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Exklusiv-Interview: Kiyoshi Kurosawa, Mamoru Hosoda

Kostenlos Nummer 0 - Juni 2013

www.zoomjapan.de

Film

Jérémie Souteyrat für Zoom Japan

Eine Welt im Wandel Nippon Connection

Neue Locations: Künstlerhaus Mousonturm Naxoshalle D e u t s c h e s Fi l m m u s e u m M a l S e h’n K i n o

13. JAPANISCHES FILMFESTIVAL

mehr als 130 japanische Filme großes Rahmen programm japanische Köstlichkeiten

4.– 9. JUNI 2013 Frankfurt am Main Mousonturm

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ZOOM INTERVIEW IM GESPRÄCH

Kurosawa, Mister Cinema

Der Regisseur von "Tokyo Sonata" plaudert über seine bisherige Laufbahn und die Dreharbeiten für "Shokuzai".

K

iyoshi Kurosawa zählt zu den japanischen Filmregisseuren, die im Ausland besonders beliebt sind. Obwohl seine Werke sehr stark den Konventionen der jeweiligen Filmgenres entsprechen, entziehen sie sich meistens einer voreiligen Interpretation. So können seine Horrorfilme und Thriller als philosophische Betrachtungen über den Platz des Menschen auf der Welt angesehen werden. Seine elliptischen, zuweilen rätselhaften Filmerzählungen behandeln existentielle Fragen und soziale Probleme, z.B. die Einsamkeit im elektronischen Zeitalter, die Krise der Familie, Umweltfragen und die erschwerte Kommunikation zwischen den Individuen. An der Rikkyō-Universität haben Sie bei dem berühmten Filmkritiker Shigehiko Hasumi studiert. Hatten Sie zu dieser Zeit bereits beschlossen, Filmregisseur zu werden? KURoSAWA Kiyoshi : Nein, nicht wirklich. Ich hatte überhaupt keine klare Vorstellung davon, was ich einmal werden wollte. Aber es stimmt, ich war damals bereits ein großer Kinofreund. Als ich in meiner Geburtsstadt Kōbe lebte, hatte ich es mir angewöhnt, fast täglich ins Kino zu gehen. Als ich für mein Studium nach Tokio zog, beschloss ich, mit meinen neuen Freunden, Super 8-Filme zu drehen. Ich betrachtete dies jedoch eher als Zeitvertreib. Wie viele japanische Filmregisseure begannen auch Sie Ihre Karriere mit Erotikfilmen, die man in Japan "Pinku eiga" nennt (Pinke Filme). K. K. : Richtig. Damals waren diese Filme sehr verbreitet. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden Filme für Erwachsene nicht in eine Art Ghetto verbannt, wie in den Jahren danach. Zu den bedeutendsten Produktionsgesellschaften derartiger Filme gehörte die Nikkatsu, eines der größten Filmstudios in Japan. Sie wurden ebenso von der Kritik gefeiert und tauchten regelmäßig in der Rangliste der besten Filme auf, die von der angesehenen Zeitschrift Kinema Junpō aufgestellt wurde. Immer, wenn ich in Europa erzähle, dass mein erstes kommerzielles Werk ein "Pinku eiga" war, staunen alle und finden es sehr mutig, so etwas zu beichten. Für mich ist daran aber nichts Bizarres. Welche Erinnerungen bewahren Sie aus diesen Jahren? K. K. : Für mich waren diese Filme eine hervorragende Schule. Die Leute verstehen nicht, dass es sich bei den "Pinku eiga" der 1980er-Jahre nicht nur um Spielfilme mit Sexszenen handelt. Denn man musste sich einen

Die herausragende Schauspielerin Kyōko Koizumi wirkte bereits in Kiyoshi Kurosawas Film "Tokyo Sonata" (2008) mit.

richtigen Plot mit glaubhaften Figuren ausdenken. In gewisser Hinsicht waren diese Filme, obwohl die Sexszenen von Bedeutung waren, vor allem Liebesgeschichten. Für einen jungen Filmregisseur wie mich, der über wenig Lebenserfahrung verfügte, war es nicht selbstverständlich, in die menschliche Seele vorzudringen und derartige Geschichten auszutüfteln. Warum haben so viele japanische Regisseure mit Erotikfilmen begonnen? K. K. : Ich glaube, man muss Ihre Frage aus der Perspektive der Produktionsfirmen beantworten. Diese wollten billige Filme produzieren, weil sie keine großen Finanzmittel hatten. Als ich anfing, waren die Budgets für Regisseure unglaublich niedrig. Die einzigen, die solche Konditionen akzeptieren konnten, waren jung und unerfahren, doch sie sahen es als willkommene Chance, einen Film zu drehen. Da wir gerade über Geld reden: Ihre Filmbudgets sollen sich über die Jahre hinweg merklich erhöht haben, seit Sie vom "Pinku eiga" und von Videofilmen zu Filmen für ein breites Publikum übergegangen sind. K. K. : Nun ja, nicht wirklich. Natürlich verfügte ich in meinen letzten Filmen – verglichen mit den damaligen Erotikfilmen – über ein höheres Budget, doch im Allgemeinen gehören meine Filme in eine mittlere Preiskategorie. Um genauer zu sein: In der Vergangenheit betrugen die Kosten für meine Filme rund 100 Millionen Yen. Meine Yakuza-Filme im Videoformat waren noch billiger, d.h. um die 50 Millionen. Aber ich habe gehört, dass man heute nur

noch 30 Millionen oder weniger dafür bekommt. Wie viel hat "Tokyo Sonata" gekostet? K. K. : Ungefähr 200 Millionen Yen. Man kann finden, dass dies eine stattliche Geldsumme für ein einfaches Familiendrama ohne besondere Spezialeffekte darstellt, doch letzten Endes ist es nicht viel. Mein letzter Film, "Real" [der am 1. Juni in Japan in die Kinos kommt], war teurer. Das Budget liegt voraussichtlich bei 350 Mio. Yen, aber um ehrlich zu sein habe ich die genauen Kosten nicht im Kopf. Die Dauer der Dreharbeiten ist in den letzten Jahren in etwa gleich geblieben. Ein Film wie "Cure", der um die 100 Millionen Yen gekostet hat, wurde in ca. vier Wochen gedreht, "Real" dagegen in fünf. Im Allgemeinen drehen Sie Ihre Filme in Tokio und Umgebung. Was fasziniert Sie an dieser Stadt? K. K. : Zunächst muss ich gestehen, dass ich mich oft notgedrungen für Tokio als Drehort entscheide, denn mein Budget ist meistens zu knapp, um an anderen Orten zu drehen. Doch abgesehen vom Kostenfaktor halte ich Tokio für eine sehr interessante Stadt. Sie hat verborgene Seiten, die von vielen, auch langjährigen Bewohnern, kaum wahrgenommen werden. Das gilt gewiss genauso für jede andere Metropole, doch in Tokio habe ich oft diese Erfahrung gemacht. Einerseits sieht man ihre attraktiven Seiten, die jeder kennt. Und eines Tages durchbricht man dann plötzlich diese Fassade oder biegt um eine Straßenecke und entdeckt eine Welt, die man nie vermutet hätte. Außerdem ist Tokio eine Stadt, in der selbst die relativ neuen Gebäude, schnell verschwinden. Das Aussehen der Stadt verändert sich kontinuierlich. Besonders gefallen mir die Orte, Juni 2013 Nummer 0 ZOOM JAPAN 3


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ZOOM INTERVIEW die Spuren der Vergangenheit aufweisen, wie z.B. alte, verfallene Gebäude. Leider werden solche Orte in Tokio aber immer seltener. Lehren Sie nach wie vor an der Uni? K. K. : Ja. Derzeit unterrichte ich das Fach Filmproduktion im Aufbau- und Promotionsstudium an der Hochschule für Künste in Tokio. Haben Sie Unterschiede zwischen Ihrer Generation und derer Ihrer Studenten festgestellt oder haben Sie dieselben Ansichten und Ideen? K. K. : Diese Frage ist recht schwierig zu beantworten. Betrachtet man die Art und Weise, wie meine Studenten Filme inszenieren, so unterscheiden sie sich grundsätzlich von den unseren damals. Sei es nur technisch gesehen: Die heutige Video-Technologie ermöglicht sogar Studenten, professionelle Filme zu drehen. Die Werke, die meine Freunde und ich gewöhnlich gedreht haben, sind damit nicht zu vergleichen. Die junge Generation hat genaue Vorstellungen, wie das Ergebnis auszusehen hat. Wenn ich mit ihnen rede, habe ich jedoch das Gefühl, dass ihre Ideen von den unseren nicht allzu sehr abweichen. Wenn Sie die Vergangenheit mit der heutigen Situation vergleichen, finden Sie, dass es leichter oder schwieriger geworden ist, Filme zu drehen? K. K. : Wie gesagt, technisch gesehen ist es sehr einfach geworden. In punkto Business aber ist es eine andere Geschichte. Die Filmindustrie braucht eigentlich keine Talente, und manchmal toleriert sie diese nicht einmal. Was sie interessiert, sind Projekte, die Geld einbringen. Heutzutage gibt es eine geringere Vielfalt, was die Kategorien der neuen Filme angeht. Seit fünf bis sechs Jahren sind die Filme mit mittelgroßen Budgets in Japan so gut wie verschwunden. Und deshalb ist das Fernsehen für junge Filmregisseure wohl am besten geeignet, um in das Metier einzusteigen. Innerhalb der letzten 20 Jahre haben Sie oft fürs Fernsehen gearbeitet, so auch mit dem Fünfteiler "Shokuzai", den Sie zu einem zweiteiligen Kinofilm verarbeitet haben. Wie kamen Sie dazu, dieses Projekt zu entwickeln? K. K. : Als der TV-Sender WOWOW mich damit beauftragte, diese Serie zu drehen, war mir deren Vorlage, der Roman von Minato Kanae, unbekannt. Ich nahm sein Angebot an, nicht nur, weil ich die Story interessant fand, sondern auch weil ich seit drei bis vier Jahren nicht mehr gedreht hatte. Nach "Tokyo Sonata" hatte ich mehrere Drehbücher geschrieben, konnte jedoch für keines davon Finanzierungen finden. Daher wollte ich mich unbedingt wieder an die Arbeit machen. Ich habe mir sagen lassen, die Adaptation des Romans sei nicht einfach gewesen. K. K. : Ja, das stimmt. Das Hauptproblem stellt sich dadurch, dass die Geschichte, wie in vielen japanischen Ro4 ZOOM JAPAN Nummer 0 Juni 2013

manen, vollkommen aus der Perspektive der Hauptfigur geschildert wird. Diese Form der Ich-Erzählung funktioniert in einem Buch gut, doch es fehlt deswegen an Einzelheiten. Immer wieder stellt sich die Frage, was genau abgelaufen ist. Anders ausgedrückt: Es fehlen wichtige Details, die in einem Drehbuch von äußerster Wichtigkeit sind. Mir blieb nichts anderes übrig als mir diese Details selbst auszudenken, was zwar einerseits Spaß macht, andererseits aber auch sehr knifflig ist. Zudem setzt sich der Roman aus fünf unterschiedlichen Teilen zusammen – fünf Frauen, die sich die Seele vom Leib reden – was die Arbeit noch zusätzlich erschwerte. Aber letztlich habe ich die Aufgabe bewältigt.

übergesprungen. Ihr Beitrag ist der Hauptgrund für das Gelingen dieses Fernsehfilms. Ich hatte zuvor mit Kyōko Koizumi zusammengearbeitet, und ich wusste, was für eine großartige Schauspielerin sie ist. Was mich mit den anderen vier erwartete, wusste ich jedoch nicht. Letztlich haben sie alle hervorragende Arbeit geleistet, denn sie verkörperten auf natürliche und feinfühlige Art sehr vielschichtige Figuren. Mit ihnen wurde mir klar, wie begabt die japanischen NachwuchsSchauspielerinnen heute sind. Yū Aoi, Keiko Koike, Sakura Ando und Shizuru Ikewaki sind alle unter 30, doch ihr Talent und ihr Selbstvertrauen sind so groß, dass sie vor nichts zurückschrecken.

Unterscheidet sich "Shokuzai" von Ihren vorigen TVProjekten? K. K. : Ja, vor allem nehme ich zum ersten Mal eine solch lange Arbeit in Angriff. "Seance – Das Grauen", beispielsweise, war gleich lang wie ein herkömmlicher Spielfilm. "Shokuzai" wurde in fünf Episoden mit einer jeweiligen Länge von 50 bis 75 Minuten aufgeteilt. Die Gesamtdauer beträgt ca. fünf Stunden. Außerdem sind die fünf Folgen miteinander verknüpft, doch jede Episode ist zugleich eine eigenständige Geschichte, jeweils mit einer anderen Hauptfigur. Ich musste deshalb mit diesen fünf Frauen klarkommen, die sehr unterschiedliche Persönlichkeiten sind, und natürlich mit fünf Schauspielerinnen arbeiten, was für mich ebenfalls völlig neu war.

Von welcher Schauspielerin waren Sie am meisten beeindruckt? K. K. : Sie waren alle unglaublich, aber wenn ich eine besonders hervorheben müsste, dann Shizuru Ikewaki. Sie eignet sich von ihrem Naturell her für Rollen von sympathischen Mädchen und ich bin mir sicher, dass sie noch nie zuvor eine solch negative Figur verkörpert hat. Sie meisterte die Aufgabe aber mit Bravour. Ihre Rolle habe ich als letzte geschrieben, weil sie mir am meisten Probleme bereitet hat. Doch dank Shizuru Ikewaki erwies sie sich als die markanteste.

Welche Hauptunterschiede bestehen zwischen der Regie eines Kinofilms und der eines Fernsehfilms? Beispielsweise kommt es vor, dass das Fernsehen einen Regisseur eher zum intensiven Gebrauch von Großaufnahmen veranlasst, obwohl er vielleicht die Totale vorzieht. K. K. : Ja, das stimmt und ist unvermeidlich. Doch von den technischen Überlegungen mal abgesehen, fand ich die Arbeit mit WOWOW sehr einfach, denn ich habe die Kontrolle über den Film bewahrt. Sie überließen es mir, wie ich an die Geschichte herangehe und haben mich zu nichts gezwungen. Außerdem ist WOWOW ein Pay TVSender und muss sich deshalb nicht um Sponsoren und andere Probleme kümmern, die ihre kreative Unabhängigkeit einschränken würden. Letzten Endes stand mir frei, was ich zeigen wollte. Um ein Beispiel zu nennen: einen Spielfilm über den Mord eines kleinen Mädchens zu machen, wäre schwierig, vor allem, weil dies ein sehr problematisches Thema geworden ist. Doch für die Leute von WOWOW stellte das überhaupt kein Problem, nicht einmal, als es darum ging, das Kind zu zeigen, wie es tot daliegt. Sie sind sogar so weit gegangen und benutzten das Bild für ein Plakat. Sie hatten erwähnt, dass Ihnen die Zusammenarbeit mit fünf Schauspielerinnen im Vorfeld Lampenfieber bereitet hat. Betrachtet man das Ergebnis, kann man sagen, die Mühe hat sich gelohnt. K. K. : Ja, ihre Kraft und ihre Energie sind auf mich

Das Thema des Weltuntergangs ist in Ihren Filmen sehr gegenwärtig. Haben die Ereignisse des 11. März 2011 Ihre Herangehensweise ans Filmemachen stark beeinflusst? K. K. : "Shokuzai" wurde in der Tat kurze Zeit nach der Katastrophe gedreht. Es ist daher wahrscheinlich, dass sie einen gewissen Einfluss auf mich hatte, doch bis heute habe ich dieses Thema in meiner Arbeit nie bewusst behandelt. Wenn ich an Atomkraft denke, sehe ich mich persönlich zugleich als Opfer und Täter. Wenn ich ehrlich bin, war ich bisher weder für noch gegen Atomkraftwerke. Für mich war es schlichtweg kein Thema, wie für viele andere auch. Ich habe mich nie besonders für Politik interessiert. Obwohl ich nie an Anti-Atomkraft-Demos teilgenommen habe, habe ich nach wie vor keine feste Meinung zu diesem Thema. Es fällt mir deshalb recht schwer, es direkt in meinen Filmen zu behandeln. Allerdings ist eines der Hauptthemen in "Shokuzai" nicht nur die Tatkraft, sondern auch die Tatenlosigkeit, die Konsequenzen für unser Leben hat. Und dies ist ein eindeutiger Verweis auf die Ursachen der Katastrophe. K. K. : Sie haben Recht, aber so ist mir das noch nie bewusst gewesen. Ehrlich gesagt habe ich diese Geschichte – zumindest bewusst – noch nicht aus diesem Blickwinkel betrachtet. Doch es ist richtig, dass wir ganz unabhängig davon, was wir tun und genauso auch nicht tun, mit den Konsequenzen fertig werden müssen. Wir tragen Verantwortung, auch wenn wir beschließen, nichts zu sagen oder nichts zu tun. DAS GESPRÄCH FÜHRTE GIANNI SIMONE


Keiichi Kondo f체r Zoom Japan

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Kiyoshi Kurosawa w채hrend des Gespr채chs mit Zoom Japan, am 17. April in Tokio. Juni 2013 Nummer 0 ZOOM JAPAN 5


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ZOOM FOKUS

Im Kino Human Trust im Shibuya-Viertel von Tokio liegen für die Zuschauer Broschüren mit den Ankündigungen der neuen Filme aus.

TREND

Japans Filmboom: alles nur Fassade?

Auf den ersten Blick floriert die Filmindustrie in Japan. Die Produktion boomt und immer mehr Kinosäle machen auf. Doch was spielt sich hinter den Kulissen ab?

D

ie Verbreitung der Digitaltechnik verringerte die Produktionskosten für Filme erheblich und begünstigte den Durchbruch neuer Regisseure. Die meisten der heute in den Kinosälen gezeigten Filme sind jedoch minderwertige Produktionen, die sich durch eine gewisse Gleichförmigkeit charakterisieren. Nur selten stößt man gegenwärtig auf originelle, innovative Werke, wie in den späten 1960er und den frühen 1970er Jahren. "Seit meinem Film "Dogra Magra" aus dem Jahr 1988 haben sich für mich sämtliche Drehmöglichkeiten erschöpft"”. So drastisch fasst der Filmemacher Toshio Matsumoto, 6 ZOOM JAPAN Nummer 0 Juni 2013

einer der Hauptakteure des ATG (Art Theatre Guild of Japan), die Situation des heutigen japanischen Films zusammen. Recht verbittert stellt nicht nur Toshio Matsumoto fest, welche Veränderungen in den letzten zwei Jahrzehnten erfolgten und welchen Umbruch die Welt des Films derzeit erlebt. Zwar hat sich die Anzahl der Kinoleinwände innerhalb von 20 Jahren so gut wie verdoppelt: 1990 waren es 1 836, Ende 2010 gab es auf dem ganzen Archipel bereits 3 412, doch dieser Kinoboom erklärt sich hauptsächlich durch die deutliche Zunahme von Multiplex-Kinos (shinekon), deren Anzahl seit 2000 stetig angestiegen ist. Damals waren von den 2 524 Kinosälen 1 123 Multiplex-Kinos. Ende 2012 gehörten zu den 3 412 Kinosälen bereits 2 774 zu diesen Kinokomplexen: Hier sieht man Filme als Konsumware, deren Gleichförmigkeit von Toshio Matsumoto angeprangert wird. Parallel zur steigenden Anzahl

von Kinosälen, haben sich auch die Kinostarts japanischer Filme verdoppelt. 1990 waren es 239. Zwanzig Jahre später wurden 408 japanische Produktionen in den Kinos des Archipels gezeigt. Im gleichen Zeitraum sank die Anzahl ausländischer Filme, die in Japan vertrieben wurden, von 465 (1990) auf 308 (2010). Auf den ersten Blick scheint es positiv, dass inländische Produktionen Werke aus dem Ausland (vorwiegend aus Hollywood) verdrängt haben. Anders ausgedrückt: Der Anteil des japanischen Kinos liegt heute bei 53,6 % gegenüber 41,4 % im Jahr 1990. Diese Entwicklung, die den japanischen Produktionen mehr Marktanteile sicherte, erklärt sich im Besonderen durch einen Wandel der Finanzierungsmethoden in der Filmwelt. Zusätzlich zu den Fernsehsendern, die für ihre Programme ständig neue Programme benötigen, verbreiten sich Produktionskomitees (seisaku iinkai) mit mehreren Investoren, die eine Kostenverteilung

Jérémie Souteyrat für Zoom Japan

Film: eine Welt im Wandel


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ZOOM FOKUS anstreben. An sich ist diese Methode durchaus positiv, doch nichts lässt darauf schließen, dass sie den Filmschaffenden nützt. Sie ist eher eine Garantie für Investoren, sich finanziell nicht übermäßig zu belasten. Doch angesichts des auf die Multiplex-Kinos ausgerichteten Vertriebssystems, zielen sie vor allem darauf ab, dass die produzierten Filme ein möglichst großes Publikum anlocken und Profit einbringen. Die meisten von ihnen finanzierten Spielfilme sind daher Verfilmungen von erfolgreichen Mangas in Form von Zeichentrickfilmen oder Fiktionen. Eines der aktuellsten Beispiele hierfür ist "Gantz Perfect Answer" von Shinsuke Satō mit Ken’ichi Matsuyama. Diese Verfilmung der erfolgreichen Manga-Serie von Hiroya Oku [Verlag Tonkam] lief am 23. April 2011 in den Kinos an und konnte bereits innerhalb der ersten zwei Tage 424 000 Zuschauer, sowie über 550 Mio. Yen Einnahmen verzeichnen. Obwohl der Film nicht gerade als Meisterwerk gerühmt wurde, hat diese Methode erneut funktioniert, was manche Beobachter wie Morihiro

REGIE

Auch sie nehmen an den Produktionskomitees teil und haben somit die Sicherheit, dass die Filme kommerziell gesehen keine Risiken darstellen. Alle ziehen also ihren Nutzen daraus, auch die (zumeist jungen) Zuschauer: Sie entdecken auf der Großleinwand Verfilmungen ihrer Lieblings-Mangas, deren Schauspieler sie bereits aus der Werbung oder aus dem Fernsehen kennen und mögen. Der einzige Verlierer dieser Geschichte ist die Filmkunst selbst, die irgendwann ihre Fähigkeit, zu überraschen und neue Wege zu gehen einbüßen wird. Natürlich gibt es noch Regisseure, die etwas wagen und innovative Filme drehen. Sie verfügen jedoch nicht über ausreichende Mittel, um außerhalb eines kleinen Milieus gesehen zu werden. Filme, die nicht in Umlauf kommen, weil sie der heutigen Funktionsweise nicht entsprechen, wären auf lange Sicht hin ein Verlust für das Filmschaffen allgemein. Talentierte Filmemacher wie Toshio Matsumoto stimmen mit derartigen düsteren Prognosen längst überein. NAMIHEI ODAIRA

Eine ambitionierte Generation

Nachwuchs-Regisseure, die außerhalb von Japan beim großen Publikum noch relativ unbekannt bleiben, verzeichnen auf dem Archipel zunehmend große Erfolge.

I

Saitō verärgert zur Kenntnis nehmen. Dieser kritisiert seit einigen Jahren den Qualitätsverlust des japanischen Films und ein auf lange Sicht hin schädliches System. Immer mehr Filme sind nunmehr auf kommerzielle Ziele ausgerichtet, wodurch sich ihre Inhalte erheblich banalisieren und die Kreativität aus Kinosälen zunehmend verschwindet. Hierin liegt die derzeitige Herausforderung der japanischen Filmwelt, und sie wird sie meistern müssen, wenn sie nicht ganz verschwinden möchte. Technisch gesehen sind die auf dem Archipel produzierten Filme einwandfrei: Die japanischen Techniker sind große Profis, und zahlreiche Nachwuchsregisseure erwarben ihre Kenntnisse in der Werbung und im Fernsehen. Sie wissen genau, wie man die Budgets im Rahmen hält und konzipieren ihre Werke nach dem Schema von Fernsehfilmen. Sehr zur Genugtuung der Produzenten, zu denen oftmals Fernsehsender zählen, die somit Inhalte für ihre Programme zur Verfügung haben. Auch den Distributoren kommt diese Entwicklung nur allzu gelegen.

mmer mehr Jungregisseure treten in die Fußstapfen der großen japanischen Filmemacher wie Koreeda, Kurosawa, Aoyama oder Kitano. Doch welche Themen behandeln sie heute in ihren Filmen? "Diese Generation befasst sich hauptsächlich mit der Jugend, die den Wohlstand der Zeit vor der Spekulationsblase der 1980er-Jahre nicht erlebt hat", erklärt Yoshi Yatabe, Direktor des Internationalen Filmfestivals von Tokio. "Alle heben das Klima der Angst und der Unsicherheit hervor, in dem die heutige Jugend lebt." Doch ein außergewöhnlicher Sinn für Humor, oftmals angereichert mit Bissigkeit und Ironie, lässt für Weltschmerz keinen Platz. Der führende Kopf dieser neuen Generation heißt Nobuhiro Yamashita. "Er gilt als der japanische Kaurismaki", so Yoshi Yatabe. "Sein erster Film entstand vor zehn Jahren. Er hat eine ganz eigene Technik, um dramatische Elemente mit Humor zu verknüpfen. So auch in "Linda Linda Linda", der nicht nur das Porträt einer Mädchenband liefert, sondern auch einfühlsam die Jugend schildert. Mit ganz ähnlichem Ansatz fand Yūya Ishiis Film "Kawa no soko kara konnichiwa" ("Sawako decides") großen Anklang. "Wie Yamashita, so spickt auch er seine Filme, die nicht unbedingt auf Anhieb witzig sind, sehr wirksam mit komischen Pointen", schwärmt Yoshi Yatabe. "Unter den stilverwandten Regisseuren habe ich ein Faible für Yu Irie, der selbst seine Drehbücher schreibt und meisterhaft die Technik und die

Kunst der Plansequenz beherrscht." Der großartige Erfolg seiner Dramedy "8000 Miles" über eine Rap-Gruppe aus der Provinz verbreitete sich durch großartige Mundpropaganda. Ein weiterer Porträtist der japanischen Jugend von heute, Tatsushi Omori, "vermittelt hervorragend deren Seelenzustand und ihr zögerndes Hin und Her", lobt der Direktor des Filmfestivals von Tokio. Der zumindest dem Anschein nach weitaus ernsthaftere Koji "Kawa no soko kara konnichiwa" ("Sawako decides") von Yūya Ishii. Fukada stieß auf Anerkennung für seine genauen Kenntnisse der Filmgeschichte und heikle und niederschmetternde Themen", stellt Yoshi eine äußerst literarische Blickweise. Koichi Yamada, Yatabe fest. Doch dieses Panorama wäre ohne Tetsuaki der berühmte Filmkritiker und Freund von François Matsue unvollständig. Dieser Filmemacher, der "Live Truffaut, bezeichnet ihn als den japanischen Eric Roh- Tape" drehte, ist zweifellos "von allen der untypischste". mer. "Sein letzter Film, "Hospitality", schildert, wie Mit Vorliebe verwischt er die Grenzen zwischen Regiseine japanische Familie von heute illegale Einwan- seur und Schauspieler. Er mixt dabei Dokumentarfilm derer bei sich aufnimmt. Formal gesehen gibt sich der und Fiktion. "Und jetzt verrate ich Ihnen noch, wie Film recht schroff, hat jedoch eine universelle Trag- man einen bedeutenden Nachwuchsregisseur erkennt", weite ", erklärt er. Der Humanismus dieses Films lässt amüsiert sich der Direktor des Filmfestivals von Tokio. ihn in eine direkte Nachfolge der großen japanischen "Es genügt nachzuprüfen, ob er mit dem ChefkameFilmregisseure wie Ozu oder Naruse treten. Kumakiri ramann Ryōtō Shindō arbeitet. Vielleicht symboliKazuyoshi, der bisher vorwiegend Genrefilme drehte siert er am besten das heutige japanische Kino. Alle und seit seinem Film "Sketches of Kaitan City" eher reißen sich um ihn." Wer würde nach einer solchen dem Mainstream zuzuordnen ist, wurde im 2011 auf Bestandsaufnahme glauben, dem japanischen Kino dem Festival von Deauville preisgekrönt. "Seine Werke gehe die Luft aus? sind reifer geworden und behandeln aktuellere, meist SAKIKO UOZUMI Juni 2013 Nummer 0 ZOOM JAPAN 7


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ZOOM FOKUS

Die Manga-Familie vergrößert sich…

Seit einigen Jahren dienen Comics zunehmend als Inspirationsquelle für Filmregisseure.

I

m Laufe der letzten zehn Jahre hat sich die Welt der Mangas erheblich weiterentwickelt. Aufgrund der technologischen Umwälzungen in unserem Alltag sprechen manche Spezialisten sogar von Krise. Vor 20 Jahren sah man in den öffentlichen Verkehrsmitteln noch die meisten Fahrgäste in Manga-Magazine vertieft. Die Fortsetzungen der Abenteuer ihrer Lieblingshelden waren längst nicht immer griffbereit. Heute lesen die Japaner in Zügen oder U-Bahnen kaum mehr MangaHeftchen. Sie tippen auf ihren Handys herum, sehen darauf fern, surfen im Internet oder lesen Mangas auf dem Display. Die OnlineDistribution von Mangas steckt zwar noch in den Anfängen, konnte aber seit zwei Jahren einen sehr starken Zuwachs verzeichnen: über 150 % für manche Distributions-Websites, wie Comic Plus, Eigentum des Verlagsriesen Kōdansha. Bis das Online-Geschäft die Verluste durch die Einbußen im Magazin-Absatz aufwiegen wird, müssen sich die Verleger jedoch Lösungen ausdenken, um ihr Defizit in Grenzen zu halten. Bei den Verlagshäusern rangiert dabei die filmische Umsetzung (Zeichentrick-, Fernseh- oder Kinofilm) der veröffentlichten Werke ganz oben. Diese Tendenz schlägt sich deutlich in den Statistiken nieder. 2009 waren es ca. 150, also 30 mehr als im Vorjahr. "Die jungen Japaner lesen immer weniger Romane und immer mehr Mangas. Diese Jugendlichen bilden zugleich den Großteil der Kinozuschauer. Von daher ist es normal, dass man sich immer mehr Mangas als Drehbuchvorlagen zuwendet, wenn man möglichst viele Zuschauer ansprechen möchte", räumt Koreeda Hirokazu ein. Der Regisseur von "Nobody knows" und "Still Walking" verfilmte den Manga "Kūki Ningyō" (“Air doll”) von Yoshie Koda. Auch Takahiro Miki, Regisseur der Filmadaption von "Solanin", dem Manga von Inio Asano, bemerkt: “Der Hauptbe8 ZOOM JAPAN Nummer 0 Juni 2013

weggrund, der hinter den meisten heutigen MangaVerfilmungen steckt, ist das Geld”. Die Verleger ziehen tatsächlich in mehrfacher Hinsicht Nutzen daraus. Sie bekommen Vergütungen von den Fernsehsendern und -studios, die je nach Titel zuweilen stattliche Summen darstellen. Oft nehmen sie an der Produktion der Filmadaption teil und beziehen dann auch einen Anteil der Einnahmen. Nicht zuletzt lenken sie das Interesse der TV- und Filmproduzenten auf ihre Produkte, weil sie wissen, dass sich auf diese Weise die Verkaufszahlen ankurbeln lassen. Ein großer Anteil der Adaptionen sind Zeichentrickfilme für das Fernsehen und das Kino, doch neuer-

dings dienen Mangas auch als Inspirationsquelle für TV-Filme und Spielfilme. Erwähnenswert sind in diesem Bereich vor allem "Jin" von Motoka Murakami. Aus diesem Manga, der schildert, wie ein Chirurg ins 19. Jahrhundert versetzt wird, entstand eine Serie, die im Herbst 2009 auf dem Sender TBS ausgestrahlt wurde. Sie hatte großen Erfolg bei den Zuschauern, und der Sender konnte sehr starke Einschaltquoten verbuchen. Dasselbe gilt für "20th Century Boys" von Naoki Urasawa, dessen Dreiteiler beim breiten Publikum sehr gut ankam und ihm einen Platz unter den meistbesuchten Filmen sicherte. In beiden Fällen konnten die Verleger nach der Adaption mehr Mangas der betreffenden Serien verkaufen. Und so bekundet auch der Verleger Shūeisha seine Zufriedenheit über den Erfolg der TV-Serie. Vor der Ausstrahlung hatten sich die 16 Titel der Serie in rund 2,5 Mio. Exemplaren verkauft. Ende April 2010 übertrafen die Verkäufe die 4-Millionengrenze. Damit leuchtet ein, dass die Verlagshäuser für die Angebote von TV- und Kinoproduzenten sehr empfänglich sind. Doch auch diese setzen auf garantierte Einnahmen. Bei Adaptionen beliebter Mangas steht von vornherein fest, dass die Fangemeinde dazu bereit ist, 1800 Yen [16,2 Euro] für einen Kinoplatz zu bezahlen: Jeder will schließlich sehen, wie seine Helden auf der Großleinwand wirken oder verbringt einen Abend vor dem Fernseher und zahlreichen Werbespots, um die Verfilmung seines Lieblings-Mangas zu entdecken. Auf diese Weise entstand ein positiver Kreislauf. Dieser nutzt vor allem den Interessen der Verleger und Produzenten. Die Autoren bleiben in diesem Vorgang jedoch benachteiligt. Es ist aber nicht immer einfach, einen Manga auf die Leinwand zu übertragen, und der Erfolg ist nicht automatisch zur Stelle. Hirokazu Koreeda, der heute zu den besten japanischen Filmregisseuren zählt, machte selbst diese Erfahrung. “Wäre es ein Manga gewesen, der sich bereits millionenfach verkauft hatte, wäre eine Finanzierung für "Air doll" sicher leicht zu finden gewesen". Trotz der Schwierigkeiten, konnte er seinen Film zum Abschluss bringen, doch nicht mit demselben Erfolg wie "20th Century Boys". "Japanische Mangas zeichnet eine große Qualität aus, aber dies ist keine Garantie dafür, dass ihre Adaption ebenso gelungen sein wird”, betont Hirokazu Koreeda, der Yoshie Kodas Werk jedoch auf beeindruckende Weise umsetzte. Und genau dies ist der wunde Punkt: Die meisten Kino- und TVAdaptionen sind von minderwertiger Qualität und begnügen sich oft damit, den Inhalt dieser Comics zu reproduzieren, ohne sie weiter zu vertiefen. N. O. Meiko und Taneda: die beiden Hauptfiguren des Mangas "Solanin" von Asano Inio, der 2010 von Miki Takahiro verfilmt wurde.

Inio Asano - Solanin

NEUE


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ZOOM FOKUS CASTING

Die Stars von morgen

Nicht nur Nachwuchsregisseure, sondern auch die neue Schauspieler-Generation sorgt in Japan für Furore. MÄNNLICHE JUNGTALENTE

ner Kurzfilme auf dem Festival von Rotterdam lief, stießen seine schauspielerischen Leistungen auf größere Beachtung. Er spielte in "Bright Future" von Kiyoshi Kurosawa, in "Yureru" von Miwa Nishikawa und nicht zuletzt in "Kiseki" ("I wish") von Hirokazu Koreeda.

Hikari Mitsushima. Geboren am 30. November 1985 in Okinawa. Sie ist die junge Schauspielerin, die ganz im Trend liegt. Ihr Durchbruch erfolgte 2009 in "Ai no mukidashi" (Love Exposure) von Sono Sion. Seither dreht sie ohne Unterlass: u.a. "Kawa no soko

Ken’ichi Matsuyama. Geboren am 5. März 1985 in Aomori. Ein sehr wandlungsfähiger Schauspieler, dessen Repertoire vom romantischen Helden bis zum Bad Boy in Actionfilmen reicht. Der sensible Held aus "Naokos Lächeln" von Tran Anh Hung erlangte 2006 den Durchbruch mit der Adaption des Mangas "Death Note" von Shūsuke Kaneko. Sein Talent bestätigte sich in "Hito no sex o warauna" ("Don’t laugh at my romance") der Regisseurin Nami Iguchi. Ryo Kase. Geboren am 9. November 1974 in Kanagawa. In Japan wurde man 2006 auf ihn aufmerksam, als er in "Soredemo boku wa yattenai" ("I just didn’t do it") einen Gelegenheitsjobber mimte, der zu Unrecht angeklagt wird, als so genannter "Chikan" Frauen in überfüllten Pendlerzügen sexuell zu belästigen. Wegen seines unscheinbaren Äußeren eignet er sich für ganz unterschiedliche Rollen, auch im Ausland, wie in "Briefe aus Iwojima" von Clint Eastwood, "Outrage" von Takeshi Kitano oder "Restless", dem Film von Gus Van Sant.

Ken’ichi Matsuyama in Yoichi Sais “Kamui Gaiden” (2009)

WEIBLICHE JUNGTALENTE

kara konnichiwa" ("Sawako decides") von Yūya Ishii, den sie 2010 heiratete, und "Hara-Kiri" ("Ichimei") von Takashi Miike, der 2011 auf dem Festival von Cannes vorgestellt wurde.

Eita. Geboren am 13. Dezember 1982 in Niigata, hat den typischen Look des "Sōshoku Danshi" ("Pflanzenfresser"), dieses neuen Männer-Typus, der sich (auch Mädchen gegenüber) durch eine distanzierte Lebenshaltung auszeichnet. Man schenkte ihm Beachtung in "Waterboys" (2003), einem Film über eine Gruppe von Schülern, die sich fürs Synchronschwimmen begeistern. Er gewann zahlreiche Preise mit "Dear Doctor" (2009) von Miwa Nishikawa.

Aoi Miyazaki. Geboren am 30. November 1985 in Tokio. Ihr Look, der sich mit einem Kawaii-Püppchen vergleichen lässt, und ihre endlos langen Beine machen sie beim japanischen Publikum sehr beliebt. Sie stand mit 4 Jahren zum ersten Mal vor der Kamera. Auf dem Festival der Drei Kontinente in Nantes wurde sie 2001 für "Gaichū" ("Harmful Insect") ausgezeichnet. Ein Jahr darauf spielte sie in "Eureka" von Shinji Aoyama, dem sie seither treu geblieben ist.

Arata. Geboren am 15. September 1974 in Tokio. Zunächst als Model tätig, debütierte er im Kino in "After life" (1999) von Hirokazu Koreeda. Seither avancierte er zum Lieblingsschauspieler von Kōji Wakamatsu und spielte in "United Red Army" und "Caterpillar". In dessen letztem Film verkörperte er den Schriftsteller Yukio Mishima.

Yu Aoi. Geboren am 17. August 1985 in Fukuoka. Ihr Filmdebüt erlebte sie 2001 in "All About Lily Chouchou" von Shunji Iwai. Fünf Jahre später glänzte sie in "Hula Girls" von Lee Sang-il als unbeschwerte junge Hawaii-Tänzerin. In dem Episodenfilm "Tokyo!" spielte sie eine Pizzalieferantin, die einem "Hikikomori" begegnet (In Japan bezeichnet dies jemanden, der sich zu Hause abschottet).

Yuriko Yoshitaka. Geboren am 22. Juli 1988 in Tokio. Diese Königin der romantischen Komödie erntete Begeisterungsstürme für "Konzen Tokkyū", in dem sie ein Mädchen spielt, das in seinem Freundeskreis den passenden Ehemann sucht. Ihr Debüt erfolgte jedoch in ernsteren Rollen, wie in "Noriko no Shokutaku" ("Noriko’s Dinner Table") und "Hebi ni piasu" ("Snakes and Earrings").

Machiko Ono. Geboren am 4. November 1981 in Nara. Diese Schauspielerin von Autorenfilmen wird für ihre zurückhaltende und natürliche Spielweise geschätzt. Naomi Kawase, die sie als Jugendliche entdeckt hatte, wählte sie für ihre erste Rolle in "Suzaku" (1997). Der Große Preis der Jury, mit dem 10 Jahre später in Cannes Kawases "Der Wald der Trauer" ausgezeichnet wurde, machte sie endgültig bekannt.

Hiromi Nagasaku. Geboren am 14. Oktober 1970 in Ibaraki. Durch ihr hübsches Gesicht war sie für Rollen der Femme fatale vorbestimmt. Ihre erste Rolle spielte sie 2003 in "Doppelgänger" von Kiyoshi Kurosawa. In "Hito no sex o warauna" ("Don’t laugh at my romance") mimte sie sehr souverän eine emanzipierte Frau. In "Yokame no semi" ("Rebirth") überzeugte sie als Kidnapperin. S. U.

Hidetoshi Nishijima. Geboren am 29. März 1971 in Tokio. Dieser große Filmkenner begeistert sich u.a. für Robert Bresson und spielte in "Dolls" von Takeshi Kitano. Er ist auch in Audrey Fouchés Erstlingsfilm "Memories corner" zu sehen. Jo Odagiri. Geboren am 16. Februar 1976 in Okayama. Dieser antikonformistische Schauspieler träumt davon, selbst Regie zu führen. Obwohl einer sei-

Kumiko Aso. Geboren am 17. Juni 1976 in Chiba. Sie brilliert in sämtlichen Filmstilen. Ihr Talent bewies sie erstmals 1998 in "Dr Akagi" von Shōhei Imamura. Seither trat sie in den Filmen der größten Regisseure auf: Kiyoshi Kurosawa, Takashi Miike, Hideo Nakata und Takeshi Kitano.

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ZOOM INTERVIEW

"Für einen Film muss man Risiken eingehen"

MAMORU HOSODA

"Ame & Yuki – die Wolfskinder", ist das neueste Meisterwerk des japanischen Regisseurs. Hosoda empfing uns in Tokio für einen Rückblick auf seine Laufbahn, seine Einflüsse und dieses neue Filmereignis. Was hat Sie dazu geführt, in der Welt des Films zu arbeiten? Mamoru Hosoda : Mit 12 Jahren kaufte ich mir eine Ausgabe der Monatszeitschrift Animage, in der ein Dossier über den Film "Das Schloss des Cagliostro" zu lesen war. Das war der zweite Film der Serie. Die Namen von Hayao Miyazaki und Yasuo Otsuka, die ich damals noch nicht kannte, tauchten in den Artikeln auf. Daraufhin habe ich mir den Film angesehen, und er hat enorm auf mich eingewirkt. Es war in meinem letzten Grundschuljahr, und ich weiß noch, wie ich in meinem letzten Aufsatz geschrieben hatte: "Ich möchte Regisseur von Anime-Filmen werden, wie Hayao Miyazaki." Sind Sie auch ein großer Manga-Leser? M. H. : Meine Eltern kauften mir selten Mangas, aber da meine Mutter kinobegeistert war, durfte ich Filme ansehen. Ihr verdanke ich, dass ich viele gesehen habe. Und so interessierten mich Filme mehr als Mangas. Was ist Ihr Lieblingsfilm? Und wer ist Ihr Lieblingsregisseur? M. H. : Im japanischen Film fasziniert mich der inzwischen verstorbene Regisseur Shinji Somai. In den 80er-Jahren war er besonders aktiv. Ich mochte sehr gerne z.B. "Sailor-fuku to kikanju" und "Taifun Club". An der Universität begann ich dann, mich für den europäischen Film zu interessieren. Damals kam "Intervista" von Fellini in die Kinos. Als ich zum ersten Mal einen Film von Leos Carax sah, war ich von seinem Talent überwältigt. Natürlich könnte ich noch viele andere aufzählen, aber ich erinnere mich, dass mich der erste Film von Victor Erice, "Der Geist des Bienenstocks", sehr stark berührt hatte. Wenn man mich nach meinem Lieblingsfilm fragt, nenne ich immer diesen. Hatten Sie zu dieser Zeit schon vor, sich an Zeichentrickfilme zu wagen? M. H. : Nein. Ich studierte Malerei an der Universität und interessierte mich für moderne Kunst. Nach und nach wandte ich mich der Welt der Bilder und dem Kino zu. Nach der Universität stiegen Sie bei Toei Animation ein. M. H. : Stimmt. Ich hätte unabhängiger Regisseur werden können, aber ich wollte Arbeitserfahrung innerhalb eines großen Teams sammeln. Und deshalb habe ich bei der Toei angefangen. 10 ZOOM JAPAN Nummer 0 Juni 2013

Bei der Toei begannen Sie damit, Filme für Kinder zu drehen. Bestand eine Kluft zwischen dem, was Sie machen wollten, und dem, was Sie wirklich machten? M. H. : Diese Kluft gab es, allerdings. Regie für Kinderfilme zu führen, war etwas völlig Neues für mich. Was mich verunsicherte, war, dass Kinder noch nicht die Regeln des Lebens kennen. Mir fiel es schwer, eine passende Methode zu finden, um mit ihnen zu kommunizieren. Daher überlegte ich lange, mithilfe welcher Technik ich sie für meine Arbeit interessieren könnte. Wenn ich auf diese Erfahrung aus heutiger Sicht zurückblicke, finde ich, dass es für einen Regisseur bereichernd ist, für Kinder zu drehen. Ich habe dabei etwas besonders Wichtiges gelernt, nämlich die Kommunikation mit anderen, die eine andere Konzeption vom Menschen haben. Meinen Sie, dass Ihre Filme deshalb auf der ganzen Welt gut ankommen? M. H. : Schon möglich. Im Allgemeinen, und das gilt nicht nur für Japan, stützen sich die Autoren auf die Kultur ihres Landes und auf Bezugspunkte, die keiner Erklärung bedürfen. Ich persönlich stelle mir oft die Frage, was wir mit anderen gemein haben, trotz unserer kulturellen Unterschiede. Wie haben Sie es so weit gebracht, dass Sie Ihre eigenen Werke ausführen konnten? M. H. : Schon seit geraumer Zeit wollte ich einen Film mit Spielfilmlänge drehen. Als ich bei der Toei arbeitete, bekam ich vom Studio Ghibli das Angebot, die Regie für den Film "Das Schloss im Himmel" zu übernehmen. Letztendlich wurde das Projekt aber ohne mich durchgeführt. Bei mir stieg jedoch die Lust, ein Spielfilmformat zu drehen. Ich dachte, wenn ich bei der Toei bliebe, würde ich dieses Ziel nie erreichen. Und so verließ ich die Toei Animation und stieg bei Madhouse ein. Dort konnte ich dann "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" drehen. Fiel es Ihnen nicht schwer, eine gewohnte Umgebung zu verlassen und sich in neue Abenteuer zu stürzen? M. H. : Seinen eigenen Film zu drehen, ist für viele der größte Wunsch, auch wenn das sehr schwierig ist. Wenn man beim ersten Mal scheitert, gibt es keine zweite Chance. Nicht jedem bietet sich die Gelegenheit. Ist es dann so weit, muss man dem Film alles geben, auch, wenn man dabei sein Leben, seine Zukunft, seine Familie und sein Selbstwertgefühl aufs Spiel setzt. Für mich kam es deshalb nicht in Frage, bei der Toei zu bleiben. Ich wollte unbedingt Regie für einen Film führen. Und ich war bereit, dafür vieles zu opfern. Es war

ein seltsames Gefühl. Aber ich hatte wirklich den Eindruck, dass sich für mich neue Perspektiven auftaten. Kommen wir zu Ihrem letzten Film "Ame & Yuki – Die Wolfskinder". Wie entstand dieses neue Projekt nach dem Erfolg von "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" und "Summer Wars"? M. H. : "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" war ein Liebesfilm. Dann folgte der Film "Summer Wars", der auf meiner Erfahrung mit der Ehe beruhte. "Ame & Yuki – Die Wolfskinder" befasst sich mit der Frage, wie man Kinder aufzieht. Dieses Thema geht viele Menschen an, denn jeder hat ja schließlich Eltern, und betrifft somit die gesamte Menschheit. Und dennoch handeln nur wenige Filme von diesem Thema. In Ihren Filmen ist die Frau oft die Hauptfigur. M. H. : Ja, stimmt. Frauen lassen sich einfach viel attraktiver ins Bild rücken. Ich suche immer jemanden mit besonderer Vitalität für die Hauptrolle. Jemanden, der alle Arten von Herausforderungen meistern kann. Heißt das, Frauen haben mehr Vitalität als Männer? M. H. : Ja, denke ich schon. Die Vitalität von Männern ist anders. Allgemein könnte man sagen, dass es für Männer darum geht, "zu gewinnen oder zu verlieren". Ob nun im Bereich der Arbeit oder der Liebe reagieren Männer immer nach diesem Schema. Für viele Frauen hat dieser Begriff des Gewinnens oder Verlierens keine Bedeutung. Sie setzen im Leben andere Schwerpunkte. Für sie stehen eher das Selbstgefühl und der eigene Lebenssinn im Vordergrund. Männer denken grob vereinfachend. Wir kennen nur das Wertdenken. Und wir lassen uns lange nicht so attraktiv ins Bild rücken. Deshalb suche ich meine Inspiration bei Frauen, um Vitalität zu beschreiben, denn sie sind dazu imstande, den Lauf des Lebens zu verändern. Wenn ich sie betrachte, wirken sie anregend auf mich. Haben Ihrer Meinung nach die tragischen Ereignisse des 11. März 2011 einen Einfluss auf den Begriff der Familie in Japan? M. H. : Ich glaube, dass sich die Denkweise der Japaner in Bezug auf die Familie seit dem Erdbeben grundlegend geändert hat. Ich denke, sie sind sich der Prioritäten bewusst geworden. Zuvor sagte man: "Dies ist wichtig und jenes ebenso." Und schließlich gab es überhaupt keine Abstufungen mehr. Seit dem 11. März sehen wir, glaube ich, das Kind wieder als unseren wichtigsten Lebensinhalt. Letztendlich haben wir begriffen, dass das Wesentliche das Aufziehen unserer Kinder ist, selbst wenn die Welt völlig zerstört wäre. Und neue Fragen sind aufgetaucht: "Wie kann man sie im


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ZOOM INTERVIEW NAMIHEI ODAIRA.

Bruno Quinquet f端r Zoom Japan

UND

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ZOOM INTERVIEW

Während der weltweiten Vorpremiere des Films, die in Frankreich stattfand, wurden Sie häufig nach dem Stellenwert der Natur in Ihrem Film befragt. Hatten Sie von Anfang an den Schauplatz auf Toyama festgelegt, die Gegend, in der Sie aufgewachsen sind? M. H. : Da der Film die Beziehung zwischen Kindern und Eltern thematisiert, habe ich sehr häufig an meine Mutter gedacht. Ich bin Einzelkind. Ich habe mich gefragt, welche Gefühle meine Mutter gehabt hat, als sie mich groß gezogen hat. Ich fragte mich außerdem, ob ich als Sohn auch meiner Mutter etwas gegeben habe. Da meine Mutter nicht mehr lebt, konnte ich ihr diese Frage zwar nicht stellen, aber sie ging mir beim Drehen des Films durch den Kopf. Und daher war es ganz natürlich, dass ich mich auf die Region, in der ich geboren bin, als Schauplatz für "Ame & Yuki – Die Wolfskinder" zurück besann. Dieser Drehort sollte also nicht den Kontrast zwischen der Großstadt und dem Land veranschaulichen? M. H. : Nein. Es stimmt, dass ich oft gefragt werde, ob ich diesen Film nicht gemacht habe, um die Natur und die Stadt zu beschreiben und gegenüberzustellen. Im Grunde wollte ich aus persönlichen Gründen nur zeigen, wie Kinder auf dem Land aufwachsen. Nicht jeder hat das Glück, auf dem Land aufzuwachsen. Daher habe ich mir gesagt, dass es gut wäre, dies zu zeigen, um sich eventuell neue Möglichkeiten auszudenken, wie man sein Leben gestalten kann.

© 2012 "WOLF CHILDREN" FILM PARTNER

Falle einer gravierenden Krise aufziehen? Was benötigen wir dafür?" Seit dem Erdbeben haben wir verstanden, dass nur Eines zählt: unsere Kinder zu schützen und aufzuziehen. Von daher glaube ich, dass es eine logische Verbindung zwischen "Ame & Yuki – Die Wolfskinder" und dem Japan nach dem 11. März gibt.

Nachdem sie sich seit einigen Monaten auf dem Land niedergelassen haben, entdecken Yuki, Hana und Ame zum ersten Mal Schnee.

der sind. Ich glaube, dass sie zwei Gesichter haben, das eine näher an der Natur, und das andere näher an der Zivilisation. Beim Heranwachsen geht ihre natürliche Wesensart allmählich verloren. Sie werden sich der Gesellschaft bewusst und wachsen zu Menschen heran. Diesen Vorgang nennt man den "Übergang zum Erwachsenenalter", was nicht allzu überzeugend klingt. Manchen Menschen gelingt es, ihre ungezähmte Komponente und eine ganz natürliche Lebensart zu bewahren.

Ist das Leben auf dem Land für Sie ein Vorbild? M. H. : Ja, doch ich halte das Land nicht nur für einen Ort, an dem die Natur für die Menschheit großzügig und gut ist. Die Gegend, in der ich geboren bin, zum Beispiel, ist ziemlich wild. Mein Heimatdorf liegt am Fuße der japanischen Nordalpen. Die Umgebung ist dort ziemlich rau. Im Vergleich dazu hat man in Großstädten wie Paris und Tokio leichten Zugang zu allem, und es ist einfacher, Kinder aufzuziehen. Deshalb schien es mir interessant zu zeigen, wie man in einem ländlichen Umfeld Kinder aufzieht und wie sie dort aufwachsen.

Am Anfang des Films steht das Mädchen Yuki der Welt der Wölfe am nächsten. Doch irgendwann wendet sie sich der Welt der Menschen zu. Hat diese Entwicklung überhaupt einen Sinn? M. H. : Ihr kleiner Bruder Ame ist anfangs ein etwas schwächliches Kind, doch er entscheidet sich beim Heranwachsen dazu, sich der Welt der Wölfe zuzuwenden. Kinder gehen unterschiedliche Wege, wenn sie heranwachsen, und nicht immer einen einheitlichen. Sie können sich von Grund auf verändern, und dies gehört zur Dynamik des Heranwachsens. Yuki ist ein sehr neugieriges und lebendiges Mädchen. Als sie in die Welt der Menschen eintritt, integriert sie sich ohne weiteres in sie. Ame dagegen ist vorsichtig. Er ähnelt zunehmend seinem Vater. Übrigens kleidet er sich und denkt schließlich wie er. Der Wendepunkt im Schicksal von Ame und Yuki ist in diesem Film von großer Bedeutung.

Beim Betrachten des Films fragt man sich, ob Sie mit diesen Mischwesen, die halb Wolf und halb Mensch sind, nicht die ungezähmte Komponente des Menschen schildern wollen. M. H. : Ich habe mir Lebewesen ausgedacht, die halb Wölfe und halb Menschen sind, weil ich finde, dass sie stellvertretend für die Persönlichkeit unserer Kin-

Ist es ein Zufall, dass der Führerschein des Vaters am 11. März in Kraft tritt? M. H. : Das war reiner Zufall. Sein Geburtstag ist der 11. Februar. In Japan tritt der Führerschein einen Monat nach dem Geburtstag in Kraft. Und deshalb steht der 11. März auf diesem Dokument, das mehrmals in diesem Film auftaucht. Aber auch wenn es sich um rei-

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nen Zufall handelt, kann man nicht umhin, einen Bezug zur heutigen Situation Japans zu sehen. Als der Vater im Film stirbt, bleibt als Einziges sein Führerschein von ihm übrig. Am 11. März 2011 befanden sich möglicherweise zahlreiche Menschen in derselben Lage. Die Tatsache, dass sich die Hauptfigur Hana allein zu Hause befindet und die Willenskraft ihres verstorbenen Mannes integriert hat, ist ebenfalls ein sehr starkes Symbol. Könnten Sie Ihr Team näher beschreiben? M. H. : Yoshiyuki Sadamoto ist der Charakterdesigner, mit dem ich seit "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" zusammenarbeite. Dieser Film wäre ohne ihn unvorstellbar gewesen. Takagi Masakatsu hat die Musik komponiert. Wir arbeiten zum ersten Mal zusammen. Und für ihn ist es die erste Erfahrung im Bereich Filmmusik. Seine Kompositionen sind sehr feinsinnig und berührend. Er hat ein Talent, das einem in diesem Bereich nur selten begegnet. In letzter Zeit war in manchen Zeitschriften zu lesen, Sie seien der neue Miyazaki. M. H. : Ich bin nicht Hayao Miyazaki. Ich verdanke ihm zwar, dass mich die Filmwelt so sehr fasziniert hat, aber wenn ich einen Film drehe, dann versuche ich nicht, ihn zu imitieren. Mir macht es einfach Spaß, einen Film zu schaffen, der das Interesse des Publikums weckt. Das Interessante an Filmen ist die Fähigkeit des Regisseurs, bei jedem Zuschauer eine andere Wahrnehmung auszulösen. Hayao Miyazaki hat mich mit Sicherheit beeinflusst, doch mein Ziel liegt darin, interessante Filme zu drehen, die mir eigen sind. DAS GESPRÄCH FÜHRTEN KAZUHIKO YATABE UND NAMIHEI ODAIRA.


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Nippon Connection - das japanische Filmfestival 4.-9. Juni 2013 Youkoso! Nippon Connection, das japanische Filmfestival in Frankfurt, öffnet vom 4.-9. Juni zum dreizehnten Mal seine Pforten und heißt seine mehr als 16.000 Besucher willkommen. Nach 12 Jahren im Studierendenhaus in Bockenheim hat das Festival nun mit dem Künstlerhaus Mousonturm und der Naxoshalle in Bornheim ein neues Zuhause gefunden. Die Anfänge von Nippon Connection liegen 13 Jahre zurück. Damals waren so gut wie keine japanischen Filme in den deutschen Kinos zu sehen, daher riefen zwei japanbegeisterte Filmstudenten der Uni Frankfurt das Festival ins Leben. Was als studentische Initiative begann, hat sich nach 13 Jahren zum weltweit größten Festival für japanischen Film und zu einer internationalen Plattform für den kulturellen Austausch entwickelt. Mehr als 130 Kurz- und Langfilme, vom Drama über Komödien und Horrorfilme bis hin zur anspruchsvollen Dokumentation, und zahlreiche Kulturveranstaltungen zeigen die Blüten japanischer Tradition und Moderne. Die Sektion Nippon Cinema bietet einen Überblick über die aktuelle Filmlandschaft Japans und ihre neuesten Produktionen. Nippon Visions dagegen wendet sich dem Nachwuchs zu und zeigt, welche neuen Entwicklungen in Japans Filmszene auftauchen. Die Nippon Retro widmet sich in diesem Jahr dem Schaffen des Punkfilm-Regisseurs Sogo ISHII und zeigt einige seiner wichtigsten Werke. Neu hinzu kommt in diesem Jahr die Sektion Nippon Animation, in der ein Augenmerk auf das Phänomen des Animationsfilms und der Animes gelegt wird. Nippon Kids macht die kleinen Besucher mit der japanischen Kultur vertraut. Bei Nippon Connection wird großen Wert auf die Nähe von Publikum und Filmschaffenden gelegt, daher werden jährlich zahlreiche Gäste aus Japan eingeladen. Viele Regisseure stellen ihre Filme selbst vor und äußern sich in Filmemachergesprächen und Podiumsdiskussionen zu ihrem Schaffen. Im Rahmen des Festivals wurden bereits zahlreiche Regietalente entdeckt und auf ihrem Weg kontinuierlich begleitet. Im Zuge dessen werden jährlich drei wichtige Filmpreise vergeben: der vom Bankhaus Metzler gestiftete Publikumspreis Nippon Cinema Award und der Nippon Visions Award zeichnen die besten Filme des diesjährigen Festivals aus, der VGF Award zeichnet den besten 12 Sekunden Spot zum Thema „Nippon in Motion“ aus. Neben dem Schwerpunkt Film bietet das umfangreiche Rahmenprogramm Nippon Culture vielfältige Möglichkeiten, Japan besser kennenzulernen und lässt das Publikum aktiv werden. Workshops führen in die Kunst des Schwerkampfes oder in die Zen-Meditation ein, in Kochkursen kann man mehr über die kulinarischen Besonderheiten erfahren. Vorträge, Lesungen, Performances und Installationen geben themenbezogen einen Einblick in die Facetten des kulturellen Lebens in Japan. Im Künstlerhaus Mousonturm kann man sich auf dem japanischen Markt verlieren, mit einer großen Anzahl an Verkaufsständen werden japanische Spezialitäten aller Art angeboten. Entspannen kann man bei einem Cocktail in der Nippon Lounge, bei einer Shiatsu-Massage, oder in der Teelounge. Und auch an Partyprogramm fehlt es beim Festival nicht: Freuen können wir uns auf Konzerte von der Girl-Punkband Mikabomb und Ozaka Bondage, sowie der Gruppe Kao=S aus Tokio, die Rockmusik mit klassischen japanischen Instrumenten und einer Schwert-Tanzperformance kombiniert. In der Nippon Lounge legen jeden Abend verschiedene DJs auf und laden zum Feiern ein. Auf keinen Fall verpassen sollte man die legendäre Nippon Connection Festivalparty am Samstag, bei der wieder bis in die frühen Morgenstunden gefeiert wird. Nippon Connection wächst von Jahr zu Jahr stetig weiter. Das 50-köpfige Team, welches das Festival in ehrenamtlicher Arbeit organisiert, stellt sich jedes Jahr neuen Aufgaben und schafft, durch die Entwicklungen der japanischen Kultur- und Filmszene inspiriert, ein Programm, welches das Publikum jedes Jahr aufs Neue begeistert.

Veranstaltungsorte:

Künstlerhaus Mousonturm, Waldschmidtstr. 4, Frankfurt am Main (Festivalzentrum) Naxoshalle, Waldschmidtstr. 19, Frankfurt am Main (Festivalzentrum) Deutsches Filmmuseum, Schaumainkai 41, Frankfurt am Main Mal Seh’n Kino, Adlerflychtstraße 6 Frankfurt am Main

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DI 4.6. 18:00 19:30 20:00 20:30 22:30 22:30

Eröffnungslounge & Cocktailbar (MT Nippon Lounge) See You Tomorrow, Everyone von Yoshihiro NAKAMURA (MT Saal) Tokyo Dyke! von Joëlle Bacchetta & Florence Bujard (NH Kino) Karaoke & Soup Lounge Outrage Beyond von Takeshi KITANO (MT Saal) Ochiki von Kota YOSHIDA (NH Kino)

MI 5.6. 14:30 14:45 17:00 17:00 17:15 18:00 18:00 18:00 19:30 20:00 20:00 20:00 22:15 22:30 22:30

The Warped Forest von Shunichiro MIKI (MT Saal) Strange Fruit: Shorts (NH Kino) Eden von Masaharu TAKE (MT Saal) Kochkurs: Temari-Sushi (MT Studio 3) Traveling with Misemonoyasan von Yoichiro OKUTANI (NH Kino) I’m Flash! von Toshiaki TOYODA (Mal Seh’n Kino) Vortrag: Morphology of Shinpa Film (MT Studio 1) DJ Chris Szabo vs. DJ Marc Garcia Yellow Elephant von Ryuichi HIROKI (MT Saal) Where Does Love Go? von Bunyo KIMURA (NH Kino) Vortrag: The 1990s, a Golden Age of Japanese Film? (MT Studio 3) Nippon Heimkino (MT Studio 1) The Land of Hope von Sion SONO (MT Saal) Outrage Beyond von Takeshi KITANO (Mal Seh’n Kino) Uzumasa Jacopetti von Moriro MIYAMOTO (NH Kino)

DO 6.6. 14:30 14:30 14:45 16:00 17:00 17:00 17:00 18:00 18:00 19:00 19:30 19:45 20:00 20:15 22:15 22:15 22:30 22:30

Isn’t Anyone Alive? von Gakuryu (Sogo) ISHII (MT Saal) BabyShiatsu-Workshop (MT Studio 3) There Is Light von Yukihiro TODA & A Case of Eggs von Yuri KANCHIKU (NH Kino) Kochkurs: Wagashi (MT Studio 1) Schwertkampf-Workshop (MT Studio 3) PIA Film Festival: Shady & More Fukushima (MT Saal) Tama Art University Special (NH Kino) Asura von Keiichi SATO (Mal Seh’n Kino) DJs Shonna Turner & Cocktailbar Karaoke & Soup Lounge Butoh Tanz-Workshop (MT Studio 3) Odayaka von Nobuteru UCHIDA (MT Saal) Tokyo University of the Arts: Utopia Sounds von Akihiro MIMA (NH Kino) Flashback Memories 3D von Tetsuaki MATSUE (Filmmuseum) For Love’s Sake von Takashi MIIKE (MT Saal) Filmemachergespräch mit Akihiro MIMA & Ryohei WATANABE (MT Studio 3) CO2 Presents: Nice to Meet You von Takamasa OE (NH Kino) The Land of Hope von Sion SONO (Mal Seh’n Kino)

FR 7.6. 12:00 12:00 14:00 14:15 14:30 15:30 16:00 16:00 17:00 17:30 17:30 18:00 18:00 18:00 18:30 19:15 20:15 20:30 22:00 20:30 22:30 22:30 22:30 22:30 22:30

Tug of War! von Nobuo MIZUTA (MT Saal) Penance Teil 1 von Kiyoshi KUROSAWA (NH Kino) Japanologie-Vortrag: Politisierung des Spiel- und Dokumentarfilms (MT Studio 3) Penance Teil 2 von Kiyoshi KUROSAWA (NH Kino) Wolf Children von Mamoru HOSODA (Kindervorstellung) (MT Saal) Shakuhachi-Workshop (MT Studio 1) Manga-Zeichenworkshop (MT Studio 3) Go (NH Café) Flashback Memories von Tetsuaki MATSUE (MT Saal) Tokyo University of the Arts: Animation (NH Kino) Japanologie-Vortrag: Robotopia Nipponica (MT Studio 1) Odayaka von Nobuteru UCHIDA (Mal Seh’n Kino) Panic High School / Shuffle / The Master of Shiatsu von Sogo ISHII (Filmmuseum) DJ Chris Szabo vs. DJ Marc Garcia & Cocktailbar Zen-Performance "Oryoki Tempatsu" (MT Studio 3) A Story of Yonosuke von Shuichi OKITA (MT Saal) A2 von Ian Thomas (NH Ash Kino) Butoh Tanzperformance (MT Studio 3) Nippon Live on Stage: Mikabomb & Ozaka Bondage, anschl. Party (MT Studio 1) Crazy Thunder Road von Sogo ISHII (Filmmuseum) Filmemachergespräch mit Shinichi OKITA (MT Studio 3) I’m Flash! von Toshiaki TOYODA (MT Saal) The Burning Buddha Man von Ujicha (NH Kino) The Kirishima Thing von Daihachi YOSHIDA (Mal Seh’n Kino) 1/2 Mensch / The Code Name Is Asia Strikes Back von Sogo ISHII (Filmmuseum)

Nippon Cinema

Nippon Animation

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Nippon Visions

Nippon Retro

Nippon Culture

Nippon Kids


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TIMETABLE NIPPON CONNECTION JAPANISCHES FILMFESTIVAL 4.– 9. JUNI 2013 SA 8.6. 11:30 12:00 12:00 12:30 14:30 14:30 14:30 14:45 16:00 16:30 16:30 17:00 17:15 18:00 18:00 18:00 18:30 19:30 20:00 20:30 20:30 22:00 22:30 22:30 22:30 22:30 22:30

Bento-Kochkurs für Kids (MT Studio 1) The Life of Budori Gusuko von Gisaburo SUGII (MT Saal) Teezeremonie (MT Studio 3) Japan Lies von Saburo HASEGAWA (NH Kino) Key of Life von Kenji UCHIDA (MT Saal) Vortrag: Zen (MT Studio 1) Mal-Workshop für Kids (MT Studio 3) PIA Film Festival: Classics (NH Kino) August in the Water von Sogo IISHI (Filmmuseum) Podiumsdiskussion (MT Studio 1) Spiel- & Bastelworkshop für Kids (MT Studio 3) The Drudgery Train von Nobuhiru YAMASHITA (MT Saal) Short Shorts Film Festival (NH Kino) Charge! Hooligans of Hakata von Sogo ISHII (Filmmuseum) Wolf Children von Mamoru HOSODA (Mal Seh’n Kino) DJ Robert & Cocktailbar Subtitling Workshop "Frame my Text!" (MT Studio 3) Dreams for Sale von Miwa NISHIKAWA (MT Saal) Soul Flower Train von Hiroshi NISHIO (NH Kino) Nippon Live on Stage: Kao=S (MT Studio 1) Electric Dragon 80.000 V / Panic High School von Sogo ISHII (Filmmuseum) Festivalparty mit DJ Seiji (MT Nippon Lounge) Soup Lounge (MT Studio 1) Filmemachergespräch mit Miwa NISHIKAWA (MT Studio 3) Nowhere to Go von Ryuichi SHIMADA (NH Kino) Princess Sakura: Forbidden Pleasures von Hajime HASHIMOTO (MT Saal) A Story of Yonosuke von Shuichi OKITA (Mal Seh’n Kino)

SO 9.6. 11:00 11:30 12:00 12:00 12:30 13:30 14:30 14:30 14:30 14:45 15:30 17:00 17:00 17:15 18:00 18:00 18:00 19:45 20:00 20:30 22:30

Filmfrühstück mit Noriben – The Recipe for Fortune (MT Studio 1) Kendo-Workshop für Kids (MT Studio 3) Asura von Keiichi SATO (MT Saal) Penance Teil 1 von Kiyoshi KUROSAWA (Mal Seh’n Kino) Butoh on Film (NH Kino) Kimono-Workshop (MT Studio 3) Penance Teil 2 von Kiyoshi KUROSAWA (Mal Seh’n Kino) Vortrag: Sogo (Gakuryu) ISHII (MT Studio 1) Thermae Romae von Hideki TAKEUCHI (MT Saal) Kami Usagi Ropé – The Last Day of Summer Vacation von Yuji UCHIYAMA & Ryosuke AOIKE (NH Kino) Sake-Workshop (MT Studio 3) The Kirishima Thing von Daihachi YOSHIDA (MT Saal) DJ Chris Szabo vs. DJ Marc Garcia The Unstoppable Force of Japanese Sci-Fi Anime: Retrospective 1966 to 2011 (NH Kino) Isn’t Anyone Alive? von Gakuryu (Sogo) ISHII (Filmmuseum) Princess Sakura: Forbidden Pleasures von Hajime HASHIMOTO (Mal Seh’n Kino) Workshop Zazen & Zen-Movement (MT Studio 3) A Letter to Momo von Hiroyuki OKIURA (mit Preisverleihung) (MT Saal) Bad Film von Sion SONO (NH Kino) Gojoe von Sogo ISHII (Filmmuseum) Dreams for Sale von Miwa NISHIKAWA (Mal Seh’n Kino)

TÄGLICH Livepainting Kozue KODAMA (NH Café) Nippon Lounge (MT 1. OG) Videospielhölle (MT Studio 2) Tee-Lounge & Café (NH Café) NIPPON YATAI - Japanischer Markt (MT Studio 2) Koo-Ki Special 2013 (MT 1. OG) Ausstellung: Nuclear Power Series (NH Café)

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Steve John Powell für Zoom Japan

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Blick über die Stadt und die berühmte dreistöckige Pagode, die durch den Regisseur von "Reise nach Tokio" in die Filmgeschichte einging.

UNTERWEGS

Onomichi: von Ozu bis Wenders

Das beschauliche Hafenstädtchen an der Seto-Inlandsee lockt seit jeher Reisende an, die Ruhe schätzen und gerne gut essen.

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eit Jahrhunderten dient die Stadt Onomichi als Inspirationsquelle für Schriftsteller und Künstler, so bereits in der ersten großen Gedichtsammlung Japans, dem Man’yōshū. Auch der

legendäre Haiku-Dichter Matsuo Bashō verbrachte dort 1689 einige Zeit. Und in modernen Zeiten wählte der Filmregisseur Yasujirō Ozu den Ort als Archetypen des japanischen Städtchens für seinen Filmklassiker "Reise nach Tokio" (Tōkyō Monogatari, 1953). Wim Wenders war von diesem Werk so beeindruckt, dass er 50 Jahre später eine kleine Pilgerreise dorthin unternahm, wonach sein Buch "Die Reise nach Ono-

michi" [erschienen beim Schirmer/Mosel Verlag] entstanden ist. Die Japaner jedoch schätzen Onomichi für etwas, das weder dem Film noch der Literatur zuzurechnen und dem europäischen Reisenden eher fremd ist: Rāmen, die hiesige Spezialität (s. Zoom Japon Nr. 26, Dezember 2012 - Januar 2013, S. 8). Aus der gesamten Präfektur Hiroshima und von noch weiter her reisen Scharen von Feinschmeckern an, um diese

"Kokoro no michi", so heißt der Weg ("michi") des Herzens ("kokoro")… An üppig grüne Hügel gebettet, mit weitem Blick über die Seto-Inlandsee und ihre malerischen Inseln, ein Ort, an dem sich so manche Wege kreuzen: Onomichi – ein Ort, der direkt ins Herz geht und für immer dort bleibt!

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「尾道風景」昭和 30 年頃(ca.1955)写真提供:尾道学研究所   象形文字 「心」 宮田亮平 平成 23 年 晒・墨書・醤油


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Steve John Powell für Zoom Japan

ZOOM REISE berühmten Nudeln zu genießen. Vor den renommiertesten Rāmen-Restaurants bilden sich lange Warteschlangen, und im Winter werden sogar ab und zu Außenheizungen aufgestellt, damit sich die geduldigen Kunden nicht erkälten. Die beste Art, die Stadt zu entdecken, ist gleich nach der Ankunft, in die 1957 gebaute Seilbahn direkt neben dem Bahnhof zu steigen. Sie führt hinauf zum SenkōjiPark oberhalb von Onomichi. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten, ist jedoch spektakulär. Die Gondeln schweben knapp über die Kiefernwipfel der bewaldeten Hügel. Auf dem Gipfel werden Sie mit einem atemberaubenden Ausblick über die Stadt und die zahlreichen, in Dunst gehüllten Inseln der Seto-Inlandsee belohnt. Noch grandioser ist das Panorama vom Observatorium aus, das wie eine fliegende Untertasse wirkt, und den höchsten Aussichtspunkt der Stadt bildet. Bei klarem Wetter kann man Shikoku erkennen, die viertgrößte Insel des Archipels. Im Observatorium ist ein Nudel-Restaurant untergebracht, in dem man die berühmten Rāmen von Onomichi kosten kann. Inmitten von duftenden Kieferwäldern führt der Literatur-Weg (Bungaku no komichi), an dem 25 Steinstelen aufgestellt sind, steil bergabwärts in Serpentinen zum Stadtkern zurück. In jede Stele wurden Zitate berühmter Schriftstellern eingraviert, die einen Bezug zu dieser Stadt haben, wie z.B. von der Feministin Fumiko Hayashi. Und selbst wenn man kein Japanisch spricht, hat diese Freilicht-Kunstgalerie ihren besonderen Reiz. Besonders empfehlenswert ist, den Hauptweg zu verlassen und die kleinen Nebenwege zu erkunden, wo man den berühmten Katzen von Onomichi begegnet, die dort vor sich hindösen, und wo sich malerische Teehäuser in den Seitentälern der

ANREISE MAN ERREICHT ONOMICHI mit der Eisenbahn am besten auf der San’yō-Hauptlinie von Kōbe, Okayama oder Hiroshima aus. Der Streckenabschnitt zwischen Mitsugana und Mihara, auf dem sich Onomichi befindet, ist für die Schönheit seiner Landschaften bekannt. Man genießt einen herrlichen Ausblick auf die Seto-Inlandsee.

Jizō-Statuen im Senkō-ji-Tempel.

Hügel verbergen. Auf halber Strecke des Literatur-Wegs besticht die Schönheit des zinnoberroten Senkō-jiTempels und der Glocke des Kyō-onro-Turmes. Dieses 806 entstandene Bauwerk ist eines der Hauptsymbole der Stadt. Zahlreiche Studenten begeben sich in den Senkō-ji-Tempel, um dort Omamori (Amulette) zu kaufen, die ihnen für ihre Examen als Glücksbringer dienen. Der Glockenschlag von Kyō-onro wurde auf die Liste der 100 Klangschönheiten Japans gesetzt, die als Kulturerbe betrachtet werden. Am Fuße des Hügels erblickt man den 1367 gegründeten Tempel Tennenji, der durch seine dreistöckige Pagode ins Auge sticht. Man kann ohne weiteres einen ganzen Tag damit verbringen, die Tempel der Stadt zu besuchen. Onomichi besitzt nach Kyōto die meisten alten Tempelbauten pro Quadratkilometer. Der überwiegende Teil unter ihnen wurde dank der finanziellen Unterstützung reicher Kaufleute der Hafenstadt errichtet, als diese am

Gipfel ihres Ruhmes stand. Auf einem Rundweg lassen sich die fünfundzwanzig sehenswertesten Tempel im Stadtgebiet besichtigen. Manche, wie der Saikoku-ji und seine an der Fassade aufgehängten, aus Seilen geflochtenen Riesensandalen gehen auf das 8. Jh. zurück. Dieser Tempel-Rundgang ist für den stressgeplagten Großstädter eine Wohltat. Wieder im Stadtkern zurück, ist es Zeit, die Meerespromenade und die Hondōri-Einkaufspassage zu erforschen. Die meisten Rāmen-Restaurants befinden sich in diesem Teil der Stadt. Nicht selten sieht man am Eingang dieser Gaststätten, wie z.B. dem Shūkaken, lange Warteschlangen. Auch ein Abstecher in die Geschäfte, die sich auf getrockneten Fisch spezialisiert haben, lohnt sich. Dort finden Sie auch die "Senbei" genannten Reiscracker, deren Geschmack am besten mit Krake oder Dörrfisch zur Geltung kommt. In den Rāmen-Restaurants finden sich auf den Tresen Töpfchen mit Gewür-

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zen, aus denen sich der Kunde marinierten Ingwer oder geschälte Knoblauchzehen nehmen kann. Hier wird man rasch bedient. Unverzüglich serviert man Ihnen Ihre Schale Nudelsuppe mit gehackten Zwiebeln, Gemüse und einer großzügigen Scheibe Schweinefleisch. Eine willkommene Stärkung nach einem Sightseeing-Vormittag! Falls Sie noch etwas Hunger verspüren, ordern Sie einfach wie die Stammgäste die so genannten Onigiri (Reisbällchen, gefüllt mit Lachs, Algen oder Fischeiern) als Beilage oder Gyōza (Ravioli). Bis heute scheiden sich die Geister, warum die Rāmen von Onomichi so vorzüglich sind. Manche behaupten, es liege am “Schweineknochen in der Fleischbrühe”, andere meinen, dass es von der abgeflachten Form der Nudeln herrühre. Wieder andere beteuern, dass die Soja-Sauce anstatt der Miso-Sauce ihnen ihren besonderen Charakter verleihe. Wie dem auch sei, nach einer Reise nach Onomichi wird Ihnen diese Spezialität noch lange in Erinnerung bleiben. STEVE JOHN POWELL

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Auf dem Literatur-Weg (Bungaku no komichi) entdeckt man die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive.

Eine Love-Story mit dem Film

D

ie meisten Japaner pilgern nach Onomichi, um die berühmten Rāmen zu kosten oder die Zitate großer Autoren entlang des Literatur-Wegs auf sich wirken zu lassen. Manche erinnern sich jedoch noch daran, dass die Hafenstadt auch Inspirationsquelle für Filme gewesen ist. Yasujirō Ozu machte die Stadt mit "Reise nach Tokio" (Tōkyō Monogatari) in der ganzen Welt berühmt. Dieser Spielfilm, den das renommierte British Film Institute zu den 100 besten Werken der Filmkunst aller Zeiten zählt, schildert zwar nicht direkt die Stadt, doch Onomichi symbolisiert darin das unwandelbare Japan: Seine reizvolle Gemächlichkeit kontrastiert mit der Hektik der Hauptstadt, die damals einen tiefgreifenden Wandel erlebte. 60 Jahre danach scheint in Onomichi alles beim Alten. Das Städtchen be-

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wahrt seine Beschaulichkeit, die auch den eiligsten Reisenden zum Verweilen

und näheren Hinsehen einlädt. Filmfans können das interessante, in einem alten Lagerhaus untergebrachten Filmmuseum (Onomichi eiga shiryôkan) aufsuchen. Selbstverständlich befasst sich eine Abteilung speziell mit Yasujirō Ozu und zeigt ein paar Erinnerungen an die Dreharbeiten von "Reise nach Tokio". Auch Plakate, Filmmaterial und Notizbücher sind zu bestaunen. Zwar kann sich die Sammlung nicht mit der Pariser Cinémathèque française messen, doch die ausgestellten Dokumente gewähren einen Einblick in die Atmosphäre während der Dreharbeiten. Das Museum widmet sich außerdem dem großen Filmregisseur Kaneto Shindō, der im Mai 2012 verstorben ist. Sein Werk "Die nackte Insel" (Hadaka no shima, 1960) spielt auf einer Insel der Seto-Inlandsee, die auch Onomichis wundervolle Landschaft

stark geprägt hat. Somit dokumentiert das hiesige Museum eindringlich das Filmschaffen von Kaneto Shindō, der den besonderen Reiz dieses Teils von Japan einzufangen wusste. Die Inlandsee kontrastiert mit dem Ungestüm des Japanischen Meeres und des Pazifischen Ozeans. Die meisten Städte an seiner Küste strahlen gemütliche Ruhe aus. Aus diesem Grunde beschloss auch Yōji Yamada, einer der letzten, noch lebenden Genies des japanischen Nachkriegsfilms, auf einer Insel der Seto-Inlandsee "Tōkyō Kazoku" (Tokyo Family) zu drehen, der in Japan Mitte Januar 2013 in die Kinos kam. Diese Hommage an Ozus "Reise nach Tokio" wird gewiss auch eines Tages im Museum von Onomichi ihren Platz finden und vom Charme der guten alten Zeit zeugen. Gabriel Bernard


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Leserumfrage Ihre Meinung interessiert uns! ZOOM Japan ist die erste kostenlose Monatszeitschrift zum Thema Japan. Sie besteht seit Juni 2010 in Frankreich, und ihre britische Ausgabe wurde im Mai 2012 ins Leben gerufen. Anlässlich des Filmfestivals Nippon Connection in Frankfurt, haben wir uns dazu entschlossen, eine deutsche Nummer herauszubringen. Obwohl sich diese Nummer ausschließlich mit dem japanischen Kino befasst, wird an ihr deutlich, wie wir unsere Leser in Frankreich und Großbritannien monatlich informieren. Um den deutschen Lesergeschmack möglichst genau einzuschätzen, bitten wir Sie, die folgenden Fragen zu beantworten. Die ersten 100 Personen, die diesen Fragebogen ausfüllen, erhalten von uns ein kleines Geschenk. Um an der Umfrage teilzunehmen, genügt es, diese Website anzuklicken:

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ZOOM Japan wird herausgegeben von dem Verlag Editions Ilyfunet 12 rue de Nancy 75010 Paris - Frankreich www.zoomjapan.de - info@zoomjapan.de - Gedruckt in Frankreich An dieser Nummer waren beteiligt : Odaira Namihei, Gabriel Bernard, Gianni Simone, Jérémie Souteyrat, Sakiko Uozumi, Kazuhiko Yatabe, Bruno Quinquet, Steve John Powell, das Team von Nippon Connection Übersetzung : Andres Riehle Werbung : Yoshiyuki Takachi, Yoshiki Van Verantwortlicher Herausgeber : Dan Beraud

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