Hooligans – Leseprobe

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Robert Claus

Hooligans VERLAG DIE WERKSTATT

Eine Welt zwischen FuĂ&#x;ball, Gewalt und Politik


Inhalt Vorwort von Gerd Dembowski . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Vorwort von Julia Düvelsdorf

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Hooligans – eine ausdifferenzierte Szene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Einleitung 40 Jahre Hooliganismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Kurze Geschichte der Fußballgewalt in Deutschland „Es gab viele gewaltbereite Fußballfans, aber keine organisierte Szene“ . . . . . . . 56 Interview mit Frank Willmann über Hooligans und Fußballgewalt in der DDR Hooligans altern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Eine Bewegung zwischen Geschäften, Einigkeit und Spaltung Training, Gruppenkampf und Straßengewalt

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Hooligans erfinden „den Acker“ „Die Verstrickungen der polnischen Hooligans zur Mafia sind groß“ . . . . . . . . . . 105 Interview mit Thomas Dudek über Hooligans in Polen, Russland und der Ukraine Gewaltbereit und gut organisiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Hooligans und rechte Ultras Hooligans professionalisieren ihre Gewalt

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Über Kampfsport und Mixed Martial Arts „Mixed Martial Arts ist Sport und Event: Jede Veranstaltung braucht ihre Dramaturgie!“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Interview mit Frank Burczynski über die Entwicklung von MMA in Deutschland Wessen Kurve? (mit Pavel Brunßen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Hooligans und Ultras in den Fanszenen Arbeitsfeld und Taktgeber: die Fans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Arbeit gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung im Fußball „Gewalt ist ein gesellschaftlich-institutionelles System“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Interview mit Narciss Göbbel Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Quellenverzeichnis

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Vorwort Von Gerd Dembowski Manager für Vielfalt und Antidiskriminierung der FIFA Der Ursprung des Fußballs europäischer Prägung ist die Gewalt. Er entsprang ihr nicht plötzlich, sondern schrittweise. Mittelalterlicher Massenfußball entstand als Reaktion auf zunehmende Selbstbeherrschung, auf sich entwickelnde Rollen und Charakterpanzer im sogenannten Zivilisationsprozess seit dem zehnten Jahrhundert. Der postmoderne Fußball wiederum, wie wir ihn heute kennen, ist domestizierte und institutionalisierte Gewalt, kontrollierte Emotion, ritualisierte Aggression – die „Überführung der Gewalt in eine Kunstform“, wie es Horst Bredekamp für den Florentiner Fußball bis 1739 treffend formuliert. Christoph Bausenwein beschreibt die Genese des Fußballspiels, den darauf begründeten Fußballsport mit seinem Appendix, den Zuschauerkulturen seit den historischen Vorformen des Fußballs, dem mittelalterlichen „Folk Football“ der britischen Inseln sowie dem auf öffentlichen Plätzen volksfestartig zelebrierten Florentiner Calcio, als ritualisiertes „Mittel der Konfliktbewältigung sesshaft gewordener Gemeinschaften“. Im Vergleich zum mittelalterlichen Massenfußball ist die Gewalt im heutigen Fußball und in seinen Fankulturen jedoch ein Pappenstiel. Denn er war regellos, ohne Teilnehmerbegrenzung. Mit der Nacht als Halbzeit, versuchten die männlichen Bewohner des einen Stadtteils den unkaputtbaren Ball zum mitunter kilometerweit entfernten Tor des anderen Stadtteils zu bugsieren. Verbote und die parallele Entwicklung von verregelten Spielen zunächst in den besseren Gesellschaften bis hin zum heutigen Fußballsport haben die Teilnehmerzahl schrittweise verringert, die Möglichkeiten zum Ausdruck von Gewalt dezimiert. Der Zivilisationsprozess übertrug sich auf die Ballspiele, die eigentlich zu seiner Verarbeitung aufgekommen waren. Rannten, traten und schlugen die Massen früher selbst mit, wurden sie im Zuge der Entwicklung des Fußballs an den Spielfeldrand verdrängt. Doppelt entkoppelt, bildeten Menschen Zuschauerkulturen, die die versportete Gewalt auf dem Spielfeld und das Prinzip von „Wir“ gegen „die Anderen“ auf den Rängen symbolisch nachvollziehen, bis hin zu den nur noch seltenen Massengewaltphänomenen einerseits und den konstant kleinen gewaltförmigen Hooligangruppen und Teilen der


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Ultragruppen andererseits. Aus dem Spiel gedrängt, fand die Gewalt ihren Weg auf die Zuschauerränge oder die Zuschauertreffpunkte oder auf die Anreise zu den Spielen. Im Laufe der Spezialisierung von Sicherheitsmaßnahmen wurde und wird Gewalt auch dort verstärkt eingedämmt. Zumindest so lange, bis Zuschauerkulturen kreativ darauf reagieren und immer wieder neu spezialisierte Nischen für gewaltförmiges Handeln entstehen. In diesen Nischen formiert sich Gewalt z. B. mittels durchdachterer Organisationsformen von kleinen oder Teilen von Zuschauergruppen, gewaltförmiger Rufe und Banneraufschriften, Social-Media-Einträgen und Videoclips, des Vertriebs von hooliganaffiner Kleidung, Fitnesstraining und zum Teil Mixed Martial Arts als Grundlage von kommerziell organisierten Hooligankämpfen. Auch die schrittweise zugenommene Brutalisierung des Calcio Storico kann als eine spezialisierte Nische, ja sogar als offizialisierte Form der Gewaltausübung bezeichnet werden. Vier männliche Stadtteilteams mit je 27 Spielern zelebrieren diese Körperverletzung mit Ball alljährlich im Juni auf den Stadtplätzen von Florenz. Und das ungleich brutaler, als es ihre Wurzeln im 15. Jahrhundert zulassen. In einer regellosen Mischung aus Gladiatorenkampf, Massenfußball und auch Hooliganismus finden diverse historische Gewaltrepräsentationen im Calcio Storico perpetuiert wieder zueinander. Würde man die Interviews seiner Protagonisten in der 2010 erschienenen Dokumentation „Florence Fight Club“ aus dem Zusammenhang reißen, könnten sie auch ins Hooliganmilieu passen. Genauso wie die Spieler des Calcio Storico konstituieren gewalttätige Fans, Ultras und insbesondere Hooligans das, was sie gern auch mal als „alte Werte“ bezeichnen. Diese kennzeichnen sich durch hegemonial männliche Ausformungen von trennscharfen Identitäten, ihrer Performanz, ihrer unmissverständlichen Manifestation, ihrer konstant wiederkehrenden Repräsentanz. Bestandteile davon sind die Selbstbestimmung in einem imaginierten Freiraum und stets flexible Aushandlungsprozesse zwischen Individuen und Kollektiven. Auffallend ist das Bedürfnis nach Gruppenidentitäten mit einem deutlichen „Wir“ hier und „die Anderen“ dort, nach sozialmächtigen wie personenfixierten Hackordnungen, nach Pejorisierung und Diskriminierung als Abgrenzungstechniken. Es geht um ein Patchwork aus Autoritarismus, „Destruktivität und Zynismus“ und „Projektivität“ (Theodor W. Adorno), territorialem – häufig weißem – Überlegenheitsdenken und Sozialdarwinismus, soldatischem Kämpferideal, Sozialchauvinismus, Antiintellektualismus, Überdrehung kapitalistisch geprägter Ellenbogenmentalität und einer entsprechenden, auf Selbst-


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Vorwort

beweisung angelegten Körperfokussierung. Die sich so konstituierenden „alten Werte“ beinhalten und zelebrieren symbolisch wie physisch immer die Akzeptanz von Gewalt. Doch genug mit diesem Begriffsgeschwader. Robert Claus macht das anders. Er arbeitet eher erzählerisch, passagenweise tief aus dem Feld heraus. So zeigt sein Buch detailliert, wie solch hegemonial männlich überdüngtes Lebensgetue immer wieder und in neuen Formen die Straße hinuntergerollt kommt, den Weg freimachend für regressive Lebensweisen und Politiken mit archaischen, vormodernen, antidemokratischen Zügen mitsamt ihren Widersprüchen, Lernfähigkeiten und Winkelnischen. Um dies herauszuarbeiten, geht Claus nah ran und rein. Aus den so gesammelten Einblicken und Aussagen entstehen Abbildungen. Erst darauf basierend können Claus und auch die Lesenden dieses Buchs kühl analysieren und distanziert verstehen. Wenn mehr gewollt ist, als die Welt verschieden zu interpretieren, dann ist ein ständiges Neuverstehen doch so sehr die Grundlage für eine stets emanzipatorische Positionierung und Veränderung. Dieses Buch ist ein Angebot zu einem solchen Verständnis, nicht aber zur Akzeptanz von Gewalt. Zürich, 10. Juli 2017 Gerd Dembowski


Über Kampfsport und Mixed Martial Arts

Hooligans professionalisieren ihre Gewalt Die Zuschauer drängeln sich im August 2016 durch den schmalen Gang im Leipziger „Kohlrabizirkus“ – einem ehemaligen Markt. Die Halle ist voll, nicht ausverkauft, aber gut gefüllt. Scheinwerfer projizieren das Logo der Imperium Fighting Championship (IFC) an die Decke der dunklen Kuppel. Knapp 1.500 Menschen starren gebannt auf den achteckigen Käfig in der Mitte des Publikums. Dort kündigt der Ringsprecher gerade die beiden Kämpfer an, während noch die letzten Zuschauer vom Rauchen kommen. Mehr als zehn Kämpfe wurden an dem Abend bereits absolviert. Nun folgt das Highlight: Halbschwergewicht, Timo Feucht aus Leipzig gegen Daniel Dörrer aus Nürnberg. Die Fans jubeln. Feucht tritt für das lokale Imperium Fight Team an, das als Namensgeber des Turniers sowie als Kampfsportstudio für Hooligans aus dem Umfeld von Lok Leipzig dient. So stehen rund 200 Ultras und Hooligans der „Lokisten“ am Ring, bestens positioniert am Laufsteg zwischen dem Einlauftor an der Seite der Halle und dem Ring in der Mitte. Feucht ist ein kleiner Star in der Szene, trägt ein Tattoo „Blue Yellow Army“ auf dem Bauch, das Logo von Lok Leipzig auf der Hose und läuft unter krachender Rockmusik mit einer blau-weißen Fahne auf dem Rücken ein. Er strotzt vor Kraft. Auf der Fahne steht: „VfB Hooligans“. VfB Leipzig hieß der Leipziger Traditionsverein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie nach der Wende von 1989; auf dessen Geschichte beruft sich der 1. FC Lokomotive. Die Fans johlen: Zwei große Fahnen werden geschwenkt, manche Zuschauer haben sich mit blau-gelben Masken vermummt. „L-O-K L-O-K L-O-K“, schallt es in einzelnen Buchstaben durch die Halle, und: „Leipzig – Erfurt – Halle – Fußballkrawalle“. Einer der „Lokisten“ koordiniert die Rufe, hat sich auf ein Gitter in Ringnähe gestellt. Fußballfankultur im Kampfsport. Die Menge skandiert immer wieder den Namen ihres Lokalmatadors – es ist der Hauptkampf des Abends. Feucht durchläuft den obligatorischen Check durch den Ringrichter direkt vor dem Kampf, bekommt Vaseline ins Gesicht geschmiert (gegen die Wirkung harter Schläge) und betritt den Ring. Dort wartet sein Gegner bereits. Immer wieder schallt „L-O-K L-O-K


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L-O-K“ durch die Halle. Bald ringt Feucht seinen Gegner zu Boden und kontrolliert ihn dort zusehends, schlägt immer wieder auf ihn ein. Dörrer kann zu Beginn zwar ein paar Wirkungstreffer per Knie erzielen, rettet sich letztlich aber nur mit Mühe in die zweite Runde. Dort ergreift Feucht sofort wieder die Initiative, ringt seinen Kontrahenten abermals zu Boden, malträtiert ihn mit Faustschlägen. Dörrer hat dem immer weniger entgegenzusetzen. Schließlich bricht der Ringrichter den Kampf nach 2:14 Minuten durch technischen K. o. (TKO) ab. Feuchts Team reißt die Käfigtür auf, stürmt auf seinen Kämpfer los und feiert den Sieg. Später wird Feucht das Mikrofon ergreifen und seinem Gegner für dessen Sportsgeist danken. Es ist der fünfte Sieg seiner jungen MMA-Karriere. Alle konnte er durch TKO oder Aufgabe des Gegners gewinnen. Im August 2016 ist Feucht noch unbesiegt, noch musste er nie über die gesamte Distanz gehen. Ihm wird eine erfolgreiche Zukunft im Kampfsport prophezeit. Gerade einmal 20 Jahre alt, ist er bereits die Nummer zwei der deutschen MMA-Rangliste im Halbschwergewicht. Er ist 1,90 Meter groß, athletisch und technisch gut. Zudem sucht er mit jedem Kampf die sportliche Herausforderung. Sein Gegner aus Nürnberg war zum Zeitpunkt des Kampfes die Nummer sieben der Rangliste. Schon ein Jahr später führte ihn sein Weg zu einem internationalen Titelkampf in Brasilien, den er gegen den BJJ-Weltmeister Klidson Farias de Abreu verlor. Doch Feuchts Karriere wird weitergehen. Und er ist nicht der erste Kämpfer seines Gyms, der es in höhere Gefilde schafft. Denn die IFC hat einen steilen Aufstieg hingelegt. Es ist das fünfte Event dieser Art seit 2014, das im Leipziger Kohlrabizirkus im August 2016 stattfindet. Es begann eher klein in einer anderen Halle und wuchs mit dem Publikum. Das Turnier im Kohlrabizirkus ist das bisher größte. Und mit knapp 1.500 Zuschauern gut besucht. Zudem spricht das Publikum Bände darüber, mit welchen Szenen die Kämpfer der IFC verbandelt sind. Die eine Hälfte besteht aus vielen Schaulustigen, wenigen migrantischen Jugendlichen, Familien und Freunden der auswärtigen Kämpfer. Die andere Hälfte der Anwesenden stammt aus der rechten Szene und dem sächsischen Hooliganismus. Deutlich sichtbar an den entsprechenden Tattoos und der szenetypischen Markenkleidung. Label 23 bzw. Boxing Connection – eine bei Hooligans beliebte Marke aus Cottbus – betreibt einen Stand und verkauft T-Shirts sowie Unterhosen. Hinzu kommen ein paar Dutzend Rocker der Leipziger Hells Angels. Auch das Publikum hat der Imperium Fighting Championship den Ruf einer rechten Kampfsportveranstaltung eingebracht. Im Vorfeld des Abends erschienen mehrere Artikel auf der linken Seite „Indymedia“ über die politischen Hintergründe der Organisatoren, eine Antifa-Demo zieht kurz vor Veranstaltungsbeginn an dem Gelände vorbei, welches aufgrund einer Bom-


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bendrohung mit einiger Verspätung geöffnet wird. Am Getränkewagen vor der Halle unterhalten sich zwei aufgepumpte Stiernacken hinter mir lautstark darüber, dass man die „Antifa vergasen“ müsse. Die T-Shirts der Herren spannen an den Armen und rutschen ein wenig hoch, bei beiden kommen in Lorbeerkränzen verzierte „White Power“-Zeichen zum Vorschein. Die Organisatoren wehren sich gegen den Vorwurf des Rechtsextremismus. Wenige Tage vor der Veranstaltung veröffentlichen sie ein Statement auf Facebook. Darin heißt es: „Unser Event beinhaltet ausschließlich sportliche Werte. Politik hat und wird bei keiner Imperium FC Veranstaltung eine Rolle spielen. Des Weiteren fielen die Kämpfer, Fans und Funktionäre vom Imperium Fight Team in unserer Gegenwart und im Rahmen unserer Veranstaltung nie politisch auf.“ Zudem ergreift IFT-Kämpfer Christian Lo Re nach seinem erfolgreichen Schwergewichtskampf gegen Andreas Grzywa das Ringmikrofon und sagt voller Ironie, dass diese Veranstaltung so viel mit Politik zu tun habe wie er mit einem Sixpack. Das Publikum lacht und klatscht, in manchen Ecken gibt es Standing Ovations – auch von den Stiernacken mit den tätowierten Nazisymbolen.

Entstehung und Geschichte des MMA

Mixed Martial Arts – in Deutschland auch eine Zeit lang Freefight genannt – ist im Kommen. In Asien sowie Süd- und Nordamerika boomt der Markt seit Jahren. Und hat selbst das traditionelle Boxen überholt. Dabei stammt die Idee, Kampfsportdisziplinen zu mischen, aus der Antike und ist somit sehr alt. Schon 648 v. Chr. wurde das sogenannte Pankration bei den 33. Olympischen Spielen olympisch. Dahinter verbarg sich die Idee, Boxer und Ringer in einem Wettbewerb gegeneinander antreten zu lassen, um herauszufinden, welcher Kampfsport sich durchsetze. Viele MMA-Schulen heute beziehen sich auf diese Geschichte. Dabei hat sich die Bandbreite der angewandten und miteinander vermischten Techniken enorm erweitert. Im Grunde besteht MMA – als Vollkontaktsport – aus drei Bereichen: Erstens brauchen Kämpfer eine Standkampfart, z. B. Boxen. Zweitens müssen Kämpfer über Wurf- und Grifftechniken verfügen, um den Gegner zu Boden zu bewegen, z. B. Judo. Und drittens sollten Kämpfer ebenso Techniken anwenden können, um den Gegner am Boden zu halten und durch Griffe zur Aufgabe zwingen zu können, z. B. Ringen oder Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ). Nicht wenige Kämpfer haben einmal als Boxer, Judoka oder Ringer begonnen und sich danach weitere Kampfsportarten oder einzelne Elemente aus ihnen angeeignet. So kommen neben den genannten auch Kickboxen, Thaiboxen, Taekwondo, Karate, Sambo und weitere zur Anwendung. Im Unterschied zu all diesen darf und soll im MMA auch am Boden geschlagen und teilweise getreten werden.


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Dementsprechend enden viele Kämpfe blutig und hinterlassen einen brutalen Eindruck. Dies führte u. a. dazu, dass in Deutschland zwischen 2010 und 2014 ein Sendungsverbot im Free-TV herrschte. Zudem hatte der Sport über seine interessierten Kreise hinaus lange mit einem schlechten Image zu kämpfen. Es galt als sittenwidrig, auf einen Gegner einzuschlagen, der teilweise wehrlos ist. So zog die Landesmedienanstalt Bayern 2010 gegenüber dem Deutschen Sportfernsehen (DSF) die Erlaubnis zur Übertragung von MMA-Kämpfen zurück. ProSieben MAXX strahlte jedoch ein internationales Großevent der Ultimate Fighting Championship aus den USA in Hamburg im September 2016 aus. Letzten Endes ist dies aber nicht einmal von zentraler Bedeutung, denn www.ranfighting. de überträgt in Deutschland Turniere als Pay-per-View im Internet. Auch auf YouTube sind viele Kämpfe zu finden – vom russischen Lokal- bis zum amerikanischen Megaevent. Zudem wird die Debatte um MMA in Deutschland erhitzt geführt – wenn sie denn geführt wird. Der renommierte Box-Kommentator Werner Schneyder zum Beispiel sagte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im Mai 2009: „Es werden Rippen eingetreten, wo sich einer schon nicht mehr wehrt. Man nimmt Krüppelhaftigkeit und Todesfolge in Kauf. Wenn eine Gesellschaft die öffentliche Propagierung dieser Gewalt durch missverstandene Liberalität in Kauf nimmt, dann macht sie sich schuldig. Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss diesen Wahnsinn verbieten.“ Die Debatte dreht sich um Brutalität und Sittlichkeit – wie so oft, wenn es um Gewalt geht. Der globale Big Player im MMA ist die Ultimate Fighting Championship, kurz UFC. Sie gehört den zwei Casino-Besitzern Frank und Lorenzo Fertitta aus Las Vegas und wird vom Boxpromoter Dana White organisiert. Mit ihrem Knowhow haben sie die UFC seit den 2000er Jahren zum unumstrittenen Marktführer gemacht. Hierfür kauften sie zum einen konkurrierende Organisationen – Strikeforce und World Extreme Cagefighting (WEC, beide 2011) – auf und integrierten deren beste Kämpfer sowie Gewichtsklassen nach und nach in die eigenen. Zum anderen haben sie ein mediales Imperium um die Events herum gebaut. Hierzu kreierte die UFC die eigene Realityshow „The Ultimate Fighter“, in der talentierte Kämpfer, die noch auf ihren Durchbruch warten, in zwei Teams trainieren und gegeneinander kämpfen. 18 Staffeln in den USA sowie eine in Brasilien sind mittlerweile produziert. Ebenso ging die UFC 2011 eine Partnerschaft mit dem US-Sender Fox ein. Darüber hinaus werden seit 2007 Videospiele für den breiten Markt – auch für die Playstation – hergestellt, seit 2013 hat der Marktführer EA Sports die Rechte. Nicht zuletzt inszeniert die UFC ihre Kämpfe äußerst professionell. Das Wettkampfwiegen am Tag vor dem Kampf gerät zu einem Showdown wie


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im Boxen, der Trashtalk zwischen den Athleten ist gewollt und wird gefördert. Besonders der Ire Conor McGregor hat sich inzwischen einen Namen gemacht und ist einer der internationalen Megastars des MMA. Er ist der erste Kämpfer, der die Titel zweier Gewichtsklassen – Feder- und Leichtgewicht – parallel hielt, indem er Eddie Alvarez in New York bei UFC 205 im Herbst 2016 besiegte. Sein Kampfname lautet „The Notorious“, der Berüchtigte. Andere tragen Kampfnamen wie Anthony „Showtime“ Pettis, Demetrious „Mighty Mouse“ Johnson, Dominick „The Dominator“ Cruz oder auch Ronda „Rowdy“ Rousey. Deutsche Kämpfer treten ebenfalls bei der UFC an. Einer der bekanntesten ist Nick „Sergeant“ Hein, ein ehemaliger Bundespolizist aus Köln. Auch die Polizei hat ihren Kampfsport professionalisiert. Während die UFC international unumstritten die Nummer eins der MMA-Veranstalter ist, gestaltet sich die Szenerie in Deutschland unübersichtlicher. Die UFC selbst hat 2010 in Oberhausen und 2016 in Hamburg gastiert. Doch in ihrem Schatten existiert eine ganze Reihe an Turnierveranstaltern, die zum Teil auch eigene Titel austragen. German MMA Championship (GMC) klingt nach der deutschen Meisterschaft, ist es formell aber nicht. Neben ihr gibt es Events wie Fair FC in Nordrhein-Westfalen, Imperium FC in Leipzig, Superior FC oder das bundesweite We love MMA – bei jeder dieser Veranstaltungen werden eigene Titel vergeben und Champions gekürt. FC steht jeweils für Fighting Championship. „Wenn du in einen Boxverein gehst, dann ist das ein e.V. Dort zahlst du 60 Euro im Jahr. Die Kampfsport-Gyms, die MMA anbieten, sind jedoch oftmals Unternehmen. Und dort kostet eine Mitgliedschaft schnell 30 Euro im Monat“, berichtet der Ingolstädter Fanbeauftragte und Kampfsportler (siehe vorheriges Kapitel) Vincent Ludwig. „Der MMA-Markt ist enorm im Kommen. In jeder kleineren Stadt entsteht ein Studio. Manche mischen nur Boxen und einen Bodenkampf, und schon nennen sie es MMA. Der Begriff ist nicht geschützt. Andere bieten extra MMA-Training an“, beschreibt er seine Blicke auf die Szene. Als bundesweite Newspage dient die Seite www.kaefiggefluester.de, und auf www.sherdog.com können alle Statistiken von Kämpfern eingesehen werden. Darüber hinaus existieren drei Verbände in Deutschland: die GEMMAA, die GEMMAF und die GAMMAA. Die German Mixed Martial Arts Federation (GEMMAF) beispielsweise ist Mitglied der International Mixed Martial Arts Federation (IMMAF) und versucht MMA verbandlich als Sport zu organisieren. Hierfür braucht es die Anerkennung als offizielle Sportart. Doch auch ohne Anbindung an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) hat sich der Sport in den letzten Jahren stark professionalisiert. Im Oktober 2009 wurden in Köln durch eine Kommission aus inter-


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nationalen Kampfsportexperten, MMA- und K-1-Veranstaltern sowie Ärzten auf Grundlage des FFA-Regelwerkes die „International Rules of MMA“ mit den dazugehörigen Richtlinien entwickelt und als Standard für alle offiziellen MMA-Amateurveranstaltungen in Deutschland, Österreich, Tschechien, Frankreich und der Schweiz festgelegt. Die Vorgaben in Sachen Regelwerk sowie Trainer- und Kampfrichterausbildung berücksichtigen laut Eigenangabe sportpädagogische, soziologische und medizinische Aspekte. 2014 wurden Standards für die Ringärzte durch die Deutsche Ärztekommission Mixed Martial Arts (DAEMMA) definiert. Auch in der Deutschen Sportjugend (dsj) sind bisher nur Einzeldisziplinen organisiert: die Deutsche Taekwondo Union, die Deutsche Ringerjugend, die Judojugend vom DJB, die Ju-Jutsu-Jugend vom DJJV, die Deutsche Karatejugend sowie die Box-Jugend vom DBV. Eine Annäherung zwischen der dsj, dem DOSB und den Verbänden steht aus. Was wohl auch am schlechten gesellschaftlichen Ruf des MMA liegt. Zugleich repräsentiert z. B. die GEMMAF gerade mal einen Bruchteil der in Deutschland beheimateten Kampfsport-Gyms, ein Alleinvertretungsanspruch leitet sich daraus kaum ab. Für ein Interview zu diesem Buch standen die Verantwortlichen nicht bereit. So entsteht kaum eine richtige Debatte, auch nicht in der Politik: „Mixed Martial Arts stand bisher noch nicht auf der sportpolitischen Agenda. Die Debatte, ob und inwiefern es als Sport gelten kann, steht noch aus. Jenseits dessen gilt auch die Autonomie des Sports, der Staat kann vor allem über die Finanzierung regulierend eingreifen“, sagt Monika Lazar, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Obfrau im Sportausschuss. Doch nicht nur das. Auch fiel MMA in den vergangenen Jahren wiederholt durch rechtsextreme Kämpfer und einschlägiges Publikum auf. Nicht ohne Grund: Zwar ist ein Großteil der Athleten unbescholten, doch hat sich bis zum Jahr 2016 allein der Veranstalter We love MMA glaubhaft gegen Rechtsextreme und deren Teilnahme an seinen Events ausgesprochen. Teile der restlichen MMA-Welt in Deutschland gehen mit dem Thema mindestens blauäugig, manchmal völlig verharmlosend um. „Da entsteht ein Markt. Auch Rechtsextreme tummeln sich dort. Ich finde das sehr schade für diesen tollen Sport. Er hat so viel Potenzial, das tut ihm nicht gut“, kritisiert wiederum Vincent Ludwig. Es fehle an etablierten Strukturen. „Im Boxen musst du eine Ausbildung über mehrere Wochenenden beim Boxverband sowie beim Landessportbund zum Trainer absolvieren. Im Thaiboxen und im MMA kostet das ein paar hundert Euro und dauert nur ein Wochenende. Das ist nicht reglementiert und offiziell lizenziert. Jedes Studio betreibt sein eigenes Geschäft.“ Daran müsse sich etwas ändern, so Ludwig.


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Leipzig: das Imperium Fight Team

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Benjamin Brinsa trägt den Kampfnamen „The Hooligan“, ist der Chef des Leipziger Teams und macht aus seiner Herkunft keinen Hehl. Seine Kollegen und Trainingspartner tragen Namen wie Christopher „The Joker“ Henze, Christian „Salvatore“ Lo Re oder Markus „The Pimp“ Kottke. Viele von ihnen kommen aus der Fanszene von Lokomotive Leipzig. Auch der Bundesregierung ist Brinsa kein Unbekannter: Sie sieht ihn in ihrer Antwort zu einer Kleinen Anfrage (2017) als von 2006 bis 2012 an rechtsextremen Aktivitäten beteiligt sowie als „Führungsfigur der im Jahr 2014 aufgelösten Hooligangruppierung ‚Scenario Lok‘“. Diese wurde – ebenso wie die „Blue Caps“ – vom sächsischen Verfassungsschutz beobachtet. Seit der Auflösung entstanden die Projekte „Fanszene Lok“ und „Eastside Rowdies“, welche die Mitglieder der alten Gruppen auffingen und eine deutliche Nähe zu den Leipziger Hells Angels aufweisen. Zudem wissen sich die Fanszenen von Lokomotive Leipzig und des Imperium Fight Teams gegenseitig zu schätzen. Vor dem Event im August 2016 hielten Fans von Lok ein Transparent im Stadion hoch, auf dem sie für IFC IV warben: „Support your local MMA Team!“, stand darauf. Derlei öffentliche Bekundungen haben Tradition: Schon 2012 veröffentlichte „Scenario Lok“ ein Video, in dem sich Szenen aus Kampfsportturnieren, Trainings, „Ackermatches“ und Fußball zu knarzigem „NS Hatecore“ mischen. Parallel zu seiner Geschichte in der Leipziger Fanszene entwickelte sich Brinsa zu einem respektablen MMA-Fighter, galt als eines der deutschen Top-Talente der Szene. Nach 13 Kämpfen war er noch immer unbesiegt und konnte spektakulär auf sich aufmerksam machen, als er den UFC-Veteranen Daniel Sittgen im Mai 2013 nach bereits 33 Sekunden durch einen Würgegriff (Standing Guillotine Choke) zur Aufgabe zwang. Anschließend verpflichtete ihn die UFC, wollte ihn zum fünften deutschen MMAKämpfer aufbauen. Doch Berichte über Brinsas Vergangenheit wirbelten Staub auf; nach monatelanger Prüfung hob die UFC den Vertrag auf, wie das MMA-Nachrichtenportal „Ground and Pound“ berichtete. So hat Brinsa zwar bei der UFC unter Vertrag gestanden, nur hat er nie für sie gekämpft. Vielleicht nicht das Schlechteste für ihn. Denn anschließend verlor er drei internationale Kämpfe und konnte nur noch vor heimischem Publikum gewinnen, bevor ihn ein Kreuzbandriss zu einer sportlichen Pause zwang. Zudem scheinen die Ausbootung bei der UFC und die Aktivitäten beim Imperium Fight Team zusammenzuhängen – das nötige Kleingeld für die seit 2014 stattfindenden Events war womöglich auch durch die Abfindung der UFC vorhanden. Nicht ohne Erfolg, auch wenn die Gruppierung weiterhin unter argwöhnischer Beobachtung


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steht, was u. a. dazu führte, dass er sein erstes Event nicht wie geplant in den Räumen der Leipziger Universität aufführen durfte. Ein weiterer Höhepunkt der jahrelangen Verbindung zwischen LokFans, Kampfsportlern des Imperium Fight Teams und der rechten Szene in Sachsen ereignete sich am 11. Januar 2016. Der lokale Ableger der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ Legida beging sein einjähriges Bestehen in der Leipziger Innenstadt – unterstützt von bundesweiter Hooliganprominenz. Kategorie C waren angereist und gaben den Gassenhauer „Hooligans gegen Salafisten“ zum Besten. Nahezu zeitgleich und leicht abseits des Aufzugs zogen bis zu 300 Rechtsextreme und Hooligans durch Leipzig-Connewitz, zerstörten knapp 20 Läden. Neben einer Reihe an rechter Politprominenz aus Sachsen wurden Hooligans aus fast allen Fanszenen der Region festgenommen. Szenekundige Beamte ordneten sie wie folgt zu: Lok Leipzig (41), Hallescher FC (1), Dynamo Dresden (16), Rot-Weiß Erfurt (4), Carl-Zeiss Jena (2), Chemnitzer FC (1), RB Leipzig (1). 39 von ihnen waren auch in der umstrittenen Datei „Gewalttäter Sport“ verzeichnet. Es sollte ein Fanal werden: ein Fanal gegen die linke Szene in Leipzig, ein Fanal gegen die Migrationspolitik der Bundesregierung. Der Polizei gelang es letztlich, etwas mehr als 200 Randalierer festzusetzen – unter ihnen Timo Feucht und andere Kämpfer des Imperium Fight Teams. Wenig überraschend warb die IFC kurz vor der Bundestagswahl 2017 auch mehrfach für die AfD in den sozialen Medien. Man hat seine politische Heimat gefunden. Auch dank dieser Netzwerke haben sich die Aktivitäten der Kampfsporttruppe von einer kleinen Klitsche zu einem profitablen Unternehmen entwickelt, das finanzielles Potenzial hat. Denn schon jetzt dürfte der Umsatz pro Event bei etwa 100.000 Euro liegen. Die Tickets kosten in verschiedenen Preiskategorien ab 25 Euro aufwärts. Wenn 1.500 Menschen mindestens 25 Euro Eintritt zahlen, ergibt dies 37.500 Euro. Zudem kauft jeder Gast Getränke und Essen für 20 Euro im Schnitt, macht abermals 30.000 Euro. Hinzu kommen die zwölf offiziellen Sponsoren sowie solche, die laut Imperium nicht öffentlich genannt werden wollen. Wenn jeder dieser Sponsoren zwischen 500 und 2.000 Euro zahlt – also im Schnitt 1.250 Euro –, bringt das weitere 18.750 Euro. Macht insgesamt 86.250 Euro. Wohlgemerkt ist das jedoch sehr konservativ geschätzt, da viele Tickets weitaus mehr als die aufgeführten 25 Euro kosten. Somit sollte der Gesamtumsatz an die 100.000 Euro heranreichen. Auf der anderen Seite müssen die Mietkosten für die Halle sowie Honorare für Schiedsrichter und Kämpfer abgezogen werden. So dürften nach Abzug der Kosten zwischen 10.000 und 20.000 Euro Gewinn bei den Organisatoren bleiben – immerhin, Geld für die Szene, ihre Schlüsselfiguren und ihr Kampfsportstudio.


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Rechter Kampfsport

Die Imperium Fight Championship ist ein höchst professionelles Event: eine große Halle, über 1.500 Zuschauer und eine imposante Lichtershow. Doch ist die IFC nicht der erste Versuch aus der rechten Szene, mit dem Kampfsport Geld zu verdienen und ihren Mitgliedern ein Event zu bieten. Diese Entwicklung reicht in Sachsen mindestens bis zum Beginn der 2000er Jahre zurück. Damals gelangte die Hooligangruppierung „HooNaRa“ zu zweifelhaftem Ruhm. Sie wurde in den 1990er Jahren von Neonazis aus Chemnitz und Zwickau gegründet. Der Gruppenname stand für „Hooligans Nazis Rassisten“ – der rechtsextreme Charakter erklärt sich von selbst. Zu den Mitgliedern gehörte auch Rico Malt, der mehrfach beim „Freefightclub Karl-Marx-Stadt“ antrat und zeitweise für das Freefight-Gym „Muay Thai Schmiede Thalheim“ kämpfte. Er gehörte somit zur kämpfenden Elite der Szene. Doch lebte er nicht lange: Malt war Bauarbeiter und verunglückte 2007 tödlich, als er von einem Gerüst fiel. Die Dortmunder Hooligangruppe „Northside“ widmete ihm ein eigenes Transparent im Stadion: „Rico Malt – unvergessen“. Die Netzwerke funktionieren. Man kennt sich. Die Events des „Freefightclubs Karl-Marx-Stadt“ waren äußerst wichtig für die Szene. Nicht selten besuchten mehrere hundert Neonazis die Kämpfe, skandierten „Juden raus“ und „Sieg Heil“ beim Einlauf ihrer Kämpfer. Unter ihnen befanden sich auch die rechtsextremen „NS-Boys“ sowie Personen, die später im Rahmen der Ermittlungen zum Umfeld und Unterstützerkreis des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) in den Fokus rückten. Auf solchen Veranstaltungen trifft sich die Szene zu großen Festen. Man lernt sich kennen, tauscht sich aus, frönt der Gewalt und ist unter sich. Milieus brauchen solche Orte. Sie sind quasi die Institutionen des sozialen Zusammenlebens – und in diesem Fall politisch aufgeladen. So kommt es nicht nur bei manchen Kämpfern zu Problemen mit rechtsextremem Gedankengut, auch im Publikum finden sich bei verschiedenen Events Anhänger rechtsextremer Haltungen – so auch beim „Sprawl and Brawl IV“ im November 2016 in Berlin: Dort skandierten knapp 20 Zuschauer „HooNaRa“ zum Sieg eines Kämpfers aus Dresden. „HooNaRa“ kam zwar eigentlich aus Chemnitz, doch hat sich der Slogan unter rechten Hooligans und Fußballfans etabliert.

Rechtsextreme Eventkultur: „Kampf der Nibelungen“

Das Handy klingelt. Immer wieder. Alle zwei Minuten. Sebastian T.* ist so beschäftigt, dass er nicht einmal auf die Toilette gehen kann, ohne zu

* Der reale Name ist dem Autor bekannt und wurde anonymisiert.


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Über Kampfsport und Mixed Martial Arts

telefonieren. Immer wieder muss er den Weg erklären, Ortsnamen durchsagen. Alles wiederholen. Und nebenher die Veranstaltung mit aufbauen. Er kommt aus Dortmund und koordiniert geheime Events der Szene. So auch an diesem Tag. Das wohl wichtigste Kampfsportevent der rechtsextremen Szene: den „Kampf der Nibelungen“ (KDN). Der KDN bezieht sich auf den vierteiligen Nibelungen-Opernzyklus von Richard Wagner sowie die germanische Heldensage, in der „Siegfried, der Drachentöter“ im Blut des Drachen badet und dadurch unverwundbar wird. Nur bedeckt ein Laubblatt ein Stück seiner Schulter, wo er verletzbar bleibt. Das Logo des KDN ziert folgerichtig ein kleines Blatt. Man sieht sich in der Tradition des nationalen Epos. Das Event findet seit 2013 an geheimen Orten statt – zuerst noch als „Ring der Nibelungen“ – und wird wie ein geheimes Neonazikonzert organisiert: Über eine Mailadresse bestellt man Tickets, anschließend erhält man die Adresse eines Postfachs, zumeist in Dortmund. Dort schickt man Geld hin und bekommt das Ticket. Am Tag der Veranstaltung gibt es eine Telefonnummer, mittels derer die Zuschauer über eine Reihe an Treffpunkten und weiteren Nummern zum letztlichen Veranstaltungsort gelangen: Die ersten Jahre war dies in einem Kurort in der Eifel, 2015 im Raum Dortmund, 2016 im hessischen Gemünden und 2017 im sauerländischen Kirchhundem. Die Betreiber der Sporthalle des ersten Turniers waren national gesinnt, schauten sogar vorbei und wussten, wer sich dort versammelte. „Die Stimmung auf den Turnieren war ausgelassen und nett. Man befand sich unter seinesgleichen, die meisten kannten sich“, sagt Markus. Er bewegte sich einige Jahre in der Szene, besuchte auch den KDN. Mittlerweile aber ist er ausgestiegen, hat die Gewalt und die Verlogenheit der Neonazis satt. „In der Mitte war ein Ring mit Seilen aufgebaut, gekämpft wurde in den Disziplinen Boxen, K-1 – eine Art des Kickboxens – und MMA. Drum herum standen Stühle, es gab auch einen kleinen Stehplatzbereich. Die Musik schwankte zwischen gängigem Pop und Szene-Bands wie Stahlgewitter und Landser“, beschreibt er die Szenerie. Ein Merchandise-Tisch war aufgebaut, Marken wie Ansgar Aryan, Pride France, White Rex und Sport frei verkauften dort T-Shirts, Aufkleber, Sportartikel. Auch Tonträger indizierter Bands wurden angeboten. Markus ist seine damalige Zeit sichtlich unangenehm. Sein richtiger Name darf hier genauso wenig preisgegeben werden wie sein Wohnort, der Ort, an dem wir uns treffen, oder auch die Gruppen, in denen er aktiv war. Er möchte Abstand gewinnen. Nur so viel: Markus kam über den Fußball in die Szene. Im Stadion lernte er andere junge Männer kennen, die Spaß an Gewalt hatten. „Nach den Spielen gingen wir gemeinsam Bier trinken. Und irgendwann forderte mich einer auf, auch politisch aktiv zu


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werden, wenn ich doch national sei.“ Fortan geht Markus nicht mehr nur ins Stadion, sondern auch zu Kameradschaftstreffen. Er lernt jenen Sebastian T. kennen. Dieser ist bundesweit gut vernetzt, fährt oft nach Sachsen, zusammen mit seinen Dortmunder Kameraden. Gemeinsam besuchen sie auch das Fußball-Pokalspiel zwischen Borussia Dortmund und dem Chemnitzer FC im August 2015, halten Kontakt zum dortigen „rechten Plenum“, das einen Neonazi-Kiez begründen will. Sebastian T. lädt die Szene zum „Kampf der Nibelungen“ ein, von überall kommen sie her. „Auf den Turnieren waren u. a. Hooligans aus Ludwigshafen, Erfurt, Zwickau, Chemnitz und Dortmund. Dazu kommen mehrere Russen“, erzählt Markus. „Wegen der Russen gab es am Imbiss auch vegane Suppe, denn viele der russischen Neonazis sind Straight-Edge. Das hat zu Nasenrümpfen und hämischen Kommentaren bei den deutschen Biertrinkern geführt.“ Mittlerweile sind vegane Nazis und Nipster (NaziHipster) auch in Deutschland angekommen. Kamen zum ersten Turnier noch 100 Zuschauer und Kämpfer mit kleinen Gruppen, ist es mittlerweile leicht gewachsen. 2016 waren es ca. 180 Zuschauer. Nicht nur Hooligans aus Dortmund sowie Sachsen und Thüringen – bekannten rechtsextremen Hochburgen – reisen an. 2016 kämpfte auch ein Bielefelder Hooligan beim „Kampf der Nibelungen“ mit, unter dem Kampfnamen „Adolf “. Er ist Mitglied bei der rechten und gewaltaffinen „Venomous Generation“, einer Mischform aus Ultras und Hooligans bei Arminia Bielefeld. Über den gesamten Nachmittag und Abend verteilt fanden mehr als 20 Kämpfe statt. 2017 wiederum reisten Kämpfer aus Russland, Frankreich, Schweiz, Österreich und Skandinavien sowie dem gesamten Bundesgebiet von Aachen bis Sachsen an. Im Zentrum der Veranstaltung und ihrer Kämpfer stehen derweil ein faschistisches Körperideal, Werte wie Härte und Selbstdisziplin sowie die Feindschaft zum demokratischen System. „Während bei den meisten ‚Fight Nights‘ im bundesweiten Raum die Teilnahme des jeweiligen Sportlers allzu oft mit dem abverlangten Bekenntnis zur freien demokratischen Grundordnung steht oder fällt, will der Kampf der Nibelungen den Sport nicht als Teil eines faulenden politischen Systems verstehen, sondern diesen als fundamentales Element einer Alternative zu eben jenem etablieren und in die Breite tragen“, heißt es auf der Homepage. „Umso mehr sehen wir den Schlüssel zum Erfolg und zur Erreichung der persönlichen Zielsetzung – egal ob im sportlichen, politischen oder persönlichen Sinne – in den Faktoren Wille, Disziplin und Fleiß“, werden die eigenen Werte beschrieben. „Kommt mit anderen Sportlern in Kontakt und animiert über euer Vorbild andere dazu, dem System der Versager, der Heuchler und der Schwächlinge den Rücken zu kehren“, sagt man der Demokratie den Kampf an.


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Der „Kampf der Nibelungen“ ist ein wichtiger Treffpunkt für rechte Hooligans, Neonazi-Kader und Teile der internationalen faschistischen Kampfsportprominenz. Weitere Events sind geplant. Es ist gut möglich, dass sich die Kampfsportveranstaltung weiterentwickelt und öffentlich werden will. Denn 2017 nahmen bereits 600 Zuschauer teil, noch größere Veranstaltungen lassen sich kaum mehr geheim halten. Zumal man sich auch die Markenrechte am KdN im Sommer 2017 hat sichern lassen und das Vorbild aus Russland den Weg vorzeichnet. Denn der Bezug dorthin kommt nicht von ungefähr. Sebastian T. ist zwar einer der Organisatoren des Turniers, in dem auch „Hammerskins“ – eine seit den 1990er Jahren organisierte Neonazi-Elite – zentral sind. Doch steht ihm ein gewichtiger Sponsor aus Russland beiseite, dessen Chef auch selber auf den Turnieren gekämpft hat.

Moskau: White Rex aus Russland

Es ist wieder Denis Nikitin. Er ist Russe, gründete 2008 die Neonazi- und Kampfsportmarke White Rex und kennt sich auch in Deutschland aus. Der Mittdreißiger hat vermutlich familiäre Verbindungen nach Köln, studierte zwischen 2010 und 2013 mutmaßlich in der Domstadt und spricht fließend Deutsch. Europaweit hat er Kampfsportturniere für die rechtsextreme Szene aufgebaut. „Er hat es verstanden, die rechte Hooliganszene zu seinem Geschäftsfeld zu machen. Außerdem glaubt er an die nationalsozialistische Revolution und will die Hooligans an die Neonaziszene binden“, beschreibt Markus dessen Ziele. Nikitin wandelt auf den Spuren von Michael Kühnen. Die Idee einer Hooliganszene als militantem Vorbau nationalsozialistischer Parteien nach dem Vorbild der SA hat sich gehalten. Und Nikitin wusste sie zu modernisieren. Mit einer Eventkultur, die Gewalt, Zusammengehörigkeit und politischen Hass zu einem geschäftlich einträglichen Festival macht. Somit dient der „Kampf der Nibelungen“ auch als Türöffner in Deutschland für White Rex – den Big Player der europäischen rechtsextremen Kampfsportszene. Das Logo ziert ein Wikingerkopf vor einer Schwarzen Sonne. Und White Rex hat sich in Russland ein kleines Kampfsportimperium aufgebaut, denn das Label betrieb in den vergangenen Jahren verschiedene Turnierreihen. Es begann 2011 mit den MMA-Qualifikationsturnieren namens „Kriegergeist“ (Дух воина). Die ersten Veranstaltungen fanden in Woronesch, Lipezk, Samara und Noworossijsk statt, also fernab der russischen Metropolen, zum Teil noch in kleinen Räumen mit zehn Kämpfern und zwanzig Zuschauern. Dort konnten sich die Kämpfer für die finalen Turniere in Sankt Petersburg und Moskau qualifizieren. In pathetischen Worten beschreibt White Rex die Mission: „In ganz Russland und jenseits seiner Grenzen schmiedet White Rex durch die schweren Schläge und Knockouts aus der jungen Generation wahre


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Krieger, Menschen, die durch die Banden der kämpferischen Kameradschaft und Brüderschaft unserer slawischen Vergangenheit würdig sind und bereit sind, die Verantwortung für die Zukunft auf sich zu nehmen.“ Man zielt darauf ab, das sogenannte Slawentum, Kampfgeist, Natur und Nationalismus zu verbinden. Auch im Interview mit dem ukrainischen Forum „Troublemakers“ plaudert Denis Nikitin offen über seine rassistische Gesinnung: „Ich gebe weißen Jungs (und jungen Frauen) die Möglichkeit, ihre Kräfte zu messen. Du brauchst keine Ausländer auf der Straße zusammenzuschlagen. Du musst selber gesünder und stärker werden“, sagt er. Nikitin ist ein asketischer „Gesundheitsnazi“. Politisch betrachtet, vertritt White Rex folgerichtig ein faschistisches Ideal von Körper und Umwelt. Bilder zeigen Bodybuilder und andere Sportler in Wäldern, beim Reiten mit Wölfen, mit Äxten um Feuer im russischen Schnee. Eine eng befreundete Marke nennt sich PPDM Straight Edge. Mobfotos durchtrainierter Männer mit gekreuzten Armen: das Zeichen für die ablehnende Haltung gegenüber Drogen und Alkohol. Reinheit wird als Ideal gepriesen. Ein völkisches Verständnis von Mensch und Gesellschaft durchströmt die Bilderwelt. Ein Comic-Plakat zeigt eine blonde Frau, in ein T-Shirt der Marke gekleidet. Darüber steht: „100 % White Rex – 0 % Feminism“. Stattdessen die Härte der Natur. White Rex prägt Allzweckäxte und Wildnismesser. Zeigt seine Aktivisten mit der Fahne des Logos auf Berggipfeln. Bei aller Modernitätskritik höchst modern inszeniert und gefilmt. Leni Riefenstahl hätte ihren Spaß daran gehabt. Weitere Turnierreihen Nikitins waren die Events „Birth of a Nation“, woran auch der Dortmunder Hooligan Timo „Fritz“ K. im Oktober 2013 teilnahm. Hinzu kommt die „JungSturm League“, in der sich Nachwuchskämpfer beweisen können. Die Events sind zum Teil sehr gut besucht, bis zu 1.500 Zuschauer füllen die Hallen. „Das Hauptpublikum bestand aus Fußball-Hooligans oder einfach patriotisch eingestellten Jungs“, beschreibt Nikitin die Stimmung. Dabei agiert White Rex äußerst professionell, bewirbt seine Veranstaltungen mit dramaturgisch gut gemachten Videos und modernen Designs. So ist Nikitin Neonazi und Geschäftsmann. Er will Menschen jenseits der eigenen Szenen erreichen: „Das neue Publikum kommt aber erst dann, wenn das Turnier ein weniger aggressives, aber dafür glamouröseres Image hat“, erläutert er seinen Businessplan. „Wir vermarkten einen Lebensstil“, fährt er fort. Denn zu White Rex gehören auch die „Vandals“, eine rechtsextreme Wandergruppe, die Outdoormaterial verkauft. Reihenweise posten sie Bilder auf Instagram, auf denen kleine Gruppen mit der „Vandals“-Fahne an Bächen, auf Bergen und vor weiten Feldern stehen. In Deutschland betreiben Neonazis dies ebenso: Nationalsozialismus als Freizeitspaß und Geschäft zugleich.


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„Meine Aufgabe ist global, ich muss alle Lebensbereiche eines modernen Menschen abdecken“, führt Nikitin aus. „White Rex ist eine alternative Lebenseinstellung, die ich zu 100 % schaffen möchte. Mit Kleidung, Turnieren, Sportnahrung und Fitnessstudios.“ Nikitin will den ganz großen Wurf, eine Art nationalsozialistischer Komplettausrüster werden. Er kommt aus der Moskauer Hooliganszene, ist geschäftlich sehr umtriebig und international bestens vernetzt. Mit 22 Jahren kam er in die Szene und wurde vier Jahre später Mitglied bei der „Jaroslawka“ im Umfeld von CSKA Moskau. „Das war reiner Zufall. Ich mag keinen Fußball, ich liebe den Faustkampf. Genauso hätte ich auch bei Spartak landen können. Am Supporten, Mitfiebern liegt mir nicht viel. Mir gefallen das Adrenalin, die Verfolgungsjagden durch die Stadt, Ackermatches, die Action, die dahintersteckt. Das ist meins!“, beschreibt Nikitin seine Motivation. Er ist in der russischen Hooliganszene tief verankert. Gemeinsam fuhren sie z.B. nach Marseille zur Fußball-EM 2016 und begannen die Krawalle am dortigen Hafen. Er führte dabei eine Kleingruppe an. Nikitin bietet auch Kurse zu Selbstverteidigung und Messerkampf an – nicht nur in Russland. Laut des Blogs „Ukrainianpolicy.com“ wurde er 2014 als Redner zu einem Treffen der „London New Right“-Bewegung eingeladen. Schon zuvor hatte Nikitin Fitnesskurse auf einem Trainingscamp britischer Neonazis in Wales geleitet. Zudem verfügt er durch seine Marke über gute Kontakte in die Fanszenen von Legia Warschau sowie Sparta Prag. Auch zu seinen ukrainischen Kameraden hält Nikitin engen Kontakt, veranstaltete bereits ein Turnier in Kiew. Dieses Verhältnis scheint vom russisch-ukrainischen Krieg im Donbass kaum belastet: „Ich finde den Gedanken einer russischen Welt klasse, aber zuerst sollte man diese Welt im eigenen Land aufbauen“, sagt Nikitin und ergeht sich in einem Monolog gegen innerrussischen Multikulti aus Tschetschenen und Tadschiken. „Deshalb finde ich es sehr schade, dass bei diesem Konflikt so viele gute russische und ukrainische Jungs draufgegangen sind“, beschreibt er seine Gedanken zum Krieg. Nicht zuletzt reichen seine Kontakte auch nach Deutschland. In seiner Facebook-Liste finden sich vor allem Kontakte zu rechten und gewaltaffinen Ultras aus Köln, aus dem Umfeld der dortigen „Boyz“. Zudem zeigen ihn zwei Bilder seines Instagram-Accounts 2015 und 2016 zusammen mit Dortmunder Hooligans in der Bierstadt. „Mit den Jungs aus Köln und Dortmund ist eine echte Männerfreundschaft entstanden. Uns verbinden die nationalistischen Ideen“, sagt Nikitin. Mit seiner Mischung aus nationalsozialistischem Business, Angeboten an modernen Wehrsportübungen und Netzwerken zwischen Neonazis und Hooligans avanciert Nikitin zu einer zentralen Schlüsselfigur des rechtsextremen Hooliganismus in Europa.


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Darüber hinaus ist White Rex bestens mit anderen Labels der europäischen rechtsextremen Kampfsportszene vernetzt. Hierzu zählt das französische Label Pride France, welches in der rechten Hooliganszene von Lyon beheimatet ist. Hinzu kommen die Marken Beloyar und Bataillon 732 sowie das ukrainische Svastone, das Hooligans für den ukrainischrussischen Krieg im Donbass mobilisierte. Nicht zuletzt sei die deutsche Marke Greifvogel (Slogan: „Strength against the modern world“) erwähnt, die in Deutschland zu vielen Turnieren in Gruppenstärke und einheitlicher Aufmachung aufläuft, um für sich zu werben und Präsenz zu zeigen. Gemeinsam präsentieren sie ihr Sortiment im Onlineshop www.2yt4u. com. Der in der rechtsextremen Szene beliebte Code steht für den Slogan „Too White for You“ – eine rassistische Kampfansage. Neben Greifvogel existieren in Deutschland noch Marken wie Pro Violence, Brachial oder auch Walhall Athletik, die auf eine ähnliche Klientel zielen. Zugleich beschränkt sich die Vernetzung nicht auf eine Homepage. So sponserten Pride France, White Rex und Greifvogel 2015 das Kampfsportevent „Propatria – Spirit of our Ancestors“ in Griechenland. Dabei machte man aus seiner Gesinnung keinen Hehl: Die Kämpfer auf dem Plakat tragen tätowierte SS-Runen sowie Symbole des Netzwerks „Blood and Honour“. Weitere Turniere wurden in Ungarn veranstaltet, im faschistischen Hausprojekt „Casa Pound“ in Rom sowie im Rahmen der Reihe „First to Fight“ auch in Polen. Letzten Endes machen die genannten Marken nahezu dasselbe wie ihre europaweit verteilten Kameraden: Sponsoring rechtsextremer Kampfsportturniere und Kämpfer, Verkauf von Kleidung und Kampfsportausrüstung – der Versuch, im Kampfsportsegment durch Präsenz Fuß zu fassen.

Mixed Martial Arts und Hooligans in Deutschland

White Rex verfolgt damit eine gezielte Strategie, um Hooligans an rechtsextreme Politik zu binden. Doch betreiben viele Hooligans wiederum den Sport weniger mit einer politischen Strategie, finden seine Events eher als ihr soziales Milieu spannend. So reicht der Bezug zwischen Kampfsport und den deutschen Fanszenen weit über die explizit rechtsextremen Beispiele hinaus. Denn nicht nur in Dortmund und Leipzig betreiben Hooligans sowie gewaltaffine Ultras aktiven Kampfsport bzw. zunehmend Mixed Martial Arts, wenngleich manche nur trainieren und nicht in den Ring bzw. Käfig steigen. Das Plakat des Berliner Events „Sprawl and Brawl IV“ 2016 z. B. zierte ein junger Mann, auf dessen Bauch das Tattoo „Dynamo Dresden“ prangt. Ein weiteres Beispiel ist die Hooligangruppe „Brigade Nassau“ aus Frankfurt am Main. Auch sie trainiert gemeinsam Kampfsport und zeigt sich auf Instagram im Käfig als MMA-Team. Einer von ihnen trägt dabei – alle sind oberkörperfrei abgebildet – ein Tattoo mit dem Schriftzug „Gott


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mit uns“ auf der Brust. Dieser Spruch zierte auch die Gürtelschnallen der Wehrmacht. Ein anderer postet auf Instagram des Öfteren Bilder mit Bezug zu den lokalen Hells Angels. Ein Dritter präsentiert „Strength & Honor“ auf der Haut und ist professioneller MMA-Kämpfer, der für den Internetsender www.respekt.tv auch schon mal ein Schild „Kein Platz für Rassismus“ hochhielt. Politisch alles sehr widersprüchlich. Zudem hat sich die Fair Fighting Championship zum Anziehungspunkt für gewaltaffines Fußballpublikum entwickelt. Vier der bisher ausgetragenen sechs Events fanden in Nordrhein-Westfalen statt, zwei in den nahegelegenen Niederlanden. Fair FC VI hausierte in Wuppertal. Nicht allein aufgrund der räumlichen Nähe treffen sich bei den Events Ultras und Hooligans aus verschiedenen Fanszenen des Ruhrpotts: Dortmunder neben Bochumern neben Essenern. Aber auch die Fightcards haben es in sich. Für Fair FC IV war ein Kampf zwischen Christian „Bifi“ Willing und Markus Kottke angekündigt. Willing kommt von der „Alten Garde Essen Boxclub Hafenstraße“. Kottke kämpft fürs Imperium Fight Team aus Leipzig. Fair FC II wiederum kündigte gleich vier Kämpfe mit Beteiligung von Fußballhooligans aus Dortmund, Frankfurt und Leipzig an: darunter der geplante Kampf von Benjamin Brinsa. Letztlich fanden zwei der Kämpfe nicht statt, da wohl – wie es öfter in dem Bereich geschieht – einige verletzungsbedingt abgesagt werden mussten. Doch auch ein Bochumer Hooligan, für den im lokalen Stadion bereits ein Spruchband vor einem anstehenden Kampf hochgehalten wurde, tritt des Öfteren beim Fair FC an. So haben sich Kampfsportevents gerade im Ruhrpott zum gängigen „Meet and Greet“ der gewaltaffinen Ultra- und Hooliganszene entwickelt. Im Ring stehen die besten Kämpfer aus der Szene, vor dem Ring die jubelnden Gruppen und auch im Stadion werden die Kämpfe bisweilen supportet. Thomas Schneider, Leiter der Abteilung Fanangelegenheiten bei der DFL, erinnert sich daran, dass sich Kampfsportangebote bereits vor zwanzig Jahren an die Szene richteten: „Zwischen 1992 und 1995 warben manche Kampfsportstudios mit dem Slogan ‚In 15 Stunden zum Streetfighter‘. Das zielte auf Hooligans, aber es war auch die große Zeit der Straßengangs. Natürlich wurde in den wenigen Stunden niemand zum Kampfsportler ausgebildet, aber es diente als Köder.“ Nach wenigen Jahren verschwand die Kampagne wieder, erinnert sich Schneider. Seither hat sich der Kampfsport, auch bei den Hooligans, stark professionalisiert.

Lettland: Team Fight Championship

Zumal in Osteuropa neue Formate getestet und veranstaltet werden. Die Team Fight Championship aus Lettland z.B. organisiert Turniere für den legalen Hooliganismus. Seit 2014 wurden drei solcher Championships


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durchgeführt. Dabei treten in jedem Kampf fünf Kämpfer pro Team an. Sie werden von fünf Schiedsrichtern begleitet, es gibt keine Runden, sondern nur einen Kampf. Zudem stehen Ärzte, Teambetreuer und SecurityLeute am Rande des Rings. Und außer dem fehlenden Publikum ist alles wie bei gängigen Kampfsportveranstaltungen auch: Schlanke, knapp bekleidete Frauen tanzen zu Hip-Hop und Rummeltechno vor den Kämpfen; jedes Team wird mit Profilen vorgestellt. Zudem gibt es Regeln wie im MMA: Vieles ist erlaubt außer Beißen, Kopfstößen sowie Stößen gegen Leiste, Adamsapfel und Augen. Jedes Team hat eine Gewichtsgrenze von 500 Kilogramm. Somit sind nicht die einzelnen Duelle in Gewichtsklassen geordnet, sondern der gesamte Teamkampf. An den bisherigen drei Turnieren nahmen Teams aus Polen, Russland, Tschechien, Lettland, den USA, England, Brasilien, Schweden, der Ukraine und Ungarn teil. Sie unterzeichnen einen Vertrag, der die gleichen Vertragsbedingungen wie andere MMA-Wettbewerbe beinhaltet: Transfers, Unterkunft, Krankenversicherung und eine Teilnahmegebühr. Das erste Turnier gewannen die Hooligans von Lech Poznan, das zweite die „Psycho Fans“ von Ruch Chorzów, das dritte San-Da PFC aus Lettland. Insgesamt ist eine Prämie von 5.000 Euro pro Turniersieg ausgeschrieben. Dabei wurden die Events stetig professioneller: Trugen bei der ersten Championship noch jeweils vier Kämpfer in eigenen T-Shirts die Duelle in einem erweiterten Ring mit Seilen aus, traten beim dritten Event schon jeweils fünf Hooligans in enger Sportkleidung mit dem Logo des Veranstalters in einem Käfig an. Die Teams reisen mit bis zu zehn Kämpfern an, um jeweils frisches Personal in den einzelnen Runden stellen zu können. Einige der Teams sind aus dem rechtsextremen Spektrum bekannt. So verfügen die „Psycho Fans“ aus Chorzów über internationale Neonazi-Kontakte. Zudem trat in Turnier zwei ein Team aus Russland namens „Jungvolk“ an. Sie gehören zum Umfeld des Moskauer Klubs CSKA und waren in der Vergangenheit an gezielten Angriffen auf Migranten und Homosexuelle beteiligt. Aus sportlicher Perspektive bleiben die Turniere ambivalent. Einerseits bieten die Kämpfe nur begrenzt Spannung und Technik: Sie gelten zwar als MMA, doch in einem Großteil ringt der Stärkere den jeweils Schwächeren nieder und prügelt so lange auf den Unterlegenen ein, bis dieser aufgibt. Kein Duell im Laufe der Turniere wurde gedreht, es ist meistens nach knapp 20 Sekunden entschieden. Der Rest ist Nachspiel und Faszination an Gewalt. Doch andererseits haben die Turniere Potenzial. In einer schnelllebigen, digitalen Welt, zu der auch stets rasanter werdende Filmschnitte zählen, musste sich selbst das traditionsreiche Ringen neue Regeln geben, um nicht aus dem olympischen Programm entfernt zu werden. Die Ringkämpfe waren


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schlichtweg zu langwierig und uninteressant geworden. Daher stößt auch das Format eines Fünf-gegen-Fünf-MMA auf großes Interesse: Die Kämpfe sind schnell und bieten anhand der fünf Einzelduelle viel Aktion. Da MMA an sich schon ein boomender Markt ist, könnten derlei Events womöglich einmal auch in Deutschland stattfinden bzw. im Internet zu sehen sein. In Polen ist die Entwicklung bereits einen Schritt weiter: MMA-Turniere von Hooligans sind keine Seltenheit. Im Januar 2017 fand solch ein Event in Posen (Poznan) statt. In der Mitte der Halle war das für MMA klassische Oktagon aufgebaut, rundherum fanden knapp 1.500 Menschen Platz. Schillernde Beleuchtung und leicht bekleidete Ring-Girls sorgten für das Rahmenprogramm. Nur traten hier nicht einzelne Boxer gegeneinander an, sondern drei Fünferteams polnischer Hooligans, deren Fanszenen sich auch im Publikum lautstark bemerkbar machten: von LKS Lodz, Arka Gdynia und Lech Poznan. Gruppen, die nicht miteinander verfeindet sind. Szenetypische Transparente mit Aufschriften wie „Ehre & Vaterland“ waren im Publikum zu sehen, eines sendete „Grüße ins Gefängnis“. Auch diese Bilder und Videos fanden über die sozialen Medien schnell nach Deutschland. Die Anziehungskraft der mittlerweile professionalisierten Events – ob MMA in Deutschland oder Gruppenkämpfe in Osteuropa – auf junge gewaltaffine Fußballfans ist hoch. Die genannten Turniere werden nicht die letzten Kampfsportevents gewesen sein, an denen Hooligans aktiv teilnehmen und die eine immer größere Strahlkraft ausüben. Was nicht überrascht. Denn dass Menschen, die sich teilweise als „Gewaltathleten“ betrachten, selber Kampfsport betreiben, ist nur folgerichtig. „Fanprojekte haben nie Kampfsport angeboten. Einzige Ausnahme: In Magdeburg haben in den 1990er Jahren zwei ehemalige Leistungssportler – ein Boxer und ein Kanut – Boxen für Jugendliche betrieben. Sie hatten einen guten Zugang über den Sport“, erzählt Thomas Schneider abschließend. Dabei erfüllt die Welt des Kampfsports für Hooligans und gewaltaffine Fußballfans verschiedene Funktionen: Sie nutzen die Events als Treffpunkte, um sich zu vernetzen. Bei den Trainings und Kämpfen wiederum professionalisiert sich die Gewalt, auch von denen, die letztlich keine Turniere absolvieren. Die Präventionsarbeit ist durch die Entwicklung gefordert – auf Seiten der Politik, der Pädagogik, der Sportverbände und Veranstalter. Ein erster Schritt könnte darin bestehen, Netzwerke zwischen dem Fußball und dem Kampfsport zu schaffen, um sich erst einmal über die Situationen in den einzelnen Orten und Städten auszutauschen. Eventuell könnten neue Formate erdacht und gefördert werden, um Sozialpädagogik im Kampfsport stärker zu etablieren und die Standards für Gewaltprävention weiterzuentwickeln. Alle Akteure sind gefragt: Werden sie neue Strategien finden, damit die Gewalt die Sporthallen nicht verlässt?


Die Hooligans sind zurück. Seien es die „Hooligans gegen Salafisten“, wieder erstarkte Gruppen in den Fankurven oder die russischen Schläger, die während der EM 2016 für massive Ausschreitungen sorgten. Robert Claus beleuchtet die zentralen Entwicklungen, Verbindungen in die Rockerszene und die Erfindung der Ackermatches. Dabei nimmt er auch den Kampfsport, geschäftliche Beziehungen, politische Einstellungen und internationale Netzwerke der Hooligans in den Blick. Zu Wort kommen: ehemalige und aktive Hooligans, Neonazi-Aussteiger, Kampfsportler, Kenner des osteuropäischen Hooliganismus sowie der Rockerszene, Berater von Opfern rechter Gewalt, Polizisten und Politiker, Fanarbeiter, Wissenschaftler, Fußballfans und weitere Experten. Robert Claus liefert eine differenzierte Analyse und spannende Reportagen der gewalttätigen und teils rechtsextremen Szene, über die viel zu wenig bekannt ist.

„Das Buch beleuchtet die äußerst komplexe Kultur der Hooligans intelligent und aus verschiedenen Perspektiven.“ (11Freunde) „Spannende Einblicke.“ (RBB Inforadio)

ISBN 978-3-7307-0354-0 VERLAG DIE WERKSTATT