Young Struggle Magazine Nr.84 - Feb/Mär 2020

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ZEIT DER AUFSTÄNDE

DIE WELT TANZT

PERSPEKTIVE 2020

Massenproteste und Polizeigewalt erschüttern Lateinamerika, Libanon, Irak und viele weitere Länder. Wofür wird gekämpft und was haben die globalen Proteste gemeinsam?

Überall wird getanzt, überall ist Widerstand. Der Tanz des Kunstkollektivs “Las Tesis” geht um die Welt. Wie und weshalb getanzt wurde: ein Tanz zu einem Aufschrei.

2019 war ein Jahr des Widerstands, 2020 begann kämpferisch: was erwartet uns im neuen Jahr?

V.i.S.d.P.: Tamara Bunke, Steinstraße 27, 10119 Berlin


INHALT 10

DIE WELT TANZT Überall wird getanzt, überall ist Widerstand. Der Tanz des Kunstkollektivs “Las Tesis” geht um die Welt. Wo, wofür und warum getanzt wird erfahrt ihr in diesem Artikel.

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PERSPEKTIVE 2020 2019 war ein Jahr des Widerstands, 2020 begann kämpferisch. In der Rubrik “Perspektive” setzen wir uns ziele und Schwerpunkte für das kommende Jahr. Es gibt viel zu tun.

OH, HOW BEAUTIFUL IS FREEDOM

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Das irakische Land scheint wie ein Spielball imperialistischer Mächte. Die Situation ist mehr als nur kritisch. Der Autor schilder seine Perspektive auf die Geschehnisse.

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6 ZEIT DER AUFSTÄNDE Massenproteste und Polizeigewalt erschüttern Lateinamerika, Libanon, Irak und viele weitere Länder. Wofür wird gekämpft und was haben die globalen Proteste gemeinsam?

GUNDIS UND ISLAM Ein Leser berichtet von seiner Reise nach Dersim, Nordkurdistan: von Außerirdischen und einer Besetzung.

Sag uns deine Meinung! Auch Kritik, Anregungen und Artikel sind jederzeit erwünscht.

YS.Redaktion@pm.com


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POLIZEILICHE REPRESSIONEN GEGEN JUGENDLICHE FFF-AKTIVIST*INNEN

Bekannterweise hat die Polizei eine Vorliebe dafür gegen linke Bewegungen auszuteilen. Da werden auch gleich Würgegriffe an Jugendliche ausprobiert. Wie geht die Polizei global und in Deutschland gegen FFF-Aktivist*innen vor?

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HIP ZUM HOP Kunst und Politik gehen Hand in Hand. Ein Einblick in roten Rap und die Hintergründe des Hip-Hop.

28 EIN SCHRITT WEITER

Zwei FFF-Aktivist*innen waren im Hungerstreik. Hier formulieren sie Ansätze für eine notwendige Weiterentwicklung der globalen Klimaschutzbewegung.

SICH NICHT AUFSAUGEN LASSEN Wie oft wir uns auch beteuern, dass wir Revolutionär*innen sind, es gibt immer wieder Momente, da fühlen wir uns nicht so. Gedanken einer Genossin zum ideologischen Kampf im bürgerlichen Alltag.

24 BEHINDERUNG IM KAPITALISMUS Über die Unterdrückungsform der Behinderung nachzudenken ermöglicht uns, die Funktionsweise des Kapitalismus besser zu verstehen.

Liebe Leser*innen, Wir freuen uns euch nach der Pause als neue Redaktion diese Ausgabe präsentieren zu können. In der ersten Ausgabe 2020 blicken wir auf ein Jahr voller globaler Aufstände und Massenbewegungen zurück. Wir versuchen euch diese näherzubringen, sie zu analysieren und aus ihnen zu lernen. Die Kämpfe sind hochaktuell: in Chile, Irak, im Libanon und in vielen weiteren Ländern wurden die Protestaktionen nach der Neujahrspause bereits wieder aufgenommen. Viele Artikel rund um internationale Bewegungen

warten darauf, gelesen zu werden. Young Struggle ist eine Zeitschrift von Jugendlichen für Jugendliche. Wir wollen die Stimmen der Jugend hörbar machen und auf die Straßen bringen. Deswegen gilt: schreibt, lest, abonniert und verteilt sie. Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen und ein kämpferisches 2020. Eure Redaktion


DIE REVOLUTION BLEIBT SCHÖN POLITISCHE PERSPEKTIVE 2020 Das Jahr 2020 begann widerständig: von den weiterhin brennenden Aufständen in Ländern wie Chile und dem Irak über den anhaltenden Generalstreik in Frankreich bis zu den Linken am Leipziger Connewitzer Kreuz, die auch hier in Deutschland das Jahrzehnt mit Barrikaden begrüßten. Gleichzeitig ging Australien im Meer seiner Waldbrände unter, während mit Unterstützung von Siemens auf der anderen Seite des selben Landes noch ein neuer, riesiger und zerstörerischer Kohletagebau gebaut wird. In der ganzen Welt erleben wir ein Brodeln, ein Aufklaffen von Widersprüchen und die Möglichkeit, sie revolutionär zu beantworten. Bis in die bürger*innenliche Presse hinein wurden viele Vergleiche zu den „roaring twenties“ des letzten Jahrhunderts gezogen: die deutsche Gesellschaft polarisiert sich, das Vertrauen in den bürger*innenlichen Staat geht immer größeren Massen an Menschen völlig verloren. Die extremen Rechten schlendern immer weiter in die Mitte hinein und fühlen sich zunehmend stark genug, auch ihre gewalttätige Fratze zu zeigen: denken wir an die Brandstiftungen gegen linke Häuser in Frankfurt, an das Attentat von Halle oder die Ermordung des Politikers Walther Lübcke. Währenddessen sind die Kommentare in der bürger*innenlichen Presse getränkt von Angst: die letzten 20er endeten in den 30ern, in der faschistischen Diktatur von Hitler. Wenn die bürger*innenliche Demokratie geschwächt werde, müsse das zwangsläufig in Chaos und Grauen führen – wirkliche Alternativen können sie sich nicht vorstellen... zeigen wir sie praktisch! 4 | PERSPEKTIVE


„If I can‘t dance, I don‘t wanna be part of your revolution!“ Wir dagegen schauen mit Hoffnung und Entschlossenheit in die Zukunft: das letzte Jahr hat mit Fridays For Future die größte Jugendbewegung, die wir in Deutschland und der Welt seit langem gesehen haben, in die Welt gesetzt. Frauen in der ganzen Welt sind in ihrem Widerstand gegen patriarchale Gewalt in nichts schönerem und stärkeren als einem Tanz, der über alle Kontinente hinwegzog, zusammengekommen! In verschiedenen Regionen der Welt stehen die Völker auf gegen die Unterdrückung durch das kapitalistische und imperialistische System. Und trotz all der faschistischen Angriffe, trotz der Verluste, steht nicht zuletzt in Rojava die Hoffnung weiterhin aufrecht. Keinen Fußbreit den Faschist*innen! Die Polarisierung zieht auch einen Aufschwung des Faschismus mit sich. Hier in Deutschland zeigt es sich durch das Erstarken der extremen und „gemäßigten“ Rechten genauso wie durch das Umsetzen solcher rechter Politiken durch die angebliche „Mitte“. Trotz massiver Proteste sind verschärfte Polizeigesetze, größere Überwachung und Einschränkung in allen Bereichen durchgedrückt worden. Insbesondere die kurdische Bewegung war und ist von massiven Repressionen betroffen. Aber auch die G20-Prozesse werden den Kampf gegen Repressionen und die Solidarität mit betroffenen Genoss*innen zu einem der wichtigen Themen des kommenden Jahres machen. Die Repressionen sind die Antwort des Staates auf die Zuspitzung der Widersprüche in unserer Gesellschaft. Wo Kampf ist, da folgt auch erhöhte Repression. Verhindern können wir das nicht, aber wehren können wir uns.

Es gibt viel zu tun! All diese Aufgaben erledigen sich nicht von allein und sie klopfen auch nicht einfach an unsere Haustüre. Was sind die Aufgaben von Sozialist*innen heute? Wie organisieren wir Kämpfe unter Jugendlichen gegen Faschismus, Sexismus, Rassismus und Umweltzerstörung? Wie sollten wir arbeiten, wie können wir den Klassenkampf und die sozialistische Organisierung weiterbringen? Bei unserem Kongress Ende Februar werden wir Antworten finden und Perspektiven setzen müssen. Die Vorbereitungen laufen schon auf Hochtouren und wir freuen uns auf genoss*innenschaftliche Diskussionen, revolutionäre Antworten und neue Energien für das kommende Jahr. Serkeftin! Young Struggle

Defend Rojava Der Faschismus ist ganz offensichtlich nicht nur in Deutschland auf dem Vormarsch. Die türkische Diktatur hat im letzten Jahr auf grausame Weise klargemacht, dass sie das revolutionäre Projekt Rojava nicht an ihrer Seite dulden kann. Und trotz der materiellen Unterlegenheit, trotz der Verluste, steht die Hoffnung in Rojava weiter aufrecht. Die Verteidigung der Revolution ist die Aufgabe aller Revolutionär*innen in der Welt. Kämpfe müssen organisiert werden Wir leben in bewegten Zeiten. Auch im letzten Jahr haben wir versucht, unseren revolutionären Verantwortungen gerecht zu werden: egal, ob in der internationalen Verteidigung der Revolution von Rojava, als sozialistische Frauen und LGBTI beim Streik oder als Teil der ökologischen Bewegung – unsere Perspektive des organisierten, vereinten Kampfs für eine sozialistische Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung tragen wir an jeden Ort, wo Menschen wieder lernen, nach oben zu treten und wo Blumen durch den Asphalt brechen.

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ZEIT DER AUFSTÄNDE WIR ERLEBEN EINE ZEIT DES AUFRUHRS. 2019 WAR EIN JAHR DER MASSENPROTESTE UND AUFSTÄNDE. NEOLIBERALE REGIERUNGEN HABEN MIT EINEM HISTORISCHEN PROTEST ZU KÄMPFEN. IN EINEM ZUVOR NIE DAGEWESENEN AUSMASS BESETZEN MENSCHEN DIE STRASSEN, LEISTEN WIDERSTAND UND KÄMPFEN FÜR UNSERE ZUKUNFT. VON BÜRGERLICHEN MEDIEN WIRD DIE BEDEUTUNG DIESER AKTUELLEN SITUATION GERNE HERUNTERGESPIELT UND DIE REBELLIERENDEN VÖLKER WERDEN ALS BLOSSE RANDALIERER SCHLECHT GEREDET. DOCH DIE BILDER AUS CHILE, KOLUMBIEN, ECUADOR, BOLIVIEN, HAITI, HONDURAS, IRAK, LIBANON UND AUS VIELEN WEITEREN LÄNDERN SPRECHEN FÜR SICH. SELBST FRIEDLICHE PROTESTAKTIONEN TREFFEN AUF MASSIVE REPRESSION UND POLIZEIGEWALT. VOR DEN AUGEN DER ÖFFENTLICHKEIT VERSUCHEN DIE OLIGARCHIEN MIT WASSERWERFER, SCHLAGSTOCK UND SCHUSSWAFFE IHRE MACHTPOSITIONEN ZU VERTEIDIGEN.

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Chile Despertó, Chile ist augewacht Eine Entwicklung der Aufstände Auf den Straßen Santiagos singen abertausende Chilen*innen “Chile Despertó” - “Chile ist aufgewacht”. Sie schlagen auf Töpfe. Sie halten Fahnen und Plakate mit Parolen. “Wir hier unten gegen euch da oben”. Es ist eine friedliche Demonstration, doch auch sie bleibt nicht verschont von den Wasserwerfern, Gummigeschossen und Tränengas der Polizei. Einige Meter weiter bildet die “Primera Linea” die Frontlinie der Demonstration. Sie sind vermummt mit Tüchern oder Gasmasken, bauen Barrikaden, schießen mit Zwillen, werfen Molotows und versuchen so einen Puffer zwischen Polizei und Demonstranten zu schaffen. Ihre Wut gegen Polizei, Regierung und den Status Quo wird von der wachsenden Mehrheit geteilt. Laut einer Umfrage der Universidad de Chile haben sich rund 60 % der Chilen*innen an Protestaktionen beteiligt. Nur noch 5 % der Bevölkerung unterstützen den amtierenden Präsidenten. Die aktuelle chilenische Revolte dient bestens

als Analysebeispiel für die sich international entfaltenden Aufstände. Während der Pinochet Diktatur von 1973 bis 1990 wurde das Land zu einem Labor des Neoliberalismus. Dem chilenischen Volk wurde eine rücksichtslose kapitalistische Wirtschaft aufgezwungen, welche als Stütze der Diktatur diente. Auch heute, 30 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur, unterliegt Chile immer noch derselben Verfassung wie vor 30 Jahren und denselben Ideen und Gesetzen des neoliberalen Ökonomisten Milton Friedman. Fast alles liegt in privater Hand. Die Wasserversorgung, Bildung, Renten, Gesundheit. Im Oktober 2019 wollte die chilenische U-Bahn, wie fast alle privatisierten Dienstleister, ihre Preise erhöhen. Als Protestaktion riefen Schüler*innen des Instituto Nacional zum kollektiven Schwarzfahren auf. Sie sprangen über die Drehkreuze der U-Bahnhöfe. Präsident Piñera antwortete mit brutaler Repression, ließ die minderjährigen Schüler*innen mithilfe AKTUELLES | 7


von Würgegriff en verhaften. Die Situation veranlasste das chilenische Volk auf die Straße zu gehen, um massenhaft Protest zu leisten. Schon bald wurden U-Bahn-Stationen in Brand gesteckt. Diese Revolte hält sich standhaft bis zum jetzigen Augenblick. Neben Straßenschlachten zwischen dem chilenischen Volk und der Polizei wurden auch gezielt repräsentative Einrichtungen des Establishments und der Elite angegriffen. Polizeireviere wurden zerstört, teure Einkaufszentren niedergebrannt und regierungstreue Nachrichtenagenturen gestürmt. Die in Angst versetzte Oligarchie versucht er folglos mit Wasser wer fern, Schusswaffen und Schlagstock gegen die Aufstände vorzugehen. Am 8. Oktober 2019 behauptete der noch aktuelle chilenische Präsident Sebastián Piñera stolz, dass “inmitten dieses turbulenten Lateinamerikas, Chile eine wahre Oase mit einer stabilen Demokratie" sei. Nicht einmal 2 Wochen später nannte er das chilenische Volk seinen Feind. Er sprach wortwörtlich von einem "Krieg gegen einen mächtigen Feind" als er die Aufstände adressierte, gegen welche er auch das Militär einsetzte. Die chilenischen Massen haben die demokratische Fassade dieser lateinamerikanischen “Oase” zum Bröckeln gebracht und kämpfen nun gegen die sich zuspitzende Staatsgewalt. Chilen*innen protestieren nicht nur auf der Straße, basisdemokratische Strukturen werden organisiert. "Asambleas" oder "Cabildos" sind Verbindungen, die den verfassungsgebenden Prozess vorbereiten. Chilen*innen fordern keine niedrigen Fahrpreise mehr, sondern ein neues Gesellschaftsmodell und den Sturz Piñeras. "Der Präsident hat versucht, einen Brand mit Benzin zu löschen. Mit Militär auf den Straßen kann es keinen Dialog geben" - ehemalige Studente nführerin und heutige Abgeordnete der Kommunistischen Partei Chiles, Camila Vallejos auf Twitter.

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AKTUELLES

Sozialer Kampf verbindet! Sind die globalen Proteste voneinander isoliert? Nein. Rentenreformen, koloniale Unterdrückung, Preiserhöhung, Staatsstreiche, m e n s c h e nv e r a c h t e n d e Ve r f a s s u n g e n , Staatsterrorismus – auch wenn die Auslöser ve r s c h i e d e n e s i n d, e i n e s h a b e n a l l e Bewegungen gemeinsam: Sie kämpfen gegen ein System, in welchem der Profit über das Wohlergehen aller regiert. Träger der Aufstände sind Frauen, Indigene, Arbeiter und die Jugend. Die Revolution von heute ist divers: Internationalistisch, ökologisch, feministisch und wollen diese Kämpfe bis zum Ende geführt werden, antikapitalistisch. Hinter den Barrikaden, an der Frontlinie der Massenproteste in Santiago, halten die Demonstrant*innen die Fahnen von vielen Völkern, welche sich ebenfalls im Kampf befinden. Als sich Puerto Rico im Juli 2019 erhob und den Gouverneur Ricky Roselló zu stürzten, wurde das puertoricanische Motto “Wir haben keine Angst mehr” zur Parole von lateinamerikanischen Kämpfen. In Kolumbien, wo alle 36 Stunden eine soziale Führungspersönlichkeit ermordet wird, in Haiti, wo Senator*innen mit Pistolen Journalist*innen ins Gesicht schießen, in Bolivien, wo Indigene von den Eliten als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, in einem System, in welchem ein Menschenleben nichts wert ist, wenn es um Profit geht, kämpft niemand alleine. Von Chile bis nach Libanon; es ist genau dieser Kampf, der uns verbindet. Die chilenische nationale Bourgeoisie hat einiges zu verlieren: Sie selbst ist durch die Privatisierungen reich geworden und nun steht der Neoliberalismus auf dem Spiel. Um das System zu verteidigen, welches sie vor Enteignung schützt, ist ihnen kein Mittel zu brutal. "Mord, Vergewaltigung, Augenverstümmelung, Folter, illegale Inhaftierung, Drohungen, Einschüchterung, mehr als 2.000 politische Gefangene sind die systematische Verletzung der Menschenrechte des chilenischen Volkes", fasste der Rechtsanwalt Federico Pagliero zusammen. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch die


Bourgeoisie in den imperialistischen Zentren maßgeblich vom Erhalt des Neoliberalismus in der dritten Welt abhängig ist. Wenn in Kolumbien die Polizei Demonstrant*innen schlägt, bis dass sie körperliche Behinderungen davontragen, bei Nacht in Arbeiter*innenBarrios die Fenster einhaut um die Menschen terrorisiert, oder gar einfach Demonstrant*innen erschießt wie den 18-jährigen Dilan Cruz am 24. Nobember 2019, dann ist das für den Außenminister der Vereinigten Staaten Mike Pompeo anscheinend ein vorbildliches Verhalten: "Wir begrüßen die Art und Weise, wie Kolumbien auf die Demonstrationen reagiert hat, mit Professionalität, Respekt für die Menschenwürde und der Forderung nach einem nationalen Dialog." ( -Mike Pompeo, January 20, 2020). Das ist die Moral, nach welcher die US-Außenpolitik Regierungen wie die Duque-Verwaltung in Kolumbien unterstützt und an der Macht hält. Während der Proteste in den jeweiligen Länder sind dutzende Demonstrant*innen getötet worden, laut dem irakischen Menschenrechtsausschuss wurden im Irak schon über 300 Demonstrant*innen getötet.

Aufständen ein organisatorisches Fundament zu geben und die Partizipation des Volkes zu stärken, um die andauernde Rebellion nicht ins Leere laufen zu lassen. Für die Opfer, die gebracht wurden, für die Held*innentaten, die vollbracht wurden, für diejenigen, die schwerste Repressionen erleiden mussten oder gar ihr Leben lassen mussten, für diejenigen darf der Kampf nicht umsonst gewesen sein. Es ist kein Zufall, dass sich die Massenproteste maßgeblich im globalen Süden entwickeln. Wir leben in einer westlich-dominierten, globalisierten Wirtschaft. Länder, denen eine neoliberale Regierung aufgezwungen wurde, haben mit den Folgen des Imperialismus am stärksten zu kämpfen. Wollen wir den Sozialismus auch in den imperialistischen Zentren verwirklichen, also auch in Deutschland, dann ist es unsere höchste Pflicht unterdrückte Nationen und Völker in ihren Kampf gegen den westlichen Kapitalismus, also unseren gemeinsamen Feind, zu unterstützen. Auch wenn die aufständischen Gebiete sehr weit weg scheinen, unser Kampf ist international und muss auch so geführt werden. Nun ist es unsere Aufgabe, den sich wehrenden Menschen auch unsere Stimme zu geben. Es gilt aus den weltweiten Bewegungen zu lernen und Die sozialen und politischen Organisationen Strukturen der Solidarität aufzubauen! in den von Massenprotesten betroffenen Keanu, Hamburg Gebieten stehen vor der Herausforderung, den AKTUELLES | 9


D I E W E LT TA N Z T DIE FEMINISTISCHEN AUFSTÄNDE SIND 2019 WELTWEIT GEWACHSEN. AN VIELEN ORTEN SIND ES DIE FEMINISTINNEN, DIE DIE VORREITERROLLE EINNEHMEN UM GEGEN UNTERDRÜCKUNG, PATRIARCHALE STRUKTUREN UND IMPERIALISTISCHE KRÄFTE ZU KÄMPFEN.

Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Frauen* sein, das haben uns die Frauen* gezeigt, die an vorderster Front unter anderem in Mexiko, Spanien, der Türkei, Rojava und Sudan gekämpft haben und immer noch kämpfen.Ein gutes Beispiel hierfür ist die Performance „un violador en tu camino“ (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) die von dem chilenischen Kunstkollektiv “Las Tesis” kurz vor dem internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen* am 25. November zum ersten Mal aufgeführt wurde. Mit Zeilen wie „El Violador Eres Tu“ – der "Vergewaltiger bist du" , machen die Frauen* auf die hohe Anzahl von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigungen und Femizide (Frauen*morde) aufmerksam, bei denen die Täter oftmals straffrei davon kommen. Sie benennen durch ihre Aktion klar, dass die Unterdrückung der Frauen* kein individuelles Thema jeder einzelnen ist, sondern durch ein strukturell patriarchalisches (männlich beherrschtes) System aufgebaut wurde und verstärkt wird. Der Auftritt der Chilen*innen ging viral. Überall auf der Welt versammelten sich Frauen* auf den Straßen um die Performance in ihre Situation zu übertragen, die vielleicht von Ort zu Ort verschieden ist aber im Grunde beschreibt Las Tesis etwas, das global Frauen* betrifft. Die Initiator*innen der Performances, Dafne Valdés, Paula Cometa, Sibila Sotomayor und Lea Cáceres, die alle in Valparaíso in Chile leben, sagen selber, dass sie ursprünglich nur eine Performance gestaltet haben. Es waren die Frauen* weltweit, die

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FRAUENREVOLUTION

sie zu einem Protestlied machten. So auch in der Türkei. Über 400 Femizide wurden alleine 2019 in dem Land begangen, mit einer vermutlich deutlich höheren Dunkelziffer denn die Türkei verfügt über keine eigene Statistik. Auch in Istanbul versammelten sich die Frauen* um die Performance der Chileninnen zu zeigen. Doch der patriarchalfaschistische Staat ließ die Frauen* verhaften, in dem Moment, wo sie ihn genau für das anklagten. Durch das Verhalten der Polizei ließen sich die Frauen* in der Türkei jedoch nicht unterkriegen. Sie gingen in mehreren Städten auf die Straße, klagten die Polizei, die Richter, den Staat und den Präsidenten an, wodurch sie erneut Repressionen und Verhaftungen erleben mussten. Durch die parlamentarische Immunität, die in der Türkei gesetzlich vorgesehen ist, blieb es nur den Parlamentarierinnen* übrig, den Tanz ungestraft aufzuführen. Als Antwort auf die mehrfachen Verhaftungen von Aktivist*innen führten Abgeordnete der HDP und CHP Fraktion, als Zeichen der Solidarität mit allen betroffenen Frauen*, den Tanz gemeinsam auf Türkisch auf. Auch die Schweizer*innen führen einen Kampf, der weltweit Beachtung findet. Ein europäisches Land, in dem die Frauen* erst seit 1971 das Recht haben zu wählen, haben das vergangene Jahr über eine starke Vorreiterrolle in Europa bezüglich feministischer Kämpfe eingenommen. Im Vergleich zu anderen Ländern weltweit nutzten die Schweizer*innen nicht nur den 8. März,


um auf die Situation der Frauen* aufmerksam zu machen, sondern organisierten am 14. Juni 2019 den Frauen*Streik. Das Datum hat für die Schweizer*innen eine historische Bedeutung, da am 14. Juni 1981 ein Verfassungsartikel zur Gleichstellung von Frauen* und Männer erstmals angenommen wurde. 1991 wurde der erste Frauen*streik in der Schweiz am 14. Juni organisiert und für 2019 hatten Frauen* unterschiedlichster Strukturen mehr als ein Jahr auf den Tag hingearbeitet, um den zweiten offiziellen Streik für Frauen* zu planen. Es wurden in 16 Städten der Schweiz Streiks organisiert und über 500.000 Frauen* landesweit haben sich beteiligt.

2019 war ein kämpferisches Jahr, aber auch ein Jahr, in dem mit Krieg, Unterdrückung und Repressionen immer wieder versucht wurde, die aufschreienden Menschen zum Schweigen zu bringen. Immer wieder kann beobachtet werden, wenn Repressalien gegen die Bevölkerung Oberhand gewinnen und die ersten sich beugen, dass dann die Frauen*bewegung in den vordersten Reihen steht und für Gerechtigkeit kämpfen. Frauen* sind nie die, die als erstes aufgeben und das gibt uns Mut und Kraft. Auf ein kämpferisches 2020! Marie & Lima, Köln

"Un violador en tu camino" Performance in Rojava

Die Tanz-Performance in Chile

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OH, HOW BEAUTIFUL IS FREEDOM

It rains white phosphorus in Fallujah This is for those that won't live to see the future Sorry that I wasn't there, Sorry that I couldn't help I'm sorry for every tear, Sorry you've been put through hell 12 |

INTERNATIONAL


Denke ich an die ersten Jahre meines Lebens zurück, vermischen sich die Erinnerungen vom Kindergarten mit den Bildern vom Krieg im Irak. Ich erinnere mich an die nächtlichen Aufnahmen der Bombardierung Bagdads, an die Phosphorbomben in Fallutscha, an die Foltermethoden der US-Armee im Gefängnis von Abu Graib. Eine gleichaltrige Bekannte erzählte mir, dass sie sich bis heute an die Aufnahmen der Erhängung Saddam Husseins erinnern kann. Später kamen die irakischen Flüchtlinge in meine Stadt. Eine Gruppe von ihnen sollte abgeschoben werden und verschanzte sich in einer Kirche. Die Polizei brach ein, die Jugendlichen aus dem Viertel eilten zur Hilfe, blockierten die Straße und krochen sogar unter den Abschiebebus. Wegen des Drohnenangriffs auf den iranischen General Kassem Soleimani im Flughafen in Bagdad findet der Irak in den Medien kurz Erwähnung. Wo es mal nicht um den anstehenden dritten Weltkrieg geht, wird uns nur offenbart der Irak brennt. Die globalen und regionalen powers that be kämpfen um ihren Einfluss im Land, die Nationen und Religionen des Landes würden sich alle am liebsten gegenseitig umbringen, und da stirbt auch noch der Soleimani. „Im Nahen Osten hat an diesem Freitag eine neue Zeitrechnung begonnen. Mit einem einzigen Raketenangriff haben die USA die gesamte Unsicherheitsarchitektur der Region zerstört und die Pforten geöffnet für eine furchtbare Zeit der Unberechenbarkeit, der Gewalt und des Zerfalls.“ Nach diesen Worten aus der Süddeutschen Zeitung bleibt wohl nichts übrig, als sich hinzulegen und zu sterben. Wo es nicht möglich ist, uns weiszumachen, die Welt sei in Ordnung, kündigen die bürgerlichen Medien den dritten Weltkrieg an oder berichten, dass der Irak zwar schlimmer als sonst, und doch wie auch sonst immer ... brennt. Dieser ewige Brand, der hat doch etwas Ordentliches an sich. Deshalb ist es so falsch, diese Geschichte bei Soleimani zu beginnen oder sie bei ihm enden zu lassen. Kassem Soleimani ist kein Hauptdarsteller, sein Tod ist kein Wendepunkt dieser Geschichte, sondern eine Fortsetzung derselben Erzählung von imperialistischen Konflikten,

die auf dem Rücken kleiner Länder ausgetragen werden. Die Berichterstattung über ihn, ja sogar sein Mord hat als politisches Resultat hauptsächlich die Ablenkung vom Aufstand im Irak und im Ganzen Mittleren Osten zur Folge. Aber das war doch klart, Lieber kündigen die Herrschenden den Untergang unserer Welt an als den ihrer eigenen.

Das neue Irak Is there enough words that can say How deeply Baghdad is burning today? And it‘s not about pity, hands out or sympathy It‘s about pride, respect, honour and dignity Die Hauptstadt des Iraks ist Bagdad, der Hauptplatz Bagdads ist Maidan at-Tahrir, der Platz der Befreiung. Seitdem dieser Platz am 1. Oktober zum Ausgangspunkt eines multiethnischen und multikonfessionellen sozialen Massenaufstands gegen die Regierung und den ausländischen Einfluss wurde, entsteht hier täglich trotz blutigen Repressionen und hunderten Toten eine neue Macht, ein neues Irak: „Self-organizaton is crucial. Protestors have organized traifc on the streets: There are two streets for Tuktuk drivers and a pedestrian street. At the liberaton square itself, dozens of tents are visible, where people from different neighborhoods, leftist actvists, delegations from various cities and regions, unions of teachers, doctors and lawyers all have space for self-organizing. Politcal parties are not visible. In the tents, there is medical equipment, helmets, and water. Here, people cook together, discussing and spreading the news from the local radio station.“ Wie der Tahrir-Platz auf die Ermordung Soleimanis reagierte? Genauso wie die Werktätgen unterschiedlichster Ethnien und Konfessionen in den Provinzen des Landes, mit der Parole „Weder Amerika noch Iran! Diese Revolution ist eine junge Revolution!!“ Die Fahrer der Tuktuk-Gewerkschaf verwandeln am Tahrir-Platz die entwürdigende Zugehörigkeit zu den armen Werktätigen in Klassenbewusst und Klassenstolz. INTERNATIONAL | 13


Die Frauen trotzen ihren Familien und brechen am Tahrir-Platz mit dem Tabu ihrer Beteiligung an Politik und am öffentlichen Leben. Unterdrückte Minderheiten kämpfen mitten in Bagdad in aller Öffentlichkeit für ihre Rechte. Emma Goldmann meinte mal Love is free; it can dwell in no other atmosphere. Der Tahrir-Platz bestätigt, dass dies auch für die Verschwisterung der Unterdrückten gilt.

che des Klassenkampfes verschwunden sind? Inwieweit haben wir nach dem gescheiterten Putschversuch am 15. Juli 2016 wirklich das Vertrauen in die türkische Arbeiter*innenklasse behalten? Wir brauchen nicht so weit weg zu gehen: Wer würde für die sozialistische Revolution, für die Arbeiter*innenklasse in Deutschland wirklich die Hand ins Feuer legen?

Es stimmt also der Irak brennt. Aber dieses Mal setzt er sich selbst in Brand, gegen Imperialismus und Kolonialismus, gegen Korruption und Machtmissbrauch, gegen Frauenunterdrückung, gegen Arbeitslosigkeit und Ausbeutung, gegen das alte Irak, das unbedingt sterben muss, koste es was es wolle, damit an seiner Stelle das neue Irak entsteht. Dort, wo der Staat Massaker durchführt, tanzen zehn Minuten später junge Frauen ihren Freiheitstanz.

Der Irak und wir Für mich und viele andere Jugendliche war nicht die Finanzkrise, sondern der Irak der Auslöser eines Prozesses, der zu einer Generation der Aufstände führen sollte. Es reicht zu erwähnen, dass 2003 alleine in Hamburg 20.000 Schüler*innen gegen den Irakkrieg in den Streik gingen und hunderte Jugendliche vor dem US-amerikanischen Generalkonsulat den Wasserwerfern und Schlagstöcken entgegentraten. Ich glaube, dass wir heute wieder vom Irak lernen können und möchte mir selbstkritisch die Frage stellen, ob ich schon immer dasselbe Ver- I remember when I was growing up trauen in die Völker des Iraks gehegt habe. In- If my mother got angry or frustrated with me wieweit haben wir uns als Revolutionär*innen She’d say: “Oy shked helwa el horiya” von der Süddeutschen Zeitung unterschieden And the basic translaton of that und uns die Zukunft der Unterdrückten des Is “Oh, how beautiful is freedom”. Iraks anders vorgestellt als „eine furchtbare Zeit der Unberechenbarkeit, der Gewalt und Aus Cradle of Civilisaton vom irakisch-britischen des Zerfalls.“? Und gilt es nicht, dieselbe Über- Aktivist und Rapper Lowkey (Kareem Denis). legung – in abgewandelter Form – auch für Carlos Manoukian andere Unterdrückten aufzustellen, etwa für die osteuropäischen Völker, die seit dem Ende des „Realsozialismus“ scheinbar von der Bildflä-

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GUNDIS UND ISLAM Mir ist zuerst in Dersim aufgefallen, dass es allerorts in Kurdistan Elemente im Stadtbild gibt, die auf ihre ganze Art außerirdisch zu sein scheinen! In Dersim waren das der Busbahnhof, die Moschee und der Karakol (Militärstützpunkt). Sie lagen allesamt direkt beieinander an einem abgelegenen Hügel im Stadtzentrum. Es schien, eine unbekannte Person hätte sie vom Himmel aus an diesem Ort abgesetzt! Diese Person war wohl der türkische Staat… In dieser Stadt Dersim waren allenfalls Reisende vom Busbahnhof oder fremdländische Soldat*innen in diese Moschee gegangen; denn der Islam war in Dersim ebenso fremd wie diese Leute selbst. Insofern scheint es vernünftig, alle diese fremden Elemente beisammen zu haben. Eine weitere Gemeinsamkeit ist eben, dass sowohl Moschee als auch Karakol als staatliche Institutionen dort ihren Platz haben. Der Staat hat sie gebaut, und ihm dienen sie. Tatsächlich könnten dessen Diener*innen genauso gut außerirdisch sein. Um mit ihnen zu interagieren, halten sich die einheimischen

Kurd*innen an erlernte Kommunikations-Codes: Unter anderem eine Sprache (Türkisch), die zur Kommunikation mit den Staatsdiener*innen genutzt wird. Diese Sprache ist so unförmig und fremd für die einheimische Zunge, dass sie im Alltag kaum zu gebrauchen ist! Sie wird allenfalls unter extremer Verzerrung ihrer Aussprache im Alltag gebraucht. So wird der Name des nach einem islamischen Märtyrer zwangsumbenannten Dorfes „Molla Ömer“, alltagssprachlich als „Mello mer“ ausgesprochen. Um die breite kurdische Bevölkerung an die türkische Sprache zu gewöhnen, werden alle Kinder zwischen 6 und 12 Jahren unter Schulpflicht gestellt. Sie werden täglich aus ihren Dörfern abgeholt; in Bussen, zur Dorfschule gebracht. Die Dorfschulen stehen in den ländlichen Gebieten abgelegen auf einem umzäunten Gelände, zusammen mit einem Karakol. Offenbar wurden auch die Schulen, zusammen mit Karakol und Moscheen, von der selben fremden Macht dort abgestellt... Berivan, Duisburg

KOLLEKTIV ARTIKEL | 15




POLIZEILICHE REPRESSIONEN GEGEN JUGENDLICHE FFF-AKTIVIST*INNEN Dass die Polizei gerne gegen linke Bewegungen austeilt ist kein Geheimnis. Sowohl körperliche Übergriffe als auch rechtliche Konsequenzen gegen Aktivist*innen des linken Spektrums sind keine Seltenheit. Diese Repressionen erstrecken sich auch über die Aktivist*innen der Fridays for Future Bewegung: Überall auf der Welt kommt es bereits seit Monaten zu Repressionen verschiedenster Art gegen jugendliche Aktivist*innen. Von körperlicher Gewalt über Einschüchterungen bis hin zu tatsächlichen Anklagen ist alles vertreten. Auch ist die tatsächliche Menge an Repressionen wahrscheinlich deutlich höher als uns selbst bewusst ist, da viele Fälle nirgendwo öffentlich kommuniziert werden. Die Polizei verleumdet viele der Fälle oder bemüht sich, diese aktiv aus der Presse rauszuhalten. Bereits im letzten Jahr gab es einen Vorfall in Wien, wo einem jugendlichen Aktivisten bei einer Sitzblockade der Mittelhandknochen gebrochen wurde. In Italien wurde eine Aktivistin von der Polizei über den Boden geschleift. In Frankreich wurde Pfefferspray gegen eine friedliche Blockade eingesetzt. In Russland wurde ein Aktivist für 6 Tage eingesperrt. In den USA wurde ebenfalls ein Mädchen eingesperrt. Im Iran und in Chile 18 | REPRESSION

kam es zu mehreren Todesfällen. Auch in Deutschland gab es mehrere Fälle von körperlichen Übergriffen und aktiven Einschüchterungen/Bedrohungen gegen Aktivist*innen. In einigen Städten lässt sich auch eine bestimmte Vorgehensweise bei den Repressionen beobachten: Zu Beginn richteten sich die Repressionen primär gegen die Organisator*innen, mittlerweile kommt es vermehrt zu Fällen wo einzelne, vor allem jüngere Aktivist*innen, massiv eingeschüchtert und bedroht werden. In Frankfurt am Main beispielsweise kam es erst am 29.11. zu einem Fall, wo ein 15-jähriger Aktivist nach Beendigung aller Aktionen von knapp 20 Polizeibeamten festgehalten, in eine Seitengasse gezerrt und dort eine knappe Stunde verhört wurde. Es wurden Aufnahmen von Polizeigewalt gelöscht und Fotos aufgenommen, bei welchen er gezwungen wurde, sich zu vermummen. Auch drohten die Beamten, dass er, sollte er sich je wieder auf einer „linksextremistischen Demonstration/Aktion“ blicken lassen, ernsthafte Probleme bekommen würde, und er nun ein registrierter Linksextremist sei. Es muss davon ausgegangen werden, dass die Polizei in einigen Orten/Nationen aktiv gegen die


Bewegung vorgeht. Dies passiert nicht nur in Staaten, welche für die Unterdrückung ihrer Bevölkerung bekannt sind. Auch in Deutschland müssen wir, zumindest in einigen Orten, davon ausgehen, dass mindestens bei Teilen der Polizei ein Interesse daran gibt, aktiv gegen Fridays for Future vorzugehen. Aus welchen Gründen das stattfindet kann nur vermutet werden. Es lässt sich vermuten, dass vor allem die rechten Strukturen in der Polizei ein aktives Interesse daran haben der Bewegung zu schaden, zumal es bekannt ist, dass bei den bereits beschriebenen Fällen zum Teil für ihre rechten Tendenzen bekannte Einheiten beteiligt waren. Ob dort eine bundesweite Vorgehensweise gegen die

Bewegung existiert, lässt sich nur spekulieren. Wir müssen wachsam bleiben, und bei jeglichen Anzeichen solcher Strukturen reagieren. Aber dieses Repressionen sind kein Grund die Aktionen der Bewegung einzuschränken. Fridays for Future darf sich nicht den Repressionen der Polizei beugen, sondern muss sich standhaft zeigen, und an ihren Protesten festhalten. Der Kampf für Klimagerechtigkeit muss weitergehen. Und dieser darf nicht nach den Regeln der Polizei geführt werden, sondern mit allen notwendigen Mittel. Dafür müssen im Zweifel auch rechtliche Grenzen überschritten werden. Solidarität gegen Repressionen! FFF-Aktivist*in

EIN SCHRITT WEITER Ansätze für die notwendigige Weiterentwicklung der Bewegung Am 22. September kündigten wir (Sarah von FFF-Frankfurt a.M. und Carlos von FFF Berlin) den Beginn unseres einwöchigen Hungerstreiks an, der am Aktionstag am 29. November zu Ende ging. Wir stellten klare politische Forderungen an die Bundesregierung: 1. Rücknahme des Klimapakets und Umsetzung der Forderungen von Fridays for Future (inklusive der Forderungen an der Basis). 2. Politisches Streikrecht für alle. 3. Offene Verurteilung des Krieges der Türkei in Rojava und der Aufstandsbekämpfung in Chile, sowie eine umfassende Einstellung sämtlicher Rüstungsexporte in die Türkei. Auch wenn es für uns ein wichtiges Anliegen war, die „klimapolitischen“ Forderungen (im engen, asozialen Sinn) durch Forderungen aus der Basis der Bewegung, aus dem Energiesektor und aus dem globalen Süden zu ergänzen – war das nicht das Hauptziel unserer Aktion.

liefern. Statt zu Hause oder vor dem Bundestag mit einem Schild herumzusitzen, waren wir eine Woche lang trotz des Hungerstreiks bei jeder Aktion in unserer Stadt dabei – auch bei Aktivitäten zu Rojava, zu Chile, beim Tag gegen Gewalt an Frauen, usw. Wir haben durch unsere Aktion bewusst unsere eigenen Grenzen gebrochen, um eine Debatte über die Grenzen der Bewegung und ihre Überwindung anzustoßen. Damit knüpften wir an die aktuelle Suche nach neuen Aktionsformen und nach einer neuen Strategie für die Bewegung an, denn es ist mittlerweile Konsens, dass das Aktionsniveau gesteigert werden muss und dass das politische Vorgehen gegenüber dem Staat bisher erfolglos war.

Wir bedanken uns bei LCM für die Möglichkeit, zumindest in Ansätzen unsere Überlegungen als revolutionäre FFF-Aktivist*innen mit dem Rest der radikalen Linken zu teilen. Die herannahende Strategiedebatte innerhalb von FFF muss dringend in das Gedächtnis der ganzen Vor allem wollten wir die Tür für die Erarbei- revolutionären Bewegung rücken – und es tung einer revolutionären Strategie für die Be- muss klar werden, dass Schreibtischkritik von wegung öffnen und dafür praktische Ansätze außen nicht reicht. UMWELT | 19


Was bisher geschah... Schon im Vorfeld an den globalen Klimastreik am 15. März teilte sich die Bewegung über die Herangehensweise an die Bundesregierung in zwei politische Strömungen, was in der Gründung der antikapitalistischen Plattform Change for Future zu dieser Zeit zum Ausdruck kam. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob es überhaupt möglich ist, den deutschen Staat zu einer Institution zu reformieren, die die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens praktisch bewältigen kann (und will). Diese Frage wurde vor allem im Rahmen der Erarbeitung bundesweiter Forderungen relevant, wo wir uns die Frage stellten, was systemsprengende Forderungen sind und ob wir sie stellen sollten oder nicht – was auch innerhalb der antikapitalistischen Plattform umstritten war. Begriffe wie Enteignung und Vergesellschaftung tauchten erstmals auf. Durch diese Diskussion wurden zum ersten Mal Forderungen von außerhalb, insbesondere von den Kohlearbeiter*innen und aus dem globalen Süden in die Bewegung hineingetragen. Hieraus entwickelte sich bald die Diskussion über die gesellschaftliche Ausweitung der politischen Streiks. Neben der Forderung nach einem politischen Streikrecht für alle tauchte der Generalstreik als anzustrebendes Aktionsziel auf. Bundesweit sollte die Diskussion, wie wir denn überhaupt zum Generalstreik gelangen, bzw. wie wir andere gesellschaftliche Gruppen für den politischen Streik gewinnen können, erst im Rahmen der Vorbereitung auf den Klimastreik am 20. September geführt werden. Bei der Streikdebatte ging es übrigens nicht nur um eine Ausweitung auf andere gesellschaftliche Gruppen: In unzähligen Ortsgruppen wurden Streikkonzepte verfasst, in denen nicht mehr nur Schüler*innen, sondern jetzt auch Studierende Antworten auf die Frage suchten, wie und wozu sie die Freizeit und den Freiraum, der durch den Streik freigekämpft worden war, am effektivsten ausnutzen könnten. Drei Weiterentwicklungen des Streiks wurden in dieser Zeit an der Basis der Bewegung erfolgreich erprobt: 1. Die Kombination des politischen Streiks mit einer anderen direkten Aktion, z.B. mit der Besetzung von staatlichen Einrichtungen oder Straßenblockaden. 2. Die Umwandlung der Streiks in Bildungsorte, wo Workshops, Diskussionen, etc. organisiert werden – sozusagen die Vorgängerin der Public Climate School. 3. Die politische Verknüpfung des Streiks mit anderen klimapolitischen und allgemeinpolitischen Themen aus der Region oder aus anderen Ländern, z.B. Streiks für die Erhaltung bestimmter städtischer Grünflächen oder die bundesweiten #FridaysforPeace-Streiks für Rojava. Auf Bundesebene wurden auch Weiterentwicklungen der Streiks versucht. Dabei ging es nicht nur um die Harmonisierung der bundesweiten Aktionen (etwa

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bundesweit eine Public Climate School durchzuführen), sondern auch darum, den Streik räumlich und zeitlich zu konzentrieren. Räumlich etwa durch regionale, bundes- und europaweite zentrale Streikorte, wie etwa der Streik in Aachen am 21. Juni. Zeitlich durch die politische Wiederholung von Großstreiks an mehrere Monate zuvor festgelegten Terminen – was zu einer Vernachlässigung der lokalen Wochenstreiks führte. Hinter dieser Kräftekonzentration lag und liegt weiterhin die fatale Vorstellung, dass Megaevents den „politischen Druck“ von regelmäßigen Streiks, von kontinuierlicher Organisierung der Streikenden an ihren Lebensorten ersetzen und übersteigern kann, sowie die allgemeine Unterschätzung der Wichtigkeit von Selbstorganisierung. Die geplante Mega-Bürgerversammlung im Berliner Olympiastadion ist also nicht vom Himmel gefallen, sondern sie ist die notwendige Folge einer Entwicklung, die schon seit Monaten anhält und die sich stärkt, je empfänglicher die Bewegung für die Integrationsversuche von Staat, Medien, Konzerne, bürgerlichen Parteien, bürgerlichen NGOs, etc. wird. Diese Integrationsversuche bildeten die Grundlage dafür, dass die Spitze der Bewegung Selbstorganisierung und demokratische Strukturen immer mehr als ein Hindernis sah, bis sie letztendlich die Basis am liebsten auf eine bloße „Crowd“ umfunktionalisiert sehen wollte, die bloß unterschreibt, klatscht, mitläuft, spendet und dann nach Hause geht. „Strategie für alle!“ Nach den Beobachtungen, die wir oben ausgeführt haben, ist es kein Wunder, dass die Forderung nach einer breiten Beteiligung an der Strategiedebatte sich immer hörbarer macht. Dass die Bundesebene es eilig hat, die Strategiedebatte auf obere Instanzen zu isolieren, um einen Flächenbrand zu verhindern, wundert auch nicht. Aber auch wenn diese Forderung, sowie jede andere Forderung nach Demokratisierung, unterstützt werden muss, möchten wir davor warnen, aus ihr einen falschen Universalismus abzuleiten, a la „Wir wollen doch alle die Klimakrise bewältigen“. Denn einen anderen gemeinsamen Nenner hat FFF Deutschland nicht. Die einen geben sich mit einem neoliberalen Kohleausstieg auf Kosten der Werktätigen zufrieden, die anderen wollen keine CO2-Steuer, die sich an die Werktätigen richtet, scheren sich aber nicht für die Millionen, die im globalen Süden der direkten und indirekten Umweltzerstörung deutscher Konzerne und des deutschen Staates ausgesetzt sind, etc. Sogar wenn einer Diskussion über Strategie einen demokratischen Rahmen gesetzt wäre (was zur Zeit wohl kaum der Fall sein wird), wäre eine einheitliche Strategie nicht möglich, solange eine der Strömungen nicht ihr Ziel aufgibt. Und zwar nicht, weil nicht alle mit uns bis zur klassenlosen Gesellschaft mitlaufen wollen, sondern allein schon deswegen, weil 1. die ökologische Krise für die gewaltige Mehrheit


der Weltbevölkerung untrennbar mit ihrer sozialen Ausbeutung und Unterdrückung verbunden ist, sie also nicht mal für einen asozialen und armenfeindlichen Klimaschutz kämpfen könnten, wenn sie es wollten, und 2. weil eine einheitliche Herangehensweise der ganzen Bewegung an den Staat, an bürgerliche politische Parteien, etc. auch heute nicht möglich ist, solange die einen in ihm Karriere machen wollen und die anderen ihn abschaffen wollen. Daraus dürfen wir nicht ableiten, dass jede taktische Zusammenarbeit mit dem bürgerlichen Lager in der Bewegung unmöglich ist – sogar, wenn sie dasselbe über uns ableiten sollten. Aber ohne die demokratische Erarbeitung einer eigenen, allgemeinen (!) Strategie zur Überwindung der Klimakrise der antikapitalistischen Kräfte bei FFF im Besonderen und der radikalen Linken im Allgemeinen wird jeder Zusammenarbeit, jedem Konsens zwischen uns und dem bürgerlichen Lager die klare Richtung und der lange Atem fehlen. Power to the People Als die Bundesregierung ihr neues Klimapaket verabschiedete, wurde im liberalen Lager der Bewegung die Forderung nach einem Regierungswechsel und nach Neuwahlen laut. Auch wenn wir jeden Versuch der Instrumentalisierung zugunsten einer Regierung mit grüner Beteiligung unbedingt verhindern sollten, sollten wir – zumindest sehen wir das so – als Revolutionär*innen die Forderung nach einem „Regierungsrücktritt“, bzw. nach dem Ende der GroKo prinzipiell unterstützen – und es mit der Perspektive des Systemwechsels koppeln. Wir müssen den umweltpolitischen Aspekt der „Krise der repräsentativen Demokratie“, wie sie sogar von Luisa Neubauer zugegeben wird, hervorheben und klarmachen, dass nicht nur die kapitalistische Produktion, sondern auch die kapitalistischen Staaten überall auf der Welt heute ein Hindernis für die Bewältigung der Klimakrise darstellen. Insofern sollten wir das Auftauchen neuer faschistischer Tyrannen nicht ausschließlich auf soziale Widersprüche zurückführen: Bolsonaro und Co. sind die faschistische Antwort der Herrschenden auf die Unfähigkeit der repräsentativen Demokratie, unter den Bedingungen einer sich vertiefenden sozial-ökologischen Krise weiter business as usual zu machen. In einer Zeit, in der die Herrschenden militärische Invasionen wie in Rojava anfangen und in Lateinamerika überall Aufstandsbekämpfung auf der Tagesordnung steht, sollten wir uns vielleicht fragen, ob wir die Klimakrise genauso als Machtkrise betrachten wie es richtigerweise die Herrschenden tun. Sind wir als radikale Linke – bewusst oder unbewusst – nicht genauso der Illusion verfallen, die Klimakrise lasse sich wie jeder andere Lohnkampf mit der Erhöhung von politischem Druck lösen? Jede Strategie – egal ob aus dem traditionell sozialdemokratischen Lager oder aus der tiefsten Szene – die nicht auf die politische

Macht der Unterdrückten abzielt und jeden noch so tagespolitischen Schritt nach diesem Ziel orientiert, kann unserer Meinung nach als Strategie für die Lösung der Klimakrise nicht ernst genommen werden. Wir schämen uns nicht: Wir müssen den Rat neu erfinden, über Rätedemokratie sprechen und wie wir dahin kommen. Vorschläge für eine revolutionäre Strategie 1. Umweltschutz von unten Revolutionärer Umweltschutz ist nur dort möglich, wo die Unterdrückten in ihrer Vielfalt als revolutionäre Subjekte der ökologischen Frage anerkannt werden als die einzigen, die wirklich in der Lage sind, die Klimakrise zu lösen - und ihre politische Macht in der Praxis angestrebt wird. (Das mag für den einen oder anderen einleuchtend erscheinen, aber da möchten wir uns die Frage erlauben, warum so viele Linke beleuchtet vor sich hinvegetieren, während es in der Bewegung so dunkel aussieht.) Dabei ist es uns wichtig, die führende Rolle der Frauen*, der Kinder und Jugendlichen, der Behinderten, Migrant*innen und Refugees, sowie der Unterdrückten im globalen Süden und in besonders betroffenen Regionen der „ersten Welt“ hervorzuheben, die auf spezielle Weise von der Umweltzerstörung betroffen sind und heute schon in der Klimagerechtigkeitsbewegung eine führende Rolle einnehmen – und das trotz der mannigfaltigen Formen sozialer Ausgrenzung, wie etwa an der niedrigen PoC-Quote sichtbar wird und die beispielhaft in der Kritik „Dekolonisiert euch!“ des Bloque Latinoamericano an Fridays for Future zusammengefasst sind. 2. Radikale Demokratisierung der Bewegung Während der Erarbeitung des Strukturpapiers, nach dem sich heute die ganze Deutschlandorganisation der Bewegung richtet, war die Organisationsstruktur des deutschen Staates eine der Inspirationsquellen. Dadurch wurden genau die Strukturen, die es überhaupt erst möglich machten, dass wir trotz klarer gesellschaftlicher Ablehnung in die Klimakrise hinein geritten werden konnten, in der Bewegung reproduziert. Wir glauben, dass wir im Namen von vielen linken Aktivist*innen innerhalb der Bewegung sprechen, wenn wir aus den unzähligen Versuchen, die Bewegung zu demokratisieren, den Schluss ziehen, dass die Strukturen der Bewegung sich nicht durch Diskussionen und Überzeugung der Gegenseite verändern lassen und dass wir stattdessen an der Basis, ihrem Bewusstsein und ihrer Aktionsbereitschaft ansetzen und in Absprache (!) mit ihnen eine eigene Praxis auf der Grundlage von demokratischer Mitbestimmung und Selbstorganisierung entwickeln sollten.

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3. Integrationsversuche entwaffnen Oben hatten wir die verheerenden Folgen der Integrationsversuche bürgerlicher Institutionen beschrieben. Neben einigen politischen Positionen, die wir in Bezug auf die einzelnen Akteur*innen erläutern wollen, wollen wir zumindest im Allgemeinen über organisatorische Abwehrmechanismen sprechen, die uns in die Lage versetzen, Bestechungen jeglicher Art zuvorzukommen. Ein wichtiger Grundsatz ist, dass Aktivismus kein Job ist und niemand dafür bezahlt werden sollte. Eine Sache ist die Rückerstattung von Bahntickets – was ganz anderes sind Honorare und Aufwandsentschädigung. Wir sehen kein Grund, warum dieses Geld nicht wie jede andere Spende aufgefasst und kollektiviert und demokratisch verwaltet werden sollte. Schwieriger wird es bei dem ganzen „Fame“, das wir zur Zeit abbekommen. Auch unter Linken haben wir die Auffassung gehört es sei egal, wer wie oft wo redet, solange „das Richtige“ gesagt wird. Diese Kritik an der Pressearbeit scheint uns verkürzt und durch den krassen Personenkult um eine handvoll Personen herum eigentlich seit langem entkräftet. Auch mediale Aufmerksamkeit sollte als kollektive Ressource der Bewegung begriffen werden und nicht nur im Hinblick auf die Meinungsverschiedenheiten, sondern auch auf die vielen marginalisierten Subjekte innerhalb der Bewegung gerecht verteilt werden. Wir sind uns sicher: der politische Gewinn einer solchen Öffentlichkeitsarbeit ist unendlich höher als jeder mediale „politische“ Verlust. I. Bürgerlicher Staat Wir plädieren nicht dafür, mit dem Staat (und mit anderen bürgerlichen Akteur*innen) nicht mehr zu reden, aus Angst, der Staat könnte uns integrieren. Aber zu einer revolutionären Strategie gehört eine deutliche politische Distanzierung vom Staat – und da sieht es nicht nur bei FFF, sondern auch bei anderen Teilen der Klimagerechtigkeitsbewegung düster aus. Wir denken, mit dem Staat sollten wir nur dann reden, wenn wir 1. keine andere Wahl haben als von ihm etwas zu fordern, 2. wir hinter unseren Forderungen auch echte Organisierung der Unterdrückten und Bereitschaft, für die Forderungen zu kämpfen haben und 3. der Staat überhaupt in der Lage ist, unsere Forderungen zu erfüllen. Jedes Gespräch mit dem Staat sollte als Auseinandersetzung, als Machtprobe und Ausdruck von Kräfteverhältnissen, statt als Konsensfindung zwischen zwei an einer Lösung interessierten Parteien begriffen werden. II. Die bürgerlichen Parteien Wir möchten uns hier gegen eine unpolitische Lösung der Parteienfrage aussprechen, von wegen

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„wir mischen uns nicht in Parteipolitik“. Der Sieg der Grünen bei der Europawahl ist unseres Erachtens ein klares Ergebnis dieses Ansatzes, bei dem unter dem Deckmantel der Parteilosigkeit das Betreiben von bürgerlicher Parteipolitik vorangetrieben und eine Instrumentalisierung der Bewegung erst recht ermöglicht wird. Im Gegenteil sollten wir Parteien – wie auch „überparteiliche“ Organisationen – an ihrem politischen Handeln messen, wie es die Kölner Ortsgruppe von Fridays for Future mit ihrer Distanzierung von den Grünen vorgemacht hat. Auch hier brauchen wir als radikale Linke in der Bewegung von niemandem um Erlaubnis bitten: Wir sollten unsere umweltpolitische Kritik an allen bürgerlichen Parteien aktiv in die Öffentlichkeit tragen, statt auf „unpolitische“ Argumentationen im Sinne des Burgfriedens zu setzen, bei denen wir letzten Endes trotzdem immer den Kürzeren ziehen. III. Konzerne Wir sollten die Annäherungsversuche von Konzernen sabotieren, in denen wir uns mit den Arbeitskämpfen der Werktätigen (die meistens wir selber sind oder unsere Eltern) solidarisieren und uns neben den Räten auch die Parole der Vergesellschaftung zu eigen machen, wir es andere Teile der Klimagerechtigkeitsbewegung heute schon tun. Wer dann noch Spenden will: immer her damit, solange es an die Kasse der Bewegung geht und diese kollektiv und in Absprache mit den Ortsgruppen verwaltet wird. 4. Ein Schritt weiter! Die einzige Art, wie wir das Abebben der Bewegung aufhalten und einen Schritt weiter gehen können, ist, wenn wir heute unsere Grenzen aufbrechen. Wir denken, dass nicht nur wir bei FFF, sondern die radikale Linke allgemein diese Erkenntnis dringend verinnerlichen sollte. Konkret möchten wir auf die Diskussion über die Rolle bestimmter Aktionsformen innerhalb unserer Strategie eingehen und drei Vorschläge machen. I. Den Generalstreik ausschöpfen Obwohl seit Monaten vom Generalstreik die Rede ist und der Begriff benutzt wurde, um den 20. September zu bezeichnen, haben wir zu keinem Zeitpunkt die Qualität eines Generalstreiks erreicht. Eine wesentliche Schuld daran ist unsere engstirnige und asoziale Auffassung von Klimapolitik, die uns von allen anderen gesellschaftlichen Subjekten und ihren Kämpfen isoliert. Bisher war unser Beitrag als revolutionärer Flügel innerhalb von FFF überhaupt erst den Kontakt zu anderen Gruppen zu suchen. Dabei gingen wir leider häufig genauso oberflächlich an andere gesellschaftliche Subjekte heran, wie sie an uns. Etwa bei den Arbeiter*innen: Während unzählige Gespräche mit dem DGB-Chef geführt wurden, gab es so gut


wie keinen Versuch einer direkten Kontaktaufnahme mit Werktätigen vor ihren Arbeitsplätzen. Bei den Flüchtlingsheimen, Jugendheimen, Frauen*Streikbündnissen, etc. sieht es nicht anders aus. Daher schlagen wir vor, die Gespräche mit offiziellen Instanzen immer auch durch Kontaktsuche an der Basis zu ergänzen und das Schwergewicht auf letzteres zu verschieben. Außerdem möchten wir vor einer Überschätzung des Generalstreiks warnen. Wir haben manchmal den Eindruck, als stellten viele Genoss*innen den Generalstreik vor Euphorie mit der Revolution gleich. Die aktuellen Erfahrungen in Frankreich – sowie alle revolutionären Erfahrungen der letzten paar Jahrhunderte, übrigens – zeigen uns, dass ein Generalstreik ohne Aufstand (und zwar nicht a la friedliche Wende, sondern a la Rojava, Petrograd, Barcelona, etc.) nie zum Fall einer herrschenden Klasse geführt hat. II. Den zivilen Ungehorsam ergänzen Diese Lücke lässt sich auch nicht durch zivilem Ungehorsam schließen (und auch in der radikalen Linken beliebte Modelle wie der Metropolenstreik können nicht weiterhelfen, wenn sie den Generalstreik nur durch zivilen Ungehorsam an den „richtigen Stellen“ ergänzt sehen wollen). Wir stellen immer wieder fest, wie der Aktionskonsens eines Teils der Bewegung – dessen Daseinsberechtigung wir weder heute noch am Tag der Revolution in Frage stellen – zum strategischen oder sogar moralischen Rahmen unserer Aktionsformen stilisiert wird. Wir halten die kategorische Ablehnung nicht-ziviler Aktionen – unabhängig von der Begründung – nicht nur für strategisch falsch, sondern für das Ergebnis mangelnder Erfahrungen der Bewegung mit Angriffen des Staates. Während FFF Chile die „Primera Linea“ (die erste Reihe) in den Straßenkämpfen mit der Polizei und FFF Rojava die vorderste Front im Widerstand gegen den türkischen Angriff auf die ökologische Rojava-Revolution aktiv unterstützt, kriminalisiert und verflucht ein Großteil der deutschen Klimagerechtigkeitsbewegung aus einer privilegierten Position heraus jegliche Form von nichtzivilem Widerstand. Im Besten Fall werden nicht-zivile Aktionen in den globalen Süden „geoursourced“ - so nach dem Motto: „Wir finden das richtig, aber doch bitte nicht hier“. Ziviler Ungehorsam ist weder als strategischer noch als taktischer Rahmen zu gebrauchen, denn auch heute sind viele nicht-zivile Aktionen praktisch möglich und politisch legitim – und das auch in Deutschland. Wir schlagen als allgemeine Taktik den alten Begriff der aktiven Verteidigung vor, weil wir der Meinung sind, dass wir damit sowohl das aktuelle Kräfteverhältnis zwischen dem Staat und uns, wie auch eine gerechte Einordnung der einzelnen Aktionsformen (inklusive zivilem Ungehorsam) innerhalb der Gesamtstrategie klar auf den Punkt bringen.

III. Von der Forderung zum Beschluss. Die Krise des Kapitalismus ist auch eine Krise seiner Macht. Da das Kräfteverhältnis auch mal zu unserem Gunsten fällt, bieten sich für uns immer wieder Möglichkeiten, nicht nur Dinge zu fordern und für sie zu kämpfen, sondern sie einfach zu entscheiden und selber zu machen. Z.B. können Schüler*innen eine Public Climate School beschließen und sich zu diesem Zweck ihrer Schule bemächtigen. Da sie sich in ihrer Schule auskennen, können sie sogar die notwendigen Mittel (Farbe, Räume, Beamer, etc.) beschaffen – auch gegen den Willen der Schulleitung.

Uns ist bewusst, dass diesen Möglichkeiten klare Grenzen gesetzt sind. Wir können nicht einfach eine CO2-neutrale Schule beschließen, die gleichzeitig im Winter warm ist. Für alles andere müssen wir Forderungen aufstellen und um jeden Schritt kämpfen. Aber wir denken, dass wir die Kultur, kollektiv die Produktion, die Bildung, das Viertel, das Leben, etc. zu gestalten, heute schon in der ganzen Bewegung verankern müssen, wenn wir es mit Räten und Vergesellschaftung ernst meinen. Uns muss klar sein, dass die Strukturen der sozialen Bewegungen von heute die einzigen Organe sind, die die Klimakrise bewältigen können – wenn wir es wollen. Sarah und Carlos

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BEHINDERUNG IM KAPITALISMUS Über die Unterdrückungsform der Behinderung nachzudenken, wird uns ermöglichen, die Funktionsweise des Kapitalismus besser zu verstehen. Behinderung ist als Thema kaum präsent in der Gesellschaft, insbesondere im Vergleich mit anderen Diskriminierungsformen. Und das, obwohl die Behindertenbewegung in Deutschland in den 80er Jahren sehr gut organisiert war und offen Widerstand leistete, motiviert durch das UN-„Jahr der Behinderten“ 1981, das der deutsche Staat mit zahlreichen selbstdarstellerischen Veranstaltungen dazu nutzen wollte, den menschenunwürdigen Umgang mit behinderten Menschen (Pathologisierung, Infantilisierung, Abschiebung in Heime am Stadtrand, separate Transportunternehmen) zu vertuschen. Heutzutage ist das Wort „Inklusion“ in aller Munde, doch die Unterdrückung behinderter Menschen ist historisch tief verankert in der deutschen Gesellschaft. Aber was bedeutet Inklusion konkret gedacht? Ich hoffe, im Rahmen dieses Artikels zeigen zu können, dass gesamtgesellschaftliche Inklusion nur durch eine radikale Veränderung des Systems und nur im Sozialismus erreichbar ist. Es ist also unsere Pflicht als Sozialist*innen und

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Kommunist*innen, uns mit der Situation behinderter Menschen zu beschäftigen und an ihrer Befreiung mitzuwirken. Inklusion ist zu einem Modewort geworden, das sich verschiedene kapitalistische Unternehmen auf die Fahnen schreiben, um Profit zu machen. Ausbeutung von Behinderten Ein behinderter Mensch ist im Kapitalismus nur dann wert, inkludiert zu werden, wenn er*sie einem Unternehmen Profit erbringen kann, das heißt produktiv und ausbeutbar ist. Es gibt zwei Methoden, behinderte Menschen auszubeuten, und eine falsche Verwendung des Wortes „inklusiv“ kann dazu führen, dass man den Kapitalist*innen in die Hände spielt. Es gibt die Bewertung behinderter Menschen nach ihrer Verwertbarkeit, Beispiel dafür ist zum Beispiel die konkrete Anwerbung autistischer Menschen aufgrund angeblicher, auf behindertenfeindlichen Klischees basierender spezieller Begabungen, vor allem im IT-Bereich. Dann gibt es die Ausbeutung in sogenannten „Werkstätten für Menschen mit Behinderung“. Diese Menschen arbeiten meistens in von Wohlfahrtsverbänden wie der Lebenshilfe oder Bethel geleiteten Betrieben unter dem


Mindestlohn. Es ist in Deutschland legal, sie unter dem Mindestlohn zu bezahlen, da sie angeblich dort keinen Profit erwirtschaften, sondern der Staat ihnen lediglich die Möglichkeit bietet, sich zu beschäftigen. Sie leisten billige Fließbandarbeit für den Staat. Viele Unternehmen bereichern sich an ihrer Arbeit, u.a. stellen sie zum Beispiel Polizeiautos her oder bauen Kleinteile für größere Gegenstände zusammen. Häufig werden diese Produkte damit beworben, dass sie von behinderten Menschen produziert wurden, damit die Konsument*innen sich beim Kauf gut fühlen. Viele der Menschen in den Werkstätten müssen das Essen, das sie dort bekommen, zusätzlich aus eigener Tasche bezahlen. Sie können keine Betriebsräte bilden. Das Bewusstsein behinderter Menschen über ihre Unterdrückung variiert je nach sozialer Position. Da viele von ihnen aber aufgrund der genannten Situation unter sehr prekären Umständen leben, ist es für sie teilweise schwer, sich damit zu beschäftigen. Zum Teil haben die Arbeiter*innen in den Werkstätten allerdings auch große Angst, sich zu äußern, da sie entweder einen Rauswurf aus der Werkstatt oder sogar körperliche und psychische Gewalt befürchten, die in Heimen und Werkstätten zum Teil verbreitet ist, da es keine Instanz gibt, die die Betreuer*innen dort kontrolliert. Behinderung im Nationalsozialismus Die Aussonderung und Unterdrückung behinderter Menschen ist schon sehr alt. Die Nazis schufen im Kontext der „Aktion T4“, einer großen, verdeckten Ermordungsaktion an behinderten Menschen die sogenannten „??“-Schulen, aus denen sich in der Nachkriegszeit die Sonderschulen, später euphemistisch „Förderschulen“ genannt, entwickelten. In der Nazizeit dienten sie dazu, die behinderten Menschen zentral zu sammeln, um sie effizient in die Ermordungszentren (ein bekanntes gibt es in Themar) zu bringen. Durch starke Propaganda, die die Ermordung als „Gnadentod“ inszenierte und die sogenannten „Krüppel“ als schädlich für die deutsche

Wirtschaft darstellte, wurde die Bevölkerung von der Notwendigkeit und moralischen Richtigkeit dieses Vorgehens zum Teil überzeugt, auch wenn sich anfangs Widerstand in der Bevölkerung regte. Oft wurde der Mord auch als „natürlicher Tod“ inszeniert. Nachdem die Menschen entweder vergast oder mit Giftspritzen ermordet wurden, wurde der Familie oftmals die Urne mit der Anmerkung, die Person sei an einer Erkrankung plötzlich verstorben, geschickt. Die Unterdrückung zieht sich weiter Wieso gehe ich in die Nazizeit zurück in meiner Argumentation? Weil die Tendenzen der kapitalistischen Verwertungslogik immer noch bestehen und sich zum Teil wieder verstärken. Weil immer noch gegen Inklusion und für ausgrenzende „Förderschulen“ argumentiert wird mit der Aussage, dass behinderte Menschen dort „besser aufgehoben“ seien. Dabei wird häufig zwischen verschiedenen Behinderungen unterschieden. Je potentiell produktiver im kapitalistischen Sinne, das heißt ausbeutbarer, desto gesellschaftlich akzeptierter ist der Mensch. Jede Forderung nach einem Stopp der Inklusion sollte uns aufhorchen lassen. Die radikale Behindertenbewegung Widerstand gegen diese systematische Diskriminierung leistet seit den 70er-80er Jahren die Behindertenbewegung. Sie ist entstanden aus einigen marxistischen behinderten Akteur*innen, die sich, aufgerührt durch die Planung des „Jahres der Behinderten“ nicht mehr mit ihrer marginalisierten Rolle zufriedengeben wollten. Sie besetzten 1981 die Bühne der Einführungsveranstaltung dieses „Behindertenjahres“, ketteten dabei ihre Rollstühle aneinander und stellten Forderungen auf für ein Ende der Segregation. Sie unterbrachen die Reden, sie stellten ehemalige Nazis bloß, die die Veranstaltungen als politische Akteure leiteten, sie leisteten auch körperlichen Widerstand durch z.B. Schläge mit Krücken o.Ä. Danach reflektierten sie

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dem Publikum, wie infantilisierend, von oben herab sie behandelt wurden und wie wenig der Widerstand und auch ihre widerständige Gewalt ernstgenommen wurde. Aktivist*innen wurden wie Kinder „beruhigt“, schlicht von der Bühne geschoben oder zurechtgewiesen wie Kinder anstatt zum Beispiel Hausverbote o.Ä. zu bekommen. Auch jetzt noch arbeitet die Behindertenbewegung unermüdlich an der Gleichberechtigung behinderter Menschen, es besteht allerdings eine große Gefahr der Deradikalisierung durch kapitalistische Vereinnahmung der Ziele. Deswegen ist es wichtig, immer wieder zu betonen, dass wirkliche Inklusion radikale Ansprüche an unser Gesellschaftssystem erfordert. Ansonsten werden behinderte Menschen im Paradigma gefangen sein des „Opfers“ oder „Held*in“. Im Neoliberalismus wird von behinderten Menschen maximale Leistungsbereitschaft für den kapitalistischen Produktionsprozess erwartet, sie müssen sich doppelt anstrengen. Wenn sie auf gesellschaftliche Barrieren oder ihre Grenzen aufmerksam machen, sind sie „verbitterte Behinderte“. Sie sollen strahlend und ohne zu murren ihre Situation durch eigene Leistung „überwinden“, ein „guter“, das heißt leistungsfähiger Behinderte*r sein. Allerdings erwartet die Gesellschaft von ihnen auch, ein dankbares, passives Opfer zu sein, das sich nichts selbst erkämpft, leidet, nach Anerkennung strebt, sich pflegen, abschotten und bevormunden lässt von guten Nichtbehinderten, die aus Gutmütigkeit, nicht etwa aus Solidarität, ihren gesamten Alltag bestimmen oder ihnen ein erträgliches Leben ermöglichen. Man soll also auch nicht zu viel eigene Initiative zeigen, nicht zu viel Lebensfreude, Selbständigkeit, kein zu funktionierendes Sozialbeziehungs- und Arbeitsleben in Gleichberechtigung führen, nicht betonen, dass eine*n eigentlich nichts unterscheidet von Nichtbehinderten, denn diese müssen sich auch immer überlegen fühlen

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und ihre Ängste auf behinderte Menschen übertragen können. Dieses Paradigma ist nur dadurch zu lösen, dass behinderten Menschen die gleichen Rechte und Voraussetzungen als Arbeiter*innen und Menschen ermöglicht werden. Behinderungsfeindlichkeit lässt sich überall beobachten. Lasst uns aufmerksam und solidarisch sein statt bevormundend.


HIP ZUM HOP Hip-Hop entstand in den 1970er Jahren in der Bronx, in New York. Der Stadtteil war durch die Politik der Regierung und der Stadt heruntergekommen. Die Arbeitslosenquote unter schwarzen Jugendlichen lag bei bis zu 40%. Dies war auch ein Grund dafür, warum der Drogenhandel und die Kriminalität explodierten. Zu dieser Zeit begannen die ersten Discjockys (DJ) Hip-Hop-artige Musik zu produzieren, die sich oft kritisch mit dem Leben in der Bronx und der Verantwortung der Stadt auseinandersetzten. Hip-Hop war eine einfache Möglichkeit, sich oder etwas künstlerisch darzustellen und Kritiken musikalisch zu äußern. Für viele Jugendliche bot er eine Chance, dem harten Leben auf der Straße zu entkommen und an materiellen Reichtum zu gelangen. Zudem war es auch nicht schwer, Hip-Hop zu produzieren. Mit dem Bekannterwerden von Hip-Hop als Musikgenre entstand eine ganze Szene, zu der nicht nur die Musik, sondern auch ein eigener Slang, eine eigene Art sich zu kleiden, eine eigene Art zu tanzen und natürlich auch sich künstlerisch zu äußern (Grafiti) entstanden. Mit der Zeit entwickelte sich Hip-Hop weiter. Es entstanden andere Formen, wie zum Beispiel GangstaRap, in dem es damals hauptsächlich darum ging, die Kriminalität, Gewalt und Härte der Straße darzustellen. Trotzdem gab es immer auch stark politisch geprägte Künstler*innen, wie Public Enemy oder KRS-One. Hip-Hop als Musik erreichte auch schnell den europäischen

Raum. Im Jahr 1988 erreichte eine Hip-HopPlatte das erste Mal den Nummer 1-Platz in Österreich. Im deutschsprachigen Raum gibt es auch heutzutage eine weit verbreitete Hip-Hop Kultur, die stark mit der Grafitiszene zusammen hängt. Von politischem bis zu unpolitischem Hip-Hop gibt es eine breite Auswahl, die immer noch viele Jugendliche anspricht. Mit HipHop werden viele (junge) Menschen erreicht und deswegen nutzt er sich auch gut, um sie zu politisieren. Die wohl bekanntesten linken Musiker bildet das US-amerikanische Hip-Hop Duo "The Coup", bestehend aus dem Rapper Boots Riley und der DJane Pam The Funkstress. Boots selbst ist Kommunist. Die Texte antikapitalistisch. Ein gutes lokales Beispiel ist der Rapper der ehemaligen maoistischen Gruppe „Jugendwiderstand“ Taktikka, der mit seiner Single „Sehnsucht“ auf Youtube fast 100.000 Klicks hat. Für viele Menschen ist es die Musik welche am Anfang ihrer politisierung steht. Das politische Musiker*innen wie Waving the Guns, Pöbel MC, Antifamillia, Vizzion64, Disarstar oder Zynik mit ihrer Musik ihre Hörer durch ihre Texte politisieren klappt jedoch ebenso bei antideutschen Szene-Künstler*innen wie Antilopen Gang oder gar rechten Musikern. Hip-Hop bzw. Rap zu produzieren ist so einfach wie noch nie geworden und deshalb können wir auch in der Zukunf damit rechnen, dass es guten roten politischen Rap geben wird. Jannick, Kiel

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SICH NICHT AUFSAUGEN LASSEN Wie oft wir uns auch beteuern, dass wir Revolutionär*innen sind, es gibt immer wieder Momente, da fühlen wir uns nicht so. Das kann vielfältige Gründe haben und wohl niemand kann behaupten, niemals daran gedacht zu haben, wie es wäre, ein schönes, sicheres Haus mit einer glücklichen kleinen Familie und Eltern, die stolz auf eine*n sind, zu haben. Sogar eine große Revolutionärin wie Rosa Luxemburg schreibt in ihren Briefen an ihren Mann Leo Jogiches (die beiden lebten wegen der politischen Arbeit fast die ganze Zeit ihrer Beziehung in unterschiedlichen Ländern), wie sehr sie sich manchmal wünsche, einfach nur eine kleine gemeinsame Wohnung mit ihm zu haben. Wer von uns hat sich noch nie gefragt, wie schön einfach doch alles wäre, wenn wir wie unsere Mitschüler*innen, Kolleg*innen, Kommiliton*innen in diesem kleinen Kreis aus Schule, Uni, Lohnarbeit und gelegentlichem Treffen von Freund*innen, Party machen, Liebesbeziehungen und Affären umherkreisen

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würden? Wir könnten uns auf unsere eigenen kleinen Ziele beschränken und hätten oft sogar gute Chancen, darin erfolgreich zu sein und unsere Familie und Freund*innen, allen voran uns selbst, stolz zu machen. Eine Genossin erzählte mal, wie sie einen Job in einem Einkaufszentrum hatte, jeden Tag teure Geschenke über die Kasse zog, und irgendwann nicht umhin kam, diesen Leuten manchmal traurig hinterher zu sehen und sich zu fragen, warum sie niemals die Möglichkeit haben würde, ihrem Freund auch so teure Geschenke zu kaufen wie diese Menschen das für ihre Partner*innen taten. Wir dürfen die Existenz dieser Gedanken nicht verleugnen. Es bringt nichts, nach außen wie die entschlossensten Revolutionär*innen zu wirken, aber sich nach innen nur selbst aufzufressen. Die bürgerliche Gesellschaft ist ein Strom, der dich in jeder Sekunde der Schwäche


das Wichtigste, die Augen aufzumachen: wir müssen immer die Augen offen halten, besonders in den Momenten, in denen es am schwierigsten ist, in denen wir angefangen haben, uns treiben zu lassen... denn das ist das stärkste Mittel, um uns des Ursprungs unserer Überzeugungen wieder bewusst zu werden – was erwartet uns am Ende dieser Strömung? Eine Welt, die aufgebaut ist auf der Unterdrückung vieler durch wenige. Eine Welt, in der unser persönlicher Erfolg immer bedeutet, dass wir anderen nicht geholfen haben, dass wir die Ungerechtigkeiten, auf denen das System fußt, geduldet haben. Und noch mehr: ein Leben, das kaum etwas erreicht. Jedes bürgerliche Leben beginnt in einer Welt voller Unterdrückung und Ausbeutung und endet in derselben Welt. Die Art und Weise mag sich ab und an verändern, sie mag mal offensichtlicher, grausamer und dann für eine Um uns aus dem Strom der bürgerlichen kurze Phase wieder rosiger aussehen, aber Gesellschaft immer weiter zu befreien, ist nichtsdestotrotz ist das Ufer, an das uns diese weiter zieht und mit jedem gewonnenen Meter stärker wird. Je mehr wir den Komfort, die Anerkennung, einmal genossen haben, uns von den bunten Bildern der Werbungen haben beeindrucken lassen, desto schwieriger wird es, uns aus diesem Sog wieder zu befreien. Wir müssen uns eingestehen, wenn wir uns von bürgerlichen Gedanken haben hinreißen lassen, aber wir dürfen auch nicht zu hart mit uns selbst sein: wie sehr wir auch dagegen anschwimmen, wie sehr wir uns auch bemühen, den neuen Menschen in uns selbst zu formen, diese Welt macht es uns nicht leicht und wir werden immer einzelne Schritte gehen. Wir sollten Genoss*innen, die weiter entwickelt, entschlossener sind als wir, nie als Zeichen unserer eigenen Schwäche, sondern als Ansporn und als Kraft, die uns unterstützen kann, ansehen.

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Strömung zieht, vertrocknet und ohne Leben. Und selbst wenn das revolutionäre Leben manchmal voller Entbehrungen und Konflikte, voller Verurteilungen und Unverständnis sein mag, ist es ein Leben, das etwas hinterlässt. Es ist ein Leben, das aktiv dabei ist, die einzelnen Steine des Weges zu einer besseren Welt zu legen. Es ist ein Leben, das geprägt ist davon, dass wir diese bessere Welt, diese solidarische und genoss*innenschaftliche Welt, schon im Umgang untereinander und mit uns selbst aufzubauen. In manchen Momenten, in denen wir das Gefühl haben, dass unsere Bemühungen im Sande verrinnen würden, dass wir vielleicht doch lieber einen einfacheren Weg nehmen sollten, hilft es, unser Leben von weiter weg zu betrachten: was haben wir geschafft in der letzten Zeit? Was waren unsere Ziele? Was haben wir nicht geschafft?Was sind unsere Wünsche für die Zukunft? Und warum das alles? Wir können alle diese Punkte aufteilen in politische und bürgerliche. Wenn

wir das sehen, sehen wir, wo wir stehen: wie viel sind unsere bürgerlichen Ziele wirklich wert? Was versprechen wir uns davon? Und auf der anderen Seite: was haben wir an revolutionärer Arbeit geleistet in der letzten Zeit? Wie sehr waren wir wirklich mit dem Herz bei der Sache? Woher stammen letztlich unsere kommunistischen Überzeugungen? Die Genossin aus dem Einkaufszentrum brauchte nicht lange darüber nachzudenken, warum sie ihrem Freund keine teuren Geschenke kaufte. In einer revolutionären Beziehung erwartest du nicht, dass viel Geld darein investiert wird, sondern dass die Liebe selbst aufrichtig und ausreichend ist. Und in einem revolutionären Leben weißt du, dass ein teures Geschenk nur wie eine Droge darüber hinwegtäuscht, wie hohl das bürgerliche Leben eigentlich ist. Und wie viele Geschenke uns das Revolutionärsein bringt, wenn auch keine materiellen.

"Um etwas zu tun, muss man es sehr lieben. Um etwas sehr zu lieben, muss man bis zur Verrücktheit daran glauben." CHE GUEVARA

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Die Rojava-Revolution ist der Punkt, an dem sich die Hoffnungen der Linken in der ganzen Welt entzünden. Sie ist der praktische Beweis, dass es organisierten Kampf doch gibt und, besonders, dass er doch gewinnen kann. Doch was macht diese Revolution wirklich aus? In ihrem Buch beschreibt die sozialistische Journalistin Arzu Demir die verschiedenen Teile und Hintergründe der Revolution in Rojava. Auf eine sehr anschauliche und oft auch sehr persönliche Art und Weise nimmt sie die Lesenden mit auf die Reise, die sie gemacht hat, zu den Menschen, den Genoss*innen , die ihr auf diesem Weg begegnet sind und sie macht eines klar: die Revolution von Rojava sind die Menschen von Rojava, ist ihr Kampfgeist. Mit ihrer eigenen Herangehensweise bietet sie gleichzeitig einen guten Einstieg und immer noch neues Wissen auch für diejenigen, die denken, alles schon lange durchblickt zu haben. Insbesondere auch ihr Blick auf die Arbeit von Kommunist*innen in Rojava ermöglicht eine wichtige Seite, die in anderer Literatur zu Rojava oft weniger zu Wort kommt.

BUCHTIPP: DIE ROJAVA REVOLUTION

ISBN-10: 3889752624 ISBN-13: 978-3889752628 Autorin: Arzu Demir Datum der Erstveröffentlichung: 15. März 2017