Saskia van Wijnkoop

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Roman
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Zeit ist das bewegte Bild der Ewigkeit.
Platon
Amsterdam, 6. März 2024
Lieber Großvati
Lieber Großvater?
Lieber Arnold?
Ein halbes Jahrhunderthat esgedauert, bis du endlicheine Antwort auf deine Briefe bekommst.Verzeihmir, dass es so lange gedauert hat!Ich hatte so viel andereszutun. Aber jetzt ist der Moment. Wann, wenn nichtjetzt?«Vannietse komtafstel»schreibst du mir in einemdeiner Briefe, was auf Deutschetwa so vielheißt wie «aufgeschoben ist aufgehoben»oder sinngemäß noch besser «verschiebe nicht auf morgen,was du heute kannst besorgen».
Fünfjährig binich gewesen,als du starbst,sechs Briefe hast dumir in dieser Zeit geschrieben, wunderschöne, poetische Prachtbriefe, dieaussehen wie gestern geschrieben und das Erste wären, was ich aus dem brennenden Hausretten würde. Briefe voller Anspielungen und Hinweiseauf deine eigene Geschichte, Briefe, die in eineranderenZeitdimensionspielen. Briefe, in denendusopräzis schilderst, wiedieses kleine Mädchen,das ich war, sich angefühlt, getickthat. Briefe, in denendie vielen Erinnerungen, die ich an dich habe,plötzlich in einen logischen Zusammenhang kommen.Briefe, die mir erklären, warum ich sovieles aus meiner Kindheit vergessen oder verdrängt habe, aber du, deine Frau und meine Großmutter Irène und euer Haus in Allmendingen, in dem ich in meinen frühenKindheitsjahren so oft war,mir dermaßen selbstverständlich und präsent sind, als hätte ich euch gesterndort besucht. Ich habe noch genau deine Stimme im Ohr, wie du zu mir sagst,mit leicht guttural-holländisch an-
gehauchtem Akzent:«Elefanten sind besonders intelligente undempathische Tiere. Sie können noch Jahre um einverstorbenes Familienmitgliedtrauern undhaben so ein außergewöhnliches Langzeitgedächtnis, dasssie sich ein Leben lang an Erlebtes, Orte,andereTiereoderMenschen erinnern.»
Seit einer Woche bin ich nun in Amsterdam, ganz allein, nur der Laptop und ich, mit demeinzigen Ziel, mich in der Stadt, in der du dieersten sechzehn Jahre deines Lebens verbracht hast, hinzusetzen und dir endlich zurückzuschreiben. Mit dem Ziel auch,mir vorstellen zu können, wie deine Jugend zu Beginn desletztenJahrhunderts gewesen sein könnte, was du erlebthaben könntest und warumdunie mehr hierherzurückgekehrtbist. Warum deine Kinder und Kindeskinder deine Elternnie kennengelernt haben. Und natürlich auch mit demHintergedanken, herauszufinden, wases mit der rätselhaftenFrau aufsich hat,die dich 1914 in die Schweiz begleitethat, mit dir durch sämtliche Lungenkurhäuser des Landes getingelt ist und dann, als du doch noch sesshaft wurdest, mit dir,deinerFrau, also meinerGroßmutter, und deinen Kindern, unter anderem meinem Vater, unter einem Dach gelebt hat.Eine rätselhafte Figur offenbar, geheimnisumwittertund mehrgefürchtet als geliebt. Kennengelernthabe ich sie nie.Die schwungvoll taillierte Urne aus königsblauemPlastik, in der siezuAsche geworden weiterlebte,schob ich täglich zur Seite, wenn ich bei euch in den Ferien dieBarbiepuppe aus demSchrank hervorklaubte. Übrigens war dieseBarbiepuppe ein reineskurzes Glück, wurde ich doch zu Hausevor demzweifelhaften Einfluss von Barbiepuppen, seichterFernsehunterhaltung oder kapitalistisch angehauchtenSpielenwie Monopoly eisern beschützt. Nicht einmal einen Gartengrillhatten wir, nur weil wir auf
keinen Fall gewöhnlich und Mainstream sein durften. Aber dazu später mehr.
Ich sitze übrigens gerade aufder Vortreppe derHerengracht327, den Laptop auf denKnien, im Gesicht eine milde, oranjefarbene Märzsonne,sommergierigfunkelnd. Der Himmel groß und weit und in unermüdlicher Verwandlung von einemWolkenspektakel zum nächsten. Du wärst erstaunt zu sehen, wie Amsterdam sich in den Zweitausendzwanzigern anfühlt. Immer noch hippieske Paradiesvibes, ein freundlich-zugewandtes, in jeder Beziehung großzügiges Lebensgefühl. Es singt von Lust gegenGeld, schnieken und abblätternden, zum Wohnen zweckentfremdeten Booten, lustig sich verneigenden Hausfassaden in Dunkelblutrot, zimtduftendenCappuccinos, TouristenscharenunterVergnügungszwang,einer avantgardistischen Kunstszene,der friedlichen Koexistenz von Kulturenund, ja, auch von Drogen für alle. Nun, nicht ganz für alle. Ich fühle mich berauscht ganz ohne Drogen, es muss daran liegen, dass das, wasich in diesen Tagen über deine Vorfahren herausfinde, mich in einen veritablenRechercherausch versetzt. Im Stadsarchief1,das ich jeden Morgen besuche,helfenmir eifrige und freundliche Archivare,die zahlreichen Dokumente, die ich über deinen Vater und deine Mutterzusammentragen kann, zu entziffern und zu übersetzen. Was ich finde, ist so überwältigend, dass ich dir das gar nichtindiesenBrief packen kann. Kannst du dirvorstellen, dass in Holland alle Archive,eingeschlossen sämtliche Gerichtsaktenund Urteile krimineller Nordholländer:innen, frei einsehbar und ganz einfach per Mausklick herunterladbar sind?TotaleTransparenz, minimaler Persönlichkeitsschutz, einParadiesfür mein Journalistinnenherz. Da ich wedersorichtig Holländisch kann noch gut bin im Entziffern der handschriftlichen mit verschnörkelter alter Schrift geschriebenenDokumente aufvergilbtem Pergament-
papier, studiere ich stundenlang Akten, bis meineAugen brennen vor Trockenheit und mein Magenknurrt, weilich vor lauter Überraschung – oder Entsetzen? – über das, was ich herausfinde, zu essenvergesse.
Der heutige Tag ist mein letzterinder Stadt. An verschiedenenPlätzen habe ich riesige Berge von Tulpensträußen gesehen, die zu Ehrendes ermordeten russischen Kremlkritikers Alexej Nawalny niedergelegt wurden. Es sieht aus, als habe Holland seinen ganzenTulpenbestand einfach mal so auf den Boden gelegt. WasNawalnyauch nicht mehr lebendig machtund dich auch nicht. Punkto Widerstandgegen diktatorische Regimes habe ich gemischteGefühlefür unser Volk. Fast alle 100’000 AmsterdamerJüdinnen und Juden wurden deportiert undermordet, und dabeischeint der Amsterdamer Polizeipräsident Sybren Tulp,der mit den Naziskooperierte,eine unrühmlicheRolle gespieltzuhaben.Mit der Amsterdamer Polizei kamauchdeinVaterinBerührung. Es war 1945 und sein offiziell letzter dokumentierter Konflikt mitdem Gesetz. Undweißt du, warum?Ein beherzter Archivangestellter hat mir heutedabeigeholfen, die Abkürzungen auf dem kaumleserlichen Polizeirapport zu entschlüsseln:weil erHolz aus einemHaus an der Rapenburgerstraat, in dem zuvor Judengelebt hatten,die deportiert worden waren, gestohlen haben soll. Und dies nach dem Hungerwinter 1944/45, in dem20’000 Holländer:innen in von der deutschenBesatzung noch nicht befreiten Städten, insbesondere in Amsterdam, verhungert waren.Dieselbe Polizei, welche die Amsterdamer Juden, anstattdiese zu schützen, in den sicheren Tod auslieferte, verhaftete also deinen Vater, weil er ein paar StückeHolzaus einemleer stehenden Haus entwenden wollte. Wusstest du das?
Bevor ichabreise,fahreich mit derFähreinden Norden und schaue am Johan-van-Hasselt-Kanal den großen
Frachtschiffen zu.Der ehemalige Meeresarmwürde in der Schweizlängstals Seegelten, so breit ist er undeine so majestätische, New-York-mäßige Kulissestrahlteraus. Ein endloser, riesiger, hellerHimmel, ein trunkenes Glitzern überall. Eigentlich ist es das, was ich mir immervorgestellt hatte unter meinen holländischenAnteilen. Dass ein bisschen Seefahrer:innenblut in mir fließt,dassdarin auch all die wagemutigen Schifffahrten rundumden Erdballaus dem früher einmal größten Hafender Welt abgespeichert sind. Jedenfalls gehtesmir in jeder Lebenslage sofortbesser, kaum dass ich auf dem Wasserbin. So auch heute. Ich bin beruhigt und kann morgen in die Schweiz zurückreisen. Ich weiß, was zu tun ist.
Bis bald Karla
* Innertkirchen, 13. August 2024
Mijn lieve grootvader!
Mehr als fünf Monate habe ich an diesemBrief geschrieben! Vielleicht fragst dudich jetzt, warum ichdir ausgerechnet aus Innertkirchen, diesem entlegenenöstlichsten Zipfel des Kantons Bern, schreibe?Weil wir uns als Familie hier die Hälfte einesaltenHaslitalerHauses teilen, die wir an Feriengäste vermieten, wenn wir sie nicht selbstbewohnen.Weil ichhier in diesemletzten halbenJahrviele Male den Tag zur Nacht machenkonnte,umunsereGeschichte aufzuschreiben. In einem gemütlichen uralten, ausder Zeit gefallenenHolzhaus mit Sicht aufden Bänzlauistock und die obersten Spitzen desGrimselmassivs, hinter demHaus eine
riesig aufragendeFelswand, die «Burg», deräußerste Ausläufer der Engelshörner.Innertkirchen war bis vor Kurzem einverschlafenerund heruntergekommener Ort, jedoch gerade deshalb so wunderbar erholsam. Jetztbeginnen sich die Anzeichen zu mehren, dass derTourismus auch hier ankommt. Heute sah ich zumerstenMal einenGleitschirmflieger vor unserem Fensterauf dergroßen Wieselanden.
Das schwere Unwetter,das vorein paar Tagen einen Teil von Brienz verwüstet hat,ist auch hier nichtspurlosvorübergegangen. Unsere Weide liegt umgeknickt über dem Bach undnun zur Hälfte auf demNachbarsgrundstück, und außerdem, das habe ich erst vorhin gesehen, als ich vonder anderen Dorfseiteher zum Hausgelangtbin,ist ein Teil des Holzzaunes,der unserenGarten umfasst, zerstört.Solche extremenWettersituationen, Starkregenund Stürme oder ausgeprägte Dürre- und Hitzeperioden, Auswirkungen des Klimawandels, erlebenwir jetztimmer häufiger. Vielleicht schaffen die Menscheneserst, radikal umzudenken und zu handeln,wenn in ihreneigenen Gärten die Bäume umfallen, sie die Zerstörungskraftder Wetterextreme, die sie selbst verursacht habenmit ihrem gedankenlosen Handeln,direkt vor der Nase sehen, danach greifen können, ihnen plötzlich die Sicht auf ihren heiß geliebten Ahornbaum fehlt?
Nun, dieser Briefist so langgeworden, weil ich unsere ganze Geschichte in fünfzehn Kapitelnhineingeschrieben habe. Eigentlich, wenn wir genau sein wollen, ist der Brief ein autofiktionaler Roman im Briefpelz, in denich auch – wie die Matroschka in derMatroschkainder Matroschka – deine sechs Briefe, die das eigentliche Rückgrat undder Kern des Werks sind,eingestreutund wortwörtlich wiedergegeben habe. Bevor ich aberall diese Buchstabentippte, habe ich versucht, die vielenRätsel um deine Herkunft unddeine Einwanderung in die Schweiz lösen, und dafür waresnicht
mit einer Woche RecherchiereninAmsterdam getan. Es folgten viele Wochen in derSchweiz, in denen ich Archive abklapperte, Schauplätzebesichtigte, Zeitzeug:innen befragte. Glaub mir, in der Schweiz sind die Archivenoch nicht auf demDigitalisierungsstand, dendie holländischen Archive längst haben. Einzig das Bundesarchiv hat mir die benötigten Dokumente in digitalerFormanfertigen können, wenn aucherst nach ein paar Wochen, und dies auch nur, weil es eine umfangreiche,mehr als hundertDokumente zählende undfast dreißig Jahre abdeckende fremdenpolizeiliche Akte zu dir und deinerFamilie gibt.Erst jetzt istmir klar geworden, dass es sechzehnJahre dauerte, bis ihr eingebürgert wart, dass meineGroßmutter ihreSchweizerStaatsbürgerschaft verlor, weil sie dich,einen fremden Fötzel, heiratete. Und dass sogar mein Vaterund seine Geschwister als Holländer:innen, mit deropulentenKönigskrone aufdem Pass, geboren wurden.
Um auf die Hochzeits-und Geburtsurkunden zugreifen zu können, musste ich beiden Zivilstandesämtern in Thun und Berneine Forscherbewilligung beantragen, mich für einen persönlichen Termin anmelden und zuerst meineIdentität beweisen, bevor ich die Originaldokumente einsehendurfte –in Bern in Anwesenheit einesmuffeligen Zivilstandesbeamten, der auf meine Frage nach der Übersetzung eines schwer leserlichen Wortes erklärte, die Auskunftwürde zwanzig Franken kosten, umsich dann ostentativ in die geschätzt dritte Rauchpauseinnert einerViertelstunde zu verabschieden. Im Staatsarchiv desKantons Berntrafich hingegen auf unterstützende und interessierte Historiker:innen, die mir dabei halfen, wichtige Puzzleteile,die mir zum Vervollständigen unsererGeschichtefehlten, zu finden. Lustig war es in Pohlern im Stockental,wodudie ersten vier Jahre alsoffiziell geheilter Tuberkulosepatient verbrachtest. Bei der Ge-
meindeverwaltung hieß es, esgäbe keine Informationen zu dir, obwohl du ja als offiziellerEinwohner angemeldet warst.
Zum Glück folgte ich meiner Eingebung, einfach einmal nach Pohlern zu fahrenund dortetwas herumzuspazieren. Nachdem ich wahllos mit ein paar in ihrenGärten werkelnden oder vor dem Haussitzenden Menschen gesprochen hatte, fand ich in weniger als einer Stunde das stattliche Bauerngut, in dem du wohntest, und denpensionierten Landwirt und inoffiziellenDorfarchivar, dersämtliche GemeindedokumenteimKelleraufbewahrthatteund mir alles über deine Vermieterin erzählen konnte,die zufälligerweise seine Tante gewesenwar.
Ja, und natürlich habe ich auch euerHausinAllmendingeninThun besichtigt, dasschon langenichtmehr in Familienbesitz istund durch das ich von denjetzigen Besitzern gastfreundlich geführtwurde. Das Hausist tatsächlich so verwinkelt und geheimnisvoll, wie ich esinErinnerunghabe, undsogar die uralte,sovertraut duftendeAußentreppe aus Eichenholz,die Stufen nicht ausgetretenerals voreinem halbenJahrhundert, ist noch dieselbe. Aber nun möchte ich dich nicht länger auf die Folterspannenund dir erzählen, wasich herausgefunden habe.Woich aufFaktenzugreifen konnte, nenneich diese ganz genau,woich mutmaßen, schätzen oder verschiedene Meinungen einholen musste, habe ich dieLücken kraft meinesgesundenMenschenverstandsund meiner Fantasie,ander esmir, wie du dir sicher vorstellen kannst, nicht mangelt, gefüllt.
Aber lies selbst!
4. März 1890. So leicht, so majestätisch und doch entschlossen glitt das Boot über das silbern glitzerndeWasser derStadsbuitengracht,der dunkelgrünglänzende Rumpf mühelos über den Wasserteppich schwebend, die beiden butterweißen Segel hoch und fest gespannt im perfekten Halbwind. Darüber ein Himmel so weit wie noch nie,nur wenigeWölkchen sich jagend,heute plötzlich in einem absurd fröhlichen Blau, dasso gar nichts zu tun hatte mit dem Himmel von gestern, von vorgestern, ja eigentlich der ganzen letzten 547 Tage.
Gijsbertus kniffdie Augen zusammen, legte die rechte Hand über seine hohe, durchscheinendeStirn, schaute blinzelnd dem Segelbootnach, das jetztindie Wittevrouwensingel einbog und langsam verschwand.Seine Augen – von demselben unbeschwerten Blau wie der Himmel heute –blieben am verwirbelten Kielwasser, das das Boot wieeine Furcheindie Gracht gekerbt hatte, hängen. «Alle zurück in die Fabrik!», schrieder Wärter de Rijden in gewohnt scharfem Bellen, und schon spürte Gijsbertus die Hand von Cornelisauf seine Schulter klatschen. «Komm, flinker Wezel2 , ab in die Hölle mit dir füreineletzte Nacht!»
Der Spaziergang an der frischen Luft war für die Häftlinge beendet,und so bildeten sie eine lockereEinerreihe, einer hinter dem anderen, alle in denselben staubgrauen, einteiligen Sträflingsanzügen aus grobem Leinen steckend,und schritten mit betonter Gleichgültigkeit durch das Tor zurück hinter dicke Mauern ins dunkelkalte Verlies.
Noch war es nichtZeit fürdie Zelle, es gab noch zwei letzte Stunden an der Maschine zu stricken. Gijsbertus betratdie Gefängnisfabrik, atmete Rauch und Schweiß ein und musste
seine noch kurz zuvor von der ausgelassenen Märzsonne geblendeten Augen wieder an das dumpfe, von Staub- und Ascheteilchendurchsetzte Halbdunkelgewöhnen. Seinen Ohren befahler, den tosenden Lärm ausdampfendem Zischen unddröhnendem Gehämmer zu ignorieren. Inzwischen konnte er das aufKnopfdruck, war ein wahrer Meister im Ausblenden geworden. Erstellte sich vor, wie sich unsichtbare Melodiefäden in seine Ohren schlangen und in seinem Kopf alle Lieder spielten, die er mochte, und kein Laut dieser apokalyptischen Lärmkulisse mehr zu ihm durchdrang.Währendesinseinem Kopf «Willst dudein Herz mir schenken»sang – mit hohem Sopran und viel Vibrato –,setzte er sich an den langen Tisch mit den Rundstrickmaschinen, wo er zwischen dreizehn anderen Häftlingen mit der Linken den braunen Wollfaden in dieFlachnadel einführte, während er mit der Rechten die Kurbel zu drehen begann. «Schaffst du es noch, deinen Pullover fertigzustricken, Wezel?», riss ihn Cornelis von schräg gegenüber am Stricktisch ausseinem Lied. «Ich versuch’ s. Sonst strickst duihn fertig,duhast ja noch mehr Zeit!» Jetzt lachten beide, bemüht, es so unauffällig wie möglich zu tun,umnicht den Argwohn eines Aufsehers zu wecken. Eswar verboten, während der Arbeit miteinander zu sprechen,zuwitzeln sowieso. Dastaten sie, wenn sie in ihrerZelle waren,die einzigen erst Fünfzehnjährigen in einem Gefängnis mit 180 gestandenen Verbrechern, Mördern, Vergewaltigern, Betrügern, Staatsfeinden und Revolutionären.
Gijsbertus schaffte es tatsächlich, den Pullover fertig zu stricken. Hatte er sich an all den eintönigen, nicht enden wollenden Tagen in der Gefängnisfabrik zu jeder Socke, jedem Schal, jedem Strumpf, jedem Pullover detailreich ausgemalt, wessen Hälse, Beine und Busen seine Strickstücke dereinst
zieren würden, begleitet von den Liedern in seinem Kopf, schweiften seine Gedanken heute ganz woandershin. Nach Hause, nach Amsterdam.Morgen würdeerentlassen werden. DenkratzendenLeinenoverall eintauschen gegen seine eigenen Kleider, die seit einem Jahr,ineinem Sack zusammengeknüllt im Raum neben der Eingangspforte, aufihn warteten. Sein Herz klopfte schnell und unregelmäßigbeim Gedanken, wieder der zu werden, der er bis vor anderthalb Jahren gewesen war. «De sluwe Wesel3», wie ihn alle nannten, weil er nicht nur flink und geschickt, sondern auch von einer besonders feinfühligen Intelligenz war. Er hörte das Graswachsen, spürte denWind, bevor er tatsächlich kam, hörte leiseste Geräusche, die anderen gar nicht auffielen, er tippte beim Bahnübergang jedes Mal richtig, von welcher Seite der Zug kommen würde, kurz:Erwar der perfekte Schmiersteher auf jedem Diebeszug. Und seine engelsgleicheGestalt warsowieso die perfekte Tarnung füralle krummen Dinger – blond, blauäugig, von feinen Gesichtszügen, sonnigem Wesen und gelegentlicher, etwas tollpatschiger Hitzköpfigkeit, die zum Rest nicht so recht passen wollte. Dass Gijsbertus alsEinziger und Jüngster seiner Bande mit Gefängnis bestraft worden war, konnte er sich trotz ausgiebigen Nachdenkens in zahllosen schlaflosen Nächten nicht erklären. Er hielt seine Inhaftierung für den Beweis, dass er eben doch nicht so intelligent war, wie alle meinten, mehr noch:dass er vielleicht sogar richtig dumm war!
Morgen würde er also freikommen. Erwar so aufgeregt bei diesem Gedanken,dass er kaumnoch atmen konnte, die Vorfreude, untermalt von einer diffusen Angst – vor was?Er wusste es nicht! –,legte sich um seine Rippen wie dickes Fell, seine Hände zitterten. Was würdeihn erwarten?Heldenstatus oder Ablehnung? SeineMutter Hendrikje wäre so warm und liebzuihm wie immer,soviel war sicher. Aber wie wür-
den ihn seine Freunde empfangen – de Bul, van Det und Arjen?Was würde er machenohneCornelis, und würde es dieser ohne ihn im Gefängnis aushalten?Und was war mit Gertruida? Er hatte ihr so viele Briefegeschrieben und nur einen einzigen von ihr zurückbekommen. Ach, Gertruida!
Es war das scharfe Bellen des Wärters de Rijden, dasGijsbertus aus seinen Gedanken riss. «Abindie Zellen!» Sortiert in Gruppen von je zwanzig Mann, strömten die Häftlingenacheinander ausder Fabrik durch die engen Gänge in ihre noch engeren Zellen. Drei Meter langund zwei Meter breit, ein kleiner dunkler Schacht mit einem winzigen Fensterloch fast unter der Decke – null Aussicht und Fluchtmöglichkeit –war das Verlies, das sich Gijsbertus und Cornelis mit drei anderen Häftlingen teilten:Dawarendie beiden rückfälligen Diebe Johan und Theodorus, die mehr oder weniger zu ertragen waren, außer dass JohanBäume sägend schnarchte und Theodorus Pech und Schwefel furzte, und der Anarchist Pieter, der wegen Majestätsbeleidigung eingesperrt war. «Weg mit dem Gorilla!»,hatteermitten aufdem Vorburgwal gerufen, als die Kutsche mit dem amtierenden, halb wahnsinnigen und brutalen holländischen König Willem III. vor den Königspalast gefahren war. Pieter war fürCornelis und Gijsbertus das Beste, was ihnen in diesem Kerker voller Primitivität und Brutalität hatte passieren können. Der zweiundzwanzigjährige Student derRechtswissenschaften war von einer verspielten Klugheit und tat alles, umseine beiden jugendlichen Zellengenossen kleinen Brüdern gleich zu beschützen, und noch mehr, um sie fürseineanarchistischenÜberzeugungen zu gewinnen.Gijsbertuswar bereits durch und durch anarchisiert, was später seine sozialistischen Überzeugungen noch befeuern sollte. Später, ja. Leider würden bis zu diesem späteren
Punkt in seinem Leben noch weitere Gefängnisaufenthalte auf ihn zukommen.
«Nicht nur Bohnen oder Fleisch, es gibtBohnen UND Fleisch!», rief Cornelis mit glockenhell entzückter Stimme, die im Gegensatz zu Gijsbertusʼ Stimme noch nicht vom Stimmbruch getrübt war. «Das isteineAusnahme, pssssst, seid still,das bekommt nureure Zelle, es istdas Abschiedsessenfür Gijsbertuʼs»,sagte Wärter Nibbelink mit gedämpfter Stimme. «Danke, danke», murmelte Gijsbertus verlegen, nicht gefasst auf derlei Ehrerweisungen. Hatte er die letzten 547 Tage jeden Tag mit einer einzigen Mahlzeit, bestehend aus Wasser und Brot und hin und wieder etwas welkem Gemüse ODER einem undefinierbaren Häufchenzähem Fleisch vorliebnehmen müssen, wardiesein veritablerFestschmaus. Entsprechend andächtig die Stimmung, in der die fünf Zellgenossen, eng beieinander aufden beiden untersten harten Betten sitzend, die Tagesmahlzeit verzehrten, genüsslich und langsam. «Wenn ich draußen bin, werdeich alsAllererstes ein Bier trinken», ließ Theodorusverlauten. «Ich werde zur Zeitung ‹ Recht voor Allen › gehen und ihnen von den unmenschlichen Haftbedingungen hier berichten,natürlich inkognito!», erklärte Pieter. «Ich würdeals Erstes ins Bordell gehen», meinte Johan. «Und du, Wezel?», fragte Cornelis. «Ich würde Gertruidaküssen!Und du, Cornelis?» «Ich würde als Erstes dich besuchen kommen!»
«Bettruhe!», brüllte Nibbelink, jetzt wieder in gestrenger Wärtermanier, zur kleinen Türluke herein, und so legten sich Gijsbertus und seine Mitsardinen quasi in dieBüchse. Auf schmale, harte Betten mit dünnen Matratzen und kratzigmuffigen Wolldecken, die schon zahllosen Verbrechern die letzten süßen Träume geraubt hatten. Es war punkt halb neun Uhr.Wer nicht schlief,tat so, alsob.
Gijsbertus lag in dieser Nach mehr wach, als dass er schlief.
Wenn er in einen dünnen Dämmerschlaffiel, streiften ihn Traumfetzen, in denen sich sein Häftlingsleben mit dem neuen alten Leben in Freiheit vermischte. Erträumte, wie er zu Hause in seinem Zimmer erwachte und feststellte, dass sein Zimmer in eine Zelle umgebaut worden war. «Duwirst von jetzt an auch zu Hause deinen Sträflingsanzugtragen, dieser Stoff ist viel strapazierfähiger als deine Kleider», erklärte ihm seinVater im Traum.
Schweißgebadet und gerädert wachte Gijsbertus auf, alsum halb fünf Uhr Wärter Nibbelink «Tagwacht, alle aufstehen!»durch die Zellenluke brüllte. Danngingalles schnell.
Gijsbertus umarmte Cornelis, dann Pieter, gab Johanund Theodoruseinen Handschlag und wurdesogleich von Nibbelink zum Büro begleitet. Dort las ihm der Gefängnisbeamte van Dijk mit feierlicher Stimme das Austrittsschreiben des Gefängnisses Utrecht vor. Vieles davon war langweilig und hundertmal erzählt, Verurteilung durch das Appellationsgericht Amsterdam wegen Diebstahls blablabla, Körpergröße ein Meter und 67 Zentimeter, so weit noch kein Bart in Sicht, haha, Tätigkeit im Gefängnis:Kartonkleben und Strickmaschinebedienen, kannlesen und schreiben, logisch. Aber was?Sein Betragen sei sehr gut gewesen, hörte er. Oh. Er könne nun nach Amsterdam reisen und dort sein Entlassungsgeld abholen. Wie viel wohl, fragte sich Gijsbertus. Man wünsche ihm alles Gute und hoffe,ihn nie wieder zu sehen, schloss van Dijk.
Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, als Gijsbertus nach einer vielstündigen, holprigen Fahrt auf dem Pferdewagen endlich in Amsterdam ankam. Mit dem Zug hätte er die vierzig Kilometer in nureiner Dreiviertelstundegeschafft, aber
Zugfahren war teuer und sein Entlassungsgeld ja erst am Ankunftsort abholbereit. Bei der alten Post neben dem Königspalast stieg er vomWagen,drücktedem Fuhrmann einen halben Gulden in die Handund schlendertedie Radhuisstraat entlang Richtung Oude West4,erst über die Keizersgracht, dann über die Prinsengracht, die Rozengracht, die Elandsgracht. So klein und fußläufig Amsterdam war, so schnell änderte die Stadt ihr Gesicht, je weiter westlich er kam. Im Zentrumwar es noch laut und hektisch gewesen, in seinem Quartier, dem OudeWest,wurdeAmsterdam zum beschaulichen, verträumten Dörfchen. Dunkelblutrote Backsteinhäuser, der Duft nach Zimtwaffeln und lachende Kinder auf Hausbooten hießen ihnwillkommen, der Himmel von vertrautem Abendrosadurchzogen, ein frischer Salzgeruch nach Meer im sanften Wind,Pferde, Hunde, Katzen, Vögel, Bäume und Blumen, so viele verschiedene Menschen, die keine grauen Sträflingsanzüge trugen. Röcke!Gijsbertus blieb stehen und hielt sich die Augen zu,öffnete sie wieder, schloss sie wieder. Die Bilder überschwemmten sein Gehirn, und er versuchte, ihnen Einhalt zu gebieten,wie er dem Lärm in der GefängnisfabrikEinhalt geboten hatte. Jetzt kamen ihm die Tränen, und er setzte sich aufden Boden.
Er weinte und weinte, bis er nurnoch verschwommene Umrisse sah, und dann schluchzte er, dass es ihn schüttelte. Er schluchzte so lange, bisereinen Brechreiz bekam. Da sprang er auf und rannte los.
Die anderthalb Jahre im Gefängnis als Vierzehn- und Fünfzehnjähriger schienen meinen Urgroßvater doch nicht so nachhaltig beeindruckt zu haben. Gijsbertus beging zusammen mit seiner Bande weitere Diebstähle, für die er ein Jahr später, inzwischen sechzehn Jahrealt,erneut ins Gefängnis Utrecht wanderte,diesmal fürein Jahr.Und offenbarreichte ihm auch das noch nicht. Denn nach weniger alseinem Jahr in der freien Wildbahn wurdeer1893 erneut wegen bandenmäßig organisierten Diebstahls verurteilt, und diesmalwurde die Haftstrafe wegen Rückfälligkeit verdoppelt:Ersaß für ganzedreiJahre im GefängnisUtrecht ein, das heißt, er zog 1893 als Achtzehnjähriger hinter Gitter und wurde 1896 als Einundzwanzigjähriger entlassen. Der gute Gijsbertus hatte nun also alles in allem fünfeinhalb Jahre seiner Jugend hinter Gittern verbracht. Kaumein Jahr nach seiner letzten Entlassung, am 26. Mai 1897, heiratete er, und ziemlich genauneun Monate später, am 14. Februar 1898, kam mein Großvater zur Welt.
14. August 1899. Ein kleiner gelber Senffleck schlängelte sich von Gertruidas Unterlippezuihrem Kinngrübchen, golden ausgeleuchtet von der warmen Mittagssonne, die ihren Strahl direkt auf ihr Gesicht warf.Sie ließ den letzten Bissen des BrodjeKrokets5 im Mund zergehen, je länger sie kaute, desto süßer schmeckte derBrei ausfrischem Brotund zartem Rindfleisch. Sie versuchte darum immer, das Hinunterschlucken so lange wie möglich hinauszögern. Rhythmischbewegte sich ihr weiches Kinn aufund ab, während siekaute, und um ihre grauen, von langen Wimpern umrandeten Augen fraßen kleine Lachfältchen ein feines Spinnennetz in ihre weiche, helle
Haut, die über Stirn und Nase von einpaarkostbaren bernsteinfarbenen Sommersprossen übersät war.
«Übermorgen werdeich eine alte Frau haben, du wirst schon dreißig!», scherzte Gijsbertus, der ihr gegenüber am Esstisch saß, seinenrechten Zeigefinger mit der Zunge befeuchtete und ihr damit den Senffleck aufdem Kinn abzutupfen versuchte. «Hör auf!», rief sie und packte seine Hand. «Ich weiß etwas Besseres», entgegnete er, stand auf, ging um den Tisch, beugte sich zu ihr und küsste ihr Kinn sauber. Ein hellesKichern von Gertruida, eine Mischung aus Kitzeln auf der Hautund etwas, das ihren ganzen Körper wie eineWelle aus warmem Prickeln erfasste. Sie schluckteden lange gekautenletzten Bissen des Brodje Krokets hinunter und küsste Gijsbertus zurück, aufden Mund.Sorichtig. Er strich ihr die rotblonde Locke, dieihr übers linke Auge gefallen war, hinters Ohr, nahm ihre Hand und zog sie in daskleine, nur durch einen Vorhang vom Wohnraum abgetrennte Schlafabteilmit dem schmalen Bett und der grünbraun gemusterten, bereits etwas abblätternden Tapete.
Sie hatten genau zwanzig Minuten Zeit, dann musste er zurück in die Diamantenschleiferei.
Gertruida fühlte sich warm und angenehm schwindelig, als Gijsbertus noch «Totziens, liefste»6 rief, dieTür ihrer Einzimmerwohnungschloss und dieüber drei Stockwerke hinabführende steile Holztreppe, immer drei Stufen aufeinmal nehmend, hinabpolterte. De Wezel,der er eben war, rannte erineinem Spurt von sagenhaften zwei Minuten von der Lijnbaansgracht in die Diamantenschleiferei an der Bloemenstraat. Noch sechs Stunden würde er weiterarbeiten, dann wäre auch dieser Zwölfstundentag vorüber. Heute hatte er den ganzen Morgen gebraucht, um einen beinahe farblosen Diamanten aus Indien mit der Schleifscheibe in Form zu
bringen und die Facetten herauszuarbeiten. Nun würdeerdie feinen Details des Schliffs mitLupe, Pinzette und Schleifstift einmeißeln und anschließend den Stein so lange polieren, bis er diesen perfekt unnachahmlichen Glanzhaben würde, um in derTiara, dem Kronendiadem der jungen Königin Wilhelmina, mit den anderen Diamanten und blauen Saphiren um die Wettezustrahlen.Der jungen Wilhelmina, Hoffnung in Person, die den glücklicherweise inzwischen verstorbenen, bei der niederländischen Bevölkerung so verhassten König Willem III. abgelöst hatte.
Gijsbertus war, seit er denken konnte, magnetisch angezogen von strahlenden Edelsteinen, glitzerndem Gold und funkelndem Silber. Hatte er sie in Jugendjahren in beachtlicher Menge undmit viel Geschick gestohlen, wofürermit langen Gefängnisjahren gebüßt hatte, konnte er heute mit ihnen ganz redlich arbeiten, seine geschickten Händezuimmer feineren technischen Höchstleistungen antreiben und gleichzeitig im Anblick der kostbaren Steineden Hunger seiner Augen nach Schönheit stillen.Diamanten schleifen wareine Kunst, und eigentlich hätte er sich glücklich schätzen können, dass er in kurzer Zeit zu einem gefragten Diamantenschleifer in der Stadt geworden war, und dies im zarten Alter von erst vierundzwanzigJahren. Aber Gijsbertushatte begonnen, das Weekblad,die Zeitschrift des Diamantenschleiferverbandes, dem er beigetreten war, zu lesen.Mit jeder Zeile, die er im Weekbladlas, wuchs seine Befürchtung, dass er nichts anderes als ein von einer reichen Oberschicht ausgebeuteter Sklave war, der Tag für Tag hoch schädlichen Steinstaub einatmete, durch die vielen Arbeitsstunden zu wenig Zeit mit seinem kleinen Sohn verbringen konnte und so wenig verdiente, dass es kaum reichte, im Winter genügend Brennholz zu kaufen,
um seine kleine Wohnung aufeine Temperatur aufzuwärmen, die nicht gesundheitsgefährdend war.
Der Stein, den er gerade bearbeitete, war ungefähr so viel wert wie zwei seiner Jahreslöhne. Unddavon blieb nicht einmal etwasübrig, um seiner hinreißenden Frau zu ihrem dreißigsten Geburtstagübermorgen ein Schmuckstück zu kaufen. «Eigentum ist Diebstahl», hatte ihm der Anarchist Pieter im Gefängnis Utrecht erklärt und ergänzt:«Wenn du den Reichen etwas Schmuck gestohlen hast, war das ein brillanter Ausgleich unter den ungleichen Besitzverhältnissen zwischen Arm und Reich!Dubist ein kleiner Robin Hood!» Gijsbertus musste schmunzeln beim Gedanken an Pieter. Wie er gehört hatte, war dieser wieder im Gefängnis, zusammen mit 52 weiteren Anarchisten. «Zum Glück bin ich in den Sozialismus abgebogen», sagte er zu sich. «Wohin bistduabgebogen?», fragte Dijk, der junge Schleiferlehrling zu seiner Linken. Er musste es lautausgesprochen haben. «Ich meinte», schrie jetzt Gijsbertus fast, um das laute Rattern der Schleifscheibenzuübertönen, «esist heutzutage in Amsterdamweniger gefährlich, ein Sozialist als ein Anarchist zu sein!Es macht dich zwar nicht weniger arm, aber du kommst wenigstens nicht ins Gefängnis!» Dijk warf ihm einen verdutzten Blick zu und wandte den Blick zurück aufseine Schleifscheibe.
Gertruida hatte sich inzwischen wieder ordentlich angezogen, trug den langen üppig-dunkelroten Rock mit hoher Taille und die schwarze Bluse mit elegantem Spitzenkragen, hatte das Geschirr abgewaschen, die Küche aufgeräumt, weitere 45 Seiten in Tolstois «Anna Karenina»gelesen und inspizierte jetzt die Vorräte. Hatte sie genügend Butter, Mehl und Zucker, um zu ihrem Geburtstag übermorgen Tompoes7 zu backen, die backsteinförmigen Blätterteigstücke mit zarter
Vanillecrème und köstlich zartrosaroter Zuckerglasur?«Moeder … ? Moeder… !»8 Arnold war aus seinem Mittagsschlaf aufgewacht und hatte sich in seinem Kinderbettchen, dasan der hinteren,fensterlosen Wand des Wohnraums stand, aufgesetzt. Kaum wandte Gertruidaihren Blick zu ihm, verwandelte sich sein vomSchlaf zerknittertes Gesicht in ein breites Strahlen. Leuchtende hellblaue Augen, zwei runde Aquamarine im Sonnenlicht, mit einem hellblonden Haarschopf wie glitzernder Mondschein im Grachtenwasser – Arnold glich seinem Vater aufs Haar. «Mijnlievemus!»9,rief sie aus,hob ihr auf den Tag genau anderthalbjähriges Söhnchen ausdem Bettchen und drückte es an sich. «Moeder», seufzte Arnold, schmiegte sein durchscheinendes Elfenbeingesicht an die weiche Brust seiner Mutter und umfasste sie mit seinen gutgenährten Ärmchen. «Wir gehen spazieren, Arnoldje, und Butter kaufen.» Sie setzte ihm die schwarze Klompenmütze auf, unter dessen flachem Dach er aussah wie ein russischer Pope inMiniaturformat, klemmte den zusammenklappbaren Kinderwagen unter den Arm und hielt Arnold fest an der Hand, während er alle 42 Stufen der steilen Holztreppe aufseinen krummen, stämmigen Beinchen selbst hinunterklettertewie einunerschrockener Bergsteiger über riesige, steile Felsbrocken. Gertruida genoss diese Langsamkeit mit Kleinkind und war voller andächtiger Bewunderung für die Fortschritte, die ihrkleiner Sohn Tag für Tag machte. «Goedgedaan!10 Bravo, Arnoldje!»,sporntesie ihn unermüdlich an.
Untenauf der Lijnbaansgracht angekommen,klappte Gertruida den Kinderwagen auf und setzte Arnold hinein. Das Modell war brandneu, robust und leicht, das Kind saß aufrecht mit freier Sicht aufdie ganze Umgebung, die Metallräder mit Speichen waren stabilund leicht zu schieben. Nieim Lebenhätte sie sich so einen teuren Wagen leisten können, aber das musste sie auch nicht. Hin und wieder bekamsie
etwasvon ihrer Mutter zugesteckt, die zwar beileibe nicht reich, aber Spross einer geschäftstüchtigen Zuckerbäckerdynastie und außerdem großzügig war. Gertruidawar inmitten von Zimtwaffeln,warm duftendemBrot und Streuselkuchen großgeworden. Bis aufden Umstand, dass sie sich in einen mehrfach vorbestraften Hitzkopfverliebt hatte, warihr Leben meistens eines auf der Sonnenseite gewesen. Nachdem Gijsbertus zum letzten Mal freigekommen war, heiratete sie ihn kurzum. «Willst dumich heiraten?»,hatte er ihr in einem seinerzahlreichen Liebesbriefeaus dem Gefängnis geschrieben. «Ja. Ich sperre dich ein in den Bunker unserer Liebe, damit du nie,nie, nieee mehr aufDiebestour gehst! Versprochen?»
Ihre Eltern, obwohl alles andere als begeistert vom kleinkriminellen Schwiegersohn, willigten ein. Sie dachten für ihre Zeit modern, insofern sie ihrer Tochter zutrauten, die für sie richtige Wahl zu treffen. Auch erhofften sie sich, dass ihre Tochter, die jede freie Minute mit dem Lesen von Büchern vertrödelte, mit einer Heirat etwas irdischer und tatkräftiger werden würde, dass die Führung eines Haushalts sie reifer und bodenständiger machen würde. Dafürwar Gertruida ihnen dankbar. Sie hatte sich nie ernsthaftfür einen anderen Mann als Gijsbertusinteressiert, so verspielt und feinfühlig, so leidenschaftlich und lustig, wie er war. Und wild und unberechenbar, und auch, weil sich ihre Hautwacher fühlte an seiner Haut, weil sie ihren Körper erst richtig spürte, wenn er sie anfasste, weil er siefesthielt, wenn sie sich fallen ließ, und weil sich alles zu drehen begann, wenn er sie küsste.
Weniger anfangen konnte sie mit seinen radikalen politischen Ideen, seinem Engagement in der Gewerkschaft der Diamantenschleifer. Manchmal wartete sie bis spätabends auf ihn, wenn er sich nach der Arbeit mit Genossen trafund trank. Dann kamerheim und warein anderer, aufgebracht,
zynisch und brüsk. Seine Wutauf die Unterdrückungder Arbeiterklasse wuchs von Tag zu Tag. Auch wenn sie sich sicher war, dass er seine Wutnie gegen sie richten würde, machte sie ihr Angst.
Arnold saß auf demSitzchen seines schnellen Kinderwagens und verfolgte gebannt die Trams, die vonPferden gezogen über die Rozengrachtratterten,beäugtedie Schiffe, die an ihm vorbeiflogen, und studierte die kleinen Wölkchen, die sich am endlos sommerblauen Himmel über Amsterdamzu immer neuen Tieren formten.Für ihn hättedieseFahrt nie aufhören können. Wo sie auch haltmachten, wurde er freundlichangelächelt und aufmunternd gegrüßt.
Die Butter hatten sie gekauft,inder Bibliothek Joseph Conrads «Herz der Finsternis»geholt, im Vorbeigehen sogar noch ein Brot ausGroßvaters Bäckerei geschenkt bekommen, aber nun waren sie leider bereits wieder zu Hause angekommen.Gertruidatrugjetzt Arnold die vielen Treppenstufen hinauf, aß mitihm fastdas ganze, noch warme Brot auf undlas ihm aus«Max undMoritz» vor, das auch in Hollandsehr beliebtwar. Arnold saßauf ihrem Schoß, während sie ihm, inzwischen im Schein der Kerze, das ganze Buch bereits zum zweiten Mal erzählte. Er sog die exklusive Zuwendung seiner Mutter, wenn sein Vater nicht da war, auf wie ein Schwamm.Dass er diese Zuwendung in den nächsten Wochenrundumdie Uhrbekommen würde, durchsetzt von den warmen, aufihn heruntertropfenden Tränen der Mutter, wussten in diesem Moment weder er noch sie. Bis es an der Türklopfte.
«Wohnt hier Gijsbertusvan Wijnkoop?», fragte der uniformierte Polizist, demdie erschrockene, aschfahl gewordene Gertruida die Tür einen Spalt breitöffnete.
«Ja, ich bin GertruidaBeekes, seine Frau.»
«Wir haben Ihren Mann festgenommen. Er hatinder Warmoesstraße einen Kollegen von mir, den Polizisten Verheuzen, angegriffenund einenPassanten, der eingreifen wollte, verprügelt. Was sonst noch vorgefallen ist, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Siewerden von uns benachrichtigt, sobald das Urteil gesprochen ist.»

Warum war ihr Großvater Arnold, der 1914 als Sechzehnjähriger von Amsterdam in die Schweiz zur Kur gekommen war, nicht mehr nach Holland zurückgekehrt? Wer war die rätselhafte Frau, die ihn damals begleitete und bis an ihr Lebensende mit ihm und seiner späteren Familie unter einem Dach lebte? Warum haben seine Kinder und Kindeskinder ihre holländischen Verwandten nie kennengelernt?
Jahrzehnte nach Arnolds Tod begibt sich seine Enkelin auf Spurensuche, um die Lücken in dessen Lebenslauf zu schließen. Saskia van Wijnkoop besucht die Schauplätze des Lebens ihres Großvaters, durchforstet Archive in den Niederlanden und der Schweiz – und macht ungeahnte Entdeckungen. Ihr autofiktionaler Roman ist eine bildstarke Familiensaga über ungewöhnliche Menschen in einer bewegten Zeit. Eine Hommage an die Liebe und die Kraft der filterlosen Wahrnehmung.