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Patrick Nawe · Norman Nawe

Der Traum von der VERLAG DIE WERKSTATT

BUNDESLIGA


Inhalt

Von Grafen, Schockern und Feuerwehrmännern

Vorworte …

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„Keine andere Stadt, keine andere Liebe, kein anderer Verein“

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Zweitliga-Aufsteiger Holstein Kiel sorgte in der Saison 2017/18 für ein kleines Fußballmärchen

Ein Comeback der Superlative

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Wulf-Dieter Hansen (1978) und Marvin Ducksch (2017) schreiben Kieler Fußballgeschichte

Tore für die Ewigkeit

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Ein Fußballgott im Storchennest

Kenneth Kronholm

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Ein Kieler Torwartidol

Liebe und Leidenschaft in Blau-Weiß-Rot

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Holstein Kiel und seine Fans

Das Holstein-Stadion

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Spagat zwischen Tradition und Moderne

„20.000 Zuschauer sind auch in Kiel möglich!“ Interview mit den beiden HolsteinHauptsponsoren Dr. Hermann Langness und Gerhard Lütje

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Baumeister des Erfolges

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Talentförderung im CITTI FUSSBALL PARK

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Der Deutsche Meister kommt aus Kiel

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Die Kieler Störche – Fußballtradition seit 1900

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Kieler Störche entmachten Schalker Knappen

Gerd Koll und Markus Anfang führten Holstein in die 2. Liga

Patrick Herrmann

Holsteins Konstante

Das beste Spiel aller Zeiten

Volker Tönsfeldt und Steven Lewerenz schossen die Premierentore

Die Aufstiegstrainer

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Das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der KSV Holstein setzt im Norden Maßstäbe

Eine kurze Geschichte der 2. Bundesliga

Aufstiegshelden

Neue Strukturen – neue KSV Holstein

Ralf Becker und 24 Monate Kiel

Holstein Kiel in der 2. Liga – damals und heute

Holsteins Kampf um die Zweitklassigkeit

Das tiefe sportliche Tal der Kieler Störche von 1981 bis 2010

Wolfgang Schwenke seit neun Jahren KSV-Geschäftsführer

Die denkwürdige Rückkehr der Kieler Störche auf die Zweitliga-Bühne

Quantensprung und Zeitenwende

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82.000 Zuschauer bei extremer Hitze Holsteins Amateure werden durch ein 5:1 gegen Siegburg 04 Deutscher Amateurmeister

Bundesliga-Traum platzte am Bökelberg

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Holsteins Spieler saßen weinend in der Kabine

Die Goldenen Jahre

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Holstein stürmte von 1976 bis 1980 mit Routiniers und jungen Wilden in den Fußball-Himmel

Traumhafter Wahnsinn

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Die Kieler DFB-Pokal-Sensationen 2011/12

Tim Wulff löst Drittliga-Ticket 90

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2009: Falko Götz führt Holstein mit Derbysieg in die 3. Liga

Meilenstein vor 17.000 Fans

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2013: Holstein steigt unter Trainer Gutzeit in die 3. Liga auf

Statistiken

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Vorworte …

Vorworte … Die Kieler Störche begleiten uns schon von Kindesbeinen an. Gemeinsam haben wir in der Jugend der KSV gespielt und als junge Fans, animiert durch unseren Cousin Stefan Benkert, die Spiele in der 2. Liga Nord erlebt. Und seit vielen Jahren dürfen wir Holstein nun schon als Berichterstatter begleiten. Die Begeisterung für die Störche ist bei uns ungebrochen. Stets hatten wir auch die schillernde Vereinshistorie im Blick. Dass wir nun – 40 Jahre nach unseren ersten Besuchen auf dem Holsteinplatz – noch einmal Zweitliga-Fußball erleben dürfen, ist sicherlich ein Highlight unseres gemeinsamen Lebensweges. Unvergessene Spiele, große Siege, tragische Niederlagen und natürlich auch die Nähe zu zahlreichen großartigen Fußballern prägten für uns die letzten vier Jahrzehnte. Mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga hat sich für uns beide im Sommer 2017 ein Kreis geschlossen. Und noch einmal Punktspiele der Störche gegen den Hamburger SV zu erleben, das hätten wir bei all unserem Optimismus kaum mehr für möglich gehalten. PATRICK und NORMAN NAWE (die Autoren) Im Mai 1980 feierte ich in der 2. Liga Nord im Trikot der KSV Holstein meine Punktspielpremiere im Herrenbereich. Drei Jahre später startete ich mit meinem Wechsel nach Berlin in die große, weite Fußballwelt. Dass ich meinen Heimatverein Holstein Kiel in all den Jahren nie aus den Augen verloren habe, das versteht sich von selbst. Der lang ersehnte Aufstieg in die 2. Bundesliga im Sommer 2017 bewegte mich auch über 30 Jahre nach meinem Abschied aus Kiel sehr. Ich freue mich, dass sich Holstein auf eine derart begeisternde Art und Weise, mit tollem Fußball und stimmungsvollen Fans, auf der großen Fußballbühne zurückgemeldet hat. Ich denke noch immer gern an meine Zeit im Holstein-Stadion zurück und wünsche den Störchen für die Zukunft alles erdenklich Gute. ANDREAS KÖPKE (Bundes-Torwarttrainer) Für einen gebürtigen Holsteiner wie mich waren die Störche natürlich immer das Maß aller Dinge im Land. In der Jugend waren die Spiele gegen Holstein fast ausschließlich entscheidende Meisterschaftsspiele. In der Kieler Uni-Mannschaft habe ich auch mit dem einen oder anderen Holstein-Spieler zusammengespielt. 1980, als ich parallel zum Studium in Kiel beim NDR-Hörfunk begann, waren ein Probebericht über ein Holsteinspiel sowie ein Interview mit dem damaligen Trainer Gerd Prokop meine ersten beiden Aufgaben. In jenem Jahr, in dem die KSV in der 2. Liga Nord spielte, wurde ich erstmals für Fußball-Live-Reportagen auf NDR 2 eingesetzt und habe dementsprechend oft auch Holstein-Spiele verfolgt. Ich habe die Störche aus alter Verbundenheit nie aus den Augen verloren und bei allen Aufstiegsspielen sowohl in die 3. als auch in die 2. Liga mitgefiebert. Schade, dass es (noch) nicht mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga geklappt hat, denn für mich steht fest: Schleswig-Holstein braucht endlich mal einen Fußball-Erstligisten – er würde das Selbstbewusstsein dieses wunderbaren Landes noch mehr stärken. GERHARD DELLING (TV-Moderator) Holstein Kiel ist mein Heimatverein, und bis heute sind die Verbindungen hervorragend. Nicht nur weil mit Tim Siedschlag noch ein alter Kieler Weggefährte dabei ist und mein Freund Steffen Schneekloth das Präsidentenamt innehat. Meine Familie lebt in Kiel. Ich schaue immer auf die Ergebnisse der KSV, das war eine phänomenale Saison. Da wächst richtig etwas heran. Der Verein hat einen tollen Weg eingeschlagen und das sicher auch aufgrund der großen Unterstützung von Gerhard Lütje und Hermann Langness. Ich habe so oft wie möglich versucht, Spiele der Störche zu sehen. Auch beim Rückspiel gegen den VfL Wolfsburg war ich live dabei. Man kann stolz sein auf das Geleistete, und ich bin sehr gespannt, was die KSV in Zukunft im Profifußball erreichen wird. FIN BARTELS (Bundesliga-Profi)

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Die Relegation gegen WOlfsburg

Marvin Ducksch (re.) und Kapitän Rafael Czichos feiern den Ausgleich in Wolfsburg.

„Keine

andere Stadt, keine andere Liebe, kein anderer Verein” Zweitliga-Aufsteiger Holstein Kiel sorgte in der Saison 2017/18 für ein kleines Fußballmärchen

Es glich einem sportlichen Orkan, wie die Kieler Störche seit dem Aufstieg am 13. Mai 2017 durch die 2. Bundesliga fegten. Fast vier Jahrzehnte lang – seit dem Abstieg aus der 2. Liga Nord 1981 – hatten die Kieler Fans von der Rückkehr in das Bundesliga-Unterhaus geträumt. Zahlreiche Versuche waren an der sportlichen und wirtschaftlichen Realität gescheitert. Mit Trainer Markus Anfang begann im Herbst 2016 ein kleines Kieler Fußballmärchen, das im Sommer 2018 beinahe eine echte Sensation geworden wäre. Mit dem Erreichen der Relegation gegen den VfL Wolfsburg feierte Holstein Kiel den größten Erfolg der Vereinsgeschichte seit der Qualifikation für die Bundesliga-Aufstiegsrunde 1965.

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Die Relegation gegen WOlfsburg

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er Höhenflug des Deutschen Meisters von 1912 sorgte bei den Anhängern im Norden für einen echten Rauschzustand. Noch viele Jahre wird man über die Saison 2017/18 sprechen, in der Holstein Kiel endlich wieder zum Synonym für mitreißenden Fußball und das altehrwürdige Holstein-Stadion zum echten Hexenkessel wurden. Mit einer Mannschaft, wie man sie im heutigen Profifußball nur noch selten antrifft, setzte Ex-Profi Markus Anfang eine Spielphilosophie um, die beinahe in die 1. Bundesliga geführt hätte – es wäre das erste Mal in der Vereinsgeschichte gewesen.

Dass Holstein trotz der charakterlich geraden, intelligenten und bescheidenen, aber dennoch selbstbewussten und zielstrebigen Fußballer am Ende der Sprung in die Eliteliga verwehrt blieb, war bitter – angesichts des hohen Millionenetats der Wölfe und der außerordentlichen Qualität des Spielermaterials allerdings auch nicht verwunderlich. Der VfL Wolfsburg rettete sich zum zweiten Mal in Folge über die Relegation. Holstein hatte in beiden Spielen das Nachsehen. Als FIFA-Schiedsrichter Daniel Siebert aus Berlin das Rückspiel im Holstein-Stadion nach 96 Minuten abpfiff, erhoben sich die 12.000 Zuschauer und zollten den tapferen Verlierern mit Standing Ovations ihren Respekt. Einen Tag später feierten Tausende auf dem Kieler Rathausplatz die Helden frenetisch. Dennoch, die beste Saison seit über 50 Jahren hatte kein Happy End gefunden, der Traum von der 1. Bundesliga war trotz zweier keineswegs enttäuschenden Vorstellungen gegen den Goliath aus Wolfsburg ausgeträumt. Die Erinnerungen werden bleiben – nicht nur als sportlicher Meilenstein in der Geschichte der Kieler Sportvereinigung von 1900, sondern auch als emotionaler Höhepunkt.

Die „Rote Wand” Keine Spur von Frust im roten Block der Holstein-Fans nach der 1:3-Hinspielniederlage in der Wolfsburger Volkswagen-Arena: Die 3.000 Kieler Anhänger, die eine beeindruckende „Rote Wand” bildeten, entließen ihre Helden mit donnerndem Applaus und lautstarken Schlachtgesängen. Als sich der aus Kieler Sicht historische Abend dem

Ende entgegenneigte, schlug die große Stunde von Markus Anfang. Der Erfolgstrainer, der die KSV nach 36 Jahren zurück in die Zweitklassigkeit geführt hatte, lächelte die Niederlage bei den Wölfen vor der versammelten Medienschar auf der Pressekonferenz einfach authentisch charmant weg und zündete mit seinen Worten zugleich den letzten Funken Hoffnung für das Rückspiel im Holstein-Stadion: „Die Qualität bei einer Bundesliga-Mannschaft ist eine andere, und das hat man auch gemerkt. Nach dem dritten Treffer der Wölfe haben wir ein richtig gutes Spiel gemacht, am Ende hätten wir einen weiteren Treffer verdient gehabt.”

Endstand in Wolfsburg.

„Was für ein cooler Trainer”, staunte ganz Deutschland bei der Nachbetrachtung der Partie. Der nüchterne Blick für die klare Analyse, die realistische Beschreibung der Kräfteverhältnisse zwischen dem Tabellensechzehnten aus Liga eins und dem Unterhaus-Aufsteiger von der Förde – Anfang bewies einmal mehr, wie gut er die Klaviatur dieser Branche beherrscht. Und dann spielte der zukünftig für den 1. FC Köln tätige Fußball-Lehrer die Gefühlskarte als seinen letzten Trumpf aus: „Es wird am Montag ein ganz besonderes Spiel, weil die Spieler und der Trainerstab in dieser Konstellation nicht mehr zusammenkommen werden. Wir wollen noch mal ein geiles Spiel abliefern. Und wenn wir uns früh mit einem Tor belohnen, dann ist in unserem Hexenkessel alles möglich.”

Starke Schlussphase In der Tat hätten die Störche, die in der 34. Minute durch Kingsley Schindler nach toller Vorarbeit von Dominick Drexler den 1:1-Ausgleich erzielen konnten, in der Schlussphase eine deutlich bes-

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S AISON-RÜCKBLICK 2017/18

Fünf Böllerschüsse gaben die Kieler Störche am 3. März 2018 beim 5:0-Kantersieg gegen Mitaufsteiger MSV Duisburg ab und versetzten die insgesamt 10.143 Zuschauer in einen Jubeltaumel. Mit dem Erfolg beendete Holstein eine Durststrecke von elf sieglosen Spielen, knackte die magische 40-PunkteMarke und festigte Rang drei. David Kinsombi (li.), der den Torreigen in der 18. Minute mit seinem Treffer zum 1:0 eröffnete, lieferte gegen die Zebras eine erstligareife Leistung ab.

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S AISON-RÜCKBLICK 2017/18

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Die Aufstiegstrainer

Trainer Gerd Koll springt nach dem Sieg gegen Wacker 04 Berlin am 17. Juni 1978 auf und feiert den Aufstieg in die 2. Liga Nord.

Gerd Koll und Markus Anfang führten Holstein in die 2. Liga Sie haben sich leider nie kennenlernen dürfen, aber der Erfolg vereint beide in der Holstein-Geschichte bis in alle Ewigkeit. Gerd Koll und Markus Anfang führten die Kieler Störche in die 2. Liga und haben damit die beiden wichtigsten Vereinserfolge der letzten 50 Jahre zu verantworten. Während Koll mit der KSV am 17. Juni 1978 durch den 1:0-Erfolg im alles entscheidenden Aufstiegsspiel gegen Wacker 04 Berlin triumphierte, durfte Anfang 39 Jahre später, am 13. Mai 2017, durch den 1:0-Erfolg der Störche bei der SG Sonnenhof Großaspach die langersehnte Rückkehr in die Zweitklassigkeit feiern.

Holstein-Legende Gerd Koll Gerd Koll war jemand, der sich nie groß in den Mittelpunkt gedrängt hat. Das hat er stets anderen überlassen. Als der gebürtige Rendsburger nach dem Abitur 1958 im zarten Alter von 20 Jahren zur KSV Holstein wechselte, ging er dort zunächst nur einfach mal so hin, um in der Ama-

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teurmannschaft zu spielen. Es dauerte allerdings nicht lange, bis er sich dank seines ausgeprägten Torriechers über die 3. und 2. Mannschaft in das Oberliga-Team gespielt hatte. Die 1. Mannschaft kickte damals erstklassig und damit auf Augenhöhe mit Vereinen wie HSV, Werder Bremen, Hannover 96 und Eintracht Braunschweig. Nach einem Freundschaftsspiel vor 40.000 Zuschauern


Die Aufstiegstrainer

Gerd Koll in der BundesligaAufstiegsrunde 1965 am Gladbacher Bökelberg.

Gerd Koll geht von Bord

Ostern 1959 in Dresden hatte das Jungtalent bereits den Sprung geschafft. Fortan erzielte der antrittsschnelle und bewegliche Goalgetter so viele Tore für die KSV wie keiner vor ihm – und bis dato auch keiner mehr nach ihm. 1962 wurde Koll mit der grandiosen Zahl von 29 Treffern noch vor dem großen Uwe Seeler Torschützenkönig der Oberliga Nord. Der Gewinn der Regionalliga-Meisterschaft 1965 und die anschließende Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur 1. Bundesliga gegen Borussia Mönchengladbach, Wormatia Worms und den SSV Reutlingen bildeten die Höhepunkte seiner erfolgreichen Laufbahn, die er schon 1968 beendete. Acht Jahre später kehrte er als Trainer zu Holstein Kiel zurück, übernahm die aufgrund wirtschaftlicher Engpässe stark verjüngte 1. Mannschaft des Traditionsklubs in akuter Abstiegsgefahr und vollbrachte das schier Unmögliche: Er führte seine Störche in die 2. Liga Nord. Koll hatte die „Goldene Generation” der KSV, die aus Spielern wie Axel Möller, Harry Witt, Stefan Dietrich oder auch den Tönsfeldt-Brüdern Volker und Dietmar bestand, von Werner Bannasch übernommen und zu einer echten Einheit zusammengeschweißt. Schon 1977 war erstmals der Einzug in die Zweitliga-Aufstiegsrunde gelungen. Die Fans in Kiel standen nach jahrelanger Durststrecke kopf und rannten der KSV die Bude ein. Doch in einer Gruppe mit Union Salzgitter, Siegburg 04 und dem späteren Aufsteiger Rot-Weiß Lüdenscheid erwiesen sich die Kieler Youngster noch als zu grün. Erst ein Jahr später entfaltete sich die volle Schlagkraft der jungen Störche.

Nach der erfolgreichen Aufstiegsrunde 1978 endete Kolls Zeit auf der Trainerbank der Störche. Sein Lehrerberuf am Kieler Max-Planck-Gymnasium und die Aufgabe als Profitrainer waren nicht miteinander zu vereinbaren. Als Holstein in der Saison 1979/80 das Wasser in der 2. Liga Nord bis zum Hals stand, da übernahm Koll noch einmal – wie selbstverständlich – für vier Wochen das Kommando, überließ dann aber das Feld endgültig den anderen. Doch Koll verlor nie den Blick auf seine Störche. Der Familienvater verfolgte bis zuletzt von den Stehrängen und abseits des Getümmels die Spiele seiner KSV. Groß war auch immer seine Freude, wenn er im Rahmen von Ehemaligentreffen seine Schützlinge von einst wiedersehen durfte. Und im April 2012, als er Holsteins 1:0-Heimsieg gegen das aufstrebende Team von RB Leipzig live miterlebte, da leuchteten seine Augen noch einmal wie früher, als er die Kieler Fans regelmäßig mit seinen Toren in einen wahren Freudentaumel versetzte. Am 18. März 2013 verstarb Gerd Koll. Und einen wie ihn wird es im Storchennest nie wieder geben.

Gerd Koll 2012 zu Besuch im Holstein-Stadion.

Er kam, sah und siegte Genau wie Gerd Koll, so wird auch Markus Anfang als historischer Glücksfall in die Geschichte der Kieler Sportvereinigung eingehen. Anfang kam, sah und siegte – und vollbrachte das, wonach Fans und Verantwortliche jahrzehntelang gedürstet hatten: Anfang führte die KSV Holstein nach einer gefühlten Ewigkeit in die Zweitklassigkeit zurück. Dass Kiel ein ambitionierter, traditionsreicher Verein ist, der seit Jahren durch viel Aufwand versucht hatte, immer wieder in den bezahlten Fußball zurückzukommen, das wusste Anfang bereits vor seinem Amtsantritt. Viele namhafte Trainer waren am großen Ziel gescheitert, einige Geschei-

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Kenneth KronholmÂ

Kenneth Kronholm Ein Kieler Torwartidol

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Kenneth Kronholm

Ohne Zweifel, auf der Torhüterposition hatte die Kieler Sportvereinigung in ihrer langen Vereinshistorie zahlreiche Ausnahmekönner. Neben Holsteins Meistertorhüter von 1912, Adsch Werner, der sage und schreibe 21 Jahre lang die Nummer eins zwischen den Holstein-Pfosten war, muss natürlich auch Andreas Köpke genannt werden, der nach seinen Kieler Anfangsjahren im Profifußball in der großen weiten Welt Ruhm erlangte und 1996 im Wembleystadion als Torhüter der deutschen Nationalmannschaft den EM-Pokal in den Himmel recken durfte. Oder auch Henry Peper, unumstrittene Nummer eins der Kieler in der erstklassigen Oberliga Nord von 1950 bis 1962 und Schlussmann der B-Nationalmannschaft. Aber auch Franz Möck, der 1965 mit den Störchen nur knapp den Aufstieg in die 1. Bundesliga verpasste, bleibt unvergessen. Und dann ist da auch noch ein gewisser Kenneth Kronholm. Gebürtiger US-Amerikaner, herausragender Zweitliga-Aufstiegstorhüter 2017 und auf dem besten Wege, als modernes Torwartidol in die Holstein-Geschichte einzugehen.

Der Weg ins Fußball-Tor Als Torwart verehrt Kenneth Kronholm den TorwartTitan Oliver Kahn, er findet Lionel Messi toll und hält den Franzosen Zinédine Zidane für den besten Fußballer aller Zeiten. Wie sein Großvater, der dreimalige Nationaltorwart Edwin Muth, spielte Kronholm als Kind zunächst Handball. Anfangs wehrte der junge Kenneth sich gegen den Fußball. Erst mit 14 Jahren wechselte er zur größeren Kugel – als Feldspieler der SG Oftersheim. Das Umherhechten zwischen den Pfosten, das Gefühl, einen Ball aus dem Winkel zu fischen, hatte ihn schon auf dem Bolzplatz fasziniert. Und so führte ihn sein Weg irgendwann ins Tor. Heute gehört er zu den besten seines Faches in der 2. Bundesliga.

30.000 zum Schweigen gebracht Als am 14. April in Dresden die Zweitliga-Partie zwischen Dynamo und Holstein Kiel beim Spielstand von 0:4 abgepfiffen wurde, da wussten alle der knapp 30.000 Zuschauer, wer die Partie quasi im Alleingang entschieden hatte: Holstein-Schlussmann Kenneth Kronholm. „Kenny”, wie ihn Fans

Vor der Riesenkulisse in Dresden hält Holsteins Schlussmann Kenneth Kronholm am 14. April 2018 den Elfmeter von Moussa Koné. Beim Spiel gegen Dynamo lieferte Kronholm seine beste Saisonleistung ab.

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FUSSBALLTRADITION SEIT 1900

Am 26. Mai 1912 feierte der FV Holstein Kiel den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Durch ein 1:0 gegen den Karlsruher FV wurde folgende Mannschaft Deutscher Meister: Hugo Fick, Helmut Bork, Ernst Möller, Georg Krogmann, Willi Zincke, Adolf Werner, David Binder, Hans Dehning, Willi Fick (stehend von links), Hans Reese, Heinrich Homeister (sitzend von links).

Der Deutsche Meister kommt aus Kiel Die Kieler Störche – Fußballtradition seit 1900

Das verlorene Meisterschaftsendspiel 1930 gegen Hertha BSC Berlin (3:4) war eines der packendsten Spiele der Vereinsgeschichte.

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Es war um neun Uhr morgens am 7. Oktober 1900, als sich die neun jungen Fußballer Andrae, Beier, Beiler, Blaschke, Hudemann, Leuenhagen, Niederehe, Stange und Roland am ein Jahr zuvor eröffneten Kieler Bahnhof trafen, um sich auf eine äußerst abenteuerliche Zugfahrt in Richtung Lübeck zu begeben. Genervt von der anhaltenden Bevormundung der Turner beschlossen sie, auch gegen den Willen des mächtigen Turnrates des bürgerlichen Turnvereins KMTV 1844 die Geschichtsbücher umzuschreiben. Mit dem Kieler Fußballverein (KFV) gründeten sie den vermutlich einzigen deutschen Fußballverein, der auf einer Zugfahrt entstand. Angekommen in der Hansestadt, fand das erste Spiel der frischen Vereinsgeschichte statt. Mit nur zehn Spielern – einen davon hatte man sich bei den Lübeckern ausgeliehen – ging es auf den Platz. Und der KFV durfte am Ende einen 1:0-Sieg feiern. Der Schütze des goldenen Tores war Georg P. Blaschke, der vehementeste Verfechter der Loslösung vom KMTV 1844. Die Abspaltung von den Turnern war im obrigkeitshörigen Deutschland jener Tage eine mutige und aufmüpfige, fast schon revolutionäre Tat.


FUSSBALLTRADITION SEIT 1900

Die Aktivitäten des KFV lösten weiteres Fußballinteresse in Kiel aus. Jugendliche bildeten „wilde” Straßenklubs und kickten – meist sehr zum Verdruss ihrer Eltern – in den Gassen der Stadt. Vor allem an der Oberrealschule I, der heutigen Hebbelschule, sowie am Gymnasium und Realgymnasium stand die runde Kugel hoch im Kurs. In einer kleinen Gartenlaube am Knooper Weg, unweit der heutigen Storchen-Apotheke, trafen sich am 4. Mai 1902 die drei Oberrealschüler Walter Duden, Friedrich Brügmann und Hans Gosch und gründeten einen neuen Jugendspielverein. Auf Anregung von Christian Tuscynski sollte der neue Klub den Namen Kieler Fußball-Club Holstein erhalten, der 1908 in FV Holstein Kiel geändert wurde. Einen Schub erhielt Holstein Ende 1902, als der Spielbetrieb vom viel zu kleinen Adolfplatz auf eine günstiger gelegene Wiese an der Gutenbergstraße verlegt wurde. Das nahe gelegene Klubheim „Zum Storchnest”, heute umbenannt in „Gutenberg”, förderte Wachstum und Zusammenhalt der Neugründung immens – und gab den Spielern ihre Spitznamen: die Störche! Der sportliche Aufschwung von Holstein nahm seinen Lauf. Die Spielkunst der Blau-Weiß-Roten wurde im ganzen Norden bestaunt. Spieler wie Adolf „Adsch” Werner, Ernst Möller oder auch Willi Zincke waren Vorbilder, denen die Jugend nacheiferte. Am 16. März 1909 stand Werner beim 0:9 der deutschen Nationalelf in England im Tor, und der Daily Telegraph schrieb nach dem Spiel anerkennend: „Das einzige Hindernis für England war Adsch Werner!” Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen den Karlsruher FV 1910 in Köln verpasste Werner aufgrund einer schweren Verletzung, und Holstein unterlag mit 0:1 nach Verlängerung. Doch das Feuer loderte weiter. Am 15. Oktober 1911 konnte der neue Holstein-Sportplatz mit einem Freundschaftsspiel gegen Preußen Berlin (3:4) eingeweiht werden, ein Meilenstein auf dem Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Vor allem die kleine überdachte Holztribüne erschloss den Störchen ein gänzlich neues Publikum. Den Höhepunkt des jungen Vereins erlebten die Anhänger dann am 26. Mai 1912. Durch Siege im Viertelfinale gegen Preußen Berlin (2:1) und im Halbfinale gegen Viktoria Berlin (2:1 n.V.) hatte Holstein erneut das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft erreicht. Auf dem Victoria-Platz in Hamburg-Hoheluft waren die Störche diesmal stärker als der Karlsruher FV. Die 9.000 Zuschauer – eine neue norddeutsche

Rekordkulisse – sahen eine kämpferische Kieler Elf, die durch den von Ernst Möller verwandelten Foulelfmeter (52.) den bis heute größten Erfolg der Vereinsgeschichte feiern durfte. Zu jener Zeit entstand die Legende vom „Holsteingeist”, der, glaubt man dem inzwischen leider verstorbenen Rekordspieler Peter Ehlers, noch heute tief unten in den Katakomben des Holstein-Stadions hausen soll, um sich immer wieder in besonderen Momenten der Vereinsgeschichte zu zeigen. Der KFV und der FV Holstein machten ab dem 7. Juni 1917 gemeinsame Sache, und der Zusammenschluss wurde unter dem Namen Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 e.V. besiegelt. Die KSV gehörte seitdem neben dem HSV, Hannover 96, dem FC St. Pauli und Altona 93 zu den traditionsreichsten Vereinen im Norden. Insgesamt 13 Nationalspieler brachte Holstein vor dem Zweiten Weltkrieg hervor. Immer wieder erreichten die Störche die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Die letzten großen Erfolge waren die Deutsche Vizemeisterschaft 1930 (4:5 gegen Hertha BSC Berlin in Düsseldorf), der dritte Platz im Jahre 1943 sowie die Teilnahme an der Endrunde 1953. Nach dem Krieg war Holstein bis zur Einführung der 1. Bundesliga erstklassig. Am Karfreitag 1951 erlebte Kiel einen Zuschauerrekord für die Ewigkeit. 30.000 Besucher wollten das Duell mit dem Hamburger SV erleben und sahen am Ende ein packendes 3:3. Da sich 1963 nur der HSV, Werder und Braunschweig für die neue Bundesliga qualifiziert hatten, musste die KSV in der Regionalliga Nord einen neuen Anlauf nehmen. 1965 scheiterte Holsteins „Wundersturm” in der Aufstiegsrunde u. a. an Borussia Mönchengladbach. 1974 rutschten die Störche mit der Einführung der zweigleisigen 2. Liga sogar erstmals in die Drittklassigkeit ab. Die drei Jahre in der 2. Liga Nord, von 1978 bis 1981, bildeten in den vergangenen vier Jahrzehnten die Grundlage aller Kieler Fußballträume. Mit der tatkräftigen Unterstützung der beiden größten Förderer, Hermann Langness und Gerd Lütje, gelangen mit dem Zweitliga-Aufstieg 2017 sowie dem Erreichen der Relegation 2018 die größten Erfolge der Holstein„Neuzeit”. Die Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 setzt ihre schillernde Vergangenheit in der 2. Bundesliga fort, und das an jenem Spielort, an dem die Störche schon im Meisterjahr 1911/12 ihre Heimspiele ausgetragen haben – eine im modernen Fußball selten gewordene Geschichte.

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THE BEAT OF KIEL

ISBN 978-3-7307-0412-7 VERLAG DIE WERKSTATT

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Holstein Kiel – Leseprobe  
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