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ISSN 1613-3714

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Einzelpreis € 3.-

Magazin der Evangelischen Akademie Bad Boll Schwerpunktthema Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA) Arbeit zwischen Flexibilität und Sicherheit Blitzlicht Mobbing Burnout – eine neue Volkskrankheit? KDA – wichtiger denn je Denkblockaden überwinden Gespräche müssen mit allen Konfliktparteien im Nahen Osten geführt werden Tagungsvorschau Energie- und Industriepolitik in Russland und Deutschland Progressives Judentum in Deutschland Familienbilder in Politik, Wirtschaft, Justiz und Gesellschaft Rückblende, Onlinetexte Publikationen Service

Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt September

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2010


inhalt

aktuell ...

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Kirche vor dem Rückzug ins Private? Erneute Kürzungen in der Evangelischen Akademie Bad Boll Aktionsbündnis Kirche mit Weitblick Preis für Wirtschaftsethik verliehen Geschenk für die Evangelische Akademie Bad Boll: Heuss-Porträt von Gerhard Marcks

Rückblende – Onlinedokumente

Mit dem Schiff Bad Boll die Denkblockade überwinden An Gesprächen mit allen Konfliktparteien im Nahen Osten führt kein Weg vorbei 14

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Rückblick auf vergangene Tagungen sowie Links zu interessanten Beiträgen

Ausstellung

Was kommt ...

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Vorschau auf Tagungen in der Zeit vom 17. September bis Ende Dezember 2010

Aus der Akademie

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Publikationen

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»endlich« – Bilder von Saskia Schultz Ausstellungseröffnung am Boller Bußtag der Künste, 17. November 2010 Saskia Schultz, »Inszenierung«, 185 x 95 cm, Pastell- und Buntstifte auf eingefärbten Scherenschnitten

Schatten der Vergangenheit – Akademiegeschichte 23 Schwerpunkt: Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA)

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Arbeit zwischen Flexibilität und Sicherheit Blitzlicht Mobbing –Intrigenspiele nehmen krisenbedingt zu Burnout – eine neue Volkskrankheit? KDA – Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt in Geschichte und Gegenwart

Impressum

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Meditation

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Titelbild Demonstration am 12. Juni in Stuttgart mit DGB, ver.di, Die Grünen, SPD, KDA u. a. gegen die unsozialen Auswirkungen des Sparpakets der Bundesregierung »Das nennt ihr gerecht? Gerecht geht anders«. Vorne links: Esther Kuhn-Luz, KDA Stuttgart (s. a. S. 11). Von Joe Röttgers SYM 3/2010


editorial

Liebe Leserin, Lieber Leser, »Gehet hin in alle Welt …« – der Missionsbefehl aus dem Matthäus-Evangelium bringt Christinnen und Christen in Bewegung. Hinein in den Alltag, zu Menschen in ihrer Arbeitswelt, in ihren sozialen Bezügen und im gesellschaftlichen Zusammenleben. Mitten in der Welt wird erkennbar, dass sich das Evangelium und ein christliches Leben nicht reduzieren lässt auf die private, persönliche Frömmigkeit. Die Kirche hat eine öffentliche Verantwortung! Oder wie es Wolfgang Huber formuliert: »Die von Sachzwängen geprägte Lebenswirklichkeit braucht Kräfte, die in Freiheit und Unabhängigkeit am gesellschaftlichen Willensbildungsprozess mitwirken und dabei den Sprachlosen eine Stimme verleihen. … Gesellschaft und Staat sind darauf angewiesen, dass an dem Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen auch solche beteiligt sind, die nicht nur ihr Eigeninteresse vertreten, sondern sich mit bewusster Klarheit am gemeinsamen Besten orientieren.« Für mich ist dies der politische Impetus des Reiches Gottes, der Botschaft von der Befreiung des Menschen. In der gesellschaftsgestaltenden Kraft und im Alltag der Welt zeigt sich das Christsein. Martin Luther hat den Beruf als das Bewährungsfeld des Glaubens beschrieben. In dieser Erkenntnis arbeitet die Evangelische Akademie Bad Boll mit ihrem Berufsbezug. Hebammen, Richterinnen und Richter, Lehrerinnen und Lehrer, Offiziere der Bundeswehr und viele andere Berufsgruppen sind zu Gast in Bad Boll. In diesem Heft berichten wir über die Arbeit eines der Fachdienste der Landeskirche. Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) ist vor Ort, dort wo Mobbing oder Bossing Menschen bedroht, Menschen an Burnout leiden, an vergifteter Arbeitsatmosphäre oder drohender Betriebsschließung. Oft ist der KDA in klärenden Gesprächen mit Unternehmensleitungen und Gewerkschaften aktiv. Lesen Sie, wie der Missionsbefehl Gestalt gewinnt! Es ist ein falsches Signal, wenn die Württembergische Landeskirche massive Kürzungen jener Bereiche vorsieht, die öffentlich wirksam sind und gesellschaftsbezogen arbeiten – und damit einer Kirche Vorschub leistet, die sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Es ist zwar ein weit verbreiteter Trend, Religion zu »privatisieren«, aber diesen Rückzug in die Innerlichkeit hat der Zimmermannsohn aus Nazareth kritisiert: Christen sollen »Salz der Erde« und »Licht der Welt« sein – dort, wo sie sich auf die beruflichen und gesellschaftlichen Fragestellungen einlassen! Das »Aktionsbündnis Kirche mit Weitblick« (s. S. 2) setzt in diesem Sinn ein tatkräftiges Zeichen. Lassen Sie uns weiterhin gemeinsam »Salz« sein, das in Wunden schmerzhaft den Heilungsprozess voranbringt und das Leben erst schmackhaft macht!

Ihr Joachim L. Beck, Geschäftsführender Direktor SYM 3/2010

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aktuell Kirche vor dem Rückzug ins Private? Erneute Kürzungen an der Evangelischen Akademie Bad Boll

Aktionsbündnis Kirche mit Weitblick

Einschneidende Beschlüsse hat die Württembergische Landessynode am 17. Juli in Freudenstadt vorbereitet. Der prognostizierte Rückgang von Kirchensteuereinnahmen zwingt die Landeskirche zu mittelfristiger Reduktion der dauerhaften Ausgaben. Deshalb beschloss das Kirchenparlament ein Einsparvolumen in Höhe von ca. 10,2 Mio Euro. Der Rahmenbeschluss, der in der Herbstsynode konkretisiert werden soll, muss mit den theologischen Leitlinien, die Bischof July formuliert hat, abgeglichen werden. Die Evangelische Akademie Bad Boll soll 732.000 Euro erbringen. Dahinter verbergen sich Strukturveränderungen, aber auch ein massiver Abbau von Stellen. Allein für die klassisch diskursive Tagungsarbeit sollen künftig 400.000 Euro weniger zur Verfügung stehen. Dies ist in personalintensiven Arbeitsbereichen nur über Stellenabbau zu realisieren. Die Ausgliederung von Fachdiensten der Akademie, von Arbeitsbereichen wie z. B. Treffpunkt Senior, STUBE, Gesellschaftsdiakonische Kurse, verändert die Wirkungsweise und Reichweite der gesellschaftsbezogenen Arbeit von Kirche allgemein. Derzeit werden Prüfaufträge abgearbeitet: Erkennbar ist, dass die gesellschaftspolitische Arbeit von Kirche, die bisher in der Evangelischen Akademie prominent und auch strittig wahrgenommen wurde, unter den geänderten Rahmenbedingungen so nicht mehr stattfinden kann: Viele drängende Themen können nicht mehr aufgegriffen werden. Die Evangelische Akademie Bad Boll – und mit ihr die Kirche – verabschiedet sich aus gesellschaftlichen Feldern und Milieus, die bisher in der Akademie ihre »Heimat« hatten und »Kirche auf Zeit« erlebten. Ich befürchte, dass sich damit weitere gesellschaftlich relevante Gruppen aus der Kirche verabschieden und die Abwärtsspirale, in der sich die Kirche in der Öffentlichkeit befindet, fortsetzt. Die Zahl der Tagungen wird bei weniger Studienleitenden – wie in den letzten Jahren als Folge des Stellenabbaus mit dem Namen »Bildungskonzeption« – weiter zurückgehen. Wir stehen für eine Kirche, die den öffentlichen Auftrag des Evangeliums gestaltet, die sich gesellschaftlich einmischt, parteilich für die Armen und die nicht Privilegierten steht. Wir stehen für eine Kirche, die ethisches Bewusstsein schärft und darauf vertraut, dass Frieden und Gerechtigkeit gestaltet werden können und dass die Bewahrung der Schöpfung ein Auftrag für uns Christinnen und Christen ist. Diese Kürzungsbeschlüsse, dieser Rahmenbeschluss der Sommersynode gefährden die öffentliche Wirksamkeit von Kirche.

(Ulm) Engagierte Mitarbeitende der Evangelischen Landeskirche in Württemberg kämpfen für eine Kirche, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt und über den eigenen Kirchturm hinaus blickt. Die Diskussion um die Kürzungsmaßnahmen der Landeskirche sieht gewaltige Einschnitte im gesellschaftspolitischen Bereich vor. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Evangelischen Akademie Bad Boll und anderer Einrichtungen der Landeskirche sowie kirchenpolitisch Engagierte haben ein Aktionsbündnis gestartet, um diese Diskussion zu führen. Kurz nach Veröffentlichung des Aufrufs zur Mitarbeit im Aktionsbündnis übte die Gruppierung »Evangelium und Kirche« scharfe Kritik an dem Bündnis und machte den Verfassern den Vorwurf des Lobbyismus. Aus dem Aufruf: Aktionsbündnis Kirche mit Weitblick Welche Kirche wollen Sie? Liegt Ihnen auch eine Kirche am Herzen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt und über den eigenen Kirchturm hinaus blickt? In den nächsten Monaten werden entscheidende Weichen gestellt: 10 Millionen Euro will die Evangelische Landeskirche in Württemberg bis 2019 einsparen. So hat es die Landessynode auf ihrer Sommertagung entschieden. Auf der Synode im Herbst sollen konkrete Maßnahmen beschlossen werden. Dabei haben die bisher geplanten Kürzungen eine klare Tendenz: Die übergemeindlichen und gesellschaftsbezogenen Arbeitsbereiche werden geschwächt. Damit verliert die Kirche diejenigen Menschen noch weiter aus dem Blick, die von den Kirchengemeinden nicht erreicht werden. Außerdem wird die Kirche ihrem Auftrag in der Gesellschaft immer weniger gerecht. Das Aktionsbündnis Kirche mit Weitblick macht sich dagegen für eine Kirche stark, • die Menschen auch jenseits traditioneller kirchlicher Milieus anspricht, • die Gesellschaft aktiv mitgestaltet, • die evangelische Positionen im Raum der Gesellschaft erkennbar zu Gehör bringt, • die verlässliche und sachkundige Partnerin ist in Bildungs- und Arbeitswelt, in Familien-, Umwelt-, Gesellschafts- und Entwicklungspolitik, • die sich als weltweite Kirche wahrnimmt und versteht, • die Kirchengemeinden durch gesellschaftsbezogene Dienste ergänzt. Schließen Sie sich unserem Aktionsbündnis an! Das Aktionsbündnis Kirche mit Weitblick bietet eine Plattform für Einzelpersonen, Gruppen, Werke, Einrichtungen und Organisationen aus Kirche und Gesellschaft.

Joachim L. Beck

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aktuell Am Freitag, 19. November 2010 veranstaltet das Aktionsbündnis ein offenes Podium in Stuttgart. Unmittelbar vor der Herbstsynode muss deutlich werden: Kirche hat eine Mission in der Gesellschaft. Übergemeindliche Einrichtungen leisten dabei einen unverzichtbaren Dienst. Gesellschaftliche Institutionen brauchen in der Kirche ein Gegenüber. Bitte reservieren Sie sich jetzt schon den Termin (Nachmittag und Abend)! Wenn Sie regelmäßige Informationen über die Arbeit des Aktionsbündnisses haben möchten, senden Sie uns Ihre E-Mail-Adresse. Wir freuen uns besonders, wenn wir Sie in die offizielle Liste der Unterstützenden aufnehmen dürfen oder Sie mitarbeiten möchten. Jetzt anschließen! Aktionsbündnis Kirche mit Weitblick, Unterstützende: Cornelia Brox, Dr. Manfred Budzinski, Martin Frank, Jonathan Führer, Jens Junginger, Kathinka Kaden, Jobst Kraus, Susanne Meyder-Nolte, Prof. Dr. Wolfgang Mühlich, Prof. Dr. Martin Plümicke, Ulrich Schmitthenner, Martin Schwarz, Michael Seibt, Matthias Wanzeck c/o Martin Schwarz, Wirtschafts- und Sozialpfarramt Ulm Grüner Hof 1, 89073 Ulm, martin.schwarz@ev-akademie-boll.de

Preis für Wirtschaftsethik verliehen (Bad Boll) Die Wirtschaftsgilde hat im Rahmen der Tagung »Heilsame Zukunft Technik« am 16. Juli in der Evangelischen Akademie Bad Boll Heike Diener den Preis für Wirtschaftsethik und Sozialgestaltung verliehen. Die Diplom-Handelslehrerin wurde für ihre Abschlussarbeit Wirtschaftsethik in wirtschaftskundlichen »Schulbuchtexten an allgemein bildenden Gymnasien« ausgezeichnet. Staatssekretär Georg Wacker, MdL und der Vorsitzende der Wirtschaftsgilde Hans Füller haben den Preis am 16. Juli im Rahmen der Jahrestagung der Wirtschaftsgilde in der Evangelischen Akademie Bad Boll überreicht. Die Auszeichnung ist mit 3.500 Euro dotiert. Heike Diener hat an der Universität Mannheim Wirtschaftspädagogik studiert und im Oktober 2009 die Prüfung zur Diplom-Handelslehrerin abgelegt. Thema ihrer ausgezeichneten Diplomarbeit ist »Wirtschaftsethik in wirtschaftskundlichen Schulbuchtexten an allgemein bildenden Gymnasien. Anhand von sieben Schulbüchern, die in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen eingesetzt werden, untersucht Heike Diener die Bedeutung der Thematik Wirtschaftsethik. Hintergrund der Untersuchung sind die Diskussion zu den moralisch-ethischen Aspekten der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise und die bildungspolitische Debatte um die Einführung eines eigenständigen Schulfachs Wirtschaft. Heike Diener zeigt, dass in den untersuchten Schulbuchtexten Wirtschaftsethik bisher nur eine untergeordnete Rolle spielt. Hans Füller, Vorsitzender der Wirtschaftsgilde, sagte vor der Preisverleihung: »Heike Diener beschäftigt sich mit einem Problem, das für den evangelischen Arbeitskreis für Wirt-

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schaftsethik und Sozialgestaltung grundlegend ist: Was müssen und können wir Schülerinnen und Schülern mitgeben, damit sie sich als Akteure in der Wirtschaft auch der ethischen Aspekte ihres Handels bewusst sind? Was können wir tun, um ihnen gerade in Konfliktsituationen moralisch reflektiertes Handeln zu ermöglichen? Hier besteht großer Handlungsbedarf für unsere Bildungspolitik. Die Wirtschaftsgilde hofft, mit der Preisverleihung einen Anstoß für eine Verbesserung zu geben.« Der Preis für Wirtschaftsethik wird im Rahmen der Jahrestagung der Wirtschaftsgilde, Evangelischer Arbeitskreis für Wirtschaftsethik und Sozialgestaltung, alle zwei Jahre verliehen. Die Jahrestagung fand vom 16. bis zum 17. Juli 2010 in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Bad Boll zum Thema ›Heilsame Zukunft Technik‹ statt. Die Wirtschaftsgilde wurde 1948 in der Evangelischen Akademie Bad Boll mit dem Ziel gegründet, der Diskussion um die ethische Fundierung wirtschaftlichen Handelns einen Rahmen zu geben.

Geschenk für die Evangelische Akademie Bad Boll: Heuss-Porträt von Gerhard Marcks Dr. Ulrich Scheufelen, Papierfabrik Oberlenningen, hat am 28. März, dem »Tag der Offenen Tür« der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Original-Zeichnung von Gerhard Marcks, einem prominenten Künstler der Nachkriegszeit, geschenkt. Sie zeigt ein Porträt von Theodor Heuss und hängt im Café Heuss. Der dazu gehörende Rahmen, der wohl aus dem 19. Jahrhundert stammt, wurde restauriert und die Zeichnung wurde mit einem Passepartout versehen und staubdicht verklebt. Das Porträt zeigt ein in sich gekehrtes Gesicht mit geschlossenen Augen und entspricht damit nicht dem üblichen Heuss-Bild des freundlichen Bundespräsidenten. In dieser anderen Sichtweise liegt der besondere Reiz dieser Zeichnung. Gerhard Marcks (1889-1981) war in den 1920 Jahren am Bauhaus in Dessau als Künstler tätig, wurde von den Nazis als »entartet« eingestuft und galt in der Nachkriegszeit als einer der wichtigsten Bildhauer Deutschlands. In Bremen gibt es ein Zentrum und Museum, das ganz seinem Schaffen gewidmet ist.

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rückblende 20 Jahre Flüchtlingsfrauen in der Evangelischen Akademie Bad Boll »Mit Flüchtlingsfrauen eine bessere Zukunft schaffen«, Tagung 9.-11.Juli Erzählen, ärgern, den Kummer mitteilen, Erfahrungen und Informationen weitergeben, weinen, zuhören, verstanden fühlen: Lebendig waren die vielsprachigen Gespräche, bunt der kulturell geprägte Kleidungsstil und spürbar die Stärke von 52 Flüchtlingsfrauen, die sich in der Evangelischen Akademie Bad Boll begegneten. Seit 20 Jahren besteht nun diese Tagungsreihe mit ausländischen Flüchtlingsfrauen. Einmal im Jahr können sie sich hier treffen und austauschen. Es sind interessante Frauen, faszinierend in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausstrahlung, aufrecht in der Haltung, stark im Gesichtsausdruck. Ein eindrucksvolles Bild, das inneres Leid nicht auf den ersten Blick in ihrem Äußeren spiegelt. Sie kommen aus dem Kosovo, Afghanistan, Iran, Irak, Tschetschenien, dem Kongo, Kamerun, Nigeria und Syrien. Schlechte Erlebnisse der Vergangenheit verbinden sie ebenso wie die Flucht nach Deutsch-

Einmal jährlich können sich Flüchtlingsfrauen in Bad Boll treffen und austauschen.

land. Ihre individuellen Schicksalsschläge, ihr Kampf mit Richtlinien und Vorschriften im Heute, ihre psychische und soziale Situation, sowie ihre Empfindungen als Frauen im deutschen Exil lassen mitunter sogar Politikerinnen schweigen. Die drei Bundestagsabgeordneten Karin Maag, CDU/CSU, Gabriele Fograscher, SPD und Ingrid Hönlinger, Bündnis 90/Die Grünen stellten sich im Rahmen der Tagung vielen Fragen und Anfragen. Was geschieht mit alten und kranken Familienangehörigen? Können sie in Deutschland mit einem sicheren Aufenthalt rechnen? Warum verbietet

»Fußball in Verantwortung« Immer wieder vertritt die Akademie Bad Boll im Bereich des Sports bundesweit die Interessen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Unter der Überschrift: »Fußball in Verantwortung« führte deshalb die Akademie am 6. August, wenige Tage vor Beginn der neuen Fußballbundesligasaison 2010/2011, eine Veranstaltung in den Räumen des FC St. Pauli in Hamburg durch. Wieviel Kommerz kann sich ein Verein überhaupt leisten, um nicht Gefahr zu laufen, seine Identität zu verlieren, fragte der Sportbeauftragte Volker Steinbrecher Vertreter der Deutschen Fußballliga DFL und anderer Fußballinstitutionen. Konzentriert und konstruktiv wurden Ideen und Handlungsempfehlungen für gesellschaftliche Verantwortungsübernahme durch Bundesligaclubs diskutiert und ausgetauscht. (Link zum vollständigen Text und zum Impulsreferat von Christoph Ruf, siehe Seite 6/7) Von links: Bend-Georg Spieß, Vizepräsident FC St. Pauli; Dr. Götz Vollmann, Sprecher des Instituts für Fußball und Gesellschaft, Dr. Thies Gundlach, Oberkirchenrat der EKD; Urs Willmann, DIE ZEIT; Simone Buchholz, Autorin; Thomas Schneider, Koordinator Fanangelegenheiten Deutsche Fußballliga DFL

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die Residenzpflicht (keine Überschreitung der Landkreisgrenzen ohne Erlaubnis der Ausländerbehörde) Kindern die Teilnahme an sportlichen Wettveranstaltungen in anderen Orten und verhindert damit Integration? Warum verbieten Arbeitsagenturen die Annahme von selbst gefundenen Arbeitsstellen ohne Begründung? Warum können Familien mit einer Duldungserlaubnis und einer Arbeitsstelle nicht aus einem Wohnheim ausziehen? Warum werden Ausländer als »Putze« diskriminiert, wenn sie putzen, um dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen? Darf man aus Sicherheitsgründen unter falschem Namen leben? Weswegen wird einer Flüchtlingsfrau aus dem Kongo die Erstattung einer Brille abgelehnt, obwohl sie vom Arzt verordnet wurde und die Frau eine Aufenthaltsgestattung hat? Unter Tränen schilderte eine Frau die Problematik ihrer verfolgten, bedrohten und zurückgelassenen Familie im Irak. Flüchtlingsfrauen führen ein Leben im Exil und versuchen sich in einer anderen Kultur und neuen Gesellschaft zu orientieren. Dabei sind rechtliche und politische Rahmenbedingungen einzuhalten, die in ihrem Alltag zu Stolpersteinen werden, die das Leben begrenzen und nicht verstanden werden. Gesetze und Richtlinien, die zur Abschreckung dienen und manche erst in Deutschland krank machen. Über lange Verwaltungszeiten, die ein zukunftsorientiertes Leben von Kindern nicht ermöglichen, klagte eine Frau aus dem Iran. Von der Scham im Einkaufsverhalten mit Gutscheinen berichtete eine junge Türkin: Leute

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rückblende mit Taschenrechner bei Lidl seien immer als Flüchtlinge erkennbar, denn der Betrag für die 20 und 50 Euro Gutscheine müsse beim Einkauf aufgehen. Letztlich wurde auch die mangelnde interkulturelle Kompetenz der Behörden angeprangert. Erst langsam rücke die Tatsache ins Bewusstsein der zuständigen Personen, dass sie mehr kulturelles Know-how benötigen. Fragen, Vorwürfe, Ängste, die 52 Flüchtlingsfrauen direkt weitergeben konnten und sich nun auf langen Listen von drei bemühten Politikerinnen befinden. Alle drei versprachen, sich um individuelle Einzelfälle zu bemühen, ebenso wie um die praxisnahe Umsetzung der vorhandenen Gesetze. Brigitte Scheiffele, Journalistin

Evolutionäre Ethik? Zum Trialog zwischen egoistischen Genen, kooperativen Menschen und ethischen Idealen Tagung 26.-27. Juni, Bad Boll Der Bedarf an Ethik ist immens. Mit der Eingriffstiefe menschlichen Wirkens in Wirtschaft, Technik, Biowissenschaften, Medizin werden ethische Fragen virulent, auf die sich die Antworten nicht von selbst verstehen. Meist stehen sich begeisterte Befürworter des Fortschritts und mahnende Warner und Skeptiker gegenüber. Einer neuen Qualität ethischer Reflexion bedarf es jedoch angesichts der globalen Gefahren des vom Menschen verursachten Wandels, der sich nur als neue geologische Epoche charakterisieren lässt, als »Anthropozän«. Die Auswirkungen der menschlichen Zivilisation haben längst globale Ausmaße angenommen – vom Klimawandel bis hin zur schwindenden Biodiversität. Das Besondere dieser Tagung bestand darin, dass aus verschiedenen Wissenschaften heraus das Potential des Menschen zu ethischem Verhalten analysiert wurde: Der Evolutionsökologe Michael Taborsky erörterte die Vielfalt von Kooperationsformen bereits im Tierreich, die sich als evolutionär stabile Strategien verstehen lassen. Der Mensch ist durchaus auf SYM 3/2010

Tanzdialog mit Laura Brückmann bei der Ferienwoche In der Ferienwoche kreativ »Im Aufwind« (1.-7. August) mit rund 140 Teilnehmenden entstand innerhalb einer abwechslungsreichen Woche eine schöpferische Gemeinschaft zwischen Jung und Alt und zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. In 13 Workshops konnte man individuellen Interessen nachgehen – das Angebot reichte vom Schweißen, Bogenschießen bis hin zu Malerei, Steinskulpturen und Musik. Angeboten wurde unter anderem ein Workshop der besonderen „Eigen ARTen“ für Menschen mit Begrenzungen und Begabungen von Rainer Brückmann, Musiktherapeut, und seiner 19-jährigen Tochter Laura, Trägerin des Down-Syndroms. Die festliche Ergänzung zu dem Workshop wurde ein abendliches Event für alle mit einer eindrücklichen Performance im Festsaal der Akademie. Vater und Tochter Brückmann gestalteten zusammen mit dem Texter und Kabarettisten Peter Grohmann einen künstlerischem Dialog aus Tanz, Musik und Text. Der AnStifter Grohmann beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit u. a. mit Problemen von Ausgrenzung und Aussonderung.

Norwegische Jazzmesse im Innenhof der Akademie Bad Boll »Ohne Liebe stirbst du« – war das Motto der Norwegischen Jazzmesse, die am 18. Juli im Innenhof der Evangelischen Akademie Bad Boll bei schönstem Wetter zur Aufführung kam. Annette Frank, Salto Vocale und die LumberjackBigband unter der Leitung von Alexander Eissele faszinierten die über 330 Besucherinnen und Besucher. Ambiente, Texte, berührende Musik – alles passte an diesem Sommerabend gut zusammen.

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rückblende - onlinedokumente dieser Linie in der Lage, in vielfältigen Austauschbeziehungen reziproken Altruismus zu pflegen. Wie Religion Kooperationsbereitschaft und Verlässlichkeit sozial stabilisieren kann, erörterte der Religionswissenschaftler Michael Blume. Der Psychologe Horst Heidbrink diskutierte die Frage der Moralentwicklung aus entwicklungspsychologischer Sicht und dabei insbesondere die Frage des Übergangs von einer konventionellen und ethnozentrischen Moral zu einer postkonventionellen Moral, die alle Menschen einbezieht. Schon Darwin meinte, dass den Menschen eigentlich nur eine künstliche Schranke daran hindern könne, seine Sympathien auf die Menschen aller Nationen und Rassen auszudehnen, wobei, wie leider die Erfahrung lehre, es desto länger dauere, je größer die Verschiedenheit im Äußeren und den Gewohnheiten sei. »Wohlwollen über die Schranken der Menschheit hinaus, d. h. Menschlichkeit gegen die Tiere, scheint eines der am spätesten erworbenen sittlichen Güter zu sein«, fügt Darwin hinzu. Der Theologe Wolfgang Achtner führte in Albert Schweitzers Denken ein. Ethik besteht für Schweitzer darin, dass das Naturgeschehen im Menschen aufgrund bewusster Überlegung mit sich selbst in Widerspruch tritt. »Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will.« Zentral sind die Erkenntnis des Willens zum Leben und die daraus entspringende Ehrfurcht vor dem Leben. »Demütig und mutig zieht der Wille so seines Weges durch das endlose Chaos der Rätsel, seine geheimnisvolle Bestimmung erfüllend, das Einswerden mit dem unendlichen Willen verwirklichend.« Offenbar besitzt der Mensch das Potential oder gar die Tendenz zur Erweiterung seines Mitgefühls und seines Verantwortungsbereiches. Wollte man sich dieser Erweiterung mit Hinweis auf einen naturalistischen Fehlschluss verweigern, müsste man möglicherweise das eigene Menschsein negieren. Kontrovers diskutiert wurde die Frage, ob die ethische Entwicklung und Sensibilisierung den zunehmenden Bedrohungen gewachsen sein wird.

Onlinedokumente auf der Internetseite der Akademie Text- und Tondokumente von Vorträgen und Diskussionen aus Tagungen der Evangelischen Akademie Bad Boll können Sie herunterladen und zu Hause lesen oder anhören. Alle Onlinedokumente – Texte und Audio-Dateien – finden Sie unter: www.ev-akademie-boll.de/onlinedokumente Textdokument »Mit wem soll der Dialog im israelisch-palästinensischen Konflikt stattfinden?« war der Titel des Vortrags von Dr. Muriel Asseburg bei der Tagung »Partner für den Frieden. Mit Hamas und Fatah reden« 11.-13. Juni 2010, Bad Boll.

Dr. Muriel Asseburg

Muriel Asseburg ist Leiterin der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika in der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin. Sie sagte auf der Tagung: »Bei Kontakten und Dialogen sollten wir grundsätzlich von Verboten, ideologischen Herangehensweisen und Ausgrenzungen Abstand nehmen.« Und: »Grundsätzlich halte ich es nicht für sinnvoll, nur mit Gleichgesinnten zu reden. Dies gilt umso mehr, wenn wir uns einem Konflikt gegenüber sehen.« Einen Beitrag über die Tagung und zu Muriel Asseburgs Position finden Sie auf S. 14-15 in diesem Heft. Der ganze Vortrag ist auf unserer Internetseite verfügbar.

Textdokument »Arm und Reich – Gottgewollt oder von Menschen gemacht? Die Perspektive der Bibel Prof. Dr. René Krüger, Neutestamentler aus Buenos Aires hat in seinem

Vortrag auf der Sommertagung der Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg über die systemische Krise gesprochen, durch die in den letzten 20 Jahren die Armut bis hin zur Verelendung weltweit zugenommen hat. Was die Bibel zur Wirtschaftsproblematik sagt und was die Kirchen tun können, erläutert er ausführlich in seinem Vortrag. Einen Auszug finden Sie auf Seite 25 dieses Heftes.

Textdokument »Adoption und Bindung. Die Bedeutung der sicheren Bindung für die Entwicklung seelischer Stabilität« lautete der Titel des Beitrags von Christiane Luz, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche und Dozentin/ Supervisorin am C.G. Jung-Institut, Stuttgart bei der Tagung Bindung und Adoption: Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Adoptivkindern, die am 27./28. März in Bad Boll stattfand. Die Psychotherapeutin Luz zeichnet die Entwicklungsphasen eines Kindes von der vorgeburtlichen Zeit bis zur Pubertät nach. Sie zeigt auf, welche Faktoren entscheidend für eine gute Beziehungsfähigkeit des sich entwickelnden Menschen sind. Unter anderem sagt sie: »Nur wenn Empfindungen wie Trauer und Wut, Angst und Vertrauen, Hilflosigkeit und Zuversicht erlebbar und damit auch verbalisierbar werden, können sie ihrerseits Einfühlung entwickeln – der beste Weg zur sozialen Kompetenz.« Christiane Luz kennt aber auch Zeiten des Misserfolgs. Ihr Rezept dazu ist: »Und

Dr. Günter Renz, Studienleiter

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onlinedokumente

wenn es gelegentlich ganz schwer wird, hilft uns der Humor, manchmal ein wenig bittersüß, aber er schafft Abstand. ›Trotzdem‹ zu lachen ist eine Gabe, die dramatische Situationen entspannt und den Blick wieder öffnet für wirklich Wesentliches.«

Textdokument Fußball in Verantwortung 6. August 2010, Bad Boll Christoph Ruf, Journalist und Autor, hat bei der Tagung das Impulsreferat zum Thema »Zwischen Wertegemeinschaft und Erfolgstruppe« gehalten. Es ist auf der Website der Evangelischen Akademie Bad Boll verfügbar. Der ausführliche Text der Mitteilung auf Seite 4 von Volker Steinbrecher,

dem Sportbeauftragten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, kann unter folgendem Link gelesen werden: www.ekd.de/aktuell/71848.html

Audiodokument »Auf dem Weg zu einer menschlichen Marktwirtschaft. Warum eine Umorientierung des Wirtschaftens nottut« Die Wirtschaft ist aus den Fugen geraten! Eine Krise löst die andere ab. Nachdem zuerst private Hausbesitzer in den USA und später Banken und große Teile der weltweiten Finanzwirtschaft staatlich gestützt werden mussten, sind jetzt schon ganze Staaten von Zahlungsunfähigkeit bedroht. Viele sehen darin ein Indiz für eine Systemkrise der Marktwirtschaft. Diese scheint ihr Versprechen von wach-

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Dr. Ulrich Thielemann ist Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen.

sendem Wohlstand für alle ebenso wenig realisieren zu können wie eine grundlegende Verteilungsgerechtigkeit. Und das trotz anhaltender Ökonomisierung aller Lebensbereiche! Dr. Ulrich Thielemann, Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen analysiert die Ursachen für die Fehlentwicklung unseres Wirtschaftssystems, entlarvt Wohlstandsmythen der Ökonomie, zeigt auf, warum eine Umorientierung nottut und stellt die Marktwirtschaft vom Kopf wieder auf die Füße. In zwei Audiodokumenten können Sie sich den Vortrag von Dr. Thielemann anhören, der im Rahmen der Tagung »Ist eine andere Weltwirtschaft möglich?« vom 11.-12. Juni in Bad Boll stattfand.

Audiodokument »Das Geheimnis der Berater – Annäherungen an einen Mythos«, war der Vortrag betitelt, den der Politikwissenschaftler und TV-Journalist Prof. Dr. Thomas Leif bei der Tagung »Beraten und verkauft? Das Beratungswesen zwischen Ökonomisierung und Humanität« (7.-9. Mai 2010) in Bad Boll gehalten hat. Leif hatte mit seinem Buch »Beraten und verkauft: Mc Kinsey & Co.« die Kritik am Beratungswesen, das er als gigantische Bluff-Branche analysiert, angestoßen. Seinen Beitrag können Sie in 2 Teilen auf unserer Internetseite anhören.

Link zu einem weiteren KDADokument (siehe Schwerpunkt des Hefts, S. 9-13 und S. 22): »Begleitet aus der Arbeitslosigkeit» Am 28. April wurde im Reutlinger Generalanzeiger über eine Aktion des KDA Reutlingen berichtet. Im Vorspann heißt es. »Hoffnung nach der Krise: Der Werkzeughersteller Walter hat fast die Hälfte der fünfzig Mitarbeiter wieder eingestellt, deren befristete Arbeitsverträge im Juni 2009 krisenbedingt nicht hatten verlängert werden können. Der evangelische Wirtschafts- und Sozialpfarrer Jens Junginger vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) hatte die vorübergehend Arbeitslosen in der Zwischenzeit beraten – gemeinsam mit dem Betriebsrat und dem Personalchef.« Wer sich für den Beitrag interessiert, kann ihn hier lesen: www.gea.de/region+reutlingen/ueber+die +alb/begleitet+aus+der+arbeitslosigkeit. 1259583.htm

Powerpoint-Präsentationen »Was eine autistenfreundliche Schule braucht – Reflexion der eigenen Schulzeit« ist eine Powerpoint-Präsentation von Dr. Peter Schmidt, selbst Autist, die er bei der Tagung »Autismus – Kinder und Jugendliche mit autistischem Verhalten. Neue Wege durch die Schule« (5.-6. Juli) präsentiert hat. Die zweite Powerpoint-Präsentation ist ein Input für einen Workshop bei der Tagung, die Peter Schmidt mit seiner Ehefrau Martina Schmidt erstellt hat mit dem Titel »Sensibilisierung für die Wahrnehmung und Bedürfnisse autistischer Menschen an Schulen«. Beide Präsentationen können im Internet als PDF gelesen werden.

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kunst in der akademie

»endlich« – Ausstellung zum Boller Bußtag der Künste mit Bildern von Saskia Schultz Das obere und mittlere Bild entstammt dem Leporello »Wenn ich mal tot bin«, ein Linolschnitt auf Bütten, 2007, aufgeklappt 5,3 x 0,35 m. Bild unten: »Inszenierung«, 2010, 1,85 x 0,95 m, Pastellund Buntstifte auf eingefärbten Scherenschnitten

Vertraute Motive kombiniert die Stuttgarter Künstlerin Saskia Schultz auf ungewöhnliche Weise: Hand und Gedärm auf der Vignette sind zum Schöpfungsakt mit Todesanmutung vereint. So wird das Auge in Sicherheit gewogen, um im nächsten Moment zusammenzuzucken. Worte und Bilder halten sich in ihren Buchobjekten gegenseitig in Spannung und tragen zum leisen Schrecken bei. Ob Linolschnitt, Collage, Bild, Scherenschnitt oder Glasmalerei – Saskia Schultz, die von 1998 bis 2005 an der Kunstakademie Stuttgart bei Johannes Hewel, Professor für Glasgestaltung und Freie Malerei studierte, setzt virtuos eine Vielzahl von Ausdrucksformen ein, um für nachhaltige Wahrnehmung zu sorgen. Schönheit und Schrecken liegen nahe beieinander. (Alp-)Traumwelten tun sich auf. Die wie in Trance ruhig gestellte unwirkliche Welt der meist weiblichen Figuren entfaltet ihren Zauber als Macht der Verstörung. Wunden zeugen von chirurgischen Eingriffen. Ob die Behandlung heilt oder tötet, bleibt offen. Der Boller Bußtag der Künste wird eröffnet mit einem Gottesdienst, in dem Oberkirchenrat Prof. Dr. Ulrich Heckel predigt. Am Ende wird Frau Dr. Sylvelyn Hähner-Rombach (Institut der Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung) mit ihrem Vortrag zu Sex und Gender in der Medizin des ausgehenden 19. Jahrhunderts noch eine weitere Perspektive einbringen.

Vernissage Peter Riek »schattenboxen« Sonntag, 19. September, 11:00 Uhr im Café Heuss Die Ausstellung läuft vom 19. September bis 31. Oktober.

Infos und Anmeldung zum Mittagessen (12 Euro): Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342 brigitte.engert@ev-akademie-boll.de Leitung: Susanne Wolf

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Boller Bußtag der Künste in Kooperation mit dem Verein für Kirche und Kunst 17. November 2010, 16:00 Uhr Tagungsnummer 530810 Tagungsleitung: Susanne Wolf, Lambert Auer Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342 brigitte.engert@ev-akademie-boll.de

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Arbeit zwischen Flexibilität und Sicherheit Die Erwerbstätigkeit ist in einem tief greifenden Wandel Von Martin Schwarz Die Europäische Kommission hat das Jahr 2010 zum »Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung« erklärt. Dabei hängt die Zunahme von Armut mit Veränderungen in der Arbeitswelt zusammen. Nur noch knapp zwei Drittel der Erwerbstätigen stehen in einem klassischen sozialversicherungspflichtigen und unbefristeten Vollzeitarbeitsverhältnis. Immer mehr Menschen sind »arm trotz Arbeit«. Das Erwerbseinkommen reicht nicht zum Lebensunterhalt, die Beschäftigungszeiten ermöglichen keine angemessene Absicherung mehr für Arbeitslosigkeit und Ruhestand. In Zukunft wird der Anteil der so genannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse weiter steigen. Wiederholter Tätigkeitswechsel, Befristungen, Teilzeit- sowie Leiharbeit werden die Regel. Ein Beruf hält nicht mehr, was er einmal versprochen hat: Sicherheit für ein ganzes Leben. Arbeit ist Teilhabe an der Gesellschaft Menschenwürde ist nicht von der Erwerbsarbeit abhängig. Leben mit all seinen Möglichkeiten ist als Geschenk Gottes jedoch dazu bestimmt, sich zu entfalten. Dazu gehört auch, dass wir durch unsere Arbeit einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten können. Diese gesellschaftliche Teilhabe nicht nur zu ermöglichen, sondern auch zu fördern, ist darum eine gemeinsame Aufgabe. Solidarische Lösungen haben Vorrang vor bloßer Eigenverantwortung. Eine protestantische Grundeinsicht ist, dass Solidarität nicht dem individuellen Gutdünken überlassen werden kann. Vielmehr bedarf es eines verbindlichen Rahmens. Was bedeutet dies im Blick auf die notwendige Flexibilisierung der Arbeit? Erst Absicherung, dann Flexibilisierung Antworten auf die Herausforderungen des modernen Arbeitsmarktes werden gegenwärtig auf europäischer Ebene unter dem Begriff »Flexicurity« diskuSYM 3/2010

tiert. Die Idee: Flexibilität (Flexibility) für Unternehmen wird mit Maßnahmen zur Absicherung (Security) der Beschäftigten verbunden. Dazu gehören flexible Arbeitsverträge, aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und hinreichende soziale Sicherung. Unabdingbar ist darüber hinaus die Förderung von lebenslangem Lernen. Auf den ersten Blick klingt das vielversprechend. Die Umsetzung ist aber bisher mangelhaft. Ein wesentlicher Grund ist die Reihenfolge der Umsetzung: Zuerst müsste die soziale Sicherung ausgebaut werden, bevor das Arbeitsrecht liberalisiert werden kann. Aber das Gegenteil ist bisher der Fall: Das deutsche Arbeitsrecht leidet heute nicht mehr an einem Mangel an Flexibilität. Im Zuge der HartzReformen wurden insbesondere die Möglichkeiten der Arbeitnehmerüberlassung erheblich erweitert. Darüber hinaus wurde der Druck auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhöht, selbständige, ungesicherte oder gering entlohnte Tätigkeiten aufzunehmen. Die sozialen Sicherungssysteme wurden jedoch nicht angepasst oder sogar geschwächt. Neben zunehmender Belastung und Verunsicherung hat dies weitere Folgen: Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten reicht nicht mehr aus, um die soziale Sicherung zu finanzieren. Zugleich sind immer mehr Menschen auf Sozialleistungen angewiesen, weil ihr Arbeitseinkommen zum Lebensunterhalt nicht ausreicht. Im Bereich des Handwerks wurde etwa durch die Einschränkung des MeisterZwangs zwar die Zahl der Betriebe erheblich erhöht, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nahm jedoch ab. Insgesamt haben die Reformen bislang zur Folge, dass Unternehmen von neuer Flexibilität profitieren, während die sozialen Folgekosten der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Hierin liegt gegenwärtig das wirkliche Problem des Sozialstaates – nicht in Leistungsmissbrauch und Dekadenz.

Innerbetriebliche Flexibilität vor Deregulierung Dabei gibt es Alternativen zur Verlagerung von Risiken auf die Einzelnen oder die Gesellschaft. Viele Unternehmen haben gezeigt, dass langfristige Arbeitszeitkonten, betriebliche Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung oder auch Kurzarbeit sehr wir-

Demonstration am 12. Juni in Stuttgart mit DGB, ver.di, Die Grünen, SPD, KDA u.a. gegen die unsozialen Auswirkungen des Sparpakets der Bundesregierung »Das nennt ihr gerecht? Gerecht geht anders«

kungsvolle Mittel sind, um Krisen zu begegnen. Zum Teil wird das geringere Arbeitsaufkommen genutzt, um durch Fortbildungen die interne Flexibilität zu erhöhen. Dabei hat sich die im Betriebsverfassungsgesetz verankerte Mitbestimmung bewährt. Ein Ausgleich zwischen Flexibilität und Sicherheit erfordert starke Arbeitnehmerorganisationen, die Verantwortung übernehmen. Auf Leiharbeit kann zwar nicht völlig verzichtet werden, wenn interne Ausgleichsmöglichkeiten nicht ausreichen. Sie darf aber nicht missbraucht werden, um die Stammbelegschaft zu ersetzen und Tarifverträge zu unterlaufen. Außerdem hat die Krise gezeigt: Zeitarbeit kann in allgemeinen Krisenzeiten Arbeitslosigkeit nicht verhindern. Vielmehr reagiert der Leiharbeitssektor wesentlich empfindlicher auf wirtschaftliche Schwankungen. In Zeiten von wirtschaftlichem Wachs-

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kda tum schafft er rasch Beschäftigung, jedoch werden Leiharbeitskräfte auch als erste wieder entlassen. Darüber hinaus entsteht durch atypische Beschäftigungsverhältnisse eine ZweiKlassen-Gesellschaft in den Betrieben: Stammbelegschaften mit sicherem Arbeitsplatz und Leiharbeitskräfte, die das Risiko tragen. Damit sind nicht nur persönliche Schicksale verbunden. Die Ungleichbehandlung führt auf Dauer auch zu Unfrieden in den Betrieben. Daher muss die innerbetriebliche Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen Vorrang haben vor der weiteren Deregulierung des Arbeitsmarktes. Europa ist gefordert Auf europäischer Ebene erfordert der freie Austausch von Dienstleistungen und Arbeitskräften dringend verbindliche soziale Standards. Nur so kann verhindert werden, dass das innereuropäische Gefälle von Arbeits- und Sozialstandards zu einer Aufweichung der höher entwickelten Sozialverfassungen führt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, von denen immer mehr Flexibilität gefordert wird, müssen sich auf soziale Sicherungssysteme stützen können, die den veränderten Erwerbsbiographien Rechnung tragen und nicht an nationale Grenzen stoßen. Nach dem Abbau von Schranken bei Handel, Dienstleistungsaustausch, Kapitalfluss und Freizügigkeit muss die soziale Integration Europas vorangetrieben werden. Sonst wird sich die Ost-West-Spaltung in Europa vertiefen. Auch innerhalb der europäischen Länder werden sich die sozialen Brüche verschärfen. Dabei ist das europäische Demokratiemodell eng mit dem Versprechen von allgemeinem Wohlstand und sozialer Sicherheit verknüpft. Scheitert die soziale Integration Europas, scheitert die europäische Form der Demokratie. Martin Schwarz ist seit März 2010 Wirtschafts- und Sozialpfarrer beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt in Ulm.

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Blitzlicht Mobbing Intrigenspiele nehmen krisenbedingt zu Von Volker Stücklen Mobbing kann jeden treffen! In Krisenzeiten ist das Risiko deutlich höher, schikaniert, ausgegrenzt und benachteiligt zu werden. Rund 1,5 Millionen Menschen erleben Psychoterror am Arbeitsplatz. Nach neuen Umfragen gab jede/jeder Sechste an, schon gemobbt worden zu sein. Mobbing entsteht aus ungeklärten und unbearbeiteten Konflikten, die mit der Zeit eskalieren. Weitere Ursachen können in unklaren Organisationsstrukturen und starren Hierarchien, in Arbeitsbedingungen, der Arbeitsgruppe, bei den Täterinnen und Tätern aber auch bei den Betroffenen selbst liegen. Besonders gefährdete Berufzweige sind der Dienstleistungs- und Sozialbereich. Mobbing-Berater beobachten Häufungen vor allem in kirchlichen, diakonischen und karitativen Arbeitsfeldern. Die Krisenlage in Deutschland hat dazu geführt, dass Mobbing-Attacken auch häufiger in den Firmen auftreten, die Insolvenz angemeldet haben oder deren Belegschaft in Kurzarbeit ist. Beschäftigte greifen zu MobbingMethoden, wenn ihre Existenz durch einen eventuellen Arbeitsplatzverlust bedroht ist. Dazu wird der Kollege oder die Kollegin in ein schlechtes Licht gerückt und als untragbar für den Betrieb hingestellt. Beobachtet haben wir auch, dass ganze Teams mit Mobbing-Handlungen versuchen, das eigene Team in der Einteilung für Kurzarbeit und Zwangsurlaub als vorteilhafter und leistungsfähiger hinzustellen. Die Folgen von Mobbing sind gravierend: Sie reichen von Leistungs- und Denkblockaden über Rückzugstendenzen (»innere Kündigung«) bis hin zu Krankheiten, Angststörungen und Depressionen. Am Ende der Quälereien und Attacken steht oft eine Krankschreibung, die eigene Kündigung oder die Frührente. Die Betroffenen fühlen sich allein gelassen. Unterneh-

men werden in allen Bereichen durch die Auswirkungen auf das Arbeitsund Leistungsverhalten und insbesondere durch die krankheitsbedingten Ausfälle ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finanziell erheblich belastet. Im Rahmen des Gesundheitsmanagements sollte eine systematisch ineinander greifende Konfliktbearbeitung und Mobbing-Prävention aufgebaut werden. Mobbing muss an der Quelle bekämpft werden. Organisationsstrukturen und Arbeitsabläufe, der betriebliche Informationsfluss, die Kommunikation, die Zusammenarbeit und das Führungsverhalten müssen deshalb auf den Prüfstand. Gefährdungsbeurteilungen nach § 5 des Arbeitsschutzgesetzes können davon ausgehende Konfliktpotentiale offen legen und ermöglichen Gegenmaßnahmen. Fachleute empfehlen den Einsatz von Konfliktlotsen oder Mobbing-Beauftragten, sowie den Abschluss einer Betriebsvereinbarung zwischen Geschäftsleitung und Betriebs-/Personalrat mit der Überschrift »Förderung des kollegialen Umgangs und einer fairen Streitkultur«. Mobbing geschieht, wenn zu viele Kolleginnen und Kollegen sowie Führungskräfte wegsehen, zusehen oder mitmachen. Um Mobbing wirkungsvoll zu begegnen, ist es hilfreich, die Pflege des Betriebsklimas und der betrieblichen Streitkultur zur Daueraufgabe für alle Beschäftigen, auf allen Ebenen eines Betriebes oder einer Einrichtung zu erklären. Betriebsklimapflege ist eine tägliche Daueraufgabe. Volker Stücklen ist seit 1988 Sozialsekretär beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt in der Prälatur Heilbronn. Seine Spezialgebiete sind Mobbing, Personalrat, Betriebsrat und MAV. SYM 3/2010


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Burnout – eine neue Volkskrankheit? Von Esther Kuhn-Luz Über 80 Teilnehmende aus Betrieben, Banken, kommunalen, städtischen, kirchlichen und diakonischen Einrichtungen kamen Anfang Juli zu der Tagung »Burnout erkennen – als Führungskraft Verantwortung übernehmen«. Das Interesse war groß, sich mit dem Phänomen »Burnout« auseinanderzusetzen, um möglichst früh Anzeichen für eine Erschöpfungsdepression zu erkennen – bei Mitarbeitenden, aber auch bei sich selbst. Denn ständig über die Leistungsgrenze zu arbeiten macht krank. Sehr eindrucksvoll berichteten am Anfang Johannes Hauser, Bürgermeister der Stadt Schwaigern und Bernd Kreuder, Allianz Deutschland AG Köln, über ihre eigene Betroffenheit als Burnouterkrankte. Wer für seine Aufgaben »brenne«, sei in Gefahr, auszubrennen – eine Erfahrung, die das eigene Selbstverständnis massiv in Frage stellen kann. Jahrelang – so berichteten die Führungskräfte – gab es eine klare Konditionierung: du bist stark, du bist gut drauf, du schaffst das. Erfolgreich zu sein trotz vieler Widerstände, immer das Letzte zu geben – doch dann kam der Zusammenbruch. »Plötzlich ging nichts mehr. Diagnose: Erschöpfungsdepression.« Beide schilderten ihren Widerstand gegen diese Diagnose – aber sowohl die Panikattacken als auch Selbstmordgedanken nahmen zu. »Besonders schlimm war es, kein Empfinden mehr für Freude zu haben. Jeder Kontakt wurde für mich zur Qual. Alltägliches wie telefonieren, Essen machen, eine Türe öffnen, ein Formular ausfüllen, wurde unmöglich.«, sagte der Bürgermeister. Durch einen Klinikaufenthalt konnte den Männern geholfen werden. Die Erfahrungen dort waren für sie sehr wichtig – ganz viel Zeit zu haben, ganz langsam eine andere Aufmerksamkeit für das eigene Leben zu bekommen und der Seele Raum zu geben. Überhaupt zu spüren, dass die Seele eigeSYM 3/2010

ne Bedürfnisse hat und der Frage nachzugehen: »Wenn alles zusammenbricht – was macht dann eigentlich den Sinn meines Lebens aus?« Das Fazit von Bernd Kreuder ist: »Ich bleibe ein Burnoutbetroffener. Ich arbeite wieder in voller Verantwortung – aber ich weiß, dass die Gefährdung bleibt. Ich muss mir das Gespür für meine Belastbarkeitsgrenze erhalten. Und auch für die Belastbarkeitsgrenzen der Mitarbeitenden.« Aus seiner persönlichen Erfahrung hat Kreuder ein Gesundheitsmanagement, das psychische Gefährdungen im Blick hat, für die eigene Firma entwickelt. Dr. Werner Geigges, Leitender Arzt der Rehaklinik Glotterbad betonte in seinen Ausführungen, dass ein ständig zu hoher Arbeitsdruck in eine Erschöpfungsspirale führen kann. Als eine Ursache für die massiv ansteigende Zahl von psychisch Erkrankten sieht er die gewaltigen Veränderungen in der Arbeitswelt. Charakterisieren kann man diese mit den Stichworten »flexibel, mobil, dezentral, befristet«. Eine jahrzehntelang geltende Arbeitstradition ist verschwunden. Zu ihr gehörten: eine langjährige Betriebszugehörigkeit, Sicherheit des Arbeitsplatzes, bei guter Ausbildung eine Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Dies gilt nur noch bedingt. Allgemein wächst die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, vor einer unsicheren Zukunft. Faktoren, die eine große Rolle für den massiven Anstieg der Erschöpfungsdepressionen spielen. Von daher sei es wichtig, so Dr. Geigges, dass auch in der Medizin der Zusammenhang zwischen Arbeitswelt, gesellschaftlicher Situation und Gesundheit gesehen wird. Laut Dr. Werner Kissling, Leiter des Zentrums »Disease Management«, TU München, wird in den nächsten Jahren das Engagement eines Unternehmens für die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden zu einem Qualitätsmerkmal werden: »Schon allein aus Kostengründen. Bereits jetzt führt die durchschnittliche Dauer einer depressiven Erkrankung zu 33 Fehltagen

in den Betrieben.« Laut DAK 2009 steht die Depression damit an 3. Stelle der Betriebskrankheiten in Bezug auf die Fehltage. Aus dem Bericht der Weltgesundheitsorganisation »Global burden of disease« geht hervor, dass ab 2015 die seelische Erschöpfungsdepression an 1. Stelle stehen wird. 20 Prozent der Deutschen wären davon betroffen. Für das 21. Jahrhundert gilt die psychische Gesundheit als neue Schlüsselqualifikation. Und weil die Gesundheit der Mitarbeitenden eine der wichtigsten Ressourcen eines Unternehmens ist, sind immer mehr Unternehmen bereit, sich mit Gefährdungsanalysen auseinanderzusetzen. Kissling, der Schulungen für Führungskräfte durchführt, meinte dazu: »Führungskräfte müssen befähigt werden, Symptome von psychischen Erkrankungen zu erkennen, Mitarbeitende anzusprechen und mit ihnen, dem betriebsärztlichen Dienst und dem Betriebsrat nach Lösungen suchen.« Es gibt eine zunehmend große psychosoziale Not in unserer Gesellschaft und in der Arbeitswelt. Die Tagung hat dazu beigetragen, dass diese Not in der Öffentlichkeit benannt wird. Denn nur so kann gemeinsam an Veränderungen gearbeitet werden.

Esther Kuhn-Luz ist Wirtschafts- und Sozialpfarrerin in der Prälatur Stuttgart.

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KDA - wichtiger denn je Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt in Gegenwart und Geschichte Von Jens Junginger Rund 100 Beschäftigte der Frühschicht haben sich zur Betriebsversammlung im Kantinenraum eingefunden. Sie wirken angespannt. Der Standort der weltweit prosperierenden Firma im Zollernalb-Gebiet soll aufgegeben werden. 130 Entlassungen sind angekündigt, trotz schwarzer Zahlen und guter geschäftlicher Entwicklung. Der Standort arbeite zu wenig rentabel heißt es. Alle warten auf die neuesten Informationen. Der Betriebsratsvorsitzende verurteilt das Vorgehen der Geschäftsleitung scharf und ermutigt die KollegInnen, sich zu wehren. Der IG-Metall-Bevollmächtigte bläst ins selbe Horn. Nur wenige der Anwesenden sind Gewerkschaftsmitglieder. Die KollegInnen sind enttäuscht. Sie fühlen sich vom Gesagten und den langen Monologen nicht ernst genommen und wirken verärgert. In der Kantine wird es unruhig. Der eingeladene Wirtschafts- und Sozialpfarrer wollte eigentlich eine Solidaritätsbotschaft überbringen – oft ein wichtiges, stärkendes Signal. Die Unterstützung einer Betriebsrätin in einem anderen Betrieb, die unter Hinzuziehung aller rechtlichen Mittel gekündigt werden sollte, war eines der wichtigsten Beispiele in den vergangenen Jahren gewesen. In diesem Fall war jedoch die Aussprache zwischen Betriebsrat und Belegschaft und das offene Gespräch mit der Vertretung der Geschäftsleitung überfällig. Die Anlässlich der baden-württembergischen Erwerbslosentage in Markelfingen (19.-23. Juli) haben die Teilnehmenden gemeinsam ihre Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen in einer eindrücklichen bildlichen Darstellung zum Ausdruck gebracht.

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Unzufriedenheit war spürbar. Der Kessel drohte überzukochen. Moderation war notwendig – eine Rolle, die nur von einer außen stehenden Person ausgefüllt werden konnte. In der Diskussion brachte sich die Belegschaft engagiert ein und drängte auf Erklärungen und konkrete Informationen. Mit den Worten »Du hast die Betriebsversammlung gerettet!« bedankten sich der Betriebsratsvorsitzende und der IG-Metall-Bevollmächtigte beim Vertreter der Kirche. Es war nicht sein erster Besuch in der Firma. Begegnungen und Gespräche hatte es schon vor der Krise gegeben. Solche Beziehungen sind nicht selbstverständlich. Vertrauen muss langsam wachsen. Die anfängliche Überraschung wich mit der Zeit der Freude darüber, dass man sich von »der Kirche« ernstgenommen fühlte. Qualifizierte Unterstützung in Betrieben, persönliche Beratung, spirituelle Stärkung, sozialethische Vergewisserung, politische Bewusstseinsbildung bis hin zur Moderation – darin liegen die spezifischen Aufgaben des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt. Ziel ist das konstruktive betriebliche Miteinander, die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung, im Sinne eines »Menschlich geht’s besser«. Die Betriebe, so stellten bereits im Jahre 1953 die einstigen Wegbereiter des KDA in der Württembergischen Landeskirche fest, sind »weiße Flecken auf der kirchlichen Landschaft«. Ein »wesentlicher Teil des Lebens … – besonders der Arbeiter« spielt sich an Orten ab, die »vom kirchlichen Dienst unberührt sind«. Es wurde damals gefragt, ob nicht Christen eine Aufgabe

darin sehen müssten, »daran zu arbeiten, die innerbetriebliche Atmosphäre und die überbetrieblichen Sozialbeziehungen zu entgiften«. Eine Aufgabenstellung, die angesichts steigender Konflikte und psychischer Belastungen noch drängender ist. Der Anspruch, die Arbeitswelt »entgiften« zu können, klingt jedoch überzogen. Zum einen, weil im Fachdienst in Württemberg derzeit gerade vier bzw. bald nur noch drei Mitarbeiterinnen tätig sind. Zum anderen kann der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital von den Kirchen nicht harmonisiert werden. Der KDA plädiert für eine Mitbestimmung auf Augenhöhe und für eine Stärkung der Sozialpartner und ihrer Instrumente. Das Gefühl für ethische Orientierung und die Notwendigkeit für nachhaltiges Wirtschaften ist in den mittelständischen Unternehmen durch die Globalisierung und »die Krise« gewachsen. Es besteht ein erhöhter Bedarf an Gespräch und Beratung. Von der Kirche wird ein Engagement für sozialen Frieden, Verteilungsgerechtigkeit und ein Ressourcen schonendes Wirtschaften erwartet. »Ich finde es richtig gut, dass es da jemand von der Kirche gibt«, äußerte eine Mittelständlerin im Rahmen einer Veranstaltung zur Krisenbewältigung. Weil »Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, … und mit gleichem Ernst … auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben« ist, ist die Kirche der Barmer Theologischen Erklärung gemäß beauftragt, »in alle Welt« (Mt 28, 19) zu gehen. »Alle« Welt schließt ausdrücklich die Arbeitswelt ein, die Welt, in der die Menschen einen wesentlichen Teil ihres Lebens verbringen. Denn »Also hat Gott die Welt

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kda geliebt«. So erschließt sich »die Wirklichkeit Gottes … nicht anders, als indem sie mich ganz in die Weltwirklichkeit hineinstellt« (Dietrich Bonhoeffer) und indem wir die frohe Botschaft aus dem sozial- und wirtschaftlichen Kontext der Bibel heraus für die Menschen in unsere soziale, Wirtschaftsund Arbeitswelt heute hinein übersetzen.

Die Evangelische Landeskirche von Württemberg hat diese Aufgabe im Jahr 1953 klar erkannt. Jörg Simpfendörfer war »der erste Arbeiterpfarrer«, für den die Evangelische Landeskirche von Württemberg eine Stelle an der Evangelischen Akademie Bad Boll geschaffen hat. Es war der erste Versuch einer westdeutschen Landeskirche, »Gemeinde institutionell auf Berufsgemeinschaft zu gründen« und stellte damit einen »entscheidenden Vorstoß in die moderne Arbeitswelt« dar. Martin Koller bewertete es damals als ein »kirchengeschichtliches Ereignis ersten Ranges«. Gott schafft »mitten in der Welt der Arbeit seine neue Welt«, formulierte zwei Jahre später die EKD Synode in Espelkamp und unterstrich die Notwendigkeit, »die Mauern« der kirchlichen Tradition zu überwinden, um die Menschen »in der heutigen Arbeitswelt zu suchen«. Mit deutlich weniger Personal als etwa in den 70er, 80er und 90er Jahren knüpft der KDA heute mit seinen Arbeitsformen an die Tradition der ersten Jahre an. Allerdings sind Tagungen für ganze Betriebe, Arbeiterwochen und die Bildung so genannter christlicher Betriebskerne heute in dieser Dimension nicht mehr leistbar. Tagungen und Veranstaltungen in den Regionen und an der Akademie gibt es zu einzelnen Fragen und Zielgruppen weiterhin. Die hohe Zahl an (Langzeit-) Erwerbslosen ist ein neues Feld für das KDAEngagement geworden, ebenso wie die sich stets verändernde Arbeitsmarktpolitik im Hartz-Zeitalter. Das persönliche, spirituelle und politische Empowerment von Betriebsund Personalräten, von Erwerbslosen, prekär Beschäftigten, die Vermittlung von Know how zu Mobbing, Burnout und Solidarität stehen neben Grundsatzfragen wie etwa das Wachstumsprinzip, Europa und AlterSYM 3/2010

nativen zum neoliberalen Wirtschaftssystem auf der Agenda der Aktivitäten. Deutlich verstärkt hat der Fachdienst sein Engagement im Sinne der »Gehstruktur«, wie sie einst Horst Symanowski von der Gossner Mission im Gegensatz zum Bad Boller Konzept vertreten hat. Damit wird einer über die Jahre hinweg gestiegenen Entfremdung zwischen Kirche, Arbeitswelt und Wirtschaftswelt begegnet. Wichtig ist dabei die Beheimatung der Mitarbeitenden des KDA im Netzwerk der Studienleitenden der Evangelischen Akademie und ihrem Know how. Hier findet ein gegenseitiges, Horizont erweiterndes und Kontakt vermittelndes Geben und Nehmen statt. Die Akademie ist das Zentrum des gesellschaftspolitischen Engagements und Dialogs in der Württembergischen Landeskirche. Der KDA ist ein kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt und das muss und sollte er, um der Menschen willen, die gerade dort das Engagement der Kirche begrüßen, auch bleiben. Der Chef einer Personalabteilung drückte das so aus: »Mich mit Ihnen auszutauschen, Ihren Blick auf die Dinge zu hören und Ihre Beratung zu nutzen, das ist für mich eine Bereicherung.« Der Betriebsratsvorsitzende der von der Schließung bedrohten Firma im Zollernalb-Gebiet, meinte mehrere Wochen nach der Betriebsversammlung: »Der Zusammenhalt unter der Belegschaft ist gestiegen, unsere Verhandlungsposition ist gestärkt. Mit dem gewonnenen starken Rückhalt kommen wir in den Verhandlungen um den Sozialplan voran. Das macht Mut. Gut, dass Du da warst.« Je kontinuierlicher die Landeskirche in der Arbeits- und Wirtschaftswelt, wie im Kontakt zur Politik und den Verbänden präsent ist, umso näher sind wir als Kirche bei den Menschen und damit relevanter in der Gesellschaft. Jens Junginger (Vorsitzender des KDA Württemberg) ist Wirtschafts- und Sozialpfarrer in der Prälatur Reutlingen. Siehe auch Linkhinweis auf S. 7.

KDA Buch-Tipp: Jahrbuch Gerechtigkeit IV. Armes reiches Europa. Die neue Spaltung von Ost und West überwinden 256 Seiten, 14,90 Euro Zum »Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung 2010« hat der kirchliche Herausgeberkreis des Jahrbuchs Gerechtigkeit seinen vierten Band der zunehmenden sozialen Spaltung in Europa gewidmet. Bereits vor der globalen Finanzund Wirtschaftkrise hat sich die Europäische Union seit ihrer Ost-Erweiterung in einen weitgehend reichen West- und einen überwiegend armen Ostteil gespalten. Jedoch auch innerhalb der meisten osteuropäischen Staaten hat sich das Armutsproblem verschärft. Von einem gemeinsamen Haus Europa kann bislang keine Rede sein. Die Vorstellung, einzelne prosperierende Zentren würden sich positiv auf die Entwicklung des Umlandes auswirken, hat sich als Illusion erwiesen. Mit zahlreichen Schaubildern, Karten und fundierten Analysen beleuchten namhafte Autorinnen und Autoren die sozialpolitischen Herausforderungen. Es wird deutlich, dass Armut nur dann nachhaltig bekämpft werden kann, wenn die soziale Integration Europas vorangetrieben wird. Denn eine neue europäische Arbeitsteilung nutzt das West-Ost-Gefälle von Arbeits- und Sozialstandards. Sie setzt damit zugleich die Arbeits- und Sozialverfassungen in den alten EUMitgliedsländern unter Druck. Nach Ansicht der 35 kirchlichen Herausgeber des Jahrbuchs Gerechtigkeit IV sind für eine Überwindung der neuen Spaltung zwischen Ost und West integrationspolitische Initiativen zur Armutsbekämpfung notwenig. Das europäische Recht muss demnach um sozialpolitische Standards erweitert werden. Dabei spiegeln die Beiträge auch die unterschiedlichen geschichtlichen Erfahrungen der Mitwirkenden in neuen und alten EU-Mitgliedsländern wider. Martin Schwarz Hinweise auf aktuelle KDA-Broschüren finden Sie auf S. 22.

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Mit dem Schiff Bad Boll die Denkblockade überwinden An Gesprächen mit allen Konfliktparteien im Nahostkonflikt führt kein Weg vorbei Die in Kooperation mit Pax Christi geplante Tagung »Partner für den Frieden – Mit Hamas und Fatah reden« (11.-13. Juni) war schon im Vorfeld zum Gegenstand einer heftigen Kontroverse geworden. Den Veranstaltern wurde vorgeworfen, einen Referenten eingeladen zu haben, der im Blick auf

Demonstration im Ort Bad Boll gegen die Tagung in der Evangelischen Akademie

Israel extremistische Positionen vertrete und sie wurden aufgefordert, die Tagung abzusagen. Alle Referierenden, samt dreier Bundestagsabgeordneter von CDU, SPD und FDP, ließen sich nicht von einer Teilnahme abhalten. Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter aus Jena, das eine Städtepartnerschaft mit der palästinensischen Stadt Beit Jala pflegt, sagte zu Beginn der Tagung: »Ich bin hier, um mit dem Schiff Bad Boll die Denkblockade nach Gaza zu durchbrechen.« Im Rückblick waren die Veranstalter froh, dass sie sich von den Drohungen und Beschimpfungen schlimmster Art nicht haben beeindrucken lassen. Es kam Anerkennung und Dank für den Mut, dieses heiße Thema anzufassen. Das Renomée der Evangelischen Akademie Bad Boll als Brücke und Vordenkerin wurde bestätigt. Bestätigung kam im Nachhinein aber auch vom neuen Präsidenten des Lutherischen Weltbundes Munib Younan, der im Juli in seiner Rede in Bezug auf den Konflikt sagte: »... wenn man den Dialog mit dem ›Feind‹ ausschließt, dann wird sich der Konflikt wahrscheinlich durch Gewalt ausdrücken«.

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»Wir sollten bei Kontakten und Dialogen grundsätzlich von Verboten, ideologischen Sichtweisen und Ausgrenzungen Abstand nehmen«, erklärte Dr. Muriel Asseburg, Leiterin der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika, Stiftung Politik und Wissenschaft, Berlin, in Bezug auf das deutsche und europäische Engagement im Nahostkonflikt bei der Tagung mit knapp 200 Teilnehmenden in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Es bestand Konsens über die Notwendigkeit der Einbeziehung aller Konfliktparteien, also auch der Hamas. Bedauert wurde, dass die Teilnahme des eingeladenen Gesundheitsministers aus Gaza, Basem Naim, durch ein Einreiseverbot der Bundesregierung verhindert wurde und damit nur zwei Stimmen aus Nahost, eine israelische und ein Al Fatah-Vertreter zu Wort kamen. Avraham Burg, ehemaliger Sprecher der Knesset, wies darauf hin, dass die Oslo-Verhandlungen 1993/95 von beiden Völkern noch zu 75 Prozent unterstützt worden sind, und dass die israelischen Regierungen viele Gelegenheiten, Frieden zu machen, verpasst hätten. Einen Grund sieht er in den Traumata beider Völker – für die Israelis der Holocaust, für die Palästinenser Flucht und Vertreibung von 1947/48 (Nakba). Um zu einer Versöhnung zu kommen, müsse jede Seite erst einmal bereit sein, die Geschichte und das Trauma der anderen Seite zu verstehen und zu akzeptieren. Als Kräfte, die in Israel am stärksten gegen eine Einigung sind, nennt er die Siedler. »Sie lehnen eine Zweistaatenlösung ab und träumen von einem Großisrael vom Jordan bis zum Mittelmeer.« Parallel zu ihnen sieht er die Position der Fundamentalisten von Hamas. Eine wichtige Rolle sieht Burg in der Zivilgesellschaft: »Das ist der Akteur, der reagieren kann, wenn die

Avraham Burg, ehemaliger Knesset-Sprecher

Politik versagt.« Burg beteiligt sich selbst wöchentlich an einer Demonstration von Israelis und Palästinensern gegen Hauszerstörungen im Ostjerusalemer Stadtteil Scheikh Jarrah. Abdallah Frangi, Berater von Präsident Abbas für internationale Angelegenheiten, erläuterte, dass man an einer Aufhebung der palästinensischen Spaltung in Fatah und Hamas arbeite. Er sagte: »Nur wenn die Palästinenser

Abdullah Frangi, Berater von Präsident Abbas

mit einer Stimme sprechen, werden sie Erfolg haben. Wenn sich die Hamas in die PLO eingliedert, ist eine Lösung in Sicht.« Die PLO sei weltweit anerkannt als legitime Vertretung der Palästinenser und habe den Staat Israel in den Grenzen vom 4. Juni 1967 (UN-Resolution 242) anerkannt. Ferner betonte Frangi, dass die Blockade von Gaza beendet werden müsse und die Kontrolle der Grenzen nicht weiter in israelischer Hand liegen dürfe. Der Bundestagsabgeordnete Harald Leibrecht, FDP, hatte sich im Vorfeld für ein Visum für Basem Naim aus Gaza bemüht. Auf der Tagung betonte er, dass es wesentlich sei, »mit allen

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was kommt ... Kräften zu sprechen, auch mit führenden Vertretern der Hamas – offiziell und inoffiziell.« Sein Kollege von der CDU/CSU, Michael Hennrich, der zur Parlamentariergruppe für die arabische Welt gehört, sagte zum Wahlsieg der Hamas 2006 und der Nichtanerkennung der Hamas als gewählte Regierung durch die USA und Europa: »Nach den Wahlen von 2006 hätte man der Hamas ein Zeitfenster einräumen müssen, zumal auch innerhalb dieser Organisation über die Ausrichtung der zukünftigen Politik kontrovers diskutiert wurde.« Auf die Frage, ob mit Hamas-Vertretern gesprochen werden könne, antwortete Rainer Arnold, SPD-Abgeordneter aus Nürtingen: »Natürlich muss man auch mit den Feinden reden.« Arnold hatte selbst nach den Wahlen 2006 auch mit Abgeordneten der Hamas gesprochen. Nach seiner Einschätzung wird die Isolierung der Hamas durch die europäische Politik bereits aufgeweicht. Zur Gaza-Blockade meinte er: »Es ist inakzeptabel, 1,5 Millionen Menschen in Gaza in Sippenhaft zu halten.« Die Wissenschaftlerin Dr. Asseburg betonte hierzu, dass eine Beendigung der Blockade, die vier Jahre ignoriert wurde, jetzt das Wichtigste sei. »Eine Lockerung der Blockade ist keine Lösung für das Problem. Es muss jetzt vielmehr darum gehen, auf die Aufhebung der Blockade des Gaza-Streifens hinzuwirken.« Im Weiteren sagte sie: »Es geht darum, im Gazastreifen einen umfassenden Wiederaufbau zu ermöglichen, die Bevölkerung aus der Abhängigkeit und Isolation zu befreien und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.« Dies ist nach Asseburgs Einschätzung allerdings nur sinnvoll, wenn zweckgerichtet und offiziell mit der de-facto-Regierung in Gaza kommuniziert wird. Die immer noch geltende Kontaktsperre würde den Deutschen die Chance nehmen, den Akteur besser zu verstehen und auszuloten, inwiefern pragmatische Kooperationen möglich sind. Martina Waiblinger s. a. Onlinedokumente, S. 6 und Buchtipp S. 22

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Was kommt? Tagungen vom 17. September bis 31. Dezember 2010 Kirche und Wirtschaft im Gespräch: Zukunftsfähige Mobilität in der Region Stuttgart – liegt in der Elektromobilität die ganze Hoffnung? 17. September 2010 Stuttgart, Schlosskirche, 17:00 - 19:00 Uhr Als Menschen und auch als Kirche in der vom Automobil geprägten Region Stuttgart müssen wir über die Visio-

nen und die Auswirkungen eines Strukturwandels diskutieren, der mit einer veränderten Mobilität und mit veränderten Technologien verbunden sein muss. Tagungsnummer: 950610 Tagungsleitung: Esther Kuhn-Luz Infos: Simon Lademann, Tel. (0711) 2068-261, Fax 2068-262 simon.lademann@ev-akademie-boll.de

»schattenboxen« Zeichnungen von Peter Riek Vernissage und Ausstellung 19. September 2010, Bad Boll Tagungsnummer: 936210 Tagungsleitung: Susanne Wolf Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342 brigitte.engert@ev-akademie-boll.de

»Matching« in der Krise Perspektiven auf dem Ausbildungsmarkt für chancenarme Jugendliche 23.-24. September 2010, Bad Boll Die Finanz- und Wirtschaftskrise verengt den Rahmen: Ausbildungsplätze sind knapp, es gibt Gewinner und Verlierer. Jugendliche mit schlechten

Startchancen brauchen Unterstützung. Ziel wirkungsvoller Förderung ist eine gute Passung zwischen den individuellen Möglichkeiten, den Ausbildungsangeboten und wirtschaftlichen Erfordernissen. Welche neuen Entwicklungen und Perspektiven zeichnen sich ab? Tagungsnummer: 311910 Tagungsleitung: Gerald Büchsel Infos: Andrea Titzmann, Tel. (07164) 79-307, Fax 79-5307 andrea.titzmann@ev-akademie-boll.de

Der Exodus der »Gebrochenen« Die Religionen in Indien und die Befreiung der Dalits 24.-26. September 2010, Bad Boll Die bedrückende Situation der »unberührbaren« Dalits in Indien kann nicht länger ignoriert werden. Ihre Diskriminierung hat auch religiöse Wurzeln. Viele wenden sich Buddhismus und Christentum zu, andere besinnen sich auf eine eigene Spiritualität. Welche Ansätze befreiender Religiosität überwinden jahrhundertealte Unterdrückung? Welche Rolle spielen die Religionen für eine gerechte Entwicklung? Tagungsnummer: 641010 Tagungsleitung: Wolfgang Wagner, Walter Hahn, Lutz Drescher Infos: Irmgard Metzger, Tel. (07164) 79-347, Fax 79-5347 irmgard.metzger@ev-akademie-boll.de www.ev-akademie-boll.de/tagungen/ details/641010.pdf

Flucht und Migration durch Klimawandel Eine globale Herausforderung 24.-26. September 2010, Bad Boll Klimakriege, die völkerrechtliche Stellung von »Klimaflüchtlingen«, Auswirkungen des Klimawandels: Zu diesen Themen sollen politische Forderungen und Vorschläge für politische Akteurinnen und Akteure sowie für Nichtregierungsorganisationen formuliert werden. Das Ziel der Tagung ist, Kriterien für einen menschenwürdigen Umgang mit »Klimaflüchtlingen« und zu ihrem Schutz zu entwickeln. Tagungsnummer: 430610 Tagungsleitung: Dr. Manfred Budzinski, Ulrike Duchrow, Bernd Mesovic, Annette Stepputat, Sophia Wirsching

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was kommt ... Infos: Reinhard Becker, Tel. (07164) 79-217, Fax 79-5217 reinhard.becker@ev-akademie-boll.de

So macht Lernen Spaß Schätze der Schulentwicklung – Eine Veranstaltungsreihe 30. September 2010, Bad Boll Es fehlt nicht an Anregungen: Preisgekrönte Schulen, Unterrichtseinheiten, überzeugende Vordenker. In dieser Reihe können Sie mit anderen engagierten Pädagog/innen in Austausch treten. Der Ansatzpunkt ist: »Was ist alltäglich machbar?« (Weiterer Termin: 26.11.2010) Tagungsnummer: 502010 Tagungsleitung: Dr. Thilo Fitzner Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342 brigitte.engert@ev-akademie-boll.de www.ev-akademie-boll.de/tagungen/ details/502010.pdf

Sri Lanka: Die neuesten Entwicklungen – Wie steht es um Rechtsstaatlichkeit und Demokratie? 1.-3. Oktober 2010, Bad Boll Die Verletzung der Minderheitenrechte war Auslöser für den 30 Jahre andauernden Bürgerkrieg in Sri Lanka. Gibt es heute eine politische Lösung für diese Frage? Viele demokratische Rechte wurden mit Hinweis auf den Krieg zerschlagen. Wie steht es jetzt um die Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten, Meinungsfreiheit, Medienfreiheit und die unbehinderte Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen? Tagungsnummer: 430710 Tagungsleitung: Dr. Manfred Budzinski, Hedwig Held, Ranjith Lochbihler Infos: Gabriele Barnhill, Tel. (07164) 79-233, Fax 79-5233 gabriele.barnhill@ev-akademie-boll.de

Mitmachen Ehrensache Fit fürs Botschafteramt 1.-3. Oktober 2010, Bad Boll Die Aktion »Mitmachen Ehrensache« und die Evangelische Akademie Bad Boll laden Schülerinnen und Schüler aus ganz Baden-Württemberg ein, die

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sich als ehrenamtliche Botschafterinnen und Botschafter für diese Initiative an Schulen, bei Arbeitgebern und in den Medien einsetzen wollen. Das Seminar bietet Workshops, in denen öffentliches Auftreten und Kommunikation geübt werden. Tagungsnummer: 360410 Tagungsleitung: Marielisa von Thadden, Gabi Kircher, Sybille Mack Infos: Heidi Weiser, Tel. (07164) 79-204, Fax 79-5204 heidi.weiser@ev-akademie-boll.de

2. Bad Boller Parkinson-Tag 2. Oktober 2010, Bad Boll Mit dem »2. Bad Boller ParkinsonTag« wollen wir Patientinnen und Patienten, ärztliches Personal, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Angehörige miteinander ins Gespräch bringen, zur Zusammenarbeit ermuntern und neue Impulse geben. Und das in einer entspannten Atmosphäre, mit genügend Pausen, einem extra Ruheraum und erfrischenden und aktivierenden Beispielen aus der Praxis. Tagungsnummer: 411110 Tagungsleitung: Dr. Günter Renz Infos: Susanne Heinzmann, Tel. (07164) 79-212, Fax 79-5212

phase in Beziehung, Freizeitaktivitäten und Engagement für andere zu erkennen, ist Ziel des Seminars. Tagungsnummer: 210510 Tagungsleitung: Volker Stücklen, Margit Metzger Infos: Ingrid Brokelmann, Tel. (07131) 982330, Fax 9823323 ingrid.brokelmann@ev-akademie-boll.de

Körper und Kult Leibfreundlichkeit in Buddhismus und Christentum 8.-10. Oktober 2010, Bad Boll Körperkult füllt Lifestyle-Magazine und Talkshows. Viele erkranken aber, weil sie ihren Körper ablehnen. Für Christen ist ihr Körper ein »Tempel des Heiligen Geistes«, Buddhisten betrachten den menschlichen Körper trotz seiner Vergänglichkeit als kostbares Instrument zur Verwirklichung der Erleuchtung. Was können beide Religionen zur Gesundung von Körper und Geist beitragen? Tagungsnummer: 641110 Tagungsleitung: Wolfgang Wagner, Klaus W. Hälbig, Vajramala S. Thielow Infos: Irmgard Metzger, Tel. (07164) 79-347, Fax 79-5347 irmgard.metzger@ev-akademie-boll.de

susanne.heinzmann@ev-akademie-boll.de

Verantwortungsbewusstes Führen und Entscheiden. Selbst- und Zeitmanagement im Berufs- und Privatleben 4.-6. Oktober 2010, Bad Boll Praktische Ethik für Menschen in Entscheidungssituationen. Dieses Modell wird eingeübt und es wird gezeigt, wie es sich konkret anwenden lässt. Tagungsnummer: 450710 Tagungsleitung: Dr. Irmgard Ehlers Infos: Wilma Hilsch, Tel. (07164) 79-232, Fax 79-5232 wilma.hilsch@ev-akademie-boll.de Abschied von der Erwerbsarbeit Aufbruch ins Morgen – Weichen stellen 6.-9. Oktober 2010, Bad Boll, s. a. S. 19 Altersteilzeit, Vorruhe- und Ruhestand sind mit dem Abschied aus vielen Rollen und Beziehungen verbunden. Den Abschied ernst zu nehmen und die Chancen der neuen Lebens-

Demokratie 2.0 – Freiräume für Engagement im Web 2.0 9. Oktober 2010, Bad Boll Ungehinderter Zugang zum Netz, freier Austausch von Wissen und Informationen, neue Inhalte durch Kooperation: Trotz Ökonomisierung durch Konzerne und staatliche Eingriffe verbindet sich mit dem Web 2.0 die Vision neuer Möglichkeiten für bürgerschaftliches Engagement, für geteiltes und dadurch vermehrtes Wissen. Tagungsnummer: 531710 Tagungsleitung: Susanne Wolf Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342 brigitte.engert@ev-akademie-boll.de

Menschenrecht auf Teilhabe Zwischen Marginalisierung und Inklusionsanspruch 14.-15. Oktober 2010, Bad Boll Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung

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was kommt ... bewirkt Fortschritte im Bereich von Inklusion und Teilhabe. Die Tagung reflektiert die Problematik der faktischen Ausgrenzung, die Stärken und Schwächen des Diversity-Konzepts und fragt in einer Gesprächsrunde: Wie viel Sonderwelt muss sein? Tagungsnummer: 410710 Tagungsleitung: Dr. Günter Renz, Christa Engelhardt Infos: Susanne Heinzmann, Tel. (07164) 79-212, Fax 79-5212 susanne.heinzmann@ev-akademie-boll.de

Solidarisch handeln – solidarisch wirtschaften 15.-16. Oktober 2010, Bad Boll Wenn jeder nach seinem eigenen Vorteil schaut, kommt das allen zu Gute, meinte einst der Nationalökonom Adam Smith. Doch mit der Finanzund Wirtschaftskrise steht die Zukunftsfähigkeit dieser Idee erneut in Frage. Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit plädieren Kirchen und Gewerkschaften. Wo gibt es Beispiele solidarischen Handelns und genossenschaftlichen Wirtschaftens? Tagungsnummer: 270610 Tagungsleitung: Jens Junginger, Reinhard Hauff, Bernhard Franke Infos: Petra Randecker, Tel. (07121) 161771, Fax 411455 petra.randecker@ev-akademie-boll.de

Die Zukunftsfähigkeit von Russland und Deutschland. Perspektiven einer kooperativen klimaverträglichen Energie- und Industriepolitik 15.-17. Oktober 2010, Bad Boll Die 3. Bad Boller Russland-Deutschland-Konferenz fragt nach den Chancen einer nachhaltigen Entwicklung bei der Energienutzung. Thematisiert werden die knapper werdenden Ressourcen, die Möglichkeiten beim Energie-Sparen, die Nutzung erneuerbarer Energiepotenziale in beiden Ländern sowie Perspektiven möglicher Kooperationen. Tagungsnummer: 520710 Tagungsleitung: Kathinka Kaden Infos: Gabriele Barnhill, Tel. (07164) 79-233, Fax 79-5233 gabriele.barnhill@ev-akademie-boll.de

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Veränderung der Bindung in unterschiedlichen Entwicklungsstufen Tagung für Adoptiveltern 16.-17. Oktober 2010, Bad Boll Adoptivfamilien leben mit einer besonderen Dynamik. Die Tagung will Wege zu sicherer Bindung aufzeigen und dabei helfen, Potenziale der Bindungsfähigkeit immer wieder aufs Neue zu stärken. Wir fragen, wie seelische Widerstandskraft (Resilienz) gefördert werden kann und wie sich in den verschiedenen Alters- und Entwicklungsstufen Bindung anders gestalten lässt. Tagungsnummer: 400310 Tagungsleitung: Christa Engelhardt, Ilse Ostertag Infos: Erika Beckert, Tel. (07164) 79-211, Fax 79-5211

heit zum Erfahrungsaustausch. Tagungsnummer: 250310 Tagungsleitung: Esther Kuhn-Luz, Christa Engelhardt Infos: Simon Lademann (KDA), Tel. (0711) 2068-261, Fax 2068-262 simon.lademann@ev-akademie-boll.de

Entwicklung neu denken Die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit 22.-24. Oktober 2010, Bad Boll Nach fünf Dekaden der Entwicklungszusammenarbeit wächst das Unbehagen an der »Entwicklung«. Die Tagung stellt die bisherigen Leitbilder auf den Prüfstand. Wie können notwendige

erika.beckert@ev-akademie-boll.de

Beteiligung neu denken: Das unterschätzte Wissen der Vielen – Jugendliche in freiwilligen Diensten 18.-19. Oktober 2010, Bad Boll Freiwilligendienste werden vielfältiger, die Zivildienstzeiten kürzer, das Personal in sozialen und öffentlichen Einrichtungen weniger und älter. Wir brauchen den Blickwinkel und das Wissen junger Menschen. Wie gelingt ihre Einbindung und damit Modernisierung? Diskutiert werden innovative Zugänge und handhabbare Verfahren zur Partizipation junger Menschen in freiwilligen Diensten. Tagungsnummer: 330210 Tagungsleitung: Sigrid Schöttle Infos: Ilse Jauß, Tel. (07164) 79-229, Fax 79-5229 ilse.jauss@ev-akademie-boll.de

All inclusive Inklusion als Leitbild für die Arbeit der Schwerbehinderten-Vertretung 20.-22. Oktober 2010, Bad Boll Seit März 2009 gilt die UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen auch in Deutschland. Das Leitbild der Inklusion muss nun in allen Arbeits- und Lebensbereichen umgesetzt werden, so dass Menschen mit verschiedenen Qualifikationen angemessene Unterstützung und Förderung erhalten. Die Tagung bietet Impulse für Schwerbehindertenvertretungen und Gelegen-

Veränderungen auf den Weg gebracht werden? Welche neuen Konzepte kommen zum Verständnis und zur Gestaltung sozialen Wandels in den Blick? Tagungsnummer: 641310 Tagungsleitung: Wolfgang Wagner, Dr. Klaus Seitz Infos: Irmgard Metzger, Tel. (07164) 79-347, Fax 79-5347 irmgard.metzger@ev-akademie-boll.de

Der Streit ums Netz Warum sich Verleger und öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Internet verbünden sollten 22.-24. Oktober 2010, Bad Boll Früher galt: Presse und Rundfunk ergänzen sich ideal. Heute konkurrieren sie um die Aufmerksamkeit im Netz, das als Medium für Information, Bildung und Kommunikation immer wichtiger wird. Umstritten ist die Finanzierung der Angebote. Wie verändert sich die Qualität des Journalismus? Lässt sich der Streit zwischen Verlegern und öffentlich-rechtlichem Rundfunk (wieder) in einen konstruktiven Wettbewerb verwandeln?

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vorschau Tagungsnummer: 530610 Tagungsleitung: Susanne Wolf Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342 brigitte.engert@ev-akademie-boll.de

Berufsrisiko aktuell: Ausgebrannt und schikaniert – Gesundheitsprävention im Betrieb gegen Burnout und Mobbing 26.-28. Oktober 2010, Löwenstein Die Krankheitstage sind im Bundesdurchschnitt auf dem Tiefpunkt. Doch im Bereich der psychischen Erkrankungen gibt es zweistellige Zuwächse. Da ist Prävention angesagt. Die Arbeitnehmervertretungen sind gefordert, die Gesundheitsprävention stärker in den Blick zu nehmen. Die Tagung bietet Konzepte und Anregungen zur Umsetzung im Arbeitsalltag. Tagungsnummer: 211010 Tagungsleitung: Volker Stücklen, Josef Krebs Infos: Ingrid Brokelmann, Tel. (07131) 982330, Fax 9823323

hungsrahmen aus, der Zusammenleben im Nahraum regelt, Aufwachsen sichert und Orientierung bietet? Familie als Konstrukt muss angesichts der Vervielfältigung von Lebensformen kritisch beleuchtet werden in den Auswirkungen z. B. im Familien-, Steuer- und Sozialrecht, aber auch hinsichtlich Bildung, Erziehung und Betreuung. Tagungsnummer: 311110 Tagungsleitung: Gerald Büchsel, Kathinka Kaden Infos: Andrea Titzmann, Tel. (07164) 79-307, Fax 79-5307

ingrid.brokelmann@ev-akademie-boll.de

andrea.titzmann@ev-akademie-boll.de

Who's got the profit? German – South African reflections on the World Championship 28.-29. Oktober 2010, Bad Boll Which effects had the World Cup for socio-economic development in South-Africa? How did it influence the German-South African relationship? Experts from South African and German politics, business, NGOs, churches and society evaluate and discuss: What is needed now and for the future? How can a responsible globalisation be shaped? (Die Tagung findet zweisprachig statt.) Tagungsnummer: 270810 Tagungsleitung: Jens Junginger, Prof. Dr. Nico Koopman, Dr. Gotlind Ulshöfer Infos: Petra Randecker, Tel. (07121) 161771, Fax 411455

Kampf in Organisationen Kraftvoll und klug mit Konflikten umgehen 5.-6. November 2010, Bad Boll Durch den Einsatz handlungs- und erfahrungsorientierter Lernmethoden aus der japanischen Bewegungskunst »Aikido« werden Konflikte nicht nur reflektiert, sondern persönlich erlebbar gemacht. Dadurch wird die persönliche Konfliktfähigkeit der Teilnehmenden systematisch gefordert und gefördert. Darüber hinaus wird auf der Basis der Aikido-Prinzipien das Führen von Konfliktgesprächen anhand konkreter persönlicher Konfliktfälle in Rollenspielen trainiert, um auf diese Weise den Transfer in den beruflichen Alltag zu gewährleisten. Tagungsnummer: 946110 Tagungsleitung: Susanne Meyder-Nolte Infos: Sybille Kehrer, Tel. (07164) 79-225, Fax 79-5225

petra.randecker@ev-akademie-boll.de

Familie Familienbilder in Politik, Wirtschaft, Justiz und Gesellschaft 29.-31. Oktober 2010, Bad Boll Familie hat an Selbstverständlichkeit verloren. Wie sieht heute ein Bezie-

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sybille.kehrer@ev-akademie-boll.de

Was es bedeutet, gesund zu sein Auf dem Weg zu einem neuen Selbstverständnis der Medizin 5.-7. November 2010, Bad Boll

Ein Gesundheitswesen, das die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zum Ziel hat, muss viel stärker die Bedingungen von Gesundheit in den Blick nehmen: gute Arbeitsbedingungen, Chancen für ein sinnerfülltes Leben, Bewegung, Ernährung. Die Tagung zeigt die Potenziale eines Gesundheitswesens auf, das diesen Namen zu Recht trägt. Tagungsnummer: 411010 Tagungsleitung: Dr. Günter Renz Infos: Susanne Heinzmann, Tel. (07164) 79-212, Fax 79-5212 susanne.heinzmann@ev-akademie-boll.de

Gewaltprävention und Religion Verschiedenheit als Chance für soziales und persönliches Lernen 8.-9. November 2010, Bad Boll Ein Migrationshintergrund gilt in der Gewaltprävention meist als Risikofaktor, was umgekehrt ein Zeichen der Unsicherheit im Umgang mit Fremdheit sein mag. Die deutsche Einwanderungsgesellschaft ist noch ungeübt im Umgang mit religiöser und kultureller Vielfalt. Sind die darin begründeten Werthaltungen Kitt oder Sprengstoff? Was verändert sich durch die Einführung des islamischen Religionsunterrichts? Tagungsnummer: 311010 Tagungsleitung: Gerald Büchsel Infos: Andrea Titzmann, Tel. (07164) 79-307, Fax 79-5307 andrea.titzmann@ev-akademie-boll.de

Spiritualität im Kampf um Gerechtigkeit in Lateinamerika Befreiungstheologie und Ökonomie in Zeiten der Globalisierung 12.-14. November 2010, Bad Boll Das neoliberale Wirtschaftsmodell produziert neue Armut in Lateinamerika: Landflucht, zerstörte Biodiversität und Vertreibungen sind einige der Übel, gegen die südamerikanische Kirchen kämpfen müssen. Das aktuelle »Jahrbuch 2010« des Evangelischen Missionswerks in Deutschland (EMW) bietet dazu Informationen, die in dieser Tagung mit einigen Autoren diskutiert werden. Tagungsnummer: 640210 Tagungsleitung: Wolfgang Wagner, Dr. Verena Grüter

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was kommt ... Infos: Irmgard Metzger, Tel. (07164) 79-347, Fax 79-5347

Infos: Ingrid Brokelmann, Tel. (07131) 982330, Fax 9823323

irmgard.metzger@ev-akademie-boll.de

ingrid.brokelmann@ev-akademie-boll.de

Lichtblicke in die Zukunft 13. Architektentag 15. November 2010, Bad Boll Viele, zum Teil denkmalgeschützte Gebäude der Evangelischen Landeskirche in Württemberg müssen saniert werden. Welche nachhaltigen Konzepte sich trotz knapper Haushaltsmittel bei Beleuchtung und Heizung als zukunftsfähig erweisen, versucht die Tagung mit interessanten Beiträgen und anhand praktischer Beispiele zu klären. Tagungsnummer: 610310 Tagungsleitung: Jobst Kraus Infos: Romona Böld, Tel. (07164) 79-270, Fax 79-5270

Bildung eröffnet Chancen Auch für Kinder mit Migrationsgeschichte? 19.-21. November 2010, Bad Boll Im Mittelpunkt der Tagung steht die Schul-, Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation junger Migrantinnen und Migranten. Werden sie von vorhandenen Angeboten erreicht? Besteht für junge Menschen mit Migrationshintergrund echte Chancengleichheit? Brauchen wir neue Handlungsstrategien? Tagungsnummer: 430910 Tagungsleitung: Dr. Manfred Budzinski, Inge Mugler, Dr. Aleka Rapti, Christian Storr Infos: Reinhard Becker, Tel. (07164) 79-217, Fax 79-5217

romona.boeld@ev-akademie-boll.de

Boller Bußtag der Künste Arbeiten von Saskia Schultz 17. November 2010, Bad Boll Siehe Seite 8 Justiz im Spannungsfeld von Ökonomie, Staat und Medien. Weiterentwicklung der Rechtspflege unter europäischen Bedingungen 17.-19. November 2010, Bad Boll Die Medien sorgen für hohe Erwartungen an die Justiz. Sie soll für Rechtsgewährung und Rechtssicherheit sorgen. Einsparwillen oder -zwänge haben aber bewirkt, dass die Gerichtsbarkeit zunehmend unter ökonomischen Aspekten betrachtet wird. Rechtsprechung und Rechtspflege drohen immer mehr nach Euro oder im Minutentakt bemessen zu werden. Wohin führt die Ökonomisierung der Rechtspflege? Tagungsnummer: 520910 Tagungsleitung: Kathinka Kaden Infos: Gabriele Barnhill, Tel. (07164) 79-233, Fax 79-5233 gabriele.barnhill@ev-akademie-boll.de

Abschied von der Erwerbsarbeit Text s. S. 16, 6.-9.10.2010 17.-20. November 2010, Bad Boll Tagungsnummer: 210610 Tagungsleitung: Volker Stücklen, Christiane Gschwend-Lubach

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reinhard.becker@ev-akademie-boll.de www.ev-akademie-boll.de/tagungen/ details/430910.pdf

Zukunft auf zwei Rädern? 20.-23. November 2010, Bad Boll Das Fahrrad berührt viele Aspekte einer zukunftsorientierten Politik der Nachhaltigkeit: Straßenplanung, Energieversorgung, Industrie und Arbeitsplätze, intelligente Verkehrssysteme, Lokalpolitik, nachhaltige Bildung in der Schule und die damit verbundene Elternarbeit. Zu der »Fahrrad-Tagung« sind politisch Engagierte, Verbände und die Fahrradindustrie eingeladen. Tagungsnummer: 501510 Tagungsleitung: Dr. Thilo Fitzner Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342

den Köpfen, Herzen und Systemen? Welche Visionen gibt es und wie lassen sie sich »erden«? Tagungsnummer: 270410 Tagungsleitung: Jens Junginger, Esther Kuhn-Luz, Martin Huhn, Christoph Katz Infos: Petra Randecker, Tel. (07121) 161771, Fax 411455 petra.randecker@ev-akademie-boll.de

Progressives Judentum in Deutschland – Eine sich entwickelnde dynamisch-lebendige Religion 26.-28. November 2010, Bad Boll Die Wurzeln des Progressiven Judentums liegen in Deutschland. Rabbiner Abraham Geiger begründete 1870 die Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Was durch die Nazis zerstört wurde, blühte vor allem in den USA auf. Progressive Juden in Deutschland gründen jetzt wieder eigene Gemeinden, engagieren sich vor allem in ethischen Fragen und beteiligen sich an interreligiösen Dialogen. Tagungsnummer: 641510 Tagungsleitung: Wolfgang Wagner, Dr. Michael Volkmann Infos: Irmgard Metzger, Tel. (07164) 79-347, Fax 79-5347 irmgard.metzger@ev-akademie-boll.de

Manchmal brauchst du einen Engel Adventliche Tage für jedes Alter 26.-28. November 2010, Bad Boll Wir machen uns auf die Spurensuche der Engelsgeschichte. Tagungsnummer: 210810 Tagungsleitung: Volker Stücklen, Ines Römpp Infos: Ingrid Brokelmann, Tel. (07131) 982330, Fax 9823323

brigitte.engert@ev-akademie-boll.de

ingrid.brokelmann@ev-akademie-boll.de

Wind of Change Auf dem Weg zu einem zukunfsfähigen Wirtschaften, Arbeiten und Zusammenleben 25.-26. November 2010, Bad Boll Klimaveränderung, globalisierte Finanzmärkte, ständiges Wachstum: So kann es nicht weitergehen! Auf der Tagung werden die Fragen aufgeworfen: Was sind Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für ein zufriedenes, gerechtes Leben auf unserem Globus? Was muss sich ändern in

Musizieren und philosophieren – die heilende Kraft der Musik Selbstheilungskräfte aktivieren und neue Lebensqualität finden 26.-28. November 2010, Bad Boll Im Dialog mit unseren eigenen Klängen kann sich die Ursprache der Seele entfalten und unserem innersten Wesen Gehör verschaffen. Darin liegt die heilende Kraft der Musik und ihr philosophischer Zauber. Die Tagung sucht

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was kommt ... – rezept nach der Bedeutung der Musik für ein gelingendes Leben und möchte sich in die Melodie des Lebens einschwingen. Tagungsnummer: 401110 Tagungsleitung: Christa Engelhardt Infos: Erika Beckert, Tel. (07164) 79-211, Fax 79-5211 erika.beckert@ev-akademie-boll.de

Das Anti-Mobbing-Konzept Schätze der Schulentwicklung – Eine Veranstaltungsreihe 26. November 2010, Bad Boll Es fehlt nicht an Anregungen: Preisgekrönte Schulen, Unterrichtseinheiten, überzeugende Vordenker. In dieser Reihe können Sie mit anderen engagierten Pädagog/innen in Austausch treten. Der Ansatzpunkt ist: »Was ist alltäglich machbar?« Tagungsnummer: 502110 Tagungsleitung: Dr. Thilo Fitzner Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342 brigitte.engert@ev-akademie-boll.de www.ev-akademie-boll.de/tagungen/ details/502110.pdf

diesem Zusammenhang mit Bildungspolitik, Migrationsrecht und dem Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen im deutschsprachigen Raum befassen. Tagungsnummer: 361010 Tagungsleitung: Marielisa von Thadden, Klaus Barwig Infos: Heidi Weiser, Tel. (07164) 79-204, Fax 79-5204 heidi.weiser@ev-akademie-boll..de

sybille.kehrer@ev-akademie-boll.de

Migration in Deutschland und Österreich. Sozialarbeit am Beispiel des Ballungsraums Stuttgart 29.11.-3.12.10, Stuttgart-Hohenheim Die Tagung richtet sich an Studierende aus dem Bereich der sozialen Arbeit, die sich mit Migration, und in

brigitte.engert@ev-akademie-boll.de

25 Jahre Bad Boller Lesbentagungen: Blick zurück nach vorn 16.-19. Dezember 2010, Bad Boll Infos: Brigitte Engert, Telefon und E-Mail siehe oben

Vorschau Dezember: Die Kunst des Sterbens 3.-5. Dezember 2010, Bad Boll Infos: Wilma Hilsch, Tel. (07164) 79-232, Fax 79-5232 wilma.hilsch@ev-akademie-boll.de

Selbstheilungskräfte aktivieren und neue Lebensqualität finden. Mit Elementen aus Feldenkrais und Yoga 4.-5. Dezember 2010, Bad Boll Infos: Erika Beckert, Tel. (07164) 79-211, Fax 79-5211 erika.beckert@ev-akademie-boll.de

Good Old Europe. Aktives Altern – Arbeitsbeziehungen und demografischer Wandel 29.-30. November 2010, Bad Boll Belegschaften werden älter. In allen europäischen Ländern stehen Unternehmen, Sozialpartner, Politik und Gesellschaft vor neuen Herausforderungen: Beschäftigungsfähigkeit älterer Menschen, altersgerechte Arbeit, Übergänge von Arbeit in Rente, die Situation älterer Migranten und Migrantinnen. Ein Austausch im europäischen Netzwerk über Erfahrungen, Strategien, Modelle. Tagungsnummer: 240310 Tagungsleitung: Dagmar Bürkardt Infos: Sybille Kehrer, Tel. (07164) 79-225, Fax 79-5225

200 Jahre Synagogenorgel Geachtet und geächtet 15. Dezember 2010, Bad Boll Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342

Die Folgen einer Alkoholfahrt Verkehrssicherheitsstagung 6.-7. Dezember 2010, Bad Boll Infos: Gabriele Barnhill, Tel. (07164) 79-233, Fax 79-5233 gabriele.barnhill@ev-akademie-boll.de

Mit Zielen zum Ziel. Die eigene Vision des Lebens entwickeln und verwirklichen 6.-7. Dezember 2010, Bad Boll Infos: Wilma Hilsch, Tel. (07164) 79-232, Fax 79-5232 wilma.hilsch@ev-akademie-boll.de

Kurdische Kinder und Jugendliche Identitätskrisen, Kulturbrüche und Perspektiven in Kurdistan und Deutschland 10.-12. Dezember 2010, Bad Boll Infos: Reinhard Becker, Tel. (07164) 79-217, Fax 79-5217 reinhard.becker@ev-akademie-boll.de

Reformpädagogik 12.-14. Dezember 2010, Bad Boll Infos: Brigitte Engert, Tel. (07164) 79-342, Fax 79-5342

Feine Blattsalate mit frischen Feigen, Parmesan und fruchtigem Dressing 4 Personen Zutaten geputzt gewogen Zutaten: 200 g feine Blattsalate wie Ruccola, Feldsalat, Radicchio u. a. 75 g Feigenmarmelade (alternativ: Aprikosenmarmelade) 30 gr Senf 6 EL Zitronensaft 3 EL Olivenöl 1 TL Kräutersalz Pfeffer aus der Mühle frisches Basilikum in Streifen Zubereitung: Alle Zutaten für das Dressing mixen. Die Blattsalate kurz vor dem Servieren mit dem Dressing vorsichtig mischen. Auf eine Platte oder Portionsteller verteilen. Feigen in Scheiben schneiden, auflegen. Parmesan hobeln und überstreuen. Der Salat kann als leichtes Abendessen oder als Vorspeise mit Baguette serviert werden und passt natürlich jederzeit auf ein Büffet. Guten Appetit! Ihre Ingrid Hess

brigitte.engert@ev-akademie-boll.de

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aus der akademie

Aus der Akademie

Neu ab September 2010: Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann, Beauftragter für Ethik und Europapolitik der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE, wurde zum 1. September 2010 von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zum Studienleiter für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsethik in der Evangelischen Akademie Bad Boll berufen. Ein Schwerpunkt Heidtmanns wird die Europäische Wirtschafts- und Sozialpolitik sein. Mit Alison Jackson aus England ist er Koordinator des CALLNetzwerkes (CALL = Church Action on Labour and Life), einem europäischen Netzwerk zu Beschäftigungs- und Wirtschaftspolitik. Diese europäische Vernetzung wird er in die Akademiearbeit einbringen. Die Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsverbänden (BdA/BdI) und Zusammenschlüssen in der Wirtschaft wie dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer, der Wirtschaftsgilde oder dem Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik wird ein weiterer Schwerpunkt sein. In Zusammenarbeit mit Unternehmen und Gewerkschaften möchte Dieter Heidtmann sich auch mit dem Thema »Menschenrechte und Wirtschaft« auseinandersetzen. Seit 2004 ist Heidtmann verantwortlich für die Vertretung der GEKE (Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa - Leuenberger Kirchengemeinschaft) in der Kommission Kirche und Gesellschaft der KEK in Brüssel, welche die gemeinsame Stimme der europäischen Kirchen gegenüber den europäischen Institutionen vertritt. Im Rahmen seines KEK-Mandats hat Heidtmann für die Kirchen wichtige Gesetzgebungen der Europäischen SYM 3/2010

Union begleitet, unter anderem den neuen EU-Vertrag, die Dienstleistungsrichtlinie oder die neue EUWirtschaftsstrategie »EU 2020«. Für die GEKE hat er darüber hinaus eine Reihe europäischer Denkschriften betreut, unter anderem zum interkulturellen Dialog und zur Verantwortung der Kirchen gegenüber den Menschenrechten.

Im Ruhestand ab September 2010: Brigitte Furche

Nach über 20 Jahren Akademiearbeit geht Brigitte Furche, Studienleiterin auf einer halben Stelle für Symbole, Werte, Märchen im Bereich Theologie, Kultur und Bildung, Ende August in den Ruhestand. Angefangen hatte sie am 1. Februar 1990 beim Referat Pädagogik im Regionalbüro Heilbronn. Bei ihrer Vorstellung in den »aktuellen gesprächen« steht, dass ihr Schwerpunkt »auf der Entdeckung und Erprobung von Chancen und Schwierigkeiten interkulturellen Lernens« liege und dass sie ihre Doktorarbeit über italienische Volksmärchen geschrieben habe. Beides sind Elemente, die sich wie ein roter Faden durch die vielfältige Tagungsarbeit von Brigitte Furche ziehen. Dazu meint sie: »Mir lag das interkulturelle Lernen immer sehr am Herzen. Eine Antwort auf die Frage, über welche Methoden man andere Kulturen wertschätzen lernen kann, war für mich die Beschäftigung mit Märchen, Mythen und biblischen Geschichten. Über die ihnen zugrunde liegenden Werte können Menschen verschiedener Kulturen ins Gespräch

kommen, sich wahrnehmen und sich gegenseitig bereichern.« In den Tagungen zum Thema »Märchen und Menschenrechte« und Theaterprojekten zu biblischen Themen unter Leitung von Dr. Sénouvo-Agbota Zinsou aus Togo konnte der kreative Umgang mit politischen, ethnischen und religiösen Verschiedenheiten auch in der Praxis erprobt werden. Weil Brigitte Furche auch den Humor als wichtige Methode ansah, erweiterte sie ihr Repertoire mit der Zeit durch den Clown, weil es »durch die Distanz des Clowns und des Humors einfacher ist, die fremden Anteile wertzuschätzen.« Die den ganzen Menschen einbeziehende Auffassung des Politischen kam auch in anderen Tagungsprojekten zum Ausdruck, etwa zu den Autoren Rainer Maria Rilke, Dante Alighieri und Erich Fried sowie die Auseinandersetzung mit Leid im Zusammenhang mit dem biblischen Hiob. Aus dieser Arbeit ist nicht nur eine Reise nach Venedig auf Rilkes Spuren in diesem Jahr erwachsen, es ist auch eine Publikation der edition akademie entstanden: »Aber weil Hier-sein viel ist« – die Dichtung Rainer Maria Rilkes in Tagungen der Evangelischen Akademie Bad Boll 1996–2005. Bezüglich des Tagungsstils wurde für Brigitte Furche im Laufe ihrer Arbeit immer wichtiger, »nicht Referate aneinanderzureihen, sondern in einem offenen und künstlerisch anregenden Rahmen den Teilnehmenden Raum zu bieten, damit sie ihre Erfahrungen einbringen, ihre Schätze ausbreiten und austauschen können.« Und da kamen wirklich viele Schätze ans Licht. Der Abschied von Brigitte Furche fällt um so schwerer, als klar ist, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird und damit eine wichtige Auseinandersetzung nicht mehr stattfinden kann.

Aus der Aufführung mit Dr. SénouvoAgbota Zinsou

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kommentar – bücher – kda-tipps

Neue Publikationen der Akademie edition akademie 28 Traumatherapie und gesellschaftliches Umfeld Hrsg. Dr. Manfred Budzinski 13,00 Euro, Bad Boll, ca. 140 Seiten, ISBN 978-3-936369-36-6 Viele Flüchtlinge leiden an den Folgen von Folter, Krieg und Vertreibung. Therapeutische Begleitung und Interventionen können nur dann Erfolge verbuchen, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen genügend Sicherheit und Stabilität bieten. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll, deren Beiträge der vorliegende Band dokumentiert, richtete die Aufmerksamkeit auf die Fragen: Welche befreiungspsychologischen Ansätze gibt es im Rahmen politischer Traumaarbeit? Inwieweit stellen die Neurowissenschaften bisherige Erkenntnisse über Traumaverarbeitung infrage? Wie ist die Lebenswirklichkeit von Flüchtlingen zu berücksichtigen, um zu verhindern, dass sich der traumatisierende Prozess fortsetzt? Welchen Einfluss haben Fluchtursachen und organisierte Gewalt gegen Flüchtlinge an den Grenzen der EU?

Israel auf die Shoa den Weg in eine friedlichere Zukunft verbaut. Wer sich immer nur als Opfer versteht, hat kein Verständnis für seine Gegner und unterschätzt die Chancen von Verständigung. So erklärt Burg die zunehmende Militarisierung des israelischen Staates und die Blindheit für das Leiden anderer. Das Buch fasziniert weniger durch seine oft gewagten Thesen, sondern vor allem durch die Mischung von Analyse und persönlicher Biografie. So schildert Burg die Politik seines Vaters Josef Burg, der Minister in mehreren Regierungen war. Die Auseinandersetzung mit diesem Vertreter einer nationalreligiösen Partei ist für seinen Lebensweg bestimmend. Der Sohn Avraham hingegen engagiert sich in der israelischen Friedensbewegung »Peace Now!«, war Berater von Shimon Peres, Abgeordneter der Arbeiterpartei und Sprecher der Knesset, des israelischen Parlaments. 2004 zog er sich aus der aktiven Politik zurück. In diesem nicht sehr systematischen Buch, das assoziativ von einem Thema zum nächsten springt, fällt neben den politischen und persönlichen Einsichten die religiöse Frage auf. Burg sucht nach einem Judentum, das sich von der Last der Geschichte befreit und universell statt »genetisch« ausgerichtet ist. Insgesamt bietet Burg einen eindrucksvollen Einblick in innerisraelische Debatten, die wir Deutsche nur mit viel Einfühlungsvermögen und weniger Besserwisserei betrachten sollten. Wolfgang Wagner

Weitere Buchtipps Avraham Burg, »Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss« Campus Verlag, Frankfurt a. M. / New York 2009, 280 S., 22,90 Euro Zahlreicher werden die Menschen, die als Deutsche nicht länger an die Judenvernichtung erinnert werden wollen. Es ist wahrscheinlich, dass Täter und ihre Nachkommen ein kurzes Gedächtnis haben. Diese sollten sich nicht auf dieses Buch berufen. Burg hat Vorfahren, die im Holocaust umgebracht wurden. Gleichwohl meint er, dass die Fixierung des heutigen

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KDA-Tipps Links zu KDA-Aktivitäten »Impulse für Arbeit, Wirtschaft und Kirche« So ist die Broschüre überschrieben, mit der der KDA zu einer Orientierung und zu einer Verständigung über ein »zukunftsfähiges Arbeiten, Wirtschaften und Zusammenleben« einlädt. Mit Themen wie »Verantwortlich wirtschaften«, »Erwerbsarbeit fair teilen«,

»Tätigkeitsgesellschaft«, »Sonntag/ Oasentag«, »Ökonomie des genug«, und »Politik mit dem Einkaufskorb« wird dem/der Leser/in ein sozialethischer Perspektivenwechsel ermöglicht. Das Thema Mobbing wird in einem Gottesdienstentwurf aufgenommen. Situationsbezogene Gebete, Anregungen für die Gestaltung von Betriebsbesuchen und ein Bericht über einen Besuch an die Orte, wo Menschen aus der Gemeinde arbeiten, das bietet das 28 Seiten umfassende handliche Heft. Hinweise auf weiterführende und andere inhaltlich verwandte Institutionen sowie die »10 Gebote für gute Arbeit« runden die Broschüre ab, die mit kurzweiligen Artikeln und eindrücklichen Bildern Anregungen für haupt- und ehrenamtliche kirchliche MitarbeiterInnen sowie für Gesprächspartner aus Wirtschafts- und Arbeitswelt bietet. Arm trotz Arbeit In einer ersten Ausgabe der KDA-Perspektiven wird das Thema der steigenden Zahl von »Working poor« aufgezeigt, reflektiert und aus sozialethischer Sicht bewertet. Das sechsseitige Faltblatt zeigt an Hand von Zahlen, Daten und Fakten die Entwicklung auf und erklärt die Hintergründe. Es kommen die Erfahrungen von prekär Beschäftigten vor und die Sichtweise der Gewerkschaften wird beleuchtet. Ferner werden Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Zukunft der Arbeit. Menschenwürdig, ökologisch, nachhaltig Das 35-seitige, vom KDA/EKD herausgegebene, Materialheft für Gottesdienst und Gemeinde zur Gestaltung eines sozialpolitischen Buß- und Bettages beinhaltet thematische Abhandlungen im Blick auf eine Umkehr zu einer veränderten fairen Arbeitswelt. Es gibt einen Gottesdienstbaukasten mit Predigtvorschlägen, Kurzbeschreibungen biblischer Texte, liturgische Anregungen, eine sozialethische Betrachtung zum »Ganzen der Arbeit« und eine Reihe von good-practiceBeispielen aus Unternehmen über gutes Betriebsklima und nachhaltige Arbeit. Im letzten Teil werden Ideen SYM 3/2010


akademie-geschichte zum Ausstieg aus dem »Hamsterrad«, zur Einübung von Achtsamkeit und zur Bewältigung von Erschöpfungsund Stresssymptomen vorgestellt. An der Erstellung des Heftes haben auch KollegInnen aus dem KDA Württemberg mitgewirkt. Jens Junginger Alle drei Broschüren können bestellt werden bei: KDA Reutlingen, Federnseestr. 4, 72764 Reutlingen, Tel. 07121 / 161771, petra.randecker@ev-akademie-boll.de

Kommentar zu einem Geschenk der Landeskirche Im Zeichen der Elsbeere: worauf darf die Akademie hoffen? Als ein »Zeichen der Hoffnung« wurde der Akademie im Rahmen der Artenschutzaktion der Württembergischen Landeskirche eine Elsbeere geschenkt. Auf einen feierlichen Pflanzungsakt wurde jedoch bisher verzichtet. Zu viel dreht sich derzeit in der Akademie um Kürzungsdebatten und Stellenreduktion. Solch ein seltenes Ge-

wächs lädt in diesem Kontext zu eigenwilligen Assoziationen ein. Diese waren gewiss vom landeskirchlichen Synodalausschuss für Kirche, Gesellschaft und Öffentlichkeit nicht beabsichtigt, als er die Elsbeere der Akademie übertrug. Wer sich näher über die Elsbeere informiert, stellt fest, dass diese über 100 Jahre alt werden kann – vielleicht ist dies symbolisch und als Zeichen der Hoffung für ein langes Leben der Akademie zu verstehen. Joachim Schmid

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Schatten der Vergangenheit Ein SPIEGEL-Artikel streift ein dunkles Kapitel der Akademie-Geschichte Ein Blick in die eigene Geschichte lohnt – auch um Verklärung oder Einseitigkeit zu vermeiden. Daran hat Uwe Walter immer wieder gearbeitet und hat aus dem Archiv der Evangelischen Akademie immer wieder Nachdenkenswertes hervorgeholt. So auch in einem seiner letzten Texte, in dem er eine Facette der Gründerpersönlichkeit Eberhard Müller aufgreift und in den Kontext der Zeitgeschichte stellt. Es lohnt sich, genau hinzuschauen! Von Uwe Walter Zu fokussieren heißt auch auszublenden. Eberhard Müller ist durch sein fürchterlich fehlgeleitetes Engagement für den Kriegsverbrecher Sandberger, seinen leidenschaftlichen Antikommunismus, seinen ungestümen Drang, im Milieu der Adenauerrepublik mitzumischen, nicht umfassend charakterisiert. Aber es sind Mosaiksteine im Bild seiner Persönlichkeit und auch im Geschichtsbild der Akademie, von denen der Spiegel-Artikel nach langer Zeit einmal mehr den Staub des Vergessens fegte. Martin Sandberger war einer der Hauptverantwortlichen für die Massenexekutionen von Juden, Kommunisten, Sinti und Roma im Baltikum. In Italien organisierte er die Deportation der Juden ins KZ Auschwitz. Beim Einsatzgruppen-Prozess in Nürnberg wurde er zum Tode verurteilt, später begnadigt und 1958 aus der Haft entlassen. Danach führte er eine unauffällige Existenz als Geschäftsführer eines schwäbischen Unternehmens. Ende März starb er im Alter von 98 Jahren im Stuttgarter Senioren-Stift Augustinum. Dort hatte ihn Anfang 2010 der Spiegel-Redakteur Walter Mayr ausfindig gemacht und darüber mit gehörigem Enthüllungs-Aplomb berichtet. Eine wirkliche Entdeckung war es nicht: Bis zu seinem Umzug ins Augustinum stand Sandberger mit vollem Namen im Stuttgarter Telefon-

buch. Und dort haben ihn Mitbewohner erkannt. Schon zwei Jahre zuvor berichtete der Tübinger Journalist Hans-Joachim Lang über Sandbergers friedvolle Senioren-Existenz. Im Internet ist auch Sandbergers SS-Biografie recherchierbar: Das Urteil des Nürnberger Gerichts ist da abrufbar, das ihn als Kriegsverbrecher kennzeichnet, der sich »bereitwillig und enthusiastisch« dem Führerbefehl unterworfen habe. In Norbert Freis Standardwerk »Vergangenheitspolitik«, wird das Begnadigungsverfahren Sandbergers minutiös nachgezeichnet. Die Historikerin Ruth Bettina Birn dokumentiert in ihrem Buch »Die Sicherheitspolizei in Estland 1941–1944« ausführlich den aktuellen Kenntnisstand über Sandbergers dortige Verbrechen. Der Verdienst des Spiegel ist, Aufmerksamkeit herzustellen. Der Skandal, an den er rührt, ist nicht, dass Sandberger unentdeckt, sondern dass er von der Justiz unbehelligt blieb. Ein Skandal ist die Vertuschung von NSVerbrechen in den 50er Jahren, die Interesselosigkeit und das mangelnde Geschichtsbewusstsein, das heute bewirkt, was sich Schlussstrich-Befürworter kaum je zu wünschen wagten. So war es auch nicht völlig überraschend, was der Spiegel zu Sandbergers Übergang von der Haft in die bürgerliche Existenz eines Justiziars der Firma Lechler berichtete: »Er fiel weich, ins Nachkriegsdeutschland. Zwei Brüder fingen ihn auf: der Theologe Eberhard Müller, Leiter der

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Eberhard Müller

Martin Sandberger


akademie-geschichte Evangelischen Akademie; und dessen Bruder Bernhard, CDU-Landtagsabgeordneter, später Verbindungsmann der Christkonservativen zur NPD, vor allem aber: Generalbevollmächtigter der Unternehmensgruppe Lechler.« Tatsächlich hatte der Akademie-Gründer Eberhard Müller im Umgang mit ehemaligen Nazis keine Berührungsängste. Zu den von ihm veranstalteten »Soldatentagungen« zu Beginn der 50er Jahre kamen verurteilte Nazi-Aktivisten wie Hans Hagen, der als Führungsoffizier im Wachregiment »Großdeutschland« das »verräterische« Hitlerattentat vom 20. Juli an Propagandaminister Goeb-bels gemeldet hatte. Am Rednerpult in Bad Boll standen General a. D. Adolf Kunzen, ehemals Leiter der Personalabteilung im Reichkriegsministerium, oder Gottfried Griesmayr, weltanschaulicher Schulungsleiter der Reichsführung der HJ. Im Akademiearchiv befindet sich ein Brief Sandbergers an Eberhard Müller. Nach Recherchen des Akademie-Studienleiters Michael Scherrmann stand Müller zu Sandberger schon während dessen Haftzeit in Briefkontakt. Die Akademie-Zeitschrift »aktuelle gespräche« gehörte zur Lektüre des Verurteilten. Einzelne Artikel hat er in Briefen an Müller ausführlich kommentiert. Man kann viel darüber spekulieren, warum sich Müller für ihn einsetzte. Vermutlich hätte er seine Unterstützung als seelsorgerliche Maßnahme, als Hilfe zur Resozialisierung deklariert. Diese Unterschiedslosigkeit lässt sich allerdings nicht belegen. Vielmehr war Müller Mitglied der berüchtigten »Stillen Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte«, die sich der »Opfer der Siegerjustiz« annahm und sich besonders um die zum Tode Verurteilten im Landsberger Kriegsverbrechergefängnis kümmerte. Eberhard Müller und sein Bruder waren nicht die einzigen Fürsprecher Sandbergers. Altbischof Theophil Wurm gehörte zum Gründungsvorstand der »Stillen Hilfe«. Auch der damalige Landesbischof Martin Haug,

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selbst Theodor Heuss und Carlo Schmid intervenierten zu Gunsten Sandbergers. Erkennbar ist jedenfalls: In der schwäbisch-protestantischen Elite jener Jahre, mit der Martin Sandberger gut vernetzt war, herrschte ein Korpsgeist eigener Art: Eine Verlässlichkeit, die über namenlose Verbrechen hinweg für Unterstützung sorgte. Wichtig ist zu verstehen, warum dieses Netzwerk damals so gut funktionierte. Einen Hinweis gibt ein Statement des damaligen Landesbischofs Martin Haug aus dem Jahre 1955, das auch die Presse vielfach zitierte. Auf einer Tagung der Akademie zum Thema »Kirche und Wiederbewaffnung« sagte er: »Der Kommunismus ist ein totalitäres System, das seine Heilslehre über die ganze Welt ausbreiten will ... Man mag es tief bedauern, dass uns keine Zeit bleibt zur Aufarbeitung unserer Vergangenheit, aber wir müssen uns beteiligen an der Aufrichtung eines Dammes gegen die Flut aus dem Osten.« Erst nach der Studentenrebellion der späten 60er Jahre konnte sich die Gesellschaft den Mühen der »Aufarbeitung« zuwenden. Dieser Kulturbruch war – nach der Ära Müller – auch in der Akademie wirksam. Wo sich einst SS-Leute rechtfertigten, sie seien an den Eid auf den Führer gebunden gewesen, standen später Staatsanwälte der Ludwigsburger Behörde am Rednerpult, polnische KZ-Überlebende, wurde über die Vernichtungsaktionen von NS-Ärzten und die Rolle der Justiz im »Dritten Reich« aufgeklärt. – Auch dies gehört zur Geschichte der von Eberhard Müller gegründeten Akademie. Uwe Walter Walter Mayr: Nazi-Verbrecher Sandberger: Blutspur ins Altersheim. Der Spiegel, 14/2010. http//einestages.spiegel.de/ static/topicalbumbackground/6901/1/bluts pur_ins_altersheim.html The Einsatzgruppen. MILITARY TRIBUNAL II, SITTING IN THE PALACE OF JUSTICE, NUREMBERG, GERMANY, Martin Sandberger. www.einsatzgruppenarchives.com /trials/sandberger.html Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die

Anfänge der Bundesrepublik und die NSVergangenheit. 2. Auflage 1997 Ruth Bettina Birn: Die Sicherheitspolizei in Estland 1941–1944. Eine Studie zur Kollaboration im Zweiten Weltkrieg. Ferdinand Schöningh Verlag Paderborn, 2006 Uwe Walter: Welt in Sünde – Welt in Waffen. Der Streit um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und die Evangelische Akademie Bad Boll. Onlinedokumente der Evangelischen Akademie Bad Boll. www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/ res/otg/06-11-Walter.pdf

Impressum SYM Magazin der Evangelischen Akademie Bad Boll 7. Jahrgang 2010, Heft 3/2010 ISSN: 1613-3714 Herausgeber: Evangelische Akademie Bad Boll (Joachim L. Beck) Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Martina Waiblinger Redaktion und Gestaltung: Martina Waiblinger Fotonachweis: Reinhard Becker: S., 5; Wolfgang Brach: S. 12; Brot für die Welt: S. 15; Stefan Brückner: S. 14; Fotolia: S. 11, 18; Uwe Hedrich: S. 5; privat: S. 11, S. 21 (1), S. 25; Pressestelle der Evang. Landeskirche in Württemberg: S. 2; Joe Röttgers: S. 9; Brigitte Scheiffele: S. 4 (1); Selim Sudheimer, Inside-Picture Bildagentur: S. 4; Martina Waiblinger: S. 10, 13, 14 (2), 15, 21 (1); Uwe Walter: S. 10; 21 (1), 23 (1) SYM erscheint vierteljährlich. Bezugspreis: 3,00 € Jahresabonnement: 10,00 € Anschrift des Herausgebers: Evangelische Akademie Bad Boll Akademieweg 11, 73087 Bad Boll Tel. 07164 79-0 E-Mail: info@ev-akademie-boll.de Redaktion: martina.waiblinger@ ev-akademie-boll.de Tel. 07164 79-302 www.ev-akademie-boll.de Das Papier wurde chlorfrei und säurefrei gebleicht. Druckerei: Mediendesign Späth GmbH, 73102 Birenbach SYM 3/2010


meditation

Arm und Reich – Gottgewollt oder von Menschen gemacht? Die Perspektive der Bibel (Auszug) Prof. René Krüger, Neutestamentler aus Buenos Aires hielt während der Sommertagung der Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg (15.-17. Juli 2010) einen Vortrag zum Thema dieser Seite, aus dem wir hier einen kleinen Teil zitieren. Ihnen brauche ich nicht sagen, dass es im weltweiten Wirtschaftssystem kracht. Die Krise ist auch im Norden nicht mehr wegzuleugnen. Die tiefen Risse, die sich jetzt auch quer durch Europa und die USA ziehen und nicht nur wie seit fünfhundert Jahren zwischen der Ersten und Dritten Welt, die fortschreitende soziale Spaltung im armen reichen Deutschland, die kontinuierlichen Eingriffe des Staates, sind genug Anzeichen, dass es nicht um ein paar Fehler im System geht, sondern um eine systemische Krise. In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Armut bis hin zur Verelendung weltweit zugenommen. Es gab zwar in vielen Ländern ein wirtschaftliches Wachstum, aber die Verteilung hat nicht funktioniert. Das war auch überhaupt nicht bezweckt. Das neoliberale, globalisierte Wirtschaftssystem wurde nicht mit dem Ziel einer gerechteren Verteilung der Güter und Dienstleistungen und der Überwindung der Armut entworfen, sondern hatte das Ziel, die Anhäufung des Reichtums zu vergrößern und zu verstärken. Schuld hat eindeutig die Politik, die den neoliberalen Parolen geglaubt und sie aufgenommen hat. Schuld hat auch die Bevölkerung, die die gleichen Programme immer wieder durch ihre Wahl unterstützt hat. Deshalb ist eine breite Bewegung notwendig, die kritische Fragen stellt, Hinweise auf mögliche Lösungen unter allen Akteuren austauscht und auf allen möglichen Ebenen mit der Praxis der Solidarität beginnt. Die Krise ist natürlich auch eine globale Anfrage an unseren Lebensstil. Ein radikales Umdenken und ein einfacher Lebensstil müssen mit der Systemänderung einhergehen. Auch auf dieser

Ebene geht uns die Problematik alle an. Als evangelischer Christ bin ich davon überzeugt, dass ein neuer Lebensstil, eine neue Wirtschaft, ein neues System nicht ohne ein geistliches Fundament auskommen. Was sagt die Bibel zur Wirtschaftsproblematik? Ein Blick in die biblischen Schriften zeigt uns, dass sie zahlreiche Texte zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen enthalten. Wir stellen dabei drei Dinge fest: 1. Die biblischen Texte sehen und behandeln die wirtschaftliche und soziale Problematik immer im Kontext des Verhältnisses von Arm und Reich, Armut und Reichtum. 2. Bei der Behandlung dieser Themen gehen die biblischen Autoren von den schwachen Gliedern der Gesellschaft aus. Also nicht von den Reichen, Satten und Starken; sondern von den Armen, Hungernden, Abhängigen, Kranken und Ausgegrenzten. 3. Die Bibel stellt dieses Grundproblem in den Rahmen einer Entscheidungsfrage, die zugespitzt bei Jesus »Gott dienen« oder »dem Mammon dienen« lautet. Damit sind zwei Wirtschaften aufgezeigt, die des Genug für alle und die der Reichtumsakkumulation für Wenige. Eine Gesellschaft, die in Reich und Arm aufgespalten ist, ist also nicht gottgewollt, sondern von Menschen gemacht. Können die Kirchen in der tiefen Krise überhaupt etwas tun? Das ist höchstwahrscheinlich die Frage, die wir uns alle stellen, wenn wir anfangen, die Dramatik der heutigen Lage zu sehen; und wenn wir von der Bibel so angeredet werden, wie sie es in sozialen und ökonomischen Belangen tut. Das Kleine oder Große, das eine Gemeinde oder eine Kirche tun kann, lässt sich in drei Stichworten festhalten, die ein komplettes Programm beinhalten: Sehen – Urteilen – Handeln. Auf die uns hier interessierende Thematik bezogen, kann das im Klartext heißen:

Die Perspektive der Opfer und Schwachen aufnehmen, die Bibel mit diesen Augen neu lesen, die Problematik der Gegenwart begreifen, Solidarität praktizieren und die prophetische Stimme erheben. An der biblischen Interpretation der Welt aus der Sicht der Schwachen führt kein Weg vorbei. Auf der Seite der Schwachen zu stehen, bleibt um Christi willen auch ein ständiger Maßstab für die Glaubwürdigkeit der christlichen Kirche vor der Welt. Die Aufnahme der biblischen Perspektive der Schwachen vermittelt zudem nicht nur ein besseres Verstehen der Einzeltexte und der gesamten Bibel, sondern zugleich ein Herangehen an die heutige Problematik. Konkret bedeutet das heute: 1. Dass das neoliberale Wirtschaftssystem aus der Sicht der Schwachen und der Opfer radikal hinterfragt werden muss und dass wir an seiner Überwindung zu arbeiten haben. 2. Dass ebenso die an die Grenzen des Planeten stoßende Wachstumsideologie radikal in Frage gestellt werden muss, da die kosmetische Gestaltung der neoliberalen Globalisierung sinnlos ist und bisher überhaupt nichts gebracht hat. 3. Dass der Lebensstil der Reichen und warum nicht auch der Mittelschicht, im Süden wie im Norden, im Westen wie im Osten, hinterfragt werden muss, denn ohne einen einfachen Lebensstil gibt es keine sinnvolle Systemänderung und kein Aufhalten der ökologischen Katastrophe. Alle drei Dimensionen sind eng miteinander verbunden. An ihnen zu arbeiten, auch wenn es vorerst mal kleine Schritte sind, ist durchaus etwas, was wir alle tun können. Prof. René Krüger; der ganze Beitrag mit vielen Beispielen aus der Bibel ist im Internet verfügbar. Siehe S. 6/7


Evangelische Akademie Bad Boll Akademieweg 11 73087 Bad Boll Postvertriebsstück 64670 Entgelt bezahlt

Die Arbeitswelt einer Gemeinde durch die Augen ihres Pfarrers

Matthias Kohler ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Rietheim im Kirchenbezirk Tuttlingen. Weil er die Lebenskontexte der Menschen in der Gemeinde näher kennenlernen wollte, hat er sich auf den Weg gemacht, um die Menschen wahrzunehmen, wo sie arbeiten. Dort hat er sie fotografiert. Zunächst haben sich die Gemeindemitglieder gewundert. Größer war jedoch die Freude: »Ach, Sie interessieren sich für uns?!«, hieß es. Für Matthias Kohler war es eine wichtige Erfahrung. Er hat viel gehört und gelernt: über die Arbeitsinhalte, die große Kompetenz, die Probleme, über den Stolz und die hohe Identifikation der Menschen mit ihrer Arbeit. Den Anstoß zu den Besuchen und zum Fotografieren gab die Bemerkung eines örtlichen Unternehmers, der beim Anblick eines Bildkalenders über die Kirchengemeinde gesagt hatte: »Etwas Wesentliches der Kirchengemeinde haben Sie noch nicht gezeigt – nämlich, wo die Menschen hier arbeiten.«


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Magazin der Evangelischen Akademie Bad Boll

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