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Forschende Kunst 2: Musik und Klang Dokumentation | Ein Projekt der

Schutzgebühr: € 15,–


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Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

Impressum

Herausgeber: Zentrifuge e.V. www.zentrifuge-nuernberg.de Forschende Kunst ist ein Projekt der Zentrifuge www.forschende-kunst.de Mit Unterstützung durch das Förderprogramm „Ideen.kreativ.innovativ“ des Wirtschaftsreferats der Stadt Nürnberg. Redaktion, V.i.S.d.P.: Michael Schels Texte: Alessandra Brisotto, Marie Claude Ekotto, Sebastian Hillebrandt, Eric Juteau, Otmar Potjans, Michael Schels, Robert Schlund, Bastus Trump, Michael Wolf, Ronald Zehmeister Gestaltung: Robert Schlund | www.schlund-design.de Fotos: Katharina Hillebrand, Sebastian Hillebrand, Anna Mikaila, Otmar Potjans, Michael Schels, Robert Schlund, Ronald Zehmeister Druck: flyeralarm.com Auflage: 500 Exemplare © 2014 Zentrifuge e.V.

Titelabbildung: Festival „indukTiVe kopplung“ in der Zentrifuge vom 23.11. bis 30.11.2013, Fotografie: Robert Schlund Abbildung Rückseite: Motiv der Einladungskarte zur Ausstellung „Beziehungsalchemie“ in der Zentrifuge, 2014, Gestaltung: Eckehard Fuchs


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Inhalt Einführung Michael Schels

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Musik und Klang Robert Schlund

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TROPFEN Alessandra Brisotto

Seite 7

Das Wesen der Kreativität Robert Schlund

Seite 8–11

Der ästhetische Prozess Michael Schels

Seite 12–13

Die ästhetische Dimension als Innovationstreiber Ronald Zehmeister

Seite 14–15

Musik, morgen Eric Juteau, Otmar Potjans

Seite 16–18

Der unternehmerische Gründungsprozess Marie Claude Ekotto

Seite 19–21

Wissenstransfer Sebastian Hillebrand, Bastus Trump

Seite 23–24

Musik – Wahrnehmung und Spüren Michael Wolf

Seite 25–26

Teilnehmer und Autoren

Seite 27

Essenzen

Seite 28–29

Anhang   – Protokolle   – Institut für ästhetisches Besinnen   – Literatur

Seite 30–33 Seite 34 Seite 35

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Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang


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Einführung Text: Michael Schels

Die Zentrifuge ist im Zuge einer post­industriellen Transformation in Nürnberg entstanden und steht damit exemplarisch sowohl für lokale als auch für globale Veränderungsprozesse. In einer verlassenen Industriehalle hat sich die Zentrifuge während der Entwicklung des Areals „Auf AEG“ als Non-Profit-Organisation über mehrere Jahre als treibender Akteur und Agent des Wandels eingebracht und als Impulsgeber für kreativwirtschaftliche und kulturelle Innovationen bewiesen. Die unentwegte Arbeit in kulturellgesellschaftlichen Zusammenhängen hat zwingende Fragen aufkommen lassen und den Drang nach Erkenntnis geschürt: Es geht uns um ein besseres Verständnis vom Wert unseres Tuns und damit um die Erhellung und Pflege kreativer, schöpferischer Prozesse. Wir sind u.a. dem Wesen der Kunst auf der Spur und fragen uns, was sich von diesem Erfahrungs- und Wissensschatz auf andere Bereich der Wirklichkeit übertragen lässt. Die Kunst erscheint uns – wenigstens in theoretischer Hinsicht – als das letzte Refugium von Freiheit. Sie ist inspirierend bei der Gestaltung von Freiräumen, in denen offene, kreative Begegnungen stattfinden können. Mit Hilfe und Dank der Kunst wagen wir es, neue Wirklichkeiten anzustreben und gestaltend tätig zu werden, ohne dabei selbst Künstler im engeren Sinn zu sein. Die Motivation für unser Tun ziehen wir aus der Freude bei der Entwicklung und Durchführung von Kultur-

Bild links: Interaktive Elektro-Installation „IndukTiVe Kopplung“ in der Zentrifuge, 2013

projekten, aus dem Austausch mit Künstlern, Ingenieuren, Unternehmern und Wissenschaftlern und aus der Begegnung mit begeisterungsfähigen Menschen. Auch die Auseinandersetzung mit ästhetischen Theorien sowie philosophischen und wissenschaftlichen Texten erfahren wir als fortwährende Bereicherung.

teten Know-how entstand – gefördert durch die Wirtschaftsförderung der Stadt Nürnberg im Rahmen des Förderprogramms „Ideen.kreativ. innovativ“ – „Forschende Kunst 2: Musik“ mit dem Ziel, diesen Prozess für Unternehmen und Organisationen wirksam zu machen und Impulse für ein neuartiges und nachhaltiges Innovationsverständnis zu setzen.

Forschung mit Mitteln und aus Perspektiven der Kunst

„Forschende Kunst“ bringt „Forschung“ und „Kunst“ in einen produktiven Zusammenhang. Ziel dabei ist, Menschen unterschiedlicher Disziplinen und Lebenswelten zu einem offenen Austausch anzuregen. Sie bringen aus ihrer jeweiligen Perspektive Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition ein. In der Summe können dadurch Erkenntnisse gewonnen werden, die wiederum in neue Projekte einfließen. Der Prozess wird systematisch dokumentiert, die Ergebnisse werden veröffentlicht.

„Forschende Kunst“ ist ein grenzüberschreitendes, ästhetisch und gesellschaftlich ambitioniertes Projekt der Zentrifuge. Mit Partnern aus Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft arbeitet die Zentrifuge über einen längeren Zeitraum heraus, wie „das Neue“ aus der Kunst wirksam wird. Die Modellierung dieses Prozesses macht das interdisziplinäre Arbeiten mit künstlerischen Mitteln fruchtbar. „Forschende Kunst 1: umwelten“ hat im Sommer 2013 die Grundlage geschaffen für ein differenziertes und zielgerichtetes Verständnis des Projekts. Diese erste Phase mündete im Herbst in eine Ausstellung in der Zentrifuge. In diesen interdisziplinären, interkulturellen Prozess waren in der ersten Phase neben fünf ausgewählten Bildenden Künstlern (drei aus Deutschland und zwei aus Italien) auch zwei Vertreter des VDI/VDE, ein Wissenschaftler der Uni Eichstätt, ein Unternehmensberater, ein Zukunftsforscher, eine Schriftstellerin und ein Journalist eingebunden. Aus dieser Zusammensetzung und dem in dieser Konstellation erarbei-

Das Projekt „Forschende Kunst“ will ein nachvollziehbares und fortwährendes Nachdenken darüber anregen, was Menschen tun, wenn sie in gemeinsamen, konstruktiven Projekten ihrer Kreativität und Intuition vertrauen. Dies geschieht aus der Überzeugung heraus, dass schöpferisches und künstlerisches Arbeiten enorme Potenziale für Innovationsprozesse bietet. Dabei kommen auch philosophische und ethische Dimensionen ins Spiel: Was ist uns wirklich wichtig und wertvoll und was sind wir bereit, dafür zu tun? www.forschende-kunst.de www.zentrifuge-nuernberg.de

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Musik und Klang Zum Verständnis der beiden Begriffe Text: Robert Schlund

Im Zusammenhang mit dem Projekt Forschende Kunst 2 sei der Unterschied zwischen „Musik“ und „Klang“ besonders hervorgehoben: Diese Begriffe sind in Hinblick auf den Einsatz von Methoden bei der Entwicklung von Innovation und Kreativität unterschiedlich zu betrachten und zu bewerten. Bei der Musik geht es bekanntlich um Strukturen, Harmonien, Komposition, Handwerk, Melodien etc.. Hingegen sind „Klang“ oder „Sound“ Begriffe, die dies zwar auch implizieren können, aber eben nicht nur: Musik ist immer Klang, während Klang nicht unbedingt Musik ist. Für die Musik ist es wichtig, dass sie sich insofern auf die kulturelle Geschichte einer Gesellschaft bezieht, indem sie oben genannte Aspekte aus der Historie aufgreift und entweder vertieft oder weiter entwickelt. Hier ist der Spielraum gegenüber dem Einsatz von „Klang“ äußerst eingeschränkt, was die Offenheit gegenüber einer möglichen Kreativität eines Nicht-Musikers anbelangt, da besagter Spielraum gegebene Strukturen, das nötige Handwerk und anerzogenes Wissen mit einbeziehen muss, während eine reine Klangerzeugung erst einmal weitgehend ungebunden und frei von solchen Aspekten ist. Für die Entwicklung einer Kreativität, wie sie in einer Gruppe angefragt ist, die naturgemäß keine oder nur vereinzelt Musiker aufweist (z.B. auch in einem Unternehmen) wäre also die reine Klangerzeugung zunächst experimenteller Art zielführender als der Einsatz eines Metiers, der Handwerk, Struktur etc. voraussetzt und der deshalb in einer solchen Gruppe die Kreativität eher blockieren würde. Man stelle sich einfach einen Urmenschen vor, der zum ersten Mal mit einem Holzstock gegen einen Felsen schlägt und erkennt, dass dieser Vorgang klingt. Er findet das zunächst interessant, beeindruckend usw.. Aufgrund seiner Bewusstheit und Intelligenz aber ist er in der Lage, das Ganze zu verfeinern und weiter zu entwickeln, bis Jahrtausende später

Elektronische und akkustische Klangexperimente sind für jedermann möglich. Voraussetzung hierfür ist vor allem ein offenes Gehör.

Dinge entstehen wie eine Stradivari. Ein Nicht-Musiker hat also zunächst etwas entdeckt, was der Weiterentwicklung würdig ist, was dann entsprechende Spezialisten oder Experten tun. In seiner ursprünglichen Erfahrung hat der Urmensch zwar nicht beabsichtigt oder wissen können, was letztendlich daraus entstehen kann, aber ohne seine Erfahrung und den daraus entstandenen Impuls hätte sich auch nichts getan. Eine Stradivari aber kann nur ein Musiker, Experte, Übender, Handwerker etc. bauen bzw. bedienen, es muss aber eben ein Musiker sein. Für Nicht-Musiker (was die meisten Menschen von uns sind) ist jedoch für das eigene Tun nur die ursprüngliche Erfahrung zugänglich und im kreativen Prozess einsetzbar. In unserem Projekt „Forschende Kunst“ wollen wir ja Kreativität und Innovatives erzeugen. Im Idealfall soll eine kreative Produktions-Technik und Entwicklungs-Methodik entstehen, und zwar ausgehend von etwas,

das klingt und über das Sinnesorgan Ohr geht. Musikern gelingt dies eher mit Musik und Nicht-Musikern eher mit Klang. Musiker können also eher eine Atmosphäre von Kreativität und Innovation erzeugen, indem sie von ihrem Handwerk ausgehend Neues für die Musik schaffen (hier sei die Improvisation als zielführendes Mittel erwähnt), während Nicht-Musiker diese Atmosphäre eher erzeugen können, indem sie wie die Kinder unvoreingenommen und frei agierend in Klang eintauchen. In unserem Workshop sind überwiegend klangliche Ausflüge entstanden, denn es waren nicht nur Musiker involviert. Hätte jemand gesagt, wir müssten mit Musikinstrumenten agieren, wäre das mehr als der Hälfte der Teilnehmer schwer gefallen, da Musikinstrumente mindestens unbewusst mit bestimmten Erwartungen von Können und Erlerntem in Verbindung gebracht werden, was Nicht-Musiker nicht bieten können und diese erwartungsgemäß blockieren muss.


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Tropfen

Das Wasser wurde entdeckt, denn es träumte so laut und förmig Von ihm tropfte die Gestaltung der Welt Es bremste das Geräusch des Windes Von oben nach oben von unten nach unten kam der Regenklang so weit entfernt dass die Hände ihn fassen konnten Sogar die Augen sahen die Note wachsen, die stillen Büchsescherben den Ton des Meeres trinken und das Boot darauf laut in sich versinken

Alessandra Brisotto

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Das Wesen von Kreativität Kreativität als Lebensform und als Impuls für Innovation Text: Robert Schlund

Der Begriff „Kreativität“ lässt sich nicht so leicht fassen oder definieren, sondern eher umschreiben. Dies liegt wohl daran, dass „Kreativität“ nichts Eindeutiges und für jeden Menschen Gleiches ist – der Zugang zu Kreativität ist immer individuell. Im Laufe des nun folgenden Textes wurden diese umschreibenden Begriffe kursiv gesetzt, um die Bedeutung des Begriffes „Kreativität“ in seiner Tiefe zu verdeutlichen. In der Wortwolke auf Seite 29 können die wichtigsten Begriffe in einer Gesamt-Übersicht nochmals betrachtet werden. Ziellosigkeit Jeder Mensch hat einen anderen Zugang zur Kreativität. Kreativität ist in jedem Einzelnen von uns bereits vorhanden und wartet nur darauf, ausgedrückt zu werden. Das könnte zusammenhängen mit dem Kinde in uns, also unserem Ursprung, das nicht aufgehört hat zu existieren und vielleicht vergessen worden ist. Mit dem Erwachsenwerden und den vielen Entscheidungen, die wir für unseren Lebensweg treffen mussten, haben wir den Bezug zu uns selbst verloren. Wir haben einen Filter in unsere Wahrnehmung eingebaut, der uns das Leben erleichtert, uns aber zugleich von der Wirklichkeit entfernt. Wie können wir Zugang zur einer ursprünglichen Haltung finden? Wir wissen, dass Kinder sehr gefühlsbetont sind und intuitiv handeln, spielerisch mit den Dingen und ihrem Gegenüber umgehen und dabei alle ihre Sinne einsetzen, die sich durch das Spielen wiederum weiterentwickeln und vertiefen. Sie sind spontan und probieren aus, improvisieren mit ihren oft eingeschränkten Möglichkeiten und sind dabei eben auf ihre Kreativität angewiesen. Kindliche Vorgehensweisen entsprechen der Kreativität in vielerlei Hinsicht, beziehen aber noch nicht alle Aspekte ein. Kinder sind auch nicht nur kreativ, denn sie können durchaus zielgerichtet agieren, was die Kreativität eher nicht tut. Denn sie sind schon durchaus selbstbewusst, mithin egoistisch auf gewisse Dinge aus, die sie erreichen wollen,

haben bereits ihr Ego entdeckt, das ihr Potenzial zu einer nachhaltigen Kreativität einzuschränkt. (Von einer ego-bezogenen Kreativität soll hier nicht die Rede sein, da eine solche Kreativität destruktiv sein kann – siehe auch unter nächster Überschrift „Die angemessene Haltung“.) Die Ausrichtung auf einen Zweck erfolgt beim Kind eher unbewusst. Der einzige Zweck ist (quasi „instinktiv“) das sich Bewegen und Entwickeln, damit all die Dinge erlernt werden, die zum Leben benötigt werden. Die Ziel- und Zweckgebundenheit schränkt die Gesamtsicht auf die Dinge meistens mit zunehmendem Alter ein und schmälert damit die Kreativität, welche Voraussetzung für innovative Entwicklungen wäre. Innovationen entstehen am besten, wenn die Kreativität nicht von äußeren Zwängen eingeschränkt wird, also auch nicht von Erwartungen. Sie benötigt also eine möglichst große Freiheit, damit aus dem Nichts (zweckungebunden) ein Etwas (offenes Ziel) entstehen kann, wenn also die Dinge gefunden und nicht gesucht werden. Diese Freiheit kann nur gelebt werden, wenn auch die Dinge selbst (vor)urteilsfrei betrachtet werden können, also so, wie sie sind. Die Freiheit macht aber wiederum nur dann Sinn, wenn wir behutsam und achtsam mit allem umgehen, wenn wir der Welt (oder im Sinne der Musik: dem Weltenklang) zuhören, in sie hinein spüren. Die angemessene Haltung Frei aber achtsam sein heißt, eine positive Haltung gegenüber der Umwelt einzunehmen. Es stellt sich in der Auseinandersetzung mit der Kreativität heraus, dass das Positive in einer erfolgreichen Innovation sehr wichtig ist. Denn wenn die positive, lebensbejahende Richtung in der Grundhaltung nicht gelebt wird, erhält man vielleicht auch ein kreatives Ergebnis, das jedoch zerstörerisch wirkt, im Umkehreffekt die Kreativität selbst zerstört und im schlimmsten Fall für egoistische Machtzwecke missbraucht wird. Die Menschen streben aber im Grunde nach Anerkennung – ob sie das nach außen gewalttätig oder friedlich zu erreichen versuchen. Zunächst ist also die Kreativität in ihrer positiven Auswirkung gefährdet.

Das jedermann bekannte „Klecksbild“ drückt sehr umfangreich aus, wie Kreativität funktioniert. Nächste Seite: Für die Bildende Kunst kann dieses Prinzip sehr nützlich sein

Im Zusammenhang mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit können Menschen gesellschaftliche Anerkennung dann dauerhaft erreichen, wenn sie den positiven Teil der Kreativität beachten. Dieser Bereich betont das Aufbauende der Kreativität, während der Missbrauch auf Dauer gesehen die Zerstörung des Gegenstandes und letztendlich sogar die Zerstörung der Kreativität hervorbringt. Für das Nachhaltige der Kreativität ist also eine Haltung entscheidend, die achtsam mit der Umgebung/Umwelt umgeht und damit Verantwortung für deren Erhalt übernimmt. Eine solche verantwortungsbetonte Haltung ist nur möglich, wenn sie authentisch und nicht gespielt ist – ein Aspekt, der gleichermaßen zur (nachhaltigen) Kreativität gehört. (Anm.: Das wäre die Voraussetzung für eine positive, gewaltfreie Zukunft) Alleinsein und Ruhe Eine wichtige äußere Bedingung, wenn nicht gar Voraussetzung für das Entstehen von Kreativität ist die Möglichkeit von Ruhe, Zurückgezogenheit, Alleinsein (können). Das sind Voraussetzungen, mithilfe derer man sich auf das Gegenwärtige konzentrieren kann. Das Gegenwärtige als Fokus und die Gegenwärtigkeit des Kreativen, der in sich selbst ruht, sind für


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die Entwicklung einer neuen Idee unumgänglich. Empfindlich gestört wird zwar dieses Sein im Jetzt durch Unruhe oder Lärm von außen, andererseits benötigt die Kreativität dennoch Anregung, jedoch wohl eher von innen bzw. in der Gruppe von einer gemeinsamen Konzentration auf einen Gegenstand. Befruchtend für Kreativität ist in diesem Zusammenhang die Möglichkeit, sich eine Zeit lang in stiller Klausur zu befinden, um sich danach mit anderen Interessensverwandten, die sich idealerweise ebenso in Klausur befanden, über einen Gegenstand auszutauschen und damit diesen so offen wie möglich zu beleuchten und im Idealfall den einfachen Kern der Sache besser und leichter zu erkennen. Aus diesem Prozess hin zu einem einfachen Kern entsteht Klarheit und damit in Folge authentisches, weil bewusst-klares Handeln. Handeln und Praxis sind für die Kreativität dabei wie Nahrung, mit der sie sich weiterhin aufrecht erhalten kann. Offenheit Wichtig für die Kreativität ist nicht nur die Ziel- und Zweckfreiheit, sondern auch die Wertfreiheit, z.B. gegenüber Ängsten oder Ungewohntem, gegenüber dem Anderen oder der Unsicherheit. Für die Kreativität ist es elementar, Ungewohntes zuzulassen, Strukturen aufzulösen, Fehler zu machen, Unbewusstes und Chaos zuzulassen, die Kontrolle aufzugeben und auch Angst zu haben. Nichts sollte die Kreativität davon abhalten, intuitiv und ästhetisch und weniger analytisch zu denken, damit auch Unerwartetes und unlogisch Erscheinendes zuzulassen. Das heißt auch, die Schönheit in ihrer Unvollkommenheit zu erkennen. Perfektion oder Vollkommenheit extistiert für die Kreativität nicht, weil sie anerkennt, dass es so etwas nicht gibt, niemals geben wird. Man sollte sich nicht von einer vermeintlichen Vollkommenheit blenden lassen. Kreativität erkennt, dass sich alles ständig ändert, sich immer auf dem Weg befindet, der zwischenzeitlich den Anschein macht, ein Ende zu haben, der aber nie aufhört. Die Welt bleibt nur in ihrer Unfertigkeit bestehen und deshalb lässt sich die Kreativität um so mehr von ihr zu neuen Ideen inspirieren. Muse Es gibt neben der Wert- und Zweckfreiheit noch eine weitere Freiheit, die die Kreativität für sich beansprucht: Es ist die Zeitfreiheit, auch Muse genannt. Wie gesagt, braucht die Kreativität für ihre Konzentration auf die Aspekte der Welt nicht nur einen Frei-

raum in Ruhe und Zurückgezogenheit, sie benötigt, um Ruhe entstehen zu lassen oder eine entstandene Ruhe für sich nutzbar zu machen, zunächst Zeit – wenn nötig viel Zeit, gegebenenfalls verschwenderisch viel Zeit – und auch die Möglichkeit, nichts tun zu dürfen. Dies ist in unserer heutigen Zeit der zunehmenden Beschleunigung (und des zunehmenden Aktionismus) nicht leicht. Um so wichtiger ist es, sich diesen Aspekt bewusst zu machen, weil dieser für die Kreativität die wichtigste äußere Bedingung überhaupt sein kann. Dieses „Nichts-tun“ oder „Nichtstun-dürfen“ gewährleistet, dass man

Dinge entdecken kann, die bisher nicht im Bewusstsein gewesen sind. Durch das „Nichts-tun“ ist man unvoreingenommen und findet einfach Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat, die schon immer da waren, die aber noch niemand beachtet hatte. Anders ausgedrückt: Der Kreative sucht nicht, sondern er findet, indem er sich vornehmlich in der Welt der Intuition und des Unbewussten oder sogar des Nicht-Wissens bewegt und für alles Kommende offen ist. Man kann sich den Zeitaufwand, der zu einem Geistesblitz führt, wie einen Weg vorstellen, der einer langen Wanderung bedarf – mit immer wieder

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neuen, hoffentlich vorübergehenden Irrwegen durch oft unwirtliches, ausgetrocknetes Gelände. Auf diesem Weg muss man viel Kraft, Ausdauer und Geduld aufbringen und weiß nie, ob man überhaupt auf dem richtigen Weg ist. Diesen unbequemen Zustand muss ein kreativer Mensch oder das entsprechende Team aushalten können, um wohlgemerkt nur eventuell zu einem Ziel zu gelangen. Ein Kreativer muss also einen langen steinigen Weg ohne Garantie auf Erfolg akzeptieren können, bevor er sich auf den Weg macht. Um das zu können, darf er sich in Bezug auf die Kreativität nichts vormachen. Was er braucht, um seinen Weg durchzustehen, ist die Fähigkeit zu Hingabe und Leidenschaft. Im Wort „Leidenschaft“ steckt nicht umsonst das Wort „Leiden“. Er muss also auch bereit sein zu leiden, um etwas Neues entdecken zu können. Diese Leidenschaft wird es ihm letztendlich ermöglichen, Mut (zur Verzweiflung) aufzubringen und Neuland zu entdecken. Kreative Menschen benötigen somit ein starkes Selbstvertrauen, um das Vertrauen gegenüber der Welt aufzubauen, damit sie letztendlich doch mit Erfolg belohnt werden. Falls der Erfolg nicht eintritt, ist umso mehr Selbstvertrauen nötig. Fazit Verantwortungsbewusste und nachhaltige Kreativität kann man am ehesten dadurch erkennen, dass eine Offenheit spürbar ist für alle Belange der Welt, dass sie sich nicht in Verbissenheit, sondern in humorvollem (und nicht zynischem) Umgang äußert. Man darf von der Kreativität nichts erwarten, damit sie kommen kann, denn auch in einem erfolgreichen Ergebnis wird sich herausstellen, dass die Lösung nie eine ganz fertige sein wird. Dennoch verändert und formt die Kreativität die Welt.

Sie kann die Menschen öffnen und zusammenführen, Klarheit und Gleichgewicht zwischen Verstand und Gefühl schaffen und somit Identität und nicht zuletzt den Teamgeist in einem Unternehmen. Kreativität und unternehmerisches Handeln Einer der ursprünglichen Aufgaben bei „Forschende Kunst“ ist die Behandlung der Frage, wie man Kreativität für Innovationen auch in der Wirtschaft nutzbar machen könnte. Der Weg kann hier über die Musik oder den Klang führen – allerdings weniger bei der gezielten Produktinnovation, sondern vielmehr im Bereich der Human Resources. Denn Produktinnovationen erfordern Ergebnisse, die verkauft werden und einem harten Konkurrenzkampf auf dem Markt bestehen müssen. Die Erwartung bei der Produktentwicklung, wertschöpfende Innovation zu schaffen, blockiert die Kreativität, wie wir sie verstehen, gleich zu Beginn des Prozesses. Man kann bei Produktinnovationen zwar bewährte Kreativitätstechniken anwenden – jedoch können hier Musik oder der Klang nur wenig ausrichten. Was jedoch die „weicheren“ Aspekte betrifft – gemeint sind die beteiligten Menschen und nicht das Produkt – wäre einem Unternehmen durchaus geholfen, wenn man die positiven Wirkungsweisen der Musik/ des Klanges durch die nonverbale und also durchaus ungewohnte Kommunikation in ein Team einfließen ließe. Die Qualität dieser völlig andersartigen Kommunikation könnte bei den Teilnehmern eine Haltung der Unvoreingenommenheit und des freien Umgangs miteinander herbeiführen. Der Klang drängt den Teilnehmern auf natürliche Weise eine fast unausweichliche Gemein-

samkeit in einem klar abgesteckten Zeitrahmen auf. Dies kann zu einem positiven, weil Zugehörigkeit und Freude schaffenden Erlebnis führen. Die erlebte Zugehörigkeit (durch gelebtes Vertrauen zueinander) und das Gefühl der gemeinsamen Stärke würde mit dieser Technik ein Team dergestalt „zusammenschweißen“, dass der so entstandene Teamgeist zukünftig anstehende Probleme leichter lösen kann. (Es kommt ja in Teams nicht allzu selten vor, dass man sich gegenseitig behindert oder gar bekämpft und deshalb zu keinen oder zu unbefriedigenden Ergebnissen kommt). Für das Unternehmen wäre es also durchaus denkbar, die Kreativität der Musik/des Klanges für ein besser funktionierendes Team zu nutzen, das aus einer Entkrampfung heraus – gegebenenfalls in Kombination mit mit weiteren Kreativitätstechniken – innovative Ideen entwickeln könnte (siehe Grafik unten). Musik als unausweichlicher Ausdruck Unabhängig vom Thema „Kreativität“ sei auf den Aspekt der Zeit in der Musik und im Klang hingewiesen, der hier eine ganz besondere Qualität entfaltet. In der Musikperformance offenbart sich der Ausdruck von Musik zwangsläufig und in einem klar festgelegten Zeitfenster, das die Beteiligten in ein gemeinsames Erlebnis zieht, dem man sich kaum entziehen kann, da es nicht möglich ist, die Ohren zu schließen und sich zudem das Musik- oder Klangerlebnis in einem gegebenen, unausweichlichen Zeitrahmen offenbart. Diesen Effekt können nicht alle Künste für sich beanspruchen. Vor Werken der Bildenden Kunst beispielsweise könnte man die Augen verschließen. Insofern hat ein klangliches Erlebnis sowohl etwas Verbindendes als auch etwas Verbindliches.

Denkbare Interaktion zwischen der Kreativität (Kreis) und einem Unternehmen (Quadrat): Beide befinden sich in zwei verschiedenartigen Sphären. Nachdem die Kreativität die Sphäre des Unternehmens durchdrungen hat, hat das Unternehmen eine sichtbar bessere Ausstrahlung. Bild rechts: Vorbereitungen zum Festival für experimentellen Raumklang „Quadrophonia 1“ in der Zentrifuge am 21. und 22. Mai 2010 (Foto: Robert Schlund)


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Der ästhetische Prozess Herleitung, Methodik und Praxis Text: Michael Schels

Die Zentrifuge hat sich im Laufe der Jahre von einer Künstler- und Vernetzungsplattform zu einem Ideeninkubator und Impulsgeber für Innovation entwickelt. Was anfangs noch vorwiegend intuitiv geschah, haben wir zunehmend reflektiert und bewusst ausgearbeitet. Besonderes Augenmerk richteten wir auf die Ästhetik – und zwar im eigentlichen Sinne des Begriffs: „Wahrnehmung“. Wie nehme ich meine Umgebung und mich selbst wahr, wenn ich in einen freien Austausch trete? Was geschieht, wenn ich mich von Vorbehalten frei mache und mich einem unbestimmten Geschehen mit größtmöglicher Achtsamkeit hingebe? Wie kann ich meine schöpferische Kraft entfalten und diese im gemeinsamen Tun erfahren und einbringen? Mit „Forschende Kunst“ reflektieren wir unsere Arbeit und legen dabei Prozesse und Methoden frei, die sich bei Entwicklungsprozessen normalerweise eher beiläufig oder unbewusst abspielen. Ziel dabei ist, die Qualität und das Potenzial unseres Tuns deutlich und für andere Zusammenhänge fruchtbar zu machen. Nach unserem bisherigen Erkenntnisstand ist der ästhetische Prozess, wie wir ihn verstehen und einüben, ein äußerst wirksames Verfahren, um einen konstruktiven und nachhaltigen Austausch zwischen Menschen als denkenden, fühlenden und handelnden Wesen herzustellen. In dieser Art von Begegnung erzeugen wir eine Atmosphäre von Freiheit und Sensibilität, aus der heraus Begriffe wie Authentizität, Inspiration oder Identifikation mit Leben gefüllt werden. Die Beteiligten kommen in der Begegnung zu sich, werden für geistige und physische Phänomene sensibilisiert, erkunden ihre eigenen Potenziale und die ihrer Mitmenschen und lernen Möglichkeiten kennen, sich abseits von Konventionen neu auf die Welt einzulassen und sich darin zu bewegen. Die Zentrifuge erweist sich mit „Forschende Kunst“ als Trainingscenter und Labor für einen einfühlsamen, achtsamen Zugang zur Welt – und dies ohne ideologischen Überbau, ganz aus uns selbst heraus. Wir lernen uns dabei als Menschen neu kennen und verstehen. Der ästhetische Prozess wirkt als Initiation

für Menschen, die ahnen, dass ihre Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind und die ihre Spielräume im Denken, Fühlen und Handeln erweitern möchten. Wie gelingt nun ein solcher „ästhetischer Prozess“? Wir haben mehrere Aspekte identifiziert, die wir für grundlegend erachten: Interdisziplinarität, Offenheit, Begegnung, Achtsamkeit, Toleranz, Geduld, Vertrauen, Mut. Und ganz besonders: die Kunst. Beim ästhetischen Prozess spielt nach unserem Verständnis die Kunst eine wesentliche Rolle, da sie exemplarisch für die Möglichkeit steht, die Welt und ihre Gelegenheiten aus größtmöglicher Freiheit heraus wahrzunehmen. Aus dieser besonderen Wahrnehmung erwächst ein existenziell höchst anspruchsvolles Selbstverständnis, das die Beteiligten geradezu dazu nötigt, sich als Künstler zu verstehen und etwas „Eigenes“ zu schaffen, was gemeinhin einem Genius oder wenigstens einer Inspiration entspringt. Solchen produktiv wirksamen Idealvorstellungen können wir uns als begrenzte Wesen nur annähern, doch legen wir bei Forschende Kunst Wert darauf, dass der ästhetische Prozess von Künstlern begleitet wird, die diesen unbedingten Anspruch an Freiheit und Ausdruck wach halten und in mancherlei Hinsicht vielleicht sogar verkörpern. Wir können und wollen hier keine Betriebsanleitung für Kreativitäts- oder Innovationsprozesse liefern. Unsere Darstellungen geben jedoch Hinweise für gelingende Entwicklungsprozesse in Teams, Unternehmen oder Organisationen. Diese Prozesse sind (re-)produzierbar, aber aufgrund der Freiheit, die wir von vornherein fordern (müssen), sind die Ergebnisse des ästhetischen Prozesses im Vorfeld nicht absehbar und damit unkalkulierbar. Der ästhetische Prozess, wie wir ihn verstehen, ist nur möglich, wenn er ohne vorgegebene Ziele auf den Weg gebracht wird. Vertrauen in die konstruktive Kraft der Menschen, die sich auf den ästhetischen Prozess einlassen, setzen wir unbedingt voraus. Wer dieses Vertrauen nicht zu schenken bereit ist, wird den ästhetischen Prozess nicht erfahren und an dessen Ergebnissen nicht teilhaben können.

Implementierung Wie kann nun ein solcher Prozess, der per se keine vorgegebenen Ziele zulässt, überhaupt als Prozess installiert werden? Es lassen sich einige Elemente identifizieren, die den Rahmen bilden für einen Freiraum, in dem der ästhetische Prozess zur Entfaltung kommt. So kann man im Vorfeld einen Bereich festlegen, dem sich der ästhetische Prozess widmen soll – dies kann z.B. das Feld der Organisation, der Produkt- oder der Personalentwicklung sein. Je nach Themensetzung entwickeln wir die Zusammenstellung des Teams mit einer interdisziplinären Mischung aus internen und externen Teilnehmern. Entsprechend der Philosophie von „Forschende Kunst“ wird mindestens ein Künstler (Musiker, Bildender Künstler, Schauspieler o.ä.) in den Prozess eingebunden. Der ästhetische Prozess wird auf mindestens drei Workshoptage angelegt, bei denen alle Beteiligten durchgängig dabei sein sollten – Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Prozess wird von zwei im ästhetischen Prozess erfahrenen Coaches moderiert, wobei diese die Rolle eines teilnehmenden Beobachters einnehmen, d.h. sie bringen sich in den Prozess wie die anderen Teilnehmer ein, reflektieren, begleiten und dokumentieren ihn aber auch. Aufgabe der Coaches ist es, in die Philosophie des ästhetischen Prozesses einzuführen, ein Bewusstsein für das schöpferische Potenzial in jedem Einzelnen und im Team zu schaffen und damit eine größtmögliche Offenheit und Achtsamkeit herzustellen, was den ästhetischen Prozess in Gang bringt. Wirksamkeit Auch wenn der ästhetische Prozess bewusst ohne Zielvorgaben beginnt, so tragen die TeilnehmerInnen doch in sich bereits Potenziale für mögliche Realisierungen, die sich im Laufe des Prozesses zeigen, ausdifferenzieren und transformieren. Der ästhetische Prozess verlangt von jedem der Beteiligten eine größtmögliche Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und den eigenen Möglichkeiten und ebenso mit den Wahrnehmun-


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gen und Potenzialen der anderen. In dieser Begegnung entsteht etwas Neues, das nicht vorhersehbar ist, das jedoch im gemeinsamen Austausch geprüft und voran gebracht wird. Am Ende des Prozesses entsteht ein im freiwilligen Konsens und von allen Beteiligten getragenes Ergebnis, das die Basis für künftige Projekte und/ oder Maßnahmen bildet. Unternehmen oder Organisationen, die diesen Prozess strategisch implementieren, gewinnen einen Zugang zu bislang ungeahnten Ressourcen, die nicht nur

als Ideen wertvoll sind, sondern die auch nachhaltig sind, da sie von den Beteiligten „im Innersten“ entwickelt wurden und somit von diesen auch vertreten und gelebt werden. Der ästhetische Prozess erschließt das intrinsische Potenzial eines Unternehmens oder einer Organisation und ermöglicht es den Beteiligten, sich in ein originäres, verantwortliches und selbstbestimmtes Verhältnis zur eigenen Arbeit zu setzen. Wer auf diese Weise Mitarbeiter an der Entwicklung

Einer der ersten Charts zur Visualisierung des ästhetischen Prozesses

des Unternehmens teilhaben lässt, schafft eine Authentizität und eine größtmögliche Potenzialentfaltung, die im ganzheitlichen Sinne dem Menschen UND dem Unternehmen dient. Wir sind überzeugt: Unternehmen, die den ästhetischen Prozess integrieren, beginnen von innen zu strahlen und werden ganz neue Wege gehen in Richtung einer nachhaltigen, menschenwürdigen und empathischen – mithin ästhetischen Zukunft.

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Die ästhetische Dimension als Innovationstreiber Text: Ronald Zehmeister

Dieser Artikel basiert auf einem Zentrifuge-Workshop, der im März 2014 im Rahmen eines Business-Kongresses zum Thema „Innovation und Nachhaltigkeit“ durchgeführt wurde. Dieser Workshop präsentierte Ergebnisse, Erkenntnisse und Methoden aus dem Projekt “Forschende Kunst” und stellte diese zur Diskussion. „Ästhetik“ ist ein vielschichtiger Begriff, der sich im Laufe der Geschichte mit mehreren Bedeutungsebenen angereichert hat. Ursprünglich stammt der Begriff aus griechisch „aἴsthēsis“ (αίσθησις) und bedeutet schlicht „Wahrnehmung“ oder „Empfindung“. Im 18 . Jahrhundert wurde die „Ästhetik“ als philosophische Disziplin in den modernen Sprachgebrauch eingeführt. Ästhetik stellt hierbei eine eigenständige Weltinterpretation neben etwa Rationalität oder Ethik dar. Ein berühmter Vertreter ist beispielsweise Immanuel Kant, der in der „Urteilskraft“ ein Vermögen identifiziert, das weder durch „theoretische“ oder „praktische Vernunft“ allein ganz erklärt werden kann. Friedrich Schiller sah in seiner Schrift „Über die

ästhetische Erziehung des Menschen“ in der Ästhetik gar das Mittel, um den Menschen, modern gesprochen, „ganzheitlich“ zu stimulieren und zu bilden. Auch das, was man Sinn-Dimension nennt, wird auf spielerische Weise eingelöst. Heutzutage sieht man Ästhetik eher als wissenschaftliche Lehre im Umfeld von etwa „Design“. Man weiß, was, warum und wie etwas ästhetisch wirkt. Im Alltagssprachgebrauch wiederum ist ästhetisch alles, was mit „Verschönerung“ zu tun hat. Man denke nur an das moderne Geschäft mit körperlich-ästhetischer Perfektionierung. In den Workshops, die von der Zentrifuge durchgeführt werden, steht die Ästhetik bewusst als besondere, eigenständige, philosophische Weltbetrachtung im Vordergrund: als Wahrnehmung im ganzheitlichen Sinn. Die Frage nach einem speziellen „ästhetischen Erlebnis“ ruft, wenn man sich darauf einlässt, eine ganze

Reihe lebendiger Assoziationen hervor. Es fällt zunächst auf, dass alle Sinne beteiligt sind. Es handelt sich um ein holistisches Erlebnis. Eine Wertung im Sinne von „falsch“ oder „richtig“ ist in diesem Zusammenhang letztlich zwecklos. Der Verstand versucht zwar, zu argumentieren, aber er merkt, dass seine Mittel nicht ausreichen. Es ist kaum oder schwer zu erklären, was einen ergreift – und gerade das macht den Reiz ästhetischer Erlebnisse aus. Es handelt sich um eine andere Logik, die auch eine andere Art von Erkenntnis vermittelt. In aktuellen Diskursen, die sich mit Innovation und Nachhaltigkeit beschäftigen, herrscht hauptsächlich der Verstand vor. Das ist auch durchaus deutlich spürbar. Logische Argumente werden etabliert und ausgetauscht, die Effizienz wird berücksichtigt, rationale Methoden ersonnen. Die ästhetische Dimension wird dabei gar nicht oder kaum in Betracht gezogen. Dabei ist gerade sie ein entscheidender Faktor bei erfolgreichen Produkten und Dienstleistungen – ganz besonders in der langfristigen


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Perspektive. Es lässt sich sogar die These aufstellen: je ästhetischer ein Erzeugnis, umso nachhaltiger ist es. Dasselbe gilt auch für Innovation. Mit einem drei-dimensionalen Modell, das die ästhetische Dimension berücksichtigt, lässt sich eine Bewertungs-Matrix erstellen, die sich gut zur Analyse von Produkten oder Dienstleistungen eignet:

Es sind Produkte denkbar, die nur innovativ oder nur nachhaltig sind. Manche Consumer-Electronics-Produkte setzen zum Beispiel hauptsächlich auf eine schnelle Verbreitung im Markt, wohl wissend, dass eine höhere Leistung bald auch wieder neue Begehrlichkeiten wecken wird. Andererseits verschafft das Label „Nachhaltigkeit“ Kaufargumente für

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Produkte, die gar nicht unbedingt innovativ sein müssen. Sehr viel Wert wird im Moment auf eine möglichst gleichwertige Betonung der beiden Achsen „Nachhaltigkeit“ und „Innovation“ gelegt. Eine entsprechende zweidimensionale Matrix kann sehr gut ein Modell dafür abgeben. High-Tech und gleichzeitig Effizienz lauten in etwa die Schlagworte. Doch was passiert, wenn man nun zusätzlich auch die ästhetische Dimension berücksichtigt? Nicht nur im Sinne von Design wohlgemerkt, sondern in ganzheitlicher Weise. Es lässt sich feststellen, dass diese Dimension eine Hebelwirkung auf die beiden anderen Achsen haben kann. Wer in die ästhetische Dimension investiert, profitiert automatisch auch im Sinne der Nachhaltigkeit und im Sinne der Innovation. Es lohnt sich, bestimmte Ikonen in der Geschichte der Produkt-Welt oder besondere Neuerungen der Kulturgeschichte einmal nach diesem Modell zu analysieren.

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Musik, morgen Ein Plädoyer für die Kunst Text: Eric Juteau, Otmar Potjans, Michael Wolf

In unseren Betrachtungen gehen wir vom Wechsel des 19. Jahrhunderts in das 20. Jahrhundert aus. Wir begründen mit einigen Beispielen den Weg der Demokratisierung und Diversifizierung der Musik und spüren daran orientiert dem Sinn nach, den Musik für das Individuum und die Gesellschaft morgen haben kann. Unzweifelhaft hatten auch die beiden schrecklichen Kriege einen großen Einfluss auf das Geschehen und die Entwicklung der Musik, wir verzichten an dieser Stelle jedoch auf diesbezügliche Betrachtungen. Freiheit Albert Einstein entwickelt die Relativitätstheorie, Sigmund Freud die Lehre von der Psychoanalyse, der erste Zeppelin wird gebaut, das Auto entwickelt sich zum Massenprodukt, Ronald Amundsen erreicht den Südpol, die Titanic kollidiert mit einem Eisberg. Die technischen Errungenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts ermöglichten eine gewaltige Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung. So kam es in Folge der neuen Möglichkeiten zu einer nie da gewesenen Urbanisierung. Die Städte wuchsen in rasantem Tempo, das Stadtleben veränderte sich dramatisch. Ein Beispiel für eine Entwicklung, die neue Möglichkeiten schaffte, war die Elektrifizierung der Beleuchtung. Es ist sicher berechtigt, den Ersatz der Kerze durch die Glühbirne als Symbol für die grenzenlosen Möglichkeiten und eine neue Dimension in der Unabhängigkeit zu verstehen. Die Menschen konnten ohne Risiken die Nacht zum Tag machen. Das Stadtleben konnte jederzeit stattfinden. Arbeiten, aber auch Feiern war nachts möglich. Menschen mit den unterschiedlichsten Erfahrungen und Erwartungen trafen auf begrenztem Raum zusammen. Die Menschen wurden weiterhin ausgebeutet und arbeiteten viel. Aber es entwickelte sich auch eine Arbeiter- und Armenpolitik, die denen helfen sollte, die in Not geraten waren. Die Menschen glaubten an ihre Allmacht. Die Perspektiven waren hervorragend, die Lust auf Unterhaltung groß. Auf diesem Boden entwickelte sich eine neue Kultur der

Unterhaltung. Das Kabarett entstand, das Musical kam aus den USA nach Europa. Damit wandelte sich Musik zu einem großen Teil von der durch die Aristokratie finanzierten Kunst zu einem Kulturprodukt, das von einer größeren Menge an Zuhörern selbst finanziert wurde – finanziert werden musste. Das hatte zur Folge, dass diese Produkte mehr Menschen gefallen mussten, der Maßstab für die Durchführbarkeit aufwändigerer Produktionen war die Popularität der Aufführung. Die Ernsthaftigkeit der Inhalte wich der leichten Unterhaltung und dem Amüsement. Neben den gesellschaftlichen Veränderungen beschleunigten technische Entwicklungen, die direkten Einfluss auf die Musikproduktion hatten, die Welt der Musik in atemberaubendem Tempo. Aufnahmetechniken, Reproduzierbarkeit von Musik, bis zur Massenproduktion der Schallplatte mit hoher Wiedergabequalität, revolutionierten das Musikgeschehen. Nicht zu vergessen das Radio für jeden. Plötzlich konnte jeder zu jeder Zeit auch in seiner privaten Umgebung Musik hören. War der Rezipient bisher gezwungen, beim Entstehen der Musik anwesend zu sein, ob im Opernhaus oder auf der Kabarettbühne, konnte er nun an jedem beliebigen Ort, zu jeder beliebigen Zeit, die auf Platte verewigten Werke anhören oder das Programm im Radio verfolgen. Wir denken, dass in diesem Moment eine erste Diversifizierung von Musik in bis dahin ungekannter Dimension passierte. Etwas Ungeheures war geschehen. Die Musik als strukturierter Klang war bis dahin stets Vergangenes, sie war nicht wiederholbar. Das ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen visueller und auditiver Wahrnehmung. Das Bild bleibt, der Klang vergeht, ist stets Vergangenes. Daher geben wir der Entstehung der Musik eine weitreichendere Bedeutung in unserem Verständnis von Musik als Kunst. Mit einem einfachen Beispiel können wir das nachempfinden: Gehen Sie ins Konzert, wohnen Sie der Aufführung live bei, hören Sie sich die gleiche Aufführung zu Hause auf der hochwertigsten Anlage an – Sie spüren den Unterschied. Wir müssen beim Entstehen der Musik dabei sein, um die Kunst darin zu spüren.

Hermann Hesse: Das Konzert Die Geigen schwirren hoch und weich, Das Horn klagt aus der Tiefe her, Die Damen glitzern bunt und reich Und Lichtgefunkel drüber her. Ich schließe meine Augen still: Ich sehe einen Baum im Schnee, Der steht allein, hat was er will, Sein eigen Glück, sein eigen Weh. Beklommen geh ich aus dem Saal Und hinter mir der Lärm verklingt Von halber Lust, von halber Qual Mir blieb er unbeschwingt. Ich suche meinen Baum im Schnee, Ich möchte haben, was er hat, Mein eigen Glück, mein eigen Weh, Das macht die Seele satt.

Hermann Hesse. Die Gedichte, Band 1, suhrkamp taschenbuch 381, Erste Auflage 1977, S.431

Noch etwas ist geschehen, auf einer ganz anderen Ebene, eine Entwicklung, die heute wohl ihren Zenit schon überschritten hat: Die wirtschaftliche und damit eine äußerst mächtige Entwicklung. Es kam der Vermittler zwischen Musiker und Rezipient in die Welt. Die Musik musste als Massenware produziert und verkauft werden. Der Verlag, heute das Label, etablierte sich. Im wirtschaftlichen Interesse wuchs der Einfluss, den die Verleger auf die Künstler nahmen und nehmen. „…aus den Beatles (sind) zur Zeit der Veröffentlichung des ‚Sergeant Pepper‘-Albums exzellente Künstler geworden, professionell, witzig, einfallsreich, genial. Doch schon lange davor hatten sie aufgehört, Rockmusiker zu sein, nämlich als sie sich nicht mehr um das scherten, was sie sangen. Das Publikum hatte sichtlich einen immensen Bedarf nach Beatles-Platten – die Gruppe entsprach dem und veröffentlichte eine Platte nach der anderen. Doch zu sagen hatten sie nicht mehr viel; also amüsierten sie sich damit, herauszufinden, auf wieviele verschiedene Arten sich nichts sagen lässt.“ Gillett, Charlie. The Sound of the City: the Rise of Rock and Roll, (Outerbridge & Dienstfrey) New York 1970. S. 332. Zitiert aus Reebee Garofalo: Die Relativität der Autonomie, Schriftenreihe herausgegeben vom Forschungszentrum Populäre Musik der Humboldt-Universität zu Berlin


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Intuitiv musizieren mit dem iPad: Das Orphion ist eine von Bastus Trump entwickelte Sound- und Percussion-App für Multitouch-Screens.

Erfolg orientiert sich an den Chartplatzierungen und den Gewinnmöglichkeiten der Produzenten. Gut ist, was gefällt und sich verkaufen lässt. Man könnte darin eine gewisse Demokratisierung erkennen, wenn da nicht die großen Machtunterschiede wären. Die Musikindustrie nutzt die Möglichkeiten, Stars zu pushen und nicht selten erhalten die Rezipienten, die zum Konsumenten degradiert sind, Fastfood statt Kunst. Dennoch hat eine Demokratisierung stattgefunden – aus drei Gründen: Erstens kann nun wie oben beschrieben dank der Massenproduktion und der Entwicklung populärer Darstellungsformen jeder seine Musik hören, zweitens ist es Dank der wirtschaftlichen Entwicklung immer mehr Menschen möglich, ein Instrument zu erlernen und zum Dritten entwickeln sich entsprechend dem pluralistischen Zeitgeist unterschiedliche Musikformen, die zum Teil mit einfachen Mitteln und damit von mehr Menschen realisierbar sind. Auf dem Weg zur Musik von morgen Wieder einmal hat eine Revolution stattgefunden. Waren es gestern noch Schallplatten, Tonbänder und Kassetten, speichern wir unsere Musik heute auf unseren Telefonen oder machen

sie gleich selbst. Synthesizer sind aus der Mode, der Instrumentenbauer hat in dem Softwareentwickler eine Ergänzung erhalten. Früher musste man ein Instrument beherrschen, wenn man komplexere Musik erzeugen wollte als den eigenen Gesang, den man natürlich auch pflegen muss. Ein Musikinstrument beherrschen bedeutet jahrelanges Üben. Zeit und Geld mussten investiert werden – in das Erlernen des Instrumentes und in dessen Anschaffung. Dieses Hindernis, Musik zu machen, gibt es nicht mehr. Heute kann sich jeder mit geringen Kosten eine App aus dem WWW herunterladen, mit der er ohne große Vorkenntnisse Musik erzeugen kann. Aufnehmen, Bearbeiten und Verteilen sind heute von Autodidakten mit gängiger Softund Hardware zu realisieren. Das gilt auch für Produktionen mit akustischen Instrumenten. Heute verfügt man prinzipiell über die Mittel, Musik selbst zu produzieren und zu veröffentlichen. Bei der großen Reichweite des Internets wird sich wahrscheinlich auch für das absurdeste Werk eine Fangemeinde finden. Will der Musikerzeuger aber von seinen Werken leben, ist wieder die Zahl der Zuhörer ausschlaggebend. Die Anzahl der Klicks bestimmt die Einnahmen. Diesmal entscheidet aber stärker die Masse als der Produzent über den Erfolg. Einfluss durch

einen Vermittler gibt es nicht. Das liegt dran, dass als „Vermittler“ der Computer, der Server und die Verbindung ins WWW fungieren. Aber es geht nach wie vor um Popularität – und wenn es um Popularität geht, schreit das Medium Internet nach dem Video. Diese Entwicklung wird sich verstärken. Musikvideos, die man am heimischen Computer produziert, werden Massenware. Es wird neue Möglichkeiten geben, Klänge zu erzeugen, es wird neue Strukturen geben, es wird eine stärkere Verbindung der auditiven mit der visuellen Darstellung geben, der Vertrieb und die Kommunikation werden sich direkt zwischen Musikerzeuger und Rezipient abspielen. Es wird immer einfachere und günstigere Soft- und Hardware geben, die das Produzieren von Musik und Videos vereinfachen und gleichzeitig raffiniertere Ergebnisse liefern. Es wird Software geben, die mit Endgeräten ganz neue Klänge erzeugen. Diese unübersehbaren neuen Möglich­keiten führen zu einer beispiellosen Diversifizierung der Musik. Bisher konnten wir noch unterscheiden zwischen Liveprodukten und Musik aus der Konserve. Wir konnten sagen, dass wir Musik beim Entstehen erleben müssen. Und damit der Aufnahme den künstlerischen Anteil absprechen.

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In Zukunft müssen wir wohl anerkennen, dass Musik, die für ein Medium wie das Internet produziert wird, eine eigenständige Form der Kunst ist. Eine andere Form als die Musik, die im Konzertsaal entstehen muss, die nur dabei erlebbar ist. Ähnlich radikal sieht es mit der Demokratisierung aus. Jeder kann Musik machen, jeder kann sich an dem Urteil über das Werk beteiligen. Das heutige Hörverhalten lässt jedoch vermuten, dass sich die Kriterien bei der Beurteilung der Musik auf das eigene Wohlbefinden, auf die Stimmung und auf Motivation, die ich aus dem Stück erhalte, beschränken werden. Was mir gefällt und einfach zu konsumieren ist, ist gut. Dass die Gefahr der Fastfood-Abspeisung lauert, ist offensichtlich. Aber vielleicht sollten wir mit mehr Vertrauen in die Zukunft blicken, schließlich wollen heute immer mehr Fastfood-Liebhaber qualitativ hochwertiges Essen, Salat und Vollwert statt schnelle, fette Burger. Was ist der Sinn des Ganzen? Unterhaltungsmusik hat ihre Berechtigung. Aber wie die heutige Ökonomie verkauft sie Emotion ohne Tiefgang und Intensität, ohne tiefe, anhaltende Berührung. Sich damit zu beschäftigen ist wie Fernsehschauen: nett, bequem, aber meist vertane Zeit, Berieselung und Hintergrund­ rauschen. „Leider“ ist es mit dem Hören anders als mit dem Sehen: wir können kaum filtern – wie jeder

Besuch im Supermarkt mit seiner Kauflustweckberieselung immer wieder aufs Neue beweist. Andererseits macht gerade dieses Nichtweghörenkönnen das Besondere der Musik aus. Die Musik findet den direkten Weg zu uns. Wir können uns dem Klang nicht verschließen. Die Musik trifft direkt auf unsere Seele. Wir empfinden tiefste Gefühle, Trauer, Glück. Ein Werk von hoher Komplextät und Qualität kann aber noch viel mehr. Es verschiebt die Grenzen der sinnlich erkennbaren Welt Es schenkt uns Empfindungen, die über das sinnlich Erfahrbare hinausgehen: Schönheit, Wissen, Verbundenheit, Universum, Gott.

Hermann Hesse: Weg nach Innen Wer den Weg nach innen fand, Wer in glühndem Sichversenken Je der Weisheit Kern geahnt, Daß sein Sinn sich Gott und Welt Nur als Bild und Gleichnis wähle: Ihm wird jedes Tun und Denken Zwiegespräch mit seiner eignen Seele, Welche Welt und Gott enthält. Hermann Hesse Die Gedichte, Band 1 suhrkamp taschenbuch 381, Erste Aufiage 1977, S.433

Wir spüren, dass es nicht um uns allein geht, wir spüren, dass es um alles geht. Wir spüren, dass wir Teil der Gesellschaft sind, Teil der Welt.

In diesem tiefen Empfinden erfahren wir, dass es ein übergeordnetes Prinzip gibt, dass wir Teil eines Ganzen sind, … was immer das sein mag. Schönheit, Wissen, Verbundenheit, Universum, Gott zu fühlen, in uns zu finden, ist die große Chance für unser gemeinsames Leben auf diesem Planeten. Die Musik braucht dazu keine Religion, keine Märtyrer und keinen Prediger. Der Künstler ist der Botschafter, der uns mit seinem Werk die Harmonie in unsere Seele zurücklegt und uns versöhnt mit uns selbst und mit dem Universum. Egal, ob es um die göttliche Botschaft geht oder um die Sprache der Liebe. Die Kunst hat die Chance, Wissen und Verstehen über die Verbundenheit in die Welt zu bringen. Dafür müssen wir alle kämpfen, die Gesellschaft, die Rezipienten und die Künstler. Die Künstler müssen unabhängig von allen Systemen ihre Werke erschaffen, sie müssen mutig ihrer Intuition folgen und den Zugang zur Spiritualität öffnen. Die Rezipienten müssen sich voll Mut und Neugier aufmachen, aufmachen, um sich berühren zu lassen, aufmachen, um Neues zu finden. Wir alle sollten uns auf eine führende Rolle der Kunst in der Gesellschaft einlassen.

Die Ausstellung „Beziehungsalchemie“ in der Zentrifuge thematisierte auch die nahezu alchemistische Arbeitsweise der Zentrifuge: Aus intuitiv erprobten, durch Erfahrung angereicherten Vermischungen etwas Neues, Wertvolles schaffen. (Foto: Eckehard Fuchs)


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Der unternehmerische Gründungsprozess Text: Marie Claude Ekotto

Im Zusammenhang mit dem unternehmerischen Gründungsprozess werden in der Theorie meist betriebswirtschaftliche und rechtliche Grundlagen einer Unternehmensgründung vermittelt. Parallel geben für gewöhnlich erfolgreiche Unternehmer und GründerInnen gute Einblicke in die Praxis und berichten über ihre Erfahrungen. Der Beratermarkt bietet ebenfalls ein riesiges und differenziertes Angebot an Beraterleistungen, um UnternehmerInnen und GründerInnen bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee zu unterstützen. Wie aber wird eine Idee definiert? Wie wird eine Idee ausgelöst? Wie wird aus einer Idee eine Geschäftsidee? Woran kann ich eine durchdachte, erfolgversprechende Idee erkennen? Wie wird aus einer zündenden Idee eine Geschäftsidee? Von solchen Fragen wird der Gründer bzw. Unternehmer nicht unbedingt erleuchtet, was sein Engagement und seine inhärente Motivation und Begeisterung betrifft. Selbst wenn der Gründungspapst Günter Faltin einen Schub an Motivation einbringt, indem er behauptet: „Jeder kann ein Unternehmer werden. Mehr als eine kreative Idee braucht es nicht.“ In seinem Buch „Kopf schlägt Kapital“ vertritt der Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin darüber hinaus die These, dass ein gut durchdachtes Konzept auschlaggebender sei als das Kapital. Kreative Ideen zu haben und ein durchdachtes Konzept zu präsentieren, das verlangt Offenheit und Ehrlichkeit sowie die Fähigkeit, sich an Neues anzupassen. Der Unternehmer muss auf seine Fähigkeiten vertrauen können und seine Intuition bei der Ideenfindung und -umsetzung schärfen. Es handelt sich um einen nie endenden Prozess, in den sich der Unternehmer begibt. Unter diesen Gegebenheiten vermischt sich allmählich der Unternehmensprozess als theoretisches und praktisches Konstrukt mit der Kunst als schöpferischem Prozess. Denn in der Kunst verfügt der Künstler über die Zeit und schöpft die Möglichkeit aus, in Freiheit seine Ideen und Gedanken neu zu hinterfragen, zu erproben.

Die so gewonnen Erkenntnisse über den künstlerischen Prozess können dem Unternehmer ermöglichen, bewusster sein Unternehmensrisiko einzugehen. Der Unternehmer erhält ein besseres Verständnis für sein zukünftiges Handeln und seine anstehenden Tätigkeiten. Dank der Kunst ergeben sich Möglichkeiten, neue Begegnungen zu machen, neue Zusammenhänge wahrzunehmen. Der Unternehmer verfügt plötzlich ohne großes Tun über Zeit, seiner Idee schöpferische und innovative Gestalt zu verleihen, ohne den Anspruch zu haben, Künstler zu sein oder zu werden. Den unternehmerischen Prozess ästhetisch gestalten Forschende Kunst ist ein hoch ambitioniertes Zukunftsprojekt der Zentrifuge, das mit interdisziplinären Teams arbeitet, um herauszufinden, wie überhaupt das „Innovative“ aus der Kunst Impulse holen kann. Forschende Kunst geht der Kunst auf die Spur und fragt sich, was sich aus der Kunst auf die pragmatische Welt übertragen lässt. Die Gründer der Zentrifuge vertreten die Meinung, Kunst sei das letzte Refugium von Freiheit. Sie wollen nachvollziehbar machen, was wirklich wichtig und wertvoll ist und was für einen Preis wir dafür bereit sind zu zahlen. So habe ich nach dem Besuch des kreativen Workshops „Forschende Kunst 2: Musik und Klang“ aus meinen tiefst persönlichen Erkenntnissen festgestellt, dass ein Geschäftsplan mehr als nur ein Zahlenhaufen ist. Mit Hilfe des Business Models „Canvas“ hatte ich im Jahr 2013 in neun Schritten eine Geschäftsidee auf die Beine gestellt und schrittweise mit der Partnersuche begonnen. Die Organisation „Interkulturelles Zentrum Mbalmayo/Nürnberg“, die ich leite, hat das Hauptziel, Bildung und Kultur in ausgewählten Ländern wie z.B. Kamerun und Deutschland sowie Frankreich aktiv zu fördern und für jedermann/-frau durch Informationen und Projekte zugänglich zu machen. Durch diese Dynamisierung öffnen sich Möglichkeiten, Menschen

zu mobilisieren, die bereit sind, die wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Entwicklung ihres Viertels, ihrer Stadt, Ihres Land mit innovativen und nachhaltigen Ideen voranzutreiben. Die Idee dahinter ist, dass die Menschen mehr Offenheit für ihre Umwelt und ein Bewusstsein für Gemeinsinn entwickeln. Zentrales Element für die Umsetzung der Idee ist das Eröffnen von Begegnungszentren, in dem kreative Workshops gehalten werden. Zeit, Können und Erfahrungen werden als Hauptressourcen eingesetzt, die die Motivation und die Partizipation aller Bürger neu definieren und ausrichten können. Die Ideen münden in Projekte ein, die die Entwicklung der direkten Umwelt effektiv steuern. Es geht z.B. um Schlüsselfaktoren, die eine generationsübergreifende Entwicklung wesentlich beeinflussen: Schulen und Bildungsstätten, Kultur, Verkehr, Infrastruktur, Wohnen, Industrie, Landwirtschaft, Ordnung, Energie, Tourismus etc. „umwelten“ durch persönliche Veränderung Auf der Partnersuche für mein Projekt ist mir Michael Schels, der Gründer der Zentrifuge, begegnet. Dass wir zusammenarbeiten wollen, war im ersten Gespräch klar. Und so bin ich dankenswerterweise nach nur kurzer Zeit zum Workshop „Forschende Kunst 2“ eingeladen worden. Ich war gerne mit Herz und Seele dabei, da ich tief in mir spürte, dass meine Geschäftsidee mehr als nur einen Businessplan mit Zahlen und Zeitstrahlen erfordert. Aber was zusätzlich sein sollte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht mit Worten ausdrücken. Anstatt ein Gründerseminar zu besuchen, was gewöhnlich üblich ist, saß ich an einem Samstag in den Räumen der Zentrifuge und durfte mich mit einer netten Gruppe über Musik und Klang austauschen. Dass ich Klang von mir aus erzeugen und dass ich noch sensibler sein könnte, was Musik und Klang und sogar Kreativität angeht, davon habe ich mich erst während dieses Workshops überzeugen können. Was hat das denn mit einem Businessplan

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oder einer Geschäftsidee zu tun? Eine Antwort auf diese Frage, die ich gerne über diese Dokumentation teilen möchte, habe ich erst am Ende des Workshops erhalten: Meine Geschäftsidee hat eine innovativere und kreativere Note bekommen, ja eine humanere Gestalt angenommen. Die Art und Weise, wie ich längerfristig Menschen für meine Idee begeistern kann, lag mir endlich klar vor Augen: Kunst, Sport, Geographie und Geschichte, Austausch sowie Werte, die ich gerne durch meine Arbeit vertreten möchte, sind der Leuchtturm meiner Aktion. Der Mensch und seine Umwelt sind die Schlüsselbegriffe, die ich mit einfließen lassen muss, wenn ich meine Idee mit Begeisterung weiterverfolgen möchte. Ohne selbst Künstlerin zu sein, habe ich den Weg der Offenheit eingeschlagen. Die Angst, den Gründungsprozess nie beenden zu können, die Angst, nicht perfekt zu sein, war auf einmal vom Tisch und so folge ich seitdem mit aller Herzlichkeit und Offenheit bei jeder anstehenden beruflichen, privaten und unternehmerischen Entscheidung meiner Intuition und meiner Kreativität. Ich habe es gewagt, kreativ zu sein. Der schöpferische Akt hat in mir viele Potentiale freigesetzt und Freiräume eröffnet. Mein Ich als Forschungsobjekt Der Prozess der Kreativität verlangt intensive Selbsterkenntnisse. Selbsterkenntnis verlangt wiederum, ob man es will oder nicht, Schlüsse zu ziehen, Dinge zu beobachten, das Wahrnehmen mit allen Sinnen. Es war am Anfang des Workshops ein sehr unangenehmes Gefühl, als Untersuchungsobjekt zu fungieren. Zumal mir es in erster Linie um das Vorantreiben meiner Geschäftsidee im Bereich Bildung und Kultur ging. Die während der Workshops erzeugten Klänge haben bei mir eine Erinnerungsfunktion freigesetzt. Erinnerungen an Momente, in denen ich frei und unbekümmert Töne mit ungewöhnlichen Gegenständen (Cola Flachen) erzeugt hatte. Ich konnte während dieser Workshops Kreativität erleben, spüren, schmecken und erfahren.

Das Gefühl der Mitte hat die „Notwendigkeit“ verdrängt, mich immer entscheiden zu müssen. Ich begegne heute der Fülle des Lebens in ihrer ganzen Vielfalt. Ich bin wertungsfrei gegenüber Unbekanntem. Die große Herausforderung dabei ist, die angelernten Strukturen mit der Kreativität zu vereinbaren. Durch den nie endenden Prozess der Kreativität lerne ich allmählich, das Geschaffene immer wieder zu reflektieren. Erst dann tauchen die wesentlichen Fragen auf: Was ist mir wichtig? Was ist mir nützlich? Somit schaffe ich auch Klarheit über mein Handeln und meine gesellschaftliche Verantwortung innerhalb meines beruflichen und privaten Bereichs. Damit schaffe ich es auch, klare Grenzen zu ziehen, innerhalb derer mein „Interkulturelles Zentrum Mbalmyo/Nürnberg“ Verantwortung zu tragen hat. Innerhalb der Gruppe habe ich weitgehend gelernt, frei von Blockaden gewonnene Erkenntnisse zu formulieren. Mein Wahrnehmungsvermögen wurde geschärft, indem ich intensiv gelernt habe, Unsicherheit zuzulassen und mich auf das Wichtige zu konzentrieren. Seit dieser reichen Erfahrung, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen, wird meine Motivation zu agieren, überwiegend innerlich gesteuert. Unbeantwortetes macht mich offen für andere Disziplinen und Sichtweisen. Ich nutze jetzt die Gruppendynamik, um für unbeantwortete Fragen erste Antworten zu suchen. Ausgehend von diesen Erfahrungen und Selbsterkenntnissen habe ich einen zweiten Businessplan nach Canvas ausgestellt, der ja erst den Anfang meines Vorhabens darstellt. Aus systematischen Gründen habe ich im Folgenden beide Modelle zusammengefasst. Die orange markierten Texte stellen die Ergänzungen nach dem Besuch des Workshops dar. Canvas Model Geschäftsidee der Errichtung eines Interkulturellen Zentrums Mbalmayo/ Nürnberg nach Erkenntnisgewinnung aus dem Projekt „Forschende Kunst“ 1 und 2 (siehe Tabelle).

Fazit Kreativität und Innovatives haben sich vermischt. Durch den kreativen Prozess haben sich meine persönlichen Einstellungen zum Positiven verändert. Ich begegne der Vielfalt der Welt wertungsfreier. Diese persönlichen Veränderungen haben wiederum einschneidende Veränderungen auf unternehmerischer Ebene. So habe ich gewagt, Kunst, Geographie und Geschichte als Schlüsselfaktoren zur Motivation meiner Zielgruppe zu definieren. Innerhalb der interdisziplinären Gruppe der Zentrifuge, der ich angehören durfte, habe ich gespürt und erlebt, wie sich der Zugang zu Kunst auf das Wahrnehmungsvermögen der Teilnehmer ausgewirkt hat. Die Wahrnehmung ist zwar eine individuelle Angelegenheit, aber die Kunst regt die Zuneigung zum Ästhetischen an. Durch Kunst und durch die gesteigerte Wahrnehmung und die damit verbundenen Reaktionen wird der Kreativität Tür und Tor weit geöffnet. Für Informationen über das „Interkulturelle Zentrum Mbalmayo/Nürnberg“ I.Z.M.N. besuchen Sie bitte folgende Internetseite: www.culturcentermbyonbggrenoble.jimdo.com


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Geschäftsidee der Errichtung eines Interkulturellen Zentrums Mbalmayo/Nürnberg/Grenoble nach Erkenntnisgewinnung aus dem Projekt „Forschende Kunst „ 1 und 2 (Canvas Model) Die wichtigsten Partner – IDEA-Labs (Frankreich) – CEA Grenoble technologische Innovationsplattform – Innovationsministerium Kamerun (CNDT) – Finanzdienstleister – Universitäten Kulturzentren in Kamerun/ Deutschland/Frankreich –G  ospelinstitut Grenoble – Zentrifuge Nürnberg – Kreative Plattformen – Forschungsinstitute für Entwicklungspolitik – Schulen – Institut für Geographie und Geschichte

Die wichtigsten Aktivitäten –B  eschleunigung der Innovation unserer Partner – S tärkung des Innovationspotentials der F&E-Abteilungen durch externe Partnerschaften –M  anagement des geistigen Eigentums durch gezielte Informationsgewinnung – I nnovative Wirtschaftsmodelle entwickeln –K  now-how- und Wissens­ transfer zwischen Deutschland/Kamerun/Frankreich –K  ooperative Nutzung von Infrastrukturen für F&E Aktivitäten –B  egleitung von Startups in Kamerun –B  egeisterungspotential und Kreativitätspotential bei Einzelpersonen entwickeln und fördern

Die wichtigsten Ressourcen –H  ervorragender Sachverstand der Gründungsmitglieder – I nternationales breites Netzwerk – I nterkulturelle Kompetenz –T  echnologische Infrastruktur –K  reative Räume – Showräume – F inanzielle Unterstützung –Z  eit, Wahrnehmung, Kreativität, Achtsamkeit

Kostenstruktur – Personal – Informationssammlung –R  eisen und Meetings – I nfrastruktur Showräume –T  echnologische Infrastruktur – Werbemittel –K  ünstlerische Aktivitäten (Modemacher, Musiker, Zeichner, Maler, Architekten u.a.) –Z  usammenarbeit mit Geographen und Historikern

Einnahmenquellen –M  itgliedsbeiträge von Partnern – Spenden – i ndividuelle Beratungsaufträge – E intritte Fachmessen – E innahmen aus der Begleitung von Startups in Kamerun – S taatliche und private Zuwendungen

Werte/Nutzenversprechen – E rweiterung des geschäftlichen Horizonts unserer Partner durch Nutzung intensiver Netzwerkverbindungen –A  usgeprägte Innovationskultur ermöglicht Partnern, sich mit innovativen Lösungen auf dem Markt zu behaupten –R  eduzierung der Opportunitäts- und Informationskosten – F lache Kommunikationswege begünstigen einen reibungslosen Austausch auch mit Wettbewerbern –D  ynamisierung der kollektiven Intelligenz und des kollektiven Könnens – S chnelle und effektive Durchführung von innovativen Projekten –n  eue Absatzmärkte

Partnerbeziehungen – direkte menschliche Interaktion – Betreuung kameruner Partner vor Ort – individuell anpassbare Innovationsworkshops – intensive Nutzung von Show Räumen, um eigene Ideen zu visualisieren – Austauschplattform im Web – Regelmäßige Audits im Bereich Innovation inkl. Berichtswesen – Branchenvergleich – Kooperative Marktüber­ wachung – regelmäßige Fachvorträge

–G  emeinsinn anregen durch Verfolgung gesellschaftlicher nachhaltiger Veränderungen – Zusammenführen verschiedener Disziplinen, die getrennt und ineffizient nebeneinander gehandelt haben – Verfolgung von langfristigen Zielen, die über das eigene Spektrum hinaus gehen – Vereinbarkeit von Innovation und Vielfalt – Ermutigung, Inspiration und Einladung der Führungsverantwortlichen über den Tellerrand hinauszuschauen

– Künstlerischer/historischer/ geographischer Austausch

Kommunikations- und Vertriebskanäle – Seminare und Arbeitskreise – Workshops und Co-Working – Fachmessen – Exploration (Learning Speditions) – Coaching und Training – Innovationsabende – Publikationen – Telefonische Betreuung Kunstveranstaltungen – Innovative Workshops (Z-Prozess) – Werkstatt Lernen der Zukunft – Bildungsstätte eröffnen

Segmente – Energie – Wohnen und Bauen – Telekommunikation Kunst Aus- und Weiterbildung sowie persönliche Entwicklung Tourismus und Städteentwicklung


Bild links: 4-Kanal-Raumklanginstallation zum Festival „indukTiVe kopplung“ in der Zentrifuge vom 23.11. bis 30.11.2013


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Wissenstransfer Schnittstellen zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft Text: Sebastian Hillebrand, Bastus Trump

Kunst und Wissenschaft. Seit Jahrhunderten stehen sich diese Gegenpole mit ihren spezifischen Methoden und Perspektiven auf die Welt gegenüber, beäugen und analysieren sich. Bei näherer Betrachtung existiert jedoch eine genaue Abgrenzung genauso wenig wie “die Kunst” oder “die Wissenschaft” in ihrer singulären Form. Vielmehr scheint es eine Gewichtung verschiedener Wahrnehmungsmodi und Darstellungsformen zu geben, die dem Forschen einen stärkeren wissenschaftlichen oder künstlerischen Charakter verleihen. Werden in den künstlerischen Dimensionen zumeist Erkennensgrößen über das unmittelbare Erfahren des Jetzt und potentieller Ereignisse ermöglicht (Ästhetik), beschreiben die wissenschaftlichen Dimension vermehrt das Erkennen durch reflexive und retrospektive Betrachtungsweisen (Vernunft). Die Schnittflächen und Transformationen in den Grenzbereichen der jeweiligen Wissensformen sind jedoch groß und bergen das Potential für ganzheitlichere Ansätze in Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft (Moral). Vernunft Kunst als Wissenschaft und Wissenschaft als Kunst. Die seit langem tradierte Bindung des ungleichen Paares wird in den letzten Jahren durch die institutionelle Auseinandersetzung im Rahmen von Bologna auf ein Neues diskutiert. Dabei steht vor allem die Frage im Vordergrund, wie Forschung im Allgemeinen und im Besonderen an Kunsthochschulen gestaltet, etabliert und von Forschungsfördertöpfen finanziert werden kann. Gemäß der gesellschaftlichen Anforderung einer Wissensgesellschaft wurde hierfür vor allem die Frage des künstlerischen Wissens und Erkennens auf den Prüfstand gestellt und in zwei unterschiedlichen Diskursen wieder aufgegriffen: Während in den Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften schnellstmöglich künstlerisches Wissen diskutiert und (wenn auch etwas vorschnell) künstlerische Praktiken interpretiert und implementiert wurden, sind vor allem die Kunsthochschulen gegenüber dem

bisherigen Forschungsmonopol der Universitäten in eine Art Legitimationszwang geraten und subsumieren unter dem Begriff der “künstlerischen Forschung” Bestrebungen zur Objektivierung und Bemessung von Kunst und künstlerischer Praxis zur Eingliederung in den Wissenschaftsduktus. Beide Systeme eint hierbei die klischeehafte Implementierung des Anderen, um den Arbeitsweisen einer an kreativen Belangen ausgerichteten Gesellschaft gerecht zu werden. Bedient man sich jedoch weniger dem Anderen als dem Fremden, als vielmehr den gemeinsamen Denkhaltungen, so lässt sich mit dem “practical turn” und der Hinwendung zur Kultur in den Kultur- und Geisteswissenschaften ein Verbündeter für das Künstlerische und die künstlerische Forschung finden. In den Vordergrund strebt dann nicht mehr die Frage nach dem richtigen System, sondern vielmehr das Forschen als kulturelle Praxis schöpferischen Tuns. Es darf durchaus gefragt werden, warum wir weiterhin die geschichtlich geprägte und in den Naturwissenschaften geteilte Objektivierbarkeit von Erkenntnissen als vermeintlich scharfe Trennlinie zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft ansehen. Forschende Kunst fängt genau bei dieser Frage an. Anstatt sich für einen Mangel an Wissenschaftlichkeit zu rechtfertigen, tritt die Kunst selbstbewusst innerhalb der Gesellschaft auf und zeigt, was sie leisten kann. Sie forscht im Jetzt und bezieht wissentlich und willentlich menschliche Intuition und Irrationalität – die, wenngleich zumeist ungewollt auch Teil jeder wissenschaftlichen Forschung sind – mit ein. Ästhetik Ästhetischen Denken und Handeln eröffnet Wege, die sich mit klassischen Mitteln wissenschaftlicher Forschung nicht realisieren lassen. Rein vernunftorientierte und zielfokussierte Herangehensweisen lassen das Ästhetische kaum in Erscheinung treten, weil diese unterdrückten Prozesse zunächst keinen Zweck abbilden, abwegig, sinnlos oder sogar kontraproduktiv wirken können.

Öffnet man sich jedoch der künstlerischen Wahrnehmung, setzt sich eine ungeahnte Kraft frei. Kunst stellt dann Fragen und liefert Antworten für Bereiche, welche in den Wissenschaften nur von spekulativen Zugängen der Geistes- und Kulturwissenschaften randlich berührt werden. Als gleichberechtigter Denkstil kann das Künstlerische ein Reflexionsmedium bieten, das im Sinne der ästhetischen Dimension gesellschaftliche, ökonomische und wissenschaftliche Prozesse gewinnbringend zu erweitern scheint. Das Kunstwerk als Produkt mahnt, spiegelt und wirkt progressiv. Wenn künstlerisch forschender Geist die Welt durchdringt, wird die Bedeutung dieser Praxis deutlich und entsteht Wissen jenseits etablierter Methoden. Forschende Kunst ist ein praktisches Beispiel interdisziplinärer Forschung, in welcher das Ästhetische als identitätsstiftendes und reflexives Medium grenzüberschreitend und intermedial aus unterschiedlichen Perspektiven Felder der Lebenswelt auslotet und im schöpferischen Prozess nachhaltige Formen von Gesellschaft durch künstlerische Mittel anregt. Moral Forschung hat nicht nur im Kontext der Wissenschaften ihre Berechtigung, sondern ist im übergreifenden Sinne ein praktischer Zugang auf unterschiedlichen Ebenen. Ein Zugang des Selbst zu sich, zu anderen und zur Umwelt. Künstlerische Forschung zeigt auf, dass Forschung dabei als menschliches Bestreben zu deuten ist, sich selbst und die Welt in ihren komplexen Zusammenhängen zu untersuchen, zu verstehen und darzustellen. Das grundlegende Ziel entspricht der Erzeugung fortschreitender Erkenntnis als identitätsstiftendes Ereignis und verhandelt zwischen der gewohnten Eigen- und teilweise verloren geglaubten Fremdwahrnehmung. Entscheidend ist dabei die Offenheit für vielfältige Begegnungen, welche einerseits ein Weltverstehen ermöglichen und zum anderen ein Weltverstehen schaffen. Wer die gedachten Grenzen seiner Wirklichkeit durch-

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bricht, wird hierbei nicht nur der Vielfalt menschlichen Tuns und Handelns bewusst, sondern auch der Wirkungsmacht seiner eigenen Denkhaltung. Dies birgt allerdings eine große Gefahr, wenn nämlich die Kunst nun

nicht mehr nur ihre Produkte, sondern im dienstleisterischen Sinn auch ihre Methoden anbietet. Bei allem Potential, das sich in einer engeren Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst entfalten könnte, bleibt es immer eine Gratwanderung,

ab wann eine zu starke Normierung die notwendigen Bedingungen künstlerischer Exploration im Keim ersticken würde. Kreativität braucht Freiheit, Offenheit und Vertrauen, um ihre ästhetische Kraft zu entfalten.

Kunst-Aufstellung oder Aufstellungs-Kunst von Otmar Potjans und Christiane Weber im Rahmen der Ausstellung „Forschende Kunst: umwelten“ in der Zentrifuge, 2013


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Musik – Wahrnehmung und Spüren Text: Michael Wolf

Wir haben geforscht, gesucht, erkannt, gefunden, verloren – gefühlt – und dabei einen kleinen Einblick in das bekommen, was Musik und Klang bewirken können. Zu Beginn der Forschungsreise im Projekt „Forschende Kunst 2: Musik und Klang“ war meine Anforderung zuerst, schnell ein konkretes Forschungs-”Ergebnis“ entstehen zu lassen. Dies veränderte sich zunehmend, da ich beobachten konnte – nicht zuletzt bei mir selbst – dass Versuche, Musik und Klang gezielt einordnen zu wollen, eine Stagnation im Denken entstehen ließ. In solchen Phasen gab es aus der Gruppe vereinzelt Impulse, sich praxisorientiert ins „Selbst Klänge Erzeugen“ zu begeben. Sobald sich ein solcher „Praxis-Raum“ öffnete, begann nach und nach ein Empfinden von dem, was Musik und Klang sein und ermöglichen kann. Der „Praxis-Raum“ konnte sich weiter zu einem „Wahrnehmungs-Raum“ öffnen, je mehr es möglich wurde, Einschränkungen wie Vorannahmen, Bewertungen, Zeitdruck oder Scham zuzulassen. Um so mehr sich Musik und Klänge in ihrer Wirkung zeigen konnten, indem sich die Teilnehmer darauf einließen bzw. sich in die Musik hinein fallen ließen, desto spürbarer wurde ein „KlangRaum“, der es ermöglichte, sich vom Klang in ein Berührtsein tragen zu lassen. Es wirkte, als wäre es in einem solchen „Klang-Raum“ durch Schritte, wie: sich Einlassen, aktiv Zuhören, Vorannahmen ziehen lassen, sich Zeit geben, Stille aushalten, Vertrauen, bei sich bleiben, … möglich, einen „Kreativitäts-Raum“ entstehen lassen zu können. Ob es sich in einem solchem „Prozess“ noch um Musik handelt, wurde im Projekt „Forschende Kunst 2: Musik und Klang“ unterschiedlich bewertet und empfunden. Aus dieser Erfahrung heraus ist es vielleicht empfehlenswerter, Begriffe wie „Klang“, „Geräusche“, „Laute“ o. ä. zu verwenden. Ein Zusammenspiel von Klängen, Tönen, Geräuschen und Akteuren gibt

es als Audio-File unter zu hören unter: https://soundcloud.com/michael-schels/ ausflug Ein solches Zusammenspiel („Klang-Experiment“: Audio-File) brachte bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern u. a. Rückmeldungen, wie: Diversität – Gemeinschaftliches – Frei – Stolz – Berührt – Tatendrang – Retrospektive – Sensibilisierung – Neuer Zugang zu bisher Erlebtem – Man spürt die Menschen, Emotionen, Wesen im Raum – Überraschung, was doch entsteht ohne vorheriges Konzept – Beginnende Rhythmik – Freier „Natur-Raum“, …. Durch diese Erfahrung erscheint es mir, als könne „Musik“ oder „gemeinsames Tönen“ Räume entstehen lassen, in denen freie Wahrnehmung und persönlich individuelles Spüren ermöglicht wird. Dadurch, dass während dieser Zeit so gut wie keine Verbesserungs- oder Optimierungsversuche von Außen kommen und sich Jede und Jeder somit auf seine bzw. ihre ganz eigene unbewertete Art ins Spüren, Fühlen und Wahrnehmen begeben kann, entsteht die Möglichkeit, sich fallen zu lassen und sich seinen eigenen Impulsen und Interpretationen hinzugeben. Dies schafft ungeahnte Ressourcen, aus denen unbewusst und leicht etwas Neues entsteht. Auch beim Konsumieren von Musik kann sich solch ein Zustand einstellen. Je mehr sich jemand Zeit nimmt, sich auf Musik oder Klänge einzulassen, desto weiter kann der eigene Empfindungsraum werden. Es können sich Empfindungswelten öffnen, die man oft nur selbst erlebt und die einen tief berühren. Dies ist vermutlich auch das Phänomen, wenn es nach einem Konzert eine Weile dauert, bis es zur Reaktion beim Zuhörer kommt. Bis ein Händeklatschen im Saal hörbar wird, vergeht Zeit – Zeit, in der die Zuhörer und Zuhörerinnen wieder im Raum ankommen – aus ihren eigenen Empfindungswelten zurückkehren in den Konzertsaal, in dem sich nun der Beifall langsam und stetig steigert. Ein für mich in diesem Zusammenhang ebenfalls interessanter Gedanke: Wenn Musik auf eine solche Art berührt, gibt es fast keine Beschäftigung

außerhalb des Klangerlebnisses mehr. Menschen unterschiedlicher Kulturen und Gesellschaftsschichten – gemeinsam im Raum – werden zu einem Publikum. Sie nehmen sich nicht gegeneinander gerichtet wahr, sondern gehen vielmehr gemeinsam auf Reisen. Jeder ist für sich – in den unterschiedlichsten Empfindungen – und dennoch gemeinschaftlich in einem Raum. Hier stört nur derjenige, der das Eintauchen in die Empfindungs- und Wahrnehmungswelt durch Husten, Lautsein oder sonstige Unachtsamkeit zu stören droht. Musik kann Räume der Achtsamkeit entstehen lassen, in denen scheinbar gewohnte Bewertungen und Vorurteile in den Hintergrund treten. Musik kann Räume der Freude und des Friedens öffnen. Fast lässt sich vermuten, als könne Musik verzaubern. Im positiven wie im negativen Sinne ist dies vermutlich möglich. Musik kann dadurch auch manipulativ sein. Diesen Gedanken hier weiter auszuführen, bräuchte einen eigenen Raum. Kurz und knapp: Es lässt sich vermuten, dass eine Abhängigkeit der Musik von z. B. wirtschaftlichen Faktoren auch ethisch Bedenkliches entstehen lassen kann. Musik kann stark berühren und beeinflussen. Musik und Klänge öffnen Türen. Je mehr wir uns darauf einlassen, desto mehr können wir ins Spüren und Wahrnehmen gelangen und uns in einem ganz eigenen Berührtsein wiederfinden. Musiker und andere Künstler, welche die Sprache und Wirkung von Musik und Klang sprechen und nach Außen geben können, bauen oftmals eine Brücke zu dieser Begegnung in der Berührung. Eine solche Art von Berührung, Wahrnehmen und Spüren kann uns Mut und Zuversicht schenken – aber auch abverlangen. Tief in uns kann sich ein Fundament aufmachen, auf dem wir uns wieder sicherer fühlen. Kennen wir nicht auch Momente in unserem Leben, in denen wir in unangenehmen Situationen Musik hören oder selbst ein Liedchen pfeifen (wie im Schlusslied zu Monty Pythons „Das Leben des Brian – „Always Look on the Bright Side of Life“). Manche Menschen neigen dazu, durch unterschiedlichste Verhaltensmus-

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Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

Die Teilnehmer-Runde am zweiten Tag des Workshops „Forschende Kunst 2 – Musik und Klang“ am 8. Februar 2014

ter zügig aus dem Kontakt zu gehen, wenn es um tiefe Berührung geht. Musik, Klang und Ton als Begleiter können einen solchen Zugang leichter werden lassen. Ein Zugang, der die Tür zum Herzen – zu sich selbst – zu Geist und Seele öffnet. Für manche Leserinnen oder Leser mag dies sehr spirituell klingen – wenn wir jedoch eine solche Bewertung ausklammern, kennt dieses Gefühl doch der eine oder andere aus seiner eigenen Lebenserfahrung. Findet deshalb Musik ebenso bei therapeutischen Interventionen Anwendung? Weil Töne und Klänge ein

Schlüssel sein können, sich berühren zu lassen? Ich denke, ja. Sie ermöglichen durch ihre Stimmung und Wirkung einen Zugang zu ureigenen Gefühlen – verankert tief in uns selbst. Musik ermöglicht es, Emotionen zu erzeugen, abzurufen, zu erinnern – jeder wird durch etwas anderes berührt (durch Musikstile, durch Stimmen, durch Arten an Instrumenten, …). Wenn man seine persönliche Art von Berührung erfahren hat, geht ein eigener Kosmos auf – eine Anbindung an das Gesamte. Wer diese Art von Wahrnehmung und Spüren kennt, weiß, was ich versuche,

hier in Worte zu fassen. Wer diese Art von tiefer Berührung bisher nicht erfahren hat und wer Lust hat, möge sich aufmachen: Musik, Töne und Klänge können hoffentlich noch lange Zeit wunderbar als Türöffner dienen. Die Frage ist: Wie bin ich überhaupt für eine tiefe Erfahrung bereit? Ein Moment, an dem zu entscheiden ist: Wollen wir wirklich spüren, fühlen – oder wollen wir konsumieren? Oder beides – ein Empfinden dafür entwickeln, was genau, wann und wofür als passend erscheint?


Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

Teilnehmer und Autoren Alessandra Brisotto Schriftstellerin, Sprachlehrerin und Kulturschaffende aus Venezien. Während des Studiums von Literatur, Sprache, Philosophie und Psychologie in Venedig zieht sie nach Frankreich und einige Jahre später nach Deutschland. Nach vier Jahren in Köln lebt sie seit 2011 in Nürnberg. Hier hat sie „a casa – Sprache und Kultur in Entwicklung“ gegründet. www.a-casa-sprachschule.de

Marie Claude Ekotto Dipl. Kauffr.- Univ., Wirtschaftswissen­ schaftlerin, Unter­ nehmens- und Kanzleiberaterin; Schwerpunkte: Veränderungskultur, Interkulturelle Kompetenz www.culturcentermbyonbggrenoble. jimdo.com

Sebastian Hillebrand Dipl.Geogr. Sebastian Hillebrand ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kulturgeographie der Universität Eichstätt-Ingolstadt. In seiner aktuellen Forschertätigkeit widmet er sich den Themen der Alternativen Ökonomie, Politiken des Örtlichen, sowie der Rolle von Kunst und künstlerischer Forschung im Bereich der Stadtentwicklung. Innerhalb dieser Themenfelder arbeitet er an seiner Promotion zum Thema: “Curating identities, curating the new – place-based politics and artistic in(ter)vention”. www.ku.de/mgf/geographie/kulturgeographie/das-team/hillebrand

Eric Juteau Dirigent, Gründer des Musikensembles Artemusia, einem auf die Interpretation von Musikstücken aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit historischen Instrumenten spezialisiertes Ensemble. In Deutschland gründete Juteau das Orchester Kapella

19 mit Schwerpunkt auf klassische und romantische Werke des traditionellen Repertoires. Juteaus Focus liegt in der historischen Aufführungspraxis und dabei auf der Ausarbeitung und Differenzierung des Orchesterklangs und der musikalischen Ästhetik der Werkinterpretation. www.kapella19.de

Otmar Potjans Akteur und Moderator des Wandels. Verantwortlicher Gestalter, Vorantreiber und Umsetzter von Entwicklungsprozessen. Otmar Potjans hilft Unternehmern und Unternehmen Neues zu entwickeln, Möglichkeiten zu entdecken und Notwendiges in die Tat umzusetzen. www.etwasverändern.de

Michael Schels Diplom-Germanist/ Journalist univ., Kulturprojekte­macher, Texter, Lehrer für Deutsch als Zweitsprache. Schwerpunkte: Künstlerische Phänomene im gesellschaftlichen Kontext, Philoso­ phie, Netzwerke. Kommunikations-, Koordinations- und Organisationsaufgaben für Kulturprojekte, Veranstalter und Unternehmen. www.kulturbuero-schels.de

Robert Schlund Diplom-Kommunika­ tions­designer FH (Print- und Webdesign) und fotografische Umsetzungen. Beratung in Designfragen, Umsetzung in den Bereichen Konzept, Gestaltung und Herstellung. Künstlerisches Wirken: Musik-Produktion und -Impro­v i­sa­t ion, Sounddesign, Illustration, Foto-Manipulation, Performance. www.schlund-design.de www.fotografie4u.de

Gabi Stauss Eventmangerin seit fast 20 Jahren mit Schwerpunkt Firmenver­anstal­ tungen, Incentives, Teambuildung und Stadtführungen. www.staussevents.de

Bastus Trump Diplom-Musik­päda­ goge, M.A. sound studies, Saxophonist, Sound Designer, Musikforscher. Schwerpunkt: Musiker-Computer Interfaces www.bastus.de

Michael Wolf Gestaltung von Ausdruck. Designer, Künstler und Impulsgeber. Analyse, Reflexion, Beratung, Betreuung, Coaching, Design. Reflexion der Außendarstellung von Unternehmen und Organisationen. Ideenmitentwicklung in Firmen und mit Einzelpersonen. Impulse zur Stimmigkeit von Aussage und Wirkung in Ausdrucksform und Erscheinungsbild. www.grundgang.de

Ronald Zehmeister Angewandte Trend- und Zukunftsforschung. 14 Jahre Erfahrung in IT-Unternehmens­ beratung und Organisationsentwicklung. Marketing und Vertrieb, Schwerpunkte: Prozessverbesserung, Entwicklung von Human Machine Interfaces (HMI). Master of Business Administration (FOM München), Schwerpunkte: International Sales & Marketing Strategie; Integration von Zukunftsforschung in der Strategieentwicklung. www.sensing-system.de

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Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

Essenzen Wir sehen das Projek t „Forschende Kuns t“ als einen Beitr ag, um diese so vielfältige Welt, die von uns Menschen in rasendem Tempo zerst ört wird, vielleicht an elementarer Stelle zu heilen: Da, wo die Welt in der äs the tischen Erfahrung als Schöpfung zu sic h und zu uns ko mmt und in uns ein fühlendes, anerkennendes, wenn nicht gar liebendes Bewusstsei n reifen lässt.

gel an n Man e n, n i e fertige für t h h c c i e s r t u Ans tat keit z de aftlich h c s rschen n o e F i e Wiss b der t ( erhalb e Kuns n i n d i t t t s i s tr sie u lbs tbew gt, was i e s e z ) t d s Kun auf un Jetzt schaft ht im l l c s e r s e o f G Sie kann. ch und leis ten ssentli on i w t h Intuiti zie e e h b c i d l h n u ensc tlich m it ein. w illen ität m l a n o i rat und Ir ache Musik ist vielleicht DIE Spr nftige der Zukunft. Musik als kü und zur Heimat des global zu sich . Welt Welt ko mmenden Menschen als Musik.

Der kreativ e Pro zess w ird ermö durch eine g licht Vielzahl v on Faktore d ie in unte n, rschie dlich en Phasen o der wenig mehr er stark a ufeinande einw irken: r Ko mpetenz , Offenheit auch Austa (d ie usch ermö g licht), Fre (p hysisch, iraum w irtschaftli ch, struktu Vertrauen re ll), (als Grund lage für Entscheidu ngen und den Mut, d zu treffen iese ), Systemati k (als Fähigk des Sam me eit lns, Filtern s, Bewerten Daten, Info s vo n rmationen , Materiali etc.), Bege en is terung (H erausforde erkennen rungen und anneh m en) und Wahrnehmu ng (d ie au ch Inspira ermög licht tion ).

l­ sel e g n lnge rel ä u h t n l ku mmen lasse is n i it usa men enntn rbe en Z A rk om Die ft­lich ein ufk ach E a m a n n u rt h e c g s s We ie n rag Dran u F m d vo eht hat den um er, s g dnis t E i d : iv n m un hürt stä d da kreat r c e ges res V s un ge fle sse. se un P s T e b ze es nd ser ng u r Pro un u e ell s ch Erh pferi ö s ch

Der Kre ative su cht nic findet, ht, sond indem ern er e r sich v in der ornehm Welt de l i ch r Intui des Un tion un bew uss t d en o de Nicht-W r sogar issens b des ewegt u Ko m me nd für nde of alles fen is t.

nichts vität i t a e r K nn. en ka n der o m v m f o ar sie k n und Man d damit öffne , n n e e h t er war Mensc und rheit n d ie a und n l a K k , Sie ren s tand r h e ü V f n me ntität ischen zusam it Ide cht zw i m o w s e g n h eis t i n und Gleic eamg haffe T c s n l e h d Gefü letzt cht zu i . n d hmen un terne n U m eine

ehmen, ss t wahrzun u w be en rn Wir le nen unseres ie Dimensio d en d n u k er schärfen ndelns und Ha d n u s Denken art geschult lskraft. Der ei t rt U re se n u s uns angeh dem zu, wa s n u ir w en wend önnen. Wir gestalten k ir w s a w d n u e Wesen. schöpferisch ls a s n u en erfahr Die äs thetische Dimen sion ist ein entscheidender Fakt or bei erfolgreichen Produkten und Diens tleistungen – ganz besonders in de r langf ris tigen Perspektive. Es lässt sich sogar die These aufstellen: Je äs thetis cher ein Erzeugnis, umso nachhaltiger ist es. Dasselbe gilt auch für Inno vation.


Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

Anfängergeist Freude

Menschen öffnen & zusammenführen

Selbstbestimmung

Meditation

Asthetik

Lösung

Spontanität

Ehrgeiz

Achtsamkeit Ökologie formen

Verantwortung schaffen

Verspieltheit

Entwicklung

loslassen

Planung

Nachhaltigkeit

wertfrei denken

die Welt formen

Schweigen zulassen Wut

Freiheit

Ignoranz

Leidenschaft

Veränderung

Verstand und Gefühl ausbalancieren Sensibilität Offenheit Gier nichts tun Muße Handeln

Kreativität

Mut Freude schaffen

Zorn

Ruhe

Geduld

Humor Gefühl Klarheit schaffen Vertrauen Zuversichtlichkeit Identität schaffen Ästhetik

Verantwortung

Fremdbestimmung

veränderte Sicht Zuhören psychische Krankheit Toleranz Selbstsicherheit negativ denken Aufmerksamkeit Konzentration ökonomisch denken

die Mitte finden Perfektion

Selbsterkundung

Stille Glück

Entwicklung vorantreiben

Unfertiges lassen

Kontrolle aufgeben

Liebe

Improvisation

Egoismus

Chaos zulassen positiv denken

Neues

den Teamgeist stärken Umschreibung von „Kreativität“ – Legende:     Was Kreativität voraussetzt 

  Was Kreativität kann 

  Was verantwortungsbewusste Kreativität schafft 

  Wodurch Kreativität blockiert wird

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Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

Anhang Text: Michael Schels

A) P  rotokolle der Workshops zu Forschende Kunst 2: Musik und Klang Workshop 1 am Samstag, den 21. Dezember 2013 Moderation: Otmar Potjans Teilnehmer: Alessandra Brisotto, Marie Claude Ekotto, Katharina Hillebrand, Sebastian Hillebrand, Eric Juteau, Michael Schels, Robert Schlund, Gabi Stauss, Bastus Trump, Michael Wolf, Ronald Zehmeister Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus Forschende Kunst 1 und mit der Methodik, die sich dabei heraus gebildet hat, haben wir den ersten Tag gestaltet: Es ging zuerst darum, heraus zu finden, welche Potenziale die Teilnehmer mitbringen und sich aufeinander einzustimmen. Otmar Potjans moderierte bewusst sehr zurückhaltend und die Teilnehmer waren von Anfang an „im Prozess“. Die Ambivalenz und Offenheit, die wir zu Beginn eines jeden „Forschende Kunst“ Prozesses schaffen, wurde diesmal u.a. dadurch erzeugt, dass wir keine Vorstellungsrunde an den Anfang gestellt haben. Die Teilnehmer sollten sich während der Erkundung unseres gemeinsamen Möglichkeits- bzw. Spielraums erfahren, ohne bereits durch personenbezogene Zuordnungen oder (Selbst-) Beschreibungen voreingenommen zu sein. Der Austausch erfolgte sehr einfühlsam und tastend – wir näherten uns der Situation, unserem „Forschungsgegenstand“ – der Musik und dem Klang – und einander an – erforschten den Raum, unsere Stimmungen, unsere Motivationen, unser Fühlen und Denken und unsere Haltungen. Es war ein fließendes Aufeinander-Einschwingen – wir bewegten uns gemeinsam auf unbekanntem Terrain: Was bringen wir ein, was wollen wir, welche Gedanken, Gefühle, Erfahrungen, Wünsche, Vorstellungen haben wir? Dabei kreisten wir dem Anlass entsprechend um die Begriffe „Forschung“, „Kunst“, „Musik“ und „Klang“. Wir waren uns von Anfang an dessen bewusst, dass wir uns in einem Prozess befinden, den wir (noch) nicht verstehen. Das einzige, was wir tun konnten, war möglichst bewusst und achtsam zu sein. In einem mehrstündigen Dialog näherten wir uns im Laufe des Tages einander an und es entstand ein

Gefühl von den vielfältigen Potenzialen in jedem und jeder von uns. Die Gespräche hatten eine große Dynamik und wechselten von abstrakten Betrachtungen über Ästhetik und Wissenschaft über kreative und auch humorvolle Phasen, bei denen wir z.B. spielerisch mit der Stimme und dem Körper musizierten, bis hin zu stillen Momenten, in denen wir gemeinsam über mehrere Minuten schwiegen. Die Zentrifuge (der Raum um uns und zwischen uns) wurde zu einem spürbaren Energiefeld, das uns Freiheit und Verbundenheit schenkte: Wir befanden uns in einem im wahrsten Sinne des Wortes „ästhetischen Raum“, dem wir uns anvertrauen konnten und in dem alles (fast) wie von allein geschah. Jeder von uns war Teil eines größeren Ganzen. Es war ein praktisches Erforschen unserer Wahrnehmungen, unseres Bewusstseins und unserer Möglichkeiten. Es war forschende Kunst. Jeder durfte dabei sich und die anderen als Forscher und als Künstler erfahren – als fühlende, denkende, vorstellende und schöpferische Wesen, die gemeinsam die Welt erkunden und diese gestalten. Zum Ausklang und zur Einstimmung auf den folgenden Workshop am 8. Februar 2014 verwies Michael Schels abschließend auf einen Text von Peter Sloterdijk: „La musique retrouvée“, in: „Der ästhetische Imperativ“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2007

Workshop 2 am Samstag, den 8. Februar 2014 Moderation: Otmar Potjans Teilnehmer: Alessandra Brisotto, Marie Claude Ekotto, Katharina Hillebrand, Sebastian Hillebrand, Eric Juteau, Michael Schels, Robert Schlund, Gabi Stauss, Bastus Trump, Michael Wolf, Ronald Zehmeister Videoaufnahmen: Philip Chrobot Der zweite Workshop leitete als Fortführung des ersten und als Hinführung zum dritten Workshop den Übergang vom Allgemeinen zum Besonderen, vom Abstrakten zum Konkreten ein. Der Möglichkeitsraum wurde nochmals in seiner ganzen Offenheit und Unbestimmtheit erfahren, der freie Gedankenaustausch wurde gepflegt und kam dabei unverkennbar auch an seine Grenzen: Die im ersten Workshop bewusst hergestellte Ambivalenz wirkte deutlich nach und nahm noch zu – es wurde eine starke Verunsicherung spürbar in Bezug auf die Aufgaben und Ziele des Projekts. Angesichts der Ungewissheit drängten sich Fragen auf und wurden explizit: Was genau erforschen wir eigentlich, wie nähern wir uns unserem Gegenstand an und zu welchem Ergebnis wollen wir kommen? Was hat das eigentlich mit Kunst zu tun?


Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

Die Teilnehmer vergewisserten sich in einer ersten Rückbesinnung auf den ersten Workshop ihrer Fähigkeiten und ihrer Möglichkeiten. Im bewusst unmoderierten Gespräch entfaltete sich wie von selbst eine Bestandsaufnahme, bei der die Heterogenität, aber auch die Qualität und das Potenzial der Gruppe spürbar waren. Es galt, angesichts der Unwägbarkeit unseres Tuns nicht den Mut zu verlieren und darauf zu vertrauen, dass unsere Fähigkeiten, unsere Interessen und Motivationen zu etwas führen – uns auf etwas stoßen, das wir noch nicht kennen. Wir bewegten uns deutlich spürbar auf unbekanntem Terrain. In solchen Momenten gilt es, die Sinne zu schärfen für das, was ist und worauf wir vertrauen können. Das Thema „Musik und Klang“ war dabei ein hilfreicher Kompass, denn beim Ab-Sehen von Bekanntem und beim Ein-Stimmen in das Hör- und Fühlbare übten wir uns in der Wahrnehmung innerer und äußerer Prozesse, die uns begegnen und durchdringen. Es ereignete sich eine gesteigerte Aufmerksamkeit beim langsamen Voranschreiten in geistig-seelischen Zonen, die keine Namen haben und keine Begriffe kennen. Wir spürten jenseits unseres Wissens und Wahrnehmens eine Energie, die unsere Neugierde mehr und mehr anregte. Wir gingen in Resonanz zum Unbekannten und wurden dabei selbst Musik. Natürlich konnten wir uns bei aller poetischen Inspiration nicht ganz von herkömmlichen Begriffen und Kategorien frei machen – doch schien da etwas Unbestimmtes auf und klang beinahe unvernehmbar aus der Ferne, was die sprachliche Arbeit hart an die Grenze des Sagbaren trieb. Bedeutungen lösten sich auf, formierten sich neu, Inhalte waren nicht mehr definiert, sondern verflüssigten sich. Konturen verschwammen und setzten sich neu zusammen. Was berührte uns da? War es Halluzination, Täuschung oder Erkenntnis? Im wilden Gemenge der Meinungen, Strebungen und Begriffe begannen wir uns aufs Neue als Personen wie als Gruppe zu formieren. Wir nahmen die Leere hinter dem Unvermuteten an und entdeckten darin uns selbst in unserer Freiheit – im variablen Rahmen unserer Möglichkeiten. So erkannten wir uns und fingen jetzt erst eigentlich mit uns und unserer Arbeit an. Diese eher unbewusst ablaufenden Vorgänge nahmen an der Oberfläche erhellende und Aufhorchen lassende Formen an: Wir tauschten uns aus über die Möglichkeiten der Musik im Hinblick auf Innovation, diskutierten über Musik als vielleicht einzige Kunstform, die unmittelbar die Gefühle bewegt, übten uns in phänomenologischen Betrachtungen, reflektierten die Bedeutung des Flow-Zustands für die kreative Praxis und loteten am Beispiel der Lyrik die Beziehungen und Unterschiede der Musik zu anderen Kunstformen aus.

Die Musik des Blickes Die Musik des Blickes, in meinen unermesslichen Zellen zwischen den jungen Lippen und der antiken Hand weit weg von mir von meinem Geben, springt alt und Säugling

Was kann Musik in Zukunft (sein)? Bei der Frage, was Musik in Zukunft (sein) kann, lag eine – wenigstens skizzierte – historische Einführung nahe. Umrisshaft wurde die Musik als ein sich über Jahrhunderte hinweg eher langsam und konventionell entwickelndes System erkennbar, das seit dem 20. Jahrhundert dynamisch ausdifferenziert wurde – bis hin zu Dekonstruktion, Neukonfiguration, Entfremdung und Auflösung.

wie Gras

La musica dello sguardo La musica dello sguardo, nelle mie cellule immense tra le giovani labbra e le antiche mani lontano da me dal mio donare, salta vecchia e neonata

Die „klassische“ Musik begab sich in immer komplexere, „Musik“-fernere Sphären und wurde zunehmend hermetisch. Parallel dazu überflutete eine eingängige „leichte“ Musik als Konsumgut den medial vermittelten Klang- und Bewegungsraum: Musik als Glücks-Vortäuscher und Anästhetikum. Hinzu kommt die Erweiterung der musikalischen Möglichkeiten durch Computer und Internet.

come erba

Alessandra Brisotto Die Gespräche vergingen wie im Flug und hatten den bemerkenswerten Effekt, dass sie – im Nachhinein betrachtet – die nächste Phase vorkonfigurierten, ohne dass wir dies angestrebt hätten. Hier scheint ein Forschungsgegenstand auf, dem wir uns zu gegebener Zeit noch genauer widmen sollten: Es gibt eine Selbsttätigkeit des Geistes, die im freien, offenen Austausch unter Menschen ideale Bedingungen vorfindet und die sich – sofern man ihr genügend Raum gibt – mit reichen Impulsen in uns rührt und durch uns zum Ausdruck kommt. Der Mensch als „Klang-“Körper für einen geistigen Raum, dessen Resonanz sich unter anderem in Sprache, Musik und Klang niederschlägt. Der Geist kondensiert quasi im dialogischen Prozess. Vielleicht könnte man so Inspiration verstehen lernen. Konkret hatten wir die Eingebung, die weiteren Betrachtungen auf drei Fragestellungen zu fokussieren: Was kann Musik in Zukunft (sein)? Wie arbeitet ein Musiker? Und: Was können Musik und Klang bewirken? Damit kamen drei Aspekte kommender Auseinandersetzungen und damit mögliche Fokussierungen in den Blick – theoretisch, methodisch und praktisch. Im Übergang zur und als Einstimmung in die Bearbeitung dieser Aspekte brachten wir – einer spontanen Eingebung folgend – die Zentrifuge als den uns gegebenen und umgebenden Raum zum Klingen: Durch Klopfen, Schlagen, Streichen, Zupfen, Klatschen, Ziehen, Drücken, Drehen, Dehnen und viele weitere Bewegungs- und Berührungsvariationen erzeugten wir Resonanzen mit vorhandenen Gegenständen im Raum. Ein zentrifugales Orchester entstand wie aus dem Nichts.

In dieser Gemengelage scheint es zwei Hauptströmungen zu geben: Musik als Konsumgut, das der Ablenkung und Betäubung zugunsten des Profits dient und einem Starkult huldigt. Und Musik als für das ungeschulte Ohr befremdlich wirkender Ausdruck bewusster Gestaltung jenseits eines massenpsychologisch kalkulierten Personenkults – ganz dem Experiment, dem interkulturellen Austausch und den technischen Möglichkeiten zugeneigt. Vielleicht befinden wir uns gegenwärtig an der Schwelle zu einem neuen System der Musik, das sich im und durch das Netz entfaltet und im Austausch und in Abgrenzung mit weltweit erzeugten Klängen, Sounds und Instrumentierungen ganz neue Hörerlebnisse und damit auch Zustände des In der Welt Seins ermöglichen wird. Die Aufmerksamkeit und das geschulte, bewusste Hören bis hin zu technischen Erweiterungen des Gehörs (Implantate, Frequenz-Wandler, Sonification) werden neue Wahrnehmungen schaffen, tiefe Identifikationen, aber auch Differenzierungen und damit Erkenntnisse ermöglichen und damit elementar an Bedeutung gewinnen. Vielleicht steht eine Metamorphose der Musik überhaupt an, sofern sie sich als zutiefst berührende und geistig-emotional tragende Kunstform entpuppt, die weit mehr transportiert als „nur“ Klang, Bewegung und Rhythmus. Musik ist vielleicht DIE Sprache der Zukunft. Musik als künftige Heimat des global zu sich und zur Welt kommenden Menschen. Welt als Musik.

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Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

Wie arbeitet ein Musiker? Bei der Betrachtung des kreativen Prozesses unter der Fragestellung „Wie arbeitet ein Musiker?“ wurde schnell klar, dass sich die Fragestellung auf alle möglichen kreativen Prozesse übertragen lässt. Auch ist dabei offen, ob der Prozess individuell oder kollektiv zu verstehen ist, da er sich immer schon in einem kommunikativen Raum abspielt und somit zwischen den Polen „Individuum“ und „Gruppe“ changiert. Die im kapitalistischen System zentrale Frage nach dem Urheber stellte sich in unserem rein auf Erkenntnis und Innovation ausgerichteten Kontext nur am Rande, bleibt aber natürlich präsent angesichts potenzieller Verwertungsansprüche im Hinblick darauf, was zu entwickeln ist, um die Welt eben gerade von blinden, gewaltsamen, fehlgesteuerten, fremdbestimmten und ohnmächtigen (Verwertungs-)Zusammenhängen zu befreien. Der kreative Prozess wird ermöglicht durch eine Vielzahl von Faktoren, die in unterschiedlichen Phasen mehr oder weniger stark aufeinander einwirken. Jeder dieser Faktoren ist Voraussetzung dafür, dass ein kreativer Prozess entstehen und gelingen kann: Kompetenz, Offenheit (die auch Austausch ermöglicht), Freiraum (physisch, wirtschaftlich, strukturell), Vertrauen (als

Grundlage für Entscheidungen und den Mut, diese zu treffen), Systematik (als Fähigkeit des Sammelns, Filterns, Bewertens von Daten, Informationen, Materialien etc.), Begeisterung (Herausforderungen erkennen und annehmen) und letztlich Wahrnehmung (die auch Inspiration ermöglicht). Wenn diese Bedingungen gegeben sind, kann der kreative Prozess in Gang kommen und sich als Kreislauf entfalten: Von der Exploration über die Reduktion zum Werk mit den Prinzipien „Offenheit“, „Wahrnehmung“ und „Reflexion“ im Zentrum. Die Exploration stellt die Komplexität fest, innerhalb der sich Kreativität entfaltet und erkundet diese. Die Reduktion entsteht durch entschiedene Arbeit an der Einfachheit und das Werk ist das Ergebnis dieses Prozesses, das aus diesem Kreislauf heraus entstehen kann. Was können Musik und Klang bewirken? Bei der Frage nach dem, was Musik und Klang bewirken können, waren wir uns sehr schnell einig, dass sich ihre Wirkung in einem inneren Raum entfaltet. Dieser Raum spannt sich auf zwischen unterschiedlichen Gegensätzen und deren Kombinationen: schnell – langsam, hoch – tief, laut – leise, warm – kalt, harmonisch – disharmonisch, konsonant – dissonant etc.

Musik und Klang gestalten diesen akus­ ti­schen Raum, der durch das Hören unmittelbar einen inneren Raum in uns entstehen lässt, der assoziativ belegt wird und uns persönlich mit sich trägt. Die PerSon im Sinne eines durchtönten Individuums findet sich in der und durch Musik und Klang in einer anderen Welt wieder. Wir lassen uns durch Musik und Klang entführen, das Sirenenhafte, Verführerische von Musik und Klängen kommt nicht von ungefähr. … Da Musik uns unmittelbar berührt, ist sie ein Medium, das unser Vertrauen leicht gewinnt und dem wir unser Vertrauen auch gerne schenken. Ich kann mich in die Musik fallen lassen, erfahre in ihr Zugehörigkeit und kann mich als in ihr ganz aufgehoben wahrnehmen. Dies kann meine Selbstgewissheit stärken und das Gefühl der Identifikation nähren. Nicht umsonst haben Nationen ihre Hymnen und Marken ihre Sounds. Musik kann – ebenso wie Klang – Authentizität demonstrieren, Zuversicht schaffen und Hoffnung geben. Sie kann einen Einklang erzeugen, Heilung und Freude bewirken, sie kann unmittelbar glücklich machen. Sie fordert meine Haltung ein und gibt mir Halt. Sie kann anregend oder entspannend wirken und ist insofern auch


Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

eine Dienerin, indem sie Stimmungen verstärkt oder ihnen entgegen wirkt. Musik als Therapeutikum. Musik kann aber auch betrügen und täglich werden Milliarden Menschen von ihr getäuscht: Wir sind ganz in ihr und dabei nicht bei uns. Sie betäubt uns und lässt uns vergessen, was wir noch alles in ihr und außer ihr und durch sie wahrnehmen könnten. Sie ist oftmals zu stark für uns oder wir sind zu schwach um uns ihr zu entsagen. Die Musikindustrie kann ein Lied davon singen und tut dies in aller Entschiedenheit. Musik als Droge. Aus der Frage, was Musik und Klang bewirken können, entstand die Idee zu einer Übung, mit der wir diesen Workshoptag abschlossen: Wir stellten uns in einen Kreis und folgten dem Impuls von drei Kursteilnehmern, die jeweils einen Ton zu singen begangen. Bald schon stimmten die anderen darauf ein und jede(r) Teilnehmer(in) begann zu singen, zu tönen – lang gezogene, kurze, tiefe, hohe, laute, leise, statische, bewegte, melodiöse Töne – insgesamt spürten und hörten wir alle Klänge und Töne in uns und um uns, die aus jedem von uns und von jedem von uns kamen und sich zu einem schwebenden Klangteppich formten. Man entdeckte auch die Möglichkeit, still in diesem Klang zu sein. Und so klang unser zweiter Workshoptag „Forschende Kunst2: Musik“ mit einem archaischen Klang-Erlebnis aus.

Workshop 3 am Samstag, den 29. März 2014 Moderation: Otmar Potjans Teilnehmer: Alessandra Brisotto, Marie Claude Ekotto, Sebastian Hillebrand, Eric Juteau, Michael Schels, Robert Schlund, Bastus Trump, Michael Wolf, Ronald Zehmeister Tonaufnahmen: Robert Schlund Videoaufnahmen: Philip Chrobot Der dritte und letzte Workshoptag im Rahmen von „Forschende Kunst 2: Musik und Klang“ rekapitulierte nochmals das bisher Erarbeitete. Die Teilnehmer hatten in der Zeit zwischen den Workshops die bislang entstandenen Ideen und Erkenntnisse weiter entwickelt und strukturiert – so war es die vorrangige Aufgabe dieses abschließenden Workshops, das bisher Recherchierte, Erkannte, Gespürte und Gedachte zu (re-) konstruieren und erste Inhalte für eine Dokumentation zusammen zu tragen. Neben der theoretischen, forschenden Auseinandersetzung sollte auch die künstlerische Praxis angemessen gewürdigt werden. Deshalb wurden an diesem Tag einige Arbeitsphasen in Bild und Ton aufgezeichnet, um den Prozess der Forschenden Kunst sicht- und hörbar zu machen und dessen

Potenziale für die Anwendung in der Praxis auch audiovisuell zu vermitteln. In Gruppenarbeit wurde noch einmal darüber nachgedacht, welche Vorstellungen von „Forschende Kunst“, „Musik“ und „Klang“ sich bislang gefestigt hatten. Die Ergebnisse dieser Gespräche verdichteten das bislang Erarbeitete und transformierten es auf einer neuen Ebene. Es entstand ein Modell davon, was „Forschende Kunst“ prinzipiell unter definierten Bedingungen im unternehmerischen Kontext zu leisten vermag. Das Verständnis von der Bedeutung und Funktion eines kreativen Freiraums wurde geschärft und vertieft. Auch die Sicht von Unternehmen und Organisationen als zielgerichtete, vorwiegend auf materielle, monetär kalkulierbare Wertschöpfung ausgerichtete Einheiten, die sich unter kapitalistischen Bedingungen im Wettbewerb behaupten müssen, wurde nachvollzogen. Es entstand die These, dass der kreative Prozess und mit ihm die ästhetische Besinnung ein enormes Potenzial für die unternehmerische Praxis beinhaltet – allerdings nur, wenn beide in ihrer Eigenständigkeit und Bedeutung erkannt, gewahrt und gewürdigt werden. Es stellte sich immer stärker die Frage nach einer Definition des „Kreativen“. Wie können wir dieses definieren, erfahren und bewahren? Die Konzentration auf Musik und Klang in der zweiten Phase von Forschende Kunst gab uns hier bereits einige Hinweise und so konnten wir Aspekte und Begriffe zusammen tragen, die uns dabei halfen, das „Kreative“ wenn schon nicht zu definieren, so doch aus verschiedenen Perspektiven zu umkreisen. Eine engere Definition des „Kreativen“ erschien uns unangemessen, da das Kreative sich als schöpferisches Prinzip ja gerade durch eine letztliche Unbestimmbarkeit auszeichnet und gerade dadurch seine Innovationskraft entfaltet. Sprache kommt angesichts des Schöpferischen an ihre Grenzen, die Grenzen auch des Denkens und Fühlens werden durch die Auseinandersetzung mit ästhetischen Qualitäten bewusst. Forschende Kunst erwies sich damit auch als eine Übung im Erkennen und Überschreiten von Grenzen – was nur auf den ersten Blick eine Einschränkung oder Gefahr bedeutet. Erst durch Grenzen werden Konturen und Haltungen erkennbar, das Eigene und das Fremde bestimmt und aufgehoben. Forschende Kunst zeigt somit nicht nur Innovationspotenziale auf, es kann auch zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen und erschließt neben ästhetischen Dimensionen auch ethische Fragestellungen: Was nehme ich überhaupt wahr? Was ist für mich und für andere wahr? Was kann ich empfinden, was kann ich denken und was kann ich tun? Wovon bin ich ein Teil? Was sind meine (An-)Teile an dieser Welt und was ist meine ganz persönliche Verantwortung, wenn ich mir meines Denkens, Fühlens und Handelns zunehmend bewusst werde? Wir kann ich mich und andere

Lebewesen anerkennen, wertschätzen, begreifen und entwickeln?

Forschende Kunst entfaltete somit auch therapeutische Qualitäten, was für uns bis dato jedoch „nur“ nebenbei eine Rolle spielte, da unsere Erkenntnisdrang in eine andere Richtung zielte. Unser Fokus bleibt bis auf weiteres auf die unmittelbare Wirklichkeit bezogen – wir waren und sind selbst mitten im Experiment und müssen uns darin überhaupt erst behaupten. Uns ist die wissenschaftliche Unschärfe eines solchen Vorgehens – als Untersuchende selbst Teil des Experiments zu sein – durchaus bewusst. Doch arbeiten wir als Akteure des Wandels mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen und betrachten uns als Feldforscher in eigener Sache. Das Entwickeln und Erforschen experimenteller Settings und das Formulieren von Theorien ästhetischer Prozesse im Kontext ausgereifter Wissenschaften (z.B. Psychologie, Pädagogik, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Anthropologie, Neurologie etc.) bleibt anderen bzw. weiteren (interdisziplinären) Studien und Untersuchungen vorbehalten. Mit unseren Selbstversuchen können wir im wissenschaftlichen Zusammenhang höchstens Impulse geben für ein erneutes Überdenken des Verhältnisses von Theorie und Praxis. Uns kommt es mit „Forschende Kunst“ vor allem darauf an, unsere individuelle Reflexion über den Wert ästhetischer Wahrnehmung für die (gesellschaftliche) Wirklichkeit zu schärfen und zu teilen und einen Beitrag zur Vermittlung ästhetischer Praxis zu leisten. Eine Welt, die der Ästhetik und mit dieser der Einfühlung, Wahrnehmung und Erkenntnis einen größeren Wert beimisst als die gegebene, ist aus unserer Sicht unbedingt erstrebenswert. Wir sehen das Projekt „Forschende Kunst“ als einen Beitrag, um diese so vielfältige Welt, die von uns Menschen in rasendem Tempo zerstört wird, vielleicht an elementarer Stelle zu heilen: Da, wo die Welt in der ästhetischen Erfahrung als Schöpfung zu sich und zu uns kommt und in uns ein fühlendes, anerkennendes, wenn nicht gar liebendes Bewusstsein reifen lässt.

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Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

B) I nstitut für ästhetisches Besinnen Eine Initiative – inspiriert von „Forschende Kunst“ Die Initiative „Institut für ästhetisches Besinnen“ entwickelt Methoden und Prozesse, um die Wahrnehmung zu schulen. „Ästhetisches Besinnen“ heißt zuallererst, auf das zu achten, was einem im Augenblick begegnet und dessen Qualitäten beurteilen und schätzen zu lernen. Wir lernen durch das „Institut für ästhetisches Besinnen“ bewusst wahrzunehmen, erkunden die Dimensionen unseres Denkens und Handelns und schärfen unsere Urteilskraft. Derart geschult wenden wir uns dem zu, was uns angeht und was wir gestalten können. Wir erfahren uns als schöpferische Wesen. Der Mensch kommt im Alltag kaum mehr zu sich, noch weniger finden tiefe Begegnungen statt. Wir sind von Gegebenem umgeben, mit dem wir uns seit jeher arrangieren. Wir sind Realisten: Die Welt ist das, was uns umgibt mit all den Dingen und Wesen darin, die wir bezeichnen und hand-, vielleicht sogar lieb haben. Und die Erde ist der Planet, auf dem wir kreisend durchs Weltall rasen und der uns im besten Fall trägt und ernährt. Hinzu kommen Technik, Kultur und Organisation – von Menschen gemachte Strukturen und Prozesse, die wir mehr oder weniger zu regeln imstande sind. Wer so in der Welt und auf der Erde ist, weiß noch nichts von sich und der Welt, geschweige denn von der Erde. Die Erde trägt Leben und Tod, die Welt ist Offenheit und Verstellung, in der wir Frei-

heit und Erkenntnis ebenso wie Täuschung und Ohnmacht erfahren. So steht die Welt für alles, was möglich, aber auch unmöglich ist und die Erde für alles Gebende, aber auch Nehmende und Nötigende. Es sind gegenteilige, sich einschränkende und zugleich bereichernde Aspekte wie Notwendigkeit und Freiheit, Geschlossenheit und Offenheit, Heimat und Wanderung, Gebundenheit und Offenheit, Fühlen und Denken, die sich aus Erde und Welt entfalten. Diese ebenso gegenläufigen wie einander ergänzenden Dimensionen lernen wir mit Hilfe der Ästhetik kennen: Wenn wir Welt und Erde spüren und uns über dieses Spüren ein Urteil bilden, können wir die Kontraste, die sich darin zeigen, überhaupt erst ausdifferenzieren und ausschöpfen. Erst durch solche bewusst erlebten Wahrnehmungen kommen wir wirklich zu uns, zu anderen und zur Welt. In zeitgemäßeren Worten: Die Offenheit der Welt heißt heute gemeinhin „Innovation“ und den Ansprüchen der Erde begegnen wir mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“. Durch ästhetisches Besinnen nehmen wir solche Dimensionen wahr und begeben uns auf neue Weise in uralte Zusammenhänge. Das ist kein Rückschritt, vielmehr ist es eine befreiende Erfahrung. Ästhetisches Besinnen bringt Nachhaltigkeit und Innovation in einen tragenden Zusammenhang – nämlich letztlich Erde und Welt zu

sein. Der alte Dreiklang des Wahren, Guten und Schönen klingt hier an und stimmt uns ein auf das, was uns wirklich angeht und berührt. Das Institut für ästhetisches Besinnen vermittelt das Glück und die Freiheit, die aus der bewussten Wahrnehmung erwächst. Es schafft dadurch neue Möglichkeiten, in der Welt zu sein und diese zu gestalten. Ästhetisches Besinnen macht den Menschen freier, selbstbewusster und selbstverantwortlicher. Das vom Institut für ästhetisches Besinnen entwickelte WE-Modell, das Ästhetik als grundlegend für die Eröffnung der Dimensionen von Welt und Erde begreift, initiiert, unterstützt und begleitet diesen Prozess. Dass die deutschen Begriffe „Welt“ und „Erde“ im Englischen (World) und (Earth) mit den gleichen Anfangsbuchstaben beginnen, erlaubt es, den Prozess, der sich im ästhetischen Besinnen zwischen Welt und Erde entfaltet und den wir über das Institut reproduzieren und einüben möchten, mit „WE-Prozess“ zu bezeichnen. Das WE im Sinne von „Wir“ kommt uns dabei durchaus gelegen, da das Institut für ästhetisches Besinnen gerade auch im Sinne der Teilhabe bzw. Partizipation und des Commons-Gedanken tätig ist.


Dokumentation Forschende Kunst 2 – Musik & Klang

C) Literatur

Die folgende Literaturliste gibt einen Einblick in die Texte, mit denen wir uns während des Projekts Forschende Kunst 2: Musik und Klang beschäftigten. Diese Liste dient der Inspiration und erhebt in keinster Weise Anspruch auf Vollständigkeit. • Dirk Baecker, Beobachter unter sich, Suhrkamp, 2013 • Frank Berzbach, Die Kunst ein kreatives Leben zu führen – Anregung zu Achtsamkeit, Verlag Hermann Schmidt Mainz, 2013 • Evangelisches Jugendwerk in Württemberg, Überblick über die Musikgeschichte, VI. Musik im 20. Jahrhundert Reebee Garofalo, Die Relativität der Autonomie, University of Massachusetts, Boston, Schriftenreihe PopScriptum, herausgegeben vom Forschungszentrum Populäre Musik der Humboldt-Universität zu Berlin (http://www2.hu-berlin.de/fpm/ popscrip/themen/pst07) Michael Hauskeller (Hrsg.), Die Kunst der Wahrnehmung, Die graue Edition, 2003 • Johannes M. Hedinger, Torsten Meyer (Hg.): „What’s next? Kunst nach der Krise“, Kadmos Berlin, 2013 • Järviluoma Helmi & Kytö Meri & Truax Barry & Uimonen Heikki & Vikman Noora. Acoustic Environments in Change & Five Village Soundscapes. TAMK University of Applied Sciences. Series A. Research papers 13. University of Joensuu, Faculty of Humanities, Studies in Literature and Culture 14. • Hermann Hesse, Die Gedichte, Band 1, suhrkamp taschenbuch 381 Erste Auflage, 1977, S.431 • Hans Holzinger, Sustainable Austria Nr. 34 – Kunst der Nachhaltigkeit, 2006 (http://www.forschungsgemeinschaft-sol. at/SusA34.pdf) • Thomas R. Huber, Ästhetik der Begegnung, Kunst als Erfahrungsraum der Anderen, Transcript Verlag, Bielefeld, Februar 2013

• Reinhard Knodt, Ästhetische Korrespondenzen, Reclam, 1994 • »Musik ist innere Bewegung«, Ein Gespräch mit Prof. Dr. Gunter Kreutz, »TelevIZIon«, Internationales Zentral­ institut für das Jugend- und Bildungs­ fernsehen (IZI), München, 2011

•S  hunryu Suzuki, Zen-Geist Anfänger-Geist, Unterweisungen in Zen-Meditation, Theseus Verlag, 1975 (deutsche Übersetzung) •W  im van der Meer and Rebecca Erickson: Resonating Cultural Musicology; sources, streams and issues, Cultural Musicology iZine, 2013 (www.culturalmusicology.org)

• Interview mit Hildegard Kurt: Kunst als sensibler Seismograph der Menschheitskrise, KulturKontakt Austria, Wien 2009

•W  olfgang Welsch, Grenzgänge der Ästhetik, Reclam, 1996

• Detlef B. Linke, Die Freiheit und das Gehirn, Rowolth Verlag, 2006

• J ean-Pierre Wils, Die Moral der Sinne, Klöpfer & Meyer, 1999

• Ulrich Mahlert, Das Glück des Musizierens, in: ders., Wege zum Musizieren. Methoden im Instrumental- und Vokalunterricht, Mainz (Schott), 2011

•W  ochenklausur – Vom Objekt zur Intervention (www.wochenklausur.at)

• David Perkins, Geistesblitze – Innovatives Denken lernen mit Archimedes, Einstein & Co., campus Verlag, 2001 (deutsche Übersetzung) • Shelley Sacks, Hildegard Kurt: Die rote Blume, Ästhetische Praxis in Zeiten des Wandels, ThinkOya, 2013 • Elmar Schafroth: Sprache und Musik. Zur Analyse gesungener Sprachen anhand von Opernarien, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 2010 • Siegfried J. Schmidt, Guido Zurstiege, Kommunikationswissenschaft, Rowolth Verlag, 2007 • Hans-Martin Schönherr-Mann, Miteinander Leben Lernen, Piper Verlag, 2008 • Peter Sloterdijk: Wo sind wir, wenn wir Musik hören? In: Der ästhetische Imperativ, Schriften zur Kunst, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg, 2007, S. 50 ff. • Peter Spork, Das Uhrwerk der Natur, Rowolth, 2004 • Malte Stamm, Demokratisierung des Musizierens durch Maschinen, in: Schriftenreihe PopScriptum, herausgegeben vom Forschungszentrum Populäre Musik der Humboldt-Universität zu Berlin (http:// www2.hu-berlin.de/fpm/popscrip/themen/pst07)

•M  aren Wöltje, Cut, Copy and Paste. Wie die Serialisten den Maschinen das Musizieren beibrachten,Schriftenreihe PopScriptum, herausgegeben vom Forschungszentrum Populäre Musik der Humboldt-Universität zu Berlin (http:// www2.hu-berlin.de/fpm/popscrip/themen/pst07) •S  emir Zeki, Glanz und Elend des Gehirns, Ernst Reinhardt Verlag, 2009 •Z  illner / Krusche: Systemisches Innovationsmanagement, Grundlagen – Strategien – Instrumente, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart, 2012

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Forschende Kunst 2: Musik und Klang  

Die Zentrifuge ist im Zuge einer postindustriellen Transformation in Nürnberg entstanden und steht damit exemplarisch sowohl für lokale als...

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