Nektarmond
Novelle
FürmeineGrossmutter RosaMayer inunendlicherLiebeundDankbarkeit
Auf dem Mond vergeht die Zeit anders, als ich es von der Erde gewohnt bin – sie vergeht gar nicht. Die Tage sind endlos und schmachtend heiß, die Nächte sind das Gleiche in eiskalt. Gerne würde ich mich an Stunden oder Minuten festhalten:wie ein Affenbaby seine Mutter umklammern und mich davontragen lassen. Doch aufdem Displaymeines Handys erscheinen nurkryptische Symbole, und wie üblich scheint sich die Sonne kaum zu bewegen. Ich sitze also nicht nurauf dem Mond, sondern auch in einem planlosen Moment fest. Erst jetzt wird mir klar, wie bequem es ist, in einem Zeitraster zu leben:Tic. Eineklare Laufbahn zu haben: Tic Tac.
Nach meiner Landung fand ich einen Liegestuhl, Sonnenschirm und Bikini. KeineAhnung, wer so etwasauf dem Mond zurücklässt. Mir gefällt’ s! Wenn ich schon einen Albtraum erleben muss, dann wenigstens in einer gemütlichen Position und mit einem schönen Bikini. Seine bunte Farbe bringt einen Hauchvon Glamour in die trostlose Mondlandschaft. Auch wenn hier weit und breit niemand ist, würde ich mich nackt unwohl fühlen. Esreicht, wenn mich der Mond mitseiner Stille, Unendlichkeit und extremen Temperaturschwankungen seelisch entblößt und in den Wahnsinn treibt.
Wahnsinn und ich sind mittlerweile Freunde geworden. Wir haben uns daraufgeeinigt, dass der rosarote Sonnenschirm Helmut heißen soll. Helmut, Wahnsinnund ichdebattieren wild, ob ichTrübsal blasen oder besser nach Lösungensuchensollte. Ich bin fürTrübsal, Helmut will weiter diskutieren und Wahnsinn macht gerade im Handstand eine
Fratze. Ich verdrehe die Augen,rolle mich auf die Seite des Liegestuhls und greifenachmeinem Handy. Wieder einmal kämpfe ichgegenden starken Drang, WhatsApp zu öffnen und die letzte Nachricht zu lesen. Die Angst, dadurch mein Elendins Unermessliche zu katapultieren und mich in den Tiefen des Liegestuhls aufzulösen,hältmich davon ab.Schon der Gedanke an Elisas Worte reicht aus, um mich zu zerschmettern. Also lenke ich mich ab, strecke meine Hand aus und lächle für ein Selfie in die Kamera:Klick. Wahnsinn will auch aufs Foto, deshalb mache ich noch eins und strecke dabei meine Zunge heraus:Klickig. Ich betrachte dasResultat und staune:Statt 36 sehe ich eher auswie eine Frauimmittleren Alter. Dafür, dass die Zeit aufdem Mond scheinbar stillsteht, geht das Altern erstaunlich schnell. Vielleicht liegt es nur am Winkel der Kamera – sicherheitshalber mache ich noch ein Foto.
Ein Klingeln stört diesen hirnlosen Zeitvertreib. Ich hebe meinen Kopf unter der Sonnenblendedes Liegestuhls hervor und schaue mich um. Woher kommt das?Mein Abenteuerherz entflammt und ich zwinge mich, trotz quälender Hitze vom Liegestuhl aufzustehen. Immerhin passiert zum ersten Mal etwasund bietet der Stille Paroli. Ich laufe los. Dabei stelle ich mir vor, wie ich mich alsFrau im Mond in Kinderträumen machen würde. Mit blauen Haaren, einem schwitzenden Körper und heraushängender Zunge wäre ich eher ein Albtraumals ein Traum. Ich schmunzle bei diesem Gedanken und folge dem Klingeln. Pustend erklimme ich den ersten Hügel. Die Richtung stimmt, der Klang wird lauter. Ich besteige den nächsten, etwas kleineren Hügel. Zwischendurch winke ich den träumenden Kindern zu und verliere das Gleichgewicht. Ich muss mich sehr konzentrieren, damit ich nicht hinfalle oder die etwas zu grosse Bikinihose
verliere. Auf der Spitze des Hügels sehe ich eine rote Telefonkabine. Mit pochendem Herzen laufe ichschneller. Wie aufregend!Kakatsching. Tricheditrac. Eilig betrete ich die Kabine.
Begrüßt werde ich von einem monströsen Gestank, der mich fast aus der Kabine katapultiert. Mit der linken Hand halte ich mir die Nase zu und nehme mit der rechten den Hörer ab. Soll ich etwas sagen?Inwelcher Sprache?Jemand kommt mir zuvor.
«Hallo, spreche ich mit dem Amt fürTräume?», fragt der Anrufer. «Ich möchte dringend eineBeschwerde einreichen.»
Sprachlos halte ich den Hörer in der Hand.
«Hallo?Hören Sie, ich hatte eine furchtbare Nacht!Ich will sofort mit der zuständigen Person sprechen und eine Traumbeschwerde einreichen!»
«Hier spricht Leandra Kabanovic, guten Tag. Wie lautet Ihre AHV-Nummer?», frage ich. EtwasBesseres fällt mir auf die Schnelle nicht ein.
«Ich habe keine AHV-Nummer.Mein Name ist Benzoino Fortunato.»
Voller Adrenalinund mit zugehaltener Nase improvisiere ich weiter:«Könnten Sie mir bitte Ihren Beruf und Wohnort nennen?»
«Ich bin Erfinder und lebe in einem italienischen Apfelhaus am Meer. Sie kennen mich nicht, Frau Kabanovic?»
Ich schlucke.«In einem Apfelhaus?», frageich nach.
«Natürlich, meine Liebe!Ich bin ein Apfelwurm. Genaugenommen bin ich der berühmte Apfelwurm, der dasGlück erfunden hat.»
Klar, ich spreche in einer Telefonkabine auf dem Mond, wo ich wegen einerverdammten Nachricht gelandet bin, mit einem Apfelwurm. Ich träume auch nicht, weil Kneifen oder
Aufwachenwollen nichts bringt. Zu allem Übel hatdie Zeit Migräne. Anstatt verrückt zu werden und an meinen Haaren zu ziehen, mache ich das Unmögliche möglich und erweitere meinen Horizont für einen sprechenden Apfelwurm. Und nichtfür irgendeinen Apfelwurm, sondern den, der dasGlück erfunden hat – versteht sich.
«Frau Kabanovic?»
«Esist mir eine Ehre, Herr Fortunato, mit dem Erfinder des Glücks zu sprechen.»Beamtin sein kannich. Das habe ichauf der Erde täglich gemacht:«Herr Fortunato, Ihre Akte liegt nun vor mir. Worüber möchten Sie sich beschweren?»
«Letzte Nachtmusste ich ein Tennis-Turnier gegenmeinenNachbarn Helge spielen, furchtbar!Ich habe jeden einzelnen Ball verpasst. Schon den ganzen Tag fühle ich mich kraftlos und stolpere dabei manchmal sogar über mich selbst!
Bitte schicken Sie mirkeine Tennis-Träume mehr.»
Schnell halte ich mir die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten. Das Unmögliche wird mir nun doch etwas zu viel. Was soll ich jetzt tun? Bis vorkurzem wusste ich nicht einmal, dass es hier eine Telefonkabine gibt!Soll ich
Benzoino verraten,dass er falsch verbunden ist?Oder soll ich ihmmeine verzweifelte Situation aufdem Mond erklären und um Hilfe bitten?Nervös hüpfe ich von einem Fuß auf den anderen und habe eine Idee, welche mir Bedenkzeit verschafft:«Unser System hat momentan ein technisches Problem, Herr Benzoino. Leider kannich jetzt nur eine provisorische Blockade für Tennis-Träume erstellen. Könnten Sie morgen nochmals anrufen?»
Benzoino murmelt vor sich hin.
Bin ich aufgeflogen?
«Ich werde mich übermorgen bei Ihnen melden. Morgen habe ich eine wichtige Verabredung», sagt er schließlich.
«Schön, also dann bis übermorgen!» Ich knalle den Hörer auf die Gabel und stürze ausder Telefonkabine. Der Geruch ist unerträglich!Die Kabinentür blockiere ich mit einem Stein, um frische Luft hereinzulassen.
Was war das?Eine gefühlte Ewigkeit habe ich mit niemandem gesprochen, und nun habe ich tatsächlich telefoniert.Ich entferne mich ein paar Schritte von der Telefonkabine und starre sie an, als hätte ich noch nie in meinem Leben eine Telefonkabine gesehen.Als wäre sie eine Blume, die in meiner einsamen, kaputten Herzlandschaftzublühen begonnen hat und ein Lied von Nella Martinetti singt.
Das alles muss ich erst einmal verarbeiten!Die Telefonkabineanzustarren, hilft mir dabei nicht. Also mache ich mich auf den Rückwegzumeinem Liegestuhl. VorAufregung habe ich nicht bemerkt, dass meine Bikinihose runtergerutscht ist. Fast wäre ich jetzt darüber gestolpert. Das erinnert mich daran, wie Benzoino vorhin darüber jammerte, über sich selbst zu stolpern. Jetzt pruste ich endlich lautlos undziehe die Bikinihose wieder hoch.
Glaubte Benzoino im Ernst, ich könnte etwas gegen seine Albträume tun?Ich bin sicher nicht in der Lage, Träume zu manipulieren – mein Fachgebiet ist Buchhaltung. Würde ich so eine Superkraft wollen?Als SuperlunainTräumen mein Unwesen treiben?Ich könnte meinem Bruder einen Konzertauftritt im KKL in Luzern zum Geburtstag schenken. Er träumt schon lange davon, ein bedeutendes Cinellen-Solo zu spielen. Das wäre nice!Oh, und Nervensäge Anna würde ich in einem gewaltigen Spinnentraumgefangen halten. Oder noch besser:Ich würdesie nächtelangdavon träumen lassen, singlezusein. Dann würdesie endlichverstehen, dass das auch seine Vorteile hat, und mich nicht mehr mitihren mitleidigen Blicken belästigen.
Was, wenn ich mit dieser Superkraftsogarmeine eigenen Träume beeinflussen könnte?Viel zu riskant!Ich würde diese so fantastisch gestalten, dass ich nicht mehr daraus zurückkehrenwollte. Oder noch gefährlicher:Ich könnte von einem Leben träumen, in dem Elisa nicht nach Neuseeland abhaut undmich allein mit einem Scherbenhaufenzurücklässt. Mit der Zeit hätte ich Schwierigkeiten, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Lebensgefährlich!Als Lady Superluna sollte ich lieber fürschöne Träume bei den anderen sorgen, damit die Politik beeinflussen undMillionenverdienen!Meine Zellen tanzen vor Freude an dieser VorstellungPolka und werfen derKargheit des Mondes lustige Grimassen zu.
Die Ekstase vergeht, als ich daran denke, dass sich Benzoino wahrscheinlichnur verwählt hat und beim Rückruf die richtige Nummer wählen wird.Was füreineFurzidee, Benzoino zurückrufen zu lassen!Anstatt lunatisch zu fantasieren, überlege ich besser, was ich sage, falls überhaupt jemals wieder jemand anruft.
An meinerBasis angekommen,lassemich deprimiert auf den Liegestuhl fallen und gebe mich der Stille hin. Meinen Freund Wahnsinn behalte ich dabei gutimAuge.
In Wirklichkeit heiße ich nicht Leandra Kabanovic. Dasist der Name einer Schlagersängerinaus GranCanaria. Es gibt keinenbesonderen Grund,weshalb ich beim Telefonatmit Benzoino behauptet habe, Leandra zu sein. Der Name kam mir spontan in den Sinn. Meinen eigenen Namen habe ich vergessen. Der ist mirzwischen Hitzeund unzähligen Momenten entfallen. Ichkomme auch ohne meinenNamen gut zurecht.
Benzoino wollte übermorgen anrufen. In diesem verfluchten Zeitpudding habe ich keine Ahnung, wann in Italien übermorgen ist. Um einen möglichen Anruf nicht zu verpassen, habe ich meinen Wohnort in die Nähe der Telefonkabine verlegt. Wahnsinn, Helmut, der Liegestuhl und ich sind umgezogen!Auch von diesem Platz auskann ich dieErde gut sehen. Mein Zuhause im Blickfeldzuhaben, schenkt mir Trost – undden brauche ich jetzt dringend. Denn die Langeweile zieht mal wieder ihre Runden und zwickt schmerzhaft an meinen Nippelhaaren. Zudem bin ich erneut der Versuchung ausgesetzt, an Elisa zu denken und mich selbst zu quälen.Benzoino soll endlich anrufen! Oder der Gemeindepräsident vonOberwil. Stand-up-Comedian Hazel Brugger. Irgendjemand!
Lange habe ich sie angestarrt, die Telefonkabine. Ungeduldig bin ich mehrmals um sie herumgelaufen. Mit Füßen und Händen habe ich sie auch schon getreten, aber nichts passierte. Jetzt nehme ichden Hörer ab in der Hoffnung,dass ich wenigstens eine Pizza bestellen könnte:mit Zwiebeln, Oliven und veganen Würstchen. Oder sollte ich eher die Nasa anrufen, um eine Notfallrakete zu bestellen?Als dasBesetztzei-
chen erneut ertönt, fallen meineMundwinkel nach unten. Zuerst derrechte, dann der linke.
Ich verharre wieder auf der Liege. Die Stille ist so laut, dass ich mir die Ohren zuhalte. Mein Herzschlag ist so wild, dass sich meine Haut anfühlt wie die vibrierenden Lautsprecher einer Technoparty. Die Leere frisst mich mit ihren Haizähnen auf, ritsch-ratsch.
Helmut fällt mir plötzlich auf die Birne. Dashat mir gerade noch gefehlt!Ich schaffe es einfach nicht, den Sonnenschirm fest genug in die Mondoberfläche zu rammen. Zu viele Gedankenauf einmal lösen einen Gehirnstauaus und katapultieren mich vom Liegestuhl. Benommen richte ich mich auf. Meine Bikinihose rutschtrunter.Ich ziehe sie über meinen Hintern und laufe in dieeinzige Richtung, in der ich etwas Aufmunterung finde: zumGlace-Automaten. Beim Umzug zur Telefonkabine habe ich mich wegen Überhitzung verlaufen. So habe ich zufällig diese fantastische Entdeckung gemacht. Auch wenn der Weg weit ist, brauche ich jetzt dringend ein Schoko-Eis!