Issuu on Google+

Schwerpunktthema Leben mit Demenz Kindertagesstätten Eltern geben gute Noten Migrationsdienste Mehr Betreuer für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Die Zeitung der Inneren Mission München • Oktober 2010

Liebe Leserinnen, liebe Leser

I

mmer mehr Menschen erreichen heutzutage ein immer höheres Alter – und sind dabei meist mobiler und gesünder als es noch vor Jahren der Fall war. Wir wissen: Altern ist nicht automatisch Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit. Nach dem zweiundsiebzigsten Lebensjahr liegt der Anteil Pflegebedürftiger an der Gesamtbevölkerung statistisch bei fünf Prozent, erst nach dem einundachtzigsten Lebensjahr klettert der Wert auf etwa 20 Prozent. Und selbst von den über 85-Jährigen sind 70 von 100 noch in der Lage, allein und kompetent ihren Alltag zu meistern.

Ausgabe 52 • www.im-muenchen.de

Individualität und liebevolle Geborgenheit für Menschen mit Demenz stehen beim Sonnenhof im Mittelpunkt

Ein neues Haus – und 48 Konzepte Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem ersten Spatenstich für das neue Demenzzentrum in Ebenhausen sind die ersten Bewohner in den „Sonnenhof“ eingezogen. Das beschützende Haus, unmittelbar hinter dem bestehenden Pflegezentrum am Hang gelegen, bietet auf zwei Geschossen Platz für 48 Bewohner. Sie alle benötigen einen richterlichen Unterbringungsbeschluss aufgrund ihrer akuten Weglaufgefährdung. Im Inneren verbindet ein barrierefreier Laufweg beide Stockwerke, so dass die Bewohner ihren krankheitstypischen Bewegungsdrang ungehindert ausleben können, wie Heimleiterin Ulrike Prölß erläutert.

Relikte aus vergangener Zeit

Gerhard Prölß Geschäftsführer Hilfe im Alter gGmbH

S

ollte es jedoch zu einer Pflegebedürftigkeit kommen, umfasst diese dann ein weites Spektrum. Da gibt es Menschen, die sporadisch und punktuell Hilfen benötigen – und es gibt Menschen, die an mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden oder zum Beispiel aufgrund einer Demenzerkrankung rund um die Uhr versorgt und betreut werden müssen. Leider herrschen in der öffentlichen Wahrnehmung gerade beim Thema „Demenz“ häufig noch Vorstellungen von identitätslosen, traurigen und vielleicht sogar fixierten Pflegeheimbewohnern vor.

settenschrank, der aussieht, als sei schon der Holzwurm drinnen. Alles Spezialanfertigungen der Schreinerei Max-Einrichtungen aus Bad Rappenau, deren Produkte die Heimleiterin auf einer Altenpflegemesse entdeckt hatte. Auf Flohmärkten habe der Schreiner eigenhändig nach authentischen alten Dingen gestöbert, schwärmt Ulrike Prölß. Zudem hat er alte Fotos aus München und Oberbayern aufgetrieben; sie schmücken jetzt die Wände der beiden Marktplätze und strahlen heimelige Atmosphäre aus.

Sanfte Farben zum Wohlfühlen Auch die Heimleiterin hat bei der Innenausstattung mitgeholfen: Im Leonhard-Henninger-Haus im Westend fand sie ein paar alte Möbelstücke auf dem Speicher: „Der dortige Heimleiter war froh, dass er sie los war – und ich war froh, dass ich

sie hatte.“ Zudem ermöglichten großzügige Spenden der Dr. Adolf Rupp-Stiftung und der Alex Danhuber Stiftung weitere Anschaffungen. Auch die Ideen für das Farbkonzept im Innern des Baus stammen von Ulrike Prölß. Die Böden in den Fluren leuchten in einem warmen, marmorierten Beigeton, die Bewohnerzimmer im Erdgeschoss haben terracottafarbige Böden, im ersten Geschoss ist es ein sattes Grün geworden. Überhaupt die Farben. In den Fluren hängen Bilder der Schäftlarner Künstlerin Christel Knab, die dem Haus 31 wunderschöne Aquarelle geschenkt hat. Beide Wohlfühlbäder sollen demnächst noch eine Wandbemalung bekommen: Im Erdgeschoss werden dann Muscheln, Seesterne, ein Leuchtturm – und ein echter Strandkorb – norddeutsches Flair herbeizaubern, im Obergeschoss wünscht sich die Heimleiterin eher einen „mediter-

Individualität großgeschrieben Wichtig sei deshalb – neben einer intensiven Biographiearbeit – auch die Unterstützung durch Angehörige und Freunde. Ulrike Prölß: „Wenn sich ein Mensch nicht mehr mit Worten ausdrücken kann, bekommt man manchmal nur schwer heraus, was ihm gefällt oder auch missfällt.“ Deshalb werde man auch intensiv beobachten, „was genau die Menschen brauchen, die uns anvertraut sind“. Denn Individualität soll im Sonnenhof groß geschrieben werden: „Wir brauchen im Prinzip nicht ein Konzept für das Haus, sondern 48.“ ho

Erster Jahrgang der Fachakademie für Sozialpädagogik schließt Ausbildung erfolgreich ab

Seit 1. September arbeiten sie in Kindertagesstätten, Horten sowie in Einrichtungen der Jugend- und der Behindertenhilfe: Alle 15 Studierenden des ersten Jahrgangs an der Evangelischen Fachakademie für Sozialpädagogik haben im Juli erfolgreich ihre schulische Ausbildung abgeschlossen. Nach bestandener Prüfung starteten die Absolventen der vor zwei Jahren eröffneten Ausbildungsstätte der Inneren Mission München in der Landshuter Allee 14 in das berufliche Anerkennungsjahr für Erzieherinnen und Erzieher. Vorstand Günther Bauer wünschte den Absolventinnen – unter ihnen war lediglich ein Mann – für ihren künftigen Berufs-

weg alles Gute. Mit dem Abschluss der schulischen Ausbildung sei „ein wesentlicher Schritt“ auf dem Weg zum staatlich anerkannten Erzieherberuf geschafft. Bauer wörtlich: „Mit dieser Ausbildung sorgt die Innere Mission für die notwendige Qualität in ihren Kindertagesstätten und Jugendhilfeeinrichtungen.“ Die Türen des Diakonie-Unternehmens stünden für die weitere berufliche Karriere weit offen; Erzieherinnen seien derzeit sehr gesucht. Die Akademie werde ihre begonnene Arbeit fortsetzen, auch wenn man als Träger dafür erhebliche finanzielle Mittel bereitstellen müsse. Akademieleiterin Bärbel Mätzler überreichte die Zeugnisse

und wies voller Stolz darauf hin, dass alle Studierenden die Prüfung bestanden hätten. Dies sei keinesfalls üblich und zeuge von hoher Leistungsbereitschaft. „Mit dem, was Sie hier in den vergangenen zwei Jahren gelernt haben, sind Sie für die Zukunft gut gerüstet.“ Denn auch während der theoretischen Ausbildungsteile habe man immer sehr viel Wert auf einen größtmöglichen Praxisbezug gelegt. Klassensprecherin Sandra Scielzi lobte vor allem das herausragende Engagement der Lehrkräfte: „Alle waren immer für uns da und haben sich viel Zeit genommen – auch wenn es mal um andere Themen ging.“ Klaus Honigschnabel

+++

Bestens gerüstet für die Praxis

Hilfe im Leben

as entspricht heutzutage Gott sei Dank in den wenigsten Fällen der Realität. Wer beispielsweise als Gast bei einer der vielen Veranstaltungen in unseren Häusern in die Gesichter dieser Personen blickt, kann durchaus Freude, Spaß und Teilhabe am Leben entdecken. Zudem ist unser Angebot vielfältig, vernetzt und auf die einzelnen Personen mit ihren individuellen Biographien zugeschnitten. Ziel unserer ambulanten und stationären Einrichtungen in der Altenhilfe ist es, Lebensqualität auch in schwierigen Lebensabschnitten bis hin zum Sterben zu erhalten. Die Beiträge des Schwerpunktthemas in diesem Heft vermitteln Ihnen einen anschaulichen Eindruck davon. Eine gewinnbringende Lektüre wünscht Ihnen

Die Besucherinnen sind ganz begeistert vom gemütlichen Ambiente des Sonnenhofs in Ebenhausen. Foto: Klaus Tönnies

+++ Menschen helfen +++ Netze knüpfen +++

D

Überhaupt ist das ganze Haus mit viel Liebe zum Detail ausgestattet und an vielen Stellen bewusst auf Alt getrimmt: In den Marktplätzen – den Treffpunkten auf den Etagen zum Essen und Beisammensein – gibt es zahlreiche Relikte aus vergangener Zeit: Leiterwagen aus Holz, Milchkannen, alte Straßenschilder und Bilder schaffen ein gemütliches Ambiente. Der PVC-Boden im Stammtischbereich und dem „Heiligen Eck“ ist einem alten Holzboden nachempfunden und sieht aus, als ob er schon seit zig Jahren hier liegen würde. Heimleiterin Ulrike Prölß: „Damit möchten wir eine Art Wiedererkennungseffekt bei den alten Menschen erreichen und ihnen Sicherheit und Geborgenheit vermitteln.“ Auch die Einrichtung in den Zimmern ist nach diesem Prinzip gestaltet: Tische und Stühle mit geschwungenen Beinen und gelbem Samtbezug, eine halbhohe Kommode und ein dunkelbrauner Kas-

ranen Eindruck“. So richtig zum Wohlfühlen eben. Die Besuchergruppe, die sie an diesem Vormittag durchs Haus führt, findet denn auch nur lobende Worte für den Neubau: „Herrlich“, „Wunderschön“, „Toll“ – die 13 Damen würden am liebsten gleich einziehen. Inge Fessler beispielsweise ist ganz begeistert: „Es ist bemerkenswert! Wer sich so etwas ausgedacht hat?!“ Auch die Tochter der 98-Jährigen ist voll des Lobes: „Phantastisch! Und die milden Farben machen alles so fröhlich!“ Bei der Belegung des Hauses möchte sich Heimleiterin Ulrike Prölß jetzt erst mal Zeit lassen. Die Klientel mit ihrem dementiellen Krankheitsbild werde „eine Herausforderung für das Pflegeteam“ sein, vermutet sie. Geborgenheit und Sicherheit seien die beiden wichtigsten Dinge, die altersverwirrte Menschen brauchen, weiß sie. „Liebevolle Wahrnehmung und ritualisierte Begegnungen kosten einfach Zeit – und die wollen wir uns für unsere neuen Bewohner ganz bewusst nehmen.“


Seite 2

Nr. 52 · 2010

Innere Mission-Gruppe auch im Jahr 2009 wirtschaftlich erfolgreich

Personalkosten stark gestiegen Zum zweiten Mal hat die Unternehmensgruppe der Inneren Mission München die Ergebnisse ihrer Einzelgesellschaften zu einem Gruppenabschluss zusammengefasst. Die betriebswirtschaftliche Entwicklung der Gruppe im Geschäftsbereich München war dabei wieder beachtlich: Der Gesamtumsatz stieg im Jubiläumsjahr – die Innere Mission feierte 2009 bekanntlich ihren 125. Geburtstag – erneut um 7,5 Prozent auf nunmehr knapp 76 Millionen Euro. Diese Umsatzentwicklung wurde von einem überproportionalen Anstieg der Personalkosten begleitet, die um zehn Prozent auf knapp 49 Millionen Euro stiegen. Das waren rund 66 Prozent der Gesamtkosten. Nimmt man noch die Kosten für Fremdarbeitskräfte dazu, liegt der Personalkostenanteil sogar bei knapp 70 Prozent. Der überproportionale Anstieg der Personalkosten ist Effekt sowohl steigender Mitarbeiterzahlen als auch einer signifikanten Tariferhöhung.

stabilen betriebswirtschaftlichen Fundament möglich. Deshalb schämen wir uns auch nicht dafür, schwarze Zahlen zu schreiben, sondern sind umgekehrt stolz darauf, weil uns dies immer wieder die Möglichkeit gibt, innovativ neue Aufgaben anzugehen.

Solide Bilanzstruktur Da wir unseren Jahresabschluss nach den Grundsätzen des Handelsgesetzbuches (HGB) aufstellen, fließen die Zinsen für Darlehen, die wir zur Finanzierung unserer Immobilien aufgenommen haben, nicht in das Betriebsergebnis, sondern in das Finanzergebnis ein. Dieses ist negativ und hat in 2009 das Betriebsergebnis „aufgefressen“. Dass wir dennoch einen Jahresüberschuss erzielen konnten, verdanken wir Sondereffekten wie dem Verkauf einer Immobilie – dies war erforderlich, um Grundstücke für neue Projekte wie das Demenzzentrum in Ebenhausen erwerben zu können – und vor allem denjenigen, die unsere Arbeit

durch Spenden, Vermächtnisse und Stiftungszuwendungen unterstützt haben. Diese Sondereffekte werden im sogenannten „Neutralen Ergebnis“ zusammengefasst, das in 2009 deutlich höher ausgefallen ist als noch ein Jahr zuvor. Ebenso wichtig wie ein gutes Jahresergebnis ist eine solide Bilanzstruktur. Bei einer Bilanzsumme von konsolidiert 103,5 Millionen Euro (davon 91 Prozent Anlagevermögen, fast 50 Prozent Eigenkapital und nur knapp ein Drittel langfristige Verbindlichkeiten), ist diese für die Münchner Gruppe anhaltend gegeben. Und Analoges gilt für den Geschäftsbereich Herzogsägmühle, dessen Bilanzsumme konsolidiert rund zwölf Millionen Euro geringer ist bei einem Anteil von 80 Prozent Anlagevermögen und 43 Prozent Eigenkapital sowie ebenfalls einer Gewinn- und Verlustrechnung mit schwarzen Zahlen. Der Aufsichtsrat hat allen Mitarbeitenden und Verantwortlichen für dieses Ergebnis seinen Dank ausgesprochen. Roland Rausch

Beruf und Bildung erhält erstmals Qualitätsmanagement-Zertifikat

Roland Rausch, Verwaltungsleiter der Inneren Mission, ist zufrieden mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Sozialwirtschaft generell und die Diakonie im Besonderen wirkten damit im Krisenjahr 2009 antizyklisch und trugen dazu bei, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Gesamtwirtschaft, insbesondere auch auf den privaten Konsum, abzumildern. Dabei soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass die Innere Mission dies nicht hätte verkraften können, wenn die Beschäftigten nicht in den Vorjahren dazu beigetragen hätten, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmensgruppe zu stärken. In der Folge sind im Vorjahr die betrieblichen Aufwendungen insgesamt um mehr als acht Prozent gestiegen, die betrieblichen Erträge dagegen nur um knapp sieben Prozent. Das Betriebsergebnis ist dadurch deutlich zurückgegangen auf weniger als ein Prozent des Umsatzes. Ein profitorientiertes Unternehmen müsste diese Entwicklung als alarmierend ansehen; als gemeinnütziges Unternehmen sind wir dagegen auch mit solch knappen betriebswirtschaftlichen Margen zufrieden. Ziel unseres Wirtschaftens ist, die aus unserem Leitbild „Hilfe im Leben“ abgeleiteten Aufgaben erfolgreich zu bewältigen. Ziel ist nachhaltiges und parteiliches Engagement für unsere Klienten. Dies ist jedoch dauerhaft nur auf einem

Die Beruf und Bildung ist jetzt zugelassener Träger für die Förderung der beruflichen Weiterbildung nach dem Recht der Arbeitsförderung. Das bestätigt eine Urkunde, die der TÜV SÜD der Bildungseinrichtung im August überreicht hat. „Viele Zuschussgeber verlangen, dass Bildungsträger bestimmte Qualitätsstandards erfüllen“, sagt Manuela Eichermüller, Leiterin der Beruf und Bildung. „Das können wir mit dem Zertifikat jetzt gut nachweisen.“ Mit Angeboten wie Sprachkursen, PC-Kursen oder Bewerbungstraining qualifiziert die Bildungseinrichtung Menschen für die Anforderungen des Arbeitsmarktes. Das Zertifikat ist eine Voraussetzung dafür, dass die Kursteilnehmer dort Bildungsgutscheine der Agentur für Arbeit einlösen können; dafür werden jetzt noch einzelne Angebote, zum Beispiel das Projekt Karla Start Basis zur Quali-

fizierung benachteiligter Frauen, vom TÜV zertifiziert. Seit Dezember 2009 haben die Mitarbeiter der Beruf und Bildung für das Qualitätsmanagement-Siegel unter anderem ein Handbuch entwickelt, Formulare erarbeitet und Arbeitsabläufe dokumentiert und optimiert. Bei zwei Audits im Juni beurteilten die Prüfer vom TÜV SÜD zum Beispiel, ob die Verteilung von Fördermitteln sowie Teilnehmergespräche ausreichend dokumentiert und archiviert worden sind. Als „guten Grundstock für die weitere Entwicklung des Unternehmens“, sieht Manuela Eichermüller die jetzt geschaffenen Strukturen und Prozesse des Qualitätsmanagements. „In nächster Zeit werden gerade bei großen Projekten, gefördert durch den Europäischen Sozialfonds oder durch öffentliche Zuschussgeber, Zertifizierungen Voraussetzung sein.“ red

Ausbildung mit Brief und Siegel: Stolz präsentieren Manuela Eichermüller (l.) und Computer-Trainerin Ulrike Grahammer das Zertifikat. Fotos: Erol Gurian

Imageanalyse bringt erste, unerwartete Ergebnisse

Wie die Caritas – nur evangelisch Die Innere Mission München möchte sich als Anbieter vielfältiger Dienste auf dem Sozialmarkt und in der Öffentlichkeit künftig besser positionieren. Das ist die Konsequenz aus einer repräsentativen Meinungsumfrage, die das Diakonie-Unternehmen bei TNS Infratest in Auftrag gegeben hat. Während andere Anbieter wie beispielsweise das Rote Kreuz und die Caritas nahezu allen der am Telefon Befragten bekannt waren (100 bzw. 98 Prozent), ist die Innere Mission nur für 58 Prozent ein Begriff. Andere Anbieter wie die Johanniter kommen ebenfalls auf Bekanntheitswerte von mehr als 90 Prozent (UNICEF: 98%, Johanniter: 93%, Arbeiterwohlfahrt: 92%).

Spontan eher unbekannt Bei den – wie die Meinungsforscher sagen – „ungestützten Spontannennungen“ erreicht die Caritas übrigens mit 41 Prozent Bekanntheit den besten Wert von allen Gruppierungen. Zum Vergleich: „Ungestützt“ kennen die Innere Mission lediglich zwei Prozent der Befragten. Der Grund dafür liegt für Vorstand Günther Bauer auf der Hand: „Die Caritas tritt bundesweit mit gleichem Namen und Erscheinungsbild auf; die Innere Mission gibt es in Bayern eben nur einmal.“ Differenziert man das Befragungsergebnis noch weiter, so wird das Bild zusehends schärfer. Bei bestimmten Zielgruppen sei die Bekanntheit „erschreckend gering“, wie Vorstand Günther Bauer erläuterte: „Wir haben vor allem bei den Jüngeren, bei Männern, bei Besserverdienenden und Menschen mit einem höherem Bildungsabschluss ein Problem.“ Mit zunehmendem Alter wird die Bekanntheit dann deutlich besser, haben die Meinungsforscher herausgefunden: Von 60 Jahren an aufwärts ist sie nahezu 90 Prozent der Befragten ein Begriff. Problematisch sei auch, so Bauer, dass einem Großteil der 644 Befragten offenbar gar nicht klar ist, dass die Innere Mission ein Anbieter mit evangelischer Tradition ist: Nur etwa jeder Dritte ordnet sie korrekt zu; 28 Prozent halten sie sogar für eine Einrichtung der katholischen Kirche. „Sehr schmerzlich“ sei auch das Ergebnis, dass es für vier von fünf Befragten gar kein spezielles Merkmal gebe, wo-

durch sich die Innere Mission von anderen Wohlfahrtsorganisationen unterscheide. Nachdenklich stimme ihn auch die Einschätzung, wonach die Innere Mission und ihre Tochterunternehmen keine zukunftsweisenden Projekte entwickeln: „Das machen wir natürlich in allen unseren Arbeitsbereichen – aber offenbar kommt das in der breiten Öffentlichkeit nicht so an.“ Positives Ergebnis der Umfrage sei, dass die Qualität der Angebote umso höher eingeschätzt werde, je besser die Befragten die Innere Mission kennen. Die Umfrage – Kostenpunkt rund 20.000 Euro – habe man machen lassen, „um in Zeiten eines allgemeinen Vertrauensverlustes in Großorganisationen zu erfahren, wie man wahrgenommen wird“, so Bauer. Als erste Konsequenz habe man deshalb einen internen Wettbewerb „mission innovation“ ausgeschrieben, bei dem einzelne Projekte ausgewählt und mit insgesamt 300.000 Euro gefördert werden. Um für die kommenden zehn bis 15 Jahre gut aufgestellt zu sein, sollen künftig externe und interne Kommunikation sowie Marketinganstrengungen eng miteinander verzahnt werden, sagte Bauer. Oberste Priorität müsse es sein, verstärkt junge Menschen zu erreichen.

Jugend als neue Zielgruppe Sogar eine Namensänderung seines im vergangenen Jahr 125 Jahre alt gewordenen Vereins wollte Bauer nicht ausschließen: „Auch das könnte ein Teil des gesamten Maßnahmepakets werden.“ Gerade bei Jüngeren wecke der Begriff der Mission eher negative Assoziationen. Aber auch ganz radikale Denkversuche sind für den IM-Vorstand denkbar: „Wenn wir schon für die Caritas gehalten werden, dann könnten wir ja auch mal überlegen, ob wir gemeinsame sozialpolitische Stellungnahmen abgeben.“ Vom Angebot, den Konzepten und der sozialpolitischen Ausrichtung gebe es zwischen beiden Verbänden schon seit langem große Übereinstimmungen. Bauer wörtlich: „Die Unternehmensgruppe Innere Mission München wird wahrgenommen wie die Caritas – nur evangelisch.“ Klaus Honigschnabel


Nr. 52 · 2010

Seite 3

Alten- und Pflegeheim Lindenhof: Bei der Betreuung von Menschen mit Demenz ist viel Fachwissen nötig

Den Schmerzen sensibel auf der Spur „Das pflegeleichte Set ist weg“, murmelt Anna Moser* und deutet auf ihr linkes Knie. Sie rutscht unruhig auf ihrem Stuhl herum. „Wo tut es ihnen denn genau weh?“, fragt sie ein Pfleger. Anna Hauser zeigt auf ihr rechtes Knie. Wie erfasst man Schmerzen bei Menschen, die sich dazu nicht äußern können? Vor dieser Frage stehen die Pflegekräfte im Lindenhof fast jeden Tag. Das Alten- und Pflegeheim ist eine beschützende Einrichtung, die 44 Bewohner sind dement, viele im letzten Stadium. Sie haben oft mehrere Krankheiten, nehmen viele Medikamente, die Nebenwirkungen haben. Die Suche nach dem Auslöser für die Schmerzen ist hier Geduldsarbeit. Ein enges Verhältnis zwischen Fachkraft und Bewohner ist dabei besonders wichtig“, erklärt Suzanne Schmid, Pflegedienstleiterin im Lindenhof. Jeder Bewohner hat deshalb einen Bezugspfleger, der ihn besonders gut kennt und ganz genau hinschaut: Verzieht jemand bei bestimmten Bewegungen das Gesicht oder vermeidet er sie gar? Warum schreit er? Ist er anders oder stärker unruhig als sonst? Die Selbsteinschätzung der Bewohner ist wichtig – auch wenn ihnen die Worte fehlen: Anhand von lachenden und weinenden Smileys können sie zeigen, wie stark die Schmerzen sind. Klappt das nicht mehr, dann müssen die Pflegekräfte den Schmerz beurteilen. Ein detaillierter Fragebogen hilft ihnen dabei; trotzdem ist es nicht immer einfach. „Wir müssen die Mitarbeiter dafür sensibilisieren“, hat Suzanne

Licht, Musik und Gerüche: Der Snoezelen-Raum im Lindenhof regt alle Sinne an. Schmid festgestellt. Deshalb setzt sie auf Fortbildungen, bespricht viele Fälle im Team: „Die Beobachtungen von allen zählen; wenn sich einer unsicher ist, dann gehen wir dem nach.“ So wie im Fall eines neuen Bewohners mit Krebs im Endstadium: Über Schmerzen im Bauch klagte er – oft die typische Folge eines Tumors. Bei einer genaueren Untersuchung stellte sich heraus: Die Schmerzen kamen von einem Rippenbruch. Seit fünf Jahren gibt es im Lin-

denhof das hauseigene Konzept zur Palliativpflege, der Behandlung, Pflege und Begleitung schwerstkranker Menschen. Die Erfahrungen sind in einen „Standard zum Umgang mit Schmerzen“ eingeflossen, der seit 2009 in den sieben Alten- und Pflegeheimen der Hilfe im Alter angewendet wird. Damit liegt jetzt eine klare Handlungsvorgabe vor, wie Schmerzen zu erkennen und zu erfassen sind – und wie auf diese zu reagieren ist.

Foto: Kurt Bauer Primäres Ziel war, die Pflegekräfte im Hinblick auf die Problematik Schmerz und den bewohnerindividuellen Umgang zu sensibilisieren. „Der Schmerzstandard ergibt sich – wie auch unser Hospiz- und Ethikprojekt – aus dem Selbstverständnis, mit dem wir Pflege betreiben wollen“, sagt Claudia Wieninger, die bei der Hilfe im Alter die Entwicklung des Schmerzstandards übergreifend betreut. „Wir möchten die Lebensqualität unserer Bewohner bis zum

letzen Tag bewahren.“ Der Leitfaden bietet die Möglichkeit, Schmerzen objektiver festzustellen, die Beobachtungen detailliert an den Arzt, aber auch an Angehörige und Bewohner weiterzugeben, um gemeinsam individuelle Maßnahmen zu finden und umzusetzen. Die enge Zusammenarbeit mit den Ärzten gehört dazu, „sonst nützen unsere Beobachtungen überhaupt nichts“, meint Suzanne Schmid, die Ausbildungen in Palliative Care und als Pain Nurse gemacht hat. Im Lindenhof bespricht der Oberarzt der Palliativstation des Garmischer Krankenhauses einmal in der Woche die Fälle. Teil der Behandlung ist auch immer wertschätzende Pflege: Neben physikalischen Anwendungen, Wickeln und homöopathischen Mitteln gegen die Schmerzen setzen Suzanne Schmid und ihr Team ganz besonders auf die basale Stimulation, die Kommunikation über alle Sinne zwischen Pfleger und Bewohner. Vorsichtige Waschungen gehören dazu, Massagen mit Öl oder Sitzungen im Snoezelen-Raum: Ganz in weiß ist das Zimmer gehalten – je nach Bedarf der Patienten werden verschiedene Sinne angeregt, zum Beispiel mit Wassersäulen, leiser Musik oder Sandsäckchen auf dem Körper. Denn Wohlbefinden ist im Lindenhof wichtig: „Demenz ist nicht therapierbar“, sagt Pflegedienstleiterin Suzanne Schmid. „Für unsere Bewohner ist der Lindenhof das letzte Zuhause, das möchten wir so angenehm gestalten wie möglich.“ Isabel Hartmann *Name von der Redaktion geändert

Herbert Stiglmaier betreut seine altersverwirrte Mutter

Leben im potemkinschen Dorf Herbert Stiglmaier würfelt, geht mit seinem gelben Männchen vier Felder vor und wirft ein grünes Männchen raus: „Auf Wiedersehn, Frau Stiglmaier“, sagt er und grinst. „Du Frecher“, sagt seine Mutter, streckt drohend den Finger in die Luft und lacht, laut und scheppernd. „Mensch ärgere Dich nicht“ haben die beiden häufig gespielt, damals, als Herbert Stiglmaier noch klein war, vor gut 40 Jahren. Vor einiger Zeit hat er das Spielbrett wieder hervorgekramt. Viele Runden fechten die beiden darauf aus, seit sich die Demenz in das Leben seiner Mutter geschlichen hat – seit sie das vergisst, was gerade passiert ist, und sich immer mehr an das erinnert, was vor langer Zeit geschehen ist. Vor etwa drei Jahren ist Herbert Stiglmaier aufgefallen, dass sich seine Mutter langsam veränderte: Er fand auf einmal den Zucker im Putzschrank. Verabredungen hat Ottilie Stiglmaier – sonst immer sehr zuverlässig und pünktlich – einfach vergessen. „Mal hat sie viel zuviel eingekauft, dann wieder gar nicht. Der Anfang war eigentlich die schwierigste Phase“, sagt der Journalist. „Denn wir haben gemerkt, dass sie sich aus ihrem normalen Leben verabschiedet.“

Und doch lebt die 89-Jährige weiter in ihrer eigenen Wohnung in Haidhausen – wie immer, zumindest aus ihrer Sicht: „Wir haben für sie ein potemkinsches Dorf aufgebaut“, erzählt ihr Sohn. „Sie denkt, sie kann noch alles: Putzen, Waschen, den Müll runterbringen.“ Doch das haben längst andere übernommen. Sie hat kein eigenes Konto mehr, Herbert Stiglmaier erledigt alle Behördenangelegenheiten für sie.

Starthilfe – nicht nur morgens Medikamente haben die Krankheit in ihrer Entwicklung gebremst, doch die Erinnerungen an die letzten fünf Jahre sind gelöscht. Termine vergisst die Seniorin sofort – außer wenn sie mit ihrer Enkelin Sophie verabredet ist, oder wenn es zum Schwimmen geht. Schwerhörig ist Ottilie Stiglmaier, aber sonst körperlich fit. Aber: Das Aufstehen am Morgen fällt ihr schwer. Oder wie es Herbert Stiglmaier ausdrückt: „Meine Mutter ist wie ein Ferrari, der länger in der Garage steht, sie braucht etwas Starthilfe.“ Auf der Suche nach dieser Starthilfe hat er gemerkt, dass Menschen mit Demenz oft nicht ins System passen – schon gar nicht

die, die von ihrer Familie zuhause gepflegt werden. Vorschriften und Regelungen entsprechen nicht ihren Bedürfnissen: So hatte zum Beispiel die Pflegekasse 200 Euro Betreuungsgeld im Monat für Ottilie Stiglmaier bewilligt. Ihr Sohn wollte damit einen Pflegedienst bezahlen, der seiner Mutter am Morgen aus dem Bett hilft. Der Pflegedienst lehnte ab – der Auftrag war nicht lukrativ genug. Trotzdem steht das potemkinsche Dorf für Ottilie Stiglmaier; viele Baumeister sorgen dafür, dass es hält: Eine Freundin kocht Essen und begleitet sie zu Terminen, Herbert Stiglmaiers Lebensgefährtin Miriam Peters arbeitet in der Nähe und schaut zwischendurch nach dem Rechten, Enkelin Sophie kommt mit Freundinnen zum Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen. An zwei Tagen in der Woche geht Ottilie Stiglmaier ins Altenund Service-Zentrum (ASZ) Haidhausen – und bekommt von dessen Mitarbeitern auch die nötige Starthilfe: Sie holen die 89-Jährige ab, wecken sie – falls nötig – oder helfen ihr beim Fertigmachen. Montags steht die Aktivierungsgruppe der Alzheimer-Gesellschaft im ASZ auf ihrem Programm, dienstags isst Ottilie Stiglmaier dort zu Mit-

Demenz mit Gelassenheit nehmen: die Stiglmaiers beim Spiel. Foto: Erol Gurian tag – und bügelt manchmal im Anschluss Tischdecken und Servietten. Denn die Mitarbeiter des ASZ haben von ihrem Sohn erfahren, dass Bügeln – neben „Mensch ärgere Dich nicht“ – ihre zweite Passion ist, und haben sie gleich eingespannt. „Des kann i guad“, sagt Ottilie Stiglmaier. Die Handgriffe sitzen, schließlich war sie früher Zimmermädchen. Ihren Sohn hat Ottilie Stiglmaier alleine aufgezogen; jetzt hält der 49-Jährige ihr Leben am Laufen: „Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken, ich möchte ihr etwas zurückgeben.“ Doch manchmal fällt es auch ihm schwer, die Fassade aufrecht zu erhalten: Zum Beispiel, als seine Mutter ins Krankenhaus musste, ihr Zustand sich rapide verschlechterte. „Wenn es mit ihr bergab

geht, dann brauche ich zwei Wochen, um damit klarzukommen.“ Und fängt dann an, die Fassade wieder aufzubauen, neue Lösungen für die neue Situation zu finden. Doch er weiß, dass das potemkinsche Dorf nicht für immer stehen bleiben wird: „Wenn es um ein Jota schlechter wird, dann kommt nur noch ein Heim in Frage.“ „Nur keine Aufregung“, steht auf dem Mensch-ärgere-Dichnicht-Spielbrett und an die Devise versucht sich auch Herbert Stiglmaier zu halten: „Wir sind froh, dass meine Mutter bei uns ist.“ Sie sei kindlicher geworden, verspielter und fröhlicher, sagt er und sieht Ottilie Stiglmaier an. Die nimmt den Würfel, wirft eine Drei, lacht und haut ein gelbes Männchen raus: „Auße med eahm!“ isa


Seite 4

Nr. 52 · 2010

Brigitte Hauser pflegt seit vier Jahren ihre jüngere Schwester

PflegeAkademie qualifiziert Betreuungsassistenten

Das Schlimmste ist die Isolation

Alle Sinne werden wach

Alles hat damit angefangen, dass ihr Fehler passierten beim Schreiben. Maria Franck* war Chefsekretärin und immer sicher in Rechtschreibung. Mit einem Mal wurde sie unsicher, doch es gelang ihr, die Schwäche zu vertuschen. Der Chef hat nichts gemerkt. Dann verschwanden die Namen der Freunde – einfach weg. Lange haben auch die nicht geahnt, dass Maria Franck beginnende Demenz hat. Da war sie 57 Jahre alt. „Wenn wir telefoniert haben, dann hat sie immer so vorgefertigte Sätze gesagt, wie auswendig gelernt“, erzählt ihre Schwester Brigitte Hauser*. Sie besuchte ihre Schwester öfter in Ulm, wo Maria Franck alleine lebte. Brigitte Hauser wurde klar, dass sie den Haushalt nicht mehr überblickt, dass sie die einfachsten Tätigkeiten nicht mehr erledigen kann, weil sie vergessen hat, wie sie gehen: kochen, putzen, einkaufen.

auf. Ihr eigenes Bett richtet sie sich hinter einem Vorhang in der Küche ein, damit die Schwester in ihr Schlafzimmer ziehen kann. Seit vier Jahren pflegt die 75-Jährige nun ihre Schwester, täglich greift ihr ein Pflegedienst unter die Arme. Im Landkreis Ebersberg leben rund 1.000 Menschen mit Demenz, ein Großteil wird von Angehörigen gepflegt. Sie erhalten Unterstützung vom gerontopsychiatrischen Fachdienst der Sozialpsychiatrischen Dienste (SPDi) Ebersberg. Dort hat Brigitte Hauser auch einen Kurs gemacht, um sich über die Krankheit und deren Auswirkungen zu informieren. „Wenn die Krankheit in so jungen Jahren ausbricht wie bei meiner Schwester, dann ist der Verfall meist sehr schnell“, weiß Brigitte Hauser. Am Anfang waren sie noch oft gemeinsam spazieren, waren auf dem Viktualienmarkt oder im Café. Das geht heute nicht mehr.

Wer an Demenz erkrankt, verliert das Leben aus dem Blick: Wörter verschwinden, Gelerntes geht meist nicht mehr. Foto: Kurt Bauer „Ich habe ihr immer wieder gesagt, Du musst Dir was überlegen, Du brauchst Hilfe“, sagt Brigitte Hauser im Rückblick. Aber sie spürt bald, dass die Schwester diese Entscheidung nicht mehr treffen kann. Die Wortfindungsstörungen nehmen zu, sie verliert die Zeit aus dem Blick und weiß oft nicht mehr, wo sie ist. Weil Maria Franck immer weniger alleine klar kommt, nimmt Brigitte Hauser die Schwester schließlich bei sich in Ebersberg

Zum einen, weil es zu anstrengend wird für Maria Franck, zum anderen, weil Brigitte Hauser nicht die Blicke auf sich ziehen möchte, wenn ihre Schwester mit der Gabel auf dem Tisch malt. Oder weil es ihr unangenehm ist, wenn Bekannte nur sie ansprechen, nicht aber die Schwester. „Das ist Angst oder Unsicherheit“, glaubt Brigitte Hauser – und es ist zu spüren, dass es ihr weh tut. Die Isolation ist für sie das Schlimmste. Weil sie die

orientierungslose Schwester nicht allein zu Hause lassen kann, fehlen ihr mittlerweile Freunde, Gespräche, Anregung. Hier hat sie der Helferkreis der SPDi Ebersberg unterstützt, der mit Demenzkranken und ihren Angehörigen spazieren geht oder einkauft.

Zeit zur Erholung nötig Die Helferin, die Brigitte Hauser und Maria Franck besuchte, kann zurzeit nicht kommen. „Das waren nette Gespräche und etwas Abwechslung. Sie fehlt uns sehr“, sagt die pflegende Schwester. Und so bleibt ihr nur der Dienstagvormittag für sich, wenn Maria für vier Stunden bei der Caritas ist, wo sie zusammen mit anderen Demenzkranken isst und singt. Für die Schwester sind das wichtige Stunden: „Da bin ich einfach nur Ich, da mache ich gar nichts, da bin ich froh, wenn ich auf nichts aufpassen muss“, sagt Brigitte Hauser. Doch die Zeit zur Erholung und auch die Zeit für eigene Interessen ist zu wenig. Brigitte Hauser jammert nicht. Sie pflegt die Schwester, weil sie sie liebt. Jeden Mittag kocht sie und da schenkt ihr die mittlerweile sprachlos gewordene Maria oft ein Lachen. Wenn es zum Nachtisch etwas Besonderes gibt, dann strahlt die jüngere Schwester. Abends bringt sie die Schwester ins Bett, singt mit ihr und die Schwester summt mit. Brigitte Hauser streicht ihr über die Haare und Maria wird ganz gelöst. Brigitte lässt sie spüren, dass sie geliebt wird. Und an einem Abend kam dann ein Satz auf Schwäbisch, den Brigitte nicht vergessen wird: „Dank Dir schee, dass’D so schnell komme bist.“ Sandra Zeidler *Namen von der Redaktion geändert Die Sozialpsychiatrischen Dienste Ebersberg vermitteln, schulen und begleiten Helferinnen und Helfer, die demente oder psychisch kranke ältere Menschen für ein paar Stunden in der Woche betreuen. Weitere Informationen unter der Telefonnummer 08092 / 8 53 38-0.

Demenz erhöht das Risiko für epileptische Anfälle

Epilepsie bei älteren Menschen nimmt zu Demenz gilt seit jeher als klassische Alterserkrankung. Aber Epilepsie? Einst war diese neurologische Erkrankung typisch für das Kindes- und Jugendalter. Seit einiger Zeit trifft sie aber immer mehr ältere Menschen: Mittlerweile ist die Wahrscheinlichkeit, an Epilepsie zu erkranken ab dem 60. Lebensjahr doppelt so hoch wie ab dem 20.; bei über 80-Jährigen ist sie sogar bis zu fünfmal so hoch. Insgesamt beginnt inzwischen ein Drittel der Epilepsien nach dem 60. Lebensjahr. Doch was haben Demenz und Epilepsie miteinander zu tun? Beide Krankheiten spielen sich im Gehirn ab. Die chronische Veränderung des Gehirns bei Demenz ist eine der hauptsächlichen Ursa-

chen für Epilepsie im Alter – neben Schlaganfällen, Stoffwechselstörungen, Nebenwirkungen von Medikamenten und Gehirntumoren. Menschen mit Demenz haben ein fünf- bis zehnmal erhöhtes Risiko für epileptische Anfälle. Bei einer Epilepsie kommt es zu einer krankhaften Übererregung von Nervenzellen, die sich unkontrolliert entladen. Die Folge: Anfälle mit Stürzen, Bewusstseinsveränderungen – bis hin zur Bewusstlosigkeit – und Krämpfen. Im Alter bleibt Epilepsie oft unerkannt, gerade weil Krankheiten gehäuft auftreten: Anfälle, bei denen es zu einem Sturz kommt, ähneln einer Herz-Kreislauf-bedingten Ohnmacht. Schwindel oder Unsicherheiten beim Gehen werden oft

nicht mit Epilepsie in Verbindung gebracht. Auch wenn sich bei einem epileptischen Anfall das Bewusstsein verändert, wird dies gerade bei älteren Menschen als Verwirrtheit fehlgedeutet. Demenzkranke können einen Anfall oft selbst nicht mehr beschreiben und einordnen. Hier sind die Beobachtungen der Angehörigen und des Pflegepersonals für die Diagnose von großer Bedeutung. Medikamente helfen, die Anfälle zu unterdrücken – für die Betroffenen bedeutet das mehr Lebensqualität. Stürze und daraus resultierende Verletzungen werden so vermieden, die Angst vor dem nächsten Anfall lässt nach. Maria Dengler www.epilepsieberatung-muenchen.de

Sie führen Gespräche, singen, basteln und spielen mit den dementen Menschen, gehen mit ihnen spazieren oder begleiten sie bei Ausflügen – seit Sommer 2008 können Betreuungsassistenten in Altenund Pflegeheimen alltägliche Betreuung und Beschäftigung übernehmen. Die Pflegekassen tragen die Kosten dafür. Da ein hoher Bedarf für diese Kräfte besteht, bietet die Evangelische PflegeAkademie der Inneren Mission von September 2010 die Qualifikation von Betreuungsassistenten eigens für die Hilfe im Alter an. „Das Schulungsangebot ist speziell abgestimmt auf die Begleitung und Betreuung von Menschen mit Demenz“, erklärt Susanne Hofmann, Leiterin des Bereichs Fort- und Weiterbildung der PflegeAkademie. Der Kurs beinhaltet drei Module: In einem Basis- und einem Aufbaukurs erhalten die Teilnehmer in 160 Stunden Grundkenntnisse über dementielle, psychische und typische Alterserkrankungen. Interaktion und Kommunikation sind der wichtigste Teil der theoretischen Ausbildung. Die erlernte Theorie soll außerdem in einem 80 Stunden umfassenden Betreuungspraktikum, dem dritten Modul, in einem Pflegeheim erprobt werden.

Kleinigkeiten des Alltags Die Assistenten übernehmen viele Aufgaben im Sozialbereich der Heime: Bei Barbara Breuer steht heute die Essensplanung auf dem Programm. Zehn Stunden in der Woche betreut sie Bewohner des Evangelischen Pflegeheims im Reischlhof in Ebersberg, meist mittags oder abends – dann, wenn die Pflegekräfte besonders beschäftigt sind. Demente Menschen brauchen für vieles etwas länger. Zum Beispiel, wenn sie sagen sollen, was sie gerne essen wollen. Sieben Bewohnerinnen sitzen um einen großen Tisch, Breuer wandert von einer zur nächsten. Von jeder will sie wissen, welches Menü sie sich für die nächsten Tage aussucht, ob sie lieber Fisch isst oder Süßspeisen, Nudeln oder Kartoffeln. Das ist mühsam, aber Barbara Breuer hat unendlich viel Geduld und schafft es, die dementen Damen in kleine Gespräche zu verwickeln. „Bei diesem Essen sind

Kapern drin.“ – „Oh! Die hat meine Mutter immer in der Küche verwendet.“ – „Mögen Sie die?“ – „Ja mei, das ist schon so lang her.“ Breuer erzählt Kleinigkeiten aus ihrem Alltag, von ihrem Zahnarzt und vom Garten ihrer Schwiegermutter. „Man muss sich darauf einlassen können“, sagt Breuer über ihre Arbeit – das gilt auch für die schwereren Fälle. Einen Versuch ist es immer wert.

Körperliche Betätigung tut gut Seit Oktober 2009 arbeitet Karin Härtling 18 Stunden pro Woche im Lichthof, dem beschützenden Bereich des Pflegezentrums Eichenau. Sie ist eine von sieben Betreuungsassistenten, allein im Lichthof sind drei von ihnen beschäftigt. „Wandern“ ist am heutigen Tag das Thema des Beschäftigungsprogramms. Mit Karin Härtling sitzen in einem Stuhlkreis sieben demenzkranke Menschen, in der Mitte liegen eine Feldflasche, ein Rucksack und eine Wanderkarte: „So motiviere ich die Leute, vielleicht etwas von einem vergangenen Wanderausflug zu erzählen“, sagt sie. Zusammen stimmen sie „Das Wandern ist des Müllers Lust an“; viele kennen den Text noch auswendig. Die Biographiearbeit mit den Klienten sei das Herzstück der Betreuung von Demenzkranken, betont Härtling. Ebenso wichtig sei die wertschätzende Kommunikation, die Validation: „Ich nehme die Bemerkungen der Menschen ernst und gehe auf sie ein.“ Und nicht zuletzt tut körperliche Betätigung gut: „Wenn wir in die Natur gehen, dann sind plötzlich alle Sinne wieder wach“, berichtet die 40-Jährige. „Die Betreuungskräfte und die Beschäftigung wirken beruhigend auf die Demenzkranken“, sagt Christian Posselt, Stationsleiter des Lichthofs, „und die ständige Präsenz eines gesunden Menschen im Raum tut ihnen gut.“ Sogar der Einsatz von Psychopharmaka konnte in einigen Fällen schon reduziert werden. Darüber hinaus seien die Assistenten für die Fachkräfte eine große Entlastung – sie können sich so voll und ganz auf ihre pflegerischen Tätigkeiten konzentrieren. Susanne Hagenmaier / Julia Kreissl www.pflegeakademie-muenchen.de

Betreuungskräfte und gezielte Beschäftigung wirken beruhigend auf Heimbewohner, die an Demenz erkrankt sind. Foto: Julia Kreissl


Nr. 52 · 2010

Seite 5

Die Pflege altersverwirrter Menschen erfordert ganz eigene Spielregeln

Mut, das Ungewöhnliche zu tun Seit ihrem 78. Lebensjahr wohnt Inga S. in der geschlossenen Abteilung eines Pflegeheimes. Sie ist stark demenzkrank, erkennt ihre Tochter oft nicht mehr und fragt nach Personen, die längst gestorben sind. Eines Morgens stürzt die 80-Jährige und muss ins Krankenhaus. Sie ist unsicher und ängstlich, fragt immer wieder nach ihrer Mutter. Es ist offensichtlich, dass sie sich wieder als kleines Mädchen fühlt. Die Pflegerin versucht, ihr zu erklären, dass ihre Mutter schon lange tot ist. Sie erläutert ihr auch, dass sie im Krankenhaus sei, um untersucht zu werden. Inga S. wirkt immer verzweifelter. Sie ruft nach ihrer Mutter. Die Pflegerin schimpft auf die Frau ein, sie solle ruhig sein. Inga S. beginnt zu weinen.

Spezielle Spielregeln nötig

Helga Rohra ist Vorstandsmitglied der AlzheimerGesellschaft – und leidet selbst an Demenz

Kraft aus dem Glauben Es waren einzelne Wörter, die Helga Rohra zuerst entglitten. Sie suchte ihre Hausschuhe und sagte „Hosenschuhe“ dazu. „Eine kleine Schwäche“, dachte sie, „das passiert jedem einmal“. Schließlich war Helga Rohra doch erst 55 Jahre alt, stand mitten im Leben, war als Dolmetscherin voll eingespannt. Doch mit der Zeit wurden es immer mehr Wörter, die Helga Rohra verdrehte oder gar nicht mehr fand. Dann kam die Sache mit der Arbeit: Einen Text sollte sie übersetzen, doch als sie ihre Übersetzung am Computer öffnete, kam sie ihr auf einmal ganz unbekannt vor. Die Ärzte diagnostizierten schließlich eine Lewy-Body-Demenz; Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Depressionen und Halluzinationen gehören zu den Symptomen.

Sprache als Ressource nutzen Die Diagnose hat Helga Rohra mehr als ein Jahr für sich behalten. Sie weinte viel, fiel in ein tiefes Loch: „Das ist wie ein Stein, der Dich immer weiter runterzieht; Du siehst nur trüb“, erinnert sie sich. Und: „Es ist wichtig, dass man dagegen ankämpft.“ Es war ein langer Weg, bis Helga Rohra wieder klar sehen konnte – mit vielen Kämpfen. Zum Beispiel mit den Behörden: Die haben sie ein Jahr nach der Diagnose in die Erwerbsminderungsrente geschickt. Dabei wollte die ehemalige Dolmetscherin doch arbeiten, in der Gesellschaft integriert bleiben: „Ich kann zwar nicht mehr am PC arbeiten, aber ich kann immer noch am Telefon eine Beratung machen“, sagt sie. Doch die Zeit, die sie gebraucht hätte, „um mich wieder auf die Beine zu stellen“, hat ihr keiner gegeben. Aufgefangen und gestärkt hat sie in ihrer „schwachen Zeit“ die Alzheimer-Gesellschaft, die Betrof-

fenen-Gruppe „Demil – Demenz mitten im Leben“. Ihre „demente Familie“ nennt Helga Rohra sie heute. Mittlerweile sitzt die 57Jährige – deutschlandweit als erste und einzige Demenzkranke – im Vorstand der Gesellschaft und gibt anderen Betroffenen eine Stimme. Helga Rohras Ressource ist die Sprache: „Ich kann mich nicht mehr orientieren, ich habe ein anderes Zeitgefühl, ich kaufe 50 Mal die gleichen Sachen, aber sprechen kann ich noch gut“, sagt sie. „Früher habe ich Sprachen übersetzt, jetzt übersetze ich die Demenz für Gesunde und erkläre ihnen die Symptome und die Innenwelt der Dementen.“ Mittlerweile ist Helga Rohra in ihrer „Mission Demenz“ in der ganzen Welt unterwegs. Auf dem Internationalen Alzheimer-Kongress im nächsten Jahr in Toronto tritt sie als Sprecherin auf. Sie schreibt an einem Buch und gibt Interviews. Und: Sie hat endlich wieder einen Job: Für das Projekt „Sophia“ schult sie ehrenamtliche Helfer, damit demenzkranke Menschen so lange wie möglich zuhause leben können. Ein großer roter Kalender – ihr zweites Gedächtnis – erinnert sie an all ihre Aufgaben. Die Seiten sind eng beschrieben, mit vielen detaillierten Bemerkungen: „Ich gehe zu Fuß hin“, steht unter einem Termin, zwischen den Seiten kleben ausgedruckte E-Mails. Eine Uhr mit Kalender piepst zu jeder Stunde und gibt ihr das Zeitgefühl zurück. Um ihr neues Leben zu meistern, hat sie sich ein „Programm einer Leistungssportlerin“ aufgebaut: Mit ihrem Sohn übt sie jeden Tag Französischvokabeln. Dazu gehört auch gesundes Essen, jeden Tag ein Spaziergang und Meditation. „Es ist mein Glauben, der mir die Kraft gibt“, sagt Helga Rohra. „Seit der Diagnose ist er noch stärker geworden.“ isa / Fotos: Kurt Bauer

Der Umgang mit demenzkranken Menschen erfordert ganz eigene Spielregeln. Und nicht jede Pflegekraft – und schon gar nicht die Angehörigen – kennen sie. Sie sind deshalb unsicher, wie sie sich verhalten sollen, wenn beispielsweise eine 80-Jährige plötzlich nach ihrer Mutter verlangt. Die Evangelische PflegeAkademie veranstaltet regelmäßig Fachtage zum Thema Demenz, um vor allem Pflegekräften wichtige Tipps im Umgang mit der Krankheit zu geben, die diese dann auch an Angehörige weitergeben können. Der fünfte Fachtag stand unter dem Motto „Lebensqualität bei Menschen mit Demenz“. Welche pflegerischen Maßnahmen fördern die Lebensqualität? Und was sind überhaupt die Indikatoren für Lebensqualität? Diplomgerontologin Stefanie

Becker von der Berner Fachhochschule, Fachbereich Soziale Arbeit, zieht folgende Definition heran: „Unter Lebensqualität verstehen wir gute Lebensbedingungen, die mit einem positiven subjektiven Wohlbefinden zusammengehen.“ So sei es etwa im Fall von Inga S. besser, ihre Ängste ernst zu nehmen und sie anzusprechen, einfühlsam auf sie einzugehen statt laut zu schimpfen. Der Frau Sicherheit zu geben, indem man das Gespräch auf Bekanntes, sogenannte Erinnerungsinseln, lenkt. Auch sanfte Berührungen würden Inga S. helfen, sich sicher und verstanden zu fühlen. „Freude und Wohlbefinden zu erleben, ist eine wichtige Fähigkeit, die auch bei schwerer Demenz erhalten bleibt“, so Stefanie Becker. „Demenzkranke Menschen brauchen Unterstützung, um in solche Situationen zu kommen, die für sie positiv sind.“ Dazu brauche man aber „eine hervorragende Beobachtungsgabe, sensibles Einfühlungsvermögen, die Bereitschaft, sich auf die Ebene des Kranken zu begeben, sowie Mut und Kreativität, auch Ungewöhnliches auszuprobieren“.

Jörg Fröhlich vom Ressort Pflege des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen in Bayern betonte, wie wichtig in Hinblick auf die Lebensqualität von Demenzkranken eine gute Vernetzung der Pflegeeinrichtungen mit Angehörigen, Ärzten, Krankenhäusern, ehrenamtlich Tätigen und anderen Einrichtungen in der Region sei. Eine besondere Bedeutung komme der Einrichtungsleitung zu. „Voraussetzung für Erfolg ist die Verknüpfung unterschiedlicher Maßnahmen zu einem zielorientierten Gesamtkonzept“, so Fröhlich. Gleichzeitig warnte er vor „starren organisatorischen Vorgaben und Tagesstrukturen“, die den Bedürfnissen von Menschen mit Demenz nicht gerecht werden.

Mehr Lebensqualität gewinnen Selbstbestimmung hält auch Professor Johannes Kemser von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München für den zentralen Punkt. Den Schlüssel für mehr Lebensqualität von Menschen mit Demenz sieht er in einer „sozialen Betreuung, die mehr ist als nur Beaufsichtigung und Beschäftigung“. Ziel dieser Betreuung müsse es sein, Lernprozesse zu initiieren und gestalten, damit eine zufriedenstellende Sinnerfüllung erreicht werde. Auch wenn es viele gute mögliche Ansätze gibt – in einem sind sich die Fachleute einig: Es gibt kein Patentrezept, das bei jedem funktioniert ungeachtet der Situation, Biographie, seines Charakters oder seiner aktuellen Lebensumstände. Wichtig sei es daher, sich immer wieder neu auf die Betroffenen mit einfühlsamer Wertschätzung einzulassen. Doris Richter

Beratung für demenzkranke Menschen und deren Angehörige

„Das Wichtigste ist, Hilfe anzunehmen“ Demenz – für Betroffene und ihre Familien bedeutet diese Diagnose erst einmal eine Menge Fragen und Unsicherheiten, wie es weiter geht. Isabel Hartmann sprach mit Hildegard Schulz-Lampe von der Beratungsstelle für alte Menschen und Angela Danquah von der Fachstelle für pflegende Angehörige über die Hilfsangebote zur Beratung und Betreuung von Demenzkranken. Wie kann man – trotz der Diagnose Demenz – noch so lange wie möglich selbstständig leben? Wichtig ist erst einmal die genaue Diagnose, um welche Art der Demenz es sich handelt. Darauf basiert die Therapie: Durch Medikamente lässt sich die Krankheit oftmals verzögern. Zu einer guten Behandlung gehören aber auch Informationen, wie sich die Krankheit entwickelt und was auf den Patienten und die Angehörigen zukommt. Gedächtnisambulanzen oder Alzheimer-Therapiezentren sind hier gute Anlaufstellen. Generell sollte man schon früh im Leben vorsorgen, sich um eine Vorsorgevollmacht, oder Betreu-

ungsverfügung und eine Patientenverfügung kümmern. Wohnt ein demenzkranker Mensch in der eigenen Wohnung, gibt es viele Hilfsmittel, zum Beispiel einen Herdschutz und rutschfesten Boden zur Sicherheit sowie Schilder an den Schränken und Türen zur Orientierung. Was gibt es für Möglichkeiten, wenn die Pflege eines demenzkranken Angehörigen zuhause nicht mehr klappt? Die Wohnangebote für demenzkranke Menschen sind vielfältig. Sie reichen von Wohngemeinschaften, Wohngruppen und Hausgemeinschaften bis hin zu den Pflegeabteilungen in den stationären Einrichtungen. Für weglaufgefährdete, demenzkranke Menschen gibt es in vielen Altenund Pflegeheimen einen beschützenden Pflegebereich. In einigen gerontopsychiatrischen Einrichtungen können sich die Bewohner innerhalb des Hauses frei bewegen, da es nach außen geschlossen ist. Für diese beiden Formen ist ein Unterbringungsbeschluss des Betreuungsgerichtes nötig.

In Pflegeoasen werden demenzkranke Menschen im letzten Stadium begleitet. In den Häusern der Hilfe im Alter sorgen Ethik- und Hospizprojekte dafür, dass Menschen in der letzten Phase ihres Lebens gut versorgt sind. Bei der Entscheidung für eine Einrichtung sollten zuerst die Bedürfnisse des Demenzkranken – aber auch der Angehörigen – ermittelt werden. Es ist gut, mehrere Einrichtungen zu besuchen und die Besichtigung zu zweit zu machen, um vergleichen zu können und sich über die Eindrücke austauschen zu können. Manche Einrichtungen bieten Probewohnen an, andere kann man in der Kurzzeitpflege schon mal testen. Wenn eine Unterbringung dringend gebraucht wird, kann die Beratungsstelle für alte Menschen weiterhelfen. Weitere Informationen und individuelle Beratungen gibt es bei der Beratungsstelle für alte Menschen (Telefon: 089/15 91 35-20/21) und der Fachstelle für pflegende Angehörige (Telefon: 089/15 91 35-67).


Seite 6

Nr. 52 · 2010

Seelsorger im Altenheim müssen die Hilflosigkeit dementer Menschen mittragen

Gute Begleiter auf dem letzten Weg Pastoralreferent Hermann Eilermann (Foto) war 35 Jahre als Seelsorger im Erzbistum München und Freising tätig. 17 Jahre lang lag der Schwerpunkt des heute im Ruhestand lebenden Seelsorgers in der Kranken- und Altenpastoral, knapp zehn Jahre war er zudem im Haus der Münchenstift an der Rümannstraße tätig. Beim Evangelischen Bildungswerk wirkte er beim Projekt „Freiwilliges Engagement im Altenheim“ mit. Mit Hermann Eilermann sprach Frank Kittelberger.

schlimmstenfalls Aggressivität auslösen.

?

Wenn es dann aufs Lebensende zugeht, welche besonderen Herausforderungen an die Seelsorge sehen Sie in dieser Phase? Wenn Menschen mit Demenz im Sterben liegen, kann man sie in der Regel mit bloßen Worten nicht mehr erreichen. Als Seelsorger sollte man dann vor allem die Biographie des Kranken kennen, um eine

!

?

Sie haben langjährige Erfahrung in der Seelsorge in Altenheimen. Was ist denn besonders wichtig bei der Begleitung von Menschen, die an Demenz erkrankt sind? Während meiner mehr als zehnjährigen Tätigkeit als Seelsorger in Altenheimen ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass Menschen, die an Demenz erkrankt sind, in ihrer eigenen Welt leben. Es wäre ein fataler Fehler, wollte ich sie aus dieser Welt in ‚meine’ Welt holen, um sie wieder an die Realität heranzuführen. Das gelingt nicht – zumal dann nicht, wenn die Demenz bereits weiter fortgeschritten ist. Ich würde

ganz einfache Kommunikation möglich zu machen. Wenn mir beispielsweise bekannt ist, dass jemand religiös sozialisiert war – und wenn es nur in der Kindheit oder im Jugendalter war – habe ich mich über sogenannte sprechende Zeichen häufig gut verständigen können: ein aufgestelltes Kruzifix mit einer brennenden Kerze davor, ein Kreuzzeichen auf die Stirn, ein ‚HandschmeichlerKreuz’, das man auch mit deformierten Händen gut halten kann, oder ein gesungenes oder gesummtes Kirchenlied wie etwa ‚So nimm denn meine Hände…’.

?

Sie haben einmal von ,Fünf Schritten der Sterbebegleitung‘ gesprochen. Worum geht es da genau? Fünf Schritte nehmen die Bedürfnisse von Sterbenden in den Blick: Es sind soziale, körperliche, psychologische, spirituelle und räumliche Bedürfnisse, die in der Sterbephase – auch bei dementiell Erkrankten – besonders zu beachten sind. Allgemein gilt: Wir müssen versuchen, bei dementiell Erkrankten deren Hilflosigkeit mitzutragen. Die Kontakte zu ihrem Umfeld müssen bestehen bleiben, sie dürfen nicht ,links liegen gelassen‘

!

!

werden. Der Körperkontakt ist besonders wichtig, weil jemand so am besten emotional erreicht werden kann. Manchmal ist der Kontakt über die Füße möglich, weil hier menschliche Wärme deutlich spürbar wird. Von der psychologischen Seite ist zu beachten, dass beruhigende, kurze Sätze gut tun, wie ‚Ich bin da!’ oder ‚Alles ist gut!’. Sehr vorteilhaft ist auch Musik, sei es nur instrumental oder vorgesungene oder gesummte altbekannte Lieder wie: ‚Guten Abend, gut‘ Nacht…’, ‚Der Mond ist aufgegangen’ oder ‚Abends, wenn ich schlafen geh’. Auch Gebete aus Kindertagen eignen sich besonders, weil sie dem mentalen Zustand des Sterbenden entsprechen. Und solange es gewünscht ist, sollte meine Hand ihn halten gemäß dem Schriftwort ‚Du hältst deine Hand über mir’. Wenn tiefes Vertrauen gewachsen ist, ist auch eine Umarmung möglich nach dem Psalmwort: ‚Von allen Seiten umgibst du mich, Herr, und legst deine Hand auf mich’. Dass der Raum, in dem sich der Sterbende befindet, entsprechend hergerichtet sein sollte, ist wohl eine Selbstverständlichkeit.

?

Bernhard von Clairvaux soll gesagt haben ‚Wer schlecht mit sich umgeht, wie kann der gut sein?’ Was heißt das für Seelsorger, die demente Menschen begleiten?

!

Um hier ein guter Begleiter zu sein, ist es unumgänglich, über die Erkrankung gut informiert zu sein, um sich nicht falsch zu verhalten. Ich muss sozusagen innerlich aufgeräumt sein. Demente Menschen haben ein sehr feines Gespür dafür, ob ich bei ihnen bin oder mit meiner Aufmerksamkeit ganz woanders. Wenn ich das nicht bedenke, löse ich Unruhezustände aus. Darum muss ich mich auf die Begegnung ganz gezielt vorbereiten. Ich muss mich, so gut es geht, um innere Gelassenheit bemühen; Ruhe und ein beträchtliches Maß an Geduld sind vonnöten.

?

Zum Schluss eine vielleicht seltsame Frage: Was gewinnen Sie in der Begleitung von Menschen mit Demenz? Die Frage finde ich gar nicht so seltsam. In der Begleitung von Menschen mit Demenz lerne ich viel: Als Seelsorger kann ich Dankbarkeit direkt erleben, weil die Kranken unverstellt und unmittelbar reagieren. Als Seelsorger kann man da viel geschenkt bekommen: Meine Tätigkeit wird anerkannt – auch wenn ich ‚nur’ da bin. Und ich weiß, dass ich als Seelsorger am richtigen Platz bin, weil man bei diesen Kranken das Seelenleben unmittelbar erspüren kann. Die vergangenen zehn Jahre meiner Tätigkeit als Seelsorger waren für mich die zufriedenstellendsten.

!

Demenzhelferin Petra Lederle unterstützt pflegende Angehörige

Alte Schlager als Verbindung Anna Winters* sitzt versunken in ihrem Sessel, ihre Augen schauen ins Leere, im Hintergrund singt Vico Torriani von Spuren im Schnee. „Wagen wir noch ein Tänzchen?“, fragt Petra Lederle, reicht Anna Winters vorsichtig beide Hände und zieht sie behutsam aus dem Sessel. Petra Lederle ist ehrenamtliche Demenzhelferin, seit fünf Jahren besucht sie demenzkranke Menschen wie Anna Winters, verbringt ein paar Stunden mit ihnen – und entlastet so ihre Angehörigen. Denn wer seinen Partner, Mutter oder Vater zuhause pflegt, hat oft einen 24-Stunden-Job. Langsam und unauffällig hatte sich die Demenz in das Leben der Winters eingeschlichen. Zuerst waren es nur kleine Anzeichen: Anna Winters fing an, Geldstücke zu sammeln, dann zog sie sich immer mehr aus dem Freundeskreis zurück, wollte nicht mehr verreisen.

Die Chemie zwischen den beiden Frauen stimmt. Foto: Isabel Hartmann

Der Arzt diagnostizierte erst eine Depression, zwei Jahre später dann Demenz. „Jeden Tag steht man vor neuen Herausforderungen und die löse ich, wenn ich kann“, sagt ihr Ehemann Karl. So wie damals, als Anna Winters weglaufgefährdet war: Er hat ihr ein Handy in eine Tasche genäht und eine Software aufgetrieben, mit der er sie über das Internet hätte finden können. Als Mitglied in der Alzheimer-Gesellschaft gibt er heute seine Erfahrungen an andere Angehörige von Demenzkranken weiter. „Man ist von den Problemen etwas weg, wenn man sich damit beschäftigt“, findet Karl Winters*. „Ich habe die Krankheit meiner Frau akzeptiert und hadere nicht mit dem Schicksal.“ Ein gutes Netzwerk sei wichtig – und Unterstützung von außen. Die hat der 65-Jährige bei der Alzheimer-Gesellschaft, im örtlichen Alten- und Service-Zentrum und im Pflegeund Betreuungszentrum München gefunden; dort geht Anna Winters mittlerweile in die Tagespflege. Zu seinem Netzwerk gehört auch Petra Lederle: Seit zwei Jahren kümmert sie sich einmal in der Woche um Anna Winters, dann geht Karl Winters Radfahren – zum Abschalten. „Es ist wichtig, dass die Chemie stimmt“, sagt Petra Lederle über ihre Arbeit. „Man darf aber keine große Erwartungshaltung haben und muss sich auf die andere Person einstellen können.“ „Bei uns hat es gleich gefunkt“, erinnert sie sich und nimmt Anna Winters in den Arm: Beim ersten Besuch lief im Hintergrund der

Schlager „In einer kleinen Konditorei“; Petra Lederle hat mitgesungen, Anna Winters eingestimmt. Musik war immer wichtig im Leben von Anna Winters, sie hat immer gerne gesungen und getanzt, besonders zu den Liedern aus ihrer Jugend – damals vor 50 Jahren haben sich die Winters kennen gelernt. Die Liebe zu alten Schlagern hat auch Petra Lederle und Anna Winters näher gebracht: „Wir haben oft zusammen zu den Liedern gesungen, getanzt und herumgealbert“, erzählt die Demenzhelferin. Die Demenz hat mittlerweile tiefe Spuren hinterlassen: Anna Winters spricht nur noch wenige Worte, erkennt auch ihren Mann nicht mehr. „Sie lebt in ihrer eigenen Welt, dort ist sie fast immer der glücklichste Mensch“, sagt Karl Winters. Und doch gibt es Verbindungen in ihre Welt, durch Streicheleinheiten – und durch die Musik: Wenn Karl Winters auf dem Keyboard für sie spielt oder Petra Lederle mit ihr tanzt. Dann bewegt Anna Winters die Füße und Arme grazil im Takt, manchmal kichert sie kurz auf und ihre Augen blitzen. isa *Namen von der Redaktion geändert Die Fachstelle für pflegende Angehörige vermittelt Demenzhelfer und begleitet diese intensiv während ihrer Einsätze. Sie bietet auch eine Angehörigengruppe an. Weitere Informationen unter Telefon 089/15 91 35-67 oder per E-Mail: netzwerk-pflege@immuenchen.de

Herzogsägmühle: Teilhabe für psychisch kranke Senioren

Strukturen für den Alltag „...Ja grias di Schwederle, wie geht’s Dir?“ – Wie fast jeden Morgen empfängt mich Herr B. freudestrahlend. Ich grüße zurück: „Guten Morgen, gut geht’s mir! Und Ihnen?“ Frau S. schüttelt missbilligend den Kopf und wünscht mir auch einen guten Morgen. Ich sehe ein erkennendes Aufblitzen in den Augen von Herrn B. „Ach ja, ’tschuldigung, dass ich Du gesagt hab’, wir haben ja abgesprochen, dass ich ‚Sie’ zu Ihnen sag’!“ Seine Erinnerung bestätigend, gehe ich schmunzelnd weiter zu meinem Büro. Herr B. hat weder Pflegebedarf im Sinne einer der klassischen Pflegestufen noch ist er dement. Gemein mit den anderen 63 Bewohnern des Gerontopsychiatrischen Wohnheims des Schöneckerhauses in Herzogsägmühle ist ihm allerdings, dass er sich wegen einer chronisch psychischen Erkrankung nicht allein versorgen kann, dauerhafte Hilfen und Unterstützung

benötigt, um seinen Alltag zu strukturieren und am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Seit April vorigen Jahres gibt es deshalb im Schöneckerhaus ein stationäres Wohnangebot für psychisch erkrankte Senioren mit umfangreichen Angeboten einschließlich psychiatrischer, hausärztlicher und religiöser Betreuung. Die Mitarbeitenden fördern rund um die Uhr individuelles Leben, stehen im Krankheitsfall und auch im Sterben zur Seite. Es ist später Vormittag, ich bin auf dem Weg in unser SeniorenCafé, dem beliebten Treffpunkt für Bewohner, Mitarbeiter und Besucher. Herr B. kommt mir entgegen. „Ja grias di Schwederle, wie geht’s Dir?“ – „Gut geht’s mir, und Ihnen?“ Herr B. hält kurz inne, hebt den Finger und sagt: „Ach ja, ’tschuldigung, dass ich Du gesagt hab’, wir haben ja abgesprochen, dass ich ‚Sie’ zu Ihnen sag’!“... Petra Schweder / Foto: Archiv


Nr. 52 · 2010

Seite 7

Demenz beim Partner bedeutet Abschied vom alten Leben

„Als wären wir Aussätzige“

Gerontopsychiatrie spielt eine große Rolle in den Ausbildungen an der PflegeAkademie

Kommunikation über die Gefühle Demenz ist Herausforderung, für die Betroffenen selbst, ihre Familien, die Gesellschaft, den Sozialstaat – und auch die Pflegenden: Demenz ändert den Menschen, oft ändert sich auch sein Verhalten radikal. Das bringt die betreuenden Personen an ihre Grenzen. Genau hier liegen die Chancen, Pflege zu gestalten, demente Menschen würdevoll zu begleiten, zu betreuen und zu pflegen, und somit Menschlichkeit zu leben. Deshalb spielt das Thema Demenz in den Ausbildungen an der Evangelischen PflegeAkademie – sowohl in den Altenpflege-Kursen als auch im Bereich der Fort- und Weiterbildung – eine wichtige Rolle.

Emotionen erspüren „Unsere Schülerinnen und Schüler sollen den individuellen Bedürfnissen dementer Menschen gerecht werden, indem sie unterschiedliche Betreuungskonzepte reflektiert anwenden“, sagt Karin Hempel, Lehrerin für Pflegeberufe an der Evangelischen PflegeAkademie. „Dazu gehört die Reflexion der eigenen Person und des eigenen Handelns, ergänzt durch fundiertes Fachwissen.“ Die Pflegekonzepte der Validation, Personenzentrierte Pflege, die Biographie- und Angehörigenarbeit sind grundlegende Inhalte in der gerontopsychiatrischen Pflege ebenso wie das Wissen um Krankheitsbilder und Stadien der Demenzentwicklung. In Theorie und Praxis lernen die Schülerinnen und Schüler das Lebensumfeld der Bewohner, zum Beispiel durch aktivierende Beschäftigungsangebote, individuell zu gestalten. Dazu gehört auch die nonverbale Kommunikation: Basale Stimulation trägt zum Wohlgefühl dementer Menschen bei; Berührungen und Bewegung verstehen und genießen gerade demente Menschen. Die Theorie mit der Praxis verbindet auch der Weiterbildungskurs „Gerontopsychiatrische Betreuung und Pflege“. „Handlungsfähigkeit“ möchte Susanne Hofmann den Schülerinnen und Schülern – hauptsächlich aus den Be-

reichen Alten- und Krankenpflege – in dem zweijährigen Kurs vermitteln: „Beim Umgang mit Menschen mit Demenz befinden sich die Pflegenden oft in schwierigen Situationen“, sagt die Leiterin der Fort- und Weiterbildung an der Evangelischen PflegeAkademie. „Sie müssen wissen, was in dieser Situation zu tun ist, denn sonst sind sie überfordert oder reagieren falsch.“ Kommunikation ist für sie dabei besonders wichtig, zum Beispiel durch Integrative Validation: „Wenn kein Verständnis mehr da ist, dann läuft alles über die Gefühle“, sagt sie. „Mit dieser Methode können die Pflegekräfte die Emotionen der demenzkranken Menschen erspüren, sie im Gespräch formulieren, um den Druck wegzunehmen und negative Gefühle dann auszuleiten.“ In der Praxis, im Selbststudium und bei Seminaren in der PflegeAkademie lernen die 16 Teilnehmer alles über die gerontopsychiatrische Betreuung und Pflege – von einzelnen Krankheitsbildern und möglichen Therapien bis hin zu

organisatorischen, medizinischen und rechtlichen Aspekten. „Ich habe gelernt, auf mich zu hören und öfter nachzuhaken“, sagt beispielsweise Sebastian Schmädicke. Der gelernte Altenpfleger hat sich dafür eingesetzt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner weniger Psychopharmaka bekommen – und stattdessen mehr nach ihren Bedürfnissen behandelt werden. So wie es der Pflegewissenschaftler Erwin Böhm empfiehlt, dessen Theorie er in dem Kurs näher kennengelernt hat: Dabei stehen nicht die Abläufe auf der Station, sondern die Menschen mit Demenz im Mittelpunkt, ihre Bedürfnisse und alte Gewohnheiten: „Wenn ein Bewohner früher immer bis elf Uhr geschlafen hat, kann er das auch bei uns, auch wenn dann das Frühstück ausfällt“, erklärt Sebastian Schmädicke. Viel Überzeugungsarbeit musste er bei den Angehörigen leisten – und bei seinen Kollegen: „Die waren erst einmal skeptisch, weil ich so viel Neues umsetzen wollte“, erzählt der 25-Jährige. „Aber der Erfolg hat sie überzeugt.“ red

Zusammen wollten sie in ihrem Leben noch etwas verändern: eine Eigentumswohnung kaufen und dort einziehen, viel Bergsteigen gehen, Sport machen, reisen. Gerda und Hubert Miller* wollten ihren Ruhestand genießen. Doch dann waren die Zukunftspläne mit einem Mal weggefegt, als Hubert Miller vor sieben Jahren an Parkinson erkrankte. Er zitterte, seine Bewegungen wurden immer langsamer und er war unsicher beim Gehen. „Die Symptome hatte ich schon länger bemerkt, aber die Nachricht war natürlich ein schwerer Schag“, erzählt Gerda Miller. Auf die erschütternde Diagnose folgte bald der nächste Schock – als Parkinsonpatient entwickelte Hubert Miller als sekundäre Erkrankung eine Demenz. Seit einem Jahr weiß die 62-Jährige, dass ihr Mann dement ist; er befindet sich in der ersten Phase der Krankheit. Hubert Miller ist äußerst reizbar, streitet ab, überhaupt krank zu sein, überhäuft seine Frau mit Vorwürfen wie „Du freust Dich doch, wenn es mir schlecht geht, so warst Du schon immer!“.

Kurse geben psychischen Halt Die Wesensveränderung des 66jährigen gelernten Drehers schreitet voran, seine alte Persönlichkeit verblasst immer mehr. „Was wir in fast 40 Jahren Ehe gemeinsam erlebt haben, ist einfach verschwunden“, sagt Gerda Miller. Sie wirkt verzweifelt, als sie diesen Satz ausspricht. Zu ihrer Enttäuschung kommt Unsicherheit: Die vielen Medikamente ihres Mannes verursachen Halluzinationen; die Ärzte, bei denen sie waren, wussten oft viel zu wenig über seine Krankheit. Wie kann ich mehr über Demenz erfahren? Wie kann ich meinem Mann helfen? An wen kann ich mich wenden? „Als Angehörige habe ich mich anfangs sehr alleingelassen gefühlt“, berichtet sie. Hilfe und Aufklärung fand Gerda Miller schließlich beim Seminar für ehrenamtliche pflegerische Dienste. Ein Prospekt machte sie auf das Angebot der Hilfe im Alter

aufmerksam. Ein Altenpflegekurs und ein Kurs für Demenzhelfer gaben ihr mehr Sicherheit in organisatorischen Dingen: Über Pflegestufen, Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und um was sie sich in Zukunft noch kümmern muss, weiß sie nun Bescheid. „Ich habe jetzt endlich einen Überblick, welche Hilfen mir zustehen und wo ich sie kriegen kann.“ Noch wichtiger ist für sie aber, dass sie in den Kursen psychischen Halt gefunden hat. Mit anderen Angehörigen und Pflegenden konnte sie ihre Sorgen teilen und fand ein offenes Ohr, das ihr im Alltag oft fehlt – denn einige Freunde und auch Verwandte haben sich abgewandt von dem Ehepaar „als wären wir jetzt Aussätzige“.

Tabuthemen ansprechen Vor allem über Tabuthemen konnte sie endlich sprechen, etwa darüber, dass ihr ab und an die Geduld für den kranken Partner fehlt: „Manchmal kann ich nicht mehr liebevoll sein, weil ich schmerzenden Hass empfinde.“ Anderen in der Gruppe geht es genauso. Noch kann Hubert Miller laufen und sprechen, noch kann er ein bisschen Tischtennis spielen und auch mal alleine zu Hause sein. Aber seine sogenannte Lewy-BodyDemenz schreitet schnell voran. Deshalb ist Gerda Miller gerade auf der Suche nach einer geeigneten Betreuung für ihn – und einer Selbsthilfegruppe für sich. Für seine Zukunft muss sie oft alleine die Entscheidungen treffen; mit denen möchte sie später leben können und auch wissen, dass es ihrem Mann dabei gut geht. Denn da ist Gerda Miller ganz sicher: „Seine Seele hat keine Demenz.“ jusk * Namen von der Redaktion geändert Das Seminar für ehrenamtliche pflegerische Dienste bietet ab 9. Oktober an fünf Samstagen einen Kurs für Demenzhelfer an. Weitere Informationen und Anmeldung unter der Telefonnummer 089 / 15 91- 35 oder der E-Mail seminar-altenhilfe@im-muenchen.de.

Demenz-Fortbildung für Ehrenamtliche

Niemanden überfordern Wie kann man Demenzkranken helfen, ihren Tag zu strukturieren? Wie lassen sie sich zu einem Gespräch motivieren? Und wie lassen sich ihre eingeschränkten Sinneswahrnehmungen aktivieren? Das zeigte Gerontologin und Kunsttherapeutin Manuela Vogel-Zierlinger neun Ehrenamtlichen bei der Fortbildung „Praktische und kreative Angebote im Umgang und Begleitung von Menschen, die an Demenz erkrankt sind“; initiiert hat den Nachmittag Gerda RadlmaierHahn, Leiterin des Seminars für ehrenamtliche pflegerische Dienste. Neben Spielen, die das Gedächtnis der Demenzkranken auf Trab halten sollen, bieten sich vor allem Aktivitäten an, die ein Gespräch entstehen lassen: Ein Materialtisch mit Gegenständen, etwa einem Bügeleisen von früher, animiert alte Menschen, aus ihrem Leben zu

erzählen. „Wichtig dabei ist, dass die Biographie und die Vorlieben der Personen dabei berücksichtigt werden“, erklärt Vogel-Zierlinger. Konzentriertes Tasten, Riechen und Schmecken regt außerdem die Sinne älterer Menschen an – mit verschlossenen Augen verschiedene Schokoladensorten zu probieren, hat noch fast jeden schwach gewordenen Geschmackssinn stimuliert. „Die Angebote müssen Freude machen, keiner darf überfordert werden“, sagt die Gerontologin. Sonst bestehe die Gefahr, dass die Menschen sich schnell zurückziehen. Trotz aller Aktivierungsmöglichkeiten müsse die Autonomie der an Demenz Erkrankten jedoch immer an erster Stelle stehen: „Wenn jemand keine Lust auf Beschäftigung hat, ist es selbstverständlich, dass wir das respektieren.“ Julia Kreissl

Was Gerda und Hubert Miller in den 40 Jahren ihrer Ehe erlebt haben, ist durch die Krankheit wie verschwunden. Foto: Julia Kreissl


Seite 8

Nr. 52 · 2010

Pläne für neues Pflegezentrum im Münchner Süden nehmen zusehends Gestalt an

Lindenhof ist Mustereinrichtung für „Werdenfelser Weg“

Isarpark setzt neue Maßstäbe

Walker statt Gitter

Während im Sonnenhof in Ebenhausen schon die ersten Bewohner eingezogen sind, stehen die Pläne für das Haus im Isarpark bislang noch auf dem Papier. Doch wenn Gerhard Prölß, Geschäftsführer der Hilfe im Alter gGmbH und künftiger Betreiber der Einrichtung, auf die Entwürfe des künftigen Pflegezentrums im Münchner Süden sieht, huscht ein Lächeln über sein Gesicht: „Das Haus wird ganz großzügig und wunderschön.“ Prölß kommt umso mehr ins Schwärmen, je näher er das 30Millionen-Projekt erläutert, das die Innere Mission seit knapp zwei Jahren plant: Im Erdgeschoss des Rundbaus ist eine beschützende Einrichtung vorgesehen, auf den darüberliegenden vier Stockwerken stationäre Pflege und im fünften Stock dann Zwei- und DreizimmerAppartements für Paare, von denen ein Partner Pflege benötigt und der andere nicht. Insgesamt sind das 227 Plätze – alle geplant nach „neuesten fachlichen und bautechnischen Standards“, wie er versichert. Aufgrund der runden Bauform – in den oberen vier Stockwerken öffnet sich das Gebäude hufeisenförmig nach Osten – komme beispielsweise ganztägig Licht von allen Seiten ins Haus. Eine clevere Innenraumbelüftung sowie thermoaktive Betondecken statt energiefressender Klimaanlagen, begrünte Dächer und Anschluss ans städtische Fernwärmenetz – die Planer haben offenbar an alles gedacht. Das neue Haus wird überwiegend aus Einzelzimmern bestehen; sie umfassen mindestens 14 Quadratmeter. 60 Prozent seien sogar größer als 18 Quadratmeter, erklärt Prölß. „Damit liegen wir weit über dem Standard der Heimmindestbauverordnung, die für ein Einzelzimmer lediglich zwölf Quadratmeter fordert.“ Und weil es ein kirchliches Haus ist, ist selbstverständlich auch eine Kapelle vorgesehen: Sie liegt im Erdgeschoss gleich neben dem Eingangsbereich und umfasst in der Höhe zwei Stockwerke. Licht flutet hier durch Dachfenster, die kreuz-

Als Alois Peters* vor ein paar Wochen in den Lindenhof kam, da lag in seiner Entlassungsakte aus dem Krankenhaus auch ein „Fixierungsbeschluss zur Drei-PunktFixierung“: Nachts hatte man ihn dort mit Hand- und Bauchgurten fixiert; tagsüber mit einem Vorsatztisch in einem Sessel. Fixierungen – mit Gurten, Vorsatztischen oder Bettgittern – sind in vielen Krankenhäusern, psychiatrischen Einrichtungen und Altenheimen gang und gäbe. Meist sollen sie Patienten vor Stürzen schützen – und die Einrichtungen vor Regressansprüchen, die Krankenkassen stellen, wenn sich jemand bei einem Sturz verletzt. Damit startet oftmals ein Teufelskreis: Denn je weniger sich Patienten bewegen, desto mehr bauen sie körperlich und geistig ab – und stürzen dann eher, als wenn sie laufen oder sich bewegen würden. Oder wie es Suzanne Schmid, Pflegedienstleiterin im Lindenhof, ausdrückt: „Fixierungen erzeugen meistens Stress, verstärken Halluzinationen und können zu Verletzungen und im Extremfall auch zu Tod durch Strangulation führen.“

Markantes Wahrzeichen für das neue Stadtviertel im Münchner Süden: das Pflegezentrum in einer Simulation des Architekturbüros Batzer & Hartmann. förmig in der Decke eingebaut sind. Der Fuß des Kreuzes zeigt nach Jerusalem – eine Idee von IM-Vorstand Günther Bauer. Der Rundbau mit großzügigem Innenhof sei „nahezu ideal“ für Menschen mit dementieller Erkrankung. „Aufgrund ihres Bewegungsdranges können sie sich im Erdgeschoß ungehindert bewegen und sind gleichzeitig bestmöglich beschützt.“

Wunderbare Synergieeffekte Auch pflegerisch geht man im Isarpark neue Wege: In jedem Stockwerk gibt es Wohngruppen für jeweils zwölf Personen. Prölß: „Dadurch bleibt das Haus trotz seiner Größe gut überschaubar.“ Ebenfalls geplant ist ambulante Pflege für die umliegenden Stadtviertel. Damit könne die Hilfe im Alter im Münchner Süden die Komplettversorgung für Senioren anbieten. „Von ambulanter bis stationärer Pflege, vom Hospizangebot bis zur Ausbildung machen wir alles in gewohnter Qualität.“ Denn noch eine weitere Besonderheit wird das Gebäude aufweisen: Verbunden mit dem Pflegezentrum über einen zweigeschossigen Verwaltungstrakt entsteht der Neubau der Evangelischen PflegeAkademie, die bislang in der Landshuter Allee 38b untergebracht ist. „Wunderbare Synergie-

effekte“ verspricht sich Gerhard Prölß von dieser räumlichen Nähe, die es seiner Kenntnis nach in Bayern bislang so noch nicht gibt. Theorie-Praxis-Defizite in der Ausbildung gehörten damit der Vergangenheit an: „Wir führen unsere Schüler vorbildlich an ihren späteren Arbeitsalltag heran.“ Das Gesamtareal des Stadtteils, der auf dem ehemaligen Siemensgelände in den nächsten Jahren komplett neu entstehen soll, beträgt 19,5 Hektar; genau 6.349 Quadratmeter umfasst das Grundstück, das die Innere Mission erworben hat. Das Bebauungsplanverfahren, das die Stadt München für dieses Gebiet anstrengt, ist in den ersten Schritten bereits erfolgreich verlaufen: Bei der ersten öffentlichen Auslegung der Pläne gab es zur Freude der Planer keine Kritik am Pflegezentrum. Ebenfalls angetan vom Konzept waren auch die Verantwortlichen im Sozialreferat, bei der Heimaufsicht und der Münchner Beschwerdestelle für Altenpflege. Mittlerweile hat der Münchner Stadtrat auch den sogenannten Billigungsbeschluss erlassen; derzeit ist die zweite öffentliche Auslegung mit anschließender Erörterung zugange. „Wenn alles optimal läuft, können wir im Frühjahr nächsten Jahres mit dem Bau beginnen“, sagt Prölß. Fertigstellung könnte dann im Herbst 2012 sein. ho

Demenz und Migration: Wenn sich die Probleme potenzieren

Vergessen in der Fremde? Wenn Ibrahim Michri* von seiner Ankunft als Gastarbeiter in Deutschland vor 40 Jahren erzählt, dann fallen ihm viele Details ein: Er erzählt von der Schweißerprüfung, die er in Tunesien machen musste, und seinem ersten Tag bei einer Brückenbaufirma. Wenn man ihn aber fragt, ob er heute Morgen die Fenster zugemacht hat, als er aus seiner Wohnung ging, dann weiß er das nicht mehr. Als seine Ehe scheiterte, musste er seine Wohnung verlassen, in der er 30 Jahre gelebt hatte – er verlor sein vertrautes Umfeld und das Gefühl, irgendwo ein Zuhause zu haben. Die Diagnose Demenz ist sowohl für Erkrankte als auch für Angehörige schwer zu verarbeiten. Bei älteren Migrantinnen und Migranten kommen noch besondere Faktoren

hinzu, die die Krankheit erschweren und deren Entwicklung verschlimmern. Die Erinnerungen an die zweite Heimat Deutschland werden immer weniger, die Bilder aus der alten Heimat immer stärker. Auch die wenigen Sprachkenntnisse, die sie in ihrem Arbeitsalltag erworben haben, schwinden rasch. Die Kommunikation mit der Außenwelt wird immer schwieriger. Dazu kommen unterschiedliche kulturelle Gesundheits- und Krankheitskonzepte: In vielen Kulturkreisen wird Vergesslichkeit immer noch als natürliche Alterserscheinung und nicht als Krankheit verstanden. Dort versorgt die Familie Alte und Demenzkranke. Das ist ein Grund, warum diese Familien hier in Deutschland Angebote für demenzerkrankte Menschen kaum in Anspruch nehmen.

Weitere Faktoren sind Verständigungsprobleme, Scham und Diskriminierungserfahrungen. All diese Hintergründe sind Thema im Seminar für mehrsprachige Helferinnen und Helfer in der Schulungseinheit „Demenz und Migration“. Ein Referent klärt die Teilnehmenden über das Krankheitsbild auf, sensibilisiert sie für die Bedürfnisse von Demenzkranken und zeigt, wie sie mit ihnen umgehen können. Von diesem Wissen profitiert auch Adel Abidi*. Seit März ist er ehrenamtlicher Helfer für Ibrahim Michri: Der Tunesier begleitet den 69-Jährigen bei Behördengängen, geht mit ihm zum Arzt und übersetzt für ihn. Oder spricht mit ihm – in seiner Muttersprache – über vergangene Zeiten. Zina Boughrara *Namen von der Redaktion geändert

Alternativen zur Fixierung „Fixierung bedeutet immer ein Stück weniger Lebensqualität, gerade wenn jemand beschützend untergebracht ist“, sagt Lothar Koppe, Leiter des Lindenhofs. „Wir haben deshalb schon immer versucht, unsere Patienten mit möglichst wenig Fixierung und Psychopharmaka zu betreuen.“ Seit 2007 ist das beschützende Haus im Murnauer Moos eine von acht Mustereinrichtungen für den „Werdenfelser Weg“. Das Projekt soll freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege reduzieren und Alternativen dazu schaffen. Dafür arbeiten die Altenheime eng mit dem Amtsgericht zusammen, das jede Fixierung bewilligen muss. Dort gibt es sogenannte Verfahrenspfleger, die sowohl juristisches Wissen als auch Erfahrung im Pflegebereich haben. Sie prüfen jeden Antrag auf freiheitsentziehende Maßnahmen individuell und wägen das Verletzungsrisiko mit den Folgen einer Fixierung ab. Gemeinsam mit Bewohnern, Pflegefachkräften, gesetzlichen Betreuern und Angehörigen überlegen sie, ob es andere Möglichkeiten gibt. Und wie die dann aussehen

Kurz gemeldet Evangelische PflegeAkademie Auf gut ausgebildeten Nachwuchs können sich Alten- und Pflegeheime freuen: 13 Schülerinnen und Schüler der Evangelischen PflegeAkademie haben Ende Juli nach dreijähriger Schulzeit erfolgreich ihren Abschluss in der Altenpflege gemacht – sie sind als Pflegefachkräfte ins Berufsleben gestartet. Die einjährige Ausbildung zum Pflegefachhelfer in der Altenpflege haben 21 Schülerinnen und Schüler absolviert. Acht von ihnen haben anschließend die dreijährige Altenpflege-Ausbildung angefangen, die

könnten. Im Lindenhof gibt es Alternativen zu Bauchgurten und Vorsatztischen: zum Beispiel Sturzhelme, Knie- und Ellbogenschoner, gepolsterte Hüftgürtel, Schutzmatten und einen Easy Walker als Gehhilfe. Er erleichtert alten Menschen das Gehen und fängt sie auf, wenn denn jemand einmal doch stürzen sollte. „Wir wollen die Fähigkeiten der Bewohner so lange aufrecht erhalten und stärken wie möglich“, sagt Suzanne Schmid. „Denn auch das ist ein Schutz vor Stürzen.“ Statt Bettgittern gibt es Niederflurbetten; sie lassen sich so tief stellen, dass ein Sturz keine Konsequenzen hat. Die Zahl der Fixierungsanträge hat sich im Landkreis GarmischPartenkirchen in den vergangenen drei Jahren drastisch reduziert. Auch für Alois Peters gehört der Bettgurt der Vergangenheit an. Suzanne Schmid und ihr Pflegeteam haben den 75-Jährigen – nach Absprache mit dem Betreuer – erst einmal nicht fixiert und dafür umso intensiver beobachtet. „Er hatte einen starken Bewegungsdrang, wie das bei Demenzerkrankten oft vorkommt“, war das Ergebnis. Im Lindenhof haben sie Herrn Peters dann einfach gehen lassen. Bauchgurt und Vorsatztisch hat das Team bis heute nicht mehr gebraucht. Isabel Hartmann *Name von der Redaktion geändert

Mit dem Walker gehören Stürze der Vergangenheit an. Foto: Kurt Bauer

anderen sind als Hilfskräfte in Altenund Pflegeheimen tätig. Und ihren ersten Berufsabschluss innerhalb der integrativen Pflegeausbildung – diese sieht in dreieinhalb Jahren eine Doppelqualifikation in zwei Pflegeberufen vor – haben insgesamt 23 Auszubildende geschafft. „Mit den Absolventenzahlen können wir sehr zufrieden sein“, sagt Akademieleiterin Lisa Hirdes. Die neuen Ausbildungsgänge haben im September begonnen, Bewerbungsschluss für das nächste Jahr ist der 31. August 2011. Bewerbungen werden laufend entgegen genommen. www.evangelische-pflegeakademie.de


Nr. 52 · 2010

Seite 9

Diakoniestation Ebenhausen feiert Doppeljubiläum

„Wir nehmen uns viel Zeit für unsere Kunden“ Sie messen den Blutdruck, sie wechseln Verbände, sie geben Spritzen – und sie haben dieses Jahr auch allen Grund zu feiern: Die Pflegekräfte der Diakoniestation in Ebenhausen begingen am 1. Juli gleich zwei Jubiläen. Seit 30 Jahren besteht die Einrichtung nun schon, seit zehn Jahren arbeitet sie in der Trägerschaft der Inneren Mission München. Genau seit dieser Zeit leitet auch Corina Schober den Pflege-

kurzfristig auf eine Warteliste nehmen.“ Ausgebildetes Pflegepersonal – und nur mit solchem arbeitet der Dienst – sei in Bayern derzeit nur schwer zu bekommen, sagt Schober, „obwohl wir wirklich sehr gute Arbeitsbedingungen haben und uns über Bewerbungen natürlich freuen würden“. Etwas mehr als fünf Vollzeitstellen stehen im Team zur Verfügung. Derzeit sind sie mit zwölf Frauen und einem Mann besetzt, die sich

bulanten Wohnbereich des Evangelischen Alten- und Pflegeheimes Ebenhausen. Und darüber hinaus gibt es rund 70 Haushalte im Einzugsgebiet, die einmal im Vierteloder Halbjahr besucht werden, um zu überprüfen, ob die häusliche Pflege der Angehörigen auch dem vorgeschriebenen Standard entspricht. Das Wichtigste ist für Corina Schober die Zeit, die sich ihre Mitarbeitenden für die Patienten nehmen können. Dank einiger großzügiger Spenden könne man da auch „Dinge machen, die einem keine Kasse bezahlt“.

Überdurchschnittlicher Einsatz

Seit 30 Jahren kümmert sich die Diakoniestation Ebenhausen um alte und hilfsbedürftige Menschen. Foto: Manfred Neubauer dienst – und ist fast ein bisschen überrascht über den eigenen Erfolg. „Wir bekommen erfreulicherweise viele Anfragen und müssen manchmal sogar leider jemanden

ambulant um durchschnittlich 35 Patienten in Icking, Schäftlarn und Baierbrunn kümmern. Dazu kommen dann noch weitere 20 Klientinnen aus dem am-

Beispielsweise einmal ein Gespräch führen, das über die sonst üblichen wenigen Minuten hinausgeht, beim Ausfüllen von Formularen helfen oder eine telefonische Beratung anbieten für Leute, die eigentlich gar keine Kunden sind – und trotzdem Hilfe für sich oder einen Angehörigen brauchen. Die Haupttätigkeit spiele sich natürlich im Bereich der sogenannten Grundpflege ab, erläutert Corina Schober: „Dazu gehört alles von Waschen, Baden, Ankleiden und Essenseingabe bis hin zu Hilfe beim Lagern und Förderung der Mobilisation.“ Kleinere Besorgungen in der Apotheke werden ebenso erledigt wie – in Ausnahmen – hauswirtschaftliche Tätig-

ASZ Haidhausen startet Interkulturellen Mittagstisch

keiten. „Wir schmeißen auch schon mal die Waschmaschine an – aber dafür, dass wir uns für einen großen Einkauf eine halbe Stunde im Supermarkt anstellen, sind wir als Pflegefachkräfte einfach zu teuer.“ Zu den praktischen Tätigkeiten kommen dann noch eher organisatorische Aufgaben wie Verhandlungen mit Kassen, Beschaffung von Hilfsmitteln wie Betten, Gehhilfen oder Toilettensitzen sowie Beratung beim Antrag auf eine Pflegestufe. Corina Schober: „Wir machen alles von Pflegestufe 0 bis 3.“ Lediglich Intensivpflege, beispielsweise bei Patienten, die beatmet werden müssen, sei zu Hause nur durch spezialisierte Dienste möglich. Auch die Kunden der Diakoniestation spüren übrigens, welch überdurchschnittlichen Einsatz die Pflegekräfte tagtäglich erbringen. Sven K., dessen Frau durch das Team betreut wurde, schrieb in einem Brief: „Ich habe eine tiefe Bewunderung für diese Art der Sozialarbeit, die von den Schwestern geistig, seelisch und körperlich vollen Einsatz unter allen Bedingungen verlangt.“ Und Stephan B. schreibt, er könne „für das, was alle so fürsorglich-liebevoll in den letzten Daseins-Monaten meiner Frau geleistet haben, nur danken“. Und weiter: „Sie haben sich um meine Frau in ganz hohem Maße verdient gemacht. Jeden Morgen, wenn ich das Gartentor hinter mir

schließe, überfällt mich der Gedanke an Ihr Kommen, Ihre Abrufbarkeit und Ihre Hilfestellung.“ Kopfzerbrechen bereitet der Pflegedienstleiterin, dass im Lauf der vergangenen Jahre die Bürokratie ein immer größeres Gewicht bekommen hat. „Diese ganzen Anforderungen könnten wir als kleine Einrichtung gar nicht abdecken; so was geht nur im Verbund mit einem großen Träger“, sagt sie. Genau diese Anforderungen im Zuge der Einführung der Pflegeversicherung waren es übrigens auch, die die evangelische Kirchengemeinde in Ebenhausen vor Jahren dazu veranlasst hatten, sich von dem Dienst zu trennen.

Komplettangebot aus einer Hand Heute ist die Diakoniestation organisatorisch fest verbunden mit dem Evangelischen Alten- und Pflegeheim Ebenhausen der Hilfe im Alter. Sie ist zudem ein wichtiger Bestandteil im gesamten Angebot für Senioren, wie Heimleiterin Ulrike Prölß bestätigt: „Von ambulanter Pflege bis zur beschützenden Betreuung für Demenzkranke, von Essen auf Rädern bis zum stationären Heimplatz – unsere Kunden bekommen alles aus einer Hand.“ Von dieser Vernetzung profitieren letztlich auch die Bewohner in Ebenhausen und Umgebung: Wer von der Diakoniestation betreut wird, bekommt bevorzugt einen Platz in der Kurzzeitpflege oder auch einen Heimplatz. Wenn denn einmal die Betreuung zu Hause nicht mehr ausreicht. Klaus Honigschnabel

30 Jahre Socken stopfen und Hosen kürzen

Verständnis geht durch den Magen Langsam trudeln die ersten Gäste des Mittagstisches im Alten- und Servicezentrum (ASZ) ein, schnuppernd gehen sie an der kleinen Küche vorbei, manche stecken neugierig den Kopf hinein. Jeden Dienstag gibt es im ASZ Haidhausen ein frisch zubereitetes DreiGänge-Menü – und an diesem Tag ein ganz besonderes: Beim ersten Interkulturellen Mittagstisch kommen vietnamesische Gerichte auf den Tisch. Das Interesse ist groß: 29 Besucherinnen und Besucher haben sich angemeldet.

erklärt jeden einzelnen der vier Gänge: Vorweg gibt es kleine Frühlingsrollen, dann eine Suppe mit asiatischen Kräutern und Reisnudeln bevor Gemüse mit Rindfleisch und Duftreis folgt. Als Nachspeise kommen traditionelle weiße, süße Algen auf den Tisch. Während viele Mittagsgäste Frühlingsrollen schon kennen, sehen und schmecken die meisten Algen und die asiatischen, schwammähnlichen Pilze zum ersten Mal. Die Reaktionen sind so gemischt, wie die Geschmäcker. „Mmhh, sehr gut“, schwärmt An-

Fernöstliche Köstlichkeiten Nicht nur die hochsommerlichen Außentemperaturen erinnern an Vietnam, sondern auch die heißen Dämpfe in der kleinen Küche. Dort wird fleißig Gemüse geschnippelt, gekocht, gebraten, abgespült und angerichtet, um das Menü vorzubereiten. Der große Begegnungsraum ist bereits mit vietnamesischen Gegenständen dekoriert, die Tische sind liebevoll aufgedeckt. Fernöstliche Klänge vermitteln das entsprechende Flair. Ai Van Tran Thi, die Köchin, stammt aus Hanoi und lebt seit 16 Jahren in Deutschland. Sie ist von Beruf Tänzerin, durch das Seminar für mehrsprachige Helferinnen und Helfer kommt sie zum ASZ. Dort stellt sie ihre Heimat liebevoll mit Hilfe von Büchern, Bildern und Alltagsgegenständen vor und

Pilze statt Pommes: Im ASZ isst man gern exotisch. Foto: ag

tonio Macri, der sonst selbst für das ASZ den Kochlöffel schwingt. Die besonderen asiatischen Gewürze wie Koriander lösen aber auch Abneigung aus. „Was der Bauer ned kennt, isst er ned!“, bemerken einige Seniorinnen. Sie freuen sich schon auf den nächsten Mittagstisch mit Putengeschnetzeltem und Reis. Doch das gemeinsame kulinarische Erlebnis sorgt für Gesprächsstoff, und dies nicht zu knapp. Die Gäste tauschen sich über die Zutaten, die Zubereitung, die persönlichen Vorlieben beim Essen und nicht zuletzt natürlich über die Herkunft und Kultur der Köchin aus. Genau das ist die Idee hinter dem Interkulturellen Mittagstisch: Das gemeinsame Essen bietet Raum für Begegnung und Gemeinschaft: Denn die Verknüpfung von Essen und Kultur regt den Austausch zwischen den verschiedenen Kulturen an, die Teilnehmenden lernen die Lebenswelt des anderen über die jeweiligen Essensgewohnheiten ein Stück weit kennen – denn nirgends spiegelt sich Kultur so eigentümlich wider wie in den landestypischen Gerichten. Im ASZ Haidhausen können die Besucherinnen und Besucher des Mittagstisches in Zukunft noch viele Kulturen entdecken: Im November gibt es ein echt ungarisches Menü. Anna Grieshammer / Jasmin Hesse

Jeden Monat trifft sich der Nähkreis des Evangelischen Alten- und Pflegeheims Ebenhausen einmal: Neun Damen im Alter von 57 bis 73 Jahren erledigen dann ehrenamtlich Näharbeiten für das Heim. Schon seit 30 Jahren ist Elisabeth Gerum (l.) mit Nadel und Faden mit von der Partie, seit zehn Jahren leitet sie die Gruppe – dafür ist die Dame aus Schäftlarn im August von Heimleiterin Ulrike Prölß geehrt worden. Von der ursprünglichen Gruppe aus dem Jahr 1980 ist nur Elisabeth Gerum übrig geblieben, seit ihrer Anfangszeit haben sich die Aufträge verändert. Socken stopfen sie heute seltener, wo es doch viel schneller geht, sich ein neues Paar zu kaufen. „Heute machen wir vor allem anspruchsvollere Maschinenarbeiten“, sagt Gerum. Dazu zählen Blusen und Hosen kürzen, oder auch hin und wieder Sonderwünsche von Heimbewohnern. Wie in einer Schneiderstube arbeiten die Näherinnen mit Stoffen und Kleidern, manchmal schaffen sie gar nicht alles auf ein Mal. Der Spaß daran fehlt trotzdem nie und eine kleine Gegenleistung gibt es obendrein: Einmal im Jahr unternehmen die fleißigen Damen einen Ausflug auf Kosten des Heims. red / Foto: Jürgen Bollig


Seite 10

Nr. 52 · 2010

Elternbefragung: Gute Noten für Kindertagesstätten

Lob für pädagogische Bildungsarbeit

Kindertagesstätte Messestadt-West setzt auf Reggio-Pädagogik

Theaterspielen auf der Piazza Neue Lichttische, eine Podestlandschaft sowie Natur- und Recyclingmaterial zum Spielen warteten nach der Sommerpause auf die Kinder der Kindertagesstätte Messestadt-West: Im August hatten Einrichtungsleiterin Carina Gerstner und ihr Team das Haus umgebaut und die Räume nach Ideen der Reggio-Pädagogik gestaltet. Die wichtigste Neuerung – neben den Umbauten: Die altersgemischten Gruppen wurden aufgelöst; von nun an sind Kinder im gleichen Alter zusammen. Neu gestaltete Räume regen die Phantasie an: „Nicht die Erzieherinnen zeigen den Kindern den Raum und erklären, mit was sie spielen können“, sagt Carina Gerstner. Die Kinder gingen vielmehr eigeninitiativ ihrem natürlichen Forschungsdrang und ihrer Experimentierlust nach. Damit sie das auch tun können,

braucht es entsprechende Räume: Alles ist übersichtlich, die Materialien sind auf das Alter abgestimmt und gut sortiert, um die verschiedenen Entwicklungsbedürfnisse der Kinder zu erfüllen.

Neue Farben und Formen „Wir arbeiten unter anderem in jeder Altersklasse mit Licht und Schatten“, erläutert Gerstner. Auf verschieden hohe Lichttische können die Kinder zum Beispiel Naturmaterial wie Blätter und Äste oder auch Recyclinggegenstände wie etwa einen alten Fahrradschlauch legen – „so entstehen ganz neue Farben und Formen, die ihre visuelle Wahrnehmung ansprechen“. Für die Kleinen im Alter von einem Jahr gibt es eine Kletterlandschaft und eine Wand mit Griffen und Schaltern, damit sie dort ihre motorischen und sensorischen Fä-

higkeiten ausprobieren können. Die etwas Älteren können in einem Rollenspielbereich, der „Piazza“, Theater spielen und sich mit Tüchern und Taschen verkleiden. Aus den Vorlieben und Interessen der Kinder entstehen in den Gruppen dann Projekte, die sehr variabel sein können: „Je nach Umfang und Interesse können die Projekte einen Tag oder ein Jahr dauern, sie können mit einem Kind oder auch 25 umgesetzt werden“, erklärt Carina Gerstner. Dabei bleiben die Erzieherinnen eher im Hintergrund; den Ablauf eines Projekts besprechen und gestalten sie von Anfang an mit den Kindern. Die hohe Selbstständigkeit der Kinder in der Reggio-Pädagogik hat Carina Gerstner von dem Ansatz überzeugt: „Kinder lernen am meisten, wenn sie selbst entdecken können – ohne eine vorgefertigte Struktur.“ jusk / Foto: Kurt Bauer

Wie finden die Eltern unsere Arbeit? Was gefällt ihnen? Wo gibt es noch Handlungsbedarf? Einmal im Jahr können die Eltern von rund 800 Krippen-, Kindergartenund Hortkindern im Rahmen einer Elternbefragung die Arbeit der zehn Kindertageseinrichtungen der Inneren Mission München bewerten. Bei der jüngsten Umfrage im Sommer füllten rund 51 Prozent der Eltern die Fragebögen aus. Und das Feedback war positiv: 80 Prozent waren mit der Betreuung sehr zufrieden oder zufrieden. Die positive Entwicklung bescheinigten die Eltern den Einrichtungen insbesondere im Bereich der pädagogischen Bildungsarbeit. Bei der Förderung des Sprechens und der Sprachentwicklung ihrer Kinder kreuzten 84 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden an, im Jahr zuvor waren es 78 Prozent gewesen. „Da schlägt sich die Arbeit der Sprachberater des Evangelischen KITA-Verbandes Bayern nieder“, sagt Rosemarie Reichelt, Leiterin der Abteilung Kindertageseinrichtungen der Inneren Mission. Sie begleiten und beraten die Teams der Kindertageseinrichtungen in allen Bereichen von Literacy – der Fähigkeit des Lesens und Schreibens sowie des Text- und Sinnverständnisses: zum Beispiel beim Aufbau einer Kinderbibliothek oder beim kindgerechten Umgang mit Medien. Auch die Gelegenheit der Kinder, sich mit naturwissenschaftlichen und mathematischen Inhal-

ten auseinanderzusetzen, wurde 2010 besser bewertet: 48 Prozent der Eltern waren damit sehr zufrieden oder zufrieden, 2009 waren es 33 Prozent. „Bei uns sind Mathematik und Naturwissenschaften sehr breit angelegt“, erklärt Rosemarie Reichelt. „Generell dokumentieren wir unsere Arbeit seit vorigem Jahr für die Eltern noch deutlicher, zum Beispiel durch Aushänge mit vielen Fotos.“ Mit der Vorbereitung auf den Übertritt in den Kindergarten und die Schule zeigten sich indessen knapp 40 Prozent der Eltern zufrieden oder sehr zufrieden, rund 32 Prozent gaben an, dies nicht beurteilen zu können. Über die Entwicklung ihrer Kinder werden die Eltern regelmäßig in halbjährlichen Elterngesprächen informiert. Etwa 80 Prozent der Eltern waren mit diesem Informationsaustausch sehr zufrieden oder zufrieden, im Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei 67 Prozent. Insgesamt bewerteten 87,4 Prozent der Eltern den Umgang der Mitarbeitenden mit den Eltern als positiv. Ein Thema, das die Eltern weiterhin beschäftigt, ist der Personalmangel. Das schlägt sich auch in den Umfrageergebnissen nieder, aber: „Ich freue mich, dass die Umfrage so positiv ausgefallen ist – trotz der Engpässe in manchen Einrichtungen“, sagt Rosemarie Reichelt. „Das zeigt, dass die Arbeit der Teams in den Kinderkrippen und -gärten anerkannt wird.“ Isabel Hartmann

Deutscher Chorverband zeichnet Evangelische Kindertagesstätte Westend aus

„Felix baut sich bei Euch sein Nest“ „Das Gespenst Knall-BummKnall“, „Heute war es wieder schön“ oder „Hallelu“ auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Griechisch: Sie alle gehören zum festen Liedrepertoire der Evangelischen Kindertagesstätte Westend der Inneren Mission München. Die Kinder singen alles auswendig, klatschen und hüpfen dabei – ein Beweis der guten musikalischen Arbeit der Erzieherinnen. Für ihre gesangliche Förderung von Drei- bis Sechsjährigen hat die Einrichtung im Juli den „Felix“ des Deutschen Chorverbandes (DCV) erhalten, mit dem der Verband tägliches und kindgerechtes Singen und Musizieren in Kindergärten auszeichnet. „Wir singen jeden Tag im Morgenkreis und jede Gruppe hat ihr eigenes Begrüßungslied“, sagt Simone Hayduk, Leiterin der Kindertagesstätte Westend. Ihr übergab im Namen des DCV Musikpädagogin Alexandra Ziegler vom Bayerischen Sängerbund den „Felix“ –

eine Urkunde und ein emailliertes Schild mit einem bunten Spatz darauf. Das Qualitätszeichen „Felix“ wird für drei Jahre vergeben, nachdem ehrenamtliche Berater in Besuchen und Beratungsgesprächen die musikalischen Aktivitäten sowie das musikpädagogische Konzept der Einrichtung kennengelernt haben. „Wichtig ist, dass im Kindergarten täglich gesungen wird“, betont Ziegler. Außerdem sollten sich die Mitarbeitenden an

die kindliche Stimme anpassen, also hoch singen, „und das Liedgut sollte vielfältig sein und auch Stücke aus anderen Kulturkreisen beinhalten“. Gesungen haben die Kinder natürlich auch während der Feier rund um die Übergabe der Auszeichnung; „Wer wachsen will“ und „Guten Morgen, schöner Tag“ kamen aus voller Kehle. „Der Felix baut sich bei Euch sein Nest, weil ihr so schön singt“, erklärte Ziegler den Kindern und die fünfjährige Pauline freut sich: „Das Singen macht mir viel Spaß und mein Lieblingslied ist ,Hallelu’, wegen der vielen verschiedenen Sprachen.“ Die Innere Mission legt Wert auf Musik: Kirchenmusikdirektor Andreas Hantke von der Christuskirche ist bei dem Sozialunternehmen angestellt, um für zehn Stunden monatlich die musikalische Betreuung in den Kindertagesstätten zu gestalten. Teilweise komponiert und schreibt er dazu sogar eigene Lieder. Julia Kreissl

Spielen und dabei lernen – das ist auch die Devise in der Kindertagesstätte an der Himmelfahrtskirche in Pasing. Foto: Erol Gurian

Impressum Diakonie-Report Zeitung der Inneren Mission München Inhaber und Verleger: Innere Mission München – Diakonie in München und Oberbayern e.V., Landshuter Allee 40, 80637 München Verantwortlicher Redakteur: Klaus Honigschnabel, Telefon: (089) 12 69 91-121 Dr. Günther Bauer, Kurt Bauer, Daniela Baumgartner, Jürgen Bollig, Zina Boughrara, Maria Dengler, Anna Grieshammer, Erol Gurian, Susanne Hagenmaier, Isabel Hartmann, Jasmin Hesse, Frank

Kittelberger, Theo Klein, Julia Kreissl, Andreas Müller, Manfred Neubauer, Michael Peuckert, Ulrike Pfeiffer, Gerhard Prölß, Dr. Roland Rausch, Doris Richter, Petra Schweder, Cornelius Spengler, Klaus Tönnies, Elisabeth Tyroller, Sandra Zeidler Satz: CreAktiv komma München GmbH, Fürstenrieder Straße 5, 80687 München Druck: Druckhaus Kastner, Wolnzach; gedruckt auf Papier mit 50 Prozent Recyclinganteil Erscheinungsweise: viermal jährlich Auflage: 8.000 Stück Einem Teil der Auflage liegen ein Überweisungsträger für Spenden sowie die Zeitung der diakonia bei.


Nr. 52 · 2010

Seite 11

MädchenRäume des Evangelischen Jugendhilfeverbundes feierten ersten Geburtstag

„Wir werfen niemanden raus“ nicht können, sondern auf dem, was sie können“. Für jedes der sieben Mädchen gebe es deshalb individuelle Regeln, an die es sich halten müsse. Die Pädagoginnen hätten ihrerseits auch eine „eiserne Regel“, sagte Thiemeier: „Wir werfen kein Mädchen raus – wir halten sie aus.“

Ein Zuhause auf Zeit

Das Team der MädchenRäume in Pasing hilft jungen Frauen in Not (v.l.n.r.): Leiterin Hanka Thiemeier, Ulrike Streck, Festrednerin Fadumo Korn sowie die Leiterin des Jugendhilfeverbunds, Susanne Oberhauser-Knott. Foto: ho Die Männer waren bei diesem Termin eindeutig in der Unterzahl – aber das geht schon in Ordnung, wenn das, was es zu feiern gab, „MädchenRäume“ heißt. Genau ein Jahr alt wurde dieses spezielle Angebot des Evangelischen Jugendhilfeverbundes in Pasing Anfang Juli. Und in diesem Jahr ist „viel passiert“, wie Susanne Oberhauser-Knott, Leiterin des Verbundes, den Festgästen versicherte. Am Anfang stand die simple Frage: „Was machen wir bloß mit den Mädchen aus der Jugendschutzstelle, die immer wieder weglaufen?“ Und die meist schon eine lange Karriere in verschiedenen Einrichtungen der Jugendhilfe hinter sich haben – freilich ohne nennenswerten Erfolg. Schnell war klar, dass das neue Angebot „kreativer, individueller und innovativer“ sein müsse. Sechs Sozialpädagoginnen und

Pädagoginnen sowie eine Psychologin arbeiten im Team der MädchenRäume; für die intensiv-therapeutischen Einzelmaßnahmen müssen sie alle „ausgesprochen konfliktfähig“ sein, bemerkte Oberhauser-Knott. Und nach einem Jahr stehe fest: „Das Team hat die MädchenRäume sozusagen auf Vordermann gebracht.“ Teamleiterin Hanka Thiemeier berichtete von der anstrengenden Phase des Neuanfangs, der nun endlich geschafft sei: „Heute ist ein Schlusspunkt und ein Neubeginn zugleich.“ Mit dem Angebot habe der Evangelische Jugendhilfeverbund Neuland betreten. „So was gab es vorher noch nicht.“ Gemeinsam mit den Bewohnerinnen habe sich das Team persönlich und konzeptionell weiterentwickelt. Der Fokus bei Mädchen, die bisher schon vielfältig gescheitert seien, liege „nicht auf dem, was sie

Eine weitere Zielgruppe seien im Laufe des ersten Jahres unbegleitete minderjährige Flüchtlinge geworden, die ebenfalls in den MädchenRäumen vorübergehend einen Platz finden, bis ihr weiterer Verbleib geklärt ist. Hier versuche das Team, dass „sie zarte neue Wurzeln schlagen können“. Abteilungsleiter Kai Garben erklärte, die MädchenRäume seien ein Ort, „an dem sich junge Frauen wohlfühlen können, angenommen werden und ihr Leben neu ordnen können“. Fadumo Korn, die als junges Mädchen aus Somalia nach Deutschland kam und sich heute als Vermittlerin und Dolmetscherin – unter anderem auch in den MädchenRäumen – für ihre Landsleute einsetzt, sagte, sie hätte sich damals so eine Einrichtung gewünscht. „Aber ich wurde ausgenutzt, belogen und betrogen.“ Wenn es diese Einrichtung nicht gäbe, „dann wäre Deutschland ganz arm“. Pfarrer Hans-Martin Köbler von der Pasinger Himmelfahrtskirche segnete das Haus und die Menschen, die darinnen arbeiten und leben: „Gottes guter Geist weht hier durch die Räume.“ Er sei sich sicher, dass die Mädchen, die hier „ein Zuhause auf Zeit“ fänden, dies auch spürten. ho

Sozialkompetenz durch Fußball: Feldkirchener Jugendliche kicken sich auf Platz 3

Aus Niederlagen Gewinn ziehen Verschnaufpause für das Feldkirchener Fußballteam: Denn gerade spielt das Münchner Kindl-Heim gegen das Clemens-Maria-Kinderheim. Die Jugendlichen zwischen elf und 15 Jahren in den roten Trikots des TSV Feldkirchen sind zusammengewürfelt aus dem Heimbereich und den Heilpädagogischen Tagesstätten der Evangelischen Kinderund Jugendhilfe. Ihr erstes Spiel gegen die Münchner Kindl-Truppe haben sie 1:4 verloren. Der Ärger über die Niederlage ist noch nicht ganz verflogen. „Wir

Dritter Platz – und trotzdem gewonnen!

haben einfach zu viele Fehler gemacht“, sagt Kevin. „Wir hätten gewinnen können“, findet Ramona, „die anderen waren technisch nicht besser“. Jetzt kommt alles auf das letzte Spiel an. Mitte Juli fand der Endspieltag des alljährlich ausgetragenen Fußballturniers der stationären Jugendhilfe statt, das das Stadtjugendamt München initiiert hatte. Um bei solchen Turnieren mitspielen zu können, trainieren sie in Feldkirchen jeden Donnerstag. Das Fußballangebot der Jugendhilfe

Foto: Julia Kreissl

richtet sich an alle vollstationär, teilstationär oder ambulant betreuten Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 16 Jahren. Ziel des gemeinsamen Spielens ist es vor allem, die Sozialkompetenz zu fördern. „Manche von unseren Kindern haben es noch nicht so drauf, gut miteinander umzugehen“, sagt Alexander Dumberger, Sozialpädagoge in den Ambulanten Erziehungshilfen und Betreuer der jungen Kicker. So solle beispielsweise vermittelt werden, dass ein Sieg nur dann möglich ist, wenn alle in der Mannschaft zusammenhalten. Deshalb ist auch die elfjährige Ramona als einziges Mädchen in der Gruppe voll akzeptiert: „Von den Jungs kommen keine blöden Sprüche, weil sie durch Leistung überzeugt“, erklärt Dumberger. Anpfiff: Das letzte Spiel gegen das Clemens-Maria-Kinderheim beginnt. Die Gegner sind älter und körperlich überlegen. Schnell liegt Feldkirchen mit 1:3 zurück – aber ein paar Minuten sind noch Zeit. Mit viel Laufarbeit und Teamgeist schaffen sie noch das 3:3. Und das gegen den Favoriten! Am Ende reichen die Ergebnisse für den dritten Platz. Julia Kreissl

Jugendliche drehen Film über Gewalt und deren Ursachen

Übergriff? Wir greifen ein! Seit den Gewaltattacken jugendlicher Schläger in der Münchner U- und S-Bahn sind diese Exzesse in der Öffentlichkeit ein vieldiskutiertes Thema. Nun haben sich Bewohner einer heilpädagogischen Jugendhilfe-Wohngruppe der Inneren Mission in Obermenzing auf ihre Weise mit dem Thema befasst und einen Film gedreht, in dem sie sich mit Ursachen von Gewalt auseinandersetzen – und wie man sie dann vermeiden kann. Entstanden ist der Film im Laufe von acht intensiven Monaten, in denen die neun Jugendlichen der Wohngruppe nahezu alles selber gemacht haben: Von der Idee bis zum Drehbuch, von den Darstellern bis zur Kamera, vom Schnitt bis zu den Off-Sprechern ist der Film ihr Werk. Begleitet hat den Entstehungsprozess die 26-jährige Sandra Scielzi im Rahmen ihrer Erzieherinnenausbildung an der Evangelischen Fachakademie für Sozialpädagogik. Rund 800 Euro hat die Lowbudget-Produktion gekostet – allein die beiden Polizeibeamten, die die Dreharbeiten im Münchner Strafjustizzentrum be-

wachten, schlugen mit 130 Euro zu Buche. Die Jugendlichen haben für die Dreharbeiten von den Behörden richtige Roben bekommen; das hatte Kurt Hübel, Vorsitzender des Jugendgerichts, so arrangiert. Der Dreh in der Nymphenburger Straße dauerte dann fünf Stunden, wie sich Sandra Scielzi erinnert. „Es war brütend heiß im Gerichtssaal, aber die Kids haben sich da durchgebissen.“ Insgesamt habe sich durch das Projekt auch die Gesprächskultur in der anfangs zum Teil sehr aggressiven Gruppe enorm verbessert: „Wenn die was nicht mochten, dann war das einfach nur ‚Scheiße’; jetzt sagen sie so Sätze wie ‚Das finde ich nicht gut, weil…’.“ Und auch der Veranstaltungsort für die Premiere hätte kaum besser gewählt sein können: das Internationale Jugendzentrum Haidhausen in der Einsteinstraße 90. Denn auch hier verkehren junge Menschen, die schon viel Erfahrung mit Gewalt haben. Und denen der Film vielleicht Wege aufzeigt, wie sie damit künftig besser umgehen können. Klaus Honigschnabel

Kurz gemeldet Evangelischer Jugendhilfeverbund

Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen

Die Bildungsstiftung der Stadtwerke München (SWM) unterstützt die Schulsozialarbeit des Evangelischen Jugendhilfeverbundes der Inneren Mission erneut. Eine Spende in Höhe von 20.000 Euro geht an das „Teilprojekt sprachliche und sozialpädagogische Förderung von Kindern insbesondere mit Migrationshintergrund“ in der Grundschule an der Grafinger Straße für das Schuljahr 2010 und 2011. Der Evangelische Jugendhilfeverbund kooperiert münchenweit unter anderem mit zehn Grundschulen und setzt dort in 21 Klassen sozialpädagogische Angebote im gebundenen Ganztagsangebot um. Der Schwerpunkt der Schulsozialarbeit liegt auf der Persönlichkeitsentwicklung und der Förderung der Sozialkompetenz der Kinder: So haben Schülerinnen und Schüler auch weniger Probleme sich in die Schulgemeinschaft zu integrieren. „Das Geld möchten wir vor allem in die individuelle Förderung der Kinder mit Migrationshintergrund investieren“, sagt Luis Teuber, Leiter der Schulsozialarbeit.

Künftig hofft die Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen auf den verstärkten Beistand guter Freunde: Der Ende Juli neugegründete „Freundeskreis Feldkirchen“ soll die Feldkirchener bei der Ausrichtung von Festen und Veranstaltungen unterstützen, ihnen bei neuen Projekten finanziell unter die Arme greifen „und natürlich unseren guten Ruf ins Land tragen“, sagt Achim Weiss, Gesamtleiter der Jugendhilfe. Auf diese Weise möchte der Freundeskreis langsam einen festen Mitgliederstamm aufbauen. Zunächst trifft sich die Gruppe vier Mal im Jahr, um aktuelle Anliegen zu besprechen und Informationen auszutauschen. Eine großzügige Spende kam bereits von Gartenbauunternehmer Christoph May, der auch zum Freundeskreis gehört. Für das neue Western-Fort ließ er der Einrichtung gleich mal rund 18.000 Euro zukommen. Momentan zählt der Freundeskreis Feldkirchen 13 Mitglieder, darunter auch Philipp Lahms Schwester Melanie.


Seite 12

Nr. 52 · 2010

50 Jahre Griechenberatung der Inneren Mission in München

Integration ist ein Prozess, kein Dekret Griechen sind fröhlich, spontan und für ihre Landsleute zu allem bereit. Das zeigte sich gleich zu Beginn der von der Interkulturellen Akademie veranstalteten Tagung „50 Jahre Beratung griechischer Migrantinnen und Migranten durch die Innere Mission München“ in der Evangelischen Stadtakademie. Erzpriester Apostolos Malamoussis hatte die Besucher begrüßt und in einem Nebensatz verraten, dass er an diesem Tag Geburtstag feiere. Daraufhin stimmte das Publikum ein spontanes Geburtstagsständchen an – natürlich auf Griechisch. Seit Deutschland und Griechenland 1960 ein Anwerbeabkommen geschlossen haben, sind zahlreiche Griechen in die bayerische Landeshauptstadt gekommen – und die

ter haben ein Vertrauensklima geschaffen und den ökumenischen Dialog gefördert“, sagte Malamoussis. Dennoch gebe es noch viel zu tun, sagte der Journalist und Soziologe Vassilis Chatzivassios. „Die soziale Integration ist kein Ereignis per Dekret, sondern ein Prozess.“ Die Griechen hätten ihre Kultur und ihr Wertesystem nach Deutschland mitgebracht. Sie hätten eigene Institutionen geschaffen wie Schulen, Begegnungsstätten oder Sportvereine. „Viele Gruppen aber orientieren sich nur an ihren Landsleuten und vertun somit viele Chancen“, kritisierte Chatzivassios. Der CSU-Landtagsabgeordnete Joachim Unterländer nahm in seinem Beitrag das Bildungssystem an den griechischen Schulen in

Kompetente Hilfe in der Muttersprache: Sozialbetreuer Assamakis Hatzinicolaou beim Beratungsgespräch in den 70er Jahren. Foto: Archiv meisten sind geblieben. Vor allem anfangs war es für sie eine schwere Zeit: „Man hat uns damals erzählt, Deutschland sei das Paradies. Und es gebe hier viel Arbeit und Geld. Wir sind gekommen und haben kein Wort verstanden. Die Idee, in München zu bleiben, schien absurd.“ So beschreibt eine Griechin die Zeit vor fünfzig Jahren. Größtenteils kamen einfache Landarbeiter, die zuhause vor allem auf dem Feld gearbeitet hatten. In München mussten sie sich dann bei BMW oder MAN an Maschinen stellen und wurden sofort in die Produktion eingebunden. Man sorgte rein organisatorisch für die „Gastarbeiter“, wie sie damals hießen. Man gab ihnen Geld und vermittelte einen Platz zum Schlafen.

Sorge um die inneren Nöte Doch um ihre inneren Sorgen und Nöte kümmerte sich zunächst niemand. In der Salvatorkirche, wo sich die griechische Gemeinde sonntags traf, begann schließlich die Sozialarbeit unter Führung der Diakonie. Seit dieser Zeit begleitet und berät die Innere Mission Griechen in München. Heute liegt ein Schwerpunkt auf den Projekten Kompass und Pixida, die Schülern der privaten griechischen Schulen in München berufliche Orientierung und Beratung bieten. Apostolos Malamoussis lobte deshalb die Innere Mission für ihre „führende Rolle“ in der Griechenberatung, die sie bis heute wahrnehme: „Die Mitarbei-

München unter die Lupe. Er kritisierte, dass der Abschluss, den die Schüler der privaten griechischen Schulen erlangten, in Deutschland nicht anerkannt werde. Hier gebe es offenbar großen Nachholbedarf: „Kein Abschluss ohne Anschluss“ mahnte Unterländer. Klare Worte zur Situation der Griechen im Gastland fand Wassilios Fthenakis. Der international bekannte Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie war selber mit dabei, als die griechischen Schulen in München gegründet wurden. „Damals war oberstes Ziel, wieder in die Heimat zurückzukehren“, erinnerte er sich. Und bis heute hätten griechische Eltern „Angst, ihre Kinder zu verlieren, wenn sie ins deutsche Bildungssystem integriert werden“. Zudem hätten private griechische Schulen eine „mangelnde Reformbereitschaft“, konstatierte Fthenakis. Neuerungen seien jedoch dringend notwendig, um das Bildungssystem zu verbessern. Zugleich kritisierte er auch das deutsche Bildungssystem, das es nicht schaffe, Migranten zu integrieren. Auch hier seien Reformen unabdingbar. Einen Einblick in griechische Tradition und Lebensart gab der Lyzeum Club der Griechinnen, die in Landestracht Tänze der Heimat zeigten. Und natürlich: Wie bei Griechen üblich, dauerte es nicht lange, bis die Gäste mitklatschten und ausgelassen mittanzten. Allen voran Erzpriester Apostolos Malamoussis, den es bei den heimischen Klängen nicht lange auf dem Stuhl hielt. Doris Richter

Georgios Metallinos war mehr als 30 Jahre Berater

Europäer mit griechischen Wurzeln Kaum einer kennt sich in der Griechenberatung so gut aus wie Georgios Metallinos (Foto). Fast 33 Jahre war der heute 69-Jährige in der Ausländerberatung der Inneren Mission tätig, zuletzt als Leiter der Migrationsdienste. Der gebürtige Grieche war in den 60er Jahren aus Korfu nach Deutschland gekommen und hatte nach seinem Studium eine Ausbildung zum Sozialberater gemacht. Über die Anfänge seiner Beratungstätigkeit befragte ihn Doris Richter.

? !

Mit welchen Problemen hatten die ersten griechischen Einwanderer zu kämpfen? Da ging es um ganz existentielle Dinge wie um die Aufenthaltserlaubnis. Diese war ja gekoppelt an den Arbeitgeber: Wollte jemand den Arbeitgeber wechseln, bestand immer die Gefahr, auch die Aufenthaltserlaubnis zu verlieren. Viele sind deshalb zitternd zum Ausländeramt gegangen. Hinzu kam, dass viele Familien durch die Arbeit getrennt waren. Da kam es schon vor, dass die Frau in Stuttgart arbeitete, der Mann in München und der Sohn in Ham-

burg. Die Familien wieder zusammenzubringen, war eine große Aufgabe. Und die Menschen haben dankbar unsere Hilfe angenommen.

? !

Wo liegen die Schwierigkeiten jetzt? Die erste Generation träumte immer davon, irgendwann einmal in die Heimat zurückzukehren. Doch das ist nicht mehr möglich. Deshalb müssen die Menschen umdenken. Sie müssen sehen, dass Deutschland ihre neue Heimat ist, und es daher auch wichtig ist, die deutsche Sprache zu beherrschen. Da hakt es oft noch.

? !

Hat die Integration der Griechen funktioniert? Vereinzelt. Doch im Großen und Ganzen betrachtet, hat es nicht geklappt. Es gibt noch zu viele Trennungen zwischen der griechischen und der deutschen Gesellschaft. Die Griechen bleiben lieber unter sich und pflegen ihre Traditionen.

? !

Fühlen Sie sich eher als Grieche oder als Deutscher? Ich bin Europäer mit griechischer Herkunft. Und ich würde es mir sehr wünschen, dass die neue Generation der Griechen auch so denkt.

In bester Feierlaune (v.l.n.r.): Medardus Huemer, für Flüchtlingsfragen zuständiger Abteilungsleiter im Bayerischen Sozialministerium, Klaus Feist, Abteilungsleiter Migrationsdienste bei der Inneren Mission, Sozialdienstleiterin Elisabeth Ramzews, Regierungsvizepräsident Ulrich Böger sowie Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission. Foto: Andreas Müller

Sozialdienst für Flüchtlinge und Asylsuchende wird 25

Neue Stellen für Betreuung Der Sozialdienst für Flüchtlinge und Asylsuchende der Inneren Mission München kann seine Beratungstätigkeit künftig ausweiten. Pünktlich zum 25. Geburtstag der Einrichtung genehmigte das Bayerische Sozialministerium zwei zusätzliche Stellen für die Betreuung Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge (UMF) in der Erstaufnahmestelle in der Baierbrunner Straße. Beide Stellen sind jedoch vorerst bis zum Ende dieses Jahres befristet. Die Pädagogen in der Erstaufnahmestelle betreuen derzeit mehr als 100 jugendliche Flüchtlinge, obwohl für diesen Personenkreis eigentlich nur 20 Plätze vorgesehen sind. Ulrich Böger, Vizepräsident der Regierung von Oberbayern, betonte, die zusätzlichen Stellen seien „kein Geschenk, sondern eine Selbstverständlichkeit des Staates“, die trotz angespannter Haushaltslage realisiert würde.

Unerträgliche Arbeitssituation Böger sagte weiter, die Asylfrage genieße in Politik und Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit: „Flüchtlingspolitik geht uns alle etwas an.“ Seine Behörde arbeite zudem „mit Hochdruck“ daran, ein geeignetes Gebäude zu finden, damit die UMF aus der Gemeinschaftsunterkunft in der Baierbrunner Straße ausziehen könnten. Trotz der ausgesprochen schwierigen Bedingungen des Münchner Mietmarktes solle das Raumprogramm „zügig umgesetzt werden“. Deutlich kritischere Worte für die bayerische Asylpolitik fand Claudia Stamm, Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen. Es sei „beschämend, dass ein so reiches Land wie Bayern es nicht schafft, Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen“. Die Situation in den Unterkünften sei unerträglich, die Betreuer arbeiteten unter katastrophalen Umständen und seien „total überfordert“. Die zwei zusätzlichen Stellen seien „zwar ein kleiner Schritt“, gestand Stamm zu, der aber bei weitem nicht reiche. SPD-Stadtrat Christian Müller wies darauf hin, dass eine geeignete Unterbringung oft am vehementen Widerstand der Anwohner scheitere. Müller wörtlich: „Ich fin-

de es beschämend, wie da oft argumentiert wird; es geht doch immerhin um Menschen, die verfolgt werden.“ Sinnvoll sei es zudem, die Lebensumstände in den Herkunftsländern zu verbessern und „nicht erst dann zu helfen, wenn die Leute hier gelandet sind“. Der bundesweit renommierte Rechtsanwalt Hubert Heinhold, der mit den Beratern des Sozialdienstes eng zusammenarbeitet, schilderte in seinem Festvortrag die verzweifelte Situation der Flüchtlinge: „Sie sind sprachlos, sie sind orientierungslos, sie wissen nicht, welche Rechte und Pflichten sie hier haben.“ Zudem wüssten sie nicht, welche bürokratischen Hürden es gebe; Werbung und freizügige Kleidung stellten für sie oft einen Kulturschock dar. „Flucht ist keine Urlaubsreise, sondern ein lebensgefährliches Unterfangen voller menschlicher Tragödien.“ Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission München, wies auf die vielfältige Unterstützung und Vernetzung der Flüchtlingsarbeit in evangelischen und katholischen Kirchengemeinden hin: „Die Arbeit wäre nicht möglich ohne ganz konkrete Spenden und Unterstützung durch die Basis.“ Gleichzeitig forderte er ein gesamtgesellschaftliches Konzept für den Umgang mit Flüchtlingen und Asylsuchenden. Es sei unabdingbar, „nicht nur mit Einzelmaßnahmen auf Einzelschicksale zu reagieren, sondern zu klären, wie wir weltweit mit Migration umgehen wollen“.

Kinder spenden für Flüchtlinge Zum Schluss der Feier überwogen dann wieder versöhnliche Worte: Die Vorsitzende des Elternbeirats und die Rektorin der Grundschule an der Herterichstraße übergaben einen Scheck in Höhe von 4.000 Euro zugunsten der Flüchtlingskinder. Der Betrag war beim Weihnachtsbazar zusammengekommen, zu dem die Schulkinder selbstgebastelte Sachen gespendet hatten. „Ihnen war klar, dass es Kinder gibt, denen es nicht so gut geht wie ihnen; und die sollen es jetzt ein Stückchen besser haben“, sagte Elternbeiratsvorsitzende Angelika Ziermann. Klaus Honigschnabel


Nr. 52 · 2010

Seite 13

30 Jahre Sozialpsychiatrischer Dienst in Bogenhausen

Neues Licht im Leben Mit ruhiger Hand führt Mathilde Krüger* den Pinsel übers Papier, ihr Blick ist konzentriert, der Gesichtsausdruck entspannt. „Hätte meine Mutter vor 20 Jahren Frau Hofer nicht um Hilfe gebeten, würde ich jetzt wohl nicht mehr leben“, erzählt sie. Ihre Stimme ist leise, wenn sie spricht. „Ich war damals in der Geschlossenen, die Ärzte ignorierten meinen Diabetes. Ich war am Ende und meine Mutter wusste sich nicht mehr zu helfen.“ Unterstützung fand ihre Mutter schließlich beim Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDi) in Bogenhausen. Klara Hofer holte Mathilde Krüger aus der Klinik. Seitdem ist die 46Jährige, die seit ihrem 20. Lebensjahr unter schweren Psychosen leidet, beim SPDi in Beratung. Die Krankheit hat Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen und ihr Gang wirkt

müde. Doch Mathilde Krüger hat ihre Krankheit in den Griff bekommen. Ihr psychischer Zustand ist mittlerweile stabil: Sie wohnt alleine, pflegt ihre Mutter und kommt jeden Montag und Donnerstag zur Malgruppe und jeden Freitag zu Frau Hofer zum Gespräch. In die Geschlossene musste sie nie wieder zurück. Klara Hofer, Psychologin und Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Bogenhausen, betreut seit 24 Jahren Menschen wie Mathilde Krüger. Um Leben und Tod, wie bei Mathilde Krüger, geht es dabei zum Glück nur noch sehr selten. Denn wie notwendig eine solche Einrichtung ist, erkannte der Staat bereits 1975. Damals stellte die Bundesregierung bei einer Erhebung fest, dass eine ambulante Versorgung für psychisch Kranke in Deutschland praktisch nicht

vorhanden ist. Daraufhin rief die Innere Mission den Sozialpsychiatrischen Dienst in Bogenhausen ins Leben. Die Klienten werden von anderen Einrichtungen vermittelt, stoßen auf die Internetseite oder erfahren von Bekannten über das niederschwellige Angebot. Psychische Erkrankungen kommen quer durch alle Lebensbereiche vor, weiß Klara Hofer: „Die Betroffenen unternehmen nichts mehr, sind passiv und es fällt ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen; ihnen fehlt alle Lebensfreude.“ Ziel sei es, dass die Frauen und Männer „Chef“ ihrer Krankheit werden und sie in den Griff kriegen, sagt die 54Jährige. In Beratungsgesprächen bauen Klara Hofer und ihr Team Kontakte auf, hören sich Lebensgeschichten an und zeigen den Betroffenen, wie sie mit der Krankheit umgehen können. Auch Antonia Merk* hat dank des Sozialpsychiatrischen Dienstes einen solchen Weg für sich gefunden. „Ich kann mich noch gut an das erste Treffen erinnern. Frau Salzinger sagte zu mir: ‚Keine Angst, wir zwingen Sie zu nichts. Diese Stunde gehört Ihnen’“, erinnert sich Antonia Merk. „Nach dem zweiten Treffen habe ich gemerkt, wie sich Licht in meinem Leben auftut.“ Die Mutter von zwei Kindern sitzt im Beratungszimmer der Sozialpädagogin Irmgard Salzinger und erzählt ihre Geschichte. Mit psychischen Störungen kämpft die junge Frau mit dem gelockten Haar und freundlichem Gesicht seit über 20 Jahren; deshalb kam

Malen tut der Seele gut – die Bilder, die dabei herauskommen, spiegeln das Innenleben der Klienten wider. Foto: Elisabeth Tyroller

sie vor fünf Jahren zum Sozialpsychiatrischen Dienst. „Ich fühlte mich von einem Tag auf den anderen total schlapp und müde, hatte keine Kraft mehr und wollte nur noch schlafen.“ Ihre Eltern hatten kein Verständnis für ihre Krankheit: „Für die war ich einfach nur faul.“ Zwischendurch kamen auch immer wieder gute Phasen, in denen sie überglücklich und euphorisch war. Aber die Abstände zwischen Depression und Euphorie wurden immer kürzer: „Ich fiel in ein Loch.“

Betroffen sind alle Schichten Ihr Mann schickte sie schließlich nach Bogenhausen zu Irmgard Salzinger. Von der Sozialpädagogin hat sie viele wichtige Sätze im Kopf, das erzählt die 44-Jährige immer wieder. „Als sie dann einmal zu mir sagte: ‚Frau Merk, Sie sind gesund, Sie brauchen nicht mehr zu kommen’, konnte ich das nicht glauben. Ich bekam Angst vor der Zeit ohne Beratung.“ Welche Faktoren eine psychische Krankheit auslösen, ist schwer zu sagen. „Das kann eine belastete Kindheit sein oder aktueller Stress. Aber das sind nur Vermutungen. Wir haben auch viele Klienten aus intakten Familien“, berichtet Hofer. Die Betroffenen kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Die meisten der Klienten leiden unter Psychosen, die zweitgrößte Gruppe hat Depressionen. „Wichtig bei der Hilfe ist, dass zuerst die Existenz gesichert ist, dann erst können sie mit der Therapie beginnen“, sagt Klara Hofer. Ziel ist, dass die Klienten möglichst gut mit ihrer Krankheit leben können.

Kontinuierliche Erweiterung Deshalb baute die Innere Mission im Lauf der Zeit die Angebote für psychisch kranke Menschen immer mehr aus: 1995 kam das Betreute Einzelwohnen dazu, das chronisch psychisch kranken Menschen ermöglicht, in ihrer eigenen Wohnung zu leben. Die Gerontopsychiatrische Fachberatung für ältere Menschen unterstützt in einer Betreuten Wohngemeinschaft seit zehn Jahren psychisch kranke Erwachsene ab 60 Jahren, die aufgrund ihres Alters einen höheren Betreuungsbedarf haben. In der Tagesstätte Sonnenhaus, die es seit 2002 gibt, helfen die Mitarbeitenden den Klienten, ihren Tag durch gemeinsames Mittagessen und Freizeitangebote zu strukturieren. Das seit 2008 existierende sogenannte CaseManagement ist für Menschen, die aus einer Klinik entlassen werden oder deren betreute Wohnform endet. „Die Erweiterungen haben sich aus der Not heraus entwickelt. Den Weg haben uns unsere Klienten gezeigt“, erklärt Klara Hofer. „Allein letztes Jahr haben wir rund 450 Menschen betreut, Angehörige mit eingerechnet.“ So wie Mathilde Krüger, deren Malstunde zu Ende geht. Auch wenn man ihr die schweren Zeiten ihres Lebens ansieht: Sie wirkt jetzt irgendwie zufrieden. „So gut ging es mir schon lange nicht mehr“, sagt sie und lächelt. Sie macht sich auf den Heimweg. Und am Donnerstag kommt sie wieder. Zum Malen. Elisabeth Tyroller *Namen von der Redaktion geändert

Viel Lob für das WeM (v.l.n.r.): Bezirkstagspräsident Josef Mederer, SPD-Stadtrat Christian Müller, Sabine Frey, Alexander Thomas, Ministerialdirektor Friedrich Seitz vom Bayerischen Sozialministerium. Foto: Julia Kreissl

10 Jahre Wohnen für epilepsiekranke Menschen

Fit für eigenständiges Leben Auf die Notwendigkeit, behinderten Menschen mehr Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, hat der oberbayerische Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) hingewiesen. Anlässlich des zehnten Geburtstages der Wohngemeinschaft für epilepsiekranke Menschen (WeM) Anfang Juli sagte er: „Hier werden Leute wieder fit gemacht für ein weitgehend eigenständiges Leben.“ Darüber hinaus hob Mederer die Vorreiterrolle der bayernweit einzigartigen Wohngemeinschaft hervor: „Epilepsie war vor zehn Jahren noch wissenschaftliches Neuland.“ Doch hier werde seit langem Menschen geholfen, „die durch alle Raster fallen“. Das Engagement der Mitarbeitenden der Einrichtung lobte Friedrich Seitz, Ministerialdirektor im Bayerischen Sozialministerium: „Was hier gelebt wird, ist christliches Menschenbild – vor allem die Personalität der Menschen kommt zum Ausdruck.“ Zehn Jahre WeM bedeute zehn Jahre „gelebte Inklusion“ und neue Behindertenarbeit.

Die Einrichtung bleibe auch nicht stehen, betonte Seitz weiter. Stadtrat Christian Müller (SPD) sicherte der Wohngemeinschaft finanzielle Unterstützung zu. „Trotz schwieriger Haushaltslage werden wir im Sozialbereich nicht kürzen.“ Mit den bisherigen Zuschüssen könne weiterhin gerechnet werden. Trotz der Zusicherungen bereiten Sabine Frey, Abteilungsleiterin Sozialpsychiatrie und Epilepsie bei der Inneren Mission, die Finanzierungsprobleme der Einrichtung Sorge: „Ich wünsche mir, dass WeM noch lange Bestand hat und nicht dem Sparzwang zum Opfer fällt.“ In der Wohngemeinschaft für epilepsiekranke Menschen werden acht Bewohnerinnen und Bewohner von Fachkräften betreut, damit sie später wieder ein weitgehend selbstständiges Leben in einer eigenen Wohnung führen können. Beim Unterstützten Wohnen leben die Klienten in ihrer eigenen Wohnung, erhalten jedoch nach individuellem Bedarf Hilfe bei der Tagesstrukturierung und bei lebenspraktischen Fragen. Julia Kreissl

„Gartenhof“ präsentiert Radierung und Landart

Spuren der Zeit Die Zeit hinterlässt ihre Spuren – das zeigte die Ausstellung „Zeitlos“ im Ebersberger Rathaus ganz deutlich: Besucher der sozialpsychiatrischen Tagesstätte „Gartenhof“ präsentierten dort Objekte, Fotografien und Milchtütenradierungen. Historische Stadtansichten auf Postkarten und Bildern aus dem Ebersberger Stadtarchiv waren die Grundlage für die Milchtütenradierungen. Die Klienten der Tagesstätte fotografierten die Motive von damals auch in ihrem heutigen Zustand. Sie gravierten diese Ebersberger Eindrücke mit Radiernadeln auf die Innenseite von Milchtüten, rollten darauf Druckfarbe aus und pressten sie mit Hilfe einer Druckpresse auf verschiedene Papiere. Weitere Objekte entstanden im gleichnamigen Projekt „Zeitlos“, einem generationsübergreifenden Gruppenangebot der Tagesstätte „Gartenhof“. Die Teilnehmer beschäftigen sich mit unterschied-

lichen Themen, unter anderem auch mit „Landart“: Dabei werden Naturmaterialien und Objekte der Witterung ausgesetzt. Die Projektteilnehmer formten Köpfe aus Ton, warfen sie auf den Boden, setzten diese danach auf eine Mauer und überließen sie dem Wirken der Natur. Ein Ziel der Kunsttherapie im „Gartenhof“, die es seit zehn Jahren gibt, ist, einen Teil der in den Gruppen entstandenen Werke in kleineren Ausstellungen öffentlich zu zeigen. Denn Wahrnehmen und wahrgenommen werden, Beachtung finden und positive Rückmeldung erhalten, sind wesentliche Faktoren für ein ausgewogenes seelisches Gleichgewicht und für gesunde Stabilität. Bei der Ausstellung im Rathaus konnten sich zudem Teilnehmer der ambulanten Psychiatrie und Bürger aus Ebersberg ohne Schwellenangst und Vorurteile treffen. Ulrike Pfeiffer / Daniela Baumgartner


Seite 14

Nr. 52 · 2010

Die Teestube „komm“ und ihre Streetworker sind nach 30 Jahren noch so gefragt wie eh und je

Immer ein offenes Ohr für Obdachlose Eigentlich müsste der Mann gar nicht mehr hier sein. Er hat eine eigene Wohnung und kommt gut allein zurecht. Aber hier hat er Hilfe bekommen, als er sie dringend gebraucht hat; hier war er aufgehoben, als er nirgendwo mehr zuhause war. Das vergisst man nicht. Und deshalb kommt Alfred immer noch hin und wieder in die Teestube, wechselt ein paar Worte mit den Leuten hinter der Theke und trinkt Tee. Heute steht er vor dem kleinen Bildschirm, der an die Wand montiert ist, und erklärt einem Kumpel von früher das Computerprogramm. Der Mann ist Mitte vierzig und hat sich oft nicht zurechtgefunden mit dem, was das Leben von ihm verlangt hat. Er sieht einen nicht an beim Sprechen, aber er erzählt offenherzig von früher: als die Stadtwerke ihm den Strom abstellten, er irgendwann seine Miete nicht mehr zahlen konnte und schließlich auf der Straße landete. Damals entdeckte er das Angebot der Teestube. Er sagt: „Immer wenn ich Probleme habe, komme ich hierher. Die Leute haben mir geholfen und würden mir wieder helfen.“ Für Franz Herzog heißt das: Sein Team und er haben ihre Arbeit gut gemacht. Seit fast 25 Jahren arbeitet Herzog in der Teestube „komm“ in der Zenettistraße, seit einem dreiviertel Jahr als Leiter.

Kaffee und Beratung Die Teestube ist ein Angebot für Obdachlose und Menschen, die kurz davor sind, ihre Wohnung zu verlieren. Von 14 bis 20 Uhr ist der Treff geöffnet und bietet warme Getränke für sehr wenig Geld, eine Küche, Duschen und Waschmaschinen – oder einfach nur einen trockenen Aufenthaltsraum, um sich ein wenig von draußen zu erholen. „Das, was andere Leute zuhause haben“, sagt Herzog. Und immer sind Sozialpädagogen da, bei denen man zwischen einer Partie Schach, bei einer Tasse Kaffee auch Hilfe und Beratung bekom-

Weihnachten 1990 unter der Brücke: Hier hat Rudolf Moshammer die Obdachlosen oft besucht. Auch die Sozialpädagogen waren zur Stelle, wenn wieder einmal Not am Mann war. Foto: Michael Peuckert men kann. Oft ist es gar nicht so einfach, zu den gebeutelten und resignierten Menschen Zugang zu bekommen. Der Kontakt baut sich meist nur sehr langsam auf. Aber wer nicht will, muss nicht: „Wir wollen niemanden zwangsberaten“, betont Herzog. Hilfreich ist da oft schon das Angebot, sich in der Teestube ein Postfach einrichten zu lassen: „Ein wertvoller Einstieg für viele, die sonst vielleicht nicht kommen würden“, sagt Herzogs Kollegin Verena Graf. Der Sozialpädagogin und einem Kollegen der Streetwork ist erst vor kurzem ein kleines Kunststück gelungen: Mehr oder minder überredeten sie zwei Obdachlose, ihre angestammten Erdhöhlen am Isarhang bei der Großhesseloher Brücke zu verlassen. Die beiden – einer davon vier Jahre, der andere mindestens 15 Jahre wohnungslos – ließen sich nach tagelangen Gesprächen davon überzeugen, ihre Einsiedelei aufzugeben. „Für die Männer bestand akute Lebensgefahr“, sagt Herzog. Die viele Arbeit können drei Leute natürlich nicht alleine stemmen. Insgesamt arbeiten 18 Sozialpädagogen im Teestuben-Team mit seinen vielfältigen Angeboten. Dazu gehören auch die Obdachlosenhilfe draußen auf der Straße,

Angebote für betreutes Wohnen in Wohngemeinschaften oder der eigenen Wohnung sowie die sogenannte „Gemeinwesenarbeit“: Streetwork mit Menschen, die sich statt in der eigenen Wohnung den ganzen Tag an öffentlichen Plätzen aufhalten und dort zum „öffentlichen Ärgernis“ werden.

Hilfe von Ehrenamtlichen So wie derzeit am Sendlinger Tor, wo die Polizei für Kontrollzwecke Anfang Juli Videokameras installiert hat. Die Überwachung soll Straftaten verhindern, zur Abschreckung dienen und „Zusammenrottungen vermeiden“, wie es im Polizeideutsch heißt. Dass ihre Klienten jetzt in andere Stadtteile ausweichen, stellt die Streetworker vor große Probleme: Sie verlieren den Kontakt zu ihren Klienten, brauchen oft tage- oder wochenlang, bis sie sie wieder finden und mit ihnen weiterarbeiten können. Ein mühseliges Geschäft. Unterstützung bekommen die Hauptamtlichen von rund 30 Ehrenamtlichen. Sie übernehmen Thekendienste in der Teestube, haben Zeit für eine Partie Schach – und immer ein offenes Ohr für die Probleme der Klienten. 1980 wurde die Teestube als Ta-

gestreff mit ihrem Streetwork-Angebot gegründet; die Innere Mission München übernahm damals die Trägerschaft. Zehn Jahre später kamen dann die Betreuten Wohngemeinschaften dazu und seit 2001 gibt es „Streetwork im Gemeinwesen“. Seit 2003 liegt die Trägerschaft beim Evangelischen Hilfswerk, einem Tochterunternehmen der Inneren Mission. Vor fünf Jahren hat die Teestube die „Integrationshilfen“ gestartet und betreut mittlerweile 30 Personen im eigenen Wohnraum. Neuestes Projekt ist das betreute Wohnen für junge Männer, die nach einer Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen werden und oft nicht wissen, wo sie unterkommen sollen. Seit den Anfängen vor 30 Jahren hat sich die Arbeit in der Teestube verändert, sagt Franz Herzog, der die meisten dieser Veränderungen miterlebt hat. „Wir haben immer geschaut, was unsere Leute am dringendsten brauchen und haben dann mit einem entsprechenden Angebot reagiert.“ Heute ist die Arbeit der Teestube stadtweit anerkannt und wird durch die Bank gelobt. Was sich auch in einer großen Zahl an Freunden und Förderern zeigt. Rudolph Moshammer etwa, der schillernde Münchner Modezar, dessen Vater obdach- und mittellos

starb, gehörte bis zu seinem gewaltsamen Tod im Januar 2005 zu den Förderern der Teestube. Zu Lebzeiten kam er regelmäßig mit Geschenken zu Sommerfesten oder Weihnachtsfeiern, saß oft stundenlang mit Mitarbeitern und Besuchern zusammen und besprach mögliche Hilfeprojekte. Sogar ein eigenes Wohnhaus für obdachlose Menschen sollte entstehen.

Effizientes Hilfesystem Der von Moshammer gegründete Verein „Licht für Obdachlose“ – heute unter dem Vorsitz von Florian Besold – unterstützt die Teestube auch weiterhin. Trotz der Zuwendungen bleibt aber viel zu tun. „Das Hilfesystem in München ist wirklich sehr effizient – und dennoch haben wir nach wie vor etwa 300 bis 400 Menschen, die draußen leben.“ Die Anzahl der Menschen, die die Unterstützung der Teestube brauchen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Auch die Lebensläufe der Obdachlosen hätten sich geändert, so Herzog: In den ersten Jahren gab es kaum jemanden, der vorher selbstständig war oder einen Doktortitel trug. Jetzt gibt es immer mehr Klienten, die früher in geordneten beruflichen Verhältnissen gelebt haben. Auch der Anteil der psychisch Kranken hat deutlich zugenommen. „Das macht die Arbeit draußen nicht leichter.“ Susanne Hagenmaier

Ambulante Hilfe in der Stadt: Streetworker Verena Graf und Markus Blaszczyk beim Einsatz vor der Maximilianskirche. Foto: Erol Gurian

Karla 51: „Ein Herz für Kinder“ spendet 10.000 Euro für Mutter-Kind-Gruppe

Ski-Star Maria Riesch lächelt – und alle Kinder lächeln mit

Ein vielfaches Hurra für die Doppel-Olympiasiegerin: Maria Riesch unterstützt Kinder und Familien im Frauenobdach Karla 51. Foto: Theo Klein

Maria Riesch lächelt so, wie Siegerinnen lächeln, wenn sie gerade einen Wettkampf gewonnen haben. Doch beim Lächeln kommt die Doppel-Olympiasiegerin und Slalom-Weltmeisterin aus Garmisch gegen Azinza, Fosia, Kimberly und Whitney nicht an. Schließlich gibt sie sich geschlagen. „Mei, sind die Kinder süß“, sagt sie, als irgendwann an dem Nachmittag im Frauenobdach Karla 51 alle um sie herum wuseln und ganz ausgelassen in die Kameras winken. Die Sportlerin, die so oft ganz oben auf dem Siegertreppchen gestanden ist, besucht Frauen, denen das Leben eher einen Platz weiter unten zugedacht hat: Sie sind obdachlos, arbeitslos, haben Probleme mit Alkohol und Drogen; meist wurden sie von ihren Partnern geschlagen. Und ihre Kinder leiden darunter ganz besonders.

Als erste Botschafterin des Vereins BILD hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“, der Hilfsorganisation der BILD-Zeitung, überbrachte sie einen Scheck in Höhe von 10.000 Euro. Mit dem Geld, so Karla-Leiterin Isabel Schmidhuber, solle vor allem die Mutter-Kind-Gruppe in der Pension „Waltram“ in MünchenGiesing unterstützt werden, wo das Frauenobdach eine Außenstelle unterhält. Kein Problem mit der prominenten Besucherin haben die Kinder, die an diesem heißen Juli-Nachmittag zu der kleinen Feier im Garten von Karla 51 gekommen sind. Ein Mädchen bewundert ihre Ohrringe, an denen rote und gelbe Federn baumeln. Später – da hatte die 25-Jährige schon den Kinderkleider-Flohmarkt eröffnet, bei dem sich die Frauen eindecken – bekommt Marvin ein

Autogramm aufs grüne T-Shirt. Ganz bewusst habe sie sich aus einer Handvoll von Vorschlägen das Frauenobdach in der Karlstraße für ihre Botschafter-Tätigkeit ausgesucht, betont Riesch im Gespräch mit dem Diakonie-Report: „Dieses Projekt bewegt mich sehr, denn als Frau kann ich mich mit Müttern in Not besonders identifizieren.“ Sie hoffe, dass sie es mit Unterstützung des Vereins künftig besser haben. Zehn Frauen wohnten hier auf jedem Stockwerk, erläutert Isabel Schmidhuber; vier Stockwerke mit Appartements gibt es. Vierzig unterschiedliche Schicksale auf engstem Raum, die die Sozialpädagoginnen von Karla 51 innerhalb von acht Wochen soweit geklärt haben sollen, bis dann feststeht, wie es weitergeht im Leben. Bei den meisten schaffen sie das auch. Klaus Honigschnabel


Nr. 52 · 2010

Seite 15

Eine Umfrage legt offen, wie zufrieden die Mitarbeitenden der Inneren Mission sind

Genau im Schnitt Die Mitarbeitenden der Inneren Mission München und ihrer Tochtergesellschaften sind im Durchschnitt mit ihrem Arbeitgeber nicht zufriedener oder unzufriedener als dies ein bundesweiter, neutraler Vergleichsindex belegt. Dies ist das Ergebnis einer vom Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest durchgeführten Mitarbeiterbefragung, an der 740 von 1.539 Angeschriebenen teilgenommen haben. Besonders hoch in der Bewertung liegt dabei die Arbeitsplatzsicherheit – 69 Prozent der Antworten geben hier die Bestnoten – sowie die Aussage, wonach Klienten die Arbeit wertschätzen (89 Prozent).

Schwankungen im Detail Der Index über die Stärke der Mitarbeiterbindung errechnet sich dabei aus Bewertungen, mit denen die Gesamtzufriedenheit eingeschätzt wird: ob man den Arbeitgeber weiter empfehlen bzw. sich wieder bewerben würde, wie man die Motivation der Kollegen sowie die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens einschätzt. Der

Persönlich Seit Anfang September leitet Iris Krohn den Treffpunkt Familie International (Treffam) – und kehrt somit in bekannte Gefilde zurück: Bevor die 39-Jährige 2008 zur Migrationsberatung nach

Obergiesing wechselte, arbeitete die Sozialpädagogin acht Jahre lang im Treffam – ein Jahr lang leitete sie die Einrichtung kommissarisch. In dieser Zeit startete die ausgebildete Geburtsvorbereiterin und Familienbegleiterin unter anderem Kurse für junge Familien, um deren Integration von Anfang an zu fördern. Den Integrationsprozess der Besucherinnen und Besucher kreativ und mit viel Spaß zu begleiten, war auch ihr Motto bei Beratungen und beim Konzipieren von Beschäftigungsmöglichkeiten von MAW-Kräften. „Von den Begegnungen mit Menschen verschiedenster Nationalitäten, der Lebendigkeit und der Arbeit mit Persönlichkeiten profitiere ich nicht nur beruflich“, sagt die Interkulturelle Trainerin. Die multikulturelle Arbeit sei essentiell für eine gut funktionierende Gemeinschaft: „Das Treffam ist eine Einrichtung für alle Münchner Familien, unabhängig von Herkunft, Weltanschauung, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht.“

bundesweite Durchschnitts-Index liegt hier bei 65 – exakt dem Punktwert, den auch die Mitarbeitenden dem Arbeitgeber Innere Mission geben. Zum Vergleich: Der Wert der besten zehn Prozent aller Unternehmen in Deutschland quer durch alle Branchen liegt bei 80 – von theoretisch – 110 möglichen Punkten. Im Detail zeigen sich aber deutliche Unterschiede: Während die Muttergesellschaft Innere Mission mit einem Index von 69 und die Tochterunternehmen Hilfe im Alter mit 70, diakonia und Hauswirtschafts- und Service GmbH (jeweils 71 Punkte) über dem Schnitt liegen, drückt der Wert von 46 Punkten beim Evangelischen Hilfswerk deutliches Verbesserungspotential aus. Hier empfinden die Mitarbeiter vor allem ihre Weiterentwicklungs- und Aufstiegschancen sowie die Bezahlung als unzureichend. Am stärksten ist die Mitarbeiterbindung bei den Pflegeheimen der Hilfe im Alter: 88 Prozent der Mitarbeitenden im Evangelischen Alten- und Pflegeheim Ebenhausen würden sich wiederbewerben bzw. ihren Arbeitgeber bei Freunden

Kathrin Eichler ist seit 1. September neue Leiterin der Evangelischen Kindertagesstätte Neuhausen. Bei der Inneren Mission arbeitete die Sozialpädagogin schon seit April im Bereich der Schulsozialarbeit des Evangelischen Jugendhilfeverbundes: An der Grundschule St. Martin in Giesing betreute sie Ganztagsklassen im differenzierten Unterricht, während des Mittagessens und nachmittags mit sozialpädagogischen Angeboten wie verschiedenen Gemeinschaftsspielen oder auch Streitschlichtungsübungen. Nach ihrer ersten Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin studierte die heute 47-Jährige Sozialpädagogik. Danach leitete sie unter anderem eine neu entstandene Kindertagesstätte bei Frankfurt am Main und sammelte Erfahrungen im Ausland. Als Leiterin der Kindertagesstätte Neuhausen möchte Kathrin Eichler zunächst die bereits begonnene konzeptionelle Umgestaltung hin zum offenen Kindergar-

ten begleiten: „Wir möchten weg von den festen Gruppen mit festen Betreuern und die Einrichtung offen gestalten“, sagt sie.

und Bekannten weiterempfehlen (90 Prozent). Diese Werte liegen beim Lindenhof in Grafenschau bei 90 Prozent (89), im Pflegezentrum Eichenau bei 85 Prozent (83) und beim Friedrich-Meinzolt-Haus in Dachau bei 86 Prozent (83).

Vorschläge für Verbesserungen Derzeit sind Arbeitsgruppen in den einzelnen Gesellschaften dabei, konkrete Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten. Vertreter von Geschäftsführung und Dienststellenleitungen sind hier ebenso eingebunden wie Mitarbeitende. Bis Ende Oktober dieses Jahres erwartet Vorstand Günther Bauer Vorschläge für Maßnahmen, um dort Verbesserungen zu erreichen, wo Mitarbeitende unzufrieden sind. Die Befragung soll künftig alle zwei Jahre erfolgen – auch wenn Aufwand und Kosten beträchtlich sind. Bauer: „Nur zufriedene Mitarbeiter sind auch gute Mitarbeiter – und genau die brauchen wir angesichts der Herausforderungen einer wachsenden Konkurrenz auch auf dem Sozialmarkt.“ ho

Seit Anfang August hat der Architekt (TU) Christian Kirschning die Leitung des Immobilienmanagements der Inneren Mission übernommen. Als Projektmanager kümmert er sich künftig um die

Koordination und Qualitätssicherung bei Neubauprojekten; derzeit ist er für den Bau des neuen Pflegezentrums Isarpark in Obersendling zuständig. Weitere Projekte werden der Neubau einer Heilpädagogischen Tagesstätte in Garching sowie verschiedene Kindertagesstätten sein. Bevor der 51-Jährige zur Inneren Mission kam, lebte er 27 Jahre lang in Berlin und arbeitete mehr als zehn Jahre selbstständig im eigenen Büro. 2008 führte ihn der Weg wieder in seine Heimatstadt München, wo er für einen großen Bauträger tätig war. Seinen Zivildienst leistete er in der ambulanten Altenpflege; für seine Diplomarbeit entwarf er ein diakonisches Zentrum. „Es freut mich, dass ich jetzt bei einem Arbeitgeber bin, dessen inhaltliche Ausrichtung mir sehr nahe steht.“ Die unterschiedlichen Bauaufgaben bei den bevorstehenden Projekten reizen Christian Kirschning vor allem an seiner neuen Tätigkeit.

Die Mitarbeitenden der Inneren Mission und ihrer Töchter sind mehrheitlich zufrieden mit ihrem Arbeitgeber und den Arbeitsbedingungen. Fotos: Archiv

In seiner Freizeit treibt er viel Sport; besonders gern geht er schwimmen und in die Berge. Zum 1. September hat die Innere Mission die Trägerschaft der Kindertagesstätte der evangelischen Himmelfahrtskirche in Pasing übernommen. Dort hat Gabriele Raczinski schon seit Dezember 2006 die Leitung inne; davor hat die 50-Jährige mehrere Kindergärten in Baden-Württemberg und Bayern geleitet. „Ich bin bei der Inneren Mission sehr gut aufgenommen worden“, sagt die gebürtige Nürnbergerin. „Ich kann mir hier bei meinen Kolleginnen jederzeit Rat und Hilfe holen.“ In der Einrichtung an der Alten Allee werden 50 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren in zwei Gruppen betreut. Die familiäre Atmosphäre schätzt Gabriele Raczinski, genauso wie die Nähe zur Kirche: „Fünfmal im Jahr veranstalten wir einen Gottesdienst, den wir zusammen mit dem Pfarrer und den Kindern vorbereiten.“

Zum Entspannen macht die ausgebildete Erzieherin gerne Handarbeiten und fährt Motorrad – als Beifahrerin.

Die Sozialpädagogin Michaela Fröhlich leitet seit Mitte Mai die Beratungsstellen für Stricher und Prostituierte, Marikas bzw. Mimikry. Die gebürtige Marburgerin studierte nach ersten beruflichen Erfahrungen als Erzieherin Soziale Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in Benedikt-

beuern. Anschließend war sie 16 Jahre als Case Managerin bei der Katholischen Jugendfürsorge Augsburg in Murnau tätig. Schwerpunkte dort waren die Beratung kranker und teilleistungsgestörter Kinder sowie Elternarbeit und Erwachsenenbildung. Nach einem kurzen beruflichen Zwischenstopp in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendpsychiatrie empfindet die 41-Jährige ihr neues Aufgabenfeld als große Herausforderung: „Ich finde die neue Klientel – noch dazu in der quirligen Großstadt München – als ausgesprochen spannend.“ Ganz bewusst nimmt sie sich neben der Leitungsfunktion auch Zeit, um auf der Straße „Beratungsarbeit an der Basis“ zu machen. „Ich will den Bezug zu den Klienten haben.“ Privat liest und reist Michaela Fröhlich gerne; als nächstes großes Projekt steht die Besteigung des Kilimandscharo auf dem Programm.


Seite 16

Nr. 52 · 2010

Woche der seelischen Gesundheit

Das Walmdachhaus läuft nach zwei Jahren wieder alleine

diakonia gab Starthilfe Nach zweieinhalb Jahren der Kooperation mit der diakonia hat nun wieder die Evangelische Erlöserkirchengemeinde die alleinige Trägerschaft für das „Walmdachhaus“ im Schwabinger Norden übernommen. Der Kirchenvorstand hat zugesagt, die Stellen der vier derzeit dort tätigen Minijobber weiterhin zu finanzieren; zudem will er Spendengelder für eine halbe SozialpädagogenStelle akquirieren. Martina Kreis, die als Betriebsleiterin von diakonia Textil das Projekt Walmdachhaus bislang betreute, ist begeistert von dieser Entwicklung: „Dass die Gemeinde da jetzt so einsteigt, ist phantastisch.“ Und: Sollte die Gemeinde die Mittel für die Bezahlung der Sozialpädagogin für ein Jahr aufbringen, übernehme die Stadt München dann die weitere Finanzierung. Ausschlaggebend für den Er-

folg der Treffpunktarbeit im Schwabinger Problem-Norden sei das von der diakonia entwickelte Konzept eines MehrgenerationenTreffpunktes: Senioren lesen Kindern vor, im Café kann man plaudern, in Büchern schmökern oder spielen, die Räume für Feiern mieten und nebenbei auch noch Secondhand-Kleider kaufen. Die diakonia, so Martina Kreis, habe in den vergangenen Jahren „wie ein Durchlauferhitzer“ gewirkt und das schon vorhandene Konzept der Gemeinde zielgerichtet weiterentwickelt. Die bisherigen Öffnungszeiten bleiben erhalten – und auch neue Ideen gibt es bereits: Nach der Sommerpause soll auch eine Hausaufgabenhilfe angeboten werden. Wer sich als Ehrenamtlicher daran beteiligen will, kann sich unter Telefon 089/36 00 87 78 melden. ho

Ein kunterbuntes Haus für alle

900 Tollwood-Tickets für Klienten und Mitarbeitende der Inneren Mission Eine großzügige Spende hat die Innere Mission von der Leitung des Tollwood-Festivals erhalten: Insgesamt 900 Karten für vier Konzerte verschenkte das Veranstaltungsteam, das das Sommerfest auf dem Olympiagelände organisierte. „Die Innere Mission leistet unentbehrliche Arbeit, die wir gerne unterstützen möchten“, sagte Hannah Birkner, Assistentin der Tollwood-Geschäftsleitung. Tickets für vier verschiedene Musiker stellte Tollwood zur Verfügung – bei der

norwegischen Sängerin Marit Larsen (Foto) hörten die Konzertbesucher sanfte Gitarrenklänge, rockig wurde es bei Jennifer Rostock; Roger Cicero bot deutschsprachigen Jazz und Freunde brasilianischer Musik kamen bei Weltstar Gilberto Gil auf ihre Kosten. Mehr als 20 Dienststellen hatten sich um Karten beworben: Von der Kindertagesstätte bis zum Altenund Pflegeheim haben alle ihre Wunschtickets bekommen. Julia Kreissl

Vom 6. bis 14. Oktober findet zum zweiten Mal die „Münchner Woche für seelische Gesundheit“ mit rund 200 Veranstaltungen statt: Die Führung „Auf den Stationen der Inklusion“ am Donnerstag, 7. Oktober, stellt auch diakonia-Einrichtungen und den Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDi) Neuhausen vor. Die Vernissage der Fotoausstellung „Achtsamkeit“ im Secondhand-Laden „kleidsam“ ist am Donnerstag, 7. Oktober. Im Alten- und Service-Zentrum Haidhausen spricht Aziz Awad von Refugio München am Donnerstag, 7. Oktober, zum Thema „Trauma und Migration“. Diego Feßmann vom Gerontopsychiatrischen Dienst referiert am Montag, 11. Oktober, über „Psychische Gesundheit im Alter“. Am Donnerstag, 14. Oktober, bietet der SPDi Neuhausen im Maxim-Kino die Lesung „Gesprungene Seelen“ mit Michael Siebel an. „Grenzen erleben“ ist das Motto der Erlebnisausstellung in der Karmeliterkirche. In einem Depressions- und einem Schizophrenieraum können Besucher durch mechanische, akustische und visuelle Reize die Symptome psychischer Krankheiten erleben. www.woche-seelische-gesundheit.de

Neuer Geheimtipp für Feinschmecker meister Thomas Zach nicht in die Tüte. Christine Hopf, Leiterin der „cantina diakonia“, weiß, dass sie ihren Kunden – trotz des fehlenden Zertifikats – Eis in Bio-Qualität anbieten kann: „Das Eis schmeckt super und ist gesund – auch wenn der offizielle Stempel fehlt.“ Einen Euro kostet die Kugel für Laufkundschaft; diejenigen, die in der cantina länger verweilen wollen, zahlen für einen Eiskaffee, einen Bananensplit oder einen Joghurtbecher zwischen 3,50 und 4,50 Euro. Außerdem verwendet das cantina-Team für die Zubereitung der Sandwiches Fleisch und Wurstwa-

Foto: Andreas Müller

Und jetzt das Letzte…

Haus gesucht Die Innere Mission sucht dringend ein Haus oder eine Wohnung in Neuhausen oder angrenzenden Stadtvierteln mit mindestens neun Zimmern für eine therapeutische Wohngemeinschaft. Psychisch kranke junge Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren sollen dort wieder Kraft sammeln, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Ein Team aus qualifizierten Fachkräften betreut die Frauen unter der Woche ganztags. Wer eine geeignete Immobilie zu vermieten, verkaufen – oder verschenken – hat, meldet sich bitte bei Esther Kirn, Telefon 089 / 12 69 91 - 472 oder E-Mail ekirn@im-muenchen.de.

T E R M I N E 30 Jahre Teestube „komm“; 8. Oktober, 12 – 18 Uhr, Alter Rathaussaal 25. Herzogsägmühler Kulturtage; 8. – 17. Oktober, Herzogsägmühle 30 Jahre Sozialpsychiatrischer Dienst Bogenhausen / Region Nord-Ost; 15. Oktober, 10 Uhr, Immanuelkirche, Allensteinstraße 7

Symposion „Welche Fortschritte gibt es in der Epilepsiechirurgie?“; 26. Oktober, 19 Uhr, Landshuter Allee 40 Themenabend „Angst der Muslime in Deutschland“; 4. November, 17.30 – 20 Uhr, Landshuter Allee 40 Weitere Veranstaltungen finden Sie unter www.im-muenchen.de

ren, die ebenfalls in Herzogsägmühle hergestellt werden. Semmeln und Baguettes werden mit Leberkäse, Schinken und Wurst aus ökologischer Produktion bestückt. Seit der Sommerpause gibt es auch Kuchen und Gebäck. Und zu Weihnachten stehen dann Plätzchen, Stollen und Pralinen zum Verkauf, die so beliebt sind, dass die Herzogsägmühler Bäcker und Patissiers mit der Produktion kaum nachkommen. Öffnungszeiten der „cantina diakonia“: Montag bis Donnerstag von 8.00 bis 15.30 Uhr, freitags bis 14.30 Uhr. Samstag und Sonntag geschlossen. Klaus Honigschnabel

Lieber ein falscher 500er, als zehn falsche Fuffziger.

Lisa Ramzews, falsch zitiert von Klaus Honigschnabel.

Das Haus der Integration ist bunt, interessant, individuell – genauso wie die vielen Architekten und Bauherren, die daran mitgewirkt haben. Auf dem Internationalen Sommerfest des Ausländerbeirats im Westpark luden die Migrationsdienste der Inneren Mission zusammen mit dem Ausländerbeirat und der Caritas unter dem Motto „Heimat schaffen für alle“ zum Mitbauen ein: Rund 300 Besucher nahmen die Einladung an und bemalten und beklebten Kartons. „Es haben ganze Familien, aber auch einzelne Erwachsene aus allen Nationen mitgemacht“, sagt Paraskevi Daki-Fleischmann, Leiterin der Migrationsdienste der Inneren Mission. „Und durch das gemeinsame Basteln und Malen sind viele von ihnen ins Gespräch gekommen.“ Das Haus der Integration geht weiter auf Tournee: Am 25. September machte es beim „Ander Art – Das Fest der Kulturen“ auf dem Odeonsplatz Station. Isabel Hartmann

Für viele Feinschmecker gelten die Lebensmittel aus Herzogsägmühle schon lange als Geheimtipp – wenn nur nicht die lange Fahrt in den Pfaffenwinkel wäre! Das hat sich nun geändert: Die „cantina diakonia“ in der Seidlstraße 4 bietet seit Mitte des Jahres auch ausgewählte Produkte aus dem Diakoniedorf an. Los ging es im Juli mit selbst hergestelltem Konditor-Speiseeis. Vorerst sind vier Sorten im Angebot: Schokolade und Vanille sowie zwei Fruchteiskreationen, die auf die Saison abgestimmt sind. Denn künstliche Aromen, Farb- und Konservierungsstoffe kommen bei Konditor-


Ausgabe 52