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WIR IM NORDEN AUSGABE 2 | 2018

Landesverbände Hamburg und Schleswig-Holstein

D A S

M A G A Z I N

F Ü R

D I E

W I R T S C H A F T

Vom Hobby zum Geschäftsmodell

Wirtschaftsfaktor Sport Seite 20 DFB-Präsident Reinhard Grindel zu Gast Seite 32 Junger Wirtschaftsrat: Neuer Landesvorstand gewählt Seite 42 3. CXO-Event Sylt 2018

copy-druck GmbH, Neumann-Reichardt-Str. 27-33, 22041 HH PVST 55030 Entgelt bezahlt DPAG


EDITORIAL

Dr. Henneke Lütgerath Landesvorsitzender Hamburg

die Herzschlagfinale der vergangenen Spielzeiten haben ihn genährt, den Mythos vom unabsteigbaren Hamburger Sport-Verein. Spätestens seit dem Relegations-Wahnsinn gegen den Karlsruher SC war klar: Der Fußballgott muss eine Rothose sein! Und so lebte die Hoffnung auf ein erneutes HSV-Wunder auch dieses Mal wieder bis zum letzten Spieltag. Vergeblich. Nach 55 Jahren muss der Bundesliga-Dino erstmals den Weg ins Unterhaus des deutschen Fußballs antreten. Nicht nur den treuen Fans im Volksparkstadion, sondern auch der Stadt Hamburg tut der Abstieg weh. Denn nun haben wir keinen Erstligisten mehr in einer der fünf populärsten Mannschaftssportarten in Deutschland. Zur Erinnerung: Anfang 2016 waren es noch vier. Was ist los mit der Sportstadt Hamburg? Sind wir nur noch Oberliga? Die Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. Einerseits feiern Hamburger Vereine in weniger populären Sportarten, wie im Feld-

den für die Stadt – erst recht, wenn die Rothosen nicht schnell wieder aufsteigen. Nicht umsonst heißt es aus der Presseabteilung von Hamburg Tourismus: „Die mediale Aufmerksamkeit des Vereins ist für das Marketing von Hamburg unbezahlbar.“ Der populäre Spitzensport hat sich im Wettbewerb der Städte – genau wie das Kulturangebot – längst zu einem strategischen Standortfaktor im Hinblick auf Image und wirtschaftliche Prosperität entwickelt. Erfolgreiche Sportvereine – München lässt grüßen – sind heute wichtige Aushängeschilder und tragen dazu dabei, den Tourismus anzukurbeln und im Wettbewerb um Unternehmensansiedlungen, Fachkräfte und Studierende die Nase vorn zu haben. Vor wenigen Jahren lag die geschätzte Wertschöpfung durch den Sport in Hamburg bei 1,4 Milliarden Euro. Man kann also erahnen, welches enorme ökonomische Potenzial hier schlummert – und durch die sportlichen und finanziellen Miseren ehemals

»Die viel beschworene Sportstadt Hamburg hat ein strukturelles Problem.« und Hallenhockey, große Erfolge. Der vom Senat aufgelegte Masterplan „Active City“ soll den Breiten- und Leistungssport in Hamburg durch Millioneninvestitionen stärken. Und allein für 2018 haben die Vereine im Hamburger Sportbund Bauvorhaben mit einem Investitionsvolumen von 50 Millionen Euro angezeigt. Nicht zu vergessen sind auch die sportlichen Großevents wie der Triathlon, die Cyclassics, die Derbys oder hochklassiges Beachvolleyball am Rothenbaum. Wenn andererseits der Erste Bürgermeister den HSV-Abstieg mit Verweis „auf andere Sportarten, bei denen wir international sehr beachtet werden“ herunterspielt und das „weltbekannte SpringDerby“ als Beispiel anführt, ist das nur die halbe Wahrheit. Fakt ist, dass der wirklich massentaugliche Spitzensport „made in Hamburg“ ganz erheblich an Strahlkraft verloren hat. Dieses Defizit können die Großveranstaltungen, die nur einmal im Jahr, geballt in den Sommermonaten stattfinden und die zum Teil nur ein ausgewähltes Publikum ansprechen, nicht kompensieren. Gemessen an seiner gesamten Wirtschaftskraft, wird Hamburg die durch den HSV-Abstieg bedingten Einbußen zunächst einmal gut verkraften können. Viel schwerer wiegt der Imagescha-

erfolgreicher Klubs verlorengegangen ist. Ohne echte Zugpferde in den beliebten Spitzensportarten wird es allerdings schwer, eben dieses Potenzial wieder zu heben. Die viel beschworene Sportstadt Hamburg hat ein strukturelles Problem. Es mangelt an Vertrauen und Beachtung in der hiesigen Wirtschaft. Den Vereinen, insbesondere denen abseits des Fußballs, fehlt eine echte sportpolitische Lobby wie in Berlin oder München. Ein vielversprechender Weg könnte sein, nach dem erfolgreichen Vorbild der sechs Berliner Profiklubs eine vereinsübergreifende Interessengemeinschaft zu bilden – einer für alle, alle für einen. Gleichzeitig muss die Hamburger Wirtschaft einsehen, dass auch sie von erstklassigem Sport – im wahrsten Sinne des Wortes – enorm profitiert. Wer es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, der sollte in der nächsten Saison sowohl dem Hamburger SV als auch dem FC St. Pauli fest die Daumen drücken. Denn seien wir ehrlich: Hamburger Derbys sind immer etwas Besonderes – aber doch bitte in der richtigen Liga.

Ihr

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MOMENTAUFNAHME Golfsport meets Entertainment: Aus einer offenen dreistöckigen Anlage werden aus 30 Abschlagboxen mitten in Hamburg an sieben Tagen Golfbälle geschlagen. Die Ausstattung mit Software „TrackMan Range“ bietet die Möglichkeit zum Zocken und Trainieren.

Foto: GolfLounge Hamburg

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INHALT

START

TITEL

VERANSTALTUNGEN

EDITORIALS

WIRTSCHAFTSFAKTOR SPORT

WIRTSCHAFTSRAT VOR ORT

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Landesverband Hamburg u Dr. Henneke Lütgerath

41 Landesverband Schleswig-Holstein u Dr. Christian von Boetticher

MOMENTAUFNAHME 4

Mitten in Hamburg: offene dreistöckige Anlage mit 30 Abschlagboxen

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Weshalb es smart ist, auf Sport zu setzen Prof. Dr. Henning Vöpel

11 Sportkurse bei Bäderland 12 Sport, der große Motivator Interview mit Leo Eckstein und Christin Lüdemann 15 Bei jedem Schlag klingelt die Kasse 16 Mut, Identifikation, Nachhaltigkeit: Das Erfolgskonzept des Handball Sport Verein Hamburg Sebastian Frecke 18 Wirtschaftsfaktor Sport Zahlen & Fakten

20 im Clubheim des FC St. Pauli: Mehr als die schönste Nebensache der Welt

JAMAIKA ALS ERFOLGSMODELL 22 mit Ministerpräsident Daniel Günther

HAPAG-LLOYD: ZURÜCK AUF ERFOLGSKURS 24 mit Rolf Habben Jansen

PODIUMSDISKUSSION DIESELGATE 28 Hardware-Nachrüstungen unvermeidlich?

RECHT IST KEINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT 30 mit Friedrich-Joachim Mehmel

3. CXO-EVENT SYLT 2018 42 Durch mehr Austausch mehr Tempo aufnehmen

EU-DATENSCHUTZGRUNDVERORDNUNG 50 Sektion Flensburg

Wirtschaftsfaktor Sport Weshalb es so smart ist, auf Sport zu setzen Prof. Dr. Henning Vöpel: „Sport als Wirtschaftsfaktor wird noch immer oft unterschätzt. Die Industrie, der Tourismus, die Finanzbranche oder der Handel finden mehr Gehör in der Öffentlichkeit.“ Seite 8

IN DEUTSCHLAND HERRSCHT BEI DIGITALER SICHERHEIT NOTSTAND 52 Sektion Plön/Ostholstein

WASSERSTOFF IST DIE ZUKUNFT 56 Sektion Nordfriesland Hapag-Lloyd: Zurück auf Erfolgskurs zu Gast: Rolf Habben Jansen Seite 24

AUSBAUPLANUNGEN DES ELBE-LÜBECK-KANALS HABEN BEGONNEN 58 Sektion Herzogtum Lauenburg

PERSPEKTIVISCH WUSELN GERÄTE WIE AMEISEN ÜBER DIE FELDER 60 Sektion Plön/Ostholstein

STÄDTISCHE WOHNUNGSPOLITIK – VORBILD HAMBURG 65 Sektion Kiel Jamaika als Erfolgsmodell zu Gast: Ministerpräsident Daniel Günther Seite 22

Podiumsdiskussion Dieselgate: Hardware-Nachrüstungen unvermeidlich? Seite 28

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INHALT

VERANSTALTUNGEN GEWERBEGEBIETSMANGEL IN DER ENTWICKLUNGSACHSE DER FEHMARN-BELT-QUERUNG 66 Sektion Lübeck und Sektion Stormarn

CHINACONTACT LUNCH#1: WAS MACHT DER GELBE RIESE?

LANDESFACHKOMMISSIONEN Hamburg

JUNGES HAMBURG 36 Positionspapier: Distributed Ledger als Chance: Blockchain & Co jetzt für Hamburg nutzen! u Dr. Christian Conreder

67 Landesverband Schleswig-Holstein WACHSTUM & INNOVATION 37 Innovationsstandort Hamburg: BILDUNGSNIVEAU UNSERER Zwischen Wunsch und Wirklichkeit SCHULABGÄNGER: u Niklas Wilke

„DIE JUGEND IST ANDERS“ 68 Sektion Neumünster

STEUERN, HAUSHALT & FINANZEN

AKTUELLES

38 Landesfachkommission nimmt Arbeit auf u Prof. Dr. Götz T. Wiese

AUS DEM MITGLIEDERKREIS 44 Neue Mitglieder in den Landesverbänden

3. CXO-Event Sylt 2018 Landesverband Schleswig-Holstein Durch mehr Austausch mehr Tempo aufnehmen Seite 42

Schleswig-Holstein

ENERGIEWIRTSCHAFT 54 Reiter über den Bodensee u Dr. Stefan Liebing

VERKEHRSINFRASTRUKTUR 55 Beschleunigung der Planungsverfahren u Martin Henze

GESUNDHEITSWIRTSCHAFT

JUNGER WIRTSCHAFTSRAT NEUER LANDESVORSTAND GEWÄHLT

63 Gesundheitspolitische Ziele für Berlin u Florian Friedel

IMMOBILIENWIRTSCHAFT

EU-Datenschutzgrundverordnung: Sinnvolle Rechtsvereinheitlichung oder Bürokratiemonster? mit Dr. Frank Markus Döring

64 Stabwechsel u Wolfgang Weinschrod und Dr. Ulrich Schlenz

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ZU GUTER LETZT

Prof. Dr. Christopher Helbing, Direktor der Abteilung Wasserstoff-Technologie des Fraunhofer-Instituts für Solarenergiesysteme des ISE Freiburg, führte fachlich in die Veranstaltung ein: Wasserstoff ist die Zukunft

32 Voller Elan ins neue Jahr

VOR ORT IN HAMBURG 34 Kamingespräch mit Klaus-Michael Kühne

FRAGEN AN EIN MITGLIED 35 Konstantin Loebner Schleswig-Holstein

ERFOLGREICHE AGRAR-STARTUPS 61 aus Schleswig-Holstein

KRYPTOWÄHRUNGEN 62 Orientierung im Mirkokosmos nach dem Urknall

VERANSTALTUNGSVORSCHAU 39 Landesverband Hamburg 70 Landesverband Schleswig-Holstein 70 Impressum

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

Weshalb es smart ist, auf Sport zu setzen

Foto: HWWI

Sport als Wirtschaftsfaktor wird noch immer oft unterschätzt. Die Industrie, der Tourismus, die Finanzbranche oder der Handel finden mehr Gehör in der Öffentlichkeit. Dies liegt zum Teil daran, dass diese Branchen besser organisiert sind und nach dem Urteil vieler Menschen ökonomisch „wichtiger“ seien. Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor und Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)

D ieses Urteil liegt auch daran, dass der Sport als Branche schwer abzugrenzen ist. Sport in seinen unterschiedlichen Ausprägungen ist jedoch für viele Menschen ein wesentliches Bedürfnis. Zu den unterschiedlichen Facetten des Sports gehören der aktive Sport im Verein, im Fitnessstudio oder im öffentlichen Raum, der Besuch von Sportevents oder die Fernsehübertragung eines Bundesligaspiels inklusive aller Dienstleistungen und Sportartikel, die zur Erstellung des Produkts „Sport“ nötig sind. Entsprechend hoch sind in der Summe die Ausgaben der Haushalte in Deutschland für Sport und demzufolge auch die Wertschöpfung, die in vielen Teilbranchen im Zusammenhang mit Sport entsteht. Laut Untersuchung macht der Sport in Deutschland xx Prozent der Wertschöpfung aus. Darin sind nicht einmal die wichtigen, aber methodisch sehr schwer zu erfassenden, eher intangiblen Effekte des Sports in Bezug auf Integration oder Gesundheit enthalten. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die wirtschaftliche Bedeutung des Sports weiter zunimmt. Die Ausgaben für

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Sport nehmen mit steigendem Einkommen überproportional zu, d.h. die wirtschaftliche Bedeutung des Sports wächst gewissermaßen automatisch. Zudem gibt es derzeit einen Wandel im Sport: Er entwickelt sich von einer sehr institutionalisierten Struktur zu einem offenen Ökosystem. Auch neue digitale Möglichkeiten z.B. in Form der Apps bieten flexible und individualisierte Lösungen, Sport im Alltag zu integrieren. Der Übergang von Aktivität zu Bewegung hin zum Sport wird dadurch fließender. Daraus ergeben sich viele Hebel, das Aktivitätsniveau der Bevölkerung zu erhöhen. Die Stadt Hamburg hat mit der Active-City-Strategie nach der gescheiterten Bewerbung um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024 einen bewusst in diese Richtung gehenden Ansatz gewählt. Eine aktive Stadt ist eine smarte Stadt. Sport als Wirtschaftsfaktor wird durch diese Entwicklungen gerade in Städten bedeutender. Als „weicher“ Standortfaktor ist der Sport bedeutsam für den Freizeitwert einer Stadt und insoweit für die Ansiedlung von Unternehmen und den

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

Zuzug von jungen und aktiven Menschen. Darüber hinaus schafft Sport im Bereich der Events und des Profisports überregionale und oft auch internationale Bekanntheit und Aufmerksamkeit. Viele Städte sind heute vor allem deshalb bekannt oder im Gespräch, weil sie über einen erfolgreichen Verein oder eine bekannte Sportveranstaltung verfügen. International gibt es viele Städte, über die man vor allem wegen des Sports spricht, wie zum Beispiel Melbourne mit dem Formel1-Rennen oder den Australien Open im Tennis. Auch in Deutschland haben Städte versucht, sich bewusst als Sportstadt zu positionieren, darunter vor allem mittelgroße Städte wie Düsseldorf oder Leipzig, die auf diese Weise bekannter und attraktiver werden wollten, um damit eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung einzuleiten. In Deutschland sind heute trotzdem vor allem die Metropolen Berlin und München die erfolgreichsten Sportstädte. Sie weisen vor allem in den Bereichen Sportevents und Profisport viele Aushängeschilder auf. Ein Verein wie Bayern München bringt der Stadt regelmäßig internationale Aufmerksamkeit, die an sich keine große direkte wirtschaftliche Bedeutung hat, aber genutzt werden kann, um daraus positive Effekte zu erzielen. Hamburgs Stärke ist die hohe Sportaffinität der Bevölkerung. Aus diesem Grund ist die oben erwähnte Active-City-Strategie ein geeigneter Ansatz, Sport weiter vielfältig in den Alltag der Stadt und in die Stadtentwicklung zu integrieren und auf diese Weise die Lebensqualität für die Menschen zu erhöhen. Bei den Sportveranstaltungen hat Hamburg mit dem Jedermann-Konzept ein besonderes Profil entwickelt, vor allem in den Ausdauersportarten wie dem Iron Man-Triathlon oder den Cyclassics. Doch es gibt in Hamburg auch Probleme: Die zweitgrößte Stadt Deutschlands mit fast zwei Millionen Einwohnern und einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen hat in den letzten Jahren erkennbar einen schleichenden Niedergang ihrer Profivereine erlebt. Nach Handball und Eishockey wird Hamburg im kommenden Jahr auch im Fußball nicht mehr in der Ersten Liga vertreten sein. Sicherlich gibt es hierfür eine Reihe unsystematischer Ursachen und Fehler, die oft im Management zu suchen sind. Dennoch kann man

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feststellen, dass die Synergien, die sich zwischen regionaler Wirtschaft und den ansässigen Proficlubs zum beidseitigen Nutzen ergeben können, in Hamburg bei weitem nicht ausgeschöpft sind. In Zeiten der Kommerzialisierung und Internationalisierung und damit auch der Skalierung des Sports gibt es womöglich einen strukturellen Nachteil Hamburgs mit seiner eher mittelständisch geprägten Wirtschaft. Alles in allem gibt es gute Gründe – und zukünftige Trends gehen in diese Richtung –, den Sport in seiner langfristi-

gen und nachhaltigen Bedeutung für eine Stadt nicht zu unterschätzen, sondern genauso ernsthaft zu behandeln, wie das in der Kultur oder im Tourismus oft der Fall ist. Sport und Stadt können und müssen zusammen in ihren vielfältigen und ökonomisch wichtigen Wechselwirkungen ■ strategisch entwickelt werden.

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Titel Wirtschaftsfaktor Sport

Sportkurse bei Bäderland Schwimmen ist die Top-Sportart, wenn Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ihre Favoriten bezüglich Freizeitgestaltung nennen. Mehr noch, Schwimmen ist ein Stück Lebensqualität, denn schwimmen können gehört zur heutigen Mobilität. In Bewegung sein, zeugt von Flexibilität, nicht nur im Sport. Text: Ehrhard J. Heine

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asser ist das angesagte Medium für immer mehr Fitnessangebote mit dem Ziel, lebenslang und damit nachhaltig die eigene persönliche Gesundheit zu fördern. „Wir unterstützen die Sozial- und Familienpolitik des Senats und bringen uns aktiv ein, wenn es darum geht, die Lebensqualität der Hamburger durch Bewegung im Wasser zu verbessern“, meint Dirk Schumaier vom Bäderland Hamburg GmbH. Der Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport ist an insgesamt 28 Standorten, davon 21 Hallenbäder, umfassend und flächendeckend bei Bäderland fest verankert und setzt seit Jahren in enger Abstimmung mit der Sportpolitik neue Akzente. Die Bäderland-Sportprogramme reichen von Frühschwimmangeboten über Schulschwimmen, Wasserfitness, Präventionssport bis zu vielseitigen Spielangeboten im „Quartierssport“, damit ist man im organisierten und nichtorganisierten Sport in Hamburg einer der größten Anbieter. Dabei spielen Verbände und deren angeschlossene Vereine der Hamburger mit über 10.000 Mitgliedern als wichtige Gästegruppe eine große Rolle. Optimale Trainingsbedingungen finden die verschiedensten Kader im Leistungszentrum Dulsberg mit dem angeschlossenen Olympiastützpunkt Hamburg-Schleswig-Holstein. Durch den Hallenneubau (2012), ausgestattet mit modernster Technik, kann Hamburg im Bereich der Leistungsschwimmer bundesweit gut mithalten und meldet eine hohe Dichte beim Schwimmnachwuchs.

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Bäderland ermöglicht dem Schwimmverband jährlich rund 70.000 Bahnenstunden. „Zu unseren Kernaufgaben gehört, das Wasserflächenmanagement aller einzelnen Betriebe so zu optimieren, dass möglichst jeder viel und ausreichend Wasserzeiten nutzen kann“, meint Pressesprecher Michael Dietel. Die Nutzungsinteressen der Vereine mit den Nutzungsbedarfen der Schwimmer im öffentlichen Badebetrieb in Konsens zu bringen, ist stets eine elementare Aufgabe. Diese wird bewährterweise über eine auch den Sportvereinen zugängliche Datenbank abgewickelt. Für alle Nutzergruppen erreichen wir dadurch eine höhere Transparenz. Für eine sportliche Nutzung wird dem „Schwimmclub“Mitglied in 15 Bädern zwischen 6:30 und 9:00 Uhr exklusiv das Bahnenziehen ermöglicht Eine einzigartige SportKombi aus Schwimmen, Fitnesskursen und Sauna wird im Aqua Fitnessclub in der Alster-Schwimmhalle und Blankenese angeboten. Bäderland gehört mit einem Gesamtangebot von jährlich rund 28.000 Kursstunden zu einem der größten Anbieter von Sportkursen in der Hansestadt. Dabei sticht ins Auge: Lediglich 3 Prozent der verfügbaren Wasserfläche ist dabei aktiv eingebunden. Dieser Bereich wird künftig ausgebaut, Wasserflächen erweitert und insgesamt die ganzjährig benutzbaren Kapazitäten ausgebaut. Dafür hat das Unternehmen in den letzten 10 Jahren rd. 200 Mio Euro in seine Standorte investiert. Erfolgreich ist das Unernehmen als Dienstleister im Management von Sportimmobilien, wie z.B. mit dem „Eisland“ in Farmsen, dem „BeachCenter Hamburg“ einer Beachvolleyball-Anlage sowie dem „be-Fit“ (TSG Bergedorf) im Sportpark Dulsberg. Die Gesellschaft beschäftigt 485 Mitarbeiter/Innen und die Anlagen sind im Schnitt an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Sie werden jährlich von über ■ 4 Millionen Gästen besucht.

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

Sport, der große Motivator

Die Erfolgsgeschichte von Meridian Spa & Fitness begann vor 34 Jahren mit einem kleinen Sportstudio im Hamburger Stadtteil Wandsbek. Wenige Jahre später setzte die Wandsbeker Anlage mit ihrer einzigartigen Saunalandschaft Maßstäbe über die Grenzen Deutschlands hinaus. Damit ist das mehrfach ausgezeichnete Unternehmen mit den Kernkompetenzen Fitness und Wellness Marktführer im Premiumsegment der Fitness- und Wellnessbranche.

S eit 1984 folgt Meridian Spa & Fitness einer Vision: Menschen einen Ort zu bieten, an dem sie Stress hinter sich lassen und neue Energie schöpfen. Durch Fitness einerseits und Wellness andererseits, ergänzt durch ein umfangreiches Massage& Beauty-Angebot. In insgesamt acht Premium-Anlagen in Hamburg, Berlin, Frankfurt und Kiel sorgen 550 feste Voll- und Teilzeitmitarbeiter sowie etwa 700 Kooperationspartner (Trainer, Therapeuten etc.) dafür, dass sich über 37.000 Mitglieder und zahlreiche Tagesgäste wohlfühlen. Haben ihre Mitglieder Spaß am gemeinsamen Sport? Wir bieten eine perfekte Plattform: Unabhängig von den Wünschen und Zielen der Mitglieder finden sie bei uns das passende Angebot. Es gibt Kurse, bei denen gemeinsam im Team mit Spaß trainiert wird, aber natürlich trainieren unsere Mitglieder auch nach ihrem individuellen Fit-

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nessplan, der meist gemeinsam mit einem unserer Trainer aufgestellt und kontinuierlich überprüft wird. Mehr als die Hälfte unserer Mitglieder besuchen regelmäßig die Kurse, um sich gemeinschaftlich zu bewegen, sich bei Musik auszupowern oder beim Yoga die eigene Balance zu finden. In den großen Anlagen bieten wir wöchentlich bis zu 160 Kurse an. Gemeinsam bringt es vielen Mitgliedern einfach mehr Spaß. Ein Kurstrainer gibt die Übungen vor, kontrolliert Ausführungen und bietet immer wieder Abwechslung. In unseren Pool-Restaurants trifft man sich nach dem Training, um sich zu stärken oder sich bei einem Getränk auszutauschen. Meridian bietet dieses Angebot abgestimmt auf die unterschiedlichen Zielgruppen an. Auch ältere Mitglieder finden das richtige Kursprogramm und genießen nach dem Training gern auch gemeinsam die Entspannung in der Sauna oder das Gespräch auf unseren sonnigen Dachterrassen.

Die Meridian-Anlagen bieten nicht nur klassisches Fitnesstraining? Das klassische Fitnesstraining hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Im Meridian finden sich nicht nur zahlreiche Ausdauer- und Kraftgeräte, wir bieten spezielle Geräte, die auch für die Reha angeboten werden, einen großen Freihantelbereich und eine Functional Area für ein mehrdimensionales Training mit dem eigenen Körpergewicht. Und in allen Anlagen haben wir ein umfassendes Kursangebot mit speziell ausgebildeten Trainern. Dafür haben wir bis zu sechs Lofts pro Anlage. Was neue Trends angeht, sind wir nie die, die vorweg marschieren und gleich alles Neue anbieten. Wir greifen solche Themen auf, von denen wir glauben, dass sie sportwissenschaftlich fundiert und nachhaltig sind und auch in zwei bis drei Jahren noch nachgefragt werden. Bietet der Fitness-Markt noch Entwicklungspotential? Und ob! Die aktuelle Deloitte-Marktstudie belegt, dass wir uns seit Jahren in einem Wachstumsmarkt befinden und ein Ende des Wachstums nicht abzusehen ist. Im Gegenteil, wie ein aussagefähiger Kennzahlenvergleich zeigt: Trainierten 2007 erst 6,3 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland in Fitness-Anlagen, sind es 2017 bundesweit schon rund 13 Prozent gewesen. 2007 waren erst 5,5 Millionen Mitglieder aktiv, 2017 bereits 10,6 Millionen – ebenfalls beinahe eine Verdoppelung in 10 Jahren. Und der Markt wird weiterwachsen. In einigen Nachbarländern ist diese Quote bereits deutlich höher, in den Niederlanden z. B. bei 17 Prozent und im Norden Europas (Dänemark, Schweden, Norwegen) bereits bei 18-22 Prozent!

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

der schätzen das Erlebnis eines AufgussEvents. Sie möchten, dass „gewedelt“ wird, dass der Saunagang Spaß macht. Und genau das bieten wir ihnen.

Der Fitness-Markt ist heiß umkämpft. Wie ist das aus Sicht von Meridian? Wir haben uns klar im Premium-Sektor positioniert. Wir bieten sehr große, unvergleichliche Anlagen, erstklassige Geräte, beste Trainingsbetreuung, ausgezeichneten Service und natürlich ein besonderes Ambiente. Der Preiskampf findet im Preiseinstiegssegment der Fitness-Discounter statt. Dass sich der Markt so differenziert verteilt, sehen wir durchaus positiv. Die Discounter sind eine Art „door-opener“ für viele Fitness-Einsteiger und vor allem auch für junge Menschen. Wer später mehr Komfort, mehr Leistung und Service möchte, steigt dann um auf ein PremiumAngebot. Der Wettbewerb zwingt die Unternehmen, hocheffizient und mit professionellen Strukturen zu arbeiten. Unser Anspruch als Premium-Anbieter ist es, eine Leistung „von Mensch zu Mensch“ anzubieten. Wir haben ein umfangreiches Betreuungskonzept, bei dem jedes Mitglied sechs Trainertermine pro Jahr wahrnehmen kann, um seinen individuellen Trainingsplan an seine Trainingsfortschritte anzupassen. Unser umfassendes Kursangebot wird von ausgebildeten Trainern angeboten, unsere stündlichen Sauna-Aufgüsse erfreuen sich großer Beliebtheit und die Rezeption ist jederzeit für alle Fragen und Informationen ansprechbar. Darüber hinaus haben wir Specials wie „Lange Saunanächte“ oder Outdoor-Kurse. All das machen wir, um unseren Mitgliedern etwas Besonderes anzubieten. Wir orientieren uns an den Ansprüchen und Erwartungen unserer Mitglieder. Natürlich bieten wir auch Möglichkeiten, das Training durch digitale Angebote zu unterstützen, wenn dieses für das Mitglied

einen Mehrwert hat. Man kann die Termine für eine Anwendung auch online reservieren. Unsere Gäste verzichten dabei zwar auf die persönliche Beratung, können stattdessen aber 24 Stunden am Tag unabhängig von Öffnungs- und Servicezeiten ihre Planung vornehmen. Bietet Meridian Spa & Fitness außer Trends auch Personal Training? Wir schauen uns den Markt und seine Entwicklungen kontinuierlich genau an und fragen uns, ob die neuen Themen nur ein kurze Halbwertzeit haben oder einen nachhaltigen Trend setzen werden. Personaltraining ist selbstverständlich ein wichtiges Thema. Wir bedienen damit eine spezielle Zielgruppe, die eine individuelle Ansprache, besondere Motivation und eine aktive Begleitung auf dem Weg zu ihrem Trainingsziel möchte. Dafür stehen auf Wunsch Trainer mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten und Persönlichkeiten zur Verfügung – aber wir drängen niemandem ein kostenpflichtiges Personal Training auf. Unser Betreuungskonzept schafft ohnehin ausreichende Möglichkeiten, das eigene Trainingsprogramm weiterzuentwickeln. Muss das Personal die zunehmende Digitalisierung fürchten – punktet man noch mit „Human Capital“? Alles, was wir digital machen, ist eine Ergänzung, z. B. um Mitarbeiter von Routinearbeiten zu entlasten und so dem Kunden mehr Zeit widmen zu können. Es ist uns sehr wichtig, dass unsere Trainer auf der Fläche präsent sind, dass sie Kontakt zu den Mitgliedern haben. Gerade auch in den Kursen brauchen die Mitglieder den Kurstrainer, der korrigiert und motiviert – darum wird es bei uns niemals den kostensparenden digitalen Kurstrainer auf der Videoleinwand geben. In den Saunen könnten wir überall einen automatisierten Aufguss installieren, aber unsere Mitglie-

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Inwieweit ist der Standort ein Erfolgsfaktor? Die Standortauswahl ist existenziell für den Erfolg einer Anlage. Bevor wir z. B. Alstertal, Frankfurt und Barmbek gebaut haben, wurden ausführliche Standortanalysen erstellt. Wir brauchen für unser Premium-Produkt das entsprechende Publikum und die Kaufkraft. Und auch die Faktoren Bebauungsdichte und Verkehrsanbindung sind maßgeblich. Eine bequeme Anreise ist für viele potentielle Mitglieder ausschlaggebend, denn rund dreiviertel der Mitglieder einer Anlage kommen aus einem Umkreis von 10 bis 15 Minuten Fahrzeit (Auto). Wer zweimal die Woche trainieren oder entspannen will, nimmt längere Anfahrtszeiten nicht in Kauf. Von großer Wichtigkeit beim Standort ist daher auch die Parkplatzsituation. Jede unserer acht Anlagen bietet den Mitgliedern daher mehrere Stunden kostenloses Parken. Wir lehnen konsequent Standorte ab, an denen wir diese Möglichkeit nicht bieten können, denn für uns hat die Zufriedenheit unserer Mitglieder höchste Priorität. Fitness-Studios haben gegenüber anderen Sportarten eine hohe zeitliche und räumliche Flexibilität. Im Vergleich zu einer Tennisanlage oder einer Kegelbahn kann man dies wohl durchaus sagen. Neue Geräte oder neue Kurse können wir auf den bestehenden Flächen einbringen. Grundsätzlich geht es bei uns aber immer um die Idee, das passende Trainingsgefühl zum jeweiligen Trainingsprogramm zu vermitteln. So gibt es in jeder Anlage ein Spirit Lofts, in dem nur ruhige Kursformate wie Yoga oder Pilates stattfinden. Diese Spirit Lofts haben ein Raumdesign, das die Entschleunigung und Entspannung fördert, so dass der Alltag keinen Platz mehr hat. Genau das Gegenteil wünschen sich Trainierende von unseren Functional Bereichen. In Eppendorf und Wandsbek haben wir erst vor einigen Monaten komplette Functional Bereiche umgebaut bzw. neu geschaffen. Hier wird sehr ambitioniert mit viel Power zu passender, etwas laute-

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

rer Musik trainiert. Die Bereiche selbst erinnern dabei an ein Industrieloft. Gibt es bei vorhandener Kapazität eine Obergrenze? Die einzelnen Anlagen sind unter der Woche bis 23 h (Wochenende und an Feiertagen bis 22 h) geöffnet. Unser Zielpublikum ab 30 Jahren hat nicht den Bedarf, nachts zu trainieren. Wir haben rund 100 Stunden die Woche geöffnet und stehen an 365 Tagen im Jahr zur Verfügung. Damit haben unsere Mitglieder die gewünschte Flexibilität für ihren Aufenthalt. Die erforderlichen Reinigungs- und Renovierungsarbeiten werden i. d. R. nachts oder in den frühen Morgenstunden erledigt. Ist eine noch höhere Verdichtung von Fitness-Studios zu erwarten? Die Zahl der Mikrostudios (kleine, monothematische Studios wie Yoga, EMS etc.) wird wohl weiterwachsen. Aber selbst wenn im Jahr 20 Anbieter hinzukommen, macht sich das für uns nicht gravierend bemerkbar. Der Wettbewerb ist besonders im Discount-Bereich extrem hoch, da solche Studios relativ schnell und mit überschaubaren Investitionen entstehen kann. Da wird es u. E. irgendwann zu einer Marktbereinigung kommen. Das Premium-Segment ist viel komplexer und erfordert viel höhere Investments. Davor haben neue Marktteilnehmer verständlicherweise großen Respekt. Mit unserem Konzept, neben Premium-Fitness unter dem gleichen Dach auch noch PremiumWellness (Saunen, Pools, Restaurants) sowie Premium-Bodycare (Massage, Beauty)

anzubieten, sind wir schon besonders aufgestellt und sprechen gezielt ein Publikum an, das dieses Gesamtkonzept sucht und genießt. Und eine neue Anlage in dieser Größenordnung, mit dem Standard und dem dafür notwendigen Investment kann nicht mal so eben in kurzer Zeit oder in großer Zahl realisiert werden. Könnte das Haus auf Erkenntnisse aus wissenschaftlicher Forschung zurückgreifen? Die Branche beobachtet und greift gern Erkenntnisse auf, auch wenn sie nicht brandneu sind. Kürzlich stand in der Hamburger Presse ein von Sportwissenschaftlern verfasster Beitrag mit dem Ratschlag, auch im höheren Alter mit Fitness-Training zu beginnen. Mit einem „gesunden“ Fitness-Training kann auch ein 65-jähriger, untrainierter Mensch wieder Muskulatur aufbauen und den gesamten Bewegungsapparat stabilisieren und mobilisieren. Das sind ja keine neuen Erkenntnisse – aber sie sind inzwischen wissenschaftlich belegbar! Wir sind im beständigen Austausch mit Dienstleistern und Geräteherstellern und stehen aktuell u. a. als Partner für ein gerade beginnendes Projekt mit dem UKE Hamburg zur Verfügung. Im Rahmen einer Studie soll untersucht werden, ob Sport glücklich macht. Daran glauben wir seit langem – aber sind dennoch gespannt auf die Ergebnisse. Stolz sind wir auf die eigene Meridian Academy, die von dem Sportwissenschaftler Hendrik Schaar geleitet wird, der bestens vernetzt ist und uns ebenfalls aktuelle Marktentwicklungen

vermittelt. Dann schauen wir, was wir in unser Angebot einbauen können und in der Kommunikation an unsere Zielgruppen weitergeben. Zudem werden in der Academy die Trainer und Fitness-Manager für die gesamte Branche ausgebildet und auch wir können hier nach der zweijährigen Vollzeitausbildung regelmäßig auf die besten Nachwuchskräfte zurückgreifen. Wo geht die Reise für das Unternehmen hin? Wir sind ein ganz klassisches mittelständisches Unternehmen ohne einen finanzkräftigen Konzern im Hintergrund. Das heißt, für uns geht es Schritt für Schritt voran. Nur machen, was finanziell realisierbar ist, ohne das Unternehmen zu gefährden. Wir haben uns gerade in den letzten Jahren gut entwickelt, in 2014 die Anlage Frankfurt mit 10.000 qm und 2015 die Anlage HH-Barmbek mit rund 4.000 qm eröffnet. In 2017 haben wir massiv in die Anlage Eppendorf investiert und den Fitness-Bereich dort wieder auf den neuesten Stand gebracht. Wir denken und handeln immer nach dem Motto: Wir starten keine Revolution, wir stehen für eine beständige Evolution. Wir entwickeln uns also kontinuierlich weiter. So haben die neuen Anlagen Frankfurt und Barmbek einen moderneren Look bekommen, wir haben neue Materialien eingesetzt, Farben und Formen wurden überdacht. Aber wir haben nicht unsere eigene „Meridian-DNA“ aufgegeben. Jedes Mitglied aus den anderen Anlagen wird sich in den jüngsten Anlagen sofort wohlfühlen und die Handschrift von Meridian wiedererkennen. Das Interview führte aus der Redaktion Ehrhard J. Heine mit dem geschäftsführenden Gesellschafter Leo Eckstein und der stellvertretenden Geschäftsführerin ■ Christin Lüdemann (Foto Seite 12).

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

Golf-Online-Plattform verbindet alle Kunden

Bei jedem Schlag klingelt die Kasse Wie ein Unternehmen mit Algorithmen rasch in eine Gewinnzone kommt, bewies ein kleines dänisches Unternehmen. Gut 250 Mitarbeiter katapultierten in knapp 15 Jahren die Company zum Marktführer. Die Erfolgsgeschichte des Soft-Hardware-Anbieters startete im Golfsport, heute ist man im Baseball, Hammer- und Diskuswurf, Tennis sowie im Fussball, ebenso erfolgreich. Text: Ehrhard J. Heine

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uf den Nenner gebracht, sind die genannten Sportarten lukrative Geschäftsfelder, in denen per Radartechnologie Daten erzeugt werden, die als Computerprogramm verständliche, umsetzbare Ergebnisse aufweist. Ein simples Geschäftsmodell: Zunächst den Spielern Daten für die Trainings zu geben und dann mit dem System Geld verdienen. Die vom Kopenhagener Unternehmen ausbaldowerte Technologie ist der Spielerentwicklung ausgesprochen förderlich. Golflehrer, die mit dem System arbeiten, helfen dem Beginner wie auch dem Turnierspieler in jeder Leistungsstufe. Die Initialzündung hat funktioniert Genau genommen waren es drei Dänen die sich ans Werk machten. Zwei Golfer und ein Ballistiker brachten Fakten zusammen, die einem Puzzle gleich, erste grobe Zielvorstellungen fixierten. Die Aufgabenstellung: Mittels eines Radarsystems war der Weg des Schlägers beim Ballkontakt ein Ball-Tracking-Bild aufzuzeigen. Aufschluss sollten die reflektierenden, absolut ungefährlichen Mikrowellen durch den bewegten Schlägerkopf auf den ruhenden Golfball geben. Hauptaugenmerk lag dabei einzig auf dem Treffmoment. Diese Phase liefert relevante Datenparameter wie z.B. Schlägerkopfgeschwindigkeit, Eintreffwinkel, Schlägerweg und die Linien der Ballflugkurven. Hilfsweise ergänzten artfremde Ablaufprozesse Muster für die Lösung der anstehenden Aufgabenstellung. Schon nach drei Jahren konnte das Unternehmen mit einer „0-Serie“ an den Start gehen um weitere Erfahrungen und Anforderungen im Markt zu sammeln. Die Techniker machten Riesenfortschritte. Schon bei den folgenden Gerä-

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teserien entfielen die hinderlichen Stromanschlüsse. Nunmehr gab es leistungsstarke Akkuversionen die eine freie Standortwahl und unbegrenzte Aufnahmezeiten ermöglichten. Das derzeit aktuelle Modell ist Laptop- und Smartphonekompatibel und ermöglicht weitere Einsatzmöglichkeiten. Aufgespielte Software-Tools schaffen einen Golfsimulator als Gameversion mit clubeigenem Homecourse, oder aber eben auch Pebble Beach und St.Andrews. Die GolfLounge Hamburg hat zum Jahresbeginn jede der 30 Abschlagboxen mit einem „TrackMan Range“ ausgestattet. Damit beginnt nun in der Eventlocation der Bereich Spaß und Spiel eine neue Ära. Gut 70.000 Besucher kann Betreiber Peter Merck im Jahr in seinem GolfCentrum begrüßen. Somit wurde aus der einstigen Trainingsstätte nun eine moderne Plattform der Freizeitaktivisten: „Ähnlich wie man zum Bowlen geht, kann man nun bei uns seine Longest-Drive- und Nearest-to-the-Pin-Spielchen machen. Unkompliziert und barrierefrei“, so Peter Merck, Betreiber der Anlage. Heute beschäftigt dass in Kopenhagen ansässige und weltweit operierende Unternehmen 250 Mitarbeiter, davon 140 Entwickler. Sportarten wie Golf, Fußball und Baseball in den USA, gehören zwischenzeitlich zum Kerngeschäft, während andere Sportbereiche weiterentwickelt werden. „Immer wo ein fliegendes Objekt (meist bei Ballsportarten) „getrackt“ werden kann, ist unsere Technologie einsetzbar“, so David Cardew, Golfsupport, Germany. Bekannt ist uns das TrackMan-System durch Fernsehübertragungen, und zwar immer dann, wenn bei den großen Turnieren die Kamera den geschlagenen Ball verfolgt und die realen Fluglinien auf den ■ Bildschirm zaubert.

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

Mut, Identifikation,

Das Erfolgskonzept des Handball

Während der HSV zum ersten Mal in seiner Geschichte in die 2. Bundesliga absteigt, St. Pauli gerade so den Klassenerhalt schafft und die Towers sich nach einer glanzlosen Saison vom Trainer verabschieden, sehen wir als Handball Sport Verein Hamburg den Aufstieg in die 2. Liga als Erfolg. Und als Belohnung für unseren Mut.

N ach der Insolvenz 2016 fingen wir

Text: Sebastian Frecke, Geschäftsführer der Handball Sport Management und Marketing GmbH

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bei Null an. Das Einzige, was wir hatten, waren wir. Menschen mit Liebe für den Handballsport, die nicht aufgeben wollten und an die Idee glaubten, es nochmal schaffen zu können. Mit dieser Vision steckten wir unser Umfeld an – und aus potenziellen Sponsoren wurden feste Partner. Über 100 Unternehmen stärken uns mittlerweile den Rücken. In der Regel lokal bis regional verankert, haben sie ganz wesentlich zum Hamburger Aufstiegsmärchen beigetragen.

Für uns ist das Partnerschaftsmodell die richtige Entscheidung: Einige von uns haben damals miterlebt, dass die Abhängigkeit von einem einzigen Mann das Ende bedeuten kann. Anstatt auf einen großen Investor zu setzen, kooperieren wir daher mit vielen kleineren Unternehmen. So sind wir breit aufgestellt und in der Lage, etwaige Finanzlücken aufzufangen. Denn die gibt es: Verbindlichkeiten aus der Insolvenz sind bis heute in unseren Finanzplan integriert. Für uns ist das eine Warnung aus der Vergangenheit, die so nie wieder passieren darf und wird. Auch wenn alles nach Plan läuft und unsere Liquidität gesichert ist: Wir sind auf mutige Unternehmen angewiesen, die sich mit uns und Hamburg identifizieren und den Weg gemeinsam mit uns gehen wollen. Dass es nicht um das schnelle Geld geht, muss jedem klar sein – wir wachsen lieber behutsam und bleiben dabei bodenständig.

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Titel Wirtschaftsfaktor Sport

Nachhaltigkeit:

Sport Verein Hamburg Nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene ist uns Identifikation wichtig – auch unser Kader orientiert sich an Spielern, die aus Hamburg und Umgebung kommen. Die meisten leben, studieren und arbeiten hier, haben Freunde und Familie in der Nähe. Unser Trainer Torsten Jansen hat 2003 bis 2015 selber Handball in Hamburg gespielt und Ex-Nationalspieler Stefan Schröder blieb der Stadt bzw. dem Verein auch nach der Insolvenz treu. Der Zusammenhalt im Team basiert auf einer großen Verbundenheit zur Hansestadt und den Fans. Eine ähnlich große Rolle spielt Nachhaltigkeit. Wir setzen sehr auf intensive Jugendarbeit und Spieler aus den eigenen Reihen. Hierfür organisieren wir zum Beispiel gemeinsam mit AOK die Handballcamps, d.h. wir bringen den Handball an die Schulen, um Kinder und Jugendliche dafür zu begeistern. Und wir investieren in unsere Nachwuchstalente. Wenn wir Potenzial sehen und sich unsere jungen Spieler bewähren, dann halten wir an ihnen fest. Denn auch für uns gilt: Die Jugend ist der Erfolgsbringer der Zukunft. Der sportliche Erfolg spricht dafür, dass wir auf vielen Ebenen die richtigen Maßnahmen ergreifen. Sichtbar wird das vor allem auch an den Spieltagen: Unsere

VIP-Area ist bei den meisten Spielen am Limit und auch auf unsere Fans ist Verlass. Sie haben uns nicht den Rücken gekehrt, sondern sorgen für einen Zuschauerschnitt, der selbst von einigen Erstligisten nicht erreicht wird. Mit unserem Weihnachtsspiel in der Barclaycard Arena stellen wir seit zwei Jahren einen Weltrekord in Sachen Zuschauerzahl bei einem Drittligaspiel auf. Krönung des bisherigen Erfolges ist die Lizenzerteilung für die zweite Bundesliga, die für unsere wirtschaftlichen, rechtlichen und infrastrukturellen sowie sportlichen Voraussetzungen spricht. Im Vorfeld haben wir mit der Handball Sport Management und Marketing GmbH kürzlich eine Kapitalgesellschaft gegründet, um in die 2. Liga einsteigen zu können. Unser Mut hat uns die vergangenen zwei Jahre angetrieben und wir sind sicherlich keinen typischen Weg gegangen. Der Erfolg aber gibt uns Recht. Vor allem ist er ein Argument für bestehende sowie zukünftige Partner, dass ihr Vertrauen – und Geld – gut angelegt ist.

Weitere Informationen zum Verein unter hamburg-handball.de

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TITEL Wirtschaftsfaktor Sport

819 Sportvereine mit 525.053 Mitgliedern

(134.400 Jugendliche unter 18) in 49 Verbänden (2018)

18.220 ehrenamtliche Helfer

53 Erstliga-Mannschaften (2018)

ca. 1,4 Mrd. Euro Wertschöpfung (2017) Steueraufkommen von etwa 140 Mio. Euro für Hamburg

SPORT IN HAMBURG Über 1.600 Sportstätten, darunter 240 Sportplätze, 683 Sporthallen, 23 Hallenbäder, 13 Freibäder, 121 Tennisanlagen, 83 Wassersportanlagen, 29 Reitsportanlagen, 41 Schießsportanlagen, 4 Eissportanlagen und 21 Golfplätze im Hamburger Golf Verband (Fortschreibung von 1994)

289 Fitnessstudios (2016)

höchster Wert in Deutschland

Über 1 Mio. Übernachtungen jährlich werden auf Sportereignisse zurückgeführt.

ca. 2 Mio. verkaufte Eintrittskarten jährlich (Gesamtwert etwa 60 Mio. Euro) davon 850.000 HSV und 500.000 FC St. Pauli

20 Leistungszentren

ZUSCHAUERZAHLEN 2017/2018 HSV gesamt: 861.173, Schnitt: 50.657

HSV Hamburg Handba (Platz 13 im bundes

FC St. Pauli gesamt: 499.692, Schnitt: 29.394 Hamburg Towers (2016/2017): Schnitt: 2.927 18

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Titel Zahlen & Fakten

Deutsches Spring- und Dressurderby: 300 Teilnehmer, 80.000 Zuschauer, eines der wichtigsten Pferdesportevents der Welt Haspa Marathon: 12.491 Starter, 500.000 Zuschauer, gehört zu den TOP 30 weltweit, zweitgrößter Marathon in Deutschland

Hamburg Wasser World Triathlon: 10.408 Teilnehmer, 300.000 Zuschauer, größter Triathlon der Welt

Extreme Sailing Series: 45 Teilnehmer, 40.500 Zuschauer

GROSSE SPORTVERANSTALTUNGEN German Tennis Championships: 1.832 Teilnehmer, IN HAMBURG

65.000 Zuschauer, gehört zu den 20 größten Tennisturnieren der Welt, größtes und traditionsreichstes Tennisturnier in Deutschland

Zahlen für 2017

Supercup smart beach tour: 104 Teilnehmer, 17.500 Zuschauer

Basketball Supercup: 290 Teilnehmer, 8.512 Zuschauer Traditionsreichstes Basketballturnier Europas Ironman: 2.541 Teilnehmer, 175.000 Zuschauer

EuroEyes Cyclassics: 18.399 Teilnehmer, 400.000 Zuschauer, zählt zu den bedeutendsten Radsport-Eintagesrennen der Welt

all gesamt: 36.098, Schnitt: 3.609 sweiten Vergleich)

Crocodiles Hamburg gesamt: 43.152, Schnitt: 1.798

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VERANSTALTUNG Fußball verbindet

Mehr als die schönste

DFB-Präsident Reinhard Grindel

Wirtschaftsrat und Millerntor: Passt das zusammen? Sogar sehr gut, wie eine Veranstaltung im urigen Clubheim des FC St. Pauli bewies. Dort sprach der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes Reinhard Grindel über die ökonomische Bedeutung und die integrative Kraft des Fußballs. Text: Christian Ströder / Hauke Meisner

Der Fußball ist für viele Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt die schönste Nebensache der Welt. Und doch ist er mehr als nur ein Spiel. „Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Er ist das wirkliche Opium des Volkes“, mutmaßte der Philosoph Umberto Ecco. Weniger skeptisch, aber genauso überzeugt vom gesellschaftlichen Einfluss des Fußballs zeigte sich Reinhard Grindel: „In

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einer zunehmend von Digitalisierung und Individualisierung geprägten Welt ist der Fußball heute so etwas wie das Lagerfeuer, um das sich alle Teile der Gesellschaft versammeln“, sagte er und verwies auf die steigenden Mitgliederzahlen in den Fußballvereinen und die hohen TV-Einschaltquoten. Fußball verbinde Frauen und Männer aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, er führe zum Dialog zwischen Gene-

rationen und Kulturen. Das Spiel vermittle Werte wie Teamgeist, Fairplay und Respekt. Der Verantwortung, die sich aus dieser Integrationskraft ergebe, müsse sich der Fußball heute stellen. Als Beispiele hob Grindel die Arbeit der DFB-Stiftungen und die gemeinsame Teilnahme der deutschen und russischen U18-Nationalmannschaften an den Gedenkfeierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad hervor. Mit der Gründung eigener Stiftungen gingen außerdem aktuelle Nationalspieler mit gutem Beispiel voran. Im Weiteren wandte sich der Referent der Bedeutung der Amateurvereine und des Ehrenamtes zu. Das Fundament des DFB seien seine 25.000 Vereine und die Hundertausenden von ehrenamtlich Engagierten. „Ich finde, dass die Vereine die

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VERANSTALTUNG Fußball verbindet

Nebensache der Welt wahren sozialen Netzwerke in unserem Land sind und dass es darauf ankommt, persönliche Kommunikation, direkte Kontakte und Freundschaften in einem Verein zu erleben“, bekräftigte er. Für Kinder und Jugendliche seien Teamgeist, Durchhaltevermögen, Pünktlichkeit oder auch Kritikfähigkeit wichtige Eigenschaften, die ihnen das Vereinsleben vermitteln könne. Der DFB-Chef appellierte daher, den Wert des Ehrenamtes mehr zu würdigen: „Stärken Sie unseren Ehrenamtlichen den Rücken.“ Wir alle müssten schließlich an einem lebendigen Gemeinwesen Interesse haben. Schließlich ging Reinhard Grindel auf die Kommerzialisierung des Fußballs ein. Er könne natürlich nachvollziehen, dass angesichts der astronomischen Gelder, die im Profifußball bewegt würden, der Vor-

sitzende eines kleinen Amateurvereins mit Unverständnis auf seinen renovierungsbedürftigen Fußballplatz schaue. Allerdings, so der DFB-Präsident, sei die Situation von heute – Stichwort soziale Medien – mit der vor 20 oder 30 Jahren nicht mehr zu vergleichen. Spieler wie Ronaldo, Messi oder Neymar hätten auf entspre-

chenden Plattformen über 100 Millionen Follower. „Sie müssen sich vorstellen, was für eine wirtschaftliche Kraft diese Namen haben.“ Mit einigen Posts bei solchen Spielern könnten Sportartikelhersteller genau die richtigen Zielgruppen ansprechen. Denselben Effekt über Anzeigen und Werbespots zu erzielen, sei gar nicht zu bezahlen.

Mit Blick auf die anhaltenden Fanproteste gegen zersplitterte Spieltage und mehr Fußball im Bezahlfernsehen sagte der DFB-Präsident: „Es sind nicht die Verbände DFB und DFL, die in erster Linie die Verantwortung tragen für auseinandergezogene Spieltage oder mehr Fußball im Pay-TV. Es sind die Vereine, die entscheiden müssen, welchen Weg sie gehen.“ Die Fans sollten daher verstärkt den Dialog im Verein führen und dort mit den Präsidenten und Verständen sprechen. Bei der abschließenden Diskussionsrunde hatten die Mitglieder Gelegenheit, sich zu Wort zu melden. Insbesondere die umstrittene 50+1-Regelgung sorgte für Diskussionsstoff. Oke Göttlich, als Präsident des FC St. Pauli Hausherr und Gastgeber des Abends, sprach sich vehement ■ für die Beibehaltung der Regel aus.

Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli, begrüßte die Mitglieder des Wirtschaftsrates

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VERANSTALTUNG Norddeutsche Politik

Jamaika als Erfolgsmodell Wer am Morgen des 20. November 2017 auf sein Smartphone schaute und die Breaking News der vergangenen Nacht las, musste zweimal hinschauen: Jamaika geplatzt, FDP bricht Verhandlungen ab! Trotz großer Vorbehalte wird Deutschland also doch wieder von einer „GroKo“ regiert. Nicht wenige erwarten vier verschenkte Jahre des politischen Stillstands. Text: Christian Ströder / Hauke Meisner

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en Wirtschaftsstandort Deutschland fit für die Zukunft machen: Diese Erwartung verbanden viele Unternehmen mit einer Koalition aus Union, FDP und Grünen. Auch der Wirtschaftsrat sprach sich deutlich für diese Regierungskonstellation aus. Zurecht, wie der Blick nach Schleswig-Holstein zeigt. Seit einem Jahr wird Hamburgs Nachbar erfolgreich von Schwarz-Gelb-Grün regiert. Architekt dieses Bündnisses ist Ministerpräsident Daniel Günther. Beim Wirtschaftsrat gewährte er Einblick in die Koalitionsverhandlungen und die bisherige Regierungsarbeit. „Vernunft, Vertrauen und gegenseitiger Respekt“ zwischen den Parteien: Die-

Auf Bundesebene habe es diese vertraulichen Gesprächsrunden hingegen nie gegeben. Günther vermisste das angesprochene Vertrauen. „Wenn man das nicht miteinander bereden kann und man nach kleineren Runden auf Twitter liest, was man gesagt hat, fragt man sich schon, was für ein Verantwortungsgefühl manche Leute haben“, kritisierte er mit Verweis auf die Sondierungsgespräche. Der Großen Koalition warf er vor, sich zu sehr in Debatten zu verstricken und sich zu wenig damit zu beschäftigen, wie man real existierende Probleme in den Griff bekommen könne. „Ich glaube, dass wir uns in Deutschland schon seit Jahren auf einer sehr, sehr guten wirtschaftlichen

Situation ausruhen“, sagte der Ministerpräsident. Man vertraue darauf, dass das in den nächsten Jahren so weiter gehe. Dies sei ein Trugschluss. Themen wie der Fachkräftemangel oder eine geregelte Zuwanderung müssten auf Bundesebene schnellstmöglich angepackt werden. Seine Regierung in Schleswig-Holstein habe die zentralen Themen direkt in Angriff genommen. So habe die JamaikaKoalition endlich den Fokus auf die Verkehrsinfrastruktur gelegt und die Investitionsquote im ersten Haushalt von unter 7 Prozent auf 9,8 Prozent angehoben. Günther: „Wir investieren zum ersten Mal so viel Geld in Landesstraßen, wie wir brauchen, um wieder einen vernünftigen Zustand zu erreichen.“ Wichtig ist dem Regierungschef auch das Thema Bildung.

se Faktoren waren für Daniel Günther der Schlüssel zum Erfolg bei den Koalitionsverhandlungen. „Wir haben uns zusammengesetzt und in kleinen, vertraulichen Runden ausgelotet, wo unsere Schmerzgrenzen sind“, erläuterte er. Bei der Kompromissfindung hätten dann alle respektiert, dass jede Partei einige „ihrer“ Punkte im Koalitionsvertrag habe durchsetzen müssen, um den Willen der jeweils eigenen Wähler zufriedenzustellen.

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VERANSTALTUNG Norddeutsche Politik

DEM WIRTSCHAFTSRAT 45 JAHRE TREU: EHRUNG VON DR. JÜRGEN WESTPHAL

Schleswig-Holstein sei nun wieder zum Abitur nach neun Jahren zurückgekehrt. Dabei gestand Günther ein, selbst eines Besseren belehrt worden zu sein: „Die alte Lehre, der auch ich gefolgt bin, dass man möglichst schnell zu den Abschlüssen kommt, ist etwas, das uns nicht allzu viel gebracht hat“, gab er unumwunden zu. Stattdessen sei es wichtig, dass junge Leute die Zeit hätten, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren und Mitgliedschaften in Vereinen oder Verbänden wahrzunehmen. Darüber hinaus sei es auch nicht notwendig, dass jeder Schüler die Hochschulreife mache. Im Jahr 2030 würden allein in Schleswig-Holstein 100.000 Fachkräfte fehlen. Lediglich 15 Prozent davon benötigten einen Hochschulabschluss. Abschließend sprach sich Daniel Günther für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den norddeutschen Bundesländern aus. Hier im Norden habe man sich irgendwie damit abgefunden, dass der Süden eben stärker sei. Dafür gebe es aber überhaupt keinen Grund. „Wir arbeiten in Schleswig-Holstein hart dafür, dass wir ein starker Norden werden. Das können wir aber nur gemeinsam mit Hamburg und den anderen Ländern im Norden schaf■ fen“, so der Ministerpräsident.

Mit seiner Jamaika-Koalition ist Daniel Günther erfolgreich dabei, ein Stück politische Geschichte in Schleswig-Holstein zu schreiben. Jemand, der seinen verdienten Platz in den Geschichtsbüchern bereits gefunden hat, ist Dr. Jürgen Westphal. Als Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft (1966 bis 1973) und Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein (1973 bis 1985) prägte er die Politik zweier Bundesländer nachhaltig.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde Jürgen Westphal nun für 45 Jahre Mitgliedschaft im Wirtschaftsrat geehrt. Der Landesvorsitzende Dr. Henneke Lütgerath überreichte die Ehrenurkunde und würdigte Westphals Engagement im Wirtschaftsrat sowie seinen Einsatz für die Soziale Marktwirtschaft: „Vor Ihrer Lebensleistung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft habe ich allerhöchsten Respekt“, so Lütgerath. Wer Westphals Biografie mit dem Titel „In drei Gewalten“ lese, erhalte das Bild eines Mannes, der im besten Sinne des Wortes Bürger sei. Westphal sei seiner Heimat verbunden, historisch und kulturell interessiert und informiert, fachlich juristisch ausgebildet, bereit zum Engagement für Mitmenschen und Gesellschaft, politisch engagiert und durchsetzungsstark.

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VERANSTALTUNG Hafenwirtschaft

Zehn Jahre Schifffahrtskrise haben tiefe Spuren in der Branche hinterlassen. Von den 20 größten Carriern, die es 2014 noch gab, verschwanden bis Ende 2017 – bedingt durch Fusion oder Insolvenz – neun. Das Hamburger Traditionsunternehmen Hapag-Lloyd hat überlebt. In der Firmenzentrale am Ballindamm erläuterte der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Rolf Habben Jansen, warum er vorsichtig optimistisch in die Zukunft schaut. Text: Christian Ströder / Hauke Meisner

Hapag-Lloyd: Zurück auf Erfolgskurs

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apag-Lloyd ist zurück auf Kurs. Die Reederei gehört mittlerweile zu den profitabelsten der Welt. Verbunden ist dieser Erfolg vor allem mit einem Namen – Rolf Habben Jansen. Als der Niederländer im Sommer 2014 das Ruder am Ballindamm übernahm, lautete die Mission: klar Schiff machen. Das hat er getan. Mit einer geschickten Firmen- und Fusionspolitik führte er sein Unternehmen zurück in die Erfolgsspur. Auch die Schifffahrtsbranche insgesamt scheint sich Stück für Stück zu erholen. Positiv stimmt Habben Jansen, dass die Nachfrage nach Transportleistung steige: „Ein Wachstum von 3 bis 4 Prozent im Jahr sehen wir als durchaus realistisch an“, sagte er. Einen weiteren Lichtblick erkennt er darin, dass die Periode der Überkapazitäten langsam zu Ende ginge. 2016 bis

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2018 sei über Neubestellungen insgesamt nur eine Kapazität von etwas mehr als einer Million TEU hinzugekommen. Dies entspräche nur 5 Prozent der weltweiten Flotte, sagte Habben Jansen und lobte dies als eine gesunde Entwicklung. Und schließlich seien auch die Charterdaten deutlich stärker als noch vor zwei Jahren.

Nur rund 1,4 Prozent der weltweiten Flotte sei zurzeit nicht unterwegs. Wie der Hapag-Lloyd-Chef weiter erläuterte, halte der Konsolidierungsprozess in der Branche weiter an, da noch nicht alle Zusammenschlüsse zwischen den Reedereien vollzogen seien. „Erst wenn alle Unternehmen tatsächlich inte-

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VERANSTALTUNG Hafenwirtschaft

griert sind, geht die Anzahl der weltweiten Reedereien runter auf fünf bis sieben. Das wird dann auch einen Effekt haben, den wir ab 2019 bestimmt spüren werden“, versicherte Habben Jansen. Zusammenfassend könne man sagen, dass der Ausblick auf die Jahre 2019, 2020 und 2021 unter diesen Voraussetzungen ziemlich positiv sei. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt sich in den nächsten sechs bis zwölf Monaten erhole, liege deutlich über 50 Prozent. Im Weiteren erläuterte der Vorstandsvorsitzende, wie sich sein Unternehmen durch die Fusionen der letzten Jahre verändert hat. „Vor dem Zusammenschluss mit den Reedereien CSAV im Jahr 2014 und OASC in 2017 hatten wir etwa 150 Schiffe, etwa 7.000 Mitarbeiter, 275 Büros, 120 Dienste und eine Kapazität zwischen

600.000 und 700.000 TEU“, fasste Habben Jansen zusammen. Heute sei Hapag-Lloyd ungefähr zweieinhalb Mal so groß und besitze etwa 220 Schiffe, die im Schnitt deutlich moderner seien. „Wir brauchten auch deswegen die Zusammenschlüsse, um unsere Flotte zu erneuern“, so Habben Jansen. Man habe auf diese Weise 26 alte Schiffe durch Neubauten oder Übernahmen ersetzen können. Dabei sei die durchschnittliche Größe der Schiffe von 4.600 TEU auf 7.200 TEU gestiegen. Die Fusionen mit CSAV und OASC hätten außerdem dabei geholfen, neue Routen zu erschließen oder die Position von Hapag-Lloyd auf angestammten Routen zu stärken. „Das bedeutet, dass wir heutzutage auf den meisten Fahrtgebieten eine Größe haben, mit der wir auch wettbewerbsfähig sind“, sagte Rolf Habben Jansen.

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Auch die Gesellschafterstruktur sei vor der Krise eine ganz andere gewesen. „Heutzutage haben wir die drei Kerngesellschafter HGV, Stadt Hamburg/Kühne und CSAV, die gemeinsam über 50 Prozent der Aktien halten“, erläuterte der Niederländer. Vor zehn Jahren habe die TUI noch eine ganz große Rolle gespielt. Diese sei nun nicht mehr dabei. Stattdessen habe Hapag-Lloyd jetzt eine internationale Gesellschafterstruktur, da seit dem Zusammenschluss mit OASC auch Katar und Saudi-Arabien beteiligt seien. Im Anschluss an den Vortrag und die Diskussionsrunde mit dem Publikum lud Hapag-Lloyd die Mitglieder und Gäste des Wirtschaftsrates zu einem Get-together in der imposanten Empfangshalle ein. ■

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MESSEVORSCHAU Advertorial

COTECA 2018

geht in die fünfte Runde Vom 10. bis 12. Oktober 2018 dreht sich in der Handelsmetropole Hamburg in den Hamburger Messehallen wieder alles rund um die Themen Kaffee, Tee und Kakao.

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und 200 Aussteller aus etwa 40 Nationen präsentieren auf der internationalen Fachmesse ihre Produkte. Internationale Firmen und Erzeuger aus El Salvador, Peru und Indonesien nutzen die Plattform, um sich mit Besuchern über die Branchenthemen auszutauschen. Von Anbau über Handel, Verarbeitung und Veredelung bis hin zu Endprodukten, Technologien und Dienstleistungen – auf der COTECA wird die gesamte Wertschöpfungskette der Kaffee-, Tee- und Kakao-Wirtschaft abgebildet. Die umfassende Marktübersicht wird durch ein attraktives Rahmenprogramm mit professionellen Coffee-Cuppings und Tea-Tastings, Workshops sowie themenspezifischen Vorträgen abgerundet. „Hamburg ist der wichtigste Umschlagplatz für Kaffee, Tee und Kakao in Europa. Die COTECA vereint in diesem Jahr zum fünften Mal alle drei Branchen unter einem Dach und bringt die internationalen Anbieter und Einkäufer effektiv an drei Tagen zusammen“, sagt Claudia Johannsen, Geschäftsbereichsleiterin bei der Hamburg Messe und Congress GmbH. Gelebte Wertschätzung für den Ursprung J.J.Darboven: Der Vorreiter für Heißgetränke mit Fairtrade& Bio-Zertifizierung zeigt auch 2018 Haltung. Ökologisch wertvolle Anbaumethoden, faire Produktionsbedingungen und nachhaltige Lieferketten sind für immer mehr Kunden ausschlaggebende Kriterien ihrer Kaufentscheidung. Für J.J.Darboven gehört gesellschaftliche Verantwortung traditionell zum unternehmerischen Selbstverständnis. Heute ist das Hamburger Familienunternehmen stolz auf sein stetig wachsendes Angebot an Kaffee-, Tee- und Kakaoprodukten, die aus fairem Handel stammen, biologisch angebaut werden oder sogar beide Kriterien erfüllen. Auch 2018 begeistert J.J.Darboven mit seinen Fairtrade- und Bio-zertifizierten Produkten in den Segmenten

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Kaffee, Tee und Kakao. Immer mehr Konsumenten legen ebenso großen Wert auf Verantwortung und Nachhaltigkeit wie auf Genuss und Geschmack. Das belegt eine aktuelle Analyse der Marktneuheiten und Trends 2018 der Innova Market Insights für die Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Das Unternehmen J.J.Darboven legt seit jeher größten Wert auf die Sicherung bester Qualität und ist sich der unternehmerischen Verantwortung seinen Kunden und Produzenten gegenüber bewusst. 1993 brachte das Unternehmen als erster Großröster Fairtrade-zertifizierten Kaffee auf den deutschen Markt. Gerechtere Handelsbeziehungen, sorgfältiger Umgang mit Rohstoffen und Wertschätzung für die Menschen im Ursprung waren damals persönliche Entscheidungsfaktoren mit Herz und sind heute Leitlinien für die Zukunft. Das ist gelebte Zusammenarbeit seit 1993 zwischen J.J.Darboven und Fairtrade. Eine Entscheidung mit Herz und Verstand: Doppeltzertifiziert genießen Auch 2018 übernimmt J.J.Darboven eine Vorreiterrolle und denkt Nachhaltigkeit als zuverlässiger Partner für Gastronomen weiter. Café Intención, die Fairtrade-Marke von J.J.Darboven, überzeugt mit qualitativ hochwertigen Produkten und einem exzellenten Geschmack. Der perfekte Kaffee für den Gast, der das Leben bewusst und in vollen Zügen genießt. Mit Café Intención especial mit FairtradeZertifizierung und Café Intención especial bio mit Fairtradeund Bio-Zertifizierung bietet der Heißgetränkeexperte den perfekten, verantwortungsbewussten Kaffeegenuss für eine wachsende Zielgruppe und setzt weiter Impulse im Markt. Mit der Kampagne „Café Intención Für Fairdenker“ fordert das Unternehmen auf, einen Schritt weiter zu gehen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die aktuelle Anzeigenkampagne stellt Fragen wie „Teilt man nicht am liebsten Dinge, von denen man überzeugt ist?“, um Gastronomen sowie Gäste ohne erhobenen Zeigefinger zu inspirieren, zu einem Fairdenker zu werden, Dinge zu hinterfragen und Herausforderungen mit Mut anzugehen. Ergänzend zur Café Intención Kampagne sind die gezielten Einführungen von zertifizierten Neuprodukten im Bereich Tee und Kakao sichtbare Zeichen einer Leidenschaft, die man sieht, spürt und schmeckt. J.J.Darboven fühlt sich auch in diesen Segmenten hohen ökologischen ■ und sozialen Standards verpflichtet.

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VERANSTALTUNG Dieselgate

Podiumsdiskussion

Dieselgate: Hardware-Nach Die Automobilindustrie gilt als Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. Mit dem Dieselskandal hat der Mythos „Made in Germany“ allerdings Risse bekommen. Diesel werden zu Ladenhütern, Kunden fürchten um den Restwert ihrer Fahrzeuge und die ersten Fahrverbote führen zu Kontroversen in Hamburg. Vor diesem Hintergrund lud der Wirtschaftsrat in den Räumlichkeiten von MÖHRLE HAPP LUTHER zu einer Podiumsdiskussion ein. Text: Christian Ströder / Hauke Meisner

Unter der Leitung von Florian Eilken, Mitglied im Landesvorstand des Wirtschaftsrates Hamburg, diskutierten Jens Ahnefeld, Geschäftsführer der Autohaus Gebr. Ahnefeld GmbH & Co. KG Schwerin, Ewald Aukes MdHB (FDP) als Mitglied des Verkehrsausschusses der Hamburgischen Bürgerschaft sowie Carsten Willms, Leiter der Abteilung Technik und Verkehr sowie Verkehrspolitischer Sprecher des ADAC Hansa e.V., über Fahrverbote und Alternativen zum Diesel.

Dr. Ruth-Caroline Zimmermann

Carsten Willms vom ADAC sprach sich klar gegen Fahrverbote und für die Hardware-Nachrüstung von Dieselfahrzeugen aus. „Wir haben Fahrzeuge aus dem Markt genommen und mit einer Sonderregelung Filtersysteme eingebaut. Wir konnten diese Prototypen innerhalb von drei Monaten ratifizieren und eine durchschnittliche Filterrate von 50 Prozent, in der Spitze von 70 Prozent erreichen“, erläuterte er. Man habe der Industrie so bewiesen, dass die Nachrüstung funktioniere. Ohnehin sei das Problem der „schmutzigen“ Diesel mit den neuen Euro 6d-Temp-Modellen gelöst. In allen Betriebsformen würden die Grenzwerte locker unterschritten. „Wenn Sie am Hafen entlangfahren, dann ist die

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gefilterte, wieder ausgestoßene Luft sauberer als die, die der Wagen vorne eingesogen hat“, erklärte Willms. Elektroautos seien aus ökologischer Sicht auch keine wirkliche Alternative. Der ADAC-Experte dazu: „Sie können 150.000 Kilometer mit einem Diesel fahren, bevor Sie überhaupt in die Nähe der Produktionsenergie für die Batterie usw. kommen. Und vom Recycling wollen wir gar nicht reden.“

Der Bürgerschaftsabgeordnete Ewald Aukes vertrat ebenfalls die Ansicht, dass an der technischen Nachrüstung kein Weg vorbeiführe. „Die deutsche Autoindustrie

kann das nicht nur mit Updates machen. Sie muss ihre Versprechungen gegenüber den Kunden tatsächlich einlösen“, so der Politiker. Seine Partei sei gegen die Einführung von Fahrverboten. Äußerst kritisch sieht Aukes daher die Durchfahrverbote für Dieselfahrzeuge, die nach Pfingsten in zwei Hamburger Straßen gelten werden. In Richtung des Umweltsena-

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VERANSTALTUNG Dieselgate

rüstungen unvermeidlich?

tors Jens Kerstan sagte er: „Was dieser in der Max-Brauer-Allee und in der Stresemannstraße gemacht hat, ist an Absurdität nicht mehr zu überbieten!“ Es würden 585 Meter Straße gesperrt und dafür ein Umweg von 1,8 Kilometern Länge geschaffen. Im Ergebnis würden die „dreckigen Autos“ nun nur noch mehr Wegstrecke zurücklegen.

Als Geschäftsführer eines inhabergeführten Autohauses legte Jens Ahnefeld sein Augenmerk auf die Situation der Händler und die aus seiner Sicht zu unsachlich geführte Debatte in Öffentlichkeit und Medien. Dort werde „immerzu

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und ständig“ alles durcheinandergeworfen. Die notwendige Unterscheidung zwischen Stickoxiden, Feinstaub und Kohlendioxid falle komplett unter den Tisch. Und so werde übersehen, dass die Kohlendioxid-Emissionen sich nur mit der Dieseltechnologie wirkungsvoll reduzieren ließen. Diese Tatsache werde in der öffentlichen Diskussion ebenso wenig berücksichtigt wie die schon erwähnte schlechte Energiebilanz von Elektroautos. Die massiven Wertverluste von Dieselfahrzeugen, mit denen die Händler genauso zu kämpfen hätten wie die Kunden, hätten ihre Ursache u.a. auch in dieser ■ fehlgeleiteten Debatte.

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POLITISCHES FRÜHSTÜCK Recht & Staat

Recht ist keine Selbstverständlichkeit Das Erstarken populistischer Bewegungen, der Boom sozialer Medien oder die mögliche Privatisierung von Justiz und Streitschlichtung durch Legal Technology stellen uns vor die große Herausforderung, unser Rechtssystem – das wesentlich zu gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Stabilität beiträgt – zu bewahren und weiterzuentwickeln. Text: Christian Ströder / Hauke Meisner

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iesem Spannungsverhältnis widmete sich Friedrich-Joachim Mehmel, Präsident des Hamburgischen Verfassungsgerichts und Hamburgischen Oberverwaltungsgerichts, bei einem POLITISCHEN FRÜHSTÜCK (Foto oben). Er machte deutlich, dass wir unser „Recht“ zu häufig als selbstverständlich erachteten. „Wir müssen aufpassen, dass uns das Gut Recht nicht aus den Händen geschlagen wird“, warnte Mehmel und verwies auf Fake News und Populismus in den sozialen Medien. Als Negativbeispiele führte er neben Polen, Ungarn und der Türkei auch die USA an, wo Trump auf dem besten Weg sei, das gesamte System der „Checks and Balances“ lächerlich zu machen. Für den Rechtsexperten ist das Gewaltmonopol des Staates ein sehr wichtiges Thema. Bei der Frage nach der Durchsetzbarkeit staatlicher Entscheidungen gehe es darum, Vertrauen in den Staat zu generieren oder sogar wiederherzustellen. Mehmel kam in diesem Zusammenhang auf die Abschiebeproblematik und die Ereignisse des G20-Gipfels zu sprechen, bei dem die Legitimität des staatlichen Handelns untergraben worden sei. Auch einige bekannte Medien sieht Mehmel dabei in der Verantwortung, da sie ihre G20-Berichterstattung auf Einzelfälle konzentriert und dabei „Ursache und Wirkung auf den Kopf gestellt haben“.

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Eine echte Herausforderung für die Rechtspolitik sieht der Jurist außerdem in der digitalen Transformation. Der Einsatz von IT-Technologie, Algorithmen und Künstlicher Intelligenz habe einen „unglaublichen gesellschaftlichen Umbruch“ zur Folge, dem wir zum Teil ratlos gegenüberstünden. Die Stabilität des Rechtsstaates würde unterminiert, „wenn wir da nicht rechtzeitig genug Rechtssicherheit schaffen“, so Mehmel. Noch fehle es der Rechtspolitik aber an Bereitschaft, sich intensiv mit dieser Problematik auseinanderzusetzen. In diesem Kontext ging der Experte noch kurz auf Legal Tech, das algorithmusbasierte Arbeiten im Anwalts- und Unternehmensjuristenbereich ein. „Die anwaltliche Tätigkeit in Großkanzleien fängt an, sich massiv zu verändern, weil man inzwischen auch mit Künstlicher Intelligenz die Analyse von Schriftsätzen, von Entscheidungen und die Zuordnung von Spruchkörpern vornehmen kann“, ■ erläuterte Mehmel.

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GOLFSPORT Advertorial

Auszeit in Strelasund Golfsport – Wellness – Fitness im Grünen Herzen Vorpommerns

D

ie gute Erreichbarkeit, das gesunde Klima, die Ruhe fernab der touristischen Hochburgen und die wichtigen Vorsätze für eine gute Gesundheit, sollten als Gründe ausreichen, sich auf den Weg in die Region mit seinen maritimen Regionen zu machen. Nahe den Hansestädten Stralsund (UNESCO-Weltkultureber) und Greifswald und unweit der Ostinseln Rügen und Usedom, hat sich in nur etwas mehr als zehn Jahren der Golfpark Strelasund zu einer der ersten Adressen für Golfer entwickelt. Auf einem alten preußischen Landgut entstand Stück um Stück eines der Top-Resorts Norddeutschlands. Alle Gäste schätzen an diesem großzügig angelegten Resort, das seinen Namen vom nahegelegenen Strelasund ableitet, dem Ostseearm, der die Insel Rügen vom Festland trennt, die herrliche Ruhe im Dorf Kaschow. Mittlerweile verfügt dieses Resort über zwei 18-Loch-Meisterschaftsplätze, ein Wellnesshotel und einen Landgasthof. Herzstück der Anlage sind natürlich die beiden Golfplätze, zwei unterschiedliche, aber gleichermaßen reizvolle wie für alle Spielstärken herausfordernde 36 Bahnen – zwei Mal 18 Löcher. Die 18 Bahnen des Strelasund Inselcourse (Par 71) sind nach den Namen der Inseln und Halbinseln des Strelasundes (Hiddensee, Zudar, Greifswalder Oie etc.) benannt. So genießt man beim Spielen des Platzes eine kleine Kreuzfahrt durch den Strelasund. Golfer haben auf den Partnerplätzen in der Region (Ostsee Resort Wittenbeck, Golfclub Schloss Teschow sowie Golflcub Schloss 0Ranzow auf Rügen), gute Gelegenheit weitere Golfrunden zu spielen. Sowohl der Golfplatz als auch das Hotel kamen im Markt gut an, dass im Mai 2009 das neue Wellness-Hotel eröffnet wurde. Es verfügt über 47 Einzel- und Doppelzimmer

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sowie einen großzügigen Spa-Bereich mit verschiedenen Saunen, Schwimmbad, Behandlungsräumen für Massagen und Kosmetikanwendungen. Ein Par 5 vom Golfplatz entfernt können Gäste zwischen acht komfortabel eingerichteten Ferienwohnungen und acht modernen Apartments wählen. Der Golfpark Strelasund bietet sich auch für einen längeren Aufenthalt an. Dann sollte man die wunderschöne Region, die Hansestädte Stralsund und Greifswald sowie die Inseln Rügen und Usedom oder den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft erkunden. Greifswald zählt zu den bedeutendsten Städten entlang der Europäischen Tour der Backsteingotik. Besonders sehenswert sind die gotischen Giebelhäuser am Marktplatz. Es ist auch die Geburtsstadt von Casper David Friedrich. Im Pommerschen Landesmuseum hängen Originalwerke des berühmten Malers. Auch Stralsund ist mit seiner einmaligen Lage am Wasser sowie vielen imposanten Bauten, Museen und Sehenswürdigkeiten (Hafen, Ozeaneum, Deutsches Meeresmuseum, Gorch Fock I, etc.) immer einen Besuch wert. Weitere Informationen sowie aktuelle Angebote unter www.golfpark-strelasund.de

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JUNGER WIRTSCHAFTSRAT Mitgliederversammlung

Glückwunsch! Michael Semder ist neuer Landesvorsitzender des Jungen Wirtschaftsrates in Hamburg. Einstimmig wählte die Mitgliederversammlung den 35-jährigen Rechtsanwalt am 17. Mai 2018 ins Amt. Sein Stellvertreter ist der Jungunternehmer Julian Kleindienst. Text: Christian Ströder

Leitete souverän die Mitgliederversammlung: Florian Eilken (2.v.l.)

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Der Junge Wirtschaftsrat in Hamburg gehört traditionell zu den stärksten und aktivsten Landesverbänden. Den Hamburger Mitgliedern werden beste Möglichkeiten zum Networking und exklusive Kontakte zu hochkarätigen Gesprächspartnern geboten. Mit dem JWRegulars' table, der JWR Business Lounge und den Kamingespräche existieren mittlerweile drei beliebte Veranstaltungsformate. Das spricht sich herum. Die Mitgliederentwicklung zeigt deutlich nach oben und steuert geradewegs auf die 100 zu.

Der „alte“ Landesvorsitzende Raphael Neuburg bleibt dem neuen Vorstand als Mitglied erhalten

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JUNGER WIRTSCHAFTSRAT Mitgliederversammlung

Neuer Landesvorstand gewählt DER NEUE LANDESVORSTAND AUF EINEN BLICK:

Diesen Erfolgskurs will das neue Vorstandsteam konsequent fortsetzen. Michael Semder ist überzeugt davon, die richtige Mannschaft zusammenzuhaben: „Der große Vorteil unseres Teams ist die Heterogenität. Wir alle kommen aus verschiedenen Branchen. Wir haben Gründer, Familienunternehmer und Angestellte von Weltkonzernen dabei. Manche sind schon seit Jahren im Wirtschaftsrat aktiv, andere ganz neu an Bord. Dieser Erfahrungsmix wird unserer Arbeit zugutekommen.“ Der neue Vorstand, darin sich alle einig, soll transparent sein und die Ideen seiner Mitglieder aufnehmen. Als Stimme der jungen Unternehmer in Hamburg will er sich im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft dafür einsetzen, die unternehmerische Eigenverantwortung zu stärken und notwendige Freiräume für unternehmerisches Handeln zu schaffen. Inhaltlich stehen u.a. die Digitalisierung, Stichwort digitale Verwaltung und intelligente Verkehrssteuerung, sowie Start-ups auf der Agenda. Im Rahmen der ersten Landesvorstandssitzung wurde außerdem Antonia Niecke, Landesvorsitzende der Jungen Union Hamburg, als weiteres Mitglied ■ kooptiert.

Einstimmiges Votum für den neuen Landesvorstand

■ Friederike Hagenbeck, Geschäftsführerin | Tierpark Hagenbeck gGmbH ■ Dr. Sven Hildebrandt, Abteilungsleiter Marketing, Corporate Communications & Sales Support | HANSAINVEST Hanseatische Investment-GmbH ■ Julian Kleindienst, CEO der KW Brands UG (Ahoi Matrose) sowie Partnerund Business Development Manager der uptain GmbH ■ Raphael Neuburg, Senior Consultant | Roland Berger Strategy Consultants GmbH ■ Antonia Niecke, Landesvorsitzende | Junge Union Hamburg ■ Leon Nussbaumer, Dualer Student im Bereich Corporate Development Aurubis AG ■ Michael Semder, Rechtsanwalt | Dr. Schreier & Partner Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft ■ Sine Sprätz, Executive Assistant | Airbus Operations GmbH ■ Cihan Sügür, Head of IT Strategy & Transformation EMEA | Olympus Europa SE & Co. KG

Der neue Landesvorstand des JWR Hamburg (v.l.): Michael Semder, Julian Kleindienst, Antonia Niecke, Raphael Neuburg, Sine Sprätz und Cihan Sügür (es fehlen Friederike Hagenbeck, Dr. Sven Hildebrandt und Leon Nussbaumer)

Cihan Sügür während der Vorstellungsrunde

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Michael Semder (Mitte) führt den JWR in Hamburg nun für zwei Jahre

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JUNGER WIRTSCHAFTSRAT Vor Ort in Hamburg

Kamingespräch mit Klaus-Michael Kühne Exklusives Treffen im neuen Hotel „The Fontenay“ an der Alster

Rund 100 Millionen Euro soll es laut Medienberichten gekostet haben: „The Fontenay“, Hamburgs neues High ClassHotel an der Außenalster. Investiert hat das Geld der Logistik-Unternehmer und HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne. Ihn traf der Junge Wirtschaftsrat ganz exklusiv zu einem Kamingespräch. Text: Christian Ströder

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Gelegenheit zum Dialog gab es an der Hotelbar

E s war alles andere als selbstverständlich, dass sich Klaus-Michael Kühne am Eröffnungstag seines Hotels – am Vormittag hatte dort noch großer Medienrummel geherrscht – so viel Zeit für den Jungen Wirtschaftsrat nahm. Rund zwei Stunden saß er mit den Mitgliedern in der Bibliothek des Hotels zusammen und gewährte Einblick in seinen persönlichen Lebensweg und die Erfolgsgeschichte von Kühne + Nagel. Einer seiner Tipps an die

jungen Unternehmer: „Lieber mal einen Fehler riskieren, als gar nicht zu handeln.“ Moderiert vom damaligen Landesvorsitzenden des Jungen Wirtschaftsrates, Raphael Neuburg, entwickelte sich im Weiteren eine lockere Diskussion, die von der Bundestagswahl bis zum Hamburger Sport-Verein reichte. Der gelungene Abend klang schließlich an der Hotelbar aus, die von oben einen beeindruckenden Blick in ■ das Atrium des Gebäudes bietet.

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JUNGER WIRTSCHAFTSRAT Vor Ort in Hamburg

Zum Abschluss noch ein Foto auf der Terrasse: Tim Hoffmeister und Ulf-Axel Herold

FRAGEN AN EIN MITGLIED 1. Warum bist Du Mitglied im Jungen Wirtschaftsrat? Der Junge Wirtschaftsrat gibt mir die Möglichkeit, wichtige Themen in der Gesellschaft voranzubringen und viele interessante Menschen kennenzulernen, die sich nicht mit dem Satus quo zufrieden geben, sondern aktiv unsere Zukunft gestalten. 2. Welche inhaltlichen Themen möchtest Du weiter voranbringen? Ich habe mehrere digitale Unternehmen aufgebaut und sehe, dass in vielen Bereichen unserer Gesellschaft das Potential der Digitalisierung nicht richtig erkannt wird. Auch in der Stadt Hamburg besteht erheblicher Nachholbedarf. Wir befinden uns im Vergleich zu anderen Städten stark im Rückstand und global lediglich im Mittelfeld, wie der jüngste Report von McKinsey zu Smart Cities wieder bestätigt hat. Wir müssen dringend auch in Hamburg verstehen, dass wir durch die Digitalisierung unsere Stadt wirtschaftlicher,

Konstantin Loebner Unternehmer

Netzwerk für den Dialog von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 1922.

nachhaltiger und lebenswerter machen können. Deshalb möchte ich mich im Wirtschaftsrat für die Digitalisierung der Stadt Hamburg einsetzten.

Mit Veranstaltungen zu aktuellen und relevanten Themen verbinden wir Personen und Interessen.

3. Wie bewertest Du die Gemeinschaft der Mitglieder untereinander? Ich schätze besonders den offenen Umgang der Mitglieder untereinander und die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen. Die Mitgliedergemeinschaft bietet beste Voraussetzungen erfolgreich unsere Zukunft zu gestalten.

Engagieren Sie sich mit uns für Wissenschaft in Hamburg – Werden Sie Mitglied!

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Telefon 040 44 73 27 www.uni-gesellschaft-hh.de

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LANDESFACHKOMMISSION Junges Hamburg

Positionspapier Distributed Ledger als Chance: Blockchain & Co jetzt für Hamburg nutzen! Nach Monaten intensiver Arbeit hat die Landesfachkommission Junges Hamburg ihr neues Positionspapier fertiggestellt. Das Ergebnis sind zwei praxistaugliche Szenarien für den Einsatz der Blockchain-Technologie in Hamburg.

Dr. Christian Conreder Vorsitzender der Landesfachkommission

sion Junges Hamburg ihr neues Positionspapier fertiggestellt. Das Ergebnis sind zwei praxistaugliche Szenarien für den Einsatz von Distributed-Ledgern-Technologien wie der Blockchain in Hamburg. Im April haben die Kollegen der Landesfachkommission (LFK) Internet & Digitale Wirtschaft eine fundierte Bestandsaufnahme der Digitalwirtschaft in Hamburg vorgelegt und festgestellt, dass die Stadt im digitalen Standortwettbewerb zusehends an Boden verliert. Diese Gefahr sieht auch die LFK Junges Hamburg und lenkt deshalb den Fokus auf Technologien, deren Anschluss Hamburg auf keinen Fall verpassen darf: DistributedLedger. An den richtigen Stellen eingesetzt, können sie zum Zugpferd für die digitale Transformation unserer Stadt werden. In dem neuen Positionspapier „Distributed Ledger als Chance: Blockchain & Co jetzt für Hamburg nutzen!“ zeigt die Kommission auf, dass die Anwendungsgebiete von Technologien wie der Blockchain weit über Kryptowährungen (z.B. Bitcoin) hinausgehen. Mit ihrer Hilfe lassen sich bislang nur schwer überwindbare Hürden im Hinblick auf Datensicherheit, Privatsphäre und Vertraulichkeit meistern. Derartige Lösungen versprechen erhebliche Zeit- und Kosteneinsparungen und eröffnen aufgrund ihrer Funktionslogik viele Einsatzmöglichkeiten in fast allen Branchen. Sinn machen sie vor allem dort, wo es um die Weitergabe und Verarbeitung hochsensibler Daten geht. Dass der Senat nach eigener Aussage noch kein „produktreifes Einsatzfeld“ für Distributed-Ledger-Technologien sieht, ist absolut nicht nachvollziehbar. Mit Blick auf den ITS Weltkongress 2021 – Stichwort intelligente Verkehrssteuerung – und im Zuge der vom Senat selbst forcierten Digitalisierung der Verwaltung („Digital First“) bieten sich gleich zwei konkrete Ein-

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Entwurf, Änderungen vorbehalten

Nach Monaten intensiver Arbeit hat die Landesfachkommis-

satzfelder an. Beide greift die Kommission in ihrem Positionspapier auf und skizziert Szenarien für die Implementierung einer Blockchain-Lösung. Mit seinem ehrgeizigen Ziel, „Blockchain-Stadt“ zu werden, sendet im Übrigen Dubai als Wirtschaftsstandort international ein wichtiges Signal und bereitet den Weg für neue Märkte vor. Das Emirat schafft Rahmenbedingungen für sein wirtschaftliches Wachstum in der digitalen Zukunft. Genau diese Botschaft – „Wir setzen voll auf die Digitalisierung“ – muss auch von Hamburg ausgehen. Die Landesfachkommission Junges Hamburg fordert daher, dass die Hansestadt eine Vorreiterrolle in Sachen Distributed-Ledger-Technologien einnimmt. Zwei konkrete Einsatzfelder liegen nun auf dem Tisch! ■

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LANDESFACHKOMMISSION Wachstum & Innovation

Innovationsstandort Hamburg: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit Warum wird Hamburg nicht genannt, wenn Universitäten als besonders gut in Forschung und Lehre oder als herausragend innovativ und „gründungsaktiv“ in Rankings gelistet werden?

Das EXIST-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft

und Energie fördert seit 1998 innovative Start-ups aus Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland, um junge Technologiefirmen aufzubauen. Darüber hinaus unterstützt EXIST Hochschulen beim Aufbau einer ganzheitlichen Gründungskultur. Natürlich gibt es auch in Hamburg innovative Start-ups, die über EXIST gefördert werden oder wurden. Im Vergleich mit München und Berlin, aber auch mit Aachen, Karlsruhe, Dresden und Dortmund schneidet Hamburg – man muss es so klar sagen – schlecht ab. Weder werden die Universitäten und Hochschulen in den Rankings als besonders innovativ gelistet, noch verfügt Hamburg über eine seiner Größe und Bedeutung angemessene Zahl an geförderten Start-ups. Im „Gründungsradar 2016“ des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft findet sich unter den 34 besten „großen“ Universitäten keine aus Hamburg. Das Ranking der „mittleren“ Universitäten führt einmal mehr die Leuphana-Universität Lüneburg an, während die Technische Universität Hamburg-Harburg einen beachtlichen 9. Rang belegt. Dennoch gründete allein die Leuphana in 2016 55 Unternehmen, während es nach einer Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Carsten Ovens aus den Hochschulen Hamburgs heraus lediglich 16 registrierte Gründungen gab. „Gründungsaktivitäten werden (z.B.) an der Uni Hamburg nicht systematisch erfasst. Offenbar wird vom rot-grünen Senat auch kein großer Wert darauf gelegt, [...] Offenbar hat der rot-grüne Senat jedoch kein Interesse, die Leistungsfähigkeit der Hochschulen auf den Prüfstand zu stellen“, kommentiert der Politiker.* Warum ist das so? Offensichtlich haben Forschung und Lehre in Hamburg noch immer nicht das Niveau erreicht, das es an anderen Standorten in Deutschland gibt. Geht es Hamburg deswegen schlechter als Berlin, München oder Dortmund? Aktuell geht es Hamburg gut, viele würden wahrscheinlich sagen sehr gut. Aber wird das so bleiben? Können wir uns weiterhin darauf verlassen, dass Hafen und Handel unseren Wohlstand sichern und uns an der Spitze der attraktivsten Städte in Deutschland bleiben lassen? Sicherlich nicht. Die Welt ist im Wandel, und der Wandel wird auch an Hamburg nicht spurlos vorbeigehen. Nur wer sich ganz vorne unter den Besten befindet, wird die Zukunft aktiv

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Niklas Wilke stellvertretender Vorsitzender der Landesfachkommission

gestalten können. Alle anderen müssen sehen, was für sie übrig bleibt. Hamburg muss dringend seinen Weg in Richtung innovative Stadt einschlagen. Dieser Weg ist lang und steinig, aber er muss beschritten werden, um als bedeutende Metropole nicht irgendwann von deutlich kleineren, aber wesentlich innovativeren Städten abgehängt zu werden. Der Wirtschaftsrat Hamburg fordert daher einen Wandel in der Hamburger Hochschulpolitik. ■ Wir können nicht länger kleckern, wir müssen klotzen! *www.carsten-ovens.de/unternehmensgruendungen-an-hochschulen-lueneburg-schlaegt-hamburg/ [Letzter Zugriff: 29. Mai 2018]

Hamburgs „Ranking-Schwäche“ war auch Thema bei der letzten Kommissionssitzung im April

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LANDESFACHKOMMISSION Steuern, Haushalt & Finanzen

Landesfachkommission Steuern, Haushalt & Finanzen nimmt Arbeit auf Mit der neu gegründeten LFK Steuern, Haushalt & Finanzen baut der Wirtschaftsrat Hamburg seine fachliche Kompetenz und Schlagkraft weiter aus. Insgesamt verfügt der Landesverband nun über zehn Landesfachkommissionen.

Die konstituierende Sitzung fand am 29. Mai 2018 statt

A

m 8. Mai vom Landesvorstand eingesetzt, am 29. Mai konstituiert: Die Landesfachkommission Steuern, Haushalt & Finanzen hat zügig ihre Arbeit aufgenommen und den Fahrplan für die nächsten Monate festgelegt. Neben dem Hamburger Doppelhaushalt 2018/2019 steht die Neuordnung der Grundsteuer ganz oben auf der Agenda. Die neue Kommission versteht sich in erster Linie als Think Tank, der finanzielle Handlungsspielräume in Hamburg, aber

Prof. Dr. Götz T. Wiese Vorsitzender der Landesfachkommission

auch auf Bundesebene identifiziert und an die Politik adressiert. Dabei werden wir nicht nur fordern, sondern konkrete und vor allem konstruktive Vorschläge für steuer-, haushalts- und finanzpolitische Maßnahmen erarbeiten. Statt die Staatsquote weiter zu erhöhen, müssen in Zeiten von Rekordsteuereinnahmen die vorhandenen Möglichkeiten für Schuldentilgungen, Steuersenkungen und Investitionen in die Zukunft ausgeschöpft werden. Ausgehend von dieser Leitidee befassen wir uns mit ■ grundsätzlichen Fragestellungen wie dem Diskurs um leistungsfähige und nachhaltige Rahmenbedingungen der Staatsund Kommunalfinanzierung, ■ konkreten Anforderungen an die Steuerpolitik und die Ausgestaltung eines im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähigen Unternehmenssteuerrechts und ■ aktuellen Debatten, wie z.B. zum schon erwähnten Hamburger Haushalt, zur Reform der Kommunalfinanzierung, zur Vergabe öffentlicher Gelder im Bereich Infrastruktur und Digitalisierung oder zum Bürokratieabbau. Unser Themenspektrum Steuern, Haushalt und Finanzen berührt naturgemäß die Arbeit anderer Kommissionen im Wirtschaftsrat. Wo immer es möglich und sinnvoll ist, werden wir den Austausch suchen und Synergien nutzen. Schon in der ersten Sitzung wurde in diesem Sinne der Bereich „Digitalisierung“ als wichtiges Thema angesprochen. – Da zu unseren Mitgliedern mit Frank W. Grube (KPMG AG) auch der Vorsitzende der Bundesfachkommission „Steuern, Haushalt und Finanzen“ gehört, ist ■ zudem der direkte Draht nach Berlin gegeben.

MESSE-VORSCHAU 2018 Hamburg Messe und Congress

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11.08. – 13.08.2018

Messegelände A-Gelände (Hallen A1, A3 +A4) Hallen B1 (EG + OG), B2-B4 (EG) Halle B5 Halle B7 Eingang Mitte, Ost, West

nordstil – regionale Ordertage Hamburg Messe Frankfurt Exhibition GmbH

04.09. – 07.09.2018

Messegelände Hallen B1 - B7, Halle B8, Hallen A1-A4, Halle A5 Foyer Süd, Foyer Ost Eingänge Mitte, Ost, Süd und West

SMM – the leading international maritime trade fair Hamburg Messe und Congress GmbH

25.09. – 28.09.2018

Messegelände: B-Gelände (Hallen B1-B7) Halle A1, Halle A4, Konferenz: Halle B3.OG + B4.OG Eingänge Mitte, Ost, Süd

Global Wind Summit 2018 WindEnergy Hamburg The global on- & offshore expo Wind Europe Conference The global on & offshore conference Hamburg Messe und Congress GmbH

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AKTUELLES Aus dem Landesverband

VERANSTALTUNGSVORSCHAU

APRIL MAI JUNI JULI AUGUST SEPTEMBER OKTOBER NOVEMBER

2. August | 6. September | 4. Oktober 2018* JWRegulars' table des Jungen Wirtschaftsrates

15. August 2018* JWR Business Lounge @Olympus mit Dr. Karsten Klose, CIO OLYMPUS EUROPA SE & CO. KG

17. August 2018* JWR Sommerfest

4. September 2018 29. Hanseatisches Golfturnier um den Ernst-WerdermannWanderpokal auf der Golfanlage Gut Wulfsm端hle 16. Oktober 2018 WIRTSCHAFTSRAT vor ORT hinter den Kulissen des Norddeutschen Rundfunks November 2018 WIRTSCHAFTSRAT vor ORT mit F端hrung 端ber die Affordable Art Fair

BITTE VORMERKEN

November 2018 Wirtschaftstag der Innovationen in Berlin

24. November 2018* Junger Wirtschaftstag in Berlin *Exklusiv f端r Mitglieder des Jungen Wirtschaftsrates WIR IM NORDEN | 2/2018 | Landesverband Hamburg

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AKTUELLES Aus dem Mitgliederkreis

WIR BEGRÜSSEN ALS NEUE MITGLIEDER IN DEN LANDESVERBÄNDEN: LANDESVERBAND HAMBURG

Marcel Kunze KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Manager / Prokurist

LANDESVERBAND SCHLESWIG-HOLSTEIN

Stefan Mahrdt Senior-Firmenkundenbetreuer Deutsche Bank AG

Regina Foerst Inhaberin People Foerst, Bordesholm

Aon Holding Deutschland GmbH

Saskia Rennebach Projektleitung / Business Analyst SIGNAL IDUNA Gruppe

Patrick Graber (JWR) Head of Business Development Procivis AG, Zürich (CH)

Prof. Dr. Michael Becken Geschäftsführer Becken Holding GmbH

Dietrich Schleicher Head of Controlling and Tax Bernhard Schulte GmbH & Co. KG Reederei

Matthias Hartung Geschäftsführer REMONDIS Kiel GmbH, Melsdorf

Kai-Frank Büchter Geschäftsführer Aon Holding Deutschland GmbH

Smith & Nephew GmbH

Marc Helms Geschäftsführer Crown Technologies GmbH, Rellingen

Philipp Ahlers Valora Consulting GmbH Georg Albrecht Direktor und Leiter der Niederlassung Hamburg Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG

Energy Nest AS

Julia Sondermann Leiterin Region Nord (Vertreterin Hamburg) Teach First Deutschland gemeinnützige GmbH

James C. Fischer Geschäftsführer Smith & Nephew GmbH

Sine Sprätz Executive Assistant Airbus Operations GmbH

Fabian Flüchter

Eike Steinberg Private Clients Advisory Europe BERENBERG BANK Joh. Berenberg Gossler & Co. KG

Dierk Hanfland Managing Partner CERTIS GMBH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Christian Kaack Country Manager Germany GlobalConnect GmbH Otto Klatte Leiter Region Nord-Ost Segment Industrie GETEC heat & power GmbH Sarah Kohl Investment Advisory / Unternehmerische Beteiligungen BERENBERG BANK Joh. Berenberg Gossler & Co. KG Rüdiger Kruse Deutscher Bundestag CDU/CSU-Fraktion

Dr. Christian Thiel Chief Executive Officer Energy Nest AS Christoph de Vries Deutscher Bundestag CDU/CSU-Fraktion Tristan Wellendorff Auszubildender Philips Medical Systems DMC GmbH Richard Winter Regional Manager Jones Lang LaSalle SE Dr. Andreas Zolnowski Projektleiter Stab Prof. Dr. Warg SIGNAL IDUNA Gruppe

Jörg Herwig Geschäftsführer German Naval Yards Kiel GmbH, Kiel Dr. Bernd Hillebrandt Landesgeschäftsführer Barmer GEK, Landesvertretung Schleswig-Holstein, Lübeck Lukas Kilian MdL (JWR) Rechtsanwalt Wirtschaftspolitischer Sprecher CDU-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein, Glinde/Kiel Ralf Reichert Geschäftsführender Gesellschafter Filiago GmbH & Co. KG, Bad Segeberg Nils Reimers Manager Global R & D, Global Funding & Reimbursement der Stryker Trauma GmbH, Kiel REMONDIS Kiel GmbH Kiel Henrik Welp (JWR) Kiel

Mitmachen! ■ ■ ■

Ich möchte zu Veranstaltungen des Wirtschaftsrates eingeladen werden. Ich habe Interesse an einer Mitgliedschaft im Wirtschaftsrat. Für eine Mitgliedschaft im Wirtschaftsrat empfehle ich: Name Funktion Firmenanschrift Telefon

E-Mail

Ich habe Interesse, eine Anzeige oder einen PR-Artikel in WIR IM NORDEN zu veröffentlichen. Bitte senden Sie mir die Mediadaten zu.

Ich möchte WIR IM NORDEN in meinem Unternehmen auslegen. ■ 20 Stück ■ 50 Stück ■ 100 Stück

Bitte senden Sie uns unter Angabe Ihrer Kontaktdaten eine Antwort per E-Mail: lv-hh@wirtschaftsrat.de, Fax: 040-30 38 10 59 oder Post: Wirtschaftsrat der CDU e.V., Colonnaden 25, 20354 Hamburg.

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Landesverbände Hamburg und Schleswig-Holstein | 2/2018 | WIR IM NORDEN


EDITORIAL

Dr. Christian von Boetticher Landesvorsitzender Schleswig-Holstein

nach den Landtags- und Bundestagswahlen im letzten Jahr und der Kommunalwahl heißt es spätestens jetzt, die Ärmel hochzukrempeln. Während das in Kiel bereits an einigen Stellen spürbar ist, wirkte die Situation in Berlin zunächst merkwürdig gelähmt und zeigt inzwischen Züge einer handfesten Kriese. Auch die SPD scheint von einer Krise in die nächste zu taumeln und inhaltlich hin- und hergerissen zwischen ihrem linken Flügel und ihrer Parteiführung sowie zwischen der Regierungsverantwortung und den noch immer erkennbaren Wünschen nach einer Erneuerung in der Opposition. Im Gegensatz dazu erleben die Grünen nach ihrem Touchieren der sechs Prozent im letzten Jahr insbesondere in Schleswig-Holstein eine Renaissance. Sie profitieren am Meisten von Jamaika

ist nur bedingt aufgegangen. Mit dem Aufkommen der AfD haben nicht nur Protestwähler die Seiten gewechselt. Bei der Fortsetzung dieses „Regieren nach Meinungsumfragen“ müsste sich auch die CDU darauf einstellen, dass die Mitte schmaler wird und 40 Prozent für eine Partei endgültig der Vergangenheit angehören werden. Entscheidend für den zukünftigen Erfolg und einen spürbaren Aufwärtstrend in der Wählergunst ist daher auch für die CDU klares programmatisches Profil. Hier ruhen unsere hohen Erwartungen auf Frau Kamp-Karrenbauer, die den Auftrag hat, ein neues Grundsatzprogramm der CDU Deutschland zu erarbeiten. Wir werden uns dort einbringen. Die CDU ist jedenfalls gut beraten, jetzt mit einer programmatischen Erneuerung zu beginnen. Dabei sollte sie davon ausgehen,

»Auch die CDU braucht programmatische Erneuerung.« und gewinnen dort, wo sie sich von den sozialistischen Idealen ihrer Funktionäre lösen und pragmatisch an die zu lösenden Probleme herangehen. Diese Lehre ist wenig überraschend angesichts der Erfahrungen, dass auch die SPD nur mehrheitsfähig war, wenn sie mit bürgerlichen Kandidaten um die Kanzlerschaft angetreten ist. Folgt man diesen Erkenntnissen, dann wird sich die SPD anders besinnen müssen als es ihr linker Flügel derzeit fordert – oder sie geht unter, denn „Die Linke“ sind im Zweifel die überzeugenderen Sozialisten.

dass der mehrjährige Aufschwung einmal zuende geht. Dafür ist Vorsorge zu treffen und marktwirtschaftliche Prinzipien der überbordenden Regulierungswut entgegenzustellen. In diesem Sinne darf man sich jetzt nicht im Lichte der guten Wirtschaftsdaten ausruhen, sondern sollte nach vorne blicken und neue politische Antworten auf die Herausforderungen der Digitalisierung, der Flüchtlingskrise, des Facharbeitermangels und der Entbürokratisierung des Mittelstandes entwickeln. Packen wir es an! Ihr

Was aber bedeutet dies nun für die CDU? Der Kurs von Kanzlerin Merkel, u.a. bei Energiewende, Mindestlohn und Flüchtlingspolitik kurzfristigen Stimmungen zu folgen, dabei die Positionen der politischen Konkurrenz zu übernehmen und darauf zu vertrauen, dass das eigene Stammklientel sie trotzdem wählt,

WIR IM NORDEN | 2/2018 | Landesverband Schleswig-Holstein

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VERANSTALTUNG Landesverband Schleswig-Holstein

3. CXO-Event Sylt 2018

Künstliche Intelligenz, digitale Identitäten und Blockchain – diese drei Schlagwörter dominierten das dritte CXO-Event des Wirtschaftsrates im Mai auf Sylt. 75 Experten führender Großkonzerne, aus dem internationalen Mittelstand und von erfolgreichen Start-Ups diskutierten aktuelle Trends, tauschten sich über Risiken und Gefahren aus und nutzen auch während eines attraktiven Rahmenprogrammes die Zeit, neue Kontakte zu knüpfen.

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Landesverband Schleswig-Holstein | 2/2018 | WIR IM NORDEN


VERANSTALTUNG CXO-Event 2018

Text: Holger Hartwig

Durch mehr Austausch mehr Tempo aufnehmen S chleswig-Holsteins Landesvorsitzender Dr. Christian von Boetticher zog ein positives Fazit. „Auch wenn der Weg hin zu einem deutschen Davos für Digitalisierung sicherlich noch verdammt weit ist: Der intensive Austausch über die digitale Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft hat zum dritten Mal Akzente gesetzt.“ Er geht davon aus, dass 2019 die Resonanz auch aus der Politik auf das SyltEvent noch größer sein wird. Für ihn steht fest, dass sich der digitale Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft in allen Lebensbereichen noch weiter beschleunigen wird. Viele Märkte seien

radikal umgebrochen und Wertschöpfungen in andere Erdteile abgewandert. „Suchmaschinen sowie Plattformen für private Kontakte, Mobilität oder Hotelzimmer zeigen eindrucksvoll: Im Konsumentenbereich hat Europa längst den Anschluss verloren. „Das darf sich jetzt in der Industrie, wo Deutschland traditionell seine Stärken hat, nicht wiederholen“, so Dr. von Boetticher. Er mahnt: „Dadurch wird die Lücke zwischen erlebter Wirklichkeit der Menschen und dem Verständnis der Politiker zu den notwendigen Anpassungen von Regulierungen immer klaffender.“ Erfahrungsgemäß brauche die

Politik zehn Jahre, um auf neue Techniken zu reagieren. Früher sei das vielleicht ausreichend gewesen, „in der heutigen Zeit ständig wachsender Dynamik ist das eindeutig zu langsam.“ Veranstaltungen wie der CXO-Event seien eine gute Möglichkeit, durch den Dialog die Lücke zu verringern und Tempo aufzunehmen. „Wir dürfen nicht nur staunend neue Techniken konsumieren, sondern sollten im Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft die weltweite Entwicklung führend mitgestalten, um auch zukünftig unseren ■ hohen Wohlstand zu erhalten.“

Mehr Mut ist gefragt K ünstliche Intelligenz (KI) hat nichts mit unserer menschlichen Intelligenz zu tun. Die KI kann nur das nutzen und entwickeln, was der Mensch vorgegeben hat und damit die Effizienz vervielfachen“. Das war eine der Kernaussagen von Professor Dr. Michael Feindt, Gründer der Blue Yonder GmbH, einem der weltweit führenden Unternehmen, wenn es um den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Handel geht. Beim Auftaktabend in der Spielbank Westerland machte der Karlsruher unter dem Titel „Künstliche Intelligenz im B2B-Markt – Chance für Deutschland“ deutlich, dass aus seiner Sicht kein Grund für eine Angst vor künstlicher Intelligenz besteht. „Sicherlich geht es mit großen Schritten vorwärts, aber die Technik hat gerade erst das Sehen und Erkennen von Objekten gelernt, was uns Menschen sehr leicht fällt“, so Feindt, der mit seinem Unternehmen Werkzeuge entwickelt, damit der klassische Handel sich gegen Internetriesen wie Amazon behaupten kann. „Leider stellen wir immer wie-

v.l. Prof. Dr. Michael Feindt (Blue-Yonder) und Dr. Christian von Boetticher (Landesvorsitzender)

der fest, dass es in Deutschland noch viele Firmen gibt, die sich aus Angst gegen datenbasiertes Arbeiten und Handeln entscheiden.“ Vor allem Amerikaner verstünden heute, wie Firmen heute noch ohne Datenauswertung erfolgreich sein können. Zielsetzung müsse sein, in Kombination von Mensch und KI die besten Lösungen zu finden. „Wenn es uns gelingt, unser Wissen und KI zu kombinieren, werden wir in vielen Bereichen, auch in der Medizin, zu viel besseren Methoden

WIR IM NORDEN | 2/2018 | Landesverband Schleswig-Holstein

und Erfolgen kommen.“ Es müsse das Ziel sein, etwaige Risiken der KI einzuschränken durch einen klaren gesetzlichen Rahmen. Der Unternehmer und Wissenschaftler machte deutlich, dass der Fortschritt heute vor allem aus der Wirtschaft vorangetrieben wird. „Die Forschung geht weg von der Wissenschaft hin in die Wirtschaft. Die öffentlichen Gelder, die bereitstehen, sind im Verhältnis zu dem, was Unternehmen, beispielswese Google einsetzt, verschwindend gering.“ Das bereite ihm durchaus Sorgen. Ebenso müsste auch in Deutschland mehr darauf geachtet werden, dass wie in China und den USA jeder Schüler programmieren lernt. „Wir haben in Deutschland nur ein einziges weltweit erfolgreiches SoftwareUnternehmen. Es wird Zeit, dass wir hier Fahrt aufnehmen.“ Es sei ja nicht so, dass in Deutschland das Potenzial fehle. Prof. Dr. Feindt: „Unsere Ausbildung ist grundsätzlich sehr gut. Fast jedes Institut in der Welt hält sich einen Deutschen. Wir sind einfach zu schlecht darin, aus unseren Fähigkeiten mit Mut anständige Ge■ schäftsmodelle zu machen.“

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VERANSTALTUNG CXO-Event 2018

Vor der Digitalisierung das Denken verändern Z

um Auftakt viel Schwung in das 3. CXO brachte Johann Hofmann. Unter der Überschrift „Vom Homo Sapiens zum Homo Digitales“ machte der Experte für Industrie 4.0 und Leiter Value Factoring der Maschinenfabrik Reinhausen mit lockerer Vortragsart und greifbaren Beispielen und Bildern deutlich, wie sich die Arbeitswelt, das Denken und das Verhalten der Menschen durch die Digitalisierung verändert. Mit Blick auf die Industrie und den Einsatz digitalisierter Assistenzsysteme stellt er heraus, dass der Fortschritt zwin-

Johann Hofmann hielt das Einführungsreferat

gend erforderlich ist, es aber notwendig sei, dabei die digitale Einzel- und die Gruppenkompetenz im Blick zu haben. Dabei machte er deutlich, dass „Assistenzsysteme zwar häufig Recht haben, aber auch nicht immer“. Jeder Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz müsse über eine digitale Einzelkompetenz verfügen und

Im Vergleich Manufacturing

Value Facturing®

Quelle: Maschinenfabrik Reinhausen; ValueFacturing ®

Technologiewechsel

Quelle: Maschinenfabrik Reinhausen; ValueFacturing ®

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„beurteilen und entscheiden können, ob das, was die digitale Kompetenz vorschlägt, richtig ist.“ Mitarbeiter dazu zu bekommen, dass sie ihre Einzelkompetenz erlangen, sei eine lösbare Aufgabe. „Wir laden diese ein, einige Tage bei uns mitzuarbeiten. Sie erleben dann die Vorteile neuer Technik und die Bequemlichkeit jedes einzelnen Menschen hilft uns, die Prozesse zu verändern.“ Die Herausforderung bei der Digitalisierung in Unternehmen liegt nach Hoffmanns Worten vielmehr in der Gruppenkompetenz. „Assistenzsysteme machen nicht halt an Königreihen in einem Unternehmen, sondern arbeiten abteilungsübergreifend. Hier muss viel Energie investiert werden, damit die Systeme ineinandergreifen und funktionieren können.“ Aus seiner Erfahrung heraus sei es oft so, dass die technischen Möglichkeiten längst vorhanden sind, „aber die Organisation und die Kultur in den Unternehmen mit historischen Verkrustungen hinterherhinken.“ In vielen Firmen gebe es auch heute noch „Kopfwissen“ einzelner und „dann ist es die Aufgabe, gemeinsam mit einem Change-Berater das Denken zu verändern, bevor mit der Digitalisierung von Prozessen begonnen wird.“ Mit der Erfahrung aus 25 Jahren bei der Veränderung von Fertigungsprozessen zeigt sich Hofmann überzeugt: „Industrie 4.0 und Kompetenz 4.0 sind die Voraussetzung, um konkurrenzfähig zu bleiben. Mit dem Einsatz von Assistenzsystemen schaffen wir in den Unternehmen das zweite Wirt■ schaftswunder.“

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Experten: Deutschland muss bei der KI Gas geben D

ie Bandbreite, mit der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf das Thema Künstliche Intelligenz (KI) schauen, könnte kaum breiter gefächert sein. Bei der Podiumsdiskussion mit dem Titel „Deregulierung der Chancen und Regulierung der Risiken beim Einsatz der Künstlichen Intelligenz“ brachte es Moderator Frank Pörschmann, Vorstand Digital Analytics Association, auf den Punkt: Für die einen ist KI die letzte vom Menschen entwickelte Technologie mit Chancen, für andere ist die KI genauso gefährlich wie die Atom-

dann verhindert werden, dass beispielsweise aus Drohnen mit Gesichtserkennung gefährliche Waffen werden.“ Wichtig sei, dass transparent und klar definiert werde, dass Daten mit KI „immer für einen bestimmten Zweck genutzt werden dürfen und so der Mensch die Kontrolle behält“. „Wir brauchen ein ethisches Design und müssen in Forschung investieren, um zu lernen, wie wir mit den Chancen verantwortungsbewusst umgehen.“ Aus seiner Sicht sind die Erfolgsfaktoren für KI, wie die unstruktu-

Podium Künstliche Intelligenz: v.l. Bert Weingarten, Moderator Frank Pörschmann, Dr. Christian Thurau, Dr. Rainer Fageth

technologie. Podium und Experten waren sich einig. Für Deutschland ist es Zeit, bei diesem Thema Gas zu geben, wenn es um Forschung, Datennutzung und einen dafür notwendigen, modernen rechtlichen Rahmen geht. Pflichten für Roboter definieren In das Thema ein führte Dr. Wolfgang Hildesheim, Watson & AI Leader DACH bei IBM Deutschland. Er zeigte auf, worauf es bei der weiteren Nutzung der KI ankommen wird. Grundsätzlich würden heute in den Medien die Risiken über- und die Chancen unterschätzt. Dr. Hildesheim: „Die KI ist der Megatrend und wird sich nicht aufhalten lassen. Es geht um die Frage, welche Rechten und Pflichten Roboter haben sollen, die mit KI arbeiten. So kann

rierte Daten (z.B. Videos, Bilder, Texte) künftig strukturiert gesammelt und genutzt werden können. „Die Möglichkeiten, die sich dann ergeben sind vielfältig“, so Dr. Hildesheim. Als Beispiele nannte er eine Müllerkennungssoftware, die kürzlich für Hamburg entwickelt wurde. Von herumliegenden Müll werde ein Foto gemacht, dieses an die Zentrale geschickt und dann dort digital ausgewertet, um die Abfuhr zu organisieren. Europaweite Lösungen gefragt Bei der sich anschließenden Diskussion folgten weitere Beispiele aus der Praxis. Dr. Reiner Fageth, Vorstand Technik bei CEWE, einem der europaweit größten Firmen, die pro Jahr drei Milliarden Fotos für den Endverbraucher verarbeitet, zeigte

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Dr. Wolfgang Hildesheim (IBM) führte in das Thema KI ein

auf, dass es die KI dem Kunden „mit genialen Vorschlägen wesentlich leichter macht, seine Bildauswahl zu gestalten“. Aus seiner Sicht fehle in Deutschland derzeit noch die Strategie, wie mit der KI insgesamt umgegangen werden soll. „Wir haben den Nachteil, dass wir eine extreme Sensibilität im Umgang mit Daten haben und heute noch jedes Mal fragen müssen, ob wir Bilder verwenden können. Wichtig ist, dass verstanden wird, dass KI kein Technikthema ist, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft.“ Fageth: „Wir müssen wie beispielsweise in den USA anonymisiert die Daten leichter nutzen können, um damit zu arbeiten. Mit der aktuellen Haltung werden Geschäftsmodelle der Zukunft verhindert. Wir brauchen dafür europaweite Lösungen.“ Bei Ausbildung dringend Gas geben Für Dr. Christian Thurau, Experte für die Echtzeiterkennung von Handlungen und Szenen aus Videodateien, kommt es darauf an, dass die Chancen erkannt werden, wie mit Datennutzung und -analyse „Maschinen dazu gebracht werden, die Welt so wahrzunehmen, wie wir das können, ihnen menschliche Handlungen beizubringen und dabei sicherzustellen, dass diese Maschinen dann mit uns zusammenleben.“ Der Handel mit Daten werde weltweit enorm zunehmen und „wir müssen aufpassen, dass diese Daten nicht irgendwo in China landen.“ Neben der Schaffung von guten vor allem rechtlichen Rahmenbedingungen forderte Dr. Thurau, die Ausbildung von Fachkräften zu verstärken. „Die wenigen Experten, die wir in Bereich Deep Learning noch haben,

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werden vom Ausland abgeworben. Wir müssen hier dringend Gas geben.“ Deutschland braucht Verteidigungslinie Auch für Dr. Bert Weingarten, Experte für sichere Internet-Nutzung und für die Systemerstellung zur Aufklärung von Cybercrime, wird es Zeit, dass „die Politik aufwacht und bei der KI nicht weiter abwartet, um dann später nur noch zu reglementieren“. Der Chef der PAN AM AG in Hamburg, einem weltweit agieren-

den Unternehmen, sieht aktuell neben den Fragen der Nutzung der KI eine weitere große Herausforderung. Er warnt davor, dass deutsche Technologien im Ausland genutzt oder sogar verkauft werden, „ohne dass jemals mit dem Unternehmen überhaupt gesprochen wurde.“ Er habe den Eindruck, dass viele nicht wüssten, was derzeit mit Blick auf Datenauswertung und die dann mögliche Nutzung von KI weltweit passiert. Für die Auswertung von Maschinendaten gebe es bis heute keine

gesetzliche Regelung, so dass „da vieles möglich ist.“ Die Hidden Champions der deutschen Wirtschaft seien im Moment zwar noch geschützt, „weil noch nicht alle Daten in den USA ausgewertet werden können, doch die Asiaten kommen und greifen immer mehr Informationen ab.“ Weingarten: „Unsere Netze sind heute schutzlos. Es fehlt in Deutschland an einem Konzept für eine Verteidigungslinie. Hier muss die Politik ins Handeln ■ kommen.“

Digitale Identitäten als Zukunftsfrage für Unternehmen W

elche Standards sind erforderlich, um für digitale Identitäten die notwendige Sicherheit zu schaffen und wie kann der Umgang mit personenbezogene Daten sinnvoll geregelt werden? Diese Frage stand im Zentrum der zweiten CXO-Podiumsdiskussion mit dem Titel „Infrastruktur digitale Identitäten“. Die Einführung in das Thema machte Patrick Graber, Head of Business Development der Züricher Provicis AG. Sein Unternehmen hat sich darauf spezialisiert,

gang zu vielen Bereichen – z.B. Gesundheitswesen, Finanzdienstleistungen, Versicherungen, Reisen, Wahlen – biete, eine verlässliche und sichere digitale Identität (eID) zu schaffen, die geografische Distanzen überwinden kann. „Eine eID bietet für einen Staat und Behörden viele Vorteile. Sie steigert die Effizienz, ermöglicht so Einsparungen und neue Dienstleistungen und wirkt Sicherheitsrisiken und Korruption entgegen.“ Ein Projekt mit solchen eID, die den direkten Kontakt in Echtzeit

Patrick Graber, Procivic AG, Zürich, trug das Anschauungsbeispiel vor

bezogenen Daten im Detail nachweisen und offenlegen zu müssen. Moderator Dr. Thomas Klindt, Industrieanwalt der Kanzlei Noerr LLP München, nutze die Chance für Nachfragen, beispielsweise wollte er wissen, ob die eID nur mit Smartphones nutzbar sei und wie die eID durch Tod endet. Für das „digitale Erbe“ sei der Ansatz ein digitaler Schlüssel, der dem Erben zur Verfügung gestellt wird und „natürlich muss es auch Parallelwege zum Smartphone geben.“

Podium Digitale Identität: v.l. Patrick Graber, Moderator Prof. Dr. Thomas Klindt, Dr. Christian Langer und Benny Bennet Jürgens

digitale Behördendienstleistungen zu ermöglichen und dafür eine Plattform entwickelt, die unter anderem eine digitale personenbezogene Identität einbindet. Gabler machte deutlich, dass es darum gehe, neben der realen Identität, die Zu-

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ermöglicht, werde im Kanton Schaffhausen umgesetzt. Dort könnte mit Hilfe einer App nun auf Behördenleistungen zugegriffen werden. Es gehe dabei darum, die eID mit Attributen zu versehen, um beispielsweise nicht immer alle personen-

Was passiert mit den Daten? Auf dem Podium waren dann Dr. Christian Langer, CDO und CIO der Lufthansa Group, und Benny Bennet Jürgens, geschäftsführender Gesellschafter des Hamburger Startups Nect, gefragt. Jürgens zeigte auf, wie sein Unternehmen es geschafft habe, Identitätsfeststellungen über den digitalen Kanal nutzerfreundlich unter Einhaltung der Anforderungen des Gesetzgebers vorzunehmen. Dr. Langer berichtete

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darüber, wo die Herausforderungen für die Lufthansa mit Blick auf Identitätsfeststellungen in den kommenden Jahren liegen. Aus seiner Sicht gehe es aber nicht nur um die Frage, die digitale Identität sicher zu machen, sondern auch um den Aspekt, wie mit den Daten, die durch den Einsatz der Identität oder durch die Verwendung von smarten Geräten erzeugt werden, umgegangen wird. „Das ist keine Frage der Tools, die eingesetzt werden, sondern nach der Macht über die Zukunft von Individuen.“ Bündelung von Macht verhindern Es sei für ihn ein fundamentaler Unterschied, ob man etwas selbst mache und

weiß, was mit den Informationen passiert oder nicht. Das sei vor allem auch deshalb interessant, weil mit der Auswertung der Daten, z.B. auch von der Bewegung jedes einzelnen, auch immer mehr die Möglichkeit verbunden ist, dass „Dritte heute wissen, was ich voraussichtlich in der Zukunft machen werde.“ Die Frage, wie mit digitalen Identitäten umgegangen, sei damit auch „eine Zukunftsfrage für alle Unternehmen.“ Es müsse geklärt werden, dass diese Daten nicht dazu führen, dass es „zu einer Bündelung von Macht in der Hand von Wenigen kommt.“ Graber sprach sich in diesen Zusammenhang dafür aus, dass „sichergestellt sein muss, dass jeder selbst seine digitale Identität

verwalten kann.“ Jürgens hingegen meinte, dass die Bedenken sicherlich gerechtfertigt seien, aber schwer zu dividieren sei, was an Möglichkeiten beispielweise „positiv wie negativ sein kann.“ Weitere Themen der Diskussion waren noch, ob Programmierer künftig eine Art hypokratischen Eid ablegen sollten, damit ethische und moralische Fragen eine Berücksichtigung finden, und der Aspekt, welche neuen Wertschöpfungsketten mit Datenverkauf künftig möglich werden und wie sich die Unternehmen ■ dieser Entwicklung stellen können.

Blockchain: Effizient, aber noch in den Kinderschuhen E

s ist aktuell eines der Top-Themen, wenn es um die Digitalisierung geht: Blockchain, d.h. der direkte Austausch von Informationen zwischen Beteiligten auf dem digitalen Weg ohne einen zentralen Knotenpunkt. Beim dritten Podium im Rahmen des CXO auf Sylt diskutierten

In seiner Einführung in das Thema erläuterte Dr. Markus Hablizel, Though Leader bei Munich Re, wie Erst- und Rückversicherer aktuell dabei sind, die Möglichkeiten des Blockchain zu testen. „Blockchain ist interessant, weil es Prozesse durch den Verzicht auf eine trusted Dr. Markus Hablizel, Münchener Rückversicherung, beim Impulsvortrag

Podium Blockchain: v.l. Dr. Markus Hablizel, Dr. Michael Merz, Dirk Ramhorst, Moderator Sven Korschinowski, Jannis Holthusen

Experten über die Frage, welche Möglichkeiten, Geschäftsmodelle und Risiken diese neue Technik für Unternehmen mit Blick auf Kundenbeziehungen mit sich bringt und wie mögliche Risiken einzuschätzen sind.

third party transparenter, schneller und damit verbundene Transaktionen auch preiswerter macht.“ Dr. Hablizel machte deutlich, dass Blockchain-Anwendungen auf drei Ebenen in der Wirtschaft denkbar sind: innerhalb eines Unternehmens zu

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Niederlassungen auch über Ländergrenzen hinweg, innerhalb einer Branche, z.B. für den Austausch von Schadensfreiheitsklassen, und branchenübergreifend. Als Beispiel für einen branchenübergreifenden Einsatz nannte er die Zulassung eines Fahrzeuges. „Wenn sie heute ein Auto anmelden wollen, müssen sie Informationen über ihre Identität, den Fahrzeugbrief und die Bankverbindung mitbringen. Das ist aus Kundensicht mühsam. In einer App könnten die Daten gebündelt und freigegeben werden, um dann mit weniger Aufwand die Zulassung zu bekommen.“ Mit unternehmensinternen Lösungen würden sich aktuell bereits viele Firmen beschäftigen, seit 2016 würden auch die Aktivitäten in einzelnen Branchen verstärkt. „In der Versicherungsbranche ha-

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ben 13 Unternehmen gemeinsam eine Firma gegründet, die Ende 2017 einen Prototyp entwickelt hat, um die Blockchain-Technologie zu ermöglichen.“ Dezentralisierung bietet Vorteile In der sich anschließenden Diskussion – moderiert von Sven Korschinowski, Partner und Spezialist der KPMG AG aus Frankfurt, wurde deutlich, wie hochkomplex die Anforderungen an BlockchainLösungen sind, weil es unter anderem zahlreiche Sicherheitsfragen zu beantworten gilt. Dr. Michael Merz, Gründer der Ponton GmbH und Spezialist für Einsatzpotenziale für Blockchain im Energiehandel ist froh, dass der Hype um Blockchain nachgelassen hat und sieht trotz aller Herausforderungen perspektivisch die Chance für dezentralisierte Marktplätze. Mit seinem Unternehmen habe er einen Prototyp für den Energiehandel entwickelt. Dr. Merz: „Neben vielen andere positiven Faktoren, die die neuen Handelsformen bringen könnten, ist ein weiterer Vorteil, dass beim Einsatz von Blockhain auf jeden

Fall das Risiko einer Cyberattacke gesenkt wird, weil es nicht mehr einen zentralen Angriffspunkt gibt.“ Menschlicher Wunsch kann erfüllt werden Für Jannis Holthusen, Geschäftsführer des StartUp-Unternehmens Upchain aus Hamburg, ist Blockchain „eine Methode, um klassischen Firmen und Mitarbeiter aus ihrer Welt mit den gewohnten Abläufen herauszuholen und dafür zu sorgen, dass sie sich wieder auf das Wesentliche, ihre Kunden, konzentrieren.“ Mit seinem Unternehmen habe er zunächst eine digitale Lösung für die Abrechnung von Reisekosten entwickelt und dann aufgrund der Nachfrage eine Beratungsfirma für Blockchain gegründet, mit der für eine Bank dann eine Lösung für ein bisher sehr manuelles Bankgeschäft mit Schuldscheindarlehen entwickelt wurde. Es gehe darum, mit Blockchain neue Geschäftsmodelle „ohne Mittelsmänner zu entwickeln.“ Aus seiner Sicht sei es „ein menschlicher Wunsch, Geschäfte mög-

lichst direkt zu machen, und da bieten sich nun neue Perspektiven.“ Blockchain als Portalersatz? Aus Sicht von Dirk Ramhorst, CDO/CIO und Senior Vice President der Wacker Chemie AG in München, geht es bei der Thematik Blockchain nicht um die Technologie, sondern um die Lösung eines Problems. Ein Konsortium aus der Chemiebranche habe vor mehr als 15 einigen Jahren ein Portal gegründet, dass B2BTransaktionen ermöglich. „Wir bilden etwa 30 Prozent über dieses Portal ab. Die Frage ist nun: Wie kann so etwas künftig durch eine Blockchain abgelöst werden, um den B2B-Bereich effizient zu machen?“ Als einen Punkt nannte er den Aspekt, dass heute der Warenüberbang und der Bezahlvorgang durch die Einbindung von Banken oft zeitlich nicht dicht beieinanderliegen. Hier gebe es Optimierungspotenzial. Bisher stünden BlockchainLösungen in seiner Branche allerdings ■ absolut am Anfang.

Rahmenprogramm für den persönlichen Austausch

Kinder guckten dem Seemann über die Schulter

A nspruchsvolle Inhalte sind ein wesentlicher Erfolgsfaktor für ein erfolgreiches Expertentreffen – aber nicht weniger wichtig ist ein gutes Rahmenprogramm, das den persönlichen Austausch fernab von Podiumsdiskussionen oder Fachvorträgen ermöglicht. Auch 2018 hat das CXO für die Teilnehmer und ihre Familien in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Gelungener Auftakt war ein Abend in der Spielbank Sylt. Spielbank-Direktor

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Knuth Pauker informierte über sein Haus und die Spielmöglichkeiten, die dann auch getestet werden konnten. Tags darauf wartete zum abendlichen Ausklang des Tagungstages eine Kutterfahrt auf der „Gret Palucca“ und „Rosa Palucca“ der Adler-Reedereien. Herrlicher Sonnenschein, ruhiges Wasser und eine gute Aussicht sorgten für eine eindrucksvolle Stimmung. Zusammen mit frischen Köstlichkeiten aus dem Meer bot der Ausflug auf die Nordsee tolle Eindrücke – auch für die zahlreichen Kinder, die beim Fischen zuschauen konnten und dann vom Fachmann in die Welt der Meerestiere mitgenommen wurden. Bevor es dann am dritten Tag wieder nach Hause ging, stand morgens eine Dünenwanderung mit Mitarbeitern der

Dirk Thomas Wagner, Oracle Deutschland B.V. & Co. KG

Schutzstation Wattenmeer an, die – wieder bei herrlichem Sonnenschein – mit einem gemeinsamen Frühstück und traumhaften Ausblick über den Golfplatz Budersand endete. Kurzum: Der Wirtschaftsrat und die Insel Sylt zeigten sich auch beim Rahmenprogramm von ihrer besten Seite. Ein besonderer Dank ging an Dirk Thomas Wagner, der die Teilnehmer mit

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gelöste Stimmung an Bord der Rosa Palucca

einem erfrischenden Grußwort im Namen von ORACLE zum gemeinsamen Mittagessen einlud. Er hatte vor vier Jahren

die Idee zu dem CXO Event gehabt und über die Jahre eine fortwährende Unterstützung durch ORACLE sichergestellt. Auch KPMG hat dem Event von Anfang an seine Unterstützung zugesagt. Neu im Bunde ist Diana Pabst von I & k Software,

Frank Kübler, Vorstand Leada AG, Filderstadt, hielt das Schlußwort

Spezialist für Geschäftsreiseabrechnungen. Gratulation an die Unterstützer überbrachte ganz am Ende Frank Kübler, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Leada AG. Sein Startup entwickelt Assistenzsysteme für Führungsteams im digitalen Wandel und wurde im Jahr 2016 als Sieger des Innovationspreises IT ausgezeichnet wurde. Als Vertreter des Wirtschaftsrates Baden-Württemberg kündigte er für die Zukunft ein verstärktes Engagement an. Der vierte CXO-Event Sylt 2019 wird sich am 31. Mai 2019 den Regulierungsfeldern Digitale Sprache, Augmented Reality und Cyber-War-Risiken ■ zuwenden.

Mit freundlicher Unterstützung von:

Sylter Thesen Identitätsmanagement wird immer zentraler für online-Businessmodelle Wer sich im online-Geschäft auf die Identität seines vertraglichen Gegenübers nicht sicher verlassen kann, riskiert den Verlust von Geld und Vertrauen. Ein strukturell verlässliches Identitätsmanagement ist daher ein essentieller Baustein für die Wirtschaft, aber auch für die staatliche online-Verwaltung von morgen. Staat und Wirtschaft sollten möglichst schnell durch Versuchszonen Erfahrungen mit digitalen Identitäten und ihren verlässlichen Identifizierungen sammeln. Forschungsstärkung ist keine Strategie Eine erfolgreiche KI-Strategie muss sich auf breite, internationale Kooperationen stützen und sich und über alle Bereiche erstrecken: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft. Eine Fokussierung auf Forschung und Frankreich alleine kann den aktuellen Rückstand nicht verringern. Digital-Kompetenz an Schulen Neben einer zeitgemäßen Ausstattung ist die Modernisierung der Lehrpla ̈ne dringend erforderlich.

Schulen müssen ein umfassendes Verständnis über die digitale Welt von heute lehren. Dazu zählt nur am Rande das Programmieren. Vielmehr geht es um das Verständnis von Datenflüssen in Cloud-, Mobil- und Social-Media-Diensten, Rechtund Unrecht in der digitalen Welt sowie einer Entmystifizierung der KI. Ausbildung Das berufliche Bildungssystem muss Anforderungen der digitalen Welt radikal schneller aufnehmen und integrieren. Neue industrieunabhängige Berufsbilder, wie die von Daten- & KI-Experten, müssen auf allen Berufs- und Fachschulen beschleunigt verankert werden. Die Definitionshoheit aus Informatik & Mathematik muss zugunsten aller involvierten Fakultäten aufgelöst werden. Der Wandel kann nur gelingen, wenn die Dualität der Ausbildung in Verbindung mit der Industrie noch deutlich vertieft wird. Spitzenkräfte ziehen Talente nach Wir benötigen attraktivere Arbeits- und Rahmenbedingungen für Spitzenkräfte in der Forschung und der Wirtschaft. Führende Persönlichkeiten sind ein Magnet

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für leistungs- und entwicklungswillige Talente weltweit. Schlechte Daten, schlechte Entscheidungen! Eine Beschränkung der Datenlandschaft begrenzt den Einsatz und die Entwicklung von KI. Ein hoher Schutz individueller Daten (gemäß der EU-Datenschutzgrundverordnung) steht einer kontrollierten Nutzung von Massendaten nicht im Wege. Hier gilt es aufzuklären. Deutschland hat die Chance auf die Rolle eines „Qualitätssiegers in Daten". Das Rückgrat jeder KI ist das Internet – dies müssen wir sichern Einer der zentralen Knoten für den weltweiten Internet-Datenverkehr ist Frankfurt. Bei Cyberkrisen jeglicher Art entstehen hohe Folgerisiken für Deutschland, auch wenn wir selbst nicht Teil des Konfliktes sind. Wir benötigen dazu eine nationale Verteidigungslinie für Datenströme und Infrastruktur-Alternativen in nationaler Hoheit.

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VERANSTALTUNG Sektion Flensburg

EU-Datenschutzgrundverordnung:

Sinnvolle Rechtsvereinheitlichung oder Bürokratiemonster? Dr. Frank Markus Döring, Sozius der Kanzlei Jensen Emmerich GbR, hat sich in den letzten Jahren auf rechtliche Fragen bei der Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung spezialisiert. Sein Fazit: Leider ist es wieder ein Bürokratiemonster geworden, auch durch die bundespolitischen Verschärfungen.

Text: Dr. Bertram Zitscher

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ie gut zwanzig Veranstaltungsteilnehmer wussten worum es geht, denn sie alle hatten sich in den letzten Monaten mit der Inkraftsetzung der Verordnung am 25. Mai 2018 in ihren Unternehmen auseinanderzusetzen müssen. Dennoch kannte niemand alle Facetten, denn der Regulierungsgegenstand ist äußerst komplex. Positiv an der neuen Verordnung erscheint erst einmal, dass sie den föderalen Wust an Landesdatenschutzgesetzen auflöst und zugleich alle anderen Länder der Europäischen Union mitnimmt. So sei Irland als Heimstatt der gesammelten u.s.amerikanischen Internetriesen ebenfalls betroffen. Allerdings hat nur Deutschland die Durchsetzung dadurch verschärft, dass Wettbewerber oder Wettbewerbsvereine die Einhaltung mit teuren Abmahnpraktiken überwachen. Schon immer eine deutsche Besonderheit, so Dr. Döring, die jetzt neuen Nährboden erhält. Er rate inzwischen teilweise dazu, die Abmahnungen nicht zu akzeptieren und vor Gericht zu gehen. Das könnte zwar im ersten Schritt teurer werden, aber im Wiederho-

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Dr. Frank Markus Döring

lungsfall drohten dann nicht Vertragsstrafen in einer Höhe mehrerer tausend Euro, sondern nur Ordnungsgelder, die dann an das Gericht zu zahlen seien, weshalb der Abmahnverein keine Anreize zur Abmahnung mehr habe. Der deutsche Gesetzgeber habe aber auch die Pflicht für einen Datenschutzbeauftragten deutlich verschärft. In Deutschland reiche es, wenn neun Mitarbeiter in einem Unternehmen Datenverarbeitung machen, was praktisch den gesamten Mittelstand treffe. Und der Markt für Datenschutzbeauftragte sei derzeit leergefegt, so Dr. Döring, der allerdings darauf hinweist, dass man diese Position bei geringen Qualifikationsanforderungen auch intern besetzen könne. Allerdings erhalte die Person dann Kündigungsschutz, was auch nicht immer gewollt sei, weshalb eine Befristung naheliegen könnte. Je tiefer man in der anschließenden Diskussion in die Details einstieg, desto kritischer erschien das ganze Werk. Die Informationspflicht gegenüber unbekannten Anrufern, deren Daten man aufneh-

men möchte, sei praktisch unmöglich, wenn man nicht erst einmal eine Bandansage schalten möchte, die jeder Anrufer sich anhören möge. Telefonanlagen mit automatischer Nummernspeicherung seien im Prinzip nicht mehr zulässig, denn Telefonnummern seien häufig personenbezogene Daten. Und wie der in der Werbung gebräuchliche Adressdatenhandel zukünftig funktionieren könne, blieb weithin unklar. Einige Geschäftsmodelle wie die von Auskunfteien und ähnlichen Diensten dürften jedenfalls erheblichen Revisionsbedarf haben. Kritisch dürfte die Verordnung auch für StartUps werden, die zum einen die Bürokratie schwieriger stemmen können als etablierte Großunternehmen und zum anderen insgesamt auch schlechtere Möglichkeiten haben, für neue Produkte im Markt zu werben. Die Teilnehmer waren sich einig, dass die Bundespolitik schnellstmöglich zumindest die deutschen Verschärfungen annul■ lieren sollte.

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VERANSTALTUNG Sektion Plön/Ostholstein

In Deutschland herrscht bei digitaler Sicherheit Notstand Bert Weingarten

„Die meisten Menschen kennen nur die Schönwetterzone des Internets und machen sich kaum Gedanken, welche weltweiten Gefahren heute durch die rasant fortschreitende Digitalisierung bestehen“, leitete der gebürtige Lübecker Weingarten seinen Vortrag über die modernen Methoden der Datenanalyse und deren Gefahren auf den Alltag jedes Einzelnen, auf die Infrastruktur, auf internationale Beziehungen und für Unternehmen ein. Die Musik spielt im Dark-Internet Weingarten, der in Deutschland als einer der Internet-Pioniere gilt und eines der erfolgreichsten und erfahrensten Unternehmen mit Blick auf sichere InternetNutzung und die Aufklärung von Cybercrime-Delikten gegründet hat und leitet, richtete unter der Überschrift „Cyberwar in Zeiten der Sorglosigkeit“ den Blick auf das Deep-Internet, auch Dark-Internet genannt. „Da spielt die Musik. Die dortigen Datenmengen sind um ein Vielfaches größer und können mit unglaublich schnellen Automatismen nahezu jede Information räumlich und am Ende auch personenbezogen zuordnen.“ Ohne technisch zu sehr ins Detail zu gehen, zeigte Weingarten auf, dass durch den Umstand, dass jedes Gerät – und dazu gehören auch smarte Fernseher, Kühlschränke, Autos mit Navigationssystem – eine einmalige MAC-Adresse haben. „Durch diese Devices lassen sich beispielsweise Hersteller und Modellreihen erkennen und Geo-IP-Daten orten, um diese Personen oder Unternehmen zuzuordnen. Firmen hätten sich darauf spezialisiert, aus dem riesigen Datenvolumen gezielt Profile mit einer dann gläsernen

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Aus dem Staunen nicht herausgekommen sind die Mitglieder der Sektion Eutin, die im Seeschloß Eutin den Vortrag des Internet-Experten Bert Weingarten gehört haben.

Text: Holger Hartwig

Master-ID zu erstellen“, so Weingarten. Gegen geltende Gesetze verstoße dieses Auswerten und Zusammenfügen von Informationen nicht. „Die in unserem Land geltende Datenschutzverordnung ist theoretisch sehr gut, mit Blick auf die Praxis aus meiner Sicht aber praktisch eine Illusion.“ Auch die aktuelle Diskussion um ein Datenleck bei Facebook sei mit Blick auf die „heute legalen Möglichkeiten“ für ihn nicht nachvollziehbar. Handy sicher, wenn Akku entfernt ist Erstaunte Blicke erntete Weingarten auch, als er die Möglichkeiten aufzeigte, die Kriminelle heute auch dank der genutzten Smartphones haben. „Jedes Handy kann über zwei Kanäle Sprache und Daten übertragen – und verfügt über einen dritten Kanal, der für die normale Nutzung nicht bestimmt ist und unsichtbar bleibt.“ Mit diesem Kanal, der von den Mobilfunkbetreibern mit Wissen der Sicherheitsdienste betrieben wird, könnten Experten das Handy jederzeit für ihre Interessen nutzen, um Gespräche in einem Raum mitzuhören oder auch Bewegungsprofile zu erstellen. Das sei selbst einem abgeschalteten Handy noch zwei bis drei Tage möglich, da „sich die heute gängigen Handys bei einer Restakkuladung von knapp 20 Prozent automatisch aus Sicht des normalen Nutzers abschalten“. Wer sichergehen will, der müsse sein Gerät zu Hause lassen. Cyberwar: Reaktionszeit zwei Sekunden Hart ins Gericht ging Weingarten, der 1995 die Registrierungsstelle für Internetadressen DENIC mitgegründet hat, auch mit den derzeitigen Sicherheitsstandards. „Es ist nicht so lange her, als bei einem der wichtigsten und größten IT-Unternehmen

unseres Landes eine Schwachstelle entdeckt wurde, die Profis fast fünf Jahre den direkten Zugriff auf alle Datenbanken vieler DAX-Unternehmen ermöglicht hat.“ Das, was er und seine Mitarbeiter bei der PAN AMP AG immer wieder erlebten, sei inakzeptabel, weil „unter Anwendungen hiesiger Sicherheitsstandards Netze nicht mehr zu sichern sind.“ Deutschland gelte als Land der „Hidden Champions, aber bei Datenschutz und damit Sicherheit des Know-hows sind die Unternehmen alles andere als hidden.“ Hier allerdings nur den Firmen einen Vorwurf zu machen, wäre falsch. „Wenn es um die digitale Sicherheit geht, herrscht in Deutschland Notstand. Wir haben den Anschluss verpasst.“ Um dieses zu verdeutlichen, nannte Weingarten nur ein Beispiel. Während sich in China etwa eine halbe Millionen Experten und in den USA etwa 200.000 Fachleute von staatlicher Seite um die Sicherheit kümmern, seien es in Deutschland „wohlwollend betrachtet etwa 200“. Das gelte auch für den Bereich der Sicherheitspolitik. „Mit Frankfurt hat Deutschland den weltweit wichtigsten Knotenpunkt, wenn es um den Datentransfer in der Welt geht. Kommt es in der Welt zu einem Cyberwar, wird unser Land dadurch massiv betroffen sein.“ Seiner Einschätzung nach liege die Reaktionsmöglichkeit auf einen Angriff, der beispielweise die gesamte Infrastruktur für Wochen lahmlegen könnte, bei gerade einmal zwei Sekunden. „Ich werbe dafür, dass mit Blick auf die digitale Sicherheit in der Politik und in der Wirtschaft ein Umdenken erfolgt, damit der herrschende Cyber-Notstand aktiv angegangen wird.“ Um hier Anschluss an die USA, China und Russland zu finden, ■ könnte es bis zu 15 Jahre dauern.

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LUXUSHOTEL Advertorial

Grand Hotel Heiligendamm unter neuer Leitung Thilo Mühl wurde Nachfolger von Thomas Peruzzo Thilo Mühl hat im April 2018 die Leitung des Grand Hotel Heiligendamm übernommen. Die Region ist dem Direktor nicht fremd: er war acht Jahre Hoteldirektor im Schloßgut Groß Schwansee in der Gemeinde Kalkhorst, das ebenso nahe der Ostsee liegt. Zudem ist Mühl Vorstandsmitglied der DEHOGA Mecklenburg-Vorpommern und dem Land somit stark verbunden. In Mühls Vita reihen sich nach dem Abschluss am Regents Business College in London, Stationen wie das Berliner Hotel Palace, das ehemalige Hotel Steigenberger auf Rügen und das Vital Resort Mühl in Bad Lauterberg. Er freue sich auf die neue Herausforderung im Grand Hotel Heiligendamm. Insbesondere die Verbindung von Tradition, Natur, Lifestyle, Kulinarik, Spa und Kultur, die das Luxushotel in Heiligendamm lebt, sind ist für Mühl Reizpunkte seiner neuen Aufgabe.

Monsieur Chillout Runterkommen. Ankommen. Raphaël Marionneau nimmt die Hektik aus dem Alltag. Seit mehr als 16 Jahren zieht der Soundpilot eine große Fangemeinde mit dem Zauber der Entschleunigung in seinen Bann. Der konstante Erfolg von Raphaëls vielfältigen Aktivitäten zeigt: der geborene Franzose und kreative Multitalent hat ein sicheres Gespür für den aktuellen Zeitgeist. Seine Projekte eint ein gemeinsames Ziel: „Ich nenne mich selbst Soundpilot, weil ich die Menschen auf eine Reise mitnehmen möchte. Egal, ob ich dafür elektronische oder klassische Musik auflege. Gleich, ob ich in einem Club bin oder die Menschen zu Hause eine meiner Compilations oder Radioshows hören. Ich möchte ihnen Entspannung bringen, bei ihnen Emotionen wecken“, erklärt Raphaël.

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Die besonderen Sommernächte in Heiligendamm „White Night“ mit DJ Raphaël Marionneau Sanfte Beats, kühle Cocktails und der weitläufige Blick über die Ostsee. Freuen Sie sich im Sommer 2018 auf ganz besondere Sommernächte. Zu den absoluten Höhepunkten des Sommers in der Weißen Stadt am Meer, gehören die „White Nights“ am Strand von Heiligendamm. Am 07. und 21. Juli sowie am 04. und 18. August und am 01.September heißt es „Unterkommen. Ankommen.“ Lehnen Sie sich entspannt in die Loungemöbel der Strandbar und genießen kühle Drinks, feinstes Barbecue und einen weitläufigen Blick über das Meer. Für die musikalische Begleitung sorgt Raphaël Marionneau, der mit sphärischen Klängen, poppigen Sounds und relaxter Musik die Hektik aus dem Alltag nimmt und seine Gäste in den Sonnenuntergang begleitet. White Night: Der Preis beträgt EUR 80 pro Person, EUR 40 für Kinder von 6 bis 12 Jahre Die Reservierung der White Night ist nur in Kombination mit einer Zimmerreservierung möglich. Zimmerreservierung unter Telefon 038203 740-7676 oder per E-Mail an reservations@grandhotel-heiligendamm.de entgegen.

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LANDESFACHKOMMISSION Energiewirtschaft

Reiter über den Bodensee Vorbereitung auf einen längeren Stromausfall Kai Büche, Fachbereich Katastrophenschutz, und Jürgen Tober, Fachbereichsleiter Ordnung des Kreises Pinneberg, berichten über die Vorbereitungen des Kreises Pinneberg auf einen längeren Stromausfall ab vier Stunden Dauer, der als der wahrscheinlichste Katastrophenfall angesehen wird. Bereits im Jahr 2010 gab es einen Impuls des Innenministeriums zur Überprüfung der Pläne. Im Jahr 2011 habe man die alten Pläne im Kreis Pinneberg als unzulänglich verworfen und beschlossen, einen neuen Katastrophenschutzplan zusammen mit den Kommunen zu entwickeln. Als kritische Infrastruktur im Kreis Pinneberg gelten z.B. Kliniken und Klär- und Stadtwerke. Klinken sind mindestens 72 Stunden notstromversorgt, Alten- und Pflegeheime sowie Viehbetriebe bisher gar nicht, weshalb dort mit Todesfällen (z.B. Beatmungsmaschinen) bzw. Notschlachtungen zu rechnen sei. Das Problembewusstsein in diesen Betriebsstätten sei sehr gering ausgeprägt. Insgesamt seien die betroffenen Stellen, Ämter, Behörden, öffentliche und private Einrichtungen und Einwohner erschreckend wenig informiert und nicht vorbereitet. Die Kommunikation zwischen Behörden und Einrichtungen wäre bisher kaum oder gar nicht vorhanden. Der neue Notfallplan sieht eine Selbstalarmierung des Katastrophenschutzstabes und unterstützender Teams (THW, Feuerwehr etc.) nach drei Stunden vor. Die Konsequenzen aus einem längeren Stromausfall, insbesondere einem mehrtägigen, sind nicht bekannt, weil nicht darüber nachgedacht werde. Vorratshaltung, Vorsorgeplanung bis in alle Einzelheiten fehle. Tanks für Generatoren flocken nach einem Jahr aus. Ansonsten wäre der Kraftstoff dreimal teurer. Keine Tankstelle wäre im Katastrophenfall funktionsfähig. Die Tankstellen der Bundeswehr seien inzwischen weitgehend zurückgebaut worden. Der Katastrophenschutz eines Kreises sollte primär dafür sorgen, dass er selbst einsatzfähig bleibt. Es wurde eine Prioritätenliste erarbeitet, die die Ressourcenverteilung regelt: 1. Leitstelle 2. Technische Zentrale Feuerwehren 3. Kraftstoffversorgung 4. Krankenhäuser 5. Wasser und Abwasser 6. Notunterkünfte 7. Sperr- und Schöpfwerke 8. Gemeinden 9. Feuerwehrgerätehäuser. Versorgung mit Lebensmitteln, Treibstoffen, Krankentransporte, die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung könne der Katastrophenschutz nicht leisten. Auch die Polizei wäre damit überfordert. Der Kreis kann für Einzelpersonen nur Hilfe zur Selbsthilfe geben. Dafür gibt es eine Checkliste des Bundesamtes im Internet für eine 14-tägige Eigenversorgung. Die Anreize für Investition von Unternehmen in Notstromaggregate zur Absicherung ihrer Funktionsfähigkeit im Katastrophenfall sind kritisch, denn eine Konfiszierung durch die Behörden für vorrangige Zwecke ist zu erwarten. Ohne Anreize

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Dr. Stefan Liebing Vorsitzender der Landesfachkommission

ist jedoch ein breites Reservenetz von Notstromaggregaten nicht entwickelbar. Fazit: Das Problem „längerer Stromausfall“ muss landesweit behandelt und geregelt werden, in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium. Das positive Beispiel des Kreises Pinneberg sollte einen Anstoß für weitere Kreise geben. Ein Treiber könnte der Landkreistag sein. Beim Cyberwar können Auswirkungen in Breite und Länge der Ausfallserscheinungen über die jetzigen Szenarien hinausreichen. Energiepolitik auf Bundesebene Mark Helfrich MdB, Mitglied im Wirtschafts- und Energieausschuss des Deutschen Bundestags, stellt fest, dass der vereinbarte Koalitionsvertrag gute Chancen für Schleswig-Holstein enthält, auch in Bezug auf die erneuerbaren Energien: Sie sollen zukünftig marktkonform ausgebaut werden, bei der Windkraft ist verstärkt auf die Akzeptanz zu achten, wie z.B. bei der Sichtbarkeit (Abstandsregelung), Gleichklang zwischen Ausbau der Anlagen und Ausbau des Stromnetzes, um die Netzverträglichkeit zu gewährleisten und um zu akzeptieren, dass für mehr Erdverkabelung entsprechend mehr Geld und Zeit aufgewendet werden muss. Die Landesplanung in Schleswig-Holstein soll 2019 fertig sein. Für Schleswig-Holstein sieht der Abgeordnete Chancen beim Aufbau einer Forschung zur Batteriespeicherung an einem zu gründenden neuen Fraunhofer-Institut, sowie zum Bau einer Anlage zum Anlanden, Lagern und Verteilen von LNG (Flüssiggas) in Brunsbüttel. Dieser Standort wäre auch für Hamburg interessant. Helfrich sieht den Erhalt strategischer Reserven und in diesem Kontext auch das LNG-Thema als nationale Aufgabe, die sich zum Teil auch rein betriebswirtschaftlicher Kalküle entziehen könnten. Die Förderung eines LNG-Terminals wäre eine einmalige Investitionsförderung und keine laufende Subvention der Betriebskosten. Energieszenarien für Deutschland Dr. Frithjof Kublik, Senior Partner der Kublik Energy Consulting, Heidelberg, stellt zwei Szenarien zur CO2-Reduktion bis zum Jahr 2050 vor: ein Szenario „Winning The Marathon“ und ein Szenario „Slowing Momentum“, Er sieht Deutschland insgesamt auf einem guten Weg im weltweiten Vergleich, obwohl die Anforderungen in den nächsten Jahren noch stark ansteigen werden, um die gesetzten Ziele für 2030 zu erreichen. Eine Wasserstoff- oder Methanolwirtschaft oder die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe bieten in dieser Hinsicht interessante neue Perspektiven. Er berichtet von einer Vielzahl laufender Forschungs- und Entwicklungsprojekte, z.B. vom Elektrolyseprojekt Rheinland. ■

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LANDESFACHKOMMISSION Verkehrsinfrastruktur

Beschleunigung der Planungsverfahren D

as Nadelöhr für die Behebung des Investitionsstaus sind nicht mehr die Finanzen, sondern die Planungen, ein überregulierendes Umweltrecht der EU und Deutschlands, bürokratisiertes Vergaberecht und die ausgereizten Produktionsressourcen Baubetriebsmittel und Personal. Die Infrastrukturertüchtigung läuft Gefahr, durch das bestehende Planfeststellungsverfahren und die sich daraus ergebenden Sekundärfolgen ausgebremst zu werden. Das Planungs- und Vergaberechtrecht muss also vereinfacht werden, um Infrastrukturprojekte zu beschleunigen. Den Vorschlag, sich an Dänemark zu orientieren, ist so nicht machbar. Ein Rechtssystem mit sogenannten „planfeststellenden Gesetzen“ wie im nördlichen Nachbarland gibt es in Deutschland nicht. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hatte Mitte 2017 in Berlin die „Strategie Planungsbeschleunigung“ des BMVI vorgestellt. Sie soll die konzeptionelle Grundlage, um Planungs- und Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte zu verkürzen, bieten. Dieser Ansatz ist so im bestehenden Koalitionsvertrag hinterlegt worden. Matthias Hoppe-Kossak, Direktor des Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt, und ländliche Räume des Landes SchleswigHolstein, Flintbek, berät und unterstützt das Ministerium des Landes in fachlichen Fragestellungen der Aufgabenbereiche Landwirtschaft, Fischerei, Entwicklung der ländlichen Räume, Gewässer, Naturschutz, technischer Umweltschutz sowie Geologie und Boden und ist im Einzelfall bei Infrastrukturplanungsverfahren einbezogen. Das gilt auch für die Kompensationsplanung im Rahmen landschaftspflegerischer Begleitplanung für Straßenbauvorhaben geht. Insofern kann das Landesamt an den Schnittstellen zum Infrastrukturausbau zur Verfügbarkeit von Daten und einem zielorientierten Informationsaustausch im Verfahren beitragen. Prof. Dr. Angelika Leppin, Kanzlei Weisleder und Ewer, stellt vor, wie Planungsprozesse beschleunigt werden können: ■ Optimierung von Verwaltungsabläufen, z. B. durch Bündelung behördlicher Kompetenzen, ■ bessere behördliche Zusammenarbeit, ■ Abschaffung von Doppelprüfungen, ■ Digitalisierung der Verfahren, BIM, ■ Optimierung naturschutzrechtlicher Prüfungen, z. B. durch stärkere Standardisierung, ■ Vereinheitlichung von Mess- und Kartierungsmethoden. Der jetzt anstehende, nächste Schritt ist ein entsprechendes Planungsbeschleunigungsgesetz, das in den kommenden Monaten im Entwurf durch die jetzige Bundesregierung vorgelegt werden soll und folgende Eckpunkte enthält: ■ Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren sollen in Pilotprojekten zusammengefasst werden, um Doppelarbeiten zu vermeiden. Für Ersatzbauten von Brücken und Schleusen sollen vereinfachte Verfahren stärker genutzt werden. ■ Projektmanager sollen behördliche Verfahren vorbereiten und durchführen können.

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Martin Henze Vorsitzender der Landesfachkommission

■ Artenschutzlisten sollen aktualisiert werden, damit die tatsächlich gefährdeten Arten effektiv geschützt werden. Umweltinformationen werden gebündelt und Kartier- und Artendaten in Datenbanken eingepflegt. Für Einwendungen soll die Präklusion, also eine Stichtagsregelung wieder eingeführt werden, um einen geordneten Abschluss der Verfahren und Rechtssicherheit zu gewährleisten. Die komplette „Strategie Planungsbeschleunigung“ findet man unter www.bmvi.de. Holger Trüller, geschäftsführender Gesellschafter der ITECS Engineering GmbH, berichtet über die Erfahrungen mit einem digitalisierten Planfeststellungsverfahren. Ein wesentliches Element ist hierbei die digitale Planungsmethode Building Information Modeling (BIM). Mit ihr wird die Baustelle zu einer intelligenten Plattform, die Dauer, Kosten und Risiken großer Bauprojekte in erheblichem Umfang reduziert. Die soll bis zum Jahr 2020 zum Standard bei neuen Verkehrsinfrastrukturprojekten gemacht werden, so auch im Koalitionsvertrag hinterlegt. Der Masterplan Bauen 4.0 des BMVI umfasst fünf Punkte: 1. Erprobung von BIM auf allen Verkehrsträgern: Das BMVI startet 20 weitere BIM-Pilotprojekte auf Schiene, Straße und Wasserstraße und investiert dafür insgesamt 30 Millionen Euro. 2. Pilotprojekte zum Einsatz von Drohnen: Unbemannte Flugsysteme können Baufelder deutlich präziser, schneller und kostensicherer vermessen als herkömmliche Methoden. Dies soll in neuen Projekten erprobt und in den BIM-Standard für 2020 aufgenommen werden. 3. Start einer BIM-Cloud: Die Verfügbarkeit von Daten zu Eigenschaften von Materialien kann das digitale Bauen massiv beschleunigen. Diese Daten sollen in einer BIM-Cloud bereitgestellt werden. 4. Einrichtung eines nationalen BIM-Kompetenzzentrums: Um die Umsetzung von BIM in allen Bereichen weiter voranzutreiben, sollen die Erkenntnisse und Erfahrungen zum Einsatz der digitalen Planungsmethode in einer neuen, zentralen Anlaufstelle gebündelt werden. 5. Gründung eines Construction Cluster: Wertschöpfung entsteht dort, wo Innovationen entwickelt, erprobt und werden. Im Vortrag wurde bezogen auf Modellprojekte und eine effiziente Koordinierung auch auf die Verhinderung von historischem Wissensverlust z.B. bei Weggang von Mitarbeitern ein■ gegangen.

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VERANSTALTUNG Sektion Nordfriesland

Wasserstoff ist die Zukunft Wasserstoffexperte des Fraunhofer Instituts Dr. Christopher Hebling

v.l. Werner Weßing, Dr. Christopher Hebling, Dr. Martin Grundmann (Modertor), Minister Dr. Bernd Buchholtz, Reinhard Christiansen, Tim Brandt

Während die Elektromobilität immer noch sehr langsam Fahrt aufnimmt, zeichnet sich am Horizont bereits eine nächste große Innovationswelle im Energiebereich ab: die Wasserstoffwirtschaft. Und Schleswig-Holstein hat aufgrund seiner Stromproduktion nicht nur gute Voraussetzungen, in dieser Entwicklung mitzumischen, sondern auch schon eine Reihe von Pilotprojekten. Text: Dr. Bertram Zitscher

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ies waren auch die entscheidenden Gründe, warum Dr. Christopher Helbing, Direktor der Abteilung Wasserstoff-Technologie des Fraunhofer-Instituts für Solarenergiesysteme des ISE Freiburg, spontan zugesagt hat, fachlich in die Veranstaltung in Husum einzuführen. Und seine Botschaft war klar: Die Wasserstoffwirtschaft kommt, und sie kommt mit Macht. Ein internationaler Treiber sei beispielsweise Japan, das angefangen habe, seine gesamte Volkswirtschaft auf das neue System umzurüsten. Ein weiteres Indiz für das Potential seien die Fortschritte beim Wirkungsgrad der Elektrolyse, die vor wenigen Jahren noch bei 40 Prozent lag und inzwischen bei 70 Prozent bis 80 Prozent liegt. Auch in Deutschland gebe es eine Reihe interessanter „Power to Gas“-Projekte, wie ENERTRAG Prenzlau, Energiepark Mainz oder in Werlte im Emsland. Dr. Helbing berichtete zudem über Gasröhrenspeicher, die unterirdisch Wasserstoff speichern könnten, das Landschafts-

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bild nicht beeinträchtigen oder auch direkt unter Solarfeldern Wasserstoff für 1,5-2 GWh aufnehmen könnten. Perspektivisch könne der Wasserstoff nicht nur zur Stabilisierung der Stromversorgung und für

die Industrie genutzt werden, sondern ebenso für Antriebe, um andere Kraftstoffe für die Mobilität zu ersetzen. Sektionssprecher Dr. Martin Grundmann ließ danach vier Pilotprojekte aus Schleswig-Holstein präsentieren, auch um Minister Dr. Bernd Buchholz eine gute Vorlage für seinen Beitrag zu liefern. Den Anfang machte Tim Brandt, Geschäftsführer der Wind to Gas Energy GmbH & Co. KG, der über das Projekt PtG berichtete, das in Brunsbüttel Überschussstrom bei hohen Windstärken in Wasserstoff umwandelt und den Wasserstoff in das lokale Erdgasnetz oder in den Tank einer Wasserstofftankstelle einspeist. Aus 2,4 MW Leistung ließen sich 40 kg Wasserstoff pro Stunde generieren, die ein Brennstoffzellen-Pkw 4.000 Kilometer transportieren könne. Dabei sei der Tank-

Chemische Energiespeicherung Optimierung von Deutschlands zukünftigem Energiesystem

Quelle: Fraunhofer ISE

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VERANSTALTUNG Sektion Nordfriesland

Wechsel zu einer erneuerbaren Energiewirtschaft mit sythetischen Kraftstoffen – der Wasserstoffpfad

Dr. Grundmann verwies abschließend auf das vierte H2-Projekt in Schleswig-Holstein, nämlich die Umrüstung im Bahnverkehr, und war dann gespannt auf die Reaktion des Ministers.

Quelle: Fraunhofer ISE

vorgang 30mal schneller als bei einem modernen Elektromobil. Für die Wirtschaftlichkeit müssten sich allerdings die Rahmenbedingungen ändern. Nicht nur die EEG-Umlage und Netzentgelte sollten für diese Technologie wegfallen, sondern Wasserstoff sollte in der Raffinerie und als Kraftstoff als emissionsfrei anerkannt werden und weitere Hürden im EEWärmeG, im § 13 EnWG und in der TEHG seien zu schleifen. Erst dann wäre der Weg frei, die Wertschöpfung aus der Produktion von erneuerbaren Energien in Schleswig-Holstein zu ernten. Werner Weßing, Gas Programm Manager der E.ON Metering GmbH aus Essen, berichtet von dem ersten EU-weiten Wasserstoffprojekt für ein Gasverteilungsnetz ohne Austausch der Gasgeräte, das über die Druckregelanlagen Klanxbüll und Neukirchen in Gastermen von 170 Netzkunden eingespeist wird. Im Jahr 2014 habe man angefangen mit kurzen Zuspeisungen von 2 Prozent, 3 Prozent und 4 Prozent Wasserstoff, die dann in neun verschiedenen Gerätearten von 27 Herstellern in Wärme und Strom umgewandelt worden seien. Im Jahr 2015 habe man dann die Phase verlängert und den Anteil auf 6,5 Prozent und dann 9 Prozent erhöht. Der Betrieb lief störungsfrei. Labortests hätten ergeben, dass auch bei einem Einspeiseanteil von 20 Prozent Wasserstoff ins Erdgasnetz kein Austausch der Endgeräte erforderlich sei. Als nächstes werde man eine Einspeisung bis 30 Prozent testen. Darüber hinaus dürfte es Schwierigkeiten bei den Endgeräten geben, die Gasnetze seien jedoch ausgelegt, auch 50 Prozent oder sogar 100 Prozent Wasserstoff aufzunehmen.

Reinhard Christiansen, geschäftsführender Gesellschafter der Energie des Nordens GmbH & Co. KG, betreibt bereits viele Bürgerwind- und Solarparks sowie Umspannwerke und arbeitet jetzt an mittels eines Elektrolyseurs eine Wasserstofftankstelle in Ellhöft betreiben. Toyota, Hyundai, Renault und Daimler würden zwar schon entsprechende PKW-Modelle feilbieten, für die Wirtschaftlichkeit seiner Tankstelle brauche er jedoch eine hohe garantierte Auslastung, d.h. eine Abgabe von jährlich 36.000 kg Wasserstoff, was in etwa 20 täglich tankenden Pkw oder 100 entspricht. Auch er klagt über eine Reihe von Regulierungen, die notwendig seien, wie eine Befreiung von Steuern und Abgaben sowie einer immissionsschutzrechtlichen Genehmigung. Ohne Investitionsund Betriebsförderung sei das Vorhaben unwirtschaftlich, aber ohne praktische Erfahrungen würden auch die Perspektiven für wasserstoffgetriebene Mobilität von Bussen, Lkw, Bahn, Schiffen und Fahrrädern wenig aussichtsreich.

Minister Dr. Bernd Buchholtz

Dr. Bernd Buchholz, Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein, dankt für die Vorstellungen: SchleswigHolstein habe einen einzigartigen Vorteil, nämlich viel überschüssige Energie, dessen Abriegelung volkswirtschaftlicher Schwachsinn sei. Südlink, d.h. der Abtransport gen Süden werde nicht vor 2027 bis 2030 Realität, wobei die Südländer keine Freunde des Stroms aus dem hohen Norden und die Küstenländer zusammen im Bundestag und im Bundesrat weit weg von einer Mehrheit seien. Deshalb sollte der Norden frühzeitig Alternativen prüfen, und Wasserstoff biete dazu großartige Perspektiven, in Deutschland zum Vorreiter zu werden. Er werde sich auf der Bundesebene dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen dafür geschaffen und auch Experimentiermöglichkeiten ■ gefördert werden.

H2-Projekt Ellhöft – Anlagenkonzept

Quelle: Energie des Nordens GmbH & Co. KG

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VERANSTALTUNG Sektion Herzogtum Lauenburg

Ausbauplanungen des Elbe-Lübeck-Kanals haben begonnen Nachdem der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages den Weg für die Planung eines Ausbaus des Elbe-Lübeck-Kanals frei gemacht hat, besteht die Chance, die Ostsee an das transeuropäische Binnenstraßennetz anzuschließen. Für Schleswig-Holstein und Hamburg als Logistikdrehscheibe zwischen Skandinavien und dem Rest der Welt eröffnen sich dadurch interessante Entwicklungsperspektiven.

das Podium v.l. Lars Schöning, Norbert Brackmann MdB, Rudolph Freiherr von Schröder, Andreas Dohms, Dr. Heinz Klöser

Text: Dr. Bertram Zitscher

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m die sich mit den Finanzierungszusagen des Bundes eröffnenden Entwicklungschancen für die Region zu erörtern, hatte die Sektion Herzogtum Lauenburg ein Podium in Meier´s Gasthof in Sichtweite zur Kanalschleuse eingeladen, um mit Befürwortern, aber auch Naturschützern über die Chancen und nächsten Schritte zu sprechen. Etwa dreißig Teilnehmer folgten der Einladung und durften Norbert Brackmann bei seinem ersten Auftritt als maritimer Koordinator der Bundesregierung erleben, der zuvor als Bundestagsabgeordneter noch wesentlich an der positiven Entscheidung mitgewirkt hatte. Brackmann berichtete von einer Vielzahl von Unternehmen, die in der Verwirklichung des Projektes große Nut-

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zungspotentiale für sich erkennen. Der Kanal habe in den letzten Jahrzehnten mit dem Größenwachstum der Binnenschiffe immer mehr an wirtschaftlicher Bedeutung verloren. Mit einem Ausbau würde sich die Situation schlagartig verändern, weil die dann üblichen Binnenschiffe wieder Schüttgut von der Ostsee in die Elbe und von dort weiter in alle Richtungen verbringen könnten. Zudem stünden die Antriebskonzepte auch für die Binnenschifffahrt vor einem Wandel hin zum „Green Shipping“, womit die Logistikketten im Vergleich zu Beförderungen an Land und auf der Schiene ihren Vorsprung mit Blick auf die Umwelt weiter ausbauen würden. Und schließlich sei mit dem Projekt ein Investitionsvolumen von fast einer Milliarde Euro verbunden, was auch für die Region eine nicht unerhebliche Wertschöpfung in den nächsten Jahren bedeute.

Andreas Dohms, Projektleiter ElbeLübeck-Kanal des Wasser- und Schifffahrtsamtes Lauenburg, stellte allerdings fest, daß man mit der Planung noch ganz am Anfang stehe. Einzelheiten und Gesamtkosten stünden noch nicht fest, aller-

Projekt W 33 des Bundesverkehrswegeplanes Längsschnitt

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VERANSTALTUNG Sektion Herzogtum Lauenburg

Entwicklung der Ladungsmengen und Schiffspassagen 1965-2016

Quelle: Wasser- und Schifffahrtsamt Lauenburg

dings habe man schon vor längerer Zeit begonnen, Schleusen zu erneuern und Brücken anzuheben. Wenn das Ertüchtigungsprogramm einmal abgeschlossen und der Kanal verbreitert worden sei, wäre auch ein zweilagiger Containertransport von Lübeck nach Hamburg möglich. Naturschützer Dr. Heinz Klöser, vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sah die Perspektiven allerdings weniger rosig. Neben einigen ökologischen Gefährdungen für den Lebensraum einiger Fischarten zweifelte er an der Wirtschaftlichkeit des gesamten Projektes und sah auch negative Auswirkungen für den Tourismus. Binnenschiffe seien umweltschädlich, weshalb er für den Ausbau der Güterbahnverbindun-

2030: Ausbau des Elbe-Lübeck-Kanals

gen werben möchte. Nicht nur bei Lars Schöning, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Lübeck, stießen diese Behauptungen auf Unverständnis. Sämtliche Voruntersuchungen der Kammer seien zu vollkommen anderen Ergebnissen gelangt. Sektionssprecher Rudolph Freiherr von Schröder nahm den Disput allerdings gelassen und stellte abschließend fest, die kontroversen Ansichten zeigten doch, daß es wichtig sei, die Argumente auszutauschen. Der Wirtschaftsrat sehe in dem Projekt große Entwicklungschancen für Schleswig-Holstein, aber auch für das Herzogtum, und werde es daher weiter ■ konstruktiv begleiten.

Quelle: Wasser- und Schifffahrtsamt Lauenburg

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VERANSTALTUNG Sektion Plön/Ostholstein

Perspektivisch wuseln Geräte wie Ameisen über die Felder Was ist zu tun, damit Schleswig-Holstein nicht nur ein traditioneller, sondern technologisch führender Agrarstandort bleibt? Text: Holger Hartwig

D iese Frage stand im Mittelpunkt einer

Podiumsdiskussion der Sektion Plön/Ostholstein in der Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp. Das Besondere war dabei der Mix der Teilnehmer: ein Praktiker, ein Wissenschaftler und ein Politiker. Alle drei waren sich einig: Der stetige Wandel in der Landwirtschaft wird sich durch die Digitalisierung enorm beschleunigen. Künftig werden neben dem Ertrag als traditionellem Aspekt weitere Komponenten wie Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit die Qualität in der Tierhaltung und im Ackerbau ausmachen. Nach der Begrüßung durch Sektionssprecher Karsten Kahlcke und dem Hausherrn, Landwirtschaftskammerpräsident Claus Heller, war es Magnus von Buchwaldt vom Gut Helmstorf vorbehalten, als Praktiker den Startschuss vor etwa 30 Zuhörern zu geben. Er berichtete von dem gemeinsamen Projekt „On-Farm-Research“ mit der Landwirtschaftskammer. Zehn Jahre lang wurden mit finanzieller Förderung der Kammer auf etwa 300 Hektar Versuche mit modernen Düngemitteltechniken, Saatverfahren und dem Einsatz von GPS-Sensoren bei der Bewirtschaftung gemacht. Buchwaldt: „Auch wenn die Auswertung der extrem großen Datenmengen aktuell noch nicht abgeschlossen ist, gibt es erste Erkenntnisse.“ So habe sich der Einsatz von Sensortechniken, beispielsweise bei Steuerung der Düngemengen, als verbesserungswürdig herausgestellt. „Die Schnelligkeit bei der Datenverarbeitung und die Möglichkeiten der Einbindung von Ertragspotenzialkarten müssen besser werden.“ Insgesamt fällt sein Fazit positiv aus, denn „wir hatten viel

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Die Innovationsfähigkeit in der Landwirtschaft war das Thema des Abends mit (von links) Prof. Dr. Eberhard Hartung (Uni Kiel), Sektionssprecher Karsten Kahlcke, Dr. Michael von Abercron MdB, Magnus von Buchwaldt (Gut Helmstorf) und Claus Heller (Präsident der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein).

Resonanz aus der Landwirtschaft und konnten bei den Versuchsreihen auch mehr Ertrag feststellen.“ Inwieweit der Mehrertrag trotz der Technikkosten für mehr Wirtschaftlichkeit sorge, müsse noch ausgewertet werden. Buchwaldt: „Fest steht: Die Innovationen bieten immer mehr Potenziale. Es ist wichtig, dass wir am Ball bleiben und auch die Anforderungsprofile in der Ausbildung und für die Mitarbeiter anpassen.“ Nach dem Praktiker folgte mit Professor Eberhard Hartung, Direktor des Instituts für landwirtschaftliche Verfahrenstechnik der Christian-Albrechts-Universität, der Wissenschaftler. Er machte deutlich, dass „wir in Schleswig-Holstein in der Forschung gut aufgestellt sind, aber die Entwicklung der Landtechnik durch Unternehmen leider nicht bei uns stattfindet.“ Auch aus seiner Sicht werde ein Wandel im Denken die nächsten Jahre bestimmen. „Es geht heute neben dem Ertrag deutlich mehr um die Produktqualität und die Verträglichkeit für Umwelt und Tiere.“ Auch könnten sich für die Landwirtschaft weitere Handlungsfelder, z.B. im Bereich Energieversorgung und Biodiversifizität, ergeben. Mit Blick auf die klassische Landwirtschaft wird nach Hartungs Worten die weitere Präzision die Herausforderung „Mit fortschreitender Technik ist die zen-

trale Frage für Dünger und Futter: Wann muss wo wie was an wen gebracht werden?“ Dabei gehe es darum, mit Sensortechnik besser zu sein als das menschliche Auge, beispielsweise bei ersten Anzeichen von Pilzbefall oder Krankheiten. „Entscheidend ist, einzelne Techniken besser als heute zu vernetzen und so Entscheidungsunterstützung zu geben.“ Zudem müssten die Systeme „durch intuitive Bedienung bildungsneutral nutzbar sein“. Mit Blick auf die Zukunft sagte er voraus, dass bei Maschinen die technisch-ökonomischen Grenzen erreicht sind. „Perspektivisch sehe ich eher Geräte, die wie Ameisen über die Felder wuseln.“ Abgerundet wurde das Podium durch Dr. Michael von Abercron (CDU), der im Bundestag unter anderem im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sitzt. Der Politiker aus Elmshorn sprach über die Inhalte des Koalitionsvertrages. Die bisherige Politik mit der Entwicklung von der Planwirtschaft hin zur Wettbewerbslandwirtschaft werde fortgesetzt, so Abercron MdB. „Wir wollen die unternehmerische Landwirtschaft erhalten, nicht zu starke Regeln vorgeben und Innovationen durch steuerliche Entlastungen fördern.“ Neue Akzente würden in der Förderung gesunder Ernährung durch ein nationales Vergiftungsregister, Flexibilisierung der Sozialabgaben und Bürokratieabbau gesetzt. ■

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JUNGER WIRTSCHAFTSRAT Schleswig-Holstein

Erfolgreiche Agrar-Startups aus Schleswig-Holstein Text: Dr. Bertram Zitscher

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iesmal ging es um Verpackungsfolien aus Zellulose, Seegras-Ernte und die gastgebende Krauterie, ein stark wachsendes Online-Handels-Geschäft für Kräutermischungen für Tiere. Gastgeberin Herdis Hiller hat ihr Unternehmen im Jahr 2012 gegründet, zunächst mit einer parallelen Beschäftigung und im häuslichen Umfeld. Inzwischen hat sie 15 Festangestellte und ist mit ihrem Betrieb bereits zweimal umgezogen. Ihr Credo: höchste Qualität im Auftritt und den Produkten. Seitdem ist

Herdis Hiller, Gründerin der Krauterie GmbH und Gastgeberin

ihr Auftritt vielfach kopiert worden, aber eine Rücklaufquote von 0,3 Prozent und offenbar funktionierende Mundpropaganda haben das Wachstum befördert. Dennoch war der Weg steinig. Jedes Jahr eine neue, unerwartete Herausforderung. Die Futtermittelbehörde sei auf Konzerne gemünzt, die notwendige Deklaration der Chargen teuer: 60-150 Euro pro Laboruntersuchung. Bei Google war man schnell ganz oben, was dann aber auch schnell zu Aufmerksamkeit von Konkurrenten führte, die zunächst Testkäufe durchgeführt und dann negative Bewertungen eingetragen haben. „Das ist offenbar ganz normal.“, so Hiller lachend. Informationen über die Wirkungen von Kräutern dürfe man nicht geben. An dieser Front sei die Tierarzneimittelindustrie extrem wachsam. Zuletzt sei nun die Datenschutzgrundverordnung relevant geworden. Seitdem seien auch Kundenbewertungen schwierig. Hiller nimmt das alles mit Humor: „Sonst könnte man das alles nicht durchstehen.“ Sie

Nach der ersten Startup-Runde im Dezember 2017 hat der Junge Wirtschaftsrat die Reihe fortgesetzt, um die spezifischen Erfolgsfaktoren potentieller Bewerber für einen Agrar-Akzelerator weiter zu klären. plant weitere Anstellungen, und die Räumlichkeiten werden schon wieder knapp. Kristian Dittmann, geschäftsführender Gesellschafter, der Strand-Manufaktur aus Kappeln will gar nicht wachsen, sondern von seinem kleinen Betrieb nur leben können. Als Hartz IV-Empfänger bat er um Unterstützung bei der WTSH für seine Idee, Seegras zu nutzen. Seegras war früher Teil der Alltagskultur, weil es viel Feuchtigkeit aufnehmen kann, ohne zu schimmeln. Seeleute haben es als Kopfkissen genutzt, und Pferdebesitzer als Einstreu, weil es heilende Wirkung gegen Huffäule hat. Zudem beherbergt es keine Milben, sei also gut für Allergiker, weniger Schnarchen, weniger Schnupfen. 60 Seiten Busi-

Euro kostet ein Kissen. Sein Anschauungsobjekt wurde er gleich los. Superseven wurde vor einem Jahr von Katja und Sven Seevers gegründet, und hat dieses Jahr den Existenzgründerpreis in Lübeck gewonnen. Es stellt transparente und bedruckbare Verpackungsfolien aus Zellulose her. Auch das, so die Gründerin, sei im Prinzip ein alter Hut, denn auf dieser Grundlage wurde vor dem zweiten Weltkrieg schon verpackt. Dann aber kamen die Ölindustrie und damit die Plastikverpackungen, die mit beschichteten

Katja und Sven Seevers, Gründer der Superseven GmbH

Kristian Dittmann, Die Strand-Manufaktur

nessplan sollte er ausfüllen. Dann kam die Ablehnung: Kein technischer Fortschritt, das sei ja eine alte Idee. Und die Förderung sei ja für seinen Lebensunterhalt. Das sei nicht vorgesehen. Er hat es trotzdem gestartet. Seine Rücklaufquote liege bei 0,1 Prozent. Das Seegras ernte er nach günstigen Winden tonnenweise, dann wird es gewaschen und gereinigt, und schließlich in Kissenbezüge gesteckt. Er bietet lebenslange Garantie. Wenn es zu trocken wird, bricht das Gras, dann müsste aufgefüllt werden. Hochskalieren? Lieber social franchising! Wer Interesse hat, den weiht er gratis in seine Betriebsgeheimnisse ein. 50

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Tetrapacks den Milliardenmarkt erobert haben. Am 1.1.2019 tritt nun aber ein neues Verpackungsgesetz in Kraft. Superseven mit ihrer Marke RePack sehen darin große Wachstumschancen. Das mitgebrachte Anschauungsprodukt wurde von den Teilnehmern als sehr überzeugend empfunden. Preislich liege man allerdings 20 bis 50 Prozent über den Plastikprodukten, noch. Das sei zwar nicht wenig, aber die Kundenachtsamkeit wachse, und die Verpackung habe in der Regel nur einen kleinen Kostenanteil des Gesamtprodukts. Fazit: Biologische Produkte bieten viel Potential, gerade für Startups. Erfahrungsaustausch, aber auch erfahrene Partner können den Erfolg beschleunigen und ■ vergrößern.

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JUNGER WIRTSCHAFTSRAT Schleswig-Holstein

Kryptowährungen: Orientierung im Mirkokosmos nach dem Urknall Text: Dr. Bertram Zitscher

Dr. Stefan Hlawatsch, geschäftsführender Gesellschafter der Skybridge GmbH & Co. KG aus Hamburg beobachtet den Markt aus der Sicht eines Vermögensverwalters. Seine Wahrnehmung: „Man kann inzwischen von einer Blase sprechen.“ Es gäbe viele „Scam“-Angebote. Und: „Der Markt ist noch relativ klein. Alle Krytowährungen zusammen erreichten noch nicht einmal 25 Prozent des Umsatzes der AppleAktien. Bitcoin könne nur sieben Transaktionen pro Sekunde verarbeiten, VISA

Der Hype um Kryptowährungen ist nach der Überhitzung wieder ein wenig abgekühlt, aber der Markt wird nicht wieder verschwinden. Das sehen jedenfalls die Experten so, die neue Geschäftsmodelle darauf ausrichten. Allerdings seien wie in jedem Markt noch erhebliche Umbrüche zu erwarten. plätzen bestünden noch große Ineffizienzen. Bis vor kurzem waren die Preisunterschiede für virtuelle Währungen zwischen den Börsen teilweise frappierend hoch, z.B. im Vergleich mit den Tauschbörsen in Korea, an denen Bitcoin bis zu 80 Prozent mehr kosteten als in Europa. Besonders interessant seien zurzeit Initial Coin Offerings (ICO) – die Frühphasenfinanzierung von Blockchain-Startups. Man arbeite an einem InvestmentAnsatz, der neue Geschäftsmodelle früh-

erliche Behandlung von Kryptowährungen. Diese seien steuerlich kein Zahlungsmittel und auch kein E-Geld, sondern ein Vermögensgegenstand. Im Privatvermögen seien sie nur innerhalb der einjährigen Spekulationsfrist besteuerbar, wobei eine Freigrenze bis 600 Euro geltend gemacht werden könne. Beim Mining liege diese Grenze bei 256 Euro. Beim Betriebsver-

Dr. Stefan Hlawatsch, geschäftsführender Gesellschafter der Skybridge GmbH & Co. KG

dagegen 50.000. Und auch die Transaktionsgebühren seien mit 3,5-5 Prozent nicht mehr günstig. Die Hauptakteure sitzen in Asien, zum Neujahrsfest gingen die Kurse regelmäßig in den Keller, weil die Chinesen Geld für Geschenke aus dem Markt abziehen. Die Tauschbörse BitCoinStamp sitze in Litauen und wickle täglich Transaktionen im Jahr von 350 Millionen Euro ab. Großbanken meiden den hochvolatilen Markt. Aber dennoch gebe es Potentiale, wenn über die Blockchain Finanzintermediäre ausgeschaltet werden können. Noch fehle es aber an Regularien, die nur international sinnvoll erscheinen. Jannis Holthusen, geschäftsführender Gesellschafter der Upchain GmbH aus Hamburg, teilt die Auffassung seines Vorredners. Der Markt sei noch unausgegoren, viele Ansätze hätten keinen erkennbaren Nutzen, selten gäbe es schon ein fertiges Produkt. Auch an den Handels-

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Dr. David Eberhard, Steuerberater der Kanzlei HLB Stückmann Jannis Holthusen, geschäftsführender Gesellschafter der Upchain GmbH

zeitig identifiziert und in aussichtsreiche Entwicklungsteams investiert. ICOs haben hohe Risiken und es fehle an erprobten Bewertungsmodellen. Zudem sei der Markt stark korreliert, d.h. wenn der Bitcoin sinke, gingen alle anderen Preise mit in den Keller. Im letzten Jahr hätte jeder gewonnen, 2018 folge jetzt eine Konsolidierung und Professionalisierung. Das gelte auch für die Regulierungen. Die Bafin hat einen Token kürzlich als Wertpapier eingestuft. Dr. David Eberhard, Steuerberater der HLB Stückmann, aus Bielfeld, gibt abschließend einen Überblick über die steu-

mögen gäbe es eine Aktivierungspflicht, Gewinne aus gewerblichem Mining sind ebenso steuerpflichtig. Unterschiede gibt es aber bei der Umsatzsteuer, denn Kryptowährungshandel sei davon befreit, während das beim Mining noch unklar sei. Im Ergebnis wird deutlich: Wer sich nicht sehr genau auskennt, sollte die Finger davon lassen. Auf der anderen Seite ist der Markt noch jung, und er bietet eine beschleunigte Finanzierungsmöglichkeit für neuartige Geschäftsmodelle, ähnlich wie bei einem Crowdfunding. Insofern bleibt die Entwicklung interessant. ■

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LANDESFACHKOMMISSION Gesundheitswirtschaft

Gesundheitspolitische Ziele für Berlin Prof. Dr. Claudia Schmidtke MdB, Mitglied des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag, wurde als leitende Oberärztin in der Herz- und Gefäßchirurgie des Herzzentrums Bad Segeberg direkt in den Bundestag gewählt. In den folgenden Bereichen will sie sich verstärkt einsetzen: Versorgungsforschung; dies ist ein wichtiges Thema für die Optimierung der Krankenversorgung, bisher werden die Daten nach fünf Jahren gelöscht, dies sollte aufgehoben werden. Zum Thema Fernbehandlungsverbot gibt Schmidtke an, dass Lösungen in Zusammenarbeit mit den Kassenärztlichen Vereinigungen erarbeitet werden müssen. Schleswig-Holstein ist diesbezüglich Vorreiter. Das schwierige Thema der Notfallambulanzen und der diesbezüglichen Unklarheit der Abrechnung sei im Kontext von Portalpraxen, die dann 24 Stunden geöffnet sein sollten, zu sehen. Der gemeinsame Bundesausschuss plant die Notfallversorgung an Krankenhäusern je nach Strukturqualität stufenweise (drei Stufen) zu vergüten. Diskutiert werde darüber hinaus die Frage des Datenschutzes in der Telemedizin. Inwieweit hier eine bundeseinheitliche Identifikationsnummer des Patienten helfen könne und wie die verschiedenen Zugriffsrechte auf die Daten gesetzeskonform geregelt werden können, ist gegenwärtig Inhalt der Diskussion. Die Sicherstellung des Bedarfs und der Bedarfsplanung für Hausarztpraxen auf dem Lande sei ein weiterer Diskussionspunkt. Diesbezüglich werde erneut die Idee der Finanzierung des Studiums für zukünftige Betreiber von Landarztpraxen diskutiert. Volker Krüger bittet Prof. Schmidtke, die Rahmenbedingungen für Belegkrankenhäuser stärker in den Fokus zu rücken. Diese Krankenhausart sei relativ günstig, werde aber politisch stark vernachlässigt. Dr. Bertram Zitscher bittet darum, bei den aufgelaufenen Überschüsse der Sozialkassen zunächst die Frist für die Entrichtung der Sozialabgaben wieder auf den alten Stand zu setzen. Vor einigen Jahren, als es den Kassen schlecht ging, habe man die Zahlungsfrist kurzerhand vorgezogen, um einmalig fünf Milliarden Euro Liquidität bei den Unternehmen zugunsten der Kassen abzuschöpfen. Verbunden damit sei eine erhöhte Bürokratie, weil bei Krankheiten Nachmeldungen notwendig geworden seien. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, die Systemreserven wieder aufzufüllen und die Bürokratie, die insbesondere kleine Unternehmen ohne entsprechende IT-Systeme betreffe, wieder zurückzunehmen.

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Florian Friedel Vorsitzender der Landesfachkommission

Krankenhausstruktur nach den Koalitionsverhandlungen Otto Melchert, kaufmännischer Vorstand der Lubinus-Stiftung, Kiel, referiert zum Abschied aus seiner Funktion seine Analyse des Koalitionsvertrages. Das Ergebnis sei ernüchternd. Bei der Krankenhausplanung seien keine Lösungen für die hohe strukturelle Dynamik, den Investitionsstau, sowie für die medizinischtechnische Dynamik durch technischen Fortschritt erkennbar und beim Fachkräftemangel sehe es nicht besser aus: Untergrenzen werden dem Alltag nicht gerecht und blockierten Innovationen, Selbstkostendeckung ersetz keine Investitionen und die Finanzierung biete keine neuen Spielräume. Aktuelle Entwicklungen im Vertragsarztrecht Johannes Kalläne, Fachanwalt für Medizinrecht, medlegal Rechtsanwälte, führt aus, dass man das Vertragsarztrecht aus der Sicht der Leistungsträger denken müsse. Ein überörtliches MVZ brauche mindestens zwei Ärzte. Für eine Nachbesetzung gäbe es zwei Möglichkeiten, nämlich zum einen die Ausschreibung, die allerdings mit hohen Unsicherheiten für den MVZ-Unternehmer verbunden sei, auch weil Konkurrentenklagen nicht unüblich seien. Das Bundessozialgericht habe als Ausweg für eine notwendige Nachbesetzung die andere Möglichkeit einer Überbrückung durch einen Arzt, der mindestens drei Jahre angestellt werde, eingeräumt. Anschließend komme es zur Nachbesetzung „zweiter Art“, indem man beispielsweise einen Hausarzt hereinhole (Verdünnen). Auswege bestünden über die Gründung einer Zweigstelle. Demnach scheine es empfehlenswert, wenn man zur Übertragung eines Kassensitzes sieben Jahre vorher ein MVZ als GmbH gründe, um einerseits Investitionsschutz zu erreichen und die Patientenversorgung kontinuierlich sicherstellen zu können. Dr. Monika Schliffke merkt an, dass das Urteil des Bundessozialgerichts noch aus einer Zeit der Ärzteschwemme stammen würde. Otto Melchert berichtet, dass man als Krankenhaus bei den Facharztpraxen zunehmend marktkonzentrierten Strukturen ausgesetzt sei. Herr Kalläne bestätigt die Entwicklung. Im radiologischen Bereich würden Hedgefonds seit einigen Jahren systematisch alle Facharztsitze erwerben. Auch im nephrologischen Bereich gäbe es inzwischen praktisch nur noch zwei bundesweite Anbieter. ■

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LANDESFACHKOMMISSION Immobilienwirtschaft

Stabwechsel

Dr. Ulrich Schlenz neuer Vorsitzender der Landesfachkommission Wolfgang Weinschrod scheidender Vorsitzender der Landesfachkommission

N

ach erfolgreicher Aufbauarbeit hat Wolfgang Weinschrodt den Stab des Vorsitzes an Dr. Ulrich Schlenz weitergegeben. Der Landesverband dankt dem scheidenden Vorsitzenden herzlich für die vorbildliche Aufbauarbeit, die ein funktionierendes Kompetenznetzwerk, wichtige politische Empfehlungen und eine zur Fortsetzung animierende Agenda hinterläßt. Drei Themen beherrschten die Sitzung im Übergang: Erfahrungen aus dem Bau der Elbphilharmonie Beate Cornils, Seniorprojektleiterin der HOCHTIEF Infrastructure GmbH, berichtet über die Probleme, die sich beim Bau der Elbphilharmonie ergaben und ihren Ursprung schon am Anfang des Projekts gehabt hätten, weil Planung und Ausführung getrennt vergeben worden seien. Die Verträge seien nicht aufeinander abgestimmt gewesen. Erschwert wurde die Ausführung, da mit Auftragserteilung Planungen für Spezialgewerke noch nicht vorlagen und daher Budgets vereinbart gewesen wären, die sich im Laufe der Projektfortführung verdoppelt oder verdreifacht hätten. Eine weitere Erschwernis war ein dritter Konzertsaal, der nach Auftragsvergabe zusätzlich geschaffen werden musste. Bedenken von HOCHTIEF zur Standsicherheit der Saaldachstatik hätten schließlich zu einem fast zweijährigen Baustopp geführt. 2013 hätten sich die Parteien in einer Neuordnung des Projektes für den Weiterbau unter der alleinigen Verantwortung einschließlich der notwendigen Neuplanung durch HOCHTIEF geeinigt. Die Überarbeitung und Vervollständigung der Planung habe mehr als 230 Planer beschäftigt. Mit der Neuordnung konnte das Projekt dann im vereinbarten Kosten- und Terminrahmen an die Stadt Hamburg übergeben werden. Die Umsetzung der Planung in die Bauausführung sei an der Grenze des technisch Machbaren gestoßen. Fast alle eingesetzten Baustoffe und Systeme seien einzigartig für dieses Projekt entwickelt worden. Frau Cornils stellt fest, dass es sich bis zur Neuordnung um kein ÖPP-Projekt gehandelt habe, sondern um einen typischen Fall öffentlich ausgeschriebener Projekte mit politisch motivierter Kostenberechnung und getrennter Vergabe von Planung und Bau. Die Kommission ist sich einig, dass die Verantwortung für Planung und Ausführung unbedingt in einer Hand liegen sollte, um solche Fälle zukünftig zu vermeiden. Wohnungsbau in Schleswig-Holstein Peter Lehnert MdL, Fachsprecher Wohnungsbau der CDU-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein, berichtet, dass eine Mietpreisbremse aus wohnungswirtschaftlicher Sicht nicht zweckmäßig

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sei. Sie soll für Schleswig-Holstein auslaufen und durch andere Instrumente ersetzt werden. Zur Neuausrichtung des Landesentwicklungsplanes werde es in den Großräumen Lübeck, Kiel und Hamburg Lockerungen geben, um zusätzliche Bebauung zu ermöglichen. Nach einer Vorlage im August 2018 soll es im Q1 2019 zu einer Beschlussfassung kommen, wobei bereits ab Q4 2018 Flexibilisierungen beantragt werden könnten. Anschließend sei eine Revision der drei Regionalplanungen vorgesehen. In der Diskussion wird empfohlen, die Planungen der Straßen auf den Landesentwicklungsplan abzustimmen. Zeitgemäßes Bauen und der Siedlungsbau Schleswig-Holstein Dietmar Walberg, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V., stellt die ARGE vor, die vor 72 Jahren gegründet wurde und seinerzeit den Investitionsprozess des Marshallplans zum Wiederaufbau in Schleswig-Holstein begleitet habe. In den Anfangsjahren habe sie Typenhäuser entworfen, die zum Teil als Kleinsiedlungshäuser mit Stallungen an vielen Stellen des Landes errichtet worden seien. Einer breiten Masse in der Bevölkerung sollte die Chance gegeben werden, ein Haus zu erwerben. Eigenkapital, das viele Bauwillige nicht hatten, wurde durch Eigenleistung ersetzt. Bis 1996 sind auf diesem Weg ca. 75.000 Häuser in Schleswig-Holstein entstanden. Die ARGE plädiert für einen kostengünstigen Siedlungsbau und hält diesen unter folgenden Gesichtspunkten für umsetzbar: ■ Kommunen müssten geeignete Grundstücke zu günstigen Preisen zur Verfügung stellen und dürften keine kostentreibenden Auflagen machen. Reihenhäuser oder zumindest Doppelhäuser kommen zuvorderst in Betracht. Zwei- oder Dreigeschossigkeit sei deutlich wirtschaftlicher. Baufelder sollten im Bereich 250-300 m2 liegen. ■ Bauträger können Fördergelder für die Erwerber beantragen und sollten zudem darauf achten, dass weiterhin Eigenleistungen möglich seien. Mit Eigenleistungen könnten heute erfahrungsgemäß 40.000-45.000 Euro Baukosten gespart werden. ■ Zu den Rahmenbedingungen gehöre ein Wettbewerb für günstige und zeitgemäße Eigenheime, der Interesse bei Kunden wecken könne. Das Land müsse Förderangebote sinngemäß anpassen. Erwerber sollten finanzwirtschaftlich betreut werden. Er stellt klar, dass organisierte Eigenleistungen auch heute nicht unter Schwarzarbeit fallen. Bei Serienbauweise erreiche man maximal 10-15 Prozent Einsparungen der Baukosten. Mit zunehmender Individualisierung im Siedlungsbau seien auch etwaige Skaleneffekte verschwunden. Nach dem dominierenden Siedlungsbau und der zweiten Phase ohne echten Siedlungsbau ab 1996 könne er sich einen neuen Ansatz 3.0 durchaus vorstellen. ■

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VERANSTALTUNG Sektion Kiel

Städtische Wohnungspolitik – Vorbild Hamburg Wohnraum ist knapp. Und der Mangel ist nicht schnell zu beheben. Es fehlen Flächen, Handwerker und mit der permanent ausufernden Überregulierung auch zunehmend private Investoren. Prof. Dr. Bernd Dahlgrün hat für die Flächenknappheit einen Vorschlag aus Hamburg mitgebracht, wo die Flächenknappheit naturgemäß noch deutlich größer ist. Text: Dr. Bertram Zitscher

S ein Lösungsvorschlag ist einfach: Stärker in die Höhe bauen. Dass dies naheliegt, macht er deutlich an der möglichen Bauhöhe in der Gründerzeit, die bis zum Jahr 1938 gültig war. Dann folgte mit der Baupolizeiverordnung eine deutliche Herabsetzung der maximal erlaubten Bauhöhe, die im Jahr 1969 noch einmal weiter abgesenkt wurde und erst im Jahr 2005 wieder auf das Vorkriegsniveau angehoben worden sei. Er habe als Projekt der Hafencity-Universität das Nachverdichtungspotential abgeschätzt und ist für Hamburg auf über 75.000 Wohnungen gekommen. Dann folgte der Dialog mit der Politik. Der Aufbau sei nicht wirtschaftlich, nur für Luxuswohnungen geeignet, wurde ihm entgegengehalten. „Das sei nicht richtig, schon gar nicht angesichts der gestiegenen Neubaupreise auf leeren Flächen.“ Allerdings sollte man sich von der Aufzugspflicht verabschieden, und auf Holz als leichtes Baumaterial setzen. Zudem gebe es energetische Vorteile gegenüber neuen, freistehenden Einheiten.

Doris Grondke, Leiterin Dezernat Stadtentwicklung und Umwelt der Landeshauptstadt Kiel, hörte interessiert zu, bevor sie dann die aktuelle Lage in Kiel und ihre Pläne vorstellte. Diese reichen von dem Füllen von Baulücken und eine Nachverdichtung bis hin zur Erschließung ganz neuer Stadtteile im Süden von Kiel.

Für die etwa vierzig interessierten Teilnehmer wurde dabei deutlich, dass sie sich bereits tief in die Problemlagen der Stadt eingearbeitet hat und engagiert nach Lösungen sucht. Der Anstoß aus Hamburg könnte also durchaus auf fruchtbaren Boden fallen. ■

Wohnraumpotential Hamburg Baurechtliches Nachverdichtungspotential > 75.000 Wohnungen

Quelle: Oliver Dalladas, HCU-Geomatic, Hamburg

Potentiale – Nachverdichtung

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VERANSTALTUNG Sektion Lübeck und Sektion Stormarn

Gewerbegebietsmangel in der Entwicklungsachse der Fehmarn-Belt-Querung Text: Dr. Bertram Zitscher

Die Sektionen Lübeck und Stormarn haben in getrennten Veranstaltungen die Lage untersucht. Die Wirtschafts- und Aufbaugesellschaft Stormarn gilt landesweit nicht nur als vorbildlich konstruiert, sondern ist auch die einzige ohne Zuschussbedarf. Das liegt auch an dem Modell, denn sie entwickelt und vermarktet die Flächen nicht für die Kommunen, sondern im eigenen Namen kreisweit. Stormarn gehört zu den zehn wirtschaftsstärksten Landkreisen bundesweit und ist inzwischen schuldenfrei. Detlev Hinselmann, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, berichtet von einem Marktumschwung in den letzten Jahren. Die Nachfrage sei sprunghaft gestiegen, aber man sei vorbereitet, und man selektiere

Detlev Hinselmann, Geschäftsführer der WAS: „Die Nachfrage ist sprunghaft gestiegen, aber wir sind vorbereitet und achten bei Ansiedlungen auf Qualitäten.“

die Angebote und nehme nicht jeden Gewerbetreibenden, sondern achte auf Qualität. Pro Jahr vermarkte man derzeit 10 Hektar Gewerbeflächen, habe noch gut 50 Hektar in der Reserve und weitere 50 Hektar in Planung. Inzwischen seien auch alle Gewerbegebiete nördlich der A 24 mit Glasfaser versorgt, südlich kämpfe man allerdings noch mit der Telekom um Lösungen. Lars Osterhoff mahnt in der anschließenden Diskussion an, die Verkehrsanbindungen durch öffentlichen

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Noch zehn Jahre bis zur Fertigstellung einer festen FehmarnBelt-Querung. Das entspricht auch etwa dem in Lübeck üblichen Vorlauf von der Planung über die Erschließung bis zum Angebot neuer Gewerbegebiete. Ist man in der Entwicklungsachse Ostholstein-Lübeck-Stormarn auf den absehbaren Nachfrageschub nach Gewerbeflächen vorbereitet? Klare Antwort: Nein!

v.l. Christopher Lötsch, Sektionssprecher Heinrich Beckmann und Peter Petereit

Nahverkehr deutlich zu verbessern. „Wir brauchen Haltestellen in den Gewerbeund in den Wohngebieten.“ Gerade Fachkräfte schauen sehr genau auf die Anbindungen. In Lübeck und Ostholstein sieht es dagegen deutlich kritischer aus. Sektionssprecher Heinrich Beckmann arbeitete mit den Fraktionsvorsitzenden der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Peter Petereit, und der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Christopher Lötsch, die sich abzeichnende Dramatik heraus. Auch hier liegt der jährliche Verbrauch bei etwa 10 Hektar, aber man habe nur noch 20 Hektar in Reserve. Je nach Planungsfortschritt könne schon 2022 bis 2024 in Lübeck Schluss sein. Nach der Auffassung von Dirk Gerdes könnte man sogar, bei vollständiger Erschließung der Flächen südlich der A 20 entlang der Kronsforder Landstraße, noch bis zum Jahr 2027 etwas anbieten, aber spätestens dann sei „Schicht im Schacht“. Die Fehmarnbelt-Querung sei in den Planungen allerdings noch gar nicht berücksichtigt. Dirk Bremken von der Entwicklungsgesellschaft Ostholstein mbH meldet schon jetzt Landunter: „Die Nachfrage ist explo-

diert – wir haben keine Flächen mehr. Die Landesplanung hemmt derzeit eine Entwicklung.“ Gerdes berichtet zudem, dass interkommunale Bemühungen mit Nachbargemeinden sowohl in Stockelsdorf als auch in Mönkhagen gescheitert seien. Beckmann zeigte sich am Ende einer sehr zielgerichteten und strukturierten Diskussion ernüchtert: „Sie beide haben doch zusammen die Mehrheit und könnten den gordischen Knoten durchschlagen!“ appellierte er an die beiden Fraktionsvorsitzenden. Lübeck profitiere von dem Ausbau der A 20, der festen Fehrmarn-BeltQuerung und perspektivisch vom Ausbau des Elbe-Lübeck-Kanal am meisten, verschlafe jedoch seine Chancen sträflich und werde dann am Ende leer ausgehen. „Das betrifft dann nicht nur Neuansiedlungen, sondern auch die Bestandswirtschaft, die die Stadt verlassen müsse, wenn sie hier nicht mehr wachsen könne.“, so Beckmanns mahnendes Resumée. Anke Wiek deutet in der Diskussion noch auf einen anderen Unterschied zwischen Lübeck und Stormarn hin: In Stormarn hatten wir nach vier Wochen eine Baugenehmigung, in Lübeck erst nach sechs Monaten.“ ■

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VERANSTALTUNG Landesverband Schleswig-Holstein

ChinaContact Lunch#1: Was macht der gelbe Riese?

Ulf Schneider von der Schneider Group: „Deutschland fällt durch Restriktionen auf, wenn es darum geht, Innovationen Entwicklungsraum bei uns zu geben.“

C

hinas Investitionen in Deutschland sind, wie in anderen Märkten, 2016 drastisch gestiegen. Im Visier chinesischer Investitionen: Hochtechnologieunternehmen wie der Roboterhersteller Kuka. Das hat für Unruhe gesorgt. Derartige Aufkäufe werden nicht nur von rein staatlichen, chinesischen Unternehmen getätigt – sind aber immer ein wichtiges Instrument der chinesischen Strategie „Made in China 2025“. Deren Ziel: Bis Mitte des kommenden Jahrzehnts in zentralen Industrien wie Automotive, Energie oder Maschinenbau mit eigenen Technologien führend zu sein – in China und auf dem Weltmarkt. In Deutschland und der EU reagierte die Politik mit ersten Maßnahmen, um solche Investitionen in Zukunft besser kontrollieren und gegebenenfalls unterbinden zu können. Aber wie bedrohlich sind derartige Beteiligungen und Unternehmenskäufe für deutsche Firmen und die Wirtschaft wirklich? Diese Frage diskutierten Unternehmer, Politiker, Außenwirtschaftsförderer und China-Experten im Rahmen des ersten ChinaContact-Lunches in Itzehoe unter dem Titel „Chinas Strategie und die Chancen Deutschlands sozialer Marktwirtschaft“. Zu der Runde hatten der Wirtschaftsrat und der OWC Verlag für Außenwirtschaft geladen. Gastgeber für die gut 50 Teilnehmer war das schleswig-

Die weltwirtschaftlichen Variablen werden derzeit neu konfiguriert. Protektionismus nimmt weltweit zu, nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika. China verfolgt strategische Pläne: Die technologische Führerschaft bis zum Jahr 2025 und das Projekt einer neuen Seidenstraße. Während deutsche Unternehmen in China über eine Verschlechterung ihrer Bedingungen klagen, nehmen Unternehmenskäufe chinesischer Investoren in Deutschland sprunghaft zu: Fokus High Tech und Exportstärke. holsteinische Logistikunternehmen CLCLogistik. „Bislang spricht die Empirie für chinesische Investitionen in Deutschland – bis auf wenige Ausnahmen seien sie Studien und Erfahrungsberichten zufolge positiv verlaufen“, referierte Patrick Bessler, Chefredakteur beim OWC Verlag. Dennoch warnen renommierte Institute wie das Mercator-Institut für Chinastudien: Deutschland müsse sich überlegen, wie es zukünftig weiterwachsenden Investitionen umgehen will. „Wir müssen darauf achten, wie wir reagieren“, mahnte Wirtschaftsrat-Landesgeschäftsführer Dr. Bertram Zitscher – nicht nur mit Blick auf China, sondern auch auf die gerade am Vorabend von Washington angekündigten Strafzölle auf ausländische Stahlimporte. Es bestehe die Gefahr einer Spirale. Ein Großteil der Teilnehmer teilte die Auffassung, dass protektionistische Maßnahmen gegen Auslandsinvestitionen nicht die Antwort sein könnten. Auch wenn China in einem unfairen Verhalten gegenüber Deutschland ebensolche Maßnahmen ergreift – und dies durchaus zu einem zunehmend ungemütlichen Klima für deutsche Unternehmen in China führt, wie Christian Decker, Außenwirtschaftsberater mit Schwerpunkt China bei der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer GmbH Schleswig-Holstein, bestätigte. Umso wichtiger sei es allerdings, Dialog und Beziehungen aufzubauen.

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In Berlin überprüfe man derweil das Wertpapierhandelsgesetz aufgrund des „Heranschleichens“ des chinesischen Zulieferers Geely an die Daimler AG, berichtete der Bundestagsabgeordnete Mark Helfrich. Anstatt protektionistischer Maßnahmen, so die Forderungen aus dem Publikum, müsste Deutschland eine ernstzunehmende Außenwirtschaftsstrategie entwickeln. Das habe etwa schon Wirtschaftsminister Gabriel vor Jahren gefordert. Doch „stattdessen sondieren Arbeitskreise und Ausschüsse immerzu, aber entwickeln keine Strategie“, monierte ein Teilnehmer. Aber nicht nur die Frage der Kontrolle chinesischer Investitionen wurde diskutiert, sondern auch, wie man allgemein dem chinesischen Hunger nach Knowhow und Innovationen begegnen sollte. Damit etwa, die eigenen Rahmenbedingungen zu verbessern oder selbst offener zu werden für Innovationen aus China, aber auch aus Ländern wie Russland. Die hätten beispielsweise im IT-Bereich vieles zu bieten, wohingegen Deutschland vor allem durch Restriktionen auffällt, argumentierte Ulf Schneider, Geschäftsführer des Beratungshauses Schneider Group. „Seien Sie froh, dafür können Sie frei entscheiden!“, kommentierte Zitscher den derzeit oft angesprochenen Systemwettbewerb zwischen der sozialistischen Marktwirtschaft Chinas und der freien ■ Marktwirtschaft Europas.

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VERANSTALTUNG Sektion Neumünster

Bildungsniveau unserer „Die Jugend ist anders“ Text: Dr. Bertram Zitscher

U

m es vorweg zu nehmen: Die heutige Jugend ist anders. Weniger schüchtern, sprunghafter und vorlauter, aber auch selbstbewusster und eigenständiger. Allerdings: Es gibt neben einem Wandel in den Sekundärtugenden auch einen Abfall der Leistungen in den schulischen Grundfertigkeiten, die in den letzten Jahren in Schleswig-Holstein scheinbar stärker eingebrochen ist. Die Ursachen sind unklar. Neben der Schulpolitik dürfte die explo-

v.l. Moderator Dr. Peter Rösner, Karsten Blank, Ministerin Karin Prien, Jürgen Evers, Sektionssprecher Holger Bajorat und Oberst Hauke Hauschildt

sionsartige Verbreitung von Smartphones eine wesentliche Rolle spielen. Oberst Hauke Hauschildt, Leiter Karrierecenter der Bundeswehr aus Hannover, hat den größten Überblick über den Markt: Die Bundeswehr stellt auf der Grundlage von 60.000 Bewerbungen jährlich 25.000 Soldaten und auf der Grundlage von weiteren 37.000 Bewerbungen 3.000 zivile Mitarbeiter ein. Dabei hätten sich die Eigenschaften der Jugendlichen von der Zeit der Babyboomer bis zur Generation Z deutlich verlagert. Weniger Kollektivismus, mehr Individualismus, mehr Wünsche für das Privatleben, eine größere Informiertheit und weniger Idealismus. Die Struktur der Bewerber, bezogen auf Schulabschlüsse, sei zwar zwischen den Bundesländern graduell unter-

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Sinkt das Bildungsniveau unserer Schulabgänger? Auf diese Frage suchten drei Personalleiter bedeutender Unternehmen zusammen mit Kultusministerin Karin Prien unter der Moderation von Dr. Peter Rösner und gut vierzig Diskussionsteilnehmern eine Antwort. schiedlich, aber über die Zeit sehr stabil. Insgesamt seien die Tätigkeitsprofile bei der Bundeswehr vielfältiger und anspruchsvoller geworden, was sich auch bei dem Abiturientenanteil der Bewerber widerspiegle. Und der Frauenanteil steige deutlich, in den technischen Berufen aller-

dings auf sehr geringem Niveau. Vergleicht man die Verteilung von Testergebnissen, erhalte man ziemlich exakt die Gaußsche Normalverteilung. Jürgen Evers, Leiter Ausbildung & Training der Covestro AG aus Leverkusen und Brunsbüttel, stellt jedes Jahr aus 300 bis 500 Bewerbungen ca. 40 neue Auszubildende ein, ganz überwiegend in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen. Während man seine Bewerber früher noch im Einzugsgebiet Dithmarschen/Steinburg suchen und finden konnte, habe man den Fokus in den letzten Jahren, auch mit Blick auf die demographischen Trends, auf Norddeutschland ausgeweitet und jüngst auf ein OnlineBewerbungsverfahren umgestellt, das in mehreren Phasen die Bewerber auswählt und in der Qualitätsprognose deutlich

Quelle: Christian Scholz, Generation Z: Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt. Wiley 2014.

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VERANSTALTUNG Sektion Neumünster

Schulabgänger: Ergebnisse der Einstelltests der Covestro Deutschland AG Durchschnittliche Gesamtpunktzahl der Bewerber von 2006-2015

dieser Veranstaltung von einer Azubine im zweiten Lehrjahr eigenständig hergestellt worden. Solche Qualitäten wären vor Jahren keinesfalls zu erwarten gewesen. Insofern gelte: Die Jugend von heute sei nicht schlechter, aber anders. Dennoch sei auf die Vermittlung von Grundfertigkeiten in der Schule zu achten. Den Rest bringe könne man den jungen Menschen im Betrieb beibringen. Ministerin Karin Prien, Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, dankte für die Erkenntnisse aus den Vorträgen. Ja, es gäbe Fehlentwicklungen, die sie jetzt konsequent angehen würde. Das richtige Schreiben habe in der Grundschule wieder Gewicht erhalten. Dazu gehöre auch die Wiedereinführung einer gebundenen

Quelle: Covestro Deutschland AG

aussagekräftiger ist als Schulabschlüsse und Noten. Zuvor habe man über Jahre einen gleichbleibenden Einstellungstest angewandt, der einen leicht negativen Trend bei der Gesamtpunktzahl der Bewerber erkennen läßt: Von 63,1 im Jahr 2006 ist die Durchschnittspunktzahl der Bewerber auf 49,7 im Jahr 2015 gesunken. Karsten Blank, Prokurist und Leiter Personal der Hass + Hatje GmbH aus Rellingen, sucht für das Unternehmen mit ca. 1.000 Beschäftigten Auszubildende für 12 Berufe. Seine Botschaft: Man braucht kein Abitur, um beruflich erfolgreich zu sein. Hass + Hatje übernehme 60-90 Prozent der Auszubildenden in ihren Betrieb und

rekrutiere daraus auch ihre Führungskräfte. Bestnoten seien gar nicht unbedingt gewünscht, weil damit die Wahrscheinlichkeit eines späteren Studiums steige. Wichtig seien allerdings Grundfertigkeiten wie Dreisatz, Gewichte, Maße und richtiges Schreiben. Beim Rechnen sei in den Jahren 2002 bis 2004 mit der Einführung des Taschenrechners an den Schulen ein erster starker Einbruch zu messen gewesen. Seit dem Jahr 2013 spüre man nun einen starken Einbruch bei der Rechtschreibung. Richtiges Schreiben sei im betrieblichen Umfeld unabdingbar und auch nicht mehr korrigierbar. Auf der anderen Seite sei seine Präsentation zu

Ergebnisse der Einstellungstests für Auszubildende von Hass + Hatje Entwicklung der Fehleranzahl im Diktat von 2000-2017

Quelle: Personalabteilung Hass + Hatje GmbH

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Ministerin Karin Prien: „Es gibt Fehlentwicklungen, auf die wir reagiert haben. Aber es geht bei der Erziehung auch um die Verantwortung der Elternhäuser.“

Schreibschrift. Auch beim Rechnen würden die Leistungsstandards wieder geschärft, und durch Schulnoten transparenter. Aber es gehe auch um Bildung und Erziehung, wo ein Teil der Verantwortung auch wieder stärker bei den Elternhäusern zu verankern sei. Ein besonderes Augenmerk müsse zudem den Kindern mit Migrationshintergrund gestiftet werden, und bei der Inklusion brauche es eine breite gesellschaftliche Diskussion, wo die Grenzen liegen. Einem weiteren Abbau der Förderschulen habe sie deshalb zunächst einen Riegel vorgeschoben. Ein großes Lob zollte sie der dualen Ausbildung. Sie sei total begeistert von den Beiträgen der Wirtschaft für die Ausbildung der jungen Menschen, und hier liege auch ein Geheimnis für den besonderen Erfolg des Wirtschaftsstandortes Deutschland. ■

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IMPRESSUM

VERANSTALTUNGSVORSCHAU

APRIL MAI JUNI JULI AUGUST SEPTEMBER OKTOBER

Änderungen vorbehalten 28. Juni 2018 | Kiel Podiumsdiskussion Prof. Dr. Christoph Degenhart, Professor für Staats-und Verwaltungsrecht sowie Medienrechte an der Universität Leipzig Prof. Dr. Jörn Radtke, Journalismus am Fachbereich Medien der FH Kiel Anke Schwitzer, Mitglied im NDR-Rundfunkrat, Schleswig „Innovationsfähigkeit unseres öffentlichrechtlichen Rundfunks“

18. September 2018 | Neumünster Gemeinsame Veranstaltung mit UV Mittelholstein Frank Pörschmann, Geschäftsführer, iDIGMA GmbH,Hamburg Matthias Pilz, Vice President, Oerlinkon Neumag Textile GmbH & Co. KG, Neumünster Kai Müller, geschäftsführender Gesellschafter, KAMMS GmbH & Co. KG, Neumünster „Fachkräfte digitaler Berufe für Neumünster“

2. Juli 2018 | Eutin Dr. Michael Merz, geschäftsführender Gesellschafter, Ponton GmbH, Hamburg „Blockchain für Energiedienstleistungen – Wertschöpfungspotentiale für SchleswigHolstein“

21. September 2018 | Lübeck Dirk Lindenau, Bürgermeister der Hansestadt Lübeck „Einhundert Tage Bürgermeister“ 26. September 2018 | Sonderborg / DK Flughafen Sonderborg Christian Berg, Geschäftsführer, Flughafen Sonderborg Jesper Schack, Geschäftsführer SELF Holding ApS „Perspektiven des Flughafens Sonderborg“

3. Juli 2018 | Kiel David Arendt, Independent Director, The Director’s Office, Luxemburg Rasmus Joensen, Anlageberater der Sydbank A/S, Flensburg Herwig Kinzler, Chief Information Officer, Mercer Deutschland GmbH, Frankfurt/M. Dr. Filippo Pignatti Morano, Direktor, Costoza Family Office, Zürich „Kulturelle Sachwerte als Kapitalanlage in Zeiten von Ultraniedrigzinsen – Chancen für Schleswig-Holstein“

29. September - 3. Oktober 2018 Bukarest und Hermannstadt Junger Wirtschaftsrat Delegationsreise nach Rumänien

7. September 2018 | Eutin Dr. Stefan Liebing, Vorsitzender, Afrikaverein der Deutschen Wirtschaft e.V., Hamburg „Deutsche Afrikapolitik“

24. Oktober 2018 | Harrislee Kai-Axel Aanderud, geschäftsführender Inhaber, Aanderud Media Consulting, Hamburg „Skandinavische Ansiedlungen für Schleswig-Holstein: Chance aus Norwegen“

11. September 2018 | Kiel 2. Kieler Woche Digital „Digitalisierung der Meere“

25. Oktober 2018 | Plön Melanie Bernstein MdB, Wahlstedt/Berlin „Bericht aus Berlin“

IMPRESSUM Herausgeber, V.I.S.d.P. Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Hamburg Henning Lindhorst Landesgeschäftsführer Colonnaden 25/II. Stock 20354 Hamburg Tel.: 040-30 38 10 49 Fax: 040-30 38 10 59 E-Mail: LV-HH@wirtschaftsrat.de Landesverband Schleswig-Holstein Dr. Bertram Zitscher Landesgeschäftsführer Kleiner Kuhberg 2-6, 24103 Kiel Tel.: 0431-67 20 75 Fax: 0431-67 20 76 E-Mail: LV-S-H@wirtschaftsrat.de www.wirtschaftsrat.de

Redaktion Holger Hartwig, Ehrhard J. Heine, Henning Lindhorst, Hauke Meisner, Christian Ströder, Dr. Bertram Zitscher Erscheinungsweise: 4 x pro Jahr Auflage: 5.000 Exemplare

Herstellung und Anzeigen copy-druck Gesellschaft für Digital- und Offsetdruck mbH Neumann-Reichardt-Straße 27-33 (Haus 21) 22041 Hamburg Telefon: +49 (0) 40 - 689 45 45 Telefax: +49 (0) 40 - 689 45 444 E-Mail: info@copy-druck.de www.copy-druck.de Satz/Layout: Wolfgang Schlett, KGV

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Das nächste Heft erscheint im Oktober 2018

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