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06 4 191314 205505

6/2012 www.visier.de € 5,50 € € € € € €

6,50 6,90 6,50 6,50 6,50 7,10 SEK 78,00 DKK 59,00 HUF 2.195,00

G13142

Über 40 Seiten Tests Revolver-Test:

BleifGreescih2os.0 se

Uberti New Model No. 3 Frontier .44 - 40 Getunt für die Westernfraktion

Über 20 hstest im Vergleic

Erster Praxis-Test: FX Independence: Pump-Luftgewehr aus Schweden

Anno Dunnemals:

SchnellfeuerGewehre beim DSB Die Geschichte einer vergessenen Disziplin ... außerdem im Heft: ■ ■

Balaklawa – Britisches Drama auf der Krim IWA - News, Teil II

Amerikas berühmter Repetierer

Remington 700 Erfolgsstory seit 50 Jahren

Vergleichstest

Praxis-Test

Pardini-Pistolen ■ GT 9-1 in 9 mm Para ■ GT 40 in .40 S & W

Oberland Arms: AR-15 Black Label

Made in Italy: Luxus in Action

Alle Varianten auf dem Schießstand

Die Baureihe 2012


Juni 2012

INHALT

Ein Hauch von Freiheit und Abenteuer 50 Jahre Remington M 700: Der amerikanische Repetierer hat sich in unzähligen Varianten eine weltweite Fangemeinde in Jagd, Sport und Behördeneinsatz erobert. VISIER stellt die erfolgreiche Waffenfamilie vor: ab Seite

Bleifrei, Runde Zwei

48

21 verschiedene Jagdgeschosse aus BleiAlternativen im harten Praxistest: Was sollten sie können, was können sie wirklich?

12 76

„Zählt nicht der Kanonen Zahl, hinein, hinein ins Todestal“ So lautet eine Zeile aus dem Gedicht, das Theodor Fontane frei nach Alfred Tennyson übersetzt hat. Es geht um eine Kavallerieattacke, an deren Umständen sich noch heute die Gemüter entzünden. Garry James erklärt, warum das so ist.

26

In diesem Heft: KURZWAFFEN: Pardini GT 9-1

S. 26

Pardini GT 40

S. 26

Uberti NM M. No. 3 Frontier S. 34 LANGWAFFEN: Remington-Repetierer

ab S. 12

- M 700 ADL - M 700 BDL - M 24 SWS - M 700 VTR - M 700 Police

34 TEST: Italo-Renner von Pardini

TEST: Uberti New Model No.3

Können die teuren Großkaliber-Pistolen GT 9-1 (9 mm Para) und GT 40 (.40 S & W) die VISIER-Rangliste auf den Kopf stellen?

Der „Frontier“ in .44-40 in überarbeiteter Version von Matthias Märklen: technisch modern und dann auf alt getrimmt.

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- M 700 MilSpec ... und viele mehr FX Independence Oberland Arms

S. 22 ab S. 40

- Black Label A4 - Black Label M5 - Black Label M4 - Black Label Commando

VISIER | 6-2012


INHALT

TEST & TECHNIK American Classic

12

Mit dem Repetierer M 700 startete Remington vor 50 Jahren eine wahre Erfolgsstory – hier die spannendsten Kapitel bis heute. Unabhängigkeits-Erklärung

22

NEWS

Die Idee gab’s schon vor Jahren in

Juni 2012

den USA – der Schwede Axelson

Neue Waffen, neues Zubehör:

perfektionierte die Mehrfachpumpe

Der Streifzug durch die Branche.

6

für sein Luftgewehr „Independence“. Änderung des Blickwinkels

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IM FADENKREUZ

RECHT & ORDNUNG

Generalverdacht

... und die Reden zu Protokoll

Test: Giampiero Pardinis edle Großkaliber-Pistolen GT 9-1

Ins Nationale Waffenregister

(9 mm Para) und GT 40 (.40 S & W).

STÄNDIGE RUBRIKEN

darf (fast) jeder mal reinschauen. Neu, aber antik

34 Im Zwiespalt

... und dann auch noch getunt:

103

72

74

Startschuss

3

Leserbriefe

10

Der Uberti-Revolver New Model No. 3

Brauchen Jäger für ihre Langwaffe

VISIER-Service

10

Frontier im Kaliber .44-40.

eine Munitionserwerbsberechtigung?

Impressum

75

Die Anzeige des Monats

85

Anzeigen-Coupon

86

Nach Änderungen in der Produktion

GESCHICHTE & GESCHICHTEN

kamen die Halbautomaten der

Ritt in den Tod

Vertrauen ist gut ...

40

„Black Label“-Baureihe von Ober-

Die Attacke der Leichten Brigade,

land Arms erneut auf den Prüfstand. Bleifrei 2.0

76

Termine

105

VISIER-Shop-Bestellcoupon

107

Vorschau

130

eine traurige, bis heute nachwirkende 48

Erneut mussten Jagdgeschosse „mit ohne Blei“ ihre Tauglichkeit beweisen – diesmal 21 neue Laborierungen.

Episode aus dem Krimkrieg.

VISIER VOR ORT IWA, Teil II Fortsetzung des umfangreichen

FASZINATION WAFFEN

Messeberichts aus Nürnberg: Druckluft- und KK-Waffen

110

Munition

116

Wettkampf auf Zeit eröffneten die

Jagdwaffen

118

Großkaliber-Gewehrschützen des

Messer

124

Der Schnellste gewinnt

60

Mit einem ungewöhnlichen

DSB früher ihre Bundesschießen. Schießen macht Spaß, 2.0 Kein Schießen vor dem 12. Lebens-

68

NAMEN & NACHRICHTEN Spende für Krebshilfe

100

fand eine ungewöhnliche Lösung

Heißes Eisen: HK G 36

101

zur Nachwuchswerbung.

VISIER-Artikel im Download 102

jahr? Ein hessischer Schützenverein

VISIER | 6-2012

Außerhalb der Schweiz gibt es das in VISIER beigefügte Supplement des Schweizer WaffenMagazins nicht am Kiosk, sondern nur im XXLAbo vom Verlag. Näheres auf Seite 107.

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TEST & TECHNIK

American Classic Text: Andreas Wilhelmus Fotos: Michael Schippers, Firmenfotos, VISIER-Archiv

Die Neueste sieht aus wie die erste: Nussbaumschaft mit englischer Fischhaut und Monte-Carlo-Effekt, weißen Zwischenscheiben an Schaft, Pistolengriff und Vorderschaft und einem schlicht brünierten Lauf. Wem diese brandaktuelle Version 12

der Remington-Repetierbüchse Model 700 vorkommt wie ein Relikt aus den 60er Jahren, der liegt genau richtig: Damit begeht das Werk den 50. Jahrestag dieses Modells. Mit der M 700 gelang dem inzwischen ältesten durchgehend im Waffenbau tätigen US-Hersteller ein großer Wurf. Das

System mit seinen unzähligen Ablegern gedieh zu einem wahren Bestseller. Wie Remington mitteilt, hatten bereits 2010 mehr als fünf Millionen dieser Büchsen das Werk in Ilion im US-Bundesstaat New York verlassen. Damit zählt die Remington M 700 zu den weltweit verbreitetsten Repetierern. Die meisten „700er“ dürften jagdlich unterwegs sein. GenauVISIER | 6-2012


American Classic | Remington 700

Vor 50 Jahren kam eine der bislang erfolgreichsten Repetierbüchsen auf den Markt. VISIER verfolgt die Fährte des weltweit verbreiteten Remington Modells 700 von damals bis heute. so schätzen viele Sportschützen Waffen auf Basis der 700er Reihe. Auch bei Polizei- und Militäreinheiten sowie zivilen Sicherheitsunternehmen verrichten solche Waffen ihren Dienst. Das Tuning- und Aftermarket-Teile-Angebot ist inzwischen genauso unüberschaubar wie die Anzahl an Modell- und Kalibervarianten vergangener und noch aktueller M700-GewehVISIER | 6-2012

re. Allein die Preisliste des Remington-Importeurs Helmut Hofmann listet weit über 100 in Deutschland erhältliche Ausführungen auf. Nur diese vorzustellen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Daher richtet sich das Augenmerk im Folgenden auf die Wurzeln und auf einige besonderen Varianten dieses amerikanischen Klassikers.

Die Ahnengalerie des M 700 ist stattlich: Seine direkten Vorläufer hießen Remington Model 721 und Model 722. Sie basierten auf dem M 720, das Anfang der 1940er Jahre das Model 30 ersetzen sollte. Das M 30 wiederum geht auf die Repetierer Lee Enfield Pattern 14 (P/14) zurück. Die aber waren für den Einsatz im I. Weltkrieg konzipiert – für Großbritannien. 13


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TEST & TECHNIK

VISIER | 6-2012


Änderung des Blickwinkels | GT 9-1 und GT 40 von Pardini

Änderung des Blickwinkels Die Großkaliber-Pistolen von Pardini galten schon lange als Geheimtipp, basierend auf den Erfolgen der Italiener bei kleineren Sportkalibern wie .22 oder 4,5 mm. Nun absolvierten zwei edle Versionen der GT-Serie den VISIER-Test — die GT 9-1 in 9 mm Luger und die kürzere GT 40 in .40 S & W. Ob sie ebenfalls medaillenverdächtig sind?

Ein Foto, ein Blitz, aber nicht von der Kamera: Die Pardini GT 9-1 produzierte mit einigen Patronen, hier die Fiocchi „Shooting Dynamics“ mit 115-grs-Geschoss, beeindruckende Feuerbälle.

Text Ulrich Eichstädt Fotos: Michael Schippers

Michelangelo (1475 bis 1564) machte es sich, traut man dem bekannten Witz, recht einfach, seine wunderbaren Skulpturen aus Carrara-Marmor zu erschaffen. Der Maler und Bildhauer musste etwa bei seinem wohl bekanntesten Werk lediglich all das aus dem großen Steinblock herausmeißeln, was nicht zur „David“-Figur gehörte – denn die steckte ja schon bereits im riesigen Marmorblock und musste nur „befreit“ werden. Sieht man die Großkaliber-Pistolen von Giampiero Pardini zum VISIER | 6-2012

ersten Mal, könnte man unwillkürlich auf ähnliche Gedanken kommen: einfach all das aus einem mächtigen Stahlklotz herausfräsen, was eben nicht zur Pistolenform passt. Die beiden wuchtigen Testpistolen, je eine in 9 mm Para und in .40 S & W, machen mit ihrer klaren Linienführung einen solchen Eindruck: schnurgerade an Verschluss und Schlitten entlang sowie schräg am Griffstück und Magazinschacht nach unten. Eben hier nicht so steil wie etwa ein 1911-Griff oder der einer SIG Sauer P 210. Das lässt erfahrene Action-Schützen immer zögern, ob sie sich an den flachen Griffwinkel je gewöhnen oder instinktiv zu

Hochschüssen neigen würden. Wer sich auf den Versuch einlässt, wird mit einem hochpräzisen Sportgerät belohnt, das ausschließlich zu diesem Zweck entwickelt wurde und keine militärischen oder polizeilichen Ursprünge hat. Immerhin gibt es die Pardini-Großkaliberpistolen in Leichtmetallbauweise schon seit 1993, also seit fast 20 Jahren. Die massivere Edelstahlvariante „Inox“ wurde bereits auf der IWA 2008 vorgestellt – und patzte aber bei der Premiere: Die Konstrukteure hatten sich offenbar von der eigenen Technik so hinreißen lassen, dass sie erst auf der Messe von neu27


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TEST & TECHNIK

VISIER | 6-2012


Neu, aber antik | Uberti NM No.3 Frontier .44-40

Neu, aber antik Neuen Repliken von Westernwaffen fehlt oft das Flair eines gebrauchten Oldies — deswegen wurde dieses Muster auf alt getrimmt. VISIER prüfte, was sonst noch an dem .44-40er Uberti New Model No. 3 Frontier geändert wurde und wie sich das in der Praxis auswirkte. Autor: Hartmut Mrosek und Matthias Recktenwald Fotos: Matthias Recktenwald

Bei Westernwaffen hat sich das als Tuning bekannte Feinabstimmen längst etabliert. Was aber nicht heißt, dass dieses Wissen zu jedem modernen Nachbau solch alter USWaffen vorliegt: Repliken der Hahnspanner-Colts etwa gibt es seit fast 60 Jahren – genug Zeit, um das Know-how der Altvorderen wieder zu entdecken und durch neue Erkenntnisse zu ergänzen. Was jedoch ist mit den erst seit kurzem wiederbelebten Western-Waffen-Modellen? Das fragte sich Fachhändler und Westernschütze Matthias Märklen von MHW in Heilbronn. Er hat die Courage, einige neue Repliken tunen zu lassen und so Erfahrungswerte zu schaffen. Auch auf das Risiko hin, dass am Anfang manches zu weit geht. So ließ er als einer der ersten die Uberti-Kopie des Colt-Lightning-Unterheblers überarbeiten (VISIER 3/2012). Kaum war der Test erledigt, schickte Märklen das nächste Stück – die Uberti-Replika des Smith & Wesson-Kipplaufrevolvers New Model No.3 Frontier in .44-40 Winchester. Das Grundmodell hat VISIER schon vorgestellt, ebenso die von Uberti und Beretta vertriebenen Kopien (VISIER-Hefte 10/’02, 6/’05, 7/’06 und 11/’10). „Frontier“ war der Beiname der ab 1885 in einer Zahl von 2072 Stück gebauten, speziell auf den Markt im US-Westen gemünzten .44-40er Variante des NM No.3. In der Prärie war das Kaliber beliebt, da man es aus Revolvern und Gewehren verfeuern konnte und so nur eine Sorte Patronen mitführen musste. Als die Firma Uberti ihre Kopie gleichen Namens vorlegte, maulte mancher auf VISIER | 6-2012

Authentizität bedachte Schütze: Der Uberti NM No. 3 Frontier kam anfangs in .45 Colt – erstens nicht das „Frontier“Kaliber, zweitens keins der 16 Originalkaliber des NM No. 3 (die Masse kam in .44 S & W Russian). Kaum schob Uberti die .44-40er Version nach, als Märklen zuschlug und sie direkt zum Überarbeiten weiterreichte. Er listete danach auf: ■ “Fallsicherung entfernt. ■ Abzug auf ca. 1100 g eingestellt. ■ Abzugs- und Handwege poliert. ■ Patronenlager gehont. ■ Korn getauscht: brünierbar, 1 mm breiter, hinten schraffiert. ■ Reproduktionsgriffe mit originalgetreuem S & W-Logo montiert. ■ Antikfinish.“ Die erste der Arbeiten sei direkt erklärt: Die Fallsicherung vom Typ „Transfer Bar“ ist eine aus Haftungsgründen erfolgte Dreingabe Ubertis. Sie ist aber nicht originalgetreu und macht den Schlossgang hakeliger. Daher entfernen RevolverTuner dieses Element gern, da es für nur auf dem Schießstand benutzte Waffen überflüssig ist – so auch hier. Zu den Arbeiten am Äußeren: Der originale NM No. 3 besaß Griffschalen aus „hard rubber“. Dieses seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts übliche Hartgummi-Material lässt sich als Kunststoff-Vorläufer beschreiben. Durch kombinierte Gieß- und Pressverfahren ließen sich daraus hergestellte Griffschalen kostengünstig mit Checkering sowie erhaben stehenden Logos aller Art versehen. Heute macht das aber kaum noch einer. Die Italiener statten ihre Nachbauten üblicherweise mit schicken Holzgriffschalen aus – fürs heutige Auge ist das sogar noch schöner als der schnöde

Gummi. Aber der ist eben vorbildgerecht und kam daher drauf. Apropos Originaltreue. Deretwegen fordern viele Westernschützen Neu-Waffen gleich im „Antikfinish“, als ob sie richtig gebraucht seien. Den Look hatte auch dieses Muster – und über das Ergebnis kann man streiten: Einige befragte Schützen fanden das klasse: „Als ob 1000 Meilen Staub ihre Spuren an der Oberfläche hinterlassen hätten. Cool!“ Zumal sich nun auch die ab Werk Holstermordenden, weil messerscharfen Partien unten am Lauf-Kippgelenk spürbar geglättet hatten. Hingegen sahen das Tester Hartmut Mrosek und seine Schützenfreunde so: „Das sogenannte Antikfinish wirkt barbarisch. Da hat doch der Maestro mit viel zu grobem Schmirgelpapier die Brünierung verkratzt. Scheußlich! Wenn schon ‘antik’, dann wäre doch wohl die Brünierung dort, wo ein Holster reibt, behutsam auf ‘durchscheinend’ zu polieren gewesen. Meinetwegen noch ein paar Rostpickel. Aber so?“ Das Ergebnis bleibt eine Geschmacksfrage – was hingegen nicht für den technischen Zustand der Waffe gilt. D i e V e r a r b e i t u n g lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Sie lag auf dem gleichen ausgezeichneten Niveau wie bei den bereits vorgestellten 45er NM No.3-Nachbauten von Uberti und Beretta. So hatte der Kipplauf-Revolver eine stabile, spielfreie Verriegelung. Auch stimmte es mit den Passungen. Der Lauf war innen und außen tadellos. Die gut gearbeitete Trommel lief bei aufgeklappter Waffe glatt, weich und ohne zu eiern. Die Hülsen wurden sicher ausgezogen – nicht ausgeworfen. Dafür ist der Hub des Sterns mit 24 mm bei einer Hülsenlänge 35


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TEST & TECHNIK

Bleifrei 2.0

Nicht nur Deformations-, auch Zerlegungsgeschosse kommen immer öfter ohne Blei aus. VISIER testete 21 Laborierungen in den Kalibern .223 Remington und .308 Winchester. Text: Chr. Hocke, A. Skrobanek Fotos: Chr. Hocke, M. Schippers

Was leisten bleifreie Geschosse im Vergleich zu bleihaltigen – so lautete ein Thema in der Juli-Ausgabe 2011. In diesem Artikel geht es nun um die zwei Fraktionen in der Bleifrei-Partei: VISIER stellt weitere 21 Produkte in den Kalibern .223 Remington und .308 Winchester vor – eine Übersicht über Preise und Lieferanten findet sich auf Seite 54. Mit dabei: die gerade erst auf der diesjährigen IWA vorgestellte Sorte Jaguar Plus und der ebenfalls brandneue Projektiltyp “Evolution Green” von RWS. Porträts der Testgeschosse finden sich ab Seite 50. 48

Ein Deformationsgeschoss verliert idealerweise im Ziel keine Splitter, verhält sich also massestabil. Der Begriff Zerlegungsgeschoss sagt eigentlich ebenfalls, worum es geht: Im Ziel entstehen mehrere Splitter beziehungsweise mehrere Bruchstücke. Bleibt der hintere Teil des Projektils dabei erhalten, handelt es sich um ein Teilzerlegungsgeschoss. In der Praxis lassen sich diese Typen allerdings nicht so einfach voneinander abgrenzen. Denn wie sich ein Projektil verhält, hängt von der Beschaffenheit des Ziels ab – also vom Widerstand, den das Material dem Geschoss entgegengesetzt. Außerdem fällt die Unterscheidung deshalb schwer, weil es keine verbindliche Zahl gibt, anhand derer festgelegt ist, ab wel-

chem prozentualen Masseverlust ein Geschoss als Zerleger gilt. Das gleiche Problem stellt sich bei der Grenze zwischen Teil- und Totalzerlegern. Deshalb sind am Anfang dieses Artikels drei Definitionen nötig: Als massestabil gilt ein Geschoss, wenn es nach dem Zieldurchschuss noch mindestens 95 Prozent seiner Masse besitzt. Dieser Wert berücksichtig den Verlust von Deformationsstartern oder ballistischen Hauben, welche bei vielen Produkten Hohlspitzen respektive Sacklochbohrungen verschließen. Beträgt die Restmasse des (meist zylindrischen) hinteren Geschossteils 40 bis 95 Prozent, stufen die Tester das Projektil als Teilzerleger ein. Bei Totalzerlegern ist die Restmasse des schwersten MantelfragVISIER | 6-2012


Bleifrei 2.0 | Test & Marktübersicht: Büchsengeschosse

Das “Vor-TX TSX FB” in .223 Remington verlädt der US-Hersteller Barnes in Fabrikpatronen. Das TSX-Deformationsgeschoss mit zylindrischem Heck (FB= Flatbase) besteht vollständig aus Kupfer. Führungsbänder reduzieren die Reibung im Lauf. Im Test pilzte das Geschoss vorbildlich auf und verlor im Ziel keine Splitter.

ments oder größten Kernsplitters kleiner als 40 Prozent vom ursprünglichen Gesamtgewicht. Verallgemeinern lassen sich die Prozentzahlen nicht. Man sollte also immer wissen, wie die Begriffe jeweils definiert werden. In der Praxis hängt zudem das konkrete Verhalten massestabiler Deformationsgeschosse von der Treffpunktlage ab: Sie können zum Beispiel zersplittern, wenn sie auf einen massiven Knochen treffen.

liber .30: Jagdliche Laborierungen in .308 Winchester kommen üblicherweise auf Mündungsgeschwindigkeiten von 750 bis 900 Meter pro Sekunde. Eine .300 Weatherby Magnum oder .300 Remington Ultra Magnum erreicht dagegen problemlos 1050 Meter pro Sekunde. Solche Unterschiede wirken sich sehr stark aus, weil die auf das Geschoss wirkenden Kräfte mit höherer Geschwindigkeit quadratisch wachsen.

A l l e s r e l a t i v : Wie das Projektil reagiert, hängt bekanntlich maßgeblich von seiner Geschwindigkeit ab – und damit indirekt von seinem Durchmesser und seinem Gewicht. Das stellt die Hersteller vor Probleme, denn sie entwickeln Geschosse meist nicht nur für ein Kaliber, sondern für eine Kalibergruppe. Die Projektile müssen sich nicht nur mit unterschiedlichen Patronenlagern, Übergangskegeln, Dralllängen und Laufprofilen vertragen. Die Kunden erwarten, dass sich ein Geschosstyp auch in allen Kalibern gleich oder wenigstens ähnlich verhält. Wegen der erheblichen Geschwindigkeitsunterschiede ist dies nicht einfach. Beispiel Ka-

Egal ob nun Deformation oder Zerlegung: Konstruktionsbedingt spricht jedes Geschoss nur innerhalb eines bestimmten Geschwindigkeitsbereichs an. Weil seine Schnelligkeit aber mit zunehmender Entfernung abnimmt, reagiert es nur in einem bestimmten Bereich so wie gewünscht. Wird dieser überschritten, verhalten sich alle Geschosse wie ein Vollmantelprojektil, sind also nahezu masseund formstabil. Wird der Bereich unterschritten, können sich Deformatoren ungewollt im Ziel zerlegen. Der Korridor ist je nach Geschoss unterschiedlich. Etwas praktischer formuliert: Hochleistungskaliber wie .300 WinMag. oder .300

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Totalzerleger in .223 (v. l. n. r.): Hornady NTX (Non Toxic Expansion), Noslers Ballistic Tip Varmint und Barnes RRLP (Reduced Riccochet Low Penetration).

Weatherby Magnum sind für Schüsse von 150 bis 200 Meter und weiter gedacht. Auf die bei Kirrung und Drückjagd üblichen Entfernungen von 30 bis 100 Meter nützen Deformationsgeschosse in diesen Kalibern nichts, da sie in der Regel zu Zerlegern mutieren. Die Wildbretentwertung fällt dann unnötig hoch aus. Wenig Sinn ergibt es andererseits, spezielle Jagdpatronen in .308 Winchester auf 300 Meter oder weiter abzufeuern. Die Restgeschwindigkeit genügt hier nicht mehr für eine sichere Geschossfunktion. Zunächst wollte VISIER wissen, wie die Testkandidaten beim Beschuss von 150x150x200 Millimeter großen Gelatineblöcken mit 20 Prozent Feststoffanteil reagieren. Die Dicke von 200 Millimetern entspricht sogenanntem schwachen und mittlerem Wild, zum Beispiel einem Reh. Die für diesen Teilversuch gewählte Schussdistanz von 50 Metern liegt an der unteren Grenze der in Deutschland üblichen Jagdentfernungen, die in vielen Regionen nur bis 150 Meter reichen. Die kurze Distanz 50 Meter kommt bei Drückjagden und Kirrungen vor. Ein Vor49


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FASZINATION WAFFEN

Der Schnellste Großkaliber-Gewehrschießen im Sekundentakt — und das beim ehrwürdigen Deutschen Schützenbund. Allerdings sind seither mehr als 130 Jahre vergangen: ein Lehrstück für heute. Text: Wolfgang Finze Fotos: Michael Schippers und Wolfgang Finze (Archivmaterial)

Fällt im Zusammenhang mit dem Deutschen Schützenbund der Begriff „Schnellfeuer“, denkt heute jeder sofort an die „Olympische Schnellfeuerpistole“. Das war nicht immer so. Denn wer sich mit der Geschichte des Deutschen Schützenbundes zwischen 1861 und 1934 beschäftigt, findet nicht nur Informationen über die lange 60

Entwicklung des Schießens von der „Wehrhaftmachung des Volkes“ und hin zu einem modernen sportlichen Schießen, sondern auch Berichte über interessante Wettbewerbe. Einer davon war ein Schnellfeuerwettbewerb für Gewehre, das „Konkurrenzschießen“, auch als „Schießen um den ersten Becher“ bekannt. Dieser Wettbewerb galt als eine der sportlichen Hauptattraktionen eines jeden Deutschen Bundesschießens und als ausgesprochen publikumswirksam.

Um die Abläufe zu verstehen, sind einige Blicke auf die Schießpraxis vor 130 Jahren und die deutschen Bundesschießen notwendig. Zum üblichen Schießprogramm auf den Bundesschießen gehörte immer auch das Punktschießen. Ab 1872 wuchs der Anteil der Schützen, die mit Hinterladern schossen. So entstand unter Nutzung der Grundidee des Punktschießens ein neuer Wettbewerb: Das Schießen um den ersVISIER | 6-2012


Der Schnellste gewinnt | Historisches Konkurrenzschießen

ten, der schnellste Schütze auf die Distanz von 175 m (Stand) brauchte 44 Minuten.

gewinnt ten Becher. Der Wettbewerb war kurz, besaß sehr einfache, auch für Zuschauer verständliche Regeln sowie einen gewissen Schauwert, was ihn für alle Beteiligten sehr spannend machte. W e r h a t ’ s e r f u n d e n ? Ob vielleicht die Idee (wie so vieles andere im Schützenwesen) ursprünglich aus der Schweiz stammt oder wer sonst den Einfall hatte, das lässt sich nicht ermitteln. Aber schon auf dem 4. Mitteldeutschen Bundesschießen in Annaberg/Sachsen (15. bis 19. Juli 1877) gab es ein solches KonkurVISIER | 6-2012

renzschießen. Wer hier teilnehmen wollte, musste sich dafür extra anmelden und zusätzlich eine Startgebühr von 10 Mark zahlen. Der Beginn des Schießens um den ersten Becher wurde an den Beginn der eigentlichen Schießzeit (Montag ab sieben Uhr früh) gelegt. Der Wettkampf war beendet, wenn die ersten drei Schützen „auf Stand“ und „auf Feld“ ihre Becher geschossen hatten, wobei hier für einen Becher 100 Punkte zu erreichen waren. Der Gewinner des ersten Bechers auf die Felddistanz (300 m) erreichte die geforderten 100 Punkte in nur 36 Minu-

Bei der Vorbereitung des Bundesschießens 1878 in Düsseldorf griff die Schießordnungskommission die Idee des Konkurrenzschießens auf. Allerdings ließ sie sich sowohl für die Zeit als auch für die Auswahl der Schützen etwas Besonderes einfallen. Denn in der Schießordnung für das Bundesschießen 1878 in Düsseldorf (und sinngemäß auch für die weiteren Bundesschießen) wurde festgelegt: „Das Schießen am ersten Festsonntag beginnt auf die Feld- und Standscheiben je mit einem Concurrenzschießen um die ersten 10 Becher. Erst nach Beendigung dieses Schießens beginnt das allgemeine Schießen. (…) Diejenigen Schützen, welche sich an dem Concurrenzschießen um die ersten 10 Becher betheiligen wollen, haben sich … beim Schieß-Comité … anzumelden. (...) Aus je einer Stadt wird nur ein Schütze im Feld und nur einer im Stand zugelassen. (…) Jedem Schützen wird ein Stand allein zur Verfügung gestellt, jedoch nur so lange, bis die ersten 10 Becher herausgeschossen sind, längstens auf die 61


Juni 2012

GESCHICHTE & GESCHICHTEN

Ritt in den Tod Bei der verhängnisvollen Attacke von Balaklawa trat Lord Cardigans Leichte Brigade todesmutig gegen den vielfach überlegenen russischen Feind an.

Text: Garry James Übersetzung: Claudia Mullins Bearbeitung: Andreas Wilhelmus Fotos: Jill Morgan, VISIER-Archiv

Teile von Gliedmaßen und Trümmer säumten ihren Weg, als sie über die Körper ihrer gefallenen Kameraden zurück ins Tal stiegen. Die einstmals prächtigen Uniformen in Blau, Rot und Gold hingen in Fetzen herab, waren mit Blut bespritzt. Geblendet von Säbelhieben ins Gesicht, stolperten einige Soldaten ziellos umher. Andere schleppten sich schwer verwundet davon oder stützten diejenigen, die nicht mehr alleine gehen konnten. Ihre Säbel hingen an zerrissenen Riemen und schleiften 76

über den Boden. Pferde wieherten schwer verletzt, rollten sich im Todeskampf über ihre getöteten oder verletzten Reiter. Einer der Beobachter auf einem Höhenzug fragte: „Was machen denn die Scharmützler da unten?“ Nach genauerem Hinsehen erwiderte jemand: „Das sind keine Scharmützler, das ist die Leichte Brigade.“ „The Charge of the Light Brigade“ (Die Attacke der leichten Brigade) lautet der Name eines Gedichtes von Alfred Lord Tennyson, das den Heldenmut der unter Generalmajor Cardigan angreifenden Kavallerie hervorhebt. Doch die Lyrik spiegelt nur einen Bruchteil des Debakels

während der Schlacht von Balaklawa wider. Das Ereignis brannte sich tief ins Gedächtnis der britischen Generalität ein. Die militärisch eher unbedeutende Schlachtepisode im Krimkrieg (18541856) wirkt bis heute nach. D e r H i n t e r g r u n d : Seit 1815 war die britische Krone in keine militärische Auseinandersetzung innerhalb Europas verwickelt. Die Briten stellten die hegemoniale Weltmacht. Russland – die einzige ernstzunehmende weitere Weltmacht dieser Ära – begehrte den Zugang zum Mittelmeer. Diesen wollte sich Zar Nikolaus I. über einige Donauprovinzen verschaffen. Die Furcht vor russischen AnVISIER | 6-2012


Ritt in den Tod | Balaklawa

Frankreich, als Schutzmacht der Katholiken, betrachtete die russische Vorgehensweise als Affront. Napoleon III. versicherte sich der Rückendeckung Queen Victorias. Im März 1854, etwa ein halbes Jahr nach Beginn des Konflikts traten die Franzosen gemeinsam mit den Briten auf türkischer Seite in den Krieg ein. Die Briten waren auf ein solches Abenteuer nicht vorbereitet. Es fehlte an allem, angefangen bei Uniformen über Waffen bis hin zu logistischer Unterstützung. Ein funktionierendes Sanitätswesen gab es nicht. Hierum machte sich unter anderem Florence Nightingale verdient. Sie leitete im Krimkrieg ein Lazarett im mehrere Tagereisen entfernten türkischen Üsküdar (Scutari). Ihre humanitären Bestrebungen wurden jedoch von den Militärs weitgehend ignoriert, wenn nicht sogar boykottiert.

sprüchen auf britische Gebiete bildete die Lunte an einem hochbrisanten Pulverfass. Das Zündfünkchen lieferte schließlich ein Zank zwischen orthodoxen und katholischen Mönchen um den Zugang zur Geburtskirche in Bethlehem. Die Stadt stand zu dieser Zeit wie Jerusalem unter der Verwaltung des Osmanischen Reiches. Der Zar beschuldigte die türkische Polizei der Untätigkeit, als orthodoxe Mönche zu Tode kamen. Er erklärte sich zum Schutzherrn aller orthodoxen Christen und nutzte das, um seinen Glaubensbrüdern in den osmanisch kontrollierten Donaufürstentümern Moldau und Walachei vorsorglich „zur Hilfe zu eilen“. Kurz: Er marschierte dort ein. VISIER | 6-2012

Zudem erkauften betuchte Offiziere britischer Infanterie- und Kavallerie-Regimenter sich oft ihren Rang. So bekleideten Militärs ohne Sachverstand teils hohe Ränge in begehrten Regimentern. Die Generalität teilte die Auffassung des 1852 verstorben Oberbefehlshabers Wellington: Angehörige der Oberschicht müssen schlicht mehr zu sagen haben als diejenigen niederer Klassen. Oberbefehlshaber der britischen Armee auf der Krim war der 65-jährige Feldmarschall Lord Raglan. Dessen Qualifikation bestand hauptsächlich darin, dass er als Militärsekretär unter Wellington in den Befreiungskriegen gedient hatte. Raglan galt als freundlich und besonnen – aber sein Mut und seine Entschlossenheit galten als sprichwörtlich: Er hatte bei Waterloo seinen rechten Arm verloren. Als der aus dem Lazarettzelt gebracht werden sollte, befahl Raglan, das amputierte Körperteil zurückzubringen: Auf einem Finger stecke noch sein Siegelring.

William Howard Russell gilt als einer der ersten Kriegsreporter. Der irische Journalist berichtete für die „Times“ von den Schlachtfeldern auf der Krim.

Die Kavallerie-Division bestand aus schwerer und leichter Brigade. Beides unFür den Dienst im Krimkrieg verlieh Queen Victoria ihren Soldaten diesen Orden. Die Spangen am Ordensband verraten, in welcher Schlacht des Krimkrieges der Träger gekämpft hat.

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VORSCHAU – Ausgabe 7-2012: ab Mittwoch 27. Juni im Handel

Juni 2012

Erhältlich bei Ihrem Zeitschriften-, Bahnhofs- oder Waffenfachhändler. Oder beim PresseFachhandel mit diesem Zeichen und – noch schneller – im Abo: Telefon (02603) 5060-102.

Mal was Neues – nach 112 Jahren Einen Prototypen gab es schon 1999, aber erst 2011 stellte das Dianawerk nach über einem Jahrhundert Federdruckwaffen das erste Pressluftgewehr vor. Nun ging das Diana P 1000 in Serie, und VISIER bekam gleich zwei in verschiedenen Stärken für den Test.

Die Geschichte der SIG Sauer P 6 ...

Die Feder ist stärker als das Schwert

... ist auch in weiten Teilen die der westdeutschen Polizei seit dem Ende der 70er Jahre. VISIER-Autor Egon Thiel hat alles zusammengetragen: Story, Varianten, Fotos – fürs Juli-Heft.

Was mag dann erst mit „Tactical Pens“ möglich sein? Die Marktübersicht stellt unterschiedliche Metall-Schreibstifte vor und zeigt, wie man mit ihnen richtig umgeht.

Immer an der Wand lang

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Noch wenige Wochen bis zur Weltmeisterschaft „Bianchi-Cup 2012“ in Philippsburg: VISIER stellt die vier einzelnen Übungen des legendären Turniers vor und verrät im Juli, warum Bianchi-Kurzwaffen völlig anders aussehen als übliche Matchmodelle.

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Leser der VISIER-XXL-Ausgabe mit dem 24-seitigen SWM wissen mehr: Das SG 541 im Kaliber 6,45 mm war ein vielversprechender Vorläufer des Stgw 90, seine Weiterentwicklung wurde jedoch aus strategischen Gründen aufgegeben.

Aus aktuellem Anlass können sich die Themen ändern.

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VISIER | 6 -2012


VISIER 06/2012 Leseprobe