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DIE

BRIEFMARKE

67. Jahrgang Januar 2019; Einzelpreis EUR 4,00 Sponsoring Post; Entgelt bezahlt; Verlagspostamt 1060 Wien, GZ: 02 Z 031235 S

Post und Philatelie in Österreich

01/2019

Wiener Oper

150 Jahre Opernhaus am Ring

Austro Fiat Typ 1C Ersttag 30. Januar 2019 im VÖPh


EDITORIAL

AKTUELLES 3 4 5 6

Editorial Neues aus dem Verband Aktuelle Veranstaltungen Sonderpostamt im VÖPh Wiener Staatsoper

PHILATELIE 8 9 10 12 14 16 17 20

Postgeschichte: Lesen alter Schriften Geschichte aus alten Briefen Thematik Fiat und Austro Fiat „Lohner Sissy“ Postgeschichte: Als Kriegsgefangener auf einer Reise durch drei Kontinente – Teil II Eine Korrespondenz-Karte als Beschwerdeschreiben Irrläufer: ”Unechte Irrläufer“ Post in fernen Ländern – Gibraltar

ALBUM 23 24 27 29 30 31 31

Editorial Sondermarkenausgaben Markenprodukte Sonderpostämter Philatelietage All about Stamps Nachlese

VERBAND 33 36 37 39 41 43 44 45 46

Thema Sammeln Österreichische Freistempel – Teil I Redaktion Verband Aus unseren Vereinen Jugend | STAMP! Wortanzeigen Terminkalender Impressum ÖVEBRIA 2019

ERINNERUNGEN BEWAHREN:

Mobile Nostalgie zu Jahresbeginn „Früher war alles anders und besser“. Dieser oft gesagte und gehörte Satz fällt mir ein, wenn ich daran denke, dass wir mit der vorliegenden Ausgabe der „Briefmarke neu“ das erste Jahr im neuen „Outfit“ absolviert haben. Die wenigen negativen Unkenrufe waren angesichts der vielen positiven und aufmunternden Worte, die uns dazu erreicht haben, leicht verkraftbar. Ich hätte aber zu Jahresbeginn noch eine alte Weisheit parat: „Wer aufhört, besser sein zu wollen, hat aufgehört, gut zu sein“. Getreu dieses Spruches wird das gesamte Redaktionsteam auch 2019 versuchen, allen Leserinnen und Lesern unserer Fachzeitschrift die bestmögliche Qualität zu liefern. Wobei wir zu bedenken geben, dass hier Menschen arbeiten, und wo dies der Fall ist, passieren auch Fehler, die wir natürlich so gering wie möglich halten wollen. Der stete Wandel in all unseren Lebensabläufen ist aber nicht umkehrbar. Neues ersetzt Altes, und Gutes das Schlechte. Um aber auf den Titel des Editorials zurück zu kommen – natürlich gibt es in unser aller Leben viele nostalgische Momente. Vintage ist momentan In, Entschleunigung angesagt (wenn auch meist nicht gelebt). Und da kommt es zu Jahresbeginn gerade recht, dass das Ausgabeprogramm der Österr. Post AG uns in Form der beiden Markenserien Oldtimer auf zwei bzw. vier Rädern die gute alte Zeit wieder näher bringt. Der Austro Fiat 1C wird dabei der Leserschaft nicht so geläufig sein. Die Lohner Sissy hingegen hat wohl viele unserer Leser ein Stück ihres Lebens begleitet. Die beiden Autoren sind Fachleute auf Ihrem Gebiet: Rudolf Spieler ist bislang der einzige Österreicher, der für eine Thematiksammlung (Auto- und Motorsport) international GroßGold gewonnen hat, DI Prof. Friedrich Ehn ist Inhaber des 1980 in Sigmundsherberg gegründeten Motorradmuseums. Lesen Sie zu diesen beiden Klassikern österreichischer Mobilität mehr auf den Seiten 10-14. Unbestritten ist Österreich natürlich auch eine Kulturnation. Der Artikel von Peter Riedl (Seiten 6-7) führt Sie in die Wiener Staatsoper, die seit 150 Jahren am Ring beheimatet ist. Man kann abschließend also auch denen ein wenig recht geben, die sagen: Ja, früher, das war eine schöne Zeit …

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Mit philatelistischen Neujahrsgrüßen

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OStR. Mag. Helmut Kogler Präsident VÖPh DIE BRIEFMARKE 1|2019

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AKTUELLES

Sonderpostamt im VÖPh

PROGRAMM 10 Uhr Markenpräsentation durch Mag. Gerlinde Scholler anschließend Signierstunde mit dem Markenkünstler David Gruber und Sektbuffet

Mittwoch, 30. Jänner 2019, 9-13 Uhr – Präsentation: 10 Uhr im VÖPh, 1060 Wien, Getreidemarkt 1

Ersttag: „Austro Fiat Typ 1C“ (135c) VÖPh-Belegprogramm:

VERKAUF & BESTELLUNGEN Die abgebildeten Sonderbelege erhalten Sie beim Sonderpostamt sowie im VÖPh-Büro, Tel.: +43 1 587 64 69 oder per Mail: office.voeph@voeph.at.

Verband Österreichischer Philatelisten-Vereine A-1060 Wien, Getreidemarkt 1

BESTELLSCHLUSS für Vorbestellungen: Montag, 28.1.2019

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Das VÖPh-Jugendreferat sucht dringend

MITARBEITER FÜR PHILATELISTISCHES SCHULPROJEKT Das Interesse der Schüler, Lehrer und Direktoren in den Volksschulen zahlreicher Bezirke Wiens an Philatelie im Unterricht ist groß! Wir wollen die Begeisterung für Philatelie bei den jungen Sammlern aufrecht erhalten, möglichst alle interessierten Klassen betreuen und so den philatelistischen Nachwuchs sicherstellen. Aufgrund der hohen Anzahl angefragter Schulklassen (2.-4.VS) braucht unser Team dringend Verstärkung! Gesucht wird Frau / Mann die/der gut mit Kindern im Volksschulalter umgehen kann, philatelistisch begeistert und vor allem zuverlässig ist – denn die Kinder warten immer schon mit großer Vorfreude auf die Briefmarkenstunde. Jede Klasse wird 1x/Monat besucht. Das Jugendreferat bietet volle Unterstützung für das Schulprojekt in Form von Material für die Kinder, Unterlagen & Lehrplan sowie individueller Einschulung. Bewerbungen richten Sie bitte an: Sybille Pudek, jugend@voeph.at, oder VÖPh-Jugend, Getreidemarkt 1, 1060 Wien

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AKTUELLES

Vom k.k. Hof-Operntheater zur Wiener Staatsoper

Die p ass 150 Jahr ende So eO nde ersc pernha rmarke heint u im F s am Ri ebru ng ar!

Die Staatsoper ist eines der prominentesten Gebäude an der Wiener Ringstraße und war auch das erste der dort fertiggestellten repräsentativen Bauten … Aus der Ausschreibung von 1860 gingen die beiden Professoren der Akademie der Bildenden Künste, August Siccard von Siccardsburg (Gesamtplaner) und Eduard van der Nüll (Innenarchitekt), als Sieger hervor. 1863 erfolgte die Grundsteinlegung und bereits am 25. Mai 1869 eröffnete das „K. K. Hofoperntheater“ in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph, „dem allerhöchsten Bauherren“, und Kaiserin Elisabeth feierlich mit Mozarts „Don Giovanni“. Und es wäre nicht Wien, wenn die Wiener nicht wieder etwas zum Spotten gefunden hätten. „Der Siccardsburg und van der Nüll, die haben beide keinen Stül! Griechisch, Gotisch, Renaissance, das ist ihnen alles ans …“, dichtete der Volksmund. Als unglücklicher wei s e direkt nach erfolgtem Bau das Hofbauamt auch noch das Niveau der Ringstraße um einen Meter erhöhen ließ, verglich man die Oper umgehend mit einer „versunkenen Kiste“.

Kaiser Franz Joseph ging der Tod der beiden von ihm geschätzten Architekten allerdings persönlich so nahe, dass er von diesem Zeitpunkt an der Öffentlichkeit jegliche Kritik an der Oper untersagte.

Knapp vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Oper am 12. März 1945 bei einem Fliegerangriff schwer getroffen und brannte bis auf die Hauptmauern, die Feststiege und das Schwindfoyer völlig nieder. Am 14. April 1945 fanden die Kämpfe um Wien ihr Ende und am 27. April wurde die Zweite Republik proklamiert.

Schon am 24. Mai 1945 hatte der Staatssekretär für öffentliche Bauten, Ing. Julius Raab, den Wiederaufbau der Wiener Staatsoper verkündet.

Wegen der anschließenden Kolportage, das Kaiserhaus habe Kritik an dem Bauwerk geäußert, verübte Van der Nüll noch vor der Eröffnung des Hauses am 3. April 1868 Selbstmord und auch August von Siccardsburg erlag, ob der nicht aufhören wollenden öffentlichen Kritik, am 11. Juni 1868 einem Herzinfarkt.

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Nach Entwürfen von Erich Boltenstern, Otto Prossinger und Ceno Kosak wurde das Gebäude im Jahre 1949 in enger Anlehnung an das Original mit einem Kostenaufwand von 260 Mio. Schilling sowie mit neuem Zuschauerraum und modernisierter Technik wiedererrichtet. Sechs Jahre lang war die Oper eingerüstet, worüber sich die Wiener natürlich abermals mokierten.


AKTUELLES

Die glanzvolle Wiedereröffnung erfolgte am 5. November 1955 mit Beethovens „Fidelio“ unter Karl Böhm, wurde vom Österreichischen Fernsehen übertragen und in der ganzen Welt zugleich als Lebenszeichen der neu erstandenen 2. Republik verstanden.

Die Wiener Staatsoper gilt als eines der führenden Opernhäuser der Welt. Sie hat ein Repertoiresystem. Über 50 Produktionen stehen alljährlich auf dem Spielplan. Daher kann das Haus zehn Monate im Jahr nahezu täglich mit Opern bespielt werden, auch gibt es Ballettaufführungen.

Am 12. November 2018 war die Staatsoper außerdem Schauplatz des Staatsaktes zur Hundertjahrfeier der Republik Österreich.

Der Opernblock von 1969 zeigt Bilder von diversen Opern: Don Giovanni, Die Zauberflöte, Fidelio, Lohengrin, Don Carlos, Carmen, Der Rosenkavalier und das Ballett Schwanensee. Im Mittelfeld erkennt man eine stilisierte Darstellung des Opernhauses. Neben den traditionellen Veranstaltungen findet heutzutage insbesondere der alljährlich wiederkehrende Opernball als Höhepunkt des Wiener Faschings internationale Beachtung. briefanschrift:

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THEMATIK

Fiat und Austro-Fiat Die Österreichische Fiat-Werke AG wurde 1907 von den Turiner Fiat Werken gegründet. Sie errichtete in Wien-Floridsdorf eine Fabrikationsund Reparaturstätte. Die Gesellschaft erzeugte alle Arten von Personenautos, Lastwagen, Omnibussen aber auch Schiffs- und Flugmotoren. Doch zuerst zur Gründung des Stammhauses in Italien. Die Turiner Fiat-Werke wurden 1899 in Turin von neun Personen gegründet. Unter den Gründervätern war auch Giovanni Agnelli. Sein Enkel machte Fiat ab dem Jahre 1966 zu einer großen europäischen Marke. Fiat steht für „Fabbrica Italiana Automobili Torino“. In meiner Jugend, als Fiat Automobile nicht den besten Ruf hatten, bezeichneten wir Fiat schon mal als „Für Italien Ausreichende Technik“ oder auch „Fehler in allen Teilen“. In der Philatelie ist die Firma Austro-Fiat nicht sehr stark vertreten. Die erste Briefmarke mit einem Personenkraftwagen wird die am 31. Jänner 2019 verausgabte Marke. Sie zeigt einen Austro-Fiat Typ 1C aus dem Jahre 1913. Der 4-Zylinder Blockmotor leistete bei 2200ccm immerhin 14 PS bzw. 17,6KW und 1800 U/min. Das Chassisgewicht betrug 800 kg. Als Höchstgeschwindigkeit gab man 65-70 km/h an. Das Besondere an diesem Wagen zu dieser Zeit war eine automatische Motorabstellung, wenn der zulässige Motorölstand unterschritten war. Mehr zu berichten bzw. zu zeigen gibt es über Austro-Fiat Feuerwehrautos. Es gab insgesamt zwei Sonderstempel welche Erzeugnisse aus dem Floridsdorfer Werk zeigen. Es sind aber auch zwei personalisierte Briefmarken mit Abbildungen von Austro-Fiat-Feuerwehrfahrzeugen aufgelegt worden. Nach dem ersten Weltkrieg geriet die Gesellschaft in die Interessensphäre des Castiglioni-Konzerns. Nach dem Kriegsende wurde die Verbindung mit der Turiner Fiat-Gruppe wieder angeknüpft. Ende 1919 kam mit dieser 10

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Die neun Personen Roberto di Ruffia, Carlo Racca, Emanuele di Bricherasio, Michele Ceirano, Cesare Gatti, Lodovico Scarfiotti Alfonso di Ventimiglia, Luigi Damenvino und Giovanni Agnelli gründen am 11.Juil 1899 die Firma Fiat (Absenderfreistempel aus Italien).

Frühes Firmenwerbeplakat der Firma Fiat. Abgebildet ist auch das erste Auto der Firma. Es war dies ein 3,5 PS welcher in den Jahren 1899 bis 1900 in ca. 20 Exemplaren hergestellt wurde.

Österreich, 31. Jänner 2019: Austro-Fiat Typ 1C

Sonderstempel mit der Abbildung eines Austro-Fiat-Feuerwehrwagens aus dem Jahre 1926. Es handelt sich um einen Mannschaftswagen zum Transport der Feuerwehrleute und rückwärtig Schlauchmaterial

Sonderstempel mit der Abbildung eines Austro-Fiat-Feuerwehrwagens Typ IC 9/24 PS aus dem Jahre 1920.


THEMATIK

Austro Daimler ADR 22/70 aus dem Jahre 1927 Personalisierte Briefmarke mit der Abbildung eines Austro-Fiat C1 mit Leitern, Schlauchmaterial und 6 Feuerwehrmännern bereit für den Einsatz.

Personalisierte Briefmarke mit der Abbildung eines Austro-Fiat 1923 mit Leiter und Pumpenaggregat.

eine neue Vereinbarung zustande, die jedoch gegen Ende 1920 wieder gelöst wurde um dagegen eine Interessengemeinschaft mit den, ebenfalls dem Castiglioni-Konzern nahestehenden Daimler Werken und Puch anzubahnen. 1920 wurde der Verwaltungsrat ermächtigt, die Fusion oder die Interessengemeinschaft mit den genannten zwei österreichischen Automobilgesellschaften durchzuführen. Interesse an Briefmarken zum Thema Automobil? Es gibt die Motivgruppe Kraftfahrzeuge e.V. Diese befasst sich mit Automobilen und Motorrädern. Viermal jährlich erscheint ein 40-seitiges Mitteilungsblatt „Filamobil“ in 3 Sprachen. Ansprechpartner ist Ingo Steinhäuser (Adresse im Bühl 41, D-71229 Leonberg, E-Mail: steini. leonberg@t-online.de). Bei Interesse bitte direkt bei ihm melden.

Johann Puch gründete 1899 die PuchWerke in Graz.

Firmenlochungen der Firma Österreichische Daimler-Motoren-Aktien Gesellschaft unter der Nummer ODMG-60 im Katalog von Gerhard Sand verzeichnet.

Firmenlochungen der Puch-Werke in Graz unter der Nummer PUCH-59 im Katalog von Gerhard Sand verzeichnet.

Rudolf Spieler

Neuheiten für Philatelisten Druckfrisch – Der neue Briefmarkenkatalog DNK 2019 Der DNK-Briefmarkenkatalog ist ein Nachschlagewerk zu allen deutschen Briefmarken seit 1849. Er erfasst und bewertet neben den Hauptausgaben auch die wichtigsten Farb-, Wasserzeichen- und Zähnungsvarianten. Für den aktuellen Katalog wurde der interessante Abschnitt der Notopfermarken überarbeitet und mit aussagekräftigen Darstellungen versehen, die dem Sammler die Bestimmung der verschiedenen Varianten erleichtern. Art.-Nr. 359 323, € 9,95. Ihr Kontakt zu LEUCHTTURM: Per E-Mail: info@leuchtturm.com oder per Telefon: 0810 / 000 216 DIE BRIEFMARKE 1|2019

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THEMATIK

Lohner – ein österreichischer Traditionsbetrieb Der Rückblick auf die nunmehr nahezu 200-jährige Firmengeschichte der Wiener Firma Lohner ist ein Spiegelbild österreichischer Zeit- und Technikgeschichte: 1821 wurde in Wien der erste Betrieb von Heinrich Lohner, einem in Deutschland geborenen Kutschenbauer, gegründet. ab 1850: Partnerschaft mit Ludwig Laurenzi 1858: Geburt von Ludwig Lohner, der 1892 die Firmenleitung übernahm 1878: Errichtung des neuen Firmensitzes in der Porzellangasse 2, im 9. Wiener Gemeindebezirk ab 1898 Versuche und danach Serienbau von Automobilen, zunächst mit Elektroantrieb System Lohner-Porsche 1906: Ende des Automobilbaus. Lohner war somit die erste österreichische Automobilfabrik 1910 entstand das erste Lohner Motorflugzeug, auch damit war die Firma Lohner Pionier in Österreich; es folgten der Lohner Pfeilflieger und die Etrich Taube. 1925 übernahm Max Lohner die Firma ab 1927 wurden komplette Straßenbahngarnituren hergestellt ab 1949: Rollerbau (Modell L 98 bis L 150) und Mopedroller Sissy ab 1957 im neuen Werk in der Donaustadt 1970: erfolgte die Firmenschließung in Wien mit Übernahme der Straßenbahnfertigung durch die kanadische Firma Bombardier Heute existiert die Firma Lohner an der historischen Firmenadresse in der Porzellangasse 2 wieder mit der Produktion von Pedelec Fahrrädern und Elektrorollern, unter Leitung von Andreas Lohner aus der Gründerfamilie.

LOHNER Sissy Rock’n‘Roll mit 50 Kubik Das Moped in Österreich (und in ähnlicher Form auch in Deutschland) war eigentlich ein „Nachkriegskind“. Damals ging es darum, ein motorisiertes Fahrzeug zu schaffen, das möglichst billig in der Herstellung aber auch möglichst rationell im Gebrauch sein sollte. Die wesentlichen Impulse gingen im Nachkriegseuropa von allen Ländern aus, als beispielsweise in Deutschland, Holland, Frankreich oder Italien seit etwa 1950 eine eigenständige Mopedentwicklung einsetzte, die eindeutig vom Fahrrad mit Hilfsmotor wegging, hin zum „Kleinmotorrad“. In Österreich leitete die Firma HMW mit dem Fuchs-Motor diese Entwicklung ein, wo aus dem neben dem Hinterrad angebauten Hilfsmotor bald mit der „Foxinette“ ein Kleinstkraftrad entstand, welches den Motor beim Tretkurbellager hatte. Gegen Mitte der Fünfzigerjahre bestand ein reichhaltiges 12

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Angebot an österreichischen Mopeds, beispielsweise von den Firmen HMW, Puch, Junior, Glockner, Capo, Delta-Gnom usw., wobei jede Firma mehrere Modelle im Angebot hatte. Die Erscheinungsformen der Mopeds, welche als gesetzlich vorgeschriebene Baumerkmale die Tretkurbeln, den mit 50 cm³ limitierten Hubraum des Motors und die Bauartgeschwindigkeit von 40 km/h aufweisen mussten, waren jedoch bereits äußerst vielfältig geworden. So gab es eine Reihe von sogenannten „Sportmopeds“, die sich in der äußeren Form stark ans Motorrad mit bulligem Tank, fließender Tank-Sitzbank Kombination und sogar kleinen Cockpit-Verkleidungen anlehnten. Diese Fahrzeuge waren in erster Linie für die männliche Jugend gedacht, die aufgrund der Altersgrenze noch kein Motorrad lenken durfte oder sich finanziell noch kein Motorrad leisten konnte. Wesentlich praxisgerechter und damit weit verbreitet waren die Rollermopeds mit ausreichendem Schmutzschutz. Bei all diesen Fahrzeugen bestand immer der Wunsch des Publikums, auch zu zweit zu fahren. Dies war jedoch, trotz der Ausstattung mancher Mopeds mit Doppelsitzbank, gesetzlich verboten. Erst die Gesetzesänderung, welche eine Ausstattung des Fahrzeuges mit einem eigenen Tretkurbelpaar und einem festen Haltegriff auf der Sitzgelegenheit vorsah, erlaubte das Mitführen eines Soziuspassagiers. Dem geschäftsführenden Gesellschafter der Lohnerwerke, Herrn Dipl. Ing. Richard Lohner, gebührt das Verdienst, diese Ausschöpfung der Gesetzeslage, die er bei der Adaptierung des Mopeds eines seiner Arbeiter gesehen hatte, in die industrielle Fertigung umgesetzt zu haben. Die „Lohner Sissy“ war das erste österreichische Moped, welches von Haus aus für den Tandembetrieb ausgelegt worden war. Denn die Konkurrenzfabrikate KTM-Mecky oder HMW Supersport waren als Einpersonenmopeds konstruiert worden und erst nach entsprechenden konstruktiven Maßnahmen soziustauglich. Das von Oberingenieur Hladik konstruierte Sissy Moped erhielt seinen Namen nach jenen Filmen, welche das Schicksal der österreichischen Kaiserin Elisabeth, genannt „Sissy“, nachzeichneten.


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THEMATIK

Hladik ging bei diesem Moped völlig neue Wege bzw. kombinierte Bekanntes völlig neu. Er erreichte damit eine im Zweiradbau bis dahin unbekannte rationelle Bauweise mit extrem geringer Teilezahl und damit sehr kostengünstiger Lager- und Ersatzteilhaltung. Dennoch vermied er geschickt das Image des Primitivfahrzeuges durch eine ausgeklügelte Baukastenbauweise, die es dem Kunden erlaubte, sein Fahrzeug individuell mit relativ preisgünstigen Bauelementen bis zum vollwertigen Rollermoped auszustatten.

wechselbares Fahrzeug, für das keine Vorbilder existierten. Dazu kamen noch gute Fahreigenschaften mit brauchbarem Sitzkomfort für zwei „schmalgepickte“ Personen. Mit dem riesigen (Schein)Tank war es jahrelang "das" Moped vor allem des Ostösterreichers, aber es wurde auch exportiert. Heute gibt es jedoch kaum mehr Verkaufsunterlagen über Exporte, lediglich französische, arabische (!) und englische Prospekte weisen auf die Auslandsambitionen der Donaustädter Fabrik hin.

Dabei wurden sogar Farbelemente berücksichtigt, denn es stand dem Kunden frei, die vier Grundfarben des Mopeds – Hellgrau, Rot, Schwarz und Grün - miteinander zu kombinieren. Die Basis des Fahrzeuges bildete ein in Schalenbauweise zusammengeschweißtes Zentralrohr, welches in einer geraden Linie den Steuerkopf mit der Hinterrad- Schwingenlagerung verband.

Lohner hatte also mit dem neuen Sissy-Moped einen absoluten Verkaufsschlager in der Hand, der für die eher kaufkraftschwachen Österreicher der Rock’n‘Roll-Ära die Verwirklichung des Traums vom eigenen Motorfahrzeug in greifbare Nähe rückte. Doch nicht nur Jugendliche fuhren das Sissy-Moped sondern auch auffallend viele „Nicht-mehr-ganz Junge“ bevölkerten, meist zu zweit, das österreichische Straßenbild zu Ende der „Roaring Fifties“. Man sah die Filme von Elvis und tanzte nach den Melodien von Bill Haley, träumte vom Cadillac-Cabrio und fuhr auf der Sissy, hintendrauf die Freundin, ins Wochenende.

Die Radaufhängung war vorne und hinten identisch. Es handelte sich dabei um eine Schwingenaufhängung nach dem Prinzip der Earles Gabel (geschobene Langschwinge). Auch hier kam für die Tragarme die gepresste Schalenbauweise in Anwendung, als Besonderheit waren drei Anlenkpunkte für die Federbeine vorgesehen, welche damit je nach Belastung verstellt werden konnten. Auch die Räder waren völlig identisch, für das Hinterrad wurde lediglich ein Zahnkranz aufgeschraubt. Damit ergaben sich auch bauartgleiche Kotflügel für das Vorder- und Hinterrad. Unter dem Zentralrohrrahmen, nahe dem Schwingenlager, war der Motor aufgehängt. Es handelte sich dabei um den ersten Dreigangmotor für Mopeds mit Zwangsluftkühlung (Gebläse), der in Österreich gebaut wurde. Er wurde, ebenso wie die Rollermotoren, exklusiv für Lohner bei Rotax in Gunskirchen erzeugt und war eine Sachs-Lizenzfertigung. Besonderes Augenmerk wurde der Gepäckunterbringung gewidmet. So gab es neben dem Gepäcktank und dem hinteren Gepäckträger auch noch die Möglichkeit, eine Tasche im vorderen Fußraum unterzubringen und auch die als Zubehörteil erhältliche Bughaube nahm Gepäck, sogar witterungsgeschützt, auf. Das Baukastensystem bestand im Wesentlichen aus dem Gepäckstank, der optisch an der Stelle war, wo man einen Benzintank erwartete. Der Benzintank war als Auflager für die Sitzbank konzipiert; diese musste zum Tanken hochgeklappt werden. Weiters gab es die Trittbrettschürze, die Tandemausrüstung mit einem Tretkurbelpaar und Sozius-Haltegriff, sowie die bereits erwähnte Bughaube aus Kunststoff. Die Summe dieser technischen Merkmale ergab ein eigenständiges, unver-

Dieses Konzept musste ein wirtschaftlicher Erfolg werden. Insgesamt über fünfunddreißigtausend Mal wurde das Lohner Sissy-Moped in drei Jahren verkauft, ehe es 1960 von einem neuen Modell abgelöst wurde und damit in der Kraftfahrhistorie die Bezeichnung „Sissy I“ erhielt. Aber alle seine Nachfolger, die vor allem aus optischen Gründen gebaut wurden, um sich besser an den „Publikumsgeschmack“ anzupassen, waren vergleichsweise Verkaufsflops. Als man im Jahr 1962 mit dem letzten Modell „Sissy S“ wieder zur unverwechselbaren Urform zurückkehrte, war die Zeit dieser Art von Mopeds bereits vorbei.

Friedrich Ehn Das „Erste Österreichische Motorradmuseum“ des Autors liegt in Niederösterreich bei Horn und ist mit acht Ausstellungssälen und über 300 Motorrädern und artverwandten Fahrzeugen von der Rennmaschine bis zum Moped sowie historischen Fahrrädern nicht nur das erste Museum dieser Art, sondern auch das älteste in Österreich. Es beherbergt die wichtigsten in Österreich produzierten Fahrzeuge von Puch über HMW, KTM bis Lohner und Exoten wie Austro Motorette, Bostik oder DSH. Dazu kommen internationale Modelle von AJS bis Zündapp. Sonderschauen 2019: Motormaiden: 1. Die erste Rollerfahrerin Österreichs – Christiane Lohner. 2. Speedway- und Bahnsport Adresse: A-3751 Sigmundsherberg, Kleinmeiseldorfer Straße 8 Kontakt: Tel.: 0664 64 93 855, Home: www.motorradmuseum.at E-Mail: motorradmuseum@gmx.at Öffnungszeiten: 15. März – 15. November: Samstag, Sonnund Feiertag von 10 – 17 Uhr Winter: gegen Voranmeldung


ALBUM

Der Fiat aus Floridsdorf 1907 gründeten die italienischen Fiat-Werke eine Niederlassung Wien-Floridsdorf. Austro Fiat erzeugte Fahrzeuge für Fiat, später auch eigene Personen- und Lastkraftwagen. Der Austro Fiat Typ 1C, ein Zweisitzer aus dem Jahr 1913, war eines der dort produzierten Fahrzeuge. Mit seinem Vierzylinder-Blockmotor mit 2,2 Liter Hubraum und 24 PS schaffte er eine Höchstgeschwindigkeit von rund 70 km/h. Eine Besonderheit bei diesem Modell war der relativ geräuscharme Motor, der in ein mit einem Aluminiumdeckel verschlossenes Gehäuse eingebaut war. Ein speziell konstruiertes elastisches Kardangelenk ermöglichte ein sanftes Anfahren und Lenken des Wagens. Austro Fiat wurde noch vor dem Zweiten Weltkrieg zur Österreichischen Automobil-Fabriks-Aktiengesellschaft, besser bekannt als ÖAF. Die Ein anderer Oldtimer von Austro Fiat aus Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (MAN) wurde Mehrheits- dem Jahr 1923 eigentümerin. Nach der Besatzungszeit wurde die ÖAF verstaatlicht. Ab 1970 wurde sie wieder privatisiert, das Unternehmen fusionierte mit Gräf & Stift und wurde zu ÖAF Gräf & Stift. Seitdem gehört es zur deutschen MAN-Nutzfahrzeuge-Gruppe, die am Standort Steyr Lkw, Schwer- und Sonderfahrzeuge herstellt.

Die „Sissy“ für zwei Die Lohner Sissy war das erste österreichische Moped, das von Haus aus für zwei Personen ausgelegt war. Damit war es in der Nachkriegszeit ein begehrtes und innovatives Fahrzeug.

Dass die Sissy führerscheinfrei zu fahren war, war ein weiterer Vorteil – somit durfte man schon mit 16 Jahren auf einem motorisierten Zweirad mit 50 Kubikzentimetern herumkurven. Auch Frauen waren als Fahrerinnen der Sissy umworben, die leichte Bedienbarkeit und der Komfort wurden besonders hervorgehoben. Der Gepäcktank vor dem Sitz konnte leicht abgenommen und als Köfferchen mitgenommen werden, und die optionale Bughaube aus Kunststoff enthielt ein weiteres kleines Fach als Stauraum. Die Geschichte der Lohnerwerke geht auf das Jahr 1823 zurück, als der Kutschenbauer Heinrich Lohner ein Unternehmen in Wien gründete. Sein Enkel Ludwig Lohner baute 1899 gemeinsam mit Ferdinand Porsche das erste Hybrid-Automobil der Welt, den Lohner-Porsche. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Erfolgszeit der Mopeds und Roller wie z. B. der L 98 und L 125 Motorroller und der Sissy, die 1957 herauskam. Das Unternehmen wurde schließlich von Bombardier übernommen. 2010 neu gegründet, erzeugen die Lohnerwerke heute E-Bikes und Elektroroller.

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DIE BRIEFMARKE 1|2019

© Lohnerwerke

Ausgabetag: 31.01.2019

Werbung für die Sissy, 1959

© Buch-t / CC BY-SA 3.0

Ausgabetag: 30.01.2019

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Die Briefmarke 01/2019  

Österreichische Fachzeitschrift für Post und Philatelie. Info und Zeitschriftenbezug: Verband Österreichischer Philatelistenvereine +43(1)58...

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