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Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns Dokumentation | Ein Projekt der

Schutzgebühr: € 15,–


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

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Unser Leiden ist ein Signal nichtgelebten Lebens. Heilung besteht darin, das nichtgelebte Leben zu erkennen – und zu leben. Zur Überwindung unserer eingefleischten Schranken, unserer Angst und Müdigkeit, unserer allzu häuslichen Humanität und unserer alternativen Schrebergärten bedarf es eines experimentellen Milieus, wo solche Überwindung verstanden und gewollt wird. Dieter Duhm, Aufbruch zur neuen Kultur, 2011 www.towards-a-new-culture.org/de


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Inhalt Editorial

Seite 4

Das Alter ist anders! G. Heil

Seite 6

Jeder möchte lange leben ... Prof. F. Adloff, L. Pfaller

Seite 8

Angela von Randow: Variationen über den Würfel

Seite 10

Vom Klatschen über Kaffeetrinken ... U. Weber Seite 12 Projektideen I: Seite 18   – Lebensprojekt Zentrifuge (M. Schels) Seite 19   – Urban Gardening Café (J. Bauer) Seite 21 Barbara Kastura: Der Goldene SchRitt

Seite 22

Projektideen II:   – A lt werden individuell und in der Gesellschaft (O. Potjans u.a.) Seite 24   – Akademie für private Pflege (G. Heil / O. Potjans) Seite 26   – Lebensspanne (J.H. Bauer / M. Schels) Seite 29 Uwe Weber: Traumrinde

Seite 30

Essay: Wie man alt wird J.H. Bauer

Seite 31

Marcela Salas: Mythomanien

Seite 40

Teilnehmer

Seite 42

Anhang: Protokolle M. Schels

Seite 44

Impressum

Seite 50

Die Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste (GGSD) ist eine Bildungsträgergesellschaft mit Angeboten in den Bereichen Pflege, Gesundheit und Soziales. Sie betreibt – begrenzt auf den Freistaat Bayern – staatlich anerkannte Fachschulen, Berufsfachschulen und Fachakademien und bietet ein umfangreiches Spektrum an Fort- und Weiterbildungen. Die Bandbreite der Bildungsangebote reicht von der Helferausbildung bis hin zu akademischen Abschlüssen. Auf Grund der Zertifizierung der GGSD-Schulen nach BQM (Bildungsqualitätsmanagement) sind viele Bildungsangebote der GGSD durch die Arbeitsagentur förderbar (AZWV/AZAV). Die GGSD-Standorte München und Nürnberg sind Studienzentren der Hamburger Fern-Hochschule (HFH) für den Bereich Gesundheit und Pflege und bieten die Möglichkeit des berufsbegleitenden Fernstudiums – bei entsprechender Vorbildung auch ohne Abitur. Die Hamburger Fern-Hochschule (HFH) ist die größte Fernhochschule Deutschlands in privater Trägerschaft und hat mit ihrer staatlichen Anerkennung die gleichen Kompetenzen wie staatliche Hochschulen. Hospiz Akademie der GGSD Kompetenzzentrum Palliative Care und Hospizkultur Unter dem Dach der Hauptverwaltung der GGSD bietet die Hospiz Akademie ein umfangreiches Programm zur Fort- und Weiterbildung und Organisationsentwicklung rund um Palliative Care an verschiedenen Standorten in Bayern und als Inhouse-Kurse und Projekte.


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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns über Ihr Interesse an „Forschende Kunst“.

„Forschende Kunst“ ist ein Projekt der Zentrifuge, das grenzüberschreitende, interdisziplinäre und ästhetisch grundierte Austauschprozesse einübt und damit einen Beitrag leistet, um Wirklichkeit auf neue Weise verstehen zu lernen und zu gestalten. Mit Partnern aus Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft arbeitet die Zentrifuge über einen längeren Zeitraum heraus, wie Neues mit Hilfe der Kunst in die Welt kommt und in dieser wirksam wird. Forschende Kunst 1 („umwelten“) wurde 2013 durch das Kulturreferat Nürnberg gefördert. Forschende Kunst 2 („Musik und Klang“) wurde 2014 im Rahmen des Förderprojekts „Ideen. innovativ.kreativ“ durch das Wirtschaftsreferat Nürnberg unterstützt. Forschende Kunst 3 („Perspektiven des Alterns“) wurde 2015 mit einer Förderung durch die GGSD – Ge­ meinnützige Gesellschaft für Soziale Dienste mbH, Nürnberg, voran gebracht. Alle Phasen des Projekts sind unter www.forschende-kunst.de dokumentiert. Die vorliegende Dokumentation zu „Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns“ ist das Ergebnis eines über mehrere Monate laufenden Austausch-Prozesses zum Thema „Perspektiven des Alterns“, der im Kern drei Workshoptage beinhaltete, die im zwei- bis dreiwöchigen Abstand stattfanden (siehe Protokolle im Anhang). Wir konnten für Forschende Kunst 3 erneut einen interdisziplinären Teilnehmerkreis gewinnen, wobei auch hier entsprechend unseres ästhetisch geprägten Weltverständnisses die Kunst wieder elementar eingebunden war. Die künstlerische Begleitung erfolgte diesmal durch Uwe Weber im Bereich der Darstellenden Kunst. Erstmals haben wir bei Forschende Kunst neben den künstlerischen auch fachliche Impulse eingebunden, was insofern nahe lag, als Jörg H. Bauer das Thema „Perspektiven des Alterns“ für die dritte Phase von Forschende

Kunst initiierte und während der drei Workshoptage als Experte für Live Span Forschung neueste Forschungsergebnisse zum Thema präsentierte. In den Protokollen am Ende dieser Dokumentation kann nachgelesen werden, wie der Austauschprozess vonstatten ging, welche Themen wir bearbeiteten und welche Aktivitäten und Ergebnisse wir wie entwickelten. Die Dokumentation kann somit auch wie ein kleines Handbuch gelesen werden zur Umsetzung interdisziplinärer Austausch- und Entwicklungsprozesse auf der Suche nach gemeinsam ermöglichten Perspektivwechseln und Einsichten in ungeahnte Zusammenhänge und Fügungen. Apropos Zusammenhänge und Fügungen: Besonders freut und ehrt uns, dass wir Prof. Frank Adloff und Larissa Pfaller vom Institut für Soziologie an der FAU Erlangen-Nürnberg für einen Gastbeitrag gewinnen konnten. Die Bereitschaft zweier renommierter Geisteswissenschaftler, bei dieser Dokumentation mitzuwirken, erfahren wir als große Anerkennung und Bereicherung unserer Arbeit. Das Titelmotiv zu dieser Ausgabe stammt von Barbara Kastura. Die „Ghadsos“ sind Wesen, die sich dem Lebensfluss hingeben und durch ebendiese Hingabe einen unermesslichen inneren Reichtum entfalten – sie verkörpern die „Perspektiven des Alterns“ auf ganz eigene, ästhetisch-praktische Weise. Der von der Zentrifuge entwickelte ästhetische Prozess hat bei Forschende Kunst 3 erneut eine Weiterentwicklung erfahren – so konnten wir unseren Methodenpool festigen und ausbauen und unser Verständnis des ästhetischen Prozesses vertiefen. Wir freuen uns, den ästhetischen Prozess verstärkt bei interdisziplinären Austausch- und Entwicklungsprozessen einbringen zu können. Herzlichen Dank an Otmar Potjans, der Forschende Kunst erneut beratend und moderierend begleitete.

Die Zentrifuge ist als Kreativplattform mit über 500 Community Mitgliedern und als ästhetisches Labor mittlerweile in der Lage, Innovationsprozesse und Entwicklungsprojekte in verschiedensten Anwendungsbereichen zu initiieren, durchzuführen und zu dokumentieren – sei dies in Projekten, Organisationen oder Unternehmen. Der ästhetische Prozess ist dabei unser zentraler methodischer Ansatz, bei dem wir künstlerische Perspektiven grundlegend einbinden. Kunst ist für uns kein bloßes Dekorum, sondern unerlässlicher Bestandteil der Auseinandersetzung mit unserem Selbst und unserer Umgebung, mit dem Eigenen und dem Fremden, mit unterschiedlichsten Menschen und deren Arbeits- und Lebenswelten. Kunst regt im Kern dazu an, sich auf andere, ungewohnte und ebenso tiefgehende wie weitreichende Weise auszutauschen, neue Perspektiven zu erproben und neue Wege zu wagen. Wir danken neben Uwe Weber, der Forschende Kunst 3 mit Theaterarbeit bereicherte und so neue Erfahrungen und Gedanken ermöglichte, unseren beteiligten Künstlerinnen Barbara Kastura, Marcela Salas und Angela von Randow. Sie waren nicht nur persönlich bei den Workshops involviert, sie stellten zur Visualisierung dieser Dokumentation ausgewählte künstlerische Motive zur Verfügung – im besten Sinne interdisziplinär verstanden und stark korrespondierend mit dem ästhetischen Prozess und den dabei verhandelten Inhalten. Herzlichen Dank auch an unseren Grafiker Robert Schlund, der dem Projekt Forschende Kunst und der Zentrifuge schon lange als Weggefährte sehr verbunden ist. Ich wünsche Ihnen viel Spaß, Erkenntnis und Anregung mit dieser Dokumentation – alle Beiträge können unabhängig voneinander gelesen werden und sorgen durch ihre unterschiedlichen Sichtweisen und Schreibstile für Abwechslung. Als lebendiger Ausdruck interdisziplinären Arbeitens beschreibt diese


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Dokumentation keinen abgeschlossenen Prozess, sondern deutet auf etwas hin, was uns schon lange und weiterhin und zunehmend in größeren Zusammenhängen beschäftigt. Wir verstehen unser Engagement für die und in der Zentrifuge als ein Erkunden unentdeckter Lebensflüsse und damit auch als gelebte Nachhaltigkeit. Lassen Sie sich also nachhaltig von Forschende Kunst und von den in dieser Ausgabe verhandelten Inhalten und Projektideen anregen und inspirieren. Kommen Sie gern auf uns zu, wenn Sie an offenen Entwicklungsprozessen arbeiten und dabei zentrifugale Impulse und Perspektiven zur Erkundung von Lebensflüssen erfahren und integrieren möchten. Herzliche Grüße Ihr Michael Schels Nürnberg, September 2015 www.forschende-kunst.de www.zentrifuge-nuernberg.de

Bauchzeichnung von Robert Schlund – v003 „Neugierde“, Kohle, 2012

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Das Alter ist anders! Von Günther Heil

PROLOG

In unserem Mietshaus haben die Senioren langsam und unbemerkt die Vorherrschaft übernommen. Von sechs Parteien sind nun bereits vier im Rentenalter angekommen: Der noch selbstständige Steuerberater ist froh, dass er seine Kanzlei im Hochparterre hat, weil er kaum noch Treppen steigen kann. Schon die tägliche Post vom Briefkasten zu holen, scheint für ihn eine große Herausforderung zu sein. Daneben wohnt ein nettes Paar, das vor über zwanzig Jahren mit drei Kindern aus Russland übergesiedelt ist. Die Ehefrau des jetzigen Frührentners muss allerdings noch putzen gehen, weil sonst die Rente der beiden nicht ausreicht. Da meine Frau und ich beide berufstätig sind, nimmt er gelegentlich unsere Paketlieferungen an, was ihn nicht allzu sehr stört. Das alte Pärchen neben uns in der ersten Etage bekommt mittlerweile häufiger Besuch vom Notarzt als von der eigenen Tochter. Und der ehemalige Handwerker mit seiner Frau über uns läuft trotz Ruhestand am liebsten im Blaumann durchs Haus und kümmert sich um die anfallenden Reparaturen.

All ihre Kinder haben schon längst das Elternhaus verlassen und wohnen alle nicht mehr in der näheren Umgebung. Meist sind die mit dem „Flügge“-Werden in die größeren Städte der Metropolregion gezogen und besuchen das „empty nest“ und die eigenen Eltern nur noch an Sonn- und Geburtstagen. Oder um die Enkelkinder über Nacht und in den Ferien dort „abzuladen“. Unser Kleiner ist nun seit knapp zehn Jahren auf der Welt und hat mittlerweile wieder etwas Leben ins Haus gebracht – nicht immer zu aller Wohlgefallen, denn einige hatten sich schon an die schönen Zeiten der Stille (ohne Babygeschrei oder knallende Türen) gewöhnt. Genau in dem Moment, als wir den Kinderwagen entsorgten, hat der nagelneue Rollator unserer Nachbarin seinen Stellplatz im Keller übernommen. Unser Sohn war jahrelang das einzige Kind bei zwölf Erwachsenen, bis im vergangenen Jahr ein spanischer Facharbeiter mit Frau und zwei Kindern im Teenageralter die größere Wohnung im Dachgeschoss bezogen hat. Nicht die Lage war für ihn entscheidend,

sondern der Preis. Die Wohnung stand bereits ein Jahr leer, obwohl die Miete, seit wir hier wohnen, nicht mehr erhöht worden ist. Dabei ist unser Haus erst 20 Jahre alt. Aber eine Studiowohnung im zweiten Stock ohne Aufzug ist definitiv nicht der ideale Ruhesitz für Senioren. Die fränkische Kleinstadt, in der unser Mietshaus steht, stagniert seit Jahren bei ca. 6.000 Einwohnern und trägt ihren Namen durchaus zurecht. Die neueren Gewerbe- und Siedlungsgebiete an den Randgebieten haben zwar für ein Flächenwachstum gesorgt, jedoch leidet die Kernstadt seitdem an einem Leerstand bei den Geschäften und Wohnungen. Für die älteren Einwohner ist es ein ordentlicher Fußmarsch, um sich bei den Discountern am Stadtrand zumindest mit Grundnahrungsmitteln wie z.B. Nudeln, Mehl und Obst zu versorgen. Es befinden sich zwar noch zwei Metzgereien, ein Bäcker und ein Getränkemarkt in der Altstadt, die kämpfen aber ums Überleben, weil ALDI und NORMA am Ortseingang all das auch im Angebot haben – und das zu wesentlich günstigeren Preisen.


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Ach ja, und zwei Schnellimbisse bieten auch noch ihre Produkte an – wahlweise Pizza oder Döner. Die Altstadtbewohner sind dort seltener anzutreffen, eher die Jungs vom ansässigen Knabeninternat oder gestresste Eltern, die nach einem langen Arbeitstag einfach nur satte und zufriedene Kinder haben wollen. Mit viel Geld und großem Aufwand wird nun versucht, den Ortskern wiederzubeleben. Alte Fachwerkhäuser werden restauriert, um attraktive Ladengeschäfte vermieten zu können. Doch unsere Nachbarin meint, dass sie mit ihrem Rollator nur schwer über das traditionelle Kopfsteinpflaster kommt. Das Altenheim, das seit 15 Jahren zum Stadtbild gehört, ist neben den angesiedelten Industrie- und Handwerksunternehmen zu einem wichtigen Arbeitgeber geworden und versorgt auch gleich den Kindergarten mit Essen. Ihm und der alternden Bevölkerung ist es zu verdanken, dass vor einigen Jahren eine zweite Apotheke eröffnen konnte und sich über wachsende Umsätze freut. Auch die drei Allgemeinarztpraxen können sich nicht über mangelnde Kundschaft beschweren. Wir ziehen nun bald hier weg: Endlich haben wir unser eigenes Reihenhaus im „Speckgürtel“ von Nürnberg gefunden. Der Kleine hat dort alle weiterführenden Schulen und ich nur noch einen Bruchteil des Arbeitsweges. Die Kaufpreise für Immobilien sind zurzeit zwar unverschämt, wegen der geringen Zinsen könnten wir unser Reihenhaus aber bis zu unserer Rente in einem Vierteljahrhundert abbezahlt haben. Wobei – das Eintrittsalter dürfte bis dahin sowieso schon bei weit über 70 Jahren liegen. Das Häuschen, das wir uns ausgesucht haben, hat bereits einen eben­ erdigen Zugang und einen kleinen Garten. Aber auch Geschäfte, Ärzte und eine Apotheke befinden sich in unmittelbarer Nähe. Das Häuschen reicht gerade mal so für uns drei, aber kann dann hoffentlich im Alter noch von uns alleine in Schuss gehalten werden. Dort wollen wir bis zum Schluss bleiben – und darüber hinaus. Der Friedhof ist nur einen Katzensprung entfernt. Die Entwicklung zum „Alterspilz“ Eigentlich haben wir keine „Überalterung“ der Gesellschaft, sondern eine „Unterjüngung“! Die steigende Lebenserwartung durch den medizinischen und ökologischen Fortschritt leistet zwar einen Beitrag, dass die Alterspyramide immer höher wird. Dass die Form aber mittlerweile eher einem Pilz gleicht, hat andere Ursachen. Denn mit dem „Pillenknick“ in den 60er und 70er Jahren sind in den Industrienationen schlagartig die Geburtenraten und damit auch die Wachstumssalden gesunken. Hätte es keine Zuwanderung durch Gastar-

beiter und Spätaussiedler gegeben, wäre Deutschland schon längst geschrumpft und noch älter. Während die Generation der Babyboomer in den Nachkriegsjahren noch zahlreich zur Welt gekommen ist, wälzt sich diese Kohorte nun langsam ins Renten- und Pflegebedürftigkeitsalter. Im Gegenzug bekommt in Deutschland derzeit jede Frau nur noch ca. 1,4 Kinder, wohingegen für eine Konsolidierung der Bevölkerungszahlen mindestens 2,1 Kinder notwendig wären. Dieser Effekt potenziert sich zudem, da die ersten „Nichtgeborenen“ der 70er und 80er nun auch keine Kinder bekommen haben. Dadurch „dünnt“ der Pilz nach unten hin immer mehr aus. In der Folge stehen immer mehr Senioren immer weniger Jüngeren gegenüber. Während der „Altersquotient“ laut Statistischem Bundesamt, also das Verhältnis von potenziellen Rentenempfängern zu potenziellen Beitragszahlern, derzeit noch ca. 1:3 beträgt, wird er bis 2050 auf ca. 2:3 steigen. Diese ausschließlich quantitativen Betrachtungen – so nüchtern oder beängstigend sie auch sein mögen – geben aber keinerlei Auskunft darüber, wie sich das soziale Gebilde in Zukunft ausformt. Sie sagen nichts darüber aus, wie sich eine Gesellschaft und ihre Merkmale verändern. Ein paar Phänomene sind aber heute bereits deutlich erkennbar. Entberuflichung des Alters Mit einer höheren Lebenserwartung wächst natürlich auch die Lebensspanne nach der Erwerbstätigkeit. Ein älterer Mensch kann sich auf einen Zeitraum von ca. 20 Jahren „Ruhestand“ bei relativ guter Gesundheit freuen. Welche Potenziale sich dadurch ergeben, lässt sich derzeit nur erahnen. „Ehrenamt“ und „freiwilliges Engagement“ sind mehr denn je für die Älteren ein wichtiges Thema. Da die eigenen Kinder und Kindeskinder oft nicht in räumlicher Nähe leben, entsteht wachsende Unterstützungsbereitschaft außerhalb der Familie, z.B. als Hospizbegleiter oder als Seniorenberater, die junge Existenzgründer kostenlos in der Startphase unterstützen. Da nicht alle Rentner sich freiwillig im Sinne des Gemeinwohls engagieren, gibt es erste Politikerstimmen, die fordern, den Wehr- und Zivildienst dauerhaft abzuschaffen und stattdessen ein soziales Pflichtjahr für Ruheständler einzuführen. Für viele wird das aus wirtschaftlicher Sicht möglicherweise sogar zu einer Notwendigkeit. Altersarmut und Altersarbeit Durch eine Rentenentwicklung, die nicht mit der Inflationsrate mithalten kann, sind die Realrenten in Zukunft immer weniger wert. Insbesondere für Beschäftigte im Niedriglohnbereich oder für Frauen mit langen

Erziehungszeiten und Teilzeitbeschäftigung wird das Rentenniveau immer weniger ausreichen, um den bisherigen Lebensstandard zu erhalten. Die Bundesregierung hat bereits weitere Absenkungen des Rentenniveaus angekündigt. Im Gegenzug sind aber auch Regelungen getroffen worden, die – zumindest zeitweise – Zuverdienstmöglichkeiten erlauben. So wurde mit dem Bundesfreiwilligendienst keine Altersgrenze nach oben gesetzt. Bis zu 24 Monate kann ein Senior sich nun als „Bufdi“ engagieren, während er ein „Taschengeld“ erhält und seine Sozialversicherungsbeiträge von der Einsatzstelle weiterbezahlt werden. Darüber hinaus wurde im vergangenen Jahr die „Übungsleiterpauschale“ auf 200,- € monatlich bzw. 2.400,- € jährlich erhöht, damit freiwillige Unterstützung in Vereinen oder für gemeinnützige Organisationen aufwandsentschädigt werden kann. Dies gilt für alle unterrichtenden, betreuenden oder pflegenden Tätigkeiten – steuerfrei und ohne Sozialversicherungspflicht. Singularisierung des Alters Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten viele Soldaten nicht zu ihren Familien zurück und es gab über viele Jahrzehnte einen deutlichen Frauenüberschuss in Deutschland. Kriegswitwen waren gezwungenermaßen alleinstehend. Zudem wurden und werden Frauen immer noch durchschnittlich älter und „überleben“ ihre Männer häufig aufgrund ihres gesünderen Lebensstils und ihres ausgeprägteren Gesundheitsbewusstseins. Dieses Phänomen ändert sich aber zusehends, weil sich das Gesundheitsverhalten von Mann und Frau z.B. im Bezug auf Rauchen und Alkoholkonsum immer mehr angleichen. Die Lebensverhältnisse haben sich in den letzten Jahren aber auch deutlich verändert: vom „erzwungenen“ zum „freiwilligen“ Alleinsein. Ehepaare lassen sich heute deutlich häufiger scheiden, wenn Kinder als „gemeinsame Aufgabe“ wegfallen. Die finanzielle Abhängigkeit von verheirateten Frauen und das gesellschaftliche Stigma von geschiedenen Frauen existiert nicht mehr so wie noch eine Generation zuvor. Später traut sich nur jede zweite geschiedene Person nochmals zu heiraten, wodurch immer mehr Menschen das Alter als Single erleben werden. Wohnungsbauunternehmen haben dies mittlerweile erkannt und bauen kleinere Wohneinheiten und sogar „Single-Häuser“. Und in Universitätsstädten gibt es Initiativen, die alleinstehende Senioren und junge Studierende zusammen bringt, um Wohnraum und die damit verbundenen Aufgaben zu teilen. Wir können aber damit rechnen, dass sich die „Alt-68er“ bald neue Formen des Zusammenseins im Alter überlegen

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werden. Senioren-WGs und Mehrgenerationenhäuser sind auf dem Vormarsch. Individualisierte Lebensstile Während es in früheren Generationen bestimmte, tradierte Lebensentwürfe und Konventionen für Senioren gab, die daraus bestanden, sich überwiegend bei der „Brutpflege“ innerhalb der Familie zu beteiligen, sich weiterhin im landwirtschaftlichen Familienbetrieb zu engagieren oder am Vereinsleben mitzuwirken, hat sich dies deutlich verändert. Die Lebensentwürfe über die Erwerbsphase hinaus sind äußerst unterschiedlich geworden, da sich das „Alter“ als Daseinszustand wesentlich heterogener darstellt. Vom 65-jährigen, rüstigen „Frühsenior“ bis zum 90-jährigen Demenzkranken, vom betuchten „Residenz-Bewohner“ zum Sozialhilfeempfänger im Pflegeheim-Doppelzimmer. Die Lebensstile werden durch viele Variablen determiniert, wie den Gesundheitszustand, die finanzielle Situation, die soziale Einbettung und den Bildungsstatus. Im Entwicklungsverlauf eines Menschen ist die Phase zwischen 65 und 85 diejenige, in der die größte Heterogenität herrscht, aus der nur eine klare Gesetzmäßigkeit erkennbar ist: „Das Alter ist anders!“ So kann die Verwirklichung im Ehrenamt genauso Zielsetzung sein wie ein Seniorenstudium an der Uni oder die Weltumrundung mit Kreuzfahrtschiffen. Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit Die gute Nachricht: Erst ab dem 80. Lebensjahr steigt das Risiko der Pflegebedürftigkeit. Die schlechte Nachricht: Das Risiko steigt dann exponentiell. Denn mit zunehmendem Alter geht die Gebrechlichkeit einher, die sich aus mehreren Entwicklungen zusammensetzt: • Unbeabsichtigte Gewichtsreduktion und damit auch an Muskelmasse • Abnahme der Körperkraft • Leichte, subjektive Erschöpfbarkeit • Immobilität, Gang- und Standunsicherheit • Reduzierte Aktivität Bis zum Alter von 100 Jahren beträgt das Risiko der Pflegebedürftigkeit bereits über 50%. Aus der Alterskorrela-

tion ergibt sich auch ein geschlechtsspezifischer Zusammenhang. Frauen haben zwar immer noch eine höhere Lebenserwartung als Männer, im Gegenzug haben sie dadurch auch ein deutlich höheres Pflegebedürftigkeitsrisiko. Jede zweite Frau wird im Laufe ihres Lebens pflegebedürftig, während Männer kürzer und weniger häufig pflegebedürftig sind. Die zunehmende Pflegebedürftigkeit ist auch der Tatsache geschuldet, dass die medizinische und medikamentöse Versorgung es erlaubt, trotz schwerer Erkrankungen weiter zu leben, z.B. durch künstliche Ernährung, Herzmedikamente oder intensive Therapien nach einem Schlaganfall. Sinn und Un-Sinn des Alters Die Gesellschaft will und wird in Zukunft noch älter werden, vielleicht in der unbewussten Hoffnung, irgendwann dem Tod zu entkommen. Die Ernährungsforschung, die kosmetische Industrie und die plastische Medizin haben sich schon längst auf den Wachstumsmarkt „Anti-Aging“ gestürzt, um den Menschheitstraum vom ewigen Leben oder zumindest dauerhafter Jugend zu verfolgen. Denn damit wäre verbunden, noch mehr Zeit für sich und die eigene Selbstverwirklichung zu haben. Paradoxerweise haben sich mit dem Zugewinn an Lebensjahren nicht unbedingt eine größere Gelassenheit und Entschleunigung entwickelt. Im Gegenteil: Wir versuchen in einer immer längeren Lebenszeit immer mehr Erlebnisse und Ergebnisse zu erlangen. Dabei könnte das Alter als finale Lebensphase so viele Potenziale bieten, die wir noch gar nicht zu verstehen im Stande sind. Vielleicht steckt ja gerade im Altwerden und Sterben der Sinn unseres Lebens. Denn möglicherweise lässt sich erst mit dem Erkennen bzw. dem Bewusstsein der Endlichkeit unseres Lebens und des nahenden Endes ein erfülltes und gelingendes Leben erschließen. JEDEM Menschen wäre zu wünschen, die Chance auf seine eigene „Löffelliste“ zu haben.

rechts: Gruppenübung aus dem Workshop


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„Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden“ Paradoxien des Alter(n)s in der Gegenwart Von Frank Adloff & Larissa Pfaller

Dass wir möglichst lange leben, aber nicht alt sein wollen – so das Zitat von Jonathan Swift -, scheint die gegenwärtige Stimmungslage unserer modernen Gesellschaft zu treffen, die einerseits „immer älter“ wird und andererseits Jugendlichkeit, Aktivität und Schönheit als Ideal vorgibt. Gleichzeitig ist die Frage nach dem eigenen Altern und nach dem Umgang mit dem Alter keine, die sich erst im Zeichen des demographischen Wandels stellt: Schon immer gab und gibt es unterschiedliche Altersbilder, also Vorstellungen vom Älterwerden und Altsein, die sich je nach historischem und gesellschaftlichen Kontext verändern können. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat denn auch die Soziologie das Alter als Gegenstand für sich entdeckt und beschränkt sich hier keineswegs auf die Feststellung und Beschreibung von demographischen Veränderungen, sondern versteht Altern als wandelbares, soziales Phänomen (Schroeter 2008, 611) und fragt nach dessen gesellschaftlicher Gestaltung und Bewertung. Dabei wendet sie sich sowohl dem Alter als Lebensphase, welche mit spezifischen Vorstellungen und Erwartungen verbunden ist als auch dem Prozess des Alterns als lebenslanger, auch sozialer Entwicklung zu. Sie bedient sich hierbei der Begriffskonstruktion des „Alter(n)s“, in welcher diese Gleichzeitigkeit von Prozesshaftigkeit und Zustandsbeschreibung sogar visuell zur Geltung kommt. Zunächst sah die sogenannte Disengagement-Theorie (Cumming und Henry 1961) bis in die 1960er Jahre die Lebensphase des Alters vor allem als durch sozialen Rückzug und die Zunahme von Passivität im Zuge eines natürlichen Alterungsprozesses geprägt. Die Aktivitätstheorie des erfolgreichen Alter(n)s der 1960er und 1970er Jahre (Havighurst, Neugarten, und Tobin 1968) kritisiert demgegenüber den Disengagement-Ansatz als Defizitmodell und fasst den Rückzug älterer Menschen als Folge sozialer Ausgrenzung auf, welcher somit den Bedürfnisstrukturen Älterer im Grunde gar nicht entspräche. Vielmehr

seien ältere Menschen „the same as middle-aged people“ (ebd., 161) und daher müssten auf der einen Seite ihre Aktivität und Leistungsfähigkeit anerkannt, auf der anderen Seite Ersatzaktivtäten für die im Alter fehlende Berufstätigkeit gefunden werden. Aus der Beschäftigung mit einer als eigenständigem biographischen Abschnitt angesehenen dritten Lebensphase (Kohli 1985) entwickelte sich die theoretische Unterscheidung zwischen drittem und viertem Alter (Laslett 1989), in welcher die gelebten und erfahrbaren Ambivalenzen des Alters – zum einen die Befreiung von Arbeitszwängen im wohlverdienten Ruhestand und die Möglichkeit der Selbstverwirklichung, zum anderen verminderte Leistungsfähigkeit und körperlicher Abbau – auseinandergezogen und zwei biographisch aufeinander folgenden Abschnitten zugeschrieben werden: Das dritte Alter repräsentiert nun den „aktiven“, „erfolgreichen“ und „produktiven“ (Rowe und Kahn 1998; Baltes und Carstensen 1996) Abschnitt, während des vierte Alter als durch körperliche Hinfälligkeit und Multimorbidität gekennzeichnet und damit als Phase der Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit angesehen wird. Die Soziologie reagierte mit dieser Unterscheidung auf den Umstand, dass die Menschen in westlichen Gesellschaften nicht nur länger leben, sondern auch auf eine lange gesunde Lebensphase nach dem Ruhestand hoffen können, die sie dank ausreichender Ressourcen selbst aktiv zu gestalten vermögen. Auf der einen Seite prägt vor allem dieses dritte, erfolgreiche Alter die aktuelle Medien- und Werbelandschaft. Hier lächeln uns fröhliche Seniorinnen und Senioren an, die, offensichtlich gesund, fit und aktiv, ihr Leben genießen. Diese „Best-Ager“ zeigen nicht nur keinerlei Zeichen des vierten Alters, dieses wird uns darüber hinaus als in jedem Fall zu vermeidender Zustand präsentiert. In der Darstellung des Risikos an Demenz zu erkranken, wird dies besonders deutlich. Hier wird vor allem der Verlust der personalen Identität problematisiert – ein Zustand, wel-

cher dem positiven Bild des dritten, selbstbestimmten Alters maximal zu widersprechen scheint. Dieser Hinfälligkeit und Abhängigkeit gilt es aus allgemeiner Sicht vorzubeugen, ob mit gesundem Lebenswandel und Anti-Aging-Medizin oder mit dem Verfassen einer Patientenverfügung (Brauer, Adloff und Pfaller 2014). Auf der anderen Seite wird im gesundheitspolitischen Diskurs das Alter im Zeichen des demographischen Wandels vor allem als sozialstaatliches Problem gesehen, als Herausforderung und Zumutung für Renten- und Kranken- und Pflegversicherung. Hier gilt es zu fragen, welche Altersbilder transportiert werden, wenn in großen Schlagzeilen von der „Überalterung der Gesellschaft“ gesprochen wird oder welche Handlungsmöglichkeiten uns mit der Rede von der „rollenden Alterslawine“ überhaupt offeriert werden und was dies nicht nur für unseren Umgang mit dem Alter sondern im gelebten Alltag älterer Menschen eigentlich bedeutet. Und so ist sich die Soziologie in der Interpretation des dritten Alters auch keineswegs einig: ProAging-Ansätze (z. B. Kruse 2006; Rüegger 2011) heben die besonderen Chancen des Alters und die damit verbundenen Handlungsspielräume im Alter hervor. Das Plädoyer für ein „Pro-Aging“ wendet sich gegen eine Abwertung oder gar Pathologisierung des Alter(n)s und spricht sich darüber hinaus für eine gesellschaftliche Nutzung der Stärken und Potenziale des Alters aus, da bspw. ein ehrenamtliches Engagement sowohl für die Älteren selbst als auch für die Gemeinschaft von Vorteil wäre. Die sogenannte „kritische Gerontologie“ erkennt demgegenüber hinter dieser einseitigen Blickrichtung auf die potentiellen Ressourcen des Alters die Gefahr, dass ein neues Leitbild und damit neue und ebenfalls zu problematisierende Anforderungen an die Betroffenen gesetzt werden: Das sich aus der Vorstellung vom dritten Alter schöpfende gesellschaftliche Leitbild der „jungen Alten“ (van Dyk und Lessenich 2009b) ist hiernach


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Brauer, Kai, Frank Adloff und Larissa Pfaller. 2014. „‚Wie mit mir umzugehen ist‘. Zur biographischen Relevanz und Prospektivität von Patientenverfügungen“. Soziale Welt 65 (4): 425–49. doi:10.5771/0038-6073-2014-4-425. Cumming, Elaine und William Henry. 1961. Growing Old: The Process of Disengagement. New York: Basic Books. Havighurst, Robert, Bernice Neugarten und Sheldon S. Tobin. 1968. „Disengagement and patterns of aging“. In Middle Age and Aging, herausgegeben von Bernice Neugarten, 161–77. Chicago/London: The University of Chicago Press. Higgs, Paul, Miranda Leontowitsch, Fiona Stevenson und Ian Rees Jones. 2009. „Not just old and sick – the ’will to health’ in later life“. Ageing and Society 29 (5): 687 – 707. Katz, Stephen. 2000. „Busy bodies: Activity, aging, and the management of everyday life“. Journal of Aging Studies 14 (2): 135–52. Kohli, Martin. 1985. „Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. Historische Befunde und theoretische Argumente“. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 37 (1): 1–29. Kruse, Andreas. 2006. „Plädoyer für ein Pro-Aging“. Herausgegeben von Deutsches Zentrum für Altersfragen. Informationsdienst Altersfragen 33 (5): 4–7. / 2010. Potenziale im Altern. Heidelberg: Akademische Verlagsgesellschaft.

Gruppenübung aus dem Workshop

nicht nur nicht von sozialem Rückzug geprägt, sondern lässt diesen auch kaum noch zu. Auch die Älteren sollen jenseits der 65 noch zeigen, wie jung, aktiv (Katz 2000) und gesund (Higgs u. a. 2009) sie immer noch sind und somit nicht zuletzt über ihr Konsumverhalten Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit präsentieren. Dabei wird zum einen die Verantwortung für das eigene Älterwerden den Individuen selbst zugeschrieben. Zum anderen wird das Alter unter dem Zeichen des „Förderns und Forderns“ neoliberaler Aktivierung als neue gesellschaftliche Ressource gedeutet: „Was läge in Zeiten chronisch beklagter fiskalischer Nöte der öffentlichen Hand, im Zeichen der prognostizierten Zunahme des Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung, im Windschatten schließlich der mit großem finanziellen, institutionellen und propagandistischen Aufwand betriebenen Aktivierung erwerbsfähiger Erwerbsloser näher, als auch ‚das Alter‘ wieder stärker in die gesellschaftliche Pflicht zu nehmen?“ (van Dyk und Lessenich 2009a, 12) Durch die Möglichkeit, länger zu leben und die gewonnen Jahre selbst

gestalten zu können, ist die letzte Lebensphase zu einer Projektionsfläche von Wünschen und Hoffnungen, aber auch von Ängsten und Befürchtungen geworden. Die Gesellschaft steht demnach vor zwei Herausforderungen: Erstens gilt es, die Verdrängung und Dämonisierung des vierten Alters in den Blick zu nehmen und kritisch zu hinterfragen. Denn diese Haltung lässt keinen Raum für positive Bilder, in denen wir uns beispielsweise eine liebevolle Hinwendung zum eigenen pflegebedürftigen Körper vorstellen können. Zweitens müssen wir uns ebenso mit dem Bild des dritten Alters, so positiv es auch sein mag, auseinandersetzen. Es eröffnet uns neue, individuelle Handlungsspielräume, konfrontiert uns aber auch mit den Imperativen eines neoliberalen Aktivierungsstaates. Aus dem Recht auf einen selbstgestalteten Ruhestand darf nicht die Pflicht zu unbezahlter Arbeit unter der Flagge von Aktivität und gesellschaftlichem Engagement werden. Baltes, Margret M. und Laura L. Carstensen. 1996. „The process of successful ageing“. Ageing & Society 16 (04): 397–422.

Laslett, Peter. 1989. A Fresh Map of Life: The Emergence of the Third Age. London: Weidenfeld and Nicolson. Rowe, John W. und Robert L. Kahn. 1998. Successful Aging. New York: Pantheon Books. Rüegger, Heinz. 2011. „Pro Aging – Auf dem Weg zu einer Lebenskunst des Alter(n)s“. Zeitschrift für Gerontologie und Ethik 1: 62–76. Schroeter, Klaus R. 2008. „Alter(n)“. In Lehr(er)buch Soziologie. Für die pädagogischen und soziologischen Studiengänge., herausgegeben von Herbert Willems, 611–30. Wiesbaden: VS. Van Dyk, Silke und Stephan Lessenich. 2009a. „,Junge Alte’: Vom Aufstieg und Wandel einer Sozialfigur“. In Die jungen Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur, herausgegeben von Silke van Dyk und Stephan Lessenich, 11–48. Frankfurt am Main: Campus. / 2009b. Die jungen Alten. Analyse einer neuen Sozialfigur. Frankfurt am Main: Campus.

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Variationen über den Würfel Angela von Randow

Dem Ansatz Forschende Kunst fühle ich mich soweit zugehörig, als es um die Entwicklung einer Form oder Gestalt unter Beibehaltung von Prämissen oder Vorgaben geht. Dazu gehören die Arbeiten „Variationen über den Würfel“: Würfel aus Acrylglas bilden die Grundstruktur, deren Flächen im Aufteilungsverhältnis des Goldenen Schnittes gestaltet sind. Das schöpferische Potential der Auflösung und Neuschöpfung entlang diesen Linien hatte mich fasziniert und so ergaben sich in jeweils 3 oder 4 Schritten aus dem blauen Würfel ein Barockgarten, aus dem roten Würfel eine Burg und aus dem schwarzdurchsichtigen Würfel ein futuristischer Turm. In der Reihe gelb und orange industriell durchgefärbter Würfel kommt der Goldene Schnitt im Verhältnis der Durchmesser von Kreisausschnitten zu den Kanten der Würfel zur Anwendung. Der größte Würfel gebiert mit seinen Ausschnitten den ersten runden Würfel, dem sich der kleinere Würfel größenmäßig anpasst, aus welchem wiederum der kleinere runde Würfel entspringt. www.angela-randow.de


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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Vom Klatschen … … über Kaffeetrinken zum Flow und alles 5 vor 12! Eine Gesprächsrunde: Marion Meda (Fernsehmoderatorin), Daniel Duwas (Theaterpädagoge), Uwe Weber (Schauspieler, Regisseur, Komponist) und Thea Thevo (Theater für alle Fälle). Von Uwe Weber

Fernsehstudio. Publikum applaudiert. M.M.: „Herzlich willkommen zu unserer Talkrunde „5 vor 12“. Auch heute Mittag habe ich wieder sehr interessante Gäste für Sie. Ich begrüße als erstes Frau Thea Thevo. Sie verkörpert sozusagen das Theater thevo. Geboren ist sie vor 33 Jahren in Nürnberg. Von Geburt an ist sie Mitglied im Verein zur Förderung des Theaters von Menschen für Menschen. Guten Tag Frau Thevo!“ Publikum applaudiert. T.T.: „Guten Tag Frau Meda. Oder heißen Sie Medea?“ (kichert) Publikum lacht und applaudiert M.M.: „Da wir gerade beim Humor angekommen sind. Ich heiße Marion MEDA, nicht Marylin Monroe oder gar Marylin Manson.“ (lacht ) „Gut. Gehen wir mal weiter im Programm. Die Sendezeit ist ja knapp geworden, deswegen ganz schnell zu unserem nächsten Gast. Er kommt ebenfalls aus Nürnberg, kennt unsere reizende Thea seit gut und gerne 22 Jahren. Ist gerade 54 Jahre geworden. Ich begrüße Uwe Weber.“ Publikum applaudiert. U.W.: „Guten Tag Frau Meda, vielen Dank für die Einladung zu dieser Talkrunde. Hallo, Thea.“ M.M. „Ein weiterer Gast, der trotz vieler Termine ein Zeitfenster gefunden hat. Daniel Duwas. Leider hab ich keinen Geburtsort von Ihnen, auch das Alter scheint irgendwie in Ihrer Vita keine große Rolle zu spielen. Aber vielleicht wollen Sie es dem Publikum hier im Saal und auch den zugeschalteten Millionen Menschen an den Fernsehgeräten selbst mitteilen. Applaus für Daniel Duwas!“

M.M.: „Ich hab kein Problem damit, ich habe die 70er vor zwei Jahren überschritten!“

U.W.: „Thea, ...lass ihn halt mal die Übung erklären. Ich meine, er wird schon wissen, was er tut, oder?“

T.T.: „Die 70er Jahre oder meinen Sie Frau Medea ...“ (kichert) „… Sie sind 1943 geboren?“

D.D.: „Wir bilden jetzt mal einen Kreis!“ U.W. zu T.T.: „Stimmt, das kenn´ ich!“

M.M.: „ Gute Frage, ich würde sagen beides.“ (kichert) „Ich habe meine 70er erlebt und auch die 70er Jahre! Aber um mich geht es hier ja nicht. Ich wollte jetzt in unsere Runde einsteigen und am besten, ich fange mal mit Ihnen an, Herr Duwas, Sie sind uns noch eine Antwort schuldig!“ D.D.: „Nun, ich wollte zum Einstieg eigentlich erst mal etwas aus meiner Praxis als Theaterpädagoge erzählen, aber was heißt hier erzählen. Machen wir doch einfach mal eine Übung aus dem Bereich der Theater-Warmups! Oder?“ U.W.: „Ja!“ T.T.: „Ja!“ M.M.: „Ja, gerne. Ich hoffe nur, unsere Zuschauer zuhause vor den Bildschirmen langweilen sich nicht!“ D.D.: „Nein, im Gegenteil. Die Übung ist so einfach, man/frau kann sie ab einer Gruppe von 3 Personen zu jeder Zeit an jedem Ort durchführen.“ T.T.: „Ich glaube, ich weiß, was jetzt kommt. Ich glaub, ich hab schon millionenfach …

D.D.: „Wir machen einen Kreis. Einer sendet jetzt ein Klatschsignal an einen beliebigen anderen Spieler. Dabei ist wichtig: Immer Augenkontakt herstellen und mit den klatschenden Händen deutlich auf den Empfänger zeigen. Das ist wichtig, denn das Signal sollte exakt ankommen. Wir werden auch mit verschiedenen Geschwindigkeiten variieren. Derjenige, der empfängt, sendet das Klatschsignal an den nächsten Spieler. Das Ganze geht dann weiter und weiter.“ M.M.: „Könnten Sie unseren ZuschauerInnen erklären, für was diese Übung gut sein soll. Und übrigens, sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet!“ T.T.: „Ich kann´s auch erklären!“ U.W.: „Mensch Thea, dich hat jetzt keiner gefragt!“ T.T.: „Dich auch nicht, Uwe. Dich fragt eigentlich sowieso nie jemand.“ (kichert) U.W.: beleidigt

D.D.: „Also stehen wir alle mal auf!“

D.D.: „Alles o.k. bei euch beiden? Also zurück zur Frage von Marion. Ziel der Übung ist es, als Gruppe in einen Flow zu kommen. Das heißt, jeder ist konzentriert, fokussiert aber gleichzeitig entspannt und gelockert. Die Gedanken werden minimiert, es geschieht quasi aus dem Bauch raus. Den Flow spürt man dann richtiggehend, wenn das Klatschen einen regelmäßigen Rhythmus bekommt. Also dann mal los!“ (klatscht Richtung U.W.)

T.T. an D.D.:“Finden Sie das nicht ein bisschen unhöflich gegenüber der älteren Dame?“

U.W. klatscht an T.T. klatscht an M.M. klatscht an D.D. klatscht an M.M. klatscht an T.T.

U.W.: „Psst. Lass ihn ...“ D.D.: „Danke, Uwe. Also stehen wir mal auf!“ M.M.: „Gilt das auch für meine Generation? Ich meine, kann man das nicht im Sitzen auch machen?“

Publikum applaudiert. D.D.: „Guten Tag Frau Meda. Nun gut, ich verrate Ihnen gerne mein Alter, wenn Sie es auch tun!“


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

M.M.: „Danke Daniel für die Demonstration. Gibt es da noch Variationen?“ T.T.: „Jede Menge! Also ich kenn´ da noch das Weitergeben des Impulses an den Kreisnachbarn. Oder auch: Der Impuls geht an den Nachbarn, er gibt ihn mir wieder zurück und dann wechsle ich die Richtung und gebe den Impuls an meinen Nachbarn auf der anderen Seite. Wenn er mir den Impuls wieder zurück gibt... naja, es ist irgendwie witzig, wenn man sich so zuklatscht“ (kichert)

M.M.: „Gut, also ich sehe, diesen Klatschkreis kann man beliebig ausbauen.“

T.T.: „PA“

D.D.:“Ja, stimmt. Zum Beispiel kann man auch eine Struktur entstehen lassen. Also wir legen mal fest: M.M. an U.W. an T.T. an D.D. und wieder M.M. Wir klatschen mal die festgelegte Struktur und bestärken den Klatscher durch„PA“.

M.M.: „PA“

M.M.: „PA“ U.W.: „PA“

U.W.: „Haha...“

Gruppenübung aus dem Workshop

D.D.: „PA“

U.W.: „PA“ T.T.: „PA“ D.D.: „PA … so, jetzt haben wir eine Struktur! Jetzt legen wir eine neue Struktur mit neuen Partnern fest und sagen wir mal, wir nehmen statt dem PA einen Begriff, zum Beispiel eine Gemüsesorte! Na, dann mal los!“

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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

D.D. an M.M.: „Aubergine“

Eine Dame aus dem Publikum: „Hamburg“

M.M. an T.T.: „Karotte“ M.M.: „Vielen Dank. Hamburg!“

tionskette, dem Ort und den Figuren eine Geschichte. Zu gewinnen gibt es in der nächsten Sendung einen Theaterworkshop!“

T.T. an U.W.: „Kartoffel“ U.W. an D.D.: „Kohl“ D.D.: „Nach einer Weile kann man jetzt die Strukturen nacheinander klatschen bzw. übereinander.“ T.T.: „Wir haben schon mal fünf Strukturen übereinander geschafft!“ U.W.: „Da warst du aber nicht dabei. Oder?“ T.T.: „Ich kann mich genau erinnern. Da war noch ´ne Struktur mit Tieren, da warst du ein Walross!“ (kichert) „Und dann war noch was mit Ländern und dann lief man noch …“ M.M.: „Ja, danke erst mal hier an der Stelle. Nehmen wir mal wieder Platz. Einen kräftigen Applaus für Herrn Duwas aus ...äh. Naja später.“

D.D:: „Jetzt brauchen wir Personen, Figuren, Charaktere!“ T.T.: „Also ich spiel so ´ne Type, die hat gerade ihren Job hingeschmissen und versucht am Hamburger Hafen eine Arbeit auf einem Schiff zu bekommen. Die will in die Welt hinaus.“

T.T.: „Hey, das ist jetzt mein Ding!“ D.D.: beleidigt

T.T.: „Jetzt werd´ bloß nicht fies!“

D.D.: „Ich kann so nicht ...“

U.W.: „Also ich würde einen Stuhl spielen. Einen sprechenden Stuhl!“

M.M.: „Also, Thea, was für ein Spiel könntest du denn empfehlen. Es sollte etwas sein, was man auch alleine spielen kann.“

D.D:: „Na, das ist ja schon mal interessant. Dann spiele ich ´nen Matrosen der seinen ersten Landgang hat, in ´ne Kneipe geht, sich hinsetzt und mit einem jungen Mädchen ins Gespräch kommt.“

U.W.: „Ich finde eine Variation sehr interessant und zwar ist das das Assoziieren. Also, statt des Klatschimpulses wird vom Sender ein Wort weitergegeben. Der Empfänger nimmt das Wort auf, spricht es nach und gibt dann impulsiv ein Wort weiter, das ihm gerade, genau in dem Moment, dazu einfällt!“ T.T.: „So entstehen manches Mal die witzigsten Wortketten!“

U.W.: „Ja klar. Wenn ich mal kurz mein Konzept einbringen kann...“

U.W.: „ Ja zum Beispiel: Bommerlunder – Sauerkraut – Dampfbügeleisen – Amerika – Clinton – Prince – König – Pfeffernüsse – Mangold – Reh – Klee – Fuchsbandwurm …

D.D.: „Äh, ich hab auch eines anzubieten ...“

M.M.: „Ja, Uwe. Du hast noch was anzumerken?“

D.D.: „Aber ich wollte …!“

U.W.: „Ist ja typisch. Trägt die auch noch ´ne Jeans und hat eine Brille ...?“

M.M.: „Das klingt ja alles schon ganz spannend. Aber wisst ihr was: Die Sendezeit ist schon fast um. Äh, wir können doch von unseren ZuschauerInnen zuhause vor den Bildschirmen die Geschichte stricken lassen. Sagen wir mal, die besten drei Geschichten werden in der nächsten Sendung präsentiert und das Publikum kann abstimmen, welche Geschichte sie am besten findet. Als Preis gibt es einen Theaterworkshop zu gewinnen. Oder, Uwe und Daniel? Könnt ihr dem zustimmen?“

Publikum klatscht.

M.M.: „Nun wieder weiter in unserer kleinen Runde. Danke Daniel für diese kleine Arbeitsdemo. Ist ja schon witzig, was sich da entwickelt hat! Ich frage jetzt mal die Thea.“

T.T.: „Da fällt mir eine Übung ein, für die man nur eine Kaffeetasse benötigt. Nicht mal das, man stellt sich einfach eine Kaffeetasse vor. Am besten seine Kaffee-, Tee- oder Kakaotasse. Das geht folgendermaßen: Stellt euch mal vor …! D.D.: „Können wir das nicht einfach gleich machen? Das begreift doch sonst keiner. Im Theater spielen wir gleich mit allem. Das Theater ist kein Debattierklub!“ U.W.:“Hört, hört!“ M.M.: „Also Thea, dann machen wir das gleich mal. Also, wie war das nochmal. Vielleicht können wir hier alle, also auch das Publikum mal mitmachen.“ Publikum schweigt.

D.D.: „Nehmen wir doch gleich mal diese Kette. Könnte man gleich mal eine kleine Story schreiben, oder noch besser, lass uns daraus eine Geschichte entwickeln. Wählen wir einen Ort, wo die Geschichte beginnt!“ M.M.: „Ah, interessant. Da fragen wir doch mal einfach unser Publikum hier im Saal. An welchem Ort soll unsere Geschichte spielen oder wo soll sie beginnen?“

U.W.:“ Also ich war zuerst, oder? Marion, was meinst Du?“ T.T.: „Platzhirsch meets ….“

T.T. zu U.W.: „Kommt dir die Situation bekannt vor?“ U.W.: „Klar.“

Publikum klatscht. M.M.: „Bitte Thea!“

M.M.: „Uwe, bitte!“ T.T.:“ Überlegt euch mal kurz…“ U.W.: „Mein Konzept ist: Schauspiel als schöpferische Kraft erleben. Der Wunsch, ein anderer sein zu können, sich hineinzuversetzen in andere, …. es ermöglicht ein besseres Kennenlernen von sich selbst und anderen, es macht den Reiz des Theaterspielens aus. Theater spielen heißt erfinderisch sein, dem Mut und der Lust am Ausprobieren freien Lauf zu lassen.“

Publikum schweigt. M.M.: „Na, so schwer kann es doch nicht sein! Wir brauchen nur einen Ort!“

T.T.: „Keine Angst. Keiner muss hier auf die Bühne kommen. Sie können es alle auf ihrem Platz nachvollziehen.“

D.D.: „Wo hast Du das abgeschrieben?“ U.W.: „Ist mir gerade eingefallen!!“ M.M.: „Gut, danke Uwe. Zu dir, Daniel, kommen wir später. Also noch mal an die ZuschauerInnen zuhause vor den Schirmen. Bilden Sie aus der Assozia-

M.M.: „Im Theater wird nicht gesiezt?“ T.T:: „Also ich find das blöd. Überlegt euch mal kurz, was trinke ich am Morgen? Tee, Kaffee, Kakao …. U.W.: „Bier? Schnaps?“ T.T.: „Sehr witzig. Tee, Kaffee, Kakao? Aus was für einer Tasse trinkt ihr? Lasst die Tasse vor euren Augen erscheinen. Natürlich mit Inhalt. ...materialisiert, visualisiert sie durch eure Gedanken ...stellt euch die kleinen Rauchschwaden vor, die von diesem Getränk aufsteigen ...atmet normal ...atmet den Geruch ein ...schaut euch jetzt die Tasse genauer an …hat sie einen Aufdruck ...was steht da drauf


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

...ist es ein Bild ...eine Zeichnung … hat die Tasse irgendwelche Beschädigungen ...Macken ...kleine Fehler ...wie viele Finger brauche ich um die Tasse zu umgreifen ...wie viele für den Henkel ...nehmt nun die Tasse in die Hände ...wie schwer ist sie ...an welcher Stelle meiner Hand erwärmt sie mich am meisten ...in welchem Nasenloch ist der Geruch am intensivsten ...zum Schluss macht ihr eine Abschlussgeste: Wo würdet ihr die Tasse hinstellen …was ist sonst noch auf eurem Tisch ...“

M.M.: „Gut, ich denke Förderung, Geld, Finanzen und so weiter sind Themen, die man sich mal anschauen sollte. Gut. Ich bedanke mich bei meinen Gästen und auch hier beim Publikum im Saal und natürlich bei den Millionen an den Schirmen. Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Talk 5 vor 12. Die Sendung mit Marion Meda“.

M.M.: „Danke erstmal. Ich kann mir meine Tasse vorstellen. Leider ist da der Henkel abgebrochen …

Alle geschilderten Personen (mit Ausnahme von Uwe Weber) sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

U.W.: „ ...bei meiner auch!“

Tosender, frenetischer, langanhaltender Applaus vom Publikum. Standing ovations.

D.D: „Bei mir steht drauf: 1. aufstehen 2. überleben 3. wieder ins Bett“ Publikum lacht und applaudiert. M.M.:(lacht) „ ...danke, Thea!“ Publikum applaudiert. M.M.: „Weil du gesagt hast: Was ist sonst noch auf dem Tisch. Das kann man wahrscheinlich auch locker weitermachen, oder?“ U.W.: „Klar, aber zum Einstieg tut´s die Kaffeetasse!“ D.D.: „Straßberg! The method, sag ich bloß! Ich war übrigens schon öfter ...“ M.M.: „Danke. Ich denke, wenn sich jemand dafür interessiert, der kann auch auf unsere Webseite zurückgreifen. Da sind nochmal alle wichtigen Hintergrundinformationen zusammengefasst. Es steht auch noch der Uwe im Livechat bis heute Abend um ca. 18:00 Uhr zur Verfügung!“ U.W.: „Ähem, …davon wusste ich noch gar nichts. Ich hab um 13:00 Uhr einen wichtigen Termin bei der Stadtverwaltung, da geht’s um unsere Subventionen für kommendes Jahr.“ T.T.: „Ja, das ist natürlich wichtig. Sonst wissen wir nicht mehr, wie es weitergeht. Mann, wenn man sich das vorstellt – die am Schauspielhaus kaufen sich in Höhe unserer Jahressubvention einen Vorhang im Foyer oder Handtücher zum Trockenreiben der Sektgläser ...und überhaupt, ich finde man sollte uns ...“ D.D.: „Na, na, na ...das ist doch jetzt übertrieben. Aber mal was anderes. Ich dachte, ich sollte als Experte im Livechat zur Verfügung stehen?“ M.M.: „Ne, wir haben uns kurzfristig umentschieden!!“ D.D.: beleidigt

Forum Theater Forumtheater bedeutet, dass das Theater zum Forum wird. Zum Forum für die Zuschauer. Die künstliche Welt, die das Theater erzeugt, wird zur Test-Welt für Alternativen. Dieses Theater setzt voraus, dass die Zuschauer zu echten, interaktiven Partnern der Aufführung werden, Spaß daran haben, sich selbst auszuprobieren, neugierig sind auf ein unvorhersehbares Spiel und die Ideen aller Anwesenden. Die Schauspieler sind gefordert, auf der Basis einer ‚Grund‘-Geschichte, eines Themas und verschiedener Charaktere, mit den Ideen der Zuschauer zu improvisieren. Sie improvisieren dabei auf ein Thema. Die Lebendigkeit und der unübertroffene Reiz des Forumtheaters liegen in seiner Einmaligkeit und der echten Interaktion. Weltweit bekannt wurde die Form durch den Brasilianer Augusto Boal und sein „Theater der Unterdrückten“. Der hohe emanzipatorische Anspruch der Arbeit liegt in der demokratischen Idee, dass alle Menschen an der Gestaltung der Welt teilhaben und sich als teilhabend erleben sollen.

Theater thevo Ein Schwerpunkt der Theaterarbeit des Theaters thevo ist das innovative und interaktive Jugendtheater. Dabei geht es vor allem um die Adaption und Weiterentwicklung des Forumtheaters: Das Forumtheater ermöglicht das direkte Eingreifen der Zuschauer/innen. Das Publikum kann eigene Lösungsmöglichkeiten einbringen und gleich im Spiel erproben. Auf diese Weise wird eine einmalige Unmittelbarkeit sowie eine tiefe und nachwirkende Berührung durch das Stück erreicht. Diese Theaterform legt besonderen Wert darauf, dass die Zuschauer zu wachen und interaktiven Partnern der Aufführung werden. Ein weiterer Anspruch des Theaters thevo ist es Gesamtkunstwerke zu schaffen und mit Künstlern aller Sparten (Tanz, Bildende Kunst, Musik) zu kooperieren. Diese Kooperationen sind nicht nur kunstübergreifend, sondern auch kulturübergreifend: Seit der Gründung im Jahr 1982 entwickelt thevo mit Künstlern verschiedener Kulturkreise (Tschechien, Chile, Holland, Ukraine, Polen, Japan, Neuseeland, Australien, Argentinien) Theaterproduktionen, die es erlauben, eigene Formen und Inhalte zu entwickeln, die über Grenzen von Kultur und Sprache hinweg unterhaltend und berührend sind. Seit 2009 bietet thevo zudem eine spezielle Theatertrainingsform (TTT) an, die den interdisziplinären Austausch von Tanz, Ton und Theater beforscht und erprobt. Die thevo-Macher begreifen ihre künstlerische Arbeit primär als innovatives Theater, nicht als ‚Sozialarbeit‘ oder ‚Theaterpädagogik‘. Thevo wurde im Oktober 2009 zum WeltForumTheaterFestival nach Graz (A) eingeladen. Thevo vermittelt Techniken des Forumtheaters auch gerne an Dritte, z.B. seit 2004 in Tschechien Brno, Ostrava, Praha) im Rahmen eines Kulturaustausches mit dem Theater Domino. www.thevo.de

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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Projektideen „Die Kunst des Wartens ist eine Kunst des Ich.“ Ruth Ewertowski

Am letzten Tag unserer Erkundungen im Rahmen von „Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns“ stellten wir uns der Aufgabe, Projektideen aus dem bisher Erarbeiteten zu generieren. Es war dabei klar, dass diese Projektideen in die hier vorliegende Dokumentation einfließen und am besagten letzten Workshop-Tag lediglich angerissen bzw. skizziert werden konnten. Die weitere Ausarbeitung der Projektideen zur Konzept- bzw. Dokumentations-Reife lag in der Verantwortung der Ideengeber (als Einzelpersonen oder Teams) und ist urheberrechtlich auch bei diesen verortet. Wir hatten in dem Zusammenhang auch diskutiert, mit welchem Anspruch unsere Projektideen verbunden sein sollten – es bestand Konsens darin, dass wir noch nicht wissen können, welche dieser Ideen tatsächlich zur Umsetzung kommen, da nicht absehbar ist, mit wessen und wie viel persönlichem Einsatz die Ideen voran gebracht werden können. Es gilt dabei auch ganz besonders, sich in Geduld zu üben und das Warten als Chance für unerwartete Fügungen zu verstehen. Die im Zuge von Forschende Kunst 3 entstandenen und dokumentierten Ideen sind vorrangig als Ideen-Impulse und Wegbereiter für künftige Entwicklungen zu verstehen – unabhängig von einer Festlegung auf deren Realisierung. Doch soll die Dokumentation dazu dienen, die Urheber und deren Ideen zu benennen, diese zu festigen und nach außen zu tragen sowie gegebenenfalls Unterstützer und Mitwirkende zu gewinnen und die Möglichkeit der Realisierung damit wenigstens wahrscheinlicher zu machen.


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Das „Lebensprojekt“ der Zentrifuge Ideengeber/Text: Michael Schels

Im Jahr 2025: Ein verfallener Bauernhof in einem abgelegenen Winkel Europas entwickelte sich in wenigen Jahren zu einem international vernetzten Begegnungsort und Lebensraum für Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Berufen und Fähigkeiten. Etwa 20 Menschen leben als Familien, Paare oder Singles dauerhaft hier, noch einmal so viele kommen für einige Monate und weitere 10 bis 20 sind tage- oder wochenweise zu Besuch. Insgesamt beheimatet der Hof gegenwärtig ca. 20 Männer, 20 Frauen, 12 Kinder und 8 Jugendliche. Sie kommen aktuell aus Deutschland, Frankreich und Syrien, aus dem Irak, der Türkei, aus Spanien und aus Lateinamerika. Auch lebten hier schon Menschen aus Palästina, Israel, Argentinien, China und Südafrika. Die jüngste Mitbewohnerin ist zwei, die älteste 73. Man lebt hier nach einigen Jahren der Entwicklung mittlerweile weitgehend autonom – Lebensmittel kommen vom eigenen Land, Möbel und Töpferwaren werden selbst hergestellt, auch wird in eigenen Werkstätten Upcycling-Kunst und Kunsthandwerk produziert. Alle Mitbewohner bilden sich regelmäßig im hauseigenen Lernzentrum fort. Die Kurse werden je nach Bedarf und gefragten Kenntnissen und Fähigkeiten mit eigenen oder externen Dozenten besetzt. Autonomes Lernen ist eine Basisfähigkeit, die an diesem Ort nahezu täglich und mit großer Freude und Motivation trainiert wird. Die Gemeinschaft ist Teil eines internationalen NGO-Netzwerks mit weltweit über 20.000 assoziierten Gruppen und Initiativen und mehreren Millionen Mitgliedern. Im Hauptgebäude gibt es neben zehn separaten Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen, die mit je eigener Küche und Bad ausgestattet sind, auch eine Gemeinschaftsküche sowie acht Gästezimmer – vier davon als Einzel- und vier als Doppelzimmer. Die Scheune wurde zu einem Veranstaltungs- und Begegnungsraum ausgebaut. Hier finden öffentliche Konzerte, Lesungen und Performances mit regionalen und internationalen Künstlern statt, die sehr beliebt und immer gut besucht sind. Zudem werden hier Vorträge, Workshops und Seminare zu philosophischen,

wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Themen abgehalten – ein weltoffener, undogmatischer Think Tank für Transformationsprozesse hin zu einer Welt, in der die Menschen als geistige Wesen mit sich und der Natur versöhnt sind und dabei ihre kreativen Anlagen und Fähigkeiten ausschöpfen. Die kleine Gaststätte und der Lebensmittelladen neben der Scheune tragen ihrerseits zum Gelingen des Projekts bei. Hier gibt es ausschließlich gesunde Lebensmittel aus eigener Produktion zu kaufen. Ein Nebengebäude und einige auf dem weitläufigen Grundstück verstreute Gebäude sind Künstlern, Heilern, Schamanen und Gästen vorbehalten. Auf einer Wiese kann auch gezeltet werden, einige Mitbewohner und Gäste leben am nahe gelegenen Fluss in komfortabel ausgestatteten Lehmhäusern und Zirkuswagen. Die früheren Stallungen beherbergen ein Grafikbüro, ein Musik- und Videostudio und Künstlerateliers. Auch ein FabLab wurde eingerichtet, das von zwei Ingenieurinnen aus dem Nachbarort geleitet und von einem jungen Künstlerpaar vermarktet wird. Das FabLab beschäftigt in den Nachbarorten über 50 freiberufliche Zulieferer und Dienstleister in den Bereichen 3D-Druck, Projektmanagement und Vertrieb und schafft somit auch Arbeitsplätze in der Umgebung. Das FabLab ist Teil eines weltumspannenden Open Source Produktionsnetzwerks und steuert Teile für unterschiedlichste Produktionsprozesse in ganz verschiedenen Branchen bei – von Raumfahrt über Automobil bis hin zu Design und Mode. 50% des Gewinns, den das FabLab erwirtschaftet, fließt in das Lebensprojekt, das sind gegenwärtig ca. 150.000 EUR pro Jahr. Damit können alle Lebensmittel, Produkte und Dienstleistungen bezahlt werden, die man nicht selbst herstellen bzw. realisieren kann. Energie wird nur sehr wenig dazu gekauft, da Wärme und Strom direkt aus der Natur gewonnen werden (Wind, Wasser, Sonne). Jeder der dauerhaften Bewohner hat einen lebenslangen Anspruch auf seinen Wohnbereich. Manche, die ihre Miete nicht bezahlen können,

arbeiten diese – je nach Größe der Wohnung – mit 15 bis 20 Stunden Gemeinschaftsdienst pro Woche ab. Die Wohnbereiche können nicht vererbt werden. Das internationale Netzwerk erlaubt Dauerbewohnern auch, für einige Monate mit Freunden kooperierender Projekte den Wohnort zu tauschen. Gegenwärtig nutzen drei Mitbewohner dieses Angebot – eine Mitbewohnerin (46 Jahre) ist gerade in Peru, dafür lebt gerade ein junger Peruaner (25 Jahre) hier und arbeitet zur Zeit in der Landwirtschaft und in der Küche mit. Ein Vater (56) ist mit seinem Sohn (15) gerade in Kobane zu Gast, im Gegenzug sind zwei Kurdinnen (30 und 36 Jahre) hier vor Ort, um Deutsch zu lernen und um im FabLab zu hospitieren. Die Gegenbesuche stärken die Freundschaft untereinander und dienen auch dazu, voneinander zu lernen. Die Menschen tauschen sich auf Deutsch, Spanisch, Englisch, Türkisch, Russisch und Französisch aus – das sind die üblichen Verkehrssprachen in allen ähnlich gelagerten Projekten weltweit. Fast jede(r) hier spricht mindestens drei dieser Sprachen fließend. Das Lebensprojekt der Zentrifuge wird als gemeinnützige GmbH betrieben – wer mit seiner Arbeit im Lebensprojekt mehr als 20.000 EUR pro Jahr verdient, zahlt 50 Prozent seines überschüssigen Einkommens in einen Fonds ein,der den Erhalt und Ausbau des Projekts sowie ein Grundeinkommen für jeden Mitbewohner garantiert. Dieser Fonds wird zudem über das FabLab und über Spenden gespeist und wächst jährlich im zweistelligen Bereich. Vor kurzem hat die Gemeinschaft entschieden, einen Teil dieses Geldes in ein kooperierendes Projekt in Somalia zu investieren, um dort ein weteres FabLab aufzubauen, das als künftiger Zulieferer und Mit-Entwickler fungieren soll. Nach einem FabLab in Kolumbien und einem in Griechenland ist dies das dritte aus dem Lebensprojekt heraus finanzierte und mitgegründete FabLab. Insgesamt gibt es im Jahr 2025 weltweit bereits über 1.000 ähnliche autonome, gemeinnützig organisierte Projekte, in denen insgesamt ca. 40.000 Menschen leben und arbeiten,

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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

sich untereinander austauschen und solidarisch gegenseitig unterstützen. 2015 und was dann geschah: Das hier geschilderte Lebensprojekt begann zehn Jahre zuvor mit einem Impuls aus der Zentrifuge, einer Kreativplattform, die damals mit dem Projekt „Forschende Kunst“ einen offenen, interdisziplinären Austausch pflegte, bei dem sich Menschen aus verschiedenen Lebens- und Arbeitswelten begegneten und erste Ideen entwickelten für ein neues Weltverständnis und für neue Formen des Lebens und Arbeitens. Dabei entstand auch die Idee dieses Lebensprojekts, die dann in der im September 2015 erschienenen Forschende Kunst Dokumentation beschrieben wurde. Und dann kam eines zum anderen: Es gingen einige Vorschläge von leer stehenden Bauernhöfen in ganz Deutschland, teilweise auch aus dem Ausland ein, an denen man ein solches Projekt realisieren könnte. Anfang bis Mitte 2016 besichtigten wir diejenigen Objekte, die uns vielversprechend erschienen und fanden dabei unseren idealen Wunschort – zwar etwas abgelegen, dafür in wunderschöner Natur und mit weltoffenen Menschen in der Nachbarschaft, die unserem Projekt gegenüber aufgeschlossen waren.

Glücklicherweise unterstützte uns auch ein weitsichtiger, engagierter und fähiger Politiker, der Fördergelder vermitteln konnte, die es uns ermöglichten, die Projektidee zu vertiefen und deren Umsetzung detailliert zu planen. Ende 2016 starteten wir dann eine Crowdfunding Kampagne, die eine Initiative auf den Weg brachte, bei der sich Interessierte als künftige Mitbewohner bewerben konnten. Nachdem wir aus über 50 Bewerbern die ersten zehn Mitbewohner ausgewählt und gewonnen hatten, haben wir die Immobilie samt Grundstück gekauft und uns am neuen Ort angesiedelt. Das war Mitte 2017. Zu unserem großen Glück kam zu der Zeit auch ein Förderer auf uns zu, der unsere Idee von einem weltoffenen, international vernetzten, solidarischen, naturnahen, kunstaffinen und technologisch fortschrittlichen Lebensprojekt unterstützen wollte und dafür einen größeren Betrag spendete – genug für die erste Phase des Ausbaus der Immobilie und für die Einrichtung der ersten Version des FabLabs. Nach diesem Förderer ist heute das FabLab benannt und er ist jederzeit als Gast bei uns willkommen. Von da an entwickelte sich alles wie geplant – bis 2019 waren das Hauptgebäude und die Scheune

ausgebaut, 2020 waren alle Wohnungen renoviert und alle Mitbewohnerinnen eingezogen. Ab 2021 konnten wir unser Kulturprogramm und den internationalen Austausch forcieren und ab 2023 waren wir schuldenfrei und konnten das Bedingungslose Grundeinkommen für alle MitbewohnerInnen einführen. Vor allem über das FabLab erwirtschaften wir mehr Geld als wir benötigen. Dieses Geld geben wir an andere Projekte weiter, die erst im Aufbau begriffen sind. Auf diese Weise tragen wir nachhaltig zum Ausbau einer weltweiten solidarischen Gemeinschaft bei. Wir leben autonom. Jede(r) wird als Individuum geschätzt und kann nach seinen/ihren eigenen Vorstellungen, Bedürfnissen und Wünschen leben. Sie möchten zu dieser Projektidee etwas beitragen? Dann wenden Sie sich bitte an Michael Schels: ms@zentrifuge-nuernberg.de


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Urban Gardening Café Ideengeber/Text: Jörg H. Bauer

Die Vision Lotte ist 65. Zusammen mit ihrer Freundin Martina (67) möchte sie an einem Urban Gardening Projekt teilnehmen, über das sie aus der Zeitung erfahren hat. Gärtnern ist über die Jahre immer mehr zu ihrem Hobby geworden. Lotte und Martina sind beide noch sehr fit und möchten auch in der Zeit nach ihrer Rente aktiv bleiben. Sie sind vielseitig interessiert, denken oft über eine „zweite Karriere“ nach und möchten gerne andere Gleichgesinnte kennenlernen. Auf der Veranstaltung erfahren sie, dass es in dem Urban Gardening Café Projekt darum geht, neue Garten-Techniken im Zusammenhang mit einem Urban Gardening Ansatz zu erlernen und sich dann aktiv an der Bewirtschaftung und an der Schulung von Interessierten, insbesondere von Schulklassen, zu beteiligen. Zudem soll sich das Projekt als „Café“ auch zum Teil selbst tragen. Besonders die Idee, dass sich Besucher hier nicht nur ganz normal zum Kaffeetrinken in ein ganz besonderes Café setzen und Pflanzen und Fischen beim Wachsen zusehen, sondern dass sich Kunden Zutaten für ihre veganen Sandwiches auch selbst pflücken können, finden sie aufregend. Die Möglichkeiten, hier in verschiedenen Bereichen mit anderen aktiv zu werden, Selbstversorgung zu erlernen und weiter zu vermitteln und Gemüse mit nach Hause nehmen zu können, haben sie überzeugt – sie entschließen sich, am Urban Gardening Café Projekt teilnehmen. Die Komponenten Das Urban Gardening Café ist ein Knotenpunkt, in dem mehrere einfache Ideen mit einer einzigen visionären Idee verbunden werden. Ein tragender Gedanke ist der des Austauschs und der Begegnung von Generationen. Im Urban Gardening Café (UGC) entsteht diese Begegnung zwischen zwischen alten und alten, zwischen jungen und jungen und zwischen alten und jungen Menschen. Darüber hinaus gibt es eine Begegnung zwischen „Konsumenten“ und „Aktiven“ und auf einer dritten Ebene zwischen „Lehrern“ und „Schülern”. Das UGC soll es alten Menschen ermöglichen, Gleichaltrige und Gleichgesinnte kennenzulernen und so auf psychologischer, aber auch

physiologischer Seite den gesellschaftlichen Folgen der urbanen Vereinsamung und Isolation entgegenzuwirken. So kann das Potential von Alten, Jüngere kundig und geduldig zu „unterrichten”, unterstützt und gefördert werden. Zugleich werden alte Menschen hier plötzlich die „Lehrmeister“ in einer neuen Technologie. Selbst- und Fremdbild der Alten kann hier also kurz- und langfristig positiv verändert werden – eine gelingende Integration auf mehreren Ebenen. Eine zweite einfache Idee ist die der Versorgung mit selbst erzeugten Nahrungsmitteln. Viele Urban Garding Projekte zeigen heute bereits, wie sich auch Städter gesund selbst ernähren können. Dies Idee ist nicht neu und wurde bereits von den „Schrebergärtnern“ erfolgreich gelebt. Das Wissen über Pflanzen, Ernährung und Essenszubereitung geht jedoch in den Großstädten zunehmend verloren. Kontakt mit Feld und Garten stehen immer weniger Städtern zur Verfügung. Zum anderen ist durch den Klimawandel auch von einer Verteuerung von nicht-generischen Lebensmitteln zu erwarten. Die Wirkung gesunder Ernährung ist dagegen hinreichend dokumentiert. Über einen Technologietransfer, der zum einen Teil von bereits erfahrenen Urban Gärtnern und zum anderen Teil durch „learning by doing“ entsteht, werden entsprechende Fähigkeiten von Jungen an Alte und dann wieder an Junge weitergegeben. Die Fähigkeit zur Selbstversorgung wird hier also in einem Kreislauf von Generation zu Generation weitergeben und ein dauerhafter Lern – und Austauschprozess entsteht. „Mitarbeiter“ können sich zudem teilweise selbst versorgen. Die dritte Idee ist die eines modernen „aktiven”Cafés. Immer mehr Konsumenten bevorzugen bereits beim „Shopping“ aktive bzw. aktivierende Konzepte. In mehreren Großstädten wurde bereits gezeigt, dass „aktive“ Cafés zunehmend das Interesse von Konsumenten gewinnen. Als Beispiel können Projekte wie Fahrradcafés in Deutschland (Fürth und Berlin) und kommerzielle Urban Gardening Cafés in UK und USA genannt werden, die hier wie dort oft eine Vorreiterrolle übernehmen. Mit einem ansteigenden Trend zu veganer Ernährung und der

Zunahme von veganen Restaurants kann also gerechnet werden. Das UGC geht hier jedoch über das reine „Entertainment“ der Konsumenten hinaus. Es will inspirieren und zu Selbstversuchen anregen. Hierzu ist die freie Weitergabe von Informationen (über Broschüren), die „Education“ der Konsumenten (über Besichtigung beim Selbst-Pflücken, Schulführungen und die Erklärungen des „Personals”) von großer Bedeutung. Zudem zeigen weithin sichtbare Metaphern des „Wachsens“ und „Kümmerns“ weg vom reinen Konsum auf die Möglichkeiten einer neuen „integrierten“ und mit der Natur verbundenen urbanen Gesellschaft. So sind neben Konsumenten insbesondere Schulklassen als auch Familien mit Kindern als zukünftige Kunden zu erwarten. Die Finanzierung … Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, die mit unterschiedlicher Gewichtung in das Projekt mit einfließen können. Es bieten sich auf der einen Seite EU- sowie Bundes- und Landesmittel an. Zum anderen Teil kann das Projekt über Sponsoring und Beteiligungen getragen werden. Zuletzt kann sich das Urban Gardening Projekt über Schulungen und Erträge aus der Bewirtschaftung auch teilweise selbst tragen. Die Vision UGC verbindet also die Integration von Alt und Jung mit einem modernen Museums- und Café-Ansatz zu einer großen Vision gemeinsamen „Wachstums“ und „Veränderung”. Gesucht werden ... Gesucht werden das Kern-Team, Sponsoren, Räumlichkeiten und Urban Gardening Experten. Sie möchten zu dieser Projektidee etwas beitragen? Dann wenden Sie sich bitte an Jörg H. Bauer, E-Mail: jhabauer@ gmail.com

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Der Goldene SchRitt Barbara Kastura

Die Zusammenarbeit mit der Zentrifuge und meine Mitarbeit am Projekt Forschende Kunst forderten mich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit meiner Arbeit und Rolle als Künstlerin heraus. Dabei kam mir der interdisziplinäre Ansatz der Zentrifuge sehr entgegen, entspricht dieser doch seit jeher auch meiner grenzüberschreitenden Arbeitsweise. Anlässlich der Möglichkeit, ausgewählte Arbeiten in dieser Dokumentation zu präsentieren, kam mir als Titel „Der Goldene SchRitt“ in den Sinn. Dieser veranschaulicht aufs Schönste meine Arbeitsweise, nämlich intuitiv Prozesse im Grenzbereich von Sprache, Klang, Proportion und Bild wahrzunehmen und diese durch meine künstlerische Tätigkeit ins Leben zu rufen. Ich nenne dies das „Bewegen aus der Stille“ oder auch „Briefe an meine Heimat“. Meine Malerei verstehe ich als ein Musizieren mit dem Pinsel – dabei entstehen Seelenfiguren wie die „Ghadsos“, Schutzkärtchen wie die „Choens“, aus Naturbeobachtungen abgeleitete Klangbilder wie die Wortlandschaften oder die wie Neumen anmutenden Klangschriften, die auch als Regieanweisungen für Suchende gelesen werden können, um auf neuen Wegen gehen zu lernen. Meinen persönlichen Weg erfahre ich zunehmend als eine Rückbindung an Mutter Erde, die in einer vergessenen und unerhörten Sprache zu uns spricht. Dieser Sprache schenke ich in Ehrfurcht vor der Schöpfung mein Gehör und meine Stimme. www.kastura.weebly.com

rechts: Neume Das Klingen und Schwingen am zweiten Tag


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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Alt werden individuell und in der Gesellschaft Ideengeber: Otmar Potjans, Angela von Randow, Jörg Knapp, Kati Stöppler Text: Otmar Potjans

Vorausbetrachtung In dem Forschende Kunst Projekt „Perspektiven des Alterns“ stellte sich neben der intensiven Auseinandersetzung mit dem individuellen Weg des Alterns die Frage nach dem Bild des Altwerdens in der Gemeinschaft. Was bedeutet alt werden in unserer Gesellschaft für mich? Angst vor dem Alter, Angst vor dem Tod. Gesundheit spielen eine entscheidende Rolle, auch Selbständigkeit und Wirksamkeit. Bedürftigkeit, Pflegebedürftigkeit und letztlich der Tod beschränken uns in unseren Möglichkeiten, unabhängig und aktiv an diesem Leben, in der Gesellschaft Teil zu haben. Vielleicht fürchten wir deswegen nichts so sehr wie Pflegebedürftigkeit, Schmerzen und den Tod. Zwei Theorien begleiten dabei meine Gedanken: die Selbstbestimmungstheorie und die Terror-Management-Theorie. Die von Richard Ryan und Edward Deci entwickelte Selbstbestimmungstheorie geht davon aus, dass unsere Handlungen und auch unser Wohlbefinden durch die Befriedigung der drei psychologischen Grundbedürfnisse Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit vorangetrieben und unterstützt werden. „Kompetenz“ meint hier das Gefühl, selbst wirksam sein zu können. „Autonomie“ beschreibt das Gefühl, dass die individuellen Handlungen freiwillig erfolgen und „soziale Eingebundenheit“ bezieht sich auf die wechselseitige Bedeutsamkeit zwischen Individuum und sozialen Umfeld. Altwerden, Bedürftigwerden und gar der Tod haben auf die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse dramatische Auswirkungen. • Wie kann ich noch wirksam sein als Alter? • Sind meine Handlungen noch freiwillig, wenn ich pflegebedürftig ans Bett gefesselt bin? • Und, keine Frage, jede soziale Eingebundenheit endet mit meinem Tod.

Meine Selbstbestimmung ist mit dem Prozess des Altwerdens höchst gefährdet. Genauso beunruhigend sind die Annahmen der Terror-Management-Theorie. Die Theorie zum Thema „Angst vor dem Tod“ von S. Solomon, J. Greenberg und T. Pyszczynski geht davon aus, dass das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit Todesangst bewirkt und betrachtet die dadurch hervorgerufenen Reaktionen der betroffenen Personen. Greenberg und T. Pyszczynski reduzieren diese Reaktionen auf zwei grundlegende Abwehrmechanismen, die sich im Laufe der Evolution gebildet haben, um uns vor der Konfrontation und damit vor der Angst vor unserer eigenen Endlichkeit zu bewahren. 1. D  ie kulturelle Weltanschauung, die Welt ist mit Ordnung und Sinn erfüllt, darüber hinaus gibt es ein Weiterleben, Wiedergeburt, Transzendenz oder andere Überzeugungen, die eine Überwindung der eigenen Endlichkeit ermöglichen würden. 2. D  er Selbstwert, die Selbstachtung, die Überzeugung, als Person wichtig und anerkannt zu sein. Um dies zu erreichen, gilt es zu versuchen, den Erwartungen und den Werten der Gesellschaft zu entsprechen, am besten diese überzuerfüllen. Das klingt nach einem Leben getreu dem Motto „Augen zu und durch“. Es gilt, angesichts der Unausweichlichkeit des Todes die eigene Weltanschauung anderen gegenüber zu verteidigen. Die eigene Anschauung kann nach dieser Theorie nicht in Frage gestellt werden. Eine grausame Vorstellung. Zum Glück kommt uns da Heidegger zu Hilfe. (Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1967): Nach Heidegger passen wir uns den Anforderungen der Gesellschaft an, wir flüchten uns aus Angst vor unserer Sterblichkeit in Alltäglichkeiten, wir versuchen unseren Aufgaben gerecht zu werden. Eine Flucht, die eine Entfremdung von uns

selbst darstellt. So fliehen wie auch vor der Frage nach dem Sinn. Aber anders als die oben genannte Theorie besagt, eröffnet uns Heidegger eine weitere Strategie: Wir können uns die Angst vor dem Tod bewusst machen. Folgen wir diesem Vorschlag, wird diese Angst uns auf uns selbst zurückwerfen. Wir müssen uns mit uns selbst beschäftigen. Dieses Mituns-selbst-Sein gibt uns die Möglichkeit, unser Alltäglichsein und unsere andauernden Versuche zu gefallen zu hinterfragen. Damit kann es uns gelingen, unsere Flucht und also auch unsere Entfremdung von uns selbst zu erkennen und dieser entgegenzutreten. Mit dem Wissen um unsere Vergänglichkeit und der dadurch hervorgerufenen Angst erreichen wir den Raum für Authentizität und den Sinn des Lebens. Kurz gesagt: Die Angst vor unserer Endlichkeit entsteht, weil wir mit der Annäherung an unseren Tod unsere Selbstbestimmtheit verlieren. Es gibt unterschiedliche Strategien damit umzugehen. Die für mich sinnvollste ist es, sich die Angst vor dem Tod bewusst zu machen, um damit Raum für Authentizität und den Sinn des Lebens zu schaffen. Das Proto-Projekt „Quasselbude“ Authentizität und Sinn, sich selbst hinterfragen, offen sein für Neues: Die Quasselbude ist ein einfach umzusetzendes Proto-Projekt aus der Workshopreihe „Forschende Kunst: Perspektiven des Alterns“ der Zentrifuge. Mit dem Titel „Quasselbude“ möchten wir einer Anspruchshaltung entgegenwirken und einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichen. Der Wert und Sinn dieser Gesprächsrunden ergibt sich im reflektierenden Dialog ohne Vorgaben und Ziele – aus dem heraus, was die Anwesenden bewegt. Gleichwohl sollen diese Treffen in der aktiven Auseinandersetzung attraktiv sein, Sinn enthalten, Nutzen bieten und Spaß machen.


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Es ist trivial, aber die Arbeit in dem Workshop machte es mir wieder klar: Altwerden begleitet mein ganzen Leben. Altern beginnt mit der Geburt, spätestens aber ab Mitte zwanzig. Nach Timothy Salthouse nimmt in diesem Alter die Fähigkeit zum Denken ab – egal wie gesund oder gebildet man ist. Siehe auch: www.fr-online.de/wissenschaft/fit-bleiben-altern-beginntmit-20,1472788,16600702.html Später geht es dann rapide schnell. Ab der Mitte des neunten Lebensjahrzehnts finden bemerkenswerte Veränderungen in vielen körperlichen und teilweise auch in geistigen Merkmalen statt. Die Verletzlichkeit des Organismus nimmt erkennbar zu. Siehe auch: www.swr.de/blog/1000antworten/antwort/10042/ab-wann-sprichtdie-wissenschaft-von-alter Aber dann gibt es noch die Annahme, dass ich einiges tun kann, gesund zu altern und damit zumindest statistisch mein Leben verlängern kann. Wenigstens aber mit mehr Gelassenheit das Altern anzugehen. Mentale Aktivität ist notwendig zum Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit. Es wurde nachgewiesen, dass durch geistige Beanspruchung die typischen Eiweißablagerungen bei der Alzheimer-Krankheit in Zahl und Ausdehnung verringert werden. Verhaltensstudien zeigten entsprechend deutlich bessere Gedächtnisleistungen. Verschiedenste Studien belegen immer wieder, dass Bewegung, Ernährung, soziale Kontakte pflegen und geistige Herausforderung annehmen Einfluss haben auf die Gesundheit im Alter.

Mit unserer Quasselbude wollen wir zwei der genannten Aspekte intensiv abdecken: • Soziale Kontakte pflegen • und geistige Herausforderungen meistern. Wir wollen soziale Kontakte pflegen, indem wir uns mit verschiedenen Menschen treffen und uns im Gespräch und Umgang miteinander üben. Wir wollen das Gehirn fordern, Synapsen bilden und Nervenzellen miteinander verknüpfen. Das Gehirn frisch halten. Wir sind überzeugt davon, dass das am ehesten gelingt, wenn wir uns auf Neues einlassen, eigene Vorurteile überprüfen, eigene Überzeugungen in Frage stellen, uns komplexen Zusammenhängen stellen, wenn wir neue Ideen und Vorstellungen und möglicherweise sogar neues Verhalten entwickeln. Wie machen wir das? Wie der von uns gewählte Name Quasselbude ausdrückt, geht es darum zu reden. Menschen – es sollten nicht weniger als drei und nicht mehr als acht sein – treffen sich. Eine möglichst heterogene Gruppe wäre am hilfreichsten. Themen sind nicht vorgegeben. Diese werden von den Menschen, die sich treffen bestimmt. Ziele gibt es keine. Natürlich sollen die Grundregeln der Kommunikation gelten: Einander zuhören, sich ausreden lassen etc. Durch die offene Zusammensetzung und die aktuelle Wahl des Themas stellen wir sicher, dass sich die Teilnehmer immer wieder mit anderen Menschen mit immer wieder neuen Themen beschäftigen müssen. Erfolg kann die Quasselbude jedoch nur haben, wenn wir immer wieder aufs

Neue bereit sind, uns auf die anderen Menschen in der Runde einzulassen, ihnen offen begegnen und die Chance nutzen, die Wahrheiten der anderen anzunehmen und zu entdecken. All dies erfordert ein hohes Maß an Authentizität. Und nach dem, was in den einleitenden Abschnitten steht, ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit hilfreich, wenn nicht sogar eine notwendige Voraussetzung für Authentizität. Damit ist es eine Voraussetzung für die Quasselbude und jeden der Teilnehmer, sich mit der eigenen Sterblichkeit und der Angst vor dem Tod auseinander zu setzen. Neben zweier organisatorischer Treffen hatten wir bereits ein „echtes“ Quasselbuden-Treffen: Es fanden sich fünf Menschen in den Räumen der Weinerei zusammen. Es wurden dabei unterschiedliche Themen behandelt. Am hitzigsten diskutiert wurde über Wertschätzung und Missbrauch. Persönlich kam ich tatsächlich an meine Grenzen, und sogar ein wenig darüber hinaus. Ich musste meine Einstellungen und Werte überprüfen und mein eigenes Verhalten in Frage stellen. Genau das wollen wir erreichen, denn wir sind überzeugt, dass das die Herausforderungen sind, die unser Gehirn beweglich und fit erhält. Die Quasselbude trifft sich alle zwei Monate im Rahmen der Zentrifuge. Die Treffen der Quasselbude stehen jedem Menschen offen. Eine möglichst heterogene Zusammensetzung ist wünschenswert. Termine werden über den Verteiler der Zentrifuge kommuniziert. Wir geben gerne unsere Erfahrungen weiter um dazu beizutragen, dass weitere Quasselbuden entstehen. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Otmar Potjans, E-Mail: otmar@o-potjans. de.

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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Die Akademie für private Pflege Eine neue Qualität des Umgangs miteinander Ideengeber: Otmar Potjans, Günther Heil Text: Otmar Potjans

Versuchen wir die zukünftigen Entwicklungen in der Pflege vorherzusehen, kommen wir wenig überraschend zu dem Ergebnis, dass der Bedarf an Pflege in den kommenden 15 Jahren überproportional wachsen wird. Weiter können wir erkennen, dass die Pflege sich wie heute weiterhin auf professionelle Einrichtungen und private Initiative stützen wird. In beiden Bereichen wird der Bedarf an Möglichkeiten zur Pflege deutlich zunehmen. Betrachten wir die demografische Entwicklung im Zusammenhang mit privatem Engagement, können wir davon ausgehen, dass es eine reale Chance gibt, dass die Anzahl der privat Pflegenden tatsächlich zunehmen wird. Wichtig ist es unseres Erachtens, diese Entwicklung zu fördern. Eine Voraussetzung dafür ist es, den privat Pflegenden und den privat zu Pflegenden Sicherheit für ihr Tun zu geben. Drei wesentliche Bestandteile, die eine Akademie für private Pflege, wie wir sie anstreben. dazu beitragen kann, sind: • die Unterstützung bei der Entscheidungsfindung, • die individuelle Entwicklung von Kompetenzen entsprechend den Anforderungen der privaten Pflege und • die kontinuierliche Begleitung während der Pflege Argumente für eine Akademie für private Pflege Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden in den Familien gepflegt. Die Angehörigen übernehmen eine gewaltige Aufgabe und entlasten die Gesellschaft auf unschätzbare Weise. Gleichzeitig bringen sie ein wichtiges Maß Menschlichkeit in die Mitte unserer Gesellschaft. Angehörige pflegen wird einfacher, wenn man über die richtigen Kompetenzen verfügt. Eine Akademie für private Pflege muss sich der Aufgabe widmen diese Kompetenzen zu vermitteln. Um dem gerecht zu werden, muss die Akademie den Raum geben, sich mit folgenden Inhalten zu beschäftigen: • Organisatorisches, Raum, Zeit • Finanzielles • Rechtliches • Handwerkliches • Persönliches

Die Akademie muss dabei stets die beiden Akteure, den Pflegenden und den zu Pflegenden einbeziehen und die Entwicklung im Laufe der Zeit beachten. Im Folgenden wollen wir zwei Herausforderungen für die zu gründende Akademie für private Pflege herausgreifen: 1. Demografischer Wandel 2. Raum für die Person

Diese Zahlen wirken bedrohlich und sind geeignet uns in hohem Maße zu verunsichern. In zweierlei Hinsicht wird die Verunsicherung in der öffentlichen Diskussion weiter geschürt: 1. d  as individuelle Risiko selbst Pflege-“Fall“ zu werden und 2. d  ie gesellschaftliche Last, die es zu tragen gilt.

Wer braucht Pflege?

Der Nährboden für die Angst bezüglich des individuellen Risikos wird gespeist vom Bild des pflegebedürftigen Menschen, der in einem Pflegeheim in seinem Bett liegend dem Treiben um und mit sich willenlos ausgesetzt ist. In unserer von Leistung geprägten Gesellschaft ist das eine grausame Vorstellung. Denken wir auch an die Vorbetrachtungen dieses Kapitels. Die gängigen Theorien wollen uns glauben machen, dass die gefühlte Autonomie eine zentrale Rolle für unser Wohlbefinden spielt. Interessanterweise gibt es etliche Untersuchungen, die belegen, dass sich Menschen in höherem Alter wieder glücklicher fühlen. Vielleicht hängt die gefühlte Autonomie gar nicht davon ab, ob man selbstständig aufstehen kann. Vielleicht ist es ja in Ordnung, wenn man sich in den Rollstuhl helfen lässt und wenn man gepflegt wird. Vielleicht sollten wir unser Bild von Autonomie überprüfen. In jedem Fall müssen wir unser Bild von Pflegebedürftigkeit genauer betrachten …

Pflegebedürftig sind Menschen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung im Bereich der Körperpflege, der Ernährung, der Mobilität und der hauswirtschaftlichen Versorgung auf Dauer – voraussichtlich für mindestens sechs Monate – in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedürfen. www.bmg.bund.de/themen/pflege/pflegebeduerftigkeit/pflegebeduerftigkeit.html 2013 hatten wir noch 2,6 Millionen Pflegebedürftige, 2030 werden es 3,5 Millionen sein. Die für diese Entwicklung verantwortlichen Faktoren sind hinlänglich bekannt: • die geburtenstarken Jahrgänge kommen in ein Alter, in dem die Bedürftigkeit zunimmt, • w ir werden älter und die Statistik würde noch dramatischer aussehen, wenn wir im Alter nicht gesünder wären als noch vor wenigen Jahren.


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

vielleicht haben es die Menschen ja verdient, gepflegt zu werden.

tigen von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt werden. www.bundesgesundheitsministerium.de

Der zweite Grund für unsere Verunsicherung wird mit den oben genannten dramatischen Zahlen bezüglich der Zunahme des Pflegebedarfs genährt. Schauen wir ins Jahr 2030: Knapp 30% mehr Menschen, die der Pflege bedürfen, also 900 tausend Menschen mehr zu pflegen. Wer soll das leisten? Ein paar Zahlen relativieren dann die Gründe für Verunsicherung und die Angst, der Pflegebedarf könnte uns überfordern. Im sechsten Altenbericht der Bundesregierung steht dazu der folgende Absatz: „In Deutschland waren im Jahr 2007 etwa 2,25 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsrechtes (Statistisches Bundesamt 2008). Die Zahl der darüber hinaus auf regelmäßige Hilfe angewiesenen Personen beträgt hochgerechnet etwa 4,5 Millionen Menschen (Schneekloth und Wahl 2005). Dies hört sich nach viel an, dementsprechend wird das (höhere) Alter oftmals mit Pflegebedürftigkeit gleichgesetzt. Tatsächlich tritt das Risiko der Pflegebedürftigkeit jedoch erst im hohen Alter verstärkt auf: Während weniger als zwei Prozent der 60- bis 70-Jährigen Leistungen der Pflegeversicherung erhalten, sind es bei den 70- bis 75-Jährigen fünf Prozent, bei den über 90-Jährigen 61 Prozent. Das durchschnittliche Eintrittsalter ins Pflegeheim liegt bei 82,5 Jahren. 55,9 Prozent der älteren Menschen beziehen vor ihrem Tode keine Pflegeleistungen (59,1 Prozent der Männer und 49,3 Prozent der Frauen) (Rothgang u. a. 2008).“ Wer pflegt? Bezeichnend ist eine Aussage von Hermann Gröhe, Bundesminister für Gesundheit (Pflegen zu Hause, Ratgeber für die häusliche Pflege), derzufolge rund zwei Drittel der Pflegebedürf-

Ehrenamt wird wichtiger Bei der Betrachtung dieser Zahlen liegt auf der Hand, dass die Zahl der Pflegebedürftigen stetig und stark steigen wird – einfach, weil es mehr alte Menschen geben wird. Wird dieser Entwicklung eine häusliche Pflege, wie wir sie heute kennen, standhalten können? Betrachtet man die Entwicklung der Altersstruktur und die Tendenzen, die im Bereich des privaten Engagements zu beobachten sind, ist anzunehmen, dass die Anzahl derer, die sich persönlich im Bereich der Pflege engagieren, in einem ähnlichen Verhältnis wächst, wie der Bedarf in der privaten Pflege. So wie es mehr Ältere gibt, wird es mehr Ältere geben, die sich in der Pflege engagieren. Manuel Slupina schreibt in dem BBE-Newsletter 08/2014 über ehrenamtliches Engagement im demografischen Wandel:

„Zwischen 1999 und 2009 stieg die Engagementquote der 65- bis 69-Jährigen von 29 auf 37 Prozent an, jene der über 70-Jährigen von 20 auf 25 Prozent. Zwar hat der überwiegende Teil der im Alter Engagierten seine freiwillige Tätigkeit schon vor Renteneintritt ausgeübt, doch nimmt inzwischen auch die Zahl derer zu, die sich im höheren Alter erstmals für die Allgemeinheit engagieren. Auch weitere Gründe sprechen für ein steigendes Engagement Älterer. In den kommenden Jahren werden immer größere Jahrgänge von immer besser ausgebildeten Menschen in Rente gehen. Viele von ihnen werden gesund, aktiv und vergleichsweise wohlhabend älter. Vor allem das Gefühl, im Kleinen die Gesellschaft mitzugestalten, gebraucht zu werden und eine Aufgabe zu haben, bestätigt Ältere in ihrem Engagement. Schon jetzt ist der Anteil älterer Menschen im Ehrenamt besonders hoch. Der Anteil der Menschen über 60 Jahre, die ehrenamtlich tätig sind oder sich gern engagieren wollen, ist einer der am stärksten wachsenden der Gesellschaft. Mehr als jeder Dritte dieser Altersgruppe ist bereits aktiv, besagt der Zweite Freiwilligensurvey der Bundesregierung.“ Alterssurvey Schwerpunkt „Tätigkeiten und Engagement“ Gesundheit, materielle Absicherung und vor allem Bildungsniveau sind eng verbunden mit der gesellschaftlichen Partizipation der Älteren (z.B. im ehrenamtlichen Engagement). Bisher wies jede jüngere Generation von Älteren ein höheres Ausbildungsniveau, eine bessere Gesundheit und eine bessere materielle Absicherung auf als ihre Vorgänger. Sie verfügte also über mehr Ressourcen für Aktivität. Daher kann insgesamt auch mit einer stärkeren Beteiligung gerechnet werden. Zugleich ist zu erwarten, dass sich der Anspruch auf sinnvolle

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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Tätigkeiten erhöht. Insofern kann man in diesen Bereichen der Zukunft durchaus optimistisch entgegensehen. Alter schafft Neues, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 11018, Berlin www.bmfsfj.de http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/ Abteilung3/Pdf-Anlagen/kapitel5.9-taetigkeiten-und-engagement,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf Kurz, die zu Pflegenden werden älter und mehr, auch die privat Pflegenden werden älter und ebenfalls mehr. Die Herausforderungen für die private Pflege werden sich also stark verändern. Die Arbeit einer Akademie der privaten Pflege Die älteren pflegenden Menschen stehen nicht mehr im Beruf, die Doppelbelastung fällt weg, dagegen steht eine möglicherweise geringere körperliche Leistungsfähigkeit. Der mentale Abstand zwischen den Pflegenden und Gepflegten wird geringer sein, das lässt auf besseres Verstehen zwischen den beiden Gruppen hoffen. Dem gegenüber steht möglicherweise eine geringere Flexibilität der Pflegenden. Die privat Pflegenden werden älter, die eigene Nähe zum Tod ist stärker spürbar. Verluste werden anders wahrgenommen. Die Sinnfindung nach einem möglichen endgültigen Abschied von dem zu Pflegenden wird möglicherweise schwieriger. Die Frage, die eine Akademie der privaten Pflege beantworten muss, wird sein, wie ich mit alten Pflegenden umgehe. Haben alte Pflegende andere Bedürfnisse als Jüngere? Persönliche Reflektion für eine erfüllende private Pflege Die Frage nach den Bedürfnissen älterer Pflegender spielt eine wichtige Rolle bei der Betrachtung des Raumes, den die Akademie eröffnen muss. Die Arbeit in diesem, Raum, der sich der persönlichen Kompetenzen der Teilnehmer annimmt, beginnt schon, bevor der Pflegende die Pflege übernimmt. Es gilt, den Pflegenden ebenso wie den zu Pflegenden in ihrer Entscheidung zu begleiten, ob eine private Pflege stattfinden soll

oder nicht. Beide müssen sich das zutrauen. Es gilt Fragen der Motive zu klären, Konflikte – intrapersonelle ebenso wie interpersonelle – müssen entdeckt und geklärt werden. Auch geht es bei solchen Fragestellungen um die Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen und Grenzen. Wir müssen uns mit Themen wie Abschied, Schmerzen und Aggressivität beschäftigen. Nach dem, was wir bislang über die Aufgabenstellung einer möglichen Akademie für private Pflege wissen, ist ein zentraler Inhalt die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Es gilt, Bereiche wie Ethik und Werte zu integrieren. Der Raum für persönliche Arbeit Im Raum für persönliche Arbeit streben wir einen methodisch entwickelten Austausch zwischen Angehörigen an. Dabei möchten wir gezielt Lernprozesse und einen praxisorientierten Wissenstransfer etablieren: Die Erfahrungen von Pflegenden, die bereits den Verlust von geliebten Menschen erlebt haben, spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Anbindung von Peergroups oder moderierte Netzwerke. Von großer Bedeutung wird es sein, Pflegenden und zu Pflegenden den Kontakt untereinander zu ermöglichen,. Es geht darum, mit der Welt des anderen in Kontakt zu treten, diese anzunehmen und Verständnis für andere Perspektiven und Erfahrungen zu entwickeln – die Botschaften aus der Welt des anderen zu empfangen, wertzuschätzen und zu verstehen. Die Arbeit im Raum für persönliche Arbeit ist durch die Prinzipien des Dialogs geprägt. Neugier und das Wissen um die eigene Subjektivität sind dabei sehr hilfreich. Der ästhetische Prozess, wie er von Zentrifuge entwickelt wurde, wäre prädestiniert für diese Arbeit. Sinnvoll wäre es in vielen Fällen, von verbalen Auseinandersetzungen abzusehen und stattdessen kreative und konstruktive Methoden wie Malen, Tanzen, Schreiben oder Theater anzuwenden. Gerade mit den Möglichkeiten des Improvisationstheaters lassen sich aktuelle Themen hervorragend in Szene setzen und bearbeiten. Das Ziel, das wir mit einer Akademie für private Pflege Arbeit verfolgen ist es, die Authentizität beider, der

Pflegenden und der zu Pflegenden zu fördern. Wir möchten die Menschen dabei unterstützen, eigene Motive zu entdecken und für eigene Interessen einzutreten – andere Menschen in ihrer Empfindsamkeit wahrzunehmen ... als Menschen mit Bedürfnissen und Ängsten. Die Akademie für private Pflege will dazu befähigen, Menschen unabhängig von ihren Handlungen – allein von ihrem Dasein als lebende Wesen her – wertzuschätzen. Diese Haltung erachten wir als grundlegend für eine für alle Beteiligten erfüllende Pflege. Eine solche Pflege könnte es ermöglichen, das Stigma, das Bedürftigkeit bedeutet – nämlich Autonomie, Wirksamkeit und soziale Kontakte zu verlieren – zu überwinden und aufzulösen. In den nächsten Monaten wird die Zentrifuge gemeinsam mit der Gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Dienste (GGSD mbH) das Konzept für eine Akademie für private Pflege ausarbeiten und die Möglichkeiten einer Implementierung bzw. Umsetzung eruieren. Interessenten wenden sich bitte an Otmar Potjans, E-Mail: otmar@o-potjans.de oder Günther Heil, E-Mail: kontakt@guenther-heil.de

Teilnehmer bei einer Gruppenübung während der Workshops


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

„The two most important days in your life are the

Lebensspanne

day you were born and the day you find out why.“ Mark Twain

Plattform für übergreifende Begegnungen und Prozesse Ideengeber: Jörg H. Bauer, Michael Schels | Text: Michael Schels

Ein Buch als Anstoß für eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten und für weltumgreifende Veränderungen: „Lebensspanne – wie wir uns neu begegnen können“ erscheint Ende 2016 als Lese-Sach-Buch und lebenspraktischer Ratgeber an der Schnittstelle von Kunst, Philosophie und Wissenschaft auf Deutsch und Englisch. Tausende Menschen fühlen sich von diesem Buch angesprochen und darin bestärkt, sich und ihr Umfeld neu und intensiver wahrzunehmen, sich von festgefahrenen Mustern zu lösen und ein Leben in Einklang mit sich, der Natur und den Menschen anzustreben. Die Technik erfährt durch diese weltweite friedliche Bewegung, von der das Buch „Lebensspanne“ ein kleiner, doch wesentlicher Ausdruck ist, revolutionäre Impulse und beginnt (wie von selbst?), sich auf neue, der Natur und dem Menschen angemessene Weise zu entfalten. Das Buch „Lebensspanne – Wie wir uns neu begegnen können“ lässt eine internationale Community entstehen, die sich über Social Media schnell verbreitet und selbst organisiert. Es gibt keine zentrale Steuerung, keine dogmatischen Vorgaben und keine „Gurus“ oder „Führer“ – die Gemeinschaft organisiert aus sich heraus Inhalte, Anlässe und Prozesse für neue Begegnungen in der und mit der Welt. Letztlich ist es die Welt selbst, die durch diese Plattform als Ereignis spricht. Der Mensch transzendiert sich, überwindet seine Selbstsucht, geht mit der Natur in Dialog und erlebt sich dabei als geschöpftes Wesen in Dankbarkeit und voller Schöpferkraft. Als Vermittler eines neuen Weltgeschehens entfaltet der Mensch in selbst gewählten Gemeinschaften unzählige neue Projekte zur Versöhnung von Mensch, Natur und Technik. Die kapitalistisch geprägte Kultur, wie wir sie heute noch kennen, wird in wenigen Jahrzehnten irrelevant geworden sein. Alte Mächte verlieren ihren Einfluss und lösen sich in Luft auf. Noch versuchen die Vertreter der Macht und die Nutznießer von Institutionen über Kriege und Gewalt ihre „Bedeutung“ aufrecht zu erhalten. Dieses gewaltsame Verhalten basiert – wie im Essay von Jörg H. Bauer in dieser Dokumentation beschrieben – auf einem falsch verstandenen, auf Angst basierendem Selbstkonzept.

Dieses von der Gesellschaft favorisierte Konzept gründet vor allem auf Fähigkeiten und Status. Der menschlichen Wert kommt nicht aus dem „Sein“, sondern leitet sich aus dem „besser sein“ ab (siehe Essay von Jörg H. Bauer, Absatz „Selbstwert und Gesellschaft“). So ein radikal individualistisches Selbstkonzept ist gefährlich und antiquiert, da es Kooperation und Gemeinschaft untergräbt und zu Unglück, Gewalt und Ungleichheit führt. Echter Selbstwert entwickelt sich demgegenüber vielmehr aus der Akzeptanz in einer Gemeinschaft. Unser auf unseren analytischen Fähigkeiten basierendes, machiavellistisches Selbstkonzept ist immer entweder besser oder schlechter als andere – also nie „in Ordnung”! Die Folge ist eine verdeckte Form von Hass (wobei niemand etwas dafür kann, dass die Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Qualitäten mehr schätzt als andere). Vorsicht ist also geboten bei der Transformation. „Lebensspanne – die Plattform für übergreifende Begegnungen und Prozesse“ ist Ausdruck eines Bildungsprozesses hin zu einer humaneren Welt der Versöhnung. Die Lebensspanne reicht von der Geburt bis zum Tod und schließt damit auch den Übergang von Generationen mit ein. Die „Lebensspanne“ Plattform ist ein integratives Projekt, das einen Gesamtzusammenhang gelten lässt und würdigt und bei dem das Individuum von sich aus und in Begegnung zur Entfaltung kommt. Es ist ein sinnliches Projekt, da es die Sinnlichkeit als Bedingung für seelische und körperliche Gesundheit verstehen lernt. Es ist ein Projekt, in dem sich eine neue Sprache entwickelt – eine musikalische Sprache, bei der die Menschen untereinander, aber auch mit der Natur in Korrespondenz geraten. Es ist ein Projekt, das über Lebensspannen und über Generationen anhalten wird. Große Geduld ist also erforderlich. Viele Menschen, die heute leben, werden über eine Ahnung der mit der Transformation verbundenen Möglichkeiten im Laufe ihrer persönlichen Lebensspanne nicht hinaus kommen. Andere werden die Veränderungsprozesse an sich und an anderen intensiv erfahren. Und alle werden dies auf friedliche Weise tun und dabei über sich auf ungeahnte Weise hinaus wachsen.

Technik ist integrativer Bestandtteil dieses Projekts. Sie wird aber ebenso wie die Menschen eine grundlegende, revolutionäre Änderung erfahren. Die Technik der Zukunft wird nicht mehr zerstörerisch sein. Sie wird nicht mehr zerteilen, sondern zusammen führen. Sie wird nicht mehr beschleunigen, sondern verlangsamen. Sie wird nicht mehr vergiften, sondern heilen. Sie wird nicht mehr materiell konzipiert, sondern von Geist durchdrungen sein. Sie wird ebenso wie der Mensch endlich (mit-)fühlen und das gespaltene egomanische Denken überwinden lernen. Ein Beispiel für eine solche technische Umsetzung könnte aus unserer Sicht als Kultur-”Ingenieure“ eine Internetplattform sein, auf der Menschen aus unterschiedlichen Altersstufen ihre eigenen „Cases“ – also für sie prägende Transformationserfahrungen bzw. das Erleben von typischen „Spaltungserfahrungen“ in den jeweiligen Lebensphasen schildern und einarbeiten (per Film, Bild, Text und Ton). Wissenschaftliche Experten werden gleichzeitig dazu eingeladen, alles, was über die Entwicklung in und über die (jeweilige) Lebensspanne bekannt ist, einzutragen – es gibt zur Zeit kein derartig offenes Projekt. Insgesamt streben wir deshalb ein erlebens-, generations- und fachübergreifendes Lebensspannen-Projekt an, das zur Erkenntnis und Anwendung optimaler und multidimensionaler menschlicher Entwicklung führen soll. Mitwirkende gesucht: Michael Schels und Jörg H. Bauer arbeiten gerade am Manuskript des „Lebensspanne“ Buchs, das Ende 2016 erscheinen soll. Finanzielle Unterstützung in Form einer geschäftlichen Partnerschaft wäre dabei sehr hilfreich. Inhaltliche und gestalterische Anregungen sowie Ideen für Gastbeiträge sind herzlich willkommen. Auch werden Förderer und Mitbegründer der Lebensspanne-Plattform gesucht, die das Projekt technisch und finanziell mit auf den Weg bringen. Sie möchten zu dieser Projektidee etwas beitragen? Dann wenden Sie sich bitte an Michael Schels oder Jörg H. Bauer, E-Mail: ms@zentrifuge-nuernberg. de bzw. jhabauer@gmail.com

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Traumrinde getrocknete Zukunftsvisionen dahinter ein Meer der Eitelkeiten und der BedeutungsErinnerungen alles aufgeblasen und eingeglast ein Zustand der permanenten Fehleinschätzung

der Augenblick wird zum gefühlten Kräfteverschleiß

Bedrohung durch die Gesamtangst

Verlust der Zwangsmitte

gepaart mit einem süffisanten Hinabwerfen der letzten Fruchtbarkeitssymboliken

Andeutung und Ausbeutung der letztendlich ausgemergelten Zwangsressourcen.

Ein Schuss und der Treffer ins Rückenmark ein zuviel gelebtes Leben Ohne majestätischen Glanz und ohne Vernichtungsabsicht in eine Zeit hinabgestoßen in der die Nichtgemeinschaft schlummert. Alles wird zur Angelegenheit von allen jeder ist sich seiner Teilschuld bewusst.

Grobes Ringen um die Ersatzwelt

kühle Abstimmungen in Fremdnächten

immer auf der Suche nach der wahrhaftigen Eleganz.

Vielmaliges Entrinnen in Scheinwelten

und Ängste vor den Ängsten

es geht um die Bedeutungshaft

an der man qualvoll ersticken kann.

Aber erst beim Wiedererinnern erscheinen die Wege als geheime Zahlenkombination der Rausch enthält auch keine Dunkelheit. Im Dunst wahrnehmen gleichzeitiges Festhalten an verrutschten Kindheitserinnerungen der Müllhaufen von Geschichte und die falsch erzählte Dramennotierung aber, es gibt sie noch, die Ersatzmelodie!

Immer auf der Suche nach dem Licht

und gleichzeitiges Gewahrsein der letzten Feuerstelle.

Auf und nieder, auf und nieder, es wird wieder spürbar

Immer wieder auf der Suche nach dem Licht

Immer auf der Suche nach dem Licht

Immer wieder auf der Suche nach dem Licht

Immer auf der Suche

nach dem Licht

Text von Uwe Weber aus dem Bühnenprogramm (in Vorbereitung): „Eine andere Mitteilung gibt es leider nicht!“ Premiere Herbst 2016


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Wie man alt wird Text: Jörg H. Bauer

Summary: Altern, Identität und Gemeinschaft Altern im psychologischen Sinn ist das Erreichen einer Identität, die von der Bewertung durch andere weitgehend losgelöst ist. Zugleich wird dem Individuum der Wert des Lebens und der zwischenmenschlichen Begegnung klar. Dieser Wandel ist einer vom Haben zum Sein. Diese Identität und die Fähigkeit zur Begegnung wird dann möglich, wenn das Individuum gelernt hat, seine negativen Emotionen auf eine nicht defensive, reife Art zu bewältigen. Der Ursprung der negativen Emotionen ist die Angst vor Verlust von Gemeinschaft – oder abstrakter, die Angst vor dem Nicht-Sein die wir mit dem Verlust der Gemeinschaft assoziieren. Die menschliche Gemeinschaft gewährt Zugang durch Anerkennung, die sich beim Einzelnen als Selbstwert äußert. Selbstwert ist im Lauf des Lebens unmittelbar mit physischer und psychischer Gesundheit verknüpft. Es gibt zwei Formen der Anerkennung: Anerkennung aufgrund von bestimmten Eigenschaften bzw. Fähigkeiten (väterliche Liebe) und bedingungslose Anerkennung (mütterliche Liebe). Der Zugang zu Anerkennung in unser kapitalistischen Gesellschaft ist mehrheitlich an Anerkennung über Fähigkeiten geknüpft. Diese Form von Selbstwert alleine ist jedoch häufig instabil und führt bei Verlust zu Aggression oder Depression. Der radikalindividualistische Gedanke birgt deshalb im Kern die Absicht sich der Kontrolle des Selbstwertes durch die Gemeinschaft per Macht und Status zu entziehen und so selbst die Regeln für die Anerkennung festzulegen. Derjenige, der die anderen nicht braucht, ist heute der wahre Held unserer Gesellschaft. Dies ist zu einem Motor der Vereinzelung und Gewalt geworden. Die Lösung ist liegt jedoch nicht darin sich der Gemeinschaft zu unterwerfen, sondern diese mit einzubeziehen. Dies äußert sich in einer Hinwendung zur Begegnung und damit zum Sein. Diese Einsicht gelingt, so zeigen Forschungen, mit zunehmendem Alter. Wir können anderen nur wirklich unvoreingenommen begegnen, wenn wir gleichzeitig unsere Ängste vor dieser Begegnung in positive und kreative Bahnen lenken, statt uns defensiv über andere zu erhöhen oder uns unterzuordnen. Dieser Veränderung einer ängstlichen Identität hin zu einer integrierten Identität kann im

Gruppenübung aus dem Workshop

Alter gelingen und hat eine wichtige Vorbildfunktion für einen gesellschaftlichen Wandel vom „Haben“ zum „Sein“. Einführung Seit einigen Jahren starre ich wie ein erschrockenes Kaninchen auf das Nähern meines „50sten”. Am meisten irritierte mich an dieser Zahl zunächst, wie vermutlich viele andere auch, der erst symbolische und dann tatsächiche Verlust meiner Jugend und die damit einhergehenden Auswirkungen auf meinen Körper. Was mich dann mit 49 aber mehr und mehr beschäftigte, war eine fühlbare innere Veränderung, ein langsamer, funda- mentaler Wandel in meinen Werten und meiner Sichtweise auf andere. Als arbeitenden Menschen faszinierten mich über die Jahre zwei Phänomene: Was macht das ständige Multitasking mit mir und meinen Kollegen und wo verbleiben unter dem ständigen Druck der Forderungen sei-

tens Dritter eigentlich meine eigenen Bedürfnisse? Vielleicht versteckten sie sich in Tagträumen, die mich am Arbeitsplatz schleichend überfielen? Über diese „Forschungszeit“ wurde schließlich klar, dass mich mein einstmaliger Traumjob nicht mehr befriedigte. Die Wichtigkeit meiner Aufgaben erschloss sich mir nicht mehr. Ende 40 war es jedoch zu früh, um „aussteigen“ – aber auch zu spät, um genau so weiter machen zu können. In dieser „Zwischenzeit“ wurde mir immer mehr klar, dass auch bestimmte Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft mir zunehmend Sorgen bereiteten – besonders die immer größere Wertschätzung von Dingen und die offensichtlich geringe Wertschätzung von Menschen. Waren dies solide Anzeichen einer Midlife Crisis? Vielleicht wurde ich nur durch meine wahrnehmbar abnehmende physische Ausdauer plötzlich empathischer und verletzlicher? Tatsächlich fühlte ich mich in manchen Situationen

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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

ausgelaugt, auf der anderen Seite waren bestimmte Werte nahezu wie von selbst erschreckend klar präsent – deutlicher als je zuvor. Als hätten sich ohne mein Wissen alte Neuronen zu neuen Systemen verknüpft. Es beschlich mich eine leise Ahnung, dass vielleicht alles auch nur nach einem guten aber geheimen Plan des Älterwerdens ablief – einen, den ich vielleicht einfach noch nicht verstand. Ich begann mich für das Altern zu interessieren und stellte dabei fest, dass Rollenmodelle um mich herum kaum zu lokalisieren waren. Ich werde anscheinend alt mitten in einer Gesellschaft, die das Altern nicht kennt und wahrscheinlich deshalb auch nicht versteht. Altern erschien ein ebenso gut gehütetes Geheimnis zu sein wie die Folgen der Geburt eines Kindes auf Beziehungen. Im Verlauf meiner Bestrebungen, hinter die „Mechanismen“ des Alterns zu kommen, wurde mir aber auch bewusst, dass ich verstehen sollte, wie ich überhaupt bis hier gekommen war, was mich geprägt hat und auf welche Weise? Sobald ich das verstünde, nahm ich an, würde mir vielleicht auch klar, was mich weiterhin formen würde – und wo vielleicht Freiheit wartet. Als ich begann, einzelne Bausteine zusammenzufügen, kam mir bald der Verdacht, dass Strukturen, die die Entwicklung vom Kindesalter bis ins Alter formen, vielleicht zum großen Teil grundsätzlicher Natur sind. Einige der Puzzleteile entstammten Forschungen der Entwicklungspsychologie oder der Motivationspsychologie, andere kamen aus soziologischen oder neuroimmunologischen Bereichen. Der größere Zusammenhang kam jedoch aus der Life-Span-Psychologie, eine relativ junge Perspektive der Entwicklung des Menschen über die gesamte Lebensspanne. Sie versucht einzelne Entwicklungsschritte zu einer großen Theorie der menschlichen Entwicklung von der Geburt bis zum Tod zusammenzufügen. Dennoch sind auch hier wichtige Bereiche oft nicht deutlich miteinander verbunden. Entwicklung und Altern ist für mich eher eine spirituelle Reise durch das Leben. In vielen Lehrbüchern wird Entwicklung jedoch nach wie vor aus chronologischer statt aus bedeutungsvoller bzw. kausalen Sicht beschrieben. Eine globale Sichtweise oder Vogelperspektive auf das gesamte Leben ist meistens nur in Langzeit-Studien möglich, von denen es aber nicht allzu viele gibt. Ich will deshalb versuchen, die für mich wichtigsten Bausteine zu einem einzigen, wenn auch noch groben und schnell gebauten Gebäude des Alterns zusammenzusetzen. Dieser Blick wird insbesondere durch zwei Langzeit-Studien möglich, die „Grant”- (Harvard Studenten) und

„Glueck”-Studie (beide in Vaillant, 2012), sowie die Termann-Studie (Hochbegabte, in Friedmann, 2012), beide beginnend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Um eine anglozentrische Sichtweise zu vermeiden, habe ich – soweit es mir möglich war – Schlussfolgerungen und Zusammenhänge durch andere Studien (z.B. der Berliner Alters-Studie) gestützt. Der Aspekt, der sich in all seinen sichtbaren und unsichtbaren Verbindungen als zentraler Knoten für die Entwicklung (und Altern als Teil dieser Entwicklung) über die gesamte Lebensspanne erweist, sind Beziehungen. Von Anfang bis Ende prägen Beziehungen weitere Entwicklungen die in Form von Gesundheit, Liebe oder Karriere für ein positives Leben und Altern von fundamentaler Bedeutung sind. An wichtigen Punkten der Entwicklung trifft die menschliche Entwicklung jedoch immer wieder auf destruktive, entmenschlichte Mechanismen in Kultur und Gesellschaft. Forschungen deuten, so werde ich zeigen, jedoch vor allem auf eine fundamentale Erkenntnis: Positive Entwicklung und Altern braucht eine Gesellschaft, die menschliche „Beziehungen“ mehr schätzt als „Dinge”. In diesem Sinn ist dieser Essay also verwandt mit „alten“ Ideen von Erich Fromm (1976) oder Erik Erikson (1973). Erst heute ermöglichen jedoch detaillierte Erkenntnisse über komplexe Zusammenhänge aus sozialen, psychologischen und neurologischen Forschungen ein genaueres Verständnis der Auswirkungen von „Haben“ und „Sein“ auf menschliche „Beziehungen”. Ich gehe zunächst anhand von zwei Fragestellungen der Bedeutung von Beziehungen über die Lebensspanne nach: 1. K  indheit, Jugend und Karriere. Wenn alles falsch läuft: Wie Beziehungen Entwicklung bis ins Altern fördern oder beinträchtigen. 2. N  ormatives Altern: Wenn beim Altern alles „nach Plan“ läuft: Wie Alter und der damit einhergehende Fokus auf Gefühle und Beziehungen einen elementaren Beitrag dazu leisten können, die Menschheit als elementare soziale Gemeinschaft zu erkennen.

1. K  indheit, Jugend und Karriere Bindung, Emotionsregulation und Erinnerungen Die Harvard-“Grant”-Studie (Vaillant, 2012) zeigt, dass Einflüsse in unterschiedlichen Lebensphasen meist auch unterschiedliche Wirkungen haben. Eine Erfahrung spielt dabei in nahezu alle Entwicklungen

hinein: Wie sicher wir uns in frühen Beziehungen zu Mutter und Vater fühlen hat über Jahrzehnte hinaus Einfluss auf alle Äste der weiteren Entwicklung. Für Bowlby (Ainsworth & Bowlby, 1991) ist die erste Bindungserfahrung ein Modell für zukünftige Beziehungen und prägt unseren Selbstwert. Forschungen zeigen, dass früh erworbenes Ver- bzw. Misstrauen sich auf weitere Beziehungen (Main, 1995), auf die psychische Gesundheit (Shaver et al., 2012) und über das Immunsystem sogar auf die physische Gesundheit auszuwirken scheint (Cole & Frederickson, 2013). Eine „sichere Bindung“ so zeigen die Langzeitstudien, beeinflusst auch Einkommen und Position (Vaillant, 2012). Unser Platz in sozialen Hierarchien kann durch chronisch erfahrenen Stress unsere Lebenszeit bedeutend verkürzen oder verlängern – dies zeigen sozialwissenschaftliche Studien an britschen Beamten (“Whitehall”-Study) und Beobachtungen bei unseren engsten Verwandten, den Primaten (Sapolski, 2004). Als zweiter, verborgener Aspekt gesunden Alterns erweist sich die Fähigkeit zur Emotionsregulation, der erlernte Umgang mit Emotionen, Gefühlen und Stress. Dieser wird ebenfalls über eine verlässliche emphatische Beziehung mit der Mutter oder einer wichtigen frühen Bezugspersonen erlernt (Schore, 2012). Bei geglückter Synchronisation der beiden nun verbundenen Nervensysteme werden Ängste und Nöte des Kindes zunächst über die Mutter reguliert und so wird diese Fähigkeit vom Kind langsam in das entstehende „Selbst“ übertragen. Besonders in westlichen Gesellschaften (Kuhl & Keller, 2008) lernen Kinder dabei sukzessive mit „negativen Gefühlen“ umzugehen. Dieser erste Kontakt findet dabei neurologisch gesehen hauptsächlich zwischen den rechten Hirn-Hemishpären von Mutter und Kind statt (Schore, 2012). Bevor sich also Kommunikation über Sprache entfaltet, ist es das sogenannte „Social Brain”, das mittels Blickkontakt, Körperhaltung, Gerüchen, Berührung und Prosodie (u.a. Sprachmelodie) erste Beziehungen verkörperlicht – möglicherweise weil die rechte Hemisphäre eine starke Kontrolle über das autonome Nervensystem ausübt, das die Aktivierung oder Beruhigung des Organismus steuert (Schore,2012). Man könnte die resultierende Erfahrung beschreiben als ein grundsätzliches, körperlich-manifestiertes Vertrauen in den Umstand, dass ich nicht alleine die Schwierigkeiten des Lebens meistern muss, dass die „Gruppe“ Schutz bietet. Später im Erwachsenenalter reagiert ebenfalls wieder die rechte Gehirnhälfte vor allem bei starken Stressoren, während die linke, sprachlich-analytische Hirnhälfte auf


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geringer belastende Situationen anspricht. Sichere Bindungen vermitteln also nicht nur Vertrauen und Selbstwert, sondern auch die Fähigkeit, Emotionen zu steuern. Bindungen erzeugen also frühe „Einstellungen“ auf körperlicher Ebene, wie mit Bindungsstress umgegangenen werden sollte. Forschungen zeigen zudem, dass die entwickelte Bindungsfähigkeit später auf eigene Kinder übertragen wird (Main, 1995). Bindungserfahrung verbindet so unsichtbar Generationen. Entwickelt sich mit der Reifung entsprechender Areale der linken Hirnhälfte die sprachliche Kommunikation, ist erneut die Qualität der Synchronisation verbessert, die erste autobiografische Erinnerungen beeinflusst und über ein sprachliches Verständnis von Emotionen auch einen besseren Umgang mit Gefühlen ermöglicht (Fivush, 2008). Besonders detaillierte autobiographische Erinnerungen ermöglichen die Entwicklung einer persönlichen Narrative und die Entstehung einer komplexen und kohärenten Identität (Fivush et al., 2011). Im Alter sind kognitive Leistungsfähigkeit und mentale Gesundheit stark an die Erinnerungsfähigkeit gebunden. Die Harvard-“Grant“ Langzeitstudie (Vaillant, 2012) lässt vermuten, dass insbesondere der authentische Umgang mit Emotionen hilft, positive Beziehungen zu knüpfen und aufrecht zu erhalten. Es ist also wichtig, sich nicht immer nur gut fühlen zu wollen, sondern eigene negative Gefühle und die des Gegenübers anzunehmen, ohne ängstlich oder kritisch darauf reagieren zu müssen. Ein Partner wirkt sich jedoch nicht nur als Hilfe, also Ressource, auf die Gesundheit aus. Beziehungen beeinflussen anscheinend viel direkter die physische Gesundheit. Als bisher verborgener Mechanismus entpuppt sich dabei das Immunsystem. Der Neuroimmunologe Steve Cole (Cole & Frederickson, 2013) zeigt, dass bei chronisch einsamen Menschen vermehrt Faktoren produziert werden, die mit Entzündungen im Zusammenhang stehen und mit Krankheiten wie Diabetes und Krebs in Verbindung gebracht werden. Entzündungsfaktoren werden auch zunehmend als mögliche Auslöser für Depression vermutet (Le Ker, 2015). Schließlich wird lebenslanger neurotischer, Stress, mit Alzheimer in Verbindung gebracht (Low et al., 2013). Beziehungen wirken jedoch nicht nur auf die Gesundheit und Langlebigkeit (Friedmann, 2012), sondern formen über Erinnerungen Identität. Starker Stress wie zum Beispiel bei Depression reduziert die Größe des Hippocampus, der wiederum Erinnerungen verarbeitet (Sapolsky, 2004).

Ein reifer nicht destruktiver Umgang mit Emotionen ist im Leben essentiell. Körperlicher und psychischer Schmerz sind nicht nur psychologisch verwandt, sie haben auch physio- logische Ähnlichkeit (Eisenberger, 2012). So gesehen überrascht es nicht, dass süchtig machende Substanzen körpereigenen Opiaten ähneln. Sucht wäre für den Emotionsforscher Panksepp (2012) somit auch eine Folge von chronischem psychischem Schmerz wie Angst und Depression. Es ist deshalb denkbar, dass durch die Bestrafung entsprechender Drogen- Delikte in Wirklichkeit ein Bedürfnis, früh geprägten Beziehungsschmerz (z.B. eine unsichere Bindung oder Missbrauch) zu lindern, kriminalisiert wird. Jedoch sind bereits die Auswirkungen der in westlichen Gesellschaften weit verbreiteten Einsamkeit auf die körperliche Gesundheit massiv und reichen von Bluthochdruck bis zum Suizid (Cacioppo, 2015). Zwar sind Persönlichkeitsfaktoren ebenfalls ausschlaggebend für die Fähigkeit, Beziehungen positiv zu erleben. Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass auch bei sozial isolierenden Störungen (z.B. Angst und Depression) Emotionen möglicherweise ebenfalls falsch (nicht adaptiv) reguliert werden (Barnow, 2011). Zusammengefasst prägen also Bindungen über Beziehungsmodelle und Selbst-Konzept vor allem unsere Stellung zur Gruppe (Gemeinschaft vs. Isolation) und dies wirkt zusammen mit der erworbenen Fähigkeit zum Umgang mit Emotionen auf die physische und psychische Gesundheit. Gerade die Schwächung von, wie gezeigt essentiell wichtigen menschlichen Beziehungen ist ein Markenzeichen der konsum- und effizienzorientierten Gesellschaft. Forschungen deuten zum Beispiel darauf hin dass unser Vermögen emphatisch zu reagieren bei Stress bzw. Unsicherheit abnimmt (Todd et al., 2015). Effizienz bedingter Stress erzeugen auf Dauer isolierte, ängstliche, erschöpfte und traurige Menschen. Doch diese Gefühlslagen kurbeln womöglich den Konsum erst an (Learner & Garg 2013). Selbstwert und Gemeinschaft Der Zusammenhang zwischen Konsum, Identität und Einsamkeit wird besonders bei Teenagern sichtbar: Nur der Kauf der „richtigen“ Marken hilft gegen die Angst nicht dazu zu gehören. Ganz allgemein gilt aber, Erfahrungen von Einsamkeit, Schmerz und Erschöpfung werden oft mit Alkohol, Schokolade, Fernsehen und mehr Konsum betäubt. Hedonistischer Lebensstil favorisiert künstliche statt authentischer Emotionsregulation – die Wahl zwischen einer immer höheren Anzahl an Produkten und Möglichkeiten erzeugt ein Gefühl von Kontrolle und bietet Ablenkung. Die

Vermeidung von negativen Gefühlen liegt im Kern vieler psychischer Leiden (Hayes, 1996) – ein authentischer Umgang mit Emotionen wird jedoch vielfach weder vermittelt noch verstanden. Kapitalismus produziert also auf der einen Seite emotionale Kosten, für die kaum Verantwortung übernommen wird, auf der anderen Seite werden Gewinne immer weniger an die Gemeinschaft verteilt (Piketty, 2015). Es überrascht nicht, dass geringes Einkommen mit einem höherem Auftreten von psychischen Krankheiten verbunden ist: Systeme wie Hartz IV isolieren, wodurch negative Kreisläufe verstärkt werden: Auf Kinder, die lernen, dass sie weniger wert sind, wartet aber aller Wahrscheinlichkeit nach weder Glück noch ein langes Leben (Vaillant, 2012). Der von der Gesellschaft vermittelte Selbstwert hat einen fundamentalen Einfluss auf die Gesundheit. Insbesondere sehen Forscher einen signifikanten Zusammenhang zwischen Selbstwert und Depression (Sowislo & Orth, 2013)und Aggression (Zeigler-Hill et al., 2014). Woher kommt dieser Zusammenhang zwischen Selbstwert und negativen Emotionen? Die Sociometer Theorie (Leary et. al, 1995) geht ähnlich wie Bowlby davon aus, dass der empfundene Selbstwert eine Reflektion der vergangenen Erfahrungen sozialer Akzeptanz/ Ablehnung ist. Der Selbstwert ist daher keine Ursache, sondern ein Ergebnis sozialer Bewertung, der Nützlichkeit für die Gruppe. Tasächlich wird aber im Alter ein signifikantes Absinken des Selbstwertes gemessen (Robins & Trzesniewsk, 2005). Die Gründe hierfür sind jedoch nicht eindeutig. Von einigen Forschern wird vermutet, dies entstamme Rollenverlusten oder einer negativen Bewertung des im Leben Erreichten (siehe Erikson, 1973). Auf der anderen Seite spricht der Rückgang von Narzissmus im Alter (Foster et al. 2003) zwar einerseits für eine realistischere Bewertung der eigenen Fähigkeiten, während gleichzeitig auch ein anders geartetes, tieferes Verständnis des eigenen Selbstwertes entstanden sein könnte (Robins & Trzesniewsk, 2005). Es bleibt also zu untersuchen, ob die letztere, differenzierte Bedeutung des Selbstwertes im Alter zutrifft oder ob die Statistiken tatsächlich nur ein Abbild des als vermindert empfundenen sozialen Wertes sind. Auch in der Pubertät ist der Selbstwert auffallend gering. Ansätze der Pädagogik gingen bisher davon aus, dass es wichtig sei, Jugendlichen Selbstwert (“Self-Esteem”) z.B. über Fähigkeiten zu vermitteln. Es scheint jedoch, dass diese Form des Selbstwertes sehr instabil ist. Die Forscherin Kristin Neff (2009) sieht

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eine Problematik zudem darin, dass andere ständig als Bedrohung der eigenen Fähigkeiten in Erwägung gezogen werden. Der Selbstwert ist so für viele ein beständig wunder Punkt. Unsere analytischen Fähigkeiten sind daher oft damit beschäftigt was zu tun wäre um besser als andere zu sein denn der soziale Wert in unserer Gesellschaft, entstammt nicht dem „Sein“ sondern dem „besser sein”. Durch den sozialen Vergleich betritt ein machiavellischer Aspekt das Lagerfeuer der menschlichen Gemeinschaft. Wer andere überflügeln oder austricksen kann verschafft sich Anerkennung in Form von materiellen Werten und Status. Obwohl Geld im Schnitt nur bis zu einem gewissen Schwellenwert zu mehr Glück und Zufriedenheit führt fanden Forscher dass relatives Einkommen – also mehr Geld im Vergleich zu anderen zu haben dennoch zu mehr Zufriedenheit führen kann – hauptsächlich jedoch bei Männern! (Schupp et al., 2009). Unser Selbst-Konzept (Selbstwert als affektive Bewertung des Selbst-Konzeptes) ist also aufs Engste mit sozialer Anerkennung verbunden. Anerkennung ist, so die These, gefühlter Schutz der Gemeinschaft und deshalb der große Honig-Topf um den wir uns alle bewusst oder unbewusst streiten. Bekommen wir sie nicht werden wir unglücklich, ängstlich, sind häufiger krank und sterben potentiell früher. Wir sind eine soziale Spezies (Wilson, 2013), die dies aber anscheinend nicht wahrhaben will. Der Fähigkeiten- bzw. status-orientierte Selbstwert – das Markenzeichen der kapitalistischen Welt, erzeugt Konflikte und unterminiert Kooperation. Doch unsere Gesellschaft applaudiert dieser selbstbezogenen radikal-individualistischen Einstellung. Die Anerkennung steigt offensichtlich je mehr dem Einzelnen andere egal sind (ein typisches Thema vieler Hollywood Filme). Bei der gegenwärtigen gesellschaftlichen Basis unserer Selbstwertes kann der Einzelne sich also nur unter – oder überlegen vorkommen. Tatsächlich korreliert die Erhebung von „Individualismus“ auf globaler Ebene mit Narzissmus (Foster et al. 2003). Die Positionen, Arroganz oder Unterlegenheit führen jedoch beide zu einer subtilen oder offenen Form des Hasses. Wenn diese einseitige Form des Selbstwertes Gefühle von Mangel und Konkurrenz erzeugt und so potentiell zu Angst, Gewalt führt, muss diese als Basis unseres Selbsverständnisses neu überdacht werden. Neff schlägt daher eine alternative Form des Selbstwerts vor, „Self-Compassion”, Mitgefühl mit sich, aber auch mit anderen. Statt Konkurrenz und Abwertung wird Verständnis für eigene Limitationen erlernt und erlebt.

Dieses Mitgefühl (siehe auch Buddhistische Metta-Meditation) erlaubt die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten und damit auch, Scheitern zu akzeptieren, ohne dass dabei Hass, Angst oder Isolation erzeugt werden wird (Hutcherson, 2008). Diese authentische, man könnte auch sagen „weise“ Form der Emotionsregulation, negative Gefühle auszuhalten und beispielsweise mit Trauer statt Zorn zu reagieren, scheint sich im Alter auf natürliche Weise anzubahnen (Carstensen, 2008). Die Entwicklung des Selbst-Konzepts steht eng im Zusammenhang mit der Akzeptanz von Zielen anderer (Rogers, 1961). Unser Selbst-Ideal basiert oft auf den Erwartungen anderer. Wohlbefinden und Identität beziehen wir zunächst aus Taten oder Fähigkeiten (“Ich bin das, was ich tue oder was ich kann.”), die uns Akzeptanz verschaffen. Erst allmählich entwickelt sich Wohlbefinden aus einer Identität an sich (Hofer, 2012), also einer Identität, die beispielsweise auf Werten basiert. Die Entwicklung dieser eher semantischen Identität verläuft ein Leben lang und ist im Alter eine größere Quelle für Wohlbefinden als eine aus „Tun“ bzw. „Handeln“ bezogene (episodische) Identität (Rathbone et al., 2015). Die Kontroll-Theorie der Motivation geht davon aus, dass das menschliche Vermögen, die Umwelt zu kontrollieren, im Alter abnimmt (Heckhausen et al., 2010). Deshalb nutzen ältere Menschen vermehrt sekundäre Kontroll-Strategien wie Emotionsregulation, die darauf abzielen, das eigene Fühlen zu ändern, weil die Umwelt nicht mehr im gleichen Maß wie in der Jugend verändert werden kann. Können dagegen Gefühle besser integriert werden, wirken sich Erwartungen anderer auch weniger auf unser Selbst-Konzept aus. Generell ist dieses „Synchronisieren“ der Erwartungen für soziale Beziehungen sehr wichtig. Auf diese Art werden dem Individuum Werte der Gemeinschaft vermittelt. Der Soziologe George Hubert Mead (1968) nennt diese Identität deshalb auch das „Me“ – also die Sicht auf das Selbst durch die Augen der anderen. Dieses „Me“ ist jedoch – wenn Bindungen nicht als emphatisch erlebt wurden, auch oft Quelle von Konflikten und Problemen. Denn Bindungen sind nicht nur Geburtsort der Identität und unseres Modells von Beziehungen, sondern auch des Selbstwertes, den über viele Beziehungen hinweg empfundenen sozialen Wert. Karriere, Ziele, Stress und Autonomie Leistung und Effizienz sind die Maximen der Arbeitswelt. Arbeit, die an und für sich struktur-, sinngebend und verbindend (Jahoda, 1982) sein könnte, ist bei immer höherem

Leistungsdruck destruktiv und kann ebenso zu Angst und Depression führen wie die soziale Isolation durch Arbeitslosigkeit. Dies wird durch Erkenntnisse aus der Motivationsforschung neu beleuchtet. Arbeit und Selbst-Konzept (Ego) stehen oft in enger Verbindung. Arbeitsbedingte Krankheiten können ähnlich wie psychische Krankheiten auf Beziehungskonflikten basieren – beispielsweise, wenn wir die Forderungen anderer zu sehr internalisieren, oder andere zu viel Kontrolle über uns ausüben uns selbst aber Kontrolle über Ressourcen fehlt. Ziele, die von anderen kommen, nennt man extrinsische Ziele. Ziele, die aus uns selbst kommen, nennt man intrinsische Ziele (Ryan & Deci, 2001). Extrinsische und intrinsische Ziele sind nicht immer identisch – aber wenn sie es sind, fühlen wir uns im Gleichgewicht bzw. oft sogar glücklich. Die Übereinstimmung von „ich mag“ (intrinsisch) und „ich sollte“ (extrinsisch) zusammen mit der Fähigkeit, etwas tun zu können, ermöglicht ein Gefühl des „Flow“ (Csíkszentmihályi, 1995) – wir sind maximal und auf eine positive Weise von einer Aufgabe „erfüllt”. Es scheint kein „Innen“ oder „Außen“ zu geben. Denken, Fühlen und Handeln verschmelzen zum „Sein”, wie beispielsweise beim Zen-Bogenschießen. Sind dagegen intrinsische und extrinsische Ziele dauerhaft im Widerspruch, wird die Wahrnehmung fragmentiert, die natürliche, autonome Motivation versiegt und muss durch Selbstregulierungsmechanismen aufrecht erhalten werden (“Ich muss, ich sollte ....”). Die Technik des „Goal-Setting“ (Locke & Latham, 2006) wird seit langem als unternehmerische Strategie eingesetzt, um Mitarbeiter über Ziele und Vorgaben zu mehr Leistung zu motivieren. Langfristig ist ein Leben mit zu wenig Zeit oder Energie für die Verwirklichung eigener Ziele und Bedürfnisse auch für Manager kontraproduktiv (Kehr, 2004). Permanente Selbstregulierung kostet Kraft, führt zu Erschöpfung (Baumeister, 2011), mehr negativen Emotionen (Bauer, 2013) und reduziertem positiven Affekt – Merkmale nicht nur einer Depression, sondern möglicherweise auch Anlass für mehr, insbesondere gesundheitsgefährdendem Konsum. Und wer kann sich noch um gesellschaftlich relevante Ziele oder politische Arbeit kümmern, wenn er erschöpft von der Arbeit kommt? Fremde Ziele werden besonders in Abängigkeitssituationen bereitwillig übernommen. Unter Stress können Menschen zudem schwer zwischen eigenen und fremden Zielen unterscheiden (Kuhl & Quirin, 2009). Fremde Ziele werden nicht mehr als solche erkannt.


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Ausbeutende Beziehungen, in denen Ziele (“Wärst Du so oder so, könnte ich Dich akzeptieren.”) entweder nie erreicht werden oder durch immer mehr neue Ziele ersetzt werden, erzeugen auf Dauer ein negatives Selbstkonzept und führen zu Erschöpfung. Im Gegensatz zum „Flow”-Erlebnis trennen sich hier mentale bzw emotional – körperliche Wahrnehmung, was schließlich zur Erfahrung von Selbst-Entfremdung führen kann. Oft bestimmen also Gruppenziele oder dominante Beziehungen über Autonomie und so über das Wohlbefinden des Individuums. Das wirft die zentrale Frage auf, welches Maß an Autonomie- und Verbundenheit bzw. welche eigenen und welche „Fremdziele“ für unser Wohlergehen gut wären. Zwar führen, wie z.B. in kollektivistischen Kulturen, auch von anderen gesteckte Ziele zu Glück und Wohlbefinden (Kuhl & Keller, 2008), intrinsische Ziele sollten jedoch ebenfalls klar und erreichbar bleiben (Ryan and Deci, 2000) bzw. sie müssen überhaupt bewusst werden können. Doch wie kann das funktionieren? Der von der Arbeitswelt erzeugte Leistungs-Stress begünstigt eher eine Kontrolle von außen und regt wiederum zu einer emotionalen Regulierung durch Konsum an. Unsere Autonomie scheint daher illusionär: Wir werden im Laufe des Arbeitslebens viel zu oft reduziert auf die Rolle konsumierender und produzierender Arbeiter-Drohnen, deren Leben so schnell vorbei zieht, dass wichtige, eigene bzw. implizite Bedürfnise kaum noch wahrgenommen werden. Zufriedenheit über die Lebensspanne Befragungen zur Zufriedenheit über die Lebensspanne in vielen Ländern zeigen eine U-förmige Kurve (Blanchflower & Oswald, 2007). Die Lebens-Zufriedenheit (“Life-Satisfaction”) ist in der Jugend hoch, sinkt dann und erreicht im Schnitt die geringsten Werte Mitte/Ende 40. Im Alter steigt die Kurve überraschend wieder auf ein sehr hohes Niveau. Die Gründe hierfür sind noch unklar und möglicherweise vielfältig. Ein möglicher Wirkmechanismus drängt sich jedoch auf: Die Anzahl der Fremdziele ist wahrscheinlich in der Lebensmitte sehr hoch: Es gilt gleichzeitig Zielen von Chefs, Partnern und Kindern nachzukommen – Zeit für eigene Ziele fehlt, Bedürfnisse werden unter Stress kaum wahrgenommen oder in der wenigen verbleibenden „Freizeit“ dann exzessiv verfolgt. Eine Hypothese wäre also, dass gerade die Zunahme von Fremdzielen zur steigenden Unzufriedenheit beiträgt. Erst wenn im Alter aufgrund sinkender Verpflichtungen eigene Ziele wieder sichtbar bzw. erfüllbar werden, steigt die Zufriedenheit deutlich an. Tatsächlich weisen auch sogenannte „Experience Sampling“ Studien (z.B. die Erfassung

von Gefühlen zu zufälligen Zeitpunkten) auf weniger negative Emotionen im Alter (Ready, 2012). Aber wie beeinflussen Ziele unsere Emotionen? Die Rolle von Emotionen für Ziele und persönliches Wachstum (“personal growth”) Die PSI (Personality Systems Integration)-Theorie (Kuhl & Quirin, 2009) klingt zunächst sehr technisch, weist aber auf erstaunliche Zusammenhänge zwischen Zielen, Emotionen und persönlichem Wachstum: Viele Ziele können aufgrund von Schwierigkeiten nicht sofort verwirklicht werden. Das „Modul”, in dem Ziele daher gespeichert und deren spätere Umsetzung geplant wird, nennt man Intentions­ gedächtnis. Damit Handlungen nicht vorzeitig ausgeführt werden, unterdrückt der Organismus positive Emotionen. Um Einzelheiten, Details eines Problems zu identifizieren und zu kategorisieren, ist auf der anderen Seite ein Objekterkennungssystem nötig. Um die für die Kategorisierung unwichtigen Informationen auszublenden, erzeugt der Organismus dagegen negative Emotionen. Negative Emotionen führen in Experimenten dementsprechend immer wieder zur Fokussierung auf Details. Dieser Detailerkennungsprozess erzeugt so aber nur eine abstrakte Konzeption der Wirklichkeit. Positive Emotionen führen dagegen meist zu einer breiteren, integrativen Wahrnehmung (Frederickson, 2004). Die PSI postuliert, dass die beiden Prozesse des Planens und der Detailanalyse in der linken Hemisphäre des Gehirns stattfinden, die auch unser bewusstes Selbst-Konzept erzeugt. Tatsächlich gehen Motivationsforscher davon aus, dass Identität auch die höchste Hierarchiestufe unserer Ziele darstellt (Carver & Scheier, 1990). Zudem postuliert die PSI zwei weitere implizite (unbewusste) rechts-hemisphärische Prozesse, die Handlungsausführung (intuitive Verhaltensroutinen) und das holistisch, assoziative Extensions-Gedächtnis, das auch „Selbst-System“ (gebenüber dem links-seitigen bewussten „Selbst-Konzept”) bezeichnet wird. Um negative Erfahrungen mittels des hochkomplexen, assoziativen und parallel arbeitenden „Selbst“ zu integrieren, müssen negative Emotionen reduziert werden. Zur Zielumsetzung sollten daher positive Emotionen (zum Beispiel per Selbstmotivation) aufgebaut werden. Um also Ziele umzusetzen oder Probleme zu integrieren, muss die linke analytische, sequentiell arbeitende, in der Zeit agierende, bewusste Hemishäre mit der der rechten, assoziativen, zeitlosen und unbewussten Hemisphäre kommunizieren.

Bei Depressionen drehen sich beispielsweise Planung und Detailerkennung in einer Endlosschleife – Informationen der rechten, mit dem Körper besser integrierten Hirnhälfte werden nicht integriert, da negative Emotionen nicht reduziert werden können. Handlungen werden nicht mehr ausgeführt, da im Objekterkennungssystem ständig ein Problem analysiert wird, das nicht gelöst werden kann (Nolen-Hoeksema, 2000). Dies reduziert positive Emotionen. Die Person bleibt im Selbst-Konzept, also in Erwartungen und Zielen gefangen, die es nicht erfüllen kann. Durch chronischen Stress werden auch implizite, also eigene Ziele und Bedürfnisse, kaum bewusst werden, da nicht auf das Extensions-Gedächtnis zugegriffen werden kann. Bei einem dauerhaften schlechtem Zugang zum rechts-hemishphärischen Selbst-System wird Verhalten unflexibel, regressiv und von kognitiven Verzerrungen geprägt. Erzeugt die ständige Fixierung der Konsumgesellschaft auf Ziele, Planung und Details also eine dauerhafte Reduzierung von positiven und eine Erhöhung von negativen Emotionen und Gefühlen? Steht die permanente Beschäftigung mit multiplen Zielen, von denen viele nie erreicht werden können, in Zusammenhang mit dem Grübeln, dem ständigen „in Gedanken sein“ der Depression? Eine vielbeachtete Studie zeigt, dass Menschen, die in ihren täglichen Aktivitäten ständig in Gedanken sind, tatsächlich unglücklicher sind (Gilbert, 2010). Wie also kann eine ständige Zielfixierung unterbrochen werden? Die buddhistische Praxis der Achtsamkeitsmeditation basiert darauf, sich der permanent ablaufenden Ziel -und Handlungsplanung immer wieder bewusst zu werden (Williams, 2007) und sich dann wieder auf die im „Jetzt“ auftretenden Körpergefühle des Atmens zu konzentrieren. Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT) gilt als vielversprechender Ansatz in der Therapie von Depressionen (Lu, 2015). Werden Ziele erreicht, sind Menschen jedoch nicht automatisch zufriedener. Eine weitere interessante Deutung der geringen Zufriedenheit im mittleren Alter ist, dass erreichte Ziele sich oft als weniger befriedigend herausstellen als erwartet. Unzufriedenheit kann auch aus Enttäuschung darüber entstehen, dass große Ziele nicht erreicht worden sind. Im Alter werden Ziele womöglich kleiner, deshalb auch erreichbarer und führen vielleicht zu mehr Zufriedenheit als angenommen (Schwandt, 2014). Alte scheinen auch gelassener mit Enttäuschungen umzugehen (Brassen et al., 2012), stecken potentiell weniger Energie in Dauerplanung und sind daher potentiell auch häufiger fähig im „Jetzt“ zu le-

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ben. Könnten und sollten auch Schüler, Arbeiter und Chefs lernen, mehr im „Jetzt“ zu leben? Die Folgen von mehr Achtsamkeit (“Mindfulness”) im Arbeitsleben wären womöglich für alle Beteiligten sehr gesund (Glomb, 2011). Eine moderne Gesellschaft müsste sich also die Frage stellen, ob und wie authentische Firmen und „Karrieren“ funktionieren, ob dadurch die Erfahrung von „Jetzt“ und „Flow“ für viele ermöglicht werden kann und ob dies vielleicht zu einer neuen Art von „Wachstum“ bzw. Entwicklung führt. Die Vision eines Grundeinkommens würde für einen derartigen Ansatz insofern Potential besitzen, als dass es Individuen dazu ermächtigt, authentische, selbstbestimmte Karrieren zu wählen.

2. Wenn alles „nach Plan“ läuft: Normative Entwicklung im Alter Könnte die bereits existierende Grundsicherung für Alte – also die „Rente“ – eine Erklärung dafür sein, warum ältere Menschen in Studien so unerwartet lebensfroh erscheinen? Tatsächlich würde man bei tendenziell mehr chronischen Erkrankungen, dem Nachlassen der Sinne, dem Abbau kognitiver Fähigkeiten und dem Verlust von Rollen eine Zunahme negativer Emotionen erwarten. Warum also nehmen diese im Alter ab? Vielleicht, weil wir uns aus dem sozialen Stress, dem Hauen und Stechen des Erfolgs und dem Druck der Hierarchien (Sapolsky, 2004) verabschieden oder weil wir uns von unerfüllten eigenen oder zu vielen Fremdzielen verabschieden? Eine naheliegende Erklärung wäre, dass Menschen – besonders diejenigen mit chronisch negativen Lebenserfahrungen – einfach früher an Herz-Kreislauferkrankungen (US Department of Mental Health, 1999), Diabetes, Krebs etc. sterben (Vaillant, 2012). Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass sich im Alter tatsächlich die Erinnerung zugunsten positiver Erlebnisse verschiebt – möglicherweise, weil sich die Wahrnehmung mehr auf Positives bzw. weniger auf Negatives richtet (Carstensen et al., 2005). Im Sinne der postulierten Mechanismen der PSI könnte die positive Wahrnehmungs -“Verzerrung“ so wirken, dass sich im Alter die Identität zunehmend aus der Interaktion mit dem rechts-hemishpärischen „Selbst“ speist, statt aus dem planenden, anaylsierenden, leidenden und tendenziell machiavellischen Selbst-Konzept (McGilchrist, 2012) bzw. dem „Me“ von George Hubert Mead (1968).

Über die vermehrte Kommunikation mit der rechten Hirnhälfte – dem Social Brain (Heberlein et al., 2003) – könnten sich auch Ziele des Individuums verändern. Dies ist die Annahme der SST-Theorie (Social Selectivity Theory), einer der einflussreichsten motivationalen Life-Span-Theorien (Carstensen, 2006). Den Wandel der Perspektive im Alter erklärt die SST damit, dass sich im Bewusstsein der schwindenden Lebenszeit die Motivation im Hinblick auf die Präferenz von bedeutungsvollen, emotionalen Zielen verändert. Experimentell und empirisch bestätigt sich der Effekt tatsächlich auch bei jungen Menschen, denen weniger Lebenszeit verbleibt bzw. die signifikante Veränderungen erleben. Carstensen vermutet, dass sich junge Menschen zunächst vorwiegend für Informationen interessieren – insbesondere für negative Informationen, da sie gehaltvoller sind als positive Informationen. Im Alter, so die SST-Theorie, verschiebt sich die Motivation zu- nehmend in Richtung emotionaler Bedürfnisse. Andere Forschungen können dies teilweise bestätigen. Tatsächlich verändern sich sogar die lange Zeit als stabil angenommenen Persönlichkeitsfaktoren über die Lebensspanne (Specht et al., 2011). Vermutet wird ebenfalls eine durch unterschiedliche Anforderungen der Lebenphase entstandene veränderte Motivationslage. Alte sind, so zeigen Statistiken, weniger offen und extrovertiert, aber stattdessen verträglicher und gewissenhafter. Neurotizismus nimmt über die Lebensspanne hinweg ebenso ab und nimmt erst ganz zuletzt wieder zu. Vieles deutet darauf hin, dass wir im Alter (falls wir nicht traumatisiert werden), umgänglicher, positiver und einfühlsamer werden. Diese Veränderung bedeutet jedoch nicht, dass wir emotional „simpler“ werden. Im Gegenteil – Studien zeigen, dass die emotionale Komplexität im Alter zunimmt (Ready, 2012): Alte fühlen mehr unterschiedliche Emotionen in Situationen. Ein Ereignis erzeugt dann beispielsweise gleichzeitig positive als auch negative Emotionen, befähigt also dazu, „das Gute im Schlechten bzw. das Schlechte im Guten zu se- hen“ (c.f. Barrett et al., 2008). Auf der anderen Seite bewirkt mehr emotionale Komplexität auch, dass wir eine Situation nicht einfach als „gut“ oder „schlecht“ kategorisieren (wie beispielsweise Kinder), sondern dezidiert Gefühle als „Angst“ oder „Spannung“ oder „Erregung“ unterscheiden. Während sich Kognition anscheinend verschlechtert, werden Gefühle komplexer, jedoch nur wenn wir defensives Verhalten aufgeben. Entwickeln wir uns also über die Lebensspanne zunehmend vom „handelnden“ zum „fühlenden“ Menschen? Vermutet wird seit langem,

dass aufgrund des körperlichen und kognitiven Abbaus im Alter eine Art Spezialisierung stattfindet (Baltes, 1987). Könnte dann diese Entwicklung hin zu einem emotional bedeutungsvollem Leben eine besondere Art der Spezialisierung sein – eine Spezialisierung auf Glück durch „Sein“ und Beziehungen? Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman (2012) unterscheidet unterschiedliche Faktoren als Quelle von Zufriedenheit und Wohlbefinden. Er vermutet, dass Zufriedenheit mit dem Leben (“Life satisfaction”) eher mit externen Zielen und Erwartungen zu tun hat, während subjektives Wohlbefinden (“Experiential well being”) mehr mit Gefühlen im Moment zu tun hat. Eine basale Unterscheidungsmöglichkeit menschlichen Denkens und Verhaltens sind die Dimensionen „Agency & Communion”. „Agency“ beschreibt dabei eine Bezogenheit auf Handlung/Aktion, Fähigkeiten, Kompetenz und die Durchsetzung eigener Ziele. Menschen mit „Communion”- Orientierung sind dagegen eher auf Gemeinschaft und soziale Beziehungen ausgerichtet. Diese Pole bestimmen die soziale Kognition (wie also soziale Faktoren, also andere unser Denken beeinflussen) und nehmen daher einen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung und Gruppenwahrnehmung (Abele, 2010). In einer Studie von Diehl et al. (2004) mit Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 88 Jahren wird deutlich dass besonders Ältere ihre Identität eher mit auf die Gemeinschaft bezogenen Attributen beschreiben während jungen Erwachsene sich vor allem als aktions -und kompetenzbezogen darstellen. Alte Menschen tendieren auch zunehmend dazu ihre Erwartungen zu reduzieren. Eine Studie von Ryff (1991) untersuchte Erwartungen im Bezug auf die oben genannten Aspekte menschlichen Wachstums und Wohlbefindens. Während jüngere Erwachsene diesbezüglich Verbesserungen erwarteten hegen passen Ältere Ihre Idealvorstellungen (“Possible Selves”) stärker an die tatsächliche Realität an. Verluste werden ausgeglichen indem bestimmte Fähigkeiten als weniger, andere dafür als mehr „diagnostisch“ für das Selbst gesehen werden (Grewe und Wentura 2003, 2010). „Belügen“ sich Ältere Menschen also einfach besser als jüngere? Nein, im Alter wird potentiell klar das Fähigkeiten und Wissen nicht „besessen“ werden können sondern dass sie unweigerlich verloren gehen. Verringerte kognitive Fähigkeiten, eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten und Sinneswahrnehmung und zuletzt die Möglichkeit an Alzheimer zu erkranken erinnern daran das „Haben“ und „Besitz“ endlich sind. Zwar sind auch Beziehungen endlich aber sie existieren Jetzt


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

und erscheinen vielleicht plötzlich wichtiger als alles andere. Altern, so legen die Forschungen nahe, „wirkt“ überraschenderweise gerade aufgrund eines Verlusts von Lebenszeit, Fähigkeiten und Möglichkeiten. Durch eine neue Perspektive, in der weniger versucht wird, die Umwelt zu kontrollieren als eigene Emotionen zu „regeln”, werden weniger negative Gefühle und damit möglicherweise dauerhaft eine stabilere Identität erlebt, die weder in Status noch Fähigkeiten verankert ist. Alter könnte Gelassenheit bedeuten, nicht handeln zu müssen und daher mehr im „Jetzt“ zu verweilen. Diese Entwicklung verläuft jedoch sicherlich nicht ohne eigenes Zutun (Jeste, c.f. Rauch 2014). Die oft schweren Verluste und zunehmend negativen Perspektiven des Alterns anzunehmen und zu bewältigen ist keinesfalls leicht. Doch wenn Altern gelingt, wenn Richtung und tieferer Sinn des Alterns bewusst werden, beginnt es, sich vielleicht auch von kulturellen Vorgaben oder Ideologien (materialistischer und kollektivistischer Art) zu verabschieden und sich auf selbsgewählte, fundamentale ethische Prinzipien der zwischenmenschlichen Beziehung zu berufen (Kohlberg, 1996). Ausblick Die Geschichte des Alterns ist also eine Geschichte von Beziehungen. Eudämonische Theorien des Glücks verweisen seit sehr langer Zeit auf die Bedeutung menschlicher Beziehungen für ein erfülltes Leben (Ryan & Deci, 2001). Im Verlauf des Lebens wird dieser Gedanke zunehmend ernsthaft verfolgt. Emotionale Verarbeitung wird im Alter ebenfalls wichtiger und gelingt möglicherweise auch authentischer. Diese Entwicklung verläuft nur dann optimal, wenn ein zunächst von Gefühlen des Mangels geprägtes Selbst-Konzept im Verlauf des Älterwerdens zunehmend der Wertschätzung von positiven Gefühlen, Beziehungen und vielleicht des Lebens insgesamt weicht. Dies kann vielleicht das oben angesprochene menschliche Dilemma zwischen dem Bedürfnis nach Autonomie einerseits und dem Wunsch nach Verbundenheit auf der anderen Seite versöhnen. Die bereits von Erikson (1973) postulierte Veränderung des „Ich“ ist eine Idealvorstellung gelingenden Alterns und vielleicht auch ein Modell für spirituelles Wachstum insgesamt. Die Werte des Kapitalismus begünstigen jedoch eine ganz andere Entwicklung. In der Fixierung auf die ökonomische Effizienz verzerrt sich der Kern der Existenz. Das gegenwärtige System basiert auf Angst, Isolation und Mangel. Dem Drang nach „Haben“ liegt ein limitiertes und isolierendes Selbst-Konzept zu Grunde, dessen destruktive Auswirkungen nicht mehr

verdrängt werden können. Das „Sein“ in Beziehungen muss wieder Zweck des „Unternehmens Mensch“ werden. Welchen Zweck sollte es sonst haben?

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Ökonomie Piketty (2015), „Das Kapital im 21. Jahrhundert”, C.H.Beck


G E M E I N S A M H A N D E L N I N D E R W E LT Wie können wir im globalen Zusammenhang und mit Blick auf die Zukunft denken und handeln? Eine Veranstal tung von und für Menschen, die sich als Teil dieser Wel t verstehen und dieses Verständnis in ihr Leben integrieren.

HOR I Z ONTE IMPULSE

Regina Andrea Mukam a (Mama Regina): Fass dir ein Herz Prof. Frank Adloff: Wie wollen wir zusammenleben? Konvivialistische Perspektiven Dipl. Ing. Matthias Barbian: Die Verschmelzung von Kunst und Technik BETEILIGTE KÜNSTLER Barbara Engelhard t • Zoy Winterstein und Zil • Barbara Kastura

20.10.2015 Z- B A U

F R A N K E N S T R A S S E 20 0

90 4 6 1 N Ü R N B E R G

Eintritt frei. Anmeldung erbeten unter horizonte2050.weebly.com

Eine gemeinsame Veranstaltung von »Partner für die Eine Welt - die Hilfswerke der katholischen Kirche« und Zentrifuge e.V.

Gestaltung: ninametz.de

1 8:0 0 - 22:15 U H R


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Mythomanien Marcela Salas

Eine Idee zu haben ist ein außergewöhnliches Ereignis. Als Malerin erzähle ich Geschichten durch Farben, Striche oder Flächen. Eine Idee in der Malerei ist Teil eines malerisches Prozesses, sie hat sozusagen einen eigenen Inhalt, der von der Ausdrucksform vorgeprägt ist. Diesen Prozess durchlaufe ich meistens einsam, individuell. Ich spreche hier für mein eigenes Schaffen. In manchen meiner Arbeiten sind die Farben zunehmend autonom gegenüber der Form. In anderen Arbeiten stelle ich den Gegenstand in in den Vordergrund. Meine Arbeit oszilliert somit zwischen zwei Haltungen und Sichtweisen: Das Rationale und das Subjektive als Ausdruck einer ganz persönlichen Position gegenüber den Dingen und der Welt. Ausgehend davon ist die Zentrifuge ein Ort, an dem ich ähnliche Erfahrungen habe. In der und mit der Zentrifuge erlebe ich einen Zeit-Raum der Potenzialität, der das Generieren von Ideen mit unterschiedlichen Menschen und Bereichen aber nicht durch eine bestimmte Disziplin vorherbestimmt, sondern durch die Interaktion eines kollektiven „Denkens“ fusioniert oder kombiniert. Deswegen ist es für mich eine Bereicherung, bei „Forschende Kunst“ und in der Zentrifuge mitwirken zu können. Das erweitert meine Wahrnehmung. Ich entdecke neue Aspekte an mir und an anderen, was wiederum meine künstlerische Arbeit anregt und bereichert.

1–3 „Mythomanie“ Serie, Tusche , 63x44 cm ,2012 4–6 „Mythomanie“ Serie Aquarell, 48x35 cm, 2006


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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Teilnehmende und Autoren Jörg H. Bauer

Günther Heil

Barbara Kastura

MSc (Occupational Psychology, University of London). Psychologe, Designer und Marktforscher. Beschäftigt sich neben Themen wie Emotionsregulation im Arbeitsleben mit der Life-Span-Forschung: • Interdisziplinärer Austausch zum Thema „Alter/Altern“ • Entwicklung neuer Projekte und Anwendungen zum Thema „Alter/Altern“ • G esellschaftliche Impulse (Ideen-/Projektentwicklung)

Diplom-Pflegewirt und Gerontologe, Leitung und Dozent am Seminar für Fortund Weiterbildung der Gemeinnützigen Gesellschaft für Soziales Dienst in Nürnberg. Berufliches und privates Engagement in der Entwicklung neuer Wohn- und Versorgungsformen für alte und pflegebedürftige Menschen. www.ggsd.de

Avantgarde Künstlerin und Vokalistin im interdisziplinären Feld zwischen Gesang, Sprache, Bewegung und Bildender Kunst; Kunststudium an der Kunstschule Zürich; Mitbegründerin der Weiss Kunstbewegung Berlin; 2000-2006 Dozentin für experimentellen Gesang, Stimmbildung und Sprecherziehung an der Hochschule für Musik Nürnberg; zahlreiche Projekte, musikalisch-szenische Produktionen, Performances, Aufführungen, Konzerte und malerische Kompositionen in Deutschland und Österreich mit unterschiedlichen Bands und Ensembles. www.kastura.weebly.com

Die Teilnehmer-Runde am zweiten Tag des Workshops „Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns am 25. April 2015


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Jörg Knapp

Marcela Salas

Kati Stöppler

Eingeboren, dialektarm, mehrsprachig, bekannt als @joerg_ unterwegs, @Gosternhoffr Günstling, aktiver Kulturvernetzer und passiver Kunstgenießer, subversiver Gelegenheitsblogger und -intellektueller. Bereit zu PolitAktionen, wenn sie Kunst sein könnten. WiderRede statt Jammerecke (Doppelbühne bei den Gostenhofer Atelier- und Werkstatttagen 2015). Der „Engel auf zwei Rädern“ (Pfarrer Heiner Weniger) ist schwer zu fassen, schon weil er selten lange an einem Ort bleibt, dafür deren viele täglich aufsucht. Dabei spürt er nicht nur Fundstücke auf, die einer besseren Verwendung zugeführt werden, sondern fährt der Avantgarde stets einen Reifendiameter voraus. Vom (Berufs)Jugendlichen direkt in die Midlife Crisis. Bereitet sich aufs Altenteil vor. Findet Frauen Freunde. www.kulturhallenuernberg.ning. com/profile/joerg_knapp

Kunststudium an der Nationaluniversität in Bogotá. Arbeiten im öffentlichen Raum. Mit 23 verließ sie ihre Heimat und ging nach Deutschland. Seitdem lebt sie als Pendlerin zwischen den Kulturen. Neben ihrer Arbeit als Malerin war sie an künstlerischen Projekten in Asien und Afrika beteiligt. Zwischenzeitlich hatte sie einige Lehraufträge in ihrer Heimat. In Kunstaktionen und in ihrer Malerei thematisiert sie ihre Situation als Randfigur und beobachtende Außenseiterin. Für einige Zeit studierte sie Kunst und Öffentlicher Raum an der Nürnberger Kunstakademie sowie Kunstvermittlung an der Universität Regensburg. Zur Zeit lebt und arbeitet sie in Nürnberg. www.cromologias.blogspot.de

Gesundheits- und Krankenschwester und Diplom Psychologin, Kursleitung und Dozentin von Weiterbildungskursen bei der Gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Dienste in Nürnberg. www.ggsd.de

Josef Lachner Freundlich gestimmter freudiger Teilnehmer an der Schwelle zwischen Jugend und Alter. Als telefonischer Seelsorger für verunsicherte Geldhaber.innen auf Ausgleich bedacht. Familie gibt ihm Halt, Kinder innere Kraft, Freunde expressiven Esprit. Aktiv alternd radelt er fruchtvoll getrieben gegen den Burgberg an.

Otmar Potjans Diplom-Ingenieur und ehemal. Werksleiter in der Industrie mit Führungsverantwortung für 160 Mitarbeiter. Nach einer Trainerausbildung machte er sich 1999 als Unternehmensberater selbstständig. Potjans unterstützt Großunternehmen dabei, systemische Strukturen zu verändern und ein neues Bewusstsein zu schaffen. www.o-potjans.de

Michael Schels Diplom-Germanist/ Journalist Univ., Kulturprojektemacher, Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Konzeption, Kommunikation, Koordination, Text und Organisation für Künstler, Kulturprojekte, Kultureinrichtungen und Unternehmen. Interessensschwerpunkte: Künstlerische Phänomene im gesellschaftlichen Kontext, Transformationsprozesse, Philosophie, Netzwerke. www.kulturbuero-schels.de

Robert Schlund Diplom-Kommunika­ tions­designer FH (Printdesign – Webdesign – Fotodesign). Beratung in Designfragen, Umsetzung in den Bereichen Konzept, Gestaltung und Herstellung. Künstlerisches Wirken: Zeichnung, Musik-Produktion und -Impro­v i­sa­t ion, Sounddesign, Illustration, Foto-Manipulation, Performance. www.schlund-design.de www.fotografie4u.de

Uwe Weber Schauspieler, Regisseur, Musiker und Komponist. In den 80er Jahren bei der multimedialen Avantgardegruppe Hautwexel. In den 90er experimenteller Jazz und AvantgardePop. Seit 1992 Schauspieler, Komponist und Orga/Managment beim Theater thevo, später (bei thevo): musikalische- und künstlerische Leitung, Stückentwicklung, Regie, Theaterworkshops, Konzeptionen. Auftritte deutschlandweit und international. www.uweber-home.de

Gastbeitragende: Prof. Frank Adloff Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Forscht unter anderem zu Zivilgesellschaft, Affektivität, Gabe und Konvivialität. www.soziologie.phil.uni-erlangen. de/team/adloff

Larissa Pfaller Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Frau Pfaller hat zum Thema Anti-Aging promoviert. Forschungsschwerpunkte: Alters- und Kultursoziologie, qualitative Methoden. www.soziologie.phil.uni-erlangen. de/team/pfaller

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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Anhang Text: Michael Schels Fotos: Robert Schlund, aus den Workshops

Protokolle der Workshops zu Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns Tag 1 Sa 11. April 2015, 10:00 – 17:15 Uhr Teilnehmer: Jörg H. Bauer (fachlicher Impuls) Barbara Kastura Jörg Knapp Otmar Potjans (Moderation) Angela von Randow Marcela Salas Michael Schels Robert Schlund Kati Stoeppler Uwe Weber (künstlerische Begleitung) Der erste Tag diente der Annäherung an das Thema „Perspektiven des Alterns“: Was verbinden wir mit „Altern“, was bedeutet dies für uns? Welche Perspektiven eröffnen sich im Austausch über unsere Erfahrungen, unser Wissen, unsere Hoffnungen und Ängste bezüglich „Altern“? Den Einstieg machte Moderator Otmar Potjans mit der Fragestellung: Meine erste persönliche Begegnung mit „Altern“. Dann folgte ein Impulsvortrag von Jörg H. Bauer zu neuesten Kenntnissen aus der Life Span Forschung, der dann ausführlich diskutiert wurde. Am Nachmittag führte Uwe Weber in die Theaterarbeit ein – von ersten Lockerungsund Kommunikationsübungen bis hin zu Vorstellungs- und Darstellungsübungen und dem Hervorlocken schauspielerischer Momente.

Erste persönliche Begegnungen mit „Altern“ In Zweier- und Gruppenarbeit tauschten wir uns aus über erste persönliche Erfahrungen mit „Altern“ Diese Gespräche wurden dann im Podium zusammen gefasst und diskutiert. Das Spektrum der ersten Begegnung mit „Altern“ reichte von Reifungs-Erlebnissen im Übergang von der Kindheit zur Jugend und der Erfahrung von Omnipotenz mit all ihren Illusionen über die erste Erfahrung der Einschränkung von Bewegungsspielräumen bis hin zu Gefühlen gesellschaftlichen Ausgeschlossenseins und der Erörterung von Generationenunterschieden sowie zu von „Alter“ unberührter Unbekümmertheit.

Impuls Der Vortrag von Jörg H. Bauer zeigte aktuelle, wissenschaftlich gestützte Thesen auf, die ein Zusammenspiel psychischer und physischer Fähigkeiten nahe legen,

was wiederum relevant ist für einen neuen Blick auf den Alterungsprozess und die damit verbundene Lebenserwartung. Intuitive Einschätzungen werden durch aktuelle Studien gestützt: Ein gesundes, gelingendes Altern wird durch Haltungen und Lebensformen gefördert, die Ego-getriebene Lebensweisen hinter sich lassen und sich stärker in soziale Zusammenhänge einfügen. Auch ändern sich die Sichtweisen auf das Leben im Laufe des Alters: Krisen werden als Chancen erkannt und die Bewertung des Lebens erfährt ab der Mitte des Lebens tiefergehende Betrachtungen verbunden mit einem reifenden Bewusstsein für die Qualitäten des (eigenen) Lebens. Ein gelingendes „Altern“ akzeptiert das Gegebene, übt sich in Gelassenheit und Humor und und würdigt das Leben in seiner umfassenden Gegenwart. Wertschätzung und Dankbarkeit selbst für kleine schöne Momente transzendieren und öffnen den eng fokussierten Erwartungshorizont der Leistungsgesellschaft hin zu einer freieren, von Konventionen befreiten Sicht auf das Leben, die vom diesem nicht mehr erwartet, als sie sich auf angemessene Weise und in aller Bescheidenheit wünschen kann. Das Alter ermöglicht den Zugang zu einem freieren, der unmittelbaren Wahrnehmung und der Sinn-Erfahrung zugewandten Lebenspraxis, die – im Falle des gelungenen Alterns – auch für junge Menschen vorbildlich sein kann. Die Sicht- und Lebensweise, die man im Alterungsprozess gewinnen bzw. sich erarbeiten kann, weist auch Wege in eine alternative Gesellschaft,

die Brücken zwischen den Generationen schlägt und einen Einklang mit sich und der Mitwelt herzustellen vermag. Dazu gehören das gemeinschaftliche Aufeinanderbezogen-Sein oder die selbstbestimmte und mit Erfahrungen angereicherte Hingabe an das Wertvolle im Leben ebenso wie die Fähigkeit, Gesprächen von Tieren und Bäumen zu lauschen und die „Sprache“ der Welt hinter der „Sprache“ des Menschen verstehen und schätzen zu lernen.

Rollenspiele Uwe Weber ließ uns am eigenen Leib erfahren, wie Theaterarbeit genutzt werden kann, um im Spiel mit Gesten, Lauten, Rollen und Vorstellungen eine neue, gelebte Sicht auf das „Altern“ zu ermöglichen. Nachdem wir uns ein wenig in Lautgebung, gestischen Zuwendungen und theatralischen Haltungen eingeübt haben, erarbeiteten wir Rollen, wie wir unsere Zukunft in 20 Jahren sehen. Wir ließen unserer Vorstellungskraft freien Lauf, die uns zeigte, welche Potenziale, Wünsche, Hoffnungen, aber auch Ängste in uns im Blick auf die Zukunft stecken. Dann versetzten wir uns in die von uns geschaffenen Rollen und erlebten dabei, dass trotz oder vielleicht gerade wegen unserer absehbaren Gebrechen und körperlichen Einschränkungen ein ganz besonderer Humor aufscheint. In Rollenspielen begegneten wir uns mit Witz und Spontaneität, aber auch mit einem melancholischen, jedoch nicht bitteren Beigeschmack der Aussicht auf ein Altern in Würde und Schönheit inmitten des Lebens,


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zu dem eben auch Krankheit, Vergessen und Tod gehören.

Abschließende Betrachtungen Im den ersten Tag abschließenden Gespräch hielten wir fest, dass Altern Weltgestaltung bedeutet. Die Qualitäten unseres Daseins fordern uns heraus und bieten die Chance, den Alterungsprozess und mit diesem das Leben schlechthin in seiner ganzen Güte auszuschöpfen. Das tapfere Aushalten von wie auch immer gearteten Alterserscheinungen und der humorvolle Umgang mit altersbedingten Gebrechen erschienen uns als ein freundlicher, wenn auch eher dem Pragmatismus und dem Unausweichlichen geschuldeter Ausblick. Darüber hinaus gelangten wir zu der Erkenntnis, dass das Altern weltbildend sein kann. Wir können Nischen der Demut schaffen, Freude und Dankbarkeit in Gemeinschaft erleben und vielleicht sogar unser Lebensglück in selbst geschaffenen Räumen und Verhältnissen finden, die bis in den Tod unserer ganzen Potenzialität gerecht werden.

Ergänzung Jörg H. Bauer: Was ich noch sehe, ist das Potential ab 50 zur Abkehr vom sozialem „Wettbewerb“ hinein in die Kooperation. Statt großer allgemein begehrter Ziele (Karriere, Geld, Status), um die ja oft mit anderen gekämpft werden muss, sind es die vielen kleinen unerwarteten „Geschenke“, die jetzt bemerkt werden könnten. Ein Potential des Alterns liegt also auch in der Dankbarkeit für das Erhaltene statt in der Angst vor Verlust des Erwartetem. Liegt der Fokus nämlich auf der Zielerreichung des Erwarteten, bemerkt die narrative Instanz (autobiografisches Ich) die vielen kleinen Facetten nämlich gar nicht und bewertet die Realität schlicht unvollständig. Nur das „Experiental Self“ (das erfahrende Ich) bemerkt den tatsächlichen status quo. Gelingendes Altern setzt also auch einen neuen Fokus – von permanent evaluierenden und abwechselnd gekränkten oder narzisstischen Ego Perspektive (Identität) zum Sein.

Tag 2 Sa 25. April 2015 10:00 – 17:15 Uhr Teilnehmer: Jörg H. Bauer (fachlicher Impuls) Günther Heil Barbara Kastura Jörg Knapp Josef Lachner Otmar Potjans Angela von Randow (fachlicher Impuls) Michael Schels (Moderation) Robert Schlund Uwe Weber (künstlerische Begleitung) Zu Beginn des zweiten Tags gab Michael Schels eine kurze Einführung in den ästhetischen Prozess. Diese von der Zentrifuge im Rahmen von Forschende Kunst entwickelte Methode schafft Freiraum für einen

offenen Austausch, bei dem die Teilnehmer gemeinsam und aus sich heraus am Fortgang des Geschehens teilhaben und diesen in Form und Inhalt mit gestalten. Ziellosigkeit, Sensibilisierung der Wahrnehmung und künstlerische Arbeit sind wesentliche Bestandteile dieses Prozesses. Nach einem kurzen Überblick über den Tagesablauf stiegen wir mit einer Rückbesinnung auf den vorangegangenen Workshoptag ein. Die Teilnehmer wurden gebeten, ihre Erin­nerungen an diesen Tag wach zu rufen – zur Unterstützung hingen nochmals die Charts vom ersten Tag aus. Die neu hinzu gekommenen Teilnehmer sollten versu­chen, aus diesen Notizen die Inhalte zu rekonstruieren, auch wenn sie am ersten Tag nicht dabei waren. Nachdem wir die bislang erarbeiteten Inhalte vergegenwärtigt hatten, brachte Jörg H. Bauer wieder einen fachlichen Impuls zur Lebensspannen-Forschung ein – diesmal mit dem Fokus auf „Altern und Erinnerung“. Die verbleibende Zeit bis zur Mittagspause gestaltete Uwe Weber mit Übungen aus der Theaterarbeit. Nach der Mittagspause referierte Angela von Randow einen Vortrag zum Thema „gelingendes Altern“, den sie im Rahmen eines Seminars bei der Psychogerontolo­g in Prof. Dr. Sabine Engel gehört hatte. Die Vortrags-Charts wurden ihr freundlicher­weise von Prof. Engel zur Verfügung gestellt. Am Nachmittag setzte Uwe Weber seine Theaterarbeit fort – erneut kamen Elemente u.a. des Statuentheaters nach Augusto Boal sowie Wahrnehmungsübungen nach Lee Straßberg (the method) zum Einsatz, die vor allem dazu dienten, unsere Vorstel­ lungskraft und unser Erinnerungsvermögen zu schulen. Abschließend besannen wir uns darauf und tauschten uns darüber aus, was wir an diesem Tag entdeckt haben und was uns (dabei) bewegt (hat).

Ebene wurde aus professioneller Sicht eines Teilnehmers vermisst. Auch ist bislang unbeantwortet, wie politische oder wirtschaftliche Systeme mit dem Altern umgehen bzw. wie sich Altern in und zwischen diesen Systemen darstellt bzw. ereignet. • Eine große Herausforderung ist das mentale Meistern des Alterns: Wie kann ich an­gesichts des Alterns „Mensch“ sein, bleiben oder gar erst werden – wie kann ich zu mir kommen? • Das persönliche Einfühlen in unser kommendes Alter bei der Theaterarbeit wurde als besonders einprägsam empfunden. • Der Begriff „indirekte Fruchtbarkeit“ verankerte sich ebenfalls stark im Gedächtnis – gemeint ist damit eine gesteigerte (Über-)Lebensfähigkeit in generationenübergreifenden Gemeinschaften. • Als zentrale Erkenntnis der Lebensspannenforschung erinnerten wir uns an das schon fast magisch zu nennende Alter um die 50 – hier ereignet sich sehr viel, was die Erfahrung des Alterns unausweichlich macht („ultimatives Altern“ um die 50). • Auch der Zusammenhang von Altern und Beziehungen wurde stark erinnert – gera­de in Bezug auf die positiven Effekte von Beziehungen auf die Gesundheit (Psy­choimmunologie), woraus folgt, dass im Alter Netzwerke und Freundschaften be­w usst gepflegt werden sollten.

Rekonstruktion des ersten Tages Die Teilnehmer hatten zwischenzeitlich die Dokumentation des ersten Workshoptages er­halten, waren somit darüber im Bilde, was wir an diesem Tag erlebt und erarbeitet hatten. Dennoch war es uns wichtig, zu Beginn des zweiten Workshoptages noch einmal gemein­sam das Wesentliche des ersten Tages zusammen zu fassen. Folgende Punkte wurden dabei ins Gedächtnis gerufen und erfuhren zum Teil eine Neubewertung: • Der erste Tag spiegelte insgesamt unsere individuellen und sozialen Ängste in Be­zug auf das Altern sowie unsere Wünsche für ein gelingendes Altern wider. • Wir stellten schwindende, aber auch positive Chancen beim Altern fest. • Altern bedeutet auch ein Zugewinn an Erfahrungen. • Altern wird in Verbindung gebracht mit mehr Qualität als Quantität bei Sozial­ kontakten, auch das Thema Fitness und Alterssicherung sind im Alter relevant. • Bislang bewegten wir uns eher auf der psychosozialen, persönlichen „Fall“-Ebene – die gesellschaftliche bzw. soziale

Die Frage, welches Bild wir uns vom Alter machen und inwieweit wir – medial ver­ mittelt – falsche Bilder vom Alter haben, war ebenfalls ein wichtiger Aspekt des ers­ten Workshoptages. Wir sollten lernen, unsere Konditionierungen und Vorstellun­ gen über das Alter aufzubrechen und neue Perspektiven zu entwickeln. Damit verbunden ist die Feststellung, dass individuelle Bilder vom und über das Al­ter oft erheblich abweichen von kollektiven, medial, politisch etc. vermittelten Bil­dern und Begriffen. Der Begriff „Gnadenhof“ wurde erneut ins Spiel gebracht – als Beispiel für die Idee eines gelingenden, generationenübergreifenden, gemeinsamen und solidarischen Alterns. Der körperliche und geistige Alterungsprozess nimmt mit 65 Jahren deutlich zu bzw. wird ab diesem Alter evident. Als wir uns bei der Theaterarbeit unser Leben in etwa 20 Jahre vorstellten, machten wir uns gefühlt älter als wir es dann wohl sein würden. War hier eine unterschwelli­ ge Selbstbeschränkung im Spiel?

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Die Selbstwahrnehmung differiert erheblich von der Fremdwahrnehmung – ältere Menschen schätzen sich i.d.R. ca. 15 Jahre jünger ein als sie von ihrer Umwelt ein­ geschätzt werden. Auch trotz oder gerade wegen des nahenden Todes kann man im Alter Lebensmut ausstrahlen und vermitteln. Keine Angst vor dem Sterben zu haben, kann als Vor­bild dienen. Im Konflikt dazu wird die moderne Medizin angesehen, die um jeden Preis lebensverlängernd wirken will und sei dies ohne Zustimmung der Betroffenen und damit gezwungenermaßen. Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit dem Tod empfahl Uwe Weber das Museum Sepulkralkultur in Kassel und einen Blick auf die heilige indische Stadt Varanasi. Angesichts des Alterns stellt sich verstärkt die Frage, was es bedeutet (gemeinsam) zu leben und zu sterben. Die Ehrfurcht vor dem Leben wird spürbar – das Leben will intensiv gelebt werden. Zugleich wurde der Wunsch deutlich, sich im Alter zu­nehmend differenziert mit ausgewählten Themen oder Lebensaspekten zu befas­sen und sich diesen zu widmen. Die Ruhe, die man im Alter gewinnt, bietet hier vie­le Chancen.

Altern und Erinnerung – Impuls Jörg H. Bauer In seinem Vortrag fokussierte Jörg H. Bauer diesmal auf den Zusammenhang von Altern und Erinnerung und stützte sich dabei auf eine bevölkerungsrepräsentative schwedische Lang­zeitstudie (Ronnlund, M. et al., 2005) Stability, growth and decline in adult life span deve­lopment of declarative memory: cross-sectional and longitudinal data from a population-based study. Psychol. Aging 20, 3–18). Zuerst gab Jörg H. Bauer einige Hinweise, wie unser Gedächtnis funktioniert und unterschied beim Langzeitgedächtnis zwischen deklarativem und impliziten Gedächtnis, wobei das de­k larative Gedächtnis bewusst ist und semantisches, episodische und autobiografische In­halte umfasst. Das implizite Gedächtnis hingegen ist unbewusst und steht für Aspekte wie Konditionierung und Priming („Bahnung“). Das implizite Gedächtnis wird auch prozessua­les Gedächtnis genannt. Das Kurzzeitgedächtnis fungiert demgegenüber als Arbeitsge­ dächtnis („Working Memory“). Sowohl das Kurz – als auch das Langzeitgedächtnis neh­men im Alter ab. Allerdings nimmt das deklarative Gedächtnis im Alter stärker ab als das implizite. Jörg H. Bauer wies im Anschluss darauf hin, dass Fakten länger erhalten bleiben als episodi­sche Erinnerungen: Die episodische

Erinnerung nimmt im Schnitt schneller ab (ab 60–65) als die Erinnerung an Fakten (ab 70). Es gibt dabei jedoch individuelle Unterschiede: 10% der Probanden zeigen in einer schwedischen Langzeit-Studie (Nilsson, L.G. et al., 1997, The Betula prospective cohort study:Memory, health and aging. Aging Neuropsychol. Cogn. 4, 1–322012) kaum nachlassende kognitive Fähigkeiten. Wichtig ist in diesem Zu­sammenhang die Erkenntnis, dass Life-Style und Gene den Verlust verlangsamen kön­nen. In Bezug auf die Erinnerungsfähigkeit ist somit wichtiger, was aktuell getan wird als das, was früher (für eine Verbesserung des Gedächtnisses) getan wurde. Demenz ist hier­von allerdings ausgeschlossen – diese kann bei gegenwärtigem Stand der Wissenschaft und Medizin durch Therapie kaum revidiert, sondern nur stabilisiert bzw. verlangsamt werden. Im weiteren führte Jörg H. Bauer aus, wie wichtig autobiografische Erinnerungen für die Iden­t itätsbildung sind. Diese entsprechen einem selbstreferentiellen Gedächtnis, das persönli­che Erfahrungen verarbeitet und sind bedeutsam für die Bildung kurz- und langfristiger Ziele. Sie wirken sich damit auf die Identität und die Überzeugungen eines Menschen aus. Das autobiografische Gedächtnis (was passiert mir) ist typisch menschlich und geht weit über das bei allen höhere Lebewesen angelegte


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episodische Gedächtnis (was ist passiert) hinaus. Es beeinflusst das gegenwärtige und zukünftige Verhalten und wirkt sich auch auf soziale und emotionale Funktionen aus – es hat Auswirkungen auf das Selbstverständnis ebenso wie Beziehungen und die Selbstregulation. Jörg H. Bauer betonte dabei auch, dass autobiografische Erinnerungen über die Lebens­spanne sehr unterschiedlich verteilt sind. So gibt es eine „kindliche Amnesie“ – an die ers­ten Lebensjahre können wir uns so gut wie gar nicht erinnern. Gründe hierfür sind u.a. die in der Kindheit noch geringe Entwicklung des Hippocampus oder die noch nicht entwickel­te Sprache. In der Adoleszenz-Phase kommt es dann zu einem „reminiscence bump“ – an diese Zeit können wir uns in der Regel sehr gut erinnern. Von der Jugend bis ins höhere Alter werden zudem noch nicht lange zurück liegende Erlebnisse naturgemäß gut erinnert – dies nennt man den „Recency Effect“. Ab 60-65 Jahren nimmt dann das Erinnerungsver­mögen kontinuierlich ab (Alters-Effekt). Da am ersten Workshoptag die Frage auftauchte, ob die Vorstellungskraft im Alter nach­lässt, hat Jörg H. Bauer dazu einen eigenen Punkt in seinen Vortrag eingebaut. Nach einer Studie von Schachter (2008) lässt die Vorstellungskraft im Alter nach – dies hat aber nichts mit nachlassender Sprachfähigkeit zu tun. Allerdings überwiegt das Faktenwissen in Vorstellungen von Älteren gegenüber Jüngeren. Daraus lässt sich die Hypothese ableiten, dass Autobiografie für die Gestaltung der Zukunft relevant ist: Episodische Erinnerungen haben eine auf die Zukunft gerichtete Funktion, so dass bei besserer episodischer Erinnerung besser geplant werden kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Jörg H. Bauers Vortrag war der Verweis auf die Entwicklung des autobiografischen Selbst im Zusammenhang mit der Gesellschaft: Es kann kein „Ich“ ohne „die Anderen“ geben. Dabei hat die Sprache eine wesentliche Funktion. Sie hilft, Narrative mit anderen zu teilen. Deren unterschiedliche oder gleiche Perspektiven auf Si­t uationen, Erlebnisse und das Selbst (“Du hast...“, „Du warst...“, „Du bist...“) kreieren ein nuanciertes Bild des Selbst (Reflektion). Nach dieser Sichtweise ist ein differenziertes Selbst ohne „die Anderen“ kaum möglich. Das autobiografische Selbst ist somit auch be­sonders von kulturellen Normen – also was für eine Kultur akzeptabel oder wünschenswert ist (z.B. Moral) – geprägt. Ein Hinweis auf Victor von Aveyron (* um 1788; † 1828 in Paris) machte diese These plausibel: Der „Wilde von Aveyron“ war ein in Frankreich entdecktes sogenanntes Wolfskind. Nach Meinung von Kognitionswissenschaftlern hatte er kein „Me“ (autobiografisches Selbst), sondern nur ein „I“ (Experiental Self). Jörg H. Bauer betonte, dass bei der Entwicklung des autobiografischen Selbst die Rolle der Mutter sehr wichtig sei, da sie das autobiografische Selbst (“Me”)“ stabilisiere: Wenn Müt­ter mit Kleinkindern detailliert kommunizieren und z.B. mit offenen Fragen Erinnerungen wachrufen,

dann können sich diese Kinder später auch besser an ihre frühe Kindheit erin­nern, was letztlich identitätsbildend wirke. Zu beachten sei dabei allerdings, dass sich das autobiografische Ich in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich entwickelt (je nach Wichtigkeit von „Ego“ oder „sozialer Gemeinschaft“). Ein weiterer wichtiger Punkt bei diesem Vortrag war der Verweis auf den Zusammenhang von Bindung und Erinnerung: Studien zeigen, dass die Erinnerung mit der Bindungsfähig­keit und dem Bindungstyp der eigenen Kinder korreliert. Bei diesen Studien wurde die Bin­ dungsfähigkeit bei Erwachsenen mit dem Erleben in ihrer frühen Kindheit in Zusammen­hang gebracht. Es wurden dabei vier Bindungstypen heraus gearbeitet: secure (sicher), preoccupied (abwesend), dismissing-avoidant (abweisend-vermeidend) und fearful-avoi­dant (ängstlich-vermeidend). Erwachsene, die dem sicheren Bindungstyp (Secure-Typ) zugeordnet werden können, zeichnen sich durch geringe Fremdheitsgefühle (Offenheit und Zutrauen) und geringe Ver­meidungshaltungen (pflegen Kontakte) aus. Sie haben relativ genaue Erinnerungen und stellen ihre Kindheit und das Beziehungsgeschehen in ihrem Leben ausgewogen, sachlich und kohärent dar. Auch negative Erfahrungen lassen sie zu und können diese mit einer gesunden Distanz schildern. Die der Kategorie „abwesend“ („preoccupied“) zugeordneten Erwachsenen haben ein starkes Fremdheitsgefühl (verschlossen und misstrauisch), je­doch eine geringe Vermeidungshaltung (halten an Bindungen fest). Sie weisen unausge­ wogene Darstellungen und Beurteilungen der Beziehungen zu den Eltern auf. Ihre Aussa­gen sind inkohärent und von affektiven Aspekten wie Hilflosigkeit und Wut getragen. Er­wachsene des abweisend-vermeidenden („dismissing-avoidant“)-Typs kombinieren ein ge­r inges Fremdheitsgefühl (Offenheit und Zutrauen) mit starken Vermeidungshaltungen (ge­hen Menschen eher aus dem Weg). Sie fallen durch ein geringes Erinnerungsvermögen auf. Bei ihnen kommt es zu einer Idealisierung der Eltern oder zu einer Abwertung von Bindungspersonen und Bindung im Allgemeinen. Ihre Aussagen sind inkohärent und von überwiegend kognitiven Aspekten getragen. Der ängstlich-vermeidende Typ (fearfulavoi­dant) hat ein starkes Fremdheitsgefühl (verschlossen und misstrauisch) und dazu noch eine starke Vermeidungshaltung. Die Erinnerung an die Beziehung zu den Eltern bei den nicht „sicher“ Gebundenen zeigt insgesamt weniger Details und wirkt entsprechend lückenhaft, ist aber auch eher generalisiert als differenziert. Abschließend ging Jörg H. Bauer noch darauf ein, wie sich chronischer Stress und Depressi­on auf das Erinnerungsvermögen auswirken. Untersuchungen zeigen, dass viele Formen von Erinnerungsverlust stress – bzw. emotionsbedingt sind. So konnte z.B. nachgewiesen werden, dass der für Gedächtnisprozesse elementare Hippocampus bei Depression klei­ner wird. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass

Depressionen mit Entzün­dungsreaktionen korrelieren und umgekehrt. Insgesamt zeigten die Ausführungen, wie wichtig Erinnerungen für die Entstehung von so­zialen Beziehungen und anschließend für die Gesundheit sind: Erinnerungen prägen so­ziale Beziehungen und diese beeinflussen wiederum die psychische und (wie aus dem ersten Tag klar wurde) physiologische Gesundheit (über cardiovasculäre und immunologi­sche Funktionen).

Gelingendes Altern – Impuls Angela von Randow Nach der Mittagspause stellte uns Angela von Randow eine Präsentation der Psychoge­rontologin Prof. Dr. Sabine Engel vor, die sie von ihr freundlicherweise zur Weitergabe er­halten hatte. In ihrem am 6. Februar 2015 gehaltenen Vortrag beschäftigte sich Prof. Engel mit dem Thema „Gelingendes Altern“. Prof. Engel begann ihren – von Angela von Randow wiedergegebenem – Vortrag mit einem Verweis auf die sozioemotionale Selektionstheorie, die besagt, dass es im Alter zwar zu einer quantitativen Reduktion der sozialen Interaktio­nen komme, aber gleichzeitig auch zu einer Konzentration auf die qualitativ wichtigen Be­ziehungen. Dies seien gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Altern. Auch die Um­welt sei für ein gelingendes Altern relevant.

Es habe sich gezeigt, dass Menschen auch mit Beeinträchtigungen erfolgreich altern können, wenn sie in der für sie passenden Um­welt leben: Für jedes Kompetenzniveau gebe es die passende Umwelt, die gutes Altern ermögliche. Anschließend wurde das Modell der selektiven Optimierung mit Kompensation vorgestellt. Dieses besagt, dass Menschen erfolgreich altern können, wenn die Einschrän­k ungen (des Alters) adaptiv ausgeglichen werden durch Selektion, Optimierung und Kompensation. Selektion bedeutet Auswahl von Zielen und Präferenzen, Optimierung den Einsatz zielrelevanter Handlungsmittel und und Kompensation den Einsatz von (neuen) Mitteln bei Verlust. Wie kann man nun die Entwicklung beim Altern positiv beeinflussen? Nach Prof. Engel können Menschen „erfolgreich altern“, wenn es ihnen gelingt, ihre motivationalen Res­sourcen durch sekundäre Kontrolle so zu schützen, dass sie dennoch handlungsfähig blei­ben. Als Beispiele sekundären Kontrollstrebens im Umgang mit Misserfolg oder Verlust führt Prof. Engel an: Abwertung und Ablösung von (nicht mehr erreichbaren) Zielen und neue (erreichbare) Ziele finden; Uminterpretation des Verlustes („positive Seiten“ finden); externale

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Attribution der Ursachen für Verlust und Misserfolg (die „Schuld“ oder Ursache nicht bei sich suchen); selbstschützende soziale Vergleiche (im Vergleich mit anderen geht es mir ja noch relativ gut) und selbstschützende intra-individuelle Vergleiche (tempo­rale Vergleiche, bei denen ich mein Leben durch frühere positive Erlebnisse insgesamt würdige). Für ein gelingendes Altern sind auch Neuorientierungen in bestimmten Lebensphasen not­wendig – beispielsweise nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben oder wenn sinnstif­tende Bereiche entfallen, z.B. wenn die Kinder aus dem Haus sind. Auch wenn es in der Ehe oder in Beziehungen zu Veränderungen kommt, sind oft Neuorientierungen nötig. Zu­dem sei für ein gelingendes Altern wichtig, dass Verluste bewältigt werden (Tod, Er­k rankungen, körperliche Einschränkungen, Umzug ins Heim etc). Ebenso gelte es Belastun­gen zu bewältigen, z.B. wenn ein Verwandter demenzkrank wird, wenn traumatische Er­ lebnisse reaktualisiert werden oder wenn Ängste vor Erkrankung und Abhängigkeit entste­hen. Schließlich sei es für ein gelingendes Altern auch unabdingbar, rechtzeitig Hilfen zu organisieren, um im Falle von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit gewappnet zu sein.

Theaterarbeit Uwe Weber setzte am zweiten Workshoptag seine Theaterarbeit fort – er startete mit Stim­m- und Bewegungsübungen, die dazu anregten, die eigenen kreativen Spielräume auszu­probieren und miteinander ins Spiel zu kommen. Das Erkunden und Erleben innerer Erfah­r ungsräume stärkte unsere Vorstellungskraft und wir bekamen ein Gefühl davon, dass wir auch in unabsehbaren Situationen auf unsere inneren Kräfte vertrauen können. Durch spielerische, gestisch und lautmalerisch angereicherte Interaktionen stärkten wir das Ver­t rauen in uns selbst und auch unterund zueinander. Wir bauten gemeinsam lebendige Skupturen, wechselten uns ab als „Bildhauer“ oder „Material“ und setzten intuitiv unsere Vorstellungen und Ideen in Szene. Anschließend interpretierten wir unsere lebendigen „Kunstwerke“ bzw. tauschten uns über deren Sinngehalt aus. In einem weiteren Schritt brachte uns Uwe Weber dazu, unseren bislang noch recht statisch wirkenden Inszenierun­gen Leben einzuhauchen und diese mit Sprache und Bewegung anzureichern, so dass kurze Sequenzen entstanden. Die Bilder lernten laufen, wir betraten die Bühne unserer Er­innerung. Die Theaterarbeit schloss mit einer Erinnerungsübung ab: Wir begaben uns in Einzelarbeit in Räume unserer Kindheit oder Jugend und versuchten diese mit allen Sinnen zu erkun­den: Nicht nur, wie „mein“ Kinder- oder Jugendzimmer damals „aussah“, wurde erkundet – auch welche Sinnesqualitäten (z.B. Farbe der Wände, Beschaffenheit des Fußbodens, Gerüche etc.) über das Visuelle hinaus (in der Erinnerung) auftauchten. Das von Uwe We­ber angeregte Zusammenspiel der unterschiedlichen sinnlichen Erinnerungen förderte

schon lange nicht mehr wahrgenommene (scheinbar vergessene) Bewusstseinsinhalte zu­tage – manche(r) konnte sich an Wahrnehmungen (Räume, Gegenstände, Berührungen, Bewegungen) erinnern, die er/sie schon lange nicht mehr im Bewusstsein hatte. Es war al­lerdings manchmal (noch) nicht ganz auszumachen, inwieweit hier tatsächliche Erinnerun­gen aufschienen oder ob nicht eher Projektionen im Spiel waren. Die vorgeschlagenen Theaterspiele dringen erst durch die wiederholte Übung in tiefere Schichten des Bewusst­seins ein und können, wie schon erwähnt, längst verschüttetet geglaubte Erinnerungen wieder lebendig werden lassen, die sich dann wiederum als authentisches, originäres Ba­sismaterial für eine weitere kreative und künstlerische Bearbeitung oder Umsetzung nicht nur in der Darstellenden Kunst anbieten.

Spielräume unverhältnis­mäßig und ohne Not einschränken, was sich auch lebensverkürzend auswirken kann. Es wurde nochmals betont, dass die individuelle, persönliche Situation oft stark abweicht von Bildern über das Altern in der Öffentlichkeit. Das Spannungsfeld zwischen Individuum und System bzw. Mensch und Gesellschaft wurde als ein noch weiter zu erkundender Be­reich offensichtlich.

Erkenntnisse / Resümee Die Erkenntnisse, die wir an diesem Tag gewannen, waren vielschichtig – besonders die Theaterarbeit wurde als „wunderbares Medium“ gewürdigt, mit dem es gelingt, Altern aus eigener und fremder Perspektive mit all seinen „Schatten- und Lichtseiten“ wahrzuneh­men. Aus Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen formten wir lebendige Skulpturen, die dann durch spontane und von individuellen Vorstellungen geprägte (Inter-)Aktionen ein szenisches Eigenleben entwickelten. Das gemeinsame Durchspielen von Rollenverhältnis­sen erinnerte manche(n) im positiven Sinne an Familienaufstellung. Die theaterpraktischen Übungen machten jedenfalls „Lust auf mehr“. Die Theaterarbeit zeigte zudem exemplarisch auf, dass nonverbale Auseinandersetzun­gen sehr intensive Erlebnisse und unerwartete Erkenntnisse hervorrufen können. Dies wurde als Chance für neue Formen kommunikativer Prozesse gewürdigt – „bewegende Kontakte gehen stets über den Körper“. Oder anders gesagt: Als besonders bewegend und wohltuend wurde die gemeinsame Arbeit, das „Etwas miteinander machen“ und das „Zusammenwirken“ empfunden. Gerade das körperliche Zusammenspiel erwies sich als eine ideale Methode, um Zutrauen und Vertrauen untereinander zu erfahren bzw. zu ent­w ickeln. Erneut löste sich der herkömmliche Blick auf den Begriff „Alter“ auf: „Alter“ kann zeitlos und sinnlich sein und viel Weisheit enthalten. Neue Dimensionen des Alter(n)s schienen auf – auch und gerade im Hinblick auf Spiritualität. Der Mensch als soziales Wesen, der Zusammenhang von Beziehung und Gesundheit und unser Eingebundensein in eine (reflexive) „Spiegelwelt“ zeigten auf, dass es beim Altern eminent wichtig ist, sich in der Realität (und nicht nur virtuell) auszutauschen und zu ver­netzen. Die Auswirkungen von Erinnerungen auf die Fähigkeit der Zukunftsgestaltung wurde eben­falls als wichtige Erkenntnis dieses Tages genannt. Sich von der Realität abzuwenden bzw. sich vor ihr zu verschließen hat zur Folge, dass wir unsere

Ein weiteres Ergebnis dieses Tages war die Erkenntnis, dass jeder sein Experte des gelin­genden Alterns ist – man kann auf das Alter schauen, ohne zu dramatisieren oder zu ver­z weifeln und somit „das Beste“ daraus machen.


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Tag 3 Sa 09. Mai 2015 10:00 – 17:15 Uhr Teilnehmer: Jörg H. Bauer Barbara Kastura Jörg Knapp Josef Lachner Otmar Potjans (Moderation) Angela von Randow Michael Schels Robert Schlund Kati Stoepler Uwe Weber (künstlerische Begleitung) Der dritte Workshoptag diente der Verdichtung des bisher Erarbeiteten sowie der Entwicklung und Skizzierung von Projekt­ ideen, die wir abschließend in TheaterMiniaturen zum Leben erweckten.

dungen, die uns dabei halfen, ein gemeinsames Koordinatensystem heraus zu arbeiten. Als Gruppe bewegten wir uns in einem Bedeutungsraum, der sich zwischen den Begriffen Entwicklung, Gemeinschaft und Spiritualität entfaltet.

Koordinatensysteme der Teilnehmer (Beispiele): Jörg H. Bauer: X – Beziehungen Y – Emotionsregulation Z – Gesundheit ... im Verlauf der Lebensspanne Angela von Randow: X- Frage nach dem Sinn des/meines Lebens Y- Psychosoziales Z – Spirituelles Michael Schels: X – Entwicklung Y – Gemeinschaft Z – Freiheit

Projektideeen

Koordinaten unserer Sichtweisen (Perspektiven) Eingangs erinnerten und reflektierten wir nochmals die Erkenntnisse, die wir bislang gewonnen hatten. Hier wandten wir eine im ästhetischen Prozess neu entwickelte Methode an, die uns dazu anregte und dabei unterstützte, wesentliche Kernbegriffe heraus zu arbeiten und uns zu diesen in Beziehung zu setzen. Jeder Teilnehmer wurde gebeten, sich in einem dreidimensionalen Koordinatensystem zu verorten, das von drei mit unserem Thema „Perspektiven des Alterns“ verbundenen, ansonsten frei wählbaren Begriffen aufgespannt wird. Die Verortung in einen Begriffsraum diente dazu, auf wesentliche Begriffe zu fokussieren, diese als „Raum“ zu verstehen, sich in diesen Raum einzufühlen und mit einer Positionierung darin auch mögliche Prioritäten zu benennen. Schnell wurde klar, dass diese Methode lediglich eine Momentaufnahme sein kann, da sich sowohl die Begriffe des Koordinatensystems als auch die Positionierung darin je nach Sichtweise, Stimmung und Situation ändern können. Doch zeigte sich, dass diese Methode sehr hilfreich ist, um wesentliche Begriffsfelder herauszuarbeiten, die Sichtweisen der Teilnehmer zu präzisieren und deren Perspektiven in der Gruppe abzugleichen. Das bot auch die Möglichkeit, die eigenen Perspektiven und Schwerpunkte zu überdenken und gegebenenfalls zu modifizieren und mit Unterbegriffen anzureichern. Bei aller Verschiedenheit der jeweiligen Koordinatensysteme gab es doch auch Überschnei-

Nachdem wir unsere Perspektiven und Sichtweisen mit Hilfe der Methodik des dreidimensionalen Begriffsraums vergegenwärtigt und abgeglichen hatten, stellten wir uns der Aufgabe, Projektideen aus dem bisher Erarbeiteten zu generieren. Es war dabei klar, dass diese Projektideen in die Dokumentation einfließen und diese am heutigen Tag lediglich angerissen bzw. skizziert werden konnten. Die weitere Ausarbeitung der Projektideen zur Konzept- bzw. Dokumentations-Reife liegt in der Verantwortung der Ideengeber (als Einzelpersonen oder Teams) und ist urheberrechtlich auch bei diesen verortet. Es wurde dabei auch diskutiert, mit welchem Anspruch diese Ideen verbunden sein sollten – es bestand Konsens darin, dass wir noch nicht wissen können, welche dieser Ideen tatsächlich zur Umsetzung kommen, da nicht absehbar ist, mit wessen und wie viel persönlichem Einsatz die Ideen voran gebracht werden können. Die im Zuge von Forschende Kunst 3 entstandenen und dokumentierten Ideen sind also vorrangig als Ideen-Impulse und Wegbereiter für künftige Entwicklungen zu verstehen – unabhängig von einer Festlegung auf deren Realisierung. Doch soll die Dokumentation der Ideen dazu dienen, die Ideen und deren Urheber zu benennen, die Ideen zu festigen und nach außen zu tragen, gegebenenfalls Unterstützer und Mitwirkende zu gewinnen und die Möglichkeit der Realisierung wenigstens wahrscheinlicher zu machen. Das Spektrum der Ideen reichte von einer „Quasselbude“ (einem lokalen Treffen zum gemeinsamen Gedankenaustausch zum Thema „Wie der Sinn ins Alter kommt“) über eine Karriere-Internetplattform für ältere Menschen, ein generationenübergreifendes Multimedia-Theater-Projekt, ein Klang-Projekt zur Einübung von Gelassenheit und Kreativität, ein soziokulturell-integratives Urban Gardening Projekt bis hin zu einem „Gnadenhof“ als einem Ort der Bewahrung natürlicher und menschlicher

Qualitäten und einem generationenübergreifenden, interdisziplinären Wohn- und Kulturprojekt mit kreativwirtschafticher Ausrichtung. Diese mehr oder weniger konkreten und in Anspruch und Umfang sehr unterschiedlichen Projektideen werden für die Dokumentation von „Forschende Kunst 3“ weiter ausformuliert, zum Teil ausgearbeitet und im Sommer 2015 veröffentlicht.

Theaterarbeit: Ideenlabor mit künstlerischen Mitteln Am Nachmittag setzte Uwe Weber seine Theaterarbeit fort – hier wurde erneut deutlich, wie sehr Theaterarbeit dabei helfen kann, individuelle Fähigkeiten zutage treten zu lassen, das Vertrauen in Teams zu stärken und das Zusammenspiel zu fördern. Eine ganz besondere Qualität dieser Arbeit wurde an diesem Nachmittag deutlich: Mit Theaterarbeit lassen sich Zukunftsszenarien wirklichkeitsnah simulieren, was dabei hilft, Ideen zum Leben zu erwecken und diese auf ihre Realisierung hin zu erproben … quasi mit künstlerischen Mitteln zum Leben erweckte, „lebendige“ SWOT-Analysen (strengths, weakness, opportunities and threats = Stärken/Schwächen, Chancen/Risiken). In Gruppenarbeit erarbeiteten wir Theaterminiaturen für drei ausgewählte Projektideen, wobei für jede Projektidee drei Miniaturen zu erstellen waren: Eine Miniatur für die Planungsphase, eine Miniatur für die Startphase und eine Miniatur für die Phase der abgeschlossenen Realisierung. Jedes Team konnte sich dabei intensiv mit „ihrem“ Projekt auseinander setzen – jedoch nicht auf abstrakt-analytische Weise, sondern ganz konkret: Was kann in den jeweiligen Phasen geschehen, wie fühlt sich dieses Projekt dann an, welche Menschen und Orte sind im Spiel, mit welchen Chancen und Risiken haben wir es zu tun, welche Stärken und Schwächen werden sichtbar? Die zum Abschluss dieses Projekttages präsentierten Theater-Miniaturen zeigten zweierlei: Zum einen boten sie ungeahnte Einblicke in die Projektideen und vermittelten diese auf unterhaltsame Weise. Zum anderen waren wir begeistert von der Möglichkeit, Ideen- und Projektentwicklung ganz anders als üblich zu betreiben – auf kreative, intuitive Weise mit viel Spaß und großem Erkenntnisgewinn. Wir beendeten den Tag mit einer Schlussrunde, bei der wir die überaus wertvolle und engagierte Arbeit von Uwe Weber als künstlerischem und von Joerg Bauer als fachlichem Begleiter würdigten. Auch die Moderation und Organisation von Otmar Potjans und Michael Schels sowie die dem ästhetischen Prozess und der Zentrifuge als Projektträger zu verdankende offene, konstruktive Atmosphäre aller drei Workshoptage wurden ausdrücklich gelobt. Wir verabschiedeten uns dankbar und beglückt in der Gewissheit, gemeinsam viel erlebt, erfahren und erforscht und auch persönlich viel hinzu gewonnen zu haben.

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Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

IMPRESSUM Dokumentation Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns Forschende Kunst ist ein Projekt der Zentrifuge. www.forschende-kunst.de Herausgeber: Zentrifuge e.V., c/o KULTurbüro Schels, Adam-Klein-Str. 112, 90431 Nürnberg www.zentrifuge-nuernberg.de Redaktion, V.i.S.d.P.: Michael Schels Texte: Jörg H. Bauer, Günther Heil, Otmar Potjans, Michael Schels, Uwe Weber, Prof. Frank Adloff, Larissa Pfaller M.A. Künstlerische Begleitung: Barbara Kastura, Marcela Salas, Angela von Randow, Uwe Weber Titelmotiv: Barbara Kastura, „Manchmal warteten sie tagelang auf eine Antwort“, aus der Serie „Ghadsos“ Rückseitenmotiv: Barbara Kastura, „Sprachloses Staunen herrschte beim Anblick der vorbeieilenden Zeit“, aus der Serie „Ghadsos“ Gestaltung Broschüre und Fotografie: Robert Schlund | www.schlund-design.de Druck: flyeralarm.com Auflage: 1.000 Exemplare © 2015 Zentrifuge e.V.

Über die Zentrifuge Die Zentrifuge ist ein ästhetisches Labor, das vermeintlich fest gefügte Realitäten in Austausch bringt, verflüssigt und in der Lockerung der Verhältnisse neue Perspektiven eröffnet. Der von der Zentrifuge entwickelte „ästhetische Prozess“ ist rational, emotional und wirklichkeitsformend zugleich, er stellt unser Denken, Fühlen und Handeln in einen neuen Zusammenhang. Die Kreativplattform Zentrifuge bringt Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten und Arbeitsbereichen zusammen mit dem Ziel, neue Perspektiven und Möglichkeitsräume und damit auch Handlungsfelder für eine friedliche, humane und lebenswerte Welt zu erschließen. Sie ist Initiator des CreativeMonday, einer Netzwerkveranstaltung für die Kultur- und Kreativwirtschaft, die in ganz Deutschland Nachahmer gefunden hat. Zudem hat die Zentrifuge das Projekt „Forschende Kunst“ ins Leben gerufen, bei dem sie mit der Methode des „ästhetischen Prozesses“ interdisziplinären Begegnung und künstlerische Praxis fördert und begleitet. Bei dem Projekt „Engineering 2050“ bringt die Zentrifuge als Mitinitiator und Kooperationspartner die Bereiche Technik, Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft in einen fruchtbaren und zukunftsweisenden Austausch. Dank Die Dokumentation zu Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung durch die GGSD, Gemeinnützige Gesellschaft für Soziale Dienste mbH, Nürnberg. Herzlichen Dank auch an Jörg H. Bauer für den Impuls, aus dem heraus das Thema von Forschende Kunst 3 entwickelt wurde und für seine fachliche Begleitung sowie an Otmar Potjans für die konzeptionelle und moderierende Begleitung der Workshops.


Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns

Das Letzte: Zentrifugen wollen tausendfach erblühen und keine wäre dabei wie die andere. Sie werden unkalkulierbar und unbeherrschbar sein. Zentrifugen sind Prozessoren für eine lebenswerte Zukunft – eine andere und bessere, als wir heute erahnen können.

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Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns  

Dokumentation des Projekts "Forschende Kunst" Nr. 3., Thema: Perspektiven des Alterns. Veröffentlicht im September 2015. "Forschende Kunst"...

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