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architektur im mittelpunkt 2017/2018

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THEMA STADT WOHNEN, LOGISTIK, URBANISIERUNG, GESELLSCHAFT

Jahrbuch für Stadtentwicklung, Architektur & Immobilienwirtschaft


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„In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen“, meinte einst Stadtpflanze Oscar Wilde. Auch heute verfallen viele ihrem Sog. Die Stadt ist ultimativer Sehnsuchtsort für alle, die mitgestalten und Spuren hinterlassen wollen und so, bewusst oder unbewusst, urbane Lebensrealitäten, aber auch Spannungsfelder schaffen – architektonischer, wirtschaftlicher und sozialer „Natur“. Stadt ist oft jedoch auch „Last Exit“ – Stichwort Flüchtlingskrise und Migration. Es wäre nicht Stadt, würde es in ihr nicht permanent weiterbrodeln. Der Schmelztiegel schafft Probleme und liefert gleichzeitig Lösungen. Architektur im Mittelpunkt will genauer hinschauen: Was möchten die Menschen vor Ort – und wie können und sollen Architektur und Stadt darauf reagieren? Wie umgehen mit Fragen des technologischen Wandels und der Wohnraumbeschaffung? Nachhaltige Konzepte, Ideen,

Richard Mauerlechner Herausgeber

architektur im mittelpunkt

Foto: Jonathan Pielmayer

Editorial

Rudolf Grüner Chefredakteur

Richard Mauerlechner Herausgeber

Stadtutopien, architektonische Landmarks, logistische Weichenstellungen, Finanzierungsmodelle: Worüber wird weltweit diskutiert? Und was passiert bei uns? Wir zeigen urbane Ausschnitte und zeichnen ein mögliches Bild von morgen. Lassen auch Sie sich vom vielschichtigen und vielseitigen Wesen Stadt verführen! Spannende Einblicke und viel Vergnügen mit unserem etwas anderen City-Guide – beim Ideensammeln und Weiterdenken …

Rudolf Grüner Chefredakteur

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inhalt Teil 1: Schwerpunkt Stadt – Zukunftsfragen, Standortbestimmungen und Schlüsselprojekte

Inhalt

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Editorial 1 Schwerpunkt Stadt

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Eine Stadt wandert: Neues City-Nest für das Schneehuhn

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Kathedralen der Gegenwart

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Interview mit Angelika Fitz „Wie kann Zukunft repariert werden?“

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Architekturexport nach China – Geldexport nach Europa

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Architektur. Weiblich.

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Stadt: für Menschen, die kommen, gehen oder bleiben 54

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Interview mit Cornelia Ehmayer „Die Stadt muss auf die Couch“

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Stadt im Film und Fernsehen

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Was macht eine wirklich intelligente Stadt aus?

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Digitale Medien werden urbane Plätze wiederbeleben

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Immobilien für den Schwarm

Patrick Reynolds, nARCHITECTS, Iwan Baan

Warren and Mahoney/Studio Pacific Architecture,

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Fotos: HOTEL DANIEL GRAZ, Mario Ewald, Tegmark,

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Wie zeitgemäß ist das Einfamilienhaus? 84 Reduced to the max

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Mehr Wohnen für die Stadt

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Der Stadt aufs Dach gestiegen

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Wettlauf der smarten Städte

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Wohnadresse Wien

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Mein, Dein, Unser in der Stadt

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Logistik für die letzte Citymeile 128 Kulinarischer City-Kosmos

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Die unterschätzte Liegenschaft 136

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Symbol fürs Stromzeitalter

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Lagerstädte: Ungehobene Schätze auf der Landkarte

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Intelligente Baustoffe

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inhalt Teil 2: Jahrbuch der Architektur Stadterneuerung: Sanft ist möglich

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Pritzker-Premiere: Spanisches Trio am Podest

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Hitliste des Höhenrauschs Emporis Skycraper Award

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Burgunder Architekturauslese

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Mit Holz Höhe gewinnen

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Neu im Neunten

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Medieninhaber, Herausgeber und Verleger:

wohnnet Medien GmbH Gumpendorferstraße 19, A-1060 Wien Tel.: +43 (0)1 895 01 00 office@wohnnet.at Geschäftsführer: Richard Mauerlechner Chefredaktion: Rudolf Grüner Produktionsleitung: Harald Gregor Schaumburger Grafik: Dipl. Des. (FH) Jonathan Pielmayer

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Disposition: Eleonore Melbinger, em@wohnnet.at Lektorat: Dorrit Korger Anzeigenpreise: www.wohnnet.at Autoren: Rudolf Grüner, Linda Benkö, Veronika Kober, Heimo Rollett, Jonathan Pielmayer Gastautoren: Christiane Varga, Maria Schmeiser, Hannes Etzlstorfer, Brigitte Kranner-Habich, Thomas Matthias Romm Covergrafik: Krol/Shutterstock.com Druck: Druckerei Berger | A-3580 Horn Erscheinungs-/Verlagsort: A-1060 Wien

Mit PROMOTION gekennzeichnete Artikel sind bezahlte Einschaltungen, für deren Inhalte und Aussagen der Verlag nicht haftbar zu machen ist. Abdrucke, auch auszugsweise, sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages und des Autors gestattet. In Kooperation mit wohnnet.at/Business, dem B2BPortal für die österreichische Bau- und Immobilienwirtschaft.

wohnnet.at Medien GZ.NR. 13Z 039 589

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Lukas Dostal | querkraft architekten

Impressum

Fotos: AKP, Architektin Isabella Wall, Hisao Suzuki,

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Schwerpunkt Stadt 7


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Eine Stadt wandert: Neues City-Nest für das Schneehuhn

Rendering: Tegmark

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Weus a Erz hot … und a Bergwerk: In der schwedischen Nordkalotte rollen die Bagger. Die Stadt Kiruna muss der Mine weichen. Beim Kofferpacken und dem nachhaltigen Neuaufbau der kleinen Metropole – drei Kilometer weiter im Osten – helfen die Planer von White ­arkitekter. Die Betroffenen nehmen es samt und sonders nordisch cool: Es wäre nicht Schweden, wenn den Umzug nicht alle gut fänden … Text: Rudolf Grüner

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Grafik: Verpeya/Shutterstock

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eavy Metal, phosphorhaltiger Magnetit, liegt hier im Boden – sehr viel davon, in höchster Qualität: Der Kiirunavaara, in der Sprache der Sami einfach der „Berg des Schneehuhns“, birgt in seinem Inneren einen wahren Erzschatz. Der einzige Grund, warum die nach ihm benannte Stadt überhaupt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den unwirtlichen Weiten von Schwedisch-Lappland Haus für Haus aus dem monatelang gefrorenen Boden gestampft wurde. Wo vorher nur die großen Rentierherden des hier beheimateten Hirtenvolkes, von den Sverige früher abwertend als „lapp“ bezeichnet, weideten, schlugen mit dem Beginn des Erzabbaus Glücksritter, Arbeiter und die bis heute dominierende Minengesellschaft ihre Zelte auf. Die Bahn folgte. Und verband die frisch gegründete Stadt im Nirgendwo schließlich mit den Siedlungen an der nördlichen Ostsee, in der Folge auch über den Kamm der Skanden hinweg mit dem ganzjährig eisfreien Atlantikhafen im norwegischen Narvik.

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Im Schatten und am Geldhahn der LKAB

Die späte „Landnahme“ einer der letzten Wildnisse Europas nördlich des Polarkreises, die von den Küsten her und aus dem bis zu 1800 Kilometer entfernten Südschweden erfolgte, fand unter widrigsten klimatischen Verhältnissen „Stadt“. Dort, auf über 65 Grad nördlicher Breite, im „fjällhöga nord“ – dem berghohen Norden, wie in der schwedischen Nationalhymne besungen –, dauert die längste Nacht ganze 20 Tage. Temperaturminima von minus 50 Grad wurden in der Region schon gemessen. Auch im Jahresschnitt bleibt das Thermometer in der Bergbaustadt im Keller und schafft es nicht ins Plus: herausfordernd für Mensch, Maschine und Mine. Und die staatliche Erzgesellschaft Lusossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag, besser bekannt als LKAB, die die Geschicke der nördlichsten Stadt im schwedischen Königreich seit dem ersten Spatenstich lenkt, jetzt über ihre Zukunft an neuer Stelle mitentscheidet und die Finanzierung von Kiruna 2.0 sichert. Über die Kosten und Kompensationszahlungen hält man sich – ganz unschwedisch – größtenteils bedeckt. Jedoch, so versichert der Konzern, sei man von Anfang an bemüht gewesen, im Rahmen intensiver Dialogprozesse jeden Einzelfall gesondert zu prüfen und – den strengen rechtlichen Vorlagen folgend – individuelle Entschädigungsforderungen gemeinsam mit dem jeweiligen Grundstücksbesitzer zu klären. Ein Bergwerk macht der Stadt Beine

Ein Wappen spricht Bände: Auf eisig nordisch-blauem Hintergrund prangt das Schneehuhn. Der Name des weißen Vogels in der Sami-Sprache „Giron“ war Namensgeber der Stadt. Obenauf: das Marszeichen. Symbol für den männlichen Willen, der die Wildnis unterwirft und für das hier tonangebende Eisen.

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Nicht verschwiegen wird, dass der weitgreifende Flöz tief unter dem Stadtzentrum den Bergwerksgiganten lockt, der hier die weltgrößte Erzmine betreibt. Sie ist wichtige Lebensader des Konzerns. Sichert zudem das wirtschaftliche Überleben der Stadt. Stellt wohl auch künftig viele Erwerbstätige in Lohn und Brot.

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Foto: Borg Mesch, Kiruna kommun

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Erste Anfangstage … Holz – nachwachsend wie verbaut – dominierte das noch sehr ländliche Stadtbild. Viel davon ist bereits verschwunden. Wohl nur wenig wird übrig bleiben.

Mit ein Grund, warum kaum Widerstand gegen den Umzug aufkommen will. Der Untergang des alten Kiruna scheint für die Menschen vor Ort unausweichlich. Paradoxerweise soll gerade dieser den schleichenden Bevölkerungsrückgang stoppen. Gefördert wird in immer größeren Tiefen. Schon bringen die näher rückenden Stollen, die bis zu 1364 Meter unter Tage getrieben werden sollen, die Grundfesten Kirunas ins Wanken. So werden Bewegungen im Erdboden längst nicht mehr nur von den flächendeckend installierten

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Seismografen registriert. Aufbrechende Straßendecken, sich absenkende Parkund Wiesenflächen: Die Zeichen des Abbaus sind auch für geologische Laien mit freiem Auge im Stadtbild mühelos sichtbar. Jeder neu entstehende Riss kündet vom Cityabriss. Und der ist bereits im vollen Gange. Kirunas zweiter Kick-off

Aktuell leben rund 23.000 Menschen in der Kommune Kiruna. Auf einer Fläche, die das gesamte Bundesland Niederösterreich klein aussehen lässt. Die durch-

schnittliche Bevölkerungsdichte von gerade mal einem Menschen pro Quadratkilometer täuscht – der Unterschied zwischen urbaner Dichte und unbesiedelter Waldtundra ist noch ausgeprägter, als der Blick auf die statistische Kennzahl vermuten lässt. Das Gefühl von Einöde beschlich den Autor dieser Zeilen bei einer spätsommerlichen Wanderung – und knackigem erstem Morgenfrost – gleich hinter den letzten Häuserzeilen und Abraumhalden der Kernstadt: In ihr drängen sich auf gerade einmal 0,04 Prozent des Gemeindegebiets mehr als 17.000 Nordländer.

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Ein Bild, das bald nur noch in den Stadt­ archiven zu finden sein wird. Die Stadt und ihr Erzberg – vor dem „Gemeindewandel“.

Dahinter nichts als Weite. Genau darunter – welch Ironie – sehr viel schwarzes Gold, das abgebaut werden muss, um die Gewinne der LKAB auf Jahrzehnte sichern zu können. Und somit der Stadt einen Neuanfang drei Kilometer weiter östlich – Platz genug ist ja vorhanden – beschert. Dass umgesiedelt werden muss, wurde erstmals im Jahr 2004 spruchreif, als der Hauptarbeitgeber die Kommune über „Deformationsgefahren“, ausgelöst

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durch den aus westlicher Richtung – zum Zentrum hin – voranschreitenden Erzabbau unter Tage, informierte und vor weiterem Unbill warnte. Spätestens dann war allen Beteiligten klar: Die Stadt, und in vorderster Front ihr Zentrum, wird in dieser Form nicht zu halten sein. Seither bringen Hauptarbeitgeber, Gemeindeund Provinzverwaltung sowie Planer und Architekten unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung – alle bauen und

vertrauen auf den typisch schwedischen Wert der Transparenz – den Stadtumbau oder den „Gemeindewandel“, wie es in der offiziellen Diktion heißt, gemeinsam auf Schiene. Im Jahr 2035 soll das neue Kiruna fertiggestellt sein. Und zumindest die nächsten Jahrzehnte als Minen-Operationsbasis fungieren. Sich gleichzeitig aber auch als nachhaltige, energieeffiziente und wirtschaftlich diversifizierte City aus alten Abhängigkeiten lösen. Doch Erz

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chen: Die LKAB hat versichert, historisch wertvolle Bausubstanz und Landmarks, etwa die von ihr finanzierte Holzkirche aus den ersten Tagen Kirunas, die ihr Architekt Gustaf Wickman bewusst an die Form eines Lappenzeltes angelehnt hat, mitzunehmen. Das alte Rathaus jedoch, ausgezeichnet mit mehreren Architekturpreisen, wird bis auf den markanten Uhrturm den Umzug nicht überleben.

Foto: Kiruna kommun

Geordneter Umzug, zurück bleibt Grün

bleibt Trumpf: Ein Kiruna 3.0 im 22. Jahrhundert will heute niemand mehr ausschließen. Zigtausende sind betroffen

Vom aktuell laufenden Relocation-Programm betroffen sind neben der Innenstadt das Bahnhofsviertel, die Bezirke Norrmalm und Östermalm sowie das Gebiet „Bolagsområdet“. 6000 Menschen müssen umgesiedelt, mindestens 3000

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Wohneinheiten errichtet werden. Öffentliche Plätze, kommunale Einrichtungen und Gebäude – alles geht gen Osten. Gleichzeitig werden Energie- und Abwasserinfrastruktur, Verkehrsflächen, aber auch bleibende Quartiere auf Vordermann gebracht. Zudem Räume für innovative Betriebe, Handel und Tourismus neu eröffnet. Die Stadt wird schrittweise von der Landkarte verschwinden und auf teilweise jetzt noch weißen Flecken wieder auftau-

Die Abrissbirne wird immer erst dann in Alt-Kiruna geschwungen, wenn die entsprechend neuen Stadtviertel bezugsfertig sind. Das bringt logistische Vorteile und hilft beim Erstellen und Einhalten der Zeitpläne, wie seitens der Ent- und Abwickler versichert wird. Der stufenweise, geordnete Umzug soll zudem den größten Übersiedlungsdruck mindern und den Betroffenen erlauben, ohne schon auf den gepackten Koffern sitzen zu müssen, schon lange im Voraus in die neue Umgebung hineinschnuppern zu können. Auf dem Gelände der alten City entsteht parallel dazu in Etappen „Gruvstadsparken“: Der Grubenstadtpark soll im Laufe der Bauzeit immer näher an die Stadt rücken und als grüne Pufferzone Minenzaun und Mensch voneinander trennen. Aber auch Platz für animalische Stadtbewohner schaffen. Das Freizeit-, Sport- und Erholungsgelände wird beispielsweise Schafen als Sommerweide dienen. White arkitekters sanfter Plan

Für die Abwicklung des „sanften Entwicklungsplans“, der sich in Phase eins und zwei teilt, zeichnet das Stockholmer Büro von White arkitekter verantwortlich. Krister Lindstedt und sein Team konnten sich im Jahr 2013 in einer internationalen Ausschreibung den Großetat über die rund 450.000 Quadratmeter große, neu zu schaffende Wohn- und Gewer-

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befläche am Vorposten der Zivilisation gemeinsam mit Ghilardi+Hellsten arkitekter sichern. Ursprünglich auf zwanzig Jahre, und dementsprechend mit dem geplanten Abschluss des Umzugs endend, ausgelegt, haben die Stadtplaner den Zeithorizont des Kiruna-Masterplans in Abstimmung mit der kommunalen Verwaltung und den Financiers von LKAB, Europas größtem Eisenerzförderer, auf hundert Jahre ausgeweitet. „Ziel ist die Schaffung eines nachhaltigen, kompakten Stadtmodells, auf dessen Basis eine möglichst breite wirtschaftliche Entwicklung angeregt werden kann“, wie Lindstedt im Talk mit AiM zusammenfasst. In der bereits angelaufenen Phase eins

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wird das Stadtzentrum transferiert. Die Grubengesellschaft hat dazu eine Entwicklungssumme von gut 415 Millionen Euro freigegeben. Die Arbeiten haben im Jahr 2014 begonnen und sollen, wenn alles nach Plan läuft, 2021 abgeschlossen sein. Kriechspur auf der Ostachse

White lässt dazu die Stadt Projekt für Projekt, Baukörper für Baukörper entlang einer urbanen Meile – dem Malmvägen,

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der die Erzmine, das aufzugebende Zentrum, Neu-Kiruna und bestehende Stadtteile mit dem Flughafen verbindet – langsam ostwärts „kriechen“, wie Lindstedt formuliert. LKAB hat sich verpflichtet, den architektonischen Charakter der Stadt durch die Wiederverwendung von Abbruchmaterialien in Teilen zu erhalten. Dass dadurch auch Rohstoffe und Ressourcen geschont werden – Stichwort: Urban Mining –, passt ganz deutlich ins schwedische Konzept.

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Illustration: Mario Ewald, Grafik: White Arkitekter

Zwischen Berg, Mine (linkes Pfeilende links) und Flughafen (rechts): Kiruna bewegt sich weg vom Berg und rückt mit seinem Zentrum und den neuen Ge­ schäftsquartieren entlang des Malmvägen ostwärts. „Urbane Finger“ werden in die Tundra ausstrahlen und Wohnviertel mit der Wildnis verbinden.

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Gerettete Baudenkmäler sollen einen urbanen Bogen aus der Vergangenheit in die Zukunft spannen, ein neuer Hauptplatz als lebendiger Nukleus die Funktion des alten Zentrums übernehmen: dann, wenn die Innenstadtbewohner nach Beendigung der Cityarbeiten sukzessive das neue Zentrum in Besitz nehmen werden. Mit dem Wohnbau wurde seitens der LKAB Fastigheter, der Wohnungsbaugesellschaft des schwedischen Erzgiganten, bereits begonnen.

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Aber auch private Bauträger und Investoren sollen ihre Spuren hinterlassen. „In einem nächsten Schritt beginnen wir mit der Wohnbauplanung außerhalb des Stadtzentrums“, erzählt der Chefplaner. Rücksicht genommen wird dabei auf die Naturverbundenheit der Nordlichter: Die jedem Wind und Wetter trotzenden Outdoorfreaks werden in der Neustadt nur einen Steinwurf vom subarktischen Lebensraum entfernt leben. Maximal drei Häuserblocks

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– und man steht in der Wildnis, so das Versprechen der Stadtplaner. Dafür greifen „urbane Finger“, vom Kerngebiet und der Malmvägen-Achse ausgehend, ins Umland. Verbinden Haus mit Heide, Moor, Wald und Fjäll. Der neue öffentliche Hauptplatz ist das Herzstück der von White arkitekter begleiteten Phase eins: Einmal fertig, werden dort neben dem historischen Uhrturm des alten Rathauses ein Reisezentrum – die

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Rendering: Tegmark

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Auf Achse: Stück für Stück erobert die Stadt neues, boreales Terrain.

Eröffnung ist für 2018 geplant – und das neue Rathaus „stadshuset Kristallen“, de­signt von Henning Larsen Architects, das noch im Jahr 2017 als erstes Gebäude im neuen Stadtzentrum seine Pforten öffnet, die Stadtsilhouette dominieren. Für den Planer ein „wichtiger Meilenstein“. Doch nicht nur dort wird mit Verve gearbeitet: Das Wasser im neuen Schwimmbad ist bereits eingelassen, 2019 wird die öffentliche Bibliothek aufsperren.

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Im Jahr 2021 soll das Glockenläuten der alten Kirche auf neuem Grund Phase eins beschließen. Nachhaltige, lebendige City

Neues urbanes Leben sprießt trotz lang andauernder Winterkälte in vielerlei Hinsicht: White arkitekter arbeiten nach eigenen Angaben an einer wirtschaftlich wie sozial nachhaltigen, CO2-neutralen, energieeffizienten und klimaangepassten

Stadt. Öffentliche Interaktionsräume und kulturelle Neuflächen sollen zur Attraktivitätssteigerung des Nordens beitragen. Dass in der Bevölkerung mittlerweile Aufbruchstimmung herrscht, kommt hier den Experten rund um Lindstedt zugute: Nach Jahren wirtschaftlicher Flaute verzeichnet Kiruna schwedenweit die höchste KMU-Neugründungsrate. Die Bevölkerungszahlen stabilisieren sich. Die Abwanderung der Jungen, vor allem

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Neuer Hauptplatz als städtisches Herz­ stück: mit dem kreisrunden Rathaus „stadshuset Kristallen“, designt von Henning Larsen Architects.

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Renderings: White Arkitekter, Tegmark

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gut ausgebildeter Frauen, in der traditionell von Männern dominierten Erzgrubenstadt, scheint vorerst gebremst. Ein Trend, der sich auch im steigenden Bedarf nach modernem Lebens- und Büroraum, der jetzt im Zuge des Stadtwandels befriedigt werden kann, niederschlägt. Modernes Leben heißt im kalten Klima auch energieintensives Wohnen und Arbeiten. Dem steigenden Verbrauch will man mit der Errichtung neuer Windparks und durch Nutzung der Abwärme aus dem Bergbau Herr werden.

Mitreden als Bürgerpflicht

Das Technologieupdate ist wesentlich für die Weiterentwicklung des städtischen Nordlichts, aber die Verankerung in den Köpfen und Herzen der Menschen ist entscheidender, wie der in Stockholm beheimatete Architekt sagt. Denn über Wohl oder Weh des Stadtwandels entscheiden letztendlich ihre Bürger. Zu diesem Zweck sitzen Verwaltung, Masterplaner und Bevölkerung die ganze Transformationsperiode über an einem Tisch. Mit dabei: Viktoria Walldin, Sozialanthropologin und Nachhaltigkeitsbeauftragte des

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White’schen Architektur- und Stadtplanungsbüros. Und ja, die gibt es dort tatsächlich! Die von ihr mit dem Architektenteam inhouse erarbeitete explorative Methodik zur Bürgerbeteiligung zielt bewusst darauf ab, hinter offensichtliche Erwartungshaltungen und gewünschte – Planer, Behörden und Konzernverantwortliche zufriedenstellende – Entwicklungsschritte zu blicken. Lokale Mitverantwortung – mitmachen und mittragen – ist das Fundament, auf dem aufgebaut wird, heißt es hier aus Schweden. Lindstedt und Walldin

Renderings: Tegmark

Bei der Gestaltung der Wohn- und Freizeitviertel haben Groß und Klein mehr als nur ein Wörtchen mitzureden.

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orten wenig Furcht in der Bevölkerung oder gar Widerstand. „Unser Plan stößt mittlerweile auf breite Akzeptanz und gibt Sicherheit. Dank ihm wissen die Menschen Kirunas ganz genau, was auf sie zukommt.“ Drei Säulen tragen zu seiner Verwirklichung bei: Formelle wie informelle Diskussionen und Feedbackschleifen mit den Stadtbewohnern sind eine. Die „Kiruna-Biennale“, die den Transformationsprozess künstlerisch begleitet und visionäre Stadtevents hostet, eine zweite. Zugänglich für alle ist drittens das „Kiruna Portal“: Hinter diesem Namen verbirgt sich ein großer städtischer Schrott- und Sperrmüllplatz der nachhaltigen Art. Das Baustoffdepot sammelt alle Abbruchstücke aus Alt-Kiruna: Jeder Do-it-yourselfFanatic darf dort zugreifen und Artefakte in seine neue Stadt hinüberretten. Wunschräume. Vision. Vintage. Zerstörung und Zeitgeist. Im hohen Norden wird ohne große Aufregung – verbindend und sehr verbindlich – angepackt!

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kurz & bündig

Foto: Thomas Zaar

Krister Lindstedt, kter tner, White arkite Direktor und Par akeil … wir eine komp erb gewonnen, w ew tb et W n de n + Wir habe hen haben, die einer gegnungsorten versproc Be n ive tat ali qu ch ho tere Stadt mit dienen sollen. Wirtschaft als Plattform breiter aufgestellten abgestimmte t … die schnelle und is g un er rd fo us + Die größte Hera zelhandelshenden Kommunal-, Ein ste eb tri Be n de fen da die Übersiedlung des im lau iert vonstattengehen, s. Diese muss orchestr tor sek gs un ist tle ns und Die sen kann. ren parallel laufen las Stadt keine zwei Zent e öffentliche Leben. ng war …. das aktiv hu sc ra er Üb he + Eine wirklic len. h hier zu Hause zu füh Es fällt sehr leicht, sic tnimmt, e in die neue Stadt mi ud bä Ge le vie … na Kiru e + Ich hoffe, dass chzuhalten. Es gibt ein schichte der Stadt wa Ge die an ng eru nn ser um die Eri er wie viele Privathäu wertvolle Bauwerke. Ab l rel ltu ku 21 für ng Vereinbaru ge. , bleibt eine offene Fra bewegt werden können

Viktoria Walldin, Anthropologin, W hite arkitekter + Die Menschen Kirunas freuen si ch auf … den Übers iedlungsstart. + Was sie immer noch fürchten is t, … dass die städtisch e Infrastrukturversorgung, beispiel sweise im Schulbereich , dem Zeitplan hinterhe rhinken könnte.

Foto: Johan Bergm ark

+ Die Bevölkerun g interessiert am meisten … ein leb endiges Stadtzentrum mit vie len öffentlichen Treffp unkten. Ganz einfach eine nagelneue City mit Downtow nflair. + Ich würde gern in Kiruna leben, … weil die Menschen vor Ort einem freundlich, offen und interessiert bege gnen.

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„Kathedralen der Gegenwart“ Kaum jemanden lassen Flughäfen kalt. Jeder Flughafen (hier im Bild Wellington International Airport, Neuseeland) hat eine bestimmte Aufenthaltsqualität und „Lesbarkeit”. Manche sind zweifelsohne architektonische Meisterwerke. Text: Linda Benkö

Foto: Warren and Mahoney/Studio Pacific Architecture, Patrick Reynolds

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Bild o.: Die Architektur des Marrakech Menara Flughafens orientiert sich an tra­ ditionellen, orientalischen Stilelementen. Bild u.: Holztechnologie aus Österreich. Rubner Holzbau baut den zweitgrößten Flughafen der Philippinen, den Mactan Cebu International Airport.

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ir, die Familie, also mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich, verbrachten eine Zeit lang fast jedes Wochenende am Flughafen. Für uns Kinder war es nicht gar so prickelnd, wir waren weitgehend uns selbst überlassen – die Erwachsenen unterhielten sich über dies und das, tranken Ginger Ale, ein Root Beer oder Gin Tonic, fachsimpelten (die Männer) über Flughöhen, Kolbenmotoren, Luftschraubenantrieb; gingen die Vorzüge der gängigen Cessna-Modelle durch, besprachen diverse mechanische Sicherheitsfeatures. Lediglich wenn nach einer längeren Pause wieder einmal eine der Piper-, Learjet- oder CessnaPropellermaschinen, im langsamen Sinkflug befindend, sich allmählich unserem Beobachtungsposten näherte, das sirrende Geräusch in der Luft, um dann auf der aus einer Graspiste bestehenden Landebahn, im Idealfall mit Schotter befestigt, mehr oder weniger hart aufzusetzen, standen mein Bruder und ich, Mund offen, staunend, dass dieses Etwas aus Metall, in seinem Bauch Menschen beherbergend, vogelgleich über die Savanne gleitend, die

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Gesetze der Schwerkraft zu überwinden schien. Ja, mein Vater hatte ein starkes Faible für Flughäfen. Er träumte davon, selbst eine Privatpilotenlizenz zu erhalten (er hat die Prüfung nie absolviert). Hier, im afrikanischen Angola, haftete den kleinen Flughäfen, mehr noch als jenen der großen europäischen Metropolen, das Flair der weiten Welt an, das Flair großer Fünfsternehotels mit zentimeterdicken Teppichen im Entree, in denen die Füße versinken, mit schweren Ohrensesseln in der Lounge und geschäftigen livrierten Bellboys. Nur dass wir hier im Freien unbeschattet in der flirrenden Hitze auf Stühlen aus bereits wieder abgeschlagenem, weiß lackierten Stahlrohr und mit Plastikschnüren bespannter Sitzfläche saßen und im kleinen Abfertigungsbungalow unter den Füßen maximal Verbund­ estrich die Schritte abfederte. Aufenthaltsqualität und Lesbarkeit

Wie auch immer. Was blieb, ist die Reiselust und die Faszination, die von so manchem Flughafen ausgeht. „Flughäfen sind Zentralisationspunkte der Globalisierung,

Kathedralen der Gegenwart. In ihnen trifft sich die Welt, und in ihnen sehen und verstehen wir die Welt. Daher faszinieren sie mich“, sagt Alexander Gutzmer, Chefredakteur des deutschen Architekturmagazins „Baumeister“ und Editorial Director im Callwey Verlag, der einen fantastischen Bildband über Flughäfen herausgebracht hat. „Mich interessiert es, wie man es schafft, bei einem funktional so stark determinierten Gebäudekomplex wie einem Flughafen dennoch Aufenthaltsqualität und ,Lesbarkeit‘ herzustellen. Das Fliegen selbst empfinde ich, anders als ständig klagende Vielflieger, zumindest nicht als große Last.“ Wohl und Weh am Airport

Eben, nicht von allen geht Faszination aus, manche sind furchtbar: Nicht enden wollende Verbindungsschläuche von Terminal zu Terminal, die starke Zweifel aufkeimen lassen, ob man das Boarding zum Anschlussflug wirklich noch erleben wird. Komplizierte Leitsysteme, mit in die Irre führenden Pfeilen, wenn man ein bestimmtes Gate oder nur das WC sucht. Mit aber-

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Fotos: Rubner Holding, wikipedia.org/Jason7825

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Foto: Ronda Churchill/McCarran International Airport

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Hier weiß man gleich, wo man gelandet ist: Es kann sich nur um Las Vegas handeln.

witzigen Absperrungen versehene, vielfach mäandernde Bahnen vor dem Security Check, dicht gedrängt mit Menschen, die scheibchenweise vorrücken, hastig die Reste Mineralwassers austrinkend, sonst müssten sie das noch halb volle Gebinde abgeben, und auch hier wieder Panik aufkommen lassen, ob man überhaupt hört, wenn man ausgerufen wird, weil es sich unmöglich bis zur Abflugzeit noch ausgehen kann, dass alle Menschen vor einem das X-Ray passieren. Kulinarikverbrechen in Gastronomiebetrieben mit der Anmutung einer Bahnhofshalle der übleren Sorte (die Autorin dieser Zeilen will nicht allen Bahnhofswartesälen unrecht tun) und völlig überteuerten Getränken. Aber was bleibt einem anderes übrig, wenn man von Stadt A nach Stadt B muss oder möchte und eine mehrtätige Bahnfahrt oder Schiffspassage nicht infrage kommt? „Gar nicht gefällt mir etwa Brüssel – ewig lange Wege, viel ­Düsternis, viele Treppen“, stimmt Gutzmer ein und nennt sein individuelles Schlusslicht. Oder aber ganz anders (eine rein persönliche Auflistung): architektonische Meisterwerke, eine Offenbarung fürs Auge, sich sanft in Bewegung setzende

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Menschenförderbänder, klug durchdachte, kurze Wege, heimelige Lounges, reichlich WLAN-Hotspots bis hin zu Liegeflächen für Power Napping und Retailkonzepten, die einen dann doch das Sisley-Maxikleid erwerben lassen oder zumindest den WeltReisesteckeradapter, Dyson Händetrockner im Nassraum, deren Luftgebläse heiß genug sind, um durchfrorene Hände wieder schön warm zu bekommen – kurz, eine angenehme Mischung aus Bedürfniserweckung und Bedürfnisbefriedigung. Eine Mikrostadt in der Stadt oder nahe bei der Stadt. Aufsteiger und Bruchlandungen

Fachmann Gutzmer erklärt, was einen Flughafen in seinen Augen gesamthaft zu einem angenehmen Aufenthaltsort macht: „Hier ist wirklich der Begriff der Lesbarkeit für mich entscheidend. Die Architektur eines Flughafens muss mir erklären, wo ich mich befinde – und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen muss sie es mir ermöglichen, mich im Flughafenkomplex selbst zu verorten. Zum anderen muss aber auch der Flughafen etwas mit der Stadt, in der er sich befindet, zu tun haben. Vom Flughafen als ortsunabhängige architektonische Großform halte ich

nichts.“ Auf seiner persönlichen Hitliste ganz oben ist London Stansted, „Norman Foster hat hier erstmals mit einer Dachkonstruktion gearbeitet, die sichtbar das ganze Gebäude überspannt“. Und er liebt LAX (Los Angeles International Airport), „vor allem für das ,Theme Building‘. Der futuristische Bau repräsentiert für mich die ganze Faszination, die auch von Los Angeles als Stadt ausgeht.“ München wiederum sei ein guter, weil klarer, lichter und Lesbarkeit vermittelnder Bau. „Und Tegel als Ikone der 1960er-Jahre – die man übrigens meiner Ansicht nach offen halten sollte“, so Gutzmers Plädoyer. Der immer noch in Bau befindliche, an der südlichen Stadtgrenze Berlins im brandenburgischen Schönefeld gelegene Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ soll die Flughäfen Schönefeld und Tegel ersetzen. Der Spatenstich zur größten Flughafenbaustelle Europas und einem der größten in Bau befindlichen Verkehrsinfrastrukturprojekte Deutschlands erfolgte schon 2006 und der Flugbetrieb hätte 2011 starten sollen. Allein, Baufehler und Fehlplanung machten einen Strich durch die Rechnung, als neuer Eröffnungstermin gilt das Jahr 2018.

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Flughäfen sind Orte von „Glory“ und „Joy“ AiM: Was macht einen Flughafen gesamthaft zu einem angenehmen Aufenthaltsort, auch wenn man durch Kontrollen, lange Transferschläuche etc. gehen muss – wie kann ein Flughafen an Attraktivität gewinnen?

Foto: Robert Maybach

Christian Mikunda: Ein Flughafen ist mehr als nur ein Hub, also ein Drehkreuz oder Knotenpunkt. Jeder Flughafen folgt einer Generaldramaturgie mit Beschleunigungs- und Verzögerungsinszenierung. Man muss den richtigen Mix finden. Beispiele für Beschleunigung sind rollende Gehsteige, sogenannte Travelator, oder automatische Türen. Zudem die Fluggastbrücken, diese Schnorchel, die einen absaugen. Aber auch Passagiersysteme, wo der Fahrgastraum hydraulisch zu den Zubringerbussen oder zum Terminal angehoben oder abgesenkt wird. Die Faszina­ tion ist auch immer von besonderen Apparaturen begleitet, man denke nur an die Pushback-Unterstützung, mit der ein Flugzeug zurückgesetzt wird. Sobald man die Sicherheitskontrollen passiert hat, weiß man, dass man das Schlimmste überstanden hat. Dann entsteht beim Passagier das Bedürfnis nach Entschleunigung. Hier kommen etwa die Lounges als Chill-out-Inszenierung ins Spiel.

Christian Mikunda ist „strategischer Dramaturg“, er trägt zur Umsetzung „psychologischer Architektur“ auch an Flughäfen bei.

Der studierte Theaterwissenschaftler und Psychologe Christian Mikunda ist von Beruf „Strategischer Dramaturg“, dahinter verbirgt sich eine Theorie der Wirkungssteigerung. Was Mikunda darunter versteht: Er setzt dramaturgische Kunstgriffe und identifiziert die psychologischen Mechanismen hinter professionell hergestellten Erlebnissen. Er sieht seinen Ansatz daher im Schnittpunkt von Medienwisssenschaft, kognitiver Psychologie, Marketing- und Architekturtheorie. Gemeinsam mit seiner Frau Denise Mikunda-Schulz wendet er seine „Strategische Dramaturgie“, die an zahlreichen Universitäten weltweit gelehrt wird, hauptsächlich in Form der Ladendramaturgie, der „psychologischen Architektur“, im Urban Design und in der Marketingdramaturgie an. Mikunda hat bereits bei drei Flughäfen seine Spuren hinterlassen und berät auch den Flughafen Wien-Schwechat. Im Interview geht er auf die Faszination Flughafen ein und erklärt, was einen „guten“ Flughafen ausmacht.

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Wie können Shopbetreiber und Flughafenservices eine gute Symbiose eingehen? Wodurch können Shops und Gastronomie im Flughafenbereich punkten? Gastronomie und Shops, die dieser Entschleunigungsinszenierung gerecht werden, kommen gut an. So gibt es etwa Irish Pubs mit knarrenden Holzfußböden und mit Theken. Oder die auf alt gemachte amerikanische Buchhandlung, mit einer laut tickenden Wanduhr. Flughäfen haftet ja auch immer etwas von Fernweh an. Dennoch möchte man nicht in einem anonymen Flughafen ankommen. Die Flughäfen, die angenehm wirken, haben so etwas wie einen roten Faden, eine Identität. Ein „brain script“ wird losgetreten. Ein Beispiel ist der Flughafen von Las Vegas mit seinen riesengroßen Tieren. Skorpione, Schlangen aus Kunststein, die aus dem Boden ragen, die einen begrüßen – da weiß man, dass man in einer Wüstenstadt angekommen ist. Oder Bangkok mit den übergroßen thailändischen Geisterhäusern, die an die Geisterwächter vor thailändischen Tempeln erinnern. Shops und Gastronomie haben dramaturgische Verantwortung, sie können emotionale Restspannung abfeiern und nehmen, sowohl beim Ab- als auch beim Anflug: Man muss zu einer bestimmten Zeit am Gate sein. Man weiß nicht, wie lang man noch hin benötigt, man weiß nicht, ob der Koffer angekommen ist. So lange er nicht da ist, hält man wie das Kaninchen vor der Schlange den Blick gebannt auf das Gepäcksausgabeband. Die Shops haben eine emotionale Aufgabe – und so kauft man idealerweise im Flughafen Dinge,

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Die Stararchitektin Zaha Hadid hat den bis dato größten Airportterminal der Welt entworfen – das seesternartige Flughafengebäude in Peking-Daxing.

die man nicht braucht. Hierzu fällt mir der Flughafen München mit seiner hohen Zahl an Concept Stores ein. Haben Sie Flughafen-Favorites? Welche Flughäfen mögen Sie gar nicht? Können Sie der Poesie der Architektur eines Flughafens etwas abgewinnen? Es gibt architektonisch äußerst beeindruckende Flughäfen. Sie sind Wunderwerke aus Stahl, Glas und Beton. Viele der asiatischen großen Flughäfen sind darunter, etwa jener von Peking, von Osaka oder Changi Airport in Singapur (Anm.: der über ein Schwimmbad mit Jacuzzi für die Gäste verfügt). Changi ist unglaublich in seiner Chill-out- und Grüninszenierung, eine aufwendige Oase – das Echo des Claims Singapurs als tropische Gartenstadt. Für den neu entstehenden Terminal ist ein Riesenwasserfall vorgesehen. Im deutschsprachigen Raum ist der Flughafen München auffällig: Entlang des einen Kilometer langen Förderbandes im Terminal 1 findet sich eine Lichtinstallation des amerikanischen Künstlers Keith Sonnier aus Leuchtstoffröhren, Aluminium, Glas und Spiegeln. Zwei Hochgefühle sind für Flughäfen wichtig: „Glory“, als Gefühl der Erhabenheit, Beispiel Madrid-Barajas. Hier erleben die Reisenden aufgrund der außergewöhnlichen Dachkonstruktion in Form von Vogelschwingen ein ganz besonderes Raumgefühl: ein Gefühl von Höhe, Weite und Tiefe, das zur Serotoninausschüttung führt. Dieses muss von einem „Joy“-Gefühl durchbrochen werden –

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passiert dies nicht, wirkt der Ort merkwürdig kühl, unnahbar und präpotent. Einigen Architekten ist die Kombination nicht gut gelungen. In Montevideo zum Beispiel ist die „Glory“-Wirkung fast zu stark. In Mumbai und Marrakech dagegen ist die Kunst des Storytellings spürbar, traditionelle, architektonische Versatzstücke sind im Flughafen integriert, die orientalische Anmutung, das Spiel mit Licht und Schatten. Berlin mit dem kreisförmigen Terminal gefällt mir eher nicht. Allgemein mag ich Flughäfen immer noch, obwohl ich zwei bis vier Mal die Woche im Schnitt fliege, es sind immer noch besondere Orte. Man sollte sich von Discountern, wo Passagiere ja eher wie Vieh behandelt werden, nicht das Fliegen verderben lassen. Die Flughäfen haben sich im Laufe der Zeit aber auch stark gewandelt. Vor allem, als man gemerkt hat, dass der Verkauf von Landegenehmigungen allein nicht rentabel genug ist, dass es emotionalen Mehrwert braucht. Alle Flughäfen sind zu Malls geworden, wobei es nicht um mehr Konsum oder Verkaufsförderung um jeden Preis geht. Was macht Sie also zufrieden auf einem Flughafen? Ein guter Aufenthaltsort soll ein emotionales Geschenk sein. In meinen Augen soll Nachhaltigkeit nicht nur auf der ökologischen Ebene verstanden werden. Nachhaltig ist auch, was ästhetisch wirkt. Die urbane Oberfläche soll möglichst gut gemacht sein, wenn das der Fall ist, macht es mich zufrieden.

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Rendering: Methanoia Zaha Hadid Architects

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Der Garten an der Wand D

Die imposanten bepflanzten Wände in den Hauptquartieren von ÖBB, BMW und ­Microsoft oder im Wiener Hotel Kempinski signalisieren einen klaren Trend zu begrünten Innen- und Außenwänden. Sie alle stammen von einem Unternehmen aus dem steirischen Hartberg: Vertical Magic Garden.

ie Steirer – mittlerweile internationale Technologieführer für vertikale Begrünungen – haben mit bereits 145.000 Pflanzen mit diesem System Innen- und Außenwände verschönert. Mit den Lösungen aus der Steiermark lässt sich praktisch jede Vorstellung von begrünten Wänden verwirklichen, sagt Geschäftsführer und Inhaber Harald Eichhorn: „In unserem Katalog haben wir über 100 Sorten unterschiedlicher Pflanzfamilien und mit unserer Modultechnologie können wir jede Höhe, Breite und Form realisieren. Was uns außerdem abhebt, ist der äußerst geringe Wasserverbrauch.“ Auch der Wartungsaufwand für die größten Pflanzenwände sei sehr gering, so Eichhorn. Zahlreiche Vorteile

Die begrünten Wände sind nicht nur schön, sie haben noch zahlreiche andere positive Effekte: • 22 Quadratmeter vertikaler Begrünung sparen rund eine Tonne CO2 im Jahr ein. • Verbesserung des Mikroklimas • Lärmminderung • Filter für Staub und Schadstoffe • Natürliche Kühlung im Sommer • Erhöhung der Biodiversität im urbanen Raum • Steigerung des menschlichen Wohlbefindens – Minderung des Sick-Building-Syndroms. Grün auch für Private und Events, Rosen für Hochzeiten

Da die Pflanzenwände in jeder Größe machbar sind, hat Vertical Magic Garden nicht nur klassische Firmenkunden. Auch Private oder Eventorganisatoren finden sich unter den Kunden des Unternehmens aus Hartberg. Für sie bietet Eichhorn auch mobile begrünte Wände auf Rollen an. Als neues Einsatzgebiet haben die Steirer nun Hochzeiten entdeckt: Mobile Rosenwände machen die Traumhochzeit an praktisch jedem Ort möglich.

Foto: VMG

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Expansion: Showroom in Wien, Studie für USA

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Bislang hat Vertical Magic Garden Module mit insgesamt rund 145.000 Pflanzen installiert. Wegen der genannten Vorteile der grünen Wände aus der Steiermark expandiert das Unternehmen laufend: Im Oktober 2016 wurde in Wien ein 500 Quadratmeter großer Showroom eröffnet, wo man sich vor Ort über alle Möglichkeiten informieren kann. In Tschechien hat das österreichische Unternehmen im Jänner 2016 eine Zweigstelle eröffnet. Für den geplanten Markteintritt in die USA wurde gerade eine Studie fertiggestellt. www.verticalmagicgarden.com

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„Wie kann Zukunft repariert werden?“ Frischer Wind anstelle eines leichten Stadtlüfterls: Angelika Fitz, die mit Anfang Jänner 2017 die Direktion des Architekturzentrum Wien übernommen hat, will das gute Leben in verbauter City-Landschaft wiederfinden. Ihr Aufruf: International denken, Fragen stellen, Mut zeigen, Welt neu gestalten. Ein Gespräch über das Wagnis Stadt und die Wirklichkeit Wiens. Interview: Rudolf Grüner

Foto: Jonathan Pielmayer

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ngelika Fitz fordert Architekten und Planer auf, innezuhalten und nachzudenken – über das Wesen der Stadt und eine Gesellschaft im Umbruch, die nach einem neuen sozialen Fundament und darauf verortbaren Stadtexperimenten sucht. Architektur im Mittelpunkt: Sie haben in Ihrem ersten öffentlichen Statement als Direktorin des Architekturzentrum Wien vom guten Leben gesprochen, auf das sich Stadtplanung und Architektur wieder rückbesinnen sollten. Was dürfen sich die Angesprochenen darunter vorstellen? Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrum Wien: Ich nehme auf keinen Fall für mich in Anspruch, zu definieren, was das gute Leben ist. Als Architekturzentrum und Architekturmuseum

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wollen wir auch nicht mit dem Zeigefinger auftreten und vorgeben, wie richtige oder gute Bebauung auszusehen hat. Mich interessiert vielmehr die Frage: Was kann Architektur? Wie kann sie gesellschaftspolitisch auftreten, mitgestalten und mitformen? … um Wege aus der Krise zu zeigen? Ich habe zu Stadt und Krise sehr viel in südeuropäischen Ländern geforscht. Herausgekommen ist, dass sehr viele Verwerfungen am Immobilien- und Finanzsektor auf ein moralisches Versagen zurückgeführt werden. Viele Menschen sehen die Finanzkrise oder auch die sogenannte „Flüchtlingskrise“ in erster Linie als Solidaritätskrise. Die Idee vom guten Leben – ein fast antikes Motiv – ist folglich wieder

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am Tapet. Die Definitionen dazu werden sehr unterschiedlich ausfallen. Gut so. Wichtig ist, diesen Anspruch wieder zu stellen. Eine kurze Pause einzulegen; bei der Jagd nach mehr Geld oder Wohnraum. Es gibt auch bei uns erfreulicherweise immer mehr Menschen, die darüber nachdenken. Das finde ich sehr spannend. Es ist ein guter Moment, sich auch in der Architektur wieder grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie geht es uns besser? Und was kann die gebaute Architektur dazu beitragen? In welcher Ausgangslage befindet sich hier beispielsweise Wien? Eine Stadt, die wächst wie schon lange nicht mehr. Grundsätzlich hat Wien auf vielen Ebenen sehr gute Voraussetzungen. Die beste

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Foto links: Hertha Hurnaus, Grafik rechts: Assemble

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Für ihre Arbeit in Granby Four Street wurde Assemble mit dem Turner-Preis ausgezeichnet. Das Az W zeigt ab Juni 2017 die weltweit erste Überblicksausstellung.

ist sicher, dass der geförderte Wohnbau nie aus der Hand gegeben wurde. Im Gegensatz zu großen deutschen Städten, wo kurzfristig sehr viel versilbert wurde. Angesichts des starken Wachstums sind nun aber neue Strategien gefragt. Die Gefahr besteht, Wohnsiedlungen anstellen von Quartieren zu bauen. Dessen sind sich aber die Stadtplanung und die Projektentwickler bewusst. Egal ob in den innerstädtischen Entwicklungszonen wie beim Hauptbahnhof und dem Nordbahnhof oder jenseits der Donau in der Seestadt Aspern oder auch in Transdanubien – überall gibt es große Anstrengungen, gemischte Stadt zu erzeugen. Nur ist das sehr schwierig: Die Nachfrage nach Büroraum hinkt nach. Die produktive Stadt – Stichwort: Manufacturing – ist nicht nur eine Frage von gebauter

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Struktur und räumlichem Angebot, sondern auch von legistischen Rahmenbedingungen und von Management. Es braucht so etwas wie einen „Kümmerer“. Von selber werden es die Wohnbauträger nicht schaffen, was anderes als große Handelsketten hineinzubringen. Es steckt sehr viel Arbeit dahinter, ein funktionierendes Nutzungsmanagement zu etablieren. Doch damit werden Stadtentwicklungsgebiete stehen oder fallen. Es gibt inzwischen einige Konzepte zur Probe- oder Zwischennutzung. Diese Modelle gilt es zu unterstützen. Ganz wichtig ist, voneinander zu lernen. Dafür braucht es aber auch Zeit und Geduld. Es muss auch bauplatzübergreifend gedacht werden – speziell beim nicht kommerziellen Nutzungsangebot, beispielsweise bei Gemeinschaftsräumen. Auch wenn das

Die Gefahr besteht, Wohnsiedlungen anstelle von Quartieren zu bauen. Dessen sind sich aber Stadtplanung und Projektentwickler bewusst. alles organisatorisch und auch legistisch sehr komplex ist. Eine große Herausforderung ist auch die Bodenpolitik, sprich die Verfügbarkeit von Grundstücken und die mittlerweile stark steigenden Preise. Ein Aufruf an die politisch Mächtigen, die Weichen neu zu stellen? Die Frage nach der Macht ist nie ganz einfach zu klären. Stadt war immer schon ein

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Ort des Kapitals. Man könnte auch zynisch fragen: Wer macht die Stadt? Das Geld! Es hat im europäischen Wohlfahrtsstaat nach 1945 eine starke Ausprägung des Topdown-Ansatzes gegeben. Die Kommune fungierte als Planerin der modernen Stadt – und ist dafür später auch stark kritisiert worden. Inzwischen sind die Stimmen jener, die die Stadt als Verhandlungsraum betrachten, wo alle mitreden sollten, lauter geworden. Doch es stellt sich heraus, dass nicht alle Akteure gleich stark auftreten können. Wer hat eine laute Stimme? Und wer die Ressourcen? Braucht es doch mehr politischen Ausgleich? Zurzeit schwingt das Pendel zwischen den Positionen hin und her. Welche Visionen finden sich bei jenen, die sich mit Stadtentwicklung beschäftigen? Gibt es so etwas wie einen allgemeinen Trend?

Foto: Assemble

Es ist schwierig, hier zu pauschalisieren. Worauf sich fast alle einigen, ist eine eher kleinteilige, gemischte Stadt. Eine Stadt der kurzen Wege. Eine Stadt, die von oben und von unten entsteht. Dazu gibt es mehrere Herangehensweisen und Versuche. Die Frage ist, wie stark die politischen Vorgaben sein müssen und was über Verhandlungen und Dialog gelöst werden kann. Im großen Maßstab braucht es sicher Vorgaben, denn große Themen, wie zum Beispiel Verkehr, eignen sich besonders gut für das Florianiprinzip: Niemand will eine neue Straße bei sich, aber viele wollen mit dem Auto schnell überall hinkommen. Hier ist es augenscheinlich, dass starke politische Leitlinien und Entscheidungen zwingendermaßen notwendig sind.

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Wo steht hier der „Homo Viennensis“? Wie bringt er sich in seine Stadt ein – und wie reagiert diese darauf?

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Foto: Jonathan Pielmayer

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Wien hat die Tradition einer perfekten Versorgung. Insofern gibt es diese reaktive bis passive, konsumistische Haltung. Aber es gibt eine neue Generation, die aktiv mitmachen will. Für Politik und Verwaltung ist es nicht so einfach, im Denken umzuschalten und Türen aufzumachen. Dabei geht es meiner Meinung sicher nicht darum, dass sich die Stadtverwaltung zurückzieht. Sie muss nur neue Schnittstellen schaffen. Erste Brücken in den geförderten Wohnbau sind so ein Beispiel. Baugruppen, die Initiative für Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen sind solche Phänomene. Kleinere Projekte haben Katalysatoreffekte für Quartiere; ob das in der Seestadt Aspern ist oder am Nordbahnhof. Ein oder zwei Baugruppen können hier sehr viel Entwicklung anstoßen. Sie haben einen Trickledown-Effekt in Fragen gemeinschaftlicher Infrastruktur. Ihre Ideen ziehen später schrittweise in den großmaßstäblichen geförderten Wohnbau ein. Man sollte sie also keinesfalls als Orchideen abtun.

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Wo bleibt hier die Architektur? Versagt ihre Stimme? Sie hat es im Augenblick wirklich nicht leicht. Auf der einen Seite ist es ein sehr prekärer Bereich, der immer schlechter honoriert wird: Es ist heute nicht einfach, sich ökonomisch am Leben zu halten, gerade wenn man ein kleineres Büro hat. Auf der anderen Seite bekommen Büros immer mehr Verantwortung umgehängt, sprich Haftungs- und Controllingfragen. Die Auflagen werden größer. Ich denke, das ist ein Abbild unserer Gesellschaft, die Vollkaskolösungen einfordert. Der Fetisch „Sicherheit“ wird zementiert. Manch architektonische Seltsamkeiten spiegeln den dahinterstehenden Paragrafendschungel wider. Es ist nicht nur der Architekt, die Architektin, der/die entwirft. Gesetze und Normen sind zu Mitgestaltern geworden. Es gibt natürlich berechtigte Schutzziele und Standards, aber auch wachsende Partikularinteressen. Wir wer-

Die ideale Stadt wäre eine Horrorvision. Unsere europäischen Städte sind fast schon zu fertig gebaut.

den diesem Thema unter dem Titel „Form folgt Paragraf“ Ende des Jahres 2017 im Architekturzentrum Wien eine Ausstellung widmen. Welche Städte sind hier in puncto Planung und Architektur schon einen Schritt voraus? Keine Stadt macht es perfekt, zum Glück. Die ideale Stadt wäre eine Horrorvision. Unsere europäischen Städte sind schon fast zu fertig gebaut. Ein bisschen was Poröses, Unfertiges und Widersprüchliches sollten Städte schon haben, um interessant zu bleiben. Wenn

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Foto: Jonathan Pielmayer

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Transdanubien … ist ein sehr desperates, nicht immer leichtes Gebiet, wo jetzt dichtere Stadt entstehen muss.

man die Verkehrspolitik anschaut, sollte man in Richtung Kopenhagen blicken. In puncto Widmungsgewinne in Richtung Basel. Dort finden wir eine Mehrwertabgabe für Aufzonierungen, die in den öffentlichen Raum reinvestiert wird. Mich begeistern auch Projekte im europäischen Süden. Etwa die Neugestaltung entlang des Rio Manzanares in Madrid,

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wo öffentlicher Raum auf höchstem Niveau gestaltet wurde. Nichts „Medio­ kres“, nur das Beste und Schönste für den öffentlichen Raum. Welches Projekt müsste in Wien angegangen werden. Oder anders gefragt: Was regt auf – abseits der Debatte um das Thema Heumarkt: Stichwort Weltkulturerbe? Die Diskussion finde ich spannend, da wieder grundsätzliche Rahmenbedingungen für die Stadtplanung differenziert diskutiert werden. Wichtiger fände ich aber, den Blick nach Transdanubien zu richten. Das Gebiet, wo die Stadt am stärksten wachsen wird. Es ist ein sehr desperates, nicht immer leichtes Gebiet, wo jetzt – ganz unvermeid-

bar – dichtere Stadt entstehen muss. Wien hat das Problem, dass es auf den 1. Bezirk und die angrenzenden Areale fixiert ist. Polyzentralität funktioniert noch nicht, wie auch das Beispiel Donauplatte zeigt. Aber bereits jetzt gibt es jenseits der Donau mehr als dichte Siedlungen, so etwas wie Teilstücke von Stadt. Diese liegen aber noch nicht auf der mentalen Landkarte. Es gibt immer noch Fachkollegen, die beispielsweise noch nie in der Seestadt waren. Wir müssen erst langsam lernen, über den Cityhorizont hinaus zu denken. Da wird sich noch viel verändern müssen. Apropos Horizont: Wie findet die Integra­ tionsdebatte „Stadt“? Blickt die Szene schon über den architektonischen Tellerrand?

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Grafik: Architekturzentrum Wien, Sammlung

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Die Sammlung des Az W speichert das architektonische Erbe Österreichs; Bild: arbeitsgruppe 4, Wohnberge, Wien 1964.

Die Architektur beschäftigt sich auf ganz verschiedenen Ebenen mit dem Integra­ tionsgedanken. Ganz vordergründig natürlich mit der Frage nach leistbaren, schnellen Massenunterkünften. Ich möchte hinterfragen, ob dies der richtige Weg ist. Eigentlich geht es doch um kleinteilige, gemischte Strukturen, um Leistbarkeit und Zugänglichkeit für alle. Wo sind ganz grundsätzlich die Räume des Ankommens? In den 1970er- und 1980er-Jahren waren Substandardwohnungen für Neuankömmlinge, etwa aus den Nachbarländern, oder auch für Menschen aus den Bundesländern vielfach die erste Anlaufstelle. Sie sind fast verschwunden. Wien ist ja inzwischen fast durchsaniert. Zum Glück, kann man natürlich sagen. Dafür wohnen heute

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Menschen wieder zu fünft in einem Zimmer. Weil es keine billigen Quadratmeter mehr gibt. Das trifft die verschiedensten Gruppen, Studierende genauso wie eine Familie aus Syrien oder Alleinerzieherinnen. Man muss sich hüten, das Thema auf eine gewisse Gruppe zu projizieren.

der Boden kein vermehrbares Gut sei und folglich auch nicht als Ware behandelt werden dürfe. So ließe sich Spekulation unterbinden. Preise würden einfrieren. An Bauträger oder Initiativen würden dann Grundstücke nicht verkauft, sondern im Baurecht vergeben. Der Boden bliebe Gemeingut.

Wie ließe sich hier aktiv gegensteuern? Entscheidend ist wieder die Bodenpolitik. Die Stadt müsste wieder zu billigeren Grundstücken kommen. Die Frage des Bodens ist eine vielschichtige. Im angelsächsischen Raum entstand die Idee der Community-Landtrusts, die inzwischen auch hierzulande Anhänger findet. Stiftungen, die damit argumentieren, dass

Ein spannender Ansatz. Welche Debatten werden uns sicher auch noch beschäftigen? Für mich lassen sich die großen Herausforderungen auf drei Hauptgebiete zuspitzen, die wir auch in den nächsten Jahren im Architekturzentrum immer wieder behandeln möchten. Da ist einmal die Frage des Zusammenlebens in der kulturellen

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Bild ist schon das falsche Wort …

Foto: Assemble

Warum?

Turner-Preis-Gewinner Assemble in Aktion: soziale Aktivierung, poetische Räume sowie ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit als Zeichen architektonischen Aufbruchs.

Diversität, die wir zunehmend erleben. Das andere ist die Frage nach Solidarität im Zeitalter sozialer Polarisierung; nach gebauter Verteilungsgerechtigkeit und Leistbarkeit. Und die dritte Frage betrifft das Haushalten mit Ressourcen im weitesten Sinn. Dazu gehört die Stadt der kurzen Wege, die Verkehrspolitik. Aber auch Fragen der Energieeffizienz. Wie wollen Sie mit dem Architekturzentrum Wien den Diskurs aktiv mitgestalten? Es ist viel spannender, die richtigen Fragen zu finden, als gleich mit Lösungen daherzukommen. Wir wollen zeigen, dass Architektur etwas mit großen, gesellschaftlichen Fragen zu tun hat. Wir sagen: Architektur ist nicht nur schönes Gestalten, sondern Gestalten von Welt. Wir wollen jene ins Haus holen, die das Planen und Bauen neu denken. Darum haben wir als erste Ausstellung im Jahr 2017 auch die Turner-Preis-Gewinner Assemble eingeladen: Die Londoner Architekturgruppe beschäftigt sich mit neuen Arten der Partizipation und Kooperation und baut dabei höchst poetische Architektur. Sie wagt Materialexperimente und setzt sich mit Recyclingfragen auseinander, arbeitet mit lokal Vorgefundenem. Das junge Kollektiv ist aber auch Mitgründer mehrerer Sozial-

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Mir geht es um darum, das Denken offen zu halten. Dazu muss man manchmal innehalten, raus aus dem Hamsterrad. Darüber nachdenken, was wichtig ist. Und das ändert sich für mich auch im Laufe der Biografie. Ich habe das Glück, dass meine Arbeit und meine persönlichen Interessen immer sehr ineinandergefallen sind. Aber mir ist klar, dass das nicht der Standard in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft ist.

unternehmen. Sie zeigen, dass sich Architekten durchaus noch bewegen können. Ihr Credo – „Wir wollen alles umdrehen. Was wollen Sie dem ArchitekturnachVieles ganz anders machen! – begeiswuchs mit auf den Weg geben? tert mich. Ihre Projekte sind Prototypen dafür, wie eine Gesellschaft anders bauen Das enge Korsett, in dem die Architektur könnte. Mit „Care + Repair“, dem zweiten aktuell steckt, ist und bleibt ein großes Schwerpunkt in diesem Sommer, wird das Thema. Einerseits kann man den JunAz W temporär die Mauern des Museums­ gen nur raten, sich mit Geschichte und Quartiers überschreiten und einen öffentvorhandenem Wissen zu beschäftigen. lichen Arbeitsraum am Nordbahnhof etaEs muss nicht alles neu erfunden werblieren. Sorgetragen und Reparieren sind, den. Andererseits empfehle ich, sich mit wie Architektur und Urbanismus, konkrete dem großen gesellschaftlichen Kontext Aktivitäten. Deshalb laden wir sechs zu beschäftigen. Mut zu haben und zu international tätige Architekturteams ein, zeigen, dass man sehr wohl etwas beeindie im Tandem mit lokalen Initiativen und flussen kann, wenn man will; sich die Expertinnen „Care + Repair Prototypen“ Frechheit nehmen, die Welt neu zusamentwickeln. Gerade in einem neuen Stadtmenzufügen. teil ist es immer auch wichtig, zu schauen: Was ist denn schon da? An Materiellem, Danke für das Gespräch! an Identität und sozialen Energien. Unsere Grundsatz­ frage sollte lauten: Angelika Fitz Wie kann hier Angelika Fitz ist Kulturtheoretikerin und Kuratorin in den Bereichen Zukunft repariert Architektur, Kunst und Urbanismus. Seit Jänner 2017 ist sie neue werden? Direktorin des Architekturzentrum Wien. Viele ihrer kuratorischen Projekte stehen als Plattformen für Wissenstransfer und KoprodukWie sieht Ihr Bild tion zur Verfügung. 2003 und 2005 kuratierte sie den Österreichieiner reparierten schen Beitrag zur Architekturbiennale in São Paulo. Aktuelle ProZukunft, eines schöjekte sind u. a. We-Traders. Tausche Krise gegen Stadt und Actopolis. nen Lebens aus? Die Kunst zu handeln.

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Wenn Objekt, dann Querschnitt Querschnitt ist die Anlaufstelle für Bauherrn, Architekten und Hoteliers, die sich für ihr Objekt eine hochwertige Ausstattung aus Echtholz wünschen. Für individuelle Lösungen und maßgefertigte Ausstattungen ist Querschnitt der absolute Spezialist.

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ie Querschnitt GmbH ist eine Tochterfirma der STIA Holzindustrie, die exklusiv für Admonter am Standort Salzburg berät und verkauft. So werden auf 200m² im Salzburger Schauraum sämtliche Produkte von Admonter inklusive Verlegung bzw. Montage angeboten – vom Boden, Wandverkleidung über Möbelelemente hin bis zu Türen, Treppen oder Akustikplatten. „Der Kunde erhält alles aus einer Hand und muss nicht mühsam Produkte unterschiedlicher Anbieter zusammen suchen und alles selbst organisieren“, so der Geschäftsführer der Querschnitt GmbH, Manuel Gasser. Seit ihrem Bestehen realisierte Querschnitt bereits zahlreiche interessante

Projekte. Sowohl das Kinderhotel Oberjoch im Allgäu, das Genussdorf Gmachl Bergheim als auch das Romantik Hotel Schloss Pichlarn entschieden sich für Admonter und statteten ihr Interieur mit exklusiven Naturböden und Akustikplatten des österreichischen Qualitätsherstellers aus. Zu den jüngsten Referenzen des Salzburger Unternehmens zählen Adressen wie die Chalets Bergwiesenglück im Paznauntal, das Hotel Försterhof in Ried am Wolfgangsee, das Hotel Erherzog Johann in Bad Aussee, Krumers Alpin Resort in Seefeld oder Werzers Weißes Rössl in Pörtschach am Wörthersee, um nur einige zu nennen. Auch die Bürogebäude der G.A.Service in Salzburg, der Firma Fill in

Gurten, der Salzburg AG sowie die Seniorenresidenz am Salzburger Schlossberg wurden von der Fa. Querschnitt umgesetzt. www.admonter.at | www.querschnitt.at

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Foto: WRA housing

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Architekturexport nach China – Geldexport nach Europa China ist Weltmacht. Wie verändert das Reich der Mitte die heimischen Städte – und profitieren Österreichs Immobilienexperten vom Bauboom in Asien? Text: Heimo Rollett

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as Kapital, das in österreichische Immobilien investiert wird, wird immer globaler. Franz Pöltl, EHL Investment Consulting, beschreibt das so: „Wichtige Motoren für die Nachfrage sind Investoren aus Ländern, die bisher in Österreich noch schwach bzw. gar nicht vertreten sind. Insbesondere Käufer aus Asien und Nordamerika haben sich als Interessenten am Markt etabliert, vor allem bei den wirklich großen Deals jen-

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seits der 100-Millionen-Marke.“ Ist es die hohe Lebensqualität, die den potenten Käufern imponiert? Gar nicht, meint Pöltl: „Es geht um ganz profane Investmentmotive wie Rendite, Risikostreuung und regionale Streuung – eine besondere Leidenschaft mit Österreich würde ich damit nicht verbinden. Investiert wird, wo ein guter Ertrag erwartet wird.“ Und wie sieht die Zusammenarbeit mit den Managern aus der neuen Weltmacht aus? „Einfach

ist es nicht, aber einfach anders“, meint Wolfgang Poppe, Geschäftsführer von Vasko+Partner, auf die Frage, wie es denn beim Planen und Bauen mit chinesischen Bauherren so läuft. Vasko+Partner trat als Generalkonsulent bei der Repräsentanz der chinesischen UN-Botschaft im 19. Bezirk in Wien auf. „Wir haben einige Zeit gebraucht, bis wir die kulturellen Unterschiede verstanden haben, doch jetzt läuft es sehr gut.“

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250 Millionen Menschen brauchen Wohnraum

Architektur im Mittelpunkt: Bauen Chinesen ihre Gewerbeimmobilien anders? Haben sie andere Vorstellungen oder Wünsche als wir in Europa? Wolfgang Reicht: Die Einheitsarchitektur führte zu anonymen Stadtteilen, es fehlt an Identifizierbarkeit, an Echtem im Gegensatz zur blutleeren Kopie. Man hat dieses Problem erkannt und schätzt mittlerweile den Mehrwert guter Architektur. Stichwort Plagiat – drehen wir den Spieß mal um. Was können wir uns von den Chinesen abschauen? Man traut jungen Büros mehr zu als hierzulande. Ich bin ein gutes Beispiel dafür. Trotz 20 Jahren an Berufserfahrung und vieler Auszeichnungen für Projekte, für die man als Projektleiter tätig war, startet man in Österreich mit der eigenen Selbstständigkeit wieder bei null. Man darf nicht an Wettbewerben teilnehmen, da einem die geforderten gebauten Referenzobjekte und Jahresumsätze fehlen usw. Ganz anders in China: Der erste Auftrag war ein Hochhauskomplex, in den letzten vier Jahren wurden wir mit der Planung von insgesamt einer Million Quadratmeter Geschoßfläche betraut. Das entspricht einem Drittel der Fläche der Wiener Innenstadt. Das wäre in Österreich unmöglich.

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Merken Sie eine Krise in China? Foto: privat

Der österreichische Architekt Wolfgang Reicht hat den Megamarkt China schon lange entdeckt, plant aber genauso geförderten Wohnbau in Österreich. Erst bearbeitete er den Markt für Coop Himmelb(l)au, vor vier Jahren hat sich der Steirer mit seinem Büro Wolf Reicht Architects selbstständig gemacht.

Die großen Museen, Flughäfen, Opernhäuser und Stadien sind fast alle gebaut. Der Bauboom der letzten zehn Jahre entschleunigt sich und das hat natürlich Auswirkungen. Allerdings werden die Städte in China weiterhin wachsen. Die Urbanisierung schreitet voran, man rechnet mit einem Zuwachs an Städtern um 20 Prozent in den nächsten zehn bis 15 Jahren. Wir reden hier von rund 250 Millionen Menschen, für die neuer Wohnraum und Arbeitsplätze geschaffen werden müssen. Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Asiaten in der Praxis aus? Die Anfangsphase dauert erfahrungsgemäß länger. Bevor man einen Vertrag abschließt, baut man eine zwischenmenschliche Beziehung auf. Man tauscht Ideen aus, man nähert sich langsam dem eigentlichen Geschäftsinhalt. Diskutiert wird nicht am Besprechungstisch, sondern bei einem guten Essen. Dafür länger und durchaus intensiv. Dafür fällt der Prozess der Entscheidungsfindung danach kürzer aus. Stichwort Signature Buildings: Muss es immer höher, größer, spektakulärer sein? Natürlich nicht. Es geht um Beschreibbarkeit, Identifizierbarkeit, Eigenständigkeit und Wiedererkennbarkeit. Eigenschaften, die nicht zwangsläufig mit Größe in Verbindung zu bringen sind. Neben China haben Sie jetzt auch in In­dien, südlich von Mumbai, einen Wohnbau mit 1150 Einheiten geplant. Aber auch in Österreich sind Sie im geförderten Wohnbau aktiv. Warum das?

Ich sehe Wohnbau als eines der zentralen Themen der Architektur. Die Art und Weise, wie wir zusammenleben, sagt viel über die Kultur einer Gesellschaft aus. Man kann sich hinter Burgen und Festungen verschanzen oder offene Räume schaffen, die eine Kultur des Miteinanders zulassen. Leistbares Wohnen und soziale Gerechtigkeit sind viel strapazierte Begriffe unserer Zeit. Der Wohnbau steht vor großen Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Können wir uns hierzulande die hohe Qualität leisten? Nachhaltige Wohnungen müssen nicht mehr kosten. Es sollte für Planer und Architekten eine Selbstverständlichkeit sein, technologisch, ökologisch und sozial weiterzudenken und die besten Entwürfe zu schaffen. Das ist deren Beruf, alles andere ist schlechte Qualität!

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Architektur. Weiblich. Die Architektur kann als eine Männerdomäne bezeichnet werden. Das beweist nicht nur der erschreckend niedrige Anteil an Architektinnen in Österreich im Vergleich zu den Uni- und FH-Abschlüssen: Wofür die Frauen dieses Berufsstandes heute kämpfen, wer ihre Wegbereiterinnen waren und was die Geschichte und Gesellschaft zur Weiblichkeit in der Architektur beitragen. Text: Veronika Kober

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etzen Sie jeweils ein paar Buben und ein paar Mädchen vor eine Kiste voller Bausteine und lassen Sie die Kinder bauen. Was passiert? In seinem Buch „Childhood and Society“ beschreibt der deutschamerikanische Psychoanalytiker Erik Erikson ein Experiment an 150 Kindern, in dem er klare geschlechtsspezifische Unterschiede in den Entwürfen der Kleinen beobachtet: Die Jungen bauten zu über 90 Prozent Türme – ihr größter Spaß war es übrigens, diese wieder zu zerstören, das aber nur nebenbei –, die Mädchen bauten zu über 90 Prozent Höhlen und spielten Familie darin. Was lernt der Psychologe daraus? Buben konstruieren in ihren Türmen die Dimension „hoch-tief“, wäh-

„Sie denken doch nicht etwa, dass eine Frau ein Haus bauen kann.“

Rendering: Zaha Hadid Architecture, Aecom

Zsuzsa Bánk, deutsche Schriftstellerin

Das Al Wakrah WM-Stadion von Qatar sorgt aufgrund seiner Optik für viel Aufregung. Woran denken Sie beim Anblick des Hadid-Entwurfs?

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rend Mädchen durch ihre Innen-Außen-Anordnungen tendenziell die Modalität „offen-geschlossen“ einüben. Erikson erkennt in diesem Muster eine Parallelität von Handlung und Genitalien. Legen wir diese Erkenntnisse auf die Architektur um, ergeben sich folgende Fragen. Ist die Art zu entwerfen, der Zugang zu Architektur also, wirklich in unseren Genen, in unserem Geschlecht festgelegt? Oder sind das in Wirklichkeit nichts als Klischees, die auf der Rolle von Mann und Frau in unserer Gesellschaft gründen? Gibt es DIE weibliche Architektur? Wagen wir dafür einen Blick in die Vergangenheit. Architektinnen gestern und heute

Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, so waren die Anfänge der weiblichen Vertreter der Architektenzunft wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft ganz klar geprägt von der Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Doch auch wenn es nicht einfach für die Einzelne war, konnten Frauen sich schon relativ früh in der Geschichte als Planerinnen behaupten. Laut Historikern sind von der Frühgeschichte bis ins Mittelalter zahlreiche Beweise dafür zu finden, dass das Errichten eines Zuhauses, eines Daches über dem Kopf, Frauensache war. Doch diese Schaffenszeugnisse weiblicher Architektur im Mittelalter, in der Renaissance oder im Barock sind leider nur rar dokumentiert. Mit dem Siegeszug der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam es zu einer „Verstahlung“ unserer Gesellschaft, die auch eine strikte Verdrängung des Weiblichen, der Frau aus dem Bausektor mit sich brachte. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Frau in der Architektur einen ersten Aufschwung. Die Universitäten öffneten ab 1900 ihre Fakultäten auch für das weibliche Geschlecht, und obwohl der Zugang noch immer mit einigen Schwierigkeiten behaftet war, gab es ab den 1920er-Jahren immer mehr Frauen, die ein Architekturstudium absolvierten und auch in diesem Beruf tätig wurden. Eine erste, nicht nur leise und zurückhaltende Emanzipation des Berufsbildes nahm Fahrt auf. Einen etwas schalen Beigeschmack hat die Tatsache, dass sich die

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Foto: nito/Shutterstock Foto: meunierd/Shutterstock

Was ist hier nun typisch weiblich und typisch männlich? Oben das Guggenheim Museum in Bilbao – entworfen von Frank O. Gehry, unten die Bergiselschanze in Inns­ bruck – entworfen von Zaha Hadid.

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Margarete Schütte-Lihotzky (*1897 in Wien, † 2000 in Wien)

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Sie ist die erste Frau, die in Österreich ihr Architekturstudium abgeschlossen hat. Bekannt wurde sie für ihren Entwurf der „Frankfurter Küche“. Für Schütte-Lihotzky gab es keine „männliche“ und „weibliche“ Form der Architektur. Sehr wohl aber erkannte sie eine männliche Dominanz am Bau und in den Büros. „Frauen werden sich da noch weitere 100 Jahre schwertun.“

Zaha Mohammad Hadid (*1950 in Bagdad, † 2016 in Miami)

Foto: Simone_Cecchetti

„Immer wieder haben mir Männer auf die Schulter geklopft und gesagt: ‚Nicht schlecht für ein Mädchen.‘ Heute ist mir klar geworden, wie viel Unterstützung weibliche Architekten von anderen Frauen brauchen.“ Architektin, Architekturprofessorin, Designerin: Die Britin mit iranischen Wurzeln erhielt als erste Frau überhaupt im Jahr 2004 den Pritzker-Preis der Architektur. Hadid verwirklichte mehr als 900 Bauten weltweit und gilt als eine der wichtigsten zeitgenössischen Architektinnen.

Farshid Moussavi (*1965 im Iran)

„Wenn Weiblichkeit zum Motor für Innovation werden soll, muss die Präsenz von Frauen in der Architektur von einer Dialektik befreit werden, in der es allein um ‚Architektinnen gegen Architekten‘ oder ,Busen und Hintern gegen Muskeln und Schwänze‘ geht.“

Foto: Armin Linke

ersten Architektinnen vor allem in Bereichen verwirklichten, die ihnen „vertraut“ waren. Und so wurden besonders der (soziale) Wohn- und Siedlungsbau sowie die Inneneinrichtung Spielfeld für Planerinnen und Architektinnen. Es ging der „ersten Generation“ zumeist darum, das Leben zu erleichtern und zu vereinfachen, aber auch den sozialen, den gemeinschaftlichen Aspekt im Zusammenwohnen hervorzuheben. In den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten – mit Ausnahme des Naziregimes und seinen Repressionen, die die weibliche Architektenschaft mit ihren vielen jüdischen Vertreterinnen zur Emigration oder dem Rückzug aus dem Beruf zwangen – wurden die Frauen im Architektenberuf immer präsenter. Heute verzeichnen die Universitäten und Fachhochschulen einen durch die Bank höheren weiblichen Anteil an Studienanfängern und Absolventen, im Schnitt liegt er bei über 50 bis 60 Prozent. Woran es dann aber wiederum krankt, ist der Übergang vom Studium ins Berufsleben. Nur wenige der Architekturabsolventinnen fassen auch wirklich Fuß in ihrem Brotjob, noch weniger machen dies auf selbstständiger Basis und/oder in leitender Funktion. Die aktuellen, bei der Österreichischen Architektenkammer abgefragten Daten beweisen dies eindrücklich. So sind mit Stichtag 9. März 2017 in Österreich insgesamt 3115 natürliche Personen mit aufrechter Befugnis als Architekten tätig. Davon sind 2628 (59,7 Prozent) männlich und 487 weiblich (11,1 Prozent). Der Rest (1019 Männer und 270 Frauen) sind Architekten mit ruhender Befugnis. Bei den Ziviltechnikern ist der Unterschied noch eklatanter: Hier stehen 63,7 Prozent männliche Zivilingenieure mit aufrechter Befugnis lediglich 1,9 Prozent weiblichen Zivilingenieuren gegenüber.

Foto: Pressefoto Votava

„Ich glaube, die Gleichberechtigung in der Architektur erlebe ich nicht mehr.“

Die Architektin und Architekturprofessorin emigrierte 1979 nach London und gründete dort gemeinsam mit anderen Architekten 1995 das FOA (Foreign Office Architects). Über das Forschungsinstitut FunctionLab verbindet „Farshid Moussavi Architecture“ architektonische Praxis mit kritischer Forschung, dem zweiten großen Betätigungsfeld der Harvardprofessorin.

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Lucy Hillebrand (*1906 in Mainz, † 1997 in Göttingen)

Foto: Born & Heine

„Entschieden zurückzuweisen ist die Ansicht, dass die Außenarchitektur Aufgabe des Mannes bleiben müsse, während die Frau sich auf die Heimgestaltung beschränken soll. Es ist nicht einzusehen, warum 1. die weibliche Architektin deshalb keine Häuser bauen soll, weil der ,Herr Architekt‘ das wahrscheinlich ebenso gut kann, und insbeson­ dere 2. dass er es sogar besser kann.“ Hillebrand war eine der erfolgreichsten, ersten selbstständigen Architektinnen in Deutschland. Erst Meisterschülerin des Kirchenbauers Böhm, eröffnete sie 1928 ihr eigenes Büro. 1987 wurde sie Ehrenmitglied im Bund Deutscher Architekten.

Lilly Reich ( *1885 in Berlin, † 1947 in Berlin)

Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

„Wesentlich ist, dass der Geist der Frau zur Sprache kommt, die sein will, was sie ist, und nicht scheinen will, was sie nicht ist.“ „My real heart … is in building.“ Lilly Reich startete ihre Architektenkarriere am Bauhaus und arbeitete ab 1927 eng mit Mies van der Rohe zusammen. Auch war sie die erste Frau im Vorstand des Deutschen Werkbundes. Nach dem Zweiten Weltkrieg besaß die besonders für Design und Innenarchitektur bekannte Reich ihr eigenes Atelier.

Elsa Prochazka (*1948 in Wien)

Foto: privat

„Dass das ungewöhnlich ist für eine Frau, Architektur zu machen, ist mir erst sehr viel später gedämmert – Gott sei Dank!“

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Elsa Prochazka ist freiberufliche Architektin und Ziviltechnikerin mit Bau-, Projekt- und Lehrschwerpunkten als Universitätsprofessorin für Städtebau, Wohnbau, öffentliche Gebäude, Büro- und Industriebau, Museumskonzeption und Ausstellungsdesign. Mehrfach vertreten bei der Architekturbiennale Venedig.

Die Frau in Form und Gestalt

Die weibliche Architektur, das Weibliche in der Formensprache – ihre Existenz ist nicht abzustreiten. Doch wird dieses Weibliche nicht ausschließlich von Frauen geschaffen. Wir alle tragen eine männliche und eine weibliche Seite in uns, das ist bei den Architektinnen und Architekten nicht anders. Welche Seite stärker in den Entwürfen hervorkommt, ist individuell und wohl auch charakter- und situationsabhängig. Nur ein Beispiel: Das Solomon R. Guggenheim Museum in Bilbao könnte laut zahlreichen Architekturbeschreibungen (z. B. Helmuth Seidl in der Zeitschrift Raum und Mensch, Ausgabe Dezember 2009) wohl als der Inbegriff von Weiblichkeit „ausgelobt“ werden. Alles ist rund, sanft geschwungen und in sich verschlungen, Kanten und Ecken sucht man vergeblich. Der Eingangsbereich mutet laut Seidl wie der Schoß einer Frau an, in den man versinkt. Und im Inneren wandern die Besucher von Höhle zu Höhle, stets beschützt und geborgen. Entworfen wurde das zu den berühmtesten Museen der Welt zählende Gebäude aber von einem Mann, dem kanadisch-amerikanischen PritzkerPreisträger Frank Owen Gehry. Ein weiterer wichtiger Aspekt in dieser Diskussion ist jener der Rezeption. Ob ein Gebäude als weiblich oder männlich empfunden wird, hängt nämlich auch sehr stark vom Betrachter ab und welche Gefühle und Assoziationen das Betrachtete in ihm auslöst. Die Bergiselschanze von Zaha Hadid in Innsbruck etwa könnte von manchen als typisch männliche Architektursprache gelesen werden (90 Meter langer Zugang, ein über 60 Meter, kerzengerade in die Luft ragender Turm; mit den vorrangig eingesetzten Materialien Beton und Stahlblech). Zeitgleich bewerten andere das Café und die Terrasse, die in einer eleganten Drehung den Turm umschlingen, als besonders oder gar typisch weiblich, liebkosend, schützend.

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„Der Prozess ist so wichtig wie das Ergebnis“

Im Gespräch mit Anna Heringer

Foto: Martin Mackowitz

AiM: Sind Frauen in der Architekturlandschaft unterrepräsentiert? Warum gibt es so wenige Stararchitektinnen?

Anna Heringer, deutsche Architektin, „Studio Anna Heringer“, Inhaberin der UNESCO-Professur für Earthen Architecture, Building Cultures and Sustainable Development. Lieblingsarchitekten: Hollmen Reuter und Sandman, drei finnische Architektinnen und gute Freundinnen, Marina Tabassum (Bangladesh), Anupama Kundoo (Spanien/Indien).

Anna Heringer: Ja absolut! Vor allem in den oberen Schichten. Man hat es sehr schwer als Frau in dieser Branche, die äußerst „competitive“ ist. Ich sehe das Kernthema in der Selbstdarstellung, der Kampf- und Risikobereitschaft, alles Eigenschaften, die ich nicht der Frau an sich zuschreibe. Im Kampf um Aufträge werden meiner Meinung nach oft Ellbogen eingesetzt, und da bemerke ich einfach, dass die Frauen – einerseits aus Rücksicht auf die Familie, andererseits aber auch aus Rücksicht auf die andere Seite – vor diesem Kampf eher zurückschrecken. Auch mir macht diese Härte zu schaffen. Vielleicht gibt es deshalb so wenige Stararchitektinnen? Bestimmend in der Architektur ist die Wettbewerbskultur. Und ohne gewonnene Wettbewerbe baut man sich schwer eine internationale Reputation auf. Immer noch mehr Ego, noch mehr Geltung, nach der geschrien wird. Haben Frauen eine andere Herangehensweise an die Architektur? Planen und gestalten sie anders als Männer? Oder ist das vielmehr ein klischeehaftes Denken, das von der Charakterisierung des Weiblichen an sich herrührt? Ich bin prozessorientiert und intuitiv. Ich bin emotional mit dem Projekt verbunden. Als Frau habe ich oft eine andere Sprache und eine andere Herangehensweise, Priorität haben in meinem Schaffen die soft facts, der Charakter des Gebäudes, das Gefühl, das damit einhergehen soll, und der Prozess des Planens und Bauens. Das bringt im Gespräch mit Bauherren oft Probleme, da sich Standardbauherren vor allem von hard facts und Analytik überzeugen lassen – meiner Meinung nach eher männliche Eigenschaften.

Ökologisch: drei Bamboo ­Hostels in Baoxi, China (2014).

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Foto: Jenny JI

Haben es Frauen schwerer, in diesem Beruf Karriere zu machen und leitende Positionen einzunehmen, als Männer? Gibt es eine Ungleichbehandlung und existiert vielleicht sogar die „gläserne Decke“? Der Architekturberuf ist familienfeindlich, das ist Fakt. Als Mutter, aber auch als Vater muss man da ganz eigene Wege finden, um ein eigenes Büro erfolgreich zu betreiben. Mein Weg: Ich mache fast keine Wettbewerbe, weil ich weiß, das geht sich nicht aus – aufgrund durchgearbeiteter Nächte und Wochenenden, die für die Familie keine Zeit übrig lassen. Ich bleibe deshalb bewusst klein, für größere Projekte arbeite ich mit anderen Büros zusammen und teile die Ressourcen. Das Problem: An große Aufträge

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kommst du schwer ran, weil du als kleines Büro fast chancenlos bist. Wenn ich keine Familie hätte, hätte ich mit Sicherheit ein größeres Büro. Und zu Ihrer zweiten Frage: Die gläserne Decke gibt es hundertprozentig! Die Größe des Oeuvres zählt oft mehr als Qualität, Tiefgang und Reflexion. Die alten Männer haben das Gewicht in der Jury, die typischen Patriarchen mit einem veralteten Frauenbild. Das gilt natürlich nicht für alle, aber ich habe es oft erlebt, sie genießen, von Frauen umgeben zu sein – aber ernst genommen werden wir offensichtlich nicht wirklich. So lange diese alte Liga noch da ist, wird sich wohl schwer etwas ändern.

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sicher so,und damit hängt auch das Ergebnis zusammen, dass wir Frauen mehr auf die Emotionen schauen, diese uns näherliegen. Ich arbeite gerne mit Männern zusammen, weil ich finde, dass wir uns gut ergänzen! Er kommt von der einen Seite, ich von der anderen. Was daraus entsteht, ist dann ausgewogene Architektur. Wenn man heute durch die Städte geht, egal wo, ist es wahnsinnig standardisiert und funktional. Alles schaut ähnlich aus. Da fehlt mir ganz klar die rechte Gehirnhälfte, das Weibliche, das Emotionale, das Spielerische. Die heutige Architektur ist eine auf Kontrolle basierende. Ich plädiere für weniger Kontrolle und mehr Vertrauen in die Schaffensqualität und Kreativität von einem selbst sowie der am Bauprozess Beteiligten und schließlich auch der Nutzer. Und das weibliche Bedürfnis nach Harmonie unterstützt dieses Vertrauen, davon bin ich überzeugt.

Gibt es DIE weibliche Architektur und DIE männliche Architektur? Männer können weibliche Architektur machen, wie Frauen auch männliche Architektur machen können. Aber es ist

„Frauen gehen nicht anders an Aufgaben heran und machen keine andere Architektur“

Nachgefragt bei Sabine Pollak Sabine Pollak, österreichische Architektin, Universitätsprofessorin für Architektur und Urbanistik, Vizerektorin für Internationales und Genderfragen, Mitgründerin des Architekturbüros Köb&Pollak. Lieblingsarchitekten: All jene, die sich forschend vorwärtsbewegen, also Rem Koolhaas, Elizabeth Diller, MVRDV.

merkt sofort, dass weibliche Architekten als Vortragende selten mehr als 15 Prozent erreichen. Im Gegenzug studieren seit einigen Jahren mehr Frauen als Männer Architektur, und man muss sich fragen, wo diese später bleiben. Die gläserne Decke ist im Beruf der Architektin sichtlich eine sehr stabile. International ist es teils besser, in Großbritannien etwa gibt es seit Langem eine gute Tradition von Frauenkollektiven. Im Bereich der Stararchitektur wird der Frauenanteil international wieder verschwindend klein, die einzige internationale Stararchitektin verstarb letztes Jahr. Stararchitektur ist kein vorrangiges Aufgabengebiet, aber dennoch ist dies im 21. Jahrhundert bedenklich.

AiM: Sind Frauen in der Architekturlandschaft unseres Landes und international unterrepräsentiert?

Foto li: privat, re: Jonathan Pielmayer

Sabine Pollak: Ja, das sind sie. Man muss nur die Programme der wichtigsten Konferenzen und Symposien betrachten und

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Von und für Frauen: das Frauenwohn­ projekt ro*sa, Wien-Donaustadt.

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Haben es Frauen heute (noch immer) schwerer, in diesem Beruf Karriere zu machen und leitende Positionen einzunehmen, als Männer?

die Architektur? Planen und gestalten Frauen anders als Männer? Frauen gehen nicht anders an Aufgaben heran als Männer und planen bzw. bauen keine andere Architektur. Es könnte nur sein, dass das Jahrhunderte andauernde „Nicht-zum-Zug-Kommen“ Frauen heute anders handeln lässt als Männer. Aber prinzipiell besteht kein Unterschied.

Sichtlich ja, denn sonst gäbe es mehr Frauen mit erfolgreichen Architekturbüros. Gibt es eine Ungleichbehandlung, existiert die viel zitierte „gläserne Decke“?

Gibt es Ihrer Meinung nach „DIE weibliche Architektur“ und „DIE männliche Architektur“?

Eine Ungleichbehandlung lässt sich nicht an konkreten Fällen ausmachen, sondern an der Tatsache, dass Baugenossenschaften und andere Auftraggeber mehrfach auf jene Architekturbüros zurückgreifen, die sie seit jeher beauftragen. Und diese sind naturgemäß eher männlich besetzt. Es ist auch eigenartig und eigentlich traurig, dass heute, wo partizipativ entwickelte Projekte so wichtig werden, mehr Frauen zum Zug kommen. Man traut ihnen diese Aufgabe der Vermittlung eher zu als Männern, die gewohnt sind, sich durchzusetzen. Das finde ich zumindest mehr als traurig, denn diese Annahme beruht größtenteils auf Vorurteilen und Stereotypen.

Nein, alles, was jemals darüber geschrieben wurde, ist meiner Meinung nach Nonsens, es gibt auch nicht DIE Frau oder DEN Mann. Wie beschreiben Sie Ihre persönliche Architektursprache? Wie sieht Ihr Weg von Planung und Gestaltung aus? Meine persönliche Architektursprache entsteht in Zusammenarbeit mit meinem Partner Roland Köb, jedes gebaute Projekt entsteht im Team. Die Sprache ist immer getrieben vom Experiment, dem Austesten und Glauben daran, dass Architektur etwas an der Art, wie wir zusammenleben, verändern kann.

Haben Frauen Ihrer Meinung nach eine andere Herangehensweise an

„Mich interessiert bei jeder Aufgabenstellung die Ausgangslage“

Im Interview: Kathrin Simmen Kathrin Simmen, Schweizer Architektin, seit 2013 Leiterin von ­kathrinsimmen Architekten ETH SIA in Zürich, parallel Assistentin für Entwurf bei Prof. Andrea Deplazes an der ETH Zürich. Lieblingsarchitekten: Lux Guyer, Alvar Aalto und Louis Kahn sowie Herzog & de Meuron aufgrund ihrer Experimentierfreudigkeit – vom Kleinstobjekt bis zur Ikone.

Kathrin Simmen: Meiner Meinung nach gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem Frauenanteil in der Ausbildung und der Berufspraxis. An der ETH Zürich, wo ich derzeit im Bachelorstudium unterrichte, beträgt der Frauenanteil fast 60 Prozent. Bis zum Ende der Ausbildung – und im Anschluss unter den Berufseinsteigerinnen – bleibt dies so bestehen. Allerdings scheint es, dass der Beruf der Architektin mit zunehmendem Alter und Familienalltag nicht besonders kompatibel ist. Viele Frauen möchten Teilzeit arbeiten, finden aber in einem Architekturbüro keine ihrer Erfahrung adäquate Anstellung. So haben ab unge-

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Foto: privat

AiM: Sind Frauen in der Architekturlandschaft unseres Landes und international unterrepräsentiert?

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fähr Mitte dreißig viele Kolleginnen die Seiten gewechselt und arbeiten dann zum Beispiel in Baubehörden, als Bauherrenberaterinnen oder als Fachjournalistinnen, weil dort mehr zeitliche Flexibilität und Auseinandersetzung mit interessanteren Aufgaben möglich ist als im Architekturbüro. Ich kenne die internationale Situation nicht besonders gut, würde aber schätzen, dass der Schweizer Stellenmarkt nicht zuletzt dank der florierenden Baubranche für die Frauen noch weitaus bessere Möglichkeiten bietet als anderswo. Haben es Frauen schwerer, in diesem Beruf Karriere zu machen und leitende Positionen einzunehmen, als Männer? Die Firmenstrukturen in unserem Beruf sind meist kleine Unternehmen von zwei bis zwanzig Mitarbeitern. Die Karrierechancen scheinen mir eher strukturell eingeschränkt. Hat man allerdings ein privates Umfeld, das einen unterstützt, kann sich der Schritt in die Selbstständigkeit meiner Meinung nach sehr lohnen. Selbstbestimmt sein zu können vereinfacht die Kombination von Beruf und Familie. Für mich bedeutet es zwar viel Organisationsgeschick, aber ich kann so meine beiden Rollen als Chefin und Mutter ausüben und versuche dabei stets die Balance zu halten.

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Wie beschreiben Sie Ihre persönliche Architektursprache? Wie sieht Ihr Weg von Planung und Gestaltung aus? Eine eigene Architektursprache zu finden ist für mich kein Ziel. Mich interessiert bei jeder Aufgabenstellung die Ausgangslage: der Kontext, die Anforderungen der Bauherrschaft, die Stimmung des Orts, der Landschaftsraum, die Synthese von Raum und Konstruktion zu einem maßgeschneiderten, individuellen Projekt. Ich arbeite während des Entwurfsprozesses mit Skizzen, Referenzen, im 3D-Programm und im Modell. Mich fasziniert seit Beginn meiner Ausbildung die Übersetzung eines Projekts in fragmentarische Modelle aus Graukarton, die ich kulissenhaft konstruiere. Dabei teste ich die Licht- und Schattenverhältnisse, Farbstimmungen, überprüfe Proportionen und fotografiere die Modelle anstelle von herkömmlichen Visualisierungen. In der Fotografie – die nicht die Perfektion sucht, sondern durch Improvisation auch oft Überraschungen offenbart – finde ich einen besonderen Wert räumlicher Darstellung.

Gibt es eine Ungleichbehandlung, existiert die „gläserne Decke“? Dieser Eindruck ist bei mir noch nie entstanden. Ich erfahre viel Respekt und Anerkennung für meine Tätigkeit und habe den Eindruck, dass manchmal gar Vorteile aus meiner Situation entstehen. Haben Frauen eine andere Herangehensweise an die Architektur? Planen und gestalten Frauen anders als Männer? Oder ist das vielmehr ein klischeehaftes Denken, das von der Charakterisierung des Weiblichen in der und durch die Gesellschaft an sich herrührt?

Sensibles Weiterbauen: Entwurf zur Erweiterung der Schul­ anlage Riedmatt im Kanton Zug. Offener Wettbewerb 2015.

Foto & Rendering: Kathrin Simmen

Um diese Frage zu beantworten, müsste man erst darüber nachdenken, welche Charaktere die Gesellschaft dem Weiblichen zuordnet. Weich, freundlich, hell, warmherzig? Lassen sich diese Adjektive auf einen Raum, auf Architektur übertragen? Meine These ist, dass es keinen Unterschied zwischen einer weiblichen und einer männlichen Architektur gibt. Es mag sein, dass sich die Geschlechter in den Arbeitsweisen oder Interessen an bestimmten Themen und Bautypologien unterscheiden, aber das Ziel, ja, das Endprodukt ist immer eine gebaute Realität, die gleichermaßen alle Menschen berühren, betreffen oder befriedigen soll. Gibt es DIE weibliche Architektur und DIE männliche Architektur? Nein, die gibt es nicht. Auch wenn darüber viel diskutiert wird und es in einzelne Werke hineininterpretiert werden könnte.

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Foto: PPAG architects ztgmbh

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Stadt: für Menschen, die kommen, gehen oder bleiben Was muss der Wohnraum in der Stadt von morgen leisten? Was kann Architektur für sich rasch ändernde demografische Szenarien, etwa infolge eines unerwartet hohen Flüchtlingszustroms, bieten? Eine Annäherung. Text: Linda Benkö

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rüher wurde die Frage nach der Zukunft im Gleichklang mit dem vorherrschenden Fortschrittsglauben mit „reicher, schöner, schneller, besser, größer“ beantwortet. Heute bedeutet Sinnieren über die Zukunft vielfach Denken an Probleme oder zumindest Herausforderungen – dies betrifft auch Architektur und Design einer Stadt. Immer häufiger wird die Frage aufgeworfen, was der Wohnraum in der Stadt von morgen leisten soll. Oder muss – angesichts von Migrationsströmen und demografischen Entwicklungen.

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Im Laufe des Jahres 2015 geschah eine Wandlung, anfangs fast unmerklich, dann immer drängender. In Wahrheit war das, was später unter „Flüchtlingskrise“ subsumiert wurde, eine logische Folge, die nicht plötzlich in unser Leben schwappte, sondern sich unaufhaltsam angebahnt hatte. Abseits konkreter Flüchtlings-Verteilungsschlüssel wird in der Architekturszene seit Längerem ein lebhafter Diskurs über Funktion(en) der Stadt und das Machbare geführt. Denn es werden immer mehr Menschen, egal welcher Provenienz,

in den großen Städten wohnen wollen. Was muss daher verändert werden, damit das Leben in einer enger gewordenen Großstadt weiter funktioniert? Welche Funktionen werden sich verlagern, etwa vom Möbel in die Wohnung, von der Wohnung ins Wohnhaus, vom Wohnhaus in den öffentlichen Raum? Und was kann Architektur beitragen? Letztendlich ist dies auch ein Diskurs über Standards oder, besser gesagt, über Ansprüche, Wünsche und Erwartungen – und damit über Ressourcen jeglicher Art: Gestaltungs- und

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finanzieller „Spiel-Raum”. Immer auch mit dem Realismus unterfüttert, dass Baugrund, Bauplätze knappes Gut sind. Dies – und auch die steigende Vorliebe für Mobilität – erklärt vielleicht das starke Interesse vieler Menschen weltweit an modularen Konzepten und sogenannten „micro homes“ oder „tiny homes“. Schon im Oktober 2015 diente in der Akutphase der „Flüchtlingskrise“ die leer stehende, ehemalige Finanzlandesdirek­ tion in Wien-Landstraße einerseits als Notflüchtlingsunterkunft, andererseits als Austragungsort des Festivals „urbanize!“. Festivalleiterin Elke Rauth beschränkte den Platz beherzt kurzerhand auf etwas weniger als die Hälfte der ursprünglich geplanten Fläche von 2000 Quadratmetern. Das „Cooperative Playground Lab“ für Künstler und Stadtforscher, eine Mischung aus offenem Wissensraum, Werkstatt und Ausstellung, war so gleich mit der Möglichkeit und Notwendigkeit konfrontiert, Stadttheorie und solidarische Praxis zusammenzuführen. Ohnehin war das Asylthema im Programm enthalten, das sich Fragen des künftigen städtischen Zusammenlebens und Perspektiven für Zusammenarbeit und Selbstermächtigung bei der Gestaltung der eigenen Lebens­ räume widmete. Biennale „in Wien“

Auch die österreichische Kommissärin für die 15. Architekturbiennale in Venedig, Elke Delugan-Meissl, nahm die Flüchtlingssituation als Ausgangspunkt ihres Beitrags „Orte für Menschen“ – wobei konkret die temporäre Nutzung dreier Immobilien in Wien für Menschen mit Fluchthintergrund überlegt und realisiert wurde. Die Fragen „Wie leben wir in Zukunft miteinander? Wie entwickelt sich eine Stadt?“ sollten nicht nur „im Pavillon durchdekliniert, sondern mit realen Projekten“ veranschaulicht werden,

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Foto: PPAG architects ztgmbh

Bild li.: PPAG architects haben Entwürfe für die Mariahilfer Straße entwickelt. Dort hätten 405 Bewohner in 72 Wohnungen Platz ge­ funden. Bild unten: In Baulücken könnte man „durchlässige Areale“ mit Wohnraum schaffen.

denn „Architektur ist die prädestinierte Disziplin, um Schutz zu bieten und soziale Interaktion zu ermöglichen“, so die Staatspreisträgerin damals im Vorfeld des Biennalebeitrags, der von Liquid Frontiers, einem unabhängigen „Think-and-dotank“ für Kunst, Architektur und Design, angestoßen wurde. Die Architektur- und Designbüros Caramel Architekten, EOOS und the next ENTERprise architects entwickelten mit NGOs wie der Caritas die konzeptionellen Adaptierungen von Leerständen (www.ortefuermenschen.at). Lösungen im Bestand

Für ein Notquartier in einer Büroimmobilie aus den 1970er-Jahren entwickelten Caramel Architekten ein System von textilen Elementen, die innerhalb weniger Wochen und in Zusammenarbeit mit den Bewohnern installiert werden konnten. Mit

Sonnenschirm, Stoffplanen und Kabelbindern ließ sich um 50 Euro und mit einem Zeitbudget von 50 Minuten pro Person Privatsphäre und erhöhte Aufenthaltsqualität in den nüchternen und offenen Großraumbüros herstellen. Für die ehemalige Zollamtsschule in Erdberg, die unter anderem als Grundversorgungseinrichtung für zwei NGOs diente und für die EOOS die Möbelkollektion „Social Furniture“ entwickelte, gab es dann zur Biennale einen Katalog mit Anleitungen zum Bau der insgesamt 23 Möbelelemente aus den Bereichen Leben, Arbeiten und Kochen. Sie definiert den sozialen Möbelbau als gesamtgesellschaftliches Anliegen, das auf verschiedene Maßstäbe skalierbar und überall anwendbar ist. Schauplatz der Intervention von the next ENTERprise waren die vierte und fünfte Etage eines teils leer stehenden Bürogebäudes aus den 1980er-Jahren in

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der Kempelengasse im Süden der Stadt sowie die umliegende Parkanlage der ehemaligen Industriezentrale. Die kostengünstig herstellbaren Infrastrukturen können von den Nutzern auf individuelle Weise in Besitz genommen werden, so die Architekten von the next ENTERprise, Ernst J. Fuchs und Marie-Therese Harnoncourt. Im Innenraum wurden durch sogenannte „Raum-im-Raum-Implantate“ hybride Wohn- und Arbeitsnutzungen geschaffen, die in Kooperation mit der Caritas im Rahmen des experimentellen Wohnprojekts HAWI von Flüchtlingen und Studenten getestet werden. Ebenfalls stark mit dem Thema befasst hatte sich die zweite Edition des Super­ scape-Konzeptpreises, der 2014 zum ersten Mal von JP Immobilien ausgelobt wurde. Der Architekturpreis wird alle zwei Jahre an innovative und visionäre Konzepte von Absolventen des Studiengangs der Architektur, Raumplanung oder Design verliehen, „weil Architektur und Stadtplanung auch immer in die soziale Umwelt eingreifen und wir als Immobilienfirma nicht nur Wohnflächen entwickeln, sondern eben auch Lebensräume“, heißt es bei JPI. Kernthema sei, die Individualität der Bewohner und die Vielfalt der Stadt in zeitgemäßer Architektur zu vereinen und den privaten Wohnraum so in einen urbanen Kontext zu setzen. Gewohnte Muster und Bilder von „Wohnen“ sollen aufgebrochen, Raumgrenzen aufgehoben und gestalterische Experimente gewagt werden. „Denn Wohnbedürfnisse ändern sich – und mit ihnen muss es auch die Architektur.“ 2016 lautete das Schlagwort „Future Urban Living“ – funktionale Reduktion mit maximalem Raumgewinn. Die Jury nominierte aus 110 Konzeptskizzen von Teilnehmern aus 20 Nationen die sechs besten Konzepte für die Shortlist, drei davon stammten von Wiener Architekten: Christian Fröhlich (Harddecor

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Architekt Werner Sobek hat vorge­ fertigte Wohnboxen in Holzrahmen­ bauweise konzipiert. Die Module sind leicht, können gestapelt werden und lassen sich komplett recyceln.

Architektur), der mit seiner Idee der neuen räumlichen Organisationsmöglichkeiten für multilokales und gemeinsames Wohnen punkten konnte, dem Architekturbüro Schuberth & Schuberth, das mit einem flexiblen Raumsystem überzeugte, Alexander und Michael Masching, die sich mit „Transitional Living“ durchsetzten. Nutzer können gemäß ihren individuellen Bedürfnissen Wohnbereiche in privat und öffentlich einteilen. Die weiteren drei Projekte kamen aus Mumbai, New York und Madrid. Als Sieger ging letztendlich der Spanier Pedro Pitarch Alonso mit „Counternatures. An Augmented Domesticity Theme Park“ hervor. Er versteht darunter erweiterte, utopisch anmutende Wohntypologien, die im Zuge der Urbanisierung und in der Wechselwirkung von privatem und öffentlichem Raum entstehen können. „Fluide“ Gebäude

Im Vorfeld der Verleihung des Superscape 2016 gaben sich Elke Delugan-Meissl (Inhaberin von Delugan Meissl Associ-

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Rendering: Werner Sobek

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ated Architects), Harald Gründl (Partner beim Designbüro EOOS), Lilli Hollein (Kuratorin und Direktorin der Vienna Design Week), Anna Popelka (Architektin, PPAG Architects) und Wolfgang Pauser (Autor) bei einer Podiumsdiskussion ein Stelldichein. Allgemeiner Tenor: Der halb öffentliche und öffentliche Raum müsse gestärkt werden, Qualität und Rahmenbedingungen müssen sich ändern – was den Menschen nicht zwingend unglücklich machen muss. Architektur und Städtebau müssten eine viel größere Zahl an Bedürfnissen und Lebensvorstellungen zulassen als früher, auch Widersprüchliches gilt es, in Einklang zu bringen. Wie Pitarch spricht sich Anna Popelka dafür aus, die Grenzen zwischen öffentlich und privat neu zu ziehen. Beispiel angesichts der Flüchtlingsdiskussion: „Einseitig verspiegeltes Glas zieht diese Grenze völlig neu. So kann man rasch, um wenig Geld, vorübergehend ganz zentral auf Grundstücken, die man niemandem wegnimmt, ohne dass daher eine Neiddis-

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kussion entstehen müsste, zum Beispiel für Flüchtlinge Wohnraum bereitstellen. Auf Verkehrsbändern, auf Plätzen, die von der Bevölkerung durchgangen werden.“ Die Idee sei neu, nicht die Technologie selbst. Man brauche heute technologisch intelligente Gebäudetypen, die fluide und wandelbar seien. Architektur sei „bodily experience“. Gibt es die „globale Wohnung“?

Popelka: „Wir sind in der klassischen Moderne hängengeblieben, bei der 2,5-Personen-Kern-Wohnung, mit Zimmer, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, verbunden mit dem obligaten Gang. Das kommt aus dem funktionalistischen, ordnenden Denken der Moderne, damit man sich nicht begegnet in der Wohnung, das mag in den 1920er- oder 1930er-Jahren wichtig gewesen sein.“ Heute gehe es um das Zueinanderbringen, das Verwischen der Raumgrenzen, man müsse Räume mit Ambiguität schaffen, die mehrdeutiger sind – was dem Heute mehr entspreche.

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Es kommen aber Menschen mit viel unterschiedlicherem Background zu uns. Also wird „Wohnraum für alle“ umso wichtiger. Anderswo gibt es „Auflösungserscheinungen“, zum Beispiel ist es in Japan üblich, dass das Bad und die Küche ausgelagert sind – was eine schöne Möglichkeit bieten kann, Leben in die Stadt zu bringen und die Kommunikation zu fördern, etwa mit Gemeinschaftsküchen. Die Anonymität in großen Wohnkomplexen mache ja ab einer gewissen Zahl von dort lebenden Personen Angst. Befinden sich Kellerräume etwa in der Nähe der Wohnungen dauert der Aufenthalt in diesen „Zirkulationszonen“ umso länger. Allerdings, machte Lilli Hollein, Gründerin und Direktorin der Vienna Design Week, aufmerksam, würde der private, abgegrenzte Wohnraum durch die zunehmende Angst vor terroristischer Bedrohung im öffentlichen Raum vermehrt wieder zum Rückzugsort, der Privatraum als „Ort der Geborgenheit und Sicherheit ist relevant, die Sehnsucht danach, zu Hause sein“. Sie sieht den

Trend zur Verkleinerung als Thema auch im Design. Die kleinsten Wohnungen der Welt in New York und Paris messen heute gerade mal fünf bis neun Quadratmeter. Gary Chang, Architekt in Hongkong hat eine 24-Zimmer-Wohnung auf 32 Quadratmetern geschaffen, die Winzigstapartments vereinen dank verschiebbarer Wände, diverser Klappvorrichtungen und multifunktionaler Möbel auf engstem Raum Schlafzimmer, Küche und Büro. Auch hierzulande blühen derartige Konzepte. So muss man für die flexibel erweiterbaren Häuser von Julians RaumManufaktur kein Grundstückseigentümer sein. Das Haus wächst laut Hersteller Julian Fischer mit den Ansprüchen mit – von 20 Quadratmetern bis 130. Es ist nicht an einen Ort gebunden, sondern mobil, ein Umzug sei unkompliziert. Nachhaltige Wohnboxen

Sogenannte (vorgefertigte) Wohnboxen hat auch Architekt Werner Sobek konzipiert

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Fotos: the next ENTERprise architects

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Die „Raum-in-Raum-Implantate“ von next ENTERprise ermöglichen hybride Wohn- und Arbeitsnutzungen.

und gemeinsam mit den Fischer-Werken im deutschen Winnenden für Flüchtlinge zum Einsatz gebracht. Die in Holzrahmenbauweise gefertigten Module von aktivhaus sind leicht, können gegeneinander verschoben oder zur Zweigeschoßigkeit gestapelt werden und lassen sich komplett recyceln. Auf 45 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche finden sich Schlafzimmer, Küche und Bad. Nach drei Jahren als Anschlussunterbringung von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien können sie als Sozialwohnungen genutzt werden. Hierfür sind nur einige wenige Umbauten im Inneren vorzunehmen, so Sobek. Neben den eigentlichen Wohnmodulen gibt es ein Technikmodul, zwei Gemeinschaftsräume und einen Multifunktionsraum, der u. a. Waschmaschinen und Trockner umfasst. aktivhaus ist auch bereits in der Blauen Lagune zu finden, Erich Benischek, geschäftsführender Gesellschafter der Blauen Lagune, habe als Berater der deutschen AH Aktiv-Haus GmbH wesentlich dazu beigetragen, das Konzept für die Serienreife weiterzuentwickeln. Übernormiert

Diese neuen Konzepte spießen sich allerdings teils mit den Normen. Popelka wettert gegen die Übernormierung mit zunehmendem Verlust der Nutzerkompetenz; angefangen bei Widmungen und Bebauungsplänen, über Raumhöhen bis zu Wohnungs- und Raumgrößen etc. Man

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baue die gleichen Wohnungen wie vor 100 Jahren für Zielgruppen, die es nicht mehr gebe. Dabei gebe es simple Lösungen, zum Beispiel könnte es „politischer Wille sein, Einfamilienhausförderungen in verdichteten Wohnbau“ fließen zu lassen. „An innovativen Konzepten für die Neugestaltung von Wohnraum mangelt es nicht“, sagt auch Elke Delugan-Meissl. Der aktuelle Trend des „smart livings“ stehe lediglich für die größtmögliche Reduktion von Raum aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Ressourcen bei Aufrechterhaltung veralteter Intentionen und

Die Aufrechterhaltung veralteter Intentionen und tradierter Wohntypologien ist keineswegs smart. tradierter, veralteter Wohntypologien – „dies ist keineswegs smart“. Die benötigte Flexibilität im Wohnbau unter Beibehaltung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen zu realisieren sei die Herausforderung der Zukunft. Da braucht es „engere Zusammenarbeit der an der Umsetzung innovativer Konzepte beteiligten Personen, der Disziplinen. Leider aber wird unsere Profession immer weniger ernst genommen, unser Handlungsspielraum wird beschnitten.“ Die „Lebenswohnung“ gibt es aber nicht mehr.

Minimalstandards definieren

Für Harald Gründl, Partner bei EOOS und Leiter des Institute of Design Research Vienna, ist die wachsende soziale Ungleichheit eine wesentliche Problemstellung, die die Gesellschaft sowie die Architektur in den nächsten Jahren beschäftigen wird. „Eine gesellschaftliche Übereinkunft über Minimalstandards des Wohnens ist notwendig: Was gilt es zu vermeiden und unter welchen Bedingungen ist menschenwürdiges Leben noch möglich? Orte für leistbares Wohnen zu schaffen und gleichzeitig Slumbildung zu vermeiden sind für eine Stadt wie Wien notwendig, um sie zu einer Ankunftsstadt für Menschen auf der Flucht zu machen.“ Fazit: Das Zusammenleben in der Stadt steht vor immer neuen, sich rasant verändernden Herausforderungen, mit denen man sich nicht früh genug auseinandersetzen kann. Stichworte: Flüchtlinge, aber auch Sharingkonzepte (Was geschieht mit frei werdenden KfzStellplätzen und Parkplätzen?), neue Arbeitswelten (home office), Mobilität. Sabine Dreher von Liquid Frontiers meint: „Nicht nur Menschen, die auf ihr Asylverfahren warten, befinden sich in prekären Wohnsituationen.“ „urbanize!“-Festivalleiterin Rauth ist überzeugt: „Es gibt eine Sehnsucht nach einer anderen Kultur des Miteinander, nach dem Mitbestimmen über den eigenen Lebensraum.“

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AQA perla Professional von BWT für den Objektbau

MIETER SCHÄTZEN DEN KOMFORT VON SEIDENWEICHEM PERLWASSER zu lange Stillstände (Wochenende, Urlaubszeiten, etc.), die planerisches Fingerspitzengefühl in der Auswahl von Kapazität und Durchflussleistung erfordern. Der AQA perla Professional setzt deshalb speziell auf eine adaptive (durchflussangepasste) Fahrweise im Parallelbetrieb. So können für jede Nennweite die maximalen Spitzendurchflüsse realisiert werden. Ein besonderes Highlight des AQA perla Professional ist die Hygiene-Innovation HionEx, wobei erstmalig in Großanlagen ein anorganisches Austauschmaterial eingesetzt wird. Weitere innovative Vorteile: • Präzisionsbesalzung & intelligente Soleabsaugung • Vorausschauende Hygienespülung • Intelligente Steuerung mit Touch-Panel und Smart Metering

In den Wohneinheiten in Kalsdorf am Kalsdorfer Ring hat das Trinkwasser im schlechtesten Fall eine Wasserhärte von bis zu 26°dH

BWT Perlwasseranlagen verwandeln hartes Wasser in seidenweiches Perlwasser. Speziell für den erhöhten Wasserbedarf in der Wohnungswirtschaft hat BWT die AQA perla ProfessionalFamilie mit der Hygiene-Innovation HionEx, wie sie auch in den Wohneinheiten in Kalsdorf am Kalsdorfer Ring zum Einsatz kommen mit dem unschlagbarem Dienstleistungsangebot des BWT Perlwassermanagements. ÖWG Wohnbau Im Laufe von über 60 Jahren hat sich die ÖWG Wohnbau mit mehr als 30.000 Wohnungen und 150 Mitarbeitern zu einem der größten und finanzstärksten gemeinnützigen Bauträger entwickelt und ist in der Steiermark die Nummer 1 im geförderten Wohnbau. Das Neubau- und Sanierungsvolumen liegt bei jährlich 85 Millionen Euro. Werterhaltung hat Priorität Neben der Instandhaltung und Optimierung auf neue Energiestandards ist der ÖWG Wohnbau ein vorausschauendes Gebäudemanagement zur Sicherung der Werterhaltung wichtig. Hohe Priorität hat dabei die regelmäßige Wartung der Haustechnik. Für Ing. Harald Psonder, Verwalter beim Objekt Kalsdorfer Ring in Kalsdorf, war deshalb das Angebot von BWT, das komplette Management der Perlwasseranlagen zu übernehmen, hoch interessant. Als sich nach ersten Gesprächen herausstellte, dass dieses Management für die Mieter auch wirtschaftliche Vorteile bietet, ging die GBV die Partnerschaft mit BWT ein. Doch zunächst zum Ausgangspunkt – warum sind dort überhaupt Perlwasseranlagen im Einsatz? „Im Kalsdorfer Ring hat das Trinkwasser im schlechtesten Fall eine Wasserhärte von bis zu 26°dH.“, wie Psonder berichtet. Das kann von hässlichen Kalkflecken in Bad und Küche bis hin zum sogenannten Kalkinfarkt führen. Psonder dazu: „Soweit es finanziell möglich ist, wollen wir natürlich dem Wunsch unserer Kunden nach weichem Wasser nachkommen. Denn die Kun-

denzufriedenheit steht bei uns ganz oben auf der Prioritätenliste.“ Professionelle Technik, überzeugender Kundendienst Warum fiel die Entscheidung zugunsten von BWT? Für Psonder ausschlaggebend ist zum einen die breite Produktpalette der BWT, zum anderen die professionelle Technik. Aus Erfahrung ist er auch äußerst zufrieden mit der Zuverlässigkeit des Kundendienstes. Diese über Jahre hinweg positive Erfahrung machte es leicht, das nachträglich nach dem Einbau der Perlwasseranlage angebotene professionelle BWT Perlwassermanagement anzunehmen – es bietet aus seiner Sicht ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis, ist also für den Mieter kostengünstig.

Das steckt hinter dem Perlwassermanagement Um Betreibern von Wohngebäuden die Entscheidung zu erleichtern, in den AQA perla Professional zu investieren, hat BWT mit dem Perlwassermanagement ein Premium-Dienstleistungsangebot entwickelt: Gemäß diesem Konzept übernimmt der BWT-Kundendienst die Komplettbetreuung der Perlwasseranlage inklusive Inbetriebnahme, Hygienewartung sowie Beschaffung, Logistik und Nachfüllung der Betriebsmittel. Obendrein gibt es noch fünf Jahre Vollgarantie. Das Beste: die Betriebsführung kann im Rahmen des maßgeschneiderten Angebotes für jedes Objekt individuell auf den Kubikmeter Perlwasser oder eine Wohneinheit heruntergebrochen werden und ist so transparent. Übrigens kann in Zusammenarbeit mit einem BWT Trinkwasser-Profi anstelle der Anlageninvestition auch ein Mietmodell angeboten werden.

„Als Hausverwalter bin ich mit der Technik des AQA perla Professional ebenso zufrieden wie mit dem BWT Perlwassermanagement. Das ganze Paket passt!“ Ing. Harald Psonder AQA perla Professional: das bietet die Technik Wer sich in Sachen Trinkwasserhygiene mit all den neuen Erkenntnissen, Normänderungen und technischen Vorgaben auseinandersetzt, erkennt viele Fehlerquellen. Kritische Punkte bei der Wasserenthärtung sind die zum Teil benötigten Spitzendurchflüsse, aber auch häufig

Der BWT AQA perla Professional verwandelt hartes Wasser in seidenweiches Perlwasser.


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Architektur im Mittelpunkt: Die Stadt hat seit jeher Menschen angezogen, sie gilt gemeinhin als Sehnsuchtsort: Kann man von einer Liebesbeziehung sprechen? Cornelia Ehmayer: Wenn, dann von einer schwierigen: Die Stadt wird geliebt und gleichzeitig abgelehnt. Früher, noch vor 100 Jahren, war das Leben in der Stadt auch in unseren Breiten mit großer Armut oder Krankheiten verbunden. Zusätzlich sind Ansammlungen von Menschen immer auch Anlass für Konflikte. Aber natürlich entstehen auch viele Ideen. Zudem ist Stadt nicht gleich Stadt. Es gibt die Großstadt, die Kleinstadt, die Millionenstadt, die Megacity.

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Die Frage, die sich hier aufdrängt, lautet?

„Die Stadt muss auf die Couch“ Beziehungsstress, Konflikte, Streitfragen – auch in der urbanen Seele brodelt es, sagt Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer. Ein Gespräch beim Marktbesuch und im Wiener Kaffeehaus – wo sonst? – über die schönen Cityseiten, Ängste, Vorder- und Hintergründiges. Über das Fremdsein und das Daheimsein. Interview: Rudolf Grüner

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Gibt es eine optimale Größe? Ich würde sagen: Ja. So zwischen 500.000 und zweieinhalb Millionen Einwohnern ist eine Stadt liebens- und damit auch lebenswert. Darüber hinaus wird es unübersichtlich. Wir alle suchen immer auch nach einer gewissen Überschaubarkeit; einer vertrauten Nachbarschaft, die ich wiedererkenne. Auf der anderen Seite sind zu kleine Einheiten einschränkend; ich finde dort nicht vor, was ich gerne hätte. Wien kratzt hier also schon bald an der oberen Wohlfühlgrenze? Viel fehlt nicht mehr. Wenn man Lebensqualitätsstudien analysiert, die abklären wollen, wo qualifizierte Leute gerne leben würden, zeigt sich rasch: Die Eliten zieht es nie in die Megacitys jenseits der ZehnMillionen-Grenze. Wien hat es bis jetzt noch gut geschafft, sich sehr große Vielfalt im relativ Kleinen zu bewahren. Wien ist ein funktionierendes und liebgewonnenes Dorf. Dieses oftmals strapazierte Klischee stimmt hier zu einem gewissen Grad. Noch – wohlgemerkt.

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Autos“ im Fokus, die die Menschen in den Untergrund verbannt hat. Ein Konzept, das in Wien beispielsweise am Matzleinsdorfer Platz gnadenlos umgesetzt wurde. Heute geht das nicht mehr. Paris und New York öffnen wieder große Boulevards für die Fußgänger und Biker; aus psychologischer Sicht einfach nur begrüßenswert. Die Stadt wird so zum „Fitnesscenter“ und damit zu einem nicht zu unterschätzenden Gesundheitsfaktor. Der Stadtmensch kommt nicht nur buchstäblich in Bewegung, sondern fordert seine Bedürfnisse wieder ein?

Natürlicher und unregulierter Freiraum: Früher genügte ein Baumstamm als „City-Spielwiese“. Moderne Spielanlagen sind abgesicherte, überregulierte Orte und Sinnbild für die Ängstlichkeit in der Stadt, die sich in unzähligen Verordnungen und Normen verästelt. Einschränkungen, die auch die Archi­ tektur auf Nummer sicher gehen lassen müssen.

Wie verändert die digitale Welle, die über uns alle hinwegrollt, diesen Charakter? Und was heißt das für die ambivalente Beziehung zwischen Stadt und Mensch? Die Stadt ist und bleibt ein Labor, in dem experimentiert wird. Veränderungen sind immer in größeren Städten, die über eine kreative kritische Masse verfügen, angestoßen worden. An dieser Funktion ändert sich nichts. Strukturelle Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, zeigen sich zuallererst im urbanen Raum, der soziale Dichte impliziert. Die Anzahl der digitalen Pioniere ist hier das entscheidende Kriterium, nicht die Technologie an

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und für sich. Denn psychologisch gesehen entwickeln sich die Menschen nicht rasend schnell weiter. Es ändert sich immer nur das Rundherum. In diesem Fall die Technologie und die dazugehörigen Werkzeuge. Was verändert sich dennoch im urbanen Kosmos – und dadurch im wahrnehmbaren Stadtbild? Eindeutig sehr vieles – hin zum Positiven. Zufußgehen und Radfahren sind wieder in. In Amerika gibt es den Trend zur „Happy City“ – die nachrückende Generation setzt also auf die lebenswerte Stadt. Bei den Großeltern stand noch die „Stadt der

Dem stimme ich zu. Er pocht heute wieder verstärkt auf deren Einhaltung. Ich finde es manchmal sehr lustig, wenn sich Planer auf der Kopfebene über Grundsätzliches hinwegsetzen. Sie können zwar Bedürfnisse lange außer Acht lassen und vieles auf gut wienerisch verhunzen – aber nicht die Einstellungen der Menschen manipulieren oder gar verändern. Fakt ist, dass sich Menschen in unterirdischen Räumen nicht wohlfühlen. Utopische Ideen, ganze Städte unter Tag zu planen und zu bauen, gefallen maximal einer kleinen Minderheit. Die meisten von

Veränderungen sind immer in größeren Städten, die über eine kritische Masse verfügen, angestoßen worden.

uns wollen gesunde Luft, Licht und Wohlfühlplatzerl – das sind zutiefst menschliche Bedürfnisse, die nach Erfüllung streben. Hat das die Architektur bereits erkannt beziehungsweise verinnerlicht? Und sind ihre Vertreter willens, hier bedürfnisgerecht mitzugestalten?

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Ich erlebe, dass die jungen Architekten wissen wollen, wie Menschen aktiviert werden können.

Es ändert sich – in die richtige Richtung. So wie früher die Mediziner als Götter in Weiß tituliert wurden, so kann man die alte Schule der Architekten mit der Metapher „Götter in Schwarz“ gleichsetzen. Ich will hier die Arbeit der Spezialisten nicht kleinreden. Architekt zu sein ist ein anspruchsvoller Job. Etliche sind Künstler, andere wiederum Wohnbauexperten. Einige beschäftigen sie sich mit Stadtplanung und ihren Konsequenzen. Es ist aber erst die jüngere nonkonforme

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Garde, die eine neue Offenheit zeigt; die auch psychologisches Know-how schätzt und mitberücksichtigt. Ich erlebe, dass die jungen Architekten wissen wollen, wie Menschen aktiviert werden können. Die Bereitschaft, disziplinübergreifend zu agieren – etwa im Bereich der Kommunikation und der Öffentlichkeitsarbeit –, nimmt erfreulicherweise zu. Wien ist hier meiner Erfahrung nach auch Vorreiter, wie sich am Beispiel Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung, der im Dezember 2016 im Gemeinderat beschlossen wurde, zeigt. München, eine ähnlich große Stadt, hat daran bereits ihr großes Interesse bekundet. Hier könnte die Wiener Stadtplanung durchaus selbstbewusster auftreten. Warum tut sich hier gerade die junge ­Szene so viel leichter?

Ich meine, dass sie sehr viel entspannter mit Komplexität umgehen kann. Kooperation ist für sie nahezu schon selbstverständlich. Jene, die das nicht auf die Reihe bekommen, haben es sehr schwer. Aber leicht ist es auch für die weltoffenen nicht, um ganz ehrlich zu sein. Apropos. Werden auch Nachbarschaftsbeziehungen „in town“ neu ausverhandelt? Dieser Bereich ist intensiv beforscht worden. Vorausschicken möchte ich, dass auch heute noch landläufig ein Bild skizziert wird, in dem festgehalten ist, dass die Stadt eine gewisse Form von Fremdsein geradezu produziert. Demnach wären echte soziale Bindungen nur am Land möglich. Was aber definitiv nicht stimmt. Außerhalb urbaner Räume ist das Prinzip der sozialen Kontrolle prägend. Die Chancen auf echte,

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schneller nach Lösungen gesucht und dazugelernt. Der Stadtmensch kann mit Konfrontationen vermutlich leichter umgehen als die Landbevölkerung. Ganz einfach, weil er mehr damit zu tun hat.

Die Götter in Schwarz aus alten Zeiten ste­ hen in Wien zwar noch immer am Podest (im Bild: Friedrich Schmidt, Erbauer des Wiener Rathauses). Die Archi­ tektenszene unserer Tage tritt laut Ehmayer mittlerweile aber sehr viel bodenständiger im Stadtbild auf.

Wie schaut es mit dem Zusammenwachsen in den Stadterweiterungsgebieten aus? Stimmen die Rahmenbedingungen, lässt sich hier einiges beschleunigen und in die richtige Richtung steuern. Die Seestadt Aspern ist hier ein spannendes Beispiel. Hier wirkt von Anfang das Stadtteilmanagement als begleitender Faktor. Dadurch steigen die Chancen für funktionierende Nachbarschaften, beginnend mit dem Erstbezug. Aber trotzdem muss man Zeit und Raum fürs Wachsen geben; so wie ein Kind sich entwickelt, hat auch die Stadt eine Kinder- und Jugendphase, und man weiß nie, was schlussendlich herauskommt. Also maßvoll planen, gestalten und dann gedeihen lassen?

Psychologisch gesehen, kann man in der Stadt glücklicher sein als am Land.

freie Beziehungen sind signifikant geringer. Was sich aber auch in zahlreichen Studien bestätigt hat: Der Stadtmensch nimmt das Land sozusagen bei seiner Übersiedlung mit. Auch in der Stadt wird mit Argus­ augen über den anderen gewacht – Stichwort Müll oder der Hund im Park, der sein Geschäft am falschen Platz verrichtet. Auch hier werden schwarze Schafe gesucht und gefunden. Der Griff zum Telefon, um etwa Bezirksämter einzuschalten, ist schnell getan. Der Unterschied zur sozialen Kon-

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trolle am Land? Dort kenne ich die Leute beim Namen. Aber auch im Grätzel, also im ganz realen Lebensumfeld, wird nach wie vor gern gegrüßt, es ist und bleibt ein Grundbedürfnis. Psychologisch gesehen kann man in der Stadt glücklicher sein als am Land. Ganz einfach, weil man sich Freunde und Gesprächspartner einfach aussuchen kann. Und diese Möglichkeit, frei zu wählen, ist etwas sehr Gesundes. Grätzel ist aber nicht gleich Grätzel. In gewachsenen, lebendigen Stadtteilen, wo Menschen weniger öffentlichen Raum zur Verfügung haben, interagieren sie leichter und schneller. Also ist die dichte Stadt eine sehr wertvolle. Sie fordert soziale Kontakte ein und fördert den nachbarschaftlichen Umgang, deckt aber auch Konfliktpotenziale auf. Der Vorteil: Es wird auch viel

In der Planung geht man heute davon, dass soziale, aber auch ethische Durchmischung das Maß aller Dinge sei – alles dürfe und solle in der Stadt miteinander passieren. Die psychologische Forschung muss hier aber traurigerweise widersprechen. Untersuchungen zeigen, dass Menschen sehr gerne dort wohnen, wo sie auf ein zumindest ähnliches

In gewachsenen, lebendigen Stadtteilen, wo Menschen weniger öffentlichen Raum zur Verfügung haben, interagieren sie leichter und schneller. Also ist die dichte Stadt eine sehr wertvolle.

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Es ist ein gesellschaftliches Phänomen der westlichen Welt, dass sich die Menschen immer unsicherer fühlen, obwohl die Städte eigentlich sicherer geworden sind – ein Paradoxon. Gegenüber treffen. Um es ganz extrem auszudrücken: Reiche wohnen nicht wahnsinnig gern neben Vertretern der sogenannten Unterschicht, junge Studenten nicht in von

Überalterung betroffenen Vierteln. Das Konzept der Neighbourhood, wo verschiedene kulturelle Gruppen in „ihren“ Stadtteilen leben – wie wir es von den Städten in den USA kennen –, wird dem teilweise gerecht. Die eigene Identität kann dabei gelebt und bewahrt werden. Die Stadt fungiert als große, alle Bewohner umfassende Klammer – woher die Menschen auch immer kommen. Aus der Identitätsforschung wissen wir, dass Menschen, die ihre eigenes Ich behalten oder gefunden haben, weniger Angst vor dem Fremden an sich zeigen. Erst wenn ich es mir in meiner eigenen Community eingerichtet habe und ich mich wohlfühle,

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bin ich bereit, mich anderen zuzuwenden. Ich glaube, dass urbane Beziehungen nicht wirklich funktionieren, wenn sehr viele unterschiedliche Gruppen involviert sind. Das wird keine gute Nachbarschaft, das ist ein Konflikthaufen. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, dieses psychologische Wissen anzuerkennen. So ist auch das Mehrgenerationenwohnen nur für eine Minderheit interessant. Als experimentelles gesellschaftliches Labor ist es gut und wichtig, aber es passiert nicht von selbst und wird auf Dauer auch keine gesellschaftliche Mehrheit finden. Bleiben wir beim Miteinander, auch wenn es schwerfällt. Welche Gruppen hat man hier schneller im Boot? Auch die Jungen natürlich. Sie sind Veränderungen gegenüber aufgeschlossen, sie setzen auf Beteiligung. Eine besondere Gruppe, unabhängig von ihrem Alter, sind die besonders empathiefähigen Menschen. Sie kommen aus allen Schichten und Berufen, und ihr Markenzeichen ist, dass ihnen die Stadt einfach nicht egal ist. Auf die jeweilige Gesamtbevölkerung gerechnet bewegen wir uns aber hier allenfalls im Promillebereich. Dieser harte Kern hat ein besonderes Anliegen: etwas auf Dauer tun, was über das eigene Leben hinausgeht (im positiven Sinne). Städte sind auch besondere Austragungsorte für Konflikte und Ängste – wir haben das Thema schon mehrmals gestreift. Was sagt die Stadtpsychologin zur anschwellenden Sicherheitsdebatte, die uns sicher noch länger beschäftigen dürfte?

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Es ist ein gesellschaftliches Phänomen der westlichen Welt, dass sich die Menschen immer unsicherer fühlen, obwohl Städte eigentlich immer sicherer werden – ein Paradoxon. Meine These dazu: Nur jene, die im Laufe ihres Lebens verschiedene gefährliche Situationen durchleben, entwickeln ein Sensorium, das sie befähigt, zwischen wirklichen und vermeintlichen Bedrohungen zu unterscheiden. Über kein geeichtes Sicherheitsradar verfügt meiner Meinung nach die Generation unter 30, die in eine stabile politische Zeit hineingeboren wurde. Es fehlt ihr einfach die Messlatte,

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ein Raster. Dazu kommt, dass im Zeitalter der Schlagzeile wirklich alles zum Drama verkommt. Das wirkt auf viele, die in ­unserer, eigentlich sehr friedlichen Epoche aufgewachsen sind, stark verunsichernd und schafft Ängste ohne reale Bedrohung. Dazu passt auch, dass Angststörungen in der westlichen Welt deutlich zunehmen. Ängste, die wohl auch die Stadt nachhaltig verändern … … und sich in Verordnungen und Gesetzesvorlagen niederschlagen. Man muss

nur beobachten, was sich beispielsweise auf Spielplätzen getan hat. Würde man heute wie in den 1980er-Jahren planen, wanderten die dafür Verantwortlichen ins Gefängnis. Das sage nicht ich, sondern das erzählen die zuständigen Stellen in den Wiener Magistraten. Es nimmt bereits wirklich absurde Formen an. Durfte man früher beispielsweise vom Stadtgartenamt umgeschnittene Bäume, ganz kostengünstig, als Spielelement auf der grünen Wiese abladen, ist dies heute strengstens verboten. Jetzt muss der Baum fest einbetoniert werden. Begründung? Ein Kind, könnte

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Da gibt es die stolze und die schöne Stadt. Auch die verschlafene oder die in sich zerissene Stadt, deren Bewohner ganz unterschiedliche Urteile fällen. beim Herumkraxeln überrollt werden. Diese vermeintliche Gefährdungslage wird wieder in die Kinder hineingepflanzt, ein Teufelskreis. Denn parallel mit dem Wildwuchs an der Gesetzesfront steigt auch die Ängstlichkeit in der Stadtbevölkerung, sie wird dadurch anfälliger für Krisen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. „Achtung Gefahr“ heißt es auch für Stadtplaner, Immobilien­entwickler, Bauherren und Architekten. Mit den bekannten Folgen: Es kann kaum mehr vernünftig gebaut werden. Hier ist die Politik gefordert. Die Fragen, die wir uns aber alle stellen müssen, lauten: Warum verordnen wir uns das, obwohl es mit irren Kosten verbunden ist? Wer profitiert? Und wann reicht es uns allen endlich? Umberto Eco hat sich auch so seine Gedanken zur Stadt gemacht. Er beschreibt unter anderem die selbstbewussten und selbstsicheren Städte und grenzt sie von der komplexbeladenen, ängstlichen Stadt ab. Können Sie sich mit diesen Beschreibungen anfreunden? Mit Typisierungen zielt man oft ins Schwarze, wie ich im Zuge vieler „aktivierender Stadtdiagnose“-Prozesse empirisch nachweisen konnte. Bei diesem organisationsdiagnostischen Verfahren legen sich Städte, respektive deren Player, auf die Couch. Das ist nie einfach. Es braucht Dialogbereitschaft und den Willen zur

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Veränderung, um sich den identifizierten Komplexen oder auch Krankheitsbildern als Stadt zu stellen. Städte dürfen aber auch nicht zu schüchtern sein, wenn es um ihre guten Seiten geht. Welche Stadttypen begegnen Ihnen häufig? Wie kategorisiert oder empfindet die Expertin? Ich würde aufgrund vieler Befunde eher von sympathischen und unsympathischen Städten sprechen, wobei nicht immer der erste Blick entscheidet. Manche gefallen auf Anhieb, an andere muss man sich erst gewöhnen, um sie liebzugewinnen. Generell lasse ich als Stadtpsychologin die Kommunen sich selbst typisieren. Da gibt es die stolze und die schöne Stadt. Auch die verschlafene oder die in sich zerrissene Stadt, deren Bewohnern ganz unterschiedliche Urteile fällen, so als würden sie an vollkommen unterschiedlichen Orten wohnen. Wie ordnet sich Wien hier selbst ein? Die Ergebnisse sind sehr ambivalent, ganz typisch für eine Großstadt. Das Stadtbild, die Architektur wird als schön empfunden. Sympathisch sind sich die Wiener aber nicht. Sie beschreiben sich selbst und ihre Mitstädter als eher grantig, ja herablassend. Zwischendurch aber auch wieder als freundlich, humorvoll und gemütlich. Sie sehen: Bei den Wienern ist alles drinnen. Wer muss also auf die Couch? Die Stadt oder ihre Bewohner? Bei mir muss die ganze Stadt auf die Couch – ob nun groß oder klein – und damit natürlich ihre Bewohner. Das Wesen meiner Methode ist, möglichst viele, möglichst unterschiedliche Menschen zu erreichen. Auch jene, die sich

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bis dato noch nicht engagieren, die nicht leicht erreicht oder selten bis nie gehört werden. Sie alle zusammen machen schlussendlich die Stadt aus. Der Bürgermeister allein wäre zu wenig, auch wenn er symbolisch und faktisch für das Stadtgefüge steht. Vielen Dank für das Gespräch!

Was will Stadtpsychologie?

Mit Stadtpsychologie soll die betroffene Bevölkerung in Stadtentwicklungsprozesse eingebunden werden - öfter, früher und methodisch fundierter. Für Cornelia Ehmayer ist Stadtentwicklung immer auch ein gruppendynamischer Prozess, der ebenso geplant werden muss wie das städtebauliche Vorhaben. Aus der sogenannten Bürgerbeteiligung sollte ihrer Auffassung nach eine partizipative Stadtentwicklung für alle werden. Dabei müssten sich die wissenschaftlichen Ideen auch im realen Stadtleben bewähren. Zur Person:

Cornelia Ehmayer ist ausgebildete Psychologin (Uni Wien) mit Schwerpunkt Umweltpsychologie. 2013 dissertierte sie über das organisationsdiagnostische Verfahren: „Aktivierende Stadtdiagnose“. Die eingetragene Gesundheitspsychologin war bereits als Organisationsberaterin, Uni-Lektorin und in der Umweltberatung Wien tätig. Den Schritt in die Selbstständigkeit setzte sie im Rahmen der Lokalen Agenda 21. 2001 folgte die Gründung der Praxis für STADTpsychologie. Heute ist Ehmayer, die zuletzt auch beim „Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung“ mitgewirkt hat, Leiterin des Büros der Bezirksvorsteherin des 18. Wiener Gemeindebezirks und freie Stadtpsychologin.

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Stadt in Film und Fernsehen Kein Kino ohne starke Charaktere. Der Held, der Dieb, der Freund, der Verführer, der Geheimnisvolle und der Grauenhafte. Nein – dabei handelt es sich nicht um Rollen für Schauspieler, sondern um Orte, in denen Geschichten spielen. Städte, Kleinstädte und Dörfer sind im Film ganz bestimmten Archetypen zugeordnet. Text: Jonathan Pielmayer

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enn es Nacht wird in Gotham City und sich der Dampf aus der Kanalisation die Gullydeckel hochdrückt, dann kommen die finsteren Gestalten aus ihren Verstecken und rotten sich im Schatten der mächtigen Hochhäuser zusammen. Wie gut, dass auf dem Dach der Polizeistation der Scheinwerfer mit dem Fledermauslogo installiert ist und Polizeichef Gordon nur noch den Lichtschalter betätigen muss, damit Batman angeflattert kommt. In letzter Instanz wird Batman freilich scheitern, denn Gotham ist und bleibt – trotz aller Bemühungen Bruce Waynes im Fledermauskostüm – eine zerrissene, anonyme und dreckige Großstadt, die dem Kinogänger vor allem eines vermitteln soll: Hier möchte ich lieber nicht wohnen! In keinem der Batmanfilme, weder denen von Christopher Nolan oder in den quietschbunten Adaptionen von Joel Schumacher, wird die Heimatstadt von Bruce Wayne als besonders lebenswert dargestellt. Sie ist vielmehr das architektonische Äquivalent zum bösen Dieb, der unsere Ängste schüren und unser Unbehagen steigern soll – und das dem kleinen Bruce gar seine Eltern raubte. Vorlage für Gotham, ein anderer Spitzname für den Big Apple, den einst schon Edgar Allan Poe gebrauchte, ist zweifelsohne New York City selbst. Kaum zu glauben, dass diese düstere Stadt auch kumpelhaft rüberkommen kann. In den überaus erfolgreichen Fernsehserien „Friends“ oder „How I met your Mother“. Verdichtet und verloren

Das könnte natürlich alles nur Zufall sein, mag einer meinen, doch wenn wir die

Geschichten um Batman in einer anderen Stadt ansiedeln würden – sagen wir Los Angeles –, entstünde eine ganz andere Story mit einer ganz anderen Atmosphäre. In diesem Fall wäre diese viel schwüler und glitzernder, samt Palmen und Meeresrauschen im Hintergrund. Zwar bietet die kalifornische Stadt der Engel ein hervorragendes Setting für Film-noir-Geschichten, doch Batman würde sich lächerlich machen, wenn er mit seinem großen Cape die niedrigen Bungalows zwischen Santa Monica und Tarzana runterhüpfen würde. Stadt wird meist mit Verdichtung gleichgesetzt, auch im Film. Sie ist unübersichtlich, beengend, vielschichtig. Hinter jeder Ecke kann Gefahr lauern. Ihre langen, schluchtartigen Straßen, mit den Abertausenden Kreuzungen sind die Venen des Lebens, in denen sich der Protagonist

nur allzu schnell verfahren kann. Wie in Michael Manns „Collateral“ oder Nicolas Winding Refns „Drive“. Beide haben ihren Schauplatz eben in Los Angeles. Eine Metropole, die nicht unbedingt für Verdichtung steht, sondern aufgrund ihrer immensen Ausdehnung vielmehr ein Gefühl von Verlorenheit transportiert. Beste Filmbeispiele sind neben den beiden gerade erwähnten Actionthrillern auch „Magnolia“, „L.A. Crash“, „Heat“ und – natürlich – „L.A. Confidential“. Ein Film, der die Verlorenheit der Großstadt bei Nacht wie kaum ein zweiter in Szene setzt (mal urkomisch, mal tieftraurig), ist nebenbei bemerkt Jim Jarmuschs Taxihommage „Night on Earth“ – mit Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki als heimliche Nebendarsteller.

Sonnendurchflutete Dörfer sind in Filmen meist nur dann positiv besetzt, wenn sie in Südeuropa liegen.


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In einer Metropole sind sich die meisten fremd. Wenn sich zwei Menschen begegnen, ist also alles offen. In Liebeskomödien funktioniert dieses Prinzip übrigens sehr gut. Da treffen sich Tom Hanks und Meg Ryan erst ganz zum Schluss auf dem Empire State Building – auch wenn der Film „Schlaflos in Seattle“ heißt. Fremd waren sie sich dort die ganze Zeit, genauso fremd wie sie sich in „E-Mail für Dich“ waren, obwohl sie sich dort ja eigentlich kannten. Und nun stellen Sie sich den Plot von „Schlaflos in Seattle“ einmal in einer Kleinstadt vor, wo Annie ihren Sam sofort an der Stimme identifiziert hätte. Eine Großstadt steht für Verwirrung – besonders im Privat- und Liebesleben. Die Damen von „Sex and the City“ können eine ganze Fernsehserie und zwei Kinoadaptionen davon berichten. In diesen Fällen ist die Stadt ganz der Verführer. Wer die große Liebe sucht, sollte es also auf der Fifth Avenue (oder auf den Champs-Elysées) versuchen. Oder aber in kleinen pittoresken Dörfern in Italien und Frankreich. Nur ein schönes Dorf ist ein gutes Dorf

Das Gegenteil von Stadt – das Dorf – ist für Liebesfilme ebenfalls perfekt geeignet. Vorausgesetzt es liegt in Südeuropa, ist lichtdurchflutet und keines seiner abgefilmten Häuser jünger als 200 Jahre. Das sich die wunderbar weichen Landschaften der Toskana oder der Provence mit ihren entzückenden Dörfchen für romantische Herzschmerzfilme eignen, wird jedem klar sein, der schon einmal die Gegend besucht hat. Da, wo wir gerne Urlaub machen und es so herrlich nach Lavendel duftet, fällt uns ohnehin vieles leichter, sogar das Verlieben. Plötzlich scheint alles so übersichtlich. Für das Happy End sind höchstens ein paar sprachliche Missverständnisse auszuräumen, oder es gilt, eine resolute Schwiegermutter in spe zu überwinden.

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Ganz anders verhält es sich freilich mit Wüstendörfern, besonders mit solchen, die im Wilden Westen liegen. Mögen auch sie sonnendurchflutet sein, romantisch sind sie eher selten. Kleine Käffer, gerne zerrissen und heruntergekommen, stehen

Der Horror liegt in Nachbars Garten

Ähnlich, aber eigentlich doch ganz anders sind amerikanische Kleinstädte. Hier, wo jeder jeden kennt, fällt das Fremde sofort auf. Besonders arglistig dann, wenn sich das Unbekannte die Maske des Bekannten

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Filme prägen unsere Sichtweise. Paris ist nicht erst seit Amélie eine fabelhaft entzückende, pastellfarbene Stadt.

für Ablehnung und Verschlossenheit. Die ihnen innewohnende Bedrohung gründet in Intimität – in der eigenen, aber auch in der des Gegenübers. Denn in den seltensten Fällen kommt der Protagonist aus einem dieser Dörfer, vielmehr verschlägt es ihn zufällig dorthin. Er dringt gleichsam in ein für ihn verbotenes Habitat ein. Noch kleiner als das kleinste Dorf sind einzelne, einsam stehende Häuser. Bates Motel aus „Psycho“ etwa oder jedes x-beliebige Spukschloss.

und Biederen überzieht – und plötzlich jeder Nachbar ein potenzieller Antichrist sein könnte. Die scheinbare Klarheit und Überschaubarkeit einer Kleinstadt, samt Highschool, Kirchenchor und kumpelhaftem Sheriff, ist die perfekte Kulisse für undurchsichtige Filme. Denn was fürchten wir mehr, als den inneren Abgrund einer uns doch ganz nahestehenden Person? Kein Wunder, dass Steven King viele seiner Werke in die amerikanische Provinz verlagert. „Needful Things“ oder „ES“ beispielsweise. Auch Steven Spielberg thematisiert die Ambivalenz des Bekannten und des Fremden in der Kleinstadt

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So ordentlich und übersichtlich amerikanische Vorstädte und Kleinstädte auch sein mögen – hinter ihrer sauberen Fassade lauert der dunkle Abgrund.

in seinen Werken wie „Die unglaubliche Begegnung der Dritten Art“ oder natürlich auch „E.T.“. Zurzeit feiert die Netflix-Serie „Stranger Things“ weltweit große Erfolge, in der eine Gruppe Jugendlicher aus dem kleinen Städtchen Hawkins Bekanntschaft mit einem Monster aus einer Parallelwelt macht. Überhaupt wird Kleinstadthorror gerne aus der Sicht von Teenagern erzählt. Gleicht der Prozess des Erwachsenwerdens doch ein wenig der Entwurzelung vom Altbekannten und dem Erfahren dunkler Seiten – den eigenen und jenen der Umwelt.

Was, wenn King Kong niemals flugzeugbekämpfend auf das Empire State Building geklettert, sondern einfach nur stumpf in den Hudson River gefallen wäre? Die X-Men haben im gleichnamigen Film ihr Showdown auf der Freiheitsstatue, James Bond kämpfte auf der Golden Gate Bridge wie auch auf dem Eiffelturm. Und im Glockenturm Big Ben lieferten sich auch schon manche Helden einen Kampf mit Bösewichten. Außerdem scheint es ein stilles (Film)Gesetz zu geben, das besagt, dass in jedem Film, der in einer Metropole spielt, mindestens EINMAL das entsprechende Wahrzeichen zu sehen sein muss!

Von der Leinwand auf die Postkarte

Andersherum hat das Kino auch unsere Sicht auf viele Städte geprägt. Jeder kennt Paris mit seinem Eiffelturm, selbst wenn er noch nie die Grenzen Frankreichs überschritten hat. Metropolen wie New York, London, Rom oder Los Angeles sind uns Menschen komplett geläufig, auch ganz ohne Städtetrip. Mehr noch, Kino verstärkt die Symbole einer Stadt, gibt ihnen zum Teil erst ihre Geschichte und Faszination.

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Stadt als Filmraum

Im Film werden aber nicht nur schöne Sightseeingpunkte abgehakt oder Städte als atmosphärisches Setting für ein Genre verwendet. Filmemacher spielen auch mit der Dreidimensionalität urbaner Räume. In der Stummfilmzeit, als meist nur im Studio gedreht wurde, definierte die Bauweise der Kulisse letztlich das optische Raumempfinden. Die Leinwand wirkte

vermeintlich größer. Man denke nur an das abstrakte Setting von „Das Kabinett des Dr. Caligari“ oder die Tiefe in Fritz Langs Megastadt „Metropolis“. Dieses Spiel mit dem Raum griffen Filme wie „Dark City“ (wo Außerirdische Nacht für Nacht die Stadt der Menschen „umbauen“, um die menschliche Seele zu erforschen) und natürlich „Inception“ mit seinem berühmten „City Bending“ (also das „Auf-denKopf-Stellen“ der Stadt) wieder auf. Manche Regisseure nutzen die wirkliche architektonische Struktur einer Stadt, um ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen. Luc Bessons „Subway“ beispielsweise, das hauptsächlich im stark verzweigten Röhrensystem der Pariser Metro spielt. Jacques Tatis Film „Tatis herrliche Zeiten“, (für den der Regisseur eine ganze Stadt vor den Toren der französischen Hauptstadt errichten ließ,) lässt seinen Protagonisten balletthaft durch eine sterile und unpersönliche Stadttopografie irren – womit wir wieder bei der Verlorenheit des Menschen im Bauch der (Film)Stadt angekommen wären.

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Drei Ideen zur Smart City Der Klima- und Energiefonds fördert mit seiner Smart-Cities-Initiative in Kooperation mit dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie technische, ökologische und soziale Innovationen, um die Lebensqualität künftiger Generationen zu sichern und zu verbessern. Projektbeispiele zeigen, wie das funktionieren kann.

Foto: PMO-Niedworok

Technische, stadtplanerische und soziale Maßnahmen gegen städtische Wärmeinseln im dicht verbauten Wohn- und Gewerbebezirk Graz-Jakomini werden im Rahmen von „Jacky_cool_check“ gesucht und ausgearbeitet. Hierbei hat unter anderem das Sozialmedizinische Zentrum bereits ein Projekt für kühlendes Grün in Graz auf den Weg gebracht. Pocket Mannerhatten

Mit partizipativen Methoden wird beim Projekt der Caritas Wien ein Aktionsplan für die smarte Modernisierung zweier Wiener Wohnanlagen entwickelt, der auf altersgerechtes Wohnen ausgelegt wird. Dabei werden explorativ Methoden der Einbindung der „Silverager“ in verschiedene Maßnahmen der Wohnumfeldgestaltung erprobt und evaluiert. Dies soll helfen, erlebte Hürden und Unsicherheiten durch Kommunikation und Partizipa­ tion abzubauen. Die in den 1960er- und 1970er-Jahren errichteten Wohnbauten, in denen vorwiegend ältere BewohnerInnen leben, dienen als Testprojekt zweier Bauträger.

Wie können Flächen und Räume aufgewertet und geteilt werden, um dadurch städtischen Raum besser und effizienter zu nutzen? Dieses Projekt, das sich den Stadtstrukturen und räumlichen Strategien des Teilens und Tauschens verschrieben hat, will aufklären: Gerade in verdichteten Quartieren ist es aufgrund des Bevölkerungsdrucks erforderlich, neue öffentliche Plätze, Grünflächen, Fuß- oder Radwege be­reitzustellen. Dafür muss aber nicht unbedingt zur Abrissbirne gegriffen werden. Nachhaltigere Lösungen liegen etwa in der Zusammenlegung von Innenhöfen, der gebäudeübergreifenden Nutzung von Dachflächen oder im Teilen von Gemeinschafträumen.

Foto: Ingrid Kaltenegger

Smartes Wohnen für SeniorInnen

Die Smart-Cities-Initiative

Wer profitiert?

• Im Jahr 2010 hat der Klima- und Energiefonds die Smart-CitiesInitiative gestartet. Sie sucht nach Wegen, um in Städten möglichst energieeffizient und klimaverträglich zu leben. • Ziel ist es, die individuelle Lebensqualität zu erhöhen und den Wirtschaftsstandort Österreich zu attraktivieren. • Bis dato haben acht Ausschreibungen der Smart-Cities-Initiative des Klimafonds stattgefunden. • Der Fokus liegt auf der Visionsentwicklung und Unterstützung umfassender städtischer Demonstrations- und Umsetzungsprojekte.

Acht Ausschreibungen sind mittlerweile abgeschlossen. Insgesamt genehmigte Förderungen: 39,6 Mio. Euro 33 Städte, 6 Regionen 71 Einstiegsprojekte: Visionen/Roadmap/Actionplan bzw. Sondierungen 21 Umsetzungsprojekte 92 Einzelprojekte www.smartcities.at, www.klimafonds.gv.at

lllustration: Michael Paukner

PROMOTION

Foto: Caritas Wien/Lukas Botzenhart

Reduktion einer städtischen Wärmeinsel

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Foto: Rainer Lesniewski/Shutterstock

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Was macht eine wirklich intelligente Stadt aus? Die Bandbreite der Eigenschaften, die eine Stadt lebenswert machen, reicht von glücklich über seniorenfreundlich, transparent, intelligent, widerstandsfähig bis hin zu achtsam. Am häufigsten aber hören wir heute vom Aufstieg der intelligenten Stadt. Gastautorin: Christiane Varga

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Revolte war gestern. Heute erlebt das einst berühmtberüchtigte St. Pauli in der Elbestadt Hamburg sein City-Revival: eine Form städtischer Transformation, die bereits von der lokalen Bevölkerung auf Hausmauer und Garage auf ureigenwillige Weise verewigt wurde.

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s gibt zwar keinen Konsens darüber, was eine Stadt intelligent macht, aber es gibt zumindest ein gemeinsames Kriterium: dass der Trend zur Digitalisierung intelligente Städte notwendig zu machen scheint. Ebenso wie das Konzept des intelligenten Wohnens gnadenlos von der Technik in Beschlag genommen wurde, so wurde auch die Vorstellung einer intelligenten Stadt von der Technik vereinnahmt, in der die Einwohner eher wie Daten gehandhabt werden und nicht mit Respekt. Das moderne Konzept von „intelligent“ setzt Ordnung und vor allem Kontrolle

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voraus. Im Gegensatz dazu sagte der dänische Dichter Ulrik Thomsen einmal, dass eine gut funktionierende Stadt über drei zentrale Qualitäten verfügen müsse: Sie solle komplex, chaotisch und kolossal sein. Die Vorstellung, Chaos oder Unordnung gutzuheißen, wird im Bereich der Städteplanung kontrovers diskutiert und zieht natürlich die Frage nach sich, wie man Chaos und Unordnung planen kann. Die bekannte amerikanische Städteaktivistin und Schriftstellerin Jane Jacobs sagte einmal: „Man kann einer Stadt keine Logik überstülpen. Die Menschen erschaffen sie, und wir müssen unsere Pläne an ihnen ausrichten und nicht an den Gebäuden.“ Tim Harfords neues Buch „Messy“ singt das Loblied der Unordnung, weil sie der Schlüssel zur Offenheit und Anpassungsfähigkeit sei, ein Prinzip, das auf Städte ebenso zutreffe wie auf den Beruf oder die Beziehung. Er glaubt, dass „wahre Kreativität, Spannung und Menschlichkeit sich in den unordentlichen Teilen des Lebens und nicht in den ordentlichen finden“. Dieses Prinzip gilt seiner Meinung nach für alles – von Gebäuden bis zu Kinderspielplätzen. Harford erläutert das am Beispiel von Carl Theodor Sorensen, einem dänischen Landschaftsarchitekten, der in den 1930er-Jahren Spielplätze entwarf. Ihm fiel auf, dass Kinder sich auf Spielplätzen mit toll designten Schaukeln und Rutschen langweilten und lieber auf Baustellen in der Nähe spielten. Er baute also einen Spielplatz, der eigentlich eine Baustelle war – komplett mit Sand, Kies, Hämmern und Nägeln. Die Eltern machten sich Sorgen um die Sicherheit, aber die Kinder hatten jede Menge Spaß und bauten die unterschiedlichsten Höhlen und Gebäude. Dieses Experiment zeigte nicht nur, wie man Kreativität bei Kindern fördern kann, sondern auch, wie man sie zum Arbeiten als Gemeinschaft anregen kann. Auch wurde dadurch gezeigt – und Studien haben dies seither belegt –, dass eine Baustelle ebenso sicher ist wie ein Spielplatz mit speziell für Kinder entwickelten Spielgeräten, denn Kinder können sich an Risiken anpassen. Jane Jacobs sagte einmal, dass nur ein arroganter Mensch versuchen würde, vorauszusagen, auf wie viele unterschiedliche Arten Gebäude (oder sogar ein Spielplatz) genutzt werden können. Jemand, der dieser Aussage sicherlich zustimmt, ist die Architektin Amanda Levete, die für ihren Entwurf des MAAT, des neuen Museums für Kunst, Architektur und Technik (Museum for Art, Architecture and Technology) in Lissabon, ein wenig Unordnung mit ins Spiel gebracht hat. Das Dach ist ein schrankenloser Raum der Lebendigkeit, wo Menschen sich aufhalten und den Blick auf den Fluss Tejo genießen, laufen, skateboarden, gemütlich sitzen oder sogar Filme anschauen können. Durch das Design soll reale Interaktion angeregt werden – etwas, das die Menschen insbesondere im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung immer mehr schätzen. Die amerikanische Soziologin Saskia Sassen glaubt, dass sich wahre Intelligenz nicht am Grad der Digitalisierung bemisst, sondern an

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der Nutzung des Wissens der Bewohner. Eine intelligente Stadt ist letzten Endes eine funktionierende Stadt, und Sassen glaubt, dass man diese intelligente Stadt nicht dadurch intelligenter macht, dass man große technische Investitionen tätigt, sondern durch die Netzwerke von Gemeinschaften, die auf analogem und nicht auf digitalem Weg miteinander kommunizieren. Der Stadtteil St. Pauli in Hamburg ist das beste Praxisbeispiel für einen solchen neuen, intelligenten Stadtteil. Ein Kollektiv von Künstlern, Städteplanern und Architekten arbeitet daran, die Gegend, die einst durch einen niedrigen Lebensstandard und Prostitution geprägt wurde, neu aufzubauen und zu verbessern (siehe Best Practice). Amanda Levete meint dazu: „Nie war es wichtiger, Wege zu finden, um Menschen zueinanderzubringen. Wir brauchen öffentliche Räume in unseren Städten, die die Menschen zusammenbringen, Räume, in denen sich Menschen treffen und ihre Gemeinsamkeiten feiern können. Als Bürger haben wir diese öffentlichen Räume vielleicht als selbstverständlich hingenommen, aber jetzt erkennen wir die Bedeutung, die diese wichtigen Teile des urbanen Lebens für uns haben, und fordern dazu auf, dass unsere Städte und Einrichtungen sie schützen und ausweiten.“ Und dadurch werden unsere Städte dann letztendlich zu wirklich intelligenten Städten.

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Best Practice St. Pauli Der Stadtteil St. Pauli hat etwas über 22.000 Einwohner und ist berühmt für seine lange Geschichte von Revolte und Hausbesetzungen. In den vergangenen Jahren gab es eine Wiederbelebung dieser Bewegung, die sich gegen die Gentrifizierung richtet. Aber dieses Mal ist alles anders: Die Bewegung ist geprägt durch Kooperation und nicht durch Kontraproduktivität. Eine Gruppe von Bewohnern mit unterschiedlichen Aufgaben und Berufen hat den sogenannten „St.-Pauli-Code“ geknackt und eine Neudefinition und -bebauung der Gegend durchgeführt, sodass es sich auch die aktuellen Einwohner weiter leisten können, dort zu wohnen. Die Initiative mit dem Namen PlanBude führte eine Befragung unter den Einwohnern durch – von Obdachlosen über Migranten und Kinder bis hin zu Analphabeten. Zum ersten Mal konnten sich diese Menschen dazu äußern, was sie sich für einen bestimmten Bereich wünschen würden. Die Gruppe traf sich in einem Container, stellte eine Liste zusammen, machte Zeichnungen und baute zu allem Modelle aus Lego: vom günstigen Wohnraum bis hin zu Plätzen, an denen eine Subkultur gedeihen kann. Die ortsansässige Künstlerin und Filmemacherin Margit Czenki sagt: „Wir wollten einen utopischen Überschuss erzeugen und sehen, was hinter den Wünschen steckt.“ Insgesamt wurden die Ideen von 2300 Menschen gesammelt; die Summe dieser Ideen stellt den St.-Pauli-Code dar, der das Lebensgefühl des Stadtteils beschreibt. Dieses Lebensgefühl lässt sich zusammenfassen mit: Diversität und nicht Homogenität, unabhängige Einzelhändler anstelle von großen Handelsketten und günstige, kleine Wohneinheiten anstelle von teuren Wohnungen. Normalerweise würden diese Wünsche von den Architekten ignoriert, aber in diesem Fall schickte die Gruppe den 300-seitigen Bericht an die potenziellen Architekten. Die Planungen für nicht weniger als 28.000 Quadratmeter sehen vor, dass 60 Prozent der Wohnungen bezuschusst werden und es reichlich Raum für Sozialprojekte und Subkulturen gibt. Die Umsetzung soll im Jahr 2019 beginnen und macht PlanBude zu einem Vorreiter für Bürgerbeteiligung und die Umgestaltung von Problembezirken.

Lesetipp – 50 Insights: Die Zukunft des Wohnens

TRENDSTUDIE

Das Zukunftsinstitut hat seine nächste Trendstudie publiziert, diesmal zum Megathema Wohnen. Oona Horx-Strathern, Christiane Varga und Matthias Horx werfen in „50 Insights: Die Zukunft des Wohnens“ Fragen auf, blicken hinter Einstellungen und wagen einen Blick hinter die vier Wände von morgen: Was wir schon immer wissen wollten, uns aber nicht zu fragen wagten.

50 INSIGHTS Zukunft des Wohnens

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• Autoren: Oona Horx-Strathern, Christiane Varga, Matthias Horx • Inhalt: 50 Antworten auf Fragen zur Zukunft des Wohnens (Unterteilt in praktische, Megatrend- und philosophische Fragen) • Preis: 190 Euro zzgl. MwSt. • ISBN: 978-3-945647-38-7

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Digitale Medien werden urbane Plätze wiederbeleben „Straßen, Autos, Städte bekommen dank der digitalen Medien neue Funktionen“, sagt Stephen Graham, Professor für Städte und Gesellschaft, hier im Interview und am 13. Europäischen Trendtag des Gottlieb Duttweiler Instituts. Um Städte zu verstehen, sollten wir stärker auf ihre vertikalen Ebenen schauen – vom Untergrund bis in den Weltraum.

Foto: privat

vermittelt werden können. Trotz der wachsenden Macht der Telekommunikation werden Aktivitäten, die Vertrauen, Sexualität, Essen, Mode und Livemusik, -kunst, -veranstaltungen, -sport involvieren, weiterhin hauptsächlich an physischen Plätzen stattfinden. Tatsächlich werden digitale Medien urbane Plätze wiederbeleben, anstatt sie zu ersetzen. Körper, Straßen, Nachbarschaften, Autos, Städte etc. bekommen dank der digitalen Medien neue Funktionen und organisieren städtisches Leben neu. Uber ist ein Beispiel dafür.

In Ihrem neuesten Buch „Vertical“ schreiben Sie, dass unsere Welt nicht mehr als zweidimensionale Karte dargestellt werden kann. Warum? Weil wir auf einer zweidimensionalen Karte nur verstehen, was an der Oberfläche stattfindet. Das städtische Leben passiert, auch wenn es auf die Oberfläche fokussiert ist, in und durch eine dritte Raumdimension: von den Umlaufbahnen der Satelliten über die höchsten Türme, hin zur komplexen, unterirdischen Welt und zu den tiefsten Minen (die vier- oder fünfmal tiefer in die Erde reichen, als die höchsten Wolkenkratzer in die Lüfte ragen). Jeder, der eine herkömmliche 2D-Karte in Hongkong benutzt, merkt schnell, dass diese fast nutzlos ist. Karten können die komplexen dreidimensionalen Strukturen wie Hochwege und Aufzüge der vertikalsten Stadt der Welt nicht abbilden. In der digitalen Welt der Zukunft werden wir unsere Häuser nicht mehr verlassen müssen, um uns mit Freunden zu treffen oder einkaufen zu gehen. Welche Rolle werden die Orte und Ebenen einer Stadt dann spielen? Städte und physische Räume werden immer die zentralen Bereiche sein, in denen Dinge stattfinden, die nicht durch das Digitale

Sie beschreiben einen „Klassenkampf von oben“, in dem die Privilegierten sich in Wohntürme, Hotels und Dachgärten zurückziehen. Was bedeutet das für die Immobilien­branche? Die wachsenden Ungleichheiten in den wichtigsten „globalen“ Städten der Welt, kombiniert mit dem Überschuss an Investitionen der Superreichen dieser Welt und dem Preisaufschlag, der für Penthäuser in Rechnung gestellt werden kann, führen dazu, dass sich die Immobilienbranche stark auf diese Klientel konzentriert. Vor allem in London und New York lohnt es sich Super-First-Class-Wohntürme für diese Zielgruppe zu errichten. Oft sind diese Immobilien nichts weiter als Investments, die aus der Ferne bestellt werden. Dies hat Konsequenzen für die Wohnsituation der schlechter Verdienenden. Sie sehen sich einer wachsenden Wohnungsnot gegenüber, trotz der Bauprojekte in den Städten, die „Hoffnung“ geben sollen. Die Luxustürme der Eliten beherbergen Kapital statt Menschen. Ihre Besitzer wohnen in den seltensten Fällen darin, viele der Wohnungen sind verwaist. Gibt es ein vertikales Limit für Städte? Interessanterweise sagen Ingenieure, dass aktuell die Lifttechnologie die Höhe von Wolkenkratzern beschränkt. Mit neuen Liften aus Karbon oder mit magnetischem Antrieb wird es möglich sein, in einer Fahrt einen oder anderthalb Kilometer zurückzulegen. Aktuell liegt das Maximum bei ungefähr 500 Metern, da sonst die Stahlkabel der Lifte zu schwer würden. Schon heute werden Türme designt, die anderthalb Kilometer hoch sind.

Interview: Maria Schmeiser, GDI Gottlieb Duttweiler Institut architektur im mittelpunkt

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Grafik: alexmillos/Shutterstock

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Immobilien für den Schwarm Der Schwarm und die Bauträger haben längst schon die Immobilien-Crowdinvestment-Plattformen entdeckt. Das Angebot entwickelt sich rasant weiter. Kein Wunder, wird doch mit wertbeständigem Investment und attraktiven Zinsen geworben. Anleger sollten aber nicht bedenkenlos in die Sache hineingehen. Text: Linda Benkö

D

a hat Schuhhersteller Heini Staudinger einiges losgetreten: Der Gründer der Schuhfabrik Gea/Waldviertler in Schrems hat ja 2012 die Aufmerksamkeit der Finanzmarktaufsicht auf sich gezogen, als er sich von Freunden und Kunden Kleinkredite geben ließ – der Behörde und dem Verwaltungsgerichtshof ein Dorn im Auge, weil eben dieses Einlagengeschäft als bankkonzessionspflichtig einzustufen sei. Der „Schuhrebell“ stellte daher nach heftigem Schlagabtausch mit den Obrigkeiten die Kredite auf Nachrangdarlehen um – das heute gängige Modell für die Crowd. Seitdem gilt Staudinger als österreichischer Crowdfunding-Pionier.

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Und nun investiert der Schwarm zusehends digital auch in Immobilien. Crowd­ investment-Plattformen sind in Österreich salonfähig geworden, mehr noch, die Zuwächse sind phänomenal – wenngleich auf niedrigem Niveau. Und auch Bauträger entdecken diese Möglichkeit, ein breites Publikum zu erreichen, zusehends für sich. Kein Wunder, spielt sich doch nun alles auf der rechtlich sicheren Seite ab. Mit Inkrafttreten des Alternativfinanzierungsgesetzes (AltFG) im September 2015 wurde der Same für eine blühende Crowdfunding- und -investingszene gepflanzt. Und Geld auf dem Sparbuch bringt immer noch nur mickrige Zinsen –

weiterhin drängt daher alles Richtung Betongold. Via Crowd-Plattform wird ein Investment in Wohnraum zu Veranlagungs- oder Vorsorgezwecken, aber auch für Kleinanleger leistbar, die Mindestanlagesummen sind teils sehr gering. Zudem hören sich die Renditeversprechen ansehnlich an. Wachstum bei Immo-Plattformen

Und so ist speziell der Umsatz bei den Immobilien-Crowdinvestment-Plattformen von 2015 auf 2016 stark gestiegen. Insgesamt haben die österreichischen Plattformen im Jahr 2016 laut Fachverband Finanzdienstleister der Wirtschaftskammer

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Rendering : ZOOM VP.AT

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Es gibt bereits Crowdinvesting-Projekte (zum Beispiel über Rendity), bei denen man in Bestandswohnungen investieren kann, wie etwa bei den Einheiten im Wohnkomplex Laendyard.

Österreich (WKO) exakt 22.765.004 Euro eingesammelt, im Jahr davor waren es erst neun Millionen Euro – ein Plus beim Investitionsvolumen von nicht weniger als 161 Prozent, macht Paul Pöltner, Vorsitzender des Fachausschusses Crowd­ investing-Plattformen des Fachverbands aufmerksam. Das bereits erwähnte Gesetz hat natürlich kräftig angeschoben. Mittlerweile gibt es auch ein Gütesiegel: Der WKO-Fachverband Finanzdienstleister hat im Juni 2016 Standes- und Ausübungsregeln für Crowdinvesting-Plattformen beschlossen. Diese sind freiwillig. Die Plattformen, die sich dazu bekennen, müssen die Regeln jedoch einhalten. Das wird vom Ehrenschiedsgericht des Fachverbands Finanzdienstleister überprüft. Wer sich zu den Standesregeln bekennt, verpflichtet sich zur umfangreicheren

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Informationserteilung gegenüber den Investoren. Regelmäßige Fortbildungen sind vorgesehen, außerdem müssen stärkere Transparenzregeln eingehalten werden. Ende 2016 haben seit Bestehen der ersten heimischen CrowdinvestmentPlattformen im Jahr 2013 laut WKO 143 Unternehmen beziehungsweise Projekte in Summe 34,5 Millionen Euro an Crowdkapital erhalten. Fast die Hälfte des in 2016 gesehenen Umsatzwachstums entfiel auf die Immobilienplattformen. Und die Portalanbieter rechnen mit noch höheren Zuflüssen in den kommenden Jahren. Mit Stand Frühjahr 2017 haben fünf Plattformen sich explizit dem Immobilienthema verschrieben. Etliche Nachahmer dürften noch folgen, vor allem auch Anbieter aus dem benachbarten Deutschland betreten das

Beim Crowdinvesting entfiel 2016 fast die Hälfte des Umsatzwachstums auf spezialisierte Immobilien-Portale.

heimische Pflaster oder wollen es demnächst betreten, zum Beispiel zinsland.de. Vorsorgewohnung für jeden

Vorreiter im Immobilienbereich war Home Rocket, ein Ableger der bereits existierenden Crowdinvesting-Plattform Green Rocket, die sich auf nachhaltige Unternehmen spezialisiert hat. Geschäftsführer und Gründer Wolfgang Deutschmann hat im Frühjahr 2017 stolz das zehnte Projekt verkündet. Immobilienprojektentwickler

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gung veräußern. Die geplante Haltedauer der Wohnungen beträgt fünf bis sieben Jahre, danach sollen die Wohnungen verkauft werden. All jene mit langem Atem, also Anleger, die bis zum Verkaufszeitpunkt investiert sind, partizipieren natürlich an der Wertsteigerung der Immobilien. Bei der Auswahl der Wohnungen sei es vorrangig um die Leistbarkeit und Attraktivität gegangen, so Leodolter. Die vier Rendity-Vorsorgewohnungen sind im Großprojekt „Laendyard“ im 3. Wiener Gemeindebezirk angesiedelt, in bester Lage in Wien. Die Betreiber von Rendity wollen 2017 noch die Million-Euro-Marke knacken und sind auch für Projekte im Ausland, etwa in Berlin, offen. Early-Bird-Köder

Die meisten Plattformen locken die Anleger mit einem Early-Bird-Bonus, d. h. für die Frühzeichner der Beteiligungen gibt es mehr Zinsen. Das hört sich – verglichen mit Renditen, die man mit Staatsanleihen erzielen kann – durchaus spektakulär an. Bei Home Rocket etwa wurden den „frühen Vögeln“ für das Projekt „Amalienstraße 1 Wien“ in 1130 Wien, eine Wohnhausanlage, in der 19 Einheiten entstehen werden, 7,25 Prozent p. a. in Aussicht gestellt – statt regulär 6,5 Prozent. So viel wird nicht immer geboten, aber bei der darauf folgenden Investmentmöglichkeit auf Home Rocket, einem Neubauprojekt der Haring Group in Wiener Neustadt, wurden 6,5 Prozent als Köder für die Frühzeichner ausgelegt. Für die Zeichner, die nach Ende der Early-Bird-Phase einsteigen, sind es dann 5,5 Prozent, bei einer Laufzeit von drei Jahren und halbjährlicher Zinsrückzahlung. Das „Cityquartier Wiener Neustadt“ ist bereits das zweite Bauprojekt der Haring Group, das mit Crowdfunding auf Home Rocket kofinanziert wurde. Bei diesem Projekt setzt man auf das „Beste aus Stadt

Renderings: C&P Immobilien AG, Avoris

C&P, der an Home Rocket beteiligt ist, holte sich für das „Brauquartier Graz Puntigam“ auf diesem Wege immerhin eine Million Euro. Auch die anderen Immo-Crowdinvesting-Plattformen berichten von Erfolgen: dagobertinvest etwa ist sehr rasch in die Nähe von Platzhirsch Home Rocket gerückt. Geschäftsführer Andreas Zederbauer möchte 2017 20 bis 25 Projekte anbieten, mit dem Ziel, dass den Investoren ständig mindestens drei interessante Veranlagungsmöglichkeiten in Immobilien geboten werden. dagobertinvest fokussiert dabei auf kleine bis mittelgroße Wohnbauprojekte, bei denen das Fundingkapital ein wesentlicher Baustein für die Finanzierungsstruktur ist. Meist werden Gelder über die Crowd­ investing-Unternehmen eingeworben, um neue Objekte zu errichten. Die Plattform Rendity wiederum hat Anfang 2017 eine Beteiligungsmöglichkeit an Bestands­ immobilien angeboten. Im Wohnprojekt Laendyard wurde ein Paket von vorerst vier Vorsorgewohnungen erworben, die Crowdinvestoren konnten sich an den hochwertig ausgestatteten Zweizimmerwohnungen mit je 40 Quadratmetern Wohnfläche in Form eines Nachrangdarlehens beteiligen. „Erstmals war es dadurch in Kontinentaleuropa möglich, durch eine Investition von nur 1000 Euro regelmäßige Mieterträge zu erhalten sowie an der Wertsteigerung eines Wohnungspakets zu partizipieren“, sagt RendityGeschäftsführer Tobias Leodolter. Die Fixverzinsung dafür von 3 Prozent jährlich liegt unter dem, was sonst so geboten wird, dafür aber erhalten die Anleger vierteljährliche Ausschüttungen. Und auch der Zeithorizont ist kurz, was für viele Investoren ebenfalls ausschlaggebend ist. Denn die Vertragsdauer beträgt bei diesem Modell 60 Monate, aber bereits nach 24 Monaten können Investoren ihre Veranla-

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Der Startschuss fiel mit dem Brauquartier von C&P über die Plattform Home Rocket (Bild links). Im Regelfall werden neue Objekte über die Crowd mitfinanziert, etwa das Projekt Viktoriahof von Avoris.

und Natur“: In der Gymelsdorfer Gasse entsteht in Niederösterreichs zweitgrößter Stadt eine Wohnhausanlage mit insgesamt 132 Einheiten. Es wird in insgesamt drei Bauabschnitten auf dem ehemaligen Grundstück des Volksbades in Wiener Neustadt errichtet. Der „architektonisch ansprechende zweite Bauabschnitt gliedert sich in einen L-förmigen Baukörper entlang der Gymelsdorfer Gasse und eine freistehende Stadtvilla“, wie es heißt. Die Wohnungsgrößen variieren von 36 bis 87 Quadratmeter. Jedes Apartment verfügt über eine zugehörige Freifläche in Form eines Gartens mit Terrasse, einer Loggia oder eines Balkons. Fertigstellungstermin ist im Herbst 2018. Mit am Markt ist seit 2016 auch immofunding, betrieben von der CIM – Company for Investment GmbH, mit Niederlassungen in Österreich und Deutschland. Man wolle nicht nur Entwickler mit Investoren, Family-Offices und Finanzdienstleistern verbinden, sondern auch Menschen und Netzwerke international. Mit Stand Frühling 2017 wurden drei Projekte über immofunding erfolgreich finanziert – allesamt nicht in Wien. Und auch das aktuellste Projekt „Helenenstraße 106a“ befindet sich nicht in Wien, sondern in der Kaiserstadt Baden. Ebenfalls nach österreichischen Anlegern die Fühler ausgestreckt hat die deutsch-britische Crowdinvesting-Plattform BrickVest. Anleger können sich an der Seite institutioneller Investoren, die über Club-Deals in die Projekte involviert sind, gleichrangig an fertigen Projekten beteiligen. Immobilien im weiteren Sinn

Über die Plattform 1000x1000 könnten ebenfalls noch Immobilienprojekte kommen, der Fokus liegt jedoch nicht auf Beton und Mörtel: „Den Geschäftsbereich Immobilien-Crowdfunding verfolgen wir nicht mehr weiter“, sagt Crowd-Experte

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Foto: ViennaEstate Immobilien AG

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Foto: Avoris

Sogar Günter Kerbler beteiligt sich (über seine ViennaEstate Immobilien AG) an einer Plattform, an Reval.

Dominik Peherstorfer von Avoris sieht viele Vorteile beim Crowdfunding für Bauträger.

Hannes Kollross, „wir konzentrieren uns auf die Finanzierung von innovativen Geschäftsideen bzw. auf Crowdfunding als Kundeneinbindungsinstrument für mittelständische Unternehmen. Das kann dann im weitesten Sinne schon auch Immobilien betreffen, aber im Mittelpunkt stehen immer die Themen Innovation und Kundenbindung.“ Was man bei 1000x1000 darunter versteht: Beispielsweise das Projekt „Gruabnfunding – Initiative für den Erhalt der Gruabn-Holztribüne“ – hier geht es um die „Gruabn“, für viele Grazer und Steirer der Ort ihrer ersten SturmSpiele, der Ort an dem sie mitfieberten, feierten und Tränen vergossen, der Ort an dem Geschichten und Mythen entstanden, die bis heute ein fester Bestandteil der Geschichte des Sturm-Fussballvereins darstellen. Seit 1934 steht die dortige Holztribüne – und geht es nach den Unterstützern, soll sie das auch noch viele weitere Jahrzehnte. Kollross: „Im weitesten Sinne handelt es sich hierbei überall ebenfalls um ,Immobilien‘, aber aus unserer Sicht nicht im reinen, klassischen ImmobilienCrowdfunding, wo es den Leuten ,nur‘ darum geht, Geld in einer Immobilie zu parken“, erklärt er die Motivation.

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A1 Start Up Campus. Damit können sich künftig auch Kleinanleger mit Summen von 100 bis 5000 Euro – mit Selbstauskunft auch bis zu 10.000 Euro – an Immobilienprojekten beteiligen. Hinter der ViennaEstate Immobilien AG stecken sehr bekannte Namen. Der Aufsichtsrat ist bestückt mit Helmut Hardt, Vorstand der Wiener Privatbank, Thomas Malloth, langjähriger Obmann des Fachverbands der Immobilientreuhänder in der WKO, Johann Kowar, Kogründer von conwert und der Austro-Immobilien-Zampano Günter Kerbler – bekannt dafür, das Spittelbergviertel in Wien revitalisiert zu haben. Erstes Projekt ist ein Objekt in Krems. Die Investition erfolgt in Form der Gewährung eines zweckgebundenen qualifizierten Nachrangdarlehens an die Fortuna Bauerrichtungsges.m.b.H. mit Investitionsziel von 500.000 Euro und 5,5 Prozent Zinsen p. a. bei einer Laufzeit von 36 Monaten. In Krems entstehen damit 35 neue Wohnungen mit „idyllischer Gartenanlage mit großer Grünfläche und Biotop“, wie es heißt, mit Tiefgarage und Kellerabteilen. Weitere Investitionsprojekt, auch in Wien, folgen. „Noch viel Potenzial“

Foto: Reval

Newcomer

Reval-CEO Philipp Hain: „Wir erwarten eine Verzehnfachung des Volumens in den nächsten drei Jahren.“

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Schon scharren die nächsten Plattformbetreiber in den Startlöchern bzw. realisieren den Einstieg. Dies teils mit sehr finanzkräftiger und auch sehr renommierter Unterstützung: Die ViennaEstate Immobilien AG hat ihre Bandbreite an Dienstleistungen aus dem Bereich des Immobilien-Asset-Managements für vermögende Privatanleger und institutionelle Investoren erweitert, indem sie ein strategisches Investment in Höhe von knapp 30 Prozent der Unternehmensanteile von Reval eingegangen ist. Reval ist ein auf Immobilienprojekte spezialisiertes Wiener Crowdinvesting-Start-up und Member des

Und die nächsten Marktplayer stehen vor der Tür, durchaus auch aus Deutschland. So ist zinsland.de am Austro-Markt bereits startklar. Die Hamburger haben mit „Burggasse Wien“ des Bauträgers Avoris im Mai 2017 ein erstes österreichisches Projekt unter ihre Fittiche genommen. Aber nicht nur Start-ups, sondern auch etablierte Maklerfirmen wie Engel & Völkers springen auf den Zug auf. Zusammen mit der Kapilendo AG wurde Mitte März 2016 die Plattform ev-capital.de geschaffen. „Seite an Seite mit professionellen Investoren können nun auch Kleinanleger in Immobilien investieren, die so Zugang zu exklusiven Immobilienprojekten ausgewählter Projekt-

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entwickler erhalten“, sagt Robin Frenzel, Vorstand der Engel & Völkers Capital AG. Tobias Leodolter von Rendity sieht noch viel Potenzial für das ImmobilienCrowdinvesting, angesichts eines mehrere Milliarden Euro schweren jährlichen Transaktionsvolumens auf dem österreichischen Realitätenmarkt, zumal bei dieser Anlageform auch Kleinanleger ganz leicht Zugang zu Investments in physische Immobilien haben. Auch für Bauträger, die bereits eine gewisse Größe hätten, sei Crowdinvesting interessant, um etwa die Expansion zu beschleunigen. Reval-CEO Philipp Hain: ,,Wir erwarten uns bei Privatanlegern eine Verzehnfachung des Volumens in den nächsten drei Jahren.“ Wolfgang Deutschmann, Geschäftsführer und Gründer der Rockets Holding, zufolge waren allein in der Rockets-Investoren-Community Ende 2016 mehr als 13.500 Anleger registriert – Tendenz stark steigend. Marketinginstrument

„Das Funding über Crowdinvesting hat mehrere Vorteile“, erklärt Dominik Pehers­ torfer, geschäftsführender Gesellschafter beim Bauträger Avoris. Ein Nachrangdarlehen werde von der Bank als Eigenkapitalersatz gesehen. Das kann die Bankfinanzierung natürlich erleichtern, zudem verbessern sich damit in der Regel auch die Konditionen für die Kreditvergabe. „Und die Zinsen für die Nachrangdarlehen sind häufig erst am Ende fällig“, so Peherstorfer weiter. Es gibt jedoch noch ein weiteres, angenehmes Argument: Der Werbewert, die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit. Denn die Plattformen betreiben für ihre „Schützlinge“ natürlich PR. „Und so finden sich unter den Investoren quer durch die Bank alle Schichten, ein sehr buntes Publikum, vom älteren Privatier über Großunternehmer bis zu den Jungakademikern“, war Peherstorfer erstaunt. Die Avoris Immobilienentwicklungs GmbH hat über

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Home Rocket Gelder für das Projekt Viktoriagasse 14 in 1150 Wien eingesammelt. Ab Herbst 2017 sind die 19 neu errichteten Dachgeschoßwohnungen bezugsfertig. Auch die Altbauwohnungen im Gebäude wurden saniert. Zur regen Stadt hin setzt das sanierte, rund 100 Jahre alte Eckhaus mit seinem Ausbau ein markantes, architektonisches Zeichen, im Inneren herrscht Ruhe. Es überrascht ein weiter Innenhof mit mediterraner Stimmung. Die 19 Dachgeschoßwohnungen mit Größen von 47 bis 134 Quadratmetern, Maisonetten und eingeschoßige Wohnungen, verfügen über Terrassen in den weitläufigen Innenhof sowie Fußbodenheizung. Nicht nur Gold

Es ist jedoch nicht alles Gold, was glänzt: Ganz risikofrei ist die Sache nicht. „Zumeist werden Nachrangdarlehen gezeichnet. Diese sind grundsätzlich als Risikokapital einzustufen“, erklärt dagobertinvest-Chef Zederbauer. Rein technisch gesehen handelt es sich bei den zumeist als Nachrangdarlehen geschnitzten Beteiligungen um Mezzanine-Kapital und damit eigentlich um weitgehend unbesichertes Risikokapital. Eine grundbücherliche Sicherheit gibt es nicht, fügt Leodolter an. Banken und andere Gläubiger haben Vorrang, falls etwas schiefgeht. Ein Totalverlust ist damit

Immobilien gelten als sicher, ganz risikofrei ist das Investment jedoch nicht.

zumindest theoretisch möglich. Dies verführte den Verein für Konsumenteninformation (VKI) offenbar dazu, einen Artikel zum Thema mit „Fun-Ding oder Unding“ zu betiteln. Die Zinszahlungen sind nicht garantiert. Allerdings mache es einen Unterschied, ob man mit diesem Instrument ein Start-up finanziere oder in Immobilien investiert sei, wo der Bauträger einer plausiblen Bonitätsprüfung unterzogen werden kann und zudem eine Bank als Kofinanzierer auftritt, so Zederbauer. Das AltFG sieht jedenfalls auch andere Instrumente vor, etwa Anleihen oder Aktien. Checken sollte man auch die handelnden Personen der Plattform selbst – die Unternehmen bedürfen einer Berechtigung als gewerbliche Vermögensberater bzw. einer Konzession für Wertpapierdienstleistungserbringung – und deren Auswahlmethoden: Bei Rendity etwa wird jedes Projekt anhand eines 20-Punkte-Plans sorgfältig geprüft, abgestimmt werde dann noch mit einem Fachbeirat.

Die Anbieter

Brickvest IM Ltd. CONDA Crowdinvesting Österreich dagobertinvest gmbh Home Rocket GmbH Immofunding/CIM Company for Investment GmbH Rendity GmbH Reval Vermögensberatungs GmbH

www.brickvest.com www.conda.eu www.dagobertinvest.at www.homerocket.com www.immofunding.com www.rendity.com www.reval.co.at

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Wie zeitgemäß ist das Einfamilienhaus? Zu hoher Landverbrauch, zu lange Wege, zu hohe Erschließungskosten je Einheit – das Einfamilienhaus scheint heute aus vielen Gründen nicht mehr tragbar. Gute Alternativen, die den Anspruch an das private Paradies auch erfüllen, gibt es schon seit Jahren. Text: Veronika Kober

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Fotos: Gartenstadt Puchenau II, Archiv Atelier 5

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Vorreiter im verdichteten Flachbau: In die Halensiedlung (oben und re.) zogen zuerst die Architekten selbst ein. Die Gartenstadt Puchenau (ganz oben re.) wurde in drei Etappen erbaut und be­ steht aus über tausend Wohnungen.

architektur im mittelpunkt

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ür den einen Teil unserer Gesellschaft ist das Domizil im Grünen schlicht unleistbar und für den anderen Teil nicht (mehr) erstrebenswert. Die Zeiten von frei stehendem Haus, Garten und Zaun scheinen vorbei – zumindest auf den ersten Blick. Wo sind die Gründe dafür zu suchen und zu finden? In der Ökonomie? In der Ökologie? In der Landflucht oder in der Verstädterung mit immer knapper werdendem Bauland? Einblicke in Fakten und Ideen übers Wohnen in der Zukunft. So wie unsere Elterngeneration werden unsere Kinder mit Sicherheit nicht mehr wohnen. Das sagen nicht nur Experten aus den betreffenden Disziplinen Wohnbaupolitik und Gesellschaftskunde, das kann sich jeder von uns selbst ausrechnen. Das typische Einfamilienhaus, wie wir es heute kennen, ist für künftige Generationen aus ökonomischer und ökologischer Sicht nicht mehr leistbar. Bei durchschnittlichen

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Das Hunziker Areal der Baugenossen­ schaft mehr als wohnen, Zürich erhielt den World Habitat Award für kosten­ günstigen, ökologischen und hochwer­ tigen Wohnraum.

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weniger immer gleichen Schema. Und weil es schnell gehen und leistbar sein muss, gehören der morgendliche Toilettengang des Nachbarn oder die interessierten Blicke über die Gartenmauer für viele zum alltäglichen akustischen und spürbaren Standard. Kein Wunder, dass ein Großteil auf die als Massenware hergestellten Scheibchenhäuser gut und gerne verzichten kann. „Viel Platz auf wenig Grund“, nach diesem Motto wird beim verdichteten Flachbau geplant. Beispiele, die Schule machten, sind unter anderen die Gartenstadt Puchenau bei Linz aus den Jahren 1963 bis 1968 und 1978 bis 1995 (Architekt: Roland Rainer) oder die Siedlung Halen in der Nähe von Bern (bezogen 1961, entworfen von Atelier 5). Was die modernen Versionen solcher Siedlungen ausmacht: Es sollen keine Anhäufungen immer gleicher Doppel- und Reihenhäuser entstehen, sondern vielmehr übersichtliche Anlagen, die wie historisch gewachsene Dörfer anmuten. Die einzelnen Baukörper werden versetzt angeordnet, Mehrfamilienhäuschen wechseln sich mit Wohnblöcken und Atriumhäusern ab, es gibt grüne Dachterrassen und private ­Innenhöfe genauso wie gemeinschaftlich nutzbare Räumlichkeiten und Freiflächen. Der geringe Platz ist optimal genutzt und im Idealfall wirkt nichts dabei einengend oder überladen.

Bloß kein Scheibchenhaus

Gemeinsam planen, bauen, wohnen

Kommt das Thema beim österreichischen Durchschnittsbürger auf Einfamilienhäuser, wird schnell klar, warum dieser sich so schwer tut, von der Idee des privaten Refugiums Abschied zu nehmen. Der öffentliche Wohnbau forciert vor allem die verdichtete Bauweise, sprich Reihen­ haussiedlungen nach dem mehr oder

In diesem Beitrag sollen vor allem zwei Modelle hervorgehoben werden, die sich dem zerplatzenden Traum vom Einfami­lienhaus entgegenstellen: Das Wohnmodell, das sich gerade in den Städten immer stärker durchzusetzen beginnt, basiert auf sogenannten Baugruppen oder auch Baugemeinschaften. Wie der Name schon vermuten lässt, geht es hier um mehrere Menschen, die sich zumeist über soziale Netzwerke oder entsprechende Plattformen im Netz zusammentun und gemeinsam

Foto: Lucas Ziegler

Grundstückspreisen zwischen 200 und 400 Euro pro Quadratmeter – Spitzen mit bis zu 1000 Euro und mehr in Tirol, Salzburg und Wien – muss allein für den Baugrund meist schon ein Kredit aufgenommen werden. Und dann steht noch nicht einmal ein Zelt auf der Wiese. Zudem sind Einfamilienhäuser nach einem objektiven Faktencheck auch nicht mehr zeitgemäß. 140 Quadratmeter und mehr mögen für eine Mehrgenerationenfamilie mit drei bis vier Kindern und den Großeltern unter einem Dach absolut Sinn stiften, für ein Paar mit einem, maximal zwei Kindern, die spätestens nach Ende der Pubertät via one-wayticket in die weite Welt oder zumindest in die nächste Universitätsstadt ziehen, sicher nicht. Und dann wäre da noch der fehlende Platz. Eine Politik, die bei ­Baulandumwidmungen immer öfter auf die Bremse steigt, in Kombination mit steigender Landflucht einerseits und überhandnehmender Verstädterung mit immer knapper werdendem Wohnraum andererseits schreit förmlich nach Alternativen am Wohnungsmarkt. Doch was sind die Alternativen? Wohl kaum riesige Wohnblöcke in den städtischen Randgebieten, in denen der Einzelne – die Zahl der Singlehaushalte stieg in den letzten Jahren enorm – in der Anonymität verschwindet, oder sanierte Zinshäuser in den Zentren, deren Miete sich kein Normalsterblicher leisten kann.

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Wohnraum schaffen wollen. Oberste Priorität: Selbstbestimmung von der Planung bis zum laufenden Betrieb. Es geht dabei um nachhaltiges Leben, Wohnen und Arbeiten in einer Gemeinschaft – die Integration der Aspekte Interkulturalität und Generationenvermischung miteinbezogen. Jeder hat das gleiche Recht, mitzureden und mitzuplanen, nach individuellen und persönlichen Vorstellungen zu gestalten – etwas, das üblicherweise nur den Häuslbauern am Land vorbehalten ist. Rechtlich treten Baugruppen als Vereine, Genossenschaften, Mietprojekte mit einem Bauträger, Wohnungseigentümergemeinschaften, GesmbH oder auch als KG, Stiftung

oder Ähnliches auf. Geschaffen werden Wohnprojekte, die in ihren Grundzügen eine Kombination aus WG und Eigentumswohnung darstellen; eine akzeptable Mischung aus Gemeinschaftsräumen und in sich geschlossenen, privaten Rückzugsmöglichkeiten also. Die Idee kommt nicht nur bei Eigentumswilligen an, sondern auch bei der Politik. Und so werden immer öfter Grundstücke in städtischem Besitz speziell an Baugruppen vergeben, aktuell zum Beispiel in der Seestadt Aspern. Österreich wird, wie die meisten anderen Länder Westeuropas auch, immer mehr zubetoniert und zugebaut. Durchschnittlich sind es 20 Hektar bzw. 30

Fußballfelder pro Tag. Der Boden wird knapp. Gemäß der österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie sollte die tägliche Inanspruchnahme bereits im Jahr 2010 auf maximal 2,5 Hektar pro Jahr reduziert werden. Dieses Ziel wurde mehr als deutlich verfehlt. Und dem gegenüber stehen laut Schätzungen des Umweltbundesamtes 50.000 Hektar oder 75.000 Fußballfelder leer stehende Gewerbe-, Wohnimmobilien und Industriehallen. Immer mehr Menschen wollen in die Städte oder ihnen möglichst nahe kommen. Wenn nicht bald ein Umdenken in der Wohnbaupolitik passiert, haben wir in ein paar Jahren ein wirkliches Problem.

Fotos: Gleis21

Das Wiener Wohnprojekt Gleis 21 agiert nach den Prämissen solidarisch wohnen, g’scheit genießen und medial gestalten. Ziel: lebendige Stadtviertel und Wohn­ gemeinschaften von innen heraus kreieren – gemeinsam.

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5 Fragen an: Patrick Lüftenegger Patrick Lüftenegger, tätig im Bereich Energie und Wohnraumforschung am Salzburger Institut für Raumplanung (SIR), im Gespräch über Zersiedelung, Flächenverbrauch und Wohnkonzepte der Zukunft. Architektur im Mittelpunkt: Gibt es ein Umdenken in der Gesellschaft oder ist der „kleine Mann“ vielmehr aufgrund von ökologischen und ökonomischen Faktoren gezwungen, das Konzept Einfamilienhaus zu überdenken? Patrick Lüftenegger: Ich nehme kaum ein Umdenken wahr, in den letzten Jahrzehnten war eher das Gegenteil der Fall. Es gab Zeiten, da war ein eigenes Haus mit Garten nur sehr wenigen Gesellschaftsschichten vorbehalten. Heute unterstützen Förderpolitik und Kreditinstitute den „Traum“ vom eigenen Reich und versuchen ihn für möglichst viele erreichbar zu machen. Leider handelt es sich beim Einfamilienhaus um so ziemlich die ineffizienteste Besiedlungsform hinsichtlich Ressourceneinsatz, Flächen-, Infrastruktur- und Mobilitätsbedarf. Aber: Bankkredite sind leicht zu haben, Wohnbauförderung und Pendlerpauschale tun das Übrige und so ist das Einfamilienhaus noch immer im Vormarsch. Für mich stellt sich die Frage: Können wir uns das als Gesellschaft ökologisch und ökonomisch überhaupt leisten? Denn der „kleine Mann“ neigt auch dazu, sich neben dem zu großen ökologischen Rucksack ein ebenso großes ökonomisches Packerl umzuschnallen. Wie sehr spielen Zersiedelung, Verhüttelung und Landflucht eine Rolle bei der Verabschiedung des Einfamilienhauses? Meist wohnt nur noch die „halbe Belegschaft“ im schönen Haus mit Garten, bevor dieses überhaupt fertig abbezahlt

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ist. Der ohnehin schon sehr hohe Wohnflächenbedarf pro Kopf steigt dadurch noch weiter. Die „kleinen“ Häuschen verbrauchen aber auch viel Baugrund. Durch die nur sehr geringe Ausnutzung von wertvollen Flächenressourcen steigt der Druck auf die Grundstückspreise, weil Angebot und Nachfrage immer weiter auseinanderdriften. Mehr und mehr Menschen werden dadurch immer weiter in die Peripherie gedrückt. Die Folgen sind bekannt bzw. in ganz Österreich gut zu beobachten. Die Landschaft wird Stück für Stück zugebaut, förmlich überwuchert. Neben dem enormen Flächenbedarf ist auch der Bedarf nach Infrastruktur, Strom, Wasser, Kanal, Straßen, Nahversorgung, Öffentliche Verkehrsmittel, soziale Infrastruktur usw. ein wesentlicher Faktor. Was sind die Alternativen zum Einfamilienhaus? Gibt es zukunftsträchtige Modelle? Pauschal ist das schwer zu sagen. Es braucht jedenfalls Angebote zwischen dem Mietwohnbau von der Stange und dem individuellen Einfamilienhaustraum. Verdichtete Wohnformen sind jedenfalls um ein Vielfaches effizienter in Sachen Materialeinsatz, Energieverbrauch, Infrastruktur und bieten gute Voraussetzungen für kostengünstigen und nachhaltigen Wohnbau. Nachhaltigkeit betrifft hier aber nicht nur unsere Ressourcen, die Umwelt und das Klima, sondern ganz besonders auch den sozialen Bereich. Wenn mehrere Menschen dichter zusammenleben, bedeutet das nicht automatisch nur Konflikte, sondern auch viele zu hebende Potenziale der Gemeinschaft. Ergänzungen von Jung und Alt, gemeinsames Nutzen von Räumen, Geräten, Autos. … Vieles ist denkbar im Zeitalter der Sharing Economy. Wichtig beim Wohnen ist aber in erster Linie die Privatsphäre – das eigene Reich. Die Wohnung als Rückzugsort, möglichst

Foto: privat

„Das Einfamilienhaus ist die so ziemlich ineffizienteste Besiedlungsform überhaupt.“

private Freiflächen, spürbar getrennt von halb öffentlichen und öffentlichen Räumen. Diese Differenzierungen müssen im Städtebau und in der Gebäudearchitektur gut abgebildet sein, dann können auch grundsätzliche Sehnsüchte der meisten Einfamilienhausträumer abgedeckt werden. Lösungen gibt es viele – von Gartenstädten bis hin zu urbaneren Quartieren. Und für jene, die auch selbst mitwirken wollen bei Planung, Gestaltung und Verwaltung, bieten Baugruppen eine sehr sinnvolle Alternative. Wie reagiert die Wohnbaupolitik auf die veränderten gesellschaftlichen Umstände? In größeren Städten wie Wien, Berlin, Hamburg und Zürich teils sehr aktiv und innovativ. Insgesamt aber leider zu wenig. Alternativen sind noch eher Nischenprodukte und die breite Masse ist noch nicht inspiriert für neue Träume – und die Politik entsprechend zurückhaltend. Wird das Einfamilienhaus „aussterben“? Ich hoffe es, weil wir uns dieses Wohn­ modell für die breite Masse als Gesellschaft nicht leisten können.

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und Erich Benischek „Wir benötigen keine Gebäudealternativen zum Einfamilienhaus.“

Architektur im Mittelpunkt: Gibt es ein Umdenken in der Gesellschaft oder ist der „kleine Mann“ vielmehr aufgrund von ökologischen und ökonomischen Faktoren gezwungen, das Konzept Einfamilienhaus zu überdenken? Erich Benischek: Das Einfamilienhaus hat sich deutlich weiterentwickelt. Themen wie ökologische Bauweise, Energieeinsparung und Ressourcenschonung sind stateof-the-art. Gerade in der Energietechnik sind die Entscheidungen geradezu vorbildlich. Beim Einfamilienhaus kann man im Vergleich zu großen Ballungsräumen von keiner Beeinträchtigung des Klimahaushaltes sprechen. Bei großen Metropolen hingegen hat die Feinstaubbelastung bereits bedenkliche Ausmaße angenommen, die Kühllast der Gebäude wird ein immer bedeutenderes Thema. Wie sehr spielen Zersiedelung, Verhüttelung und Landflucht eine Rolle bei der Verabschiedung des Einfamilienhauses? Man gibt dem Einfamilienhaus die Schuld für „zerfranste“ Ortsränder, die jedoch durch jahrelange verfehlte Widmungspolitik und Grundstücksspekulationen entstanden sind. Bei einer intelligenten und ökonomischen (Raum)planung entstehen aber attraktive Konzepte mit hoher Lebensqualität und Natur vor der Haustüre. Durch solche Konzepte kann man auch der „Landflucht“ entgegenwirken: Es kann nicht das Ziel sein, Geisterdörfer wissentlich zu produzieren. Dazu braucht es auch die passende Infrastruktur mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Schulen, medizinischen

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Einrichtungen, aber auch Freizeiteinrichtungen und natürlich mehr Arbeitsplätzen. Hier ist auch der Bund nachhaltig gefordert! Was sind die Alternativen zum Einfamilienhaus? Gibt es zukunftsträchtige Modelle? Wir benötigen keine Gebäudealternativen zum Einfamilienhaus. Ein Muss für alle Architekten und Planer ist es, endlich über die Umnutzbarkeit und Nachnutzbarkeit von Gebäuden nachzudenken. Das Einfamilienhaus wird „oberflächlich“ kritisiert, dass es nicht-lebenszyklusorientiert gebaut wird. Es liegt in der Natur der Sache, dass das Einfamilienhaus möglicherweise eines Tages zu groß geworden ist. Die meisten Leute wollen aber ein Leben lang selbstbestimmt in ihrem Haus bleiben – so ist beispielsweise auch genug Platz für eine Pflegehilfe. Ein weiterer Gedanke in diesem Zusammenhang: Altersbedingte Singles könnten durch die Schaffung von zwei bis drei Wohneinheiten innerhalb ihres Hauses eine Senioren-WG mit organisierter Pflege begründen. Die dadurch freiwerdenden Einfamilienhäuser der anderen Senioren bieten wiederum neuen Familien genügend Wohnraum. Wie reagiert die Wohnbaupolitik auf die veränderten gesellschaftlichen Umstände? Es ist 5 vor 12! Wohnraum ist in den größeren Ballungsräumen nicht mehr leistbar. Entscheidender Faktor hierbei sind die Grundstückskosten. Der neue Begriff „Mikrowohnen“ zeigt diese aktuelle, sehr bedenkliche Entwicklung nur zu deutlich. Wohnflächen einfach zu reduzieren geht jedoch am Kern des Problems und vor allem an den Bedürfnissen der Menschen völlig vorbei und hilft nur sehr kurzfristig. Wenn nicht schleunigst grundlegende Maßnahmen seitens der Politik gesetzt werden, dreht sich die Spirale weiter, bis

Foto: Blaue Lagune

Erich Benischek ist Gründer, Eigentümer und Geschäftsführer des Fertighauszentrum Blaue Lagune. Als Experte für den (Fertig)Hausbau informiert und diskutiert er immer wieder auf internationalen Fachtagungen und Foren.

wir irgendwann unser Dasein in der Bienenwabe fristen. In diesem Zusammenhang steht auch meine Forderung nach multifunktionaler Nutzung von Grundstücken und Gebäudeflächen. Ziel muss es sein, nicht nur reine Schlafstätten zu produzieren, sondern die saubere und sanfte Koexistenz von Wohnen und Arbeiten zu fördern. Dies hat einen zusätzlichen ökologischen Aspekt, dass viele nicht mehr gezwungen sind, kilometerweit zwischen Arbeit und Zuhause zu pendeln. Wird das Einfamilienhaus „aussterben“? Nein. Wir benötigen eine sinnvolle Koexistenz aller Wohnformen: vom großvolumigen Wohnbau in den Stadtkernen, über mittelgroße Wohnbauten mit vier bis fünf Geschoßen sowie verdichtete Wohnformen in Stadtrandlagen bis hin zum klassischen Einfamilienhaus im Umfeld großer Städte. Es ist nicht zeitgemäß, eine Diskussion großvolumiger Wohnbau versus Einfamilienhaus zu führen. Zielführender ist es vielmehr, Diskussionen um die ökologische, ökonomische und soziokulturelle Nachhaltigkeit beim Bauen in der Zukunft zu etablieren.

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Reduced to the max Die Zukunft gehört der urbanen Klause. Microliving scheint – nicht nur in den ­städtischen Metropolen – die Patentlösung für den immer knapper und zugleich teurer w ­ erdenden Wohnraum zu sein. Ein Blick auf die interessantesten Projekte ­weltweit – r­ ealisiert, im Entstehen oder noch Vision. Text: Veronika Kober

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llein auf 27, zu viert auf knapp 65 Quadratmetern – können Sie sich das vorstellen? Der moderne Lifestyle in vornehmlich urbaner Lage sieht genau das vor: Ein- bis maximal Zweizimmer­ apartments auf sehr wenig Fläche. Internationale Weltstädte wie London und New York, vor allem aber Hongkong oder Tokio machen es längst vor – zentral gelegene Kleinstapartments, vielfach bereits möbliert und zu leistbaren Preisen. Microliving ist eine Reaktion auf immer weiter steigende Kauf- und Mietpreise, nach oben offene Energieverbrauchszahlen und immer weniger Angebote: Downsizing ist in.

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Stadtflucht? Fehlanzeige!

Der Platz in unseren Großstädten ist begrenzt, doch immer mehr Menschen wollen oder müssen genau dort hin. Was daraus folgt, ist die Notwendigkeit hochverdichteten Wohnraums. Die Nachfrage ist immens, aus anfänglich vereinzelten Angeboten ist ein zukunftsweisendes Marktsegment entstanden. Der Einzelne hat einen geringer werdenden Anspruch auf Wohnraum, das liegt nicht zuletzt auch daran, dass ein wachsender Teil unserer (urbanen) Gesellschaft allein oder zumindest ohne Kinder lebt. Aspekte wie zentrale Lage und damit gute Infrastruktur, eine

ordentliche Anbindung an den örtlichen Nahverkehr (der Verzicht aufs Auto wird immer gesellschaftstauglicher), deutlich minimierte Neben- und Energiekosten und schließlich weniger, dafür aber hochwertiges Interieur haben Priorität und verdrängen den Anspruch auf viel Platz. Das Microliving-Konzept sieht auch sogenannte Get-together-Zonen vor, um die fehlende soziale Komponente durch die knappe Wohnraumbemessung auszugleichen. Minimalismus in Vision und Realität

„Vergrößert die Fenster, verkleinert die Räume.“ Walter Gropius, deutscher

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Architekt und Bauhaus-Pionier (18831969), sah die Zukunft des Wohnens bereits vor über einem halben Jahrhundert in minimierten Einheiten mit beweglichen Wänden. Doch es sollte noch Jahre dauern, bis dieser Ansatz gesellschaftstauglich wurde. Das wohl berühmteste Projekt zum Thema Microliving ist der Nakagin Capsule Tower in Tokio. Entworfen von Kisho Kurokawa, fertiggestellt im Jahr 1972 – ein prägendes Symbol für den japanischen Architekturstil des Metabolismus. Angelegt war der Kapselturm als Wohn- und Bürogebäude mit insgesamt 13 Stockwerken und 140 Wohnzellen – jeweils neun Quadratmeter (2,3 × 3,8 × 2,1 Meter) groß. Die Idee des Architekten: Die in den Kern eingehängten, standardisierten Wohneinheiten sollten flexibel miteinander zu verbinden sein und als Konstruktionsprinzip für ganze Städte dienen; eine Vision, die aber nicht zur Realität wurde. Heute ist der Capsule Tower ein zum größten Teil leer stehender Sanierungsfall, dessen Module gerade noch als Lager dienen. Lediglich 30 der Kapseln sind heute bewohnt. Anders in New York. Carmel Place mutet wie ein riesiger gestapelter Bausteinturm an, der sich inmitten der Manhattaner Skyline behauptet. Die 55 Microflats sind zwischen 24 und 32 Quadratmeter groß und erstrecken sich auf insgesamt neun Stockwerken. Geplant wurde das Ganze vom Architekturbüro ­nArchitects, die ersten Bewohner zogen im Sommer 2016 ein. Ausgestattet sind die Wohnungen mit einer Küchenecke, eingebauter Bett-Sofa-Kombination, ausziehbaren und höhenverstellbaren Beistell- und Schreibtischen, Klappstühlen und schließlich einem Minibadezimmer, in dem Dusche, Waschbecken und WC nebeneinander aufgefädelt sind. Die Einrichtung ist vorwiegend weiß oder beige. Die Decken sind drei Meter hoch, die Fenster wandfül-

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Nachverdichteter Modulbau über neun Stockwerke: die wie Container aufeinander­ gestapelten Micro-Units im „Carmel Place“ im New Yorker Wohngebiet Kips Bay

Fotos: nARCHITECTS, Iwan Baan

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Urbanes Wohnen unter 27 m2

Was in puncto „small but beautiful“ noch kommen könnte, war Inhalt eines kürzlich vom Berliner Einrichtungsplaner und -händler Minimum ausgerufenen Wettbewerbs mit dem Namen „Mikrowohnen auf

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Fotos: pocket living, Sinestezia, microchic

lend, hier wurde mit sämtlichen logischen Mitteln optisch erweitert und vergrößert. Und wem es doch mal zu eng wird: Zu Carmel Place gehören auch eine Gemeinschaftsdachterrasse, ein Fitnesscenter und ein eigener Waschsalon. Pocket Living könnte als das britische Pendant zu Carmel Place bezeichnet werden. London geht bei den Immobilienpreisen seit Jahren durch die Decke. Immer weniger Menschen können sich Wohnraum in der Metropole an der Themse leisten, der Durchschnittspreis für ein Apartment kommt hier schon mal auf 520.000 Pfund, die Quadratmeterpreise erreichen Werte von über 60.000 Pfund. Ein Immobilienentwickler bietet nun Kompaktwohnungen in der Hauptstadt zu – für dortige Verhältnisse – leistbaren Preisen an. Unter dem Motto „Starter Homes for City Makers“ werden 38 Quadratmeter große Apartments mitten in der Stadt verkauft, voll möbliert und nach ähnlichen architektonischen Regeln erbaut wie die Wohnungen am Carmel Place. Die Decken sind auch hier höher als ortsüblich, die Fenster bodentief, die Einrichtung vorwiegend in hellen Farben gehalten. Gedacht sind die Pocket Flats für all jene, die gerade ihre Karriere in der Stadt beginnen, den ganzen Tag arbeiten und ohnehin nur sehr wenig Zeit zu Hause verbringen. Gekauft werden dürfen Pocket Flats übrigens nur von Menschen, die weniger als 71.000 Pfund im Jahr verdienen und noch keine Immobilie besitzen. Die Kompaktwohnungen kosten zwischen 160.000 und 230.000 Pfund, das ist weniger als die Hälfte der am Markt üblichen Preise.

27 qm“. Teilnehmer waren unter anderen die Berliner Architekturbüros Cama A und Sinestezia, deren Entwürfe einen genaueren Blick verdienen. Das Mikroapartment soll alle Wohnsituationen des Lebens (Arbeiten, Kochen, Essen, Schlafen) zeitgleich ermöglichen – ganz ohne Einbußen im Komfort. Dafür wurde der Entwurf der Cama A-Architekten in vier Funktionsbereiche unterteilt: Den Eingangsbereich mit Bad, eine Servicewand, Faltfenster und das Multifunktionsmöbel „Wandler“, das, ähnlich den klassischen Platzsparern, für Vielfältigkeit auf kleinem Raum sorgen soll. Der „Wandler“ ist ein kompaktes Einbauelement auf Schwerlastrollen, das an einer Deckenschiene geführt wird. Inkludiert sind zwei Tische, ein Sofa, ein Regal und ein Bett. Das Möbel ist im Raum verschieb- und drehbar und kann an der jeweils gewünschten Position fixiert werden. Die Planer wollen auf diese Weise unterschiedliche Szenarien entwickeln. Juryliebling Sinestezia (mit Niederlassungen in Belgrad und Berlin) erreichte mit seinem „Expansive Home“ Platz zwei

im Wettbewerb. Das Konzept ist so innovativ wie überzeugend und bringt, so der Tenor der kreativen Köpfe, noch „mehr Freiraum durch Öffnung“. Dabei lässt sich die Wand zum Hausflur komplett aufmachen. Die Bewohner können somit über einen halb öffentlichen Raum verfügen. Zudem lässt sich ein verglaster, auf Schienen geführter Erker ausfahren – dies führt zu einer weiteren, lichten Vergrößerung der Wohnung. Laut Eigenangaben will Sinestezia mit diesem „ZiehharmonikaErker“ Bauvorschriften, die keine Balkone zulassen, umgehen. Sieger des Wettbewerbs zum Thema Mikrowohnen ist „microchic“. Der Entwurf von „bfs d Flachsbarth Schultz“ soll nicht studentisch und rein funktional, sondern elegant und sinnlich anmuten – wie aus

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„Pocket Living“: Wohnungen im Taschen­ format (o. li. und o.), die ein Leben in London leistbar machen. Anspruchsvolles Wohnen auf unter 30 Quadratmetern versprechen die visionären Entwürfe „Expansive Home“ (o.) und „microchic“ (re.).

der Entwurfsbeschreibung zu entnehmen ist. Dabei wird nur eine Raumseite durch eine mit beweglichen Paneelen verkleidete Wand gestaltet, die begehbar ist. Der Rest des Apartments bleibt frei. Im unteren Raumbereich gibt es Stauraummöglichkeiten, oben eine Schlafkoje und eine Küchenzeile. Auf der nächsthöheren Raumebene findet sich das Bad. Die Zeichen stehen auf Downsizing

Das Ziel ist klar: Weniger Ressourcenverbrauch, weniger Versiegelung, weniger Energie, weniger Ballast, ein kleinerer ökologischer Fußabdruck – all diesen gesellschaftlichen Tendenzen wird der Trend des Microliving gerecht. In der bereits gelebten Realität und den zahlreichen Visionen der Branchenkreativen.

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Die beste Adresse für einen schönen Wellnesstag: Ihre eigene. KLAFS Sauna PURE, Sonnenwiese, Pendelliege SWAY, Ergometer

Wo KLAFS draufsteht, steckt Wohlbefinden drinnen Seit über 50 Jahren steht KLAFS für Wellness und Spa auf höchstem Niveau.

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llein in Österreich verfügt KLAFS über ein flächendeckendes Vertriebsnetz und schafft mit einem Rundumservice von der Grobkonzeption bis zur Feinplanung, vom Innenausbau bis zur Inbetriebnahme einzigartige und auf die Wünsche der Kunden maßgeschneiderte Entspannungsoasen. Die erfahrenen Mitarbeiter stellen eine umfassende und individuelle Beratung sicher. In den Kompetenzzentren in Wien, Graz, Hopfgarten und Salzburg lädt KLAFS mit großzügigen Showrooms dazu ein, tief in die Welt von Wellness und Spa einzutauchen und innovative Möglichkeiten für belebende Entspannungsmomente zu entdecken. Privatkunden, Architekten, Hoteliers und professionelle Badbetreiber erleben dort aktuelle Trends und verlässliche Kompetenz. Auch in den KLAFSVertriebsbüros Linz und Klagenfurt ist persönliche Beratung groß geschrieben. Mehr als 30.000 Referenzen in österreichischen Hotels,

Fitnessstudios, Freizeitbädern und privaten Wellnessoasen belegen die hohen Qualitätsansprüche des Marktführers. Darüber hinaus gelingt es KLAFS, in schöner Regelmäßigkeit überraschende Neukonzeptionen vorzustellen. Mit dem Sanarium® prägte KLAFS die heutige Saunakultur: Fünf verschiedene Badeformen in nur einer Sauna geben den Trend zur Erlebnisvielfalt auch in der privaten Spa-Oase vor. KLAFS setzt die Wellnesstrends von morgen

Wie KLAFS Innovationen umsetzt, zeigt auch die jüngste Präsentation der neuen Sauna S1. Wer sich den Traum einer privaten Sauna erfüllen wollte, der brauchte bisher den entsprechenden Platz. Und dieser Platz ließ sich nach dem Einbau auch nicht mehr für andere Zwecke nutzen. Bis jetzt!

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Denn die Entwickler von KLAFS haben ein ganz neues Saunakonzept realisiert. Der entscheidende Clou an dieser Sauna ist ihr minimaler Platzbedarf. Im komplett eingefahrenen Zustand ist die S1 gerade einmal 60 Zentimeter tief – wie ein herkömmlicher Schrank. Per Knopfdruck entfaltet sich die S1 in nur 20 Sekunden zu einer annähernd drei Mal so tiefen Sauna mit Platz für die Familie. Die Innovation Infrarotkabine S1 ist dank neuartiger Technologie im geschlossenen Zustand nur 45 cm tief. Als mobiles System kann die S1 bei einem Wohnungswechsel problemlos mit umziehen. Nicht nur die Kundschaft, sondern auch die Fachwelt ist begeistert, so hat die Sauna S1 mit dem iF DESIGN AWARD, dem Red Dot Design Award und dem Golden Wave bereits namhafte Auszeichnungen errungen. Natürliche Hilfe gegen Atemnot

Mit der patentierten Microsalt-Anwendung von KLAFS lässt sich jetzt auch daheim bequem und einfach Trockensalznebel inhalieren. Damit atmen auch Menschen mit Atemwegsbeschwerden und Pollenallergiker besser durch. www.klafs.at

Fotos: KLAFS

Bild o.: Gerade für Menschen mit Atemwegsbeschwerden gibt es die Microsalt-Anwendung. Bild u.: KLAFS S1, so klein kann groß sein. Die Sauna S1 ist im geschlossenen Zustand nur 60 cm tief.

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Mehr Wohnen für die Stadt In den Städten tut sich was: Die klassische Wohnung wird durch immer mehr alternative Wohnformen ergänzt: Mikroapartments erfreuen sich ebenso großer Beliebtheit wie Wohn-Arbeits-Hotels. Text: Heimo Rollett

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s wird bunter am Wohnungsmarkt, und das ist gut. Etwa stehen servicierte Apartments hoch im Kurs, Mikrowohnungen, die auf 25 bis 30 Quadratmetern alles Nötige unterbringen, können als Reaktion auf die hohen Flächenkosten in den Städten gesehen werden. Neue Anlaufstelle für Arbeitsnomaden

Boardinghäuser und Corporate Apartments werden in Österreich massiv von Unternehmen nachgefragt, um ihre Arbeitsnomaden (heute ein Projekt in Wien, morgen in Dubai usw.) unterzu­ bringen. Das ist angenehmer und auch günstiger als ein Hotel.

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Vernetzt gedacht

Auch Hotels müssen sich mit der Veränderung am Wohnungsmarkt auseinandersetzen. Auf der einen Seite können Hotels ihre Zimmer tagsüber dank neuartiger Plattformen wie dayuse.at vermarkten, auf der anderen Seite bekommen sie immer mehr Konkurrenz durch Konzepte wie jenes der Gruppe „Room Mate Hotels“. Diese baut derzeit sukzessive rund um ihre klassischen Hotels ein Netzwerk an Apartments auf. Sie zeichnen sich durch einen permanenten persönlichen Ansprechpartner („24/7-Butler“) aus und sind aus logistischen Gründen immer räumlich eng an Room Mate Hotels gebunden (im Umkreis

von einem Kilometer). Alle Apartments werden von Mitarbeitern des Unternehmens gecheckt, der hohe Anspruch an Qualität, Ausstattung und Service soll auch hier gelten. Praktisch für die Gäste dieser Satellitensuiten: Das Hotel ist das „Mutterschiff“ bei Servicewünschen der Apartmentnutzer, die Einrichtungen des Hotels können von den Apartmentkunden genutzt werden. Eine ähnliche Idee wurde in Wien mit dem Grätzel Hotel verfolgt, wenngleich losgelöst von einem Stammhaus mit Service und in einer sehr kleinen Dimension. Dennoch: Mit solchen Konzepten ließen sich viele leer stehende Flächen wirtschaftlich bespielen.

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Würfelhaus – aus der Werk­ statt von Oliver Pesendorfer. Der österreichische McCube Office kommt Jungunterneh­ mern entgegen, deren Betrieb rasch wächst oder an einen neuen Standort verlegt werden muss. Mit McCube Gold wird gerade ein einzigartiges Konzept lanciert, das älteren Menschen barrierefreies Woh­ nen ohne große Investition ermöglicht. Und ein McCube Hotel kann je nach Nachfrage der Kunden wachsen.

Beim Stichwort Kosten-Nutzen muss dann auch einmal auf das Thema Lebenszyklus verwiesen werden. Bis vor wenigen Monaten, als Nachhaltigkeit noch das Lieblingsthema der Immobilienplauderei war, galt auch der Lebenszyklus als besonders wichtig. Wobei: Es wurde immer vom gleichen Lebenszyklus gesprochen, nicht davon, dass dieser vielleicht auch mal einfach nur zehn Jahre dauern darf und dafür halt gewisse Abstriche in Kauf genommen werden. Stichwort: Wohnraumschaffung für Flüchtlinge. Oder: Abdeckung der Spitze eines Bedarfs in Städten. Teil des neuen Wiener Wohnbaupakets ist ja das innovative Sofortprogramm in Systemund Leichtbauweise mit rund 1000 Wohn-

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Fotos: McCube Home

Schnell, schneller, Container

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Fotos: HOTEL DANIEL GRAZ

„Aufsteirern“ einmal anders: Der vom deutschen Designer Werner Aisslinger entwickelte LoftCube am Dach des Hotel Daniel Graz. Spekta­ kulär sind Aufbau, Aufmachung und Ausblick des Suitewürfels hoch über der Stadt.

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Fotos: Wework

Business meets Party: Wohn- und Arbeitswelten zum Wohlfühlen? Neue Konzepte verwischen, was früher räumlich strikt getrennnt war.

einheiten. Auch Grundstücke, die nur temporär (für einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren) zur Verfügung stehen, dürfen dabei bebaut werden. Darüber hinaus können die qualitativ hochwertigen Bausysteme (z. B. aus Holz oder Leichtbeton) in einer rascheren Bauzeit (ab Baureife des Grundstücks in etwa sechs bis zwölf Monaten) errichtet werden. Eine andere Möglichkeit, rasch temporär zu verdichten, liegt in der Containerbauweise oder in anderen „mobilen Immobilien“. Dass damit nicht unbedingt ein Komfortverlust einhergehen muss, beweist die österreichische Entwicklung des Wohnwagons, eine Art Wohnwagen, der völlig energieautark funktioniert und auf 25 Quadratmetern alles Nötige in sich hat. Auch Umfeld der Stadt wächst

Hinzu kommt: Mobile Immobilien gehorchen nicht den herkömmlichen Gesetzen

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der Liegenschaften, sie können auf nicht gewidmetem Grund oder einfach am Flachdach aufgestellt werden; mit ihnen lassen sich saisonale Kapazitätsprobleme im Tourismus lösen und sie bieten eine neue Mobilität für Freiheitsliebende an. Denn ein Trugschluss sei hier auch gleich mal klargestellt: Der Urbanisierungstrend ist ein Märchen. Dass die halbe Menschheit in die Städte zieht, stimmt zwar schon, aber die Megacitys befinden sich bis auf drei Ausnahmen (Moskau, Sao Paulo und New York) alle im asiatischen und pazifischen Raum. In Österreich wünschen sich übrigens 52 Prozent eine ländliche Idylle und nur 28 Prozent wollen in Wien oder einer Landeshauptstadt leben, wie eine Umfrage von wohnnet und S Real ergab. Und tatsächlich: Betrachtet man die Binnenwanderung, stellt man fest, dass die Jungen (18 bis 26 Jahre) massiv in die Stadt drängen, sobald sie

aber älter werden (27 bis 39 Jahre), ist die Bewegung genau gegenläufig. Der Speckgürtel nimmt nur noch ein paar auf, neue Einzugsgebiete bilden sich also. Für Deutschland hat das Dortmunder Institut für Raumforschung und Immobilien übrigens Ähnliches nachgewiesen. Zieht man den Zuzug der Ausländer in die Städte ab, bleibt ein negatives Zuwanderungssaldo – es ziehen also mehr „native Deutsche“ aus der Stadt hinaus als hinein.

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Mischmasch

Unterdessen bilden sich im urbanen Bereich neue Trends, die sowohl klassische Bürogebäude als auch Wohnungen überflüssig machen. Es handelt sich um Mischformen aus Co-Working und CoLiving, manchmal sogar auch noch mit Hotelzimmern oder Suiten/Apartments durchmischt – eine Mischung aus Büro, Hotel, Arbeitszimmer, Abhänge-Areal, Wohnung, Meetingraum und Partyloca-

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tion. Öffentlichkeit und Intimität in allen Abstufungen. Die Entwickler sind oft keine Immobilienplayer, sondern kommen eher aus der Start-up-Szene. Wework, Mindspace oder Zoku heißen die Büro-Wohnungs-Hybride und sie haben große globale Pläne. Wework etwa ist der größte Anbieter von Co-WorkingSpaces und vermietet den Quadratmeter schon mal um das fast Dreifache weiter (zum Beispiel am Times Square in New

York City). Da schauen schon ordentliche Margen heraus, mittlerweile ist das Unternehmen auch schon mit zwei Standorten in Berlin. Bei so viel Geld, das eine Veranlagung sucht, stellt sich die Frage, warum es nicht mehr seriöse Co-Working-Center-Anbieter gibt. Denn auch große Konzerne benutzen (auch) die Hipsterbüros, in San Francisco sitzen etwa American Express und Merck in einem Wework-Office.

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Der Stadt aufs Dach gestiegen Noch viel Luft nach oben: Erwartungshaltungen, ästhetische Wunschbilder und planerischer Widerstand. Ein Architekt und eine Immobilienexpertin über die Wiener Dach- und Wohnlandschaften. Text: Rudolf Grüner

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ien wächst und setzt seinen Immohimmel in Wert: Bevölkerungsdruck, der Wunsch nach einem Leben in lichten Höhen sowie nach Rendite verändert die Dachlandschaft. Während Befürworter der Sanierungswelle, die neben den Gründerzeitgrätzeln längst auch den Gemeindebau erfasst hat – Stichwort: Demokratisierung des Dachgeschoßes –, mit Argumenten zur Lebens- und Wohnqualität jonglieren, warnen Kritiker vor dem Gentrifizierungs-GAU und einem veritablen Dachschaden der Wohnungspolitik. Doch wie viel Ausbau unterm Himmel verträgt und braucht Stadt? Wohin strebt die Architektur – und wodurch wird

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sie aufgehalten? Und was gefällt jenen, die in der obersten Etage angekommen sind? Kein Dach ist tabu

Für Klaus Pristounig, geschäftsführender Gesellschafter von EINFACH3 Architekten, ist wienweit noch Luft nach oben – ohne Limit, „so lange es noch freie Dachflächen gibt“, wie er betont. „Wer ausbaut, bekennt sich zum Erhalt der städtischen Bausubstanz“, sagt der Architekt, der Büros in Wien-Neubau, Klagenfurt und Bad Vöslau betreibt. Und Sanierungsmaßnahmen seien bei vielen Objekten mittlerweile auch dringend notwendig. Immer öfter müssten Bauvorhaben durch geeig-

nete „statistische Maßnahmen ertüchtigt“ werden, wie ihn die Erfahrung lehre – und die Kalkulation zeige. Auch Auflagen wie die Verpflichtung zu Stellplätzen würden die Planung erschweren, wenn nicht unmöglich machen, so der Architekt. Was den Preis für das Facelift wiederum in die Höhe treiben lasse. „Wenig architektonischer Spielraum“

Dass mancherorts Allerweltslösungen die Dachlandschaft zieren, schreibt Pristounig nicht nur dem Sparstift, sondern trotz novellierter Wiener Bauordnung auch dem Paragrafendschungel zu. Die eigene Zunft, so sein Befund, renne hier weiter gegen

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Erhalt der Gründerzeitsubstanz, Neuinwertsetzung brachliegender Dachflächen: EINFACH3 Architekt Klaus Pristounig ortet Bedarf und fordert mehr Gestaltungsspielraum. (im Bild: ein EINFACH3-Ausbau am Wiener Naschmarkt).

besser nutzbare Architektur die Höhen erobert“, redet er Klartext. Doch eine Stadt lebe von der permanenten Weiterentwicklung ihrer Gebäudestruktur und ihrer architektonischen Stile. Seine Aufgabe sieht er folglich darin, diese Lebendigkeit vom Fundament bis zum First neu zu definieren – mit allen architektonischen Mitteln. Für den Architekten gehören die beruflichen Ausflüge aufs Dach folglich weiter zum Spannendsten, was sein Beruf hergibt. „Die Neuinterpretation und Weiterentwicklung des oberen Gebäudeabschlusses bleibt – trotz der eng gesteckten gesetzlichen Grenzen – ein wirkliches Highlight.“

Fotos: Jonathan Pielmayer, EINFACH3 ARCHITEKTEN

Kein Einheitsbrei fürs High-End

Windmühlen an. „Die derzeitige Gesetzes­ lage lässt in diesen Planungsaufgaben wenig Spielraum für architektonische Freiheiten.“ Er hofft weiter auf Einsehen und entsprechenden Sinneswandel. Dazu müssten aber die Verantwortlichen zur Einsicht kommen, dass eine neue Nutzung der Dachgeschoße auch nach einer neuen ästhetischen Formensprache verlange. Reformen, so Pristounig, seien hier unaufschiebbar. Von der Sohle bis zum Scheitel

„Die unbedingte Erhaltung der ach so geliebten Dachfläche verhindert, dass neue spannende und vor allem auch

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Dass Normendickicht und Architektur von der Stange Hausbesitzer, Investoren und potenzielle Mieter abschrecken, weiß auch Elisabeth Rohr, Chefin des gleichnamigen Real-Estate-Büros und Maklerexpertin im „High-End“-Segment. Einheitsbrei im Sinne schlecht gebauter Dachgeschoße mit schwer bewohnbaren Flächen – und sie meint hier starke Schrägen oder Kaminwände – verkaufe sich zusehends schlechter. Auch die teils notwendige, der Erdbebennorm geschuldete Aussteifung der Gebäude wirke sich finanziell sehr ungünstig aus: Kein Wunder also, dass Bauträger für viel freiere Hand bei der Raumgestaltung plädieren würden, so die Expertin. Entsprechende Wünsche an den Gesetzgeber blieben aber ungehört. Die Dachlandschaft als abgehobene Wohnidee und Spielwiese für Superreiche? „Für Wohlhabende“, präzisiert sie. Was Menschen in die Höhe treibe, sei vor allem die Aussicht, viel Platz, Licht und Luft. „Nicht jeder sucht die Luxusausstattung“, erklärt Rohr. Wer wirklich nicht aufs Konto schauen muss, lässt laut Immobi­ lienexpertin auch die Dachschräge hinter sich. „Gerade diese Kunden suchen oft gar keinen Dachgeschoßausbau. Derzeit geht der Trend eher dahin, einen schönen Altbau zu erwerben, wenn er wirklich repräsentativ und in einer tollen Lage ist.“ Verdichten versus verbreitern

Dass die Stadt weiterwachsen wird, ist fix. Die Frage lautet nur: wie – und wo? Mehr Wachstum in die Breite impliziere die Schaffung entsprechender Infrastrukturen, die dementsprechend kostenintensiv wären, sagt Rohr. Für sie ist der Drang aufs Dach eine auf der Hand liegende Möglichkeit, die innerstädtische Verbauung zu verdichten. Wien liege hier noch weit hinter anderen europäischen Metropolen wie Paris, London, Mailand oder Madrid zurück. „Wenn wir unsere vielen Grünflächen erhalten wollen, ist wohl der Ausbau brachliegender Dachgeschoße eine gute Möglichkeit, zusätzlichen Wohnraum zu schaffen, und besonders schön wäre es, die diesbezüglichen Auflagen zu entrümpeln.“

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Mit dem Aufzug in die Dachgeschoßwohnung – aber richtig!

Foto: KONE AG

Dachgeschoßwohnungen sind sehr beliebt. Besonders bei einer zahlungskräftigen Klientel. Eine zusätzliche Aufwertung dieses exklusiven Wohntraums ist die Wohnungsfahrt mit dem Aufzug. Aber nicht jede Wohnungsfahrt hält, was sie verspricht. Kommentar von Günter Baca, KONE AG

PROMOTION

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an kennt das aus Hollywoodfilmen. Die gut situierten Wohnungsbesitzer fahren direkt mit dem Aufzug in das Vorzimmer ihrer Penthousewohnung. Dabei ist die automatisch öffnende Aufzugstüre gleichzeitig der Zugang zur Wohnung. Praktisch, wenn man vom Einkauf nach Hause kommt, aber – die Aufzugstüre kann nicht als sichere Barriere gegen unbefugten Zutritt angesehen werden. Daran ändert auch die Schlüsselschaltung nichts. Während die Preise für derartige Liegenschaften in lichten Höhen angesiedelt sind, bleiben die Errichter bei der Aufzugslösung gerne im Erdgeschoß. Sicherheitstüren gehören schon zum Standard, aber bei Aufzügen verkaufen sie eine Basisversion, die den Anforderungen der Wohnungskäufer nicht gerecht wird. Dabei nehmen sie in Kauf, dass der stolze Besitzer später mit unangenehmen Folgen konfrontiert werden kann. Denn das Gesetz sieht vor, dass bei Aufzügen wöchentlich eine Betriebskontrolle durchgeführt werden muss. Das beinhaltet sowohl die Überprüfung der Haltegenauigkeit als auch der Türfunktion in jedem Halt. Also auch im Halt der Wohnungsfahrt. Das geht schwer, ohne die Wohnung zu betreten.

Auch im Falle einer Notbefreiung kann es erforderlich werden, dass fremde Personen in die Wohnung hin befreit werden müssen. Da ist es gleichermaßen unangenehm, ob man nun zu Hause ist oder nicht. Natürlich kann man sowohl für die Betriebskontrollen als auch bei Notbefreiungen - zusätzlich zum Aufzugspersonal – eine Sicherheitsfirma beauftragen, die auf den Schutz des Eigentums achtet. Das verdoppelt die Betriebskosten, den Personalaufwand und verkompliziert die Abstimmung. Auch keine beruhigende Vorstellung ist die, dass ein Aufzugsmonteur, der wegen einer Notbefreiung die Wohnung betreten muss, vom Hund der abwesenden Wohnungsbesitzer angefallen und verletzt wird. Dann bleibt noch das Thema des Wohnungsschlüssels im Rohrtresor. Kein schönes Gefühl, jedes Mal, wenn man den Aufzug hört, damit zu rechnen, dass jemand die Wohnung betritt.

Die gute Nachricht ist: Es geht auch anders

Gleich richtig machen es seriöse Anbieter, die ein Penthouse mit KONE Wohnungsfahrt UpGrade – ohne Wenn und Aber – mit folgenden Vorteilen anbieten: • Einrichtung zur Überwachung der Türverriegelung senkt die Verantwortung und das Risiko des Wohnungsnutzers erheblich, da er nicht selbst die Betriebskontrolle durchführen muss. • Ausführung gemäß dem Punkt „Bewegen des Fahrkorbes bei allen Gewichtsverhältnissen, sowohl bei Störung als auch bei Stromausfall“ der ÖNORM EN 81-20 verhindert die Notwendigkeit des Betretens der Wohnung. • Gepaart mit einer Fernüberwachung gemäß ÖNORM B 2458 kann die Betriebskontrolle auf viermal jährlich verringert werden. Natürlich kann das alles auch mit sehr viel Aufwand und damit verbundenem Stillstand der Aufzugsanlage nachgerüstet werden. Aber warum sollte man das hinauszögern, wenn man es gleich richtig machen kann?

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Dedicated to People Flow

JEDDAH TOWER

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Höhe: 1.007m, Saudi Arabien

Smarte Städte brauchen smarten PersonenFluss. aáÉ=ÄÉëíÉå=^ìÑòΩÖÉ=ëáåÇ=áå=wìâìåÑí= åáÅÜí==ãÉÜê=ÖÉåìÖK=få=ëã~êíÉå=pí®ÇíÉå= Éåíä~ëíÉí=Ç~ë=łsÉêíáâ~äÉ=sÉêâÉÜêëåÉíò“= Ç~ë=ÜÉêâ∏ããäáÅÜÉ=sÉêâÉÜêëëóëíÉã=ãáí mÉçéäÉ=cäçï=fåíÉääáÖÉåÅÉK

KONE ist bereit für diese Aufgabe. _ÉëëÉêÉ=båÉêÖáÉÉÑÑáòáÉåò _ÉëëÉêÉê=c~ÜêâçãÑçêí _ÉëëÉêÉë=aÉëáÖå _ÉëëÉêÉ=o~ìãÉÑÑáòáÉåò _ÉëëÉêÉê=mÉêëçåÉåcäìëë Erleben Sie jetzt die Aufzüge der Zukunft auf: www.kone.at


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Wettlauf der smarten Städte Österreich braucht sich in puncto Smart City nicht zu verstecken, wie die zahlreichen Initiativen belegen. Wien wurde sogar unter 87 untersuchten Städten auf Rang eins gereiht. Die zunehmende Vernetzung, das „Smart Home“, birgt allerdings so manche Tücken. Text: Linda Benkö

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as macht eine Stadt smart? Für den Begriff Smart City gibt es keine eindeutige Definition. Vereinfacht formuliert können Städte mithilfe von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) besser organisiert und Prozesse so besser aufeinander abgestimmt werden. Das kann beispielsweise bedeuten, dass Bürger auf elektronischem Wege im Internet beim Magistratsamt ihr Anliegen vorbringen und einen minutengenauen Termin zur persönlichen Vorsprache vereinbaren können, bis hin zur – eine vergleichsweise komplexe Angelegenheit – Integration dezentraler Energiebereit-

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stellung, also die passgenaue Abstimmung zwischen Energieangebot und -nachfrage. Die Fraunhofer-Gesellschaft, die größte Organisation für anwendungsorientierte Forschung in Europa, hat mit ihrer Morgenstadt-Initiative, einem Netzwerkansatz zur Entwicklung nachhaltiger Stadtsysteme, einen ganzheitlichen Blick festgelegt. Demnach machen acht Sektoren plus ihre Schnittstellen und Interaktionen eine Stadt smart: Wasserinfrastruktur, Mobilität, Energie, Sicherheit, Informations- und Kommunikationstechnologie, Gebäude, Produktion und Logistik sowie Governance. In den bereits umgesetzten oder

in Planung befindlichen Projekten wird selten nur ein Faktor berücksichtigt; häufig betrifft der Maßnahmenkatalog gleich mehrere Sektoren. Smart City sei jedoch das falsche Leitbild, meint vorweg Jens Libbe vom Deutschen Institut für Urbanistik in einem Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung. „Wir reden eigentlich über integrierte Stadtentwicklung, mit sozialen Prozessen, mit ökologischer, ökonomischer und auch technologischer Dimension.“ Das Internet spielt jedenfalls eine große Rolle, es ermöglicht neue Formen der Kommunikation miteinander, sei es

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Foto: Tom Eversley/unsplash.com

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nun im direkten Mailverkehr oder in der Gestaltung von Blogs oder Internetseiten. Dies schafft aber auch Ambivalenz, denn daraus ergibt sich eine Abhängigkeit – Technologien werden ja in Sozialräumen erprobt. Wesentlicher Knackpunkt für die smarte Stadt ist daher die Versorgung der Bevölkerung mit Breitbandtechnologie, denn mit der vernetzten Stadt, der vernetzten Bevölkerung sind riesige Datenströme verbunden. Aber nicht nur das: Die Technikaffinität ist bei unterschiedlichen Personengruppen auch verschieden stark ausgeprägt. IKT-basierte Smart-CityLösungen müssen daher an vielfältige Nutzerbedürfnisse angepasst werden. Datenverkehr explodiert

Jedenfalls wächst der weltweite Datenhunger immens, heißt es in einer Studie von IW Consult im Auftrag des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation. Das umgeschlagene Datenvolumen wird demnach weltweit bis 2019 drei Mal höher sein als heute. Bis dahin dürften dann voraussichtlich bis zu 51.798 Gigabyte pro Sekunde durch die Datenleitungen fließen. Die Netzinfrastruktur ist sozusagen der „Schrittmacher“ für die Gigabit- und die smarte Gesellschaft. Statistiken fördern interessante länderspezifische Fakten zutage: So ist etwa Deutschland bei der Entwicklung von Schlüsseltechnologien im internationalen Vergleich in der Spitzengruppe. Bei der Netzabdeckung und der Geschwindigkeit der Datenleitungen aber liegt unser Nachbarland nur im Mittelfeld. Zukunftssichere reine Glasfaseranschlüsse sind dort noch Mangelware. In Estland verfügen 73 Prozent, in Schweden 56 Prozent, in Spanien 53 Prozent der Haushalte über direkte Glasfaserverbindungen. Auch Südkorea bringt es auf fast 70 Prozent, in Deutschland dagegen sind es lediglich 6,6 Prozent der Haushalte.

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Die am dynamischsten wachsenden Schlüsseltechnologien sind „smarte Anwendungen“ in den Bereichen Mobilität, im Gesundheitswesen, dem Energiesektor, der Industrie, im Verbrauchermarkt sowie in der Verwaltung. Der Ausbau ist freilich nur mit staatlicher Förderung möglich, da sich ländliche oder dünn besiedelte Regionen wirtschaftlich für Provider nicht lohnen. Breitband-Förderung für KMU

In Österreich hat die Telekom Regulierungsbehörde (RTR) zum Jahresbeginn 2017 eine neue Infrastrukturdatenbank in Betrieb genommen, um damit den Breitband-Internetausbau zu beschleunigen und zu vergünstigen. So können die Telekomnetzbetreiber ihre Planungen und Bauarbeiten besser abstimmen. Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung Wien (Wifo) sieht die Investitionen der Telekombranche in Österreich über dem Durchschnitt anderer Branchen, aber im internationalen Vergleich ebenfalls deutlich hinter Ländern wie Schweden oder der Schweiz. Auch für Österreich gilt: Der Anteil von schnellem Breitband ist gering. Die 2016 ausgeschriebene Breitbandmilliarde des Infrastrukturministeriums wird interessanterweise nur zögerlich ausgeschöpft. Gut zu wissen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), das Rückgrat der heimischen Wirtschaft: 21 Millionen Euro aus der Breitbandmilliarde – ein Überbleibsel aus der Auktion der Funkfrequenzen von 2013, als die Mobilfunknetzbetreiber A1, T-Mobile und „3“ zwei Milliarden Euro für die Lizenzen bezahlt hatten – sind für KMU reserviert. Das Infrastrukturministerium übernimmt bis zu 50 Prozent der Kosten, wenn ein Betrieb – zulässig sind bis zu 249 Mitarbeiter – ans Glasfasernetz angebunden wird. „Knapp zwei Drittel unserer 330.000 KMU haben noch immer keine leistungs-

fähige Breitbandanbindung“, bedauerte Minister Jörg Leichtfried bei der Ankündigung des KMU-Bonus. Immerhin schneidet Österreich beim Digitalisierungsindex der EU, der sich aus fünf Komponenten zusammensetzt (Verbindungsleitungen und Breitband samt Preisgestaltung, grundlegende Kenntnisse und Experten, Gebrauch von Internet in der Bevölkerung samt Onlinegeschäften, Integration der digitalen Technologie mit E-Commerce sowie E-Governance), bei den digitalen öffentlichen Diensten mit Rang fünf gut ab. Wien auf Rang eins

Und gute Noten erhält Wien vom Beraterunternehmen Roland Berger: Es hat sich Smart-City-Strategien von 87 internationalen Metropolen angesehen und die Bundeshauptstadt auf Platz eins gereiht – vor Chicago und Singapur. „Die österreichische Hauptstadt kann punkten, weil sie eine breit und sehr grundsätzlich angelegte Smart-City-Strategie ausgearbeitet hat, die auf den Kriterien Lebensqualität, Ressourcenschonung und Innovation basiert“, erklärte die Beraterfirma im Mai angesichts ihres erstmals erstellten „Smart City Index“. Eine ganz wesentliche Rolle bei der Umsetzung von Smart-City-Aktivitäten spielt der 2007 eingerichtete Klima- und Energiefonds. Er unterstützt die Regierung bei der Umsetzung einer nachhaltigen Energieversorgung, bei der Reduktion der Treibhausgasemissionen sowie bei der Umsetzung der Klimastrategie. Ende 2010 hat die Einrichtung als europaweit erster Fördergeber mit den Smart-City-Initiativen begonnen. Nicht zuletzt soll damit auch Österreich als Wirtschaftsstandort punkten. Im Frühjahr 2011 – als Ergebnis des ersten Calls – begannen 18 Städte und urbane Regionen damit, erste Schritte

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Foto: Tvilight

In Linz soll der Verkehr künftig das Licht selbst aufdrehen: Sensoren geben Rückmeldung, sobald sich Fußgänger, Radfahrer und Autos nähern.

in Richtung Smart City zu setzen. Alle Projekte aus dem ersten Call sind fertiggestellt. Ergebnis des zweiten Calls waren erfolgreiche Projekte in Leoben und Oberwart: Das Projekt Smart Tower Enhancement Leoben Austria (STELA) beschäftigt sich mit der umfassenden thermischen und technischen Sanierung und gleichzeitig grundlegenden Aufwertung von in den 1970er-Jahren konzipierten Quartieren mit Wohnnutzung am Beispiel einer Wohnanlage in Judendorf (Leoben). LOADSHIFT Oberwart hat die Entwicklung eines gebäudeübergreifenden Energiemanagementsystems zur urbanen Lastverschiebung zum Inhalt. Beispiele aus dem Call 2013 sind die Seestadt Aspern, Hartberg und Regau. Umgesetzt werden unter anderem Wohnsiedlungen und -gebäude, die mit innovativen Energieversorgungssystemen, moderner Hausautomation und IKT-Lösungen ausgestattet sind. Gemeinsam ist allen Projekten, dass sie stark auf die Einbindung der Einwohner setzen und Pionierarbeit für nachfolgende Projekte leisten. Die weiteren Einreichungen hatten

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als Schwerpunkt „Smarte Modernisierung im sozialen Wohnbau“ – mit Projekten in 1190 Wien sowie am Wiener Nordbahnhof, in Leoben und in Graz. Aber auch „Smarte Industriestandorte und Gewerbegebiete“ waren Thema. Generationenübergreifende Aspekte im sozialen Wohnbau kommen ebenfalls nicht zu kurz, genauso wie Ideen zur Minderung des urbanen Wärmeinseleffekts sowie zur Erhöhung der Qualität des städtischen Raums durch Grün- und Freiflächen. Anschub-Finanzierung für E-Mobilität

Urbane Regionen sind bereits heute für rund zwei Drittel des Energieverbrauchs und drei Viertel der gesamten CO2Emissionen verantwortlich. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass sich Städte zu nachhaltigen und energieeffizienten Smart Cities wandeln. Auch dem Aufbau von E-Mobilitätsmodellregionen widmet sich daher der Klima- und Energiefonds. Der Ankauf von Ladestationen und E-Fahrzeugen, die Bereitstellung von erneuerbaren Energien sowie die Entwicklung von

neuen Geschäfts- und Mobilitätsmodellen sind inhaltlicher Kern des Programms. Die Modellregionen sollen als Erfahrungsquelle, Keimzelle und Multiplikator wirken. Seitdem ist viel geschehen. Ein Beispiel ist die Modellregion VLOTTE, mit einem Fördervolumen von 5,2 Millionen Euro. Sie zählt zu Europas größten E-Mobilitätsmodellregionen und konnte sich mit dem frühen Start 2008 und den umfangreichen Ergebnissen international positionieren. Weiters starteten im Frühjahr 2017 vier Förderungsaktionen des Infrastrukturund Umweltministeriums für Gemeinden, Vereine und Betriebe. Die Gelder sind Teil eines 72-Millionen-Euro-Pakets von Bundesregierung und den Autoimporteuren und gilt für Pkw-Kleinbusse, Nutzfahrzeuge und E-Bikes sowie für Elektrotankstellen. Bis 2018 möchte Umweltminister ­Andrä Rupprechter 16.000 E-Mobile auf der Straße sehen. Allerdings hängt der Erfolg von Elektrofahrzeugen auch von der Entwicklung der Rohöl- oder Strompreise ab. Damit Elektrofahrzeuge für private Nutzer wirtschaftlicher als konventionelle Fahrzeuge sind, müssen sie viel gefahren werden, um die höheren Anschaffungsausgaben über die günstigeren Verbrauchs- und Wartungskosten zu amortisieren. Ein Hemmschuh sind auch noch die derzeit geringen Distanzen, die mit E-Autos gefahren werden können. Ausgedehnt wurde das Förderzuckerl immerhin auch auf Elektrofahrräder, Elektrotransporträder und Transporträder. Damit Elektroautos so richtig auf der Erfolgsstraße fahren, ist auch ein flächendeckendes und unkompliziertes Versorgungsnetz an E-Tankstellen nötig. Seit April 2017 verfügt Österreich über das landesweite Ladenetz für Elektroautos „ÖHUB“ mit anfangs 1300 Stationen. Sie können mit einer gemeinsamen Ladekarte, Smartphone-App oder per Kreditkarte

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Grafik: e-connected

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Österreich hat bereits früh mit E-Mobilitäts-Modellregionen begonnen. Bis 2018 sollen 16.000 E-Mobile auf der Straße sein.

genutzt werden. Bis 2020 soll das Netz auf 5000 Stationen ausgebaut werden – von allen elf Energieversorgern, die mit dabei sind. Auch die Ölkonzerne mischen in diesem Feld mit: So hat sich die OMV bei der Verbund-Tochter Smatrics, die österreichweit flächendeckende Infrastruktur und innovative Services für die Elektromobilität bereitstellen möchte, beteiligt. Und um grenzüberschreitend Ziele zu erreichen, macht die Standardisierung Sinn. Hierfür haben sich Anfang des Jahres acht Länder, darunter Österreich, zusammengeschlossen. Das Projekt eGUTS (electric, electronic and green urban transport systems) soll Empfehlungen für einheitliche Regulierungen liefern. Intelligente Straßenbeleuchtung

Im Bereich Energieeffizienz ließ vor Kurzem die Stadt Linz aufhorchen: Der Verkehr soll selbst das Licht aufdrehen. Die Stadt testet in einem Straßenzug mit hoher Verkehrsdichte und Fußgängerfrequenz eine intelligente, vernetzte Straßenbeleuchtung, wobei Sensoren Umweltdaten an ein Kontrollzentrum liefern.

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Dieses kann damit ein um Umweltaspekte ergänztes Verkehrsmanagement betreiben. Das Licht der Lampen wird stärker, sobald sich Fußgänger, Radfahrer und Autos nähern. Es passt sich auch automatisch den Wetterbedingungen an. Integrierte Umweltsensoren sollen die Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Feinstaubbelastung, Lärm und Weiteres messen. Kooperiert wird dafür mit Cisco, Tvilight (Leuchtensteuerung), Leapcraft (Umweltsensorik), Zumtobel (maßgefertigte LED-Leuchten) und Kapsch Business Com (Integration). Der Linzer Bürgermeister Klaus Luger will die intelligenten Straßenlaternen auch für eine moderne und intelligente Parkraumbewirtschaftung nützen. Dabei sollen beispielsweise freie Parkplätze via HandyApp angezeigt werden, Schadstoffemissionen könnten so vermieden werden, wenn Parkplatzsuchende Straßenzüge weniger häufig frequentieren. Auch die Wiener Seestadt Aspern macht immer wieder von sich reden. Neueste Idee: Die Bewohner sollen mit einer App spielerisch Energie sparen und ihren Stromverbrauch detailliert managen. For-

scher erhalten gleichzeitig Einblicke in die komplexe Dynamik des Energiesystems und Erkenntnisse über das Nutzerverhalten. Eingebunden sind ein Wohnhaus, eine Schule und ein Studentenheim. Dahinter steckt die Aspern Smart City Research (ASCR) Forschungsgesellschaft, getragen von Siemens Österreich, Wien Energie, Wiener Netze und der Stadt Wien, die in Kooperation mit der Wiener Firma Emakina die „Smart Home Control App“ entwickelt hat. Per Smartphone oder Tablet lassen sich Heizung, Lüftung und diverse Haushaltsgeräte ansteuern. Zudem können einzelne voreingestellte Modi für Werktage, Wochenende oder Partybetrieb gewählt beziehungsweise eigene Konfigurationen erstellt werden. Da die Wohnungen energieeffizienztechnisch auf hohem Niveau sind, ist das finanzielle Sparpotenzial allerdings überschaubar, so die Entwickler, es geht also mehr um die Gewinnung von Daten. Hidden „smart“ Champions finden sich auf Unternehmensebene in Österreich. So wurde etwa Kreisel Electric erst 2015 gegründet, deren Batterietechnologie

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gilt bereits heute als richtungsweisend. Das Unternehmen, das von drei Brüdern geführt wird, stellt die Zellen nicht selbst her. Im Fokus stehen die Verbindungstechnik und das Thermomanagement, die Langlebigkeit. „Die Palette der mit Partnern realisierten Anwendungen reicht von E-Karts, Jetskis, E-Rollern und E-Bikes über Pkw, Busse und Nutzfahrzeuge bis zu Schiffen und Flugzeugen“, sagt Markus Kreisel. Mit Industriepartnern realisiert das oberösterreichische Unternehmen auch komplexeste Projekte inklusive Antriebsstrang, Ladeinfrastruktur und Software. In Eigenprodukte wird ebenfalls investiert, etwa in den Heimspeicher „Mavero“, der – an der Wand

montiert – Strom aus jeder erneuerbaren Energieform speichern und täglich genügend Strom für einen durchschnittlichen Privathaushalt liefern kann. Austausch der Städte

Das Smart-City-Konzept beinhaltet selbstverständlich auch den Ansatz, dass Städte sich untereinander vernetzen und voneinander lernen. Smart-Cities-Symposien finden heute rund um den Globus statt. Zahlreiche Ausschreibungen, Wettbewerbe und Awards fördern die Partizipation, so etwa der „Smart City Innovator of the Year Award“, der vom TMForum ausgelobt wird. Das TeleManagement Forum ist eine Arbeitsgemeinschaft von über 700

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Unternehmen der IT- und Telekommunikationsindustrie aus mehr als 70 Ländern. Stadtverwaltungen, Versorgungsunternehmen oder -organisationen können teilnehmen. Die eingereichten Projekte werden von der Jury darauf untersucht, ob der Einsatz einer innovativen Technologie das Leben der Bürger verbessert, ob die Zusammenarbeit mit anderen Städten auf diesem Feld möglich ist und sich das Potenzial für andere Städte hinsichtlich der Verbesserung für Gesundheit, Wohlstand oder Wohlbefinden messen lässt. Es werden aber auch finanzielle Aspekte wie Leistbarkeit begutachtet und Standardisierbarkeit oder Einzigartig des neuen Ansatzes.

Smart Home: Vernetzung ist gut, braucht aber auch Kontrolle

Convenience mit Haken Der Einsatz von Smart-Home-Technologien will genau überlegt sein. Unter Umständen gibt man viele Daten preis, wird ausspioniert oder die Geräte werden sogar gekapert. Spätestens nachdem sämtliche Verbraucherschutzorganisationen Alarm schlugen und vor der sprechenden Puppe „My friend Cayla“ warnten, war das IoT in negative Schlagzeilen geraten. Beim „Internet of Things“ oder Deutsch dem Internet der Dinge ist nicht alles eitel Wonne. Die interaktive Puppe – sie kann Antworten auf Kinderfragen geben, Geschichten vorlesen, Spiele spielen – verfügt über Mikrofon, Spracherkennung und Netzwerkzugang. Mit einer passenden App lässt sie sich steuern. Und sich für Spionage missbrauchen: Mit einem blue­ toothfähigen Smartphone und ohne viel technisches Know-how kann jeder bei eingeschalteter Puppe in deren Umfeld abgehört werden. Alles, was Kinder der Puppe erzählen, werde an die Firma „Nuance Communications“ mit Sitz in den USA übermittelt, so der Verein für Konsumenteninformation (VKI). Schlimmer noch: Das Unternehmen behält sich vor, die übermittelten Daten umfassend zu nutzen und mit Dritten zu teilen. Ein schockierendes Beispiel dafür, was alles beim IoT schiefgehen kann. Denn immer mehr Geräte sind – oft ohne Wissen der Nutzer – vorübergehend oder dauerhaft mit dem Internet verbun-

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den. So sehr dies praktische Vorteile bringen kann, so groß sind damit auch mögliche Sicherheitsrisiken sowie die Gefahr der Verletzung der Privatsphäre und des Datenschutzes. Wir haben den IT-Sicherheitsexperten Erich Möchel dazu befragt. AiM: Was bedeutet Smart Home eigentlich? Erich Möchel: Darunter versteht man, dass Systeme wie Heizung, Beleuchtung, elektrische Geräte und vieles mehr im Haushalt mit vernetzten und fernsteuerbaren Geräten und Installationen sowie automatisierbaren Abläufen zu Hause und von überall gesteuert werden können. Aber auch Fitnessarmbänder oder Badezimmerwaagen und dergleichen mehr sind vernetzt. Über primitive Funktionen und einen Minicomputer kann man beispielsweise über den Inhalt seines Kühlschranks Buch führen. Ist das sinnvoll? Bleiben wir beim Kühlschrank: Tatsächlich müsste man hier alles aktuell halten, jedes Joghurt registrieren und verwalten. Wer braucht so was? Das nimmt ja auch Zeit in Anspruch. Man muss

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Erich Möchel, u. a. Gründer des Ver­eins Quintessenz, der sich für Bürger­rechte im Informationszeitalter einsetzt.

Foto: http://zazie.at

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sich schon die Frage stellen, ob wir mit sogenannten SmartHome-Technologien nicht Probleme lösen wollen, die wir gar nicht haben. Oder Probleme schaffen, die wir zuvor nicht hatten. Wir unterliegen dem Denkfehler, alle neuen Technologien wirklich nutzen zu müssen. Ganz abgesehen davon bestehen enorme Sicherheitsrisiken. Und man macht sich vom Strom abhängig. Zum Beispiel? Türschlösser, die sich nur mit meinem eigenen Fingerprintscan öffnen. Was ist, wenn befreundete Personen oder Nachbarn im Notfall in mein Heim müssen oder wollen? Was ist bei einem Stromausfall? Dazu kommen noch die Technik und deren Instandhaltung. Diese Dinge halten nicht ewig, eine Herstelleroder Installationsfirma kann in Konkurs gehen, Systeme müssen umkonfiguriert werden – wer sorgt für die meist regelmäßig nötigen Updates? Es gibt keine Garantie, dass die verwendeten Bauteile und Komponenten ewig nachkaufbar sind. Wie groß ist denn die Gefahr, überwacht zu werden? Sehr groß. Überwachungs- und Videocams sind heute sehr verbreitet. Sie werden von den wenigsten Eigentümern als Minicomputer erkannt. Und die wenigsten Personen ändern die voreingestellten Passwörter oder Codes. Hier können sich andere Zugang verschaffen und den Eigentümer sozusagen aussperren. Ganz schlimm sind etwa sogenannte DdoS-Attacken, bei denen mehrere Computer gleichzeitig und im Verbund als ganze „Botnetze“ eine Webseite oder eine ganze Netzinfrastruktur angreifen. Die Bots – kurz für das englische Wort „Robot“ – agieren unauffällig von fremden Computern aus, ohne dass die Besitzer etwas davon bemerken. Das ist Hijacking der Geräte. Agieren viele

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Geräte gemeinsam als Netz, kann die Folge ein Servertotalausfall sein. Unternehmen werden damit extrem erpressbar – und zahlen auch Unsummen, um sich freizukaufen, etwa während eines sportlichen Großevents. Ein Beispiel ist die Schadsoftware Mirai, die auf das IoT ausgerichtet ist. Die Malware sucht nach internetfähigen Geräten wie Überwachungskameras, mit dem Internet verbundene Heizungssteuerungen und Babyphones, die mit öffentlich bekannten voreingestellten Anmeldedaten ausgeliefert werden. Man sollte sich unbedingt vor Telnet hüten, das ist ein extrem veraltetes Netzwerkprotokoll im Internet – und wie eine offene Tür. Am gefährdetsten sind freilich die kleinen Enduser. Und je vernetzter man ist, desto unsicherer ist es. Die Probleme greifen ja dann ins „analoge Leben“ hinein. Und bei Nutzung von IoT-Diensten werden auch viele Daten über uns gesammelt. Wir haben aber wenig Kontrolle darüber, was mit diesen Daten passiert. Gibt es auch Vorteile von Smart-Home-Technologien? Selbstverständlich. Vernetzung, Automatisierung und smarte Technologien können zum Beispiel bei großen Verwaltungsgebäuden Sinn machen. Oder im Kleinen bei der Steuerung einer Wärmepumpenheizung. Aber je mehr Elektronik im Spiel ist, desto anfälliger werden die Systeme, die Kosteneinsparungen dagegen sind häufig nur marginal. Es ist auch mehr der ConvenienceFaktor, der ausschlaggebend ist. Ob deshalb aber gleich alles auf einem Server in Mountain View, California, liegen muss? (Anm.: Google, Symantec, die Microsoft-Abteilungen MSN/Hotmail/ Xbox sowie das NASA Ames Research Center sind nur einige Hightechunternehmen, die in Mountain View ansässig sind.) Alphabet, vormals Google, ist ja nun auch in Österreich mit seiner Smart-Home-Sparte Nest gestartet: mit einem Rauchmelder, der Nest Cam Indoor und Outdoor sowie einem smarten Thermostat. Ich halte es für fragwürdig, Geräte zu kaufen, die nur noch im Internet funktionieren. Was kann man also tun, um auf der sichereren Seite zu sein? Ich rate zum Einsatz von Raspberry Pi Einplatinencomputern. Das sind sehr einfach aufgebaute Rechner, die mit mehreren Open-Source-Betriebssystemen laufen, sowie zu Arduino, einer aus Soft- und Hardware bestehenden Physical-ComputingPlattform. Beide Komponenten sind ebenfalls im Sinne von Open Source quelloffen. Die Programmiersprache ist einfach gehalten, so kann man sich das IoT selbst basteln. Es ist gut, Dinge zu vernetzen, die einem nützen. Das gilt aber nur dann, wenn man selbst die Kontrolle behält. Kontrolle kostet Zeit, also Geld. Hier muss also abgewogen werden. Ganz wichtig ist, sich ein eigenes IoT für die Haussteuerung, das nicht vom Internet abhängig ist, um wenig Geld von Austro-Start-ups installieren zu lassen. Die Bedienung ist dann trivial, weit sicherer ist es auch. So kann man leichter riskieren, diese Dinge über das Internet zu bedienen.

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Wohnadresse Wien Zwischen Dream City und Wohn-Deponie Gastkommentar von Hannes Etzlstorfer

„Mir wern kan Richter brauchen, um zu entscheiden, daß Wien schöner ist als Berlin. Aber das ist ja gerade das Unglück.“ Weniger kryptisch als dieses Diktum von Karl Kraus erweist sich das Faktum, dass Wien heute im Ranking der lebenswertesten Metropolen Spitzenplätze einnimmt: So hat etwa die international tätige Unternehmensberatung Mercer in ihrer jährlichen Studie „Quality of Living“ 2017 Wien zum achten Mal den ersten Platz eingeräumt. Zum Vergleich: Städte wie London, New York oder Paris schafften es im Ranking nicht einmal unter die ersten 35. Für die aktuelle Studie untersuchten die Autoren die gängigen (bildungs)politischen, sozialen, wirtschaftlichen und umweltorientierten Indikatoren. Kleiner Wermutstropfen: 2017 wurde eine eigene Infrastruktur-Rangreihe erstellt. Hier musste Wien die Spitzenposition der Metropole Singapur überlassen. In diesen Vergleichskategorien spiegeln sich jene Faktoren, die sich auch im aktuellen Wohnbau als maßgebliche Anforderungsprofile herauskristallisiert haben. Schlüsselbegriff: Lebensqualität

Nummer eins bei der Lebensqualität? Schöner wohnt man in Wien andern­ orts. Beispielsweise im Servitenviertel am Alsergrund (Bild rechts).

Macht dieser Sonderstatus Wien automatisch zur begehrten Wohnadresse, zur lebenswerten Dream City, die einerseits ihr historisches Bauerbe pflegt und andererseits vorausschauend Wohnressourcen für alle schaffen möchte? Denn auch hier gilt: Später ist zu spät. Obwohl Wien noch weit vom Nimbus einer Multimillionenstadt entfernt ist, steht auch hier die Wohnbaupolitik vor neuen Fragestellungen. Mehr denn je prägen ideologische Kollisionen den Diskurs über Vorstellungen, Chancen und Gefahren vom Zukunftsraum Stadt. Nach dem Motto Peter Altenbergs, „Die öffentliche Meinung kann man nur beeinflussen, wenn man gegen sie ist“, beziehen die unterschiedlichsten Parteilager, Bürgerinitiativen, Architekten, Gegner und Befürworter von Bauprojekten Position, die sie erbittert zu verteidigen wissen. Die Kernfragen sind allerdings gleich geblieben: Wer baut wo und für wen? Warum baut man so und nicht anders? Soll weniger gebaut und mehr renoviert und saniert werden? Dazu gesellen sich Fragen nach basisdemokratischen Mitentscheidungsmöglichkeiten bei künftigen Wohnbauprojekten, nach der Notwendigkeit des interkulturellen Dialogs vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsproblematik oder nach der Finanzierbarkeit dieser Wohnträume. Was wird da nicht alles in Hochglanzmagazinen oder Inseraten von Gratiszeitungen mit schönem, leistbarem Wohnen assoziiert: ideale Lage im Grünen oder zumindest in verkehrsberuhigten Zonen am Stadtrand, Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, ein reiches Angebot an Freizeitmöglichkeiten in nächster Umgebung oder auch ein friktionsfreies bzw. sicheres Miteinander von Kulturen und Generationen dank ausgeklügelter architektonischer Konzepte. Nachhaltigkeit

Die Urbanisierung westlicher Städte stößt bereits jetzt an Ressourcengrenzen. Hier steht mehr denn je die Frage der Lebensqualität im Mittelpunkt. Dieser Diskussion haben sich Urbanisierungsexperten – ob in Paris oder Brüssel – nicht ganz freiwillig gestellt: Die hohe Unzufriedenheit in den zu Gettobezirken heruntergekommenen Stadtrandsiedlungen mit ihrer ethnischen Hermetik schuf neue, brandgefährliche Konfliktpotenziale. Mancherorts, wie etwa in Berlin, wurde daher der Begriff der Urbanisierung in „Turba-

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Fotos: Jonathan Pielmayer

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nisierung“ abgewandelt – in Anspielung an die scheinbar bereits in türkischer Oberhand befindlichen Stadtteile mit ihren Eigengesetzlichkeiten. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins, die von beiden Seiten blockierte Integration der hier bereits geborenen zweiten Gastarbeitergeneration, der noch kaum bewältigte Ansturm von MigrantInnen und nicht zuletzt das Gefühl einer latenten Unzufriedenheit bilden da wie dort den Nährboden für aktuelle und künftige Konflikte. Die Situation wird sich auch hierorts wohl zuspitzen, wird die Frage der Job- und Wohnangebote nicht beherzt angegangen. Gleichzeitig entwickelt sich die Lebensqualität zu einem globalen Ziel: Lebensqualität ist mitentscheidend über die politische, ökonomische und soziale Stabilität künftiger Stadtlandschaften. Erreicht werden soll sie mittels innovativer, nachhaltiger Technologien und einem auf Nachhaltigkeit ausgerichteten ökologischen Verständnis. Gefragt ist dabei besonders die Politik. Es bedarf zudem neuer Mobilitätskonzepte, damit Wien nicht das Schicksal mit London, Brüssel oder Warschau teilen muss: Diese Städte weisen derzeit das größte europäische Verkehrsaufkommen bei der morgendlichen und abendlichen Rushhour auf. Neben der Lebensqualität wird in Zukunft auch der Grad der Urbanität und der Wandlungsfähigkeit die Qualität der Stadterweiterung Wiens bestimmen. Wien bezieht seinen Rang als lebenswerteste Stadt nicht allein aus der Tatsache der günstigen Verkehrsanbindungen und dem weltweit wohl einzigartigen Kultur-, Freizeitund Naherholungsangebot, sondern auch durch seine Weltoffenheit. Urbane Biotope

Hundert Millionen Euro investiert Wien 2017 in den Wohnbau: Sie sollen nicht über die Wohnbauförderung der Errichtung geförderter Wohnungen dienen, sondern auch in die Sanierung von Altbauten wie auch in die Direktunterstützung von MieterInnen fließen. Auf diesem Wege werden in Wien derzeit jährlich rund 13.000 Wohnungen geschaffen, bzw. 9000 gefördert. Der Bogen der aktuellen Projekte erstreckt sich zwar über die ganze Stadt, konzentriert sich aber an ihren Rän-

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Rendering: Schreiner, Kastler Büro für Kommunikation GmbH

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„Biotope City“ am Wienerberg: Früher ein Arbeiterslum, morgen eine belieb­ te, grüne Wohngegend – horizontal wie vertikal.

dern mit ihren Bauflächenressourcen. Im Süden der Stadt entsteht etwa mit dem neuen Stadtquartier, das neben dem Wienerberg auf den ehemaligen Coca-Cola-Gründen auf 13 Bauplätzen gebaut und 900 Wohnungen, diverse Geschäftsflächen und Bildungseinrichtungen umfassen wird, ein moderner Typus einer „Biotope City“. Dabei soll die umfangreiche vertikale Fassadenbegrünung die Wohnungen thematisch mit dem direkt angrenzenden Erholungsgebiet Wienerberg in Beziehung bringen. Für genügend Grün ist auch innerhalb dieses neuen Stadtquartiers gesorgt: Park, Quartierplatz, Grünzonen und Mikrozone suggerieren den künftigen Bewohnern das Gefühl, inmitten eines riesigen Parks mit begrünten Häusern zu wohnen, deren Wohnungen (zwischen 52 und 99 Quadratmetern) überdies über private Freiflächen in Form von Loggia, Balkon oder Terrasse verfügen werden. Diese Begrünungsidee scheint aufs Erste nicht neu und wurde hierzulande etwa in den 1970er- und 1980er-Jahren von Friedensreich Hundertwasser unermüdlich propagiert. Manche Architekten setzten dieses Grün vorwiegend als Blendwerk ein, um manchmal nur von ihrem eigenen konzeptiven Wildwuchs abzulenken. George Sand ätzte deshalb nicht ganz zu Unrecht: „Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kunden raten, Efeu zu pflanzen.“ Die Frage, wie eine nutzerorientierte Vernetzung zwischen bebauten Stadtflächen und Grünräumen erreicht werden kann, spaltet noch heute die Meinungen. Die Landschaftsarchitektin Lilli Licka, die seit 2003 eine Professur für Landschaftsarchitektur an der Universität für Bodenkultur in Wien innehat, meinte dazu etwa kürzlich: „Weltweit wachsen Städte und Metropolen an und beherbergen bald drei Viertel der Erdbevölkerung. Die soziale und bauliche Verdichtung verlangt nach einem Ausgleich, den städtische Freiräume und Grünanlagen leisten und zusätzlich für eine klimatische Verbesserung sorgen sollen. Über die richtige Erscheinungsform dieser Räume bestehen verschiedene Auffassungen, wobei fast alle das Wohl des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Wie sehen urbane Parks aus, wo sind sie zu finden, welche Größe wird ihnen zugestanden, was enthalten sie, wer gestaltet sie, was macht sie zum sozialen Grün? Parks zeigen, wie Raum und Gesellschaft zusammenspielen und welche Auffassung von Natur sich in der gestalteten Umwelt niederschlägt.“ Wohnträume der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft

Am künftigen Standort der „Biotope City“ beim Wienerberg lässt sich aber auch beispielhaft der historische Wandel der städtischen Randzonen ablesen: Dieses Areal, das ob seiner Lehmvorkommen schon zur Römerzeit für die Ziegelherstellung und 1755 unter Maria Theresia als erste staatliche Ziegelei genutzt wurde, beheimatete seit 1819 die weltweit tätige Wienerberger Ziegelindustrie. Die seit den 1960er-Jah-

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ren brachliegenden Lehmgruben wurden erst Ende der 1970er-Jahre im Zuge eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs in ein naturnahes Erholungsgebiet umgewandelt. Ähnlich dieser Entwicklung verlief auch der Imagewandel der europäischen Großstädte, die im 19. Jahrhundert mit der zunehmenden Industrialisierung Menschen anzogen. Auf diese Weise mutierte die Stadt vom mittelalterlichen Handelszentrum zu einem modernen Standort für Produktion und Logistik. An die Stelle dieser Industriegesellschaften des 19. Jahrhunderts sollte zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine hoch individualisierte und digital vernetzte Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft treten. Damit einher ging auch ein Imagewandel des städtischen Wohnens vom beengten Quartier im verdreckten, hektischen und lärmenden Moloch hin zum Parkfeeling mit attraktiven Arbeitsplätzen, effizienten Mobilitätsstrukturen, vielfältigen Freizeit-, Kultur- und Bildungsangeboten vor der Haustür. Zukunftsforscher setzen dabei auf jene Creative Class, die sich aus Wissensarbeitern, gut ausgebildeten jungen Menschen bzw. Familien zusammensetzt. Sie eint der Wunsch, in den Städten leben zu wollen. Diese Generation, von der Werbewirtschaft längst als kaufkräftige und technologisch versierte millenials (die Jahrgänge zwischen 1982 und 2004) vor den silver ager (Generation 50 plus) gereiht, geht zudem in vielem neue Wege. Sie reichen von der interkulturell geprägten Sozialisation über unterschiedliche Partnerschaftsmodelle bis hin zu einem geänderten urbanen Mobilitätsverhalten. Diese Altersgruppe gibt beispielsweise dem Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln den Vorzug gegenüber dem Individualverkehr. Daher gilt auch bei den Verkehrsmitteln: Nützen ist besser als besitzen. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes ist daher auch die Voraussetzung für die Anbindung neu erschlossener Wohngebiete ans Zentrum.

Ein besonderes Prestigeprojekt stellt vor allem die Seestadt Aspern dar, eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Planung und Realisierung wurde dem Team AllesWirdGut Architektur ZT übertragen: In einer Arbeitsgemeinschaft mit Delta entstehen auf einem Baufeld in der Seestadt Aspern insgesamt fünf Wohneinheiten mit 23.000 m² Wohn-, Büro- und Geschäftsflächen. Der besondere Reiz dieser Anlage: Gebaut wird rund um einen 50.000 m² großen See, der wiederum in einen weitläufigen Grünraum eingebettet ist. Besonderer Wert wurde aufs soziale Miteinander und auf die hohe Wohn- und Lebensqualität gelegt. Die breiten Treppenräume im Inneren sind von Wiener Gründerzeitstiegenhäusern inspiriert und erschließen rund 35 Wohnungen pro Kern. Dieses Konzept soll nicht nur die Bau- und Betriebskosten niedrig halten, sondern gleichzeitig auch für mehr Austausch unter den Bewohnern sorgen. AllesWirdGut gehen dabei vom „Haus-des-Lebens“-Konzept aus, das eine Hausgemeinschaft aus rund 100 Personen zu etwa gleichen Teilen aus alten und jungen Menschen an einem gemeinsamen Treppenhaus vorsieht. Damit folgt man offensichtlich einem europäischen Trend, der sich deutlich von Modellversuchen in den USA unterscheidet, wo es schon Wohnsiedlungen im Ausmaß von ganzen Dörfern gibt, in denen man zur Generation 65 plus zählen muss, um einziehen zu dürfen. (Diese Idee ist allerdings nicht ganz frei vom Beigeschmack einer Seniorendeponie …) In Vorbereitung auf den prognostizierten Bevölkerungswandel setzt man auf Strategien zur Förderung von Gesundheit und Lebensqualität älterer Menschen, bei denen der Grün- und Freiraum als Bewegungsraum eine

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Foto: Jonathan Pielmayer

Wohnen am See

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wesentliche Rolle spielt. Diese down ager von heute haben eben noch ausreichend Zeit, das Leben aktiv zu gestalten. Dem stehen jedoch oft ganz banale bauliche Nachlässigkeiten entgegen, die sich heute rächen: So ist es dem Autor fast unmöglich, seine pflegebedürftige Schwiegermutter im Rollstuhl ins Freie zu bringen, weil die Liftanbindung im nicht behindertengerechten vierstöckigen Sozialbau in der Schönbrunner Straße 167 (Fertigstellung 1985!) nur über Treppen im Halbstock gewährleistet ist. Und dass visà-vis (Schönbrunner Straße 158) ein architektonisch zwar ambitionierter Neubau mit verglasten Balkonen entstand, deren Schauseiten jedoch auf eine der lärmreichsten Einfahrtsschneiden der Stadt ausgerichtet sind und daher von den meisten Hausparteien als einsehbare Abstellfläche für allerlei Krimskrams genützt wird, macht den Anblick des Gegenübers auch nicht gerade attraktiver … Solche Beispiele für gute architektonische Ideen am völlig falschen Ort sind in Wien leider kein Einzelfall. Als Fallbeispiele sind sie freilich geeignet, einmal mehr an die gestalterische Flexibilität der Architekten zu appellieren. Das Team AllesWirdGut verspricht jedenfalls bei seinem Projekt der Seestadt Aspern Flexibilität, „… um auf noch unbekannte, zukünftige Anforderungen einer neu entstehenden Stadt reagieren zu können“.

Foto: Hannes Etzlstorfer

Denkmalschutz versus Stadterneuerung

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Durch den Anstieg der Lebenskosten in den Stadtzentren können sich heute hingegen nur noch Gutverdiener ein Leben in der historisch gewachsenen Stadtmitte leisten, während es weniger Vermögende an die Ränder der Städte und auf das Land drängt. Bald wird aber auch Wien, wo großflächig ganze Stadtteile aus dem Boden gestampft werden, an seine Expansionsgrenzen stoßen. Damit sollte endlich auch die Notwendigkeit der – von Stadt und Architekten zumeist ungeliebten – Bestandserhaltung von historischen Altbauten wieder in den Mittelpunkt rücken. Noch heute sitzt in Wien die Spitzhacke locker. Man muss nur einmal offenen Auges die einst imperiale Schönbrunner Straße stadteinwärts schlendern und beobachten, wie hier von Monat zu Monat spätbiedermeierliche und historistische Wohnhäuser abgerissen und in Windeseile durch gesichts- und charakterlose „Wohn-Deponien“ oder durch mehrstöckige Bürotürme mit ungenutzten Raumkapazitäten in unverkäuflichen Milieus ersetzt werden. Zerstört, zugebaut, verschandelt – diese vor allem im Kampf um die Erhaltung historischer Bauten eingesetzten Begriffe treffen längst auch auf das Abbruchszenario in der Peripherie zu. Hier zeichnet sich noch kaum jener internationale Paradigmenwandel ab, demzufolge andernorts dem An- , Aus- und Weiterbau gegenüber dem Abriss und Neubau der Vorzug gegeben wird. Wien geht trotz seines Weltkulturerbestatus auch selbst in sensiblen Innenstadtbereichen wenig zimperlich mit dem Stadtbild um, wie etwa das brisante Hochhausprojekt am Heumarkt mit seinen Luxuswohnungen, der bis heute nicht realisierte Ausbau des Wien Museums neben der barocken Karlskirche oder das erst nach Protesten redimensionierte Hochhausprojekt auf den Komet-Gründen in Meidling drastisch vor Augen führen. Wenn höchste Baukunst bedeutet, dass jedes Haus ein „Großblockner“ (Jürgen Köditz) werden müsse, dann erreichen wir scheinbar gerade wieder einmal den Zenit. Wen wundert es daher, wenn vor diesem Hintergrund Hans Ludins Bonmot „Wir bauen die Ruinen der Zukunft“ fast schon einen tröstlichen Beiklang erhält …

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Wer kann sich das schöne Wohnen noch leisten?

Auch für Bauherren, Architekten, künftige Wohnungssuchende und bereits eingesessene Wohnungsinhaber tun sich gefährliche Fallgruben auf: Angesichts der anhaltenden Finanzkrise, des sich zuspitzenden Wohnungsmangels, der Zunahme prekärer Einkommensverhältnisse, des unsicheren Jobangebots bei gleichzeitig sinkenden Einkommen – auch im Mittelstand – wie auch der Wohnungsnot von Menschen mit migrantischem Hintergrund ist das Thema des leistbaren Wohnens längst von den politischen Plakaten schmerzlich in die Lebensrealität eingedrungen. Die Mieten klettern nicht nur in den prominenten urbanen Lagen in bedrohliche Höhen, sondern haben auch Bezirke erreicht, die vor Kurzem noch am Wohnungsmarkt Schnäppchen möglich machten. Preisexplosionen bringen auch hier Wohnträume rasch zum Einsturz. Daraus resultiert eine Reihe von neuen Fragestellungen: Welchen Einfluss hat der multiethnische Zuzug auf bestehende Wohnmilieus, Wohnstile und Wohnkulturen? Entstehen durch den Zuzug von Migranten neue Anforderungen an den Wohnbau und welche leistbaren Ansprüche stellen neu zuziehende BewohnerInnen an ihr Wohnumfeld? Wie steht es um die angestrebte „soziale Nachhaltigkeit“ in der Praxis des Zusammenlebens und um die Wohnsicherheit neuer Quartiere? Welche Probleme ergeben sich daraus für die Ränder der Städte, die heute auch eine Demarkationslinie unterschiedlicher Milieus bilden? Wer soll das alles bezahlen?

Foto: Viktor Kabelka

Hannes Etzlstorfer

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(geb. 1959 in Oberösterreich) Kunst- und Kulturhistoriker, Ausstellungskurator, Buchautor und Referent im In- und Ausland. Nach der Matura Studium der Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und Theologie an der Universität Wien (Promotion 1986). Konzeption zahlreicher Ausstellungen und wissenschaftliche Mitarbeit an diversen interdisziplinären und interkulturellen Kulturprojekten im In- und Ausland (Tschechien, Luxemburg, Italien und Japan). Im Rahmen der vom Autor kuratierten Großausstellungen über die Sechziger- (Schallaburg 2010) und die Siebzigerjahre (ebenda 2016) intensivierte Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Urbanismus und dem architektonischen Potenzial Österreichs. Zahlreiche Publikationen über ein weit gestecktes Themenspektrum (von der Gotik bis zur aktuellen Kunst).

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comm! by Europcar: „Community wird immer größer“ Im Trendtalk: Inés Kaufmann-Sackl über Sharinglösungen und nachhaltige Zukunftsmodelle

kommt. Europcar ist national wie international ein langjähriger und führender Mobilitätsanbieter. Und wir in Österreich stellen unseren Fuhrpark nahezu zu 100 Prozent aus Fahrzeugen der Volkswagen Gruppe zusammen. Dadurch können wir die vielfachen Anfragen zu unserem Carsharing-Modell, die oft in Verbindung mit Elektromobilität stehen, sehr gut abdecken. Im Hinblick auf Wohnhausanlagen – da hat sich der Mehrwert in mehrfacher Hinsicht gezeigt. Am Beispiel des gemeinsamen Projekts in Tirol (Anmerkung: Neue Heimat Tirol/NHT Carsharing Pradl Ost) war und ist ein hoher Zuspruch durch die Bewohner und Bewohnerinnen zu verzeichnen. Und auf kommunaler Ebene hat die Stadt Innsbruck ergänzend zu den kostenfreien Kurzparkzonen für e-Fahrzeuge im öffentlichen Raum auch für die NHT-Pradl-OstFahrzeuge das kostenfreie Parken genehmigt.

Foto: Europcar Österreich

Ihr Angebot richtet sich an Firmen, Bauträger und Kommunen – vornehmlich im ländlichen Raum. Wurde bis dato auf diese Usergruppen und Regionen im Rahmen der Mobilitätswende vergessen? Nein, das glaube ich nicht. Womit sich unsere Mobilitätsvariante jedoch deutlich vom Markt abhebt, ist, dass wir stationsbasiertes Carsharing anbieten – und das bereits ab nur einem Fahrzeug. Und nach oben ist de facto keine Grenze gesetzt! Im Unterschied zu Ballungszentren benötigen kleinere Gemeinden meist keine klassische Freefloating-Lösung, so können wir mit einzelnen Stationen, gerade im ländlichen Raum, den individuellen Bedürfnissen nachkommen.

Inés Kaufmann-Sackl, Geschäftsführung Europcar Österreich

Mit welchen Anliegen und Servicefragen werden Sie besonders häufig konfrontiert?

PROMOTION

AiM: Die Nachfrage nach smarten Carsharing-Packages – individuell ausgerichtet, logistisch einfach, nachhaltig – steigt. Was spricht für „comm! by Europcar“?

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Inés Kaufmann-Sackl: Ein wesentlicher Vorteil ist, dass alle Komponenten, beginnend bei den Fahrzeugen, der Hard- und Software bis hin zur Servicierung, aus einer Hand kommen – aus unserer! Die Fahrzeuge werden voll ausgestattet als Langzeitmiete angeboten, was den Carsharing-Betreibern, also den Wohnhausanlagen und Bauträgern, mit maximaler Flexibilität zugute

Uns fällt auf, dass die Menschen bereits wesentlich besser informiert sind und mit dem Carsharen an sich auch gut vertraut sind. App und Mobile Site samt Buchungskalender von comm! by Europcar sind klar und verständlich strukturiert. Darüber hinaus ist der sorgsame Umgang mit den Autos positiv zu erwähnen. Kunden und Kundinnen achten bei der Benutzung sehr darauf, dass auch nachfolgende Mieter und Mieterinnen ein gepflegtes Fahrzeug übernehmen können. Öfter gefragt werden wir auch, ob unser Carsharing nur mit e-Fahrzeugen realisierbar ist. Ganz klar ein Nein. Denn unsere

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Foto: NHT/Europar Österreich

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Carsharing von comm! by Europcar in der Wohnhausanlage Pradl Ost der NHT Neue Heimat Tirol

Flotte ist viel umfangreicher und auch für Shared Mobility einsetzbar. Sie reicht von herkömmlich betriebenen Modellen, e-Fahrzeugen, bis zu Lkw, e-Mobilität oder auch Fahrzeugen für noch individuellere Bedürfnisse, beispielsweise barrierefreie Mobilität. Zielt Ihr Sharing-Modell hier ins Schwarze? Oberste Prämisse bei unseren Projekten ist, wie eben erwähnt, die einfache Bedienung und Transparenz, um damit optimal sowohl auf die Bedürfnisse der Bauträger als auch jene der Endkunden einzugehen. Also auch bei den Kosten, wo unsere Partner bzw. Betreiber selbstbestimmte Tarifmöglichkeiten für ihre Nutzer und Nutzerinnen definieren können. Die User möchten eine klare Vereinbarung und verständliche Grund- und Nebengebühren und – ganz wichtig – die Fahrzeugverfügbarkeit muss gegeben sein. Zusätzlich runden wir unser Angebot mit einem 24/7-Callcenter ab.

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Ihre erste Zwischenbilanz: Läuft „comm! by Europcar“ nach Wunsch? Der laufende Zuspruch bei bestehenden Projekten, positive Ergebnisse aus den Kundenzufriedenheitsanalysen und Carsharing-Anfragen für neue Communities in ganz Österreich bestätigen unser Vorhaben. Es bleibt also nicht nur bei einem ersten Hype, sondern wir verzeichnen seit dem ersten Tag und den ersten Nutzern und Nutzerinnen eine kontinuierlich größer werdende Community. http://comm.europcar.at Für Rückfragen

Hr. Thomas Schevaracz-Helm, Leitung Vertrieb T: +43 (0)1 86616-1651 E: comm@europcar.at

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Fotos: car2go

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Mein, Dein, Unser in der Stadt Was genau ist Share Economy? Welche Modelle funktionieren in der Stadt? Und was sind die nächsten Sharingtrends? Text: Linda Benkö 120

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r gilt als Vater dieser Idee, von der manche sagen, sie wird dem Kapitalismus den Dolchstoß versetzen: Der Harvardökonom Martin Weitzman. Ob es so weit kommt? Nun, es wird noch eine Zeit lang dauern, denn der Kapitalismus beginnt sich gerade die sogenannte Sharing Economy einzuverleiben. Weitz­man präsentierte 1984 seinen Ansatz, der besagt, dass sich der Wohlstand für alle erhöht, je mehr unter allen Marktteilnehmern geteilt wird. Fast 20 Jahre später prägte der Rechtswissenschaftler und Gründer der Creative-CommonsInitiative Lawrence Lessig die Bezeichnung Sharing Economy. Keiner von beiden dürfte wohl geahnt haben, welchen Siegeszug dieses Phänomen in unserem Alltag antreten würde – wenngleich der Sammelbegriff für Firmen, Geschäftsmodelle, Plattformen, Online- und Offlinecommunities und Praktiken, die eine geteilte Nutzung von ganz oder teilweise ungenutzten

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Ressourcen ermöglichen, sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Es gibt keine anerkannte Definition oder Abgrenzung. In seiner ursprünglichsten Verwendung bedeutet er wohl so viel wie „Collaborative Consumption“, also geteiltes, gemeinsames Benutzen. Und doch ist die Idee so neu nicht, gab es doch bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der Landwirtschaft sogenannte Maschinenringe, wo Leihgeräte auch Kleinbetrieben das wirtschaftliche Überleben sicherten. Ganz zu schweigen von Mitfahrgelegenheiten, die schon Jack Kerouac und seine Romanprotagonisten in den 1960er-Jahren zu schätzen wussten oder den Tauschkreisen und Talenteverbänden, von denen einige bereits mehrere

„Fast jeder Fünfte hat bereits das Auto auf Zeit ausprobiert“ (Mindshare)

Jahrzehnte bestehen. Zweifelsohne hat jedoch die sich exponentiell entwickelnde Digitalisierung der Verbreitung des Konzepts immens Vorschub geleistet. Immerhin machte 2013 die CeBit „Shareconomy. Vom Haben zum Teilen“ angesichts der Veränderung des gesellschaftlichen Verständnisses von Teilen beziehungsweise der gemeinsamen Nutzung zu ihrem Leitthema. Die Kombination aus verstärkter Nutzung sozialer Netzwerke und elektronischer Marktplätze sowie der Verbreitung mobiler Zugriffsgeräte und elektronischer Dienstleistungen plus Änderungen im Konsumverhalten trägt langsam, aber sicher dazu bei, dass sich die Share-Idee durchsetzt. In beide Richtungen: Sowohl hinsichtlich der Wertschätzung von Eigentum als auch des Verzichts darauf. Dass der Sportartikel­

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handel Ski verleiht, ist heute gang und gäbe. Dem Sportartikler Hervis war das nicht genug, hat er doch vor einigen Monaten in einer Filiale in Haid bei Linz den Testbetrieb eines Mietservices gestartet, wo Kunden von der Wanderjacke über den Tischtennistisch bis zum Fahrrad (fast) alles ausborgen können (abgesehen von Schuhen). Hoher Bekanntheitsgrad

Ohne ins Detail gehen zu wollen, was nun „echtes Sharing“ oder „marktliche“ und „nicht marktliche“ Sharing Economy ist (ganz klar nicht kommerziell sind Dienstleistungen wie Couchsurfing, Foodsharing, Reparaturcafés, Bücherschränke, Gemeinschaftsgärten etc.), verändert die Idee auch das Stadtbild. Wem sind noch nicht die für diverse Carsharingwägen reservierten Stellplätze in Wien aufgefallen, die „smarten“ Flitzer mit dem markanten blau-weißen Logo? Bei einer von Mindshare durchgeführten österreichweiten Umfrage unter rund 500 Usern von 15 bis 59 Jahren mit dem Ziel, die bekanntesten SharingEconomy-Plattformen und die Motive, sie zu nutzen, auszuloten, rangierte car2go bei der Bekanntheit ganz oben. „Speziell die 15- bis 29-Jährigen fahren auf das Angebot der Mitfahrgelegenheiten ab. Fahrdienste wie Uber und Blabla Car gefallen den Jungen mehr als den Älteren. Ausgenommen das Carsharing: Bei der Nutzung von car2go, DriveNow oder zipcar.at liegen die Älteren mit den Jüngeren gleichauf. Fast jeder Fünfte hat bereits das Auto auf Zeit ausprobiert“, so die Marktforscher. In Wien ist die Bekanntheit laut MAKAM Research (Umfrage vom März 2017) von Miet- beziehungsweise Ausleihmöglichkeiten von Fahrrädern (wie zum Beispiel citybike) und Autos mit 87 bzw. 86 Prozent am größten, danach

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rangieren andere Sharingrubriken wie Musikdienste. Auch das PrivatautoSharingportal (Peer-to-Peer-Car-Sharing; kurz P2P-Car-Sharing) „Drivy“ meldet Erfolge: Ende April 2017 zählte man schon 650 zu mietende Autos sowie 10.000 registrierte Nutzer. Gestartet ist der Anbieter in Österreich im Juni 2016, nach dem Rollout in Frankreich, Deutschland und Spanien. Einstiegsdroge?

Tatsächlich sagen immer mehr Bauträger, dass etwa der Kfz-Stellplatz für jüngere Wohnungsmieter und -käufer kaum mehr relevant sei – man müsse daher anders

bauen. Hält der Trend an, könnte sich, sehr langfristig gedacht, das Straßenbild verändern. Denn, so räumt car2goÖsterreich-Chef Alexander Hovorka mit einem Vorurteil auf: Carsharing mache den Umstieg auf Öffis nicht weniger schmackhaft – rund zwei Drittel der Carsharer hätten eine Jahreskarte der Wiener Linien. Die Kehrseite: Kritiker warnen bereits vor der „Bequemlichkeitsmobilität“ als „Ersatzprodukt für das Fahrrad, den öffentlichen Verkehr und das Taxi, das Sharingauto könne doch auch als Einstiegsdroge für den eigenen Pkw dienen“. Der Geograf Stefan Weigele wertet mit seiner Hamburger Beratungsgesellschaft

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Civity Millionen Datensätze stationsunabhängiger Fuhrparks in Deutschland aus. Durchschnittlich führen Carsharingfahrzeuge (nur) eine Stunde pro Tag. Und dem deutschen Umweltministerium zufolge hätten beim stationsbasierten Anbieter Flinkster 72 Prozent der Kunden kein Auto, beim Free-floating-Angebot Drive Now sind es lediglich 43 Prozent. „Free-floating-Systeme ziehen offensichtlich Haushalte stärker an, die am privaten Autobesitz festhalten – Kunden stationsbasierter Systeme verzichteten eher“, kommentierte der deutsche Bundesverband Carsharing. Die deutsche Umwelthilfe ist zufrieden, wenn die stationären Carsharingkonzepte wenigstens den Zweitwagen verhindern, warnt gleichzeitig aber Kommunen davor, Carsharing durch kostenlose Parkplätze und reservierte Stellflächen etc. zu fördern; dies sei „Verkaufsförderung für die Autoindustrie“. Also doch: Busse und Bahnen sollten günstiger sein oder werden, das öffentliche Verkehrsnetz sollte ausgebaut statt ausgedünnt werden. Ob Dieter Zetsches Fantasien, seines Zeichens Daimler-Chef, wahr werden? Dass die Parkplatzsuche irgendwann einmal der Vergangenheit angehört, denn „dann kommt das autonome Elektroauto per App zu mir, wenn ich es brauche“. Immerhin will der Konzern in einigen Jahren Roboterautos über den Fahrdienstvermittler Uber anbieten. Oder ist es die Angst davor, dass das eigene Auto überflüssig wird? Nicht umsonst startete Daimler car2go und rief BMW DriveNow ins Leben …

Foto: Jonathan Pielmayer

Kommt der Roller to go?

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Und bald schon könnte nach dem „Bikesharing“ das „Elektroscootersharing“ kommen: Geht es nach dem deutschen Start-up Walberg Urban Electrics soll der „Roller to go“, der elektrisch angetriebene Tretroller, die urbane Mobilität und das

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Straßenbild bereichern. Die Rollerflotte soll über eine Smartphone-App angesteuert und auch gewartet werden können. Anders als in Deutschland, wo ein Roller mangels Sitzgelegenheit nicht als zugelassenes Fahrzeug gilt, sind Elektroscooter hierzulande laut der Seite help.gv.at des Bundeskanzleramtes als „zweirädrige Kleinfahrzeuge mit einem Elektromotor als Antrieb ohne Sitz“ definiert, die „als Stehroller für eine Person konzipiert“ sind. Mit einer Bauartgeschwindigkeit bis 25 km/h und maximal 600 Watt seien sie als Fahrrad zugelassen, darüber hinaus gelten sie als Motorfahrräder. Gekauft würden die Scooter in Österreich und der

Schweiz laut Firmenchef Florian Walberg bereits heute gern. Es geht aber auch „alternativer“, führt der Verein „Stadtmarketing Austria“ an: Erfolgreiche Beispiele für regionale Projekte, um die Mobilität von Bürgern zu erhöhen, seien etwa der kostenlose Lastenradverleih in Wiener Neustadt, Innsbruck und Graz sowie der niederösterreichische Verein „fahrvergnügen.at“. Letzterer hat es sich zum Ziel gesetzt, in allen interessierten Gemeinden den Bürgern ein Elektroauto für die gemeinsame Nutzung zur Verfügung zu stellen. Die Zahl gemein­nütziger Vereine häuft sich: Beispiel „ElektroMobil Eichgraben“. Rund

70 ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer haben von Ende September 2015 bis Ende September 2016 über 7600 Fahrten im Ort absolviert. Jede Person mit Haupt- oder Nebenwohnsitz in Eichgraben sowie Personen mit einem Bezug zu Eichgraben können Mitglied werden. Und jedes Vereinsmitglied hat die Möglichkeit, während der Betriebszeiten des Elektromobils nach vorheriger Anmeldung dessen Fahrdienste in Anspruch zu nehmen. Sogar die Fahrer zahlen einen Mitgliedsbeitrag. Der persönliche Vorteil zählt

Ganz generell gilt: Je jünger die Befragten, desto bekannter und beliebter ist die

CARSHARING FÜR COMMUNITIES Menschen, die miteinander arbeiten

Menschen, die miteinander wohnen

Menschen, die miteinander leben

FIRMEN

BAUTRÄGER

GEMEINDEN

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Nutzung von Sharingangeboten. Gerade das Teilen von Kleidung und Essen geht überwiegend auf das Konto der Jungen unter 30 Jahre. Bei den Übernachtungsangeboten rangiert die Sharingplattform Couchsurfing vor Airbnb, interessanterweise wird aber der Bezahlvariante Airbnb gegenüber dem Gratisschlafen häufig der Vorzug gegeben. Die mobile digitale Welt bringe die Sharing Economy jedenfalls in das nächste Level, bestätigt Sabine Auer, Business Planning Director Mindshare, die wachsende Beliebtheit von Sharing, getrieben durch technischen Fortschritt

„Kommunal betriebene Co-Working Spaces sind eine sinnvolle Maßnahme im Rahmen des Stadtmarketings“ (Stadtmarketing Verein)

und veränderte Kommunikation. Allerdings gehe es den Menschen beim Sharing weniger um den Gedanken des Teilens und Tauschens, sondern vielmehr um den persönlichen Vorteil. Anstatt etwas neu zu kaufen, zu besitzen oder traditionell ein Hotel zu buchen, sind sich die Nutzer von Sharingplattformen darüber einig, dass der Preisvorteil, die Flexibilität, daneben die Umweltverträglichkeit, das neue „Nutzen statt besitzen“ so attraktiv machen. Co-Working, Smoothie inklusive

Ein ähnlich blühender Zweig wie die „smarte“ Mobilität sind die temporären Wohnungen, Stellflächen und Büros. So bringt in Österreich store.me private Anbieter von ungenutzten Lagerflächen wie den Keller, die Garage, den Dachboden mit Menschen zusammen, die Stauraum unkompliziert und unweit ihres Zuhauses suchen. So weit, so gut. Auch beim Modell der Co-Working Spaces fin-

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det kaum jemand ein Haar in der Suppe. Die Vorteile sind klar: Der Unternehmer spart sich das eigene Büro, vor allem Start-ups wissen dies zu schätzen. Kleinunternehmen hatten bislang oft Probleme damit, auf dem regulären Markt Büros anzumieten, als Kleinmieter waren sie für Investoren meist gänzlich uninteressant, sagt der Immobiliendienstleister Engel & Völkers. Zudem kommt man mit Gleichgesinnten zusammen, Networking geschieht wie von selbst. Auch Kommunen profitieren letztendlich von der Vernetzung und dem Austausch ihrer Wirtschaftstreibenden. „Kommunal betriebene Co-Working Spaces sind daher durchaus als sinnvolle Maßnahme im Rahmen des Stadtmarke-

tings zu sehen“, heißt es beim Stadtmarketing-Verein. Derartige Flächen schießen nicht nur in Wien wie die Pilze aus dem Boden, sondern auch in den größeren Orten in den Bundesländern, ob in Villach (Co-Quartier) oder in Marchtrenk (SMG kreativ.RAUM). Auf maximale Flexibilität setzen die Betreiber von cocoquadrat, in einer vom Grazer Architekturbüro Innocad gestalteten ehemaligen Bankfiliale auf der Wiener Wiedner Hauptstraße: Hier vereinen sich zweistöckiger Co-Working Space plus Coffeeshop und es werden keine Fixkosten für die Büronutzung verrechnet. Abgerechnet wird nur die Zeit, die man wirklich im Co-Working-Bereich verbringt. Und das minutengenau mittels einer praktischen, eigens entwickelten Web-App.

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Foto: AYA images/Shutterstock

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nicht wissen, ist, ob diese Wohnungen für drei Wochen, drei Monate oder ganzjährig über Plattformen vermietet werden“, so Himpele. Man weiß auch nicht, warum eine Wohnung nicht verfügbar ist – sie kann gerade vom Gastgeber selbst bewohnt oder doch vermietet werden. Die Transparenz fehlt, teils verwenden auch größere Vermieter mit Gewerbeschein die Plattformen als Werbeplattformen für ihre Unterkünfte. Auf der anderen Seite hat Wien eine unterdurchschnittliche Anzahl von Ferienwohnungsvermietungen im Vergleich zu anderen Städten: Der Grund ist in den Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen zu sehen, die nicht auf diese Weise untervermietet werden dürfen. Engel & Völkers jedenfalls sieht viele neuartige Chancen für die Immobilienbranche. Diese könnten die Berufe in der Immobilienbranche langfristig positiv beeinflussen: „Generell lässt sich feststellen, dass trotz der verschiedenen Vor- und Nachteile die Offenheit und Nachfrage nach Zwischennutzungen kontinuierlich steigt.“ Highlight Urban Gardening

Airbnb-Vermieter an der Kandare

Umstrittener sind da schon die Onlineplattformen, über die Privatpersonen einzelne Zimmer oder ganze Wohnungen auf Zeit vermieten – direkt von privat an privat. Wer offenen Auges durch die Stadt streift, dem fallen die mittlerweile vielen Werbetafeln für Kurzzeitapartments oder die Schlüsseltresore an den Hauswänden auf, die nicht zwingend auf hohe Belegung mit Hochbetagten hinweisen müssen. Mehr als 8000 Angebote stehen laut Schätzungen Touristen in Wien auf diese Art und Weise schon offen. In Paris sollen es rund 50.000 sein, in Berlin 20.000. Der Hotellerie und der Stadt Wien sind Airbnb & Co. schon lange ein Dorn im Auge. Das Problem: Nicht alle Nutznießer führen die

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Ortstaxe ab und nicht alle Privaten deklarieren und versteuern ihre Einnahmen. Im Frühjahr 2017 trat die Änderung des Tourismusförderungsgesetzes in Kraft. Mit Herbst also müssen die Plattformbetreiber die Daten der Vermieter herausrücken. Die Stadt Wien verliert rund eine halbe Million Euro an Ortstaxe pro Jahr, so der Leiter der Abteilung Wirtschaft, Arbeit und Statistik (MA 23) der Stadt Wien, Klemens Himpele. Der Republik Österreich entgehen bezogen auf die Einkommenssteuer rund fünf Millionen Euro, wird geschätzt. Häufig wird auch gewettert, dass die Privatvermieter dem Wohnungsmarkt Mietwohnungen entziehen. „70 Prozent der Vermietungen sind ganze Wohnungen, nicht nur Zimmer. Was wir

Zumindest ein optisches Highlight in der Stadt sind die vielen trendigen Gemeinschaftsgärten (https://gartenpolylog.org). Hier werden Gemeinschaftsgartenprojekte in Zusammenarbeit mit beziehungsweise im Auftrag von Kommunen oder Institutionen initiiert. Der Verein teilt Expertise und Erfahrungen im Feld der interkulturellen Gemeinschaftsgärten und im Bereich des urbanen Gärtnerns. Gemeinsames Gärtnern ist äußerst beliebt, teils gibt es lange Wartelisten, um mitmachen zu können, wie beim Gemeinschaftsgarten Augarten. Urban Gardening blüht aber nicht nur in Wien. Der Verein Stadtmarketing Austria führt als gelungene Beispiele den interkulturellen Gemeinschaftsgarten in Bad Ischl oder das Projekt „Essbare Gemeinde“ der Marktgemeinde Übelbach an.

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Facility Services Leader ISS kratzt an der viertel Milliarde Alles aus einer Hand: Mit Property Services, Support Services, Cleaning Services, Security Services und – jetzt neu – Catering Services ist ISS Facility Services Österreichs führender Gesamtanbieter für alle Dienstleistungen rund ums Gebäude.

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Foto: ISS/Ludwig Schedl

uns. Und somit auch das beste in meiner über 30-jährigen Karriere bei ISS. Unser Jahresbericht weist für 2016 einen Umsatz von 236,5 Millionen Euro in Österreich aus. Mit dieser großartigen Umsatzsteigerung haben wir unseren Aufwärtstrend seit 2012 weiter fortsetzen können. Gut motivierte und bestens ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie engagierte Führungskräfte sind die Basis dieses Erfolges“, so Erich Steinreiber, CEO von ISS Österreich. „Um unsere Eigenleistungstiefe weiter auszubauen, werden wir 2017 erstmalig in der ISS-Geschichte in Österreich mit Catering Services beginnen. Notwendige Investitionen in die fachliche Kompetenz und in das Management haben wir bereits getätigt und wollen beginnend mit 2018 auch österreichweit diesen Service bei ausgewählten Kunden anbieten, um somit unseren Wettbewerbsvorteil weiter

Erich Steinreiber, CEO ISS Österreich: „Motivierte Mitarbeiterinnen und Mitar­ beiter sowie engagierte Führungskräfte sind die Basis dieses Erfolges.“

Foto: ISS/Thomas Gerstl

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as Jahr 2016 war das bisher beste Geschäftsjahr in der Geschichte von ISS Facility Services Austria. Aus der im Jahre 1956 gegründeten Ein-MannReinigungsfirma hat sich das – mit Abstand – erfolgreichste Facility-ServicesUnternehmen des Landes gemausert. Der dänischstämmige Mutterkonzern ist bereits seit 1901, also über 100 Jahre, weltweit erfolgreich. In der Dienstleisterstudie „Lünendonk Liste 2016“ attestierte man ISS ausgezeichnete Zahlen. So wird unter der Bezeichnung „Führende Facility-ServiceUnternehmen in Österreich“ die ISS Austria auf Platz eins genannt, mit 220,8 Millionen Euro Umsatz (2015). Dass Platz zwei lediglich 115 Millionen Euro erwirtschaftete, zeigt, mit welchem Abstand ISS hier führt. Diesen Aufwärtstrend konnte ISS Österreich auch 2016 weiter fortführen: „2016 war das erfolgreichste Geschäftsjahr für

zu stärken“, so Steinreiber weiter. „Wir sind auch 2017 wieder erfolgreich ins Jahr gestartet: ISS konnte global einen Vertrag mit dem Pharmakonzern Shire abschließen – für ISS Österreich bedeutet dies, dass wir einen bestehenden Kunden behalten konnten und zukünftig auch die Möglichkeit haben, unser Dienstleistungsportfolio stark auszubauen. Für unsere Landesorganisation in Österreich bedeutet dies, im Segment Pharma die Marktführerschaft erweitern zu können“, freut sich Steinreiber. „Auch mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen wir uns sehr intensiv. Hier profitieren wir auch von einer Koopera­ tion von ISS Global mit IBM.“ Somit spielt auch der Zeitgeist in die Tasche der ISS, die Ende 2017 die Viertel-Milliarde-Grenze endgültig knacken wird. www.issworld.at

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Logistik für die letzte Citymeile Der Onlinehandel verlangt nach neuen logistischen Konzepten – nah an den Absatz­ märkten. Die Drohne hat wohl keine Chance. Das Verteilerzentrum im Erdgeschoß aber umso mehr. Text: Rudolf Grüner

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andel ist Wandel, behauptet schon ein altes Sprichwort. Doch er sorgt unserer Tage auch vermehrt für Stau und Stillstand in den Städten: Das E-Commerce-Zeitalter und sein Versprechen nach „same-day-delivery“ bringt Einkaufsstraßen wie Logistiker unter Druck – und immer mehr Zustelldienste auf die bereits jetzt heillos überfüllten Straßen. Ein Zustand, der vor allem in den stark verdichteten Innenstädten nach neuen Lösungen verlangt und Planer, Gewerbeflächenentwickler und Güterbeförderer auch nach unkonventionellen Logistikmodellen suchen lässt. Neben dem Bedarf ist auch der Anspruch groß: Hocheffizient und finanzierbar sollten diese Modelle natürlich sein, gleichzeitig nachhaltig, stadtbildschonend, umwelt- und sozialverträglich. Ob die Lieferdrohne schon bald den gefiederten Stadtbewohnern am Cityhimmel Konkurrenz machen wird, welche Flächen (neu) in Nutzung zu setzen sind und wie cityfreundliche Rahmenbedingungen für die in der Immobilienbranche immer stärker boomenden Stadtlogistikzentren auszusehen haben, war Gegenstand eines Logistiksymposiums, das im Frühjahr 2017 unter der Ägide des Gewerbeimmobilienentwicklers Go Asset in Wien über die Bühne ging. Drohnen bleiben draußen

So viel vorweg: Die Drohne wird Taube & Co so schnell nicht verdrängen. Möglich, dass im ländlichen Raum in fernerer Zukunft dieses Szenario – abhängig vom Versandgut – nicht auszuschließen sein wird, wie beim Get-together zu erfahren war. Für die Stadt und deren logistische Erschließung auf der letzten Meile seien aber bodenständigere Lösungen an- und weiterzudenken. Dazu braucht es neben umweltfreundlicheren Transportarten auch neue Gebäudetypologien. Hier, so der einhellige Tenor, sei man derzeit noch in der Findungsphase. Am weitesten fortgeschritten sind laut Experten Micro-Hubs und Abhol­ stationen, die die Verkehrsbelastung in sensiblen Zonen verringern helfen sowie Kraftfahrzeugkilometer und Energie einsparen lassen. Rein ins Erdgeschoß

Um Wien „citylogistikfit“ zu machen, ist aus Sicht der Entwickler vor allem aber die Raumplanung gefordert, die für eine strukturelle Durchmischung zu sorgen habe. Da die Bundeshauptstadt derzeit keine dedizierte Widmung „Logistik“ für Liegenschaften kenne, stünden Logistik-Developer in starker wirtschaftlicher Konkurrenz zu dicht bebauten, effizienteren und renditestärkeren Immobilienklassen – und damit auch vielfach ohne Flächen da. Kein Wunder, dass bei der Fachveranstaltung der Wunsch nach einer Änderung nicht nur einmal laut wurde. Ziel sei es, Warenflüsse übergeordnet planen zu können. Bei Go Asset denkt man dabei an die ausschließliche Widmung von nur schwer verwertbaren Erdgeschoßzonen. So könnten Objekte in Innenstadtlagen noch besser in Mischnutzung ausgelastet werden. Wien als teures Logistikpflaster

Warum Wien auch am Stadtrand – im Gegensatz zur slowakischen Nachbarhauptstadt – über keine großen, auf Funktionalität getrimmten Logistikflächen verfügt? Auch hier war man beim Symposium um keine Antwort verlegen – und sich in der Analyse einig: Zum einen sei die Verfügbarkeit gewidmeter Grundstücke enden wollend, zum anderen die Akzeptanz in der Bevölkerung und Lokalpolitik kaum bis nicht vorhanden. Wichtigstes Killerargument bleibt aber der Preis: Die hohen Grundstückspreise würden einfach keine marktfähigen Mietenhöhen zulassen, so der Expertenzirkel.

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Kulinarischer City-Kosmos Gegessen werden muss immer. Auch wenn die eigene Küche kalt bleibt. Doch während sich Landbewohner mit dem klassischen Wirtshaus zufriedengeben, sind die Städter wählerischer. Wohl auch weil zwischen Büromeetings und Feierabendstress die Zeit deutlich knapper geworden ist. Text: Jonathan Pielmayer

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Illustration: Mario Ewald

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as Geschäft mit dem Essen boomt – das verrät nicht nur ein Blick in die Kochbuchecke beim Buchhändler Ihres Vertrauens oder einer auf Aberhunderte Foodblogs. Auch wer beim Flanieren durch die Stadt seine Augen offen hält, nimmt die steigende Anzahl der Neueröffnungen wahr: trendige Burgerläden, hippe skandinavische Cafés oder vegane Restaurants. Wer jedoch genau hinsieht, erkennt auch andere Aspekte: Viele Geschäfte schließen, wechseln alle paar Monate den Besitzer. Franchiser schnappen sich begehrte Standorte. Und keine Einkaufsmall kommt mehr ohne Foodcorner aus. Ein voller Teller mag auf Instragram oder Facebook ein guter Post für Likes sein, in der Gastronomie aber wird er zum big business – und Geldströme beeinflussen meist auch die Struktur der Stadt.

gilt in erster Linie für Bahnhöfe, Citypassagen oder Einkaufsmalls. Die gehobene Gastronomie bevorzugt meist ruhigere Plätze. Schani­gärten sind dabei nahezu unerlässlich. Aber auch hier gibt es Straßenzüge, wo sich eine Vielzahl an Betrieben zusammenzieht. Ebenso bei der letzten Gattung von Gastronomiekultur in der Stadt: den Take-away-Meilen. Die Thaliastraße im Wiener Bezirk Ottakring gehört beispielsweise dazu. Hier reihen sich Dönerbuden und Pizzaläden wie auf einer Perlenschnur aufgefädelt aneinander. Es liegt in der Natur dieses Systems, dass die entsprechenden Geschäftslokale vorrangig dort zu finden sind, wo auch ein hoher Personenverkehr vorhanden

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ist. Hauptverkehrsadern oder Knotenpunkte der öffentlichen Verkehrsmittel gehören unbedingt dazu. Lukullisches Lockmittel

Gastronomie zieht Menschen an! Gäbe es in Einkaufszentren keine Restaurants oder Schnellimbissbuden, würde wohl auch der Umsatz von dort ansässigen Kleiderbouti-

Wo wir wie essen

Wer sich in seiner Stadt umschaut (sofern sie eine gewisse Mindestgröße aufweist), trifft auf unterschiedliche Gastrozonen. Die Innenstadt, vor allem bei einer schmucken Altstadt, ist meist von alteingesesse-

In der Altstadt tummeln sich historische Gasthäuser, an den großen Verkehrsknotenpunkten steht eine Take-away-Bude neben der anderen. nen Gasthäusern geprägt. Zwischendurch finden sich immer wieder Franchiseläden, nur gelegentlich lassen sich in Toplagen innovative Konzepte finden. Je höher die Fluktuation an Menschenmassen, beziehungsweise je größer die Umsatzerwartungen an den Standort, desto eher trifft man auf internationale Ketten. Dies

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quen absinken. Eine Handvoll attraktiver Ziele genügt, um den Hungrigen da draußen genügend Auswahl zu geben – und einen Grund, immer wieder vorbeizuschauen. Wenn sie sich im Anschluss ihres Snacks noch ein neues T-Shirt leisten, ist das Konzept der Mall aufgegangen. Die Wiener Bezirke Neubau oder Jo­sef­stadt gehören zu den begehrtesten

Wohnvierteln der Stadt. Wer sich jung und hip fühlt, sucht sich hier gerne seine Bleibe. Dies liegt allerdings nicht nur an der zentralen Lage. Die hohe Dichte von innovativen Ladenkonzepten (nicht nur Gastronomie, aber auch) wirkt ebenfalls geradezu magnetisch. Im Umkehrschluss könnte dies heißen: je beliebter die Cafés und Restaurants, desto höher die Mietpreise im Wohnviertel, Stichwort „Gentrifizierung“. Gelieferte Gemütlichkeit

Illustration: Mario Ewald

Stadt bedeutet aber nicht nur Fortgehen und schöne Szenelokale, sondern auch immer Tempo! Hier in den Ballungszentren gibt es in den heutigen Industrienationen viele hochbezahlte Jobs. Wer aber arbeitet, hat keine Zeit, sich stundenlang ins Restaurant zu setzen – oder in die Küche zu stellen. Gut, dass sich mittlerweile Lie-

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Früher nur Pizza und AsiaNudeln, heute auch gehobene Gastroküche – der Lieferdienst ist erwachsen geworden.

ferservices zum eigenständigen Business entwickelt haben. Ob Foodora, Uber Eats, Mjam oder Deliveroo: Die Bringdienste überschwemmen den Markt und buhlen um hungrige und „ausgehmüde“ Kundschaft. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Pizza und Asianudeln, auch gehobene Restaurantküche oder Biogerichte stehen je nach Anbieter zur Auswahl. Schätzungen zufolge liegt das Auftragsvolumen bei Essensauslieferungen in Österreich bei etwa 750 Millionen Euro jährlich. Allerdings wird ein Großteil davon immer noch klassisch über Telefon abgewickelt. Die moderne Bestellung läuft jedoch über eine App – mit dem Vorteil, dass der Kunde zwischen einer Vielzahl an Restaurants wählen kann. Dabei muss der Onlineanbieter nicht zwangsläufig auch der Auslieferer sein. Doch ganz gleich, wer die Bestellung zum Kunden fährt, diese Essensboten sind es, die das Bild einer modernen und schnellen Stadt prägen – auf ihren Fahrrädern oder E-Bikes, in voller Firmenmontur und mit kantigen Styroporboxen. Sie flitzen durch die Straßen, um die gewünschte Lieferung innerhalb von höchstens 30 Minuten zu ihrem Zielort zu bringen. Die Kuriere sind meist fahrradaffine Studierende. Viel Geld lässt sich mit diesen Jobs nicht verdienen, zudem ist noch der Druck auf die Boten ungleich hoch. Schwierig für die Fahrer ist das richtige Tempo. Sind sie zu langsam, bekommen schnellere Fahrer die nächsten Jobs. Treten sie jedoch zu sehr in die Pedale, wählt der interne Firmenalgo-

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rithmus diese Fahrer für besonders lange Fahrten aus – und je länger die Fahrten, desto weniger davon können die Boten pro Schicht absolvieren. Und der Job wird pro zugestellter Lieferung bezahlt. Unterwegs und nebenbei

Freilich geht es immer noch eine Stufe simpler: mit Fertiggerichten. Damit sind jetzt nicht primär industrielle Tiefkühlwaren aus dem Supermarkt gemeint. Im Trend sind die frisch zubereiteten Speisen aus der Kühltheke von Billa, Spar & Co. Belegte Semmeln, Linsensalate, Curryreis und sogar vorgeschnittene Ananas, nach denen der Kunde nur mehr zu greifen braucht. „Convenience Food“ heißt der Zauberbegriff – „bequemes Essen“ auf gut Deutsch. In den großen Weltmetropolen ist der Trend zum vorgefertigten Essen noch weiter fortgeschritten. Ganz gleich ob Supermärkte, Feinkostläden oder spezielle Delis, es werden unzählige Gerichte zum Verkauf angeboten, die der Konsument daheim oder im Büro nur noch aufzuwärmen braucht.

Nahrung verbringen, desto unbedeutender wird sie für uns. Als Gegengewicht stilisieren wir die Samen des mexikanischen Salbeis zu hypergesundem Superfood hoch oder bilden uns nach einer kleinen Blähung eine ausgewachsene Lebensmittelunverträglichkeit ein. Andererseits, und hier ist der Gegenpol tatsächlich sehr sinnvoll gewählt, fangen immer mehr Großstädter an, ihre Paradeiser auf dem Balkon selbst zu ziehen. Das ist zwar noch weit entfernt von Selbstversorgung, aber der

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Umgang mit der Pflanze, also die Basis unserer Nahrungsversorgung, erdet im wahrsten Sinne des Wortes unser Verhältnis zum Essen. Daher ist es auch kein Zufall, dass Gegenbewegungen wie etwa Urban Gardening gerade dann entstehen, wenn vorgefertigte Gerichte aus der Kühltheke oder durch die Straßen flitzende Fahrradboten zum Renner werden.

Mahlzeiten, von jemand anderem gekocht oder vorbereitet, werden immer allgegenwärtiger, verfügbarer, aber auch austauschbarer. Doch je weniger Zeit wir mit der Zubereitung und letztlich auch dem Verzehr unserer

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Illustration: Mario Ewald

Ambivalentes Verhältnis

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Die unterschätzte Liegenschaft Parkhäuser, Logistikzentren, Studentenwohnheime – die Investitionsziele des Immobilienkapitals werden immer bunter, meist deswegen, weil es zu wenige CoreImmobilien gibt. Noch kaum entdeckt: Tankstellen. Dabei spricht einiges für diese Liegenschaften, denn sie liegen meist an gut frequentierten Punkten. Text: Heimo Rollett

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er an Tankstellen denkt, bewegt sich gedanklich schnell im öligen Klischee. Besonders sympathisch sind Tankstellen selten, auch der architektonische Mehrwert bleibt bescheiden. Dennoch gehören diese Einrichtungen zu einer Stadt: Hier als Schlurf in Form einer Arkadentankstelle, über der sich ein Wohnblock auftürmt, dort als eingezäuntes Grundstück neben einem Supermarkt. Manche von ihnen werden pleitegehen, denn die Welle des Tankstellensterbens hat in Österreich (anders als in Deutschland) gerade erst begonnen. Und dann wird es spannend: Denn die Grundstücke bieten allerhand Potenzial zur Nachnutzung und zur urbanen Gestaltung. Was passiert also mit den aufgelassenen Standorten, wenn sie nicht von kleinen, wendigen Betreibern übernom-

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Foto: Tesco

In Zukunft werden Tankstellen hybride Servicepunkte sein, bei denen auch im Internet be­ stellte Waren abgeholt werden können – bei Tesco in Großbritannien ist das bereits Realität.

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men werden? Einigen großen Mineralölkonzernen scheint es egal zu sein, ob es sich um eine gute Liegenschaft handelt oder nicht, meint ein Makler, der sich auf Industrieobjekte spezialisiert hat und immer wieder neuralgisch gut gelegene Grundstücke sucht. Andere Unternehmen sehen durchaus den Wert der (Ex)Stationen und verkaufen die Immobilie etwa an Bauträger weiter. Nicht nur in Zeiten der Wohnungsknappheit ist das vor allem in Ballungsgebieten attraktiv. Ein Vorzeigebeispiel des Grundstücksrecyclings findet sich in der Simmeringer Hauptstraße in Wien. Dort setzte die GESIBA auf eine verwaiste Tankstellenliegenschaft ein Projekt mit 116 geförderten Zwei- bis

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Vier-Zimmer-Mietwohnungen mit Kaufoption, sowie einen 350 Quadratmeter großen Kinderspielplatz. Und die mögliche Kontamination des Grundstücks? Kein Problem, meint GESIBA-Generaldirektor Ewald Kirschner, man habe alle bestehenden Unklarheiten einer möglichen Kontamination vor der Transaktion geklärt. Es gäbe mittlerweile klares Regelwerk und Risikoverantwortung, weiß auch Wolfgang Schmitzer, Geschäftsführer des auf Tankstellenliegenschaften spezialisierten Unternehmens Side-Projekt. Aber muss es gleich ein Abriss sein? Nein, eine schlecht performende Tanke muss nicht gleich komplett umgenutzt werden. Mieter bzw. Pächter, die die Tanke zusätzlich als Lager,

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Nahversorger, Autoschauraum, Apotheke, Gastrotreffpunkt nutzen, gibt es am Markt genug. Zündender Servicefunke?

Was das Tankstellensterben befeuert: die Umstellung von bemannten Tankstellen auf Automatikstationen. „Anstatt verwaister Betonflächen locken optimierte Automatenstandorte mit Services wie (mittlerweile auch automatisierten) Waschcentern, mit Poststandorten, Bäckereien, Blumenhändlern, modernen Snackangeboten oder sogar Arbeits- und Übernachtungsmöglichkeiten. Die Tankstelle der Zukunft ist ohnehin ganz anders konzipiert, als wir sie uns bislang vorgestellt haben“, so

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Foto: FarukPinjo

Warum?

Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass Einkaufszentren Lounges betrei­ ben? Sie könnten Vorbild für Tank­ stellen sein, auch diese werden ihre Aufenthaltsqualität erhöhen müssen.

Schmitzer, der gleichzeitig auf eine notwendige Differenzierung hinweist: „Beileibe nicht alle Tankstellen sind dem Tode geweiht, manche Typen boomen sogar, andere aber müssen sich verändern, um im härter werdenden Umfeld auch weiter wirtschaftlich erfolgreich zu sein.“ Dies könne über eine verbreiterte Servicepalette oder auch über Architektur erfolgen. Jedenfalls werden die Mobilitätszentren der Zukunft eine höhere Aufenthaltsqualität bieten müssen – vergleichbar mit Shoppingmalls. Und überhaupt – wir leben im Zeitalter der Energiewende. Öl ist pfui, Autos besitzen auch immer weniger. Teilen ist angesagt. In diesem Sinne werden die Tankstellen der Zukunft auch

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Es sind mehrere Gründe, warum Tankstellen vor einer Konsolidierungswelle stehen: Automobile haben immer größere Tanks und werden immer effizienter, die Elektromobilität bzw. die Multimodalität (also das Abwechseln mehrerer Fortbewegungsmittel wie zu Fuß gehen, Taxi, Fahrrad, E-Bike …) nagt auch am Treibstoffabsatz. Hinzu kommt: Österreich hat einfach zu viele Tankstellen. Ende 2005 zählte der Fachverband der Mineralölindustrie (FVMI) noch 1950 major-branded Tankstellen – das sind Stationen der großen Marken wie OMV, Shell, BP etc. Zehn Jahre später waren es nur noch 1357, was einen Rückgang um 593 oder rund 30 Prozent bedeutet. Nicht betroffen von der Ebbe im Treibstoffgeschäft sind große Tankstellen an der Autobahn und kleinere Tankstellenmarken und -betreiber. Die Anzahl der kleineren, sonstigen Tankstellen sei im Laufe der letzten zehn Jahre sogar von 883 auf 1284 Stationen gestiegen.

fit für den multimodalen Verkehr gemacht werden müssen – Stichwort Mischverkehr aus E-Fahrrädern, E-Autos, Taxis, Öffis etc. Und auch mit dem New Way of Work hat die heute ölverschmierte Tankstelle zu tun. Lounge statt Langeweile

Wissensarbeiter von morgen kennen keine räumlichen Grenzen mehr. Sie arbeiten natürlich im Büro, aber auch zu Hause und an sogenannten dritten Orten – im Kaffeehaus, in Lounges oder von überall, wo es gerade notwendig ist. Im Verkehr sind sie gerne antizyklisch unterwegs, statt sich die Zeit wegzustauen. Es wird daher auch auf neuralgischen

urbanen Punkten Flächen brauchen, die eine Arbeitsumgebung bereitstellen. Das muss – nein: soll – nicht das langweilige Büro mit dem grauen Teppich sein. Eine Lounge im Mobilitätscenter der Zukunft mit Highspeed-WLAN, Drucker und gutem Kaffee und Snacks wäre da wohl schon angenehmer. Wer das für einen bizarren Gedanken hält, der sei darauf verwiesen, dass auch Einkaufszentren bereits solche Services bereitstellen. So hat die SCS seit Kurzem im Rahmen ihres Loyalitätsprogramms eine eigene Lounge zum Arbeiten, Entspannen, mit Magazinen, Musik mittels Bose-Kopfhörern, Businesscorner etc. eingerichtet. Das hätte vor zehn Jahren auch noch keiner für möglich gehalten.

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Rendering: Lukas Göbl

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Symbol fürs Stromzeitalter Visionäre Leuchttürme der Stadt? Tankstellen zählen definitiv nicht dazu. Doch der „Tower of Power“ ragt heraus - aus vielerlei Gründen. Text: Rudolf Grüner hotovoltaik aufs Dach gepackt, darüber türmt sich eine adaptierbare Kleinwindtestanlage in den Himmel von Wien-Brigittenau: Mit dem „Tower of Power“ macht sich die Ära der Stromtankstelle im Stadtbild breit. Die hier errichtete energieautarke Ladestation für Elektroautos und E-Bikes tankt nicht nur architektonisch auf; der Initiatorenkreis – bestehend aus einem Wiener Bildungsinstitut und seinen Partnern aus Politik und Wirtschaft – hat mit ihr in der praktischen Berufsausbildung Neuland betreten. Hunderte Schulungsteilnehmer des Berufsausbildungszentrums (BAZ) des BFI Wien konnten im Zuge ihrer Facharbeiter-Intensivausbildung mit Unterstützung namhafter Vertreter der heimischen Elektromobilitätswirtschaft am realen Objekt ihr erworbenes Wissen austesten: Baupläne wurden gezeichnet, Modelle entworfen, Fundamente gegossen, Kabel verlegt und über

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4000 Einzelteile angefertigt. Heute wird dort, in der symbolträchtigen, auffälligen und vor allem technisch aufwendigen Charching Station, weitergelehrt. E-Innovation, archaisch verpackt

Dachfläche und Turm sind eng miteinander verbunden, erklärt Lukas Göbl, der mit seinem Büro das Design der 350 Quadratmeter großen Stromtankstelle konzipiert hat. „Die Kombination dieser beiden archaischen Bauformen schafft einen Bautypus, der funktional, inhaltlich und symbolisch dem innovativen Projekt eine explizite und markante Form zuweist.“

Skizze: explicit architecture

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GRAVO – Der Umzugsspezialist

Foto re.: Rawpixel.com/Shutterstock

Gravo ist ein junges, dynamisches, aufstrebendes Unternehmen mit Sitz in Wien. In einer schnelllebigen Welt mit wenig Zeitressourcen hat sich die Firma zum Ziel gesetzt, Unternehmen und Privatpersonen bei Umzugsprojekten so effektiv und professionell wie möglich zu unterstützen.

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ravo ist ein Komplettanbieter, das Motto des Unternehmens ist „all in one“, d. h. Umzug, Umzugsmanagement und Büromöbelverwertung aus einer Hand. Die Firma ist österreichweit Vor­reiter mit Spezialisierung auf Move Management. Der Gründer und Geschäftsführer, ­Gerhard Radosztics, beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Umzugsprojekten jeglicher Größe und hat sich mit seinem Team zum Ziel gesetzt, den Umzug zu einem positiven und einzigartigen Erlebnis zu machen. Ein Umzug ist für Unternehmen ein positiver Schritt in eine erfolgreiche

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Zukunft. Auf diesem Weg möchten wir unsere Kunden begleiten und den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, sich auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren. Gravo unterstützt Unternehmen durch professionelle Umzüge und kümmert sich zusätzlich um die komplette Planung, Organisation und Strukturierung der Übersiedlung. Der Relocation Service beinhaltet auf Wunsch die komplette Büroplanung, Innenarchitektur sowie alles zum Thema Akustik. Das Thema Verwertung von nicht mehr benötigten Büromöbeln ist für viele Unternehmen eine Herausforderung. Gravo küm-

mert sich um die Verwertung und spart den Firmen eine teure Entsorgung der Möbel. Mit modernsten Transportmethoden, innovativen Umzugsstrategien und topausgebildeten Mitarbeitern machen wir den Umzug für unsere Kunden zu einem besonderen Erlebnis. Durch die schlanke Struktur von Gravo erreichen wir ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis. Nach einem erfolgreichen Projekt organisiert Gravo auf Wunsch Willkommenspräsente für die Mitarbeiter und rundet deren Empfang mittels Welcome-Veranstaltung ab. www.gravo.at

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Lagerstädte: Ungehobene Schätze auf der Landkarte

Illustration: Cimmerian/Shutterstock

Der Rohstoffverbrauch steigt – besonders in der Bauwirtschaft. Doch wie die schwindenden Primärressourcen schonen? Das „Urban Mining“-Prinzip, das Städte als schier unendliche Baustoffquellen begreift, liefert Antworten. Auch in Wien wird Gebautes recycelt. Text: Brigitte Kranner-Habich und Thomas Matthias Romm

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s ist früher Abend. Ein Waldkauz schickt sein „kju-wíck“ in die beginnende Nacht hinaus, ein Fuchs jammert und spät heimkommende Berufstätige eilen mit Einkaufstaschen durch den autofreien großen Innenhof. Wir befinden uns in der Waldmühle Rodaun, eine Wohnhausanlage am Rande Wiens, knapp vor Kaltenleutgeben. Kaum zu glauben, aber noch vor weniger als zehn Jahren sprengte man an dieser Stelle gewaltige Felsstücke aus dem Hang. Und Hammermühlen zermahlten Steinbrocken zu feinem Zement. Der erste Teil der Zementfabrik wurde bereits 1996 geschlossen, der zweite Teil 13 Jahre später. Unansehnliche Industrieruinen am Rande von Wien, mitten im Wald. Gleich danach beginnt der Speckgürtel. Kein schönes Bild. Und doch ist die stillgelegte Zementfabrik mehr als ein Schandfleck in der Landschaft. Sie ist ein Rohstofflager, eine anthropogene – vom Menschen angelegte – Lagerstätte, eine urbane Mine. Und genau darum geht es bei Urban Mining: um die Nutzung der schon in Gebäuden, Fahrzeugen und Geräten verbauten Rohstoffe. Beispiel am Rande Wiens kann Schule machen

So hat man beim Projekt Waldmühle Rodaun die etwa 200.000 Tonnen verbauten Beton an Ort und Stelle mit modernen Brechanlagen zerkleinert und vor allem als Tragschicht für die Außenanlagen verwendet. Dadurch wurden nicht nur Materialkosten von rund 160.000 Euro eingespart, sondern vor allem Transportkosten von etwa einer Million Euro. Waldmühle Rodaun ist ein praktisches Bespiel für gelungenes Urban Mining. Dort passiert mehr als nur besseres Recycling. Es ist ein Denkmodell für die systematische Erfassung und Rückgewinnung von Rohstoffen (siehe dazu Kasten: Die vier Säulen des Urban Minings), die uns umgeben. Denkmodell auch deshalb, weil wir Abfälle neu denken lernen und einen Perspektivenwechsel vornehmen müssen: Wenn wir Rohstoff statt Abfall sagen, wenn wir Versorgung statt Entsorgung betreiben und wenn wir Kreislaufwirtschaft statt Abfallwirtschaft leben – dann sind wir beim Urban Mining angekommen. Haushalten mit Rohstoffen

Die Menschheit wächst und der Lebensstandard steigt weltweit. Ein höherer Lebensstandard bedeutet einen höheren Rohstoffverbrauch, aber Rohstoffe sind endlich. Und sie sind global sehr ungleich verteilt. Europa hat wenige Primärrohstoffe, also solche Rohstoffe, die noch aus der Erdkruste geborgen werden können. Einige Zahlen zur weltweiten Rohstoffentnahme belegen das sehr eindrücklich. Die Zahlen inkludieren biogene, mineralische, fossile und metallische Rohstoffe. Der Verbrauch biogener Rohstoffe ist seit 1980 fast unverändert. Wurden 1980 weltweit 36 Milliarden Tonnen Rohstoffe entnommen, so waren es 2011 bereits 78 Milliarden. Das bedeutet einen Anstieg von mehr als 100 Prozent. Der Abbau von Baurohstoffen und Industrie-

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• Weltweit sind 200.000.000 (!) Tonnen Aluminium in Bauwerken zwischengelagert. (Nebeneffekt: Der Einsatz von Sekundäraluminium spart bis zu 95 Prozent der Energie gegenüber der Primärproduktion.) • In einer modernen 100-QuadratmeterWohnung in Mitteleuropa sind circa 7500 Kilogramm Metalle verbaut. • 2010 wurden weltweit 1,6 Milliarden Stück Mobiltelefone verkauft: Darin sind 400 Tonnen Silber und 38 Tonnen Gold enthalten. • Auf deutschen Deponien vermutet man ein Lager von 26 Millionen Tonnen Eisenschrott und 850.000 Tonnen Kupfer. • Jeder Mitteleuropäer verbraucht im Laufe seines Lebens 307 Tonnen Sand und Kies sowie 29 Tonnen Zement, ­zwischengelagert als fertiger Beton. Hier liegen Milliarden von Tonnen an

Fotos: Waldmühle Rodaun Betreuungsgesellschaft mbH

mineralen stieg im selben Zeitraum aber um 228 Prozent! Für 2030 rechnet man mit einer Entnahme von 100 Milliarden Tonnen. In diesem Tempo kann es nicht weitergehen. Ist Urban Mining das Ei des Kolumbus zur Lösung einer (zukünftigen) Knappheit an Rohstoffen? Die Antwort kann nur lauten: Urban Mining wird Teil eines notwendigen Maßnahmenpakets sein. Wie immer im Leben ist alles eine Frage des Blickwinkels. Man schaut auf die schier unfassbaren Mengen an Primärrohstoffen, die jedes Jahr verarbeitet werden, oder aber man blickt auf die immensen Lagerstätten an Sekundärrohstoffen, die von uns Menschen seit Generationen aufgebaut wurden. Hier einige zufällig ausgewählte Beispiele (alle untenstehenden Mengen­ angaben sind Näherungswerte):

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Rohstoffen in ziemlich konzentrierter Form praktisch vor unserer Haustür und warten darauf, wiederentdeckt und wiederverwertet zu werden. Projektkonsortium BauKarussell

Urban Mining ist kein neuer Zugang zu Rohstoffen, sondern eine ganz selbstverständliche Notwendigkeit. Denken wir da

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Das Zementwerk (links im Bild) ist Staub von gestern. Als Rohstoffmine wurde der Werksbeton für das neu am Stadtrand Wiens entstandene Wohnprojekt Waldmühle Rodaun „in situ“ zerkleinert, aufbereitet und in die Tragschicht der Außenanlage eingearbeitet.

zum Beispiel an die Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg, die die Ziegel aus den zerbombten Häusern gesammelt haben, um daraus Unterkünfte zu bauen. Wir können uns glücklich schätzen, nicht in einer solchen Zeit der extremen Rohstoffknappheit leben zu müssen. Aber auch in Zeiten des Überflusses kann man sorgsam mit Rohstoffen umgehen. Auch

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dafür gibt es Beispiele. 2016 schlossen sich in Wien Vertreter und Vertreterinnen aus einschlägigen Branchen wie Architektur und Forschung, gemeinsam mit sozialökonomischen Betrieben wie der Caritas, dem WUK (Werkstätten- und Kulturhaus) oder dem DRZ Wien (Demontage- und Recycling-Zentrum) zum Projektkonsortium „BauKarussell“ zusammen, das sich

neben Urban Mining auch mit Re-UseAspekten im Baubereich auseinandersetzt. Bei Re-Use geht es um die schonende Verlängerung der Nutzungsdauer einer Ressource durch Aufbereitung, Reparatur, gemeinschaftliche Nutzung, Tausch und Verkauf im Sinne einer ganzheitlichen Kreislaufwirtschaft. Es stellt somit einen wichtigen Beitrag zur langfristigen und

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Grafik: Brigitte Kranner-Habich, urbanmining.at

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Kein Ablauf beim „Haltbarkeitsdatum“: Bauprodukte werden wieder zu Roh­ stoffen verarbeitet – so schließt sich der Kreis.

Das verwerten, was beim Bauen anfällt

nachhaltigen Sicherung der menschlichen Lebensgrundlagen für künftige Generationen dar. Reparaturcafés, die Plattform Harvest Map und ähnliche Netzwerke zeigen bereits seit Jahren erfolgreich, dass Re-Use auf kleiner Ebene funktioniert. Ziel von BauKarussell ist es, den ReUse-Gedanken mit Konzepten des Urban Minings zu verknüpfen, um Beschäftigung im Abfallbehandlungs- und Umweltsektor zu generieren: Dabei sollen neben Baustoffen auch Bauelemente in geplante Bauführungen miteingebracht werden. Die Frage des Blickwinkels ist hierbei eine entscheidende. Unter anderem sind Heizungen, Türen, Fenster oder Dachplatten oftmals in gutem Zustand und müssen nicht auf dem Müll landen. Sie können erneut in den Wirtschaftskreislauf einfließen.

Urban Mining muss aber keineswegs auf den Abbruch von Gebäuden beschränkt bleiben. Im Stofffluss des Baugeschehens machen die Potenziale mineralischer Abbruchverwertung nur 15 Prozent des gesamten Materialstroms aus. Gegraben wird aber bei jedem Bauvorhaben. Daher kann Urban Mining als Verwertung der Stoffströme verstanden werden, die sowieso beim Bauen anfallen: Abgebauten Kies und Sand kann man vor Ort zu Beton weiterverarbeiten. Dank moderner Technologien (mobile Bodenaufbereitungs-, Brech- und Waschanlagen) kann dies auf der Baustelle geschehen. Das hat den Vorteil, dass neben dem Schutz von Ressourcen keine Aufwendungen für Transport oder Lagerung auf Deponien anfallen. Der nach einfacher Absiebung weiterverarbeitete Kiessand kann für 50 Prozent der Betone beim neuen Rohbau eingesetzt

werden. Dieses Verfahren ist nicht nur ökonomischer, es verkürzt auch die Bauzeit und reduziert den Schadstoffausstoß. Urban Mining zielt also auf die Nutzung dieser Stoffe im Kreislauf von Rückbau, Erdbau zu Rohbau. Durch die Wiederverwendung von Ressourcen wird ein ökologischer Mehrwert geschaffen: Urban Mining ist ressourcenschonender als die Verarbeitung von Primärrohstoffen, spart Deponieraum und neue Abbaustätten. Ein wirtschaftlicher Nutzen lässt sich ebenfalls erzielen, da Gewinne aus der Abfall- und Transportvermeidung und der Verwertung lukriert werden. Soziale Frage schwingt hier mit

Mit Re-Use durch BauKarussell kommt noch ein sozialer Mehrwert hinzu. Im Fokus steht die Verknüpfung von Klimaschutz und Ressourcenschonung mit der

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Die vier Säulen des Urban Mining

Foto: Brigitte Kranner, urbanmining.at

Sozialwirtschaft durch die Schaffung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Vermittlungshemmnissen am Arbeitsmarkt. Laut einer Schätzung des Re-Use-Netzwerks „RepaNet“ könnten in Österreich durch die Etablierung von Projekten wie BauKarussell 18.000 neue Jobs entstehen. Neben einer Entlastung für den Arbeitsmarkt kann dies auch der Anfang eines Qualifizierungsprogramms zur Bereitstellung von neuen Ausbildungsplätzen sein. Hier entstehen Chancen für benachteiligte Menschen, Langzeitarbeitslose oder Menschen mit Migrationshintergrund, die in der Bauwirtschaft Fuß fassen wollen. Re-Use und Urban Mining können auch als Jobund Konjunkturmotor gesehen werden und sind ein wichtiger Beitrag zur Lösung von wirtschafts- und sozialpolitischen Herausforderungen. Brigitte KrannerHabich (Altmetalle Kranner): Die aus­ gebildete Pädago­ gin leitet das Famili­ enunternehmen und betreibt den Blog urbanmining.at, der 2016 mit dem Urban Mining Award aus­ gezeichnet wurde.

Urban Mining ist ein Modebegriff mit bestenfalls schwammiger Definition und unklaren Grenzen. Das „Vier-Säulen-Modell“ von Paul H. Brunner bringt Struktur in die Begriffsvielfalt. Urban Mining beginnt daher beim Produktdesign und endet bei der Entwicklung neuer, verfeinerter Technologien zur Rückgewinnung von Rohstoffen. Smart Design

Das ist der intelligenteste, aber auch aufwendigste Zugang zu Urban Mining. Unter dem Motto „Denke das Ende“ sollte bei jeder Produktentwicklung bereits die Wiederverwertung mitgedacht werden. Heute ist das noch nicht gängige Praxis. Ein typisches Beispiel dafür sind die Verbundstoffe zur Wärmedämmung beim Hausbau. Sie steigern die Energieeffizienz bei Bauten, aber es gibt derzeit noch keine Technologie für die stoffliche Verwertung am Ende ihres Lebenszyklus. In Zukunft wird man die Wiederverwertung und die Mehrfachnutzung der eingesetzten Rohstoffe schon im Design integrieren müssen. Rohstoffkataster

Um Rohstoffe effizient rückgewinnen zu können, muss man wissen, wo welcher Rohstoff wie verwendet wurde. Speziell in Bereichen mit großem Ressourcenverbrauch – Gebäude fallen hier darunter – wird es eine normierte Dokumentation der eingesetzten Rohstoffe geben müssen. Nutznießer dieser Gebäudepässe werden zukünftige Generationen sein. Prospektion urbaner Lagerstätten

Analog zum Bergbau muss es auch für den Städtebau Techniken und Methoden der Gewinnung von Rohstoffen geben. An der Bergakademie Freiberg (D) erforscht und lehrt man seit 1765, an der Montanuniversität Leoben (A) seit 1840 das Auffinden, den Abbau und Methoden der Aufbereitung für die Primärgewinnung von Rohstoffen. Äquivalente universitäre Institutionen für die Prospektion städtischer Minen fehlen noch zur Gänze, wiewohl sich einzelne Institute an oben genannten Universitäten mit Recyclingtechniken beschäftigen.

Foto: Salomé Salis

Neue Technologien

Architekt Thomas Matthias Romm, (forschen planen bauen ZT): Seine Schwer­ punkte liegen im Bereich Umweltwirksam­ keit des Planen und Bauens, bei Wohnbau­ innovationen, Logistik und Ökologie.

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Die Rückgewinnung von Rohstoffen ist immer eine Frage des Preises. Vieles ist möglich, nicht alles wirtschaftlich sinnvoll. Was heute empfehlenswert ist, kann morgen – wenn der Preis für einen bestimmten Rohstoff wieder gesunken ist – nicht mehr ratsam sein. Vieles ist aber bereits rentabel. Ein Beispiel hierfür wäre die Aufbereitung von Böden und Rückbauprodukten auf der Baustelle. Diese ist dank neuer Technologien – man denke nur an hochmobile Aufbereitungsanlagen – möglich. Österreich hat hier die Technologieführerschaft inne. Eine weitere Forcierung auf Forschung und Entwicklung ist ein klarer Handlungsauftrag an die Politik. Forschung und Entwicklung zur Rückgewinnung von Rohstoffen aus städtischen Minen dürfen nicht ausschließlich nach jeweils aktuellen ökonomischen Gesichtspunkten stattfinden.

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Foto: www.bauen-neu-denken.de

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Intelligente Baustoffe Nicht nur die Gebäude, die Alltagsgegenstände und Autos werden immer smarter, auch von den Baustoffen verlangt der Markt eine zukunftsweisende Intelligenz. Die wichtigsten Trends von morgen im Überblick. Text: Veronika Kober

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ir erleben seit Jahren einen anhaltenden Bauboom. Immer mehr Fläche wird umgewidmet, Geschäfts-, Büro- und Privatgebäude werden täglich „hochgezogen“. Die traditionellen Baumaterialen Beton, Stein und Holz haben sich dabei seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten nicht ablösen lassen. Glas und Stahl sind erst viel später hinzugekommen, gefolgt vom Aluminium. Forschung und Technik arbeiten ständig an der Verbesserung bestehender und der Entwicklung neuer Baustoffe und Materialien, die sich vor allem den heutigen Anforderungen an Energieeffizienz, Klimawandel und Recycling anpassen.

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Wussten Sie zum Beispiel, dass die Herstellung von Zement ganze 7 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes für sich beansprucht? Ein riesiger Anteil, der durch Alternativen minimiert werden könnte und, wenn wir uns die CO2-Bilanz der Industrienationen ansehen, schlichtweg muss. Credo der Forschenden: Im Idealfall lotet das Bauen von heute bereits die Probleme und Chancen von übermorgen aus. Sprich: Die Häuser von morgen sollen Energie sparen, keinen Müll hinterlassen und im Endeffekt das Klima retten. Einige der interessantesten marktreifen Entwicklungen möchten wir näher beleuchten:

Beton, der Strom erzeugt

Forscher an der Universität Kassel haben „DysCrete“ entwickelt, einen leitfähigen Beton, auf den eine Farbstoffsolarzelle gesprüht oder gedruckt wird. Ergebnis sind Strom erzeugende, geschlossene Oberflächen, die als Fassaden, Gehbeläge, Dächer und Ähnliches eingesetzt werden können. Erfunden wurde die spezielle Solarzelle übrigens bereits vor über 20 Jahren von Michael Grätzel an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne, was dieser Technologie auch den Beinamen „Grätzelzelle“ verschaffte. Im Gegensatz zu herkömmlichen Solarzellen (Silizium-Photovoltaikzellen) kön-

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nen die umweltfreundlichen, biologisch abbaubaren Grätzelzellen sehr kostengünstig hergestellt werden. Ausgangsmaterial sind organische Flüssigkeiten, zu Beginn der Forschung wurde sogar mit Ribiselsaft gearbeitet. Ziel ist es, ein Material zu entwickeln, das nicht nur als Fassadenelement und Fertigteil mit Solarfunktion einsetzbar ist, sondern auch die Oberflächen von Möbeln und Ähnlichem darstellt. Der Einsatz der Technologie im großen Stil könnte das Haus der Zukunft zum selbstständigen Energieträger ma­chen, der sich nachhaltig und dezentral selbst mit regenerativer Energie versorgt.

Bei der Herstellung von Carbon- bzw. Textilbeton (li.) werden Kohlenstofffasern in das Rohmaterial eingebracht. Damit Beton Strom erzeugen kann, wird er mit der Grätzel­ zelle beschichtet. Die Uni Kassel ist mit „DysCrete“ Vorreiter auf dem Gebiet (o. und u.).

Ein Forscherteam an der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm hat es geschafft, transparentes Holz herzustellen. Sie sind damit aber nicht die ersten – bereits an der University of Maryland, College Park, wurde mit der Transparentmachung des nachwachsenden, ökologischen Baustoffes experimentiert. Was die Technologie der Schweden rund um Lars Berglund von den bisherigen unterscheidet, ist ihre Eignung für die Massenproduktion. Könnten in Zukunft unsere Fensterscheiben und die in der modernen Architektur immer beliebter werdenden großen Glasflächen also aus Holz bestehen? Die Herstellung von transparentem Holz beginnt mit der Zerteilung des Materials in dünne Scheiben, die dann in einer speziellen Lauge gewaschen werden, um sie vom Lignin (verantwortlich für die Verholzung der Zelle) zu befreien. Dann wird mit einem transparenten Polymer imprägniert, das Ergebnis ist ein Transparenzgrad von bis zu 85 Prozent - vergleichbar mit jenem von Plexiglas. „Niemand hatte zuvor die Möglichkeit in Betracht gezogen, größere transparente Strukturen herzustellen, um sie für Solarzellen und

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Fotos: BAU KUNST ERFINDEN/Klussmann/Klooster

Durchsichtiges Holz

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Nicht Glas, sondern echtes Holz: Transparent Wood spielt in der Zukunft der Baustoffe eine große Rolle und könnte irgendwann Glas ersetzen.

in Gebäuden zu verwenden“, so Berglund über die Ziele der Forschung. Carbon statt Stahl

Seit über 100 Jahren ist Stahlbeton aus der Baubranche nicht wegzudenken. Nun soll Carbon dem Stahl folgen. Das Geheimnis? Kohlenstofffasern. Hergestellt wird Carbonbeton zurzeit auf drei verschiedene Arten: Bei Methode Nummer eins werden dem Beton Kohlenstofffasern beigemischt, die sich wild im gesamten Bauteil verbreiten. Beim zweiten Verfahren legt man gitterartige Textilmatten aus Kohlenstofffasern zwischen die Feinbetonschichten. Wissenschaftler an der Universität Augsburg haben noch eine dritte Möglichkeit zur Herstellung von Carbonbeton entwickelt: In einem speziellen Düsenverfahren werden die Fasern direkt in den Beton gespritzt. Resultat aller Prozesse ist ein High-Performance-Baustoff mit extremer Zugfestigkeit.

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Die Vorteile von Carbonbeton überzeugen: Stahl rostet, Carbon nicht. Um Stahl vor Korrosion zu schützen, sind sehr dicke Betonschichten nötig – mit entsprechend hohem Rohstoffaufwand, Stichwort Sand, und einem überdurchschnittlichen CO2Ausstoß. Ausgangsmaterial für Carbon ist übrigens alles, was Kohlenstoff enthält. Zurzeit wird etwa mit Lignin experimentiert. Außerdem macht Carbon den Beton um das Fünf- bis Sechsfache fester und erhöht auch seine Lebensdauer deutlich. Forscher nennen als Beispiel die Lebensdauer von herkömmlichen Stahlbetonbrücken, die bei etwa 40 bis 50 Jahren liegt, während die gleiche Brücke aus Carbonbeton bis zu 80 Jahre ohne Sanierung auskäme. Dritter massiver Vorteil des neuen Baustoffes ist sein Gewicht. Laut Experten ist er viermal leichter und damit auch flexibler als Stahlbeton.

Carbon besteht aus Kohlenstoff. Die Ressourcen für diesen wichtigen Bestandteil von Carbonbeton sind also unerschöpflich. Und obwohl ein Kilogramm Carbonstahl in der Herstellung etwa 20-mal so viel kostet wie Stahlbeton, trägt sich das Argument der höheren Kosten nicht. Denn Carbonbeton ermöglicht wie bereits erwähnt eine Materialersparnis von etwa 75 Prozent, was natürlich auch die Gesamtkosten für Bauprojekte erheblich senken kann. Unter Einberechnung seiner Langlebigkeit, Festigkeit und Korrosionsbeständigkeit gleichen sich die finanziellen Belastungen aus. Was kommt also nach Beton, Holz und Glas? Nichts, wie es zurzeit scheint. Aber die bewährten Baumaterialien werden laufend verändert und so effizienter gemacht.

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Foto: Maryland NanoCenter

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Stadterneuerung: Sanft ist möglich

Foto: Trimmel Wall Architekten ZTGmbH, Architektin Isabella Wall

Die Form folgt der Funktion – dies gilt insbesondere bei Projekten im Rahmen der „sanften Stadterneuerung“ in Wien. Die Architekten lassen sich ganz schön viel einfallen, um die historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig nachhaltig nachzuverdichten. Text: Linda Benkö

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Beim Stadterneuerungspreis 2016 wählte die Jury das Projekt Dingelstedtgasse 12 zum Sieger. Trimmel Wall Architekten ZTGmbH renovierten liebevoll die Fassade des Gründerzeithauses.

m Mai 2017 war es erneut so weit. Die Jury, die über die zum 32. Stadterneuerungspreis eingereichten Projekte entscheidet, ist wieder zusammengesessen. Die Preisträger 2017 standen zum Redaktionsschluss noch nicht fest, aber der Blick auch auf in der Vergangenheit gewürdigte Projekte lässt der Architekturliebhaber Herzen höherschlagen. Wien zeigt bereits seit Jahrzehnten vor, dass Erhaltung alter Bausubstanz bei gleichzeitiger Adaptierung auf neueste Baustandards möglich ist. Touristen strömen nicht nur zur Besichtigung historischer Bauten in die Bundeshauptstadt, es werden gern auch kürzlich sanierte und revitalisierte Häuser bewundert. Der Ansatz, Altes, so weit es geht, zu bewahren und mit Neuem zu vereinen, spiegelt sich im Wiener Modell wieder, das damit 2010 immerhin den UNOPreis „Scroll of Honour“, vergeben vom „United Nations Human Settlements Programme“ (UN-Habitat), holte. „Wien hat die Menschen in den Mittelpunkt seines Stadterneuerungsprogramms gestellt, indem Häuser renoviert wurden, anstatt sie abzureißen. Dadurch haben sich die Lebensbedingungen von Tausenden Menschen enorm verbessert“, hob Yury Fedotov, Generaldirektor des Büros der Vereinten Nationen in Wien, bei der feierlichen Verleihung des Awards hervor. Zu den wichtigsten Merkmalen der Wiener Stadterneuerung, so UN-Habitat, gehören

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Fotos: Trimmel Wall Architekten ZTGmbH, Architektin Isabella Wall

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klare Entscheidungsstrukturen unter Einbindung aller Beteiligten und eine breite Bewohnermitbestimmung. Neben der sozialen Dimension hob UN-Habitat auch den Beitrag der im Rahmen der Wiener Stadterneuerung bis 2010 ausgelösten Gesamtinvestitionen von rund 5,9 Milliarden Euro zur Stärkung der lokalen Wirtschaft und des Arbeitsmarkts hervor. Ein wichtiges Kriterium sei die sogenannte „Sockelsanierung“, bei der Wohnhäuser erhalten

und verbessert werden, ohne die Mieter umzusiedeln. So befindet sich bereits mehr als ein Fünftel aller Wiener Wohnungen in einem mit Unterstützung aus Mitteln der Wohnbauförderung sanierten Haus. Eine Aufgabe, die nicht endet

Schon seit rund 40 Jahren setzt Wien auf das Modell der sanften Stadterneuerung. Die Altstadterhaltung sichert das (bau)kulturelle Erbe und so nicht zuletzt

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auch die anhaltende Attraktivität Wiens als Tourismusmetropole. Dafür macht die Stadt auch einiges an Geld locker. Ge­bäude mit fast 400.000 Wohnungen wurden seither mit Fördermitteln der Stadt Wien umfassend saniert. Gleichzeitig wurden und werden gewachsene Grätzel behutsam aufgewertet. Aus dem Büro des Wohnbaustadtrats heißt es, dass „jährlich rund 200 Millionen Euro aus Mitteln der Wiener Wohnbauförderung bereitgestellt werden“. Nebeneffekt der „sanften“, bewohnerorientierten Stadt-

Die Altstadterhaltung sichert das baukulturelle Erbe und die Attraktivität Wiens als Tourismusmetropole.

erneuerung, ist die dadurch entstehende soziale Durchmischung, Sozialgettos wurden und werden weitgehend vermieden, auch die sogenannte Gentrifizierung – die Verdrängung der angestammten Bevölkerung durch besser verdienende, jüngere Bewohner, die bereit sind, höhere Mieten und Kaufpreise zu zahlen – konnte bislang hintangehalten werden. Gleichwohl haben sich manche Regionen Wiens, etwa das Karmeliterviertel im zweiten Wiener Gemeindebezirk oder der Bereich rund um den Brunnenmarkt in Ottakring stark gewandelt – von Arbeiterquartieren zu Trendgrätzeln. Was nicht ohne Auswirkungen auf die Immobilienpreise geblieben ist: „Rund um den Karmelitermarkt hat es zum Teil Preissteigerungen von in Summe 30 Prozent innerhalb der letzten zwei Jahre gegeben“, bestätigt Markus Arnold vom Zinshausspezialisten Arnold Immobilien. Das gefürchtete G-Wort sei in Wien dennoch weitgehend fehl am Platz. Dies wird unter anderem von Yvonne Franz vom

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Institut für Stadt- und Regionalforschung an der Akademie der Wissenschaften in ihrer Publikation „Gentrification in Neighbourhood Development“ bescheinigt. Darin hat sie die Städte Berlin, Wien und New York hinsichtlich politischer Strategien und involvierter Akteure sowie regulierender und unterstützender Mechanismen vergleichend analysiert. Das Instrument der geförderten Sanierung unterbindet zudem allzu starke Preissteigerungen, denn die Mieten dürfen in der Regel über 15 Jahre nicht angehoben werden, so könne die ursprünglich ansässige Bevölkerung im Grätzel bleiben, so die Wiener Stadtpolitiker. Stadterneuerung als fortlaufender Prozess ist wohl eine Aufgabe, die zwar nicht endet, sich aber wandelt: Saniert wird häufig auch im Zuge von Eigentumsbegründungen (Parifizierung) bei Zinshäusern. Denn dieser Schritt hat oftmals den Abverkauf der einzelnen Wohnungen zur Folge. Da der Hausbesitzer im Regelfall einen guten Verkaufspreis erzielen will, werden die ganzen Liegenschaften dann häufig einer grundlegenden Sanierung unterzogen. Bei ausreichend vorhandenem Rohdachbodenpotenzial wird zumeist auch gleichzeitig ein Dachgeschoßausbau realisiert. Damit gehen nicht selten Umbauten der allgemeinen Räumlichkeiten einher, etwa um Fahrrad-, Kinderwagenabstell- oder Müllräume bereitzustellen. Hier kommt dann wieder die Stadt Wien ins Spiel, denn die Förderungen im Rahmen einer Blocksanierung werden gern angenommen, die Stadt Wien leistet mitunter wertvolle Vorarbeiten, etwa Erhebungen zur baulichen Situation. Qualitätscheck wartet

Nach diesem kurzen Ausflug auf den strategischen Pfad der (Wiener) Sanierungswelt zurück zum Ausgangspunkt, dem Preiswürdigen: Die Entscheidung über

den Stadterneuerungspreis dürfte nach der Steilvorlage des letzten Jahres auch heuer nicht leicht fallen. „Zahlreiche Projekte weisen hohe Qualitäten auf“, hieß es bereits bei der Auflage des Jahres 2016. Besonders hervorgehoben wurde dabei die handwerkliche Umsetzung der Sanierung, was insbesondere bei den Fassadenansichten, für alle auch von außen sichtbar, zum Ausdruck kommt. Fakt ist: Die Gründerzeithäuser sind berühmt für ihre besonders schönen Fassaden oder die besondere handwerkliche Qualität und Materialqualität von Bauteilen wie Geländer, Vertäfelungen, Türen oder Fußböden. Abriss und Neubau sind daher sehr oft keine vernünftige Alternative. Quergedacht

Zum Sieger 2016 wurde die Dingelstedtgasse 12 im 15. Wiener Gemeindebezirk gekürt. Für die Totalsanierung mit am Podest: die planenden Architekten der Trimmel Wall Architekten ZTGmbH und Leyrer + Graf Baugesellschaft, zuständig für die Ausführung. Dieses Gründerzeithaus befindet sich in der Nähe des Mariahilfer Gürtels in unmittelbarer Nähe der Kirche Maria vom Siege. Das ehemalige Vorstadthaus war in äußerst schlechtem Zustand. Und wandelte sich zu einem attraktiven Wohnhaus mit (wieder) eleganter Straßenfassade. Die profilierten Gesimse, die Fensterverdachungen und Eierstäbe wurden aufwendig instand gesetzt. Die Wohneinheiten verfügen nun über großzügige Wohnräume. Der „WCTurm“ ist nun ein „Terrassenturm“ mit hofseitigen Loggien und Balkonen. Im Innenhof, dessen Werkstattgebäude jetzt als Atelier beziehungsweise Maisonette fungieren, ermöglicht ein Aufzug in StahlGlas-Konstruktion den heute wichtigen barrierefreien Zugang. Des Weiteren wurden im Projekt Dingelstedtgasse im neu ausgebauten Dachgeschoß mit Maisonetten die Dachflächen

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Foto: Trimmel Wall Architekten ZTGmbH, Architektin Isabella Wall

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Das Werkstattgebäude im Innenhof des Objekts Dingelstedtgasse 12 vereint ideal alte Elemente mit neuen, modernen Bestandteilen.

durch Gaupen geöffnet. Geniale Idee: Die straßenseitigen Gaupen wurden leicht gedreht. So ergibt sich für die Bewohner automatisch die schönere Aussicht in Richtung der Kuppel von Maria vom Siege. Grün am Dach

Eine innovative Lösung ist dem Architektenteam rund um Günther Trimmel, Geschäftsführer von Trimmel Wall Architekten ZTGmbH, auch bei den Erdgeschoßwohnungen eingefallen: Vor die Fenster aufgebracht sind spezielle feinmaschige Netze. So sind die Wohnungen und deren Nutzer nicht nur vor Einbruch und Insekten, sondern auch vor neugierigen Blicken geschützt, während der Blick nach außen ungetrübt bleibt.

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Gleichzeitig wurde die Energieeffizienz angehoben: durch die Dämmung der Fassaden und die Solaranlage am Dach. Trimmel bevorzugt bei der Dämmung Hanf oder Steinwolle. Nicht immer gelinge es, mit der hochwertigen Ausführung im Rahmen der Förderkosten zu bleiben, so die Rückmeldung aus seinem Büro. Wesentlich sei die Schaffung von Mehrwert, die nach der Ausfinanzierung der Arbeiten andauere. Dazu gehört laut Trimmel auch die Verbesserung der Belichtungs- und Begrünungssituation. Mitunter brauche es dafür liegenschaftsübergreifende Maßnahmen: In der Dingelstedtgasse 12 etwa wurden die Hofgebäude zum Grünraum hin geöffnet, indem in die Feuermauer zum Haidmannspark nebenan Fenster eingebaut wurden. Zusehends werde auch der „Bestandshof“ aufs Dach verlegt. Sichere Gründächer ließen sich,

so Trimmel, mit speziellen Wurzelschutzbahnen zusätzlich zur Dachabdeckung ermöglichen. Ein Experiment für das Kloster

Eine ebenfalls sehr anspruchsvolle Sanierung durch Trimmel Wall Architekten ZTGmbH war die Kaiserstraße 7. Hier war ein gutes Nutzungskonzept gefragt, denn das Klostergebäude, dessen Wohnheim mit Pfarrhof den Patres des Lazaristen-Ordens zur Betreuung und Beratung von Obdachlosen und Flüchtlingen dient sowie bei der pastoralen Arbeit im sozialmedizinischen Zentrum Sophienspital zum Einsatz kommt, sollte auch wirtschaftlich führbar werden und sein. Zu diesem Zwecke wurden passivhausnahe Wohneinheiten in das denkmalgeschützte Gründerzeithaus eingebaut. Das Experiment Klostergemeinschaft plus Mieter ging auf. Erforderlich

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war jedoch ein umfassendes und innovatives funktionales und thermisches Maßnahmenpaket, da das Gebäude erhebliche statische, brandschutztechnische und thermische Mängel aufwies. So blieben die Wiener Kastenfenster in den gegliederten und mit Keramikfliesen belegten Fassaden erhalten, sie wurden einfach mit passivhaustauglichen und innen gelegenen Holzfenstern ergänzt. Die Innendämmung wurde im Gegenzug mit Kalziumsilikatplatten aufgewertet, eine kontrollierte Wohnraumbelüftung in die historische Bausubstanz integriert. Auch die historische Schieferdeckung mit Ziergiebel blieb erhalten. In die platzseitigen Dachflächen hat das Architektenteam um Trimmel Lichtbänder eingebracht – die Lamellen wirken von unten geschlossen, die Bewohner haben aber dennoch das Gefühl der freien Sicht. Trimmel: „Erstmals in Österreich ist es gelungen, bei einem denkmalgeschützten Objekt den Heizwärmebedarf um fast 80 Prozent zu senken.“ Zugunsten einer verbesserten Belichtung hat der Eigentümer des Projekts Kreuzgasse 29 im 18. Bezirk, das 2016 ebenfalls aufs Siegerpodest kam, auf Teile des Bestands verzichtet. „Das Jugendstilgebäude wurde mit großem Einfühlungsvermögen saniert“, so die Jury des Stadterneuerungspreises. Besonders gut gelöst worden sei die Aufstockung des Straßentraktes durch Zurücksetzen des Geschoßes oberhalb des Kordongesimses. Die sehr dichte Bebauung habe laut den entscheidenden Experten durch stufenweise Abzonung des Mitteltrakts aufgelockert werden können. Damit wurde gleichzeitig auch die Belichtung zum Nachbarn hin maßgeblich verbessert. „Langfristig rentiert sich das“, erklärt Architekt Timo Huber, der ebenfalls die Aufwertung des Bestands sieht. Bei aufrechten Mietverhältnissen hätte eine erhebliche Zahl der Wohnungen saniert und Balkone im Hof zugebaut werden können. Trotz der „sehr dichten Bebauung bei Gründerzeitvierteln“, wie er ausführt. Mit dem Zubau von Aufzügen, der Gestaltung der Höfe – der große Innenhof war früher der Bassenagang – und der Wärmedämmung wurde das umfassende Sanierungsprogramm komplettiert. Bauherr war hier Architekt Martin Schwanzer, kooperiert wurde mit dem Planungsbüro Timo Huber + Partner Architekten ZT und der Baufirma

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Foto: Trimmel Wall Architekten ZTGmbH

Eine besonders anspruchsvolle ­Sanierung gelang Trimmel Wall Architekten ZTGmbH beim Objekt Kaiserstraße 7 – hier wurde die Klos­ tergemeinschaft mit Mietwohnungen kombiniert.

A.M.S.M. Bau. „Die Modernisierung kann sehr tiefgreifend sein, was die Orientierung der Wohnungen, die technische Ausstattung und den ökologischen Ansatz anbelangt“, schildert Huber. Die „Optik“ ergebe sich unter Anwendung neuer Technologien dabei von selbst. So werden beispielsweise alte

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Fenster hofseitig durch einflügelige Fenster ersetzt, diese dann mit energetisch hochwertiger Verglasung versehen. Huber: „Die Form folgt der Funktion.“ Mitunter wären auch massive statische Eingriffe vonnöten – mit kontrolliertem Risiko, denn es verstünde sich von selbst, dass Baubehörden und Statiker sowie weitere Experten laufend eingebunden blieben. In puncto Kosten hätten sich Neubau und hochwertige Sanierung die Waage gehalten, wenn denn ein Neubau überhaupt jemals zur Diskussion gestanden wäre. Die Bauordnung sieht Huber nicht als Hemmschuh, wenngleich einige Regelungen in den vergangenen Jahren neu hinzugekommen sind. Die Verteuerung hielte sich mit 10 bis 20 Prozent Mehrkosten, etwa für die Einhaltung von Brandschutzbestimmungen oder Notbeleuchtungen, in Grenzen. Auch Trimmel empfindet die Wiener Bebauungspläne nicht als zu streng. Wünschenswert seien aber kürzere Überarbeitungsintervalle, so seine Rück­ meldung. Respekt vor der Substanz

Von „Respekt vor der alten Bausubstanz, wobei bei der Sanierung die neuen Elemente als neu erkennbar sein sollen“, spricht Martin Praschl. Die R.S.Immobiliengesellschaft ließ das Objekt Klosterneuburger Straße 43 in Wien-Brigittenau durch die Planer Praschl-Goodarzi Architekten ZT-GmbH und die Baufirma OBENAUF Generalunternehmung GmbH von Grund auf sanieren und ausbauen. Es sei gelungen, den Charakter des Gründerzeithauses zu bewahren und trotzdem viele Elemente eines modernen Baus aufzunehmen, so die Jury zu diesem realisierten Bauvorhaben. Durch Wärmedämmmaßnahmen und den Einbau neuer Fenster konnte der Heizwärmebedarf mehr als halbiert werden. Besonders gewürdigt wurde der erhebliche Aufwand, um einen barrierefreien Zugang für alle Nutzer zu ermöglichen. Praschl: „Das war nur möglich, indem wir die Erdgeschoßdecke rausgenommen und um 40 Zentimeter tiefer neu betoniert haben. Das ging nur, weil der Keller leer war. Was machbar ist und was nicht, hängt davon ab, wie stark das Haus noch bewohnt ist.“ Für derartige Maßnahmen gibt es zuweilen auch Sonderförderungen. Aber auch der gelungene Kontrast von bestehender Straßenfront und neuer Aufstockung habe überzeugt. Eine Herausforderung sei häufig die Haustechnik, insbesondere die Schachtführung kann sich als problematisch herausstellen. Für Praschl ist die „Nutzbarkeit“ des Gebäudes wesentlich, damit eine Sanierung schlussendlich als reüssiert gilt. Auch für ihn ist „Design erst das Resultat aller anderen Überlegungen“. Die Praschl-Goodarzi Architekten ZT-GmbH arbeitet aktuell an der Sanierung der Werkbundsiedlung.

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Zahlen und Fakten zur sanften Stadterneuerung

Gegründet wurde der Wohnfonds Wien im Jahr 1984. In Summe gab es bis heute Sanierungszusicherungen für 7165 Wohnhäuser und damit rund 336.440 Wohneinheiten. Die dafür aufgebrachten Gesamtbaukosten von rund 7,65 Milliarden Euro wurden mit 5,22 Milliarden Euro gefördert. Etwa 750.000 Wienerinnen und Wiener leben in gefördert sanierten Wohnhäusern. Die Sanierungen schlagen sich in einer Reduktion des Heizwärmebedarfs von jährlich etwa 1100 Gigawattstunden nieder; das entspricht der Regelarbeitsleistung des Kraftwerks Freudenau. An Sanierungen in Bau und Bauvorbereitung sind derzeit rund 460 Wohnhäuser mit circa 18.060 Wohneinheiten mit 1076,4 Millionen Euro Gesamtbaukosten und 594,5 Millionen Euro Fördermitteln der Stadt Wien. Gab es im Jahr 1971 noch mehr als 270.000 Wohnungen in ganz Wien, die weder WC noch Wasser im Wohnungsverbund hatten, sind heute nur noch rund 11.000 Wohnungen der Kategorie D (Substandard) zugehörig. (Ihr Anteil an den Wiener Wohnungen ist damit von rund 35 auf etwa ein Prozent geschrumpft.) 96 Bocksanierungsgebiete wurden beauftragt, davon sind zwölf aktuell in Bearbeitung. Alleine seit 2007 wurden 30 Blocksanierungsgebiete begonnen und teils schon abgeschlossen. Umfassende Informationen für sanierungswillige Eigentümer oder Förderungsinteressenten, auch zur thermisch-energetischen Wohnhaussanierung, finden sich auf der Homepage des Wohnfonds Wien (www.wohnfonds.wien.at).

Wiener Stadterneuerungspreis

Der Wiener Stadterneuerungspreis wird für in Wien ausgeführte Hochbauvorhaben für Wohngebäude, Bürogebäude und Ausbildungsstätten vergeben, die die Erhaltung und Verbesserung bestehender Bausubstanzen zum Gegenstand haben. In der Sonderkategorie nehmen alle Gebäude teil, die zur Steigerung der Lebensqualität und der Identitätsstiftung in Wien beitragen – wie etwa U-Bahn-Stationen, Geschäfte und Lokale oder religiöse Bauwerke. Teilnahmeberechtigt sind sowohl Bauausführende (mit aktiver Gewerbeberechtigung) als auch Planer und Bauherren (Bauträger). In der Jury sind folgende Institutionen vertreten: Bundesdenkmalamt, Bundesinnung Bau, Ingenieurkammer für Wien, Niederösterreich und Burgenland, Landesinnung Bau Wien, Technische Universität Wien, Wirtschaftskammer Wien und Wohnfonds Wien.

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Foto: Hisao Suzuki

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Pritzker-Premiere: Spanisches Trio am Podest Zum ersten Mal in der Geschichte des Pritzker-Preises geht die Auszeichnung an ein Trio. Die Spanier Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta erhalten die renommierte Ehrung. Text: Jonathan Pielmayer

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er Pritzker-Preis geht dieses Jahr an ein Trio, dessen Bauten wie Kunstwerke in der Landschaft wirken. Gewaltig und ungetüm und doch verschmelzen sie mit ihrer Umgebung. Strahlkräftige Prestigeprojekte sind zwar nicht dabei, dennoch prägen sich die Arbeiten des katalanischen Büros RCR Arquitectes sehr ins Gedächtnis, wenn sie sich vor einem auftürmen. Der Name „RCR“ steht für die Anfangsbuchstaben des Trios, die vom Jahrgang her alle Anfang der 1960er sind und 1988 ihr Büro gründeten. Geboren wurden Rafael Aranda und Carme Pigem in Olto, der spanischen Stadt, in der sich heute ihr Büro befindet. Ramon Vilalta hingegen stammt aus dem 40 Kilometer entfernten Vic. Ihr Bezug zum Regionalen ist also nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern ganz grundsätzliche Heimatverbundenheit. Dynamik durch Linien

Wer die Werke des Trios betrachtet, dem fallen wohl zuerst Linien auf, viele Linien. Erzeugt durch Lamellen, Verstrebungen, Säulen oder Balken. Sie bringen eine unglaubliche Dynamik in die jeweiligen Gebäude – und dennoch halten sie den Raum fest zusammen. „Ihre Arbeit bedeutet ein unbeugsames Bekenntnis zu einem Ort und seinem Narrativ, zum Schaffen von Räumen, die mit ihren Kontexten in Diskurs stehen“, heißt es in einer Aus­ sendung der Hyatt Foundation, die den Pritzker-Preis stiftet. Besonders wird dies im Soulages Mu­seum in Rodez (Frankreich) ersichtlich. Ein Museum, das durch seine rostroten Außenwände aus Metall selbst einer gigantischen Skulptur gleicht. Neben zahlreichen anderen Kunstwerken beherbergt das Museum auch die Arbeiten von Pierre Soulages selbst, dem Eigentümer des Baus. Seine sehr grafischen und linearen Malereien werden in der Architektur des Gebäudes perfekt aufgegriffen.

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Weingut und Kindergarten

Ein weiteres, sehr auffälliges Werk des spanischen Architektenbüros ist das Weingut Bell-Lloc in Palamós. Auch hier wurde schweres Material verbaut, doch es passt zu den Bergen ringsum, genau wie das unruhige gezackte Dach, das sich im Schatten der Bäume natürlich in die Umgebung einschmiegt. Strikte mathematische Wiederholungen von Formen kommen in der Natur nun mal nicht vor. Fällt das Licht noch durch diese gewollte Unregelmäßigkeit, verschiebt es scheinbar den von ihm ausgeleuchteten Raum in seiner Dimension. Doch nicht alle Arbeiten wurden im Zuge der Preisverleihung positiv besprochen. Der Kindergarten El Petit Comte in Besalu (Spanien) beispielsweise mag farbenfroh und optisch ansprechend sein – ob mit der sehr strukturellen Bauweise aber auch wirklich kindgerecht geplant wurde, mag mancher Pädagoge sicher anzweifeln. Auch das Seniorenheim in Barcelona wurde kritisch hinterfragt. Zum einen formiert es sich in makabrer Weise um einen turmhohen Schornstein, zum anderen erinnert die schwarze, sehr grafische Fassade an eine Parte.

Rechts: Das preisgekrönte Trio bestehend aus (v. l. n. r.) Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta Unten: Das Soulages Mu­ seum mit den Werken von Pierre Soulages

Hängendes Dach, lockere Atmosphäre

Weitaus luftiger und lebendiger kommt da schon das Les Cols Restaurant Marquee in Olot daher. Ein lang gezogenes Dach in Leichtbauweise wird von zwei Steinmauern gestützt und hängt wie ein Segel locker durch. Darunter genießen an den Tischen sitzende Gäste kulinarische Raffinessen. Durch die Einbettung in die Natur und die Verwendung von Plexiglas und weiterer transparenter Materialien verschmilzt für den Betrachter die InnenAußen-Wahrnehmung. Er fühlt sich mitten im Freien, geschützt durch die Steinwände und die durchhängenden Röhren der Dachkonstruktion.

Foto: Hisao Suzuki

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Foto: Javier Lorenzo DomĂ­nguez

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Fotos: Hisao Suzuki

Oben: Trotz all seiner Ästhetik – nicht jeder hält den Kindergarten in Besalu für kindgerecht. Unten: Das Weingut Bell-Lloc besticht durch seine kantigen Formen und schweren Materialien.

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Foto: Eugeni Pons

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Fotos: Hisao Suzuki

So lässt es sich gut speisen: das Les Cols Restaurant in Olot. Gut geschützt und doch mitten in der Natur – der Architektur sei Dank.

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Foto: Connie Zhou

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Überragend: der Shanghai Tower

Hitliste des Höhenrauschs Emporis Skycraper Award In der aktuellen Wertung der besten Wolkenkratzer jenseits der 100-Meter-Marke findet sich nach 2014 wieder ein Österreicher. Ins Ranking der besten Zehn haben es der Wiener Citygate Tower und seine Masterminds – das Team von querkraft architekten – geschafft! Den Spitzenplatz holte der Shanghai Tower, gefolgt vom Evolution Tower in Moskau. Platz drei ging an das mailänder Projekt Il Dritto. Text: Rudolf Grüner

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Foto: Lukas Dostal | Querkraft Architekten

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Platz neun steht in Floridsdorf.

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och geschätzt: Welche Wolkenkratzer erobern nicht nur die Cityskyline, sondern finden Anklang in der weltweiten Architektenszene? Emporis, internationaler Anbieter von Gebäudeinformationen, überließ erneut einem bunt zusammengesetzten Expertengremium die Entscheidung. Dabei wurde nach funktionalen, designbezogenen und technischen Kriterien bewertet. Schanghai, Moskau und Mailand

Aus rund 300 Projekten schaffte es beim im letzten Herbst verliehenen „Grand Prix du Gratte-Ciel“ schlussendlich der

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rund 632 Meter hohe Shanghai Tower auf die Spitze des Siegertreppchens. Damit ist der Award zum zweiten Mal in Folge an China vergeben worden. Neben dem eleganten Design wurde die nachhaltige und umweltfreundliche Bauweise für preiswürdig erachtet. Auf dem zweiten Platz rangiert aktuell der Evolution Tower aus Moskau – laut Jury u. a. aufgrund der Formensprache, die sich in jeweils um drei Grad versetzten Stockwerken manifestiert. Das drittplatzierte Projekt ist Il Dritto aus Mailand. Bemerkenswert: Als Inspirationsquelle für das Design diente die Skulptur

„Unendliche Säule“ des rumänisch-französischen Bildhauers Constantin Brâncusi. Wiener Wolkenkratzer in den Top Ten

Im Topranking findet sich auch wieder ein Wiener Skyscraper. Der Citygate Tower des Büros querkraft architekten in Wien-Floridsdorf holte Platz neun (mehr im Interview mit dem Architektentrio auf Seite 181). Für den 110 Meter hohen Turm und seine 35 Etagen gab es insgesamt acht Wertungspunkte. Die Noten haben die Experten u. a. für die umweltfreundliche Bauweise und die Spiralform vergeben.

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Foto: Connie Zhou

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Shanghai Tower Volksrepublik China, 632 Meter, Gensler Architects, 2Define Architecture

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Foto: Igor Butyrskii

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Evolution Tower Russland, 246 Meter, Kettle Collective, RMJM Edinburgh 173


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Foto: Lv Hengzhong

Foto: Boris Kauffer

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Il Dritto Italien, 210 Meter, Arata Isozaki & Andrea Maffei Associati

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Jiangxi Nanchang Greenland Central Plaza Volksrepublik China, 303 Meter, Skidmore, Owings and Merrill LLP (SOM)

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Abode318 Australien, 187 Meter, Elenberg Fraser, Disegno Australia

Foto: Wang-Hsin Pei

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Icon Bay USA, 139 Meter, Arquitectonica

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Foto: Robin Hill

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Foto: Allan Millin

D1 Tower VAE, 284 Meter, Holfords & Associates

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8 432 Park Avenue USA, 426 Meter, Rafael ViĂąoly Architects, Schuman, Lichtenstein, Claman & Efron

Foto: Royce Douglas

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Foto: Lukas Dostal | querkraft architekten

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Citygate ­Tower Österreich, 110 Meter, querkraft architekten


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„Poesie und Pragmatik“ Drei Mann hoch: das querkraft architekten-Trio über skulpturale Siegerqualitäten AiM: Hat Sie Platz neun überrascht? querkraft: Wir waren überwältigt. Weil es nicht selbstverständlich ist, mit einem sozialen Wohnbau in die Weltrangliste der Architektursuperstars vorzudringen. Dies auch angesichts der Tatsache, dass eher spektakuläre Bürotürme oder Luxuswohntürme mit diesem Award ausgezeichnet werden. New York, Dubai, Hongkong sind in dieser Liga die Austragungsorte. Was uns übrigens besonders gefreut hat, ist, dass der Citygate Tower darüber hinaus auch noch für den internationalen Skyscraper Award sowie für einen weiteren Hochhauspreis, den Internationalen Hochhaus Preis, nominiert wurde.

sie beispielsweise Mies van der Rohe bei all seinen Hochhäusern umgesetzt hat, existiert nicht mehr. Alle Türme sind skulptural prägnant. Lediglich Platz acht, die 426 Meter hohe Nadel von Rafael Viñoly in Manhattan besticht durch einzigartige Reduktion und Zurückhaltung. Die sehr teuer erkaufte, grandios schlanke Proportion macht ihn zur Sensation. Unser pragmatischer Turm ist hier ein echter Außenseiter.

Wir haben in Wien ein Hochhaus in der Dresdner Straße und eines direkt am See in der Seestadt Aspern in Planung. Aber wir „bleiben auch am Boden“ und haben einige Objekte in Arbeit, die nicht durch die Anzahl der Geschoße beeindrucken: Pflegeheim, Kindergarten, Museum, Industriebau, Bürogebäude.

Welche architektonischen Gipfelstürme stehen als Nächstes in Planung?

Höher, dünner, verdrehter, skulpturaler, üppiger, mutiger.

Abschließend: Welche Trends orten Sie im Hochhausbau?

Warum hat es das Citygate Vienna verdient in die Topliga geschafft?

Welchen Eindruck hinterlassen die weiteren Tower? Kosten dürften heutzutage nicht die größte Rolle spielen. Eine schlichte Form, wie

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Foto: Nina Goldnagl

Wir glauben, dass wir mit Poesie und Pragmatik punkten konnten. Der Turm ist skulptural interessant, obwohl er extrem einfach ist. Was sind die umlaufenden Balkongeländer? Gartenzäune aus dem Katalog! Lediglich der Abstand und die Länge der einzelnen Aluminiumformrohre wurden moduliert. Jede Wohnung erhält eine halbkreisförmige Erweiterung der umlaufenden Balkonzone. Diese sind vertikal leicht versetzt – so entsteht ein lebendiges Gesamtbild. Weiters stellt die vertikale Dorfstraße eine besondere Attraktion dar: Teilweise mehrgeschoßige Gemeinschaftsräume und Terrassen wurden über die gesamte Ge­bäudehöhe übereinandergestapelt und farbig akzentuiert. Der Blick aus der Lifttüre führt durch diese Räume hindurch in weite Ferne.

Die drei Inhaber (v. l. n. r.): Jakob Dunkl, Peter Sapp und Gerd Erhartt.

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Foto: Edvard Mahnic

Ă?CE II Kanada, 234 Meter, architectsAlliance

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New Automation Technology

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Das Gebäude der Zukunft kann auch so aussehen. Ideal für Modernisierungen: Die offene, PC-basierte Gebäudeautomation von Beckhoff.

Foto: Beckhoff Automation

Viele heute selbstverständliche Standards in der Automatisierungstechnik wurden von Beckhoff früh erkannt und als Neuerungen erfolgreich in den Markt gebracht.

Dipl.-Ing. Hans Beckhoff, Geschäftsführer Beckhoff Automation

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eckhoff realisiert offene Automatisierungssysteme auf Grundlage der PC- und EtherCAT-basierten Steuerungstechnik. Das Produktspektrum umfasst die Hauptbereiche Industrie-PC, I/O- und Feldbuskomponenten, Antriebstechnik und Automatisierungssoftware. Für alle Bereiche stehen Produktlinien zur Verfügung, die als Einzelkomponenten oder im Verbund, als ein vollständiges, aufeinander abgestimmtes Steuerungssystem, fungieren. Die „New Automation Technology“ von Beckhoff steht für universelle und branchenunabhängige Steuerungs- und Automatisierungslösungen, die weltweit in den verschiedensten Anwendungen, von der CNC-gesteuerten Werkzeugmaschine bis zur intelligenten Gebäudesteuerung, zum Einsatz kommen.

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www.beckhoff.at/building So wird wertvolle Bausubstanz nicht nur erhalten, sondern zukunftsfit gemacht: Mit der integralen Gebäudeautomation von Beckhoff implementieren Sie alle Möglichkeiten der Kommunikations- und Steuerungstechnik – angepasst an die individuellen Bedürfnisse der Immobilie. Alle Gewerke werden von einer einheitlichen Hard- und Softwareplattform gesteuert: Ganz gleich, ob es um die nutzungsgerechte Beleuchtung, die komfortable Raumautomation oder die hocheffiziente HLK-Regelung geht. Für alle Gewerke stehen vordefinierte Softwarebausteine zur Verfügung, die das Engineering enorm vereinfachen. Funktionserweiterungen oder -änderungen sind jederzeit möglich. Das Ergebnis: Durch die optimale Abstimmung aller Gewerke werden die Energieeinsparpotenziale voll ausgeschöpft und die Effizienz der Bewirtschaftung deutlich erhöht.

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Burgunder Architekturauslese Ein neuer Zinkflügel stellt die klösterliche Insellage des burgundischen Leprahospitals aus dem 12. Jahrhundert wieder her. Für das Informations- und Veranstaltungszentrum in der Weinstadt Meursault gab es den großen Jurypreis der Trophée Archizinc. Text: Rudolf Grüner

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um insgesamt siebten Mal hat VMZINC (eine Marke der Umicore Bausysteme GmbH) die „Archizinc ­Trophy“ ausgeschrieben. Gesucht wurden architektonische Visitenkarten, die eine deutliche Titanzink-Handschrift auf Dach oder Fassade hinterlassen haben. Gefunden hat man viele: Eine international besetzte zwölfköpfige Jury hatte ihre Wahl aus über 150 Einreichungen zu treffen. Schlussendlich wurden zwölf Projekte und deren Masterminds ausgezeichnet. Der große Preis der Jury ging – ganz ohne gezinkte Karten – diesmal nach Frankreich. La léproserie de Meursault revisité

Dort wo die Chardonnay-Traube reift, ragt seit der Zeit der Kreuzzüge das alte kirchliche Krankenhaus aus den Weinbergen: La léproserie de Meursault, im 18. Jahrhundert in ein Pilgerhospiz umgewandelt und im 18. Jahrhundert als bäuerliches Gut genutzt, steht seit den 1920er-Jahren unter Denkmalschutz. Als Ruine die Wirren des Weltkrieges überdauernd, wurde es zuletzt als Anlaufstelle als Touristeninformations-, Kultur- und Weinzentrum von „Jung Architectures“ und Simon Buri aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Die Jahrhunderte überdauert haben das Entree, sprich das Pförtnerhaus, der Kapellentrakt und der „Raum der Armen“, sozusagen die mittelalterliche Pflegesta­ tion, die nun dem neuen Nutzungskonzept Raum geben. Frédéric Jung, Sieger des Wettbewerbs, hat die bestehenden Gebäude mit einem neuen Trakt verbunden – und damit die früher vorhandene, sich vom Außen abgrenzende, Inselstruktur wiederbelebt. Besonderes Schmuckstück ist die metallische Zinkfassade des Erweiterungsflügels und der neu geschaffene, als Ruheoase sowie für Events nutzbare Innenhof. Die jahrhundertealten Steinmauern sind mit dem kontrastierenden „Zinkflügel“ auf Höhe des Pförtnerhauses neu verbunden. Auf den ursprünglich vorgesehenen Kalkstein aus der Bourgogne, der bei den Bestandsflächen verarbeitet wurde, sei aufgrund des technischen Gutachtens verzichtet worden, wie Jung anmerkt. Deshalb habe man sich auf die Suche nach einem alternativen Material machen müssen. „Die matte Oberfläche, die Leuchtkraft und die Textur von Azengar schienen uns geeignet, eine interessante Verbindung zum geschichteten Kalkstein des Leprahospitals einzugehen.“

Siebte Auflage der Trophée Archizinc: Großer Preis der Jury

Sanierung, Umbau und Erweiterung des ehemaligen Leprakrankenhauses aus dem frühen 12. Jahrhundert, errichtet unter Hugh II, Herzog von Burgund. Standort: Meursault, ­Region Bourgogne-Franche-Comté, Département Côte-d’Or. Ausgezeichnet wurden Jung Architectures und Simon Buri (Partner, heritage architect). Begründung der Jury: „Die Erweiterung des mittelalterlichen Baudenkmals ist ausgewogen bezüglich ihrer harmonischen Einfügung in das Bestehende, der Ortswahl sowie Größe und Formgebung.“

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Mittelalterliche Mauern tête-à-tête mit dem Erweiterungsbau in kontras­ tierender Zinkaufmachung.


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Fotos: Martin Argyroglo

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oben: Das einfallende Licht zaubert bizarre Stimmungsmuster in den Raum. unten: Der neue FlĂźgel schimmert in der Winzerlandschaft.

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Fotos: Martin Argyroglo

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Mit Holz Höhe gewinnen Der „Treet“ (Baum) im norwegischen Bergen steht schon. Holztürme in den Metropolen Paris und London sind in Planung. Mit dem HoHo wächst jetzt auch in Wien-Aspern ein Holzhochhausgigant gen Himmel. Text: Rudolf Grüner

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Geschoße – 84 Meter Höhe: Würde der seit Oktober 2016 im Bau befindliche Businessturm der nächsten Generation im Wiener Stadterweiterungsgebiet Seestadt Aspern rein in Stahl und Beton in die Höhe getrieben – er wäre nur ein weiterer urbaner Markstein. Ein Gebäude, wie es tagtäglich überall im verstädterten Raum errichtet wird. Ins Buch der Rekorde wird es das HoHo wohl dennoch schaffen: Und zwar als – vorläufig – welthöchstes Holzhochhaus. Eröffnet soll dieses – dank hohem Vorfertigungsgrad und smartem Bau-Montage-System – bereits 2018 werden.

die vertikale Erschließung zuständig ist, reihen sich die Stockwerke im Holzbetonverbund. Drei Viertel der Nutzfläche werden im Endausbau aus dem nachwachsenden Rohstoff – aus dem Holzland Österreich – bestehen. Die Materialkombination soll höchstmögliche Raumflexibilität gewährleisten, die warme Optik Atmosphäre in den Turm zaubern. Investor Günter Kerbler und Projektleiterin Caroline Palfy verfolgen laut eigenen Angaben ein Nutzungskonzept, das der modernen Work-Life-Balance-Philosophie gerecht wird, ökologische Standards unterbietet und den Energieverbrauch minimiert.

Materialmix und …

… Mischnutzung

Um in diese Höhen vorzustoßen, haben die Architekten von RLP Rüdiger Lainer + Partner auf eine hybride Bauweise zurückgegriffen. Rund um den aussteifenden und stabilisierenden Betonkern, der die Gebäudeinfrastruktur aufnimmt und für

Geplant sind servicierte Coworking-Spaces und Großraumbüros. Eröffnen werden ein Hotel sowie ein Restaurant. Auch Apartments, Gesundheitseinrichtungen, Fitness-, Beauty- und Wellness­oasen sollen im HoHo Platz finden.

Renderings: cetus Baudevelopment GmbH u cy architecture

Facts:

• Eigentümer/Auftraggeber: Investor Günter Kerbler/Caroline Palfy – cetus Baudevelopment GmbH • Architektur und Planung: RLP ­Rüdiger Lainer + Partner, Arch. Univ.-Prof. Rüdiger Lainer • Mietfläche: 19.500 Quadratmeter • Gebäudeart: Hochhaus mit Holzbautechnik • Etagen: 24 Geschoße • Höhe: 84 Meter • Nutzung: Gewerbe • Fertigstellung: 2018 – geplante ­Bauzeit: rund zwei Jahre • Investitionsvolumen: rund 65 Mil­ lionen Euro

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Neu im Neunten Für Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou ist das Areal rund um den Franz-JosefsBahnhof das derzeit „spannendste Entwicklungsgebiet der Stadt“: Im Frühjahr 2017 ist beim „Althan Quartier“ am Alsergrund der Startschuss erfolgt. Text: Rudolf Grüner

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er Öffentlichkeit wurde im März 2017 der strategische Entwicklungsrahmen für das bis 2025 neu entstehende „Althan Quartier“ vorgestellt. Geplant ist ein Aufbrechen der Kubatur beim Julius-TandlerPlatz. Gemeinsam mit der Bevölkerung soll laut Leitbild ein Mischgebiet aus Wohn-, Verkehr- und Geschäftsflächen mit viel Grünraum – inklusive dem ersten wirklichen Hochpark der City – entstehen.

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Für Bahnreisende und Anrainer ist er ein bekannter Anblick und ein nicht unbedingt einladendes Entree: der Glasmonolith über dem Bahnhof. Dieser hinterließ bei der zuständigen Projektentwicklerin, Michaela Mischek von der JTP Group, aber bis dato den plumpen Eindruck eines gestrandeten Wals. Als Zuständige für die Gebäudekomplexe über und neben dem Franz-Josefs-Bahnhof will sie stattdessen

schon in den kommenden Jahren an gleicher Stelle für ein „quirliges Korallenriff“ sorgen. „Es wird eine bunte Mischnutzung geben, die Arbeiten, Wohnen, Gewerbe und Tourismus vereint.“ Dafür hat die Monostruktur einer offenen und durchlässigen Struktur zu weichen. Auch Maria Vassilakou, grüne Stadträtin und Vizebürgermeisterin, sieht im geplanten Wegfall der baulichen Barriere und im „Refurbish-


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ment“ den entscheidenden Schritt, um den Stadtteil qualitativ aufzuwerten. Geplant sind neben dem neuen Nutzungsmix viele Freiflächen und neue Aufenthaltsräume. Die angrenzenden Straßenzüge, etwa entlang der Nordbahn- und der Althanstraße, sollen verkehrsberuhigt und damit fußgänger- sowie einkaufsfreundlicher werden. Das Interesse der Anrainer lässt Vassilakou auf ein Ergebnis hoffen, „mit dem alle Involvierten gern leben können“. Die Bürgerbeteiligungsverfahren würden weiterlaufen und seien gut besucht, so die

Stadtpolitikerin. Die politischen Beschlüsse dürften, geht alles nach Wunsch, ab dem Sommer 2017 endgültig unter Dach und Fach sein. Die nächsten Schritte sind die Realisierungswettbewerbe. Diese sollten bis zum Frühjahr 2018 abgeschlossen werden. Hochpark als verbindende grüne Ader

Entschieden ist, dass die Verkehrsflächen der ÖBB nicht abgesiedelt werden. Der klassische Kopfbahnhof soll der Entwicklergesellschaft, eine Tochter des Immobilienentwicklungsunternehmen 6B47 Real Estate Investors AG, zufolge zu einem sanften Mobilitätsknoten aus- und um­gebaut, die Passagierfrequenz mittelund langfristig gesteigert werden. Geplant ist ein lokales Grätzelzentrum mit sehr viel Grün und neuen Verbindungswegen. Ein Teil dieser Freiflächen wandert deshalb über den Bahnkörper.

Wichtige Nabelschnur wird ein weitläufiger Hochpark – rund neun Meter über dem Straßenniveau –, der von allen Seiten zugänglich sein soll und die verschiedenen Teile des Bezirks miteinander verbindet. Vernetzt wird quer zum Donaukanal und längs zur Spittelau. Das bestehende Parkhaus verschwindet, der Büroklotz am Julius-Tandler-Platz wird skelettiert, architektonisch überarbeitet und generalsaniert. Die derzeitige Dimension bleibt damit in weiten Teilen erhalten, bekommt aber ein neues Aussehen. Monolith wird aufgebrochen

Die Kubatur auf der Platte wird nicht verändert, die Bebauung dafür aufgebrochen und, wie Mischek ausführt, „gleich kommunizierender Gefäße“ verlagert. Geplant seien „stadtbildverträgliche Hochhäuser“ deren Maximalhöhen sich am Turm der Fernwärme Spittelau orien-

Demnächst Geschichte: der Glasmonolith über dem Franz-JosefsBahnhof. Die Kubatur wird aufgebrochen, ein Hochpark realisiert.

Plan: JTP Group, Foto: Jonathan Pielmayer

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tieren würden. Laut Entwicklergesellschaft ließe sich so notwendiger Platz für Bewegungs- und Freizeitflächen schaffen.

Eine weitere Zielvorgabe ist die Neubelebung des Areals. Die lokale Bevölkerung, Anrainer und Durchreisende erwarteten sich starke Impulse für einen zuletzt etwas in den Dornröschenschlaf versunkenen Stadtteil, hieß es im Zuge der Leitbildpräsentation. Gegensteuern wolle man, indem die Nutzung im kommenden ­„Althan Quartier“ auf ein breiteres Fundament gestellt wird: Rund ein Drittel der Fläche ist für Wohnraum reserviert, jeweils ein weiteres Drittel ist für Gewerbe-, Büround Verkehrsflächen vorgesehen. Damit verbunden ist eine Aufwertung der Erdgeschoßzonen – am zentralen Platz sowie in den angrenzenden Straßenzügen.

Foto: Albachiaraa/Shutterstock

Weg von infrastruktureller Monokultur

Hochpark auf Schiene: In New York ist auf der vormals heruntergekommenen High Line das Grün auf dem Vormarsch und lockt mittlerweile Touristenscharen. Das „Althan Quartier“ soll über dem Gleiskörper ergrünen. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.

Straßenzüge werden aufmöbliert

Foto: Jon Bilous/Shutterstock

Das Grün wandert nicht nur über die Bahnstrecke. Auch die Anrainerstraßen bekommen im Zuge der Neugestaltung ein Facelieft verpasst. Die Nordbergstraße soll am Ende des Entwicklungsprozesses in einen Straßenpark verwandelt sein. In der Althanstraße hat man vor, in einem verkehrsberuhigten, urbanen Raum mehr Platz für Fußgeher zu schaffen. Dialog ab Stunde eins

Um möglichst alle Beteiligten ins Boot zu bekommen, hat man sich vor dem Startschuss zur Stadtteilerneuerung acht Monate Zeit für ein kooperatives Planungsverfahren genommen. Mit Tag eins der Leitbildvorstellung ist in die Althanstraße 4 ein Dialogbüro eingezogen, das über die Dauer des ganzen Transformationsprozesses als Anlaufstelle geöffnet bleiben wird. Mit Karin Oppeker ist eine lokal verankerte Ombudsfrau als Informationsschnittschelle vor Ort.

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„Architektonische Optimallösung“

Mit Frühjahr 2017 sind die konkrete Architekturplanung für das vordere Gebäude sowie der Realisierungswettbewerb für die Bebauung im hinteren Bereich des Areals angelaufen.

Grundvoraussetzung für ein optimales Ergebnis sei eine gut zusammengesetzte Expertenjury, sagte Mischek beim Präsentationsgespräch. „Architektonische Qualität ist das A und O, wenn es um Fragen der Lebensqualität geht.“

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Architektur im Mittelpunkt 2017/2018  

"Architektur im Mittelpunkt" taucht ein in urbane Welten – fundiert recherchiert, gesellschaftlich relevant, architektonisch herausragend. I...

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