Page 1

ARCHITECTURAL DIGEST. Stil, Design, Kunst & Architektur

Deutschland  Juli & August 2018 / 8 Euro

Eiskunst

Süße Geheimnisse von Starpatissier Pierre Hermé Sneak Peek Deutschlands schönste Magazine haben eine filmreife neue Adresse

Juli & August 2018 Deutschland 8 € Deutschland, Österreich/ 13 SFr Schweiz

Heiter bis südlich Möbel-Trends 2019

Entdeckungen und Highlights vom Salone del Mobile


Inhalt Juli / August 74 Guide

77

67

Architektur

Salone in Sonnengelb

78

Projekt Ein Ferienhaus auf Santorin versteckt sich tief im Vulkangestein. Licht in die Höhle zu lassen war deshalb die größte Herausforderung für Kapsimalis Architects. 82 Radar

92

Garten Kampferbäume, Kakteen, Kamelien und weiße Pfauen: ein Gespräch mit Prinz Vitaliano Borromeo über die Isola Madre im Lago Maggiore, die „Mutter aller Garteninseln“.

99

Panorama 100

Kunst Im Auftrag höherer Wesen: Der japanische Künstler Izumi Kato schafft großäugige Geschöpfe aus Manga-Comics und Ritualkunst. 104 Ausstellungen 106 Bücher

108

Reise Die Perle an der Seine. Das Pariser Hotel „Lutetia“, einst Treffpunkt großer Literaten und später von der Wehrmacht besetzt, knüpft an alte Friedenstage an. 112 Reise Neuheiten

23 Editorial 24 Impressum 29 Entdeckung 30 Agenda 35 AD stellt vor

37

Stil Cover: Kasia Gatkowska; Fotos: Mattia Buffoli; Christoph Rüttger / Studio Condé Nast

38

Salone Special Mehr Mailand war nie: Von der Messe haben wir mitgebracht, was (schon heute oder gleich ab morgen) Rang und Namen hat. Das Neuste von Weltmarken wie Kettal oder Hermès, Wegweisendes von Design-Heroen wie Nendo und Christophe Delcourt. Die ganze Welt des Salone auf 23 Seiten!

68

Tolle Ticks!

68

Uhren Gold, Stahl, Platin und Titan – die neuen Uhren stellen die Zeiger auf Glanz und Leichtigkeit. Für die surreal schönen Momente im Leben.

17


Inhalt Juli / August 115

Leben 116

Reise zum Ich Willem Smit ist Experte für die zweite Heimat – seine eigene schuf sich der Hotelier fernab vom Trubel Marrakeschs an der Küste Marokkos.

122

138

Allein am Atlantik

Fotos: Filippo Bamberghi / Photofoyer; Mikko Rikala; Helenio Barbetta / Living Inside

6 wie Pech und Schwefel Eine Künstlerin, zwei Kinder und drei Hunde: das famose Appartement von Marine Palayer in Lyon.

130

Art déco im Grünen Toskanisches Idyll: Für eine Familie gestaltete Vincenzo De Cotiis in Forte dei Marmi ein Sommerhaus aus Marmor, Messing und dunklem Holz.

138

Die See so blau, die Brise rau Paradiesische Strände, ein Kaktus und ein Pferd namens „Landrover“ – das Anwesen am Atlantik von Itamar Cechetto und Cris Dios in São Miguel do Gostoso.

148

Die Tage der offenen Tür

Sonst bebildern und beschreiben wir bei AD das Schöne, hier haben wir es auch mitgestaltet: eine Sneak Preview der frisch bezogenen neuen Münchner Redaktionsräume des Condé Nast Verlags.

In einem kleinen Zollhaus an der Nordsee schuf Modedesigner Derek van Heurck ein Sommer-Retreat in Cadzand, wo Natur auf aparte Extravaganz trifft.

158

122

Palais Palayer

174

Home Office

Mehr Meer … geht kaum! Eine weltweit verstreute Großfamilie machte ein Fifties-Anwesen auf Mallorca zum gemeinsamen Urlaubsparadies. Und zur Bühne für die Lichtspiele von Sonne und Meer.

168

Mein Leben in Tropengrün Carlos Mota wurde vom Designredakteur zum Interiordesigner. In Santo Domingo richtete er sich ein eklektisches Paradies ein.

180 AD bei … Christie’s 180 AD bei … Perrier-Jouët 181 AD bei … Hemmerle 181 AD bei … Armani 182 Summaries 184 Apropos 186 Genie & Spleen

46

Cocktail Light


AD Editorial

„Mehr Durchlässigkeit, kürzere Wege, weite Flächen, viele Berührungspunkte, ein bisschen ,Mad Men‘ und viel mehr Kommunikation. Das sind unsere neuen Büros.“

Fotos: Elias Hassos

A

sollte, viel mehr Kommunikation und zugleich alle Möglichkeiten konzentrierten Arbeitens. Wie über alle Bereiche des Unternehmens hinweg zusammen mit „unseren“ Architekten Eva Durant, ngefangen hat alles mit den „Mad Men“. Genau genommen mit Andreas Notter und Anne Schädlich vom Büro tools off.architecder famosen Ausstattung der Büros der fiktiven Werbeagentur ture langsam ein Konzept Gestalt annahm und in unzähligen SitSterling Cooper im New York der sechziger Jahre. Fast noch schö- zungen ausformuliert wurde, war nicht nur persönlich eine der ner (nur fast natürlich) als Don Draper waren die akkuraten Mid- schönsten beruflichen Erfahrungen, sondern auch die erste Probe century-Sofas mit ihren bunten Stoffbezügen vor Walnussholz­ aufs Exempel für eine Form der Zusammenarbeit und des offenen, täfelungen, die kupferfarbenen Teppichinseln auf grauem Grund neugierigen und animierenden Austauschs, wie man es sich heumit hellen Loungesesseln – luftige, offene Flächen überall, ge- te angesichts einer immer unruhigeren Umwelt nicht besser wünschickt rhythmisiert von pastellig gehaltenen Trennwänden. Gra- schen kann. Die räumliche Umgebung dafür mit zu gestalten war fische Strenge gepaart mit fast wohnzimmerhafter Eleganz. eine grosse und grossartige Aufgabe, die wir leidenschaftlich anAls wir vor über einem Jahr in einer abteilungsübergreifend genommen haben. Daher möchten wir Ihnen in dieser Ausgabe zusammengesetzten Arbeitsgruppe die ersten Ideen in die Luft auch das Ergebnis zeigen (hier und ab S. 148). warfen, wie denn unsere neuen gemeinsamen Münchner Büros Wie weit der Weg von Moodboards und Modellen hin zur feraussehen könnten, standen gleich die Bilder dieser TV-Serie im tigen Möblierung ist – von allen technischen Details gar nicht erst Raum, die seit vielen Jahren stilprägend ist zu reden –, liegt auf der Hand. Ich freue mich mit ihrem Look and Feel. sehr über das Ergebnis. Don Draper & Co. Natürlich ist eine Umstellung auf offene sanken ja damals nach getaner Arbeit immer Flächen, neudeutsch Open Space genannt, mit einem Drink in ihre Knoll-Sofas. So weit immer mit Vorbehalten verbunden, zu laut, würden wir natürlich niemals gehen. zu eng, zu uniformiert. Um genau dies zu vermeiden, wurde ein Jahr hart gearbeitet, sowohl an den technischen Finessen als auch an der ästhetischen Ausformung eines Raumprogramms, in dem es viel mehr Durchlässigkeit und kürzere Wege geben O liver Jahn

23


Stil

Neuheiten und Netzwerker, Design-Ikonen und Durchstarter

Salone del Mobile 2018

Wenn Messe in Mailand ist, scheint alles ein bisschen besser. Die Sonne wärmer, die Anzüge schnittiger, der Spritz so viel spritziger. Und die Möbel erst! Die besten davon zeigen wir auf den ­folgenden Seiten: Teppiche wie Wirbel, Spiegel wie Spukwesen, Sofas wie Sojabohnen oder Gartenmöbel wie Schminkutensilien. In Diablas sommerroter „Lipstick“-Kollektion bietet das ­Polyethylen-Tischchen (190 Euro, in sieben weiteren Farben erhältlich) sogar Platz für Eiswürfel. So cool schmeckt der Spritz in der neuen Saison auch bei uns. Delizioso! SF

Foto: Diabla

diablaoutdo or.com

Redak tion Simone Herrmann und Sally Fuls

37


Special Salone del Mobile 2018

Duo der ­Dreifaltigkeit

Aller guten Dinge sind drei! Diesem Prinzip folgten auch Dimore Studio und kreierten anlässlich des Salone gleich mehrere ihrer „delphischen Installationen“. In der Galerie an der Via Solferino füllte das Duo für „Transfer“ Stoffzelte mit Designschätzen des 20. Jahrhunderts, einige Häuser weiter lockten mit „Limited Edition“ neun Unikatmöbel von Emiliano Salci. Als Bühne für die Newcomer aus ihrer eigenen Kollektion schufen Dimore „Perfettamente Imperfetto“ (o.): sphärische Räume, deren subtile Farbwelt den Chic ihrer dem italienischen Modernismus huldigenden Entwürfe aus Edelholz, Messing, Bambus und Glas meisterhaft pointierte. FW dimore s tudio.eu

Material royal: Cocktailsessel „Poltrona 119“ (li.) mit Struktur aus lackiertem Holz, bambus- und messingbesetztem Fuß und Stahlsitz mit gepolstertem Samtbezug. Re.: Personenkult! Emi­liano Salcis und Britt Morans (li.) In­stallationen sind ­jedes Jahr wahre Pilgerstätten für De­ signjünger weltweit.

Fotos: Andrea Ferrari; Sally Fuls; Porträt: Silvia Rivoltella

Dimore Studio


Netzwerker

Nendo

„N01“ Nendo für Fritz Hansen Furnier, Massivholz ca. 610 Euro f r it zhan sen.com

Fotos: Nendo Design for Minotti; Republic of Fritz Hansen; Takumi Ota / Nendo; Atelier Swarovski by Nendo; Porträt: Nendo

A

„Tape Sofa“ Nendo für Minotti Leder, Melange ca. 6360 Euro minott i.com

n rund 400 Projekten arbeitet Nendo gleich­ zeitig. Dabei behält Gründer Oki Sato immer den Überblick – „meistens jedenfalls“, lächelt der Japaner, als wir ihn in den Ausstellungs­ räumen seiner Schau „Forms of Movement“ in Mailand treffen. Zum Salone zeigte Nendo zudem Neuheiten für Swarovski, Marsotto, Fritz Hansen und Minotti – für Letztere ent­ warf er ein waldgrünes Sofa mit bronzefar­ benen Metallfüßen, für Fritz Hansen den ersten Massivholzstuhl seit 1957. Wann ein Möbel fertig ist, entscheidet Sato nach Bauch­ gefühl. „Den Tipp hat mir Issey Miyake ge­ geben. Als wir 2007 an unserem Stuhl aus Papier arbeiteten, zeigte ich ihm den Proto­ typ, und er sagte: It’s done! Ich widersprach, aber Miyake bestand darauf, dass man auf­ hören müsse, wenn das Gefühl stimmt.“ VP nendo.jp

Schale „Softpond“ Nendo für Swarovski Kristall Preis auf Anfrage ate l i e r swa rov sk i .co m

„Nod A“, „Nod B“ Nendo für Marsotto Marmor ab 3785 Euro e d i zi o n i. m a r sot to.co m

53


Special Salone del Mobile 2018 Die Qual der Wahl Über 170 Bezüge! Die Or­ der von Joris Loungeses­ sel „Griffon“ (3337 Euro) erfordert Entscheidungs­ freude. Die gute Nach­ richt: Seine Schalenform belohnt uns in jeder Ver­ sion mit – Entspannung. jori.com

Keine Angst, die beißen nicht! Oder vielleicht doch? Maarten Baas’ kleine gläserne „BHSD“-Monster für Lasvit wirken zunächst wie harmlose Gesellen. In seiner Vorstellung aber klettern sie nachts aus dem Regal, ja­ gen Menschen und knabbern ihre ahnungslose Beute mit spitzen Zähn­ chen an. Obacht also! Ab 1249 Euro. lasvit .com

Fendi Casa

Die Eleganz des Thierry L. Der Tisch „Beaune“ Die Mischung macht’s: „Minimalistische (unten) wird auf An- Linien bringen edles Material erst richtig frage und in jeder zur Geltung.“ Für Fendi Casa entwickelte Größe gefertigt. Seider Pariser Architekt und Interiordesi­ ne zylindrischen gner Thierry Lemaire nun eine kleine Kol­ ­Füße aus bronziertem Metall tragen lektion aus Sofa, Leuchte, Konsole und eine Platte aus selte- dem raumgreifenden Tisch „Beaune“ mit nem Panda White-­ Flimmereffekten. Eine gelungene Syn­ Marmor mit metallischen Akzenten. these aus italienischer Eleganz und fran­

zösischer Allure. Da capo, Monsieur! FW

Fotos: Lasvit; Jori; Fendi (2)

luxur ylivinggroup.com

54


Architektur und Natur klingen im 4,60 Meter breiten Sofa „Eko“ und im Coffeetable „Teo“, beides Delcourt Collection. U. Tisch und banquette für Collection Particulière (mit Stuhl­ leiter von Anthony Guerrée). Alle Preise auf Anfrage.

Christophe Delcourt

Klang der Stille

Laut die Werbetrommel rühren liegt ihm nicht: Alte Industrie­hallen aufmöbeln oder eine Straßenbahn tapezieren – so etwas überlässt Christophe Del­court anderen. Seine jüngsten Entwürfe präsentierte der Pariser Designer schlicht in einem Möbelhaus. Wenn man denn dieses Wort verwenden darf für Spotti Mila­no, eine Insti­tution stilsicheren Einrichtens. In der ruhigen Schau „Echos“ fügte Delcourt, der auch für Minotti arbeitet, Stücke aus seiner Delcourt Collection und der Collec­tion Particulière zu frugal-luxu­riösen Stillleben in Holz- und Steintö­nen.  Und verneigte sich damit vor einem nicht ganz so stillen Star: Vorbild war Le Corbusiers Kapelle in Ronchamp. KJ

Fotos: Sally Fuls; Collection Particulière; Porträt: Pierre Even

chris tophe delcour t .com colle c tion -par ticuliere.fr

55


Stil Inspiration

Endlich Sommerzeit!

Tex t Friederike Weißbach Produk tion Nina Luisa Vesic Fotos Chris toph Rüt tger

68

Reiche Beute (von oben im Uhrzeigersinn)! Im Schnabel von Nymphenburgs „Ara“ pendelt der limitierte Stahlchronograph „1858 Monopusher“ von Montblanc, 28 000 Euro. Keck am Glas (Theresienthal): Panerais ­stählerne „Radiomir 1940 3 Days ­Automatic“, 9700 Euro. Chronograph „Classic Fusion Green“ ­aus Titan von Hublot (10 700 Euro) im ­Nymphenburg-Schäl­chen. Bronzegrashüpfer von Stephan Keller; Classicon-Sidetable via Böhmler. Alle Viktualien von Dallmayr.

Fotos: Christoph Rüttger / Studio Condé Nast

Gold, Stahl, Platin und Titan: Die neuen Uhren stellen die Zeiger auf Glanz und Leichtigkeit. Für die surreal schönen Momente im Leben.


Balanceakt (von li. nach re.): Auf Lobmeyrs Bonbonniere sitzt die „Rendez-Vous Night & Day“ von Jaeger-LeCoultre aus Stahl, 8850 Euro. Darin: die stählerne „Octo Roma“ von Bulgari, 6350 Euro. Scherben bringen Glück! Junghans’ Jubiläumsuhr „Meister Chro­ noscope Terrassenbau“ in Stahl, 2140 Euro. Stahl-„Seamaster 1948“ mit Störlederband von Omega, 5700 Euro. Blau in Blau: Chopards „L.U.C XPS“ aus Platin, 24 700 Euro. Alle Gläser: Lobmeyr. Kartenspiel von Hay; Kerze: L’Officine Universelle Buly. Tisch: Versus Gallery.


Architektur Projekt

Bergblick Ein Ferienhaus auf Santorin versteckt sich tief im Vulkangestein. Licht in die Höhle zu lassen war deshalb die größte architektonische Herausforderung.

D as tiefblaue Meer der Ägäis unter der weiß getünchten Terrasse, irgendwo am Horizont die dramatischen Schluchten eines untergegangenen Vulkans: Nur wenige Höhlenwohnungen haben das Glück, mit einem Ausblick wie diesem gesegnet zu sein. Dabei war hier, auf der griechischen Insel Santorin, lange nicht das Panorama ausschlaggebend für den Bau dieser eindrucksvollen Höhlen, sondern pure Notwendigkeit: zum einen, weil es der griechischen Kykladen-Insel an Baumaterial fehlte – Holz gibt es auf Santorin praktisch nicht, dafür reichlich Granit und Marmor –, zum ande-

78

ren, weil die traditionellen Höhlenhäuser den Unbilden des pfeifenden Winterwinds und des glühenden Sommers am besten standzuhalten vermochten. Schon seit Jahrhunderten graben die Bewohner der fast vollständig aus Tuffgestein bestehenden Insel ihre Wohnungen entlang der felsenverhangenen Caldera, die früher mal ein Vulkan war, von dessen einst o-förmigem Krater heute nur noch ein C übrig geblieben ist, und wo mancher das Erbe Atlantis’ vermutet. Doch der Ausblick ist von fragiler Schönheit: Der Vulkan, der Santorin vor Urzeiten modellierte, gibt unter dem Wasser keine Ruhe. Von Zeit zu Zeit erschüttern Seebeben die Insel und zerstören die Höhlen im Steilabbruch – zuletzt 1956, als Dutzende Wohnungen verschüttet

Fotos: Vangelis Paterakis; Porträts: Kapsimalis Architects

Tex t Florian Sieb e ck


Kapsimalis Architects Architekten, Santorin

Marianna und Alexandros Kapsimalis gehören zur jungen Generation griechischer Architekten, die dem Land ein neues Gesicht geben. Nach dem ­Studium in Athen und anschließenden Stationen in ­Zürich (Alexandros) und Glasgow (Marianna) ­gründeten die beiden ihr Büro 2012 in Santorin, wo sie seither viele Ferienhäuser verwirklicht haben. kap simalis archite c t s.c om

wurden. Heute gibt es nur noch wenige Höhlenhäuser auf Santorin, wo die Grundstückspreise ohnehin zu den höchsten in ganz Griechenland zählen. Doch der florierende Tourismus bringt immer wieder auch neue Perlen hervor. Eine stammt aus der Feder von Kapsimalis Architects, einem jungen Architekturbüro, das eine baufällige Höhle in ein Ferienhaus transformierte. „Dem Eigentümer war wichtig, dass wir das meiste aus dem Platz herausholen –

Die nach Süden gerichtete Terrasse führt den Blick zum ver­sunkenen Krater des Vulkans – dort, wo Wissenschaftler das verschollene Atlantis vermuten (oben). Im Innenraum der Höhlenwohnung trennen Ale­ xandros und Ma­ri­ anna Kapsimalis Wohn- und Schlafzimmer re. o. mit einer runden Glastür.

und einen Infinity Pool am Rande des Kraters bauen“, erzählt Alexandros Kapsimalis, der das Architekturbüro mit seiner Schwester führt und schon viele Ferienhäuser auf Santorin entworfen hat. Die beiden sind auf der Insel groß geworden, „wo der raue, vulkanische Stein, die dramatischen Wechsel der Landschaft, die Diversität der Materialien, die alte Architektur und das sich stetig ändernde Wetter einen großen Einfluss auf unseren Designprozess haben“. Die schon länger leer stehende Höhlenruine teilten die Architekten in kleinere Einheiten auf. „Die kompakte Anordnung der verschiedenen Räume und die Bewegungen im Innenraum, gepaart mit der subtilen Umwandlung bestehender amorpher Formen in

79


Der Garten im See Kampferbäume, Kakteen, Kamelien und weiße Pfauen – wie ein Park im Lago Maggiore zur botanischen Arche Noah wurde. Prinz Vitaliano Borromeo über die Isola Madre, „die Mutter aller Garteninseln“.

Tex t Simone Herrmann Fotos Antonio Mar tinelli


Architektur Garten

G

Vitaliano Borromeo oben amüsieren sich über die steinernen Hundedrachen am Fuß der Treppe. Von dort hat das Paar einen guten Blick auf den Platz vor der Kirche, wo der Goldfischteich links mit Seerosen, Wasserlilien und Nilgras prunkt. An den Uferhängen (linke Seite) wuchern Opun­tien über die Mauern und Palmen, Rosen, Steppenkerzen wiegen sich im lauen Wind.

Fotos: Antonio Martinelli / Photodepartments

iardino di delizia.“ Das sei das Wort, meint Prinz Vitaliano Borromeo Arese XI zu Be­ ginn unseres Gesprächs, das „mir immer in den Sinn kommt, wenn ich hier stehe“. Der Fürst schaut einem Zitronenfalter nach, der um die Wasserlilien am Teich herum­ tändelt, zur Paradetreppe hinübersegelt, an der Blätterwand emportupft und wie ein helles Blütenblatt hinauf ins Blau steigt, höher und höher, bis er nicht mehr zu se­ hen ist und nur dieses sorglose, beschwing­ te Gefühl bleibt. Delizia, Freude. Ein Lustgarten, ja, so kommt einem die Isola Madre vor. Farben, Düfte, sel­ tene Pflanzen – die Insel zählt zu den ältesten botanischen Gärten Italiens. Welche Rolle spielte Ihre Familie dabei? Zu unserem Besitz gehören die drei Bor­ romäischen Inseln im Lago Maggiore, die Madre, Bella und die Isola dei Pescatori. 1501 begann Lancillotto Borromeo, eine Re­sidenz auf der Madre zu bauen, die mit ihrem milden Klima Zitruspflanzungen be­günstigte; er starb 1513, und erst Rena­ to I ließ 1583 von Pellegrino Pellegrini

den manieristischen Palazzo San Carlo – zu Ehren unseres Familienheiligen – bau­ en, der noch heute das Herz der Insel ist. Aber Ihre Familie lebt nicht mehr hier? Nein, obwohl es zu meinen frühsten Erin­ nerungen zählt, wie meine Mutter geschuf­ tet hat, um den Palazzo für das Publikum instand zu setzen. Aber den September ver­ bringen wir traditionell auf der Isola Bella. Das ist die zweite der Garteninseln. Allerdings mit einem terrassierten Barock­ garten, den Giovanni Angelo Crivelli 1630 entworfen hat und der unter meinem Na­ mensvetter Vitaliano IV zum Propaganda­ instrument wurde, um der wirtschaftli­ chen und politischen Macht der Familie Form zu geben. Pracht reimte sich im Ba­ rock eben immer auch auf Macht. In dieser Zeit muss die Isola Madre, obwohl sie die größte der Inseln ist, mit ihrem strengen Renaissance-Palazzo ein bisschen altmodisch gewirkt haben. Die Insel, 330 Meter lang und 220 Meter breit, bestand damals aus Wiesen- und Wei­ deland, dazu Weinreben, Walnussbäume, Feigen-, Kirsch- und Granatapfelbäume; nachdem der Palast stand, wurden auf der Süd- und Ostseite Terrassen mit Pergolen, „Es sind freundliche Monster.“ Marina und

93


Die See so blau, die Brise rau Tex t L arissa B eham

St yling Adriana Frat tini

Fotos Filippo Bamberghi


Paradiesische Strände, ein Kaktus in der Mitte und ein Pferd namens „Landrover“: Als Itamar Cechetto und Cris Dios ein Zuhause am Atlantik fanden, wurde die Natur ihr Mitbewohner.

Fotos: Filippo Bamberghi / Photofoyer

São Miguel do Gostoso

Netz-Werker: Das Sofa auf der Terrasse ließen Cris Dios und Itamar Cechetto aus 240 m2 witterungsresistentem Nylon flechten. Linke Seite: Pferd „Landrover“ beim Spaziergang um den Pool – samt herrlichem Blick auf den ­Atlantischen Ozean. Die beiden Holzliegen fand das Paar bei Zani Madeiras.

139


München

Home Tex t Andreas Kühnlein Produk tion Thomas Skroch St yling Mona B erger s & Isa Lim Fotos Elias Hassos

Condé Nast hat eine oskarreife neue Adresse – Blick hinter die Kulissen der Schaltzentrale des Stils.

Office


Die luftige Lounge mit Eichenholzmöbeln von Buchholz Berlin steht allen Condé Nast-­Mitarbeitern zur Verfügung. Wer es weicher mag, nimmt auf einem „Kipu“-Pouf von Lapalma oder den Flexform-Sesseln im Hintergrund Platz. Markus Widmann Licht half bei der Planung und lieferte die Vistosi-Leuchten.

149


SONDERHEFT JULI / AUGUST 2018

Immobilien Special Die schönsten Kaufobjekte 2018


A R C H I T E C T U R A L D I G E S T. Stil, Design, Kunst & Architektur erscheint in der Condé Nast Verlag GmbH Oskar-von-Miller-Ring 20, 80333 München Telefon 089 38104-0 mail@condenast.de, www.condenast.de ad@admagazin.de, www.admagazin.de Ch e fr e dak te ur Oliver Jahn Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt Re dak tio n St v. Ch e fr e dak te ur & St y l e D ir e c to r Dr. Simone Herrmann A r t D ir e c to r Inka Baron Tex tc h e f Barbara Gärtner M anaging Edito r Eike Schrimm Ph o to D ir e c to r Ralph Stieglitz Tex tr e dak tio n Andreas Kühnlein, Florian Siebeck B il dr e dak tio n Thomas Skroch (Stv. Leitung), Isa Lim A r t D e p ar tm e nt Viviana Tapia (Stv. Art Director), Judith Pretsch A s sis te nz de r Ch e fr e dak tio n Johanna Hänsch M itarb e ite r die s e r Au s g ab e Sophie Fent, Johann Christoph Maass, Carola Plappert Auto r e n die s e r Au s g ab e Elisabeth Malkin, Bettina Schneuer

D

Legende BR Brasilien CH Schweiz D Deutschland E Spanien F Frankreich GB Großbritannien I Italien RUS Russland S Schweden USA USA GR Griechenland

B ür o M ailan d Anna Riva, Paola Dörpinghaus Tel. +39 02 29000718, p.dorpinghaus@condenast.it

30

Hamburger Perle 24

6

Bilbao-Effekt

Lückenfüller

Wie die Architektin Tatiana Bilbao ihre Häuser vom Bewohner aus plant.

Euroboden belebt einen Berliner Hinterhof – und zeigt, wie Nachverdichtung gelingen kann.

10

28

Die schönsten Kaufobjekte

Passion für Tradition

14

Zeitzeugen aus Stein und Stuck verdienen Respekt und behutsame Sanierung. Der Unternehmer Bert Christmann ergänzt dazu modernen Komfort.

Himmelwärts! Der Berliner Immobilienentwickler Nikolaus Ziegert erklärt, wohin sich Metropolen künftig strecken.

B ür o N ew Yo rk Christina Schuhbeck Tel. +1 212 6304980, christina_schuhbeck@condenast.com S c hlu s s r e dak tio n / D o k um e ntatio n Lektornet Sy n dic atio n syndication@condenast.de Re dak tio n a dm ag azin.de Andreas Kühnlein (Leitung), Valerie Präkelt Pub lis h e r André Pollmann A nze ig e n / Ve rm ark tung S al e s Christina Linder, Head of Sales christina.linder@condenast.de, Tel. -430 Christine Weinsheimer, Head of Digital Sales christine.weinsheimer@condenast.de, Tel. -466 B r an d Adve r tising Andrea Latten, Brand Director Vogue & AD andrea.latten@condenast.de, Tel. -276 (verantwortlich für Anzeigen) M arke ting Angela Reipschläger, Head of Marketing angela.reipschlaeger@condenast.de, Tel. -793 Ingrid Hedley, Marketing Director ingrid.hedley@condenast.de, Tel. -142 Kathrin Ölscher, Marketing Director kathrin.oelscher@condenast.de, Tel. -746 Cr e a ti ve Stu dio Chris Riss, Head of Creative Studio christian.riss@condenast.de, Tel. -476 Ad ve r ti sing O p e r a tio n s Katharina Schumm, Head of Revenue Management, Ad & Marketing Service katharina.schumm@condenast.de, Tel. -135 Simona Reis, Team Lead Ad & Campaign Management simona.reis@condenast.de, Tel. -409 Ve r trie b Alima Longatti, Head of Direct Marketing & CRM alima.longatti@condenast.de, Tel. -301 Einze lve rkauf MZV GmbH & Co. KG, Karsten Reißner (Bereichsleitung)

32 18

H e r s te llung L e itung Lars Reinecke, Director Production D igital e Vo r s tuf e / D ruc k Mohn Media, Mohndruck GmbH Carl-Bertelsmann-Straße 161 m, 33311 Gütersloh

Die Komplizen

Perlentaucher

Architektur ist mehr als vier Wände und ein Dach, findet der Architekt und OMA-Partner Reinier de Graaf in seinem neuen meinungsstarken Buch.

First Living ist eine Plattform, die das Suchen und Einziehen erleichtert. 20

Sneak Preview

34 Internationales Impresssum

… bei Bauwerk Capital in Frankfurt. 4

Unte rn e hm e n s ko mmunikatio n  /  PR Ines Thomas, Director Corporate Communications presse@condenast.de, Tel. -413 F inanze n Roland Riedesser, Finanzdirektor H e r au s g e b e r un d G e s c häf t s führ e r Moritz von Laffert Chairm an C o n dé N a s t Inte rnatio nal Jonathan Newhouse

Cover: The Modern House; Fotos: Herbert Ohge; Groß & Partner /  U nstudio


Immobilien Special

Au-­ München

Am Auer Mühlbach entsteht bis Ende 2020 aus Historischem Neues. Der neoklassizistische Bau von 1904 wird 125 einzigartige Ein- bis Vierzimmerwohnungen beherbergen – gekonnte An- und Vorbauten bringen Licht hinein. Innenhof und Außenanlage mit Hecken im Stil historischer Gärten, Neubau-Tiefgarage, Denkmal-AfA. legat- living.de

Penthouse Belsize Park

London

Zeitkapsel in einer Ikone: das Penthouse im Isokon Building, noch immer eingehüllt von den Holztäfelungen von 1934, noch immer mit Plymax-Boden, ein perfektes Apartment für schlanke Minimalisten – und für Wetter­ optimisten, denn die Dachterrasse ist gefühlt größer als der Wohnraum. the space s.com

Landsitz Countisbury

GB

Wohnfläche plus Terrasse 6 6 m 2 Preis 95 0  0 0 0 P fund

Devon GB

Georgian meets gothic im Glenthorne Estate: In einmaliger Lage steht Wohnfläche dieses superbe Anwesen aus dem 19. Jahrhundert, das ambitioniert 14 5 7 m 2 restauriert wurde – bis hin zu Silber-, Gobelin- und WaffenG runds tück 31 ,1 ha Zimmern. Der Hauptbau prunkt mit zwölf Schlafräu­men und mehPreis reren repräsentativen Salons. Im riesigen Park liegen die home farm, 5, 5 Mio. P fund das Gärtnerhaus, diverse Nutzgärten, Pferdeweiden und große Waldareale. Übrigens: Hier schrieb Michael Ondaatje seinen Welterfolg „Der englische Patient“. Redak tion & Tex t B et tina Schneuer

c ar terjonas.co.uk

10

D

Wohnfläche 20 –1 26 m 2 Preis 28 0  9 0 0 – 2 5 6 7 9 0 0 Euro

Fotos: The Modern House; Legat Living; Carter Jonas (2)

Legat Living Haidhausen


Immobilien Special

GR

Wohnfläche 25 0 –1 20 0  m 2 G runds tücke 14 0 0 –3 0 0 0  m 2 Preise auf Anfrage

Villen Messenien

Peloponnes

Exklusive Villen nur wenige Schritte vom eigenen Privatstrand, deren Eigentümer zudem die Services und Sportmöglichkei­ ten der benachbarten Resorts „The Romanos“ und „The Westin“ nutzen können. Neben diesen zehn Beachfront-Bauten in tra­ ditioneller Formensprache mit modernem Twist und heuti­ gem Komfort gibt es noch 28 weitere Residenzen: entweder am Berghang im Olivenhain oder am 18 Loch-Golfplatz, entworfen von insgesamt sechs bekannten griechischen Architekturbüros. cos tanavarino.com

München

Am Brunnbach entstand ein markanter Neu­bau mit nur elf Einheiten, deren de­ ckenhohe Fensterfronten das Licht hinein­ fluten lassen. Vola-Armaturen, Bulthaups „b1“-Küchen und Q4-Spachtelwände sind Details der luxuriösen Ausstattung. m - concep t .de

D

Wohnfläche 20 6 und 25 8 m 2 G runds tück 3 3 5 0  m 2 Preis ab 4 ,14 3 Mio. Euro

Horizontal Skyscraper Moskau Russland Am Ufer der Moskwa entwickeln Herzog  & de Meuron ein Brauereigelände. Um al­ te Backsteinbauten werden sich 75 Meter hohe Neubauriegel mit 100 000 m2 Wohn­ fläche auf einem Stützenwald legen. Asso­ ziationen zu El Lissitzky sind gewollt. her zogdemeuron.com

11

RUS

Wohnfläche auf Anfrage Preis auf Anfrage

Fotos: Christos Drazos /  C osta Navarino (2); Herzog & de Meuron; M-Concept

Wohnungen Bogenhausen


Architekt und OMA-Partner Reinier de Graaf will seinen Berufsstand von einer weitverbreiteten Halluzination befreien – und hat darüber ein auch für Laien überaus unterhaltsames Buch geschrieben. Inter view Andreas Kühnlein

S

ie wagen in Ihrem neuen Buch eine Bestandsaufnahme der Archi­tektur: „Four Walls and a Roof“, ist das wirklich alles? So einfach ist es natürlich nicht – auf den Titel folgen ja 500 Seiten. Was ich zeigen will, ist, dass ein einfacher Beruf in Wahrheit sehr komplex sein kann. Und vielleicht ist gerade das die Aufgabe des Architekten: das Komplexe einfach erscheinen zu lassen. Was macht das Ganze so kompliziert? Architektur ist nur eine Kraft in einem Feld, das von vielen Kräften zugleich bestimmt wird. Sie ist nicht autonom und war es nie.

Bauen ist heute eine Methode, Geld zu machen, und im kapitalistischen System sind Gebäude zuallererst ein Investment. Sie beschreiben, wie dabei die Methoden der Moderne wiederkehren – aber mit entgegengesetzten Vorzeichen … Ja, dasselbe Vokabular dient heute gegenteiligen Zwecken. Die Moderne machte das Bauen rationell und billig, um ein Existenzminimum für alle zu erreichen. Heute wird im Prinzip genauso gebaut, bloß hat der private Gewinn den allgemeinen Nutzen abgelöst. Ich glaube, wenige Architekten sind sich dessen bewusst – ein irgendwie 32

abstrakt-moderner Stil bedeutet eben nicht, dass man im selben Geist baut wie die Kollegen ein halbes Jahrhundert zuvor. Das ist die Halluzination, gegen die ich angehe. Wie sieht Ihr Vorschlag aus? Mein Buch ist eine Kritik, keine Lösung. Wie so oft beginnt die Arbeit an einem Problem damit, dass man ein solches erErschwinglicher Wohnraum für alle: Die Wohnanlage Alterlaa in Wien (o.) von Har­ ry Glück ist ein ebenso umstrittenes wie beliebtes Beispiel sozialen Bauens im Sin­ ne des frühen Wohlfahrtsstaats, der sich heute, sagt de Graaf, zurückgezogen hat.

Fotos: Simon van Hal; Sebastian van Damme /  C ourtesy of OMA; Harvard University Press; Porträt: Adrienne Norman

Die Komplizen


Immobilien Special

kennt. Und hoffentlich kann ich so jemand sehr viel Intelligenteren dazu provozieren, sich über die Lösung Gedanken zu machen (lacht). In jedem Fall wird es schwieriger, als Architekt unpolitisch zu bleiben. Inwiefern? Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist die Ungleichheit. Wenn sich die Besitzverteilung weiter so entwickelt wie aktuell, laufen wir auf einen Klassenkampf wie im 19. Jahrhundert zu. In den Entwicklungsländern bildet sich keine Mittelschicht, in der entwickelten Welt ist sie wieder am Verschwinden. Es ist paradox: In unseren Städten gäbe es Wohnungen genug, aber wer sie bräuchte, kann sie sich nicht leisten, und wer sie sich leisten könnte, braucht sie nicht. Gebäude werden besessen statt genutzt. Man kann sich da auf beide Seiten stellen, aber mit dem Luxus der unpolitischen Disziplin ist es vorbei. Das geht aber nicht nur Architekten an, sondern vor allem auch den Staat, oder? Der öffentliche Sektor hat sich seit den 80er Jahren zurückgezogen und das Bauen

Reinier de G raaf is t Par tner im O f f ice for M etrop olitan Archite c ture in Rot terdam und verant wor tet Projek te in Rus sland, Eur op a (w ie r e chts de n Komp lex H ollan d G re en in London) und in den L ändern de s Mit tleren O s tens (oma.eu). Buchtipp: Four Walls and a Roof: The Complex Nature of a Simple Profession. Har­ vard Univer sit y Pre s s, 51 3 S., 2 5 , 9 9 Euro.

an den privaten Sektor ausgelagert. Mit dem Ergebnis totaler Handlungsunfähigkeit: Man kann nur noch aufs Beste hoffen. Dabei wurden fantastische brutalistische Meisterwerke mal von völlig anonymen Behörden wie dem Greater London Council gebaut. Und heute? Haben wir ein paar superbekannte „Star-Architekten“, das war’s.

„Nur weil man moderne Formen baut, ist man noch lange kein moderner Architekt.“ Reinier de Graaf

Nun sind Sie nicht ganz ohne Einfluss … Na ja, im Alltag bin ich mit denselben ­Banalitäten und Absurditäten konfrontiert wie jeder andere Architekt. Mein Einfluss ist, dass ich so ein Buch schreiben kann und Leute es tatsächlich lesen. Aber als praktizierender Architekt? Die Geschichte der Welt ist immer größer als die Architektur – OMA arbeitete in England vor der Fi­ nanzkrise, in Russland vor Putin, im Irak kurz vor Isis. Tolle Projekte, die allesamt gecancelt wurden. Es geht nicht um den

Einfluss eines Einzelnen, sondern darum, dass ein ganzer Berufsstand aufwacht. Klingt nach einem bösen Erwachen … Ich bin da nicht per se pessimistisch, ich bin nur kein blinder Optimist. Architektur ist Teil des Lebens und damit auch nicht weniger komplex. Als Architekt muss man darin einen eigenen Reiz ausmachen, sonst geht man unter. Auf jedes gebaute Projekt kommen zehn, die nie umgesetzt werden. Das kann einen verbittern – aber wenn man den Kontext versteht, relativiert das auch die Enttäuschungen. Welche Rolle spielt dabei der Nutzer? In den 70ern gab es in den Niederlanden die inspraak als Form der Nutzerbeteiligung. Ich war nie ein großer Fan davon, weil es die Arbeit wahnsinnig kompliziert macht, wenn man sich mit Tausenden Meinungen gleich­zeitig herumschlagen muss. Aber in der gegenwärtigen Situation könnte das ein nützliches Korrektiv werden. Die Kriterien eines Architekten sind so subjektiv wie die des Immobilienentwicklers; die Nutzer zu ermächtigen, als dritte, unparteiische Kraft zu urteilen, könnte einen Teil der Schwäche des öffentlichen Sektors ausgleichen. Also doch nicht der „Diktator mit Geschmack“, von dem Sie schreiben? Wohl kaum, das ist natürlich ironisch gemeint. Und auch keine Wiederkehr der Moderne; wir hatten genug Manifeste, die uns bis heute von einem Dilemma ins nächste schicken. Und genau deshalb habe ich auch keins geschrieben!


ARCHITECTURAL DIGEST. Stil, Design, Kunst & Architektur CONDÉ NAST VERLAG

SON DE R AUSGA BE 20 18

9,80 € Deutschland / Österreich 16,90 SFr Schweiz 10,50 € Benelux

A D C HOIC E – 30 K U LT H ÄUSE R

Kulthäuser 30 Architektur-Ikonen von viel bewundert bis fast vergessen

Sonderausgabe 2018


AD

Inhalt

/ Kulthäuser

Seite 58

Gestrandete Moderne Wie Andrew Gellers Beach-Bungalows das einfache Leben auf Long Island feierten. Seite 62

146 Seite

Der Herr des Rings Mit Schloss Ringberg schuf Friedrich Attenhuber die Kulisse eines Alpendramas, dessen tragischen Part er selbst spielte. Seite 68

Im Dschungelcamp eines Gentlemans Edward James, britischer Multimillionär, verewigte sich in Mexiko mit einer surrealistischen Architekturfantasie. Seite 72

Das Geisterhaus Der Künstler Simon Schubert faltete für uns einen papierenen Nachruf auf das Berliner Stadtschloss, das verlorene Original. 11 Editorial 16 Impressum 18 Weltkarte Seite 20

Aus Zeit … wurde Raum. Ricardo Bofills Anlage La Muralla Roja hoch über der Costa Blanca ist das surreale Monument einer sozialen Utopie. Seite 28

Preußisch-Russland Alles nur Fassade? Nahe Sanssouci entwarf Friedrich Wilhelm III. in der Kolonie Alexandrowka eine russische Idylle. Seite 30

Wo Kirschrot auf Mint knallt Karibikflair mitten in den Bergen West Virginias: wie Dorothy Draper das Hotel „The Greenbrier“ aufblühen ließ.

Foto: Christoffer Rudquist

Seite 32

Die weiße Garage des Kapitals Mit dem Hauptsitz der Wiener Postsparkasse überführte Otto Wagner 1906 die zeittypische Lust am Ornament in die Kühle der Moderne.

Seite 44

Seite 78

Das Haus ist die Party

Schlesisches Himmelreich

Mit seinen „Cholets“ bringt Freddy Mamani grelle Farben und steile Formen nach El Alto.

In Jagniątków, damals Agnetendorf, ließ sich der Dichter Gerhart Hauptmann eine Villa im Märchenlook bauen.

Seite 46

Schloss des Ostens Erst sozialistischer Luxustempel, dann Zankapfel der Einheit: das kurze, wilde Leben des Palasts der Republik.

Seite 80

The Artist Is Present Auf einer entlegenen Farm in den Badlands von New Mexico schuf Georgia O’Keeffe ihre mythischen Bilder.

Seite 48

Perle des Nordens Im Italienischen Kulturinstitut von Schwedens Hauptstadt reist der Besucher zurück in die innovativen Fifties. Gio Ponti hat es gebaut und eingerichtet.

Seite 82

Eine Nacht im Bauhaus Tief im Thüringer Wald schlummert ein fast vergessenes Kleinod der Moderne, in dem man sogar Urlaub machen kann.

Seite 54

Seite 86

Tautes Heim, Glück allein

Das unheimliche Leben des Mister M.

Ferien im sozialen Wohnungsbau: In Berlin können Architekturfans auf Zeitreise in die Bau-Avantgarde der 1920er gehen.

Henry Chapman Mercer und sein erstaunliches Schloss aus Beton und bunten Kacheln.

Seite 56

Seite 88

Für immer Sommer

Der Klang des Körpers

Bevor er weltberühmt wurde, schuf Antoni Gaudí mit seiner Casa Vicens ein sensationelles Frühwerk.

Mit dem Turiner Teatro Regio gelang Carlo Mollino die Quadratur der Frau: die weibliche Silhouette als Grundriss. 13


AD

Die Burg der Bohème

Im Alter trat der Maler Einar Hylander eine große Reise an: zurück ins Idyll junger Tage, mit seinem Apartment als Zeitmaschine.

Von Dylan Thomas bis Bob Dylan waren alle mal hier: Das „Chelsea Hotel“ ist New Yorks Quartier Latin.

Seite 102

Seite 138

Haus der 1000 Augen

Böhmische Betonkunst

Antti-Palast und Party-Grotte: Im Palais Bulles lässt sich die Avantgarde die Sonne aufs Kugeldach scheinen.

Für Industriebauten viel zu schade: Jan Kotěras ländliches Schloss aus Zement.

SON DE R AUSGA BE 20 18

Bühne der Kindheit

ARCHITECTURAL DIGEST. Stil, Design, Kunst & Architektur

Sonderausgabe 2018

A D C HOIC E – 30 K U LT H ÄUSE R

Seite 134

CONDÉ NAST VERLAG

Seite 96

/ Kulthäuser

Kulthäuser 30 Architektur-Ikonen von viel bewundert bis fast vergessen

Seite 146 Seite 104

Moshe, das kann gehen! Anfang der 1960er plante der Unternehmer Moshe Mayer ein visionäres Hotel an der Elfenbeinküste. Sein wichtigster Partner: Architekt Chaim Heinz Fenchel.

Welt-Räume Kyoto und die Folgen: Sachio Otanis Kongresszentrum wirft einen kühnen Blick in die Zukunft Japans. Und die des Planeten. 154 Gewinnspiel

Seite 108

Die Utopie als Haus Für den Museumsgründer Karl Ernst Osthaus entwarf Henry van de Velde 1906 eine Villa, die eine Schule des Sehens sein sollte. Seite 114

Halbmond in der Kurpfalz Das aufklärerische, grüne Denkmal des Carl Theodor von der Pfalz in Schwetzingen. Seite 116

Ein Königreich für Pferde Wie Luis Barragán für ein Gestüt in Mexico City das Einheitsweiß des International Style grandios in die Wüste schickte. Seite 118

Cover: René Burri / Magnum Photos / Agentur Focus; Foto: Amanda Holmes

Was heißt hier modern? Mit virtuosen Kunstgriffen machte Luigi Caccia Dominioni 1957 eine barocke Sommerresidenz wieder wohntüchtig. Seite 122

Revolution in Plastik Avantgarde, made in Altenstadt, Südhessen: Dort steht seit 1968 eine Wohnvision, deren Pop-Appeal sich nicht verbraucht hat. Seite 126

Locus Genii Weimar ist die Wiege der deutschen Klassik. Und Goethes Gartenhaus verdient ein ganz besonderes Porträt.

Seite

68

Auf dem Titel Farbrausch mit Pferden – Luis Barragáns grandioses Gestüt in Mexico City, 1969. Foto: René Burri / Magnum Photos


AD

Editorial

M

Persönliches Pantheon oder Geste der Macht, Luxustempel oder Strandhütte, Schloss aus Beton oder Plastikbungalow – zum Kulthaus wird ein Bau vor allem dank seiner Geschichten. AD-Chefredakteur Oliver Jahn an einem der verwunschensten Orte Münchens: Im ­späteren Olympiapark baute der russische ­Eremit Timofei Wassiljewitsch Prochorow, genannt Väterchen Timofei, aus Trümmerschutt eine kleine Kirche, heute bekannt als die Ost-West-Friedenskirche. Auch so eine Geschichte.

Porträt: René Fietzek

/ Kulthäuser

an kann es auch übertreiben. Henri de Toulouse-Lautrec jedenfalls, der Maler, war einmal bei Henry van de Velde zu Hause in Brüssel zum Essen eingeladen. In dessen Haus Bloemenwerf war nichts dem Zufall überlassen – die Kleider der Hausherrin waren auf die Farben des Esszimmers ­abgestimmt, auch die Teller und Speisen ­waren einer strengen Harmonie unterworfen. Was allerdings nicht durchweg gelang, denn Irritationen wie gelbe Eidotter oder rote Bohnen auf violetten Platten ließen sich nicht ganz vermeiden. Überhaupt, so Toulouse-Lautrec, sei die farbliche Abstimmung deutlich auf Kosten der guten Küche gegangen. Eigentlich gefielen ihm nur das Bad und die Toilette, natürlich in Weiß gehalten. Und doch muss etwas hängen geblieben sein von van de Veldes Genie (ab Seite 108 zeigen wir seine Villa Hohenhof bei Hagen), denn kaum nach Paris zurückgekehrt, begann der Maler, seine Wohnung umzugestalten – neuer Teppich, ockergelbe Platten, grüne Töpfe, blaue Wände, gelbe Diwane und viele bunte Kissen. Die 30 Kulthäuser oder weiter gefasst Kultarchitekturen, die wir in dieser AD Choice zusammengestellt haben (exemplarisch, es gäbe Hunderte mehr), eint vor allem die besondere Verbindung von Architektur, Raumkunst und Design, aufgeladen mit der verschlungenen Geschichte ihrer Entstehung und ihrer Erbauer, umfangen von einem Zauber des Ungewöhnlichen. Diese Gebäude, ob Wohnhaus oder Theater, Schloss, Pferdegestüt oder Hotel, Künstler­ atelier, Apartmentanlage oder Partyhöhle, sind oft Sehnsuchtsarchitekturen – ein gebautes Arkadien, in dessen Selbstdarstellungsgestus sich die Kreativität und die Träume seiner Gestalter oder Auftraggeber so deutlich spiegeln wie nirgends sonst, seien sie nun pittoresk-privat oder politisch grundiert. Dem magischen Charisma dieser Bauten kann man sich einfach nicht entziehen. Eidotterflecken hin oder her.  /

Oliver Jahn

11


USA

/ White Sulphur Springs

Dorothy Draper (1 8 8 9 –1 9 6 9)

… ist „für das Interiordesign, was Chanel für die Mode war“. Mit diesen Worten beschreibt Carleton Varney seine Mentorin, deren ers­ tes offizielles Interiorbüro er 1963 übernahm. Mit schockierenden Farbkon­trasten, ausschweifenden Stuckdekorationen und wildem Mustermix revolutionierte Draper nicht nur die In­ nenausstattung berühmter Hotels und Museen, mit ­ihrer Zeitungskolumne veränderte sie auch das De­ sign­verständnis amerikanischer Vorstadt-Haushalte.

zugsort des Kongresses) und viel Drama. Letzteres ist vor allem Dorothy Draper zu verdanken, der Pionierin des modernen Interiordesigns amerikanischer Prägung. In den 1940ern wurde sie mit der NeugestalMagischer Maximalismus: tung des Resorts beauftragt – und Draper In den Bergen West Virginias zeigte, wie viel Innovationsgeist in ihr versprüht „The Greenbrier“ steckt. Kühn vereinigte sie gewagte Farbungebremstes Karibikflair. kombinationen, auf Tapeten und Teppichen wuchernde Dschungelpflanzen, mit riesiTex t Nina Luis a Ve sic gen Blumenbuketts bedruckte Chintzsessel und marmorne Schachbrettböden zu einem Meisterwerk des „Modern Baroque“. Zum Markenzeichen der erklärten Anti-­ he Greenbrier“ im beschaulichen White Minimalistin wurden überdimensionale Sulphur Springs besitzt alle Zutaten einer Stuck­or­namente an Decken und Wänden. Hotel-Legende: Tradition (unter den Gästen, „If it looks right“, wusste sie, „it is right.“ / die seit 1778 hier logierten, sind 27 US-Präsidenten), Geschichte (während des Kalten DZ ab 238 Dollar. Kriegs diente es als streng geheimer Rück- greenbrier.com

T  

30

Einst galt der Victorian Writing Room (o. li.) als meistfotografierter Raum der USA. Der Kamin bildete für Draper das Herz eines jeden Interieurs. Oben beherzte Exotik im Boutique-Bereich und im Spa des „Greenbrier“.

Fotos: The Greenbrier; Porträt: The Granger Collection / NYC / ullstein bild

Wo Kirschrot auf Mint knallt


Bofills Meisterwerk spielt mit der Dynamik hoher Mauern und dem Suspense der Durch­ blicke dazwischen, was der Architektur ihren burg­ähnlichen Charak­ ter verleiht. Rechte ­Seite: Die Dachterrasse mit Pool ist für alle Be­ wohner von La Muralla Roja frei zugänglich.


E

/ Costa Blanca

Tex t M er ten Wor thmann Fotos G regori Civera

Aus Zeit

Fotos: Gregori Civera / Courtesy Ricardo Bofill

… wurde Raum. Ricardo Bofills Wohnanlage La Muralla Roja hoch über der Costa Blanca ist das surreale Monument einer gewitzten sozialen Utopie.

21


S

/ Stockholm

Tex t O liver Jahn Fotos Å ke E:son Lindman

Perle des Nordens

Im Italienischen Kulturinstitut von Schwedens Hauptstadt reist der Besucher zurück in die innovativen Fifties. Gio Ponti hat es gebaut und eingerichtet.

Gio Ponti Er brachte die Moderne nach Italien: Auch wenn Gio Ponti (oben 1957 auf seinem „Superleggera“) der Ausbildung nach ­Architekt war – sein Œuvre ist so breit gefächert wie das kaum eines anderen Gestalters. Vom Pirelli-Hochhaus in Mailand über unzählige Möbel (re. Sessel „Round“, 1956) bis hin zur Kuchengabel entwarf er für jeden Aspekt des ­Lebens und prägte mit seinem unnachahmlich elegant-gewitzten Charme das Design des 20. Jahrhunderts in jeder denkbaren Facette. 48

Porträt: Gio Ponti Archives

(1 8 9 1 –1 9 7 9)


Südliche Extravaganz für den hohen Norden: Im Foyer des Audi­to­riums montierte Gio Ponti eines seiner „mö­blierten Fenster“ mit Regalen für Bücher und farbige Zierobjekte vor den Glasflächen. Den dreibeinigen Coffeetable ließ er in der Kunstschreinerei Giordano Chiesa nach seinen Skizzen fertigen.

49


D

/ Berlin

Tex t Ulrich Clewing Papier faltungen Simon S chub er t

Das Geisterhaus

Bevor das Berliner Schloss (li.) am 7. September 1950 gesprengt wurde, führte im Westflügel die Prunktreppe re. zum Weißen Saal. Den Aufgang mit ionischen Säulen entwarf Hofbaumeister Johann Friedrich ­Eosander von Göthe, nachdem sein Vorgänger Andreas Schlüter 1707 vom ­preu­ßischen König entlassen worden war.

72

Fotos: Simon Schubert, Courtesy Van der Grinten Galerie, Köln & Galerie Thomas Modern, München (1)

Es war einmal – und wird nicht mehr: 2019 soll das Berliner Schloss als Rekonstruktion wieder im Herzen der Stadt stehen. Barocke Fassade, ein Herz aus Beton. Der Künstler Simon Schubert faltete für uns einen papierenen Nachruf auf das erloschene Original.


73


AD 07+08/2018  

AD Architectural Digest Germany, Juli/August 2018 – "Heiter bis südlich"

AD 07+08/2018  

AD Architectural Digest Germany, Juli/August 2018 – "Heiter bis südlich"

Advertisement