibt sie sehr gerne Kurzgeschichten, backt gerne Kuchen und Muffins und verbringt ab und an auch gerne mal ein bisschen ihrer Freizeit vor der Konsole.

Bei uns beiden läuft das Praktikum noch ein paar Monate und wir sind gespannt auf mehr und freuen uns auf weitere interessante Aufgaben sowie die gemeinsame Zeit in der Aidshilfe Halle. Auch wenn wir noch nicht lange dabei sind, bedanken wir uns schon mal bei dem Team für das angenehme Miteinander und für die gute Unterstützung im Praktikum sowie die Möglichkeit sich kreativ und persönlich zu entfalten. Text: Sandra Schulz, Lisa Wagner Bild: AHH

23


Kuku Kolumnas letzte Worte

Kuku Kolumna, die blasende Reporterin, fährt eine alte Vespa, von der aus sie ihre Ergüsse direkt in die Herzen der Leser*innen spritzt. Mit hunderten von km/h geht es tief durch die Kneipen dieser Gesellschaft, die Gärten der Lust und die Wälder des Geschlechts.

24

Amsterdam. Was für ein Wort: Amsterdam. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir als junge Schwuppen oft darüber redeten, wie es wohl da drüben sein müsste. Ein perverser Sündenpfuhl, in den man keinen Schritt setzen kann, ohne von einer gierigen Meute alle Kleider vom Leib gerissen zu bekommen. Die Bevölkerung besteht nur aus Tunten und Motorradbutches, Lederkerlen und Femmes, Transgendern und

Bisexuellen. Kurz: Die katholische Hölle auf Erden. Als ich dann allerdings Jahre später doch zum ersten Mal einen Fuß in diese Stadt setzte, schlug ich hart auf dem Boden der Realität auf. Das hatte aber vielleicht auch damit zu tun, dass unser erster Weg uns in einen Coffee Shop führte und von da aus auch nicht mehr viel weiter. Das hatte im weiteren Verlauf noch viel mit Boden, aber wenig mit Realität zu tun. Trotzdem, die Enttäuschung sitzt tief: Es gibt kein queeres Wonderland. Aber auch unabhängig von meinen persönlichen Missgeschicken kann man spätestens


Werfen wir einen Blick nach Süden in die schönen Alpen mit ihren lustigen Bewohner*innen und verwegenen Fetischen. Wirken zum Beispiel die feschen Uniformen, die trainierten Körper und die Narben im Gesicht vielleicht auf die ein oder andere Schwuppe recht anziehend, sind die Studentenverbindungen in Österreich aber gar nicht Teil der Szene. Trotzdem stand wohl auch der ehemalige Parteivorsitzende Jörg Haider auf diese schmucken Burschen und Feschisten. Das brachte der Community in Österreich allerdings recht wenig, war Haider doch dafür bekannt, gegen Homos, Ausländer und Juden und Jüdinnen zu hetzen. Zumindest so lang, bis er sich besoffen mit seinem Auto um einen Betonpfeiler wickelte. So spielt das Leben. Oder halt eben nicht mehr. Aber egal. Ob jetzt mit oder ohne Haider ist die FPÖ wahrscheinlich bald wieder an der Macht. Das bedeutet, dass endlich wieder die echte Familie (also die mit Heten-Sex und Kindern) geschützt und das Trachten tragen zur Bürgerpflicht wird. Aber auch in Deutschland sieht es nicht viel besser aus und bisher wirken die von Storchs und Gaulands nicht so, als wollten sie demnächst das politische Parkett räumen. Auch die AfD hat mit ihrem Wahlergebnis wohl klar gemacht, wie es um die deutsche Gesellschaft bestellt ist. Dass auch hierzulande nicht wenige LSBTI ihre Stimme für die AfD abgegeben haben, ist eine traurige Gewissheit. Dabei verstecken Höcke und Co aus ihrer Abneigung gegen alles, was nicht cis und hetero ist, nicht in der dunkelsten Ecke des Darkrooms, sondern gehen damit recht offen hausieren. Aber selbst unter den Darkroom-Gestalten,

halle.aidshilfe.de

seit März diesen Jahres den Traum von regenbogenfarbenen Holzpantoffeln endgültig begraben, als viele junge LSBTI Geert Wilders und seiner rechtspopulistischen Partei für die Freiheit halfen zweitstärkste Kraft im niederländischen Parlament zu werden. Und auch wenn sich Wilders selbst als Vorkämpfer von LSBTI-Rechten inszeniert, trifft das auf viele seiner Verbündeten und Unterstützer*innen nicht zu. Der Ton wird rauer, aber längst nicht nur in dem Land hinter den Deichen.

die die AfD nicht gewählt haben, machen sich die seltsamsten Vorstellungen über Politik breit. Hat man sich an den in der Szene grassierenden Rassismus vielleicht schon gewöhnt, weil man selbst zum Glück eine echte deutsche Kartoffel ist, könnte man meinen, dass vielleicht einige aufgerüttelt werden, wenn es um die eigenen Rechte geht. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Wer jetzt meint, es müsse doch darauf geachtet werden, sich wieder normaler darzustellen, hat die Signale nicht gehört. Also wieder mehr Straight Acting, keinen Spaß und erst recht nichts, was irgendwas mit Sex zu tun haben könnte. Also gähnende Langeweile. Außerdem müsse man jetzt die Füße still halten, immerhin haben wir ja mit der Homo-Ehe alles erreicht. Das ist nicht nur unsolidarisch gegenüber allen trans* und intergeschlechtlichen Personen, die immer noch für ihre Rechte kämpfen müssen, es ist auch einfach falsch, so lange LSBTI immer noch Opfer von Gewalt und Diskriminierung werden. Ich werde jedenfalls meine Füße nicht still halten, sondern in Stöckel stecken, mir einen geilen Fummel anziehen und dann sorge ich schon dafür, dass ich mein queeres Wonderland noch bekomme. Text: Kuku Kolumna Bild: Dragan Simicevic Visual Arts

25


Veranstaltungskalender Dezember 2017 - Januar 2018 DEZEMBER Do., 30. November, 09-14 Uhr JUGENDFILMTAGE ZU SEXUALITÄT, LIEBE, FREUNDSCHAFT, HIV/AIDS Alljährliche Kino-Aktion des Koordinierungskreises HIV/STI-Prävention und Sexualpädagogik Halle und Saalekreis für Schüler_innen Ort: CinemaxX Halle, Charlottenstraße 8, 06108 Halle (Saale)

So., 10. Dezember, 18 Uhr WEIHNACHTLICHES BENEFIZKONZERT MIT DEM KAMMERCHOR TONART Ort: Freylinghausensaal der Frankeschen Stiftungen, Frankeplatz 1, 06108 Halle (Saale)

Fr., 1. Dezember, 18 Uhr FILMVORFÜHRUNG ZUM WELT-AIDSTAG: 120 BEATS PER MINUTE Ort: Zazie Kino Bar, Kleine Ulrichstraße 22, 06108 Halle (Saale)

Do., 21. Dezember, 18 bis 20 Uhr HIV-SCHNELLTEST UND SYPHILIS-SCHNELLTEST Ort: Beratungsstelle der Aidshilfe (1.OG)

Fr., 15 Dezember, 17 Uhr WEIHNACHTSFEIER DER AIDSHILFE Ort: Infothek der Aidshilfe (EG)

Sa., 30. Dezember, 11 Uhr SYLVESTER-BRUNCH Ort: Galeriecafé der Aidshilfe (EG) Sa., 23 Dezember bis Mo., 08 Januar 2018 BERATUNGSSTELLE GESCHLOSSEN

120 BPM

Do., 07. Dezember, 18-20 Uhr HIV-SCHNELLTEST UND SYPHILIS-SCHNELLTEST Ort: Beratungsstelle der Aidshilfe (1.OG)

Jeden letzten Samstag im Monat: Regenbogenbrunch von 11.00 bis 14.30 Uhr AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd e.V. / Böllberger Weg 189 / 06110 Halle (Saale)

JANUAR 2018 Do., 11. Januar, 18 bis 20 Uhr HIV-SCHNELLTEST UND SYPHILIS-SCHNELLTEST Ort: Beratungsstelle der Aidshilfe (1.OG) Do., 25. Januar, 18 bis 20 Uhr HIV-SCHNELLTEST UND SYPHILIS-SCHNELLTEST Ort: Beratungsstelle der Aidshilfe (1.OG) Sa. 27. Januar, 11 Uhr JANUAR-BRUNCH Ort: Galeriecafé der Aidshilfe (EG)

26


halle.aidshilfe.de

Stand September 2015

Ist die Viruslast der einzige Parameter für den Therapieerfolg?

www.nochvielvor.de

Keine echten Patientenbilder, keine vollständige Darstellung der gesamten HIV-Patientenpopulation.

160809_GIL_14392_HIVheute_Anzeigenadaption210x147_190x127_NP.indd 1

10.08.16 11:15

Impressum AIDS-Hilfe Halle / Sachsen-Anhalt Süd e.V.

Alle Inhalte dieses Magazins unterliegen dem Ur-

Böllberger Weg 189, 06110 Halle (Saale)

heberrecht. Eine Weiterverwendung, auch auszugsweise, bedarf der schriftlichen Genehmigung

Geschäftsführung: Dipl.-Päd. Martin Thiele

durch den Verein. Genehmigungen können jederzeit widerrufen werden. Die Nennung und Abbil-

Telefon: 0345 – 58 21 271

dung von Personen in diesem Magazin lässt nicht

Fax: 0345 – 58 21 273

zwangsläufig Rückschlüsse auf ihren HIV-Status

Email Redaktion: red.aktion@halle.aidshilfe.de

bildete Personen können Models und nicht die im

Fotografie: AH, AHH, Shing Chan Visual Art Concept, Salzgeber & Co. Medien GmbH, Kuku Kolumna, artfocus, Lisa F. Young, Yeko Photo Studio Titelbild: DAH Autoren: Björn Beck, Christoph Hartmann, Kuku Kolumna, Salzgeber & Co. Medien GmbH, Silvia Zöller, Martin Thiele, Ronja Abhalter, Sandra Schulz, Lisa Wagner

und/oder deren sexuelle Orientierung zu. AbgeBeitrag genannten Personen sein.. „Red.“ ist ein ehrenamtliches Projekt der AIDS-Hilfe Halle /Sachsen-Anhalt Süd e.V. und finanziert sich durch Anzeigeschaltungen selbst. Spenden sind möglich und steuerabzugsfähig. Anzeigelayout: Deutsche AIDS-Hilfe/IWWIT, Gilead Sciences GmbH, Mirko Rische, Marcus Hamel Anzeigeleitung: red.anzeigen@halle.aidshilfe.de Magazinlayout: www.marcushamel.com

27


Mein

Einhorn SCHEISST auf

NA ZIS www.halle-gegen-rechts.de

Profile for AIDS-Hilfe Halle

red.20  

red.20  

Advertisement