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Leseprobe_Lidernen

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Lidernen Bergheimat und

Xaver Büeler

Sehnsuchtsort

Sektion Mythen

Inhaltsverzeichnis

6 Übersichtskarte

9 Vorwort. Von Remo Bianchi, Präsident SAC Mythen

11 Einleitung. Von Autor und Fotograf Xaver Büeler

15 Entstanden in Jahrmillionen. Ein kurzer Ausflug in die Geologie der Lidernen

22 Ein Mann der Tat. Portrait von Franz Steinegger, Notar, Politiker, Bergsteiger und Stammgast auf Lidernen

26 Siedlungs- und Landschaftsgeschichte von Riemenstalden. Von Raimund Rodewald, ehemaliger Geschäftsleiter Stiftung Landschaftsschutz Schweiz

46 Ein strenger Traumberuf. Portrait von Eliane Schiess & Christian Affolter, Hüttenwarte

52 Geschichte und Geschichten der Lidernenhütte. Von Pius Fähndrich, Bergführer und ehemaliger Hüttenwart Lidernen

72 Frei sein wie der Adler im Wind. Portrait von Hans Gisler, Bildhauer, Erstbegeher und Hüttenchef Lidernen

76 Im Bann der Berge. Mit Fokusthemen und Vorschlägen aus den Bereichen Wandern, Bergtouren und Trailrunning

116 Ich habe nur fürs Bergsteigen gelebt. Portrait von Franz Anderrüthi (1931-2020), Pionier des Extremkletterns in der Schweiz. Von Emil Zopfi, Schriftsteller

120 Im steilen Fels. Mit Fokusthemen und detaillierten Vorschlägen aus den Bereichen Bouldern, Sportklettern, Alpinklettern und Klettersteige

170 Der Traum vom freien Weg. Portrait von Toni Fullin, Bergführer, Hüttenwart und Erschliesser zahlloser Kletterrouten im Lidernengebiet

174 Im Winterwunderland. Mit Fokusthemen und Vorschlägen aus den Bereichen Winterwandern, Schneeschuhwandern, Ski- und Snowboardtouren sowie Winterabenteuer in Firn, Fels und Eis

216 Das Leben auf der Alp ist kein Heidifilm. Portrait von Monika Gisler, Älplerin auf der Alp Rotenbalm

220 Ein Sehnsuchtsort voller Überraschungen. Mit Fokusthemen aus den Bereichen Mountain Bike, Wassersport, Hike & Fly, Höhlenexkursionen, Wild Camping und Fischerei

268 Wildtiere – die unbekannten Bekannten. Von Christian Dischl, passionierter Naturfotograf und Wildtierexperte

300 Wildhüter aus Leidenschaft. Portrait der beiden Wildhüter Pius Reichlin (SZ) und Matthias Arnold (UR)

304 Kletterchronik. Kommentierte tabellarische Zusammenstellung aller Routen im Lidernengebiet

316 Epilog und Danksagung

319 Bild- und Quellennachweise

320 Zum Autor

Verpflegung / Unterkunft

Wandern

Klettern

Bergtouren

Schneeschuh/ Winterwandern

Winterbergsteigen

Eisklettern

Skitouren

Die eingezeichneten Aktivitäten stellen lediglich eine Auswahl dar. Weitere Aktivitäten wie Bouldern, Trailrunning, Hike & Fly, Alpinschwimmen, SUP, Mountainbike und viele mehr sind im Inhalt zu entdecken.

← Die Bezeichnung Lidernen ist weder etymologisch noch geografisch eindeutig festgelegt. Der Begriff für ein Alpgebiet oberhalb Riemenstalden im Grenzgebiet von Uri und Schwyz taucht wohl 1821 erstmals auf. Im Rahmen dieser Publikation wird über die heutige Alp Lidernen hinaus ein geografischer Raum berücksichtigt, der von der Lidernenhütte aus touristisch, respektive alpinistisch erschlossen wird.

← SUP-Foiling vor der eindrücklichen Kulisse der Lidernenberge? Kein Problem – für Alex scheint das Wort unmöglich nicht zu existieren.

Vorwort

Remo Bianchi, Präsident SAC-Mythen

Was? Das ist auf Lidernen?

Obschon mir die Lidernen als Skitouren- und Klettergebiet und selbstverständlich aufgrund unserer sektionseigenen Lidernenhütte SAC vertraut ist, habe ich mir diese Frage schon oft gestellt. Ich höre diese Frage auch immer wieder von Leuten, mit denen ich über die Lidernen rede oder die zufällig Fotos aus dem Lidernengebiet sehen.

Beim Durchblättern dieses Buches kam dieser Ausdruck des Erstaunens immer wieder in mir hoch und ich bin überzeugt – das geht Ihnen auch so. Und es wird uns bewusst, dass wir mit dem Lidernengebiet ein eigentliches Bergparadies vor der Haustüre haben. Die Lidernen ist so vielfältig, so facettenreich, so interessant, so schön und birgt so viel Raum für Entdeckungen.

Unsere Lidernenhütte ist denn auch mehr als ein bewartetes Haus in den Bergen – sie ist ein Herzstück unserer Sektion. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1944 hat sie sich mit mittlerweile über 6000 Übernachtungen pro Jahr zu einer der meistbesuchten SAC-Hütten der Schweiz entwickelt. Gleichzeitig ist sie ein Aushängeschild unserer Sektion. Immer wieder ist die Hütte Thema in den Medien, ob in Fernsehsendungen, Magazinen oder Onlinebeiträgen – sie steht sinnbildlich für eine moderne, offene und engagierte Bergsportkultur.

Nicht zuletzt verkörpert die Lidernenhütte auch das ehrenamtliche Engagement, das unsere Sektion seit jeher prägt. Zahlreiche Mitglieder haben in den vergangenen Jahrzehnten mitgeholfen, das Haus zu unterhalten, auszubauen und weiterzuentwickeln. Die Hütte ist ein Ort der Gemeinschaft – in ihr spiegelt sich das Selbstverständnis unserer Sektion. Darauf sind wir stolz.

Xaver Büeler schafft es mit diesem Buch, uns die Fülle von Möglichkeiten, Wissenswertem und Eindrücken rund um das Lidernengebiet auf unterhaltsame und einprägsame Weise zu erschliessen. Dahinter steckt eine grosse Leidenschaft und man spürt die Verbundenheit mit diesem Ort, der Sehnsüchte weckt.

Eines ist klar: Dieses Buch verändert meine Sicht auf die Lidernen und ich werde künftig mit offeneren Augen im Gebiet unterwegs sein. Mit grossem Respekt vor der Natur und der Schönheit der Landschaft und mit Wertschätzung gegenüber den Menschen, die in diesem Gebiet leben, arbeiten und es zu dem gemacht haben, was es heute ist: eine Heimat, ein Sehnsuchtsort, ein Bergparadies.

Mein Dank gilt allen, die bei der Erarbeitung dieses Buches mitgewirkt und Herzblut investiert haben, allen voran dem Autor Xaver Büeler sowie Hüttenchef und Mitinitiant Hans Gisler.

Ich freue mich auf die beeindruckten Blicke all jener, die dieses Buch zum ersten Mal in den Händen halten. Und stolz werde ich jeweils antworten: «Ja, das ist auf Lidernen!»

Franz Steinegger, Stammgast

Ein Mann der Tat

Gemeindepräsident, Ehrenbürger, Urgestein – viel mehr Uri geht nicht. National bekannt wurde er durch seine vielfältigen Engagements als Nationalrat sowie als Verwaltungsrat namhafter Unternehmen. Besondere Anerkennung erwarb er sich auch als Nothelfer bei der Bewältigung der Unwetterkatastrophen von 1977 und 1987 sowie bei der Rettung der EXPO.02. Die Vitalität, die Franz Steinegger auch noch mit über 80 Jahren ausstrahlt, ist ausserordentlich. Ein Gespräch mit ihm ist eine lebendige Zeitreise, gespickt mit interessanten Begegnungen, Erfahrungen und Anekdoten.

↑ Der griffige Urner Granit hat es Franz besonders angetan.

«Anstelle eines Helms sei es noch üblich gewesen, gegen Steinschlag eine mit Zeitschriftenpapier ausgestopfte Kappe zu tragen.»

Mit dem goldenen Löffel im Mund wächst er nicht auf. Sein Vater arbeitet als Bähnler und Betriebselektriker, die Mutter kümmert sich zuhause in Flüelen um die drei Buben und zwei Mädchen. Der Weg zur Matura ist für Franz keineswegs vorgegeben, aber als sich aufgrund seiner schulischen Leistungen der Besuch des Gymnasiums anbietet, geben ihm die Eltern mit einem «du kannst es ja probieren» den Segen. Als Ältester muss er schon von jung auf Verantwortung übernehmen und sich sein Studium mit Ferienjobs verdienen, sei es in der Restaurantküche, als Hilfsmatrose oder als Skilehrer. Erste Führungserfahrungen sammelt er als Offizier und Instruktor an der Gebirgskampfschule Andermatt.

Obwohl auch sein Vater Mitglied ist im SAC, ist es ein Jugendfreund, mit dem er die einheimische Bergwelt zu erobern beginnt. Schon bald sieht man die Teenager beim Klettern am Hagelstock und Spilauerstock. Mit einem verschmitzten Lachen beschreibt Franz die damalige Ausrüstung: steife Schuhe, gedrehte Hanfseile, schwere Eisenkarabiner und kurze Strickleitern zur Fortbewegung im steilen Fels. Anstelle eines Helms sei es noch üblich gewesen, gegen Steinschlag eine mit Zeitschriftenpapier ausgestopfte Kappe zu tragen.

Dem Stolz und Tatendrang tut die spartanische Ausrüstung keinen Abbruch. Die Maturareise führt hinauf in die Gelmerhütte SAC, die Besteigung des stolzen Diechterhorns (3389 m) öffnet den Blick für weiter entfernte Gipfelziele. Die Lektüre «Entre Terre et Ciel» aus der Feder von Gaston Rebuffat beeindruckt den jungen Kletterer besonders.

Zusammen mit Peter Stadler gelingen ihm im Urner Granit anspruchsvolle Routen bis in den 6. Grad. Seine im Vergleich zu Peter weniger ausgeprägte Technik und Kraft muss er ab und zu mit einem beherzten Ruf «tira la corda» (it. für «Seilzug») kompensieren. Den berühmten Salbitschijen-Südgrat oder die Südostwand des Schmalstöckli meistert er mit einem Bündner Kameraden. Zusammen mit Franz Gisler gelingt ihm 1967 gar eine anspruchsvolle Erstbegehung in der Südwand des Hagelstocks. Die Kante direkt, so ihr Name, wird heute in freier Kletterei mit 6c bewertet.

Für viele Hochtouren fehlt ihm die Zeit, aber zwei der berühmtesten Grattouren der Alpen finden sich dennoch in seinem Palmarès – der Hörnligrat auf das Matterhorn und der Biancograt am Piz Bernina. Auch die legendäre Haute Route von Saas Fee nach Arolla hat er gemeistert. Unter den Kameraden, die ihn auf dieser Skitourenwoche begleiten, befindet sich ein gewisser Adolf Ogi, den er aus der Offiziersschule kennt und mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet. Man darf annehmen, dass auch an langen Hüttenabenden an Gesprächsstoff kein Mangel bestand.

Eliane Schiess & Christian Affolter, Hüttenwartspaar

«Ein strenger Traumberuf»

Eine milde Märzsonne lacht vom Himmel, das Hüttenwartpaar hat es sich auf der Bank vor der Hütte bequem gemacht, vor sich ein leichtes Mittagessen mit Suppe, Käse und Brot. Allzu oft finden sie die dafür notwendige Musse nicht, aber zum Ende der Wintersaison ist endlich Ruhe eingekehrt. Die gemütliche Lidernenhütte SAC gehört der SAC-Sektion Mythen und bietet in Massenlagern Platz für 87 Gäste. Mit über 7000 Übernachtungen im Jahr 2025 gehört sie zu den beliebtesten SAC-Hütten überhaupt.

↑ Das Hüttenwartspaar Eliane und Christian geniesst seine Mittagsrast an der Sonne vor der Hütte.

«Dass es auf Lidernen trotzdem nie zu einem Volksauflauf kommt, liegt auch daran, dass die Transportkapazitäten der urigen kleinen Bahn begrenzt sind.»

Seit 2020 heissen Eliane und Christian die Besucher willkommen und bewirten sie mit Speis und Trank. Kennen gelernt haben sie sich 2006 bei der Arbeit, beide waren damals für einen Finanzkonzern tätig. Seit einiger Zeit wohnen sie in Steinen, unweit des Lauerzersees. Eliane (*1986) ist in Herrliberg am Zürichsee aufgewachsen, die Familie verbringt viel Zeit auf einem Maiensäss im Rätikon. Schon früh lernt sie auf Wanderungen die Bündner Bergwelt kennen und schnuppert in der schmucken Carschinahütte SAC erstmals Hüttenluft. Nach der Matura und einem Au-Pair-Aufenthalt in England studiert sie in Bern Sportwissenschaften und unterrichtet danach mehrere Jahre als Sportlehrerin.

Christian (*1987) ist zwar ebenfalls ein Bewegungsnaturell, doch zog es ihn als Kind im Sommer eher ins Seebad und im Winter aufs Eishockeyfeld als in die Berge. Aufgewachsen ist er in Solothurn und Schwyz. Nach einer kaufmännischen Lehre bildet er sich weiter zum Versicherungsfachmann und studiert in Winterthur Wirtschaftsrecht. Während der närrischen Tage bläst er bei den «Muota Gnomä» begeistert die Trompete, die Fasnacht ist für ihn die schönste Zeit des Jahres. Eine weitere Leidenschaft von ihm ist die Fotografie, der er sowohl in der Natur, in Städten als auch im Studio frönen kann.

Ein Zufall ist es nicht, dass sie in der Lidernenhütte gelandet sind. Sie haben gezielt nach einem gemeinsamen Betätigungsfeld gesucht, auch die Führung einer Kletterhalle wäre in Betracht gekommen. Zur Vorbereitung verbringt Christian ein Jahr als Gehilfe auf der Silvrettahütte SAC, bevor sie beginnen, aktiv nach einer Hütte Ausschau zu halten. Als die Lidernen zur Pacht ausgeschrieben wird, stellt sich schnell heraus, dass diese Hütte ihre Kriterien nahezu perfekt erfüllt. Dass sie trotz zahlreicher Bewerbungen den Zuschlag bekommen, freut sie sehr. Eine durchdachte Strategie und ein Bekenntnis zu regionalen Produkten überzeugen letztendlich die Sektion Mythen.

Was empfinden sie selbst als das Besondere an der Lidernen? Für Eliane ist es die einzigartige Lage der Hütte, im Rücken die imposante Kulisse des Chaiserstocks und vor sich eine Traumaussicht über den Vierwaldstättersee bis nach Luzern. Sie sieht die Lidernen als versteckte Perle, weg von der Welt und doch schnell erreichbar. Christian schwärmt vom Skitouren- und Freeride-Paradies mit rund einem Dutzend erstklassiger Tourenziele, jedes mit unverwechselbarem Charakter. Dass es auf Lidernen trotzdem nie zu einem Volksauflauf kommt, liegt auch daran, dass die Transportkapazitäten der urigen kleinen Bahn begrenzt sind. Was viele als Nachteil betrachten, wird aus dieser Optik zu einem überraschenden Vorteil für jene, welche das Nadelöhr passiert haben. Zumal es ja durchaus auch alternative Zugänge gibt, etwa vom Stoos aus, oder von der Urnerseite her ab Eggbergen, Ruogig oder Biel.

Die Geschichte der Lidernenhütte hat im Wesentlichen zwei Kapitel an zwei verschiedenen Standorten: Die erste Hütte am alten Ort, nördlich unterhalb des Schmalstöcklis und die zweite Hütte am heutigen Standort. Doch eins nach dem anderen.

Die Sektion Mythen SAC wurde 1877 gegründet, vor nahezu 150 Jahren also. Das Tourengebiet Lidernen war damals noch kaum ein Thema, dafür war es zu entlegen, obwohl die Riemenstaldner Berge schon damals eine grosse Anziehungskraft auf die Mythenmannen ausübten. Sie besuchten nebst ihrem Hausberg eher die Berge des hinteren Bisistals und der Glattalp, die mit einem gemieteten Pferdefuhrwerk einfacher zu erreichen war. Einträge im Protokollbuch der Sektion Mythen von 1894 lassen darauf schliessen, dass Bergtouren ins Lidernengebiet zur damaligen Zeit nur sehr selten ausgeführt wurden. Das lag nicht nur an den fehlenden Übernachtungsmöglichkeiten, sondern auch daran, dass bis weit ins 20. Jahrhundert hinein der Grossteil der Bevölkerung sechs Tage die Woche hart arbeitete und kaum je Ferien geniessen konnte. Deshalb und sicher auch aus Kostengründen blieb das Bergsteigen den wohlhabenderen Kreisen vorbehalten.

Mit dem Bau der Axenstrasse (1861–1865) und der Gotthardbahn (1872–1882) wurde das Lidernengebiet für Bergsteiger aus Schwyz, Zug oder Zürich einfacher erreichbar. Dennoch blieb der Zustieg eine konditionelle Herausforderung: Von Sisikon bis zur Lidernenalp musste man 4 bis 5 Stunden aufsteigen, von Muotathal aus war es kaum kürzer. Zur Winterzeit verlängerte sich dieser Aufstieg nochmals beträchtlich, weshalb die Lidernen bis Ende der Vierzigerjahre zumeist erst ab dem Frühling besucht wurde.

1911 baute die Oberallmeindkorporation OAK Schwyz von Sisikon bis zum Sagenblätz ein schmales und steiles Strässchen, aber in Ermangelung geeigneter Transportmittel war dieses touristisch kaum von Nutzen. 1934/35 wurde dieses zur Strasse ausgebaut und mit einigen Kehren bis ins Dörfli verlängert. In der Folge bot Gastwirt Franz Gisler einen regulären Personentransport nach Riemenstalden an, zunächst auf einer improvisierten Lastwagenbrücke, später in einem Land Rover. 1945/1946 schaffte sich auch Posthalter Josef Gisler einen Jeep mit Gepäck- und Skiträger an, der in der Folge rege genutzt wurde. Erst einige Jahre später wurde die Strasse auch im Winter regelmässig von Schnee geräumt, sodass die Lidernenberge auch in der kalten Jahreszeit in Reichweite rückten.

Schwierige Suche nach einer Unterkunft

Den Bergpionieren in der Frühzeit des Alpinismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts standen noch kaum alpine Unterkünfte zur Verfügung. Wer in die Berge wollte, fand bestenfalls Unterschlupf in Talgasthäusern oder Alphütten. Nicht selten aber musste der Sternenhimmel und eine Wolldecke reichen. Aber die damaligen Berggänger waren anspruchslos und lange Fussmärsche gewohnt. Für Touren im Lidernengebiet bedeutete das meist: Übernachten in Sisikon oder Muotathal, oder in vorgeschobener Lage in der 1885 auf einer Höhe von 1019 m erbauten Wirtschaft Riemenstalden. Im Lidernengebiet selbst boten sich vor allem die Hütten der Lidernenalp als Ausgangspunkt an, namentlich die heute als Ober Hüttli bekannte Alphütte am Südwestfuss des Schmalstöckli auf 1796 m.

→ Die erste Lidernenhütte mit 25 Schlafplätzen konnte 2012 dem Betrieb übergeben werden. Sie wurde 1919 ein Raub der Flammen.

«Wer in die Berge wollte, fand bestenfalls Unterschlupf in Talgasthäusern oder Alphütten. Nicht selten aber musste der Sternenhimmel und eine Wolldecke reichen.»

Um die Jahrhundertwende und besonders Anfang des 20. Jahrhunderts begann man im gesamten Alpenraum, Hütten für Bergtouristen zu errichten. Diese sollten den Zugang zu Gipfeln und Routen erleichtern. Auch in der Innerschweiz entstanden in dieser Zeit zahlreiche neue Hütten, meist gebaut von Sektionen des Schweizer Alpen-Club SAC oder vom Akademischen Alpenclub Zürich. Letzterer war besonders aktiv im Schwyzer und Urner Voralpenraum.

Ausgangspunkt

LSB Eggberge

Länge

14,9 km

Aufstieg / Abstieg

1018 hm

Höchster Punkt

2078 m

Begehungszeit

6:20 h

Schwierigkeitsgrad T4

Tipp

Diese Gratwanderung kann auch vom Oberaxen her in Angriff genommen werden.

Wildheuerpfad zum Rophaien (2078 m)

Die Wildiheulandschaft am Rophaien gilt als die grösste im Kanton Uri. Sie zieht sich vom Gipfelhang über mehrere Felsbänder bis weit hinunter in einst bewaldete Hänge. Wer dem Wildheuerpfad folgt, kann das traditionelle Handwerk hautnah erleben: An insgesamt 15 Posten wird erklärt und gezeigt, wie das Wildheuen funktioniert – von der Schnupperstation, an der Düfte erkannt werden sollen, bis hin zu Arbeitsplätzen der Heuer.

In den höheren Lagen darf erst ab Juli gemäht werden, damit die Blumen zuvor absamen können. Das Ergebnis ist eine beeindruckende Vielfalt an Arten. Auf den Trockenwiesen am Weg blühen Lilien und Orchideen, und im Gebiet des Franzen findet sich eine Besonderheit: ein gemähter Föhrenwald – schweizweit nahezu einzigartig. Von dort zieht der Weg recht steil hinauf zum Gipfel des Rophaien mit seinem unvergleichlichen Tiefblick.

Genauso spektakulär geht es weiter. Die Gratwanderung hinüber zum Äbneter Stöckli gehört mithin zu den schönsten der Zentralschweiz. Obwohl der luftige Pfad steil ist und ab und zu den Einsatz der Hände erfordert, sorgen an ausgesetzten Stellen Drahtseile für Sicherheit. Der Weiterweg zum Firtiggrätli sowie der Abstieg zum Fläschseeli und nach Eggberge halten keine grösseren Herausforderungen mehr bereit und versprechen Wandergenuss pur

→ Das stolze Gipfelkreuz auf dem Rophaien ist über 10 m hoch und strahlt weit über das Urnerland hinaus.

Ausgangspunkt

Lidernenhütte SAC

Länge

11,7 km

Aufstieg / Abstieg

1279 hm

Höchster Punkt

2515 m

Begehungszeit

5:30 – 6:30 h

Schwierigkeitsgrad

T5

→ Nebelschwaden auf dem Weg zum Rossstock sorgen für eine mystische Stimmung.

Chaiserstock (2515 m) → Fulen (2491 m) → Rossstock (2461 m)

Aus welcher Perspektive auch immer man ihn betrachtet, der Chaiserstock macht seinem majestätischen Namen alle Ehre. Trotz der eindrücklich steilen Felswand, auf der der Gipfel thront, ist er auch für versierte Alpinwanderer machbar.

Von der heimeligen Lidernenhütte führt der Weg über saftige Alpweiden und offene Weidgänge an den Fuss des Chaisertors. Der Weiterweg hinauf zum Grat sieht von hier recht spektakulär aus, aber der Weg folgt geschickt einer Rampe auf der Ostseite, bevor eine Steilstufe in einfacher Kletterei (T5) überwunden wird. Fixseile und Ketten beruhigen hier die Nerven und sorgen für Sicherheit. Der Rundblick vom höchsten Gipfel der Lidernenkette ist umfassend.

Durch die nun deutlich einfachere Besteigung der beiden Nachbargipfel Fulen (T4) und Rossstock (T3) darf man anschliessend bei Kaffee und Kuchen stolz die begehrte Lidernen-Trilogie ins Hüttenbuch eintragen. Die Trilogie kann genauso gut in umgekehrter Richtung begangen werden – Kaffee und Kuchen hat man sich trotzdem verdient.

Kurz unterhalb des Gipfels steilt sich der Grat am Hundstock nochmals und beinhaltet einfache Kletterpassagen (bis II+).

← Kleinste Griffe und Tritte prägen Sportklettereien im 10. Grad. Stefan powert sich durch den Extremklassiker Tabu Tabum (8a+) im Chämiloch.

Sportklettern

Spricht man heute vom Klettern, ist meist das Sportklettern gemeint: das freie Erklettern von Felswänden ausschliesslich mit eigener Kraft. Seil und Haken dienen lediglich zur Sicherung, im Vordergrund stehen sportlicher Ehrgeiz, Technik und das Ausloten der eigenen Grenzen –ob dabei ein Gipfel erreicht wird, ist nebensächlich.

Seine Wurzeln reichen weit zurück, in der heutigen Form entstand es jedoch in den 1960erJahren in den USA. Legendär sind die «Flower-Power-Kletterer» im Yosemite Valley, die lieber Fels als Arbeit suchten – frei nach dem Motto «Climb now – work later». Spuren dieses Lebensgefühls klingen in der Szene bis heute nach: Auch Profis mit hartem Training legen Wert auf einen entspannten Stil.

Typisch für Sportkletterrouten sind Längen von 15 bis 40 Meter. Stürze ins Seil gehören dazu und sind meist ungefährlich, da die Routen mit soliden Bohrhaken abgesichert sind. Unfälle geschehen fast immer durch menschliches Versagen – weshalb Kletterhallen zu Recht viel Gewicht auf Ausbildung legen.

Aus einer Nischensportart ist längst ein Breitensport geworden, den Millionen betreiben. Auch in der Schweiz können populäre Klettergärten an Wochenenden überlaufen sein. Das Lidernengebiet blieb davon bisher verschont – wohl dank seiner Vielzahl an alpinen Routen. Reine Sportklettergärten gibt es nur wenige, doch einige davon sind besonders attraktiv.

Für Anfänger, Kinder und Kletterkurse perfekt geeignet ist der Hüttenfels direkt neben der Lidernenhütte SAC. Auch zum Klettergarten in der kleinen Westwand des Schmalstöckli, der perfekten, rauen Kalk aufweist, sind es lediglich gute 20 Minuten. Am Hundstock hat es zwei Klettergärten, die aber beide in die Jahre gekommen sind, kaum mehr besucht und deshalb an dieser Stelle auch nicht detailliert beschrieben werden. Auf der Südseite der Lidernenkette finden sich nebst zahllosen alpinen Routen zwei Klettergärten, welche beide von Ruogig aus in weniger als einer Stunde erreichbar sind: das bestens bekannte Marchstöckli am Fusse des Spilauerstock sowie das nahezu unbekannte Butzli unterhalb der Hünderegg.

Herz begehrt: rassige Aufstiege, atemberaubende Tiefblicke zum Urnersee und steile Abfahrten durch unberührte Schneehänge. Die nachfolgende Tabelle ist zwar nicht vollständig, bietet aber eine Auswahl an besonders empfehlenswerten Tourenzielen.

Skitourenziele

Rophaien 2078 m Käppeliberg S- 3:30 h; 950 m 950 m N, NE, NW

Äbneter Stöckli 2088 m Käppeliberg ZS- 2:30–3 h; 926 m 926 m N, NE

Diepen 2222 m Käppeliberg ZS- 3–3:30 h; 1057 m 1057 m N, NW

Tibistock 2023 m Käppeliberg WS+ 2:30 h; 859 m 859 m N, S, NW

Hundstock 2212 m Gitschen ZS 1:30; 500 m 500 m N

Hagelstock 2181 m Gitschen WS- 1:30–2 h; 450 m 1000 m NE

Eggberge ZS 2–2:30 h; 740 m 740 m S, NW

Spilauer Stock 2270 m Gitschen ZS- 2 h; 550 m 550 m N, NW

Spilauer Grätli 2303 m Gitschen ZS- 1:30–2 h; 580 m 580 m NW Biel ZS- 2.30 h; 680 m 680 m E, SE, SW

Rossstock 2461 m Gitschen WS+ 2:30 h; 750 m 1280 m NW Biel ZS- 3 h; 840 m 840 m N, E, S, SW

Fulen 2491 m Lidernen S 3 h; 780 m 1310 m NW

Chaiserstocksätz 2261 m Lidernen WS 2 h; 550 m 1095 m N, NW

Chaiserstock 2515 m Lidernen ZS+ 3 h; 790 m 1340 m W, NW

Käppeliberg ZS+ 3:30–4 h; 1340 m 1340 m N, NW

Chronenstock 2451 m Lidernen ZS- 3 h; 750 m 1270 m W, NW

Käppeliberg ZS- 3:30–4 h; 1270 m 1270 m N, NW

Blüemberg 2404 m Lidernen ZS- 3 h; 680 m 1228 m W, NW Käppeliberg ZS- 3:30–4 h; 1228 m 1228 m N, NW

Ein Wort noch zum Charakter des Tourengeländes auf Lidernen. Obwohl es sich um Voralpengipfel handelt, dürfen sie von den Anforderungen her nicht unterschätzt werden. Selbst ein Rossstock, der mit «wenig schwierig» bewertet wird, kann im Gipfelbereich Verhältnisse aufweisen, die den Einsatz von Steigeisen und Pickel sinnvoll oder gar notwendig machen. Fast alle Gipfel weisen Schlüsselstellen auf, auf die man entsprechend vorbereitet sein muss. Sichere Beherrschung der skialpinistischen Techniken im Auf- und Abstieg gehören mit dazu.

↗ Im Tal die ersten Frühlingsboten, im Aufstieg zum Blüemberg aber noch immer «Pulver gut».

→ Was könnte schöner sein: Guido geniesst auf der Abfahrt hinunter nach Rupperslaui seine First Line.

Bergheimat und Sehnsuchtsort

Ausgangspunkt

Gitschen

Schwierigkeiten

SS+ / Fels II–III

Kondition

Strecke ↑↓

8,8 km

Höhendifferenz

769 hm ↑ 1316 hm ↓

Zeitbedarf ↑ 3 h

West-Ost-Überschreitung des Fulen (2491 m)

Während am benachbarten Rossstock meistens Dutzende Tourengänger gleichzeitig unterwegs sind, erhält der Fulen im Winter nur selten Besuch. Das ist verständlich, denn bereits ab der Rossstocklücke müssen die Ski entweder getragen oder deponiert werden.

Aus dieser Not lässt sich aber glücklicherweise eine Tugend machen, indem man etwas oberhalb der Lücke über eine kurze Felsstufe und steile Schneehänge zum Westgrat quert und diesem bis zum Gipfel folgt. Zu empfehlen ist das nur, wenn guter Trittschnee liegt. Der Fels am Blockgrat ist – wie der Bergname vermuten lässt – nicht überall fest und erfordert umsichtiges Klettern. Wer sich mit kombinierten Hochtouren wohlfühlt, kommt am Fulen voll auf die Rechnung.

Für den Abstieg ergeben sich zwei Möglichkeiten. Entweder steigt man rund 200 Höhenmeter auf der Sommerroute ab, traversiert dann unterhalb eines Felsbandes in die Nordostflanke und befährt diese durch ein Couloir in der Falllinie des Gipfels. Oder man klettert vom Gipfel rund 100 Höhenmeter direkt zum oberen Ende dieser Flanke ab. Seil und eine kleine Auswahl an mobilen Sicherungsgeräten sind dabei zu empfehlen. Vom Fuss der Nordostflanke aus erfolgt die Abfahrt über Husmätteli und eine der vielen Varianten hinunter zum Käppeliberg.

← Während die Nordflanke des Fulen noch stabile Firnverhältnisse aufweist, ist der Westgrat bereits schneefrei.

→ Westalpen-Ambiente am Fulen –Stefan geniesst die ausgesetzte Kletterei.

Frühling an der Waldgrenze

Text und Bilder: Christian Dischl

Morgens früh, wenn es noch dunkel ist und die Dämmerung auf Lidernen erst zögernd einsetzt, wird es laut im Schnee über der Waldgrenze: Ein erster Birkhahn fliegt auf den Balzplatz, danach ein zweiter und beide lassen deutlich verlauten, dass sie die Stärksten sein wollen. Beide bewegen sich innerhalb klarer, aber unsichtbar abgesteckter Grenzen, tanzen ihren Balztanz und versuchen so, Birkhühner anzulocken.

Wehe, wenn der andere Hahn zu nahe kommt: Er wird attackiert, bis die Federn fliegen, die Gegner gehen mit Krallen und Schnäbeln aufeinander los. Danach balzen die beiden weiter und halten sich an die Grenzen – bis zum nächsten Mal.

Wie bei den meisten Wildtieren ist auch das Verhalten der Birkhähne während der intensiven und kräfteraubenden Fortpflanzungszeit so angelegt, dass es kaum zu gravierenden Verletzungen kommt. Ein überlegener Hahn lässt äusserst selten von seinem unterlegenen Gegner ab und verletzt diesen meist tödlich.

Bei schönem Wetter geht irgendwann die Sonne auf. Mit der Wärme entsteht Thermik und damit wird es gefährlicher für die Hähne: Steinadler und Habicht sind nun in der Luft und die balzenden Hähne müssen aufpassen, dass sie nicht zur Beute werden. In der Dämmerung sind es vor allem Füchse, auf die sie achten müssen, aber auch Marder gefährden sie.

Doch die Birkhähne balzen weiter. Sie wählen ihre Balzplätze so, dass sie von den Hühnern weit herum gesehen und gehört werden. Zugleich achten sie auf ein weites Blickfeld gegen oben, um nicht von beutegreifenden Vögeln überrascht zu werden.

In Gebieten, die sich als Biotope gut für das Birkwild eignen und die wenig Störungen durch den Menschen erfahren, balzen mehrere Hähne in Balzarenen zusammen. Das Zentrum einer Balzarena wird dabei von den stärksten Hähnen eingenommen, in der Peripherie balzen die schwächeren Hähne. Grosse Arenen können über zehn Hähne zählen. Hähne unter drei Jahren beteiligen sich kaum an der Balz. Sie suchen zwar die Arenen ab und zu auf, müssen aber bald einmal flüchten. Oft retten sie sich auf die Spitzen von Legföhren, wo sie von den balzenden Hähnen am Boden nicht mehr beachtet werden.

In vom Birkhuhn schwächer bevölkerten Arealen balzen die Hähne einzeln und versuchen so, das Gebiet möglichst gut abzudecken. Gerade in den Voralpen benutzen die Hähne gerne Baumwipfel, um möglichst weit herum gesehen und gehört zu werden. Gebalzt wird Morgen für Morgen, etwas weniger intensiv auch abends, von Ende April bis Anfang Juni. Und meist sieht man nur die Birkhähne.

↗ Kullernder, sehr starker Birkhahn, der Chef in der Balzarena.

→ Sich streckender Birkhahn, der laut verkündet, wer hier das Sagen hat.

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