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MÄNNER 60 / 70


MÄNNER 60 / 70

Männer um 60 bis 70 reden über ihr Werden, ihr Altern und ihr Alter Urban Zehnder (Texte) und Remo Zehnder (Fotos)


Impressum © 2016 Urban und Remo Zehnder 1. Auflage, Juni 2016 Fotografie: Remo Zehnder, 2502 Biel / Bienne, www.10-der.ch Konzept, Projektleitung und Texte: Urban Zehnder, 4500 Solothurn Layout, Druck und Bindung: Zumsteg Druck AG, 5070 Frick, www. buchmodul.ch Korrektorat: m communications GmbH, Martina Murer, 8932 Mettmenstetten, www.mcommunications.ch Papier: LuxoArt Samt (FSC mixed) Verlag: www.swiboo.ch

ISBN 978-3-906112-51-0


» Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.« Sören Aabye Kierkegaard, Die Tagebücher


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

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Hugo Stadelmann, 1951, Solothurn »Wie kann man bloß krumme Telefonstangen aufstellen?«

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Hanspeter Fuchs, 1954, Einsiedeln / Trachslau »Ich werde einmal als Original sterben und nicht als Kopie.«

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Alois Schönbächler, 1952, Langendorf »Ich bin nicht erreichbar. Hinterlassen Sie eine Nachricht, ich rufe zurück.«

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Bruno Hug, 1950, Zuchwil »Ich möchte wieder einmal wie ein Kind erleben, was Langeweile ist.«

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Tony Mehr, 1951, Zürich / Menzingen »Das Leben in zwei Welten hat mich ein ganzes Leben begleitet.«

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Jürg Utzinger, 1950, Basel / Bern »Ich habe das Gefühl, jetzt müssen andere ran!«

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Felix Pachlatko, 1950, Basel »Ich hoffe, das Pendel kommt wieder zurück.«

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Roland Peter, 1950, Ipsach / Minusio »Was ist gegeben, wohin muss ich und wie komme ich dahin?«

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Charlie Wenk, 1949, St. Gallen »In Rom habe ich wenig studiert, aber viel gelernt.«

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Erich Stoll, 1949, Fraubrunnen »Ernten, nicht jäten!«

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Werner Karrer, 1948, Crans-Montana »Der Teufel will mich noch gar nicht.«

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Ueli Furrer, 1947, Biel »Geh an dein Plätzchen, lies die Zeitung und halte die Füße hoch!«

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Niklaus Spielmann, 1946, Solothurn »Den Moment leben, einen Tag nach dem anderen nehmen und versuchen, daraus das Beste zu machen.«

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Beat Wyrsch, 1946, Biel / Solothurn »Theatergeschichten sind unendlich!«

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Markus Liechti, 1946, Bellach »Verpasst haben wir nichts, wir wurden nicht Millionäre und konnten keine Luftschlösser bauen.«

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Josef Elsener , 1944, Zug »Mir hat es in dieser schweren Zeit geholfen, dass ich immer ein wenig arbeiten gehen konnte.«

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Karl Saurer, 1943, Einsiedeln »Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.«

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Urs Schneider, 1943, Basel »Ich möchte einmal später nicht sagen müssen, ich hätte Möglichkeiten gehabt, sie aber nicht genutzt.«

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Kleines Lexikon für »Außerschweizer« Über die Autoren Herzliches Dankeschön

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Hanspeter Fuchs ÂťIch werde einmal als Original sterben und nicht als Kopie.ÂŤ


Hanspeter Fuchs, *1954 Schlosser-Sanitär, Antikrestaurateur und -händler, Einsiedeln

Hanspeter Fuchs sitzt mir an einem alten Tisch gegenüber, der in einem riesigen Saal voll alter Dinge steht. Nur wenig Fensterfläche bringt etwas Licht in den nüchternen modernen Geschäftsbau aus Beton. Die alten Möbel, Ausstattungsstücke, Bilder, Bücher, Haushaltsgeräte und Maschinen sind gut geordnet ausgebreitet und verlocken zur ausgiebigen Besichtigung. Viele dieser Sachen gab es in meiner Jugendzeit noch genauso, wie sie hier aussehen. Erinnerungen werden wach. Aber wir sind ja nicht zum Museumsbesuch hier. Fuchs beginnt ohne Umstände von sich zu erzählen. Er weiß genau, was ihm wichtig ist, kann anschaulich und ohne Umschweife erzählen, die Gedanken sind so gut geordnet und überschaubar wie seine tausende von alten Gegenständen. Schon bei einem früheren Treffen sagte er mir spontan und unaufgefordert, wie er einmal sterben möchte: als Original, nicht als Kopie. Selbst die im Gespräch so leichthin benutzten groben Ausdrücke will er aus dieser seiner Ehrlichkeit heraus nicht beschönigen.

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Trotz schwieriger Kindheit hat er viel erreicht und sich mit seiner Frau Rosmarie zusammen ein gutgehendes Geschäft und ein schönes umweltgerechtes Zuhause für seine Familie geschaffen. Bei aller Sorgfalt, Interviewpartner aus verschiedenen Gegenden und mit verschiedenem Herkommen und Berufen zu finden, wollte es der Zufall, dass sich der Einsiedler sogar als Schulkollege eines in diesem Buch ebenfalls porträtierten Mannes war, der in der Nordwestschweiz lebt (Seite 32). Vielleicht ist gerade diese Nähe auch sehr interessant: zwei unterschiedliche Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen am selben Ort – 50 Jahre später! Interview: 6. Oktober 2015 Alter beim Interview: 61 Jahre, 3 Monate Pensionierung: nicht vorgesehen


ch wurde 1954 geboren, und ich bekam nachher noch drei Schwestern, die Marie Louise, Cécile und Agnes. Mein Vater nahm sich in Oberwil das Leben, als die Mutter mit der Kleinsten in Erwartung war, er war psychisch angeschlagen. Dann fand die Mutter einen neuen Mann, und dieser Stiefvater war sehr böse mit uns Kindern. Wir hatten keine schöne Jugend. Mutter konnte manchmal nicht einmal einen Liter Milch bezahlen – 50 Rappen kostete das damals –, weil der Alte wieder alles versoffen hatte. Er liebte uns gar nicht, oft schlug er uns Kinder. Das war eine sehr strenge Jugend. Einmal ging er ins Restaurant saufen, dort fragte ihn der Schlosser Theiler, ob er keinen Stift für ihn wüsste. Da sagte er, ja, mein Junger kommt bald aus der Schule, er kommt einmal bei dir vorbei. Und so wurde ich Schlosser, nicht Gärtner, was ich gerne geworden wäre. Ich bin nämlich sehr gerne in der Natur, bei Tieren und Pflanzen. Ich konnte also nicht lernen, was ich wollte. In der Berufsschule hatte ich super Lehrer, den Hefti, von altem Schrot und Korn, der hat mich nachgenommen. Und auch der Lehrer Schubiger, der sagte, Fuchs, du kannst das! Ich konnte an der Berufsschule Nachhilfestunden nehmen, habe zu Hause viel gebüffelt und schloss sehr gut ab. Anschließend lernte ich zusätzlich noch Sanitär, auch das mit guten Noten. Und bald nachher lernte ich meine Frau Rosmarie Ochsner kennen, zum guten Glück. Wir sind mittlerweile schon 37 Jahre verheiratet, haben zwei Kinder und haben in dieser Zeit miteinander allerhand aufgebaut. Das Geschäft, das wir jetzt haben, begann mit einer Stalllaterne aus dem Sperrgut. Wir gingen einfach in die Güselfuhr; das war noch eine Deponie, wo aller Kehricht der Gegend auf einen Haufen geworfen wurde. Wir haben das alles nach weggeworfenen, aber noch brauchbaren Gegenständen durchnäuselt, nahmen diese heim, putzten und flickten sie und gingen am Samstag damit auf den Flohmarkt. So haben wir unser erstes Geld verdient, und so ging es weiter. Wir fuhren mit dem Töffli zu den Bauern. Was ich konnte, packte ich in den Rucksack oder aufs Töffli. Das waren zum Beispiel alte Uhren, Gewehre und Säbel. Auch all das habe ich wieder geputzt und verkauft. So entwickelte sich unser Geschäft, und mittlerweile geschäften wir schon über 37 Jahre selbständig. Jetzt bin ich 61 geworden, gehe ins 62. Man merkt schon ein wenig, dass man älter wird, man mag nicht mehr wie früher, man ist ja nicht mehr zwanzig oder dreißig. Aber ja, man bekommt halt einen weißen Bart und weiße Haare. Ich bin ja sehr zufrieden mit dem Alter und mit dem, was ich jetzt habe. Ich gehe viel im Wald in die Pilze, ich gehe fischen. Gerade gestern war ich am Morgen schnell im Wald oben, zuoberst, das geht zwei Stunden

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hinauf und zwei wieder herunter. Konditionsmäßig bin ich also zufrieden. Auch mit meiner Frau habe ich es gut, mit den Kindern und den Großkindern. Die sind uns Balsam für die Seele. Es ist etwas Herrliches, diese Großkinder zu erleben und mit ihnen die Natur zu genießen. Auch das Umfeld, Schwiegersohn, Sohn und Tochter sind mir wichtig, und auch unser Haus. Dieses Haus, das wir vor 29 Jahren gebaut haben, war das erste Recyclinghaus der Schweiz. Es entstand ganz aus Baumaterialien, die andere nicht mehr brauchten. Wir hatten ja damals noch kein Geld, da sagten wir uns, schauen wir, dass wir alles möglichst günstig bekommen, und so machten wir eben ein Recyclinghaus. Da waren die Dachziegel von alten Objekten, die wir selber abräumten, ein alter Kachelofen aus dem Abbruch oder die Bsetzisteine von der Einsiedler Hauptstraße, teilweise noch mit gelber Farbe von den Fußgängerstreifen. Ja, das war noch spannend. Die Leute sagten, ach, das funktioniert doch nicht! Auch die Nachbarn lachten über uns. Aber wir sagten uns, denen zeigen wir’s! So hat sich das entwickelt und wir hatten ein sehr kostengünstiges Haus. Zum Teil zahlen andere das Doppelte und Dreifache für eine Wohnung. Es ist schon enorm, was man selber leisten kann, wenn man es will – und ja, auch muss, wir hatten ja damals das Geld nicht. Ich denke, jeder, der einen Traum hat, kann sich diesen erfüllen, aber er braucht dazu Willen und Durchhaltevermögen. Also unser Haus ist aus meinem Traum entstanden. Schon als ich noch zur Schule ging, sagte ich, ich mache mir ein Haus! Ich hatte einen Türklopfer unter meinem Bett versteckt, den ich auf dem Abbruch gefunden hatte. Den zeigte ich den Leuten, die ich mochte, und sagte ihnen, das ist einmal für mein Haus. Der Stiefvater lachte darüber, ach, mein Junger, der spinnt und sagt, er mache ein Haus! Der Türklopfer ist heute am Haus dran, der Traum ist also wahr geworden. Mit meinen Schulkollegen habe ich noch immer viel Kontakt. Ich war ein wildes Rösslein, darum kennen mich eben noch viele. Ich sage immer, die wildesten Fohlen werden die besten Pferde. Ich sage das auch von meinen Großkindern, die sind auch wieder so wild. Ich finde das einfach super. Jetzt zahlt sich das aus, dass ich immer gut mit den Leuten umgegangen bin. Zukunftsängste habe ich eigentlich keine. Ich nehme alles vorab. Ich habe jetzt, das kann man schon sagen, in ein paar kleine Silber- und Goldbarren investiert. Denn Gold und Silber ist und bleibt Silber und Gold, da kann nichts passieren. Das war schon früher eine gute Währung. Der Staat mit seinen Bürokraten, Reglementen und Vorschriften, die wollen dich nur am Boden halten. Die sagen dir nicht, was du machen musst, damit es dir gut

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geht. Sie wollen von dir nur holen, darum muss jeder selber für sein Alter etwas vorsorgen. Ein guter Vorschlag für die andern: Fangt jetzt damit an, es ist nie zu spät! Den Tipp zum Silber und Gold erhielt ich von einem Kunden, dem Finanzchef einer großen Bank. Man kann nämlich von erfolgreichen Leuten viel lernen. Sie sagen das nicht allen Leuten weiter, aber wenn man sie fragt und offen ist, kann man viel erfahren und profitieren. So war das auch bei unserem Hausbau. Ich habe alte Dachdecker ausgefragt, alte Maurer, den Hafner, Sanitär, Kunstschlosser, Schmied und so weiter. Man unterschätzt die Alten vielfach, und das ist schade, denn es geht so viel Wissen verloren mit dem Tode dieser Leute. Die wussten nämlich noch, wie etwas geht, wie man etwas macht. Sie haben sich sehr viel Wissen, Können und Lebenserfahrung angeeignet und sind bereit, dies an Junge weiterzugeben, wenn man sie nur fragt. Mit Fragen und Zuschauen – »mit den Augen stehlen« nenne ich das – habe ich also sehr viel lernen und profitieren können. Ja, das ist toll. Ich konnte vieles übernehmen, das ich jetzt wieder meinen Großkindern mitteilen und zeigen kann. Ich habe zwei Großkinder, Jerome (4 ½) und Laura (2 Jahre). Jerome ist ein sehr vifer Kerl; man kann ihm einmal etwas sagen und dann weiß er es. Er sieht die Zusammenhänge schon ganz gut, und er kennt schon jetzt viel mehr Blumen und Tiere als viele Erwachsene. Schon unsere Kinder kamen mit uns in den Wald zum Pilzsammeln und auch zum Fischen. Was man auch noch dazu sagen muss: Solange es noch Forellen und Groppen in der Alp1 hat und etwa einen Flusskrebs, dann ist das Wasser gut und die Welt noch in Ordnung. Wenn das verloren geht, dann ist es weitherum bös geworden, leider. Ob es so weit kommen wird? Ja nein, ich denke, wenn man so tolle Großkinder hat, mit denen man die Natur erleben und sie ihnen zeigen kann, und wenn das viel mehr Leute mit ihren Kindern machen würden, würden sie wahrscheinlich der Natur auch besser Sorge tragen. Die meisten wissen ja nicht einmal, was ein Gröppel ist oder ein Sauerampfer oder eine Chrotteblueme, das ging verloren, das ist verrückt. Oder wenn man eine Wunde hat, da nimmt man ein Breitwegerich- oder Geraniumblatt oder nach einem Bienen- oder Wespenstich feuchte Erde und reibt die schmerzende Stelle damit ab. Das sind so Sachen, die man nicht mehr weiß. Für unsere Großkinder sind sie aber mittlerweile selbstverständlich, aber man muss es ihnen halt zeigen und es sie lehren. Ich denke, sie werden wohl nicht eine so schöne Zukunft haben wie wir jetzt. Zwar, wir hatten ja auch

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Die Alp entspringt im Brunni (Alpthal), fliesst durch Einsiedeln und bei Schindellegi in die Sihl. Groppen / Gröppel sind kleine barschartige Fische mit breitem Maul. Sie zeigen sauberes Wasser an.

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keine schöne Jugend. Aber wir machten das Beste daraus, wir hätten ja auch in den Sumpf, in die Halunkerei abtreiben oder in schlechte Kollegenkreise kommen können. Ich habe zum Glück eine gute Frau gefunden, eine Superfrau, das ist sie für mich noch heute. Ja also, ohne sie wäre ich nicht da, wo wir heute sind. Aber es braucht immer zwei dazu, ein Geben und Nehmen. Natürlich, wir wollten den Pickel auch schon hinwerfen, aber das ist nicht so einfach. Man muss einfach wieder einen Weg finden. Erfolge brauchen auch Misserfolge. Wer niemals verliert, hat den Sieg nicht verdient! Was uns die Kraft zum Zusammenbleiben gab? Der Glaube an uns beide, und vor allem die Kinder. Und wir hatten ja dieses Recyclinghaus gemeinsam erstellt. Das war eine große Arbeit, die wir zusammen machten, und da sagten wir uns: Ja was wollen wir da, wir haben ja alles miteinander geschafft, es wäre doch schade, das alles fahren zu lassen. Da raffte man sich halt wieder zusammen und redete über die Probleme. Ja, Hilfe holten wir uns schon auch manchmal. Aber diese sogenannten Psychologen – da sagte ich nach einer Stunde, komm, wir gehen wieder. Die haben ja mehr Probleme als wir! Ja, dass man älter wird, merkt man schon. Es kommt dieses oder jenes Boboli. Also was soll ich sagen, man mag nicht mehr so schnell rennen wie früher. Man braucht jetzt halt eine Lesebrille und geht etwas mehr zum Doktor. Darauf hat man das Rauchen etwas reduziert. Im Großen und Ganzen, man ist schneller müde, aber sonst kann man zufrieden sein. Wir reiben einander gegenseitig öppen e chli den Rücken ein, oder wenn der Frau der Arm weh tut, salbe und binde ich ihn ein. In nächster Zukunft denke ich, machen wir mit dem Antikhandel einfach weiter, solange wir mögen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, weil es ist unser Leben, das haben wir uns aufgebaut. Vielleicht kann es ja schon einmal sein, dass wir den ganzen Blast verkaufen, oder ich verschenke es unseren Kindern oder dem Schwiegersohn. Er wäre am ehesten der Kandidat, der noch Freude hätte an diesem Zeug, und die Tochter eigentlich auch. Die zwei haben auch ihre Wohnung mit antiken Möbeln und schönen alten Sachen eingerichtet. Sie sind ja mit diesen Sachen aufgewachsen und sind sich das gewohnt. Auch mit sehr teuren Sachen zum Teil; sie haben gelernt, dass man dem allem gut schauen muss. Aber wir machen jetzt einmal weiter, solange wir noch mögen. Mitnehmen können wir ja gar nichts. Wir kommen blutt zur Welt und gehen blutt. Einmal wurde ich wütend. Ich war bei einer sehr reichen Frau wegen einem Teppich. Ich hatte dafür nicht genügend Geld dabei und machte ihr eine

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Anzahlung. Dazumal konnte man mit Teppichen noch Geld verdienen, heute nicht mehr, die Preise sind am Boden. Ich zahlte ihr also diesen Teppich an und sagte, ich käme ihn am Samstag holen. Als ich dann am Samstag bei ihr läutete, sagte sie, sie hätte ihn unterdessen für 100 Franken mehr verkauft. Die Anzahlung ist ja ein verbindlicher Vertrag und ich wurde wild. Ich sagte zu ihr, sie sei jetzt doch ein schlechter Hagel. Ihr Leichenhemd habe nicht so viele Taschen, dass alles darin Platz habe. Da weinte sie und ich dachte, so, jetzt hat es ihr einmal jemand gesagt! Die hatte wirklich genug Geld, aber sie bekam einfach nie genug. Die meisten, die viel haben, die wollen immer noch einen Haufen dazu. Mir muss das Geld einfach ausreichen. Das Alter wird ja meistens teurer, wenn ich höre und sehe, was die Leute fürs Altersheim, für die Pflege zahlen müssen. Da kannst du deiner Lebtage schaffen und sparen, und am Schluss des Lebens kannst du alle Kohle wieder diesen Schafseckeln hinwerfen … Es ist wahnsinnig, der Staat ist ein Verbrecher, der klaut dir die Kohle weg, du kannst kaum hinsehen. Diese Bundesräte und Bundesrätinnen nützen ja nichts, schon der Großvater sagte immer, die könnte man mit Scheißdreck erschießen … Ja, es ist wahnsinnig, für die Allgemeinheit wird nicht sehr geschaut. Jetzt, wo diese Ausländerpolitik auf uns zukommt, mit den Einwanderern, da wird es große Probleme geben. Wir haben doch nicht die Zivilschutzanlagen gebaut, um darin Asylanten einzuquartieren. Die sind eigentlich für die Schweizer Bevölkerung in Krisenzeiten gedacht. Stell dir vor, der Ameisenhaufen ist schon besetzt – und nachher wollen die Schweizer auch noch draufhocken. Ja, ich weiß auch nicht, wie das noch herauskommt. Das wird noch gröbere Probleme geben in der Zukunft. Zum Glück haben wir noch den Blocher und den Brunner von der SVP. Oder die Unterstützungsgelder für die Asylanten. Ein Tamile bekommt nur einen Fünfliber im Tag weniger als ein Schweizer, der 45 Jahre lang gearbeitet und einbezahlt hat! Als hier eine Schweizerin bei der Behörde wegen einer Wohnung fragte, sagten die, zuerst müssten sie nun den Tamilen eine Wohnung geben. Sie musste selber schauen, wo sie blieb. Das ist einfach nicht in Ordnung. Da muss man nicht fragen, warum es immer mehr Ausländerhass gibt. Mit siebzig möchte ich gerne eine ruhige Kugel schieben. Und eben vor allem die Großkinder genießen und hoffentlich noch gesund bleiben. Angst vor dem Tod hat man schon, wenn man sieht, wie die Jungen wegsterben, manche schon mit 37. Man hat viele gekannt und plötzlich sieht man sie in der Zeitung mit Bildli, das gibt schon etwas zu denken. Darunter sind schon einige Jahrgänger – und du weißt: Vielleicht bist du der nächste. Oder!

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Ja, ich denke, wenn ich Glück habe, werde ich auch achtzig. Meine Mutter ist jetzt schon 88, meine Großmutter wurde 96 und auch die anderen Vorfahren wurden alt. Aber ja, ich hoffe eben, wenn ich neunzig bin, dass dann unser Großkind Jerome noch fischen und Forellen fangen kann in der Alp. Ich hoffe, dass er das auch noch erleben kann wie wir. Und ich hoffe, dass wir unsere Kinder so gut erzogen haben, dass sie uns im hohen Alter auch noch so schauen, wie wir jetzt zu unseren Schwiegereltern schauen. Wir sind dann auch froh, wenn sie uns besuchen und Zeit für uns haben. Das wäre mein großer Wunsch. Wenn ich das Glück habe, möchte ich eigentlich – was soll ich sagen – einmal vor meiner Frau sterben. Ein Mann allein ist doch verschossen, deutsch gesagt! Waschen, glätten, die Wäsche schön einräumen, haushalten, Buchhaltung und Büro machen, so vieles gibt es aufzuzählen, was meine Frau momentan für mich tut. Sie hatte schon immer einen schönen, gepflegten Haushalt. Ich bin eher der Chaot, sie der Melancholiker. Von meinem Leben am Schluss weiß ich aber eines: Ich werde einmal sicher als Original sterben und nicht als Kopie. Viele Leute leben einfach nicht ihr eigenes Leben, sie hören und schauen immer nur auf andere. Ich wäre heute nie so weit, wenn ich immer auf die anderen gehört hätte, was die sagten. Du musst auf dich selber hören und schauen, auf dein eigenes Herz. Noch ein weiteres meiner Leitwörter: Im Zweifelsfalle nie! Wenn jetzt einer kommt und mir einen Kasten verkaufen will, wenn ich nicht von Anfang an überzeugt bin von diesem Kasten, dann kaufe ich ihn lieber nicht. Denn nachher ist der Wurm drin oder etwas ist kaputt und dann habe ich nur Ärger. Der erste Gedanke ist immer der richtige. Wenn man eine Entscheidung treffen muss, muss man auf das Herz hören und es dann sofort machen. Also das sind schon Weisheiten, die uns schon die Großmutter und der Großvater auf den Weg mitgegeben haben. Ich hatte ein Leben, das ich immer so leben konnte, wie ich es selber wollte. Ich habe mich nie in ein Schema drücken lassen und redete auch, wie mein Schnabel gewachsen ist. Also ich denke, ich bin stolz, dass ich ein Tellenbub bin. Wilhelm Tell war für mich immer ein Vorbild, von Freiheit und Kampfeswillen, Überlebenswillen. Für mich war er eine wichtige Figur, er hatte ein Wort und zu diesem Wort stand er, so tat auch ich. Tell war mir immer eine wichtige Person, schon in der Schule. Ich weiß ja nicht, ob es ihn gegeben hat, aber ich denke schon, dass es ihn gab, gut möglich.

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Und was ist jetzt … 4 Monate nach dem Interview

Als ich im Februar Hanspeter Fuchs auf dem Handy anrufe, tönt seine Stimme sehr niedergeschlagen – er sitzt neben seiner Frau im Spital. Das Zusammenleben mit den Jungen im gleichen Haus hat sie offenbar mehr belastet als vorauszusehen war, und vielleicht hat sie sich ja auch während Jahren schon überarbeitet. Sie ist so erschöpft, dass er sie vor einer Woche ins Spital einliefern musste. Er ist aber sehr zuversichtlich: Das schaffen wir miteinander schon! Nun macht er halt außer seiner Arbeit im Antikhandel und den Spitalbesuchen auch noch den Haushalt und schaut zu den vier Katzen. Von sich selber sagt Hanspeter Fuchs, es gehe ihm gesundheitlich sehr gut. Der Betrieb laufe nach wie vor gut und freue ihn immer noch. Zwei Wochen später: Seine Frau ist für einige Wochen zur Kur im Bündnerland. Schrittweise geht es bergauf mit ihr. Die beiden wollen jetzt doch etwas herunterfahren mit dem Geschäft und zusammen das Leben mehr genießen. »Das haben wir uns versprochen!«

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Alois Schönbächler »Ich bin nicht erreichbar. Hinterlassen Sie eine Nachricht, ich rufe zurück.«


Alois Schönbächler, *1952 Metzger, Alpsenn und Bauarbeiter, Solothurn

Alois Schönbächler wohnt mit seiner bejahrten Hündin Leika in einem Sechsfamilienhaus in Bellach SO. Mehrmals am Tag führt er sie ins Freie. Er wird nie pensioniert werden, denn schon seit Jahren lebt er von Rente und Ergänzungsleistung. Nach vielen Jahren als Bauarbeiter und Alpsenn, aber auch nach mehreren Unfällen erlauben ihm Rücken und Gelenke keine Erwerbsarbeit mehr. Gesundheitlich geht es ihm gut, auch wenn er regelmäßig Medikamente nehmen muss. Gerne bastelt er etwas in der Wohnung, und im Treppenhaus seines Wohnblockes schaut er gelegentlich für Ordnung. Er kauft selber ein, kocht, weiß sich in vielen Situationen zu helfen. Er hätte einiges in seinem Leben zu beklagen, aber wenn er erzählt, stellt er einfach fest, wie es war, ohne jeden Groll. Immerhin kann er sich schon einmal bei Gelegenheit mit Witz und Schlagfertigkeit gut behaupten.

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Er musste schon oft umziehen und wohnte nicht immer sehr komfortabel. In der jetzigen Wohnung fühlt er sich wohl. Den Haushalt und seinen Alltag bewältigt er allein; falls es Probleme gibt, unterstützt ihn seine Wohnbetreuerin von der »Perspektive Region Solothurn-Grenchen«. Von Zeit zu Zeit unternimmt er eine kleine Carreise, allein oder mit einer Freundin. Gerne würde er noch Musik machen und in einem Club jodeln. Er würde gerne 90 werden, älter als seine Eltern und andere Verwandte. Interview: November 2013 Alter beim Interview: 61 Jahre 7 Monate Pensionierung: in Rente seit 1999 (IV)


Niklaus Spielmann ÂťDen Moment leben, einen Tag nach dem anderen nehmen und versuchen, daraus das Beste zu machen.ÂŤ


Niklaus Spielmann, *1946 Musiklehrer, Solothurn

Niklaus Spielmann lebt in einem großen Zweifamilienhaus, arbeitet im Haushalt mit, pflegt die Beziehungen und den Zusammenhalt seiner großen Verwandtschaft und des Quartiers. Er besorgt einen wunderschön gepflegten Garten – eher ein Park – und er besucht Englisch- und Cellostunden und spielt Quartett. Er absolvierte das Lehrerseminar in Solothurn; neben und nach seiner Primarlehrertätigkeit in ziemlich abgelegenen Gemeinden absolvierte er ein Studium. Über drei Jahrzehnte war er Lehrer für Sologesang und Musikdidaktik am Lehrerseminar Solothurn. Das Musizieren und der Umgang mit den jungen Menschen hat ihn ausgefüllt und bis zum Schluss jung fühlen lassen.

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Seine Philosophie: Nicht allzu viel planen wollen, sondern sehen, was auf ihn zukommt. Interview: Juli 2013 Alter beim Interview: 66 Jahre 10 Monate Pensionierung: 2 Jahre vor dem Interview mit 65


Über die Autoren Urban und Remo Zehnder

Remo Zehnder, *1975, Berufsfotograf mit den Schwerpunkten Architektur, Industrie, Gesundheitswesen, lebt in Bern und betreibt in Biel ein Fotostudio. Urban Zehnder, *1945, Lehrer, Journalist, Sozialpädagoge und Ausbildner. Geboren in Zug, lebt in Solothurn, ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder – sein Jüngster ist Remo – und drei Enkel. Pensionierung 2010 mit 65, sechs Jahre vor dem Erscheinen dieses Buches. Vier Jahre vor dem Erscheinungsdatum begann er mit den ersten Testinterviews.

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Als Bild- und Textautoren wollten wir natürlich auch noch einiges über uns selber beifügen. Wir haben vereinbart, uns dazu gegenseitig per E-Mail zu befragen. Wer die Frage des einen beantwortete, stellte diesem anschließend seinerseits eine Frage. So ging das mehrmals hin und her – für Vater und Sohn eine gute neue Erfahrung.


Urban: Lieber Remo, du warst in diesen Tagen in der halben Deutschschweiz unterwegs für die Fotoshootings mit meinen Interviewpartnern. Warum machst du das überhaupt? Remo: Vor einigen Jahren durfte ich ein ganzes Kundenmagazin zum Thema Mann fotografieren. Das war eine spannende und bereichernde Arbeit, mit sehr vielen schönen Begegnungen. Als du mir von deiner Buchidee erzählt hast, habe ich mich spontan anerboten, den Bildteil beizusteuern. Im Buchprojekt sehe ich eine Weiterführung der damaligen Arbeit. Lieber Urban, eigentlich könnte auch ein Interview von dir im Buch drin sein – du passt ausgezeichnet ins Beutemuster als Interviewpartner. Wie hast du deine Interviewpartner gefunden? Urban: Ja, das mit dem Beutemuster stimmt. Aber hast du schon einmal sich selbst jagende Jäger gesehen? Ein Interview von mir gibt es allerdings, denn ich wollte vor dem Projektstart zuerst das Verfahren testen. Es ist das am schlechtesten geschriebene, weil mir niemand dreinreden konnte, und es passt sowieso nicht in dieses Buch. Die ersten Interviewpartner waren persönliche Bekannte, einige bat ich als »öffentliche Personen« der Region um das Interview. Aber dann erzählte ich bald auch entfernteren oder zufälligen Bekannten vom Buchprojekt und bat sie um Tipps für weitere interessante Kandidaten. Mehr dazu im Vorwort. Übrigens hat mich vermutlich die von dir erwähnte »Männer«-Broschüre mit den schönen Männerporträts dazu angeregt, mich selber als Mann mit dem Altern auseinanderzusetzen. Remo, du bist genau dreißig Jahre jünger als ich und triffst dich für diese Fotoshootings (hoppla, nochmals ein Wort aus der Jägersprache!) mit lauter älteren Herren. Wie geht es dir dabei? Remo: Um bei der Jägersprache zu bleiben, möchte ich Wim Wenders zitieren. Ein Bild wirkt immer in zwei Richtungen. »Rückschlag« nennt der Filmemacher die Wirkung eines Fotos auf denjenigen, der es macht. Die Begegnungen mit diesen »älteren Herren«, wie du sie bezeichnest, waren allesamt sehr positiv. Einigen war ich schnell sehr verbunden. Sie schenkten mir und meiner Kamera sofort ihr Vertrauen. Bei anderen musste ich dieses Vertrauen erst schaffen, um die Nähe, die ich in meinen Portraits zeigen wollte, zu finden.

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Männer 60/70 - Leseprobe  

Auszug aus dem Buch Männer 60-70 - Männer um 60 bis 70 reden über ihr Werden, ihr Altern und ihr Alter Ein Buch von Urban und Remo Zehnder

Männer 60/70 - Leseprobe  

Auszug aus dem Buch Männer 60-70 - Männer um 60 bis 70 reden über ihr Werden, ihr Altern und ihr Alter Ein Buch von Urban und Remo Zehnder

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